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Darling, du bist die Richtige!

1. Kapitel

 

Ab und zu bedauerte Quinn Gerard es, dass er nicht mehr als selbstständiger Privatdetektiv arbeitete. Er vermisste die Anonymität, in der er sich früher bewegt hatte, den Kitzel der Gefahr. Seit er vor sieben Monaten seine eigene Detektei aufgegeben hatte und als Teilhaber bei ARC Security & Investigations eingestiegen war, musste er sich an die vorgegebenen Regeln halten, durfte nicht mehr nach eigenem Gutdünken vorgehen.

Eine persönliche Regel jedoch galt nach wie vor: Niemals würde er sich privat mit einer Klientin einlassen, sei die Situation auch noch so verlockend. Und die grazile Blondine in der neonblauen Bluse und dem schwarzen Lederrock war mehr als eine Klientin. Sie war eine Zielperson.

Doch er war ein Mann und durfte die Verpackung bewundern, wenn schon nicht den Inhalt. Und die Verpackung war interessanter als die an den vergangenen drei Tagen, an denen er sie beschattet hatte. Überhaupt steckte Jennifer Winston heute voller Überraschungen. Sie hatte ihr Haus Stunden früher als üblich verlassen. Und sie hatte ihr Tempo gedrosselt. Sonst war sie stets in Eile, doch jetzt trödelte sie herum, als hätte sie alle Zeit der Welt. Außerdem fuhr sie nicht ihr auffälliges rotes Kabrio, sondern das Auto ihrer Schwester, einen schlichten weißen Kombi. Die größte Überraschung aber war, dass sie die örtliche Blutbank anstrebte.

Quinn hätte wetten mögen, dass die hinreißende Jennifer Winston keine potenzielle Blutspenderin war. Was also hatte sie vor?

Seit Wochen wurde sie vierundzwanzig Stunden am Tag überwacht. Zunächst von Mitarbeitern des Staatsanwalts, jetzt von ihm. Aus den Akten wusste er, dass ihre üblichen Anlaufstellen elegante Geschäfte, angesagte Bars in San Francisco und luxuriöse Wellness-Center in Napa Valley waren. Im letzten halben Jahr hatte sie nicht gearbeitet, also hatte sie Freizeit im Überfluss. Meistens kam sie spätnachts nach Hause und fuhr erst gegen Mittag wieder weg.

Die Änderung der Gewohnheiten der überaus sexy Miss Winston alarmierte Quinn. Daher folgte er ihr in das Gebäude, anstatt im Wagen auf ihre Rückkehr zu warten. Änderungen in der Routine kündigten oft den entscheidenden Durchbruch bei einem Fall an.

Er folgte ihr unauffällig über einen breiten, stillen Flur und sah sie durch eine Tür verschwinden, über der ein Schild hing, auf dem "Blutabnahme" stand. Quinn machte an einem Trinkbrunnen Halt und studierte anschließend die Aushänge an einem Schwarzen Brett. Schließlich wurde er ungeduldig und näherte sich der offen stehenden Tür.

"Wollen Sie Blut spenden?" herrschte ihn jemand von hinten an.

Es klang wie eine Rüge. Quinn drehte sich um und erblickte eine winzige weißhaarige Person. Sie reichte ihm knapp bis ans Brustbein.

"Nein, ich …"

"Warum nicht?" Sie musterte ihn streng von Kopf bis Fuß. "Sie sehen gesund aus."

Weil ich eine Frau verfolge, die nach Meinung des Staatsanwalts fünf Millionen Dollar unterschlagen hat, dachte er. "Weil ich keine Zeit habe", sagte er.

"Es dauert nicht lange", erwiderte sie unbeeindruckt. "Das geht ruck, zuck."

Ihr Namensschild verriet, dass sie Lorna hieß. Quinn beachtete sie nicht weiter und sah sich um. Plötzlich sah er Jennifer Winston. Sie trug einen lilafarbenen Kittel über ihrer Kleidung und häufte Kekse auf ein Tablett, daneben standen Saftkartons. Jennifer Winston beschäftigte sich mit Saft und Keksen? Quinn war überrascht, allerdings hatte er vermutet, dass sie ein Doppelleben führte.

