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Dark Hope (01) – Gebieter der Nacht

Zu diesem Buch

Empathin Hailey Williams weiß vom ersten Moment an, dass sie ihr neuer Fall an ihre Grenzen bringen wird. Seit dem Wendejahr 2024, als sich magische Wesen auf der ganzen Welt der Menschheit zu erkennen gaben, arbeitet sie für The Last Hope, eine Organisation zur Vermittlung zwischen den magischen Arten. Als Beraterin musste sie schon mehr als einen heiklen Fall zwischen übernatürlichen Wesen schlichten. Doch mit Kyriakos, dem Herrscher des größten Vampirclans in Amerika, und Rave Jones, Anführer eines Rudels Wolf-Gestaltwandler, stehen sich zwei erbitterte Feinde in ihrem Büro gegenüber: Eine tote Wölfin wurde auf dem Territorium der Vampire gefunden und jemand scheint einen Krieg zwischen den Arten lostreten zu wollen, der die gesamte Weltordnung ins Wanken bringen könnte. Hailey bleibt wenig Zeit, doch wie soll sie als unparteiische Instanz vermitteln, wenn der geheimnisvolle Vampirfürst dabei viel zu tief in ihre Seele blickt und eine Leidenschaft in ihr weckt, der sie unmöglich widerstehen kann?

Für dich, Kyriakos. Danke, dass du mich gefunden hast. Ich werde dir ewig dafür dankbar sein, dass du mich in diese Welt geholt hast. Du wirst immer der Erste sein.

Außerdem widme ich dieses Buch meinem Vater. Dafür, dass du mich immer unterstützt. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel mir das bedeutet. Ich hab dich lieb.

Das Schicksal kann uns auf zwei Weisen zerstören: Indem es uns unsere Wünsche verwehrt … oder indem es sie erfüllt.

Henri Frederic Amiel

Prolog

Das Jahr 2024 markierte eine Wende in der Geschichte der Menschheit.

Es war ein Samstagnachmittag gewesen. Am 16. Juli 2024. Die Sonne stand hoch am Horizont und badete die Stadt in ihr gleißendes Licht. Es waren nicht mehr viele Menschen auf den Straßen unterwegs. Es war zu heiß und die Luftfeuchtigkeit viel zu hoch, als dass es irgendjemand gewagt hätte, auf die Straße zu gehen.

Und dann, von einem Moment auf den anderen, veränderte sich das Angesicht der Erde für immer.

Heute nennen es manche Magie, andere nennen es Natur. Und wieder andere denken, dass es die Rache unbekannter Götter war. Ich persönlich denke, dass es Magie ist, nur hatte die Menschheit längst vergessen, dass Magie ein Teil ihrer Natur ist.

Die Magie erhob sich wie eine wutschnaubende Bestie, zusammengesetzt aus all den Albträumen, die im Laufe der Jahrhunderte in den Köpfen der Menschen entstanden waren. Erzürnt darüber, dass man sie so lange vergessen und ignoriert hatte.

Und dann kamen die Monster.

Jedenfalls nannte ein Teil der Menschheit sie so, zu Beginn jedenfalls. Kreaturen erhoben sich aus den Schatten, wie man sie nur aus Legenden kannte. Zottelige Bestien mit scharfen Klauen und riesigen Zähnen, denen niemand etwas entgegensetzen konnte. Wesen, die aussahen wie Menschen, aber für solche viel zu schön, ja viel zu perfekt waren. Doch in ihrem Inneren lauerte eine nicht minder gefährliche Bestie. Getrieben von einem unersättlichen Hunger, der nur mit Blut gestillt werden konnte. Aber niemals gänzlich verschwinden würde. Männer und Frauen, die eine seltsame Sprache benutzen und unter deren Händen sich die Magie formen ließ, zu Dingen, für die niemand einen Namen hatte. Und das war noch nicht alles. Plötzlich sah sich die Menschheit damit konfrontiert, dass all die Geschichten, die in Büchern oder früher am Lagerfeuer erzählt wurden, wahr waren. Alle Legenden waren wahr. Es gab diese Kreaturen plötzlich wirklich, die vorher nur in Gruselgeschichten existiert hatten.

Die nächsten Wochen waren das reinste Chaos. Tausende starben, flohen oder wurden verrückt. Das Antlitz der Welt hatte sich verändert und niemand wusste, wie man damit umgehen sollte. Aber der Mensch hätte nicht so lange überlebt, wenn er kein Überlebenskünstler wäre. Und so, nachdem sich der erste Schock gelegt hatte, erhob sich die Menschheit wieder.

Zum Ende des Jahres 2024 bestand die Bevölkerung der Erde nicht mehr nur aus Menschen. Es gab Vampire, Gestaltwandler, Magier, Feen … Um es einfacher auszudrücken: Die Menschen lebten nun Seite an Seite mit magischen Kreaturen.

Die Weltordnung hatte sich geändert.

Es wurden Räte und Organisationen gegründet. Es gab Gruppierungen, die die anderen Wesen vom Antlitz dieser Welt tilgen wollten. Doch schon bald mussten sie einsehen, dass dies nicht funktionieren konnte. Es wurde eine neue Ordnung der Dinge geschaffen. Die anderen Wesen bekamen Rechte, Gesetze änderten sich, und sie wurden ein Teil der Gesellschaft. Eine ganze Weile später stellte sich heraus, dass es überall auf der Welt geschehen war. An manchen Orten stärker als an anderen. Aber dennoch, die Menschen waren nun nicht mehr die Einzigen, die diesen Planeten bevölkerten.

Und heute, fast zehn Jahre später, leben die Menschen neben Gestaltwandlern und Vampiren und anderen magischen Wesen. Manche führen Ehen mit einem magischen Wesen, andere haben Freunde, denen regelmäßig Fell und Klauen wachsen.

Wir haben uns angepasst. Wir haben überlebt.

Ich habe ja gesagt, wir sind Überlebenskünstler.

Aus dem Tagebuch eines Beobachters

1

Hailey starrte an ihre Zimmerdecke. Der Ventilator drehte müde seine Kreise, aber irgendwie schaffte er es dennoch nicht, die gewünschte Kühlung zu bringen. Wen wunderte es? Es war mitten im Frühling, und der Sommer war nicht mehr weit entfernt. Und in Louisiana war der Sommer milde gesagt schwül. An manchen Tagen fühlte es sich an, als könnte man die Luft mit einem Messer zerschneiden, wenn man sich nur genug Mühe gab.

Aufseufzend warf sie das dünne Laken von sich, das ihr in diesen Tagen als Decke diente, und stampfte ins Badezimmer. Der Wecker auf ihrem Nachttisch zeigt 3.46 Uhr in der Früh. Draußen regte sich nichts außer ein paar Vögeln und dem Zirpen der Grillen. Ein Albtraum hatte Hailey aus dem Schlaf gerissen, und die jahrelange Erfahrung sagte ihr, dass sie Schlaf jetzt vergessen konnte. Also war die wahrscheinlich beste Entscheidung, eine Dusche zu nehmen, eine kalte wohlgemerkt, und sich auf den Tag vorzubereiten.

Als das kalte Wasser ihren verschwitzten Körper traf, erschauerte sie erst, um dann einen Seufzer der Erleichterung auszustoßen. Es waren halt immer noch die simplen Dinge im Leben, die einen glücklich machen konnten. Nachdem sie fertig geduscht war und sich in eine alte Jeansshorts und ein übergroßes T-Shirt gekleidet hatte, machte Hailey sich auf den Weg in die Küche. Diese unchristliche Zeit schrie geradezu nach einer warmen Tasse Tee. Ja, sie wusste, dass die meisten Menschen, die sie kannte, sich wohl eher Kaffee einflößen würden, und das am besten intravenös, doch Kaffee war nie ihr Ding gewesen. Während das Wasser zu kochen anfing, setze Hailey sich an die Theke in ihrer Küche, die diese vom Wohnzimmer trennte, und starrte aus dem gegenüberliegenden Fenster. Ihre Schicht begann erst in etwa vier Stunden. Was sollte sie bis dahin tun?

Mehr aus Gewohnheit als aus wirklicher Lust griff sie nach der Akte, die auf der Theke vor ihr lag und klappte sie auf. Ihr aktueller Fall. Ein Mädchen, vierzehn Jahre, Opfer eines gewalttätigen Vampirangriffs, Diagnose: posttraumatische Belastungsstörung. Das arme Ding hatte seit über einem Monat nichts mehr gesagt, bevor sie zu Hailey gekommen war. Niemand durfte sie anfassen. Ihre Wunden konnten damals nur versorgt werden, weil ein Sanitäter es geschafft hatte, ihr ein Narkotikum zu spritzen. Als sie wieder zu sich gekommen war, hatte sie sofort angefangen zu schreien, wenn jemand sie anfasste. Bis gestern wusste niemand, wie sie hieß, da sie kein Wort sprach. Es war so gut wie nichts über sie bekannt, und es schien auch niemand nach ihr zu suchen. Ja, die schwierigen Fälle landeten immer bei Hailey.

Sie arbeitete für eine Organisation, die sich The Last Hope, die letzte Hoffnung, kurz TLH, nannte. Für diese Organisation waren die verschiedensten Menschen tätig. Männer und Frauen unterschiedlichsten Alters, Kämpfer, Ärzte, Psychologen und viele andere. Hailey war offiziell eine Beraterin. Inoffiziell bedeutete das, dass sie aufgrund ihrer Fähigkeiten einen speziellen Draht zu Menschen aufbauen konnte, und das innerhalb weniger Momente. Damit war ihr Aufgabenspektrum riesig. Sie beriet einzelne Parteien in magischen Angelegenheiten, von Menschen bis zu Vampiren, verhandelte zwischen Organisationen, Gruppierungen oder verschiedenen Spezies, sie vermittelte auch zwischen einzelnen Parteien, zum Beispiel zwischen einem angepissten Werwolf und einer selbstgefälligen Fee, und manchmal, was gar nicht so selten vorkam, wie man annehmen sollte, versuchte sie die geschädigte Psyche eines Menschen zu reparieren, wie in ihrem aktuellen Fall.

Hailey war eine Empathin.

Es gab nur sehr wenige von ihnen, und vor der Wende hatte sie nicht einmal gewusst, was so komisch, so falsch an ihr gewesen war. Und danach ging alles ganz schnell. Die Menschen merkten ziemlich fix, dass es auch unter ihnen eine gewisse Andersartigkeit gab. Nicht unbedingt gleich magische Kreaturen, aber doch Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Akademien wurden aus dem Nichts errichtet, und Menschen wie Hailey bekamen dort eine Ausbildung. Sie war damals noch sehr jung gewesen, dreizehn Jahre alt, und ihre Kräfte waren noch formbar und konnten geschult werden. Andere hatten nicht so viel Glück gehabt. Die Zeit der Wende brachte viele Opfer mit sich.

