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Daringham Hall - Die Rückkehr

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. 32
  39. 33
  40. 34
  41. 35
  42. Epilog

Über die Autorin

Kathryn Taylor begann schon als Kind zu schreiben – ihre erste Geschichte veröffentlichte sie bereits mit elf. Von da an wusste sie, dass sie irgendwann als Schriftstellerin ihr Geld verdienen wollte. Nach einigen beruflichen Umwegen und einem privaten Happy End erfüllte sich ihr Traum mit der äußerst erfolgreichen Reihe COLOURS OF LOVE. Sie eroberte damit die SPIEGEL-Bestsellerliste und begeisterte auch zahlreiche Leser im Ausland.

Prolog

New York

Als sich die Fahrstuhltüren öffneten und Ben aus der Kabine in den breiten Etagenflur trat, überkam ihn ein überwältigendes Gefühl der Vertrautheit. Er hatte keine Ahnung, wie oft er schon über den edel glänzenden dunklen Marmorfußboden auf den Empfangsdesk am Ende des Flurs zugegangen war – oft genug jedenfalls, um gar nicht mehr auf das indirekt beleuchtete Firmenlogo von Sterling & Adams Networks zu achten, das hinter dem Empfang an der Wand prangte. Jetzt jedoch sah er es, er starrte es sogar regelrecht an wie etwas, das er zwar wiedererkannte, aber mit einem neuen inneren Abstand betrachtete.

Natürlich war es immer noch seine Firma, und Ben war stolz darauf, dass Peter und er es so weit damit gebracht hatten, dass sie sich jetzt Angestellte und einen Sitz im zehnten Stock eines schicken Büroturms in Downtown Manhattan leisten konnten. Doch nach dieser langen Zeit wieder hier zu sein fühlte sich anders an, als er erwartet hatte. Oder vielleicht war er auch nur anders …

»Mr Sterling!« Die junge Asiatin am Empfang sprang überrascht auf, als sie Ben erkannte. Offenbar hatte Peter seine Ankunft nicht angekündigt.

»Hallo, Chen Lu«, begrüßte Ben sie, während er an ihr vorbeiging, und sein Nicken riss sie aus ihrer Erstarrung.

»Willkommen zurück!«, rief sie ihm mit einem strahlenden Lächeln nach, während er weiter durch die Glastür ging, die zu den Büros der Geschäftsleitung führte.

Alles war noch genau wie früher, die Fotos von ihm und Peter bei der Entgegennahme von Auszeichnungen, das modern eingerichtete Vorzimmer vor ihren Büros. Und doch fühlte es sich für Ben plötzlich seltsam fremd an.

»Ben!« Sienna Walker saß an ihrem Schreibtisch im Vorzimmer und hatte im Gegensatz zu Chen Lu offenbar mit seinem Kommen gerechnet, denn sie wirkte überhaupt nicht überrascht. Ihr Lächeln fiel allerdings verhalten aus, was vermutlich bedeutete, dass Peter sie bereits darüber informiert hatte, weshalb er hier war.

Sienna setzte an, etwas zu sagen, aber Ben wollte erst das Gespräch mit seinem Kompagnon hinter sich bringen und deutete auf Peters Büro.

»Ist er da?«, fragte er knapp.

Sienna nickte, und er klopfte kurz an die Tür, bevor er den Raum betrat.

Peter saß hinter seinem breiten Schreibtisch, fast verdeckt von seinen beiden Computerbildschirmen und Stapeln von Papieren und Mappen, die er um sich verteilt hatte. Ebenfalls ein vertrauter Anblick, nur dass auf Peters Gesicht kein Lächeln lag und er auch keine Anstalten machte aufzustehen. Außerdem war das Chaos bei Weitem nicht so groß, wie Ben es sonst von Peters Schreibtisch gewohnt war.

»Du hast aufgeräumt«, stellte er erstaunt fest.

»Und du hast offenbar den Verstand verloren«, erwiderte Peter grimmig und stemmte sich jetzt doch aus seinem Stuhl hoch. Mit wütend funkelnden Augen beugte er sich über den Schreibtisch. »Nur damit das von vornherein klar ist: Die Antwort lautet immer noch Nein!«

Ben atmete tief durch. Er hatte gewusst, dass Peter sich querstellen würde, und er verstand das sogar. Es änderte jedoch nichts daran, dass sein Freund sich mit seiner Entscheidung würde abfinden müssen.

»Ich bitte dich nicht um Erlaubnis, Peter«, erinnerte er ihn. »Mein Entschluss steht fest.«

Für einen langen Moment schwieg Peter, dann schüttelte er den Kopf. »Sie ist daran schuld, oder? Diese Tierärztin! Sie hat dir den Kopf verdreht, und jetzt kannst du nicht mehr klar denken!«

Ben dachte an Kate, die in seinem Apartment auf ihn wartete, und seufzte unwillkürlich. »Ich kann sehr klar denken, Peter, glaub mir. Und ich weiß auch, dass es etwas plötzlich kommt. Trotzdem bin ich …«

»Etwas plötzlich?«, unterbrach Peter ihn aufgebracht und ließ sich wieder auf seinen Schreibtischstuhl sinken, als würden die Beine unter ihm nachgeben. »Etwas plötzlich? Ist das dein Ernst? Herrgott, Ben, am Sonntag hast du mir noch versichert, dass du gar nicht schnell genug wegkommen kannst von Daringham Hall und den Camdens. Du wolltest nichts mehr zu tun haben mit deiner feinen englischen Familie und hast schon fast im Flieger zurück nach New York gesessen. Und ein paar Stunden später teilst du mir mit, dass du es dir anders überlegt hast und alles aufgeben willst, was wir beide uns über die Jahre aufgebaut haben, um dein gesamtes Vermögen in einen alten Kasten zu stecken, der kurz vor dem Bankrott steht! Sorry, Partner, aber das kommt nicht nur etwas plötzlich, es lässt mich auch sehr an deiner geistigen Gesundheit zweifeln.«

Vorwurfsvoll betrachtete er Ben, der seinem Blick äußerlich unbewegt standhielt.

Wenn Peter es so ausdrückte, dann klang es wirklich verrückt. Und völlig unvernünftig. Es gab keinen Grund, es zu tun, aber viele, es zu lassen, das war Ben klar. Denn auch wenn die Camdens seine Familie waren, hatte seine Großmutter dafür gesorgt, dass er bis jetzt kein Teil davon hatte sein dürfen. Darüber war er immer noch wütend, und jetzt hätte sich ihm eigentlich die perfekte Gelegenheit zur Rache geboten, weil die Familie vor dem finanziellen Ruin stand. Ben hätte in aller Ruhe zusehen können, wie Daringham Hall pleiteging. Doch er hatte sich – gegen jedes bessere Wissen – entschlossen, den Camdens zu helfen.