"Haben Sie Angst vor Spritzen?" erkundigte sich Lorna.

"Ja", antwortete Quinn.

Sie schenkte ihm ein Lächeln. "So sehen Sie gar nicht aus. Kommen Sie schon."

Er sagte sich, dass Jennifer Winston ihm nicht weglaufen würde. Er konnte sie im Blick behalten und gleichzeitig seine Bürgerpflicht tun. Es war allerdings riskant, seiner Zielperson so nah zu kommen. Womöglich würde sie ihn später wieder erkennen und merken, dass sie beschattet wurde. Doch es reizte ihn, ihr in die Augen zu sehen, während er sie observierte. Das war genau nach seinem Geschmack.

Er beantwortete die lange Liste von Fragen nach seinem Gesundheitszustand, ließ den Eisengehalt seines Blutes testen und nahm auf einer gepolsterten Liege Platz, wobei er Jennifer nicht aus den Augen ließ. Sie unterhielt sich lachend mit Lorna. So freundlich und zugänglich hatte er sie noch nicht erlebt. Jetzt lächelte sie in die Runde und erhielt herzliche Reaktionen. Kokett warf sie ihr schulterlanges blondes Haar in den Nacken, winkte jemandem zu, der zur Tür hereinkam – und bemerkte Quinn.

Er sah, wie sie stockte. Ihr Lächeln verschwand, und sie ließ langsam den Arm sinken.

War er enttarnt? Quinn spannte alle Muskeln an und war bereit, ihr nachzusetzen, falls sie flüchten sollte. Doch dann stieß Lorna sie mit dem Ellbogen an, und Jennifer senkte verlegen den Kopf.

Quinn beruhigte sich und fragte sich, ob es sich hier nur um das alte Spiel zwischen Mann und Frau gehandelt hatte. Unwahrscheinlich. Er bildete sich ein, dass er seinen Zielpersonen deshalb nie auffiel, weil er so durchschnittlich aussah. Er hinterließ keinen bleibenden Eindruck.

Andererseits gab es so etwas wie unterschwellige Anziehung. Beim Blickkontakt mit Jennifer Winston hatte sich sein Puls beschleunigt. Eine normale Reaktion auf die Gefahr, entdeckt worden zu sein, redete er sich ein. Doch es war lange her, dass seine Hormone dermaßen in Aufruhr geraten waren.

Mehrere Minuten vergingen. Jennifer Winston schaute ein paar Mal zu ihm herüber. Quinn verbarg sein Interesse gar nicht erst. Er würde schauspielern und vorgeben müssen, er wüsste nicht, dass ihr Freund wegen Unterschlagung in einer Gefängniszelle saß und dass man sie für seine Komplizin hielt.

Allerdings musste er extrem vorsichtig sein. Da er im Auftrag des Staatsanwalts arbeitete, hatte er quasi den Status eines Polizisten. Das bedeutete, er musste sich streng an das Gesetz halten.

Jennifer Winston kam auf Quinn zu, zögerte dann jedoch. Er hielt ihren Blick fest. Sie kam näher. So nah, dass er ihre Augenfarbe erkennen konnte. Blau. Hellblau, nicht braun!

Quinns Magen zog sich zusammen. Das Blut rauschte ihm in den Ohren, und ihm wurde ganz anders.

Dies war nicht Jennifer Winston, sondern ihre Halbschwester Claire. Grundschullehrerin, blaue Augen, bis gestern brünett. Claire, die brave Schwester.

Im Stillen fluchte Quinn. Jennifer war ihm entwischt. Sie könnte die Stadt verlassen haben, und niemand würde sie finden, vor allem nicht, wenn sie die fünf Millionen ihres Freundes bei sich hatte.

"Ziehen Sie die Nadel heraus", befahl Quinn der Krankenschwester.

Claire hielt inne. Sie wich ein Stück zurück, als die Schwester protestierte: "Noch eine Minute."

"Nein, sofort. Oder ich tue es selbst." Quinn griff nach der Nadel.

