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Dark Angels’ Winter

Inhaltsverzeichnis

Dark Angels’ Winter

1 Dawna

2 Indie

3 Dawna

4 Indie

5 Dawna

6 Indie

7 Dawna

8 Indie

9 Dawna

10 Indie

11 Indie

12 Dawna

13 Indie

14 Dawna

15 Indie

16 Dawna

17 Indie

18 Dawna

19 Indie

20 Indie

21 Dawna

22 Indie

23 Dawna

24 Indie

25 Dawna

26 Indie

27 Dawna

28 Indie

29 Dawna

30 Indie

31 Dawna

32 Indie

33 Dawna

34 Indie

35 Dawna

36 Indie

37 Dawna

38 Indie

39 Dawna

40 Indie

41 Dawna

42 Indie

43 Dawna

44 Indie

45 Dawna

46 Indie

Dark Angels’ Spring

1 Indie

2 Dawna

3 Indie

4 Dawna

5 Indie

6 Dawna

7 Indie

8 Dawna

9 Indie

10 Dawna

11 Indie

12 Dawna

13 Indie

14 Dawna

15 Indie

16 Dawna

17 Indie

18 Dawna

19 Indie

20 Dawna

21 Indie

22 Dawna

23 Indie

24 Dawna

25 Indie

26 Dawna

27 Indie

28 Dawna

29 Indie

30 Dawna

31 Indie

32 Dawna

33 Indie

34 Dawna

35 Indie

36 Dawna

37 Indie

38 Dawna

39 Indie

40 Indie

41 Dawna

42 Indie

43 Dawna

44 Indie

45 Dawna

46 Indie

Vor Zeiten, als dieser Orden geboren,
zwei Hüterinnen, Hand in Hand an den Toren,
der Wind und die Wolken, der Himmel war Zeuge,
dass keine der Schwestern den Dunklen sich beuge.
Von Jahr zu Jahr knien sie nieder,
kalt streift das Schwarz sie, der Vögel Gefieder.
Ihr heiserer Schrei kündet die Nacht,
in der ihr Meister zum Leben erwacht.

So viele Winter werden vergehen,
in denen wie Blüten die Fleurs verwehen.
Sie hüten die Tore, doch nichts kann sie retten,
so wird der Orden im Tode sich betten.
Denn wenn vergangen sind tausend Jahr,
wird keiner mehr hindern die Engelsschar.
Der Stern des Ordens wird untergehen,
die Menschheit vergebens um Rettung flehen.

Doch seid klug und deutet die Zeichen,
die eine muss wachen, sie darf nicht weichen.
Es ist an ihr, es zu erkennen,
das Böse mutig beim Namen zu nennen.
Zu wissen, dass alles in ihrer Hand,
die Schwester, die Töchter, das ganze Land.

Sie hat den Mut, sich von allem zu lösen,
sie verbindet sich mit der Kraft des Bösen.
Aus dieser Verbindung gehen hervor,
die, die schließen das Engelstor,
die mächtigsten Hüterinnen, die jemals geboren
an keinem von vielen Engelstoren.

Ihre Ahnin wird den Vertrag erzwingen,
das ist nur eines von fünf Dingen.
Gegen Zweifler wird sie unbeugsam sein,
furchtlos wahren Täuschung und Schein.
Geduldig wird sie die Töchter lehren,
nie wird ihr Herz einen Liebsten begehren.

Die Schwester und Töchter weit fortgeschickt,
sie nie mehr ihr geliebtes Antlitz erblickt,
einsam wird sie finden den Tod,
die Töchter überlässt sie der Angst und der Not.

Habt acht, diese Worte sollen euch nützen,
euch in der Stunde des Kampfes beschützen:
Der Sucher soll sie finden,
der Verführer soll sie binden,
die Dienerin hält die Hüterin ab,
der Händler bringt ihr Liebstes zu Grab.

Der Händler gelangt durch die Mutter zur Kraft,
der Sucher sich der Mutter Geist verschafft,
der Verführer muss die Liebe erfahren,
die Dienerin um sich die Dunklen scharen.
Doch wenn sie durch die Hüterin stirbt,
der Hüterin Hand das Schicksal verdirbt.

Erneuert das Wissen, den Pakt und die Macht,
traut denen, die wandeln als Wolf in der Nacht.
Seht auf das Zeichen in eurer Hand,
das Auge zeigt, wer ist euch verwandt.
Gemeinsam mit ihnen werdet ihr stehn,
drei Frauen werden ihm in die Augen sehn,
Am Grabe holt euch der Nachtwind ein,
er soll euer stärkster Verbündeter sein …

So flüstere ich diese Worte nur,
der Tod ist so nahe, die blutige Spur
beginnt hier und heute in uralter Zeit,
sein Griff ist so eisig, sein Atem so weit.

Lucille les Fleurs, Ordre du Marquessac

46° 59’ 51,086’ N, 110° 57’ 34,29’ W
Mount Monarch

 

Der Morgen ist kalt und klar. Nichts ist zu hören, nur der Stoff ihres langen Rocks, der über den Schnee schleift, das Knirschen ihrer dicken Stiefel und ihr Herzschlag. Vor ihr breitet sich der Schnee über Kilometer bis zu den Bergen, die dunkel in den heller werdenden Himmel ragen.

Für einen Moment schickt die Sonne glühende feuerrote Strahlen hinter den schwarzen Silhouetten der Berge nach oben und breitet ein sattes violettes Licht über den ganzen Himmel. Plötzlich, der erste Sonnenstrahl, er lässt die oberen schneebedeckten Gipfel erglühen.

Wie eine Feuersbrunst, die sich über das Schneefeld ausbreitet und ein unglaubliches Glitzern erzeugt.

Es ist so schön, denkt sie und ihr Hals wird eng.

Im nächsten Moment ist der Zauber verflogen und die weite Schneefläche glitzert so stark, dass sie sich abwenden muss, hinabsieht zu ihrem tiefschwarzen Rock, auf den sich kleine weiße Schneesternchen geheftet haben.

»Die Träume sind wiedergekommen«, flüstert sie zu sich selbst. »Sie mussten wiederkommen. Ich kann davor nicht fliehen. Nicht jetzt. Und nicht in tausend Jahren. Und es wird erst enden, wenn ich das getan habe, was ich tun muss …«

Trotz der dicken gefütterten Reitstiefel spürt sie die Kälte in den Zehen, sie kriecht nach oben unter den Rock. Immer wieder schiebt sich das eine Bild dazwischen, das ihren Herzschlag beschleunigt. Panik breitet sich in ihrem Kopf aus und Todesangst.

Vincenta in ihrem schwarzen Kleid. Ihr verzweifelter, gehetzter Blick, ihre Gedanken, die ungefiltert in ihrem eigenen Kopf kreisen. Die sie die gleiche Angst spüren lassen wie Vincenta. Diese Panik in ihr, als sie sieht, dass Vincenta plötzlich ruhig wird und eine Entscheidung getroffen hat. Wie sie aufblickt und das Böse sieht. Wie der kalte Lauf der Waffe in ihren Mund gleitet und ihrem Leben mühelos ein Ende setzt.

»Ich gebe dir meine Seele nicht!« Das sind ihre letzten Worte und ihr Lächeln wird selbst im Tod noch an Vincentas Lippen haften.

Sie bleibt stehen, als sie den Hirsch zwischen den Baumstämmen entdeckt. Er dreht den Kopf zu ihr und sieht sie mit riesigen Augen an, die großen, samtenen Ohren aufmerksam zu ihr gerichtet. An seinen Läufen klebt gefrorener Schnee. Er wittert in ihre Richtung, als würde er sich ihren Geruch einprägen wollen, dann springt er lautlos zurück in den Wald.

Endlos dehnt sich hier der Wald. Bis zu den Bergen und noch weiter. Ein Gewirr aus dunklen, mächtigen Tannen, umgestürzten Stämmen und Buschwerk, das sich darunter ausbreitet und in dem die wilden Tiere Schutz suchen. Sie ist selbst wie ein Tier. Ein Tier, das sich verstecken muss, das auf der Flucht ist. Manchmal will sie nicht mehr zurückkehren und auch nicht mehr davonlaufen. Sie will die Verantwortung abstreifen, wie ein zu eng gewordenes Kleid. Wenn sie es könnte, würde sie das Kleid am Rücken entzweireißen. Mit einem Ruck. Stattdessen läuft sie wieder stundenlang im Wald umher und flieht vor ihren Gedanken. Sie versucht, sich auf die Rufe der Vögel zu konzentrieren und auf das Knacken der Äste, die unter der schweren Last des Schnees brechen. Dann findet sie kurz Ruhe, kurz, bevor sich der nächste klare Gedanke in ihren Kopf schneidet.

Hinter ihr bricht der Tag an. Sie hört die Geräusche des Lagers, Stimmen, Menschen, die sich etwas zurufen, und das Bellen der Hunde. Jemand schüttet eine Wasserschüssel aus, sie hört es hart auf den Schnee klatschen, und als sie sich umwendet, sieht sie den Dampf aufsteigen und sich im heller werdenden Morgenhimmel verlieren. Sie weiß, dass sie jetzt umkehren und zum Lager zurückgehen muss. Vom Wald aus sieht es geduckt aus, mit dem Rücken an den jäh aufsteigenden Fels geschmiegt. Wenn Cheb sie nicht in ihrem Wagen findet, wird er die Männer losschicken. Er wird Chakal losschicken, seinen Sohn. Sie wird zurückgehen und es ihm sagen müssen.

Sie wird ihn vor ihrem Wagen treffen, die Hand auf den Stock mit dem silbernen Wolfskopf gestützt, sein weiß gesträhntes Haar streng zurückgekämmt und im Nacken zu einem kurzen Zopf gebunden.

Wir sind alt geworden, wird sie sich denken und ihre Hand heben, um ihre Kapuze abzustreifen.

Die Zeit hat sich hart in ihre Gesichter gegraben.

»Cheb«, wird sie sagen, »ich werde sterben. Zur Wintersonnwende werde ich sterben.«

 

1

Dawna

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Indie ist eingeschlafen. Gerade haben wir noch miteinander geredet, leise, als könnten wir mit unseren Worten das Böse wirklich wecken. Vorsichtig. Tastend.

»Werden sie noch heute Nacht kommen?«, hatte Indie geflüstert.

Ich hatte Nein gesagt, obwohl ich mir nicht sicher war und obwohl ich selbst ganz schreckliche Angst davor hatte, dass sie hierherkamen. Um Miley zu holen. Um uns zu holen.

»Wir sind doch sicher, hier sind wir sicher. Auf Whistling Wing.«

»Sie kommen ganz bestimmt nicht«, hatte ich geflüstert.

Dann ist ihr Kopf langsam auf die Tischplatte gesunken und jetzt atmet sie ruhig. Ihr rotes Haar fließt über ihre Arme, ab und zu flattern ihre Augenlider. Sie träumt. Ich bin froh, dass wenigstens Indie etwas Ruhe findet. Ich lege ihr Mums Strickjacke über die Schultern und gehe zum Fenster. Draußen ist es so dunkel, dass ich nicht einmal bis zur Scheune hinübersehen kann. Einzelne Schneeflocken taumeln auf die Veranda. Mehr kann ich nicht erkennen. Aber ich weiß auch so, dass sie noch da sind. Die Comtesse und Kat und Miss Anderson. Alles an mir ist eiskalt. Ich schleiche an Indie vorbei, schließe leise die Tür hinter mir und steige die Treppen hoch. Alle sind zu Bett gegangen. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist, ich ahne nur, dass es nicht mehr weit bis zum Morgen ist. Dass es nicht mehr lange dauert, bis die Nacht sich wendet und wieder zum Tag wird. Ich lasse die knarzende Treppenstufe aus, um niemanden zu wecken, und schlüpfe ins Badezimmer. Die Fliesen mit dem Rosenmuster, die ich als Kind endlos ansehen konnte. Die Badewanne mit den Löwenfüßen, in die Granny uns nach einem Tag im Staub und Dreck gesteckt hatte. Damals war alles so einfach. Mit Granny war alles so einfach.

Ich will mich nicht im Spiegel ansehen, ich will nicht in meine Augen blicken, die groß und dunkel sind, und mir das, was passiert ist, wieder und wieder erzählen werden.

Du hast Miley gerettet.

Du hast Samael entbannt.

Ich werde mir nie wieder in die Augen blicken können, ohne daran zu denken.

Schnell öffne ich den Knopf meiner Jeans und streife sie ab, ziehe mir das Sweatshirt über den Kopf, mein Top, meinen Bra. Ich lasse alles einfach auf den Boden fallen und spüre, wie die Kälte nach mir greift. Mir die Brust zuschnürt.

Du hast den Dämon Samael entbannt, weil du einen Jungen liebst. Und du darfst nicht lieben. Alles passiert nur deswegen. Weil du deine Aufgaben vergisst.

Jetzt sehe ich doch hin. Betrachte meine Augen, unter denen schwarze Schatten liegen. Ein tiefer Kratzer zieht sich über meine Stirn und mein Haar sieht wirr und zerzaust aus. Das ist nicht mehr die Dawna, die ich kenne. Die sich morgens das Haar bürstet, bis es wie Seide über ihren Rücken fällt. Deren Gesicht immer einen sanften Ausdruck trägt. Die niemals laut wird.

»Ich habe nie geliebt«, flüstere ich.

Ich habe einen Jungen nicht mal angesehen, als wäre dieses Wissen in mir drin verankert. So tief, dass es mich nur im Traum einholen konnte. Aber ich wusste es. Immer. Deswegen blieb ich alleine. Bis wir nach Whistling Wing kamen. Wären wir nicht hierhergekommen … wären wir doch nie …

Ich drehe mich abrupt vom Spiegel weg und steige in die Wanne. Ich ziehe den Duschvorhang vor und drehe den Wasserhahn auf. Dampfend heiß prasselt es auf meinen Körper und für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, ich könnte alle Erinnerungen einfach fortspülen, mit dem heißen Wasser in den Ausguss schwemmen und so lange duschen, bis ich wieder ein normales Mädchen bin. Bis ich wieder die Dawna bin, die ich kenne. Oder zu kennen glaubte.

Jemand öffnet die Badezimmertür und drückt sich durch den Türspalt. Im ersten Moment glaube ich, es ist Indie. Es kann ja nur Indie sein – doch dann erkenne ich Miley, sein schwarzes, lockiges Haar und die Umrisse seines Körpers. Erschrocken verschränke ich meine Arme vor der Brust. Eine sinnlose Geste.

»Dawna«, sagt er und bleibt vor der Wanne stehen, »ich habe dich gesucht.«

»Ich hatte die Tür abgesperrt«, sage ich, aber das Rauschen des Wassers reißt meine Worte mit fort. Was rede ich da für einen Blödsinn. Schließlich weiß ich mehr als genau, dass Miley jede geschlossene Tür in Sekundenschnelle öffnen kann. Schließlich ist er Zigeuner, hat er früher immer betont, wenn wir gemeinsam vor dem einen oder anderen Geräteschuppen standen. Deswegen warte ich seine Antwort erst gar nicht ab. Der Wasserdampf benetzt den Vorhang und nimmt Miley wenigstens ein bisschen die Sicht auf meinen nackten Körper.

»Wir müssen reden«, sagt Miley und bleibt einfach stehen, »mir ist so viel klar geworden.«

»Aber doch nicht jetzt«, sage ich verzweifelt.

»Sonst ist doch immer Indie dabei. Außerdem sehe ich dir gerne beim Duschen zu.«

Ich kann hören, dass Miley grinst, obwohl ich seine Gesichtszüge nicht sehe. Kann nicht einmal etwas normal laufen? Wann genau war der Zeitpunkt, an dem mir alles entglitten ist? War es da, als Miley vor mir im Kräutergarten stand? Als die Sonne heiß auf unsere nackten Arme brannte und der Geruch von Minze und Thymian über unseren Köpfen hing? Oder war es schon viel früher? War es der Moment, in dem ich die Tür unserer letzten Wohnung in Welby hinter mir zuzog? Für immer. Zum Pick-up hinunterging und Mum sagen hörte: »Jetzt fahren wir nach Hause.«

»Ich will mit dir zusammen sein«, sagt Miley unvermittelt.

Ich zucke zusammen. Das Wasser läuft über meinen Kopf, hängt in meinen Wimpern, tropft von meinem Kinn. Das darf doch alles nicht wahr sein. Aber was hatte ich erwartet? Ich hatte es sogar gehofft. Mir mehr als alles andere gewünscht. Ich hatte darum gebetet und diese Gebete sofort bereut und verworfen. Ich hatte nicht mehr daran zu denken gewagt, dass ich Miley finde und wir ein Paar werden. Dass er mich liebt. Nur mich haben will und niemanden sonst.

»Sag nichts«, sagt Miley, als hätte ich meine Gedanken laut ausgesprochen, »ihr habt ein Geheimnis. Ein dunkles, schreckliches Geheimnis.«

Seine Stimme hört sich nicht spöttisch an.

»Meine Mum hat das gesagt. Sie hat gesagt, ich soll mich von Whistling Wing fernhalten. Sie hat euch gesehen, als ihr angekommen seid.«

Wieder ist Sommer, es ist der erste Tag auf Whistling Wing. Ich blicke aus dem Küchenfenster und verenge die Augen.

