Logo weiterlesen.de
Dare Not Linger – Wage nicht zu zögern

NELSON
MANDELA
UND MANDLA LANGA

DARE NOT LINGER
WAGE NICHT ZU ZÖGERN

Die Präsidentenjahre

Autorisierte Biografie

Aus dem Englischen
von Katrin Harlaß, Susanne Held
und Jörn Pinnow

BASTEI ENTERTAINMENT

In Wahrheit sind wir noch nicht frei; wir haben lediglich die Freiheit erkämpft, frei zu sein, das Recht, nicht unterdrückt zu werden. Nicht den letzten Schritt unserer Wanderung haben wir getan, sondern den ersten Schritt auf einem noch viel längeren und komplizierteren Weg. Denn frei zu sein heißt nicht nur, alle Ketten abzuwerfen. Frei zu sein bedeutet, auf eine Weise zu leben, die die Freiheit anderer respektiert und vergrößert. Die Prüfung, ob wir es mit der Freiheit wirklich ernst meinen, beginnt gerade erst.

Ich bin diese lange Straße zur Freiheit gegangen. Ich habe versucht, nicht zu straucheln. Ich habe auf diesem Weg auch Fehltritte getan. Doch ich habe dabei ein Geheimnis entdeckt: Wenn man einen hohen Berg erklommen hat und um sich blickt, dann sieht man immer nur weitere Berge, die es zu ersteigen gilt. Ich habe mir einen Augenblick Zeit genommen, um auszuruhen und die herrliche Aussicht zu genießen, die sich von hier oben bietet. Doch ich kann nur kurz verweilen. Mit Freiheit geht Verantwortung einher, und ich wage nicht zu zögern, denn mein langer Weg ist noch nicht zu Ende.

Nelson Mandela, Long Walk to Freedom

Geleitwort

Drei Monate waren vergangen, seit Madiba und ich geheiratet hatten, als er sich daranmachte, das erste Kapitel des Buches zu schreiben, das der Nachfolgeband zu seiner Autobiografie Der lange Weg zur Freiheit werden sollte.

Die damalige Entscheidung, seine Memoiren zu verfassen, war aus einem Pflichtgefühl nicht nur gegenüber seiner politischen Organisation erwachsen, sondern – in einem umfassenderen Sinne – mit Blick auf den Freiheitskampf im gesamten südlichen Afrika. Und Pflichtgefühl gegenüber der Bevölkerung Südafrikas und allen Bürgern dieser Welt verlieh ihm auch die nötige Energie, um mit der Arbeit an dem zu beginnen, woraus nun Wage nicht zu zögern entstanden ist.

Er wollte die Geschichte seiner Jahre als erster Präsident eines demokratischen Südafrikas erzählen, seine Gedanken zu den Problemen niederschreiben, die ihn und seine Regierung umgetrieben hatten, die Prinzipien und Strategien erkunden, die sie im Umgang mit den unzähligen Herausforderungen, denen sich die junge Demokratie gegenübersah, anzuwenden versuchten. Vor allem aber wollte er darüber schreiben, wie das Fundament für ein demokratisches System in Südafrika gelegt wurde.

Dieses Projekt nahm gut vier Jahre lang einen alles überragenden Platz in seinem Leben und dem Leben derer ein, die ihm nahe waren. Er schrieb gewissenhaft und fleißig, mit Füller oder Kugelschreiber, holte die Meinung vertrauter Mitarbeiter ein, überarbeitete dann wieder und wieder, bis er das Gefühl hatte, zum nächsten Kapitel oder Abschnitt gehen zu können. Jeder einzelne Schritt auf diesem Weg war gekennzeichnet von einer unbedingten Bereitschaft zum Gespräch. Besonders dankbar bin ich Professor Jakes Gerwel sowie Zelda la Grange, Madibas persönlicher Assistentin. Sie ermutigte ihn in jeder Hinsicht und unterstützte das Projekt während dieser Zeit auf vielfältigste Art und Weise.

Doch die Anforderungen, die die Welt an ihn stellte, Ablenkungen ganz verschiedener Art sowie das fortschreitende Alter erschwerten Madiba die Arbeit an diesem Buch zunehmend. Er verlor den Schwung, und schließlich lag das Manuskript auf Eis. Während der letzten Jahre seines Lebens sprach er oft darüber, sorgte sich um ein Werk, das begonnen, aber nicht vollendet war.

Das nun vorliegende Buch ist das Ergebnis einer kollektiven Anstrengung, das Projekt in Madibas Namen zu vollenden. Es beinhaltet die Geschichte, die er mit der Welt teilen wollte. Vervollständigt und erzählt von dem südafrikanischen Schriftsteller Mandla Langa, der die zehn von Madiba selbst verfassten Originalkapitel elegant mit weiteren seiner Schriften und Gedanken aus dieser Zeit verwoben hat, kommt dessen Stimme auf jeder einzelnen Seite deutlich zum Tragen.

Mandla Langa hat Großartiges geleistet, indem er Madiba zuhörte und wie ein auktorialer Erzähler auf seine Stimme reagierte. Joel Netshitenzhe und Tony Trew, vertraute Berater und Mitglieder von Madibas Stab während der Präsidentenjahre, steuerten umfassende und reichhaltige Recherchen und Analysen sowie erste Textentwürfe bei, während die Nelson Mandela Foundation unser Unternehmen institutionell verankerte. Ihnen allen bin ich zutiefst dankbar, ebenso unseren Partnern im Verlag, denn sie haben dazu beigetragen, Madibas Traum wahr werden zu lassen.

Möge jede Leserin und jeder Leser sich von Madibas Geschichte herausgefordert und dazu inspiriert fühlen, an nachhaltigen Lösungen für die vielen schwierigen Probleme der Welt zu arbeiten. Der Titel dieses Buches ist dem letzten Absatz von Long Walk to Freedom entnommen, in dem Madiba davon spricht, wie er den Gipfel eines großen Berges erreicht und eine kurze Rast einlegt, bevor er seinen langen Weg fortsetzt. Mögen wir alle solche Orte der Einkehr finden, doch auf unseren Reisen niemals zu lange dort verweilen.

Graça Machel

An die Leser

Ein bedeutender Teil dieses Buches stammt aus Nelson Mandelas selbst verfassten Schriften und umfasst Texte aus seinen unvollendeten Erinnerungen an seine Jahre als Präsident wie auch persönliche Notizen und Reden, die er in seiner Eigenschaft als verdienter Streiter für die Menschenrechte im Parlament, auf politischen Kundgebungen oder auf internationaler Ebene gehalten hat.

Die unvollendeten Erinnerungen mit dem Titel The Presidential Years enthalten zehn Kapitelentwürfe, von denen die meisten in verschiedenen Fassungen vorliegen, dazu erste Notizen für weitere Kapitel. Die Abfolge der verschiedenen Versionen ist aus dem Archivmaterial nicht immer klar ersichtlich. Für dieses Buch wurden Texte aus allen Fassungen und Notizensammlungen entnommen.

Um die historische Integrität von Mandelas Schriften so weit als möglich zu wahren, haben wir nur sehr wenige redaktionelle Eingriffe in die von ihm verfassten und hier verwendeten Texte vorgenommen, abgesehen von einer Vereinheitlichung der Zitierweise, der Kursivsetzung von Buchtiteln und Namen von Zeitungen sowie der gelegentlichen Einfügung eines Kommas, um den Sinnzusammenhang zu verdeutlichen, oder der nur sehr selten einmal notwendigen Korrektur eines falsch geschriebenen Namens. Redaktionelle Ergänzungen, die Lesern und Leserinnen weiterführende Informationen geben sollen, erscheinen in eckigen Klammern. Wir haben Mandelas charakteristischen Stil der Großschreibung von Titeln und Berufsbezeichnungen beibehalten. Zitate aus Interviews, in denen Mandela ohne Notizen gesprochen hat, wurden im Sinne der Konsistenz dem redaktionellen Stil des Geschilderten angeglichen. Längere Originaltextpassagen Mandelas sind der besseren Orientierung wegen kursiv gesetzt.

Als Hilfestellung für die Leser haben wir ab S. 444 ein umfangreiches Verzeichnis von Personen, Orten und Ereignissen beigefügt, dazu eine Liste mit Abkürzungen von Organisationen, eine Karte von Südafrika sowie einen kurzen Abriss von Mandelas Leben in der Zeit von seiner Entlassung aus dem Gefängnis 1990 bis zur Vereidigung seines Nachfolgers im Präsidentenamt, Thabo Mbeki, im Jahr 1999.

Einleitung

Viele Südafrikaner behielten 1997 den 16. Dezember eher als einen bedeutenden Meilenstein auf dem langen Weg Nelson Mandelas in Erinnerung und dachten weniger an den schmerzlichen Ursprung dieses staatlichen Feiertags. Als Gedenktag für den Sieg der Voortrekker über die Armeen der amaZulu im Jahr 1838 markiert er gleichzeitig die Geburt des Umkhonto weSizwe (MK)*, des militärischen Arms des African National Congress* (ANC), im Jahr 1961.i Seine Bezeichnung war bereits vorher mehrfach geändert worden, bis er schließlich 1994 in Day of Reconciliation (Versöhnungstag) umbenannt wurde.

An diesem Dienstagnachmittag, als die Temperatur in Mafikeng, einer Provinzstadt im Nordwesten des Landes, sich unaufhaltsam der 40-Grad-Marke näherte, warteten die mehr als 3000 Delegierten, die sich zur 50. Nationalen Konferenz des ANC versammelt hatten, voller Spannung und Andacht auf den Beginn der Rede von Präsident Nelson Mandela und seinen politischen Rechenschaftsbericht. Nur wenige Minuten zuvor hatte er noch unter den Mitgliedern des aus dem Amt scheidenden Nationalen Exekutivkomitees (NEC) auf dem Podium gesessen und, ein kleines Lächeln auf den Lippen, den mit spiritueller Hingabe gesungenen Freiheitsliedern gelauscht, die schließlich von tosendem Applaus abgelöst wurden, als er zum Rednerpult trat.

Im Gegensatz zu den meisten hochgewachsenen Menschen hatte Mandela kein Problem mit seiner Körpergröße. Aufrecht stand er vor den Massen und verlas mit unbewegter, sachlicher Stimme seinen Bericht. Er war überzeugt von der Bedeutung seiner Worte und sah daher keine Notwendigkeit für rhetorische Kapriolen, wie einige seiner Kampfgefährten sie so sehr liebten. Das neue Südafrika, eingeläutet unter fröhlicher Begeisterung durch die ersten demokratischen Wahlen 1994, durchlebte nach der Feierstimmung bereits die traumatischen Nachwirkungen einer schwierigen Geburt.

Zur Rolle des ANC als Regierungspartei sagte Mandela: »Während der vergangenen drei Jahre gehörte zu den wichtigsten Grundsätzen unseres Handelns die Erkenntnis, dass wir uns ungeachtet der Errungenschaften unseres Volkes bei der Schaffung stabiler Regeln für ein demokratisches Miteinander nach wie vor in einem äußerst heiklen Prozess befinden. Wir müssen das Neugeborene hegen und pflegen und alles tun, damit es erwachsen werden kann.«

Die Zukunft war zwar einigermaßen gewiss, doch die Vergangenheit erwies sich als unberechenbar. Tag für Tag machten Gewaltverbrechen Schlagzeilen, ein Erbe früherer Ungerechtigkeiten und Ungleichheit. Die hohe Arbeitslosigkeit, der die Regierung mithilfe gezielter Fördermaßnahmen zugunsten von Minderheiten und einer auf Wachstum ausgerichteten Politik zu begegnen suchte, führte bei der Mehrheit zu erheblicher Unzufriedenheit, ein Umstand, der von der Opposition, vor allem von der National Party (NP), genüsslich ausgeschlachtet wurde. Die einstige Regierungspartei des Apartheidstaates hatte sich 1996 aus der Regierung der Nationalen Einheit (GNU)* zurückgezogen und als Begründung angegeben, es sei ihr nicht möglich, Einfluss auf die Politik der Regierung zu nehmen.

»Die ehrlicheren unter ihren Mitgliedern«, sagte Mandela, »die Führungspositionen bekleideten und deren Handeln von dem Wunsch bestimmt war, die Interessen sowohl der Buren als auch der übrigen Bevölkerung zu schützen, haben die Entscheidung, sich aus der GNU zurückzuziehen, nicht unterstützt.«

Mandela hielt seine Rede im Dezember 1997 in einer Atmosphäre, die von hohen Erwartungen geprägt war. Die dramatischen Ereignisse, die Südafrika im Jahr davor erschüttert hatten, darunter der Ausschluss von General Bantu Holomisa* aus dem ANC und die Abspaltung einer neuen politischen Partei, des United Democratic Movement, hatten wohl ein altes Trauma erneut heraufbeschworen: die Spaltung der Bewegung, die 1959 zur Geburt des Pan Africanist Congress (PAC)* führte. Dem einstigen Lieblingssohn Holomisa, der in dem Ruf stand, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wurde auch das Aufkommen populistischer Tendenzen innerhalb des ANC zugeschrieben, die zudem durch Winnie Madikizela-Mandela* und Peter Mokaba*, den forschen Präsidenten der ANC-Jugendliga (ANCYL)*, befördert wurden.

Und dann war da auch noch die Frage der Nachfolge. Mandela hatte bereits zuvor seine Absicht bekundet, auf dieser Konferenz als Präsident des ANC zurückzutreten. Während eines Fernsehauftritts am Sonntag, dem 7. Juli 1996, bestätigte er die Gerüchte, sich 1999 nicht mehr zur Wahl stellen zu wollen. Damit hielt er ein Versprechen ein, das er 1994 anlässlich seiner Vereidigung als erster demokratischer Präsident des Landes abgegeben hatte. Obwohl er laut Verfassung* zwei Wahlperioden hätte im Amt bleiben können, hatte er das Gefühl, eine sei genug, denn er habe ja bereits das Fundament einer besseren Zukunft für alle gelegt.

Leitartikler und Analysten stellten die Konferenz als Wettkampfarena dar, in der ein Held, dem alle vertrauten, den Staffelstab weiterreichen würde. Die Frage, wer Mandela nachfolgen sollte – Thabo Mbeki* oder Cyril Ramaphosa* –, war bereits platziert worden. Beide waren bewährte Politiker mit großer Kampferfahrung. Ramaphosa hatte während der Mehrparteienverhandlungen zur Ausarbeitung der Verfassung für ein Demokratisches Südafrika (CODESA)* Herausragendes geleistet. Die Gespräche begannen im Oktober 1991, dauerten bis 1993 und gipfelten schließlich in der Annahme der Verfassung am 8. Mai 1996. Mbeki wiederum genoss weithin größte Anerkennung dafür, wie er als Stellvertreter Mandelas die Staatsgeschäfte führte.

Sorgsam darauf bedacht, die weit verbreitete Kritik zu zerstreuen, der ANC werde von Angehörigen der isiXhosa-Sprachgruppe dominiert, hatte Mandela, als er das Thema bei den verbleibenden drei offiziellen Anführern des ANC, Walter Sisulu*, Thomas Nkobi* und Jacob Zuma*, zur Sprache brachte, Ramaphosa als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Ihm wurde dann jedoch geraten, sich öffentlich für Mbeki auszusprechen. Dieser wurde schließlich 1997 zum Präsidenten des ANC gewählt, was ihm im Rennen um die Präsidentschaft des Landes einen Vorsprung vor Ramaphosa verschaffte.

