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Dark Obsession – Watch me

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. Kapitel eins
  8. Kapitel zwei
  9. Kapitel drei
  10. Kapitel vier
  11. Kapitel fünf
  12. Kapitel sechs
  13. Kapitel sieben
  14. Kapitel acht
  15. Kapitel neun
  16. Kapitel zehn
  17. Kapitel elf
  18. Kapitel zwölf
  19. Kapitel dreizehn

Über dieses Buch

Er darf sie nicht lieben

Jahrelang hat er versucht, sich von ihr fernzuhalten. Denn Chance war als Bodyguard Angestellter ihres Vaters. Doch jetzt wird er von ihm beauftragt, Gwen zu beschützen – rund um die Uhr. Und je länger Chance bei ihr ist, desto größer wird sein Verlangen nach ihr. Nie wollte er eine Frau so sehr wie sie.

Doch Chance begreift bald, dass er nicht der Einzige ist, dessen Interesse Gwen weckte. Irgendjemand ist dort draußen, der sie bedroht und nicht aufgibt, bis er sie zerstört hat. Chance weiß, wenn er den Stalker nicht überführen kann, wird er die einzige Frau verlieren, die er je liebte.

Heiße Bodyguards, die durchs Feuer gehen für die Frauen, die sie beschützen sollen. Doch nicht alle Bodyguards sind so unschuldig, wie sie scheinen. Eine explosive Mischung aus Spannung und Leidenschaft.

Über die Autorin

New-York-Times-Bestsellerautorin Cynthia Eden schreibt düstere Romantic Suspense und sexy Paranormal-Romance-Romane. Sie hat Soziologie und Kommunikationswissenschaften studiert. Eden gehörte bereits dreimal zu den Finalisten des RITA® Award – sowohl in den Kategorien Romantic Suspense als auch Paranormal Romance. Seit 2005 ist sie Vollzeitautorin und hat bislang über 70 Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht.

CYNTHIA EDEN

DARK OBSESSION

WATCH ME

Aus dem amerikanischen Englisch von
Maximilian Boßeler

Prolog

»Wie viel?«

Chance Valentine hob langsam den Blick und sah dem Mann, der ihm gegenübersaß, in die grellblauen Augen.

»Du weißt, dass ich jeden Preis zahlen kann«, sagte Will Hawthorne und beugte sich vor. »Kommen wir also zur Sache, es gibt viel zu tun.«

Chance sah ihn gleichgültig an. »Du hast dein eigenes Security-Team. Ich weiß wirklich nicht, was ich noch für dich tun kann.« Will Hawthorne hatte einen Arsch voll Geld – und Arsch war in diesem Falle ein Schlüsselwort. Der Mann hatte sich überall Feinde gemacht, war Konkurrenten auf die Füße getreten – auf die Füße gestampft –, während er sich an die Spitze der Geschäftswelt hochgearbeitet hatte. Außerdem war er Chance’ ehemaliger Boss.

»Sie traut sonst niemandem aus dem Team. Sie schüttelt jeden Bodyguard ab, den ich auf sie ansetze.«

Sie.

Auf einmal fiel es Chance deutlich schwerer, seine gleichgültige Miene aufrechtzuerhalten.

»Gwen vertraut dir«, sagte Will. Seine blauen Augen verengten sich. »Nutze dieses Vertrauen. Komm ihr näher. Bleib in ihrer Nähe.«

Der Kerl wusste nicht, was er da verlangte. »Deine Tochter hat viele …«

»Meine Tochter spricht im Moment so gut wie gar nicht mit mir, aber das heißt nicht, dass ich nicht weiß, was gerade bei ihr los ist. Erinnerst du dich an das Arschloch, mit dem sie sich vor ein paar Monaten eingelassen hat? Der hatte so viel Dreck am Stecken, ich habe immer noch Albträume.«

Unter dem Tisch ballte Chance die Hände zu Fäusten. Ja, er erinnerte sich an den Mann. Er erinnerte sich auch daran, wie sehr er ihn hatte fertigmachen wollen. Chance war nicht entgangen, was der Kerl in der Vergangenheit abgezogen hatte. Und er hätte niemals zugelassen, dass Ethan Barclay Gwen wehtat.

Niemand tat Gwen weh.

Das war einmal Chance’ Mantra gewesen. Doch dann hatte er ihr das Herz gebrochen.