»Da ist jemand«, flüstere ich, »da drüben. Im Schatten des Baumes.«

Indie dreht sich zum Fenster. Die Hitze lässt die Luft flimmern. Sehe ich jemanden dort stehen? Eine Frau? Einen Wolf? Die Hitze täuscht unsere Augen. Ich seufze.

»Vielleicht auch nicht«, sage ich.

»Und dann hat sie tagelang das Haus nicht mehr verlassen«, fährt Miley fort. »Hat mit den Geistern gesprochen, ein Huhn geschlachtet, Salbei verbrannt und solchen Kram gemacht. Dann hat sie gesagt: ›Die Zeit ist gekommen.‹«

»Und du hast ihr nicht geglaubt«, sage ich.

»Es war mir egal, Dawna«, er zuckt mit den Schultern, »ich habe dich gesehen. Da im Garten, zwischen den Kräutern. Es war mir einfach egal, was meine Mum wollte.«

»Du hättest auf sie hören sollen«, sage ich heftig.

Mein Herz schlägt bis zum Hals. Schnell und gleichmäßig. Und obwohl es mein Blut durch meinen ganzen Körper pumpen müsste, habe ich das Gefühl, alles Blut sammelt sich in meinem Unterleib. Pulsierend und heiß.

»Dafür fällt mir im Moment kein vernünftiger Grund ein.« Er zieht sich sein T-Shirt über den Kopf, eine einzige fließende Bewegung, und lässt es auf den Haufen mit meinen Klamotten fallen.

Was soll das?, will ich sagen, aber ich sage nichts, sondern weiche zurück, bis ich mit dem Rücken an der Wand stehe. Ich spüre die kalten Fliesen auf meiner Haut und Miley zieht den Vorhang mit einem Ruck zur Seite. Wir sehen uns in die Augen. Seine Augen sind schwarz mit dichten, langen Wimpern. Eine Verschwendung an einen Jungen.

»Nicht«, sage ich atemlos, »es bringt Unglück. Du darfst das nicht tun. Ich bringe dir Unglück. Deine Mutter hat recht. Sie kennt unser Geheimnis …«

»Was ist euer Geheimnis?«, flüstert er.

Sein Blick wandert über meinen Körper, über meinen Bauch, meine Schenkel.

»Wir sind …«, ich stocke.

Auch ich muss ihn ansehen. Seine Schultern, die glatte Haut auf seinem muskulösen Oberkörper. Es ist anders als im Sommer. Jetzt will ich ihn berühren, will meine Hände über seine Brust gleiten lassen, bis dorthin, wo der Bund seiner Jeans sitzt. Ich will wissen, ob seine Haut wirklich so braun ist oder ob es der Staub des Sommers ist, der noch an ihm haftet. Meine Sehnsucht nach ihm ist so stark, dass ich mich nicht mehr wehren kann.

»Was seid ihr?«, flüstert er.

»Wir sind Hüterinnen. Wir sind dazu geboren, das Tor der Engel mit unserem Leben zu beschützen. Das ist unsere Aufgabe. Von Generation zu Generation weitergegeben. Von Jahrhundert zu Jahrhundert …«

»… von Frau zu Frau. Und diese Bestimmung werden wir brechen«, höre ich Grannys Stimme so deutlich in meinem Ohr, dass ich glaube, sie steht neben mir. »Ihr werdet die letzten Hüterinnen sein. Wir werden uns befreien. Wir. Werden. Frei. Sein.«

Verwirrt halte ich inne. »… Wir. Werden. Frei. Sein …«

»Was ist mit dir?«, fragt Miley, erwartet aber keine Antwort.

Ich schüttle Grannys Stimme ab, obwohl sie wie ein fernes Echo in meinem Ohr hallt.

Auf Mileys Mund schwebt ein schiefes Lächeln. Ich kenne es so gut. Zu gut. Diesen Ausdruck auf seinem Gesicht, bevor er ein Schloss knackt. Wenn er weiß, dass er schon gewonnen hat. Er steigt zu mir in die Wanne. In Sekundenschnelle ist seine Jeans völlig durchnässt. Er ist mir so nah, dass sich unsere Körper berühren, ohne dass wir die Hände nacheinander ausstrecken. Seine Haut ist heiß, oder ist es das Wasser, die Millionen von feinen Tröpfchen, die zwischen uns tanzen? Meine Arme sinken herab, die letzte Barriere zwischen uns, und ich lasse zu, dass sich meine Brüste an seine Brust schmiegen. Hitzeschauer fliegen über meine Haut. Mileys Hände finden meine. Unsere Finger schlingen sich ineinander, als wollten wir für immer so hier stehen.

»Ich will dich«, flüstert er in mein Ohr, »meine Mutter weiß nichts. Sie glaubt an die Vorsehung. Ich glaube nicht daran. Lass uns zusammen weggehen. Wir können überall zusammen sein.«

»Sie werden uns überall finden.«

Ich lehne meinen Kopf an Mileys Schulter. Meine Lippen streifen über seine Haut, schmecken Salz und Motoröl und Sommer.

Ich liebe dich, Miley, will ich sagen, aber ich atme nur tief ein und aus, sauge seinen Geruch tief in meine Lungen.

»Wer wird uns finden?«, raunt Miley.

Er zieht mich enger an sich und presst mich gegen die Wand. Das heiße Wasser scheint unsere Körper aneinanderzukleben. Untrennbar. Ich schiebe meine Hände dazwischen, öffne den Knopf seiner Jeans und streife sie ab.

»Shantani und Pius. Und Rag«, flüstere ich, während meine Gedanken immer weiter wegdriften. Es gibt nur noch ihn und mich, das Rauschen des Wassers, die Nacht, die sich dem Morgen entgegenneigt. Ich weiß es. Die Sonne wird aufgehen. Bald.

»Und Samael«, füge ich hinzu.

Ich kann mich kaum mehr konzentrieren. Ein so starkes Kribbeln läuft durch meinen Körper, dass alle Gedanken wie weggepustet sind. Ich spüre Mileys Hüften auf meinen und schließe die Augen. Ich will nur noch, dass er mich küsst, dass wir endlich das tun, zu dem wir bestimmt sind. Schon immer. Granny muss es gewusst haben. Sie muss doch gewusst haben, dass ich Miley lieben werde und dass wir uns nicht dagegen wehren können. Vielleicht hat sie Indie und mich auch deswegen weggeschickt. Sie hat gespürt, dass er es ist. Er und nur er. Und niemand sonst. Seine Hände gleiten nach oben, bis sie auf meinen Schultern liegen. Dann umfasst er mein Gesicht und ich öffne die Augen. So nah ist er, dass er nur den Kopf senken müsste, um mich zu küssen.

»Du sollst dich doch nicht mit so gefährlichen Jungs einlassen«, sagt er, »hat dir das deine Granny nicht beigebracht?«

Seine Stimme ist rau und voller Verlangen. Sein Atem vermischt sich mit meinem, wir atmen diese Feuchtigkeit ein, sind durchtränkt von ihr, benommen. Mileys Haar glänzt schwarz und ringelt sich im Nacken. Er ist auch nicht mehr der, der er einmal war – er ist ein Mann und kein Junge und ich weiß, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt. Wir sind zu weit gegangen. Viel zu weit. Wir können nicht umkehren. Er lässt mein Gesicht los und hebt mich hoch und drückt mich gegen die Wand. Mühelos, und ich schlinge meine Schenkel um ihn. Jetzt bin ich nur noch ich. Dawna. Die fremde Dawna, die mir bald vertrauter sein wird als die, die ich einmal war.

»Und du bist nicht gefährlich…«, flüstere ich zurück.

»Das habe ich nicht gesagt …«

Seine Lippen streifen über meine Stirn und meine Schläfen und dann finden sie endlich meine Lippen. Meine Gedanken stoppen und Bilder fließen durch meinen Kopf. Die Engel auf ihren Motorrädern. Samael. Auf dem Rücken überkreuzte schwarze Flügel. Und Lilli-This Lachen. Ihr endloses Lachen, über mich und über meine schrecklich hoffnungslose Liebe. Und trotzdem lasse ich mich in mein Gefühl fallen und erwidere Mileys Kuss. Bald geht die Sonne auf. Glühend rot wandert sie dem Horizont entgegen.

2

Indie

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Ich wache davon auf, dass die Küchentür aufgerissen wird. Schlagartig bekomme ich Kopfschmerzen. Vergeblich versuche ich, den Traum festzuhalten, aus dem ich gerade hochgeschreckt bin. Ein Traum von Vincenta, der Schwester meiner Ururgroßmutter Victoria, hat sich wie ein Albtaum auf meine Brust gesetzt. Wir sind die Hüterinnen. Wir beugen uns nicht, sagte sie, das schwarze Kleid bauschte sich im Wind, ihr Blick auf etwas gerichtet, das hinter mir war. Etwas, das wahnsinnige Angst in ihr auslöste. Ich gebe dir meine Seele nicht, höre ich es weit entfernt. Es klingt vertraut, aber doch fremd. Ich gebe sie dir nicht …

Mein Blick fällt auf Dawna, die mitten in der Küche steht und deren Gesichtsausdruck eine Mischung aus Panik und Entschlossenheit ist. Zwischen meinen Traum und sie schiebt sich der Gedanke an Gabe, verdrängt alles Negative aus meinem Kopf. Denn nichts ist mehr so wie gestern. Bis zum gestrigen Tag dachte ich, Gabe würde sich immer für die Engel entscheiden und nie für mich. Aber er hat sich zwischen mich und Rag gestellt, er hat sich für die andere Seite entschlossen, für die Seite des Lichts und nicht die der Dunkelheit. Du und ich, denke ich an seine letzten Worte gestern, bevor er dann von den Schüssen der Comtesse vertrieben wurde.

»Miley muss weg«, wispert mir Dawna zu. »Der Leichenwagen muss weg. Komm schon.«

Sie sieht aus, als hätte sie gerade geduscht, und in ihrer Stimme schwingt ein Unterton, den ich nicht an ihr kenne. Ist es Panik? Ja, Mädchen, denke ich und mit diesem Gedanken bin ich wieder brutal im Hier und Jetzt. Genau das sollten wir auch haben. Panik. Riesige Panik. Mega-turbo-gigamäßige Panik. Denn gestern haben wir Samael, den Boss der bösen Engel, entbannt. Er sitzt irgendwo, in welcher Gestalt auch immer, und versucht, die gefallenen Engel wieder um sich zu vereinen. Ihnen einen Auftrag zu geben. Nicht irgendeinen Auftrag. Den Auftrag, uns, die Hüterinnen des Lichts, zu zwingen, das Engelstor zu öffnen, um dem Bösen auf die Welt zu helfen. Um Azrael auf die Welt zu helfen, damit er die Schöpfung vernichten kann.

Er braucht deine Seele, Indie, wispert es tief in mir drin.

»Komm schon. Wir dürfen jetzt nichts falsch machen.« Sie sieht mich beschwörend an. »Ich werde mich von Miley trennen, ich verspreche es dir, und dann …« Sie unterbricht sich abrupt, denn hinter ihr tauchen Miley und Rudy auf. Sie haben die Nacht, nach unserer Flucht vom Friedhof, hier verbracht, aber jetzt sollten wir die beiden wirklich loswerden. Miley hat einen unglaublich besitzergreifenden Blick drauf. Wortlos gehe ich zum Spülbecken und lasse den Wasserstrahl direkt in meinen Mund laufen. Wie jetzt, Dawna will sich von ihrer großen Liebe trennen? Um derenwillen sie gestern bereit gewesen war, die größte vorstellbare Scheiße zu machen, einen Dämon zu entbannen? Dawna steht so dicht neben mir, dass sie mich hin und wieder berührt und mir dadurch das Wasser ins Gesicht spritzt.

»Kat und Miss Anderson sind noch da«, flüstert sie und starrt dabei auf die Veranda hinaus. »Du weißt, was sie wollen.« Ihr Blick schweift zu Miley.

»Ein Platz am Feuerchen?«, frage ich laut, während ich den Wasserhahn abdrehe, und lasse ihre Aussage, dass sie sich von Miley trennt, unkommentiert. Die zwei Frauen haben echt einen Sprung in der Schüssel. Helfen erst Lilli-Thi und ihren Kumpanen und dann wollen sie weiter bei uns wohnen. Unvorstellbar. »Die trauen sich was.« Meine Stimme hört sich dumpf an, weil ich mir das Gesicht an einem Geschirrtuch abtrockne. »Die kommen jetzt einfach hier rein, oder wie?«

Ich hebe meinen Kopf und unsere Blicke treffen sich.

»Indie. Bitte«, flüstert Dawna und sieht mich hypnotisierend an. »Ich darf ihn ihnen nicht ausliefern.«

Ich kann an ihrem Hals sehen, wie ihre Schlagader pulsiert. Kräftig und schnell. Sie spricht nicht weiter, starrt jetzt auf die Küchentür, ihr Gesichtsausdruck verändert sich plötzlich. Von panisch zu wild entschlossen, dann packt sie Mileys Hand, zieht ihn zur Hintertür und schiebt ihn und Rudy hinaus. Ich werfe hastig das Geschirrtuch auf den Tisch. Miley ist das beste Druckmittel, um Dawna dazu zu zwingen, das Engelstor zu öffnen. Und wenn ich raten darf, was Dawna sich gerade zusammengereimt hat, dann meint sie, dass dieser Zusammenhang Kat und Miss Anderson eben in dem Moment auch aufgefallen ist. Ich habe keine Ahnung, was wir den zweien entgegensetzen können. Ich habe keine Ahnung, wer die beiden sind, was sie vorhaben und welche Tricks sie auf Lager haben. Aber eins ist klar, sie wissen, dass wir wissen, dass sie nicht die Guten sind. Dass sie nicht die normalen durchgeknallten Engelssuchenden sind, als die sie sich ausgegeben haben. Dass sie irgendetwas im Schilde führen, von dem wir nicht das Geringste wissen.

»Wieso sonst sollten sie noch da sein?«, scheint Dawna zu wispern, während sie ihre Hand auf die Türklinke legt.

Um uns zu schützen, was sonst, will ich sagen. Weil der bescheuerte Rag seine Aggressionen nicht unter Kontrolle hat, deswegen. Der hätte mich gestern doch glatt allegemacht und dann wär’s aus gewesen für Azrael. Nix mit auf die Welt kommen und die Herrschaft übernehmen. Ohne meine Seele hat er verloren.

Dawna reißt die Küchentür auf, direkt davor stehen die zwei Frauen. Das einzige Geräusch, das man hört, ist der Reißverschluss, den Kat gerade nach unten zieht. Die ungemütliche Stille dehnt sich in die Länge. Kat sieht nicht Dawna an, sondern mich. Ihre Augen verengen sich ein wenig, sie strahlt jede Menge Aggression aus. Nichts mehr mit der freundlichen, gesprächigen Kat. Jetzt bereue ich keine Sekunde lang, mit dem Leichenwagen den Ford Bronco gerammt zu haben. Im Gegenteil, ich finde es richtig schade, dass nicht noch ein paar Stoßstangen und Kotflügel davongeflogen sind.

»Wir müssen los«, sagt Dawna im patzigen Tonfall, während sie mit ihrer noch freien Hand die meine packt.

Die Worte hängen in der Luft, zwischen uns, wir wissen, was es bedeutet. Keine Gesprächsbereitschaft. Die Blicke von Kat und mir verhaken sich, mein Herzschlag explodiert auf einmal.

Du kannst mir nichts, denke ich und verenge auch ein wenig die Augen. Verpiss dich einfach. Ich hab dich durchschaut, kapiert, mit einschleimen ist nichts mehr. Was meint ihr eigentlich, wer ihr seid!

Kats Augen werden noch eine Spur dunkler, wenn das überhaupt geht, und mir ist nicht klar, wie ich sie jemals sympathisch finden konnte. Kat ist eine Kämpferin. Ihre glatte kaffeebraune Haut liegt samtig über stahlharten Muskeln. Ihre seidige dunkle Stimme geht einem runter wie Öl, aber ihre freundlichen Worte sind nichts als Show. Und wenn ich raten dürfte, was sie auf ihrem Unterarm eintätowiert hat, dann käme eine schwarze Feder gleich an erster Stelle. Miss Anderson tritt zur Seite, um uns vorbeizulassen. Kat starrt mich noch immer an, als wir uns an ihnen vorbeidrücken. Ich habe den Eindruck, dass sie eigentlich etwas sagen will, aber sich im letzten Moment doch noch zurückhält.

Nebeneinander stehen drei Autos. Mums Pick-up. Ein roter Ford Bronco. Ein Leichenwagen. Die Sonne hat sich über die federgrauen Wolken geschoben und breitet ein rosa Tuch über den eisgrauen Himmel und unseren weiß behauchten Hof. Es sieht alles wie eingefroren aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Selbst der Leichenwagen, mit dem ich das Friedhofstor umgebügelt und den Ford gerammt habe, sieht dadurch friedlich aus.

»Oh nein«, erklärt Rudy sehr bestimmt, als ich auf den Leichenwagen zugehe, und packt mich bei beiden Schultern. »Ich fahre.«

Ich sehe ihn so cool an, dass ihm wahrscheinlich demnächst die Hände abfallen, mit denen er mich berührt.