Einen pikanten Beigeschmack bekam die dramatische fünftägige Konferenz durch die Wahlen zur Besetzung der Spitzenpositionen des ANC, denn nur bei zwei der sechs vakanten Posten gab es Gegenkandidaten. Thabo Mbeki wurde ohne Gegenkandidatur zum Präsidenten des ANC gewählt und Jacob Zuma zum Vizepräsidenten. Winnie Madikizela-Mandela hatte erwogen, als Gegenkandidatin für die Vizepräsidentschaft anzutreten, konnte aber nicht genügend Delegierte dafür gewinnen, ihre Nominierung zu unterstützen, und musste ihre Kandidatur deshalb zurückziehen. Viele waren der Ansicht, ihr Liebäugeln mit populistischen Zielen und ihre bissigen Kommentare zu den Defiziten innerhalb der Regierung, die so manches Mal nach trotzigem Widerstand gegen ihren einstigen Ehemann schmeckten, hätten sie den Mitgliedern entfremdet und zu dieser demütigenden Niederlage geführt.

Kgalema Motlanthe, ehemaliger Gewerkschafter und, ebenso wie Mandela und Jacob Zuma, Gefangener auf Robben Island*, wurde zum Generalsekretär gewählt; Mendi Msimang übernahm das Amt des Schatzmeisters von Arnold Stofile. Was die beiden umstrittenen Posten des Nationalen Vorsitzenden und des Stellvertretenden Generalsekretärs betraf, so warf Mosiuoa »Terror« Lekota seinen einstigen Mitgefangenen auf Robben Island, Steve Tshwete*, mit Leichtigkeit für den erstgenannten Posten aus dem Rennen; und Thenjiwe Mtintso gewann knapp gegen Mavivi Myakayaka-Manzini und wurde Stellvertretende Generalsekretärin.

Zum Ende der Konferenz, am Nachmittag des 20. Dezember 1997, hielt ein wiederum sehr düster wirkender Nelson Mandela seine Abschiedsrede. Die Hände vor der Brust verschränkt, wich er von seinem Redemanuskript ab und sprach aus, was sein Herz bewegte. Er nannte keine Namen, warnte jedoch die Mitglieder der neuen Führungsriege davor, sich mit Leuten zu umgeben, die ihnen nach dem Munde reden würden.

»Die allererste Pflicht eines Anführers, vor allem dann, wenn er ein derart hohes Amt bekleidet und ohne Gegenkandidatur gewählt worden ist, besteht darin, die Bedenken seiner Kollegen in der Führungsriege zu zerstreuen und ihnen klarzumachen, dass sie im Rahmen der internen Strukturen der Bewegung freimütig und ohne Angst diskutieren können.«

Er wartete, bis der Applaus abgeebbt war, und ging dann ausführlich auf den Widerspruch ein, in dem ein Anführer sich befinde, der einerseits eine Organisation zu einen habe, intern jedoch gleichzeitig Dissens und freie Meinungsäußerung zulassen müsse:

»Es sollte sogar unparteiische Kritik am Anführer selbst möglich sein, denn nur so kann man seine Mitstreiter zusammenhalten. Es gibt viele Beispiele dafür – Meinungsverschiedenheiten zuzulassen, solange diese nicht die Organisation als Ganzes in Misskredit bringen.«

Um diese Aussage zu illustrieren, führte Mandela das Beispiel eines politischen Kritikers von Mao Zedong während der chinesischen Revolution an. Die chinesische Führung »untersuchte, ob er außerhalb der Strukturen der Bewegung irgendetwas gesagt hatte, das diese in Verruf brachte«. Zufrieden, dass dies nicht der Fall war, beriefen sie ihn ins Zentralkomitee und machten ihn zum Präsidenten der Chinese Chamber of Workers, der chinesischen Gewerkschaftsbewegung.

»Sie gaben ihm einen Posten, für den er Rechenschaft ablegen musste«, rief Mandela in das aufbrandende Gelächter hinein, »und so war er gezwungen, weniger zu reden und mehr Verantwortung zu übernehmen.«

»Glücklicherweise«, fuhr er fort, »weiß ich, dass unser Präsident diese Problematik versteht. Er hat Kritik stets im Geist der Kameradschaft aufgenommen, und ich bin absolut überzeugt, dass er niemanden … kaltstellen wird. Ihm ist nämlich [etwas sehr Wichtiges] klar: Derjenige, der sich mit starken, unabhängigen Persönlichkeiten umgibt, die ihn innerhalb der Strukturen kritisieren können, verbessert damit auch seinen eigenen Beitrag. Denn wenn er anschließend nach draußen geht, dann tut er dies in dem guten Wissen, dass seine Politik und seine Entscheidungen wasserdicht sind und von niemandem mit Erfolg kritisiert werden können. Niemand in dieser Organisation versteht dieses Prinzip besser als mein Präsident, Genosse Thabo Mbeki.«

Anschließend kehrte Mandela zu seinem Manuskript zurück und bekräftigte noch einmal, wie schnell die Gleichsetzung eines Anführers mit einer »mächtigen und einflussreichen Person, die über weit mehr Ressourcen verfügt als wir anderen zusammen«, dazu führen könne, dass wir »jene [vergessen], die an unserer Seite waren, als wir ganz allein durch schwierige Zeiten gingen«.

Nach einem weiteren begeisterten Applaus widmete sich Mandela der Rechtfertigung dauerhafter Beziehungen des ANC zu Ländern wie Kuba, Libyen und Iran; dies stand im Widerspruch zu den Empfehlungen von Regierungen und Staatsoberhäuptern, die den Apartheidstaat unterstützt hatten. Und er sprach den im Saal anwesenden ausländischen Gästen im Namen all dieser Länder und der weltweiten Anti-Apartheid-Bewegung seinen großen Dank aus.

»Sie haben unseren Sieg erst möglich gemacht. Unser Sieg ist Ihr Sieg.«

Gegen Ende seiner Rede nahm sich Mandela einen Augenblick Zeit, um einzuräumen, wie gefährdet der Kampf und dessen Ergebnisse nach wie vor seien. Ja, es habe Erfolge mit Signalwirkung gegeben, ebenso aber auch Rückschläge.

»Es ist nicht so, als wären wir unfehlbar gewesen«, sagte er, erneut vom Manuskript abweichend. »Wie alle Organisationen, so hatten auch wir in der Vergangenheit unsere Schwierigkeiten. Auch wir hatten einen Anführer, der ohne Gegenkandidaten wiedergewählt wurde, aber dann wurden wir alle mit ihm zusammen eingesperrt.ii Er jedoch war reich, gemessen an den Maßstäben jener Tage, und wir waren sehr arm. Und die Sicherheitspolizei ging zu ihm mit einer Kopie der Suppression of Communism Act (Gesetz zur Unterdrückung des Kommunismus)*, und sie sagten: ›Schau mal hier. Du hast doch Farmen. Hier drin gibt es eine Bestimmung, nach der du all deinen Besitz verlierst, wenn du schuldig gesprochen wirst. Deine Kameraden hier sind arm, sie haben nichts weiter zu verlieren.‹1 Daraufhin beschloss dieser Anführer, sich seine eigenen Anwälte zu nehmen, und lehnte es ab, mit den übrigen Angeklagten gemeinsam verteidigt zu werden. Dann erklärte der Anwalt, der ihn als Zeugen vernahm, dem Gericht, es lägen zahlreiche Dokumente vor, in denen die Beschuldigten eine Gleichstellung mit den Weißen forderten. Was der Zeuge denn glaube? Was denn seine Meinung dazu sei?

Der Anführer erklärte dann: ›Etwas in dieser Art wird es niemals geben‹«, fuhr Mandela fort und musste bei der Erinnerung kurz schmunzeln, »und der Anwalt fragte: ›Aber Sie und Ihre Kollegen hier, akzeptieren Sie das denn?‹ Der Anführer wollte gerade mit dem Finger auf Walter Sisulu zeigen, da antwortete der Richter: ›Nein, nein, nein, nein, nein. Sie müssen schon für sich selbst sprechen.‹ Aber die Erfahrung, inhaftiert zu sein, war zu viel für ihn.« Nachdenklich hielt Mandela inne. »Nun, dessen ungeachtet schätzten wir ihn für die Rolle, die er in den Tagen vor unserer Verhaftung gespielt hatte. Er hatte es wirklich weit gebracht.«

Ohne sich die Zeit zu nehmen, die Zweideutigkeit dieser letzten Bemerkung zu erklären, die große Heiterkeit hervorrief, weil sie entweder Ausdruck seiner Wertschätzung für die Dienste sein konnte, die besagter Anführer der Organisation erwiesen hatte, oder aber eine bissige Anspielung auf Morokas materiellen Reichtum, beendete Mandela seine Abweichung vom Redemanuskript.

»Ich sage das«, schloss er mit einem schelmischen Funkeln in den Augen, »aus folgendem Grund: Sollte ich selbst eines Tages klein beigeben und behaupten, ich sei von diesen jungen Burschen hier auf den falschen Weg geführt worden, dann erinnert euch einfach daran, dass ich einmal euer Kollege war.«

Er wandte sich wieder seinem Redemanuskript zu und erklärte, die Zeit sei nun gekommen, den Staffelstab weiterzureichen:

Und ich persönlich freue mich sehr auf den Moment, wo es endlich so weit sein wird, dass ich gemeinsam mit meinen alten Kameraden, die ihr hier gesehen habt, aus der Nähe beobachten und aus der Ferne urteilen kann. Je näher das Jahr 1999 rückt, desto mehr Verantwortung werde ich als Staatspräsident nach und nach an andere delegieren, um einen reibungslosen Übergang zur neuen Präsidentschaft zu gewährleisten.

Auf diese Weise werde ich die Möglichkeit haben, meine letzten Lebensjahre zu nutzen, um nicht nur meine Enkel zu verwöhnen, sondern auf verschiedene Weise auch zu versuchen, allen Kindern Südafrikas zu helfen, vor allem jenen, die zu unglücklichen Opfern eines Systems wurden, dem sie völlig egal waren. Und ich werde auch mehr Zeit haben, die Debatten mit Tyopho, das ist Walter Sisulu, Onkel Govan (Govan Mbeki*) und anderen weiterzuführen, die wir in den zwanzig Jahren Umrabulo [intensiver politischer Diskurs zu Bildungszwecken] auf der Insel nicht zu einem befriedigenden Ergebnis führen konnten.iii

Lasst mich euch … versichern: Ich werde, auf meine bescheidene Weise, auch weiterhin dem Wandel dienen und ebenso dem ANC, der einzigen Bewegung, die imstande ist, diesen Wandel herbeizuführen. Als einfaches Mitglied des ANC werde ich vermutlich auch viele Privilegien genießen, die ich mir über die Jahre versagen musste: so kritisch zu sein, wie ich irgend kann; allen Anzeichen von »Autokratie« aus dem Shell House entgegenzutreten; und Lobbyarbeit für meine bevorzugten Kandidaten ab Abteilungsebene aufwärts zu betreiben.iv

Und jetzt möchte ich, ganz im Ernst, noch einmal Folgendes betonen: Ich werde ein diszipliniertes Mitglied des ANC bleiben; und auch während meiner letzten Monate im Amt werde ich mich stets von den politischen Zielsetzungen des ANC leiten lassen und Mechanismen finden, die es euch gestatten, mir für jeden Mangel an Feingefühl ordentlich auf die Finger zu klopfen 

Unsere Generation hat ein Jahrhundert durchlebt, das gekennzeichnet war von Konflikten, Blutvergießen, Hass und Intoleranz; ein Jahrhundert, das trotz vieler Versuche die Probleme, die das Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich, Industrie- und Entwicklungsländern mit sich bringt, immer noch nicht vollständig lösen konnte.

Ich hoffe, dass unsere Bestrebungen als ANC zu dieser Suche nach einer gerechten Weltordnung beigetragen haben und auch weiterhin beitragen werden.

Der heutige Tag markiert den Abschluss einer weiteren Etappe in diesem Staffellauf, der noch viele Jahrzehnte lang andauern wird. Denn heute nehmen wir unseren Abschied, auf dass eine neue, kompetente Generation von Anwälten, Computerfachleuten, Ökonomen, Finanzexperten, Unternehmern, Ärzten und Ingenieuren, vor allem aber auch einfachen Arbeitern und Bauern den ANC ins nächste Jahrtausend führen kann.

Ich freue mich auf diese Zeit. Ich werde mit der Sonne aufwachen können; ich werde in Frieden und Gelassenheit auf die Berge und durch die Täler meines Heimatdorfes Qunu* wandern können. Und ich bin voller Zuversicht, dass es genau so kommen wird, denn indem ich dies tue und das Lächeln auf den Gesichtern der Kinder sehe, das den Sonnenschein in ihren Herzen widerspiegelt, werde ich wissen, dass du, Genosse Thabo, mit deinem Team auf dem richtigen Weg bist; dass ihr Erfolg habt.

Ich werde wissen, dass der ANC lebt – und weiterhin an der Spitze geht!2

An dieser Stelle erhoben sich die Delegierten und die geladenen Gäste wie ein Mann und begannen zu singen, zu klatschen und sich im Takt eines Medleys aus Liedern zu wiegen. Und dann stimmten sie alle in eines ein, das beides war, Abschied von einem einzigartigen Sohn des Landes und trauriges Eingeständnis, dass Südafrika, was immer auch kommen mochte, von nun an nie mehr dasselbe Land sein würde.

»Nelson Mandela«, lautete der Text dieses Liedes, »es gibt keinen wie ihn.«

KAPITEL 1
Herausforderung Freiheit

Mandela hatte dieses Freiheitslied schon lange vor seiner Entlassung aus dem Victor Verster Prison* 1990 in unzähligen Variationen gehört. Die vereinten Anstrengungen des Staatssicherheitsapparates und der Gefängnisbehörden, ihn von dem sich entfaltenden dramatischen Kampf – und dessen aufrüttelndem Soundtrack – abzuschotten, hatten den Informationsfluss zwischen dem wertvollen Gefangenen und seinen zahlreichen Gesprächspartnern nicht unterbrechen können. Während der späten 1980er-Jahre gab es in den Gefängnissen, darunter auch Robben Island, eine Flut von Neuzugängen, vor allem junge Leute aus den verschiedensten politischen Gruppierungen, Nachfolger jener studentischen Aktivisten, die 1976 im Gefolge der Aufstände in Soweto und anderswo inhaftiert worden waren. Sie machten nicht nur eine Eskalation des Kampfes deutlich, sondern brachten auch neue Lieder mit, jeder Vers ein verschlüsselter Kommentar zu den Fortschritten oder Rückschlägen, Tragödien oder Komödien, die sich in den Straßen abspielten. Der stets wiederkehrende Refrain dieser Lieder besagte, dass das südafrikanische Regime auf der falschen Seite der Geschichte stand.

Wie die meisten Menschen, die akzeptiert haben, dass ihnen die Geschichte eine spezielle Nische eröffnet hat, und die vermutlich mit Ralph Waldo Emersons bissiger Sentenz »Groß sein heißt missverstanden werden«1 vertraut sind, wusste Mandela, dass sein eigenes Vermächtnis von der Sache abhing, der er sich verschrieben hatte: den Gesprächen zwischen der Regierung und dem ANC. Diese hatten fünf Jahre vor seiner Freilassung begonnen, als er nach einer ärztlichen Untersuchung im Volks Hospital in Kapstadt, wo er Besuch von Justizminister Kobie Coetsee* bekommen hatte, die Frage von Gesprächen zwischen dem ANC und der Regierung aufwarf.