»Ich mache mir Sorgen um sie. Gwen ist nicht mehr dieselbe seit diesem Wichser Barclay.«

Chance räusperte sich. »Eine schwierige Trennung heißt nicht, dass die Frau rund um die Uhr einen Bodyguard braucht.«

»Jemand ist hinter ihr her. Heißt das vielleicht, dass sie Schutz braucht?«

Plötzlich war Chance angespannt. »Das wäre ein guter erster Satz für dieses Gespräch gewesen.« Anstatt in mein Büro zu stürmen und mir irgendwas von einem Job zu erzählen. Den großen Macker zu geben, deine übliche Geschäftsmannnummer abzuziehen.

Will nickte. »Ich vermute, es ist Barclay. Ich glaube, er ist hinter ihr her. Manche Männer können einfach nicht loslassen, Chance.«

Leider wusste Chance nur zu genau, wovon er sprach. »Hast du Beweise, dass er dahintersteckt?«

Will schürzte die Lippen. »Nein, aber irgendjemand ist in das Haus meiner Tochter eingebrochen. Jemand hat sie so oft angerufen, dass sie in den vergangenen zwei Monaten zweimal ihre Nummer wechseln musste. Wie schon gesagt, spricht sie nicht viel mit mir, aber ich werde sie bestimmt keiner Gefahr aussetzen. Ich will, dass du dich darum kümmerst. Ich will, dass du in ihrer Nähe bleibst.«

Aber was, wenn Gwen das nicht will?

»Du kennst diesen Barclay …« Will seufzte. »Ich möchte kein Risiko eingehen. Ich kann nicht. Gwen muss beschützt werden.« Er neigte den Kopf in Chance’ Richtung. »Deine Firma soll doch groß werden, oder? Du und deine Freunde, ihr wollt doch das gefragteste Sicherheitsunternehmen in D.C. sein? Ich kann dir dabei helfen, das weißt du. Wenn ich mit den richtigen Leuten spreche, wirst du mehr Kunden haben, als du bedienen kannst.«

Ja, das war Chance bewusst. Er wusste auch, dass Will in der Lage war, seine Kunden zu vergraulen.

Chance arbeitete schon seit Jahren in der Security-Branche. Einmal hatte er sogar den Präsidenten geschützt. Er beherrschte die Kunst, in jemandes Nähe zu bleiben, zum Schatten eines Klienten zu werden und dabei Ausschau nach möglichen Gefahren zu halten. Immerhin war er drei Jahre lang der Chef von Wills Security-Firma gewesen. Und das war sicher keine leichte Aufgabe.

Den Präsidenten zu schützen war ein Kinderspiel im Vergleich zu einem Job bei Hawthorne Industries.

Jetzt hatte sich Chance endlich selbstständig gemacht. Er und zwei seiner engsten Freunde hatten all ihre Ersparnisse in diese Firma gesteckt. In D.C. boomte das Personenschutzgeschäft, und er stand kurz davor, sich ein Stück von der Torte zu sichern.

Würde Will die richtigen Hebel ziehen … Oh ja, dann gäbe es Torte ohne Ende.

Und was ist mit Gwen?

Er sah sie in Gedanken vor sich, wie es nur zu oft passierte. Die bildhübsche Gwen. »Seit wann vertraust du mir deine Tochter an?« Die Worte klangen harscher, als Chance es beabsichtigt hatte.

»Das tue ich nicht. Ich habe oft gesehen, wie du sie anschaust.« Will biss die Zähne zusammen. »Aber ich weiß auch, dass du sie beschützen würdest. Sie lässt sonst niemanden an sich ran. Gwen ist zu klug. Wie schon gesagt, sie hängt jeden ab, den ich auf sie ansetze.«

»Und du glaubst, mich wird sie nicht abschütteln?«

»Ich weiß, dass sie das bei dir nicht schaffen wird«, sagte Will bestimmt.

Nein, das würde sie nicht. Chance rieb sich das Kinn und spürte den Bartschatten darauf. »Ich sehe mir die Sache an«, sagte er schließlich. »Dann werden wir sehen, ob wirklich jemand hinter ihr her ist oder ob du nur ein paranoider Bastard bist.« Bei Will übte er keine vornehme Zurückhaltung. Andere taten das. Chance nicht.