»Wir wollen doch nichts riskieren«, grinst er breit und sein Blick schweift eine Sekunde zu lang zur Kühlerhaube des Leichenwagens.

»Seh ich da einen feuchten Fleck an deiner Hose?«, flüstere ich und kneife die Augen zu. »Entspann dich, Rudy. Ich sag’s niemandem.«

»Indie, du bist echt ein Feger.« Er hebt eine Augenbraue und beugt sich noch ein kleines Stückchen nach vorne. »Hab ich dir schon gesagt, dass ich das wirklich mag an dir?«

Wir starren uns einen Augenblick an, er hält noch immer meine Schultern fest.

»Dass du dir in die Hose machst, wenn du mit mir Auto fährst?«, frage ich liebenswürdig nach, während ich ungeduldig seine Hände abschüttle. Hinter uns hupt Miley, der neben Dawna auf dem Beifahrersitz unseres Pick-ups sitzt und Rudy komische Handzeichen gibt, die alles bedeuten könnten. Ich gehe um den Leichenwagen herum, schlage einmal mit der flachen Hand auf die Aufschrift »Joe Sokoloski Funeral Home and Crematory« und setze mich mürrisch auf den Beifahrersitz. Der alte, lang gestreckte Cadillac sieht nach meiner Aktion gestern wirklich scheiße aus. Liebend gerne wäre ich mit Dawna gefahren. Aber bei dem Gespräch mit Miley kann sie mich sicher nicht brauchen.

Scheiße.

Wenn Dawna das mit Miley durchzieht, ihm wirklich den Laufpass gibt, dann bedeutet das natürlich, dass auch mit Gabe Schluss sein muss. Ausgerechnet jetzt. Es ist zum Heulen. Ich schaffe das sowieso nicht, flüstert es in mir. Ich kann ihn jetzt nicht gehen lassen, ich brauche ihn.

Rudy legt krachend den ersten Gang ein und der Leichenwagen hüpft nach vorne.

»Prima«, sage ich und stütze mich mit beiden Händen gegen das Armaturenbrett. »Du bist da ja echt Profi, Junge.«

Er antwortet darauf nicht, sondern sagt: »Das mit diesen Rockern. Das ist kein Spaß, Indie.«

Ach was. Und das mit den dunklen Engeln erst. Das ist ja so was von kein Spaß, dass es nicht zu glauben ist.

»Hey, das hat mich richtig aufgeputscht gestern. Ich hatte schon lange keinen solchen Wahnsinnsspaß«, entgegne ich.

»Wenn die Typen noch am Friedhof rumhängen, sollten wir sehen, dass wir weiterkommen«, schlägt Rudy vor.

»Schade«, sage ich. »Schade, dass Dawna gar nicht zum Friedhof fährt. Sie will das Auto vorm Murphy’s Law abstellen.«

»Okay«, sagt Rudy.

»Aber nur, weil’s näher an der Tanke ist. Ansonsten würden wir gerne am Friedhof abhängen«, mache ich weiter, obwohl ich beim Gedanken an den Friedhof einfach kotzen könnte.

»Okay«, sagt Rudy noch einmal, obwohl er nicht so aussieht, als wäre irgendetwas in seinem Leben okay.

Ich starre durch die Frontscheibe auf die Rücklichter unseres Pickups. Wenn uns der Besitzer dieses Leichenwagens erwischt, dann bedeutet das jede Menge Ärger. Wenn wir Glück haben, können wir den Wagen vor dem Murphy’s Law einfach stehen lassen und uns verdünnisieren.

»Diesem Joe Sokoloski möchte ich jetzt wirklich nicht begegnen«, füge ich noch hinzu. »Du weißt schon. Wegen des Fähnchens, das wir bei unserer letzten Fahrt verloren haben.«

Wir sind gerade aus dem Leichenwagen ausgestiegen, als Morti aus der Kneipe kommt. Morti ist der Besitzer der Tankstelle von New Corbie und ein echtes Arschloch. Wenn man Glück hat, sagt er keinen Ton. Wenn man noch größeres Glück hat, ist er gar nicht in der Tanke und man wird von Rudy oder Vince bedient. Seine dichten schwarzen Augenbrauen ziehen sich eng zusammen, während er von uns zu dem Leichenwagen sieht.

»Wahnsinn«, sage ich an ihn gerichtet und deute auf den Wagen. »Der hat ganz schön was abgekriegt.«

Mein Blick schweift auf die andere Straßenseite, wo Dawna unseren Pick-up geparkt hat und gerade mit unergründlicher Miene auf uns zukommt. Miley bleibt beim Pick-up stehen, seine Augen lassen Dawna nicht los. Rudy stellt sich mit verschränkten Armen und schrägem Kopf neben den Leichenwagen, als wäre ihm gerade erst aufgefallen, wie demoliert das Auto ist. Morti geht einmal um das Auto herum, wirft mir dann wieder einen grimmigen Blick zu, als wüsste er mehr.

»So. Wir müssen wieder«, sage ich, als der Wind einen leisen Ton an mein Ohr weht. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit und er ist unabänderlich mit Grannys Stimme verbunden. Auf Sam muss man warten können, hat sie immer gesagt. Mein Herzschlag explodiert sofort, ich spüre körperlich, wie das Blut kräftig durch meine Adern rauscht. Sam Rosells Laden. Die Klingel, die ihn aus seinem Liegestuhl in den Laden rief. Hinter mir, an der Tür des Ladens, geschieht etwas.

Er ist wieder da.

Der Gedanke pulsiert in meinem Gehirn und verdrängt alles andere. Den Leichenwagen. Morti. Rudy. Miley.

Er ist wieder da.

Was hat er vor?

Wir haben den dunklen Engeln ihren Anführer zurückgegeben. Der Laden wirkt wie ein Magnet auf mich. Ich muss mich umdrehen, auch wenn ich nicht will.

Es sieht aus wie immer. Die abgerissenen Plakate, die die ganze Frontseite verkleben, sogar die Schrift »Rosell’s General Store«. Die vernagelte Tür. Nein, korrigiere ich mich, die Tür ist nicht mehr vernagelt, sie ist im Wind ein kleines Stück nach innen geschwungen und hat dabei die Ladenklingel ausgelöst. Ein lang gestreckter, heiserer Ton, so vertraut, als würde ich ihn jeden Tag hören. Ein eisiger Schauer rieselt mir über den Rücken, die Beine hinunter bis in die Füße. Auch Dawna hat es gehört, denn sie zuckt zusammen. Ihr Blick bleibt fest auf den Leichenwagen gerichtet und ihre Lippen bewegen sich ein klein wenig, als würde sie mit sich selbst sprechen. Vor der Veranda liegt Müll, einige überquellende Kartons, daran gelehnt eine alte Stoffliege. Sam Rosells alte Sonnenliege, auf denen er seine Tage im Hinterhof verbrachte, betrunken, besinnungslos. Bis zu dem Zeitpunkt, als er dann starb, totgesoffen und besetzt von einem neuen Herrn. Samael. Dem Anführer der dunklen Engel.

Im nächsten Moment tritt ein Glatzkopf aus der Tür. Ich bleibe wie festgewurzelt stehen, kann mich nicht bewegen. Es ist ganz offensichtlich nicht Sam Rosell, trotz der Glatze. Er ist etwas kleiner, aber sein Rücken ist breiter als der von Sam, als wäre er es gewohnt, hart zu arbeiten. Er trägt eine verwaschene Jeans, die fast weiß ist, und ein schwarzes Hemd. Er hält etwas vor seiner Brust, eine große Schachtel. Sie scheint ganz aufgeweicht zu sein und droht, jeden Moment zu zerfallen. Ich kann meinen Blick nicht von ihm abwenden, nicht von der aufgewellten Pappe, die er hält, gefüllt mit Schokolade.

»Hey«, sagt Rudy neben mir. »Wer ist das denn? Der neue Besitzer von Rosells Laden?«

Keiner sagt etwas, aber Rudy hat keine Hemmungen.

»Hey«, schreit Rudy quer über die Straße und hebt grüßend eine Hand. »Nett, Sie zu sehen!«

Scheiße. Rudy hat echt kein Hirn im Kopf.

»Das ist der neue Besitzer vom General Store«, erklärt Rudy, als würde es das besser machen.

In dem Moment löst sich die Schachtel ganz auf und der Inhalt ergießt sich über die Veranda. Der Fremde bückt sich nicht danach, sondern kommt über die Straße zu uns herüber.

High Noon. Ein Cowboy, der die Straße überquert. Seine Hände in der Haltung, als würde er gleich seine Revolver herausziehen. Solche O-Beine, dass man meint, er hätte seit seiner Kindheit nur im Sattel gesessen. Klack, klack, klack machen die Absätze seiner Stiefel auf dem Asphalt. Er hat keine Eile, kommt auf uns zu, als hätte er auf uns gewartet. Jetzt weiß ich auch, dass ich ihn schon einmal gesehen habe, damals, im Murphy’s Law, als wir uns vor Rag in Sicherheit gebracht haben. Dawna tritt einen Schritt näher zu mir, unsere Schultern berühren sich fast.

Er bleibt vor dem Leichenwagen stehen, man sieht ihm nicht an, was er sich denkt, aber ich bin mir hundertprozentig sicher, dass es sein Wagen ist. Ich kann meinen Blick nicht von ihm abwenden, und nachdem er einmal den Wagen umrundet hat, bleibt er direkt vor mir stehen.

»Na«, sagt er und entblößt beim Reden eine Reihe makelloser weißer Zähne. Zwischen den zwei vorderen Schneidezähnen ist eine große Lücke. Seine Stimme ist so rau, als hätte er sein Leben lang zu viel geraucht oder gesoffen. Sein Blick hat etwas seltsam Vertrautes, das mich sofort alarmiert.

»Ist das Ihrer?«, will Rudy wissen und deutet mit dem Kopf auf das Auto.

»Was haben Sie denn damit gemacht, Herr Sokoloski?«, platze ich heraus und könnte mir auf die Zunge beißen.

Sein Blick verhakt sich mit meinem. Er hat grüne Augen, die trotz des bedeckten Himmels strahlen, die sich so intensiv in meine bohren, als könnte er damit in mein Innerstes schauen. Bist du Sam Rosell?, denke ich mir. Los, zeig dich, du elende Ratte.

»Diego Rosell«, sagt der Mann mit seiner rauen Stimme, als hätte er meine Gedanken gespürt. »Und mit wem habe ich das Vergnügen?«

»Ach, Sam Rosells Bruder?«, will Rudy wissen und grinst breit.

Diego antwortet nicht, sieht weiterhin nur mich an.

»Indie Spencer«, antworte ich förmlich. Du weißt das, Junge. Was soll das blöde Herumgerede. Sam Rosells Bruder, was für ein Quatsch.

»Werfen Sie das alles weg?«, fragt Rudy und unterbricht damit die angespannte Stille. »Wenn Sie die Oppossumfallen nicht mehr brauchen, ich hätte da schon Verwendung für …«

Diego deutet wortlos hinter sich, aber er lässt mich nicht aus den Augen, als wolle er sich mein Gesicht einprägen. Mit einem breiten Grinsen geht Rudy über die Straße, um sich anzusehen, was alles auf der Veranda gestapelt ist.

»So, wir müssen dann«, sage ich und packe Dawna am Ärmel. Dawna sieht aus, als hätte sie ein Gespenst gesehen. Er kann uns nichts, denke ich mir, aber sie scheint das nicht wahrzunehmen. Der kann uns echt nichts. Er ist nicht Sam Rosell, da bin ich mir hundertprozentig sicher. Hast du seine Augen gesehen? Seine Augen sind ganz anders, ich bin mir sicher, ich würde es an den Augen erkennen.

Miley schlendert Rudy hinterher.

Endlich interessiert sich Diego Rosell nicht mehr für mich. Er geht vor seinem Wagen in die Hocke und begutachtet die eingedrückte Vorderseite. Morti steht neben ihm, die Hände vor der Brust verschränkt und die Augenbrauen gerunzelt.

»Lass uns gehen«, zische ich Dawna zu. »Pack deinen Miley und los geht’s.«

Stumm dreht sie sich von mir weg, geht mit mir über die Straße. Während Dawna Miley zu überzeugen versucht, dass er sich von uns zu seiner Mutter bringen lässt, bleibe ich vor dem Gerümpel stehen. Auf der Veranda liegen noch die Schokoladenriegel, die in dem zerplatzten Karton gewesen waren. Der Anblick erzeugt ein Schwindelgefühl hinter meinen Augen und ich habe plötzlich den Geschmack von alter Schokolade auf meiner Zunge. Sam Rosells Sonnenliege lehnt halb über einer Schachtel mit Papier und einer alten Decke. Sonnenliege. Ich habe sofort wieder das Bild vor Augen. Der Keller von Rosell’s General Store. Die Sonnenliege. Die Decke. Die Coke. Und die Blätter. Die Blätter mit den Zahlen, die kleine ordentliche Schrift. Irrsinnig klein, lauter Zahlen, Zahlen, Zahlen. Kolonnen von Zahlen. Ich beuge mich über den Karton mit Papier und mir wird sofort richtig schwindelig, als ich sehe, was es ist. Diego Rosell hat anscheinend das Kellerabteil ausgeräumt und will die Blätter mit den Zahlen wegwerfen.

Die Zahlen sind genauso winzig, wie ich sie in Erinnerung habe. Hier draußen im Tageslicht kann man es viel besser erkennen als drunten im Keller. Denn plötzlich fällt mir auf, dass es nicht nur Zahlen sind, sondern elend klein auch Zeichen.

Zeichen.

Nicht irgendwelche Zeichen, chinesische Schriftzeichen, in regelmäßigen Abständen. Als hätte sich jemand die Mühe gemacht, ein Blatt zu verzieren. Es sieht aus wie ein Schmuckblatt, als würden die Zahlen und Zeichen keinen Sinn ergeben, als hätte jemand, ohne darüber nachzudenken, irgendetwas aufgeschrieben. Zahl. Zahl. Zahl. Chinesisches Zeichen. Und wieder. Zahl. Zahl. Zahl. Chinesisches Zeichen.

»Lass uns jetzt gehen«, sagt Dawna, so nahe neben mir, dass ich erschrecke.

»Die ist noch voll in Ordnung«, stellt Rudy fest und klemmt sich eine Lebendfalle unter den Arm. »Der spinnt doch, so was wegzuwerfen. Andere Leute würden sich drum reißen.«

»Scheiße«, sage ich. Ich fühle mich, als wäre ich gerade aus einer festen Trance erwacht, den schalen Geschmack einer langen, unruhigen Nacht auf den Lippen.

Chinesische Schriftzeichen können eigentlich nur eines heißen. Lilli-Thi.

Lilli-Thi macht keine Schmuckblätter. Die Blätter müssen eine Bedeutung haben. Vielleicht eine Bedeutung, die uns irgendwie weiterhilft. Ich schaue zu Morti und Diego hinüber. Diego ist inzwischen unter den Leichenwagen gekrochen und man sieht nur seine Lederstiefel hervorragen. Morti ist in die Hocke gegangen. Sein Atem steigt gefroren in den diesigen Himmel.

Ich packe die Schachtel mit den Papieren.

»Okay. Lasst uns losfahren. Ich hätte jetzt alles.«

Miley, Rudy und Dawna sehen mich total komisch an.

»Willst du nicht lieber schauen, ob er auch Strapse wegwirft?«, fragt Rudy mit einem breiten Grinsen.

»Vielleicht finde ich ja einen Stöpsel«, antworte ich mit meiner freundlichsten Stimme. »Für deinen Mund. Dann brauch ich mir dein elendes Gesabber nicht mehr anzutun.«

3

Dawna

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Diego Rrrrosell, der Klang seiner Stimme hatte sich tief in meinen Bauch gegraben und Bilder durch meinen Kopf gespült. Grannys Hände auf dem breiten Schädel des Wüstenhundes, ihr langer Rock, an den sich Kletten und Dornen geheftet hatten. Der Blick über die Wüste und Indie und ich mittendrin. Hitze strich über unsere Körper, der heiße Südwind und der Atem des Wüstenhunds. »Nicht«, hörte ich Indies Stimme, »nicht, das kitzelt so …«

»Stopp«, hatte ich geflüstert und ihn dabei beobachtet, wie er um den Leichenwagen herumging. Mein Kopf drehte sich und ich hörte das Zirpen der Grillen, ohrenbetäubend laut.

»Hör damit auf!«

Er hatte mir einen kurzen Blick zugeworfen und dann Indie fixiert. Indie.

Was für ein grässlicher Trick, hatte ich gedacht und mit den Tränen gekämpft, so deutlich waren die Erinnerungen. Deutlich und schrecklich schön. So schön, dass ich mich am liebsten weggebeamt hätte, weg aus diesem nebelig-kalten New Corbie. Weg aus dieser seltsamen Zeit, in der alles gegen uns zu laufen scheint. Jetzt kann ich nur seine Beine sehen, die unter dem Wagen hervorragen. Ich könnte schwören, dass der Typ nur aus Muskeln besteht. Und dass er keinen Gemischtwarenladen in Rosell’s General Store eröffnet. Das ist vermutlich das Letzte, was er in New Corbie zu tun hat. In Wirklichkeit ist er unseretwegen hier. Unseretwegen und wegen der Engel. Um uns noch mehr Steine in den Weg zu legen. Ich drücke meine Schultern zurück und balle die Hände in meinen Jackentaschen zu Fäusten.