Coetsees Anwesenheit war ein Hoffnungsschimmer inmitten einer ansonsten undurchdringlichen Finsternis. Das Jahr 1985 markierte dabei die blutigste Phase des Kampfes, eine Zeit, die geprägt war von unumstößlichen Zielsetzungen und verhärteten Einstellungen auf allen am Konflikt beteiligten Seiten, von Gegnern, die sich über einen riesigen Abgrund hinweg gnadenlos fixierten.

Oliver Tambo*, Präsident des ANC und Mandelas Kampfgefährte, hatte die Südafrikaner soeben dazu aufgerufen, das Land unregierbar zu machen.2 Mandela war jedoch klar, dass die unbewaffneten Massen, die sich einem Feind gegenübersahen, dem die ganze Bandbreite staatlicher Machtausübung zur Verfügung stand, den höheren Blutzoll entrichten würden. Aber er war ein Gefangener, ein politischer Gefangener, und als solcher hatte er – ähnlich wie ein Kriegsgefangener – lediglich eine einzige Verpflichtung: Er musste ausbrechen. Allerdings war der Ausbruch aus seinem augenblicklichen Gefängnis untrennbar verbunden mit einer anderen Notwendigkeit: dem Ausbruch der breiten Massen, der Befreiung der Menschen Südafrikas von den Fesseln einer ungerechten Ordnung.

Mandela, der den Feind lange studiert und sich mit allen seinen Schriften zu Geschichte, Rechtsprechung, Philosophie, Sprache und Kultur vertraut gemacht hatte, erarbeitete sich damit auch ein echtes Verständnis dafür, dass das Schicksal den Weißen bestimmt hatte, herauszufinden, dass sie vom Rassismus ebenso beschädigt waren wie die Schwarzen. Das System, das auf Lügen beruhte, die ihnen ein falsches Gefühl von Überlegenheit vermittelten, hatte sie vergiftet, und es würde auch die nachfolgenden Generationen vergiften und für das Leben in einer größeren Welt ungeeignet machen.

Nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus nach Pollsmoor Prison*, abgesondert von seinen Mitgefangenen, während einer Zeit, die Mandela seine »splendid isolation« nannte, wurde ihm klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Er kam zu dem Schluss, dass es »einfach für beide Seiten keinen Sinn mehr [hatte], Tausende, wenn nicht gar Millionen Leben in einem unnötigen Konflikt zu opfern«3. Es war an der Zeit zu reden.

Mandela wusste genau, welche Auswirkungen seine Handlungen auf den Freiheitskampf im Allgemeinen und den ANC im Besonderen hatten, und er nahm sein Schicksal an. Liefen die Dinge schlecht, so seine Überlegung, könnte der ANC immer noch das Gesicht wahren, indem er seine Aktionen der launenhaften Tollerei eines isolierten Individuums zuschrieb und nicht einer seiner Gallionsfiguren.

»Große Männer schreiben Geschichte«, schrieb einst der einflussreiche afro-trinidadische Historiker C. L. R. James, »allerdings nur die ihnen mögliche Geschichte. Ihre Freiheit, etwas zu erreichen, wird eingeschränkt durch die Zwänge ihrer Umgebung.«4

Während der beinahe drei Jahrzehnte seiner Inhaftierung hatte Mandela viel Zeit damit verbracht, das Land zu analysieren, zu dessen Führer das Schicksal ihn bestimmt hatte. In jenen Momenten des Wartens auf Nachricht von denen, die ihn gefangen hielten, oder ein geheimes Signal von seinen Kampfgefährten sann er über das Wesen dieser Gesellschaft nach, ihre Heiligen und ihre Monster. Obwohl er im Gefängnis saß, seine Handlungsfreiheit also durch die Zwänge seiner Situation beschränkt war, erarbeitete er sich Schritt um Schritt Zugang zu den höchsten Kreisen des Apartheidstaates, traf schließlich sogar den bereits kränkelnden Präsidenten P. W. Botha* und später dessen Nachfolger, F. W. de Klerk*.

Draußen vervielfachte sich unterdessen die Zahl der Opfer, Todesschwadronen fuhren reiche Ernte ein. Mehr und mehr Beerdigungen heizten den Kreislauf des Tötens und Mordens immer weiter an; auch Akademiker starben. In den Straßen wurde eine neue Sprache geboren, und die Menschen gewöhnten sich allmählich an Selbstverteidigungseinheiten und immer grässlichere Hinrichtungsmethoden wie etwa die »Necklace« für diejenigen, die als Kollaborateure des Apartheidregimes galten.v

Bei seinen Treffen mit Regierungsvertretern war es stets Mandelas wichtigstes Ziel, eine Lösung für die südafrikanische Tragödie zu finden. Von de Klerk bis hinunter zu dem neunzehn Jahre alten Polizisten in kugelsicherer Uniform, der versuchte, die wütenden Massen auseinanderzutreiben, waren sie alle Männer und Frauen aus Fleisch und Blut, und allesamt benahmen sie sich wie kleine Kinder, die mit einer Handgranate spielen, und schienen sich der Tatsache, dass sie mit rasender Geschwindigkeit auf die Vernichtung zusteuerten – und Millionen mit in den Abgrund reißen würden –, nicht bewusst zu sein.

Mandela hoffte, dass doch noch die Vernunft siegen würde, bevor es zu spät wäre. Im Alter von knapp siebzig Jahren war er sich seiner eigenen Sterblichkeit sehr wohl bewusst. Vielleicht geschah es in einer seltsamen Anwandlung, dass er sehr viel später Worte schrieb, die einer Prophezeiung gleichkamen: »Männer und Frauen auf der ganzen Welt kommen und gehen über die Jahrhunderte. Von manchen bleibt nichts zurück, nicht einmal ihr Name. Beinahe könnte man glauben, sie hätten niemals existiert. Und andere hinterlassen etwas: quälende Erinnerungen an schlimme Dinge, die sie anderen Menschen antaten; den Machtmissbrauch einer winzigen weißen Minderheit gegenüber einer großen Mehrheit aus Afrikanern, Coloureds und Indern, und die Verweigerung grundlegender Menschenrechte gegenüber dieser Mehrheit; einen ungezügelten Rassismus in allen Lebensbereichen, Inhaftierung ohne Verhandlung, Folter, brutale Angriffe innerhalb und außerhalb der Gefängnisse, die Zerstörung von Familien; daran, wie sie Menschen ins Exil oder in den Untergrund getrieben und für lange Zeit ins Gefängnis geworfen haben.«5

Wie beinahe alle schwarzen Einwohner Südafrikas, so hatte auch Nelson Mandela mit jeder Verletzung oder Missachtung, die er als Beleg anführte, entweder Erfahrungen aus erster Hand gemacht, oder er wusste von ihm nahestehenden Menschen, was sie im Gewahrsam der Behörden durchlitten hatten. Es war die Zeit der plötzlichen Todesfälle, und die Vorfälle erinnerten an Titel amerikanischer B-Movies: The Gugulethu Seven. The Cradock Four. The Trojan Horse Massacre.vi Bei allen diesen Vorfällen, bei denen junge Gemeindeführer und Aktivisten auf dem Höhepunkt des harten Vorgehens der Regierung brutal ermordet wurden, bestritten die staatlichen Sicherheitsbehörden entweder jedwede Komplizenschaft oder behaupteten, angegriffen worden zu sein.

In der Erinnerung an Sharpeville* und andere von den Sicherheitskräften des Apartheidstaates verübte Massaker, bei denen reihenweise Menschen durch Polizeigewalt verstümmelt oder getötet worden waren, beschwört Mandela verstörende Bilder herauf von »Polizeikräften, die lustvoll den Abzug ihrer Waffen betätigten und Tausende unschuldiger und wehrloser Menschen massakrierten« und die Gotteslästerung betreiben, indem sie »Seinen Namen [benutzen] … um die Indienstnahme des Bösen gegen die Mehrheit zu rechtfertigen. Im Alltag trugen diese Männer und Frauen, deren Regime diese einmaligen Auswüchse hervorbrachte, teure Kleidung und gingen regelmäßig zur Kirche. In Wahrheit aber repräsentierten sie alles, wofür der Teufel stand. Ungeachtet aller Beteuerungen, sie seien eine Gemeinschaft demütiger, gottesfürchtiger Christen, wurde ihre Politik von beinahe der gesamten Weltgemeinde als Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeprangert. Sie wurden aus den Vereinten Nationen sowie einer ganzen Reihe weiterer globaler und regionaler Organisationen ausgeschlossen … [und] als die schlimmsten Schurken der Welt gebrandmarkt.«6

Der Fall der Berliner Mauer im November 1989 bekam weltweit so viel Aufmerksamkeit, dass er beinahe vollständig ein wichtiges innenpolitisches Ereignis in Südafrika überschattete, das sich einen Monat zuvor zugetragen hatte. Am 15. Oktober 1989 wurde Walter Sisulu aus dem Gefängnis entlassen, zusammen mit Raymond Mhlaba*, Wilton Mkwayi*, Oscar Mpetha*, Ahmed Kathrada*, Andrew Mlangeni* und Elias Motsoaledi*. Fünf von ihnen waren gemeinsam mit Mandela Angeklagte im Rivonia-Prozess* 1963/64 gewesen und gehörten zu seinen engsten Mitstreitern.vii Jafta Kgalabi Masemola*, der zusammen mit Robert Sobukwe* den Pan African Congress (PAC) gegründet hatte, kam ebenfalls frei. Sechs Monate später starb Masemola bei einem Autounfall, was manche Mitglieder des PAC immer noch verdächtig finden.

Mandela war es gelungen, die Behörden dazu zu bewegen, die in Pollsmoor und auf Robben Island inhaftierten Männer als Geste des guten Willens freizulassen. Die entsprechenden Verhandlungen hatten mit Mandela und Botha begonnen, waren jedoch laut Aussage von Niël Barnard*, dem ehemaligen Chef des Nationalen Geheimdienstes, zum Stillstand gekommen, weil wegen »starker Widerstände im SSC [State Security Council/Staatlicher Sicherheitsrat] diese Pläne [zur Freilassung Sisulus im März 1989] auf Eis gelegt wurden«7. Die Entlassung seiner Kameraden ließ Mandela mit gemischten Gefühlen zurück: einerseits Erleichterung darüber, dass seine Gefährten jetzt in Freiheit waren, andererseits Traurigkeit angesichts der eigenen Einsamkeit. Doch er wusste, in ein paar Monaten würde auch seine Stunde kommen.

Ahmed Kathrada erinnerte sich an das letzte Mal, dass der »Gefangene Kathrada« den »Gefangenen Mandela« sah. Es war am 10. Oktober 1989 im Victor Verster Prison, als er Mandela gemeinsam mit einigen Mitstreitern in dem Haus besuchte, in dem dieser während der letzten vierzehn Monate seiner Inhaftierung gefangen gehalten wurde.

Mandela sagte zu der Gruppe: »Jungs, das ist das letzte Mal, dass wir uns hier sehen«, und Kathrada und die anderen meinten, sie würden das »erst glauben, wenn es so weit ist«. Doch Mandela beharrte darauf. Er habe soeben zwei Kabinettsminister getroffen, die ihm versichert hätten, dass seine Kameraden freigelassen würden.

An diesem Abend bekamen sie im Speisesaal des Victor Verster ein Abendessen, anstatt zurück nach Pollsmoor gebracht zu werden. Und dann, genau zur richtigen Zeit für die Abendnachrichten, wurde ein Fernsehgerät herbeigeschafft. Es folgte die offizielle Erklärung, Präsident F. W. de Klerk habe entschieden, die acht Gefangenen Kathrada, Sisulu, Mhlaba, Mlangeni, Motsoaledi, Mkwayi, Mpetha und Masemola freizulassen.

Die Männer wurden wieder nach Pollsmoor verbracht und drei Tage später überstellt. Kathrada, Sisulu, Mlangeni, Motsoaledi, Mkwayi und Masemola wurden nach Johannesburg ausgeflogen und kamen ins dortige Gefängnis. Für Mhlaba ging es zurück in seine Heimatstadt Port Elizabeth, und Mpetha, der aus Kapstadt stammte, blieb im Groote Schuur Hospital, wo er sich einst unter scharfer Bewachung einer Behandlung unterzogen hatte. Dann, in der Nacht vom 14. Oktober, einem Samstag, trat der kommandierende Offizier des Gefängnisses in Johannesburg auf die Gefangenen zu und sagte: »Wir haben soeben ein Fax aus der Gefängnisleitstelle erhalten. Darin steht, dass Sie morgen freigelassen werden.«

»Was ist ein Fax?«, wollte Kathrada wissen. Er war über 26 Jahre lang im Gefängnis gewesen.8

Am 2. Februar 1990 trat F. W. de Klerk vor das Parlament und kündigte die Aufhebung des Verbots des ANC, des PAC, der South African Communist Party (SACP)* und etwa dreißig weiterer verfemter politischer Organisationen an, außerdem die Freilassung von politischen Gefangenen, die nicht wegen Gewaltverbrechen im Gefängnis saßen, die Aussetzung der Todesstrafe sowie die Aufhebung zahlloser unter Geltung des Ausnahmezustands* erlassener Verbote. Für viele Südafrikaner, die unter der Knute der Apartheid gelitten hatten, begann mit diesem Tag ein neues Leben.

Wie beinahe alle politischen Gefangenen, denen die Geschichte auftrug, sich in den Dienst der Menschheit als größerem Ganzen zu stellen, darunter Mahatma Gandhi, Antonio Gramsci, Václav Havel und Milovan Djilas, war Mandela imstande, seinen Willen nicht nur sich selbst, sondern bis zu einem gewissen Grade auch denen aufzuzwingen, die ihn gefangen hielten. Er hatte alles über die unerschütterliche Geduld eines Ahmed Ben Bella, Jomo Kenyatta oder Sékou Touré gelesen, was er in die Hände bekommen konnte. Diese Anführer hatten allen Entbehrungen getrotzt, die ihnen von Kolonialverwaltungen auferlegt worden waren, und erwiesen sich nach dieser Zeit als genauso stark wie davor, stärker vielleicht sogar, denn sie hatten gezeigt, dass die Haft ihren Geist nicht brechen konnte. Doch Mandela war sich auch der Veränderungen bewusst, die die Realität außerhalb der Gefängnismauern mit sich brachte: der Verlockungen durch ein hohes Amt und der unwiderstehlichen Verführungskraft von Macht. In seinem ganzen langen Leben hatte er es immer wieder miterleben müssen, in bestimmten Fällen sogar bei Menschen, die er persönlich kannte. Über diese schreibt er:

»Da gab es auch diejenigen, die einst unbesiegbare Befreiungsarmeen kommandiert, die unsagbare Qualen erlitten hatten und am Ende doch erfolgreich waren, nicht nur bei der Befreiung ihres Volkes, sondern auch bei der Verbesserung der Lebensbedingungen. Sie genossen allenthalben Bewunderung und Respekt und inspirierten Millionen auf allen Kontinenten, sich gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu erheben.«

Für Mandela war es traurig zu sehen, wie einige dieser Anführer, ehemalige Freiheitskämpfer, vom Weg abwichen. Immer, wenn er ihre zerstörerische Hybris kritisierte, versuchte er, das Ausmaß des daraus entstehenden Verrats an der Sache selbst deutlich zu machen. Es kann gut sein, dass er auch seinen eigenen inneren Ängsten vor dem, was geschehen könnte, Ausdruck verleihen wollte, wenn er über Situationen schreibt, in denen »Freiheit und die Einsetzung einer demokratischen Regierung einstige Befreier aus dem Untergrund in die Hallen der Macht führen, wo sie sich jetzt gemein machen mit den Reichen und Mächtigen«.