Er ließ sich von Wills Geld und Macht nicht einschüchtern. Das hatte er nie getan. Würde er nie. »Ich möchte eine Sache klarstellen … Ich mache das für sie. Wenn sie in Gefahr ist, werde ich die Gefahr eliminieren. Hier geht es nicht um dich oder irgendein Versprechen, von dem du denkst, du könntest es mir geben.«

Mit zufriedener Miene stand Will auf. »Ich mag ein paranoider Bastard sein, aber in meiner Welt zahlt sich das aus.« Er hob eine Augenbraue. »Du übernimmst den Fall?«

»Ich werde auf Gwen aufpassen.« Chance hatte ab dem Moment gewusst, dass er zustimmen würde, als Will Gwens Namen ins Spiel brachte. Er hatte es schon einmal bei ihr versaut, aber diesmal …

Vielleicht kann ich es wiedergutmachen.

»Gut, sehr gut.« Will strich sich über den bereits makellos glatten Anzug. »Ich will, dass du rund um die Uhr an ihrer Seite bist. Behalte sie im Auge, bis du und dein Team den Kerl, der hinter meiner Tochter her ist, gefunden und ausgeschaltet habt.« Er zögerte. »Da ist noch etwas … Sag Gwen nicht, wer dahintersteckt, kapiert? Sie soll nicht wissen, dass ich dich auf sie angesetzt habe.«

Das war ein riesiges »noch etwas«. Er sollte Gwen also anlügen?

»Wenn sie erfährt, dass du für mich arbeitest, wird sie dich genauso abhängen wie die anderen.«

»Ich bin kein Anfänger.« Er passte nicht das erste Mal auf Gwen auf. Damals hatte sie nicht einmal bemerkt, dass er da war.

»Sag nichts. Nicht, bis es absolut notwendig wird.« Die Falten um Wills Augen wurden noch tiefer. »Wir wissen beide, dass sie mich auch so schon genug hasst. Wir müssen ihr nicht noch einen weiteren Grund geben.«

Gwen und Will hatten eine … temperamentvolle Beziehung. Das lag vor allem daran, dass Will glaubte, er müsse alles und jeden um sich herum kontrollieren.

Und Gwen wollte nicht kontrolliert werden.

»Beschütze sie. Find heraus, wer zum Teufel hinter meiner Kleinen her ist. Und –« Will griff nach seinem Mantel. »Ich werde dafür sorgen, dass du mehr Kunden kriegst, als du zählen kannst.«

»Ich kann mir meine Kunden selbst beschaffen.« Er brauchte die Unterstützung dieses Typen nicht. Aber Gwen – wenn sie wirklich in Gefahr war …

»Nimm die Hilfe an, die ich dir anbiete.« Will hielt Chance’ Blick. »Gwens Sicherheit hat für mich oberste Priorität.« Er zögerte. »Übernimmst du den Fall?«

»Ich werde auf sie aufpassen.« Als könnte er sich jemals von Gwen abwenden. Nicht von ihr.

»Gut.« Will nickte ihm zu und ging zur Tür. Als er gegangen war, hörte Chance, wie er sich in der Lobby mit jemandem unterhielt.

Chance machte keine Anstalten, ihm zu folgen. Gwen. Mein Gott, würde er sich wirklich wieder mit ihr in die Fluten stürzen? Er war schon einmal nur mit Mühe über sie hinweggekommen. Und bis heute besuchte sie ihn in seinen Träumen, jede Nacht.

Es klopfte leise an der Tür. Er hob den Blick und winkte einen seiner Partner herein, Lex Jenson. Lex trat ein und schloss die Tür hinter sich. »Das ist also der große Macker.«

Chance schnaubte. »Er hat uns gerade damit beauftragt, seine Tochter zu schützen.« Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Oder hat es zumindest versucht.« Ich will sein Geld nicht. Nicht für Gwen.

Lex riss die Augen auf. »Gwen? Deine Gwen?«

Sie war nicht sein. Das war das Problem.

Zumindest bisher nicht …

»Er glaubt, jemand ist hinter ihr her.« Chance griff nach seiner Jacke. Warum hier noch herumtrödeln? Er wusste, wo sie wohnte. Er konnte sich sofort an die Arbeit machen. »Will möchte, dass wir herausfinden, wer. Und ich soll Gwen rund um die Uhr überwachen, bis der Typ ausgeschaltet ist.«

Chance eilte an Lex vorbei.