»Soll ich Vince Bescheid sagen, dass er ihn abschleppt?«, brüllt Rudy zu Morti hinüber, doch Morti schüttelt nur den Kopf.

»Was willst du damit?«, zische ich Indie zu. »Leg es weg. Es bringt …«

Unglück, will ich sagen, denn ich habe erkannt, was es ist. Und wenn dieser Diego Sams Seele aufgenommen hat, dann kann das nur ein Köder sein. Und ich bin mir so sicher, dass mit diesem Typ etwas nicht stimmt. Taucht hier auf und gibt sich als Sams Bruder aus. Hatte Sam überhaupt einen Bruder? Oder ist das alles nur gelogen?

»Ich will nicht, dass du hier etwas mitnimmst«, sage ich so heftig, dass mir Miley beruhigend den Arm um die Schultern legen will. Ich werfe ihm einen warnenden Blick zu.

Indie presst den Stapel Papier an ihre Brust und marschiert zu unserem Pick-up hinüber. Um sie herum wirbelt der Nebel, kleine gefrorene Eiskristalle. Sie klettert in den Pick-up und setzt ihr bockigstes Gesicht auf. Rudy grinst mich an.

»Dann macht es mal gut«, sagt er, »und wenn ihr mal wieder Hilfe braucht, ihr wisst ja, wo ihr mich findet …«

Im Wagen herrscht ungemütliches Schweigen. Indie presst immer noch die Blätter an ihren Körper. Aus den Augenwinkeln kann ich die Zahlenkolonnen erkennen. Sie lassen meine Kopfhaut kribbeln. Sie setzen etwas in Gang, von dem ich nicht weiß, wo es mich hinführt. Miley sitzt zwischen uns. Unsere Schultern berühren sich und ich sehne mich danach, mich zu ihm zu drehen und meine Lippen auf seine zu legen. Ich will es so sehr, dass mir schwindelig wird. Mileys Körper, der sich gegen meinen drückt. Die Leichtigkeit, mit der er mich hochgehoben hat, wie sich seine Hüften zwischen meinen Schenkeln angefühlt haben und dann … Um mich abzulenken, drehe ich das Radio auf volle Lautstärke. I’m gonna leave this city, got to get away…all this fussing and fighting, man, you know I sure can’t stay…grölen Kitty, Daisy & Lewis und ich lehne mich so weit es geht nach links, weg von Miley, und starre auf die Straße hinaus. Ich umklammere mit beiden Händen das Lenkrad und der Scheibenwischer verteilt im Rhythmus des Liedes den Nebel auf unserer Windschutzscheibe. Wir fahren New Corbies schnurgerade Straßen entlang. Das Morrison Motel taucht auf und ich halte nach Sam Rosells Lieferwagen Ausschau. Doch der Parkplatz ist leer. Erst spätnachts wird er sich füllen, wenn Leute kommen, die in den Club wollen.

Wir müssen einen Schritt nach dem anderen gehen, denke ich.

Der erste Schritt ist, dass wir Miley aus der Schusslinie bringen müssen. Nichts leichter als das, rede ich mir ein. Selbst Indie hat mir geglaubt, dass ich ihm den Laufpass gegeben habe. Sie hat keinen Moment an meinem Entschluss gezweifelt. Der zweite Schritt ist, Dusk zu finden und mit ihm zu reden. Nur Dusk weiß, wer uns unsere Kräfte geben kann, wer uns zeichnen kann. Wie es weitergehen soll, wenn Dusk nicht mehr lebt, daran wage ich nicht zu denken.

Ich biege in die Franklin Lane, die Straße, in der Kalo und Miley wohnen. Hier steht der Nebel so dicht, dass ich im Schritttempo fahren muss, obwohl ich am liebsten auf die Tube drücken würde, um Miley möglichst schnell zu Hause abzuliefern. Die Engel können jeden Moment wieder hier sein. Die Angst sitzt mir im Nacken. Die Angst vor dem grollenden Geräusch sich nähernder Motorräder. Davor, dass Lilli-Thi schon auf uns wartet. Ich habe keine Ahnung, ob Kalo Miley schützen kann. Aber ich hoffe es. Ich hoffe, dass die Wölfe ihn schützen, obwohl ich weiß, dass Dusk nicht auf seiner Seite ist. Denn Dusks einziges Ziel ist es, unsere Mission zu unterstützen, und einfacher wäre das, wenn ich nicht durch Miley erpressbar wäre. Eine Katze huscht über die Fahrbahn, ich bremse, sie sieht uns kurz mit grün schillernden Augen an, bevor sie zwischen den Häusern verschwindet, und ich habe das Gefühl, dass ich gleich losschreie, so tief sitzt die Angst in meinen Knochen.

»Ich glaube, es ist nicht gut, wenn du mich nach Hause bringst«, sagt Miley und dreht so lange am Lautstärkeregler, bis fast nichts mehr von der Musik zu hören ist.

Indie atmet einmal tief ein und aus.

»Miley«, sagt sie, »Ich mag dich wirklich. Seit wir dich gestern da rausgeholt haben, bist du mir richtig ans Herz gewachsen, und ich versteh auch nicht so wirklich, wieso sie ausgerechnet jetzt mit dir Schluss macht. Aber manchmal muss man solche Entscheidungen akzeptieren.«

»Halt die Klappe, Indie.« Vor uns hängt die Sonne als blasse Scheibe über der Franklin Lane, dann wirbeln die Wolken durcheinander und sie ist verschwunden.

»Indie hat recht«, sage ich, »wir haben dich da rausgeholt, aber jetzt ist es vorbei. Verstehst du? Jetzt lebt jeder sein Leben. Du deines und ich meines.«

Ich drehe mich jetzt doch zu ihm und sehe in seine Augen. Unsere Verbindung ist so stark, dass ich sie fast körperlich spüren kann, ein leichtes Lächeln spielt um seinen Mund und ich habe Angst, dass er uns verrät. Sein Lächeln wird tiefer und warm, dann sieht er wieder nach vorne hinaus auf die Straße.

»Ich hab noch jede rumgekriegt.«

»Da bist du bei Dawna an der falschen Adresse, wenn sie Nein sagt, dann meint sie auch Nein.« Die Papiere knistern an Indies Brust.

»Ja«, sage ich, »Indie und ich. Wir wollen jetzt mal ein bisschen alleine sein.«

»Das kannst du auch Rudy ausrichten. Und Beebee«, fügt Indie hinzu. »Wir haben einfach furchtbar viel um die Ohren.«

»Verstehe.«

Wieder lächelt Miley und vertreibt damit kurz die Angst, die sich um mein Herz klammert. Vor uns taucht Kalos Haus aus dem Nebel auf. Schemenhaft sehe ich jemanden davor stehen, kann aber nicht erkennen, wer es ist. Nawal oder Kalo.

»Warte, Dawna«, er legt seine Hand auf meinen Unterarm, »ich muss dir noch etwas sagen.«

Sein Gesicht ist mir so vertraut, als würde ich es viele Leben hindurch immer wieder ansehen, als hätten wir uns nicht das erste Mal getroffen.

»Ich weiß, was du bist«, flüstert Granny. Ihre Stimme ist so jung. Trotzdem erkenne ich den leicht schleppenden Klang. Die Art, wie sie die Enden der Wörter verschluckt, als würde ihr Atem nicht dazu ausreichen, sie ganz auszusprechen.

»Meine Mutter ist eine Wölfin«, sagt Miley.

»Ach, du Schreck!« Indie legt ihren Kopf zurück an die Kopfstütze. »Wie furchtbar! Mann, Miley, ihr seid echt so was von asozial.«

Ich lasse den Pick-up ausrollen. Ich habe keine Ahnung, wie wir aus der Nummer wieder rauskommen.

»Kannst du deiner Schwester sagen, dass sie einfach mal den Mund halten soll?«, sagt Miley freundlich, »oder besser noch. Sie soll aussteigen. Indie, mach die Fliege.«

»Kommt ja gar nicht infrage«, sagt Indie und lässt ihren Gurt einschnappen, »ich will hier schließlich nicht gefressen werden. Du hast echt Nerven.«

Ich seufze. Wie soll ich Miley nur klarmachen, dass wir alles wissen. Und dass es nicht nur Kalo gibt, die ein Wolf ist, sondern auch Dusk. Und dass Dusk ihn vermutlich töten will. Und die Engel … Miley hat verdammt schlechte Karten in diesem Spiel. Ich nehme den Fuß vom Gas, jetzt erkenne ich, dass es Kalo ist, die auf Miley wartet. Sie hat sich ein schwarzes Tuch so um den Kopf gewickelt, dass die eine Gesichtshälfte verdeckt ist. Trotzdem kann man das Ausmaß ihrer Verletzungen erkennen. Ihre Oberlippe ist aufgeschlitzt und unterhalb des Kinns klafft eine Wunde. In gebührendem Abstand stoppe ich den Wagen, Kalo rührt sich nicht, ihre Erscheinung ist eine einzige große Anklage.

»Na dann.« Ich öffne die Fahrertür und schlüpfe hinaus, damit Miley aussteigen kann. Die Stille scheint uns aufzufressen. Kurz berühren wir uns an den Händen, ein flüchtiges Versprechen, dann dreht sich Miley um und verschwindet mit Kalo im Nebel.

 

46° 59’ 51,086’ N, 110° 57’ 34,29’ W
Mount Monarch

 

Als sie aufwacht, steht Elin neben ihrem Bett.

»Du hast gesprochen«, zischt sie, »du solltest den Mund halten. Du solltest nicht hier sein. Du …«

Ihre schwarzen Augen glühen in der Dunkelheit.

»Du hast ihre Namen genannt und du weißt, dass das Böse von diesen Namen angelockt wird. Also halt den Mund.«

Der Wind treibt Schneeflocken gegen das kleine Fenster. Sie bleiben kleben. Bald wird man nicht mehr hinaussehen können, so dicht wird der Sturm sie gegen das Fenster treiben. Sie dreht sich von Elin weg und zieht sich die Decke über den Kopf. Ohnmacht füllt ihr Herz.

»Geh weg.« Ihr Körper ist nass vor Schweiß. »Lass mich zufrieden.«

Sie hört, wie Elin zu ihrem Bett hinübergeht und sich daraufsetzt und wartet, dass ihr Atem ruhiger wird. Die Träume haben sie gefunden. So lange war sie sicher davor. So lange war ihr Schlaf ruhig und bleiern gewesen. Keine Erinnerung. Nichts. Sie hatte sich ins Bett gelegt und hatte sich gefragt, ob sich der Tod genau so anfühlen würde. Eine Zeit, in der die Gedanken stillstanden und die Erschöpfung sie mit fortriss.

Barmherzig, hatte sie gedacht, der Schlaf ist die Barmherzigkeit.

Manchmal hatte sie tagelang geschlafen. Sie hatte aufgehört, auf Nachricht zu warten. Und irgendwann war sie sich sicher gewesen, dass keine Nachricht mehr kommen würde. Dass sie es geschafft hatten. Dass sie den Plan nicht mehr brauchen würden. Und dann. Eines Nachts wachte sie auf und wusste: Es ist so weit. Seitdem schlief sie fast nicht mehr. Sie hielt sich wach und die Träume damit fern.

Elin hasst sie. Elin spürt ihre Gedanken und manchmal hat sie Angst, dass Elin ihre Gedanken lesen kann. Sie ist jung und ihr Geist irrt umher wie ein hungriges Wiesel. Schnell, mit spitzen kleinen Zähnen. Vielleicht kann sie mitten in ihr Herz blicken. Vielleicht weiß sie alles und hasst sie deswegen. Sie fragt sich, warum Chebs Wahl genau auf diese Frau gefallen war. Warum musste sie den Wagen mit der Frau teilen, die sie am meisten hasste? Warum nicht eine von denen, die sie nur stumm ansahen, wenn sie durch das Lager ging, die ihr nachblickten, aber nicht redeten? Sie akzeptierten Chebs Entschluss, fanden sich damit ab. Vielleicht, weil Elin eine von Chakals Frauen ist. Aber auch Chakal ist ihr nicht gut gesonnen. Wenn es nach ihm ginge, wäre sie längst nicht mehr hier, und sobald Cheb nicht mehr ist … sie schiebt diesen Gedanken fort. Cheb führt den Klan schon seit Jahrzehnten an und Chakal wird hoffentlich noch lange genug warten müssen, bis er sein Nachfolger wird, denn die Regeln sind klar, erst wenn Cheb stirbt, ist die Reihe an Chakal. Zumindest hofft sie das. Sie hofft, dass das Glück einmal auf ihrer Seite ist. Chakal kommt nicht mehr in Elins Wagen, seit sie da ist. Manchmal geht er vorbei und lässt seinen Blick umherschweifen. Er sieht nicht aus wie Cheb in dem Alter, er ist kleiner, gedrungener, sein Haar ist schwarz und drahtig und sein Gesicht von der Sonne gegerbt.

»Du wirst den Wagen mit ihr teilen«, hatte Cheb zu Elin gesagt. An dem Tag, an dem sie hier ankam. Müde, nach dem weiten Weg durch die unendlichen Berge, die Wälder. Sie hatte das Gefühl, die halbe Welt durchquert zu haben. Cheb stützte sich auf den Stock mit dem silbernen Wolfskopf und sie fragte sich, wie lange er noch so hier stehen würde. Wie lange er seine Leute noch zusammenhalten konnte. Der Wind trieb die ersten Schneeflocken durch das Winterlager. Eisige Schneeflocken und einer sagte: »Warum weiß sie davon? Warum hast du sie von Chakal herbringen lassen?«

Die anderen wurden unruhig und sie bekam Angst, dass Cheb sie nun doch fortschicken und sich nicht an den Vertrag halten würde. Die Müdigkeit riss an ihren Beinen und doch versuchte sie, sich aufrecht zu halten. Ja, Chakal hatte sie durch die Berge geführt. Er hatte am Treffpunkt gewartet, aber er hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er sich nur an die Regeln hielt, weil er sich daran halten musste. Wenn es nach ihm ginge, hätte er sie da draußen umgebracht. Sie wusste das. Sie spürte es, den ganzen Weg lang.

»Der Platz ist heilig«, sagte der eine, »keiner weiß davon. Niemand darf hierherkommen. Dies ist die Abmachung.«

Chakals Blick verfing sich mit ihrem und sie konnte sehen, was er dachte.

Du bringst das Unglück, alte Frau, dachte er, das Unglück, das uns bis jetzt nicht finden konnte. Meine Schwester, Kalo, haben wir weggeschickt. Und jetzt müssen wir dich dulden.

»Du wirst den Wagen mit ihr teilen«, wiederholte Cheb.

Elin widersprach nicht. Sie räumte das eine Bett und nahm ihre Kinder zu sich in ihr eigenes Bett hinüber. Sie zog einen Vorhang quer durch den Wagen, er war aus bunten Tüchern zusammengeheftet. Doch nur Elins Seite war bunt. Die ihre schwarz.

»Mondglanz, so ist dein Name«, hatte sie zu Elin gesagt, an ihrem ersten Abend, und Elin hatte sich weggedreht. Ihr schwarzes, langes Haar fiel vor ihr Gesicht und sie konnte den Ausdruck darin nicht deuten. Jetzt weiß sie, was es war. Angst. Entsetzen.

Sie murmelt ein Gebet, das Vaterunser, es hilft dabei, dass die Bilder undeutlicher werden, dass sich der Traum zurückzieht und langsam verschwimmt. Das Gesicht des Mädchens verschwimmt, das Gesicht des rothaarigen Mädchens, deren Augen ihre eigenen sein könnten.

Sie werden ihnen nichts tun, denkt sie, bis die jüngere Hüterin achtzehn wird, werden sie abwarten, geduldig. Sie werden in ihrer Nähe bleiben, sie auf Whistling Wing festhalten und zu verhindern versuchen …

Sie lässt zu, dass ihre Gedanken stocken. Alles wiederholt sich. Die Zeit des Wartens. Victoria hoffte, sie könnte ihren Liebsten retten und das Tor trotzdem schließen.

Was für ein Trugschluss, denkt sie verzweifelt, die Zeit raste und die Mädchen dachten, es würde ewig dauern. Sie waren sich zu sicher. Und am Ende blieb nur Vincentas Tod, der letzte Ausweg. Der allerletzte. Denn Azrael braucht die Seele der jüngeren Hüterin. Vincenta musste sich umbringen, sie hatte keine Wahl.

Elins Atem wird ruhig und sie weiß, dass sie jetzt wieder in den Schlaf hinübergleitet. Jetzt traut sie sich, die Decke abzustreifen. Die Kälte der Nacht trocknet ihren Schweiß und sie sieht zu, wie sich ihr Bauch bei jedem Atemzug hebt und senkt. Ihre Arme liegen locker an ihren Seiten. Sie ist alt, aber ihr Körper ist voller Kraft. Sie kann tagelang laufen. Ihre Muskeln sind geschmeidig. Ihr Leben lang war sie auf der Flucht und diese Flucht hat sie stark gemacht.