Und er fährt fort: »Konstellationen dieser Art führen dazu, dass manche ehemaligen Freiheitskämpfer Gefahr laufen, nicht nur ihre Prinzipien zu vergessen, sondern auch jene, die von Armut, Ignoranz und Krankheiten gelähmt sind; einige fangen dann an, dem Lebensstil eben jener Unterdrücker nachzueifern, die sie einst verabscheuten und stürzten.«9

Wie es zu diesen Beobachtungen kam, lässt sich an Mandelas eigenem Leben nachvollziehen, in dem sein oberstes Prinzip stets »Disziplin« lautete. Er befolgte ein strenges Trainingsprogramm, um in körperlich guter Verfassung zu bleiben. Er war es gewohnt, Dinge selbst zu tun, und hörte auch nach seiner Freilassung nicht damit auf. Einmal verblüffte er seinen persönlichen Koch, Warrant Officer Swart, indem er darauf bestand, selbst zu kochen und das Geschirr zu spülen:

»Eines Tages ging ich nach einer köstlichen Mahlzeit, die Mr. Swart zubereitet hatte, in die Küche, um abzuwaschen. ›Nein‹, meinte der, ›das ist meine Aufgabe. Sie müssen wieder ins Wohnzimmer gehen.‹ Ich beharrte darauf, dass ich auch etwas tun müsse, und sagte ihm, wenn er schon koche, sei es nur fair von mir, den Abwasch zu übernehmen. Mr. Swart protestierte, gab aber schließlich nach. Er erhob auch Einspruch dagegen, dass ich morgens mein Bett selbst machte, und meinte, das gehöre zu seinem Verantwortungsbereich. Aber ich hatte mein Bett so lange Zeit selbst gemacht, dass es schon ein Reflex war.«10

Mandela war bereits lange vor seiner Inhaftierung 1962 weitgehend dem Verhaltenskodex eines Soldaten gefolgt. Er erwartete von seinen Mitstreitern, allesamt Mitglieder einer ausgewählten Gemeinschaft von engagierten Kämpfern, ein ebenso tadelloses Verhalten, denn die Maschinerie des Apartheidregimes lief reibungs- und erbarmungslos, und es würde einer gleichermaßen disziplinierten Kraft bedürfen, um ihr zu widerstehen und sie schließlich zu stürzen.

»Wenn ihre politische Organisation nicht stark und prinzipienfest bleibt, Anführern und einfachen Mitgliedern gleichermaßen strengste Disziplin auferlegt, ihre Mitglieder inspiriert, auch außerhalb von Regierungsprogrammen soziale Initiativen zu entfalten, um der Gemeinschaft Auftrieb zu geben, dann wird die Versuchung übermächtig, die Armen zurückzulassen und damit zu beginnen, enormen Reichtum für sich selbst anzuhäufen.«11

Mandela hatte aus dem Gefängnis heraus das Weltgeschehen verfolgt und mit großer Bestürzung zur Kenntnis genommen, dass nicht wenige der politischen Akteure auf dem afrikanischen Kontinent Opfer von Größenwahn geworden waren. Vom nördlichsten Punkt bis hinunter zur Südspitze brachten selbsternannte Führer in über und über mit glitzernden Orden behängten Uniformen unsagbares Leid über ihre Untertanen, und die Plünderung von Staatshaushalten war an der Tagesordnung. Die Menschen fielen Hungersnöten, Gewaltverbrechen, tödlichen Krankheiten und extremem Mangel zum Opfer. Dazu Mandela:

»Sie verfallen dem Irrglauben, unersetzbare Anführer zu sein. In Fällen, wo es die Verfassung zulässt, werden sie Präsidenten auf Lebenszeit. In Fällen, wo die Verfassung Begrenzungen vorsieht, beugen sie im Allgemeinen diese Verfassung, um sich selbst die Möglichkeit zu verschaffen, bis in alle Ewigkeit an der Macht festzuhalten.«12

Als der Augenblick seiner Freilassung kam, kreisten Mandelas Gedanken um die Frage, wie er seine Führungsrolle wahrnehmen sollte. Die große Welt versprach Komplikationen bereitzuhalten, die eine weitaus größere Herausforderung darstellen würden als die Verhandlungen mit seinen Peinigern. Zu Letzteren zählte auch die Auseinandersetzung, bei der er sich gegenüber den Gefängnisbehörden durchsetzte, was die Zeit und den Ort seiner Freilassung betraf. Die Regierung de Klerk hatte ihn bereits viel früher und auf jeden Fall ohne großes Aufheben ins heimatliche Soweto entlassen wollen, doch Mandela hatte das entschieden verweigert. Er wollte in Kapstadt freigelassen werden, wo er den Einwohnern der Stadt danken konnte, bevor er nach Hause zurückkehrte.

»Ich sagte ihnen, dass ich am Tor des Victor Verster entlassen werden wolle. Von da an würde ich allein zurechtkommen. Sie hätten keinerlei Recht, zu sagen, dass ich nach Johannesburg gebracht werden solle. Ich wollte hier entlassen werden. Und so willigten sie schließlich ein, mich am Tor des Victor Verster freizulassen.« Darüber hinaus forderte Mandela, seine Freilassung um sieben Tage zu verschieben, damit sich die Leute »vorbereiten« könnten.13

Im Gefängnis hatte Mandela das perfektioniert, was später eine seiner größten Stärken werden sollte: die Fähigkeit, sein Gegenüber, ob Freund oder Feind, Mann oder Frau, als Persönlichkeit wertzuschätzen, als komplexes menschliches Wesen mit vielen Facetten. Zu den Dingen, die er sehr bedauerte, während am 11. Februar 1990 die Kameras klickten und die Massen in Jubelgesänge über seine Freilassung ausbrachen, gehörte der Umstand, dass er keine Möglichkeit gehabt hatte, sich von den Gefängnismitarbeitern zu verabschieden. Für ihn waren sie mehr als eine Ansammlung uniformierter Funktionsträger an der vordersten Front eines ungerechten Regimes; für ihn waren sie Männer und Frauen mit Familien, die, wie alle anderen Menschen auch, ihre Nöte und Sorgen hatten.

Das bedeutete freilich nicht, dass er das Böse vom Haken lassen würde, und auch nicht, dass er die Auswüchse des weißen Apartheidregimes bewusst ausblendete. Bei seiner einsamen Vorbereitung auf die Zukunft, die in dem Moment begann, als sich die Gefängnistore hinter ihm schlossen, war ihm bewusst, dass er die ganze Bürde der Verbitterung abwerfen und sich auf das konzentrieren musste, was vor ihm lag. Auch wenn er seine Haftstrafe als einzelnes Individuum angetreten hatte, war Mandela Teil einer verschworenen Gemeinschaft von Menschen gewesen, denen die Erfordernisse des Kampfes auferlegt hatten, die besten Jahre ihres Lebens für ein übergeordnetes Wohl zu opfern.

Jetzt, da er allein dort hinausmusste – denn die übrigen Verurteilten aus dem Rivonia-Prozess, seine Mitgefangenen, waren ja bereits vorher entlassen worden –, war ihm klar, dass sich Millionen Augen auf ihn richten würden, um zu sehen, was für ein Mensch aus ihm geworden war. Er selbst hatte schon seit Monaten eine ganze Reihe von Treffen und Telefonaten mit diversen Personen aus dem ANC und der United Democratic Front (UDF) gehabt, einer Dachorganisation mit einem breiten Spektrum von angegliederten Bewegungen, darunter Hunderte Jugendorganisationen, viele Bürgervereinigungen und Studentenorganisationen. Wenige Stunden vor seiner eigentlichen Freilassung hatte er sich mit Mitgliedern des Nationalen Empfangskomitees beraten, einem handverlesenen Kreis kampfgestählter Aktivisten und Führungspersönlichkeiten der demokratischen Massenbewegung, darunter Cyril Ramaphosa*, Valli Moosa*, Jay Naidoo* und Trevor Manuel*, die allesamt eine wichtige Rolle in der künftigen Regierung spielen sollten.viii Fast alle Langzeitgefangenen haben ein gesteigertes Wahrnehmungsvermögen für bestimmte Situationen und können diese viel schneller beurteilen als andere Menschen, aus dem einfachen Grund, weil ihr Überleben davon abhängt. Daher konnte Mandela trotz aller angespannten Vorfreude auf seine bevorstehende Freilassung die Ängste der ANC-Vertreter spüren, die erst äußerst kurzfristig über die Planänderung informiert worden waren, ihn in Kapstadt aus der Haft zu entlassen und nicht in Soweto.

»Wir bekamen die Information weniger als 24 Stunden vorher«, erinnert sich Valli Moosa. »Wir waren ziemlich schockiert, aber keiner von uns gab der Versuchung nach, darum zu bitten, ihn auch nur eine Sekunde länger gefangen zu halten, obwohl wir durchaus darüber nachdachten.«14

Mandela verstand das Dilemma, in das seine Freilassung sowohl die Regierung wie auch den ANC brachte, als Maßstab für die Komplexität der Probleme, mit denen die Straße in die Zukunft gepflastert sein würde. Bereits auf der Reise vom Victor Verster nach Kapstadt hatte er sich gesagt, dass seine Mission, seine Lebensaufgabe, darin bestünde, »Unterdrückte und Unterdrücker gleichermaßen zu befreien«15. Das bedeutete, dass er die Kluft zwischen den Unterdrückern – in Gestalt der Regierung, die ihn eingesperrt hatte – und den Unterdrückten, nämlich der Mehrheit der in Südafrika lebenden Menschen in all ihrer Vielfalt, überbrücken musste. Und er hatte den Preis, den es kosten würde, dieses Ziel zu erreichen, bereits akzeptiert. Es war ein Ziel, das das Schicksal ihm gesetzt hatte.

»Die wahre Prüfung für einen Mann«, schrieb einmal Václav Havel, »kommt nicht, wenn er die Rolle spielt, die er sich selbst ausgesucht hat, sondern wenn er die Rolle annimmt, die das Schicksal für ihn bereithält.«16

Ein Echo auf diese Aussage findet sich sehr viel später in den Worten der renommierten Schriftstellerin und Diplomatin Barbara Masekela*. »Mandela«, so sagte sie, »wusste, dass Präsident zu sein hieß, eine Rolle zu spielen – und er war fest entschlossen, diese Rolle gut zu spielen.«17

Diese Rolle gut zu spielen war allerdings keineswegs einfach, und Mandelas Vorbereitungen darauf hatten schon vor langer Zeit begonnen. Mitte der 1980er-Jahre hatte er die Initiative ergriffen und Gespräche zwischen dem ANC und der National-Party-Regierung* unter de Klerks Vorgänger, Präsident P. W. Botha, angeschoben. Dieser, ein Liebling aller Karikaturisten, dessen finstere Miene und tadelnd erhobener Zeigefinger landesweit immer aufs Neue die Zeitungen schmückten, war einer der letzten Hardliner. Für ihn, ein echtes Raubtier mit dem Spitznamen »Die Groot Krokodil« (das große Krokodil), lag die Antwort auf Konflikte im Einsatz brutaler Gewalt. Doch selbst Botha hatte von einigen seiner fanatischsten Generäle gehört, dass die Lösung des südafrikanischen Albtraums nicht allein mithilfe militärischer Gewalt erreicht werden könne.

Mandela wusste, dass der Kreislauf der Gewalt seine Opfer unter den ärmsten und am stärksten an den Rand gedrängten Bevölkerungsgruppen forderte. Die widerspenstige schwarze Mehrheit hatte ihre Erwartungen. Und die Profiteure des Apartheidregimes – viele von ihnen bewaffnet sowie mit einem ansehnlichen Vermögen und dem nötigen Willen ausgestattet, Chaos zu stiften – warteten ebenfalls nur mit angehaltenem Atem auf eine deutliche Bedrohung des Status quo.

In diesem Kontext musste Mandela öffentlich deutlich machen, dass er F. W. de Klerk für einen integren Mann hielt, wenn auch nur, um den Hardlinern den Wind aus den Segeln zu nehmen, die sich ins Fäustchen gelacht hätten, wenn der südafrikanische Präsident durch eine Ablehnung von Seiten des Ex-Gefangenen weiter geschwächt worden wäre. Der kruden Logik der Rechten zufolge war es eine Sache, wenn de Klerk den Terroristen freiließ, eine andere aber, wenn eben jener Terrorist den Ton angab und zugleich die ausgestreckte Hand seines Befreiers zurückwies.

Für Mandela war die Fortführung des Dialogs mit dem Regime in Pretoria wie die Steuerung eines Autos durch ständig wechselnden Verkehr. Er musste als Puffer fungieren zwischen der von de Klerk geleiteten Gruppe von Unterhändlern und zwei schweren Fahrzeugen, die aus entgegengesetzten Richtungen aufeinander zurasten, das eine angetrieben von den Erwartungen der schwarzen Mehrheit, die nicht länger Geduld zu üben bereit war, das andere von rechtsgerichteten Hardlinern, die von Angst und einem völlig unangebrachten Gefühl geleitet wurden, im Recht zu sein.

Für Mandela wäre es die größte nur denkbare Tragödie gewesen, wenn die Verhandlungen geplatzt wären, noch bevor sie begonnen hatten. In dieser Hinsicht handelte er entgegen dem Rat der Vertreter seiner eigenen Organisationen, die sich ob seiner Absicht, de Klerk einen Mann von hoher Integrität zu nennen, unwohl fühlten. Wenn seine Kollegen sich angesichts seines auch öffentlich geäußerten Respekts vor de Klerk wieder einmal echauffierten, bestand er ihnen gegenüber stets darauf, diesen auch weiterhin als integren Menschen zu betrachten, solange man ihm nicht das Gegenteil beweisen könne. Bis dahin, so Mandela, sei de Klerk sein künftiger Verhandlungspartner.

Mandela war in der Lage, den Unterschied zu erkennen – und auch einen zu machen – zwischen dem Menschen de Klerk und de Klerk, dem politischen Repräsentanten, wenn nicht sogar Opfer einer repressiven und alles beherrschenden Staatsmaschinerie. Vielleicht war es ja sein einziger Wunsch, sich an seinem politischen Gegenüber abzuarbeiten und ihn dem Einfluss jener politischen Partei zu entwinden, die sich zur Verfechterin der Apartheidpolitik gemacht hatte, einer Haltung, die er absolut widerwärtig fand.

Dazu sollte er später sagen: »Das Apartheidregime war selbst noch während der Verhandlungsphase … weiterhin davon überzeugt, die Überlegenheit der Weißen mit Zustimmung der Schwarzen erhalten zu können. Zwar versuchten seine Unterhändler, subtil vorzugehen; dennoch war von der ersten Sekunde der Gespräche an klar, dass ihre übergreifende Idee darin bestand, eine Regierungsübernahme durch uns zu verhindern, selbst dann, wenn wir eine demokratische Wahl gewinnen sollten.«

Einen Vorgeschmack auf diese Grundhaltung hatte Mandela schon bei seinem ersten Treffen mit Präsident de Klerk am 13. Dezember 1989 bekommen, als er noch Gefangener im Victor Verster war:

Kurz vor diesem Treffen hatte ich einen vom Herausgeber der Zeitschrift Die Burger, damals das offizielle Sprachrohr der National Party, unter dem Pseudonym Dawie verfassten Artikel gelesen, in dem der Autor scharfe Kritik am Konzept der Gruppenrechte äußerte, mit dem diese Partei als angeblich beste Lösung für die Probleme des Landes hausieren ging. Das bedeutete, jede Bevölkerungsgruppe würde nach den ersten demokratischen Wahlen dauerhaft die Rechte und Privilegien behalten, von denen sie vor solchen Wahlen profitiert hatte, ganz gleich, welche Partei gewonnen hätte.