Der packte ihn am Arm. »Du hast mir erzählt, was zwischen euch beiden passiert ist, als ihr das letzte Mal zusammen wart.« Mit seinen grünen Augen sah er Chance prüfend an. »Ich dachte, sie wollte dich nie wiedersehen. War das nicht der Grund, warum du dich aus dem Staub gemacht und diese Firma mit Dev und mir gegründet hast?«

Nein, das war nicht der Grund gewesen.

»Gwen ist wichtig.« Er sah seinen Freund grimmig an. »Wir dürfen es auf keinen Fall vermasseln.«

Chance ging an seinem Kollegen vorbei und streckte die Hand nach dem Türgriff aus.

»Solange du sie nicht vögelst«, murmelte Lex, »dürfte alles glattgehen.«

Er biss die Zähne zusammen. Sorry, Alter, in der Hinsicht kann ich nichts versprechen.

Chance hatte schon viel zu lange die Finger von Gwen gelassen. Sie war die Frau, die er am meisten begehrte. Die ihn reizte und seine Selbstbeherrschung mit einem Blick in tausend Stücke reißen konnte.

Überwachung, rund um die Uhr – das würde die Hölle.

Oder das Paradies.

Kapitel eins

Die Musik dröhnte laut, und die Menge drängte sich dicht aneinander. Gwen Hawthorne stand mitten auf der überfüllten Tanzfläche und versuchte, die Aufmerksamkeit ihrer Freunde durch Rufen und Winken auf sich zu lenken. Sie fühlte sich gut, hatte keine Sorgen. Keine Ängste. Für ein paar Minuten konnte sie so tun, als wäre sie genau wie die anderen um sie herum.

Auch wenn sie das nicht war. Nicht wirklich.

Denn all die anderen waren wirklich glücklich. Sie trugen keine Maske. Gwen … Nun, sie war eine Meisterin der Täuschung, so viel stand fest. Das war sie schon immer gewesen.

Der Mann, mit dem sie gerade tanzte, zog sie an sich, und ihre Körper prallten mit Wucht aufeinander. Er sah gut aus, ja, wenn auch etwas zu hübsch und zurechtgemacht. Er versuchte krampfhaft, der Bewegung ihrer Hüften zu folgen, und Gwen wusste, worauf er als Nächstes hoffte.

Eine schnelle Nummer. Heißen Sex im Dunkeln.

Nicht mit ihr.

Gwen legte ihm die Hände auf die Brust. »Ich brauche eine Pause.« Sie musste ihm die Worte zwei Mal zubrüllen, dann befreite sie sich aus seiner Umklammerung.

»Wir könnten die Pause miteinander verbringen, Baby«, bot er sogleich an.

Sie schüttelte den Kopf. »Tanz weiter.«

Seine Züge verhärteten sich.

»Ich bin nur für die Musik hier«, erklärte sie ihm mit fester Stimme. »Ehrlich, tanz einfach weiter.« Und such dir eine andere zum Vögeln.

Er nickte, und für eine Sekunde sah er verärgert aus. Dann kam eine hübsche Rothaarige vorbei. Sie schwang die Hüften, und der Typ wandte Gwen den Rücken zu.

Sie seufzte erleichtert und bahnte sich ihren Weg durch die Menge. Nicht dass sie etwas gegen heißen Sex hatte, aber … Nun ja, nach ihrer letzten katastrophalen Erfahrung hatte sie dem Sex entsagt. Jedenfalls fürs Erste.

Ein heißer One-Night-Stand war ihr schon einmal teuer zu stehen gekommen. Sie würde diesen Fehler nicht noch einmal begehen.

Fast hatte sie die Bar erreicht, als sie plötzlich spürte, dass jemand sie ansah. Zuerst war es nur ein vages Gefühl, wie ein Kitzeln im Nacken. Dann wurde Gwen klar, dass sie beobachtet wurde.

Leider kannte sie dieses Gefühl in letzter Zeit nur allzu gut. So langsam jagte es ihr richtig Angst ein.

Sie wandte sich um und ließ den Blick über die Köpfe der Männer schweifen, die an der Bar saßen. Dann …

Ein Paar dunkle Augen, so dunkel, dass sie beinahe schwarz aussahen, trafen ihren Blick. Tiefe, dunkle Augen.

Für einen Moment vergaß Gwen tatsächlich zu atmen.

Er kann es nicht sein. Er kann es nicht sein. Er kann …

Chance Valentine erhob sich von seinem Barhocker und kam in ihre Richtung. Oh, verdammt, er war es ohne Zweifel. Und er steuerte direkt auf sie zu.