Aber Hailey hatte Glück, und sie gelangte auf eine der besagten Akademien. Ihre Eltern waren schon lange tot, und ihre Pflegefamilie war froh, das komische Mädchen loszuwerden, das grundlos zu weinen anfing und im Allgemeinen einen sehr labilen emotionalen Zustand hatte. Fünf Jahre später machte sie ihren Abschluss mit Auszeichnung und begann danach direkt für TLH zu arbeiten. Es war ein guter Job, der sie erfüllte und ihr die Möglichkeit gab, ihre Fähigkeiten für etwas Gutes einzusetzen. Dennoch sehnte sie sich manchmal nach mehr. Aber sie konnte nie genau sagen, worin dieses »mehr« eigentlich bestehen sollte. Es fühlte sich einfach so an, als würde ihr etwas fehlen. Sie hasste dieses Gefühl.

Das Pfeifen des Teekessels holte sie wieder in die Gegenwart zurück. Hailey erhob sich von dem Hocker und machte sich an die Zubereitung ihres Tees, während sie über ihren aktuellen Fall nachgrübelte. Vampire machten sie immer nervös. Sie wusste nicht, woran es lag, aber etwas an ihnen weckte in Hailey den Wunsch, die Fähigkeiten, die sie während ihrer Grundausbildung bei TLH erlernt hatte, anzuwenden. Jeder, der bei TLH anfing, von der einfachen Sekretärin bis zum Krieger, durchlief eine Grundausbildung, bestehend aus mentalem Training, Basiswissen in den verschiedensten Kampfkünsten sowie in Selbstverteidigung und Deeskalation (worüber sich die Kämpfer in der Regel nur amüsierten, da ihre Deeskalation meist in einem blutigen Gemetzel endete). Dazu kamen weitere psychische und physische Trainingseinheiten.

Die Gestaltwandler hatten eine strenge Ordnung und blieben meist in den Reihen ihres Rudels, die Magier stellten in den seltensten Fällen eine Bedrohung dar, genauso wie die Hexen und die meisten anderen magischen Kreaturen waren sie entweder Einzelgänger, oder es gab so wenige von ihnen, dass sie einfach keine Bedrohung darstellen konnten. Nicht, dass es hier zu Missverständnissen kommt: Alle magischen Wesen waren gefährlich und konnten großen Schaden anrichten, ohne gleich in einer großen Anzahl aufzutreten, dennoch entschieden sich die meisten für ein friedliches Miteinander.

Aber Vampire … Es jagte ihr jedes Mal einen Schauer über den Rücken, wenn sie auf die eiskalte Wand von deren Gefühlen traf. Jeder sandte auf einer unterschwelligen Frequenz Emotionen aus. Immer. Das war wie ein Gesetz. Nur Vampire nicht. Bei den meisten fühlte es sich an, als hätten sie gar keine, obwohl Hailey wusste, dass das nicht stimmen konnte. Jedes Wesen hatte Gefühle. Es ging gar nicht anders.

Mit der Tasse in den Händen lief Hailey wieder zu ihrer Theke und starrte in ihre Mappe. Große, vor Angst dunkle Augen sahen sie an. Aus einem kleinen Gesicht, das eigentlich von der Unschuld eines Kindes geprägt sein sollte, war es aber nicht. Das blonde Haar fiel ihr in leichten Wellen um den Kopf und endete knapp über ihrem Schlüsselbein. Auf der linken Seite ihres Halses befand sich eine widerliche Narbe. Mehrere dicke, gezackte Linien zogen sich über die gesamte Seite und entstellten die ansonsten makellose Haut. Sie waren ein paar Nuancen heller als das restliche Gewebe und schimmerten leicht rosa. Die Narbe würde nie völlig verschwinden. Es sah nicht immer so aus, wenn ein Vampir jemanden biss. Nein, in der Regel blieb nicht der kleinste Beweis ihrer Nahrungsaufnahme zurück. Nur wenn ein Vampir verrücktspielte und wie eine tollwütige Bestie einen Menschen angriff, wie im Fall des kleinen Mädchens, dann blieben am Ende solche Narben zurück. Falls das Opfer überlebte.

Seit gestern wussten sie, wie das Mädchen hieß: Nina. Hailey hatte es in einer fünfstündigen Sitzung geschafft, ihr ihren Namen zu entlocken. Aber das war auch schon alles gewesen. Heute würde sie wieder mit Nina sprechen. Das Ziel war es, die emotionalen und psychischen Wunden dieses Kindes so weit zu heilen, dass sie in staatliche Obhut übergeben werden konnte. Mehr konnte Hailey nicht für sie tun.

Sie stand auf und spülte ihre Tasse aus, bevor sie sie zum Abtropfen liegen ließ. Es war jetzt beinahe fünf Uhr morgens, und Hailey entschied, dass es Zeit war, zur Arbeit zu fahren. Seit der Wende hatte sich das Gesicht der Welt verändert. Wie sich bald herausgestellt hatte, waren Gestaltwandler und Co. etwas weiter entwickelt, als die Menschen. Inzwischen gab es Automotoren, die keine schädlichen Abgase mehr produzierten, die Medizin hatte einen großen Sprung gemacht, und Hailey wollte gar nicht wissen, was in geheimen Labors noch so alles entwickelt wurde.

Sie schnappte sich die Mappe vom Tresen und verstaute sie in ihrer Tasche, bevor sie sich ihre Schlüssel griff und das Haus verließ. Es war nicht nötig, sich etwas Formelleres anzuziehen. Und außerdem war es selbst um diese Uhrzeit definitiv zu warm für ein Kostüm oder etwas in der Art.

Sie lebte etwa dreißig Minuten Autofahrt entfernt von New Orleans. Hier war es etwas ruhiger und weniger dicht bevölkert, während das geschäftige Treiben von New Orleans sie wahrscheinlich irgendwann in den Wahnsinn treiben würde. Es gab dort einfach zu viele Emotionen, zu viele, um sie alle verkraften zu können. Zwar hatte Hailey mentale Barrieren und Schilde, die sie schützten, aber man konnte schließlich nicht sein gesamtes Leben immer in Habtachtstellung verbleiben. Von Zeit zu Zeit musste man auch mal loslassen.

Und das ging in einer Stadt wie New Orleans nicht. Jeder ließ ein gewisses Maß an Emotionen in seine Umwelt entweichen. Eigentlich war es ganz einfach. Jedes Wesen hatte eine Art Tür, hinter der sich die Emotionen verbargen, und in den meisten Fällen war diese Tür halb offen oder zumindest einen Spaltbreit offen. In den seltensten Fällen verschließen wir diese Tür vollständig. Wir wollen uns mitteilen und verstanden werden. Das ist ein Grundbedürfnis der meisten Menschen und auch anderer Wesen. Und da Haileys Sinne darauf programmiert waren, die kleinste Nuance der Gefühlswelt ihrer Umgebung wahrzunehmen, würde das stetige Eindringen in ihre Sinne sie irgendwann verrückt werden lassen.

Selbst für eine Empathin waren Haileys Sinne ausgesprochen fein. Das war auch der Grund, warum Haileys Tür aus massivem Stahl war, umgeben von einer nie enden wollenden Mauer. Außerdem hingen Ketten an der Tür, so dick wie ihre Oberarme und mit mehr Vorhängeschlössern, als sie zählen konnte. Ja, man konnte sagen, dass sie es sehr genau nahm mit der Sicherheit ihrer Gefühlswelt.

Knapp vierzig Minuten später betrat Hailey ihr Büro bei The Last Hope. Trotz der frühen Stunde herrschte bereits geschäftiges Treiben. Hier war in der Regel immer was los. Das lag einfach daran, dass es in einer Welt, in der Menschen und magische Wesen koexistieren mussten, immer etwas zu tun gab für eine Organisation wie ihre. Sie kümmerten sich um alles, was zwischen den verschiedenen Gattungen passierte. Manchmal gegen Bezahlung und manchmal, wenn ihre Klienten nicht genug Geld hatten, eben ohne. Sie hatten genug private wie auch staatliche Unterstützer, sodass sie nicht auf das Geld eines jeden Klienten angewiesen waren. Die schlichte Wahrheit war, dass sich sonst auch niemand um Streitigkeiten oder Angriffe oder was auch immer zwischen den Arten vorfiel, kümmern wollte.

Gerade als Hailey ihren Hintern auf ihren Stuhl verfrachtet hatte, eine weitere Tasse Tee in den Händen, drang die Stimme der Empfangsdame in ihren Kopf. Naomi Andrews war eine mittelgroße, etwas mollige Frau mit honigfarbener Haut und zwei unterschiedlichen Augenfarben. Das eine blau, das andere grün. Ihre Haare hatten einen schokoladenfarbenen Ton und waren in einen absolut vollkommenen Bob frisiert, der ihr hervorragend stand und ihre fein geschnittenen Gesichtszüge perfekt einrahmte. Bei direkter Sonneneinstrahlung zeigten sich goldene Strähnen in ihren Haaren. Gelinde gesagt war sie schön. Außerdem war sie eine mehr als fähige Telepathin.

»Hailey, es ist gut, dass du da bist. Hier gibt es eine Angelegenheit, um die du dich kümmern musst.« Naomis Stimme klang leicht angespannt, was niemals ein gutes Zeichen war. Diese Frau konnte so gut wie nichts aus der Ruhe bringen. Sie war Anfang vierzig und die gute Seele von TLH. Sie organisierte alles und kannte jeden Mitarbeiter persönlich. Selbst die hartgesottensten Kämpfer kuschten vor ihr. Eigentlich war sie nur Jack direkt unterstellt, dem Gründer und Chef von The Last Hope, aber sie kümmerte sich um sie alle wie eine Glucke. Obwohl manche der Mitarbeiter deutlich älter waren als sie. Aber das schien sie nicht zu kümmern.

»Bin schon unterwegs«, murmelte Hailey und machte sich auf den Weg zu Naomis Schreibtisch. Er befand sich am Anfang des zweiten Stocks, den Aufzügen direkt gegenüber und auf der gleichen Etage wie die Büros der Mitarbeiter, die eher innerhalb des Gebäudes arbeiteten. Berater wie Hailey, die Psychologen, die Vermittler und so weiter. In der dritten Etage befand sich nur das Büro von Jack Hunt, des Leiters von TLH, und einzig Naomi hatte direkten Zugang zu diesem Bereich. Im Erdgeschoss war der Empfangsbereich, wo sich ihre Klienten aufhielten, deren Anliegen zwei Sekretärinnen aufnahmen, bevor sie in die höheren Etagen geschickt wurden. Im ersten Stock lagen die Büros und Schlafstätten der Kämpfer. Viele kamen oft blutüberströmt und schwer verletzt zurück zu TLH, weil sie es nicht mehr bis nach Hause schafften, und blieben dann über Nacht. Das war auch der Grund, warum sich die Ärzte ebenfalls im ersten Stock befanden. Die Wahrheit war, dass weder die Ärzte noch die Kämpfer wirklich ein Leben außerhalb der Organisation hatten.