"Nicht doch!" Die Schwester schob seine Hand weg, zog die Kanüle heraus und drückte einen Tupfer auf die Einstichstelle.

Quinn hielt den Tupfer mit dem Daumen fest und schwang die Beine auf den Boden. Er musste überprüfen, ob Jennifer Winston untergetaucht war und ob Claire als Köder fungierte. Es konnte gar nicht anders sein.

"Sie sollten sich an den Tisch dort setzen, einen Saft trinken und ein paar Kekse essen", erklärte die Schwester. "Claire wird Sie begleiten."

Er stand auf. Von ihm aus konnte Claire zur Hölle fahren. Plötzlich stockte Quinn, denn der Fußboden kam ihm entgegen.

"Halt, ich muss das verpflastern!"

Die Stimme der Schwester schien aus einem Tunnel zu kommen. Quinn machte einen Schritt, und plötzlich wurde alles dunkel.

 

"Es erwischt immer die kräftigsten Männer", sagte Lorna. Sie trat neben Claire und betrachtete den attraktiven Mann, der soeben ohnmächtig geworden war. "Ich nehme ihm die Autoschlüssel ab", fuhr Lorna fort. "Ich wette, er widersetzt sich, wenn wir ihn eine Weile hier behalten wollen."

Claire musterte den bewusstlosen Mann, während Lorna ihm ein Schlüsselbund aus der Tasche zog. Zu dumm, dachte sie. Sie hätte gern mit ihm geflirtet, um zu testen, ob Männer tatsächlich Blondinen bevorzugten. Ihre Schwester Jennifer hatte sie am Abend zuvor überredet, sich die Haare zu färben, sozusagen als Auftakt zu den Sommerferien. Claire war ein wenig nervös, sie hatte sich sogar Kleider von Jennifer geborgt, denn ihre eigenen Sachen schienen nicht zu einer sexy Blondine zu passen. Dieser Fremde schien interessiert gewesen zu sein, doch nun würde er sich vermutlich zu sehr schämen, um mit ihr zu flirten.

Das war es dann wohl mit dem großen Experiment, dachte Claire und seufzte.

"Mr. Gerard", sagte Lorna, wobei sie sich neben Quinn hockte und ihm die Wange tätschelte.

Quinn öffnete die Augen. Verwirrt schaute er sich um, dann blieb sein Blick an Claire hängen.

Claire bemerkte, dass seine Augen braun waren mit kleinen goldenen Punkten, wie Bernstein. Sie fand es verunsichernd, ihn länger anzusehen. Sein dunkles Haar war fast militärisch kurz geschnitten. Sein Alter schätzte sie auf Mitte dreißig. Sein Körper war kräftig und muskulös. Er trug schwarze Jeans und einen grauen Pullover. Ein eher unauffälliger Typ, wenn er nicht fast zwei Meter groß wäre. Sie fand ihn attraktiv.

Weshalb wollte er plötzlich weg? fragte sie sich. Es war, als hätte ihr Anblick etwas in ihm ausgelöst. Aber er schien nicht der Typ zu sein, der vor etwas zurückschreckte, schon gar nicht vor einer harmlosen Grundschullehrerin mit frisch gefärbtem Haar und schicken Klamotten. Claire gab sich nicht der Täuschung hin, schön oder anziehend zu sein, obwohl sie sich an diesem Morgen ein bisschen so gefühlt hatte.

"Saft und Kekse, Mr. Gerard", mahnte Lorna erneut. "Sie dürfen hier erst weg, wenn wir es erlauben."

"Meinen Sie, Sie könnten mich festhalten?" gab Quinn herausfordernd zurück. Beim Aufstehen schwankte er leicht.

Claire beugte sich vor und war bereit, ihn zu stützen.

Lorna schwenkte sein Schlüsselbund.

Quinn lächelte kurz. "Ist es bei Ihnen Sitte, über bewusstlose Männer herzufallen?" erkundigte er sich bei Lorna.

"Brauchen Sie einen Rollstuhl bis zum Tisch?" konterte die.

"Das schaffe ich wohl so." Quinn grinste.

"Sie haben tatsächlich Angst vor Spritzen, wie?" fragte Lorna.