Mut war nie eine von Gwens Stärken gewesen. Und da sie sich beim letzten Mal, als sie Chance sah, völlig zum Affen gemacht hatte, dachte sie ernsthaft darüber nach, sich einfach umzudrehen und wegzurennen.

Also drehte sie sich um.

Und versuchte, einfach wegzurennen.

Aber die Menge war zu dicht. Die Tanzenden waren betrunken. Sie standen ihr im Weg, und irgendein Typ packte sie am Handgelenk und zog sie an sich. Er musste ihre panischen Bewegungen als Aufforderung interpretiert haben, mit ihr zu tanzen.

Das waren sie nicht. Sie wollte einfach nur hier raus.

»Du riechst so gut«, sagte der Typ, als er sich zu ihr vorbeugte. »Du riechst wie –«

»Lass sie los«, sagte Chance mit tiefer, rauer Stimme, als er sich ihnen näherte. Dann schien er zu befinden, dass der Typ sie nicht schnell genug losließ, denn er packte ihn an den Schultern und schubste ihn weg.

»Hey!«, blaffte der jüngere, kleinere Mann. »Was zum …? Du kannst mich doch nicht einfach –«

Chance funkelte ihn mit seinen eins neunzig feindselig an. »Sie gehört zu mir.«

Da Chance ziemlich muskulös war und mindestens zwanzig Kilo schwerer war als der andere Typ, wunderte es Gwen nicht, dass sich ihr Beinahetanzpartner zurückzog und in der Menge verschwand.

Wenn sie doch nur ebenso einfach verschwinden könnte!

Stattdessen entschied sie, sich Chance zu stellen. »Lügen haben kurze Beine«, sagte Gwen gespielt vorwurfsvoll. Ihre Körper waren sich viel zu nah, dank der erdrückenden Menschenmenge. Um ein Haar berührten sie einander, und Chance zu berühren wäre ein schwerer Fehler.

Das letzte Mal hatte sich Gwen an ihm verbrannt.

Seine Lippen – etwas zu schmal und viel zu sexy – kräuselten sich leicht. »Bist du etwa vor mir weggelaufen?«

»Ich wollte einfach wieder tanzen gehen.« Auch sie konnte lügen. Außerdem würde Chance – Ich-befolge-immer-jede-Regel-und-jeden-Befehl-Chance – nicht mir ihr tanzen. Nicht in dieser Menge. Oder sonst irgendwo. »Wenn du also nichts dagegen hast …«

Er griff nach ihren Fingern, legte ihr die freie Hand auf den Rücken und zog sie an sich. »Ich habe absolut nichts dagegen.«

Sie starrte ihn fassungslos an. Sein dunkles Haar war dicht und etwas zu lang, sodass es seinen Kragen streifte. Auf den Wangen zeichneten sich dunkle Bartstoppeln ab. Sein Gesicht war genauso schön, wie sie es in Erinnerung hatte, auf eine harte, beinahe brutale Art. Mit seinem gefährlichen Blick war er ein Magnet für Frauen, die es eigentlich besser wissen müssten.

Frauen wie sie.

Tiefe, dunkle Lass-mich-dich-ficken-Augen. Hohe Wangenknochen. Ein harter, markanter Kiefer. Seine linke Braue war von einer blassen Narbe durchzogen, und selbst diese weiße Linie war sexy. Unglücklicherweise war in Gwens Augen alles an Chance Valentine sexy.

Und er … tanzte mit ihr. Bewegte sich langsam. Sinnlich. Die Musik hatte sich verändert, war nun kein wüster, dröhnender Beat mehr. Sie war weicher, sanfter. Wie für eine Verführung gemacht. Und seine Hand lag nur wenige Zentimeter über ihrem Arsch.

»Was machst du da?«, fragte Gwen. Sie hasste sich für das Quietschen in ihrer Stimme.

Chance lächelte. Es brach ihr das Herz, nur ein bisschen. Sein Lächeln hatte diese Wirkung auf sie, brachte sie durcheinander und ließ sie Dinge wollen, von denen sie wusste, dass sie sie nicht haben konnte.

»Wenn du mich das fragen musst«, brummte Chance leise, »bin ich ein noch schlechterer Tänzer, als ich dachte.«

Das war er nicht. Seine Bewegungen waren geschmeidig und sein Griff entspannt, und sie wollte ihm näher sein.