Aber wie kam sie dazu, darüber zu urteilen? Ihr Leben bestand praktisch auch nur aus ihrer Arbeit. Selbst ihre beste Freundin war eine Mitarbeiterin von TLH. Kristina war Ärztin und eine verdammt gute noch dazu.

Als sie Naomis Schreibtisch erreichte, wirkte diese leicht nervös.

Oh, oh, kein gutes Zeichen!

Was auch immer Naomi nervös machte, bedeutete definitiv Schwierigkeiten. Große Schwierigkeiten. Hailey blieb vor dem Schreibtisch stehen und hob eine Augenbraue.

»Also, was gibt’s?«

Naomi richtete ihr graues Kostüm und musste sich räuspern, bevor sie antwortete. Für Hailey war es ein Wunder, wie sie um diese Uhrzeit und bei diesen Temperaturen so perfekt gestylt hier sitzen konnte. Nicht ein Haar saß am falschen Platz, und ihr Kostüm war frei von jeglichen Falten oder Schweißflecken.

»Du musst die Vermittlerin spielen. Niemand anders ist gerade frei, und das hier muss sofort bearbeitet werden.« Sie blickte auf ihren Schreibtisch, und kurz danach schob sie Hailey eine Akte zu.

»Sie enthält die Darstellungen der beiden Parteien. Und einen kurzen Bericht der Polizei, aber die wollen sich da nicht einmischen, also müssen wir uns darum kümmern.« Hailey klappte die Mappe auf und erstarrte, als ihr der erste Name ins Auge sprang.

Rave Jones.

Bitte lass den anderen Namen nicht Kyriakos sein, bitte, bitte, bitte …

Kyriakos.

Kein Nachname. Aber den benötigte sie auch nicht. Jeder in dieser verdammten Stadt – ach was, jeder auf diesem verdammten Kontinent – wusste, wer Kyriakos war! Er war der Anführer des größten Vampirclans in Amerika. Niemand wusste genau, wie viele Vampire ihm unterstanden, und niemand besaß genug Informationen über den Clan, um eine Schätzung machen zu können. Und die Vampire unterstanden ihm bestimmt nicht, weil er so diplomatisch war.

Hailey hatte das starke Bedürfnis, den Kopf ein paarmal auf den Tisch zu knallen. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Sie schaute Naomi an.

»Verarschst du mich?«

»Ich fürchte, nein.« Naomi sah genauso aus, wie Hailey sich fühlte. Geschockt und ungläubig. Rave Jones war der Anführer des hiesigen Rudels der Wölfe. Eine Streitigkeit zwischen den Vampiren und den Wölfen. Super! Einfach perfekt!

In vielen Großstädten gab es ein Rudel Gestaltwandler. In New Orleans zum Beispiel war es ein Rudel Wölfe, in New York war es ein Rudel Leoparden, und in Atlanta gab es ein gemischtes Katzenrudel. Es waren meistens Raubtiere, die herrschten. Aber es gab auch andere Rudel Gestaltwandler, wie zum Beispiel die Wervögel oder die Werbären, die zwar Raubtiere waren, aber zu selten vorkamen, um die erforderliche Größe eines herrschenden Rudels zu haben.

»Ist denn niemand anders da, der sich darum kümmern kann? Daniel? Sara? Leo? Irgendjemand?« Alle weitaus bessere Vermittler als sie, und sie klang auch nur ein kleines bisschen verzweifelt.

Hailey wollte sich wirklich nicht darum kümmern. Zum einen gab es weitaus qualifiziertere Vermittler als sie, und zum anderen wollte sie sich einfach nicht darum kümmern. Sie arbeitete doch nur manchmal als Vermittler aufgrund ihrer empathischen Fähigkeiten. Rave Jones war nicht das Problem. Das Problem war Kyriakos. Etwas an ihm ließ sie innerlich aufschreien. Er brachte ihre mühsam erarbeitete Kontrolle zum Wanken, ihre Gefühle liefen Amok, und zugleich hatte sie höllische Angst vor diesem Kerl. Sie hatte ihn ein-, vielleicht zweimal gesehen und noch nie ein Wort mit ihm gewechselt, und trotzdem verfolgte er sie bis in ihre Träume. Nicht gut.

»Nein.« Naomi schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid. Kannst du mir mal verraten, wie mir meine empathischen Fähigkeiten helfen sollen bei einem Vampir?« Okay, ja, jetzt wurde ihre Stimme schon etwas hysterischer. Naomi musterte sie verwundert. Sie war nicht gerade dafür bekannt, emotionale Ausbrüche zu haben.

»Ich weiß, meine Liebe. Aber ich kann die beiden schlecht warten lassen. Und du bist die Einzige, die sich darum kümmern kann.«

Innerlich kapitulierte Hailey, und Naomi schien das zu merken.

»Sie sind in Konferenzraum eins.« Sie wünschte ihr noch viel Glück, bevor sich Hailey umdrehte und sich auf den Weg machte. Konferenzraum eins war der größte, den sie hatten. Vermutlich eine gute Idee.

Die Hand auf der Klinke atmete sie noch einmal tief durch und verschloss ihre Gefühle hinter der Stahltür in ihrem Kopf. Dann betrat sie den Raum.

2

»Hailey!« Rave Jones’ samtig weiche Stimme begrüßte sie. Er war ein schwarzer Wolf und in seiner Tiergestalt beinahe doppelt so groß wie sein tierisches Pendant. Eins fünfundachtzig groß und mit samtig schwarzen Haaren, die manchmal kurz geschoren waren oder wie heute lang genug, um seine Ohren halb zu bedecken, und so aussahen, als wäre er gerade aus dem Bett aufgestanden. Mit Augen, die wie flüssige Schokolade glänzten, und sonnengebräunter Haut, die in einem den Wunsch weckte, ihn zu streicheln, war er das Inbild animalischer Kraft. Aber jetzt lagen dunkle Schatten in diesen sonst so funkelnden Augen. Er hatte die schlanken Muskeln eines Kämpfers, die einem verrieten, dass er in einem Fight tödlich und schnell war. Und immer tanzte der Wolf in seinen Augen. Sein Tier war nahe an der Oberfläche. Er trug eine ausgeblichene Jeans und ein blaues Shirt, das seine Muskeln wunderbar zur Geltung brachte. Er hatte die Arme über der Brust verschränkt und grinste sie an. Sein Gesicht war kantig und männlich und dennoch so fein geschnitten, dass Frauen leise seufzten, wenn er an ihnen vorbeiging.

»Mister Jones.« Sie nickte in seine Richtung mit einem warmen Lächeln. Von ihm gingen Ärger und Unmut, aber auch Freude aufgrund ihres Kommens aus. Doch unterschwellig brodelte tief sitzender und kaum kontrollierter Zorn. Die Gefühle eines Gestaltwandlers waren immer rein und echt. Nichts verfälschte sie. Das hatte sie für Hailey schon immer sympathisch gemacht, und meistens fühlte sie sich unter ihnen ziemlich wohl, trotz der immensen Wucht an Gefühlen die Gestaltwandler nur selten kontrollierten.

Auf der anderen Seite des Raumes war es beunruhigend ruhig, und Hailey wollte sich dem Vampirführer nicht zuwenden. Sie wusste, dass er sich erhoben hatte bei ihrem Eintreten, sie hatte die Bewegung aus den Augenwinkeln wahrgenommen. Aber es half nichts. Das hier war ihre Aufgabe, ihr Job. Sie war eine Vermittlerin. Unparteiisch, neutral.

Sie atmete tief durch und wandte sich dann um, um Kyriakos anzublicken. Dunkelheit war das Erste, was einem in den Sinn kam. Nachtschwarze Haare, die ihm ohne den Ansatz einer Welle bis auf die Schultern fielen, nachtschwarze Augen mit einem roten Ring um die Pupille. Die einzige Möglichkeit, die Pupille überhaupt zu erkennen. Bis jetzt war er der einzige Vampir mit solchen Augen, den sie je gesehen hatte. Er war mindestens eins neunzig groß und bestand nur aus Muskeln. Muskeln entstanden und geformt durch ständige Kämpfe. Er war massiger als Rave, ohne wie ein Bodybuilder zu wirken. Und anzunehmen, dass er nicht schnell war, konnte womöglich der letzte Fehler sein, den man machte. Seine Haut war gekennzeichnet von der Makellosigkeit der Vampire und war gerade genug gebräunt, um nicht kränklich zu wirken. Was an sich schon ein Mysterium war. Wie konnte ein Vampir Sonnenbräune aufweisen, auch wenn es nur ein winziger Hauch von Sonnenbräune war?

Er trug eine schwarze Lederhose, ein schwarzes T-Shirt, das sich über seinem Brustkorb spannte, und – trotz der schon warmen Temperaturen – eine schwarze Lederjacke. Seine Arme hingen locker an den Seiten und versuchten eine entspannte Haltung zu imitieren, trotzdem konnte sie sehen, dass jeder Muskel angespannt war. Plötzlich hatte Hailey das Gefühl, dass ihr selbst alle Kämpfer von TLH nicht helfen konnten, sollte dieser Vampir sich dazu entscheiden durchzudrehen. Sie fühlte sich winzig und schwach im Angesicht solcher Macht. Seine Gesichtszüge konnte man nicht anders als aristokratisch beschreiben. Ausgeprägte Kinnlinie, eine gerade Nase, ausgeprägte Wangenknochen. Es war das Gesicht eines Mannes, der schon immer über anderen gestanden hatte, schon immer einer ganz anderen Welt angehört hatte. Und seine Augen … Hailey glaubte darin versinken zu können. Und die Sonnenstrahlen, die durch die vielen Fenster im Konferenzraum, schienen, störten ihn nicht im Geringsten. Er stand einfach da, ein Vampir, während Sonnenlicht seine Haut streichelte. Äußerst beunruhigend.

Und das, was sie am meisten beunruhigte, war, dass sie, als sie in seine einzigartigen Augen starrte, nicht den geringsten Hauch von Emotionen an ihm wahrnehmen konnte. Selbst als sie sich anstrengte, war dort nichts als gähnende Leere. Sie musste sich zusammenreißen, und zwar sofort.

»Meine Herren, lassen Sie uns bitte Platz nehmen.«

Hailey setzte sich an die eine Seite des lang gezogenen Tisches, während Rave und Kyriakos an der anderen Platz nahmen. Drei freie Stühle zwischen sich lassend …

Oh Mann!

»Meine Name ist Hailey Williams, und ich bin die Ihnen zugeteilte Vermittlerin von The Last Hope. Als Sie uns aufsuchten, versicherten Sie damit gleichzeitig, mir uneingeschränkt die Führung in dieser Sache zu überlassen und zu kooperieren. Sollten Sie ein Problem mit meiner Vorgehensweise haben oder mit meiner Person an sich, steht es Ihnen frei, entweder zu mir zu kommen oder sich an eine höhere Stelle zu wenden. Es sei Ihnen versichert, dass wir alles daransetzen werden, um Ihnen die bestmögliche Lösung bieten zu können, und wir werden nichts unterlassen, was zu Ihrer Zufriedenheit beitragen kann.«

So. Das war das Protokoll. Und ihre Stimme klang gar nicht mehr hysterisch. Ein Punkt für sie.

Rave schnaubte und schüttelte nur den Kopf. Gestaltwandler hielten nicht viel von gestelltem Verhalten, und Rave bildete da keine Ausnahme.

»Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe, und sind Sie damit einverstanden?« Sie blickte zuerst Rave an, der nickte, und dann Kyriakos, der keine Reaktion zeigte. Danach schob sie den beiden jeweils eine Ausgabe des Standardvertrags von TLH zu, wenn es um Vermittlungssachen ging. Im Wesentlichen stand darin genau das, was Hailey gerade gesagt hatte. Sie legte zwei Kugelschreiber auf den Tisch und wartete, dass die beiden unterschrieben. Damit würde dieser Fall zu einer offiziellen Angelegenheit der Organisation werden. Als Kyriakos keine Anstalten machte, wenigstens den Stift zu ergreifen, zog Rave die Augenbrauen zusammen und zögerte auch mit seiner Unterschrift.

Hailey wurde leicht nervös und fragte sich, was sie jetzt machen sollte. Wenn sich die beiden weigerten, den Vertrag zu unterschreiben, konnte sie nichts für sie tun.

»Miss Williams.« Als Kyriakos sprach, setzte ihr Herz einen kleinen Moment aus, bevor es umso schneller wieder anfing zu schlagen. Sie hoffte nur, dass niemand der Anwesenden etwas bemerkt hatte.

Er klang vollkommen ruhig, und dennoch schwang in seiner Stimme etwas mit, dass Hailey sich vorstellen konnte, wie eine Frau alles tun würde, was ihr diese Stimme leise ins Ohr flüsterte. Ganz egal, was es war. Sie sah ihn an und versuchte weiter tapfer zu sein. Bis jetzt machte sie das doch ganz gut.

»Ja?«

»Anhand der Begrüßung zwischen Ihnen und Mister Jones stellt sich mir die Frage, ob Sie in dieser Streitfrage tatsächlich unparteiisch agieren werden und können.«

Für einen Moment war Hailey verwirrt. Rave knurrte. Dann machte es klick. Rave und sie hatten sich wie alte Freunde begrüßt oder zumindest so, als ob sie sich persönlich kannten. Was nicht so ganz falsch war. Sie hatte bereits des Öfteren mit Rave Jones zu tun gehabt und würde ihn zu ihren Bekannten zählen. Mehr aber auch nicht. Kyriakos blickte sie weiter unentwegt an. Hailey widerstand dem Drang, sich unter seinem Blick zu winden.

»Ich versichere Ihnen, Mister …?«

»Kyriakos.«

Also gut.

»Ich versichere Ihnen, Kyriakos, dass Mister Jones und ich uns lediglich geschäftlich bereits begegnet sind und ich in dieser Sache vollkommen neutral bin. Sollten Sie allerdings weiterhin Bedenken haben, steht es Ihnen natürlich frei, jederzeit einen Antrag auf einen neuen Vermittler zu stellen.«

Sie wussten alle, dass es unter Umständen Tage oder Wochen dauern konnte, bis ein neuer Vermittler gefunden wurde. Er blickte sie noch einen Moment weiter an und ergriff dann den Stift und setzte seine Unterschrift unter den Vertrag. Rave tat es ihm gleich. Danach ergriff sie die Verträge und schob sie zurück in die Mappe.

»Nun gut. Als Nächstes möchte ich mir die jeweilige Darstellung von Ihnen beiden anhören. Zu diesem Zweck möchte ich gerne ein Gespräch unter vier Augen mit jedem von Ihnen führen. Haben Sie dagegen Einwände?«

»Nein«, ließ sich Raves Samtstimme vernehmen, und auch Kyriakos schüttelte fast unmerklich den Kopf.

»Sehr gut.« Sie wandte sich an Rave. »Mister Jones, ich würde gerne mit Ihnen beginnen. Kyriakos, wenn Sie so lange draußen warten würden, wäre ich Ihnen sehr verbunden. Ich werde Sie dann gleich wieder dazuholen.«

Mit einem Nicken erhob sich der Vampir und verließ lautlos den Raum. Sie konnte es nicht verhindern, aber als die Tür hinter ihm zuging, atmete sie erleichtert auf. Rave tat, als hätte er es nicht bemerkt, dennoch sah sie das Stirnrunzeln auf seinem Gesicht.

Bleib neutral!, ermahnte sie sich selber.

Natürlich hatte sich Hailey, bevor sie den Raum betrat, bereits die Schilderungen der beiden durchgelesen und auch den Polizeibericht überflogen. Aber es war immer besser, das Ganze noch einmal persönlich von den jeweiligen Personen zu hören. Außerdem musste sie sich zusammenreißen und diese unsinnige Reaktion ihrerseits auf Kyriakos unterdrücken. Nur eine kleine Verschnaufpause, und dann wäre sie bereit, ihm gegenüberzutreten.

»Also dann, Mister Jones …«

»Bitte, sag doch Rave, Hailey. Wir hatten ja jetzt schon ein paarmal miteinander zu tun.«

»Na schön. Dann erzählen Sie mir bitte Ihre Variante des Geschehenen, Rave.«

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, konnte Kyriakos nur mühsam ein Knurren unterdrücken. Die Empfangsdame blickte auf, als er auf den Flur trat, und wendete sich dann wieder ihrer Arbeit zu. Aber er hatte das nervöse Funkeln in ihren Augen gesehen. Das hatten sie alle, wenn sie ihn sahen. Und auch Hailey Williams hatte es gehabt.

Hailey Williams.

Er hätte schon wieder knurren können. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Von allen Mitarbeitern, die bei The Last Hope arbeiteten, musste es ausgerechnet Hailey Williams sein. Und als wäre das Ganze noch nicht schlimm genug, kam sie hier hereinspaziert in einer Jeansshorts, die den Namen Shorts nicht einmal verdient hatte, so kurz war das Teil! Und selbst unter dem zu großen Shirt konnte er die Rundungen ihrer Brüste und ihrer Hüfte erkennen. Nur mühsam konnte er seine verkrampften Hände wieder lockern. Für einen Moment schloss er die Augen und sah ihr Gesicht vor sich. Diese blaugrünen Augen mit winzigen goldenen Sprenkeln, wenn das Sonnenlicht sie traf. Und die jeweils von einem perfekten Kranz schwarzer Wimpern umgeben waren. Ihre Haut war absolut makellos und so hell wie Alabaster. Und das hatte schon etwas zu bedeuten, wenn ein Vampir so etwas dachte. Sie besaß die feinen Gesichtszüge einer Fee, ohne dabei zu zerbrechlich zu wirken. Ihre vollen rosa Lippen weckten in ihm den Wunsch, daran zu knabbern und danach sofort jedes männliche Wesen anzuknurren, das auch nur einen Blick darauf werfen wollte.

Am liebsten wäre er in diesem Moment zu den Aufzügen gegangen und hätte das Gebäude von TLH hinter sich gelassen. Aber hier ging es um eine tote Wölfin, die auf dem Territorium der Vampire gefunden worden war. Es ging darum, einen blutigen Krieg zu vermeiden, der viele Opfer fordern würde. Das war auch der einzige Grund, warum sich Rave Jones und er darauf geeinigt hatten, diese Sache in die Hände von The Last Hope zu geben. Beide waren nicht bereit, so viele ihrer Untergebenen zu verlieren.

Auch wenn der Clan nicht so enge Bande hatte wie das Rudel, so gehörten sie doch zueinander und hielten zusammen. Und er wusste, dass es nicht seine Leute gewesen waren, die die Wölfin getötet hatten. Wenn es seine Leute gewesen wären, hätte er die Schuldigen längst tief in den Kellern seiner Burg eingekerkert und würde sie so lange foltern und die Wände mit ihrem Blut schmücken, bis sie bereuten, auch nur jemals den Gedanken an dieses Verbrechen gefasst zu haben. Und danach würde er sie an einem öffentlichen Ort festnageln und warten, bis das Sonnenlicht ihre Haut in Flammen aufgehen ließ. Er war nicht gerade bekannt für seine Gnade.

Irgendjemand versuchte die Vampire und die Wölfe gegeneinander aufzubringen, und er würde herausfinden, wer dieser Jemand war. Und dann würde er ihn dazu bringen, den Tag zu bereuen, an dem er sich mit ihm angelegt hatte.

Niemand, wirklich niemand würde es wagen, Kyriakos’ Leute zu bedrohen.

Er war nicht der Anführer des Clans, weil er so nett und sympathisch war. Nein, er war der Anführer, weil er der älteste und mächtigste unter den Vampiren war und sie ihm bedingungslos gehorchten. Er war ihr König, und er würde sie bis aufs Blut verteidigen. Und dieser Wolf würde keinen seiner Leute beschuldigen. Er musste schon wieder ein Knurren unterdrücken.

Dieser Tag entwickelte sich ja wirklich prächtig.

Mit einem tiefen innerlichen Seufzer lehnte sich Kyriakos gegen die Wand gegenüber der Tür zu dem Konferenzraum, in dem sich nun Hailey Williams alleine mit dem Wolf befand. Komischerweise behagte ihm dieser Gedanke ganz und gar nicht. Der Großteil der Bevölkerung hielt ihn für einen kaltherzigen und rücksichtslosen Mistkerl, der nicht einmal einen Wimpernschlag lang zögern würde zu töten. Womit sie nicht ganz unrecht hatten. Er war rücksichtslos, und er tötete, ohne zu zögern. Es gab Zeiten, in denen er ohne jeglichen Sinn und Verstand getötet hatte. Er hatte einfach nur gemordet wie eine tollwütige Bestie, weil es ihn amüsiert hatte und weil er das Gefühl von frischem Blut genossen hatte, das über seine Hände und Lippen strömte.

Aber die Zeiten hatten sich geändert. Sie hatten sich endlich in die Öffentlichkeit gewagt und den Menschen gezeigt, dass diese nicht die einzigen Geschöpfe auf diesem Planeten waren. Und nun mussten sie alle ein gewisses Maß an Zivilisiertheit an den Tag legen, nicht nur die Vampire. Es entsprach nicht gerade seiner Natur, sich selbst zu zügeln, doch er musste es. Er war der Anführer der Vampire, und er musste ein Vorbild für seine Leute sein. Außerdem würden die Menschen nicht zögern, sich zu erheben und alles Mögliche zu versuchen, um ihn und seine Leute zu massakrieren, sollten sie mordend durch die Straßen ziehen.