"Kann sein." Erneut sah Quinn Claire an. "Also gut."

Claire nahm an, er hätte sich die Schlüssel schnappen können, aber anscheinend sah er ein, dass er jetzt nicht fahren sollte. "Orange, Apfel oder Johannisbeere?" zählte sie auf.

"Orange, bitte." Kaum saß Quinn, holte er ein Handy hervor und wählte. "Cass? Wahrscheinlich bist du gerade ins Bett gegangen, aber ich fürchte, ich habe es verloren. Ja, es ist weg. Ziemlich sicher." Er sagte bewusst nicht "sie", um sich nicht zu verraten.

Claire schenkte Saft ein und stellte das Glas vor ihn hin. Dann schob sie ihm den Keksteller zu.

"Eine lange Geschichte und mein Fehler." Quinn warf Claire einen Blick zu, der ihr den Atem verschlug. "Du musst sofort hinüber und nachsehen. Es könnte zu spät sein, trotzdem. Ruf mich zurück." Er klappte das Handy zu und legte es auf den Tisch. "Vielen Dank."

"Gern geschehen."

Quinn stürzte die Hälfte des Safts in einem Zug hinunter. "Fällt hier oft jemand in Ohnmacht?"

"Jedenfalls sind Sie nicht der Erste."

"Aha, eine höfliche Antwort, um mich nicht in Verlegenheit zu bringen." Er trank aus und hielt ihr das Glas zum Nachfüllen hin. Dann nahm er sich einen Keks. "Arbeiten Sie schon lange hier?"

"Seit März helfe ich samstags aus, aber jetzt, in den Sommerferien, komme ich zusätzlich einen Tag pro Woche."

"Sind Sie Studentin?"

Claire wusste, dass sie jünger wirkte, als sie war. "Ich unterrichte an der Grundschule."

"Seit wann?"

Wollte er ihr Alter herausbekommen? "Seit vier Jahren." Und ich bin sechsundzwanzig. Ist das zu jung für dich? setzte sie im Geiste hinzu.

"Wann gibt mir Frau Feldwebel meine Schlüssel zurück?"

Claire lächelte über seine Bezeichnung für Lorna. "Vielleicht in einer halben Stunde. Sobald Ihr Zustand stabil ist."

"Das ist mir bis jetzt noch nie passiert."

Claire lächelte noch freundlicher. Also war er doch ein ganz normaler Mann, der Probleme damit hatte, Schwäche zu zeigen.

"Wirklich nicht", beteuerte Quinn noch einmal und schaute dabei zur Uhr.

"Ich glaub es Ihnen ja."

"Sie lachen über mich."

"Nur über Ihr angeschlagenes Ego. Ich finde es nicht schlimm, dass Sie keine Spritzen mögen."

"Da bin ich aber erleichtert."

Claire lachte über seinen trockenen Humor. Es kam ihr vor, als würde er sich etwas entspannen.

"Ich heiße Quinn Gerard", stellte Quinn sich vor und streckte ihr eine Hand entgegen.

"Claire Winston." Ihre Hand verschwand fast in seiner, seine Berührung war warm – und seltsam erregend. Das hatte sie noch nie erlebt. Nicht bei der ersten Begegnung, nicht bei einem Fremden.

"Weshalb helfen Sie hier aus, Claire Winston?"

Claire musste sich beherrschen, um ruhig zu bleiben. Nach all der Zeit sollte sie in der Lage sein, auf diese Frage gelassen zu antworten. "Vor einem halben Jahr hatten meine Eltern einen Autounfall. Mein Vater starb auf der Stelle, meine Mutter überlebte etwas länger, zum Teil auf Grund von Bluttransfusionen. Sie starb an anderen Komplikationen, aber wir hatten wenigstens Zeit, Abschied zu nehmen."

"Das tut mir Leid."

Seine Stimme klang sachlich, nicht sonderlich mitfühlend. Claire schob den Keksteller hin und her. "Was wir hier tun, hilft Leben zu retten."

"Unterrichten Sie gern?"