Dieser Schwindel, so Mandela weiter, würde zur Folge haben, dass die weiße Minderheit auch weiterhin ein Monopol auf alle wichtigen Bürgerrechte [hätte]. Die revolutionären Veränderungen, die die Befreiungsbewegung forderte und für die Märtyrer über die Jahrhunderte den höchsten Preis bezahlt hatten, würden im Keim erstickt werden. Die neue Regierung wäre nicht in der Lage, den Menschen Obdach und gute Bildung für ihre Kinder zu garantieren. Armut, Arbeitslosigkeit, Hunger, Analphabetismus und Krankheiten würden ungezügelt um sich greifen. Die Burger kritisierte diese Pseudopolitik als Wiedereinführung der Apartheid durch die Hintertür.

Mandela machte de Klerk gegenüber deutlich, dass er, wenn schon das Sprachrohr seiner eigenen Partei dieses Konzept verdammte, sich wohl recht gut vorstellen könne, was wir davon hielten. Wir würden es rundheraus ablehnen.18

An diesem Punkt beeindruckte mich der Präsident. Er gab nach und meinte, dass er die Idee, wenn unsere Bewegung sie noch nicht einmal prüfen wolle, umgehend fallenlassen würde. Ich schickte sofort eine Nachricht an die ANC-Führung in Sambia, in der ich den Präsidenten als integren Mann beschrieb, mit dem wir ins Geschäft kommen könnten.19

Mandela mochte von de Klerk beeindruckt sein, doch diese Behauptung dem ANC schmackhaft zu machen, war etwas anderes. Der ANC ist, wie bereits unzählige Male festgestellt wurde, etwas ganz Eigenes, ein unglaublich heterogenes Wesen, Befreiungsbewegung und zugleich Lebensweise von Millionen Südafrikanern. Er wurde in bestimmten Familien über Generationen gelebt und als Denk- wie Seinsweise von den Alten an die Jungen weitergegeben wie ein Familienerbstück. Eine solche Organisation entwickelt unvermeidlich eine gewisse »Engstirnigkeit«, eine starke Bindung an Traditionen, und betrachtet jede Neuerung mit Misstrauen. Zum Thema Verhandlungen hatte sie während der siebenundsiebzig Jahre ihrer Existenz bis zu dem Zeitpunkt, als die Gespräche zwischen Mandela und den Präsidenten des Apartheidregimes 1989 ihren Höhepunkt erreichten, im Rahmen ihrer Politikstrategie niemals detaillierte Vorgaben gemacht. Im Exil jedoch hatte die Bewegung eine realistische Einschätzung der Situation und der Kräfteverteilung vornehmen müssen. Die unermüdlichen Angriffe der südafrikanischen Militärmaschinerie gegen die Frontlinienstaaten (eine Allianz, die von 1960 bis in die frühen 1990er-Jahre südafrikanische Länder gegen die Apartheid vereinte) unter dem Vorwand, dem ANC Unterschlupf zu gewähren, veränderten den geopolitischen Kontext in der Region.

Noch entscheidender war der erzwungene Rückzug des ANC aus diversen strategisch wichtigen Gebieten, namentlich Mosambik, nachdem Präsident Samora Machel am 16. März 1984 das Nkomati-Abkommen, einen Pakt der Nichtaggression und der guten Nachbarschaft mit Südafrika, unterzeichnet hatte. Das bedeutete, dass der ANC seinen bewaffneten Kampf nun ohne die Unterstützung von Basen in den benachbarten Staaten weiterführen musste. Dies setzte die Führung der Organisation unter Druck und bewegte sie zum Nachdenken darüber, was mit den Tausenden von plötzlich heimatlosen Führungskadern in Sambia und Tansania geschehen sollte. Im selben Jahr brach in den Camps des MK in Angola eine Meuterei aus, die die Führung schwer erschütterte, insbesondere deshalb, weil der Anlass dafür Ungeduld auf Seiten von MK-Soldaten war, die nach Hause zurückkehren wollten, um den Feind zu bekämpfen, anstatt sich in den im Inland tobenden Konflikt zwischen den Truppen des Movimento Popular de Libertação de Angola (Volksbewegung zur Befreiung Angolas, MPLA) und den von Südafrika unterstützten Banditen der União Nacional para a Independência Total de Angola (Nationalunion für die vollständige Unabhängigkeit Angolas, UNITA)ix verwickeln zu lassen.

Ähnlicher Druck hatte den ANC 1967 gezwungen, ein MK-Kontingent, das sogenannte Luthuli-Detachment des Umkhonto weSizwe, ins damalige Rhodesien abzukommandieren, wo es in die Kämpfe in Wankie und Sipolilo verwickelt wurde.x

In den Camps und in allen Gebieten, in denen es eine signifikante Exilgemeinde gab, sangen die Menschen Lieder, die ein ganzes Pantheon von Helden und Märtyrern heraufbeschworen, darunter auch Nelson Mandela oder Oliver Tambo. Sie sangen, um sich dem Kampf zu verschreiben, und sie malten sich in ihren Gesängen aus, wie sie auf Pretoria marschieren wollten. Manchmal handelten die Revolutionslieder auch von der Niedertracht der Agenten des südafrikanischen Regimes, manche von ihnen einstige Kameraden, die auf die andere Seite gewechselt waren. Doch die am meisten geschmähten Personen, die im kollektiven Gedächtnis der leidenschaftlichen Sänger drohend aufragten, waren die Anführer der Apartheid, insbesondere Botha und de Klerk. Botha war wegen seiner Kriegstreiberei verhasst, de Klerk wegen seiner Untätigkeit während des Massakers an den schwarzen Studenten 1976.xi

Schon vor Mandelas eigentlichem Kontakt zu Botha und de Klerk hatten bereits Gerüchte über die Gespräche und Mandelas unmittelbar bevorstehende Freilassung die Runde gemacht. Anfang Juli 1989 stolperte eine Gruppe im Exil lebender ANC-Schriftsteller auf ihrem Weg zu einem Treffen mit Autoren und Akademikern der Burengemeinde an den Victoriafällen über eine ganze Armada von südafrikanischen und internationalen Journalisten und Fernsehteams, die mit vor Müdigkeit geröteten Augen vor dem Pamodzi Hotel in Lusaka kampierten. Auf Basis offensichtlich grober Falschinformationen agierend, hielten die Medien vor dem Flughafen und den Toren des ANC-Hauptquartiers in der Chachacha Road in der City Wache, für den Fall, dass sie mit etwas Glück einen Exklusivbericht bekommen könnten, falls Nelson Mandela, wie man ihnen gesagt hatte, in die Obhut des ANC in Sambia entlassen würde. Noch verwirrender waren allerdings die Vorwürfe von Seiten einiger jugendlicher Unruhestifter zu Hause und im Exil, die besagten, »der alte Mann« habe sie alle »verraten«. Es gab sogar Gerüchte, Mandelas Leben sei bedroht.

Abgesehen davon hatte der ANC allerdings seit jeher einen unfehlbaren politischen Instinkt besessen und all die Jahre über versucht, eine Lösung für seine Probleme zu finden. Selbst die Männer und Frauen unter Waffen, in Camps zusammengezogen oder im Untergrund im Landesinneren operierend, wurden von politischen Prinzipien geleitet. Da waren einerseits die Mitglieder des Nationalen Exekutivkomitees (NEC), des höchsten Entscheidungsgremiums zwischen den ANC-Konferenzen, denen angesichts der Möglichkeit einer Verständigung mit Pretoria äußerst unwohl zumute war. Doch da war andererseits auch Oliver Tambo, der Präsident des ANC, dessen Credo stets »Entscheidungsfindung durch Konsens« gelautet hatte. Er bestand darauf, dass jeder Aspekt eines komplizierten Problems diskutiert und analysiert werden müsse, ganz egal, wie lange es dauere, bis eine Einigung erzielt sei.

Jede Befreiungsbewegung kommt unweigerlich einmal an jene Weggabelung, an der grundlegende Entscheidungen mit Auswirkungen auf das Leben aller Menschen getroffen werden müssen. OR, wie Oliver Tambo liebevoll genannt wurde, traf diese Entscheidungen. Unermüdlich und beinahe übertrieben gewissenhaft besprach er sich nicht nur mit den führenden Mitgliedern seiner eigenen Partei, sondern stellte auch sicher, dass die Führer der Frontlinienstaaten über die Entwicklungen informiert wurden.

Am Ende war allen Beteiligten ziemlich klar, dass die Zeit für Gespräche mit dem Feind gekommen war. Um diese Idee zu verfolgen, flogen Vertreter verschiedener Gewerkschaften, politischer und ziviler Organisationen nach Lusaka, um sich mit dem ANC zu beraten und zu beginnen, Strategien für den Umgang mit dem sich entfaltenden Szenario zu entwickeln. Die Ankunft der großen alten Männer – Walter Sisulu, Govan Mbeki (der zwei Jahre zuvor freigekommen war), Wilton Mkwayi, Raymond Mhlaba, Elias Motsoaledi und Ahmed Kathrada – in Lusaka und ihr Zusammenwirken mit den Mitgliedern ließ das alles Realität werden.

Dieses Vorgehen fungierte als eine Art Sicherheitsventil für die aufgestauten Emotionen jener Kameraden des MK, hauptsächlich Mitglieder der Abteilung Spezialoperationen, die im Untergrund arbeiteten und einen tiefen Groll wegen der steigenden Zahl von Opfern unter den Kämpfern des MK hegten, über die immer mehr zu ihnen ins Landesinnere durchsickerte. Es war schließlich Walter Sisulu, der den versammelten Mitgliedern des ANC in der Mulungushi Hall in Lusaka verkündete, sie sollten sich darauf vorbereiten, nach Hause zu gehen.20

KAPITEL 2
Demokratie verhandeln

Am 11. Februar 1990 kam für Nelson Mandela endlich der Moment, nach Hause zurückzukehren. Ein beachtlicher Teil der Weltbevölkerung dürfte im Fernsehen verfolgt haben, wie Mandela an diesem Nachmittag durch die Tore des Victor Verster Prison trat.

Fast zwei Jahre zuvor, am 11. Juni 1988, hatten etwa 600 Millionen Fernsehzuschauer in 67 Ländern aus Anlass von Mandelas 70. Geburtstag einem Pop-Konzert im Wembley-Stadion in London beigewohnt. Der BBC-Reporter Robin Denselow nannte im Jahr darauf das Konzert, das die britische Anti-Apartheid-Bewegung (AAM) unter Federführung ihres Präsidenten, Erzbischof Trevor Huddleston, auf die Beine gestellt hatte, »das größte und spektakulärste politische Pop-Event aller Zeiten«1. Es bewies wieder einmal, wie präsent Mandela auch in seiner Abwesenheit sein konnte.

Und nun war er wieder da, die lebende Verkörperung des Scheiterns dieses Apartheidregimes, dem auch die Haft nichts hatte anhaben können. Lächelnd sowie ab und an in die Menschenmenge winkend, spazierte er durch den Sonnenschein am Westkap.

Er war nun Teil des neuen, aufstrebenden Südafrikas, und das hieß für Mandela, er würde in den Trubel – und die Verwirrung – des Landes und seiner Landsleute eintauchen müssen, die zu führen er bestimmt war. Mandelas Weg vom Gefängnistor nach Kapstadt zur Grand Parade, wo Tausende Anhänger auf seine erste Ansprache warteten, war geprägt von Umwegen und Unruhe, worin sich vielleicht schon die Irrungen und Wirrungen andeuteten, die das Land jetzt auf dem Weg Richtung Demokratie erwarteten. Es wurde um ein Haar dramatisch, als Mandelas Fahrer, der das Rathaus beinahe schon erreicht hatte, sich durch die Massen am Straßenrand eingeschüchtert fühlte und zunächst in den nahe gelegenen Vorort Rondebosch abbog, wo der Konvoi in einer ruhigen Seitenstraße abwartete. Hier entdeckte Mandela eine Frau mit zwei Säuglingen, und er bat sie, die Kinder einmal im Arm halten zu dürfen. Danach schlug einer der anwesenden Mitstreiter, Saleem Mowzer, vor, zu seinem Haus in Rondebosch East zu fahren. Später spürte der beunruhigte Erzbischof Desmond Tutu* sie dort auf und drängte Mandelas Parteifreunde, zum Rathaus zu eilen, damit es dort nicht zu Ausschreitungen käme. Am frühen Abend konnte sich Mandela dann endlich an die Menschen wenden.

Er begrüßte die erwartungsvolle Menge im Namen von Frieden, Demokratie und der Freiheit für alle:

»Ich stehe hier vor euch nicht als Prophet, sondern als bescheidener Diener des Volkes«, fuhr er dann fort. »Eure unermüdlichen und heldenhaften Opfer haben es mir möglich gemacht, heute hier zu sein. Deshalb lege ich die verbleibenden Jahre meines Lebens in eure Hände.«2

In ihrem Artikel für den New Yorker erfasste Zoë Wicomb den Moment sehr genau: »Mandela sah gar nicht so aus wie der gealterte Boxer, als den ihn die weit verbreiteten Darstellungen von Künstlern gezeigt hatten. An diesem Tag trat ein großer, gut aussehender Fremder in die Welt. Sein Gesicht zeigte ausdrucksstarke Züge, die von einstigen Beziehungen zwischen Xhosa und Khoi zeugten, und der peinliche Mittelscheitel war verschwunden. Supermodels und Philosophen seufzten gleichermaßen auf.«3

Auch wenn Mandela noch immer nur der Erste unter Gleichen war, wusste er doch so gut wie alle anderen um die Gefahr, die ihm drohte. Auch dass Gewalt das Land zerstörte, war ihm bewusst. Jede Provinz konnte eine eigene Leidensgeschichte erzählen, wobei Natal sicherlich die Hauptlast der Grausamkeiten trug. Hier führte die Inkatha Freedom Party (Inkatha-Freiheitspartei, IFP)*, unterstützt von geheimen Kräften der South African Police Force, einen Krieg gegen den ANC und seine Anhänger. Die Natal Midlands und viele städtische Gebiete in Natal wurden sowohl für die regulären Ordnungskräfte als auch für den ANC zu No-go-Areas.

Einer der unvergesslichen, ernüchternden Momente für Mandela kam zwei Wochen nach seiner Freilassung, als er während einer Phase intensiver Kämpfe in Natal vor mehr als 100.000 Menschen im Kings Park Stadium in Durban eine Rede hielt.

»Nehmt eure Gewehre, eure Messer und eure pangasxii und werft sie ins Meer!«, bat Mandela. Ein tiefes Grummeln in der Menschenmenge zeugte von der entstehenden Unzufriedenheit mit dieser Aufforderung und steigerte sich dann zu lauten Pfiffen und Buhrufen. Stoisch aber fuhr Mandela fort; er wollte seine Botschaft vermitteln. »Schließt die Todesfabriken. Beendet diesen Krieg jetzt!«4

Der Krieg, den auch Mandela mit seiner Bitte nicht beenden konnte, hatte seine Wurzeln in der Vergangenheit und schien übermächtig genug zu sein, um eine bessere Zukunft verhindern zu können. Doch langsam und unabänderlich wurde Mandelas Traum eines demokratischen Südafrikas Wirklichkeit. Die letzten störenden Hindernisse stieß man wie Kegel beiseite.