Kyriakos widerstand dem starken Drang, mit den Augen zu rollen. Er war nicht gerade ein Fan der Menschen. Für ihn waren sie nichts weiter als Beute. Er brauchte ihr Blut, um zu überleben, aber das war es dann auch schon. Deswegen war es umso verwirrender und enervierender, dass dieser spezielle Mensch ihm nicht mehr aus dem Kopf ging.

Er lauschte ihrer und Rave Jones Stimme, die durch die magischen Barrieren eigentlich vor Lauschangriffen geschützt waren. Allerdings blieben sie vor den Sinnen eines Vampirs seines Kalibers nicht komplett verborgen. Es war dennoch erstaunlich, dass er nichts weiter als ein Gemurmel hören konnte und die genauen Worte nicht ausmachen konnte. Während er die Tür mit seinen Blicken fixierte, musste er an das erste Mal zurückdenken, als er Hailey Williams begegnet war.

Es war irgend so ein absolut langweiliger gesellschaftlicher Anlass gewesen, an dem er sich als Anführer der Vampire hatte sehen lassen müssen. Er hasste solche Anlässe, bei denen er sich noch mehr als sonst bemühen musste, eine zivilisierte und gesellschaftlich akzeptable Fassade aufrechtzuerhalten, damit die Menschen nicht schreiend vor ihm wegrannten. Manchmal sehnte sich Kyriakos zurück in die Zeit, in der sie noch im Schatten gelebt hatten und ihrer eigentlichen, ihrer wahren Natur treu geblieben waren. Er hatte gerade gehen wollen, als Hailey durch die große Doppeltür hereingekommen war. Sie trug ein schlichtes schwarzes Cocktailkleid, das eine Schulter und ihren anmutigen Hals frei ließ. Über den schwarzen Stoff, der sich wie eine zweite Haut um ihren Körper gelegt hatte und der knapp oberhalb ihrer Knie endete, zogen sich ebenfalls schwarze, eingewebte Muster, die den Blick auf ihre Kurven lenkten. Ihr ebenholzfarbenes Haar, das ihr bis kurz über die Taille reichte, fiel in sanften Wellen über ihren Rücken und ihre Arme. Heute war ihr Haar glatt, also waren die Wellen wohl ein Produkt von aufwendigem Styling gewesen.

Als sie hereingekommen war, hatte sie es nach hinten gestreift, sodass ihre entblößte Schulter noch mehr zur Geltung gekommen war. Er hatte beinahe den massiven Cognacschwenker in seiner Hand zerbrochen. Innerhalb weniger Sekunden hatte er Blade, einen der fünf Vampire, die zu seinem inneren Kreis gehörten, und seine rechte Hand, losgeschickt, um alle möglichen Informationen über diese Frau herauszufinden. Und das so schnell wie möglich.

Mit gerunzelter Stirn hatte er beobachtet, wie sie sich den Kämpfern von TLH näherte und mit ihnen lachte und scherzte. Selbst aus der Entfernung hatte er beobachten können, wie sich selbst diese hartgesottenen Kerle erwärmten und in ihrer Gegenwart entspannten. Und er hatte auch die nicht gerade verstohlenen Blicke gesehen, mit denen diese Typen sie praktisch vor Ort ausgezogen hatten, während er, Kyriakos, an diesem verdammten Tisch hatte sitzen müssen um Konversation zu betreiben. Er hatte sie im selben Moment gewollt, als sie durch die Tür gekommen war. Aber wenn sie zu TLH gehörte, war sie tabu für ihn. Er würde sich nicht mit einer Mitarbeiterin der Organisation einlassen, die nicht nur sämtliche Angelegenheiten zwischen den Gattungen regelte, sondern auch dafür töten würde, Insiderinformationen über den Clan zu bekommen.

Am Ende des Abends hatte ihm Blade in einer ruhigen Minute sämtliche verfügbaren Informationen über Hailey Williams mitgeteilt. Sie war tatsächlich eine Mitarbeiterin von TLH, aber anscheinend nur eine Beraterin. Dennoch hatte er sie den ganzen Abend über beobachtet.

Eine Beraterin, na klar.

Kyriakos schnaubte verächtlich. Keine normale Beraterin bekäme einen Auftrag dieser Größe, wenn sich nicht mehr dahinter verbarg. In dem Moment ging die Tür auf, und Rave Jones betrat den Flur. Kyriakos richtete sich auf. Der Wolf warf einen abschätzenden Blick auf ihn, bevor er mit dem Kopf zur offenen Tür nickte.

»Du kannst rein, Vampir.« Seine Stimme vibrierte mit einem Knurren.

Kyriakos’ Grinsen war mehr ein Zähnefletschen.

Hailey spürte es sofort, als Kyriakos den Raum betrat. Und als er leise die Tür schloss, klang das Klicken des Schlosses verdammt endgültig für sie. Aber während sie mit Rave gesprochen hatte, hatte sie es geschafft, ihre in Aufruhr geratenen Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen und die Tür in ihrem Kopf nachdrücklich zu schließen. Jetzt sandte sie nicht mehr Gefühle aus als ein Eisklotz. Und das war auch gut so, stellte sie mal wieder fest, als sich Kyriakos ihr gegenüber niederließ.

Er war einfach zu schön, um von dieser Welt zu sein. Diese unglaublichen Augen schauten sie unverwandt an, und sie hatte das Gefühl, er könnte bis in ihre Seele blicken. Und das gefiel ihr ganz und gar nicht. Dort gab es viel zu viel, das nicht gesehen werden sollte. Die Muskeln seiner Brust spannten sich etwas an, als er sich leicht nach vorne beugte, und sie atmete einmal tief ein. Der Duft der Nacht hing in der Luft. Er roch herrlich nach Mann und seltenen Nachtschattengewächsen, die einen ganz eignen würzigen Geruch verströmten. Seine Hände lagen locker verschränkt auf dem Konferenztisch zwischen ihnen. Doch Hailey gab sich nicht eine Sekunde lang der Vorstellung hin, dass dies tatsächlich eine Barriere für ihn sein könnte. Das Sonnenlicht beleuchtete ihn von hinten, und wieder einmal fragte sie sich, wie das überhaupt möglich war. Vampire liefen in der Regel nicht draußen herum, jedenfalls nicht während die Sonne schien. Natürlich waren sämtliche Scheiben von TLH getönt und hielten so die meiste Strahlung ab, aber dennoch. Es sollte nicht möglich sein. Sie war allerdings auch keine Vampirexpertin, nahm sich jedoch vor, direkt nach diesem Gespräch in der Datenbank von TLH nach Informationen über diesen bestimmten Vampir zu suchen.

»Miss Williams.« Seine samtig warme Stimme unterbrach die Stille zwischen ihnen und jagte ihr einen wohligen Schauer den Rücken hinunter. Stimmt, sie sollte mit der Befragung beginnen. Innerlich gab sie sich selbst einen Tritt und blickte hinunter auf ihre Notizen, die sie sich während des Gesprächs mit Rave gemacht hatte.

»Haben Sie eigentlich auch einen Nachnamen, Kyriakos?« Die Frage war über ihre Lippen gekommen, bevor sie es überhaupt gemerkt hatte. Schockiert hielt sie inne. Verdammt! Aber jetzt konnte sie ja schlecht so tun, als hätte sie nichts gesagt, also blickte sie ihn herausfordernd an. Ein leicht amüsiertes Funkeln trat in seine Augen, und er hob elegant eine Schulter. Das Muskelspiel lenkte sie für einen winzigen Moment ab, bevor sie ihm wieder in die Augen sah. Es sollte für einen Mann seiner Statur eigentlich unmöglich sein, so elegant zu wirken.

»Ja. Vampire haben in der Regel keinen Nachnamen. Allerdings waren wir gezwungen, uns einen zuzulegen, als wir ein Teil dieser Gesellschaft wurden.«

»Werden Sie ihn mir dann verraten?« Okay. Jetzt klang ihre Stimme ein wenig gereizt.

»Nein.« Der nahezu ausdruckslose Gesichtsausdruck und das vollkommene Fehlen jeglicher Emotionen machten sie nervös. Und auch wütend.

Na schön.

»Kyriakos, würden Sie mir bitte die Ereignisse der letzten Nacht schildern, bis zu dem Zeitpunkt, an dem Sie den toten Wolf auf Ihrem Territorium gefunden haben?«

Hailey musste schon wieder den Drang unterdrücken, ihren Kopf auf die Tischplatte zu knallen. Ein toter Gestaltwandler war nie eine gute Sache. Die reagierten nämlich in der Regel ganz und gar nicht entspannt auf so etwas. Ein toter Wolf bedeutete, dass das Rudel nach Rache dürstete und Blut sehen wollte. Und das Rudel bestand in New Orleans aus gut zweihundert nur mühsam unter Kontrolle gehaltenen Raubtieren. Der Clan und das Rudel hatten schätzungsweise beinahe die gleiche Anzahl von Mitgliedern, aber niemand kannte die genauen Zahlen.

»Genau genommen habe nicht ich den toten Wolf gefunden. Aber ich wurde in dem Moment benachrichtigt, als er entdeckt worden ist. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich in meinem Büro in der Burg auf unserem Territorium. Davor war ich anderweitig beschäftigt.« Hailey runzelte die Stirn. Anderweitig beschäftigt? Aha! »Einer meiner Leute, ihr Name ist Ashlyn, hat die tote Wölfin gefunden und mich sofort benachrichtigen lassen. Als ich dann schließlich an den Tatort gelangte, war das Rudel auch schon vertreten. Unter normalen Umständen hätte diese Begegnung tödlich geendet, aber ich hatte mich dazu entschieden, das nicht als die Kriegserklärung aufzufassen, die es im Grunde war.«

Innerlich seufzte sie laut auf. Sowohl die Vampire als auch die Gestaltwandler waren äußerst territorial eingestellt, und wenn man das Gebiet des anderen betreten wollte, musste man sich vorher ankündigen und um Erlaubnis bitten. Dass die Wölfe das Territorium der Vampire einfach so betreten hatten, war kein gutes Zeichen. Es zeigte, wie aufgewühlt sie waren und wie sehr sie auf Rache sannen. Erstaunlich war allerdings die Tatsache, dass Kyriakos das Ganze relativ locker zu nehmen schien.

Hailey machte sich Notizen auf einem weiteren Blatt Papier, während er sprach. Doch als er nicht weiterredete, hob sie den Kopf und blickte ihn an. Böser Fehler.

Er hatte sie beobachtet, und sein Gesicht … Naja, wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie sagen, dass es einen etwas sanfteren Ausdruck angenommen hatte. In seinen Augen lag ein gewisser Schimmer, und sie könnte schwören, dass der rote Ring um seine Pupille etwas breiter geworden war. Was hatte das denn jetzt schon wieder zu bedeuten? Gerade als sie sich unter seinem eindringlichen Blick unwohl zu fühlen begann, senkte er seine Augen auf ihre Notizen und sprach weiter.

»Rave Jones und ein mir unbekannter Wolf standen in der Nähe der Leiche. Allerdings hat Ash sie nicht näher an das Opfer herangelassen. Inzwischen war auch Blade, einer meiner Vampire, vor Ort und stellte sich ebenfalls den Wölfen in den Weg. Ich warf einen kurzen Blick auf das Opfer. Weiblich, Anfang zwanzig, braune Haare. Ihre Augenfarbe konnte ich nicht erkennen. Ihr Bauch war zerfetzt, und die Eingeweide lagen in einer noch frischen Blutlache auf dem Boden unter ihr. Ihr Brustkorb war aufgerissen, und ich konnte ihr Herz durch die Rippen sehen. Es war ebenfalls zerfetzt. Ihr Gesicht hatte mehrere tiefe Schnitte. Genauso wie der Rest ihres Körpers. Sie roch noch nicht verwest. Bei diesen Temperaturen und der hohen Luftfeuchtigkeit kann sie also nicht länger als eine Stunde dort gelegen haben, bevor meine Vampire sie entdeckten. Es war offensichtlich, dass man sie dort abgeladen hatte. Denn wäre sie an diesem Ort ermordet worden, hätte dort mehr Blut sein müssen. Meiner Einschätzung nach war sie noch am Leben, als ihr die Schnitte zugefügt worden sind, und erst ganz zum Schluss hat der Täter ihr die Eingeweide rausgerissen und ihr Herz zerfetzt.« Er zuckte mit den Schultern, und Hailey runzelte die Stirn.

»Wie kommen Sie darauf?«

»Worauf?« Seine Stimme streichelte beinahe über ihren Körper, und sie unterdrückte ein Schaudern. Es sollte verboten sein, so eine Stimme zu haben. So sinnlich und leicht heiser und tief genug, um alles, was weiblich in ihr war, anzusprechen. Vor allen Dingen dann, wenn er über einen anscheinend kaltblütigen Mord sprach.

»Dass dem Opfer erst die Schnitte zugefügt worden sind, bevor man es umgebracht hat.« Hailey war stolz auf sich, dass ihre Stimme ganz ruhig und neutral klang. Nichts zu merken von dem Aufruhr in ihrem Inneren.

»Vampirinstinkt. Die Schnitte waren ziemlich tief, und die Wundränder waren sauber. Dennoch war das Ganze eine ziemlich blutige Angelegenheit. Wäre sie bereits tot gewesen, wäre die Blutzirkulation gestoppt worden und sie hätte nicht mehr so viel Blut verlieren dürfen. Ganz abgesehen von dem ganzen Blut, das sie durch den zerfetzten Brustkorb und Bauch bereits verloren hätte.«

Das leuchtete ihr ein. Also war die arme Frau gefoltert worden, bevor man sie umbrachte, und danach auf dem Territorium der Vampire abgeliefert worden. Und im Moment ließen die Beweise darauf schließen, dass das Opfer an diesem Ort wirklich nur abgeladen, aber nicht dort ermordet worden war. Kyriakos und Rave hatten die gleiche Beschreibung der Leiche abgegeben. Dennoch würde sie sich von der Polizei die Tatortfotos besorgen, um sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen.

Hailey konnte nicht so ganz glauben, dass die Vampire tatsächlich darin verwickelt gewesen waren. Und Rave Jones schien derselben Meinung zu sein. Sonst wären die beiden nicht zu TLH gekommen, sondern die Stadt würde bereits erzittern unter dem bevorstehenden Krieg zwischen Wölfen und Vampiren. Sie machte sich noch ein paar Notizen, bevor sie ihn wieder ansah und sich auf dem Stuhl zurücklehnte, um ihre Beine übereinanderzuschlagen.

»Wer, denken Sie, hätte einen Vorteil davon, wenn die Vampire und Wölfe einen Krieg beginnen würden? Denn es ist ja nahezu offensichtlich, dass das das Ziel dieser ganzen Aktion war.«

Seine Augen folgten der Bewegung ihrer Beine, als sie sie übereinanderschlug. »Ich bin mir nicht ganz sicher.« Sein Gesicht und sein Körper blieben die ganze Zeit über völlig ausdruckslos. Er hätte genauso gut über das Wetter sprechen können und nicht über einen blutrünstigen Mord. Rave war an dieser Stelle bereits kurz vor einem Wutausbruch gewesen und hatte sich nur mühsam unter Kontrolle gebracht. Kyriakos allerdings blieb völlig unbewegt. »Auf der einen Seite würde ich behaupten, niemand, denn so ein Krieg würde nicht nur Opfer in den Reihen der Vampire und Wölfe fordern, sondern die ganze Stadt vernichten. Alle wären davon betroffen. Auf der anderen Seite wären sowohl der Clan als auch das Rudel danach geschwächt und würden ein einfaches Ziel für Angriffe bieten.«

Rave hatte beinahe das Gleiche gesagt. Dieser Auftrag war wirklich zu groß für Hailey, und sie wünschte sich, sie wäre heute Morgen im Bett geblieben. Wenn sie nicht herausfand, wer für den Mord verantwortlich war, und das möglichst schnell, dann würde es den Wölfen bald egal sein, ob der Clan schuld war oder nicht. Sie würden die Vampire angreifen, und danach würde ganz New Orleans im Blut ertrinken. Sie erschauerte. Kyriakos bemerkte es, ließ sich aber weiter nichts anmerken.

Diese absolute Gefühlskälte und das Fehlen jeglicher Reaktion, trieben sie langsam, aber sicher in den Wahnsinn. Sie war es gewöhnt, dass sie sich die ganze Zeit gegen ihre Umwelt abblocken musste, doch bei Kyriakos war es beinahe so, als könnte sie loslassen. Und diese Versuchung war fast zu groß, um sie zu ignorieren, und das gefiel ihr ganz und gar nicht.

»Ich brauche noch Ihre Telefonnummer, damit ich Sie jederzeit erreichen kann.« Die Atmosphäre im Raum änderte sich, und eine Gänsehaut bildete sich auf ihren Unterarmen. Sie hatte den exakt gleichen Satz auch bei Rave Jones verwendet. Allerdings hatte er sich in dem Moment nicht so verrucht angehört. Nicht so, als wollte sie ihn jederzeit erreichen können. Jetzt allerdings konnte sie nicht verhindern, dass ihre Wangen sich leicht röteten und sie sich auf die Unterlippe biss. Verdamm! Aber vielleicht hatte sie sich das Ganze auch nur eingebildet. Doch als sie den Blick hob, um Kyriakos anzuschauen, setzte ihr Herz einen Moment aus. Da glomm definitiv ein dunkles Feuer in den Tiefen seiner schwarzen Augen, und der rote Rand war breiter geworden. Er starrte sie an, und als er sprach, hätte sie schwören können, dass in seiner Stimme ein Knurren vibrierte.

»Zögern Sie nicht, mich jederzeit anzurufen, Miss Williams.« Der Klang ihres Namens aus seinem Mund verursachte ein Ziehen in ihrem Unterleib. Er schob ihr seine Visitenkarte über den Tisch zu, und ihre Fingerspitzen berührten sich für einen kleinen Augenblick länger als nötig. Etwas blitzte in seinen Augen auf.

Houston, wir haben ein Problem.

Sie schluckte. »Okay. Das war für den Moment alles, Kyriakos.« Hailey war stolz auf sich, dass ihre Stimme nur ein ganz klein wenig heiser klang.

Sie stand auf, um zur Tür zu gehen und auch Rave Jones wieder in den Raum zu holen. Der Wolf tigerte nervös vor dem Konferenzraum auf und ab.

»Mister Jones, kommen Sie doch bitte wieder herein.«

Sie hielt ihm die Tür auf, während er eintrat und wieder am Tisch Platz nahm. Danach kehrte auch sie zu ihrem Stuhl zurück und ordnete die Blätter, bevor sie sie in die Mappe schob und diese dann schloss.

»Da Sie beide TLH mit dieser Sache beauftragt haben, werden wir sofort mit den Ermittlungen beginnen. Bitte halten Sie sich für weitere Fragen bereit. Ich werden Sie kontaktieren, sollte ich weitere Fragen haben, oder sollten sich neue Ergebnisse einstellen. Wir werden alles tun, um diesen Mord so schnell wie möglich aufzuklären.«

Der letzte Satz war eher an Rave Jones gerichtet, und bevor sie merkte, was sie tat, streckte sie ihre mentalen Fühler in seine Richtung und versuchte die rasende Wut in seinem Inneren etwas zu besänftigen. Hailey konnte nichts dafür. Es war ein Teil ihres Selbst, und sie würde sich nicht dafür schämen. Das hatte sie in ihrer Vergangenheit bereits zu oft getan. Rave seufzte leise, und Kyriakos zog fast unmerklich die Brauen zusammen.

Als sie sich erhob, standen auch Rave und Kyriakos auf und verließen nacheinander den Raum. Ohne ein weiteres Wort machte sich Kyriakos auf den Weg zu den Aufzügen, Rave Jones blieb noch einen Moment bei ihr stehen. Er wartete, bis sich die Aufzugtüren hinter Kyriakos geschlossen hatten, bevor er sie wieder ansprach.

»Hailey, das war nicht nur irgendeine Wölfin.« Seine Hand schloss sich um ihren Oberarm, und sie zuckte aufgrund der heftigen Intensität seiner Gefühle zusammen. Sofort nahm er die Hand weg und schaute sie zerknirscht an. Allerdings war sie nicht wegen seiner Berührung zusammengezuckt. »Es tut mir leid. Aber sie war eine Waise, als sie zu uns kam. Jessica war ihr Name. Nachdem wir Jessica gefunden hatten, nahmen wir sie auf, und das nach mir ranghöchste Pärchen zog sie groß wie sein eigenes Kind. Für den Moment konnte ich sie beruhigen, aber das Rudel sinnt auf Rache. Und es wird seine Rache bekommen.« Den letzten Satz sprach er in einem finsteren Ton aus, und es bildete sich eine Gänsehaut auf Haileys Unterarmen.

Hailey stand einfach nur geschockt da, während Rave sich auf dem Absatz umdrehte und die Aufzugtüren sich hinter ihm schlossen. Eine Adoptivtochter der Wölfe. Das Ganze hier war eine verdammte Katastrophe von biblischem Ausmaß. Sie musste mit Jack reden. Jemand anders musste den Fall übernehmen. Das hier war definitiv zu groß für sie.

Naomi blickte sie besorgt über ihren Schreibtisch hinweg an.

»Alles o. k. bei dir, meine Liebe?«

Nein, gar nichts war o. k. Aber sie schüttelte einfach nur den Kopf und machte sich auf den Weg zu den Aufzügen.

»Naomi, ich brauch einen Termin bei Jack. Noch heute.«

»Ich kümmere mich darum.« Ihr Blick war genauso sorgenvoll, wie Hailey sich fühlte.

