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Darling, fesselst du schon mal die Kinder?

Mrs. Stephen Fry

Darling, fesselst du schon mal die Kinder?

Das heimliche Tagebuch der Edna Fry

Aus dem Englischen von Ulrike Blumenbach

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Inhaltsübersicht

Vorwort

Januar

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November

Dezember

Danksagung

Danksagung der Übersetzerin

 

Für Stephen und die Rechnungen

Vorwort

Ich habe mich schon immer gefreut, dass meine Frau ein Hobby hatte. Ich dachte, es hätte mit Kreuzstickerei zu tun. Ich hatte keine Ahnung, dass sie ein Buch schrieb. Dass sie es, nur um den Anschein zu wahren, mit Nadel und Faden verfertigte statt mit Tastatur und Computer, beweist ihren Einsatz und ihre Charakterstärke. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich freuen würde, aber ich kann genauso wenig bestreiten, dass ich stolz bin. Verdammt stolz. Sollte sie es sich zur Gewohnheit machen, auf Lesereisen über die Dörfer zu tingeln, müsste ich mir Sorgen um den Haushalt und die Mahlzeiten der Kinder machen. Aber stolz bin ich doch. Ob ich es genieße oder beklage, mein Leben in so gnadenloser Akribie dargestellt zu sehen, sei dahingestellt. Aber stolz bin ich, ja, ich bin stolz auf die kleine Frau. Gott segne sie.

Stephen Fry

Januar

1. Januar, Samstag

Mit dem 1. Januar ist es immer dasselbe – ein kalter grauer Nachmittag, nichts in der Glotze, und Stephen hängt über der Kloschüssel und rülpst die Titelmelodie von Doktor Schiwago. Hat sich wohl wieder mit Rum bekleckert. Die Nacht hat er bewusstlos auf dem Parkplatz vom SM-Club verbracht. Heute Morgen musste ich 50 Pfund zahlen, um seine Nippel entklemmen zu lassen.

 

Habe unsere guten Vorsätze zum neuen Jahr aufgeschrieben. Ich werde noch geduldiger und verständnisvoller, als ich eh schon bin, und Stephen gibt das Fluchen auf. Und Döner. Und Karaoke. Und Tequila. Und die Trutsche in Nummer 38. Jetzt muss er mir das nur noch unterschreiben, solange er noch seinen Brummschädel hat. Gott sei Dank, dass es die Bürgerberatung gibt. Die hat sogar Verträge für Monogammler.

2. Januar, Sonntag

Bei Lutschluder & Söhne hat heute der Schlussverkauf angefangen. Konnte ein paar Nachweihnachtsgeschenke ergattern. Ein Kitzel-mich-Kylie für Stephen junior und ein Nintendo-Puu für die kleine Brangelina – anscheinend ist das wie eine Wii, aber man spielt es im Sitzen.

3. Januar, Montag

Endlich gehen die Kinder wieder in die Schule. Oder in die Spielhalle. Oder wo sie halt von Montag bis Freitag hingehen. Und der Mann von der Trutsche in Nummer 38 ist wieder auf Reisen, so dass Stephen wie ein geölter Blitz auf seine Fensterputztour gegangen ist.

 

Hab’ mir eine schöne Tasse Tee mit Keksen und Jeremy Kyle vom Frühstücksfernsehen gegönnt. Er hatte eine Frau zu Gast, die 16 Jahre verheiratet war, ohne zu merken, dass ihr Mann schwul war. Man fasst es nicht! Apropos, wir haben in ein paar Wochen unseren 16. Hochzeitstag. So ein Zufall. Ich persönlich glaube ja, der Schlüssel zu einer erfolgreichen Ehe liegt darin, dass jeder seine eigenen Hobbys behält. Ich habe das Kochen, das Töpfern und meine Liebe zur Literatur des 19. Jahrhunderts, Stephen hat seine Softpornos.