Der abrupte Themenwechsel verwirrte Claire einen Moment. "Ich liebe es, es war mein sehnlicher Wunsch. Und was machen Sie so?" Die oberflächliche Unterhaltung kam ihr merkwürdig vor. Hatte er etwas zu verbergen?

"Ich versuche nach Kräften, interessante Frauen kennen zu lernen."

Er konnte also doch flirten. "Ist das ein Beruf?" Claire fühlte sich geschmeichelt, blieb aber auf der Hut. Vielleicht mochte er nur ihr blondes Haar.

Bevor Quinn antworten konnte, betraten mehrere Menschen den Raum. Ihre ernsten Gesichter machten deutlich, dass es sich um Freunde, Verwandte oder eventuell Kollegen eines Patienten handelte, der eine Transfusion brauchte. Solche Menschen kamen meistens als Gruppe und lächelten nicht, es sei denn, aus Nervosität.

Lorna warf Claire einen um Unterstützung bittenden Blick zu.

"Entschuldigen Sie", sagte sie zu Quinn. "Ich werde gebraucht. Essen und trinken Sie, so viel Sie mögen."

Claire spürte Quinns Blick, während sie sich um die Blutspender kümmerte. Sie war sich in jeder Sekunde seiner Gegenwart bewusst. Ihr wurde heiß, ihr Puls ging schneller und unregelmäßiger. Eine solche Reaktion war ihr neu, und sie überlegte, ob sie ihm nicht ihr Interesse zeigen sollte. Bald hatte sie Mittagspause, und sie kannte ein nettes Café in der Nähe.

Kurz darauf klingelte Quinns Handy. Claire beobachtete, wie er sich während des Gesprächs veränderte. Er wurde ernst, und seine Schultern sanken herab, dann schob er das Handy in die Tasche. Er fing ihren Blick auf und tippte fragend auf seine Armbanduhr.

Claire trat neben Lorna. "Mr. Gerard wird ungeduldig."

"Miss seinen Blutdruck und den Blutzucker. Das kannst du doch allein."

Claire nahm die Geräte und ging an Quinns Tisch. Sie verstand sein Interesse an ihr nicht. Sollte es wirklich nur an der Haarfarbe liegen? Sie hoffte nicht. Aber hatte sie Jennifer nicht genau aus dem Grund nachgegeben – um männliche Aufmerksamkeit zu erregen? Allerdings eine ziemlich vordergründige Motivation.

Dennoch, ihre Hauptmotivation war gewesen, Abenteuer in ihr Leben zu bringen.

"Wenn die Tests okay sind, dürfen Sie gehen", erklärte sie und streifte sich Latexhandschuhe über. Er sollte mehr lächeln, dachte sie dabei und griff nach seiner Hand. Sie spürte dieselbe Wärme wie zuvor, dasselbe Prickeln, sogar durch die Handschuhe hindurch. Quinn strahlte Kraft aus und etwas merkwürdig Beruhigendes.

"Stimmt etwas nicht?" fragte er.

"Nein, nein." Claire konzentrierte sich auf ihre Aufgabe, reinigte seinen Finger mit Alkohol und stach dann in die Haut. Sie gab einen Tropfen Blut auf den Teststreifen, reichte Quinn einen Gazetupfer für die Wunde und legte den Teststreifen in den Messapparat. Anschließend griff sie nach der Manschette des Blutdruckgerätes.

Quinn zog nun seinen Pullover aus. Darunter war er nicht nackt, sondern trug ein weißes T-Shirt, das sich von seiner olivfarbenen Haut abhob und seine muskulösen Arme betonte.

Der Testapparat piepste. Dankbar für die Ablenkung, las Claire das Ergebnis ab. "Im normalen Bereich", erklärte sie.

"Gut."

Sie legte die Blutdruckmanschette um Quinns Oberarm und zog ihn an sich. Dann schob sie das Stethoskop unter die Manschette. Das hatte sie schon oft getan, doch dieses Mal wurde ihr heiß bei der Berührung.

"Sie ziehen sich anders an als die Grundschullehrerinnen, die ich kenne", bemerkte Quinn.

Claire zog erstaunt eine Augenbraue hoch. Offensichtlich schien er den Lederrock und ihre eng anliegende Bluse als ein gewisses Signal zu begreifen, was sie überraschte, da ihr Kittel fast alles verhüllte. "Und wie wäre das?" gab sie ein wenig schnippisch zurück.

"Praktisch und strapazierfähig."

So zog sie sich normalerweise auch an.

Schweigend pumpte Claire die Manschette des Messgeräts auf. Sie hatte ihren Job zu erledigen.

"Der Blutdruck ist in Ordnung." Sie ließ seinen Arm los und wickelte die Manschette ab. "Sie können jetzt gehen."

"Miss Winston … Claire."

Gelassen erwiderte sie seinen Blick. "Ja?"

Quinn zögerte. "Einen schönen Tag noch", sagte er dann und stand auf.

Er hatte nicht gewirkt wie jemand, der Platituden von sich gab. Schade, noch eine Enttäuschung, dachte Claire. "Danke, Ihnen auch."

Sie sah ihm nach. Um sicherzugehen, dass er nicht schwankte, redete sie sich ein. Aber ihr Puls beschleunigte sich, als er sich noch einmal nach ihr umsah.

Er sagte etwas zu Lorna, das sie auflachen ließ, dann reichte sie ihm seine Schlüssel. Claire bemerkte, dass er sie erneut fixierte, was ihr einen Stich versetzte. Verrückt, total verrückt, dachte sie. Er war ein Fremder. Ein dunkelhaariger, attraktiver Fremder, der ihr nicht einmal verraten hatte, was er beruflich machte. Geschickt wie ein routinierter Betrüger war er der Antwort ausgewichen. Stattdessen hatte er ihr ein Kompliment gemacht. Sie wandte sich ab. Kurz darauf spürte sie eine Berührung an der Schulter.

Er war zurückgekommen.

"Bis wann arbeiten Sie?" fragte Quinn.

Ihre Enttäuschung war vergessen. "Bis um vier", erwiderte sie eifrig.

Er nickte und ging.

Claire lächelte. Sie hatte sich ein Abenteuer gewünscht. Es sah ganz danach aus, als würde sich diese Begegnung zu einem entwickeln.

2. Kapitel

 

Seit vier Stunden schon saß Quinn in seinem Wagen, der in der Nähe von Claire Winstons Haus geparkt war, einem gepflegten viktorianischen Heim im familienfreundlichen Noe Valley, San Francisco. Es schien verlassen zu sein. Er hatte es nicht anders erwartet.

Ein paar Tage zuvor war Jennifer auf den Wagen des behördlichen Ermittlers zumarschiert und hatte den Mann verhöhnt. Daraufhin hatte man Quinn engagiert, der beachtliche Erfolge im Observieren vorweisen konnte.

Doch sie musste auch ihn ausgemacht haben. Offenbar hatte sie die Verwandlung ihrer Schwester genau geplant, um ihn in die Irre zu führen. Wusste Claire von Jennifers List? Quinn war sich nicht sicher. Immerhin hatte sie ihr Haar gebleicht, und ihre Schwester war plötzlich verschwunden. Äußerst verdächtig.

Quinn ärgerte sich maßlos, dass Jennifer ihn enttarnt hatte. So etwas war ihm noch nie passiert. Wie sollte er das Staatsanwalt Magnussen erklären, der ihn angeheuert hatte, weil seine eigenen Mitarbeiter versagt hatten?

Quinn sah auf die Uhr. Fast fünf. Seit einer Stunde hatte Claire Feierabend. Sie sollte längst zu Haus sein –, falls sie sich in ihrem sexy Outfit nicht noch irgendwo amüsierte.

Nervös trommelte er auf das Lenkrad. Draußen spazierten Menschen auf und ab. Es war ein typischer Samstag im Juni. Der Himmel war bedeckt, und es war kühl. Bis jetzt hatte ihn niemand darauf angesprochen, was er da die ganze Zeit trieb; das kam hin und wieder bei Überwachungen vor. Endlich erschien Claires Auto. Ihre Garagentür ging auf, sobald sie sie erreicht hatte.

Claire wollte in die Garage fahren, musste aber sofort abbremsen. Jennifers rotes Kabrio besetzte ihren gewohnten Platz.