Als die Aufzugtüren zugegangen waren und sie in die erste Etage runterfuhr, schloss Hailey kurz die Augen. Sie fühlte sich, als hätte sie ein Zug überrollt. Was sie jetzt brauchte, war ein Gespräch mit ihrer besten Freundin. Und zwar sofort.

Hailey betrat Kristinas Büro und pflanzte sich auf einen der beiden Besucherstühle. Kristina blickte sie erst amüsiert und dann, als sie die Stimmung ihrer besten Freundin bemerkte, besorgt an. Alle Ärzte hatten ihr eigenes Büro bei TLH, in dem sie Patienten empfingen und Beratungsgespräche führten und das ihnen manchmal auch als Schlafzimmer diente. Wie bei Kristina wohl letzte Nacht, wenn Hailey die Decke und das Kissen auf der Couch links von ihr richtig deutete.

»Was ist los, Hailey?«

»Ich habe ein Problem.« Ihre Stimme klang müde, und das überraschte sie selbst. Das Ganze hatte sie doch mehr mitgenommen als gedacht.

»Hat dieses Problem auch einen Namen?«

»Ja.«

»Und der wäre?«

»Kyriakos.«

»Scheiße!« Kristina war bleich geworden und holte im nächsten Moment eine Flasche Tequila aus einer Schublade in ihrem Schreibtisch. Hailey wunderte sich nicht einmal darüber. »Erzähl mir alles. Eher verlässt du nicht dieses Büro! Was macht der verdammte Vampirkönig bei TLH?«

Hailey holte einmal tief Luft. Natürlich wusste ihre beste Freundin, was der Anführer der Vampire in ihr auslöste. Sie hatte es ihr erzählt, gleich nachdem sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Nachdem sie den alljährlichen Ball zur Wende besucht hatte, war sie direkt zum Haus ihrer Freundin gefahren und hatte ihr von dem Schock berichtet, dass ein Vampir sie so aus der Fassung brachte. Und dabei hatten sie nicht einmal miteinander geredet. Sie hatte ihn lediglich heimlich beobachtet, während sie mit ihren Kollegen gelacht und gescherzt hatte.

»Ich arbeite an einem Fall über eine tote Wölfin.« Kris zuckte zusammen und reichte ihr ein kleines Glas, das bis zum Rand mit Tequila gefüllt war. Hailey und Kris leerten ihre Gläser in einem Zug, und dann erzählte sie ihrer besten Freundin die Vorkommnisse des Morgens. Sie ließ nichts aus. Auch nicht diese aufgeladene Stimmung zwischen ihr und Kyriakos. Und auch nicht, dass sie bemerkt hatte, dass er jede ihrer Bewegungen genau beobachtet hatte. Allein wenn sie darüber sprach, wurde sie schon rot, und ihr Unterleib zog sich zusammen. Es war gelinde gesagt störend.

»Scheiße!«, sagte Kris erneut, als sie fertig war.

»Was du nicht sagst«, seufzte Hailey. »Kannst du mir mal verraten, was ich jetzt tun soll? Ich habe Naomi schon gesagt, dass ich einen Termin bei Jack brauche. Und das noch heute. Der Fall ist zu groß für mich. Ich kann das nicht.«

Kristina starrte sie an und schüttelte dann heftig den Kopf, bevor sie ein weiteres Glas Tequila leerte. »Das darfst du auf gar keinen Fall tun, Hailey!«

Sie starrte ihre beste Freundin entgeistert an.

»Und warum verdammt noch mal nicht?«

»Das ist deine Chance! Ja klar, das mit der toten Wölfin ist echt scheiße. Und du musst diesen Fall auf jeden Fall so schnell wie möglich lösen, um ein Blutbad zu verhindern, das die ganze Stadt verwüsten wird.«

Hailey starrte sie böse an. »Reib es mir nur immer wieder unter die Nase«, grummelte sie.

»Lass mich ausreden! Was ich gerade sagen wollte, als du mich so rüde unterbrochen hast …« Sie warf Hailey einen bösen Blick zu, »du bist gut, Hailey. Verdammt gut. Du bist exakt die Richtige für diesen Fall. Deine empathischen Fähigkeiten prädestinieren dich ja geradezu dafür. Du kannst die Wölfe emotional beruhigen, während du herausfindest, welcher völlig hirnverbrannte Idiot einen Krieg zwischen den Vampiren und den Wölfen anzetteln will.« Als Hailey anhob, etwas zu sagen, hob Kristina nur gebieterisch eine Hand. »Halt! Ich bin noch nicht fertig. Und, das Allerwichtigste, du kannst endlich mal herausfinden, was da zwischen dir und diesem Kyriakos ist. Es ist die ideale Chance. Du kannst deine Fähigkeiten unter Beweis stellen und gleichzeitig dahinterkommen, was dich an diesem Vampir so anzieht.«

Kristina lehnte sich triumphierend zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Hailey starrte sie immer noch entgeistert an.

»Hast du jetzt vollkommen den Verstand verloren, Kris?«

Ihre Freundin strich sich das schulterlange hellbraune Haar zurück, das ihr in sanften Locken ins Gesicht fiel, und runzelte die Stirn. Kris war wirklich eine schöne Frau. Sie war gerade 24 geworden und damit ein Jahr älter als Hailey. Die beiden waren auch ungefähr gleich groß, also etwa eins siebzig. Sie hatte warme, karamellfarbene Augen, die immer leicht funkelten, und eine Figur, um die sie jede Frau beneidete. Nicht etwa so spindeldürr wie diese Models auf den Plakatwänden. Nein, Kristina war eine Frau mit Kurven an genau den richtigen Stellen. Ihre Kurven waren zwar etwas weniger stark ausgeprägt als Haileys, aber so wohlproportioniert, dass sie einfach hinreißend aussah. Während Hailey sich manchmal wünschte, ein, zwei Kilo weniger zu haben, hatte Kristina einfach genau die richtige Figur, um Männer zum Sabbern zu bringen.

»Nein, habe ich nicht.« Sie zog eine winzige Schnute. »Ich habe recht, und das weißt du.«

»Er ist der Anführer des Vampirclans! Und ich ermittle in einem Mordfall, an dem der Clan und das Rudel beteiligt sind!«

»Na und?« Kris schaute sie einfach weiter an.

»Das geht doch nicht!« Haileys Stimme überschlug sich schon fast. Das konnte doch unmöglich Kris’ Ernst sein. Sie und Kyriakos? Nicht in diesem Leben! Ja, okay, sie fühlte sich von ihm angezogen. Und er war auch nicht unattraktiv. Okay, vielleicht war er einfach zum Niederknien schön. Aber er war auch ein Vampir. Das gehörte bei denen einfach dazu. Sie war eine Mitarbeiterin von TLH und er der Vampirkönig. Das ging einfach nicht. Niemals. Ende und aus.

Kam es ihr nur so vor, oder versuchte sie gerade verzweifelt, sich selbst zu überzeugen?

»Hailey, schau doch mal.« Kristinas Stimme hatte einen sanfteren Ton angeschlagen, und sie lehnte sich nach vorne. »Seit du Kyriakos das erste Mal gesehen hast, hast du gefühlt, dass da etwas zwischen euch ist. Und so wie du mir das erzählt hast, hat er es definitiv auch gefühlt. Gib dem Ganzen eine Chance. Und selbst wenn das nur damit enden sollte, dass ihr beide eine heiße, schweißtreibende, die Welt verändernde Nacht miteinander verbringt … Dann ist das eben so.« Ihre karamellfarbenen Augen funkelten verschmitzt. »Außerdem kannst du Jack jetzt endlich einmal beweisen, dass du mehr bist als nur eine verdammte Beraterin. Du weißt, dass ich recht habe.«

Hailey seufzte laut auf. Dieses Gespräch verlief ganz und gar nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte gehofft, auch ihre beste Freundin wäre der Meinung, sie sollte den Fall abgeben. Aber nein, sie ermutigte sie auch noch dazu, etwas mit Kyriakos anzufangen! Drehten denn jetzt alle durch?

»Hast du letzte Nacht hier geschlafen Kris?« Damit lenkte Hailey das Gespräch in eine andere Bahn, und die beiden unterhielten sich noch eine ganze Weile. Immer wieder brachte Kris die Sprache auf Kyriakos, und immer wieder blockte Hailey ab. Schließlich schaute sie auf die Uhr. Es war bereits mehr als eine Stunde vergangen, und sie musste sich noch um andere Dinge kümmern.

»Ich muss los. Ich will mir den Tatort ansehen und nachfragen, wann ich meinen Termin bei Jack habe. Ich werde mir anhören, was er zu sagen hat, und mich dann entscheiden.«

Hailey erhob sich von ihrem Stuhl. Es war an der Zeit, Kyriakos anzurufen. In ihrem Bauch herrschte ein mulmiges Gefühl vor. Sie war sich nicht ganz sicher, ob es nur Nervosität oder auch freudige Erregung war. Und sie wollte es auch gar nicht so genau wissen. Sie erinnerte sich daran, dass es hier immer noch um einen kaltblütigen Mord ging, und verspürte sofort einen Stich von Schuldbewusstsein.

»Denk darüber nach, was ich gesagt habe, Hailey. Und halt mich auf dem Laufenden.«

Kristina verstaute die Tequilaflasche wieder in ihrem Schreibtisch und winkte Hailey zum Abschied zu.

»Mach ich.«

Hailey drehte sich um und begab sich wieder zu ihrem Büro. Die Mappe, in der sich Kyriakos’ Visitenkarte befand, hielt sie fest in den Händen. Sie betrat ihr Büro, schloss die Tür hinter sich und setzte sich an ihren Schreibtisch. Alle Räume bei TLH waren mit einem magischen Abhörschutz gesichert, so würde niemand mitbekommen, was sie mit Kyriakos am Telefon besprach. Auf dem Weg hierher hatte sie kurz mit Naomi gesprochen. Ihr Termin bei Jack war für heute Abend elf Uhr angesetzt. Das war keine ungewöhnliche Zeit für ein Treffen mit dem Chef von The Last Hope. Der Mann war ein einziges Mysterium. Kurz nach der Wende war er einfach aufgetaucht und hatte diese Organisation gegründet. Niemand wusste, woher er kam oder was er für Fähigkeiten besaß. Aber es war ein offenes Geheimnis, dass er ein geradezu furchteinflößender Kämpfer war, und er herrschte über die Organisation mit eiserner Hand. Lediglich zu Naomi pflegte er einen etwas näheren Kontakt, und manche spekulierten, ob die beiden vielleicht eine Beziehung hatten. Hailey glaubte das nicht.

Da der Termin relativ spät war, würde sie es schaffen, sich vorher noch den Tatort anzugucken. Sie wollte das Treffen mit den Vampiren auf einen Zeitpunkt legen, an dem es bereits dunkel war, um mit allen Beteiligten sprechen zu können. Nur weil Kyriakos anscheinend relativ lichtunempfindlich war, hieß das ja nicht, dass das auch für alle anderen Vampire galt. Um Himmels willen, sie hoffte, dass das nicht für alle galt.

Bevor sie jedoch mit Kyriakos sprechen würde, wollte sie noch die Datenbank von TLH nach Informationen über ihn checken. Sie fuhr ihren Computer hoch und loggte sich ein. Entschlossen begann sie ihre Suche.

Fast eine Stunde später lehnte sich Hailey erschöpft zurück. Das war ja nicht gerade erfolgreich gewesen. TLH hatte so gut wie keine Informationen über den Anführer der Vampire gespeichert. Alles, was man wusste, war, dass er wie alle anderen während der Wende aufgetaucht war, um schließlich als Anführer des Clans an die Öffentlichkeit zu treten. Niemand wusste, wann und wie er das geworden war. Niemand kannte sein Alter. Niemand wusste, welche Fähigkeiten er genau besaß. Er war ein genauso großes Mysterium wie Jack Hunt. Wirklich großartig!

Hailey schaute auf die Uhr. Es war jetzt bereits halb zehn, und sie war seit fast sechs Stunden auf den Beinen. Es war an der Zeit, Kyriakos anzurufen und einen Termin auszumachen. Danach würde sie Rave anrufen, um für heute Mittag ein Treffen zu vereinbaren. Denn sie wollte mit dem Pärchen der Wölfe reden, das Jessica großgezogen hatte. Und danach würde sie nach Hause fahren und ein Schläfchen machen, bevor sie zum Territorium des Rudels fuhr. Das klang nach einem guten Plan.

Aufseufzend griff sie nach dem Telefonhörer und wählte Kyriakos’ Nummer. Es klingelte ein paarmal. Hailey wollte schon wieder auflegen, als das Gespräch doch noch angenommen wurde und sich eine etwas raue, verschlafen klingende Stimme meldete.

»Kyriakos.«

Verdammt! Wahrscheinlich hatte er bereits geschlafen. Schließlich war er immer noch ein Vampir, und es war schon später Morgen. In diesem Moment lag er wahrscheinlich irgendwo in seinem Zuhause im Bett. Der Gedanke, wie Kyriakos halb nackt in einem großen Bett ruhte und schwarze Satinlaken sich um seine Hüften bauschten, während er sich mit einer Hand das Telefon ans Ohr hielt und mit der anderen die dunklen Strähnen aus dem Gesicht strich, sandte Schauer der Erregung ihr Rückgrat hinab. Sie sollte wirklich nicht über solche Dinge nachdenken, aber die Versuchung war so verdammt groß.

»Hallo?« Jetzt klang er schon nicht mehr ganz so verschlafen und eher gereizt.

Hailey räusperte sich. »Ja, hallo. Hier ist Hailey Williams.« Schluss jetzt mit den Tagträumereien! Sie musste sich konzentrieren.

»Miss Williams.« Seine Stimme vibrierte mit einem Knurren, das so überhaupt nicht furchteinflößend klang, sondern eher einladend. Und es stand in krassem Kontrast zu seinem so unnahbaren Verhalten wenige Stunden zuvor. Plötzlich wurde Hailey klar, dass sie in Schwierigkeiten steckte. In großen Schwierigkeiten. »Was verschafft mir die Ehre?«

»Ich würde gerne einen Termin mit Ihnen vereinbaren. Heute noch, wenn es geht.«

»Aber natürlich.« Inzwischen klang seine Stimme wieder kühl und professionell. Keine Spur mehr von dem heißen Knurren zuvor.

»Ich würde mir gerne den Tatort ansehen. Heute Abend. So gegen neun Uhr? Ich möchte auch mit den Vampiren reden, die das Opfer gefunden haben.« Das würde ihr eine Stunde für die Begehung des Tatorts und die Gespräche mit allen Beteiligten geben, sodass ihr eine weitere Stunde zurück zum Sitz von TLH zur Verfügung stünde.

»Wenn Sie mit Ash und Blade sprechen wollen, würde ich vorschlagen, dass Sie sich etwas früher hier einfinden. Ist acht Uhr auch in Ordnung für Sie?«

»Natürlich.« Zu diesem Zeitpunkt würde sie längst mit den Wölfen gesprochen haben. »Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir für die Befragung eine Ihrer Räumlichkeiten zur Verfügung stellen könnten.«

»Wie Sie wünschen, Miss Williams.« Hailey sehnte sich danach, dass er einmal ihren Vornamen ausspräche, so wie Rave Jones es auch tat. Sie wollte wissen, wie er von seinen Lippen klang und ob es ihr die gleichen Schauer über den Rücken sandte, wie wenn er sie Miss Williams nannte. »Am Rande des Territoriums wird jemand auf Sie warten und Sie dann zum Tatort eskortieren. Es sei denn, Sie wollen erst mit Ash und Blade sprechen?«

»Nein, nein. Ich würde mir lieber zuerst den Tatort ansehen.«

»In Ordnung.«

Sie wollte nicht, dass dieses Gespräch jetzt schon endete. Huch, wo kam denn der Gedanke her?

»Vielen Dank, Kyriakos. Ich sehe Sie dann heute Abend.«

»Darauf können Sie sich verlassen.«

Er legte auf.

Und Hailey, ganz taffe Ermittlerin von TLH, ließ ihren Kopf erst einmal auf die Tischplatte vor sich fallen und seufzte lautstark auf. Nachdem sie sich einen Moment Zeit genommen hatte, um wieder klar denken zu können, griff sie erneut nach dem Hörer und wählte die Nummer von Rave Jones. Er hob nach dem zweiten Klingeln ab, und seine warme, sonore Stimme vertrieb die ungewollten Gefühle, die das Gespräch mit Kyriakos in ihr aufgewühlt hatte. Nachdem sie sich einen Moment mit dem Wolf unterhalten hatte, vereinbarten sie einen Termin für vier Uhr heute Nachmittag. Das bedeutete, dass es etwas eng werden könnte, pünktlich zu ihrem Termin mit den Vampiren zu kommen, da die beiden Territorien gut zweieinhalb Stunden auseinanderlagen. Aber es gab Hailey genug Zeit, um nach Hause zu fahren und sich etwas auszuruhen, bevor sie offiziell in dem Fall zu ermitteln begann.

»Verdammt!«, rief sie aus, als ihr plötzlich klar wurde, dass sie ja gleich noch einen Termin mit der kleinen Nina hatte. Das hatte sie in der Aufregung völlig vergessen. Sofort meldete sich ihr schlechtes Gewissen, und sie rief nach Naomi, indem sie ihrer Freundin die Worte direkt in den Kopf zu schicken versuchte.

»Naomi?«

»Ja, meine Liebe?«

»Ist Nina schon da?« Im Gegensatz zu der exzellenten Telepathin musste Hailey ihre Gedanken noch laut aussprechen, damit die andere sie hören konnte.

»Nein, aber sie müsste jeden Augenblick ankommen. Soll ich den Termin verschieben?«

»Nein, schon gut. Ich wollte nur eigentlich noch nach Hause und mich etwas ausruhen, bevor ich mich erst mit den Wölfen und dann mit den Vampiren treffe.«

»In Ordnung. Ich sage dir Bescheid, sobald sie hier eintrifft.«

»Vielen Dank, Naomi.«

»Keine Ursache, meine Liebe.«

Um zwölf Uhr saßen sich Hailey und Nina immer noch in einem der Beratungsräume gegenüber. Die Räume waren in warmen Farben gehalten und mit bequemen Möbeln ausgestattet, die dem Patienten ein Gefühl von Gemütlichkeit und Beruhigung vermitteln sollten. Das blonde Haar trug Nina wie immer offen, und es bedeckte nur notdürftig die schreckliche Narbe an ihrem Hals. Sie war locker gekleidet mit Jeans und T-Shirt, und ihre dunkelblauen Augen blickten nach der mehr als anderthalbstündigen Sitzung nicht mehr ganz so leer. Immer wenn sich Nina in Haileys Nähe befand, versuchte diese auf einem unterschwelligen, nicht aufdringlichen Niveau die emotionalen Wunden des Kindes zu heilen. Das war einfacher gesagt als getan. Denn das Mädchen hatte sich so vollkommen abgeschottet, dass es selbst für Hailey ein ganzes Stück Arbeit bedeutete, durch ihren emotionalen Panzer zu dringen.

»Was ist deine Lieblingsfarbe?«, fragte Hailey. Sie unterhielten sich über belanglose Sachen, während Hailey die emotionalen Narben flickte. Nina wusste ganz genau, was sie tat. Sie hatte es bereits in der ersten Sitzung gemerkt und gefragt, was Hailey da mit ihr anstellte. Das war das erste Mal, dass sie gesprochen hatte. Danach hatte sie wieder für lange Zeit geschwiegen. Damals hatte Hailey es dem Kind natürlich erklären müssen. Ansonsten hätte sie sich womöglich so weit abgeschottet, dass selbst Hailey nicht mehr an sie herangekommen wäre.

»Blau«, wisperte Nina.

Sie beide saßen sich auf einer großen beigefarbenen Couch gegenüber, während die Sonne durch das Fenster schien und den Raum in ein warmes Licht tauchte.

»Meine Lieblingsfarbe ist Rot«, sagte Hailey. Das Mädchen blickte sie mit einem leichten, kaum bemerkbaren Lächeln an, und Hailey lächelte sofort zurück. Sie machten Fortschritte. Aber nur sehr langsam.

Während ihres Gesprächs heilte Hailey die ganze Zeit Ninas tief liegende seelische Wunden. Das erschöpfte sie selbst sehr stark. Nicht nur hatte sie in einem fort ihre mentalen Fähigkeiten anzuwenden, sondern als Empathin musste sie auch die gleichen Gefühle durchleben wie die Person ihr gegenüber. Sie zog die Gefühle des anderen in sich hinein und fühlte dann genau das Gleiche wie die Person selber, Wut, Trauer, Schmerz, Glück, Freude. Der einzige Unterschied war, dass ihre empathischen Fähigkeiten es ihr ermöglichten, mit diesen Gefühlen besser umzugehen und sie schließlich zu neutralisieren. Aber bis dahin durchlebte sie den gleichen Horror wie das kleine Mädchen.

Und so ging es weiter. Hailey stellte belanglose Fragen, und Nina antwortete. Meistens einsilbig. Aber wenigstens redete sie mit Hailey, das war wichtig. Sie unterhielten sich weitere anderthalb Stunden, bevor Hailey die heutige Sitzung gezwungenermaßen beenden musste. Es war bereits halb zwei, und sie brauchte zwei Stunden, um das Revier der Wölfe zu erreichen. Außerdem hatte sie seit dem Tequila in Kris’ Büro heute Morgen nichts mehr zu sich genommen. Das gab ihr eine knappe halbe Stunde, in der sie sich kurz frisch machen und einen Happen essen konnte, bevor sie ...

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