»Du kannst mich nicht aufhalten, Peter, egal, was du sagst«, antwortete er und hielt dem vorwurfsvollen Blick seines Freundes stand. »Ich werde es tun.«

»Aber du kannst mich doch nicht allein lassen«, protestierte Peter, und Ben hörte die Panik in seiner Stimme. »Ich kann das hier nicht ohne dich.«

Dieses Argument ließ Ben nicht gelten. »Das ist nicht wahr. Du hast mit dem Stanford-Abschluss gerade erst bewiesen, wie gut du das hinkriegst. Und wenn du lieber wieder einen Partner willst, dann hol dir eben jemand anderen mit ins Boot. Du bist nicht auf mich angewiesen.«

Ben war bewusst, wie hart es war, Peter derart vor vollendete Tatsachen zu stellen. Aber er war nicht der Typ, der um den heißen Brei herumredete. Und in diesem Fall ging nur ganz oder gar nicht.

»Ich habe es geahnt.« Peter stieß die Luft aus, und es klang wie ein Stöhnen. Ein resigniertes Stöhnen, denn er kannte Ben so gut wie kaum jemand sonst und wusste genau, wann er etwas ernst meinte. »Warum?«, fragte er und schüttelte den Kopf. »Erklär es mir, Ben. Wieso gehst du für diese Engländer so ein Risiko ein?«

Ben zuckte mit den Schultern, weil er nicht sicher war, ob sein Freund seine Beweggründe verstehen würde. Dabei waren sie eigentlich ganz simpel.

»Weil ich wissen will, ob ich es schaffen kann.«

Er dachte zurück an den Nachmittag vor zwei Tagen, als er vom Flughafen wieder nach Daringham Hall gefahren war – zurück zu Kate, die er doch nicht aufgeben konnte. Er hatte keine Ahnung, wieso bei ihr alles anders war als bei den anderen Frauen in seinem Leben, aber die Vorstellung, sie nicht mehr zu sehen, hatte er einfach nicht ausgehalten. Er wollte mit ihr zusammen sein, und in seinem Kopf hatte es dafür zunächst nur einen Ort gegeben: New York.

Doch als er in der goldenen Nachmittagssonne vor dem Stallgebäude von Daringham Hall gestanden hatte, mit Kate im Arm, war ihm klar geworden, dass sie ihr Leben in England nicht einfach hinter sich lassen konnte. Und er hatte plötzlich gemerkt, dass es ihm ähnlich ging. Deshalb hatte er sich seine Frage, ob er wirklich seinen gesamten Besitz für den Erhalt des Herrenhauses einsetzen sollte, selbst beantworten können. Er wollte gar nicht gehen, so wie er es die ganze Zeit vehement behauptet hatte, sondern bleiben und die Herausforderung annehmen, die so unmöglich erschien.

Vielleicht würde es ihm nicht gelingen, Daringham Hall zu retten, aber einen Versuch war es wert. Sicher, er riskierte sein Vermögen dabei, aber Geld war ihm noch nie besonders wichtig gewesen. Er wollte es einfach noch einmal wissen, er wollte wieder dieses Kribbeln spüren, so wie damals, als er zusammen mit Peter ohne jedes Startkapital und nur mit einer Idee und viel Elan aus dem Nichts die Firma gegründet hatte. Er wollte herausfinden, ob er noch einmal zu einer solchen Leistung in der Lage war. Und irgendwie wollte er auch sich selbst und den Camdens etwas beweisen. Dass er nämlich sehr wohl zu ihnen gehörte und es wert war, den Titel zu tragen, der ihm nach dem Tod seines Großvaters zustand. Dass er ein würdiger Baronet von Daringham Hall sein würde.

Er dachte an den verzweifelten Ausdruck auf Ralph Camdens Gesicht bei ihrer letzten Begegnung. Kümmere dich darum, Ben. Bitte. Es war ein Auftrag gewesen, und auch wenn Ben es lange nicht hatte wahrhaben wollen, konnte er über den letzten Wunsch seines Vaters nicht einfach so hinweggehen.

»Außerdem habe ich es Ralph versprochen.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich will es probieren mit dieser Familiensache.«

Es fiel ihm nicht leicht, das einzugestehen, und eigentlich rechnete er damit, dass Peter, der selbst mit Familie nicht viel am Hut hatte, verächtlich schnauben würde. Peter musterte ihn aber nur, und für den Bruchteil einer Sekunde sah Ben Verständnis in den Augen seines Freundes aufblitzen. Es wurde jedoch fast sofort wieder von Skepsis verdrängt.

»Und wie stellst du dir das alles vor? Wie soll das laufen?«

Ben stieß die Luft aus. »Das habe ich dir doch schon erklärt: Ich werde dir meinen Anteil an der Firma verkaufen – zu einem fairen Preis, versteht sich. Außerdem stoße ich die Wohnung ab, darum soll sich ein Makler so schnell wie möglich kümmern. Mit dem Geld zahle ich den Kredit ab, den die Bank von den Camdens zurückfordert, und dafür überschreiben die Camdens mir im Gegenzug das Gut.«

»Und was willst du damit?«, fragte Peter wütend. »Herrgott, Ben, der Laden ist fast pleite!«

»Genau. Aber ich habe vor, ihn zu sanieren – und ich weiß auch schon wie.« Der Plan dazu war in ihm gereift, seit er wusste, wie schlimm es um die Finanzen des Gutes stand. Er hatte jedoch etwas länger gebraucht, um sich einzugestehen, dass er selbst ihn umsetzen wollte. »Es sind einige Umstrukturierungen nötig, aber dann sehe ich da durchaus Potenzial.«

Peter hob die Augenbrauen. »Und damit sind die Camdens einverstanden?«

»Sie haben keine Wahl. Wenn ich Daringham Hall nicht übernehme, wird es zwangsversteigert.« Ben zuckte mit den Schultern. »Ich schätze, bevor sie es irgendeinem Fremden überlassen, bin ich für sie die bessere Alternative.«

»Das ist keine Alternative, Ben, das ist Wahnsinn«, protestierte Peter. »Du willst diese marode Hütte sanieren? Wie denn? Dieses denkmalgeschützte Ding ist doch ein verdammtes Fass ohne Boden.« Er stieß einen verächtlichen Laut aus. »Herrgott, Ben, wach auf! Du bist kein Gutsherr, du bist Unternehmer, und das Letzte, was du gebrauchen kannst, ist so ein Klotz am Bein. Das geht schief, und dann stehst du am Ende mit leeren Händen da.«

Ben zögerte einen Moment und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob er das Risiko vielleicht unterschätzte. Es war ein Wagnis, das war ihm bewusst, und es würde schwerwiegende Konsequenzen haben, nicht nur für ihn, sondern auch für die Camdens, wenn er es nicht schaffte. Aber er schaffte eigentlich alles, was er sich vornahm. Warum sollte er ausgerechnet diesmal versagen?

»Zahl mich einfach aus, dann werden wir ja sehen«, sagte er grimmig. Peter schwieg lange, und Ben sah, wie er mit sich kämpfte. Doch schließlich nickte er. »Okay, du sturer Bastard«, knurrte er. »Ich mach’s. Aber nur unter einer Bedingung.« Ben, der gerade erleichtert lächeln wollte, wurde wieder ernst und hörte sich den überraschenden Vorschlag seines Freundes an.

***

Kate stand vor der großen Fensterfront im Wohnzimmer und sah hinaus auf den Central Park. Bens Apartment lag in der zehnten Etage, und unter anderen Umständen hätte sie den schönen Blick genossen, den man von hier auf die bereits herbstlich verfärbten Baumkronen hatte, die in der Nachmittagssonne in Gelb und Orange erstrahlten. Dazu war sie im Moment jedoch viel zu nervös, deshalb wandte sie sich wieder ab und kehrte zu der breiten, überraschend bequemen Ledercouch zurück, die das Herzstück des Wohnzimmers bildete. Es war sehr modern eingerichtet, genau wie der Rest des Apartments – alles edel und gleichzeitig komfortabel, mit schlichten Designermöbeln und wenigen ausgewählten Accessoires. Ben hatte erzählt, dass er dafür eine Innenarchitektin engagiert hatte, und das Ergebnis gefiel Kate. Wirklich. Aber trotzdem …

Sie konnte nicht richtig in Worte fassen, was sie eigentlich störte. Es war nicht das Apartment an sich, sondern eher die Tatsache, wie krass es sich von ihrem eigenen kleinen Cottage in Salter’s End unterschied. Oder von Daringham Hall mit seinen vielen Antiquitäten und Traditionen, in das Ben mit ihr ziehen wollte, sobald sie wieder nach East Anglia zurückgekehrt waren. Würde er sich dort wirklich wohlfühlen, wenn er eine Umgebung wie diese hier gewohnt war?

Sie durfte darüber nicht zu viel nachdenken, sonst kehrte die Angst zurück, die sie immer wieder quälte, seit Ben vor über zwei Stunden zu seinem Gesprächstermin mit Peter aufgebrochen war.

Seufzend erhob Kate sich wieder und trat zurück ans Fenster. Wo blieb er denn nur so lange? War es ein gutes Zeichen, dass sein Gespräch mit Peter so ewig dauerte, oder bedeutete es, dass es Ärger gab?

Natürlich wird es den geben, dachte sie. Peter hatte auf Bens Entschluss, in East Anglia zu bleiben und Daringham Hall zu übernehmen, sehr wütend reagiert. Sicher würde er auch im persönlichen Gespräch mit Ben keinen Hehl aus seiner Meinung machen. Peter wollte unbedingt vermeiden, dass Ben die Firma verließ, und er würde ganz bestimmt alles tun, um ihn zu halten.

Kate legte die Hände auf ihre Oberarme und rieb sie, weil ihr plötzlich kalt war.

Und wenn Ben es sich doch noch anders überlegte?

Dann konnte sie nur mit ihm zusammen sein, wenn sie nach New York zog. Dazu war sie zwar bereit, wenn es nötig sein sollte – Tierärzte wurden schließlich auch hier gebraucht, und sie würde sicher einen neuen Job finden. Aber während sie auf die riesige Stadt mit ihren zig Millionen Einwohnern hinunterstarrte, gestand sie sich ein, wie schwer ihr die Umstellung fallen würde. Und Ben musste es umgekehrt genauso gehen. Es gab einfach keinen gemeinsamen Nenner in ihrer beider Leben. Einer von ihnen würde alles aufgeben müssen, was er kannte und liebte – ohne Garantie, dass es am Ende funktionierte …

Ein Geräusch an der Wohnungstür ließ sie herumfahren. Sofort lief sie in den Flur und sah, dass Ben gerade hereinkam.

»Und? Was hat Peter gesagt?«

Ben warf den Wohnungsschlüssel in eine kleine Schale auf dem Sideboard neben der Tür. Dann nahm er Kate in die Arme und zog sie an sich.

»Er kauft mir meinen Anteil ab«, erwiderte er, doch er lächelte nicht so strahlend, wie sie es erwartet hatte.

»Einfach so?«, hakte sie nach. »Wie ich Peter kenne, hat er dir bestimmt ordentlich die Hölle heiß gemacht, oder?«

Ben seufzte. »Oh, das hat er, glaub mir.«

»Aber am Ende hat er es geschluckt und war einverstanden?« Kate beobachtete angespannt sein Gesicht, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, dass er ihrem Blick auswich. Dann lächelte er jedoch wieder, diesmal amüsiert.

»Hast du daran etwa gezweifelt?«

»Nein.« Kate schlang die Arme um seinen Hals und betrachtete ihn: seine dunkelblonden Haare, seine markanten, schon so vertrauten Züge und seine sturmgrauen Augen, in denen sie sich von Anfang an verloren hatte. Sie war unendlich verliebt in ihn und wollte sich so gern freuen, dass ihrer gemeinsamen Zukunft jetzt nichts mehr im Weg stand. Trotzdem konnte sie die Angst, dass er zu viel riskierte, einfach nicht abschütteln.

»Und du willst es wirklich tun?« Sie musste ihn einfach noch mal fragen, weil es so ein gewaltiger Schritt war. »Bist du dir da ganz sicher?«

In Bens Blick flackerte etwas auf, ein Schatten, der seine Miene für einen Moment verdüsterte. Als sie sich gerade fragte, was das zu bedeuten hatte, lächelte er wieder und nahm sie in die Arme.

»Bist du dir denn sicher, dass du es mit mir versuchen willst?«, fragte er zurück, und während sie das glücklich bejahte, schoss ihr kurz durch den Kopf, dass er ihr die Antwort schuldig geblieben war.

Aber dann beugte er sich vor, und als ihre Lippen sich trafen, vergaß sie den leisen Zweifel, der sie beschlichen hatte. Mit einem tiefen Seufzer schmiegte sie sich an ihn und beschloss, nicht immer jedes Wort von ihm auf die Goldwaage zu legen.

Wir müssen nur zusammenhalten, dachte sie und erwiderte seinen Kuss leidenschaftlich. Dann konnte doch gar nichts schiefgehen.

1

East Anglia, sechs Monate später

»Nicht schon wieder!« Bens Stimme klang so grimmig, dass der Butler Kirkby in der Bewegung innehielt. Auch Kate, die gerade das Arbeitszimmer betreten hatte, blieb überrascht stehen.

»Möchten Sie keinen Tee?«, erkundigte sich Kirkby höflich, aber irritiert und schien nicht sicher, ob er die gefüllte Tasse auf dem Schreibtisch abstellen sollte, wie er es vorgehabt hatte.

»Was?« Mit abwesendem Gesichtsausdruck legte Ben das Handy beiseite und schien erst jetzt seine Besucher wirklich wahrzunehmen. »Nein. Doch. Natürlich. Entschuldigen Sie, Kirkby. Ich meinte nicht Sie.«

Der bullige Butler nickte und servierte den Tee. Dann wandte er sich an Kate. »Soll ich noch eine Tasse bringen?«

»Nein, danke«, lehnte Kate lächelnd ab und trat zu Ben an den Schreibtisch, während Kirkby das Zimmer wieder verließ und die Tür hinter sich schloss.

»Ich dachte, du wärst noch in der Praxis.« Mit einem Stirnrunzeln blickte Ben zu der Uhr auf dem Kaminsims. »Es ist doch erst vier. Hast du früher Schluss gemacht?«

Kate nickte. »Es war nicht mehr viel los, und ich muss gleich ohnehin noch mal nach Devil sehen.«

Bei der Erwähnung des Namens verdrehte Ben die Augen. »Kate, diesen wilden Gaul kriegst selbst du nicht mehr hin. Das ist reine Zeitverschwendung – und gefährlich obendrein.« Er seufzte. »Ich wünschte wirklich, du hättest ihn da gelassen, wo er war.«

»Das konnte ich nicht«, widersprach Kate ihm sofort.

Sie brachte es nie übers Herz, Streuner abzuweisen, mit denen die Leute zu ihr kamen. Normalerweise waren es Hunde oder Katzen, die für eine Weile bei ihr leben durften, bis sich – vielleicht – ein neues Zuhause für sie fand. Aber weil Kate jetzt, wo sie auf Daringham Hall wohnte, auch den Stall zur Verfügung hatte, war vor kurzem auch noch ein schwarzer Vollblüter zu ihren Pflegefällen dazugekommen. Kate hatte ihn aus schlechter Haltung übernommen und arbeitete jetzt geduldig mit ihm, weil er völlig verwildert war und aggressiv reagieren konnte, wenn er sich in die Enge gedrängt fühlte. Sie war aber sicher, dass aus ihm mit viel Training wieder ein gutes Reitpferd werden würde, und man sah schon erste kleine Erfolge.

»Er fasst auch langsam wieder Vertrauen«, meinte sie ein bisschen stolz. »Bei mir war er beim letzten Mal schon richtig ruhig und hat sich sogar kurz streicheln lassen.«

Ben schnaubte halb frustriert, halb amüsiert. »Ich würde mich auch von dir streicheln lassen. Wenn es danach geht, könntest du deine Zeit also lieber mit mir verbringen.«

Der Einwand war berechtigt, denn das mit der Zeit war tatsächlich ein Problem. Im Moment sahen sie sich während des Tages nämlich meistens nur kurz zwischen Tür und Angel. Kate musste in die Praxis und Hausbesuche machen, und Ben hatte so viel zu tun mit der Leitung des Gutes, dass ihnen oft nur das gemeinsame Frühstück und die Abendstunden blieben, um zusammen zu sein. Und manchmal sogar nicht mal die, denn die Renovierungsarbeiten rund um Daringham Hall und die Planungen für die Umstrukturierung hielten Ben derart in Atem, dass er oft bis weit in den Abend hinein noch arbeiten musste.

Auch jetzt war er schon wieder mit einem Schreiben beschäftigt, das ihn zu beunruhigen schien, denn er betrachtete es stirnrunzelnd. Kate warf einen Blick über seine Schulter, als sie zu ihm hinter den Schreibtisch trat, und erkannte, dass es sich um eine Handwerkerrechnung über einen erschreckend hohen Betrag handelte.

»So viel musstest du für die Umbauarbeiten im ersten Stock bezahlen?«, fragte sie erschrocken.

Er nickte. »Das muss man offenbar anlegen, wenn man in einem denkmalgeschützten Haus Zimmer renoviert. Und das ist nicht mal das Schlimmste.« Seufzend legte er das Blatt in eines der Ablagefächer, und Kate spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

»Ist etwas passiert?«

Ben lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Nein, im Gegenteil. Leider passiert gar nichts«, meinte er frustriert. »Die Lieferung Dachschindeln, auf die wir schon so lange warten, verzögert sich um weitere zwei Tage. Und der Elektriker, der heute kommen wollte, hat mir gerade eine SMS geschrieben und mich auf Anfang nächster Woche vertröstet. Das ist das zweite Mal, dass er den Termin verschiebt. Wenn das so weitergeht, werden wir die Einweihung unseres Cafés wohl unter freiem Himmel bei Kerzenschein feiern müssen.«

»Oh nein!« Kate legte die Hände auf Bens Schultern und massierte ihn sanft, strich die Anspannung aus seinen Muskeln. Die Nachrichten waren aber auch wirklich alles andere als gut.

Das »Café«, wie Ben es nannte, entstand gerade neben den Stallungen in einer Scheune, die dafür aufwendig umgebaut und erweitert wurde. Ab Anfang Mai, also in gut vierzehn Tagen, sollten dort die Besucher des Herrenhauses einkehren und einkaufen können. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren, und diese Verzögerung war mehr als ärgerlich. »Kannst du denn kein anderes Unternehmen beauftragen?«

»Nichts lieber als das«, erwiderte Ben. »Aber die Dachschindeln sind längst bezahlt, und bis ich alles rückgängig gemacht hätte, wäre es für die Eröffnung viel zu spät. Und Aldrich & Sons den Auftrag für die Elektroarbeiten zu entziehen wäre laut Rupert ein Politikum. Er sagt, dass die Firma schon in der dritten Generation in Salter’s End ansässig ist.«

Kate konnte die Aussage des alten Baronets nur bestätigen. »Das stimmt. Außerdem engagiert sich Sam Aldrich intensiv in der Kirchengemeinde. Er ist ein enger Freund von Father Morton.«

Ben seufzte. »Aus genau diesem Grund hält Rupert es für unklug, ihn zu brüskieren. Er glaubt, es könnte die Leute gegen mich aufbringen, und da wir für das Café viel Personal brauchen, wäre das wohl kein kluger Schachzug.« Er zuckte mit den Schultern. »Wenn ich es recht bedenke, könnte ich diesen unzuverlässigen Kerl trotzdem ruhig feuern. Viel schlechter kann mein Ruf im Dorf ohnehin nicht mehr werden.«

Er sagte es leichthin, doch Kate wusste, dass er das nicht so locker nahm, wie es klang. Sein schwerer Stand als neuer Gutsherr auf Daringham Hall machte ihm zu schaffen. Viele Leute trauten »dem Amerikaner« nicht und beobachteten alles, was er tat, mit großer Skepsis. Immer wieder traf er auf Widerstände, und Kate spürte, dass ihn dieser Zustand zunehmend zermürbte.

Dabei hatte Ben schon unglaublich viel erreicht. Seit er die Leitung übernommen hatte, war Daringham Hall wie aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Früher hatte die Familie das Haus nur während des Sommers jeden zweiten Donnerstag im Monat für Besucher geöffnet, inzwischen kamen fast täglich Busse mit Touristen, die sich den zur Besichtigung freigegebenen Teil des Hauses ansahen. Und es sollten noch mehr werden. Ben hatte vor, das Herrenhaus zu einer Attraktion zu machen, die den Besuchern mehr bot als alte Möbel und schöne Bilder. Er war dabei, die Landwirtschaft des Gutes auf Bioprodukte umzustellen. Diese sollten nicht nur die Grundlage für die Mahlzeiten im Café bilden, sondern später auch im angeschlossenen Hofladen an die Besucher verkauft werden. Der Hofladen entstand ebenfalls in der Scheune und würde außer Lebensmitteln auch kunsthandwerkliche Arbeiten sowie den auf Daringham Hall produzierten Wein führen. Bereits jetzt fand der Verkauf in einem umfunktionierten Bereich im Erdgeschoss und bei gutem Wetter draußen in einem Zelt statt. Aber noch war das alles viel zu improvisiert, und Ben fieberte der Fertigstellung des Cafés entgegen. Außerdem plante er langfristig die Aufnahme von Übernachtungsgästen und die Ausrichtung von Hochzeiten oder anderen Events, um das Haus effektiver auszulasten. Kate war sicher, dass Bens Ideen Daringham Hall nutzten, aber sie brachten natürlich auch Veränderungen mit sich, die nicht bei allen Zustimmung fanden.

»Du musst den Leuten einfach ein bisschen Zeit lassen, sich an die neue Situation zu gewöhnen«, meinte sie. »Am Ende werden sie alle froh über das sein, was du hier schaffst.«

Ben brummte etwas Unverständliches, das nicht so klang, als würde er daran glauben. Er griff nach Kate und zog sie auf seinen Schoß, was sie sich mit einem glücklichen Seufzen gefallen ließ.

»Falls Sie gekommen sind, um mich aufzumuntern, Miss Huckley, gäbe es da eine andere, sehr effektive Methode, wie Sie das bewerkstelligen könnten«, dozierte er grinsend, und Kate spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

»Ach ja?« Strahlend schlang sie die Arme um seinen Hals. »Und welche wäre das, Mr Sterling?«

Als Antwort zog Ben sie noch ein bisschen enger an sich, schob eine Hand unter ihr Haar und strich mit den Fingerspitzen über die empfindliche Haut in ihrem Nacken. Es war nur eine ganz sanfte Berührung, aber sie sandte einen prickelnden Schauer über Kates Rücken.

»Du weißt schon«, neckte er sie, und als ihre Lippen sich fanden, ließ Kate sich nur zu gern in ihren Kuss fallen und vergaß für einen Moment, wo sie war. Das Klingeln des Telefons erinnerte sie jedoch einen Augenblick später unsanft daran.

Mit einem unterdrückten Fluch löste Ben sich von Kate und griff nach dem Hörer.

»Hallo?«, knurrte er so unwillig, dass Kate sich nicht gewundert hätte, wenn der Anrufer am anderen Ende der Leitung sofort wieder aufgelegt hätte. Sie wollte aufstehen, um Ben beim Telefonieren allein zu lassen, doch er hielt sie auf seinem Schoß fest. Also blieb sie sitzen und sah sich in dem Raum um, der zuvor Bens Vater Ralph als Arbeitszimmer gedient hatte.

Die Möbel waren noch dieselben wie früher, und es hatte sich auch sonst kaum etwas verändert. Ben hatte im Grunde nur das elektronische Equipment ausgetauscht. Statt des schon recht betagten Rechners, den Ralph benutzt hatte, stand jetzt ein moderner Desktop auf dem Schreibtisch, und auch die Telefonanlage war neu. Außerdem fehlten die gerahmten Bilder von David und Olivia, die früher Ralphs Schreibtisch geschmückt hatten. Ben hatte sie allerdings nicht durch andere Fotos ersetzt, und es fanden sich auch sonst nirgends Dinge, die ihm gehörten. Nur Papiere und Ordner lagen auf der Arbeitsfläche, und Kate fand das plötzlich schrecklich unpersönlich. Es wirkte fast so, als wollte Ben vermeiden, diesem Ort seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Und mit ihren gemeinsamen Räumen im Haus verhielt es sich ähnlich. Sie selbst hatte bei ihrem Einzug Dinge aus ihrem Cottage mitgebracht – ein paar Möbelstücke, Andenken und Bilder, die ihr wichtig waren. Ben jedoch schien so etwas gar nicht zu besitzen …

Er legte wieder auf, und Kate stellte fest, dass sie so in Gedanken gewesen war, dass sie den Grund für den Anruf überhaupt nicht mitbekommen hatte. Besorgt blickte sie ihn an.

»Noch mehr schlechte Neuigkeiten?«

Er lächelte schief. »Sehr schlechte sogar. Das war die Architektin. Auf der Baustelle gibt es ein Problem mit der geplanten Aufteilung. Ich soll rauskommen und mir das ansehen.«

»Okay«, seufzte Kate resigniert. »Dann verschieben wir das Aufmuntern eben auf später.«

Sie erhob sich, doch als sie beide wieder standen, zog Ben sie noch einmal an sich.

»Aber vergiss es nicht«, sagte er und küsste sie, bis ihre Knie ganz weich wurden. Dann ließ er sie mit einem bedauernden Ausdruck auf dem Gesicht los, suchte eilig einige Papiere zusammen und schob sie in eine Mappe.

»Ach ja, es gibt übrigens auch eine gute Nachricht«, meinte er, als sie schon an der Tür standen. »Die Frau von der Filmproduktion hat sich heute Morgen gemeldet. Sie schickt demnächst einen Scout vorbei, der sich alles noch einmal genauer ansieht.« Er grinste. »Wir sind also immer noch im Rennen.«

»Das ist ja großartig!«, rief Kate begeistert. Ben stand mit einem britischen Fernsehsender in Kontakt, der Daringham Hall als Kulisse für einen Fernsehfilm in Erwägung zog. Es waren zwar mehrere Herrenhäuser in der engeren Wahl, und die Entscheidung stand noch aus. Aber jetzt konnten sie zumindest weiter hoffen.

»Ja, ist es«, pflichtete Ben ihr bei. »Allerdings wird es Timothy und Olivia sicher nicht passen, wenn wir den Zuschlag bekommen. Nicht nur Touristen, sondern auch noch ein großes Filmteam, das im Haus ein und aus geht – da werde ich wieder sehr lange reden müssen, um ihnen begreiflich zu machen, dass Daringham Hall jede Art von Einnahmequelle dringend braucht. Die beiden scheinen nämlich immer noch zu glauben, dass es auch ohne irgendwelche Einschränkungen geht.«

Kate hätte ihm gerne widersprochen, nur leider hatte er vollkommen recht. Sein Onkel sträubte sich vehement gegen das geplante Besucherzentrum, weil er fürchtete, dass zu viele Touristen den Charme von Daringham Hall zerstören könnten, und würde ganz sicher nicht begeistert sein über ein Filmteam im Herrenhaus. Und auch Olivia stellte sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit quer und hatte an allen Vorschlägen von Ben etwas auszusetzen. Manchmal fragte Kate sich wirklich, wie er es schaffte, immer die Geduld mit den beiden zu behalten.

Trotzdem wollte sie sich die Freude über die gute Nachricht nicht nehmen lassen und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ach was. Wenn sich hier erst mal die Fernsehstars für eine Weile die Klinke in die Hand geben, werden alle vor Aufregung ganz aus dem Häuschen sein – Olivia sogar ganz besonders. Dann werden sie dich lieben, du wirst sehen.«

Ben verzog den Mund zu etwas, das gerade noch als Lächeln durchging. »Mir würde es schon reichen, wenn sie mich einfach machen ließen. Lieben müssen sie mich nicht«, sagte er, und in seiner Stimme schwang so viel Abwehr mit, dass es Kate einen Stich versetzte.

Ben redete nicht gerne über seine Gefühle, das wusste sie inzwischen, und er machte grundsätzlich einen großen Bogen um das Thema Liebe. Auch bei ihr. Sicher, sie lebten zusammen, und eigentlich war auch alles gut zwischen ihnen. Aber er antwortete nie, wenn sie ihm sagte, dass sie ihn liebte, und er sprach auch nie über ihre gemeinsame Zukunft, nur über das Hier und Jetzt. Kate beunruhigte das manchmal, aber sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass er vielleicht nur noch ein bisschen Zeit brauchte, um sich ihr ganz zu öffnen. Schließlich war es das Einzige, was einen Schatten auf ihr Glück warf, und irgendwann würde sich das bestimmt alles finden.

Sie begleitete Ben bis hinunter in die große Halle.

»Soll ich dich mit zum Stall nehmen?«, fragte er, aber Kate schüttelte den Kopf und deutete auf den Durchgang zur Küche, aus der laute Stimmen zu hören waren. Wenn sie sich nicht täuschte, gehörten sie der Köchin Megan und Ralphs Witwe Olivia, die gerade heftig stritten.

»Danke, aber ich glaube, ich sehe lieber erst kurz nach, was da wieder los ist«, meinte sie und küsste Ben zum Abschied. Dann machte sie sich auf den Weg zur Küche, doch noch bevor sie die Tür erreichte, kam ihr eines der Hausmädchen weinend entgegen.

»Alice?« Kate hielt die junge Frau am Arm fest, bevor sie an ihr vorbeilaufen konnte. »Was ist denn los?«

»Mrs Camden hat uns …« Alice schluchzte heftig auf und musste noch einmal ansetzen, um ihren Satz zu beenden. »Sie hat uns gerade alle entlassen!«

2

»Sie hat was?« Fassungslos starrte Kate das Hausmädchen an. »Wie kommt sie denn dazu?«

Alice wischte sich mit der Hand über ihre tränennassen Wangen. »Sie sagt, ich hätte beim Putzen einen Spiegel in ihrem Zimmer kaputt gemacht. Den antiken, wissen Sie, der an der Wand neben der Tür hängt?«

Kate nickte. Sie kannte das Ungetüm, das eigentlich gar nicht in Olivias ansonsten sehr modern eingerichtetes Zimmer passte. »Und, hast du?«

»Nein.« Unglücklich schüttelte Alice den Kopf. »Ich würde es sagen, wenn es so wäre, Miss Huckley. Wirklich. Aber er hing noch an seinem Platz, als ich fertig war. Und Jemma kann das auch bezeugen, wir haben die Räume extra noch einmal kontrolliert und nachgesehen, ob alles in Ordnung ist. Das machen wir immer so.«

Jemma und Alice, beide noch keine zwanzig, waren für die Zimmer zuständig und halfen der Köchin Megan bei den Vorbereitungen der Mahlzeiten. Sie arbeiteten erst ein knappes Jahr auf Daringham Hall, aber Kate hatte sie immer als sehr zuverlässig erlebt und konnte sich nicht vorstellen, dass Alice log. Der flehende Blick der jungen Frau schien das zu bestätigen.

»Hast du Mrs Camden das gesagt?«, wollte Kate wissen.

Alice nickte. »Aber sie glaubt mir nicht. Als Jemma und Megan mich verteidigt haben, ist sie furchtbar wütend geworden und hat gesagt, dass wir alle morgen nicht mehr wiederkommen sollen, weil wir entlassen sind.« Hoffnungsvoll blickte sie Kate an. »Darf sie das überhaupt, Miss Huckley? Uns einfach kündigen?«

»Nein.« Kate spürte Wut in sich aufsteigen und griff nach Alice’ Arm, zog sie zurück in die Küche.

Sofort liefen ihnen Kates Hunde schwanzwedelnd entgegen. Im Moment waren es drei: der halb blinde Collie Blackbeard und der dreibeinige Terrier Archie, für die Kate nie eine neue Familie hatte finden können und die deshalb für immer bei ihr bleiben durften, und der zottelige Mischling Digger, der für die inzwischen vermittelten Hündinnen Lossie und Ginny neu dazugekommen war. Alle drei sprangen ihr aufgeregt um die Füße, und Kate begrüßte sie kurz, wandte ihre Aufmerksamkeit dann aber Olivia und Megan zu, die immer noch lauthals stritten.