Quinn atmete tief durch, als er den Wagen entdeckte. Jennifer war also noch da.

Claire parkte an der Straße und ging zu ihrem Haus, in jedem Arm eine Einkaufstüte. Ihr Hüftschwung war nicht übertrieben, aber sehr sexy. Als sie die Stufen hochstieg, erlaubte ihr kurzer Rock Quinn einen ausgiebigen Blick auf ihre schlanken Beine. Er beobachtete, wie sie die Tüten absetzte, die Tür öffnete und das Haus betrat.

Quinn machte es sich auf dem Fahrersitz bequem und war froh, dass er dem Staatsanwalt keinen Misserfolg melden musste. Samstagabend war ideal zum Ausgehen. Bald würde Jennifer herauskommen, Quinn würde sich an ihre Fersen heften, und sein guter Ruf wäre gerettet.

Doch Stunden später war Jennifer noch immer nicht aufgetaucht.

 

Claire trat einen Schritt zurück, um die duftigen weißen Gardinen zu bewundern, die sie gerade aufgehängt hatte. Es war die erste Etappe bei der Renovierung des Elternschlafzimmers, das sie nun übernehmen würde. Ein halbes Jahr nach den Todesfällen brachte sie es endlich über sich, in diesem Raum zu schlafen.

Sie warf dem Hund zu ihren Füßen einen Blick zu. "Und was meinst du dazu, Eraser?" fragte sie.

Eraser wedelte gemächlich mit dem Schwanz und schaute zu ihr auf. Sie hockte sich neben ihn und wühlte ihr Gesicht in das dichte graue Fell mit den weißen Haarspitzen. Der Hund knurrte selig, als sie seine Flanken kraulte und ihn an sich zog. Er war nur ein Mischling, aber Claire liebte ihn, wenngleich er ihr nie gehorchte.

"Die Gardinen sind wunderschön, nicht?" Im Schneidersitz saß sie neben Eraser und tätschelte seinen Kopf. Sie war stolz auf ihre Leistung.

Die Enttäuschung, dass Quinn sie nicht von der Arbeit abgeholt hatte, war überwunden. Sie sollte ihm sogar dankbar sein, fand sie. Vermutlich war er eine Art Gauner, zumindest war er ein komischer Vogel.

"Er ist keinen weiteren Gedanken wert, stimmt's?" fragte sie ihren Hund.

Eraser stellte die Ohren auf und lief bellend die Treppe hinunter. Einen Augenblick darauf erklang die Türglocke.

Überrascht stellte Claire fest, dass es fast zehn Uhr war. Sie hatte sich so sehr in ihre Tätigkeit vertieft und gar nicht gemerkt, dass es schon fast dunkel war.

Es klingelte erneut. Eraser bellte noch lauter. Wer mochte sie um diese Zeit besuchen? Vielleicht ein Freund von Jennifer, überlegte sie. Jemand, der nicht Bescheid wusste.

Claire nahm ihr Handy und ging nach unten, ohne Licht einzuschalten. Die Straßenlaternen spendeten genügend Licht, so dass sie die Treppenstufen erkennen konnte. Gut, dass alles dunkel ist, sagte sie sich. Sie konnte so tun, als sei sie nicht zu Hause, falls der Besucher ihr nicht behagte.

Sie ließ Eraser bellen, er hätte ohnehin nicht auf sie gehört, schlich zur Tür und spähte durch den Spion. Das Licht auf der Veranda brannte nicht, daher sah sie nur eine unscharfe dunkle Gestalt.

"Ich weiß, dass Sie da sind", sagte eine Männerstimme.

Claire sprang zurück. Eraser spürte ihre Erregung und hieb wild bellend mit den Pfoten gegen die Tür.

"Wer sind Sie?" fragte Claire, um sicherzugehen.

"Quinn Gerard."

Es war tatsächlich Quinn! Wieder schaute sie durch den Spion, konnte ihn aber nicht erkennen. Was fiel ihm ein? Hatte er sie verfolgt?

Entsetzt fuhr Claire sich mit der Hand an den Mund. Wie dumm von ihr!

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