4. Januar, Dienstag

Heute Vormittag Kaffeeklatsch mit Mrs. Norton und Mrs. Winton im Mokka Dischu. Die haben da eine ausgezeichnete Spezialmischung aus Kolumbien – anscheinend importiert die Eigentümerin sie höchstpersönlich aus Bogotá. Jede Woche bekommt sie per Kurier eine frische Lieferung. Ich muss gestehen, dass sie mir persönlich ein bisschen zu bitter ist, aber sie belebt, das muss ich schon sagen. Ich ziehe den koffeinfreien vor, komischerweise belebt der genauso.

 

Bin hinterher noch bei Foodland vorbei, um Einkäufe zu machen. Das ist wirklich das Paradies der kleinen Frau, ganz wie es in der Werbung immer heißt. Sie rühmen sich der niedrigsten Preise in der ganzen Gegend, und sie haben mehr Geschmacksverstärker und Konservierungsstoffe im Angebot als alle anderen Supermarktketten. Der Laden hilft jedenfalls, um mit dem knappen Haushaltsgeld über die Runden zu kommen, und außerdem muss ich unsere Lebensmittel sowieso dort kaufen, weil Stephen eine Feinkostallergie hat.

5. Januar, Mittwoch

Morgen ist Dreikönigstag. Wir haben den Weihnachtsbaum schon heute abgeschmückt. Aber was heißt wir – ich habe ihn abgeschmückt. Wenn ich mich bei so was auf Stephen verlassen wollte, sähe das Haus noch heute aus wie ein Elfenstripclub im Juli. Es hat drei Jahre gedauert, bis er das Bücherregal zusammengebaut hat. Das erste Buch kauft er bestimmt auch erst in drei Jahren.

6. Januar, Donnerstag

Meine Güte, welch ein Tag für einen Stromausfall! Stephen und ich waren heute Morgen ganz durchgefroren. Unser Schlafzimmer war die reine Tiefkühltruhe. Den Kindern hat’s zum Glück nichts ausgemacht. In ihren Zimmern schalten wir die Heizung gar nicht erst ein, damit sie sich besser fühlen, wenn sie aus dem Haus kommen. Es war so kalt, dass Stephen keine andere Wahl hatte, als zur Arbeit zu gehen, und ich musste den Nachmittag in Mrs. Wintons Maisonettewohnung verbringen. Sie hat mir alles von der Reiki-Wahrsagerin erzählt, von der sie sich neuerdings behandeln lässt. Als Erstes massiert sie einem den Schädel, und dann deutet sie die Schuppen. Ich würde mir ja zu gerne mal den Schädel massieren lassen, aber anscheinend muss man dafür den Hut abnehmen.

7. Januar, Freitag

Im Sombrero’s ist heute der Oben-ohne-Tequila-Karaoke-Abend. Ich begleite Stephen nie. Seine Auftritte machen mich immer so nervös. Außerdem ist es einfach unmöglich, Babysitter zu kriegen, erst recht seit wir die einstweiligen Verfügungen wegen asozialen Verhaltens bekommen haben. Heute Abend ist es das regionale Viertelfinale. Wenn Stephen auf dem Stierautomaten die Lady-Gaga-Nummer bringt, hab’ ich hinterher wieder mit einem Schwanz auf halbmast zu kämpfen.

 

Schon nach Mitternacht. Keine Spur von Stephen. So wie ich ihn kenne, ist er in einen Club weitergezogen, entweder um zu feiern oder um seinen Kummer zu ersäufen. Ich hoffe, er ist nicht wieder so pervers drauf, wenn er nach Hause kommt. Letzte Woche wollte er doch Tatsache, dass wir Bondage spielen. Kann ja nicht behaupten, dass mich das anturnt. Ich hab’ mir das Knie an der Anrichte aufgeschürft, und er landete am Ende im Baumarkt. Vielleicht sollte sich das nächste Mal nur einer von uns die Augen verbinden lassen.

8. Januar, Samstag

Ach du liebe Zeit, Stephen hat sich seinen kleinen Johannes gestern wieder mit Sekundenkleber eingeschmiert. Ich würde es ja zu gern herumerzählen, aber meine Lippen sind versiegelt.

