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Das Alphabet der letzten Dinge

Über den Autor

James Hannah lebt mit seiner Familie in Shropshire, UK. Er hat an der Reading University studiert und veröffentlichte bereits einige Kurzgeschichten. Das Alphabet der letzten Dinge ist sein erster Roman.

www.jameshannah.com

Twitter @JamesHannah

James Hannah

Das Alphabet der letzten Dinge

Roman

Übersetzung aus dem Englischen
von Eva Bonné

BASTEI ENTERTAINMENT

Ich weiß genau, was du jetzt zu mir sagen würdest.

Du würdest sagen, dass ich es versuchen soll.

Einen Versuch versuchen.

Aber ich möchte aufgeben. Ich möchte einfach nur hier liegen, in diesem Bett, in diesem Zimmer, wo es nichts zu sehen gibt als die Wand, das Fenster, den Magnolienbaum dahinter.

Ein kleines Rotkehlchen hüpft von Ast zu Ast. Mehr brauche ich nicht. Schwupps, weg ist es. Es wird zurückkommen.

Also. Dieselben alten Gedanken stellen sich wieder ein. Nie lassen sie mich in Ruhe. Wie kann ich sie unterdrücken? Durch Gedanken an dich? Wenn ich hier liegen und an dich denken könnte, ich würde es sofort tun.

Nein, nein. Lieber nicht.

Sheila versteht mich. Sie weiß, ich habe ein Problem. Aber was soll sie sagen? Dieselben alten Ideen. Blödes Hirntraining, wie das Alphabet-Spiel.

Für die älteren Patienten mag es das Richtige sein, die lassen sich sogar mit Brettspielen ablenken. Aber ich will das nicht. Ich bin erst vierzig. Mein Verstand ist hellwach. Ich muss ihn irgendwie betäuben.

Ich will doch nur, dass der Gedankenstrudel aufhört. Die Gedankengischt. Das alles soll aufhören.

Du musst es versuchen. Denk an die Zukunft.

Nichts lässt du mir durchgehen, gar nichts.

Das kannst du besser.

A

Adamsapfel

Adamsapfel steht für Reverend Cecil Alexander.

Adamsapfel steht für Kirchenbesuch, und danach gehe ich die Treppe hinunter, immer hinter Mum her. Jeden Sonntag nach dem Gottesdienst reihen wir uns in die Warteschlange ein, um Reverend Alexander Dankeschön und Auf Wiedersehen und Bis nächsten Sonntag zu sagen. Ich bin ein Kind. Kurze Hose, kurze Beine. Ehrlich gesagt fürchte ich mich vor seinem riesigen Adamsapfel. Einen größeren habe ich nie gesehen. Er hüpft und springt und sieht aus wie ein dritter Ellenbogen, der versucht, sich von innen durch die Halshaut zu bohren. Allein vom Anblick wird mir schlecht. Ich frage mich, warum der Mann nicht erstickt. Was, wenn er versehentlich dagegenstößt?

Ich weiß, es gehört sich nicht, so etwas anzusprechen, aber du kennst mich ja.

»Was haben Sie da im Hals?«

Die Antwort auf so eine Frage müsste ein Pfarrer doch locker aus dem Ärmel schütteln.

Wenn es einen Gott gibt, warum erlaubt er dann, dass Kinder verhungern?

Sie haben wohl das Hemd falsch herum an?

Und wie war das mit den Dinosauriern? Erklären Sie mir das. Tja, können Sie nicht, was?

Frank hat gesagt, Sie haben gesagt, er darf nächste Woche die Blumen gießen, aber letzte Woche haben Sie zu mir gesagt, ich dürfte die Blumen gießen. Haben Sie das zu Frank gesagt?

»Was haben Sie da im Hals?«

Wahrscheinlich hat er die Frage schon oft gehört. Meine Mutter japst, fängt peinlich berührt zu kichern an und legt mir eine Zensorenhand über den Mund, doch seine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen.

»Ach, das ist nur ein Apfelstück.«

Ich runzle die Stirn. »Warum schlucken Sie es nicht runter?«

Er ist unheimlich schlagfertig. Gehört wohl zum Job.

»Ich kann nicht. Kannst du dich an die Geschichte vom Garten Eden erinnern? Tja, es steckt fest, zur Erinnerung an Adam, der von dem verbotenen Apfel aß, den Eva ihm gegeben hat. Zur Strafe ist ihm ein Bissen im Hals stecken geblieben, verstehst du?«

»Mein Dad hat auch so einen.«

»Ja, natürlich, alle Männer haben einen.«

»Ich nicht.«

»Oh, nein. Noch nicht.« Er lächelt mich so zufrieden an wie ein hoffnungslos überlegener Schachspieler, der seinen Gegner mattgesetzt hat.

Seither mag ich Adamsäpfel sehr. Ich war mit der Erklärung absolut zufrieden. Sie hat mir nicht einmal den Appetit auf Äpfel verdorben. Doch erst Jahre später habe ich verstanden, was dem Pfarrer bei unserem Gespräch alles durch den Kopf gegangen sein musste.

»Oh, nein. Noch nicht.«

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»Morgen Ivo!«

Das war Jef. Jef, der Chef.

»Was hättest du denn heute gern zum Frühstück?«

Jef mit einem f. Sicher hat er schon als Schulkind nur ein einziges Berufsziel gehabt. Allerdings wird er hier Diätassistent genannt.

»Ein paar Eier vielleicht? Rührei? Mit etwas Toast?«, fragt er.

Er trägt sogar eine schwarz-weiß karierte Hose. Aus Arbeitsschutzgründen? Damit er sie schneller wiederfindet, falls sie mal in die Suppe fällt?

»Das Porridge gestern hast du nicht angerührt. Ich vermute mal, dass du auch heute kein Porridge möchtest?«, fragt er mich.

Er versteckt sich halb hinter seinem Klemmbrett und bleibt respektvoll auf der Schwelle stehen. Halb drin, halb draußen. Er sollte einen Schreibblock mit schwarzer Lederhülle benutzen, wie ein richtiger Kellner.

Nie hatte ich weniger Hunger. Ich bin nicht satt, ich bin einfach nur …

»Hallo, Jef!«

Sheila.

»Oh, Sheila, du bist noch hier?«

»Ja, ich habe noch eineinhalb Stunden. Hast du eben angefangen?«

»Vor zwanzig Minuten. Wollte die Frühstücksbestellungen aufnehmen, bevor die Handwerker kommen. Weißt du, warum?«

»Keine große Sache, oder?«

»Weiß ich nicht.«

»Ich glaube, die sehen sich nur die Außenleuchten an. Von außen kommen sie da angeblich nicht ran. Brennt das Licht immer noch?«

Jef bückt sich und wirft einen Blick aus dem Fenster. »Nein«, sagt er, »ist aus.«

»Meine Güte, ist das nicht immer so? Bis die Handwerker kommen, hat sich das Problem von selbst erledigt.«

»Der berühmte Vorführeffekt.«

Sheila sieht auf mich hinunter. »Wie kannst du nachts schlafen, bei dem Flutlicht da draußen?«

Ich zucke gedanklich mit den Schultern, weiß aber nicht, ob der Impuls in meinen Gliedern ankommt.

»Wahrscheinlich liegt es an den Igeln, die laufen nachts über den Rasen«, sagt Jef. »Der Bewegungsmelder ist wirklich überempfindlich.«

»Na, dann sind wir ja immerhin vor den Igeln sicher. Das ist doch dreitausend Pfund an Steuergeldern wert!«

»Drei Riesen? Ts!« Jef klopft mit dem Kugelschreiber auf sein Klemmbrett.

»Musst du nicht langsam mal weiter?«

»Tja, würde ich ja gern, aber wir können uns mal wieder nicht entscheiden.« Er sieht mich an. »Rührei? Toast? Ich koche dir Porridge, wenn du magst. Was immer du willst. Schieß los.«

Ich will nichts. Ich schüttele den Kopf.

»Nicht?«

»Ich sag dir was«, Sheila spricht mit mir, »wie wäre es, wenn wir einfach etwas bestellen, und dann überlegst du es dir, wenn es da ist. Mir wäre lieber, du würdest etwas frühstücken, und wenn es nur ein paar Happen sind. Wie wäre es mit etwas ganz Weichem, Rührei zum Beispiel?«

Ich kann nicht antworten. Ich möchte nichts.

»Okay? Rührei?« Jef strahlt mich an.

»Wie wär das?«, fragt Sheila. »Oder ein pochiertes Ei oder Spiegelei.«

»Spiegeleier gibt es bei mir nicht«, sagt Jef.

»Ach ja. Tja, dann eben Rührei. Oder ein pochiertes?«

Ich kann nicht antworten.

»Ich möchte, dass du etwas isst. Das gibt Energie, außerdem hebt es ja vielleicht deine Laune. Okay?«

Na und.

Sie warten.

»Pochiert.«

»Pochiert?«

Ich nicke.

»Also dann. Ein pochiertes Ei.« Jef schreibt es sich auf. Er hackt einen übereifrigen Punkt auf das Papier und seufzt. »War ja klar, dass du dir immer das Komplizierteste aussuchst!«

Er hat Humor. Er verschwindet aus dem Türrahmen, seine Schritte werden immer leiser und zum Schluss von der breiten Doppelschwingtür verschluckt.

Er hätte ganz einfach sagen können: Geht doch! Darüber hätte ich mich geärgert.

Sheila bleibt, sie betrachtet die Lücke im Türrahmen, die Jef hinterlassen hat. Sie kommt zu sich, blinzelt, zieht die Bettdecke glatt, wirft mir einen Blick zu und lächelt, nur mit den Augen.

Ich mag Sheila. Alle mögen Sheila. Sie hat so eine Art, immer gut gelaunt und fröhlich. Dabei mag ich sie am liebsten, wenn sie streng ist. Sie kann ganz schön direkt sein, sie schont die Patienten nicht. Fast ein bisschen boshaft, würde ich sagen. Außerdem könnte man meinen, ihr Tag hätte sechsundzwanzig Stunden. Sie scheint niemals in Eile zu sein, wenn sie mit mir oder Jef oder Schwester Jackie spricht. Was mir aufgefallen ist: Die Leute fangen an zu strahlen, wenn sie Sheila sehen.

Sie überzeugt sich davon, dass mein Wasser frisch ist, stellt mit allen Gegenständen vollen und festen Kontakt her, legt eine Hand flach an die geriffelte Hülle der Kanne, die andere auf den weißen Plastikdeckel. Ihre dicken Goldringe klimpern, wie zur Bestätigung, dass alles in Ordnung ist.

Als sie an diesem Morgen die Kontrollrunde durch mein Zimmer dreht, wirkt sie nachdenklicher als sonst, das merke ich sofort. Anscheinend möchte sie noch nicht gehen. Beobachtet sie mich? Sie glaubt wohl, irgendetwas wäre nicht in Ordnung.

Ich lasse mich nicht darauf ein. Ich halte den Blick starr an die Wand gerichtet. Ich könnte mir die Magnolie ansehen, das Rotkehlchen ist zurück. Aber ich werde die Wand anstarren. Diese Wand hat schon alles gesehen. Ich starre die Wand nieder. Sie starrt zurück.

Die Wand gewinnt.

Wie fast immer.

Sheila ist jetzt bei den sauberen Handtüchern, sie legt sich eins an den Körper, lässt die obere Hälfte hinunterfallen und schlägt es dann auf ein Viertel seiner ursprünglichen Größe ein. Zuletzt streicht sie noch einmal darüber, nur zur Sicherheit, und schiebt es in das unterste Fach meines Nachtschränkchens.

Ich frage mich, wann das Hospiz eröffnet wurde. Sieht mir nach den Neunzigerjahren aus, wegen der präzise vermauerten Ziegel und der vielen spitzen Winkel. Die Ziegelsteine sehen nicht aus wie richtige Steine, eher wie gehärteter Haferschleim, und jede Reihe ist von exakt derselben Farbe, als hätte ein Computer sie gelegt, kein Maurer. Gehalten wird das Ganze von freundlich geschwungenen grünen Stahlträgern, die aussehen wie aus Plastik.

Dann schaut diese Wand den Menschen also seit einem guten Vierteljahrhundert beim Sterben zu. Ein Vierteljahrhundert der Hysterie und der Tränen, der Schmerzen und des Elends.

Ich sollte nicht hier sein.

Ich will hier nicht sein.

Ich bin seit fast einer Woche hier, und nichts passiert. Mir geht es weder besser noch schlechter. Sind die anderen jetzt enttäuscht? Wo es doch so mühsam war, den Platz überhaupt zu bekommen.

Wie war das noch? Dr. Sood hat gesagt, meine Symptome würden beobachtet, und falls sich mein Zustand verbessere, dürfe ich vielleicht sogar wieder nach Hause. Aber das hat nicht viel zu bedeuten, oder? Selbst wenn ich in einem Sarg läge, auf dem Fließband zum Ofen, könnte der alte Dr. Sood noch sagen: Wir lassen Sie gehen, sobald Ihr Zustand sich verbessert.

Ich bin nicht krank genug für diesen Ort. Ich finde es nicht richtig, dass die Mitarbeiter ihre Zeit mit mir verplempern, anstatt sich um die anderen, wirklich kranken Patienten zu kümmern. Ich vergeude die Spendengelder von alten Schachteln und trauernden Hinterbliebenen.

»Liegst du bequem?«, fragt Sheila, die endlich mit Aufräumen fertig ist.

Ich nicke automatisch.

»Tja, lass es mich wissen, falls du irgendwas brauchst, ja? Oder ruf Jackie, ihre Schicht fängt gleich an.«

»Hm.«

»Alles in Ordnung?«

»Hm.«

Sie prüft mich mit Blicken.

Ihre kohlschwarzen Augen sind so wach und durchdringend, wie die meiner Mum es waren, nur dass Sheila viel mehr Lachfältchen hat.

»Möchtest du fernsehen?«

»Nein, danke.«

»Sicher? Wirst du dich nicht langweilen?«

Ich setze ein Lächeln auf. »Ich sehe mir die Wand an.«

»Ach wirklich? Und die Wand guckt zurück?«

Ich nicke. »Die kennt uns alle.«

»Jede Wette, die hätte die eine oder andere interessante Geschichte zu erzählen.«

»Hm.«

»Dabei machen sich die meisten Leute eine falsche Vorstellung von dieser Wand. Weißt du, sie hat viel Liebe gesehen und Lachen gehört.« Sie lächelt mich an. »Wie läuft es da oben?« Sie tippt sich an die Stirn. »Versuchst du, nicht durchzudrehen? Weißt du, ich mache mir Sorgen um dich. Ich will nicht, dass du mir hier verrückt wirst, okay?«

»Ich werde nicht verrückt.«

»Was macht das Spiel?«

»Welches Spiel?«

Ich weiß natürlich, welches Spiel sie meint. Ich tue einfach nur so, als hätte ich keinen blassen Schimmer.

»Erinnerst du dich nicht an das Spiel, von dem ich dir neulich erzählt habe? Von A bis Z? Um die grauen Zellen in Schwung zu halten. Du denkst an irgendein Körperteil, okay? Ein Körperteil für jeden Buchstaben des Alphabets …«

Ich nicke – ja, ja – und tue so, als wäre es mir gerade wieder eingefallen.

»… und dann …«

Ja, ja.

»… erzählst du dir eine Geschichte zu jedem einzelnen Körperteil.«

»Habe ich schon. Ehrlich gesagt habe ich gerade heute damit angefangen.«

»Ach, wirklich? Siehst du, das ist auch eine Möglichkeit, sich Mühe zu geben, nicht wahr? Wie weit bist du gekommen?«

»A.«

Sie lacht. »Tja, lass dir Zeit.«

»Adamsapfel.«

»Oh, das ist toll! Adamsapfel, das haben ein paar andere vor dir auch schon gesagt, wenn ich ihnen das Spiel vorgeschlagen habe.«

»Haben Frauen einen Adamsapfel?«

»Ja. Ja, ich glaube schon.«

»Ich dachte, sie hätten keinen.«

»Der Kehlkopf, richtig? Dieses Ding guckt bei Frauen nicht so weit vor, weil es kleiner ist als bei den Männern. Deswegen haben sie auch höhere Stimmen.«

»Wirklich?«

»Ja.« Nachdenklich hebt sie das Kinn und legt sich einen Finger an den Hals. »Kehlkopf. Wie dem auch sei, du bist keine Frau, also sei nicht so wählerisch.«

»Als ich klein war, hat der Pfarrer mir erklärt, es handele sich um ein Apfelstück in Adams Hals. Der Adam von Adam und Eva.«

»Weißt du, so habe ich das noch nie betrachtet, aber eigentlich ergibt es Sinn, oder? Lustig. Tja, da hättest du gleich deine erste Geschichte. Wir sollten alle Geschichten über Adamsäpfel sammeln. Wir könnten sie im Aufenthaltsraum an die Wand hängen.«

»Und wenn mir zu einem Buchstaben nichts einfällt?«

»Tja, in dem Fall muss man sich eben die Denkkappe aufsetzen, was? Da muss man einfallsreich sein.«

Prompt fällt mir etwas ein. Ich sehe meine Schwester Laura vor mir, ja, sie ist es. Sie verarscht mich, nur um vor ihrer neuen besten Freundin Becca gut dazustehen.

Er weiß nicht, was eine Pussy ist? Oh mein Gott …

Becca schiebt die Zungenspitze zwischen ihre makellos weißen Zähne, ihr Kichern klingt wie ein Zischen, sie beugt sich zu meiner Schwester hinüber, um sich gegen mich zu verbünden.

Dummerweise kommen wir nicht mit allen Informationen auf die Welt, die wir im Laufe unseres Lebens gebrauchen könnten.

Beccas zischelndes Kichern verfolgt mich seit Jahren.

Ich bin’s, die Prinzessin Pussy!

Nein. Es reicht. Weg damit.

Ich sehe Sheila an.

»Und wenn am Ende ein versautes Alphabet rauskommt?«, frage ich.

»Na ja, es braucht schon Regeln. Man sollte den korrekten Namen der Körperteile benutzen, so ungefähr. Kein Slang. Keine Kraftausdrücke.«

»Aber das Wort Kehlkopf kommt in meiner Adamsapfelgeschichte nicht vor.«

»Das stimmt«, sagt Sheila nachdenklich. »Was soll’s. Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden. Es ist nur ein Spiel.«

After

After, schreibe ich.

Ich rücke das Arbeitsblatt zurecht, das der Lehrer eben ausgeteilt hat, und klemme mir den Füller zwischen die Finger. Ein dicker schwarzer Tintentropfen gerät auf meinen Zeigefinger, verteilt sich in den winzigen Rissen der Nagelhaut. Ich wische mir die Hand an der Hose ab.

Schwarze Hose, schwarze Tinte, kein Problem.

Auf dem Arbeitsblatt sind zwei menschliche Umrisse zu erkennen, gerade Linien verweisen auf die verschiedenen Körperteile.

»Ihr habt zehn Minuten«, sagt Mr. Miller, schiebt seine hagere Gestalt auf den hohen Hocker, der im Laborraum vor der Tafel steht, und winkelt die Beine an.

Die Falten seiner grünbraunen Hose sehen jetzt wie Schnurrhaare aus.

»Und bitte verwendet die korrekten Bezeichnungen.«

Ich ziehe eine Verbindungslinie von dem Wort Anus zur betreffenden Stelle der Männersilhouette. Ich weiß nicht, warum ich das tue. Ich kann es nicht ungeschehen machen, die Tinte ist schwarz. Doch in meinem Bauch breitet sich das einzigartige, leicht beängstigende Gefühl von Freiheit aus. Vielleicht ist der Moment gekommen zu sagen: Mr. Miller, Sie, ich und Biologie, das soll nicht sein. Wollen wir es nicht einfach gut sein lassen?

Kelvin und der Neue sehen, was ich geschrieben habe. Kelvin lacht, stumm und herzhaft. Der Neue lacht nicht. Doch er scheint belustigt, ohne dass seine Lippen sich verziehen, vielleicht liegt es an den Augenbrauen? Er betrachtet mich kühl und distanziert.

Brüste, füge ich hinzu und unterstreiche schnell noch das A und das B, bevor mir aus derselben Quelle C, D und E entgegensprudeln. Cunnilingus, Dödel, Eier. Das stumme Kichern setzt unsere Körper unter Spannung.

Fallus, hält Kelvin dagegen und zieht eine Linie zum Mann.

»Fängt der nicht mit Ph an?«

»Meiner nicht.«

Glocken.

Harnröhre.

Inzest.

Ich runzle die Stirn. »Inzest ist kein Körperteil«, raune ich.

»Cunnilingus auch nicht. Beim Inzest kommen kranke Kinder raus. Das ist genetisch.« Er malt eine neue Linie, die zur Taille des Mannes führt, und sicherheitshalber noch eine zur Frau. »Die sind Geschwister.«

Ich werfe einen Blick zum Neuen hinüber, er zieht die Augenbrauen hoch. Er ist noch nicht ganz überzeugt. Wir machen weiter.

Joystick.

Kronjuwelen.

Lippen.

Mumu.

Nippel.

Oschis.

Vom stummen Lachen wird mir schwindlig. So hemmungslos albern kann man nur im überheizten Laborraum sein, am Ende eines langen Schultages.

Pimmel.

Quarktaschen.

Rosette.

Sack.

Titten.

Uterus.

Vagina.

Willi.

Kelvin brütet über der vollgekritzelten Grafik, ihm fällt nichts für X ein.

Unterdessen schreibe ich Yoni und Zapfhahn und verbinde die Wörter schwungvoll mit den Körpern.

Unvermittelt greift der Neue, immer noch kühl und distanziert, zu seinem Füller, zieht die Kappe ab und schreibt ein Wort: X-Chromosom. Er malt eine Linie zum Bauch. Ich schaue ihn an, er schaut mich an, ich verstehe nicht. Dann lächelt er, ich lächle zurück und drehe mich wieder zu Kelvin um. Kelvin versteht auch nicht.

»Dann sammle ich das jetzt ein, danke.«

Das Arbeitsblatt wird mir unter dem Füller weggezogen, Mr. Miller bleibt vor dem Tisch des Neuen stehen.

»Malachy, wie ich sehe, war es ein Fehler, dich neben die beiden zu setzen. Ihr bleibt nach der Stunde bitte noch da, alle drei.«

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»Ich frage mich wirklich, wie Jef die pochierten Eier immer so perfekt hinbekommt«, sagt Sheila. »Wenn ich es zu Hause versuche, sehen sie irgendwie entstellt aus.«

»Entstellte Eier«, sage ich mit einem müden Lächeln.

Es ist nicht ironisch gemeint, ich spreche nur aus, was mein Gehirn denkt. Aber wahrscheinlich ist es lustig.

»Ha! Entstellte Eier! Könnte meine Spezialität werden, was?«

Ach, ich weiß nicht, ich will nichts essen. Eigentlich will ich es ihnen nicht so schwer machen, aber ich fühle mich wie innerlich versteinert.

Sheila hockt auf dem Besuchersessel und hat sich die Hände zwischen die Knie geschoben.

»Ich glaube, es wäre gut, wenn du es wenigstens mal probieren würdest. Nur einen Bissen. Wenn du nichts isst, wird es dir noch schlechter gehen. Ich kann verstehen, dass du keinen Appetit hast, ehrlich. Aber glaub mir, ich bin seit acht Jahren in diesem Haus unterwegs, und ich sage dir was: Es hilft immer. Zu essen hilft immer. Das bringt einen durch den Tag.«

Ich sollte. Das weiß ich selbst.

»Soll ich ihn zwingen, dir ein Spiegelei zu braten? Im Ernst, ich mache das. Und wenn er Nein sagt, brate ich es dir selbst.«

Die liebe Sheila, sie versucht, mich zum Lachen zu bringen.

Oder zu dem, was derzeit als Lachen durchgeht, ein Pfeifen und Husten.

»Oder ich setze mich aufs Bett, und wir spielen Brumm-Brumm-Laster, wenn du möchtest«, sagt sie, löst die Hände voneinander und tastet geistesabwesend nach der kleinen Taschenuhr, die ihr an einer Kette um den Hals hängt, kopfüber.

Ich spüre, dass ich ihr entgegenkomme wie ein Boot, das von der Flut an den Strand gespült wird, der Bug hebt sich mit der Welle, scharrt über den nassen Sand und bleibt stecken, scharrt und bleibt stecken.

Dich brauche ich jetzt.

Wenn ich es richtig anstelle, kann ich dich sehen, du bist begeistert und rufst: Klar, du schaffst das!

Ich schaffe das.

Natürlich schaffst du das!

Natürlich. Wenn ich mich bloß … wenn ich mich bloß richtig an dich erinnern könnte … Ich sehe dein Gesicht, wie du es verzogen hast, wenn du fest entschlossen warst.

Es wird passieren.

Da ist es, ich liebe es. Ich liebe diese Kopie von dir, hier in meinem Kopf.

Es wird passieren.

Es fühlt sich an, als wärst du hier. Ich höre deine Stimme, sie will mich beruhigen. Ich kann sie tatsächlich hören, als Geräusch. Oder als eine Geräuscherinnerung. Sie ist in meinem Kopf. Ich lasse mich überreden.

Wie nennt man das, wenn man eine Stimme hört, ohne dass sie durch die Ohren hereinkommt? Ich kann dich nicht hören, aber hieren. Ich H – I – E – R – e dich. Du erleuchtest mein graues Gehirn. Erleuchte mich. Sei der Zündfunke meines Lebens.

Wenn du jetzt etwas isst, wirst du dir später dafür dankbar sein.

Ich hebe meine schwere Hand und strecke sie nach der Gabel aus.

Ich weiß, ich weiß, ich muss versuchen zu essen.

Kauen, kauen. Kauen und kauen und auf dich vertrauen.

Allerwertester

Zählen auch Geschichten, in denen es um den Allerwertesten einer anderen Person geht, nicht um meinen?

Ich kenne die beste Arschgeschichte aller Zeiten, aber leider gehört sie meiner Schwester Laura. Mit ihrem Hintern ging Laura in die Familiengeschichte ein. Ich kann nicht glauben, wie genial die Geschichte ist, und genauso wenig kann ich glauben, wie niederträchtig ich damals war.

Wie alt war ich? Zwölf? Dann wäre Laura siebzehn gewesen. Ich glaube, ich sagte ihr – wirklich? –, ja, ich sagte ihr, ihr damaliger Freund – wie hieß er noch? –, ihr Freund hätte behauptet, ihr Hintern wäre zu dick.

Das hat er nie gesagt, nicht einmal angedeutet. Wie bin ich nur auf einen so grausamen Gedanken gekommen? Damals fühlte es sich aber nicht grausam an, es sollte ein Witz sein.

Ihr Freund schaffte es jedoch, sie von seiner Unschuld zu überzeugen, denn später an dem Tag stürzte sie sich auf mich, sie kochte vor Wut und nannte mich einen kleinen Wichser.

Mum ergriff Partei für mich, wie üblich. Sie sagte zu Laura, so etwas hätte ich bestimmt niemals gesagt, nicht absichtlich, es müsse sich um ein Missverständnis handeln. Und dann sagte sie – die arme Laura! –, meine Mum sagte: »Aber es würde mich gar nicht wundern, wenn tatsächlich irgendwer deinen üppigen Hintern kommentiert, wenn du in so kurzen Shorts durch die Gegend läufst.«

Laura rannte weinend in ihr Zimmer hinauf. Und die Ironie, die wunderbare Ironie war, dass sie sich zum Schmollen mit solch bleierner Wucht auf ihr Bett fallen ließ, dass sie sich den Knöchel brach, zwischen Arsch und Bettkante.

Ich denke oft daran, wie vollkommen gedemütigt sie sich an dem Tag gefühlt haben muss. Auf dem Hintern kam sie die schmale Treppe unseres Reihenhäuschens heruntergerutscht und heulte, sie müsse sofort ins Krankenhaus.

Kein Wunder, dass sie zu der wurde, die sie heute ist.

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»Lass mich das machen.« Sheila nimmt mir den verwaisten Teller ab.

Ich habe ein paar Bissen geschafft.

»So, das hast du doch prima gemacht, findest du nicht? Wie geht es dir jetzt? Hast du überhaupt gelegen?«

Ich schüttele den Kopf.

»Weil du dann husten musst, richtig? Hast du die ganze Nacht gesessen?«

Angedeutetes Nicken.

Den Kopf schütteln heißt Nein. Nicken heißt Ja. Warum eigentlich? Ich werde es mir merken, für das K in meinem Alphabet-Spiel.

»Das ist ein Problem, oder? Du frierst und möchtest dich kurz ausruhen, aber sobald du dich hinlegst, läuft deine Lunge voll. Das ist ziemlich gemein, nicht wahr?« Sie beugt sich interessiert vor, verlagert das Gewicht auf ein Bein, als wäre sie fasziniert von meinem Problem.

»Es geht schon«, sage ich.

Umsichtig schiebt Sheila Messer und Gabel in die Tellermitte. Sie überlegt.

»Auf jeden Fall solltest du mich rufen, wenn du eine Decke oder etwas anderes brauchst. Oder ein schönes Heißgetränk. Obwohl ich glaube, dass wir schon wieder keine Becher mehr haben.« Sie dämpft ihre Stimme. »Ich verstehe nicht, warum die Leute das Schild ignorieren und die Becher nicht in die Teeküche zurückbringen. Das Schild hängt direkt neben der Kaffeemaschine. Ist doch nicht zu viel verlangt, oder?«

Sie nimmt den Teller mit und stellt ihn im Flur auf einem Rollwagen ab, dann kommt sie noch mal zurück in mein Zimmer.

»Ich meine, es macht mir wirklich nichts aus, einen benutzten Becher zu spülen, aber ich habe nicht die Zeit, alle zwanzig Minuten durch die Zimmer zu laufen und Geschirr einzusammeln. Hast du die Mittagessenskarte schon ausgefüllt?«

»Nein. Ob er mir eine Hühnerbrühe macht? Meine Mum hat früher immer Hühnerbrühe für mich gekocht, wenn ich krank war.«

Sie lächelt ihr inniges Lächeln.

Sie versteht und geht hinaus, um sich zu erkundigen.

Nicht aufgeben. Selbstgenügsam sein. Ich schaffe das.

Was denn?

Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. An die Wand. Auf die Bettdecke. Auf meine Arme.

Mein Gott, wie sie da auf der Decke liegen. Wie die riesigen Vorderläufe eines lahmen Pferds. Was sind Arme? Die Verbindung zwischen Schulter und Hand. Zwischen Hals und Hand. Zwischen Herz und Hand. Ja, was sonst? Es sind eben Arme.

Sieh sie dir an. Die Superschnellstraße des Körpers. Sie sind Geschichte. Eine hoffnungslos veraltete Landkarte aus Beulen und Kratern, gezeichnet von unzähligen Versuchen, mich kurzfristig zum Leben zu erwecken. Es sind die Arme eines anderen. Die Arme eines alten Mannes, nicht die eines Vierzigjährigen. Lila und gelb, braun und zerschrammt. Jede einzelne Vene vielfach durchlöchert, jeder Zugangspunkt blockiert. Knotige, vernarbte Fisteln, da ist kein Durchkommen mehr. Mein Inneres ist für immer von der Außenwelt abgeschnitten.

Sie sind taub und kalt, meine Arme. Kalte Arme sind der Preis, den ich zahlen muss. Unter der Decke ertrage ich sie nicht. Es ist, als wären sie jetzt schon tot.

Arme

Mit zittrigen Fingern schüttele ich die Spritze, die Luftblase löst sich vom Kolben und steigt missmutig in der Flüssigkeit aufwärts, immer auf die Nadel zu.

»Ach, komm, die kleinen sind egal.«

»Ja, aber das ist keine kleine, oder?«

Die Blase setzt sich abermals fest, ich schüttele die Spritze aus dem Handgelenk, kräftiger diesmal.

»Vorsicht, Mann, du verschüttest was!«

»Ich spritze mir keine Luftblasen.«

»Die ist doch klein.«

»Also echt, jetzt halt mal die Klappe. Ich entscheide das, okay?«

Mal lässt sich verblüfft zurücksinken. In diesem Ton rede ich sonst nie mit ihm.

Es gefällt mir nicht.

Es fühlt sich falsch an. Das bin ich nicht.

Ich kann nur an dich denken. Was, wenn es schiefgeht? Was, wenn es mich … für immer verändert? Was, wenn du es herausfindest? Ich würde dich verlieren.

Nein, nein. Das ist doch Quatsch. Es ist genau so wie vor meinem ersten Trip. Ich hatte Angst, es könnte eine Reise ohne Wiederkehr sein. Aber es gibt immer eine Wiederkehr. Außerdem mache ich es zum ersten und letzten Mal.

Man sollte alles einmal ausprobieren. Ein einziges Mal.

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Sheilas Kopf versperrt mir kurz die Sicht auf den Fernseher. Sie geht im Zimmer herum und führt die Abschlusskontrolle durch.

»Ivo, ich muss jetzt los«, sagt sie. »Ich muss nach Hause und nachsehen, was mein nichtsnutziger Ehemann wieder angestellt hat.«

»Du solltest … du solltest ihn hier unterbringen. Frag ihn.«

»Wie bitte? Wie soll ich mich, wenn er hier ist, um die anderen kümmern? Aber eigentlich ist die Idee nicht schlecht. Würde mir täglich ein paar Wege sparen, hmm? Und, wie fühlst du dich? Du siehst frischer aus als heute Morgen. Weiter so! Brauchst du irgendetwas, bevor ich verschwinde?«

Ich möchte nicht, dass sie geht. Geh nicht, Sheila.

»Nein.«

»Liegst du bequem?«

Ich nicke.

»Was machen deine Arme und deine Schultern?«

Ungefragt legt sie mir eine olivbraune Hand auf den Arm. Es macht mir nichts aus. Inzwischen gehen alle so mit mir um, keiner bittet mehr um Erlaubnis – aber kaum einer ist dabei so zärtlich wie Sheila.

»Sind die nicht ein bisschen kalt? Soll ich dir eine Decke holen?«

Ich nicke. »Sie sind kalt. Sie tun weh.«

»Das ist immer ein Problem«, sagt sie, zieht eine Schublade auf und wühlt darin herum. »Die meisten Patienten hängen am Tropf, ihre Arme müssen immer freiliegen. Es ist immer das Gleiche. Wo sind die Ersatzdecken? Ehrlich, die Leute liegen und …« Sie richtet sich auf und blickt sich um.

Ich weiß, was jetzt kommt.

»Ach, da ist sie ja«, sagt sie, greift in meine Tasche und holt die Häkeldecke heraus.

Nein, nein, nicht fragen.

»Ich lege sie dir um die Schultern, dann hast du es schön warm, okay?«

Nein, tu es nicht.

Sie legt mir die Decke um die Schultern, und schlagartig umfängt mich dein Duft. Er flutet meine Sinne, ist praktisch unverändert.

Sie soll es nicht sehen, sie soll es nicht sehen, aber sie schaut mir ins Gesicht und erkennt, dass etwas nicht stimmt. Meine Kehle schnürt sich zu. Sie brennt, ist eng, zu eng und zu trocken. Bei mir geht es als Weinen durch, einen trockenen Hals zu bekommen und keine Luft mehr zu kriegen.

Aber jetzt kommen wohltuende Tränen, zum ersten Mal.

»Ach, mein Lieber …«, sagt sie leise.

Sie nimmt es hin. Sie ist es gewohnt, dass aus ihren Patienten alle möglichen Flüssigkeiten austreten.

Tränen sind etwas Seltsames. Ich vergieße Salzwasser, für dich.

Sheila setzt sich auf die Bettkante, nimmt meine Hand und streichelt über den Handrücken.

»Kann ich irgendwas für dich tun, mein Lieber?«, fragt sie mit sanfter, leiser Stimme.

Mein Hals schmerzt und brennt. »Sorry. Tut mir leid. Blöd.«

»Nein, überhaupt nicht.«

»Die Decke«, sage ich. »Viele Erinnerungen.«

»Wirklich?«

»Die ist von meiner Freundin.«

»Oh. Ich war mir nicht sicher, ob du eine Freundin hast.«

»Ex.«

»Ach so. Verstehe.«

Natürlich versteht sie es nicht.

»Hm.« Ich schniefe. »Sie hat sie extra für mich gehäkelt.«

»Unglaublich! Das ganze Ding? Wunderschön.«

»In letzter Zeit habe ich viel an sie gedacht. Ich habe mit ihr geredet. In Gedanken.«

»Sie war wohl etwas ganz Besonderes? Trennungen sind immer schlimm. Na ja, meistens.«

»Wie dem auch sei. Du musst los«, sage ich.

»Schon gut. Keine Eile.«

»Nein, wirklich. Mir geht es prima. Und so ein Ehemann pflegt sich nicht von selbst, oder?«

»Nein, da hast du recht. Bist du sicher, dass alles okay ist? Ich kann gern noch bleiben.«

»Nein, nein. Danke.«

Sie steht von der Bettkante auf und legt meine Hand auf die Decke zurück. »Ich komme heute Abend wieder, in Ordnung? Drück auf den Knopf, wenn du was von Jackie brauchst. Keine falsche Scham.«

Sie lächelt bedauernd und lässt mich allein. Ich stecke bis zum Hals in Häkelei, bis zum Hals in dir.

Ich würde alles dafür geben, alles, was ich je hatte und je haben werde, nur um dich noch ein Mal umarmen zu können, nur um deine Arme um mich zu spüren.

Unsere Körper passen nahtlos zusammen, deiner und meiner.

Daran sollte ich jetzt denken. Das wird mich einschlafen lassen. Deine Arme, die mich fest, ganz fest umschlungen halten.

B

Bauch

Ich liege auf dem Rücken, auf deinem Bett, habe den Kopf zur Seite gedreht und die Augen geschlossen. Meine Sinne sind wach, hellwach. In nüchternem Zustand habe ich so etwas nie, niemals erlebt. Mein Gehör ist glasklar, alle Aromen, die ich einatme, blühen und gedeihen in meinem Kopf. Der saubere, frische Duft deiner Haare auf dem Kissen, der harzige Geruch des hölzernen Bettgestells.

Zum ersten Mal liege ich ohne T-Shirt neben dir, es ist überwältigend, das Laken auf der nackten Haut zu spüren.

In Gedanken sehe ich deine Lippen, wie sie an meinem Hals entlang abwärtswandern, zwischen den Schlüsselbeinen durch, abwärts, immer weiter abwärts. Und deine Finger wandern auch, sie zeichnen meine Rippen nach, auswärts und wieder zurück zur Mitte, zart, ganz zart, deine Haare hängen jetzt herab und streichen als kribbelnder Hauch auf meiner Haut hin und her.

Du bist bei der letzten Rippe angekommen, ich zucke zusammen und winde mich, schubse dich fast herunter.

»Nein«, sage ich, »das kitzelt zu sehr!«

Du streckst dich neben mir aus und flüsterst mir ins Ohr – »Genau die Stelle habe ich gesucht!« –, und dann setzt du dich wieder auf und beugst dich herunter und küsst mich wieder, auf dieselbe Stelle. Mein Bauch hält es nicht mehr aus, ich rolle mich auf die Seite, ich kann dein Gesicht sehen, du lächelst verschlagen.

»Ich liebe das«, sagst du. »Es ist Folter.«

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Jetzt bin ich wach.

Ich bin wach.

Was?

Draußen vor dem Fenster sehe ich die grüngraue Rasenfläche unter dem Magnolienbaum. Ist das Licht eben angesprungen, oder hat es die ganze Zeit gebrannt? Oder bin ich hier derjenige, der eben angesprungen ist?

Ich bin verwirrt.

Was hat mich denn geweckt? Ich bin mir sicher, da war ein …

(((Uuuuuh)))

Oh. Oh nein.

Es kommt von nebenan. Die stöhnende Frau mit ihrem Stöhnen. Das Geräusch scheint in der Wand zu stecken. Muss eine dünne Wand sein, mit Hohlräumen.

(((Uuuuuh)))

Ich lege mir eine Hand an die Stirn, und für einen Moment bin ich nur noch das. Eine Stirn und eine Hand, die drückt und knetet und wischt und ihre Knöchel in meine Augenhöhlen bohrt. Kratz, kratz, kratz, nur damit das Geräusch aus meinem Kopf verschwindet.

((Uuuuuh))

Aber es verschwindet natürlich nicht. Ich kann es nicht aufhalten. Ich kann nicht glauben, dass sie immer genau dann anfängt, wenn ich kurz vorm Einschlafen bin. Kaum bin ich endlich friedlich eingedöst, geht es los …

(Uuuuuh)

Zu spät. Und es wird natürlich noch schlimmer. Es wird jedes Mal schlimmer. Würde das Stöhnen in gleichmäßiger Lautstärke weitergehen, könnte ich es irgendwann ausblenden, doch das Stöhnen verändert sich ständig. Es wird lauter und leiser. Zwingt mich zum Zuhören. Es ist eine Qual.

Das Licht draußen erlischt.

(Uuuuuh)

Blut

Denk an Blut. Was habe ich über Blut zu erzählen? Eine ganze Geschichte, von Anfang bis Ende.

Uuuuuh

Am Anfang bestand ich aus ein paar Blutzellen und aus … woraus Babys auch immer bestehen, bevor sie zu richtigen Menschen werden. Die abtreibungsfähige Matsche. Wie ist es möglich, dass schon Embryonen und Föten ein kompliziertes Geflecht aus Venen und Adern und Kapillaren durchzieht, inklusive Herzklappen und allem? Wirklich erstaunlich.

Uuuuuh

Also dann: die Geburt, jede Menge Blut, allerdings nicht meins, oder nicht so viel davon. Die Auseinanderdividierung von mir und meiner Mum. Was außen an mir klebte, gehörte ihr, was drinnen steckte, mir. Und was machen wir mit dem Ding hier? Durchschneiden, schnipp-schnapp, Krankenhausabfall. Reden wir nicht mehr drüber.

Manche Leute bewahren sie auf, um sie zu braten und zu essen, nicht wahr? Die Kannibalen.

Uuuuuh

Ich erlebte eine unspektakuläre Kindheit, nur gelegentlich gelangte mein Blut ans Tageslicht, durch aufgeschürfte Knie und Löcher im Kopf, zur Gerinnungsprüfung sozusagen (ich war kein Bluter), später dann durch übel abgebissene Fingernägel. Bis zu dem großen Ereignis von – von wann? 1982? –, als meine Schwester mein Handgelenk mit einem alten Springseil an den Gepäckträger ihres Fahrrades fesselte, in der Absicht, mich auf meinem Bobbycar durch die Straße zu ziehen. Ich weiß noch genau, wie ich mir vorstellte, der Fahrtwind würde mein Haar zerwühlen und die Häuser unserer Straße mit mindestens sechzig Sachen an uns vorbeirauschen, sobald Laura in die Pedalen treten würde. Es würde fantastisch werden. Nach den spannenden ersten drei Metern wurde ich vom Bobbycar gerissen und fünf weitere Meter mit dem Gesicht nach unten mitgeschleift. Dann erst drehte Laura sich um, um nachzusehen, warum das Treten plötzlich so anstrengend war.

Sie ließ ihr Fahrrad umkippen und rannte weg.

Für mein Blut war es der erste richtig große Auftritt, es lief mir über das brüllende Gesicht, als ich zu meiner Mutter rannte. Die Holzgriffe des Springseils hüpften und tanzten von Stufe zu Stufe, als ich die Treppe hinaufstolperte. Mum saß auf der Bettkante und war gerade dabei, sich zu schminken.

Sie sagte, ich sei ins Zimmer hereingetaumelt wie ein Mordopfer.

Ich bekam eine Spritze.

Dr. Rhys trug eine Lesebrille, er war sehr freundlich und bewahrte in einer Dose auf seinem Schreibtisch Lutscher auf.

»Junger Mann, hier steht, deine Blutgruppe ist AB positiv.«

Mit dieser Information konnte ich etwas anfangen, denn ich war gerade dabei, das Alphabet zu lernen. AB klang gut. ABC hätte noch besser geklungen, aber was sollte es. Vielleicht könnte das auf meinem Grabstein stehen: AB positiv, dazu Körper- und Schuhgröße. Für die Nachwelt, du verstehst schon.

Das Bobbycar hatte einen Totalschaden erlitten, die Geschichte machte in der Familie die Runde. Am darauffolgenden Sonntag fuhren wir zu meinen Großeltern, damit ich meine Schürfwunden vorzeigen konnte. Wir gingen jeden Sonntag nach der Kirche dort vorbei, auch nach dem Tod meines Vaters noch. Meine Großeltern wollten uns regelmäßig sehen.

»Hör auf zu kratzen

Genüsslich breitete meine Mum die Begebenheit mit dem Bobbycar vor meiner Großmutter aus, wobei sie jedes Detail ausschmückte, um Laura böswilliger aussehen zu lassen, als sie gewesen war. Ich fühlte mich schuldig und schämte mich und hörte nach einer Weile nicht mehr zu. Ich sah fern. Der Fernseher lief nicht, aber ich sah trotzdem fern. Laura saß neben mir und qualmte vor Wut.

»Er hat geblutet wie ein abgestochenes Schwein. Er hat ausgesehen wie ein Mordopfer. Dabei hatte er nur zwei kleine Platzwunden. Ich kann nicht glauben, wie viel Blut … Na ja, wie dem auch sei, Dr. Rhys hat ihm gesagt, er wäre AB positiv, nicht wahr, Schätzchen? Kommt ziemlich selten vor, hat er gesagt.«

Mein Großvater beugte sich zu mir hinunter und raunte mir ketzerisch ins Ohr: »Welche Blutgruppe hatte Jesus?«

Ich wusste die Antwort nicht, da nahm er die Weinflasche und übergoss mich mit Rotwein.

»Zehn Volumenprozent!« Er schnaufte, statt zu lachen. »Schlückchen Beaujolais gefällig?« Schnauf. »Dann würd ich sonntags auch wieder in die Kirche gehen!« Schnauf.

Im Alter von vierzehn fing ich an, meinem Blut andere Ingredienzien beizumischen. 1989. Unglaublich, sechsundzwanzig Jahre ist das jetzt her. Über ein Vierteljahrhundert.

Das ist vermutlich der nächste Meilenstein, nachdem Laura Unfallflucht begangen und ich auf dem Bobbycar meinen Schadenfreiheitsrabatt verloren hatte. So eine kurze Zeit, von 1982 bis 1989. Gar keine Zeit eigentlich.

Ehrlich gesagt schockiert mich das jetzt ein bisschen.

Wodka-O in unseren Trinkflaschen für die Schule. Ich und Kelvin. Wir hatten die Hausbar von Kelvins Dad geplündert und Wodka und frisch gepressten Orangensaft in ...

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