Sie wandte sich von ihm ab – oder versuchte es zumindest. Chance ließ sie nicht weit kommen. Er hat dich schon einmal zurückgewiesen, Gwen. Gib ihm nicht die Gelegenheit, es noch einmal zu tun. »Was machst du hier?« Gwen stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm über die Schulter zu schauen. »Das hier ist nicht gerade deine Art von Club.«

»Und woher willst du das wissen?«

»Dir steht nicht gerade ›Party‹ auf der Stirn.« Nein, dort stand Gefahr, in dicken, roten Lettern.

Er neigte den Kopf zur Seite. »Du kennst mich wirklich nicht besonders gut, Gwen.«

Als wäre das ihre Schuld! Sie hatte versucht, ihm näherzukommen. Der Typ war nicht gerade redselig.

»Ich habe dich gesehen, als ich den Club betreten habe.« Sein Griff wurde fester. »Der Blonde auf der Tanzfläche hätte dich am liebsten auf der Stelle gefickt.«

So lange hatte er sie beobachtet?

»Ihn hast du links liegen lassen, und im nächsten Augenblick kam schon der Nächste an. Du bist hier wohl sehr begehrt, Gwen.«

Sie hatte einen Kloß im Hals und musste schlucken. »Es ist ziemlich voll hier. Schau dich um, alle tanzen.« Sie reckte das Kinn. »Und ich hätte den Blonden sicher nicht auf der Tanzfläche gefickt.« Sie hatte ihm sehr deutlich gesagt, dass sie nur zum Tanzen hier war.

»Hast du etwa aus deinen Fehlern gelernt?«

Bei diesen Worten verlangsamte sich die Szene um sie herum. Alles wurde still. Das hatte er nicht gerade zu ihr gesagt.

»Es ist nicht sicher, mit Fremden aus Bars zu vögeln. Aber das weißt du mittlerweile selbst, nicht wahr?« Seine Züge wurden jetzt härter, sein Ton rauer. Er war wütend.

Genau wie sie. »Lass mich los«, sagte Gwen.

Er schüttelte kurz den Kopf.

»Lass mich los«, forderte sie noch einmal. »Sonst fange ich an zu schreien. Dann wirst du schon sehen, wie schnell dich die Türsteher hier rausbefördern.«

Für einen Moment sagte er nichts. Die Hitze seiner Berührung schien sie zu verbrennen. Gwen hielt die Luft an und machte sich bereit loszuschreien.

Er ließ sie los.

Schnell tat sie einige Schritte rückwärts. Sie stieß gegen die Tanzenden hinter ihr und stammelte eine Entschuldigung. Unter weiteren Entschuldigungen bahnte sie sich ihren Weg durch die Menge. Sie konnte nicht fassen, dass Chance sie gerade auf diese Weise verletzt hatte. Sie auf Ethan anzusprechen. Ja, sie wusste, es war ein Riesenfehler gewesen, Ethan mit nach Hause zu nehmen. Ihr Herz büßte bis heute dafür.

Aber sie brauchte keinen Chance, der ihr die Fehler aufzeigte, die sie gemacht hatte. Niemand war perfekt, nicht einmal der ach so starke Chance.

Sie eilte zurück zu ihrem Tisch, verabschiedete sich von ihren Freunden und griff nach ihrer Jacke. Gwen beschlich noch immer dieses Gefühl, als würde sie jemand beobachten.

Chance?

Sie sah sich nicht nach ihm um. Stattdessen steuerte sie schnurstracks auf den Ausgang zu. Sie riss die Tür auf und trat hinaus in die kalte Dezembernacht. Dezember in D.C. … Die meisten Politiker waren außer Stadt, und Schnee bedeckte den Boden. In dieser Nacht schneite es obendrein. Schneeflocken fielen schwerelos auf sie herab, und Gwen erschauderte. Sie schlang ihre Jacke noch enger um sich und zog den Kopf ein. Sie würde sich ein Taxi rufen und hier verschwinden. Gwen hob die Hand …

Und Chance nahm sie in seine.

Sie schnaubte, und die Kälte ließ ihren Atem wie eine kleine Rauchwolke aussehen.

»Es tut mir leid«, sagte Chance, und sie konnte das Grollen seiner tiefen Stimme beinahe spüren. »Ich habe dich da drinnen verletzt, und, glaub mir, das wollte ich wirklich nicht.«

Noch immer fielen Schneeflocken auf sie herab.