Sie ist bereit, denn sie hat ihr ganzes Leben auf diesen Moment gewartet. Den Moment, in dem die Träume wiederkehren und der Atem des Bösen wieder über das Land streicht. Der rauchige Geruch ihre Lungen füllt, mag sie auch noch so weit entfernt sein. Sie weiß es. Er wird es versuchen. Seine Boten und sein Wegbereiter haben ihr die Träume geschickt. Samael ist zurück.

4

Indie

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Die eisgraue Dämmerung hängt sich wie Spinnweben in die Ecken des Zimmers. Meine Beine fühlen sich vom langen Sitzen steif an. Vor meinen Augen tanzen die Zahlen wie kleine, dünne Schlangen, die sich im Nichts auflösen. Dawna will nicht, dass ich mich mit den Zahlen von Lilli-Thi beschäftige. Auch wenn sie die letzten Tage nicht darüber gesprochen hat, weiß ich, dass sie mich davon abhalten will. Aber ich will herausfinden, was sie bedeuten. Die letzten Tage waren wie in Trance vergangen, ich auf meinem Bett. Mit brennenden Augen immer und immer wieder eine Seite nach der anderen begutachtend, aber all das Betrachten hat meinen Kopf nur leer gemacht, dumpf, als wäre ich krank und könnte mich auf nichts mehr konzentrieren. Inzwischen traue ich mich die Blätter nicht mehr in meinem Zimmer aufzubewahren. Denn noch immer sind Kat und Miss Anderson da, auch wenn sie so tun, als würden sie sich nicht sonderlich für uns interessieren, fühle ich mich unter ständiger Beobachtung.

Ich lehne mich gegen die Wand und ziehe die Beine näher an mich. Dabei klappt der Stapel Papier so gegen meine Brust, dass ich sie nicht mehr sehe, die irrsinnig kleine und ebenmäßige Schrift. Akribisch ordentlich sind die Zahlenkolonnen untereinander. Obwohl es keine Linien gibt, ist alles in so gleichmäßigen Abständen, dass es eher aussieht wie ein Computerausdruck. Aber man erkennt an der Schrift, dass es mit Tusche geschrieben ist. Und mit der Hand. Es sind immer zwei Zahlen, zwei Zahlen und wieder zwei Zahlen. Dann kommt ein chinesisches Schriftzeichen. Und wieder drei zweistellige Zahlen. Dann wieder ein chinesisches Schriftzeichen, wieder drei zweistellige Zahlen. Das mit den chinesischen Schriftzeichen und den Zahlen wiederholt sich noch zweimal in der Zeile, das Ende der Zeile ist immer die Zahl 211212. Jede Kolonne bin ich mit meinem Zeigefinger entlanggefahren, ich suche nach einem Muster. Von den chinesischen Schriftzeichen sind es immer vier pro Zeile und davon gibt es vier verschiedene. Und jede Reihe endet mit der Zahl 211212. Irgendwie habe ich den Eindruck, ich könnte das alles sehr leicht verstehen, wenn ich die Bedeutung der chinesischen Schriftzeichen kennen würde: Sind es Buchstaben? Sind es Sätze?

Vielleicht liest man es rückwärts. Von oben nach unten. Von links nach rechts. Von rechts nach links. Oder es gibt noch eine Auflösung, ein extra Blatt, auf dem man nachlesen kann, was die Zahlen bedeuten? Noch ein Blatt, denke ich mir. Noch mehrere Blätter? Ich habe plötzlich ganz deutlich vor Augen, wo wir die Blätter zum ersten Mal gefunden haben. Sam Rosells Keller. Seine Sonnenliege. Die Cola, die Dawna in die Hand genommen hat, und geschüttelt. Und dann … Ich sehe, wie die Cola übersprudelt, Dawna über die Hand läuft, und weiterspritzt. Auf die obersten Blätter.

Sorgsam gehe ich die Seiten noch einmal durch. Irgendwo müssen diese Blätter kommen. Die Blätter, auf die die Coke gespritzt war. Aber auch nach dem zweiten Durchgang finde ich kein besudeltes Blatt. Es sind lauter weiße Seiten, die weder geknickt noch bespritzt sind. Unruhig schließe ich für einen Moment meine Augen. Das kann ja jetzt alles Mögliche bedeuten. Entweder, ich erinnere mich nicht richtig und die Coke ist gar nicht auf die Papiere gespritzt. Oder diese Papiere fehlen.

Sam Rosells Laden.

Der Müllcontainer.

Ich bin plötzlich von zappeliger Aufgeregtheit erfüllt. Vielleicht ist das des Rätsels Lösung. Dass ich mit diesen Blättern überhaupt nicht herausbekommen KANN, was sie bedeuten, weil mir ein oder zwei Blätter fehlen. Auf denen alles stehen würde. So eine Art Code. Es kann doch nicht so schwer sein, auch an diese letzten Blätter zu kommen. Ich müsste nur zu Sam Rosells Laden fahren und in seinem Müllcontainer wühlen. Es sind zwar jetzt schon ein paar Tage vergangen und es kann natürlich sein, dass alles weg ist, schon auf der Mülldeponie oder so … Oder von Lilli-Thi abgeholt.

Der Gedanke an Lilli-Thi macht mich unruhig. Wenn sie ihre Aufzeichnungen vermisst und auf die Idee kommt, ich könnte den Packen haben, wird das bestimmt nicht lustig. Aber viel wahrscheinlicher ist es doch, dass sie diesen Diego Rosell aufmischt, weil er ihre wertvollen Aufzeichnungen einfach auf die Straße stellt.

Meine Finger machen sich wieder selbstständig, fahren über die Zahlen, bleiben an den chinesischen Zeichen hängen. Es dürften natürlich weder Kat noch Miss A. sehen, dass ich wegfahre. Oder nicht bemerken, dass ich weggefahren bin. Mums Pick-up kann ich aus diesem Grund schlecht nehmen. Aber vielleicht bekomme ich Grannys altes Motorrad flott. Oder vielleicht steht noch Mileys Motorrad irgendwo herum? Oder…In meinem Kopf macht es Pling. Sidneys Navara. Dieses pinkfarbene Bonbon, das jetzt seit Tagen vor unserer Veranda steht, seitdem Beebees Mutter unter die Engelssuchenden gegangen ist. Ich könnte mich ein bisschen spacig anziehen, irgendeine riesige Sonnenbrille, den scheußlichen Sommerhut, den Sidney auf unseren Dielenschrank gelegt hat, und …

Über mir höre ich ein Geräusch, als wäre jemand auf das Dach gesprungen. Für ein paar Herzschläge ist es still, dann sind es definitiv Schritte, die das Rauschen meines Blutes übertönen. Ich starre auf meinen Zeigefinger, der wie magnetisch angezogen auf einer Zahl liegt.

Nicht gut.

Die Narbe auf meinem Bauch, die Erinnerung an den Angriff des Vogels, beginnt zu ziehen und zu schmerzen, ich lege meine Hand darüber und drücke zu. Die Schritte stoppen direkt über mir, es ist plötzlich unheimlich leise. Instinktiv gebe ich den Papieren einen Schubs, damit sie unter die Truhe gleiten. Weg hier.

Mein Herz hämmert, und statt loszulaufen, kann ich nicht anders und werfe einen schnellen Blick zum Dachfenster hinauf, das sich im selben Moment verdunkelt.

Ein Fehler.

Zu spät.

Das Fenster geht auf, die kalte Luft fällt auf mich herunter und schließt mich in eine eisige Blase. Trotz dieser Kälte wird mir siedend heiß, denn ein paar schwarze Federn schweben um mich herum zu Boden. Im nächsten Augenblick springt jemand durch die Dachluke und ich fahre mit einem Satz vom Bett hoch.

Wir stehen voreinander, als wären wir kurz vor einem Kampf, und sehen uns nur an. Die Minuten scheinen zu verticken, während sich unsere Augen aneinander festsaugen, keine Fragen stellen, keine Antworten erhalten.

Er ist so schön. An seinem Blick erkenne ich, dass er anfängt, in meinem Gesicht nach etwas zu suchen, erst nach einer halben Ewigkeit sieht er mir wieder in die Augen. Ich forsche in ihnen nach dem Satz, den er mir damals versprochen hat, jetzt und immerzu. Ich liebe dich. Ich liebe dich … aber seine Augen sind so blank wie ein Stück poliertes Holz. Was haben sie mit dir angestellt? Was ist geschehen, an den Tagen, in denen wir uns nicht gesehen haben?

»Was ist?«, frage ich abrupt und ziehe die Augenbrauen hoch. »Mal einen kleinen Ausflug gemacht?«

»Indie«, antwortet er förmlich und sehr höflich. Fast scheint eine Verbeugung durch seinen Körper zu gehen.

»Gabriel«, erwidere ich in spöttischem Tonfall, obwohl eine eisige Hand nach meinem Herzen greift, und die Welt scheint sich um mich herum zu drehen, immer schneller, mich einzuschließen in ein Gefängnis aus Verzweiflung und Frustration. Dass er nicht einfach auf mich zugeht und mich in seine Arme schließt, sagt alles. Das kannst du mir nicht antun, wieso, Gabe? Du hast es versprochen! »Und? Was gibt’s?«, frage ich, die Welt steht wieder still. Sie haben dich gut präpariert, denke ich mir und kneife die Augen zusammen. Weißt du, was, ich brauche dich nicht. Ich will dich nicht. Du bist ein Nichts. Du bist weniger als ein Nichts. Ich stelle mich sehr gerade vor ihn und weiß, dass meine Gedanken die blanke Lüge sind. Ich brauche ihn. Ich liebe ihn.

»Ich habe eine Nachricht für dich«, sagt er mit undurchdringlicher Miene. Ich versinke in seinen Augen. Die goldenen Sprenkel darin gibt es nicht mehr. Seine Worte dringen viel zu langsam in meinen Kopf.

»Unter die Brieftauben gegangen?«, will ich spöttisch wissen, obwohl in mir gerade etwas zerbricht. Das, was mich seit gestern am Leben gehalten hat, was mich stark gemacht hat bei der Vorstellung, irgendwann Azrael gegenüberzustehen und ihm meine Seele zu verweigern … es ist plötzlich weg. Ich meine, keine Luft mehr zu bekommen, so stark brennen die Tränen hinter meinen Lidern, so stark versuche ich, gegen den Impuls anzugehen, einen Schritt nach vorne zu treten, meine Hand nach ihm auszustrecken. Durch seine leicht feuchten Haare zu streichen.

Er scheint davon nichts mitzubekommen. Er sieht neutral durch mich hindurch, reagiert auf keine Spitze, die ich abschieße.

»Von wem?«, frage ich nach, weil er schweigt.

Gabe fixiert einen Punkt hinter meinem rechten Ohr und antwortet emotionslos: »Samael.«

Samael, unser Gebieter. Samael, unser Boss.

»Und? Mach schneller, ich verhungere ungern, während ich dir beim Überlegen zusehe.«

»Er sendet euch seinen Dank.«

»Dank?«, wiederhole ich ungläubig. Er ist hier, um für Sam Danke zu sagen?

»Und ihr sollt euch immer daran erinnern, dass nichts wichtiger ist … als die Blutsbande …«

»Danke?«, sage ich noch einmal, meine Stimme ist leise, aber ich weiß, was jetzt passieren wird. »Danke? Sam sagt uns Danke und schickt deswegen DICH zu MIR?«

Wir sehen uns weiter an. Mit jedem Herzschlag baut sich in mir eine unerträgliche Wut auf. Auf ihn.

»So. Danke also!« Ich trete einen Schritt näher an ihn heran, kneife die Augen zusammen. »Verfickte Scheiße. Weißt du, wo sich dein Samael sein Danke hinstecken kann?« Ich brülle ihn an: »Du hast sie ja wohl nicht mehr alle!« Mit aller Kraft versuche ich, ihn nach hinten zu schubsen, und schlage dabei mit beiden Handflächen, so fest ich kann, auf seine Brust. Aber er bleibt stehen, als wäre er ein Fels und ich ein Fliegengewicht.

»Sag ihm …«, brülle ich weiter, »… dass er sich seine Ratschläge …«, ich hole aus und schlage Gabe mit voller Wucht ins Gesicht, »… dass er sie sich auch dorthin stecken kann, wo er …«, ich schlage noch einmal zu, »… wo er sich sein Danke hinstecken kann!« Als ich meine rechte Hand zur Faust balle, um noch einmal zuzuschlagen, packt Gabe meine Handgelenke.

»Du weißt nicht, was du tust«, erklärt er ruhig.

»Ach, weiß ich nicht? Aber du, Held, weißt das natürlich!«, schreie ich ihn an und trete ihm gegen sein Schienbein. »Du machst ja alles richtig!«

»Hör auf«, sagt er und drückt meine Handgelenke hinter meinem Rücken zusammen. Jetzt sind wir uns so nah, dass sich unsere Körper fast berühren. Bis auf einen winzigen, kleinen Millimeter, in dem sich die Hitze zwischen uns ansammelt.

Wir sind uns so nah, dass wir uns küssen könnten. Mein Ärger verpufft, als ich merke, dass ihm weder mein Zorn noch meine Nähe irgendetwas bedeuten. Er taucht nicht in meinen Blick ein, wie er es immer gemacht hat, seine Lippen verziehen sich nicht zu einem leichten Lächeln.

Gabe sieht mich nur an, als wäre ihm nicht klar, was in mir gerade vorgeht. Mir fällt kein Schimpfwort ein. Mir fällt gar nichts mehr ein, außer dass ich den Gabe von gestern zurückhaben will. Über nichts mehr nachdenken will, nicht über die Vergangenheit, nicht über die Zukunft. Nicht über uns.

Seine Augen sind so stumpf wie die Augen all der dunklen Engel. Sie sehen durch mich hindurch, er ist nicht länger der Verführer, nur der Mann, der Samaels Aufträge erfüllt. Ich will ihn beschimpfen, aber als ich diese Augen sehe, verstummen meine Gedanken und Worte. Ich will nicht gegen ihn kämpfen. Weil ich ihn liebe. Die Worte kommen mir nicht über meine Lippen, aber sie sind so klar in meinem Kopf wie ein großes goldenes Universum. Ich will nicht gegen ihn, sondern für ihn kämpfen.

»Hör damit auf«, flüstert er, erst jetzt bemerke ich, wie ich in seiner Umarmung gefangen bin, die gar keine Nähe bedeutet. Ich sehe in seine Augen und plötzlich sind sie wieder da. Die ungeweinten Tränen, die ich nie für ihn vergossen habe.

Ich werde ihn immer lieben, flüstert es in mir, während er mich so emotionslos ansieht, als würden wir uns nicht kennen.

Die Gewissheit, dass er mich nicht liebt, vielleicht nie geliebt hat, legt sich bleiern auf meine Schultern. Was haben sie mit dir gemacht? Wie haben sie es geschafft?, will ich sagen, aber ich weiß, dass ich keine Antwort darauf erhalten werde. Du gehörst auf meine Seite, merkst du das nicht?

Als hätte er meine Gedanken gelesen, verzieht sich sein Mund zu einem Lächeln. Aber es ist nicht freundlich und warm, sondern grausam. »Ich gehöre auf die Seite der Sieger«, sagt er, als hätte ich den letzten Satz laut ausgesprochen.

Gabe, denke ich mir. Liebe ist stärker als Hass.

Im selben Moment knarrt die Treppe zum Dachboden, die Kälte wirbelt um meinen Körper und das Dachfenster über mir schlägt zu. Noch immer spüre ich den festen Druck von Gabes Händen an meinen Gelenken. Mit einer hastigen Bewegung hülle ich mich in den Quilt und fange mit einem schnellen Handgriff eine schwarze Feder ein, die ich fest in meine Faust schließe. Kraftlos sinke ich zu Boden, lege mich dick in den Quilt gewickelt, um zum Fenster der Dachgaube emporzusehen, so als hätte ich die ganze Zeit nichts anderes gemacht.

Im nächsten Moment geht die Tür auf und Dawna streckt den Kopf herein. Hat sie etwas von unserem Streit gehört?

»Indie. Was tust du hier?«, fragt sie vorwurfsvoll.

Ich sehe nicht zu ihr, sondern weiter zu dem Fenster, glaube, kleine graue Wolken über den dunklen Himmel rasen zu sehen, die seltsame Gestalten und Tiere formen. Ich versuche, die Begegnung, die ich eben hatte, zu verscheuchen, oder wenn, dann nur an Sidneys Sommerhut zu denken, damit mir Dawna nicht auf die Schliche kommt. Aber plötzlich schmerzen meine Hände von den Schlägen, die ich ausgeteilt habe, und dort, wo sich Gabes Hände um meine Gelenke geschlossen haben, meine ich jetzt noch, eine Fessel zu tragen.

»Nach was sieht’s denn aus?«, frage ich sarkastisch und reibe mir über das Gesicht, als müsste ich den Schlaf verscheuchen. Nicht die Tränen.

Sie antwortet nicht gleich, setzt sich neben mich auf ihre Fersen und sieht mir ins Gesicht.

»Lass es einfach sein, okay? Da gibt es nichts zu entschlüsseln. Es ist nichts als …« Sie macht eine Pause.

Innerlich atme ich auf. Sie hat nichts gemerkt.

»Quatsch?«, schlage ich hastiger vor, als ich will. »Kacke im Quadrat? Lilli-This Kacke im Quadrat?«

Dawna lacht nicht. Sie sieht weiter in mein Gesicht und ich starre auf die Wolken, die vom Wind zerrissen werden.

»Wirf das Zeug weg«, sagt sie mit düsterer Stimme. »Da wäre mir wirklich wohler.«

Das Böse zieht das Böse an, scheint sie zu denken.

Es sind nur Zahlen. Sinnlose Zahlen, denke ich.

»Bist du deswegen da?«, frage ich die Fensterscheibe.

Und jetzt nicht wieder diese Leier. Dass diese blöden Zettel irgendjemanden anziehen. Wenn, dann wäre das schon längst passiert.

»Nein. Ich wollte … du musst …«

Ich sehe ihr jetzt direkt in die Augen.

»Ich wünsche, dass du Whistling Wing nicht verlässt«, sagt sie schließlich und es klingt wie ein unschlüssiger Befehl.

»Du wünschst«, wiederhole ich. »Weshalb denn das? Dachte, ich könnte mal shoppen gehen.«

Hör mit dem Quatsch auf, Indie, sagt ihr Blick.

»Die Engel sind uns nicht gefährlich«, erkläre ich ihr, obwohl ich ihr am liebsten von Gabe erzählt hätte. Obwohl ich am liebsten geheult hätte, meinen Kopf in ihren Schoß gebettet, um zu vergessen. Plötzlich kommt es mir vor, als würde sich alles wiederholen. Als würde ich die Worte, die Vincenta in meinem Traum zu ihrer Schwester Victoria, meiner Ururgroßmutter, gesagt hat, einfach nachsprechen. Als wäre ich plötzlich in einer ganz anderen Zeit, gar nicht mehr ich selbst. Und Dawna wäre nicht sie selbst. »Sie warten.«

Ich denke an die Träume und überlege, ob ich Dawna erzählen sollte, was ich seit Samaels Entbannung träume. Aber seltsamerweise kann ich das nicht. Es ist, als würden die Träume mir gehören, als würden sie zu mir gehören, weil ich Indie bin. Weil ich die jüngere Hüterin bin. Als wären sie mein persönlicher Schatz und mein persönliches Verderben.

»Weil sie meine Seele brauchen«, erkläre ich ihr mit einer Stimme, als würde ich übers Shoppen in Fillis reden. »Verstehst du? Diese Engel haben doch nicht NUR Shit im Kopf, oder? Die bringen mich doch jetzt nicht um.«

Sie antwortet darauf nichts.

»Hey, der macht seine Engel voll flott …«

»Hör damit auf!«, faucht mich Dawna an.

Aber ich kann nicht damit aufhören.

»Wie sollen sie ihm denn das erklären, hey, die Indie, die ist jetzt leider hinüber, und das mit der Seele, das ist, Scheiße noch mal, voll in die Hose gegangen …«

»Mach dich darüber nicht lustig«, unterbricht Dawna mich wütend.

Meine Seele. Das ist echt kein lustiges Gesprächsthema.

»Dachte, du brauchst ein bisschen Aufmunterung, Schätzchen«, antworte ich dumpf. »Jetzt mach dir nicht in die Hose. Jedenfalls nicht meinetwegen.«

Ihr Blick gleitet von meinem Gesicht zu dem Quilt, in den ich mich gehüllt habe.

»Ich krieg das schon gebacken, keine Sorge. Weißt du, wir müssen das JETZT nicht wissen, wie wir da wieder rauskommen. Wir haben noch Zeit. Das passiert ja erst …« Ich muss schlucken, so bekannt kommen mir meine Worte vor. »… an meinem 18. Geburtstag. Scheiße. Ist ja noch ewig hin.« Meine Stimme verebbt.

»Halt die Klappe, Indie«, erklärt sie müde.

Na also.

»Es wird alles so geschehen, wie Granny es für uns vorbereitet hat. Wir werden die Person finden, die uns initiieren kann. Wir werden initiiert werden. Wir werden unglaubliche Kräfte haben und Azrael …« Ich schnipse mit den Fingern. »… einfach allemachen. Okay. Und jetzt lass mich in Ruhe, ich habe zu tun«, antworte ich ihr. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie genau wie ich an etwas anderes denkt, an etwas, das mit unserem Gespräch rein gar nichts zu tun hat. Ich sehe Dawna an, ohne sie zu sehen, und auch sie scheint durch mich hindurchzublicken, als wäre sie mit ihren Gedanken weit weg.

»Bleib auf Whistling Wing. Hörst du«, sagt sie schließlich.

»Klar hör ich«, antworte ich und bin mir nicht sicher, ob Dawna bemerkt, dass das keine richtige Antwort ist.

»Wir müssen vorsichtig sein«, flüstert sie. »Solange wir nicht alles wissen, dürfen wir uns keinen Fehler erlauben.«

Alles wissen? Wie sollen wir alles wissen, wenn wir uns weiter auf Whistling Wing vergraben? Ich sehe einen pinkfarbenen Navara vor mir und kann meinen Tatendrang kaum zurückhalten.

»Und damit meine ich nicht diese blöden Zahlen, okay?«, zischt sie mir zu.

Dann steht sie auf und lässt mich allein. Ich drücke mir den Quilt vor die Augen und beginne zu heulen.

5

Dawna

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Während ich am nächsten Morgen nach draußen schleiche, warte ich darauf, dass sich mein schlechtes Gewissen auf mich stürzt. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen. Das ist seltsam. Denn bis jetzt hatte ich immer eines. Ich hatte immer das Gefühl, Indie alles sagen zu müssen. Doch nun ist mein Herz leer. Die letzten Tage schleppten sich dahin. Wir sind Gefangene und Whistling Wing ist unser Gefängnis. Hier seid ihr sicher, flüstert es aus allen Ecken.

Ich verbrachte Stunden mit Mum in der Küche. Mechanisch spielte ich Scrabble. Mum redete ausnahmsweise nicht viel und darüber war ich froh. Ab und zu sagte sie Sachen wie »Dawna, Schätzchen. Du hast wirklich Talent«. Oder: »Da hätte ich eine bessere Idee.« Und manchmal stand sie unvermittelt auf, um sich eine Tasse Tee einzuschenken. Ich konnte meine Gedanken laufen lassen. Ich konnte nicht aufhören, die Stunden zu zählen, seitdem wir Miley bei Kalo abgeliefert hatten. Oder besser: seit unserem Treffen in Grannys Badezimmer. Irgendwann setzte sich Tamara zu uns und ich hatte dieses seltsam paranoide Gefühl, Tamara könnte meine Gedanken lesen. Jedenfalls sah sie mich eine geraume Zeit ganz komisch an und dann scrabbelte sie: LIEBE. FINDET. WEG.

Ich wäre am liebsten aufgestanden und in mein Zimmer gegangen. Auf solche Prophezeiungen konnte ich verzichten. Stattdessen blieb ich wie versteinert sitzen.

WOLF, scrabbelte ich und dachte an Dusk.

Wo bist du?, dachte ich und legte die Steinchen aneinander. Du musst hierherkommen und mit mir reden.

Aber was hatte ich erwartet? Dass Dusk höflich an die Tür klopfte, um mit mir einen Kaffee zu trinken und über diese eine Person zu quatschen? Jetzt gehe ich in unser Zimmer. Ich ziehe eine dunkle Jeans und einen Rollkragenpullover an. Binde mein Haar zu einem straffen Pferdeschwanz. So straff, dass es wehtut. Seitdem wir Sam entbannt haben, sind zehn Tage vergangen. Zehn Tage wertvolle Zeit. Zehn Tage, in der wir unserer Initiation keinen Schritt näher gekommen sind. Und das werden wir auch nicht, wenn wir uns hier verkriechen. Indie sich an die Entschlüsselung dieser seltsamen Papiere klammert und ich im Haus umherhirre und aus jedem Fenster blicke. Mit Miley im Herzen und in der Hoffnung, Dusk würde auftauchen und uns helfen. Wäre er nicht längst hier, wenn er noch leben würde? Dieser Gedanke lässt mein Herz schneller schlagen. Was, wenn er tot ist und wenn er sein Wissen um diese eine Person mit in den Tod genommen hat?

Ich schlüpfe in meine Stiefel, in Mileys Lederjacke, die ich immer noch nicht zurückgegeben habe, und stopfe mir Handschuhe in die Jackentaschen. Als ich von draußen ein Geräusch höre, halte ich den Atem an und hoffe, dass es nicht Indie ist, die gemerkt hat, dass ich wegwill … Doch niemand öffnet unsere Zimmertür.

Hagazussa, zähle ich auf, was zur Initiation nötig ist. Die Tiegelchen, die zwischen unserer Unterwäsche versteckt sind. Den Namen, der Person, die uns zeichnen kann.

Und das Messer. Das Messer, das Ferris mir geben wollte und weswegen sie ihr Leben lassen musste. Das Messer, von dem wir nicht wissen, wer es hat.

Ich kann nicht sagen, ob mich jemand beobachtet, als ich zu unserem Pick-up gehe und mich hineinsetze. Kat und Miss Anderson verbringen die meiste Zeit auf ihren Zimmern und von diesen Zimmern aus können sie nicht auf den Hof blicken. Ich glaube, alle sind froh, dass sie sich so einigeln. Und mittlerweile ist es mir sogar lieber. So habe ich sie im Blick. Die ganzen zehn Tage haben sie sich nicht von Whistling Wing wegbewegt. Der Schnee auf dem Ford Bronco ist unberührt.

Die Scheibenwischer sind angefroren. Sidney fährt gerade weg. Ich sehe nur noch die Rücklichter ihres Navaras verschwinden. Wird aber auch mal Zeit. Schließlich kann sie nicht immer bei uns rumhängen. Die anderen Frauen verbringen Stunden mit Meditieren und Räuchern. Unser ganzes Haus riecht nach Beifuß. Und komischerweise beruhigt es mich irgendwie. Vor ein paar Tagen habe ich Mum eine unsichtbare Linie über unsere Türschwelle ziehen sehen. Ihre Worte konnte ich nicht verstehen, aber es hörte sich wie ein Gebet an.

»Was tust du da?«, habe ich sie gefragt.

Ich stand drinnen, hinter dem Fliegengitter, und sie zuckte mit den Schultern.

»Mach dir keine Sorgen, mein Schatz«, sagte sie unbestimmt, »sicher ist sicher …«

In mir macht sich eine seltsame Ruhe breit. Zum ersten Mal seit dem Sommer, seit wir Whistling Wing betreten haben, weiß ich genau, was zu tun ist. Ich muss konzentriert sein. Auf das eine. Auf die Initiation. Mein Herz schlägt und rebelliert, doch ich verstecke mich in meinem Kopf. Wenn es sein muss, kann ich dort die nächsten hundert Jahre verbringen, denn mein Wille, dies alles zu beenden, ist stärker als alles andere. In meinem Kopf bin ich immer noch ich.

Ich warte, bis ich den Navara nicht mehr sehen kann, dann fahre ich los. Es ist, als wäre ich sehr lange krank gewesen. Ich kenne dieses Gefühl aus meiner Kindheit. Man verbringt eine Woche mit Fieber im Bett, und wenn man endlich wieder hinauskann, hat es geschneit und die Welt sieht völlig verändert aus. Die Beine sind noch wackelig, aber man kann es nicht erwarten, endlich loszulaufen. Obwohl es draußen so kalt ist, öffne ich das Fenster und lasse den eisigen Fahrtwind hereinströmen. Ich hoffe, dass Indie nicht bemerkt, dass ich weg bin, und mir nachkommt. Sie ist wichtiger. Mir werden die Engel nichts tun, rede ich mir ein. Sie brauchen Indies Seele.

Indie ist viel zu beschäftigt mit den Papieren, als dass sie mich vermissen würde. Sie ist besessen davon und verbringt jede Sekunde damit, sie zu studieren. Mir machen diese unendlichen Seiten nur Angst. Ich will keinen Blick darauf werfen, als könnten sich die vielen Zahlen plötzlich vor meinen Augen formen und etwas Schreckliches preisgeben. Etwas, gegen das wir nicht gewinnen können. Und ich weiß nicht, was es ist. Doch die Gewissheit lauert in meiner Brust und schärft sich die Krallen.

Den Tod, flüstert es in mir, aber ich wische diesen Gedanken weg.

Als ich an der Stelle vorbeikomme, an der ich Dusk zwischen den verknüppelten Wacholderbüschen getroffen habe, lenke ich den Pick-up von der Straße und parke ihn zwischen den Büschen. Ich steige aus und laufe ein paar Meter in das Gestrüpp hinein. Unter meinen Schritten knirscht das Eis. Alles ist von einer puderzuckerfeinen dünnen Schicht Schnee bedeckt und die dunkelblauen Beeren des Wacholders sehen wie kitschiger Weihnachtsschmuck aus. Ich reiße ein paar ab und lasse sie durch meine Finger gleiten. Sie rollen über die sich kreuzenden Linien, heben sich überdeutlich von meinen weißen Handflächen ab.

Hier müsste es sitzen. Genau hier. Das Zeichen.

Die Linien, die bei Indie und mir genau gleich aussehen, die bei Granny genau gleich aussahen, bis auf die feine Narbe, die darüberlag.

Was ist das für eine Narbe, Granny?

… ach das, Schätzchen … da habe ich einmal vor langer Zeit ein Pferd gefangen. Ein wildes … schwarzes, mit Augen wie glühende Kohlen … das hat mir den Zügel durch die Hand gezogen…

Du lügst, Granny …

…ach ja, lass mich nachdenken…es war doch einer der Hunde, der Wüstenhund, er hat …

Granny!

… ich war noch ein kleines Mädchen, so klein wie du, da bin ich in einen Baum geklettert und in diesem Baum war ein Vogel …

Sie konnte ewig so weitermachen. Ich liebte sie für ihre Geschichten. Für ihre tausend Geheimnisse.

Ich versuche, mich daran zu erinnern, was Dusk genau gesagt hat.

Es gibt noch eine Person? Es gibt noch eine euch verwandte Person?

Deine Gedanken sind wie ein Magnet. Sie würden die Engel dorthin leiten. Ihr müsst überleben …

»Verdammte Scheiße«, sage ich laut.

Es hört sich an, als würden der Schnee und der Nebel meine Stimme schlucken.

»Verdammte Scheiße, Dusk«, schreie ich, »was nützt es, wenn wir hier warten, bis es zu spät ist!«

Ich spüre, wie sich Tränen in meinen Augen sammeln, und wische sie ärgerlich weg. Meine Beine zittern. Ich stehe zwischen gefrorenem Wacholder und könnte nur noch heulen.

»Dusk«, schreie ich noch einmal und dränge so meine Tränen zurück, »du musst zurückkommen! Du musst uns helfen. Du musst …«

Ich halte atemlos inne, weil mir plötzlich klar wird, dass ich genau an der Stelle stehe, an der Ferris auf Rag getroffen sein muss. Dieser Gedanke lässt meine Beine noch mehr zittern und ich stolpere zum Wagen zurück. Meine Ohren spielen verrückt. Sie müssen verrücktspielen, denn ich höre das satte Geräusch einer näher kommenden Duke. Wie erstarrt bleibe ich neben dem Pick-up stehen. Das Geräusch wird lauter und bohrt sich in meinen Kopf. Kann etwas schlimmer sein als dieses Geräusch? So viel zu Indies »Wir sind sicher«-Gelaber. Wir sind gar nichts. Wahrscheinlich beobachten uns die Engel ununterbrochen und wissen immer genau, wo wir sind und was wir vorhaben. Wahrscheinlich können wir keinen unbemerkten Schritt tun. Und ich stelle mich wie eine Witzfigur in die Pampa und schreie nach Dusk. Vermutlich lachen sie sich tot über uns – wenn das bei Engeln möglich ist. Es ist mir verhasst, sie Engel zu nennen.

Die Dunklen, denke ich. Die Gefallenen. Azraels Legion.

Durch die Zweige des Wacholders sehe ich den pinkfarbenen Navara in gemächlichem Tempo vorbeifahren. Ich kann Sidney im Profil sehen. Ich könnte schwören, dass sie einen Schlapphut auf dem Kopf hat. Und keine fünfzehn Sekunden später: Rag.

Jetzt kommt Leben in meine Beine. Ich springe in den Wagen und lenke ihn zurück auf die Straße. Was, zum Teufel, will Rag von Sidney?

Ich gebe Gas, bis ich im Nebel verschwommen die Rücklichter von Rags Motorrad erkennen kann, dann lasse ich mich etwas zurückfallen, damit er nicht auf mich aufmerksam wird. Noch ist die Strecke kurvig und ich sehe das Rot der Lichter nur ab und zu aufblitzen. Doch vor New Corbie wird die Strecke gerade. Ich gehe noch mal vom Gas. Sidney und Rag haben inzwischen die ersten Häuser erreicht. Als ich merke, dass Rag immer langsamer wird, reiße ich das Steuer herum und biege in die Seitenstraße ein, die hinter der Baptist Church vorbeiführt. Ich beschleunige und kann an der nächsten Querstraße einen kurzen Blick auf den Navara erhaschen.

Sidney, denke ich, Scheiße!

Sie scheint nicht bemerkt zu haben, dass ihr jemand folgt. Wie sollte sie auch. Sie fährt immer noch das gleiche entspannte Tempo. Wahrscheinlich hört sie in einer irren Lautstärke Enya. Erst vor ein paar Tagen hat sie gesagt, dass sie nichts so sehr entspannt wie Adiemus im Auto so laut zu drehen, dass die Boxen fast implodieren. Und das ist bei Sidneys Anlage verdammt laut, seit Vince ihr einen neuen Verstärker eingebaut hat.

Ich gebe Vollgas und schieße den Baptist Drive entlang. Der Pick-up gibt jedes Mal ein ungesundes Scheppern von sich, wenn ich durch die Schlaglöcher holpere. Wahrscheinlich macht er das Ganze nicht mehr lange mit, aber wenn ich schnell genug bin, kann ich um New Corbie herumfahren und Sidney entgegenkommen. Was ich dann tun soll, weiß ich nicht. Aber etwas Besseres fällt mir nicht ein. Einen Mann, der gerade die Straße überqueren will, hupe ich so ungehalten an, dass er zurückspringt und mir hinterherschimpft, doch ich beschleunige einfach weiter und schliddere am Ende des Baptist Drive um die Kurve. Hier nehme ich den Fuß vom Gaspedal und biege in die Hauptstraße ein. Eigentlich müsste mir Sidney nun längst entgegenkommen. Selbst bei ihrem Tempo. Ich kneife die Augen zusammen und starre die Straße hinunter. Ich habe noch immer keinen Plan und wünsche mir, Indie wäre hier. Schließlich fällt Indie fast immer etwas ein. Auch wenn es meistens Schwachsinnsideen sind. Auf Indie ist Verlass. Aber sie ist wahrscheinlich zu Hause auf dem Dachboden mittlerweile auf Seite 500 von Lilli-This Aufzeichnungen angelangt. Ich lasse den Pick-up ausrollen. Da. Endlich sehe ich etwas Pinkfarbenes. Sidney hat anscheinend vor dem Murphy’s Law geparkt. Direkt gegenüber von Sam Rosells Laden. Oder soll ich sagen Diego Rosells Laden? Rag kann ich nicht entdecken. Ich fahre noch ein paar Meter. Da öffnet sich die Fahrertür des Navara und jemand huscht über die Straße. Und dieser Jemand ist nicht Sidney.

6

Indie

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Sidney hat ausschließlich Enya-CDs in ihrem Auto. Die ganze Fahrt war ich damit beschäftigt, was anderes zu suchen. Und außerdem herauszukriegen, wie man die Endlosschleife von Adiemus zum Erliegen bringt. Aber gleichzeitig auf der Piste zu bleiben und am CD-Spieler herumzudrücken, ist schwieriger als gedacht. Wieder einmal schiebe ich die zu große Sonnenbrille vor die Augen, obwohl es dafür viel zu dunkel ist. Das Wichtigste ist, dass ich die Gedanken an Gabe abstelle. Das Zweitwichtigste ist, dass keiner meine rot geweinten Augen sieht.

Mir klingeln noch die Ohren, als ich vor Sam Rosells Laden halte und endlich die Musik verstummt.

Die Straße liegt wie ausgestorben da. Das Murphy’s Law ist bestimmt noch geschlossen, aber sicher sein kann man sich da nie. Es sieht immer so aus, als wär da total tote Hose oder als würden die Leute, die in diese Kneipe gehen, im Dunklen sitzen. Und auch Rosells Laden macht nicht den Anschein, als wäre er schon geöffnet. Immerhin hat dieser Diego inzwischen sämtliche alten Plakate von der Wand gerissen und die Tür erneuert.

Sehr gut. Rosells Leichenwagen steht nicht vor dem Laden. Das bedeutet, dass er wohl nicht hier ist.

Noch besser. Es stehen noch Kartons auf der Veranda. Damit habe ich wenigstens eine gewisse Chance, die fehlenden Blätter zu finden.

Ich schiebe die Sonnenbrille wieder vor die Augen und ziehe den Schlapphut tiefer ins Gesicht, denn das hilft unglaublich gegen Angst. Man fühlt sich einfach ganz anders mit Schlapphut. Während ich auf die Veranda zugehe, habe ich noch immer Adiemus im Ohr, was in dem Moment unglaublich cool kommt. Denn ich habe das Gefühl, als wäre ich in einem Film und würde vor einer wichtigen Entdeckung stehen. Die Aufklärung der Zahlen. Ein Hinweis darauf, was sie bedeuten. Und ich fühle es mit jeder Faser meines Körpers, dass die Blätter für uns wichtig sind. Scheißwichtig sind. Dawna wird schon noch sehen.

Während ich noch an die Zahlen denke, spüre ich plötzlich eine seltsame Schwärze unter mir und das Gefühl, in einem Film zu sein, ist schlagartig weg. Fast meine ich, dunkle Nebelschwaden unter meinen Füßen kriechen zu sehen. Die Musik im Ohr ist weg und ich bemerke ein dumpfes Wummern, wie von einer schweren Maschine oder einem Motorrad. Genau genommen höre ich es nicht. Es ist wie ein tiefes Geräusch, das nur den Körper erfasst, in langsame, unheimliche Schwingungen versetzt. Ein düsterer Sog greift nach mir, ich bleibe mitten auf der Straße stehen und für einen kurzen Augenblick scheint der Boden unter mir zu wanken, so als würde mein Blutdruck absacken und ich gleich mein Bewusstsein verlieren. Aber ich verliere nicht mein Bewusstsein. Ich sehe weiter die Zahlenkolonnen vor mir. Als wären diese Zahlen nicht mehr auf einem Papier, sondern auf einem Computer und würden über den Bildschirm laufen. Immer schneller. Und immer schneller.

21 03 53 37 47 12 25 11 25 12 01 35 … Ich versuche, mich diesem dunklen Sog zu entziehen.

Indie. Reiß dich am Riemen, ermahne ich mich und gehe Schritt für Schritt auf die Veranda zu. Ich werde nachsehen, ich kann mich nicht abhalten lassen, von niemandem. Nicht einmal von meiner eigenen Angst.

Als ich das Holzgeländer der Veranda berühre, lässt der Sog nach. Ich schüttle den Kopf, als könnte ich damit das loswerden, was gerade die Finger nach mir ausgestreckt hat. Vermutlich habe ich zu wenig gefrühstückt, versuche ich, mich zu beruhigen, und starre auf die weißen Finger meiner linken Hand, die sich wie eine Klammer um das Holz gelegt haben. Als würde mir die Veranda Sicherheit geben, traue ich mich endlich, nach hinten zu sehen. Direkt gegenüber steht der pinkfarbene Navara. Die Tür vom Murphy’s Law ist noch immer verschlossen. Die Straße ist wie ausgestorben.

»Fuck«, sage ich. Ich werde verrückt. Die Zahlen machen mich irre. Das muss es sein. Ich atme tief ein. Okay. Dann wollen wir mal.

Meine Schritte knarren auf dem Holz, klingen so, als würden sie böse Geister wecken können, aber ich kann mich nicht leiser bewegen. Beim ersten Karton gehe ich in die Hocke und öffne mit spitzen Fingern den Deckel.

Ganz oben liegen Snickers, zerdrückt, mit aufgeplatztem Papier.

Mein Herzschlag setzt aus.

Gleichzeitig mit Sam ist auch Gabe wieder mit voller Wucht in meinen Gedanken. Gabe. Um Gabe lieben zu können, muss ich stärker sein. Stärker als Lilli-Thi. Stärker als Sam. Stärker als die anderen dunklen Engel. Blind starre ich in den Karton. Mit einem Donnerschlag sind die Gedanken an die Dunklen wieder da. Meine Selbstsicherheit fängt zu bröckeln an, Rag drängt sich in meinen Kopf. Der Rag, der vor mir auf dem Friedhof steht, seine laserblauen Augen auf mich richtet, und sein ganzer Blick sagt: Du oder ich, Indie. Wir sind noch nicht quitt. Und ich weiß, wenn mich seine Faust trifft, kann ich nur hoffen, dass ich sofort bewusstlos bin. Oder tot. Was dann ist, will ich nicht wissen.

»Bullshit«, fluche ich mit zusammengekniffenen Lippen, versuche, ruhig zu atmen, obwohl mich die Verzweiflung überschwemmt. Was hat das alles für einen Sinn? Ohne Gabe hat es alles keinen Sinn mehr! Wieso hast du dich vor mich gestellt? Wieso hast du so getan, als würdest du mich lieben?

Zornig über mich und mein gedankliches Zwiegespräch mit jemandem, der gar nicht da ist, stehe ich auf und gehe zur nächsten Kiste.

Du warst nie auf meiner Seite. Ich werde dich nie auf meine Seite ziehen können. Du schützt mich nur, weil du meine Seele für Azrael schützen musst. Nicht etwa, weil du mich liebst, sondern…ich denke den Gedanken nicht weiter, starre in die Kiste, in der ein wildes Durcheinander von Schokoriegeln, Kaugummis, Tüten mit Chips und Dörrfleisch liegt. Mir wird schlecht und plötzlich ist es, als hätte ich Gabes Stimme in meinem Ohr.

Indie, sagt seine raue, heisere Stimme. Indie. Du und ich.

Seine Worte sind für mich wie eine Angelschnur, die mich nicht mehr loslässt, die mich hinauszieht in die Weite der Steppe, auf der Suche nach ihm. Nach dem einen. Nach dem Einzigen, der mich liebt, mich versteht, mich beschützt.

Aber es gibt kein Wir mehr, ich habe es an seinen Augen gesehen. Es wird nie wieder ein Wir geben.

»Scheiße, nein«, sage ich laut zu mir und gehe zum nächsten Karton.

Mein Herz verkrampft sich, denn trotz allem wünsche ich mir so sehnlich, dass es nicht stimmt, was ich mir denke. Dass die Gefühle, die er in mir erzeugt, auch die Gefühle sind, die er selbst spürt. Die Gefühle, wenn er mich in seinen Armen hält, dieses Glück, wenn seine Wärme meinen Körper umhüllt. Und dass er sich genauso einsam und kalt fühlt, wenn er mich loslassen und mich gehen lassen muss.

Ist das, was ich spüre, alles nur Fake? Etwas, das er in mir erzeugen kann, weil er der Verführer ist?

Ich stehe auf und gebe der nächsten Schachtel einen Tritt. Shit. Shit. Shit. Die Papiere sind nicht mehr da.

Er wird nicht mehr kommen, durchfährt mich die Erkenntnis. Es war sein letzter Besuch, er hat seine Mission erfüllt. Ich habe ihn verloren. Für immer. Ich hatte ihn nie für mich gewonnen. Noch einmal gebe ich einer Schachtel einen Tritt. Ich weiß, dass ich mich mit dieser Erkenntnis nicht abfinden kann. Ich will ihn noch einmal sehen, noch einmal mit ihm reden, selbst wenn ich dafür zu diesem grässlichen Morrison Motel fahren muss. Die Verzweiflung überrollt mich mit Wucht, eine Weile starre ich nur auf den letzten Pappkarton.

Ein eisiger Windhauch fährt zwischen meinen Händen hindurch, als ich die letzte Schachtel aufreiße, und wirbelt etwas Weißes nach oben. Ein Blatt Papier. Und während es die Veranda entlangrutscht, erkenne ich schon, dass es genau das ist, was ich suche. Die vertrauten Zahlenkolonnen. Die Cokespritzer.

Ja.

Ich wusste es.

Das Papier gleitet noch ein paar Zentimeter, dann bleibt es liegen.

Direkt vor zwei großen schwarzen Rancho Boots.

Am liebsten würde ich jetzt in einem pinkfarbenen Auto sitzen, in dem volle Pulle Adiemus in Endlosschleife gespielt wird.

»Na. Indie Spencer«, sagt Diego Rosell mit seiner schnarrenden Stimme und sieht auf mich herunter.

Ich hebe meinen Blick von dem Blatt Papier.

»Hi Mr Rosell«, sage ich, weil mir nichts Intelligenteres einfällt. »Nett, Sie mal wiederzusehen«, lüge ich ein bisschen und lächle ihn dabei an, obwohl meine Lippen plötzlich ganz starr sind. »Wie geht es Ihrem Auto?«

Eine blödere Frage hätte ich jetzt wohl kaum stellen können.

Das Blatt liegt noch immer vor seinen Füßen. Aber er bückt sich nicht danach. Er sieht mich eine Weile nur an, dann verzieht sich sein Mund zu einem freundlichen Lächeln.

»Das steht bei Morti«, erklärt er mir. Das ›Morti‹ klingt so, als würde es nur aus Rrs bestehen. Mrrrrti. »Musste dringend mal repariert werden.«

Mist. Dass ich daran nicht gedacht hatte. Dass Diego hier sein kann, auch wenn sein Auto nicht da ist. Das Schweigen zwischen uns verlangsamt die Zeit. Das Einzige, was zu hören ist, ist irgendein Fensterladen, der bei jedem kleinsten Windhauch gegen den Fensterrahmen schlägt. Die Stille zwischen uns ist mir unangenehm, aber Diego Rosell scheint es zu genießen, denn er sieht mich an, als könnte er mich stundenlang betrachten.

Wieso sagt er nichts mehr? Und warum verzieht er sich nicht wieder in seinen Laden, wenn er mir sowieso nichts mitzuteilen hat? Ich kann meinen Blick kaum mehr kontrollieren. Er soll in keinem Fall denken, dass mir dieses Papier irgendetwas bedeutet. Aber ich will auch nicht jetzt gehen und später noch einmal kommen. Das halten meine Nerven nicht mehr aus.

Dann ist da ein neues Geräusch, das den Fensterladen übertönt. In einiger Entfernung höre ich ein Motorrad anspringen. Ich kenne dieses dumpfe Wummern. Es nistet sich in meinem Bauch ein wie ein besonders fieser Schmerz. Zum ersten Mal lässt mich Diegos Blick los. Er schweift von mir zur Straße und dann wieder zurück zu meinem Gesicht. Auch mein Blick schweift zur Straße, ohne dass ich meinen Kopf bewege. Der Navara ist in unerreichbarer Entfernung. Wenn ich dorthin kommen will, muss ich mich an Diego vorbeidrücken. Und ich kann jetzt schon spüren, wie er meinen Oberarm packt, wenn ich mich ihm nähere.

Das Wummern bleibt abwartend, das Motorrad fährt nicht los, es scheint in einer Seitenstraße zu stehen, der Fahrer wartet auf etwas. Und was zur Hölle macht Diego? Was bin ich nur für eine blöde Kuh. Dass sie mich nicht umbringen, heißt ja noch lange nicht, dass sie mich nicht jetzt schon mal entführen, an einen sicheren Platz, wo ich dann monatelang auf meinen Tod warten kann. Mein Herz verkrampft sich, schlägt so unregelmäßig, dass es in meinem Kopf zu sausen beginnt. Ich balle beide Hände zu Fäusten, weiche Diegos Blick nicht aus.

Diegos Augen gleiten von meinem Gesicht zu meinen geballten Fäusten und wieder zurück.

Ein weiterer eisiger Lufthauch wirbelt das Zahlenblatt ein Stückchen nach rechts, es schlittert über die Holzplanken, wird ein wenig angehoben und rutscht schließlich zwischen den Brettern hindurch nach unten.

Unerreichbar.

Das Motorrad gibt plötzlich Gas. Ich sehe es nicht, denn meine Augen sind an Diegos Augen festgesaugt. Das Motorengeräusch entfernt sich von uns. So, als würde es die Hauptstraße entlang beschleunigen, viel schneller, als es erlaubt ist, und verschwinden. Verschwinden aus New Corbie.

Diegos Blick bleibt freundlich.

»Der Laden ist noch nicht eingerichtet«, sagt er plötzlich, als hätten wir uns die ganze Zeit nett unterhalten. »Aber der Ofen funktioniert immerhin, seit der Kaminkehrer da war.« Er zwinkert mir zu. Seine Augen sind so seltsam vertraut. Ich sehe die Sprenkel in seiner Iris, die mich an etwas erinnern. Etwas, an das ich mich gerne erinnere. Etwas, das so vertrauenseinflößend ist, so warm. Als wäre er jemand, den ich schon immer gekannt habe. Der immer an meiner Seite war.

»Wenn du dich aufwärmen willst. Indie.«

Und ein paar Snickers, vielleicht?, denke ich wütend. Weißt du, verarschen kann ich mich ganz alleine.

»Danke«, sage ich tonlos. »Aber ich geh dann mal wieder.«

Er tritt einen Schritt zur Seite und nickt mir zu. Als wäre es ganz normal, dass ich auf seiner Veranda in seinen Schachteln wühle. Als müsste er mich nicht fragen, wonach ich suche. Und als wüsste er ganz genau, dass ich wiederkomme.

Meine Schritte klingen laut auf der Holztreppe.

7

Dawna

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Was ich wirklich nicht fassen kann, nach dieser hirnrissigen Aktion vor Rosells Laden, ist, dass Indie zum Morrison Motel abbiegt. Sie hat den Navara die Straße Richtung Friedhof hinunterschießen lassen und ist dann, ohne vom Gas zu gehen, auf den Schotterplatz vor dem Motel abgebogen. Auf der hinteren Seite, neben dem Swimmingpool, steht ein Truck, sonst ist der Parkplatz leer. Und schon von Weitem kann ich auf der Vorderseite die Motorräder stehen sehen. Nicht irgendwelche Motorräder. Nein. Es sind sieben Dukes. Schön nebeneinander, vor der gläsernen Eingangstür des Morrison Motel aufgereiht. Über alle sieben Motorräder hat sich eine Schicht Schnee gelegt. Nur über eines nicht. Rags Motorrad. Natürlich nicht. Vermutlich ist er auch ständig damit unterwegs, um jeden unserer Schritte zu überwachen. Indie hat die Dukes auch gesehen. Da bin ich hundertprozentig sicher. Und wahrscheinlich fährt sie deswegen genau dorthin. Weil sie Gabe treffen will. In meinem Bauch braut sich ein heißer Klumpen Wut zusammen. Schlimm genug, dass sie glaubt, mich verarschen zu können, und alleine nach New Corbie abhaut. Nein. Sie will auch noch Gabe treffen. Als wäre Gabe ein stinknormaler Typ, den man eben mal vor dem Club trifft.

Indie lässt den Navara über den Schotter vor den Club holpern und bremst vor den Maschinen. Ich halte genau hinter ihr.

»Sag mal, geht’s noch?!«, brülle ich sie an, nachdem ich die Fahrertür aufgerissen habe.

Ich muss brüllen, weil in ohrenbetäubender Lautstärke Enya läuft. Indie zuckt zusammen. Sie war anscheinend immer noch mit der Anlage beschäftigt.

»Fuck!«, schreit Indie zurück. »Willst du, dass ich einen Herzinfarkt bekomme!?«

Sie springt aus dem Wagen und schlägt einfach die Tür zu. Jetzt hören wir die Musik nur noch gedämpft, die Musik und das Knacksen des Motors von Rags Duke. Er muss sie erst vor wenigen Minuten hier geparkt haben, und wenn ich nur daran denke, wird mir übel. Sie beobachten uns, denke ich, sie wissen alles. Wo wir sind. Was wir denken. Wann wir schlafen und wann wir wachen.

»Wieso fährst du mir hinterher?«, zischt mich Indie an, »warum bleibst du nicht zu Hause, wie wir es abgemacht haben?«

»Wie wir es abgemacht haben?« Ich bin kurz davor, ihr eine runterzuhauen. »Wir hatten abgemacht, DU bleibst zu Hause. Was soll das? Bist du lebensmüde? Willst du dich umbringen? Und was wolltest du bei Rosells Laden?«

Mir würden noch tausend andere Fragen einfallen. Zum Beispiel wie sie Sidneys Navara unbemerkt zurückbringen will. Ob Autos klauen jetzt schon zur schlechten Gewohnheit geworden ist und was überhaupt diese lächerliche Verkleidung soll. Als hätte Indie einmal mehr meine Gedanken gelesen, nimmt sie die Brille ab und schiebt sie in ihre Jackentasche.

»Ich hatte dort etwas zu erledigen«, sagt sie.

Anscheinend hat sie keine Lust, mit mir darüber zu reden. Auch gut. Ich weiß es sowieso. Es geht wieder einmal um die Blätter. Aber würde Lilli-Thi dieses Zeug einfach rumfliegen lassen, wenn es so wichtig wäre?

»Ach ja«, sage ich böse. »Und hier hattest du auch etwas zu erledigen. Schätze ich.«

Ich lasse meinen Blick zu den Motorrädern schweifen. Sie sind alle schwarz und ohne Nummernschilder. Eines sieht aus wie das andere. Hinter der letzten Duke ist der Kellereingang zum Club. Eine schwarze Tür mit einem kleinen, vergitterten Fensterchen.

»Du riskierst dein Leben«, sage ich böse, »für nichts. Für einen Typ, der dich tot sehen will. Der zu Rag und Lilli-Thi und Shantani gehört. Der nichts dafür tut, dich zu retten. Warum läufst du ihm immer noch hinterher?«

»Und du«, sagt Indie ruhig, »du riskierst überhaupt nichts. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.«

Ihre Worte treffen mich, als hätte sie mich mitten ins Gesicht geschlagen. Ich sehe uns drei, Mum, Indie und mich. Früher, als Indie noch die Kleine war, die ich beschützen musste, weil Mum nichts auf die Reihe brachte. Immer war ich diejenige, die für alles ihren Kopf hinhielt. Immer musste ich Indie überall rausboxen. Ob es in der Schule war oder bei irgendwelchen Cliquen, mit denen sie sich anlegte.

»Das ist lange her«, sagt Indie und schiebt den Schlapphut zurück. Ihr rotes Haar kringelt sich von der Feuchtigkeit des Nebels und klebt an ihren Wangen. »Jetzt geht es um etwas anderes.«

»Und um was, bitte schön?«, fauche ich.

Indie schneidet mir das Wort ab. »Es geht darum, dass du nie das tust, was du willst. Du bist nie heiß oder kalt. Du bist immer lau und immer gehst du den Mittelweg.«

»Was soll denn diese Scheiße!« Ich muss mich wirklich zusammenreißen, nicht so laut zu schreien, dass halb New Corbie zusammenläuft.

»Du willst Miley aufgeben«, sagt Indie, »und ich soll Gabe vergessen.«

»Genau«, sage ich, »gut, dass du dich wenigstens daran erinnerst. Ich dachte schon, du hast alles verdrängt.« Ich fühle mich so schlecht, weil ich Indie anlüge, dass ich kotzen könnte.

»Ich kann es nicht.« Indies Blick ist offen und voller Schmerz. Sie sieht zur Fassade des Morrison Motels hinauf. Irgendwo da drin sind sie. Irgendwo da ist Gabe und zieht Indie an. Der Verführer.

»Du weißt nicht, was du sagst«, fahre ich sie an, »du bist verwirrt. Das ist sein Job. Er ist der Verführer, hast du das vergessen? Er ist nur dazu da…er liebt dich nicht. Er kann dich nicht lieben. Er hat kein Herz und keine Seele.«

Ich atme tief den Nebel ein und spüre, wie er feucht in meine Lungen kriecht.

»Das ist nicht wahr«, flüstert Indie.

Wir sehen uns in die Augen und ich fühle mich wie in einem bescheuerten Film. Immer noch dröhnt Adiemus in Sidneys Navara, als würden gerade irgendwelche Orks die Elben niedermetzeln. Unbarmherzig. Grausam. Irgendetwas stoßen Indies Worte in mir an. Dieses uralte Wissen, das in mir zu lauern scheint, das Steinchen für Steinchen ins Rollen gerät.

»Wir müssen hier weg«, sage ich.

»Wir können nicht den Mittelweg gehen«, flüstert Indie, als hätte sie mir gar nicht zugehört, »wir müssen kämpfen.«

Als wäre dies das Stichwort gewesen, schwingt die Tür zum Club auf. Ich brauche gar nicht hinzusehen, ich weiß auch so, wer dort steht. Und auch Indie muss sich nicht umdrehen. Sie schließt für einen kurzen Moment die Augen. Es musste so kommen. Wir haben sie geweckt. Wir hätten gleich abhauen sollen, anstatt hier diesen blödsinnigen Streit zu führen. Die Tür knallt gegen die flamingofarbene Hauswand und Rags Schwere hält mich sofort gefangen. Er tritt durch die Tür nach draußen und hinter ihm Pius und ein weiterer Engel. Meine Beine sind wie festgefroren. Pius geht einmal um uns herum, dabei lässt er seinen Arm um meine Schultern gleiten.

»Dawna«, sagt er neben meinem Ohr, »unser letztes Zusammentreffen war so … unerfreulich.«

»Ihr habt bekommen, was ihr wolltet«, stoße ich hervor und versuche, seine Hand abzuschütteln, doch Pius hält mich fest, legt seine Hand unter mein Kinn und dreht meinen Kopf so, dass ich ihn ansehen muss. Seine strahlend blauen Augen sind heute nicht von Schleiern überzogen. Es ist, als könnte man durch sie hindurch in die Unendlichkeit blicken.

»Ja. Den ersten Teil. Aber eine klitzekleine Kleinigkeit fehlt noch.«

Sein Gesicht kommt meinem so nahe, dass ich das Gefühl habe, diese Unendlichkeit saugt mich auf.

»Aber bis dahin ist es nicht mehr lange«, seine Finger brennen sich in meine Haut, »bald wird es so weit sein. Der Weg war steinig, aber jetzt ist er bereitet. Samael ist zurück.«

Sein Griff wird fester.

»In einer Schale mit Blut hat sie ihn gefangen, in der Mitte des Pentagramms. Sie hat ihn aus dieser Schale gehoben und eine Nacht in der hohlen Hand bewahrt.«

Seine Augen zeigen mir Lilli-Thi. Ihr Kleid ist von Blut befleckt und auch ihre Hände. Sie liegt auf einem Bett, lächelnd, und über ihr glüht der Sternenhimmel. Ihre Hände formen eine Schale und zwischen ihren Fingern leuchtet ein schwacher roter Schein, als hätte sie die aufgehende Wintersonne damit gefangen. Sams Seele. Die Seele des Meisters. Neu geboren, durch uns.

»Samael ist zurück und mit ihm die Kontrolle über die Gefallenen.« Er zieht das letzte Wort genüsslich in die Länge. »Ich weiß, dass du sie auch so nennst, Dawna, und du hast recht, denn sie sind keine Engel mehr. Sie haben ihre Göttlichkeit zurückgelassen. Das war der Preis.«

Und warum, denke ich, warum hast du dich geopfert an einem strahlenden Sommertag? Was hat dich dazu getrieben, ihnen deine Seele zu geben?

»Es ist faszinierend«, sagt Pius, »sie sind gefallen und mit ihnen wird das gesamte Himmelreich zugrunde gehen. Seht sie euch an. Sie sind gekommen, um zu richten … die Lebenden und die Toten.«

Er lenkt meinen Blick zu Rag und dem fremden Engel. Sie stehen Seite an Seite, berühren sich an den Schultern. Genau gleich groß, wie Klone. Nur ihre Gesichter unterscheiden sich. Das Gesicht des Fremden ist noch ebenmäßiger und ich kann mir vorstellen, wie er früher ausgesehen hat. Voller Liebe und strahlend. Jetzt hängt ein fahler Glanz an ihm. Ich glaube, in ihm den Engel zu erkennen, der mich über die Dächer bei Sam Rosells Laden gejagt hat. Wie lange ist das her? Ganze Leben liegen dazwischen.

»Sie sind gefallen und werden sich nun an Gott rächen«, sagt Pius versonnen, »endlich werden sie sich mit eurer Hilfe rächen können. Wie viele Tausend Jahre warten sie schon auf diesen einen Moment. Denn wenn die Schöpfung zerstört ist …«

Er nimmt meinen Kopf in beide Hände, eine fast zärtliche Geste.

»… dann ist auch Gott vernichtet.«

Ein heißer Schauer läuft über meinen Rücken. Vernichtet…vernichtet … vernichtet …

Gott ist meine Wahrheit, denke ich und sehe aus den Augenwinkeln, wie der fremde Engel zusammenzuckt.

»Verstehst du jetzt, Dawna, wie wichtig eure Aufgabe ist? Wie ehrenvoll? Wie großartig? Wie allumfassend? Alles wird ein Ende haben. Jeder Krieg. Jede Liebe. Alles. Ihr werdet uns den Frieden zurückgeben. Denn wo kein Gut ist … ist auch kein Böse …«

Er sieht zum Himmel hinauf und zieht mich mit. Hoch oben wirbelt der Nebel und einzelne Schneeflocken schweben über unseren Köpfen, so fein und kalt, dass sie auf der Haut schmerzen. Sie wirbeln durch meine Gedanken und ich fange an zu verstehen. Alles, was bis jetzt passiert ist und noch passieren wird. Alles, was Granny uns verschwiegen hat, vor dem sie uns zu schützen versucht hat. Ich sehe Legionen gefallener Engel, die eine Dunkelheit über die Welt bringen werden, die niemand mehr erhellen kann. Gott ist tot, flüstert es an meinem Ohr, aber es ist nicht Pius, der gesprochen hat. Es ist der Wind, der Schnee, der Nebel, Rag und der Atem des fremden Engels und mein eigener Herzschlag, der tief in meinem Inneren diese Worte gegen meinen Brustkorb klopft.

»Bald wird Gott tot sein«, sagt Pius, »und wir alle werden diesen Tag erleben dürfen. So nah ist er. So nah … so nah ist die Freiheit.«

Er sieht mich wieder an, Dunkelheit schwappt in seinen Augen, wie brackiges Wasser in einem schwarzen See. Ohne Ufer. Ohne Rettung.

»Pius, du kleines, pickeliges Arschloch«, zischt Indie neben mir, »ich frage mich schon lange, wieso sich deine Kumpels hier überhaupt mit dir abgeben. Was, zum Teufel, hat die geritten, als sie dich bei ihnen mitmachen ließen.«

8

Indie

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Irgendetwas breitet sich in mir aus wie flüssige Lava, läuft von meiner Wirbelsäule in meine Arme und Beine. Sie fangen zu prickeln an, als würden sie gleich taub werden, als würden sie sich einfach weigern, weiter mitzumachen. Aber mein Gehirn ist plötzlich hellwach, meine Gefühle sind unbeschreiblich, es ist, als würde sich mein Körper dagegen wehren, während mein Kopf sich in rasender Geschwindigkeit all die Möglichkeiten, die ich jetzt habe, zu einem Ganzen zusammenpuzzelt.

Es gibt keinen Mittelweg.

Nicht, nachdem Pius endlich gesagt hat, was sie vorhaben. Wer die Schöpfung tötet, tötet auch den Schöpfer. Und das ist es, was Azrael vorhat, das ist der Grund, warum er meine Seele braucht.

Ich kann meine Augen nicht von Rag abwenden.

Weißer eiskalter Nebel kriecht von den Feldern auf den Parkplatz, umspült unsere Füße mit Eiskristallen. Auch Rag kann seine Augen nicht von mir abwenden. Glühend heiß brennt in ihnen der Hass, nichts anderes ist in ihm.

»Lass sie«, sagt Pius, aber seine Stimme klingt nicht so, als hätte er die Kraft, Rag zu befehlen.

Ich warte auf die Angst. Die Angst zu sterben und alles tun zu wollen, um diesem Schicksal zu entkommen. Ich horche in mich hinein. Je mehr ich ihm aber in die Augen sehe, desto heißer werden meine Gedanken. Da ist keine Angst in mir. War es der Streit mit Dawna? War es die Unterhaltung mit diesem blöden Scheißer Pius?

Es durchströmt mich mit einer riesigen Kraft und Wucht, füllt mich komplett aus.

Wenn er mich tötet, dann ist ihr toller Plan im Arsch. Wenn ich sterben muss, dann mit erhobenem Kopf.

»Indie«, sagt Dawna atemlos.

Wenn das jetzt meine letzten Sekunden sind, die ich zu leben habe, dann will ich ihn noch richtig verletzen, wenigstens mit meinen Worten. Ich kämpfe ein klein wenig gegen das an, was ich sagen will. Ich will etwas sagen, das sich anhört wie »Du bist ein Stück Scheiße, Rag. Und wenn’s mein Schicksal ist, auf einem Stück Scheiße auszurutschen, ist das wohl so«. Aber mir liegt etwas anderes auf der Zunge. Etwas, das ich sagen muss.

»Magnificat anima mea dominum«, flüstere ich.

Die Luft zwischen uns gefriert. Der Hauch meiner Worte hängt gefroren vor meinem Mund, wie Eiskristalle stehen sie zwischen uns.

Ich kenne diese Worte, weiß, was sie bedeuten.

Hoch preiset meine Seele den Herrn.

Wieso ich sie auf Lateinisch sage, weiß ich nicht. Sie kommen aus mir heraus, als hätten sie hier die ganze Zeit darauf gewartet, ausgesprochen zu werden. Als wären es die einzigen Worte, die ich Rag entgegenschleudern will.

»Magnificat anima mea dominum!« Ich breite meine Arme aus und hebe meinen Blick zum Himmel. Die Worte kommen jetzt klar und laut aus meiner Kehle und ich weiß, dass dies nichts ist, was Rag einschüchtert oder von irgendetwas abhält. Nein, ich weiß sogar, dass ich seinen Hass damit noch mehr entfache. Denn der Herr, von dem ich spreche, den ich preise, ist nicht der Herr, dem er dient.

Als ich meinen Blick auf ihn richte, ist mir klar, dass er mich nur noch töten will.

Töten, weil ich diese Worte ausgesprochen habe.

Wenn es bis zu dem Moment nichts Persönliches zwischen uns war, jetzt ist es das.

»Nimm das zurück«, sagt er mit einem so drohenden Unterton, dass mein Herzschlag explodiert.

»Rag«, sagt Pius und packt ihn am Arm.

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