9. Januar, Sonntag

Typischer Sonntagmorgen. Stephen war diese Woche in seiner Rudolph-Valentino-Laune und bestand darauf, dass ich in sein »Liebeszelt« krieche. Das war natürlich nur ein Laken, bis er dann in Wallung kam. Es wäre mir wirklich lieb, er würde diesen Rollenspielmumpitz lassen. Mal ist es Arzt und Krankenschwester, mal Gladiator und Sklavenmädchen, mal Aerobics-Lehrerin und Bezirksdirektor Stadtplanung. Neulich wollte er, dass wir Lehrer und ABC-Schützin spielen. Okay, dachte ich, wer A sagt …

 

Konnte Stephen überreden, mich nachmittags zu Ikea zu fahren – hab’ ihm erzählt, es gäbe dort das neue Apple-Teil. Dummerweise bekam er in der Filiale dann eine seiner Panikattacken. Seine Klaustrophobie hatte ich ganz vergessen. Und dass er Angst vor allem hat, was aus Schweden kommt. Anscheinend geht das darauf zurück, dass er mal mit ABBA im Lift steckengeblieben ist.

Nach zwei Zügen aus seinem Inhalator und meiner halben Valium beruhigte er sich dann endlich. Ein Glück, dass wir nicht den Volvo meiner Schwester genommen haben. Immerhin hatte ich dadurch Zeit, mir die gesuchte Teehaube (oder Schlurp Wully, wie die das nennen) zu holen, und eine schöne neue Nachttischlampe (Kusch Elsa NFT) hab’ ich auch gefunden. Ironischerweise neben dem Futon, auf dem Stephen eingeschlafen ist (NoBed).

10. Januar, Montag

Wir haben Stephen junior erzählt, dass er heute Abend adoptiert wird. Wird er gar nicht, aber im Fernsehen lief nichts Gescheites.

11. Januar, Dienstag

Habe in einem Artikel gelesen, dass manche frustrierte Frauen den Mangel an … na ja … ehelichem Hullygully durch Kochen kompensieren. So was Lächerliches!

 

Ich koche heute eines meiner Lieblingsgerichte. Hier ist das Rezept:

12. Januar, Mittwoch

Waren heute Abend im Kino. Konnten zwischen einem Woody Allen und Avatar wählen, aber ich kann diese blöden Brillen nicht ab, also sind wir in Avatar gegangen.

13. Januar, Donnerstag

Brangelina ist ja so süß. Heute hat sie in der Schule bei einer Spielplatzhochzeit mitgemacht. Ihre beste Freundin LaToya war die Brautjungfer, ihr kleiner Klassenkamerad Shane der Bräutigam (der vom gestrigen Junggesellenabschied auf dem Spielplatz noch leicht lädiert aussah), die Konrektorin Miss Morgan nahm die Trauung vor, und der Schulsyndikus setzte den Ehevertrag auf. Es gab sogar einen professionellen Photographen. Okay, professionell ist übertrieben, er war eher ein begabungsfrei inspirierter Schnappschütze. Tele-Tex meinte es jedenfalls gut, und die Geländer stören ja auch kaum. Ich finde es so schön, wenn Kinder ihre Phantasie spielen lassen. Nächste Woche wollen sie eine Spielplatzscheidung aufführen.

14. Januar, Freitag

Habe gerade eine Packung kleiner blauer Tabletten in Stephens Hosentasche entdeckt und ihm geraten, er soll hart und scharf nachdenken, bevor er sie nimmt.

15. Januar, Samstag

Geburtstag der Zwillinge. Leider hatten wir versäumt, rechtzeitig eine Party bei den Bärenmachern zu reservieren, und sind stattdessen zu den Puppenpoppern gegangen. Asbo und Subo hatten einen Riesenspaß. Alles war ballongeschmückt – in allen Farben des Regenbogens und gefühlsecht geriffelt. Das Personal verwöhnte uns von vorn bis hinten und lieferte begeisterte Versionen von »Happy Birthday«, »Ri-ra-rutsch, wir fahren mit der Kutsch« und »Banane, Zitrone – An der Ecke steht ein Mann«. Sie hatten auch Gesellschaftsspiele vorbereitet – Schwengelversenken und Rohrverlegen – und Booboo der Clown kam super an mit seinen wahnsinnig kreativen und anatomisch korrekten Ballontieren.

Nach der Tortenschlacht konnten die Kinder alle eine eigene Puppe aufblasen und sogar die Farbe der ultrarealistischen Haare bestimmen. Die zwei Stunden vergingen wie im Fluge – Stephen mochte den Auftritt von Holly dem heißen Häschen am liebsten –, und alle zogen glücklich nach Hause, in der Hand eine Tüte mit allen möglichen seltsamen und wundervollen Spielzeugen. Ein voller Erfolg!

16. Januar, Sonntag

Ein schöner, erholsamer Tag. Ich muss mich unbedingt noch bei Mrs. Winton dafür bedanken, dass sie mich auf Fengshui gebracht hat. Das funktioniert wirklich! Ich bin schon viel entspannter, seit wir die Kinderbetten in die Garage gestellt haben.

17. Januar, Montag

Hatte ein reizendes Mittagessen mit Mrs. Norton in dem neuen vegetarischen Restaurant in der High Street, Debbies Salatbar jeder Vernunft. Aber seltsam: Sie sagte, sie hätte neulich abends ferngesehen und da sei jemand aufgetreten, der meinem Stephen wie aus dem Gesicht geschnitten gewesen sei. Und es ging nicht darum, dass er in CrimeWatch gesucht wurde oder für die Pannenshow gefilmt worden war. Nein, es ging um eine hochintellektuelle Quizsendung namens Genial verheben oder so ähnlich. Und anscheinend ist dieser Typ der Moderator. Muss ich mir unbedingt skyplussen. Wollte mir eine Küchenauszeit gönnen und etwas bestellen. Dumm gelaufen. Hab’ in Dominos Pizzeria angerufen, aber da gab es grad ein Durcheinander bei den Pizzaboten. Anscheinend wollte einer gerade etwas aufheben, aber dann hat es ihm ein anderer besorgt, und dem hat’s auch einer besorgt …

18. Januar, Dienstag

Elternabend von Stephen juniors Klasse. Ich fand es großartig, nach ihrer langen Kur endlich seine Lehrerin Miss Woolley kennenzulernen. Sie sieht jetzt auch wirklich viel besser aus. Anscheinend hat sie das Zucken endlich unter Kontrolle. Sie scheint sich unglaublich darüber zu freuen, wie sich Stephen junior dieses Jahr gemacht hat, oder jedenfalls in den zwei Wochen, die sie ihn hatte. Sie sagt, er hat immer noch Schwierigkeiten mit dem Englischen, aber das hat er natürlich von seinem Vater. Und Schwierigkeiten mit dem Rechnen hat er auch. Und mit Erdkunde. Und Geschichte. Und Naturkunde. Aber in Metallbearbeitung und Gewalt in der Familie könnte er eine Drei schaffen, und in ADHS ist er sogar eins a, worauf ich natürlich mächtig stolz bin. Seine schulische Zukunft sah richtig rosig aus – auch wenn er manchmal rot sieht –, bis Miss Woolley andeutete, seine Noten und sein Betragen könnten von einer besseren Ernährung profitieren. An den Rest des Abends kann ich mich nur dunkel erinnern.

19. Januar, Mittwoch

Habe Miss Woolley wiedergesehen. Es sieht da richtig hübsch aus – die Blümchentapete reicht bis auf die Intensivstation. Ich weiß nicht, was auf einmal mit mir los war. Hab’ ihr eine Dose von meinen selbstgebackenen Zitrone-Ketchup-Keksen mitgebracht, um sie aufzumuntern.

20. Januar, Donnerstag

Musste Hugh junior schon wieder eine Großpackung Kleenex kaufen. Aber ich bin selber schuld. Als ich das letzte Mal sein Schlafzimmer gewischt habe, sind mir 50 Pence runtergefallen, und jetzt glaubt er, dass es eine Spermafee gibt. Das kostet mich ein Vermögen.

21. Januar, Freitag

Seit Monaten sag’ ich Stephen jetzt schon, er soll seine Brille reparieren lassen. Wenn er nicht den heimatlichen Stall wittern würde, dann würde er nicht mal die Karaoke-Nacht im Red Lion finden, wo er es wieder irgendwie geschafft hat, aufs Siegertreppchen zu kommen. Anscheinend mögen die Leute einfach seine Versionen von »Lucy in the Sky with Diarrhea« und »Some Whore over the Rainbow«.

22. Januar, Samstag

So ein aufregender Tag! Nachdem wir monatelang gewartet haben, ist heute endlich das neue Einkaufszentrum – das Shangri-la-Center – eröffnet worden. Es liegt im Gewerbepark direkt an der Umgehungsstraße. Es hat eine Weile gedauert, bis wir es geschafft hatten, weil das Navi im Transit hinüber ist. (Auf der Rückfahrt vom Hunderennen letzte Woche hat Stephen versucht, ihn mit Currysauce zu füttern.) Ohne Stephen juniors elektronische Fußfessel hätten wir gar nicht hingefunden. Aber ich muss schon sagen, trotz der dreieinhalb Stunden hat sich die Fahrt wirklich gelohnt. Das Ganze ist eine einfach sensationelle Angelegenheit. Sie hatten einen Bauchredner und eine Fleischtombola. Alle Zeitungen der Gegend waren da, und die offizielle Eröffnung des Zentrums wurde von Cristal Braithwaite aus Staffel sieben von Big Brother vorgenommen, die eine riesige Kreditkarte zerschnitt. Wegen der einstweiligen Verfügung musste Stephen leider auf dem Parkplatz bleiben, bis sie fertig war. Komischerweise fragte mich ein Passant, warum man denn nicht Stephen wegen der Eröffnung angefragt habe. So ein Blödmann. Als würde man ein Einkaufszentrum von einem Fensterputzer eröffnen lassen! Der muss doch schon froh sein, wenn er nachts noch die Haustür aufkriegt.

Nach der großen Eröffnungsfeier haben wir uns das Einkaufszentrum angeschaut. Es war atemberaubend – alles glänzte weiß wie eine riesige Notaufnahme. Und es gab praktisch keine Graffiti oder Kotze. Sie hatten jeden Laden, den man sich nur wünschen konnte, alles unter einem Dach. Wenn es ein Dach gäbe, aber das wird anscheinend erst im April fertig.

Aufgeregt schossen wir bei Primark rein und raus, bei Krempel-Kevin und Totos Tattoo-Tanke, bevor wir dann zum Food Court rüber sind. Und welch ein Angebot uns da erwartete! Alle großen Fastfood-Ketten – Toast Factory, Yo! Mince und Sandwich! Sandwich! Sandwich! Am Ende haben wir uns auf einen Eimer Cheddar bei Cheese Louise geeinigt. Mit meinen kulinarischen Meisterwerken ist so was natürlich nicht zu vergleichen, aber es ist lecker und macht nicht dünn.

Das war also wirklich ein zauberhafter Ausflug. Dank Stephen kommen wir so selten dazu, etwas als Familie zu unternehmen, schließlich hat er Hausverbot in der Bowlingbahn, im städtischen Schwimmbad und in Frankreich.

23. Januar, Sonntag

Es ist doch zum Mäusemelken. Gerade will ich die Quizsendung einschalten, von der Mrs. Norton erzählt hat, da tritt Stephen aus Versehen den Bildschirm ein. Das ist diesen Monat schon der dritte. Zum Glück hat sein Kumpel, der Halbwegs Ehrliche Al, anscheinend unbegrenzten Vorrat.

24. Januar, Montag

Rekordeinnahmen für Stephen, der heute auf Fensterputztour war. Die Passanten haben ihm Geld in den Eimer geworfen – anscheinend dachten sie, er wäre eine lebende Statue. Echt jetzt, der Mann ist ja so was von faul! Der lässt sich sogar seine Pornohefte als Hörbuch kommen. Am besten gefallen ihm die Kommentare der Frauen der Hörer.

 

Heute Abend hat meine Mutter angerufen. Nächste Woche reist sie mit ihrem Poolboy nach Fuengirola in Spanien und wollte wissen, was ich von Bikini-Waxing halte. Sie denkt an Brazilian, aber ich finde, in ihrem Alter könnte das eine Grauzone sein.

25. Januar, Dienstag

Bekam heute Morgen einen Anruf von Mrs. Norton. Sie sagt, sie hätte neulich abends noch am Computer zu tun gehabt – musste wieder Grahams litauische Bräute abbestellen – und wäre auf etwas namens Twitter gestoßen. Sie sagt, Stephen wäre da aktiv. Sogar sehr. Und ich hab’ die ganze Zeit gedacht, er verzockt unsere Urlaubskasse beim Pokern. Sie sagt, das ist so eine Art soziales Netzdingsbums. Ich geh’ besser mal seinen Laptop kontrollieren. Weiß der Kuckuck, was ein geistig minderbemittelter Fensterputzer da zu schreiben hat.

 

Ach du grüne Neune! Ich hab’ mir grade angesehen, was Stephen so in diese Twitterkiste schreibt. Oper hier und Konzert da. Also wenn der mal die Phantasie ins Kraut schießen lässt! Ich weiß nicht, wie er da bloß darauf kommt. Angeblich war er neulich abends in der Royal Albert Hall und erfreute sich einer geistsprühenden Interpretation der Götterdämmerung, wo ich doch hundertprozentig weiß, dass er unten im King’s Head war. Den Bacardi Breezer zum halben Preis und Speckchips lässt er sich nie entgehen. Ich muss sagen, allmählich mach’ ich mir Sorgen. Manchmal hab’ ich das Gefühl, den echten Stephen gar nicht mehr zu kennen. Vielleicht sollten wir öfter was zusammen machen, wo man sich nicht mit Sachen einschmiert, die nach Banane schmecken.

26. Januar, Mittwoch

Zeit für die große Wäsche. Wobei mir einfällt, dass Stephen noch seine Dezemberhose anhat. Spam Bourguignon zum Abendessen.

27. Januar, Donnerstag

Kaum zu glauben, aber ich konnte Stephen überreden, am Tag der offenen Tür in die Volkshochschule mitzukommen. Ich habe beschlossen, mich bei Creative Writing für Hausfrauen mittleren Alters einzuschreiben, und Stephen hat sich für Hau die Vettel für Fortgeschrittene entschieden.

28. Januar, Freitag

So ein Pech aber auch! Hugh junior ist heute Vormittag auf dem vereisten Schulhof ausgerutscht und hat sich den Knöchel verknackst. Wir hatten mindestens ein gebrochenes Bein erhofft. Ich hab’ ihn schließlich nicht aus Versehen geschubst. Brangelinas Handgelenkfraktur hat uns letztes Jahr vierzehn Tage in Benidorm verschafft. Es geht doch nichts über Schmerzensgeldansprüche.

29. Januar, Samstag

Es schneit heute Abend heftiger. Stephen hat gerade gesimst, dass er vielleicht im Pub übernachten muss. Dabei ist er noch gar nicht hingegangen.

30. Januar, Sonntag

Unser 16. Hochzeitstag. Wer hätte das gedacht? Nach 16 Jahren feiert man anscheinend Tupperware-Hochzeit. Sagt Stephen jedenfalls. Jetzt kommt es mir albern vor, dass ich ihm den diamantbesetzten Goldsiegelring gekauft habe. Na, immerhin hatte er nichts dagegen. Zum Glück ist die Entschädigungszahlung für seine Karaokeverletzung gerade überwiesen worden, also können wir uns eine tolle Show leisten und feudal futtern gehen. Ich kann’s kaum erwarten. Ich weiß gar nicht mehr, wann wir das letzte Mal zusammen ausgegangen sind, nur wir beide. Das müsste in den Flitterwochen gewesen sein. Wobei wir da eigentlich auch nicht zu zweit waren. Aber ich fand’s nett von den Rausschmeißern, dass sie uns mit dem Kinderwagen ins Casino gelassen haben.