»Ich kann ein eifersüchtiger Arsch sein«, sagte er, während er sich ihr näherte. »Das hast du vermutlich schon gemerkt.«

Auf der Straße fuhren Autos vorbei. Sie konnte mühelos ein Taxi anhalten. Doch obwohl ihr die Zehen in den Stiefeln vor Kälte kribbelten, bewegte sich Gwen nicht. »Eifersüchtig?« Sie brachte das Wort nur mit Mühe hervor. Dann lachte sie leise, überzeugt, er würde sich über sie lustig machen. »Du warst nie eifersüchtig …«

»Ich hätte die Männer, die da drinnen mit dir getanzt haben, am liebsten geschlagen. Sie von dir weggeprügelt. Ich wollte der Einzige sein, der dich berührt.«

Sie musste sich verhört haben. Vielleicht waren ihre Ohren eingefroren, und sie hörte –

»Willst du wissen, wie lange ich schon darauf warte, Ethan Barclay eine zu verpassen?«

Ethan. Ihr Ex. Der Mann, der ihr beigebracht hatte, niemals den süßen Versprechen eines Fremden zu trauen. Der Mann, dem sie sich aus Verzweiflung zugewandt hatte …

Weil ich Chance nicht haben konnte.

Gwen schüttelte den Kopf.

»Von dem Moment an, als er dich berührt hatte.« Er trat noch näher an sie heran. So nah, dass sie die Wärme seines Körpers spürte. »Er hat sich genommen, was er niemals hätte anfassen dürfen.«

Was passierte hier gerade?

Chance sagte Dinge … Wie er sie ansah …

»Ich wollte dich.« Er neigte den Kopf zu ihr herunter. Seine Lippen waren ihr ganz nah. »Ich wollte derjenige sein, der dich fickt.«

Das passierte gerade nicht wirklich.

Er atmete tief ein. »Aber ich habe es vermasselt. Das weiß ich.«

Ja, das hatte er.

»Ich will, dass du mir noch eine Chance gibst.«

Da klappte Gwen der Mund auf. Zumindest glaubte sie das. Sie zitterte am ganzen Leib vor Kälte, daher konnte sie nicht ganz sicher sein.

»Du und ich«, flüsterte Chance. »Lass uns einfach schauen, was passiert.«

Gwen hatte bereits eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was passieren würde. Es wäre eine Explosion. Vielleicht auch eine Implosion. Sie würden sich berühren, sich gegenseitig um den Verstand bringen.

Aber dann käme das Danach. Und sie bliebe mit einem Scherbenhaufen zurück.

Kommt mir irgendwie bekannt vor.

Sie machte sich von ihm los und hob die Hand. Wie durch ein Wunder hielt binnen wenigen Sekunden ein Taxi neben ihr an.

Chance sah sie nur mit seinen dunklen Augen an.

»Mach’s gut, Chance«, sagte sie und griff nach der Tür des Taxis. Sie hatte ihre Lektion gelernt. Manche Feuer brannten zu heiß. Lieber würde sie frieren, als am Ende zu verbrennen.

Sie schlüpfte in das Taxi und stammelte dem Fahrer ihre Adresse zu. Als sich der Wagen vom Gehweg entfernte, ermahnte Gwen sich selbst, sich nicht nach Chance umzusehen. Aber sie tat es natürlich doch. Verdammt.

Der Schnee fiel auf ihn herab. Er hatte die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Und er … starrte ihr einfach nach.

Gwen zitterte auf ihrem Sitz. Sie hatte keine Ahnung, warum Chance Valentine plötzlich wieder in ihr Leben getreten war, aber sie war nicht so dumm zu glauben, dass es irgendetwas mit einem überwältigenden Verlangen nach ihr zu tun hatte.

Wenn es doch nur so wäre!

Sie wusste, was er für sie empfand. Chance und seine Beherrschtheit – dieser Mann ließ nichts und niemanden seine eiserne Selbstbeherrschung durchbrechen. Und mit Sicherheit war er nicht zu ihr gekommen, weil sein Verlangen nach ihr ihn übermannt hatte.

Nein, da war etwas anderes im Spiel. Sie musste nur herauskriegen, was es war.

Aber wenn es mit Chance zu tun hat … kann es nichts Gutes sein.