Eines der bedeutsamen Ereignisse auf diesem Weg war die Heimkehr von Oliver Tambo, der 1960 in geheimer Mission Südafrika verlassen hatte, um den verbotenen ANC im Exil neu aufzubauen. Das tumultartige Willkommen, das man dem externen Führer des Befreiungskampfes an diesem 13. Dezember 1990 nach drei Jahrzehnten in der Fremde bereitete, schien den ANC-Präsidenten glücklich zu machen. Der gebrechlich wirkende 73-Jährige konnte die Grüße zahlreicher ANC-Politiker, ausländischer Botschafter und mehrerer Würdenträger entgegennehmen. Dabei stand Tambo neben seinem ehemaligen Anwaltspartner, Nelson Mandela, und grüßte vom Balkon des Jan Smuts International Airport bei Johannesburg die rund 5000 Anhänger, die jubelten, sangen und tanzten. Der damalige stellvertretende ANC-Präsident Nelson Mandela rief den Anwesenden zu: »Wir begrüßen ihn mit offenen Armen als einen der größten Helden Afrikas.«5 Dann verschwanden die beiden Männer in einer von der Polizei eskortierten Limousine.

Zwei Tage später veranstaltete der ANC seine erste landesweite Beratungskonferenz in Nasrec, vor den Toren Sowetos. In einem sehr emotionalen Moment legte Tambo seinen Bericht vor und übergab damit den ANC gewissermaßen wieder in die Hände der Südafrikaner. Man sang so voller Begeisterung, dass es alle Anwesenden mitriss: Lieder aus dem Exil, die sich stark von den Trauer- und Klageliedern unterschieden, die vor allem junge Menschen anstimmten, bevor sie noch vor Anbruch der Nacht die Barrikaden in den ruhelosen Townships von East Rand besetzten. Eine Art Karnevalsstimmung unterbrach immer wieder die Feierlichkeit des Anlasses. Erst kürzlich aus der Haft entlassene Genossen, von denen einige noch den Kleidersack des Gefängnisses geschultert hatten, trafen nach langen Jahren der Trennung Verwandte und Freunde wieder. Jemand spielte auf die hohe Dichte an versammelten ANC-Autoritäten an – angefangen bei Mandela und Tambo, über weitere alte Männer von Robben Island, altersgraue Koryphäen, Veteranen und Mitglieder des Nationalen Exekutivkomitees bis hin zu den kursantixiii (Rekruten) in falschen Tarnanzügen – und witzelte, dass die gesamte Parteikonferenz sicher auf einer Idee des Feindes beruhe, der dann den gesamten ANC mit einer einzigen großen Bombe eliminieren wolle.

Ein Moment der Tagung sorgte sogar bei den kampferprobten Delegierten für unübersehbare Tränen auf den Wangen: der Einmarsch von einem Dutzend Männern, die aus den Gefängnissen Simbabwes zurückkehrten. Sie alle waren bei dem beherzten, aber auch unüberlegten gemeinsamen Kampf der Zimbabwe African People’s Union und des ANC in Wankie und Sipolilo 1967 bzw. 1969 in Gefangenschaft geraten, nachdem sie die Scharmützel mit der British South Africa Police des rhodesischen Premierministers Ian Smith und den südafrikanischen Sicherheitskräften verloren hatten. Jeder Einzelne dieser Männer hatte im Todestrakt seine Hinrichtung erwartet, bis sie nach der Machtübernahme von Robert Mugabes Zimbabwe African National Union/Patriotic Front im April 1980 begnadigt worden waren.

Die Konferenz fand in einer Zeit großer Gewalttätigkeiten statt, man konnte fast von einem Krieg mit geringer Intensität sprechen. Daher kam es nicht überraschend, dass die Delegierten die Gründung von Selbstverteidigungseinheiten forderten.

Bedeutsam war, dass die amtierende südafrikanische Regierung zwei Tage später, am 18. Dezember, ein neues Gesetz amtlich bekanntmachte, wonach es Exilanten gestattet sei, nach Südafrika zurückzukehren. Damit wurde eine der Hürden aus dem Weg geräumt, die Verhandlungen noch hätten verhindern können. Als man ihn zwei oder drei Tage nach seiner Freilassung fragte, ob er mit de Klerks Bedingungen für die Aufhebung des Notstands einverstanden sei, antwortete Mandela:

»Die Position des ANC ist eindeutig. Es wird keine Verhandlungen geben, bis die Regierung nicht alle unsere Forderungen erfüllt hat, denn wir können kein Mandat von unserem Volk erhalten, wenn sich diese Bedingungen nicht ändern, wenn der Notstand nicht aufgehoben wird, wenn die politischen Gefangenen nicht freigelassen werden und wenn den Exilanten nicht zugesichert wird, dass sie geschützt durch eine Amnestie und ohne die Gefahr einer Strafverfolgung zurückkehren können.«6

Die Lebendigkeit und Vielfalt der mehr als »1500 Delegierten aus 45 Regionen im In- und Ausland« vermittelten Mandela einen Eindruck von dem Flickenteppich, den die ANC-Gemeinschaft formte.7 Einen großen Teil der Delegierten bildeten die aus dem Exil Zurückgekehrten, von denen viele in diplomatischer Mission für den ANC unterwegs gewesen waren. Diese Menschen hatten dazu beigetragen, dass, wie Mandela es formulierte, »Südafrika damals von fast jedem Land der Welt gemieden und die Apartheid als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt [wurde] – darin bestand der Erfolg ihrer historischen Bemühungen. All jene, die im Exil lebten, durcheilten die fünf Kontinente in jede Richtung, um Staatsoberhäupter und Regierungen über unsere Situation aufzuklären, an weltweiten und regionalen Zusammenkünften teilzunehmen und die Welt mit Material zu überfluten, das die Unmenschlichkeit der Apartheid zeigte. Es war diese weltweite Kampagne, die den ANC und seine Führer hier und im Ausland zu einer der weltweit bekanntesten Befreiungsbewegungen machte.«8

Mandela hatte sich bereits im März mit ANC-Mitgliedern in Lusaka, der Hauptstadt Sambias, getroffen, doch die Beratungskonferenz war die erste Zusammenkunft dieser Art auf heimischem Boden. Es gehörte zur Realität Südafrikas, dass die Gefahr von Gewalt in der Luft hing, weshalb der Staat einen Blick für das Unerwartete haben musste und, in der Konsequenz, auch auf seine eigenen, überschäumenden Fanatiker zu achten hatte, die mit der Konferenz des ANC in Nasrec nicht einverstanden waren. Das führte dazu, dass in der Umgebung des Tagungsortes unzählige Antennen auf den offiziell wirkenden Limousinen glühten, in denen streng dreinblickende Sicherheitsmänner saßen; durch die Straßen patrouillierte ein gepanzertes Polizeifahrzeug, aus dessen mit Stahldraht geschützten Scheinwerfern Licht in die Schatten des Nachmittags fiel. In Zweier- oder Dreiergruppen stand die ANC-Security vor dem Tagungszelt und hielt ebenfalls Wache. Denn im Inneren befanden sich einfach zu viele Menschen, deren Verlust das Land in ein Chaos gestürzt hätte. Sie waren der Dreh- und Angelpunkt der neuen Ordnung, die gerade im Entstehen war.

Hier, unter dem Festzelt auf dem Sportgelände und vor dem Zelt während der Konferenzpausen, machte sich Mandela damit vertraut, wie die Delegierten mit der Führungsriege der Partei, vor allem aber auch mit den Mitgliedern des MK und seinen Kommandeuren interagierten. Als einer der Mitbegründer des MK war sein großer Respekt für dessen Mitglieder deutlich zu erkennen:

Die Kämpfer des Umkhonto weSizwe (MK) zeigten außergewöhnlichen Mut und stahlen sich bei vielen Gelegenheiten heimlich ins Land, griffen Regierungseinrichtungen an, attackierten hin und wieder die Sicherheitskräfte der Apartheid und schlugen sie mehrfach sogar in die Flucht. Andere Freiheitskämpfer arbeiteten im Inneren des Landes, mal im Untergrund, mal offen, und ermutigten die Massen zum Aufstand und Widerstand gegen alle Formen der Unterdrückung und Ausbeutung. Sie trotzten der Brutalität des Regimes, ganz gleich, was mit ihnen selbst geschah. Sie waren bereit, für die Befreiung den höchsten Preis zu zahlen. Andere wiederum schmachteten in den Gefängnissen der Apartheid und forderten ohne Angst ihr Recht ein, in ihrem Vaterland als menschliche Wesen behandelt zu werden. Sie gruben sich buchstäblich einen Weg in die Höhle des Löwen und bewiesen damit wieder einmal die Gültigkeit des universellen Gesetzes, wonach auch böse Menschen die Flamme der Freiheit nie auslöschen können. Einige dieser mutigen Kämpfer sind noch immer am Leben und helfen mit, die Probleme des Landes anzupacken. Sie können nun endlich die Früchte ihrer Arbeit genießen. Auch wenn viele von ihnen alt, gebrechlich und arbeitslos sind, so erwachen in ihnen doch neue Lebensgeister, wenn wir sie an ihre historische Leistung erinnern. Andere sind von uns gegangen und kommen nie wieder. Wir ehren sie als Männer und Frauen, die Entscheidendes zu unserer Befreiung beigetragen haben.9

Das Jahr neigte sich seinem Ende zu, doch die Gewalt setzte sich fort. Die erste Phase der Verhandlungen über den Übergang zur Demokratie fand trotz ernster Versuche des rechtsgerichteten Flügels, den Prozess zu sabotieren, dennoch statt. Sydney Mufamadi*, ehemaliger Generalsekretär der General and Allied Workers Union und späteres ANC-Präsidiumsmitglied, erinnert sich folgendermaßen an die frühen Bemühungen, dauerhaften Frieden in einem Land zu erreichen, das sich immer schneller in einer unkontrollierbaren Spirale der Gewalt drehte:

Jetzt, vor der Freilassung unserer wichtigsten politischen Führer, deren Höhepunkt die Entlassung von Madiba war, streckten die UDF und der COSATU [Congress of South African Trade Unions] der Inkatha die Hand entgegen … um einen Weg zur Beendigung der Gewalt zu finden, vor allem in Pietermaritzburg … wo die Gewalt am heftigsten tobte. Wir … fuhren nach Lusaka, um diese Initiative zu diskutieren, denn unsere drei Gesprächspartner bei der Inkatha, Dr. Mdlalose, Dr. Madide und Dr. Dhlomo, waren ausdrücklich von [dem Präsidenten der IFP, Chief Mangosuthu] Buthelezi* angewiesen worden, uns auszurichten, sie würden weiter mit uns verhandeln, wenn … unsere Verabredungen mit ihnen Unterstützung aus Lusaka bekämen … [von wo aus sich niemand einem] Schritt in Richtung Frieden in den Weg stellen würde.10

Allerdings seien die Aktivisten vor Ort, »über diese Verrohung, die da stattfand«, verärgert und »nicht scharf darauf zu verhandeln«. Sollte Lusaka bei all dem tatsächlich einbezogen werden, dann nur, »um sie dafür zu bewaffnen, zurückzuschlagen. Also, wir hatten große Probleme, unser eigenes Volk davon zu überzeugen, dass Verhandlungen Erfolge bringen konnten«11.

Die Verwirrung wurde noch verschärft durch die Freilassung der ANC-Führungsriege, vor allem des legendären, kompromisslosen Hitzkopfes Harry Gwala* mit dem treffenden Spitznamen »Der Löwe der Midlands«, der »von der Sinnhaftigkeit der Verhandlungen nicht überzeugt [war]«12. Gwala war jedes Treffen zwischen dem ANC, Buthelezi und König Goodwill Zwelithini*, dem Oberhaupt der Königlichen Familie der Zulu, ein Dorn im Auge. (In dieser Hinsicht stand Gwala nicht allein da. Mandela berichtete später Richard Stengel*, mit dem er an Long Walk to Freedom arbeitete, wie ihn die Menschen 1990, als er Pietermaritzburg besuchte, am liebsten hätten »erwürgen« wollen, als er den Namen Buthelezi erwähnt habe.13)

»Das war nicht hilfreich«, so Mufamadi, »denn wir hatten an der Basis einige Fortschritte erzielt, indem wir die jüngeren Genossen überzeugten«, und dieser Erfolg wurde gefährdet durch »einen Genossen, der in der Hierarchie über uns allen stand«. Da trat Madiba hervor und »rief das Volk von KwaZulu-Natal dazu auf, die Waffen niederzulegen … Anfangs gab es einigen Widerstand, den wir mühsam überwinden mussten«14.

Als nach und nach immer mehr Details über die insgeheime Beteiligung des Staates an den Gewalttaten öffentlich wurden, wodurch dieser sich zu Reaktionen gezwungen sah, gingen die grausamsten Attacken, wie etwa Angriffe auf Pendler in Zügen, deutlich zurück. Diese Überfälle hatten zuvor stark dazu beigetragen, dass die große öffentliche Unterstützung für den ANC abnahm und die Massen eingeschüchtert wurden. Die Möglichkeiten der wachsenden rechten Parteien, den Fortschritt auf politischem Wege aufzuhalten, schrumpften, als de Klerk die weißen Wähler 1992 zu einem Referendum über die »Fortführung der Verhandlungen« aufforderte und eine große Mehrheit von fast 69 Prozent der Wähler mit »Ja« stimmte. Schmerzhaft von dieser Niederlage getroffen, ersetzten die rechten Parteien ihren politischen Widerstand durch Terror und bereiteten sich auf eine bewaffnete Revolte vor. Verschiedene Strömungen der rechtsgerichteten Buren riefen nach einem eigenen Staat, und es kam zu lautem Säbelrasseln.

In einem Interview, das der irische Friedensstifter Padraig O’Malley 1992 mit dem Chef der Conservative Party (CP), Ferdinand Hartzenberg*, führte, erklärte dieser, die CP helfe anderen Parteien, indem sie nicht an Verhandlungen teilnehme, »denn [Mandela] möchte, dass wir teilnehmen und will uns zu der Zusage drängen, wir würden das Ergebnis der Verhandlungen akzeptieren, doch dazu sind wir nicht bereit. Wir sagen: Sollten wir eine ANC-Regierung in diesem Land bekommen, werden wir genau das tun, was wir zu Beginn dieses Jahrhunderts getan haben, als Großbritannien versuchte, dieses Land zu beherrschen. Wir leisten Widerstand.«15

Drei Monate nach dem Referendum, am Donnerstag, dem 17. Juni 1992, töteten in Boipatong, südlich von Johannesburg, mit AK-47 (Kalaschnikows) und Assegai-Speeren bewaffnete, Zulu sprechende Angreifer aus einem nahe gelegenen Wohnheim in einem hinterhältigen Massaker 45 Männer, Frauen und Kinder und verletzten 27 weitere schwer. Besonders erschreckend daran war, dass zu den Ermordeten auch 24 Frauen zählten, darunter eine Schwangere, sowie ein neun Monate alter Säugling. Die Polizei verkündete später einige Festnahmen. Doch wie in so vielen Fällen, bei denen die Opfer ANC-Anhänger waren, wurden die Ermittlungen verpfuscht und verliefen im Sande; am Ende wurde keiner der wahren Verantwortlichen verhaftet. Vom Autor John Carlin auf dieses Massaker angesprochen, erinnerte sich Jessie Duarte*, Mandelas damalige persönliche Assistentin und heutige ANC-Politikerin, an dessen Reaktion auf die Nachricht von dem Überfall: »Ich werde seinen Gesichtsausdruck niemals vergessen … Der Mann war zutiefst schockiert von der Tatsache, dass Menschen einander etwas Derartiges antun konnten … Mir kam es so vor, als ob Madiba während seiner 27-jährigen Haftzeit niemals wirklich in das kalte Gesicht der Gewalt hatte schauen müssen.«16

Als Präsident de Klerk anschließend nur halbherzig ankündigte, es sollten Maßnahmen ergriffen werden, um die Gewalt einzudämmen und die Täter zu verurteilen, gab Mandela bekannt, dass der ANC die Gespräche mit der Regierung aufkündigen werde. Die Gewalttaten hatten innerhalb des ANC zu einer breiten Desillusionierung über die Verhandlungen geführt. Bei einer Trauerkundgebung in Boipatong sangen wütende Teilnehmer: »Mandela, du führst uns wie Lämmer zur Schlachtbank.«

Da Mandela darauf beharrte, brachte der ANC die Angelegenheit vor die Vereinten Nationen, obwohl man früher entschieden hatte, keine internationale Beteiligung bei den Gesprächen zuzulassen.