Verblüffenderweise haben wir jemanden gefunden, der heute Abend alle Kinder hütet. Die Wohlfahrt nimmt normalerweise nicht mehr als zwei auf einmal. Stephen hat sich richtig in Schale geschmissen und sein bestes Hawaiihemd und die Lederhose rausgeholt, und ich hab’ mir für den Anlass extra meinen Hut neu polstern lassen. Ich erzähle Dir alles, liebes Tagebuch, wenn wir zurückkommen …

 

Meine Güte, welch ein Abend! Welch eine Show! Dieses Timing. Diese Präzision. Diese unglaubliche Anmut. Ich muss schon sagen, was spektakuläre kulturelle Unterhaltung angeht, ist »Monster Trucks on Ice« einfach nicht zu schlagen. Ein Jammer, dass sich Stephen so aufgeregt hat und der Arena-Manager ihn bitten musste zu gehen. Und wie Stephen nun einmal ist, ging er natürlich nicht gelassen in die stille Nacht. Er fluchte, leerte seinen Eimer scharfe Hähnchenflügel über Reihe J und zeigte dem Manager schließlich den Finger.

Im Restaurant beruhigte er sich dann etwas. Oder jedenfalls nach den ersten vier Bieren. Mrs. Biggins hat es mir empfohlen. Sie war mit ihrem Chris schon ein paarmal im Rings of Fire, einem Curry-Restaurant mit Fantasy-Motiven, wo alle Kellner Kostüme tragen. Es gibt Elben, Zauberer und Orks. Wir hatten einen Elben, aber einen Service-Unterschied hab’ ich nicht bemerkt, ehrlich gesagt. Alles in allem war es ein rundum gelungener Abend, und wir haben uns prächtig amüsiert. Am Ende haben Stephen und ich das Tolkien-Menü genommen. Das ist immerhin der einzige Schriftsteller, der seinen Hobbit zum Beruf gemacht hat.

31. Januar, Montag

Wollte nur schnell was notieren, während Stephen im Bad gurgelt und sich kratzt. Weißt Du, liebes Tagebuch, ich bin froh, dass ich mich entschieden habe, Dich zu führen. Im hektischen Alltag vergisst man so leicht, wie gut man es eigentlich hat. Heute Abend zum Beispiel. Ich wasche ab und bügle, Stephen liegt auf dem Sofa, eine Bierdose in der einen Hand und seine Genitalien in der anderen, und schaut Dame Kiri Te Kanawa macht komische Sachen, und die Kinder liegen alle warm eingemummelt im Bett und sehen sich ihre Internet-Pornos an. Ich hab’ doch wirklich Glück gehabt.

Februar

1. Februar, Dienstag

Du liebe Güte, die arme Brangelina hat immer noch Alpträume. Das ging los, nachdem ihre Lehrerin vor einigen Wochen plötzlich in Flammen aufgegangen ist. Sie war richtiggehend traumatisiert, zumal sie das einzige Kind in der Klasse war, als es passierte. Es machte die Sache auch nicht besser, dass der Schulleiter ihr Feuerzeug konfiszierte. Wann, wenn nicht dann, hätte die Arme wohl eine Zigarette gebraucht? Stephen hat angefangen, ihr vor dem Einschlafen vorzulesen, aber dadurch wurde es nur schlimmer. Ich erzählte Mrs. Winton davon, als ich auf einen Kräutertee bei ihr war, und sie meinte, wir sollten ihr einen Traumfänger übers Bett hängen. Davon hatte ich noch nie gehört, aber anscheinend halten sie die schlimmen Träume fern, und man schläft wie ein Murmeltier. Ich hatte befürchtet, Stephen würde die Idee vom Tisch wischen, aber er war überraschend angetan und hat ihr sogar selber einen gebastelt – aus einer meiner Blumenampeln und einem Dachs, den er letzte Woche mit dem Transporter überfahren hat. Brangelina schien erst etwas skeptisch – vielleicht auch erschrocken; wer weiß das schon bei der heutigen Jugend? –, aber ich bin sicher, sie gewöhnt sich dran.

2. Februar, Mittwoch

Heute Morgen klingelte die Wohlfahrt, aber ich hab’ sie nicht ins Haus gelassen. Letztes Mal wollten sie uns die Kinder zurückgeben.

3. Februar, Donnerstag

War enttäuscht, dass meine erste Stunde in Creative Writing aus Wettergründen abgesagt wurde, aber wenigstens musste ich den Abend nicht völlig abschreiben. All der wunderbare, frisch gefallene Schnee brachte eine romantische Saite in uns zum Klingen, und wir sind raus und haben Schnee-Engel gebaut. Wir konnten zwölf Schneemänner plattmachen, bevor Stephen den Transporter zu Bruch gefahren hat.

4. Februar, Freitag

Sind heute Nachmittag ins Gartencenter gefahren. Gekauft haben wir nichts. Wir tun nur so gern so, als hätten wir einen Garten.

5. Februar, Samstag

Früh aufgestanden. Stephen und ich sind beim Spielplatz vorbei, wo Hugh junior zum ersten Mal bei den Midwich Cuckoos mitgespielt hat, der Mannschaft der Unter-Dreizehnjährigen seiner Schule. Es war wahnsinnig spannend. Ich kenn’ mich bei Fußball ja nicht so aus, aber ich glaube, er hat sich echt gut geschlagen. So gut sogar, dass der Schiedsrichter ihm gesagt hat, er kann sich ausruhen. Nach nur zehn Minuten! Stephen platzte fast vor väterlichem Stolz, zumal Hugh junior auch noch die rote »Mann des Spiels«-Karte bekommen hat. Alles in allem ein herrlicher Spaß. Wir haben sogar bei der Glasgow Wave mitgemacht, das ist eine Art La Ola, die man mit einem Tsunami gekreuzt hat.

6. Februar, Sonntag

Bin heute Morgen vom Klang der Kirchenglocken erwacht. Muss den Kindern noch sagen, sie sollen sie zurückbringen, bevor der Pfarrer was merkt.

7. Februar, Montag

Frage mich manchmal, ob Stephen mich noch so begehrenswert wie früher findet. Heute hat er mich in der Badewanne gesehen, und ich bin sicher, er hat mich in Gedanken angezogen. Vielleicht brauchen wir mehr Zeit für uns, ohne die Kinder, um die Flammen wieder zu entfachen – irgendwas Romantisches wie Rom oder Paris. Vielleicht versteht er den Wink, wenn ich ein paar Prospekte besorge und rumliegen lasse. Wenn nicht, kann ich sie ja zusammenrollen und ihm über die Rübe ziehen …

8. Februar, Dienstag

Jammerschade. Creative Writing wurde schon wieder abgesagt, denn es war eine dunkle und stürmische Nacht.

9. Februar, Mittwoch

Na also, Stephens Traumfänger war ein voller Erfolg. Brangelina hat schon seit einer Woche keine Alpträume mehr. Ich hoffe, das bleibt so, wenn sie sich irgendwann wieder in ihr Zimmer traut.

10. Februar, Donnerstag

Was für ein ungewöhnlicher Tag. Kaum war ich aufgewacht, hatte Stephen mir auch schon die Augen verbunden und mich in seinen Transporter verfrachtet. Normalerweise machen wir so was nie vor dem Mittagessen. Mir kamen schon leichte Bedenken, da küsste er mich sanft auf die Wange und sagte, das wäre mein Valentinsgeschenk. Ich war angenehm überrascht – mich mit einer Augenbinde im Laderaum eines Transporters durch die Gegend zu fahren, ist vielleicht die romantischste Idee, die Stephen je gehabt hat, auch wenn es das Tagebuchschreiben nicht direkt erleichtert.

Nach grob geschätzt sechs oder sieben Stunden und einer Reihe unangenehmer Fragen des Werkstattbesitzers, der Kellnerin im Little Chef und der Polizei erreichte der Transit endlich sein Ziel. Ich spürte, wie meine Augenbinde aufgeknotet wurde, und blinzelte Stephen ins freudestrahlende Gesicht.

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