Er war der Sicherheitschef in der Firma ihres Vaters gewesen. Der Mann, der sich um jede Gefahr kümmerte, die aufkam. Nicht ohne Grund war er dafür bekannt, knallhart zu sein.

Warum also war dieser knallharte Typ hinter ihr her?

***

Er sah dem Taxi nach. Chance spürte die eisige Kälte des Schnees nicht einmal, der um ihn herumwehte. Innerlich schien er zu verbrennen. Er hatte es im Club vermasselt. Richtig verschissen, allererster Güte. Aber als er Gwen mit diesen anderen Männern gesehen hatte, war in ihm weißglühende Eifersucht aufgestiegen.

Als sein Telefon klingelte, eilte er bereits die Straße entlang. Ungeduldig kramte er es aus seiner Hosentasche hervor. »Valentine«, blaffte er.

»Ich dachte, wir wollten sie rund um die Uhr überwachen«, kam Lex’ schadenfrohe Stimme aus dem Hörer, »und nicht, sie in die Flucht schlagen.«

Lex konnte so ein Arschloch sein! »Du bist an ihr dran, oder?«

»Ich bin direkt hinter dem Taxi.«

Chance stieg ächzend in sein Auto. »Ich werde es noch vor ihr zu ihrer Wohnung schaffen.«

»Das wird sie bestimmt nicht in Verlegenheit bringen«, murmelte Lex.

»Ich kenne Gwen. Sie ist vorhin abgehauen, weil ich ein Idiot war.« Er knallte die Autotür zu. »Ich habe etwas Falsches gesagt. Das kriege ich wieder hin.«

»Besser wär’s, Alter. Ihr Vater hat so viel Einfluss, er kann uns ebenso gut groß rausbringen wie in den Boden stampfen.« Lex machte jetzt keine Witze mehr. »Wir brauchen ihn, das weißt du. Lass mich den Fall übernehmen, wenn zwischen dir und Gwen zu viel passiert ist, um …«

»Gwen gehört mir.« Das hatte Chance nicht sagen wollen. Oder doch? »Ich kriege das hin«, wiederholte er. »Vertrau mir.« Und wir brauchen Will Hawthorne nicht. Wir können es mit unserer Firma auch allein zu etwas bringen.

Am anderen Ende der Leitung seufzte Lex. »Na gut, aber denk dran: Ich halte mich bereit, falls du mich brauchst.«

Er beendete das Gespräch. Er benötigte Lex’ Hilfe nicht. Nicht bei Gwen. Er musste nur das Bild ihrer schmerzerfüllten grünen Augen aus dem Kopf kriegen. Als sie ihn angesehen hatte, mit blankem Schmerz. Es hatte ihm beinahe den Magen umgedreht. Und Gwen hatte keine Ahnung. Sie dachte, er spiele nur mit ihr. Oh nein! Heute Nacht war jedes seiner Worte wahr gewesen.

Er wollte Gwen, soweit es ihm möglich war, nur noch die Wahrheit sagen.

Chance fuhr auf schnellstem Weg durch die Stadt und wusste, dass er lange vor Gwens Taxi bei ihrer Wohnung ankommen würden. Fest umklammerte er das Lenkrad. Er war in den Club gegangen und hatte sie dort ausfindig gemacht. Wut war in ihm hochgekocht, als er sie auf der Tanzfläche entdeckt hatte, dicht gedrängt an diesen Wichser. Ihre Bewegungen waren so sexy gewesen, und der Vollidiot, mit dem sie tanzte, hatte sie eng umschlungen.

Chance hatte sie angesehen und gedacht: Auf gar keinen Fall. Wenn Gwen mit jemandem nach Hause geht, dann nur mit mir.

Er würde es nicht noch einmal mit ihr vermasseln.

Nach einer kurzen Fahrt durch den Schnee erreichte er Gwens Zuhause. Er parkte das Auto, klappte den Mantelkragen hoch und ging auf das Gebäude zu, in dem sie wohnte. Im Schatten der Häuser lehnte er sich gegen die steinerne Fassade und beobachtete die Szene. Niemand sonst war auf der Straße. Keine Nachbarn. Diese Gegend war viel zu einsam, als dass er hätte ruhig schlafen können. Besonders wenn Ethan Barclay wirklich hinter Gwen her war.

Er ließ die Hände tief in den Taschen. Er musste sich eine gute Strategie für Gwen überlegen.

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