Ungeachtet dessen nahmen beide Seiten wenige Monate später den Gesprächsfaden wieder auf, auch dank einer gemeinsamen Absichtserklärung (Record of Understanding), die mithilfe eines inoffiziellen Kanals zustande kam – einer im Hintergrund etablierten Verbindung zur Verhinderung von Krisen, die zwischen Cyril Ramaphosa und seinem Gegenüber bei der National Party, Roelf Meyer, geknüpft worden war und durch den Präsidenten Tansanias, Julius Nyerere, unterstützt wurde. Als Mandela erklärte, der Grund für den Rückzug des ANC von den Verhandlungen liege in der Inszenierung der Gewalt durch den Apartheidstaat, erinnerte ihn Nyerere daran, dass die südafrikanischen Freiheitskämpfer stets betont hätten, der Apartheidstaat sei grundsätzlich gewalttätig. Wie könne man dann, so fragte Nyerere, stichhaltig argumentieren, die Gewalt könne vollständig beseitigt werden, bevor der Apartheidstaat selbst abgeschafft worden sei?

Die Spitzfindigkeiten, das Gezänk, der Kuhhandel und die Kompromisse zwischen den Verhandlungspartnern kamen mit der Ermordung von Chris Hani*, einem der populärsten Politiker Südafrikas, zu einem abrupten Ende. Er wurde am 10. April 1993 auf Geheiß des Abgeordneten Clive Derby-Lewis von der Conservative Party von dem rechtsgerichteten polnischen Immigranten Janusz Waluś ermordet.xiv

Mandela schreibt, dass die Ermordung Hanis, eines Mannes, »der sicherlich zu den höchsten Ämtern in der Regierung hätte aufsteigen können«17, beinahe eine katastrophale Krise ausgelöst habe. Hanis Anhänger im Volk waren außer sich vor Wut. Zehntausende Menschen strömten spontan auf die Straßen. Große Teile der Bevölkerung Südafrikas waren wie betäubt vor Schreck.

»Als das Land taumelte, wurde [mir] vom SATV [South African TV] Sendezeit eingeräumt, um die Nation zur Disziplin zu ermahnen und Provokationen zu verhindern. Viele Beobachter, die den von uns ausgehandelten Übergang kommentierten, waren der Meinung, der tatsächliche Transfer der Macht von der National Party und de Klerk auf den ANC habe sich nicht mit den Wahlen im April 1994 vollzogen, sondern in dieser kritischen Woche ein Jahr zuvor.«18

In Südafrika mangelt es nicht an Beispielen für Gelegenheiten, bei denen das Land sich kurz vor dem Abgrund der Selbstzerstörung retten musste. Dazu zählen die Ereignisse in Sharpeville am 21. März 1960; in Soweto, Nyanga, Langa und Gugulethu nach dem Juni 1976; sowie natürlich die zahllosen Wahnsinnstaten unter dem Deckmantel der ineinander übergehenden Ausnahmezustände, die im Land ausgerufen wurden. Zu keinem Zeitpunkt jedoch war die kollektive Wut – und Verzweiflung – derart konzentriert, dass ein einziger Funke genügt hätte, das Pulverfass in die Luft fliegen zu lassen, wie nach dem verhängnisvollen Osterwochenende, an dem Hani ermordet wurde.

Der Funke wurde durch Mandelas rechtzeitigen Fernsehauftritt am 13. April 1993 gelöscht. Mandela fand genau die richtige Mischung aus Empörung und moralischer Strenge, als er zum südafrikanischen Volk sprach:

Heute Abend wende ich mich tief bewegt an jeden einzelnen Südafrikaner, schwarz und weiß.

Ein weißer Mann, voller Vorurteile und voller Hass, kam in unser Land und beging eine Tat, die so abscheulich ist, dass unsere ganze Nation am Rande eines Desasters dahintaumelt.

Eine weiße Frau burischer Herkunft riskierte ihr Leben, damit wir den Mörder ausfindig machen und ihn vor Gericht bringen können.xv

Der kaltblütige Mord an Chris Hani hat das Land und die ganze Welt erschüttert. Trauer und Zorn drohen uns zu zerreißen.

Was geschehen ist, ist eine nationale Tragödie, die Millionen von Menschen bewegt, über politische Grenzen und Rassengrenzen hinweg.

Unsere gemeinsame Trauer und unser legitimer Zorn werden Ausdruck finden in landesweiten Gedenkveranstaltungen, deren Höhepunkt die Beisetzungsfeier sein wird.

Morgen wird es in vielen Städten und Dörfern Gedenkgottesdienste geben, mit denen einer der größten Revolutionäre geehrt wird, die unser Land je hervorgebracht hat. Bei jedem Gottesdienst wird ein Kondolenzbuch der Freiheit ausliegen, in das alle, die sich dem Frieden und der Demokratie verpflichtet haben, ihre Gedanken eintragen können.

Jetzt ist es an der Zeit, dass alle Menschen Südafrikas sich zusammenschließen gegen jene, die, aus welchem Lager auch immer kommend, das zu zerstören trachten, wofür Chris Hani sein Leben gab – unser aller Freiheit.

Jetzt ist es an der Zeit, dass unsere weißen Landsleute, von denen noch immer Beileidsbekundungen eintreffen, voller Verständnis für den schmerzlichen Verlust unseres Landes die Hand ausstrecken und die Gedenkgottesdienste und Beisetzungsfeiern besuchen.

Jetzt ist es an der Zeit, dass die Polizei sensibel und beherrscht vorgeht und dass sich diese Männer und Frauen als echte Diener des ganzen Volkes beweisen. In dieser tragischen Zeit dürfen wir keine weiteren Leben verlieren.

Dies ist für uns alle ein Schlüsselmoment. Unsere Entscheidungen und Handlungen bestimmen nun, ob wir unseren Schmerz, unseren Kummer und unsere Entrüstung im Sinne der einzigen dauerhaften Lösung für unser Land einsetzen: für eine gewählte Regierung aus dem Volk, durch das Volk und für das Volk.

Wir dürfen nicht zulassen, dass Männer, die sich nach Krieg sehnen und nach Blut dürsten, unbesonnene Taten begehen, die unser Land in ein zweites Angola verwandeln.

Chris Hani war Soldat. Er glaubte an eiserne Disziplin. Er führte Befehle buchstabengetreu aus. Er setzte das um, was er predigte.

Jeder Mangel an Disziplin ist Verrat an den Werten, für die Chris Hani stand. Diejenigen, die solche Taten begehen, dienen nur den Interessen der Mörder und entweihen sein Andenken.

Wenn wir, als ein Volk, gemeinsam entschlossen, mit Disziplin und Bestimmtheit handeln, kann uns nichts aufhalten. Lasst uns diesen Soldaten des Friedens auf angemessene Weise ehren. Lasst uns umkehren, um die Demokratie zu verwirklichen, für die er sein ganzes Leben lang kämpfte; eine Demokratie, die echte, spürbare Veränderungen im Leben der arbeitenden Menschen, der Armen, der Arbeitslosen, der Landlosen hervorbringen kann.

Im Herzen unserer Nation und des Volkes ist Chris Hani nicht zu ersetzen. Als er nach drei Jahrzehnten im Exil nach Südafrika zurückkehrte, erklärte er: »Ich habe fast mein ganzes Leben mit dem Tod gelebt. Ich möchte in einem freien Südafrika leben, selbst wenn ich dafür mein Leben geben muss.« Der Körper von Chris Hani wird am Sonntag, dem 18. April, von 12 Uhr mittags bis zum Beginn der Nachtwache um 18 Uhr im FNB Stadium, Soweto, aufgebahrt sein. Der Beisetzungsgottesdienst findet am Montag, dem 19. April, um 9 Uhr statt. Der Leichenzug wird dann Richtung Boksburg Cemetery starten, wo die Beerdigung für 13 Uhr geplant ist.

Diese Gedenkfeiern und Zusammenkünfte müssen mit Würde vonstattengehen.

Wir werden unseren Gefühlen bei Mahnwachen, Gebetstreffen und Kundgebungen, in unseren Häusern, Kirchen und Schulen diszipliniert Ausdruck verleihen. Wir lassen uns nicht zu überstürzten Handlungen verleiten.

Wir sind eine trauernde Nation. Für die Jugend Südafrikas haben wir eine besondere Nachricht: Ihr habt einen großen Helden verloren. Ihr habt wiederholt gezeigt, dass eure Liebe zur Freiheit größer ist als euer kostbarstes Geschenk, das Leben selbst. Doch ihr seid die zukünftigen Anführer. Euer Land, euer Volk, eure Organisation verlangen von euch, mit Weisheit zu handeln. Auf euren Schultern ruht eine besondere Verantwortung.

Wir zollen unserem ganzen Volk Anerkennung für seinen Mut und seine Zurückhaltung angesichts solch extremer Provokation. Wir sind sicher, dass dieser unbezwingbare Geist uns durch die schwierigen Tage tragen wird, die vor uns liegen.

Chris Hani hat das edelste Opfer gebracht. Wir zollen seinem Lebenswerk den größten Tribut, indem wir sicherstellen, dass wir die Freiheit für unser gesamtes Volk gewinnen.19

Hanis 15-jährige Tochter Nomakhwezi hatte das Attentat direkt miterlebt. Das Drama seiner Ermordung, das durchaus die Geschichte Südafrikas hätte verändern können, wurde durch die schnelle Reaktion von Hanis burischer Nachbarin Retha Harmse ein wenig abgemildert, die sich das Autokennzeichen von Waluś merkte und die Polizei anrief, wodurch sie half, den Attentäter noch mit der Waffe in der Hand festzunehmen.

Mandela schätzte Chris Hani ganz besonders. Man darf vermuten, dass dies an seinen beispielhaften Führungsqualitäten lag, die ihn bei den Mitgliedern des MK besonders beliebt machten und dazu führten, dass sie ihm nacheifern wollten. Hani war mutig und charismatisch und führte seine Truppe von der vordersten Front aus an. Er hatte weder Angst, die MK-Kader nach Südafrika einzuschleusen, noch fürchtete er sich vor der Autorität des ANC, was sich zeigte, als er sein berühmtes Memorandum an die ANC-Führungsriege verfasste.

Hani hatte ungeduldig in ANC-Lagern in Tansania ausharren müssen und folglich die Parteiführung im Exil scharf kritisiert. Sie habe ihre Mission zur Befreiung aufgegeben und schwelge in Korruption, wodurch die Aussichten für den MK, zum Kampf nach Südafrika zurückkehren zu können, geschwächt worden seien. Er und die anderen Unterzeichner des Memorandums wurden daraufhin des Verrats angeklagt und zum Tode verurteilt. Nur dank der Intervention von Oliver Tambo blieben sie verschont. Hanis Taten trugen zur Operation des Luthuli Detachments des ANC in Wankie und Sipolilo bei.

Ganz ähnlich hatte mehr als zwei Jahrzehnte zuvor, im Jahr 1944, Mandela zu den Pionieren der ANC-Jugendliga – damals noch Young Lions – gehört. Sie rieben sich an den vorherrschenden orthodoxen Meinungen und verliehen dem ANC neue Energie. Einer der Veteranen von Wankie, Generalmajor Wilson Ngqose (a. D.), erinnert sich an Hani, den er Ende der 1960er-Jahre im Militärlager Kongwa in Tansania getroffen hatte. Hier teilte sich der ANC das Camp mit der MPLA, der Frente de Libertação de Moçambique (FRELIMO, Mosambikanische Befreiungsfront) und der South West Africa People’s Organisation (SWAPO). Die MPLA hatte im portugiesisch besetzten Angola bereits einige Zonen befreit. Und in Kongwa, so Ngqose, habe der Anführer der MPLA, Dr. Agostinho Neto, Oliver Tambo angeboten, Nachwuchskämpfer in die Lager zu schicken, denn er habe erkannt, dass der ANC in Tansania auf Probleme stoße.20

Neto, der schon damals ein gefeierter Dichter war, und sein durchdringender Ruf zu den Waffen im Gedicht Schnell könnten Hanis Ungeduld über die untätigen Führer dieser Zeit genährt haben. Das Gedicht spricht auch von dem Kampfgeist, der Mandela und seine Mitstreiter in der Jugendliga erfüllte, die ANC-Führungsriege herauszufordern, die glaubte, Petitionen und Aufrufe an das Gewissen eines herzlosen Regimes würden etwas nützen.

Mir erlahmt die Geduld in dieser historischen Lauheit

des Wartens und des Zögerns

da in Eile die Gerechten ermordet werden

da die Kerker überquellen von Jugend

zu Tode gepresst gegen die Mauer Gewalt

Schluss mit der Lauheit aus Worten und Gesten

Lächeln verstohlen hinter Buchdeckeln

und der resignierten biblischen Geste

noch die andre Wange hinzuhalten

Soll eine starke mannhafte kluge Aktion erstehen

antwortend Zahn um Zahn Aug um Aug

Mann um Mann

soll eine starke Aktion erstehen

des Volksheers zur Befreiung der Leute

sollen Orkane diese Lauheit erschüttern21

Viele Jahre später würdigte Mandela die Rolle Angolas und sprach von dem großen Dank, den das demokratische Südafrika dessen Volk schulde. In seiner Rede vor der angolanischen Nationalversammlung in Luanda 1998 erklärte er, Angolas Solidarität mit den »um ihre Freiheit kämpfenden [Südafrikanern] besaß historische Ausmaße«.

»Noch bevor Ihre eigene Freiheit gesichert war«, führte Mandela aus, »und noch während Sie in Reichweite Ihres rücksichtslosen Feindes waren, haben Sie es gewagt, nach dem Prinzip zu handeln, dass die Freiheit im südlichen Afrika unteilbar sei. Geführt von dem Gründer des befreiten Angolas, dem großen afrikanischen Patrioten und Internationalisten Agostinho Neto, ließen Sie nicht von der Überzeugung ab, dass alle Kinder Afrikas von ihren Fesseln befreit werden müssen.«22

Über den jungen Helden Chris Hani notierte Mandela weiter:

1959 schrieb sich Hani an der Fort Hare University ein [die auch Mandelas Alma Mater war] und zog die Aufmerksamkeit von Govan Mbeki auf sich, des Vaters von Thabo Mbeki. Govan spielte eine entscheidende Rolle in Hanis Entwicklung. Hier begegnete Hani der marxistischen Idee und trat der South African Communist Party (SACP) bei. Er hat immer betont, dass sein Übertritt zum Marxismus auch seine nicht-rassistische Perspektive verstärkt habe.