»Diese Impertinenz muss ich mir von einer Angestellten nicht gefallen lassen!«, schimpfte Olivia gerade. »Würde mein Mann noch leben, hätte er so etwas niemals zugelassen. Er hätte euch alle …«

»Olivia?«, unterbrach Kate sie und stellte sich neben Megan. Alice flüchtete zu Jemma, die etwas abseits stand und ebenfalls ziemlich aufgelöst wirkte. Großartig, dachte Kate. Aufregung unter der Belegschaft war genau das, was sie im Moment nicht gebrauchen konnten. Sie musterte Olivia mit verhaltener Wut, bemühte sich aber, sachlich zu bleiben. »Ich habe gehört, in deinem Zimmer wurde etwas beschädigt?«

»Ja, allerdings!«, ereiferte sich Olivia und deutete auf Alice. »Und zwar von ihr! Sie hat den Spiegel zerschlagen, und jetzt will sie nicht dazu stehen!«

Alice öffnete den Mund, um zu protestieren, doch Kate brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen.

»Und du bist ganz sicher, dass Alice schuld ist? Warst du dabei, als es passierte?«

»Nein, natürlich nicht. Ich schaue ihr schließlich nicht beim Putzen zu«, gab Olivia schnippisch zurück. »Aber sie muss es gewesen sein. Sie gibt es nur nicht zu.«

»Sie kann Alice doch nicht einfach beschuldigen«, mischte sich Megan ein. Ganz offensichtlich passte es der kleinen, aber sehr resoluten Köchin gar nicht, wie ihre Aushilfe von Olivia behandelt wurde. »Außerdem ist das kein Entlassungsgrund!«

»Aber die Tatsache, dass sie nicht mehr gut arbeitet, ist einer! Überhaupt arbeitet hier niemand mehr vernünftig, und zwar schon seit Monaten!«, erwiderte Olivia hitzig. »Das ist ja auch kein Wunder. Seit mein Mann nicht mehr da ist, geht es in diesem Haus nur noch drunter und drüber. Er hätte längst durchgegriffen und euch alle rausgeworfen!«

»Das hätte Mr Camden niemals getan!«, gab Megan wütend zurück. »Er hätte …«

»Genug jetzt!«, rief Kate scharf und trat mit erhobener Hand zwischen die beiden Frauen. Sie kam sich vor wie eine Dompteurin im Zirkus, aber tatsächlich verstummten sowohl die Köchin als auch Olivia und wichen ein Stück zurück.

»Niemand wird hier entlassen!«, stellte Kate klar, ehe sie sich wieder an Olivia wandte. »Könnte ich dich bitte kurz unter vier Augen sprechen?«

Sie deutete zur Tür, weil sie nicht wollte, dass der Streit noch weiter eskalierte. Und das würde er, wenn Olivia hier in der Küche eine Bühne für ihren theatralischen Auftritt hatte.

Einen langen Moment zögerte Olivia, dann ging sie mit eisiger Miene nach draußen.

»Sie ist nicht mehr ganz dicht, seit Mr Camden nicht mehr da ist«, zischte Megan. »Das ist doch nicht normal, wie die sich hier aufführt!«

Kate erwiderte nichts darauf, auch wenn sie der Köchin im Stillen beipflichtete.

»Ich kläre das mit ihr«, sagte sie und bedeutete den Hunden, in der Küche zurückzubleiben. Im Hinausgehen nickte sie Alice und Jemma beruhigend zu, die immer noch ganz aufgelöst waren. Dann folgte sie Olivia in die große Halle.

»Wenn du glaubst, dass ich diesen Vorfall auf sich beruhen lasse, dann hast du dich getäuscht!«, fauchte Olivia, noch ehe Kate etwas sagen konnte, und verschränkte die Arme vor der Brust. »Dieses Mädchen hat mein Eigentum beschädigt, und das muss Konsequenzen haben.«

»Noch ist nicht erwiesen, dass es Alice war«, erwiderte Kate, so ruhig sie konnte. »Der Spiegel ist alt und schwer, es kann auch andere Gründe geben, warum er von der Wand gefallen ist. Vielleicht hat der Nagel sich gelöst. Oder du bist selbst dagegen gestoßen, ohne es zu bemerken, und …«

»Ich? Also bitte, das wüsste ich doch!«, entrüstete sich Olivia, etwas zu lautstark, wie Kate fand. Natürlich wollte sie ihr nichts unterstellen, aber die Möglichkeit, dass Ralphs Witwe es tatsächlich selbst gewesen war und jetzt einen anderen Schuldigen suchte, war leider durchaus gegeben. Seit sie mit ihrem unfreiwilligen Geständnis, dass Ralph nicht der Vater ihres Sohnes David war, für so viel Wirbel gesorgt hatte, gab Olivia nämlich keine Fehler mehr zu. Stattdessen suchte sie bei anderen danach, kritisierte alles und jeden, vielleicht weil sie so nicht darüber nachdenken musste, was in ihrem eigenen Leben falsch gelaufen war.

»Aber es war natürlich klar, dass du die Kleine verteidigst«, fügte sie hinzu und sah Kate feindselig an. »Du hast ja schon immer eher auf der Seite des Personals gestanden.«

Kate atmete tief durch und zwang sich, nicht auf diesen Seitenhieb zu reagieren. Trotzdem traf er sie schmerzhaft, denn er erinnerte sie daran, dass sich ihre Rolle auf Daringham Hall tatsächlich sehr verändert hatte, seit sie mit Ben zusammen war. Das verwirrte sie selbst oft, und sie war auch nach Monaten immer noch unsicher, wie sie sich in manchen Situationen verhalten sollte, ob nun gegenüber dem Personal oder gegenüber der Familie. Aber sie würde nicht zulassen, dass Olivia diese Tatsache gegen sie ausspielte.

»Ich denke nicht, dass es hier darum geht, auf welcher Seite ich stehe«, erklärte sie mit fester Stimme. »Ich möchte lediglich, dass du keine Anschuldigungen erhebst, für die du keine Beweise hast. Warum gehen wir nicht in dein Zimmer und sehen uns den Schaden an?«, schlug sie vor. »Vielleicht können wir dann feststellen, wie es passiert ist.«

Olivia schnaubte, und für einen Moment glaubte Kate, neben dem Zorn auch Unsicherheit in ihrem Blick zu erkennen.

»Damit du dann wieder behaupten kannst, diese Alice wäre es nicht gewesen?« Sie schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich weiß, dass sie es war, selbst wenn du mir nicht glaubst. Sie und diese Jemma. Und ich weiß auch, dass es nicht das erste Mal war, dass die beiden in meinem Zimmer absichtlich etwas beschädigt haben. Sie können mich nicht leiden, genau wie alle anderen.« Tränen traten plötzlich in ihre Augen. »Wenn Ralph noch da wäre, hätte er sie dafür zurechtgewiesen. Er hätte mir geglaubt und mich nicht so angesehen, als würde ich mir das alles nur einbilden.«

Kate seufzte innerlich und musterte Olivia, ihre schlanke Gestalt und die hübsch frisierten Haare. Ralphs Witwe war mit ihren siebenundvierzig Jahren immer noch eine ausgesprochen attraktive Frau, aber es ließ sich nicht leugnen, dass sie sich nach dem Schock über den Tod ihres Mannes sehr verändert hatte.

Allerdings nicht nur zum Negativen, denn sie hatte das Trinken aufgegeben, was vor allem ihren Sohn David sehr freute. Dafür fühlte sie sich jedoch plötzlich für Dinge zuständig, die sie vorher nie interessiert hatten. Die Haushaltsführung zum Beispiel hatte sie früher immer Ralphs Schwester Claire überlassen und war lieber zu Empfängen, Bällen und Teepartys gegangen. Das tat sie jetzt nicht mehr, vielleicht weil sie immer noch den Klatsch fürchtete. Stattdessen mischte sie sich ständig in alles ein und nervte damit nicht nur das Personal. Außerdem vermutete sie plötzlich überall Intrigen gegen sich und klammerte sich fast verzweifelt an die Vorstellung, alles sei besser gewesen, als Ralph noch lebte.

Kate war zwar keine Psychologin, vermutete jedoch, dass Olivia auf diese Art ihre Trauer verarbeitete. Was allerdings kein Freibrief dafür war, den Angestellten gegenüber derart ausfallend zu werden.

»Wir alle vermissen Ralph, Olivia«, begann Kate mit ruhiger Stimme. »Aber er hätte sicher nicht gewollt, dass hier so viel Unfrieden herrscht.«

»Der herrscht hier doch erst, seit Ben da ist!«, explodierte Olivia sofort wieder. »Wenn er nicht gekommen wäre, dann …«

»Dann würde Daringham Hall jetzt irgendeinem fremden Investor gehören, und ihr würdet alle auf der Straße sitzen«, beendete Kate den Satz und gab sich keine Mühe mehr, ihre Wut zu verbergen. »Was passiert ist, ist passiert, Olivia. Es lässt sich nicht mehr ändern, und wir müssen alle lernen, damit zu leben!«

»Ich will aber nicht damit leben, dass dieser … dieser dahergelaufene Amerikaner alles zerstört, was Ralph aufgebaut hat«, widersprach Olivia. »Wenn Ben mit Daringham Hall fertig ist, wird es nicht mehr wiederzuerkennen sein. Das hätte Ralph niemals gewollt.«

»Er hätte aber auch nicht gewollt, dass du durch das Haus läufst und ohne Grund Personal entlässt«, sagte Kate. »Dein Verhalten ist völlig absurd, und das weißt du auch. Du darfst hier weiterhin wohnen, aber keine Personalentscheidungen mehr treffen, Olivia.«

»Du aber auch nicht!«, fauchte Olivia. »Du brauchst hier nicht die Gutsherrin zu spielen, Kate. Solange du nicht Bens Frau bist, hast du hier überhaupt nichts zu sagen. Du gehörst eigentlich nicht mal hierher, also spiel dich gefälligst nicht so auf.«

Abrupt drehte sie sich um und rauschte über die Treppe nach oben.

Noch völlig überrascht von der plötzlichen Hasstirade starrte Kate ihr nach und musste unwillkürlich an Lady Eliza denken und daran, wie ähnlich Olivia ihr geworden war. Die alte Dame litt zwar an Demenz und lebte inzwischen in einem Heim in Fakenham, aber als sie noch bei Verstand gewesen war, hatte sie Kate und vor allem Ben fast immer feindselig und herablassend behandelt. In dieser Hinsicht machte Olivia, die schon damals versucht hatte, ihrer Schwiegermutter nachzueifern, der alten Dame jetzt alle Ehre.

Das Problem war nur, dass Olivia auch ein bisschen recht hatte. Denn Kates neuer Status auf Daringham Hall war tatsächlich noch nicht geklärt. Sie war Bens Freundin, und als solche erwartete gerade das Personal Entscheidungen von ihr, wandte sich ständig an sie, wenn es darum ging, welche Sachen für die Küche oder den Garten nachbestellt werden mussten. Und Kate übernahm auch Aufgaben und Verantwortung, so gut sie konnte. Aber da Ben sich bisher nicht dazu geäußert hatte, wie er sich ihre gemeinsame Zukunft vorstellte, hatte sie eigentlich keine Autorität. Sie saß immer noch zwischen allen Stühlen, und das war ein unangenehmes Gefühl, vor allem, wenn Olivia es ihr so unter die Nase rieb …

»Na, wartest du schon auf mich?«

Kate fuhr herum und sah, dass Bens Tante Claire gerade die Halle betreten hatte und sie freundlich anlächelte. Sofort stieg in Kate ein Gefühl der Dankbarkeit auf. Egal wie schwierig es auf Daringham Hall auch war – Claire und ihr Mann James, aber auch Bens Großvater Sir Rupert gaben ihr nie das Gefühl, hier nicht willkommen zu sein.

»Nein, wieso?«, fragte sie.

Claire lächelte. »Hast du es vergessen, Kate? Wir wollten doch die Personalpläne durchgehen.«

»Oh. Richtig.« Erschrocken erinnerte sich Kate, dass sie Claire das schon vor zwei Tagen für heute Nachmittag zugesagt hatte – und traf eine Entscheidung. »Wir können das jetzt gleich machen, wenn du willst.«

»Sehr gut.« Claire zog ihr Smartphone aus der Tasche. »Ich will nur ganz schnell …«

Sie tippte auf zwei Tasten und hielt sich das Handy ans Ohr, ließ es jedoch einen Augenblick später wieder sinken.

»Nur die Mailbox«, murmelte sie und wirkte bedrückt.

»Gibt es ein Problem?«, erkundigte sich Kate.

Claire zuckte mit den Schultern. »Es hat sich kurzfristig noch eine Gruppe aus Cambridge für eine Führung angemeldet. David wollte das übernehmen. Die Leute kommen gleich mit dem Bus an, aber ich kann ihn nicht erreichen. Ich hoffe, er vergisst es nicht.«

»Auf keinen Fall tut er das. Du kennst ihn doch – er liebt diese Führungen«, beruhigte Kate sie.

Claire blieb jedoch skeptisch. »Ich weiß, aber ich hatte heute Morgen ein Gespräch mit ihm, und danach war er so …« Sie zögerte, dann schüttelte sie den Kopf. »Ach, er wird schon dran denken«, meinte sie. »Sollen wir uns in die Küche setzen? Ich könnte jetzt wirklich einen Tee gebrauchen, was meinst du?«

Kate sah die Schatten unter ihren Augen und fragte sich, was sie wohl mit David besprochen hatte, das ihr solche Sorgen machte. Sie respektierte es jedoch, dass Claire nicht darüber reden wollte, und hakte sich bei ihr ein.

»Tee klingt gut«, sagte sie lächelnd.

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