Hani war ein mutiger, direkter junger Mann, der nicht zögerte, auch seine eigene Organisation zu kritisieren, wenn er das Gefühl hatte, sie fülle ihre Führungsrolle nicht korrekt aus. Er erinnerte sich, dass »diejenigen unter uns, die in den Sechzigern in den Lagern waren, kein profundes Verständnis der Probleme haben. Die meisten von uns waren jung, in ihren Zwanzigern. Wir waren ungeduldig und wollten handeln. Erzählt uns nicht, es gebe keine Wege, haben wir immer gesagt. Wir müssen dazu eingesetzt werden, um Wege zu finden. Dafür wurden wir ausgebildet.«23

Hani wurde für jene MK-Soldaten zu einem Sprachrohr, die das Gefühl hatten, die Führung sei zu selbstgefällig. Nachdem er eine formelle Petition eingereicht hatte, geriet er mit der Lagerleitung in Konflikt und wurde von seiner eigenen Organisation für eine Weile in Gewahrsam genommen. Allerdings ließ man ihn wieder frei, als seine Bitte die höheren Ränge der ANC-Funktionäre, namentlich Oliver Tambo und Joe Slovo*, erreicht hatte.

Im August 1990 kehrte Hani für eine große Mehrheit der Südafrikaner als Held nach Südafrika zurück. Mehrere damals durchgeführte Umfragen zeigen, dass er mit Abstand der zweitbeliebteste Politiker im Lande war.24 Im Dezember 1991 wurde er Generalsekretär der SACP.

Hani [verbrachte] die letzten Jahre seines Lebens unermüdlich damit, landauf, landab vor Menschen zu sprechen, bei Dorfversammlungen, vor Betriebsräten, Stadträten und Straßenkomitees. Er setzte all seine Autorität und sein militärisches Prestige dazu ein, die Verhandlungen zu verteidigen, und diskutierte häufig geduldig mit überaus skeptischen Jugendlichen oder Gemeinschaften, die stark unter der Gewalt der Third Forcexvi litten. In ihrem Begnadigungsgesuch an die Wahrheits- und Versöhnungskommission* gaben die beiden verurteilten Mörder von Hani – Janusz Walus´ und Clive Derby-Lewis – zu, sie hätten gehofft, die Verhandlungen zum Scheitern zu bringen, indem sie eine Welle von Rassenhass und Bürgerkrieg lostreten würden. Es spricht für die Reife der Südafrikaner, welcher Überzeugung sie auch sein mochten, und ist insbesondere ein Tribut an das Andenken Hanis, dass sein Tod, tragisch, aber doch eine Tatsache, unserer ausgehandelten Einigung endlich die nötige Aufmerksamkeit und Dringlichkeit brachte.25

War schon der Prozess bis zu einer Einigung über das Datum der Wahl beschwerlich und mit Opfern übersät gewesen, so stellte es sich als noch steinigerer Weg heraus, eine inhaltliche Einigung zu erreichen. 1993, während die Wahlen immer näher rückten, wuchs die Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Aufstands von Rechtsgerichteten. Obwohl schon zahlreiche Hindernisse aus dem Weg geräumt waren, schien das Potenzial für einen erneuten Gewaltausbruch und die Störung der Wahl gegeben zu sein. Die zerbrechlichen Konditionen zur Errichtung einer legitimierten Regierung der Nationalen Einheit (Government of National Unity, GNU) waren gerade erst ausgehandelt worden und mussten noch konsolidiert werden.

Auch Mandela machte sich große Sorgen über die Situation. Er schreibt: »Eine dunkle Wolke hing über Südafrika. Sie drohte alle Erfolge, die die Südafrikaner in Hinblick auf die friedliche Transformation des Landes erreicht hatten, zu behindern oder gar zunichtezumachen.«26

Chris Hanis Leiche war – bildlich gesprochen – noch nicht richtig kalt, als rund einen Monat nach seiner Ermordung vier ehemalige Generäle der South African Defence Force (SADF), darunter auch der weithin respektierte frühere Armeechef Constand Viljoen*, einen Ausschuss der Generäle gründeten, die Afrikaner Volksfront (AVF)*. Dies konnte man als Reaktion auf den hohen Blutzoll verstehen, der auf Hanis Ermordung folgte, denn in der Presse war zu lesen, dass sich unter den mehr als fünfzehn Menschen, die am Tage von Hanis Beisetzung ums Leben gekommen seien, auch einige weiße Opfer befunden hätten. Erklärte Absicht der Generäle war es, die burischen Elemente zu vereinen, die sich von de Klerks National Party enttäuscht zeigten, sowie einen Volkstaat, ein Homeland für die Buren, auszurufen. Ein Großteil der Presse, am ausführlichsten die Weekly Mail, verstand diese Initiative als Signal für eine Abspaltung.27

Mandela gingen Geheimdienstberichte zu, »denen zufolge die rechtsgerichteten Afrikaaner entschlossen waren, die anstehenden Wahlen gewaltsam zu verhindern. Um auf der sicheren Seite zu sein, muss der Präsident einer Organisation die Richtigkeit solcher Berichte überprüfen. Das habe ich getan, und als ich feststellen musste, dass sie korrekt waren, entschloss ich mich zu handeln.«28

Laut dem Historiker Hermann Giliomee hatte Mandela zudem erfahren, dass »Viljoen plante, die Wahlen zu stören, de Klerk als Anführer abzusetzen und die Verhandlungen neu zu beginnen«29. Einige glaubten, er könne 50.000 Männer der Active Citizen Force oder Reservisten mobilisieren, dazu einige reguläre Armee-Einheiten. In seinem Buch The Afrikaners berichtet Giliomee, wie zwei einflussreiche Generäle die Auswirkungen eines bewaffneten Widerstands debattiert hätten:

In einer Besprechung warnte General Georg Meiring*, der Oberkommandierende der Defence Force, die Regierung und den ANC vor den entsetzlichen Konsequenzen, die Viljoens Opposition für die Wahlen haben könnte. Um Viljoen, vor dem er »höchsten Respekt« habe, umzustimmen, traf sich Meiring wiederholt mit ihm. Bei einer dieser Zusammenkünfte erklärte Viljoen ihm: »Sie und ich und unsere Männer können das Land innerhalb eines Nachmittags übernehmen.« Daraufhin antwortete Meiring: »Das ist tatsächlich so, aber was machen wir am Morgen nach dem Staatsstreich?« Das demographische Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen, der intern ausgeübte Druck von anderer Seite und all die hartnäckigen Probleme wären noch immer da.30

Mandela wusste nur zu gut, dass man einen wild entschlossenen Gegner, der darauf aus ist, Chaos zu stiften, nicht unterschätzen sollte, vor allem dann nicht, wenn sich dieser Gegner als jemand verstand, der mithilfe eines Kreuzzugs seinen verblassenden Ruhm retten wollte. Auf der Suche nach einer Lösung mochte Mandela an einige getreue Anhänger gedacht haben wie etwa Chief Albert Luthuli*, den Friedensnobelpreisträger, dessen Verantwortung für den ANC mit den schwierigsten Zeiten in den 1960er-Jahren zusammenfiel. Was hätte er in einer solchen Situation getan? Oder Oliver Tambo, sein Freund und Genosse, der am 24. April, kaum zwei Wochen nach Chris Hanis Beisetzung, verstorben war: Welche Maßnahmen hätte er empfohlen?

Als er seine Entscheidung traf, muss Mandela das Echo von Martin Luther King jrs Worten vernommen haben, die dieser bei seiner Nobelpreisrede am 11. Dezember 1964 gewählt hatte.

»Gewalt als Weg, Rassengerechtigkeit zu erlangen, ist sowohl unpraktisch als auch unmoralisch«, hatte Dr. King erklärt. »Ich bin mir durchaus bewusst, dass Gewalt häufig kurzfristige Erfolge bringt. Nationen haben oft durch einen Kampf ihre Unabhängigkeit erlangt. Doch trotz dieser vorläufigen Siege führt Gewalt niemals zu dauerhaftem Frieden. Sie löst auch kein soziales Problem: Sie schafft nur neue und noch kompliziertere. Gewalt ist unpraktisch, denn sie entwickelt sich zu einer absteigenden Spirale, die alles zerstört.«31

Um dieser Zerstörung zuvorzukommen, musste Mandela sich der Hilfe von jemandem versichern, den die extreme Rechte hochachtete. In den Townships war es Alltag, mit den Handlangern des Bosses zu verhandeln, um ein wenig Aufschub zu bekommen.

»Ich flog hinüber nach Wilderness«, schreibt Mandela, »zum Alterssitz des ehemaligen Präsidenten Pieter Willem Botha [und] erinnerte ihn an die Erklärung, die wir im Juli 1989 gemeinsam herausgegeben hatten, während ich noch im Gefängnis saß. In diesem Kommuniqué hatten wir uns verpflichtet, gemeinsam für den Frieden in unserem Land zu arbeiten.«32

Die 25-minütige Fahrt vom George Airport nach Wilderness führt über eine wunderschöne Strecke. Man sieht Strände, Gebirgspässe, unberührte Flüsse und die berühmte geschwungene Eisenbahnbrücke, die den Kaaimans River überquert, der bei Wilderness ins Meer mündet. Diese Landschaftsbilder werden von dem plötzlichen Auftauchen illegaler Siedlungen unterbrochen, die sich entlang der Schnellstraße N2 hinziehen. Es war ein Samstagnachmittag, und Mandela dürfte beobachtet haben, wie Menschen umherschlenderten und der Verkehr über die Straße brauste.

Bothas Ruhesitz, genannt »Die Anker« (der Anker), liegt unmittelbar neben einem kostbaren, geschützten Feuchtgebiet und bietet eine beeindruckende Aussicht über die Seen, die sich von Wilderness bis hinüber nach Sedgefield erstrecken. Genau dies, so wird Mandela wohl gedacht haben, ist die Art von Privileg, an dem die Rechtsgerichteten festhalten wollen und das sie mit Zähnen und Klauen als ausschließliche Domäne für das volk zu bewahren suchen. Doch nun musste er sich erst einmal an die Arbeit machen. Er fuhr zu seinem Treffen mit Ex-Präsident Pieter Willem Botha.

Mandela schreibt: »Ich informierte ihn, dass der Frieden nun von Seiten der Rechtsgerichteten bedroht sei, und bat ihn einzugreifen. Er zeigte sich kooperativ und bestätigte mir, dass einige Afrikaaner entschlossen seien, die Wahlen zu verhindern. Allerdings, so fügte er dann hinzu, wolle er diese Frage nicht mit mir allein besprechen, und schlug vor, ich solle Präsident Frederik Willem de Klerk, Ferdi Hartzenberg und den General mitbringen.

Ich wiederum regte an, auch den Führer der extremen rechten Afrikaaner, Eugène Terre’Blanche*, einzubeziehen, mit der Begründung, dieser sei ein rücksichtsloser Demagoge, der zu diesem Zeitpunkt mehr Menschen erreichen könne als Präsident de Klerk. Auf diesen Vorschlag reagierte der ehemalige Präsident derart ablehnend, dass ich meine Idee fallenließ.«33

Mandelas Treffen mit Botha in dessen Garten kann nicht ohne Meinungsverschiedenheiten in bestimmten Fragen über die Bühne gegangen sein. Dennoch war in der Presseberichterstattung von Herzlichkeit die Rede, die das zweistündige Gespräch geprägt habe. Das dürfte vermutlich ebenso viel mit Realpolitik wie mit Kultur zu tun gehabt haben, denn die beiden Siebzigjährigen standen sich im Alter recht nahe und verfügten über einen ähnlichen Erfahrungsschatz bezüglich der südafrikanischen Geschichte, auch wenn sich ihre Ansichten unterschieden. Mandela wusste zudem, dass sich P. W. Botha zu Beginn seiner Amtszeit als Präsident selbst den Mantel des Reformers übergeworfen hatte, als er seinen berühmten Aufruf startete, seine aufsässigen Anhänger müssten sich anpassen oder sterben.34 Mit der Zeit hatten sich seine Ansichten verhärtet, vor allem dadurch, dass sein unklug agierendes Dreikammern-Parlament zu Widerstand und der Geburt der UDF führte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich selbst bereits als jähzornigen und halsstarrigen alten Mann inszeniert. In ihren Kommentaren zum Treffen mit Mandela erkannten die Journalisten aber an, »dass Mr. Botha, der zwar noch ein wenig Einfluss auf die extreme Rechte ausüben kann, weitaus mehr bei der South African Defense Force zu bewirken vermag, die er mit außergewöhnlicher Hingabe viele Jahre kommandierte. Berichten zufolge stehen einige der Generäle, ehemalige und aktuelle, weiterhin in herzlichem Kontakt zu ihm.«35

»Ich reiste nach Johannesburg zurück«, schreibt Mandela, »und rief umgehend Präsident de Klerk an, um ihn über Bothas Einladung zu informieren. Er stand der Idee, den ehemaligen Präsidenten zu treffen, genauso ablehnend gegenüber, wie dieser es Terre’Blanche gegenüber gewesen war. Daher trat ich an den progressiven afrikaanischen Theologen Professor Johan Heyns heran, um den General, Hartzenberg, Terre’Blanche und mich selbst zusammenzubringen. Terre’Blanche war jedoch zu keinem Zugeständnis bereit und verweigerte jedes Treffen mit mir, einem Kommunisten, wie er sagte.«36

Mandela erkannte sehr wohl die Ironie, die in der Tatsache lag, dass ein ehemaliger Sträfling nicht nur zwischen der unruhigen schwarzen Mehrheit und der Regierung vermittelte, sondern auch zwischen de Klerk und dem kriegerischen rechten Flügel, der dazu bereit schien, alles in die Luft fliegen zu lassen. Die jahrzehntelange rückwärtsgerichtete Politik der National Party war eine schrille Pfeife gewesen, auf die die Hunde des Hasses nun in Ventersdorp reagierten, der Heimatstadt von Terre’Blanche. Mandela kannte die Rhetorik der Verachtung, die Terre’Blanche und seine Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB, Afrikaaner Widerstandsbewegung) ausspien. Er hatte mitangesehen, wie sie Mitte 1993 mit einem gepanzerten Fahrzeug durch die Fensterscheiben des World Trade Centre in Kempton Park, Gauteng, gefahren waren und das Haus gestürmt hatten, um die dort stattfindenden Verhandlungen zu stören.

Unbeschadet dessen, dass er de Klerk als Verhandlungspartner anerkannte, zeigte sich Mandela unbeeindruckt von dessen Umgang mit der Bedrohung von rechts außen. In einem vorausschauenden Interview mit dem Time Magazine war er fünf Tage nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis gefragt worden, ob er de Klerks Ängste vor der rechten Bedrohung für gerechtfertigt halte. Mandela erklärte sie für übertrieben. Auch wenn die Bedrohung durchaus real sei, so würde de Klerk sie doch ausschließlich aus der Perspektive der weißen Süßafrikaner betrachten, vor allem aus der der Buren. Würde de Klerk ein nicht-rassistisches Südafrika willkommen heißen und anfangen, die Herausforderungen aus Sicht der Schwarzen zu betrachten, nähmen seine Ängste rasch ab, so Mandela weiter.37

Es gibt einen Ausdruck, der unter der schwarzen Bevölkerung Südafrikas gerne zur politischen Mobilisierung verwendet wird und dabei in fast allen Sprachgruppen existiert, sei es nun auf Nguni, Sesotho oder Xitsonga. Bei den Nguni sagen die Menschen »Sihamba nabahambayo«, was auf isiZulu schlicht bedeutet: »Wir nehmen die mit, die für die Reise mit uns bereit sind.«

»Ha e duma eyatsamaya« (»Wenn der Motor anfängt zu dröhnen, fährt dieses Fahrzeug los«)

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Dare Not Linger - Wage nicht zu zögern" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen