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Dampfschiff nach Argentinien

Über das Buch

Als der aus Moskau kommende Erzähler Ende der 80er Jahre in Paris den Exilrussen Alexandre Vosco trifft, kennt er nicht einmal den Namen des weltberühmten Architekten. Doch Jahre später lassen ihn die Erinnerungen an Voscos Erzählungen während dieser einzigen Begegnung nicht mehr los: die unbeschwerte Kindheit im Baltikum, der Freund Wladimir Grawe, den Vosco im russischen Bürgerkrieg aus den Augen verlor und 1950 wie durch ein Wunder unter den russischen Displaced Persons auf einem Schiff nach Argentinien wiedertraf. Wer war dieser Vosco, der ins Exil nach Paris und Argentinien ging, zwei Kinder mit ganz unterschiedlichen Frauen hatte und mit seinen Bauwerken die Architektur revolutionierte? Alexei Makushinsky erzählt die schillernde Lebensgeschichte eines weltberühmten Architekten. Ein Weg voller Brüche, Begegnungen und Inspiration, und ein atemberaubendes Panorama des 20. Jahrhunderts.

ALEXEI MAKUSHINSKY

DAMPFSCHIFF NACH ARGENTINIEN

Roman

Aus dem Russischen von Annelore Nitschke

Carl Hanser Verlag

1. KAPITEL

O welcome, Messenger! O welcome, Friend!

A captive greets Thee, coming from a house

Of bondage, from yon City walls set free,

A prison where he hath been long immured.

Was auch sein Auftrag – keinem kann die Brise

Willkommner sein als mir, der ich entfloh

Der weiten Stadt, wo lang ich mich gequält

Als unbehaglicher Logiergast.

William Wordsworth

Als die Sowjetmacht zu unserer unaussprechlichen Verwunderung zu wanken begann und ganz plötzlich Löcher im durchgerosteten Eisernen Vorhang erschienen, begab ich mich auf meine erste Auslandsreise, im Herbst des Jahres 1988, zuerst im Zug nach Paris, wo ich einen Monat verbrachte, von dort per Anhalter nach Freiburg, dann nach Konstanz, nach München und zurück nach Konstanz, von Konstanz aus wieder per Anhalter nach Düsseldorf, von Düsseldorf aus schließlich nach Köln, wo ich wieder den Zug bestieg, der mich nach Moskau zurückbrachte. An diesen zweiten Zug erinnere ich mich nur unklar, dafür hat sich mir der erste Zug, der Zug in unbekannte Länder, in die freie Welt, wahrscheinlich für mein ganzes Leben eingeprägt – obwohl, wer könnte sich dafür verbürgen, mit der Zeit nicht die schönsten und lebhaftesten Erinnerungen zu verlieren? Einmal aufgeschrieben, wachsen dennoch ihre Chancen, nicht unter den Halden des Vergessens zu verschwinden, das wie Sand jedes Leben verweht, auch das meinige. Die Wüste wächst, schrieb Nietzsche … Von den drei Menschen, die mich am Weißrussischen Bahnhof in Moskau verabschiedeten, sind zwei nicht mehr am Leben. Wir standen alle vier auf dem, oder habe ich es nur so in Erinnerung, in goldenes Herbstlicht getauchten, wenn auch mit Spuckflecken, Papierschnipseln und Zigarettenstummeln übersäten Bahnsteig, dabei kehrte ich, der ich abreiste, obwohl noch nicht für immer, aber doch so, als wiese diese zunächst vorläufige und in gewissem Sinn zufällige Reise bereits auf eine andere, endgültige, unwiederbringliche Trennung hin, allen Übrigen das Gesicht zu, schon von ihnen getrennt durch eine unsichtbare, aber deutliche Linie – was vom ironischsten und wohl klarsichtigsten Teilnehmer an der Prozedur sogleich bemerkt wurde – und bestieg dann den Zug, mit jener sorglosen Leichtigkeit, der wir uns in der Jugend so gerne überlassen und damit unsere Bereitschaft für Abenteuer und Wagnisse bekunden, gelockt von der Zukunft, Vergangenes abwerfend, leicht Abschied nehmend und aufbrechend in die blaue Ferne. Das Leben verwandelt sich, schlicht gesagt, nur langsam und allmählich aus Verheißung in Bedauern.

Es gab in diesem Zug natürlich einen Schaffner, damals noch jenen sowjetischen Schaffner im internationalen Waggon, jenen professionell unscheinbar grauen Zugbegleiter, den als Sicherheitsagenten zu sehen, uns die Erfahrung unseres ganzen Sklavenlebens gelehrt hatte. Deshalb galt es, mit einem möglichst großzügigen Obolus für den Tee sein Wohlwollen zu gewinnen – er geizte ja tatsächlich nicht damit, auf Wunsch alle während der gesamten Reise mit Tee, diesem klassischen Eisenbahngetränk, zu versorgen, im Teeglas zusammen mit zwei flachen Zuckerstückchen, die in Papier mit der Ansicht der Kremltürme eingewickelt waren – unveränderliches Attribut des russischen Reisens, eines der behaglichsten Dinge der Welt; unter dem Vorwand nun, jenen noch nicht gebrühten, nicht getrunkenen Tee zu bezahlen, musste man ihm zehn Rubel geben, manchmal ganze fünfundzwanzig (einen Viertelhunni zustecken, wie es in der Sprache der Epoche hieß), wobei selbige Form der Schicksalsbestechung auf der Rückfahrt mehr Sinn hatte, sofern sie überhaupt sinnvoll war, wenn der Koffer des gebildeten Reisenden etwa kostbare Ausgaben von IMKA-Press und Ardis enthielt, den dreibändigen Mandelstam, die Wechi (Wegzeichen), Berdjajew, Samjatin; der von dir bestochene Schaffner bedeutete dann, so glaubte man, den Grenz- und Zollbeamten in Brest, nicht dein Abteil, sondern zum Beispiel das der Nachbarn zu filzen. 1988 interessierten sich die Grenz- und Zollbeamten übrigens nur für materielle Güter, Kassettenrekorder und Synthesizer, die Bücher schauten sie kaum noch an (überflügelten folglich die Epoche, indem sie die Perestroika übersprangen und die neunziger Jahre vorwegnahmen). Doch auch auf der Hinfahrt wollte ich das Filzen vermeiden – wovor mich der dem Schaffner zugesteckte Viertelhunni in der Tat bewahrte, so dass ich, nachdem ich in Brest den endlosen Räderwechsel abgewartet hatte – der von den russischen Gleisen gehievte Waggon hing meiner Erinnerung nach eine Ewigkeit in der Luft, im Niemandsland und abstrakten Raum, bevor er auf den europäischen aufsetzte –, in Ruhe durch das langweilige, flache Polen reisen konnte, vielmehr hätte reisen können, den ganzen langen Tag, der leider doch nicht ohne einen kleinen Zwischenfall ablief und andere Aufregungen mit sich brachte. Ich weiß nicht, ob diese Waggons und diese Abteile heute noch existieren; in der damaligen, jetzt schon historischen Epoche waren die internationalen Waggons, die der einfache Sowjetbürger kaum kannte, niedriger als die normalen, sie bestanden aus schmalen Abteilen mit zwei Liegen – eine über der anderen – und einem Sitz an der Wand gegenüber; neben dem Sitz führte eine Tür in den nach billiger Seife riechenden Waschraum, den sich die Bewohner des einen Abteils mit den Bewohnern des jeweils hinter dem Waschraum liegenden teilten. Wie sollte man da nicht an Bunins Erzählung denken, in der die Heldin, die irgendwann im Zauberjahr 1911 mit ihrem Geliebten ins Ausland reiste, durch solch einen Waschraum aus einem Abteil ins andere wechselte (in der alten Sowjetunion hatte sich, wie seltsam oder traurig es auch klingen mag, manch kostbarer Nachhall der Vergangenheit erhalten – der dann sofort endgültig verklang, als die Sowjetunion zusammenbrach). Die Heldin wurde, wie wir uns erinnern, später von einem anderen Liebhaber, einem österreichischen Schriftsteller, in Wien erschossen … Es gab Abteile erster und zweiter Klasse, wobei die erste zur zweiten wurde, wenn sich zwei Fahrgästen ein dritter zugesellte, der auf der Klappliege schlief, die tagsüber zwischen der oberen und der unteren Liege an der Wand befestigt war und nachts heruntergeklappt an verdächtig ausgefransten, speckigen Riemen aus festem Stoff hing; drei Fahrgäste schliefen dann folglich übereinander, wie wahrscheinlich unter Deck eines Dampfschiffs (zum Beispiel unterwegs nach Argentinien …) die ärmsten, rechtlosesten Passagiere schlafen. Der Preisunterschied zwischen erster und zweiter Klasse war übrigens geringfügig. Es kam jedoch zu unklaren Platzwechseln und Umbelegungen; jemand zog aus irgendeinem Grund von Abteil zu Abteil, aus einem Wagen in den anderen; irgendetwas führten die Schaffner, zum eigenen Vorteil, wie es ihnen generell eigen ist, im Schilde.

Zu Anfang reiste ich mit jemandem, an den ich mich nicht mehr erinnere, dann war ich allein, dann, schon in Polen, tauchte im Abteil ein älterer, bärtiger, großgewachsener und wichtigtuerischer, verschwitzter und unverschämter georgischer Maler auf, den ich zuvor schon dabei beobachtet hatte, wie er seine riesigen, in graugelbes Papier verpackten und mit schmutziger Kordel verschnürten Bilder, Koffer, Reisetaschen und Schachteln aus einem Wagen in den anderen schleppte, mit Hilfe eines anderen ebenfalls bärtigen Mannes, dem Aussehen nach ebenfalls Künstler, jedoch von kleinerem Wuchs und niedrigerem Rang. Sein Bart war schütterer und er war in Begleitung einer hübschen französischen Ehefrau mit einem unruhigen Säugling auf dem Arm. Was, Sie reisen mit uns?, fragte der Maler und starrte mich mit einer Miene an, als sei er in höchstem, allerhöchstem, er könne gar nicht sagen, wie hohem Maße erstaunt über die Anwesenheit eines Brillenträgers mit einem französischen Buch in der Hand. Eher Sie mit mir, sagte ich, von Chateaubriand aufblickend. Es roch brenzlig. Der Maler schleuste seine gesamte Suite mit allen Koffern, Kartons, Schachteln und Bildern ins Abteil – sie reisten offenbar für immer aus – und forderte, die dritte Liege herunterzuklappen, um alles darauf verstauen zu können; ich bemerkte, wir seien nicht im Viehwagen und überhaupt hätte ich für die erste Klasse bezahlt. Es roch immer stärker nach einem Eklat. Im Bürgerkrieg ist man auch nicht so gereist, stell dich also nicht an, antwortete der Maler. Ziemlich unbedacht entgegnete ich, dass der Bürgerkrieg meines Wissens vorbei sei und wir uns nicht duzten. Die Französin mischte sich ein. Der Lack der Zivilisation (de la civilisation) blättert erstaunlich leicht von den Vertretern und Vertreterinnen der aufgeklärtesten Nation ab, wenn ihnen etwas nicht passt. Der dem diensteifrig unscheinbar grauen Schaffner zugesteckte Viertelhunni zeitigte seine Wirkung; nachdem ich mit seiner Hilfe in ein anderes Abteil umgezogen war, wo sich wundersamerweise ein freier Platz fand, verbrachte ich den Rest des Tages im Gespräch mit einer sogar recht hübschen jungen Frau mit Löckchen und Sommersprossen, deren Finger allerdings vom starken Rauchen abstoßend gelb verfärbt waren (ihre Finger waren an die dreißig Jahre älter als sie); sie arbeitete, wie sich herausstellte, als Cutterin im Filmstudio »Mosfilm«, wo ich selbst einmal ein halbes Jahr als Regieassistent (»Knarre«) gearbeitet hatte – eine der verrücktesten und wohl sinnlosesten Episoden meiner Jugend, verrückt und sinnlos wie jede andere –, so dass wir in der Tat jede Menge Stoff zum Reden (Klatschen) hatten, im Abteil sitzend, während draußen vor dem Fenster das flache Polen vorüberzog, oder beim Rauchen auf der Plattform stehend, im dicken Mief nach allen dort gerauchten Zigaretten und allen gelöschten, ausgedrückten und in ein besonderes Eimerchen geworfenen Stummeln, wo vor dem kleinen schmutzvergrauten, verräucherten Fenster auch das flache Polen vorüberzog und wohin sich meine Reisegefährtin edelmütig ohne mich entfernte, spät abends, nachdem wir die ekelhafte Grenze zwischen Polen und der DDR passiert hatten – Passkontrolle! Taschenlampe knallhart ins Gesicht –, durch den diesigen Osten des Landes des real existierenden, bald schon zum Untergang verdammten Sozialismus gefahren waren, durch das fürchterliche, dunkle, anscheinend von allen – Menschen wie Gespenstern – verlassene Ostberlin hindurch.

Nach einer neuerlichen Passkontrolle fuhren wir endlich ins hell in den Lichtern der Freiheit erstrahlende Westberlin ein, und draußen auf dem Bahnsteig entdeckte ich meinen alten Freund Manfred L. mit einer Flasche »Mumm« in der linken und zwei gekreuzten Sektgläsern in der rechten Hand, diesen Sekt tranken wir auf dem kurzen Abschnitt zwischen den Bahnhöfen Berlin-Zoo und Berlin-Wannsee aus, wo er vor dem erneuten Einlaufen des Zuges in die Dunkelheit der DDR ausstieg und ich noch etwa fünf Minuten – der Zug fuhr aus irgendeinem Grund nicht an – durchs Fenster beobachtete, wie er sich mit einem urplötzlich auf dem menschenleeren Bahnsteig aufgetauchten Bahnbeamten auseinandersetzte, der seinen Fahrschein kontrollieren wollte. Manfred, damals noch jung, in einer abgewetzten Lederjacke und sehr komischen gelben Hosen, winkte mir mit der einen Hand zu, die immer noch die gekreuzten Gläser hielt, und zeigte mit der anderen freien Hand dem Beamten, dass er den Fahrschein schon weggeworfen hatte, vielmehr wie er diesen Fahrschein, der natürlich völlig hypothetisch war, weggeworfen hatte: über die Schulter, mit einem forschen raschen Schwung der im Abendwind geröteten Hand, die mit marionettenhafter Geschwindigkeit wieder und wieder aus dem kurzen, heraufgerutschten Ärmel seiner Lederjacke fuhr; als sich der Zug schließlich in Bewegung setzte, stand Manfred immer noch da und winkte mit der einen Hand in meine Richtung, von links nach rechts, und mit der anderen über seine Schulter als Argument für den Beamten, der ihm offenkundig nicht glaubte, jedoch den Bahnsteig beharrlich mit den Augen absuchte, in der Hoffnung, diesen Fahrschein vielleicht doch noch zu entdecken, der schon längst und für immer vom Wind der Einbildungskraft weggeweht worden war.

Am Morgen war schon der Kölner Dom vor dem Fenster zu sehen; dann kam Belgien, das mir im golden und purpurn flammenden Herbst so schön erschien, wie es mir später nie wieder erscheinen sollte, und der Zug, der sich nun endgültig von seiner russischen Art, über die Schienenstöße zu rattern, verabschiedet hatte, glitt leise und ohne Eile und ohne zu schaukeln an irgendwelchen Kanälen entlang, wenn ich mich recht erinnere, oder an der Maas mit den in der Sonne flammenden Backsteinhäuschen am anderen Ufer, und auf Bahnhöfen, wo wir einen Augenblick anhielten, riefen fröhliche Bahnarbeiter, die alle wie ein Mann auf den Bänken saßen, sichtlich faulenzend oder rauchend oder belegte Brote essend, die sie aus Alufolie auspackten, die ihrerseits in der Sonne blinkte, den an den Wagentüren stehenden Schaffnern zu, die nach der Ankunft in der freien Welt anscheinend ebenfalls milder gestimmt waren: Ça va? Ça va? Wie geht’s? und die Schaffner warfen einander Blicke zu, mit denen sie sich gutmütig-verächtlich über die dummen Ausländer amüsierten, und riefen zurück: sowa, sowa, filin, filin (Eule, Eule, Uhu, Uhu) … sie hatten einen solchen Spaß an ihrem eigenen platten Humor, dass einer von denen, die von der anderen Seite des unsichtbaren, bereits löchrigen, aber immer noch sehr Eisernen Vorhangs herüberschrien, schließlich etwas zurückrief, was sich anhörte wie: philine, philine … offenbar in der Annahme, das heiße auf Russisch Servus oder Tschüss oder vielleicht Hau ab … Natürlich dachte der Rufer mit keinem Gedanken an die unvergessliche Philine aus den »Lehrjahren« , an die ich als unfreiwilliger Zeuge der ganzen Szene während der weiteren Reise immerzu denken musste, und zwar nicht nur, weil ich Wilhelm Meisters Lehrjahre damals für den wichtigsten europäischen Roman hielt und ständig wieder las, sondern vor allem, weil ich mich selbst mit meinen damals achtundzwanzig Jahren, am Ausgang der Jugend und ohne zu ahnen, dass ich mich schon sehr bald anders fühlen würde, als Held eines »Bildungsromans«, als Wilhelm Meister empfand, der sich auf die Reise begeben hatte, auf die Suche nach Abenteuern und sich selbst, bereit, jeder Philine, Mignon und Natalia zu begegnen, dem Harfner, Laertes und Jarno, als Teilhaber an einer großen sinnvollen Bewegung, in der sich alle Dissonanzen, sagen wir es so, mit Gewissheit einmal auflösen werden – schon bald! – in einer allumfassenden, alles rechtfertigenden Harmonie; und da unser Waggon, der an immer neue und andere Züge angehängt wurde, der letzte war, stand ich lange, wie ich noch weiß, auf der hinteren Plattform und schaute auf die enteilenden, entschwindenden, gleichsam hinter uns irgendwo versinkenden und wie zuvor in Sonnenlicht getauchten Hügel, auf die erhaben leuchtenden Wälder, auf ein Märchenschloss und noch ein weiteres, das nicht minder märchenhaft war, und später, als ich von der Reise zurück war, stellte ich mir oft vor, was gewesen wäre, wenn ich – oder sonst jemand – geflohen und hinausgesprungen wäre, aus dem Zug zum Beispiel, oder einfach in einem Bahnhof ausgestiegen wäre, mitten in dieser mythologischen Landschaft, in diesem von irgendjemandem erfundenen Belgien – der Beginn der Aventiure, im mittelalterlichen Sinn und im Sinn des Ritterromans; der Held, der sich auf die Suche nach sich selbst und dem Gral macht …, so oft stellte ich mir all das vor, dass ich es schließlich, wahrscheinlich zwei oder drei Jahre danach, im Traum sah, in einem jener überklaren, hochbedeutsamen Träume, von denen uns nur wenige im Leben vergönnt sind und von denen ich in meinem Leben vielleicht nur zwei oder drei hatte; und in diesem Traum tauchte, als ich gerade versuchte, die rückwärtige Tür zu öffnen, vor der die mythologischen Hügel draußen fortwährend ins Nichts davonflogen, hinter meinem Rücken der Schaffner auf, im Traum noch genauso unscheinbar grau, wie er im Wachen gewesen war, und bat mich in höflichem, schmeichelndem Ton, die Tür nicht zu berühren, ich würde sie doch nicht öffnen können, vor allem aber habe er, der Schaffner, sich verpflichtet, mich unbedingt nach Lutetia, statt Paris sagte er aus irgendeinem Grund Lutetia, zu bringen, wohin ich ja selbst gelangen wollte und recht daran täte: Lutetia, sagte der Schaffner meines Traumes und ging dabei endgültig zum Latein über, ist die größte und schönste Stadt der Welt, Lutetia Parisiorum, sagte der Schaffner immer wieder, urbs grandissima atque pulcherrima est.

2. KAPITEL

I have come to the borders of sleep,

The unfathomable deep

Forest where all must lose

Their way, however straight

Or winding, soon or late;

They cannot choose.

Ich kam bis zu den Grenzen des Schlafes,

Des unergründlich tiefen

Waldes, wo alle ihren Weg

Verlieren müssen, ob dieser gerade

Oder gewunden war, früher oder später;

Sie haben keine Wahl.

Edward Thomas

Ich lernte Viviana am dritten oder vierten Tag meines Aufenthalts in Lutetia kennen; auf den ersten Blick gefielen wir einander wohl nicht. M., mein unendlich entfernter Verwandter, der Enkel eines seinerzeit vor den Bolschewiken geflüchteten Cousins meiner Großmutter, brachte mich mit einem gewissen Pierre-Paul zusammen, und Pierre-Paul dann mit Viviana; sie alle hatten komischerweise mit Comics zu tun und betrieben dieses Metier mit komischer Ernsthaftigkeit. Pierre-Paul, mit dem ich am Tag meiner Bekanntschaft mit Viviana in einer nach Pariser Maßstäben relativ billigen, lauten, vielbesuchten Pizzeria Ecke, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, Place Saint-Michel und Quai des Grands Augustins saß, war ein kleiner flinker Bretone, stets schlagfertig und zu einer sarkastischen Antwort aufgelegt, sehnig, muskulös, mit schönen Bewegungen seiner hageren Hände; genauso schnell, böse und gelegentlich brillant zeichnete er seine Supermen, kantigen Scheusale und mit den Wimpern klimpernden Schönheiten. Aus dem Gespräch mit ihm und aus Gesprächen mit anderen hatte ich gelernt, dass die Welt der Comics, auf Französisch »gezeichnetes Band«, bande dessinée oder abgekürzt BD – Paris wurde damals von der Vorliebe für snobistische Abbreviaturen beherrscht –, dass diese mir bis dahin vollkommen unbekannte Welt, die näher kennenzulernen ich, wie ich zugeben muss, keinen besonderen Drang verspürte, dass diese Welt ihre Helden, ihre Genies, ihre Heiligen, Heroen und Verräter hat, ihren Shakespeare, ihren Dante, ihren Raffael, ihre unnachahmlichen amerikanischen Vorbilder und armseligen europäischen Nachahmungen, ihre Avantgarde und ihre Konservativen, ihre Rebellen und Anführer. Über einen Luigi mit italienischem Nachnamen sprachen sie, als wäre er nicht Luigi, sondern Leonardo und als zeichnete er keinen Superman und Batman, sondern die Gioconda und das Abendmahl; sie alle, dieser Italiener, den ich später kennenlernte, Pierre-Paul, Viviana und M. lebten nicht nur in ihrer komischen Batman-Superman-Welt, in ihrer Welt der Karikaturgespenster, der geharnischten Schurken, die nach allen Seiten mit hypertrophierten Revolvern feuerten, in der Welt von Jacks Abenteuern auf dem Mars und Bobs Erlebnissen im Land der Träume, der Sprechblasen mit Ausrufen und Flüchen, der Umarmungen und gezackten Blitze, der Drohgrimassen und schrecklich lächelnden Visagen, der phantastischen Städte und homerischen Wolkenkratzer, die auf quiekende Mäuse oder Kätzchen oder die alten Römer einstürzten, die aus unerfindlichem Grund in die Zukunft aus Glas und Beton herübergeflogen waren, nicht nur in dieser märchenhaften und komischen Welt lebten meine Bekannten, sondern überhaupt in einer Welt, die mir ebenso unecht erschien wie ihre Comics und Vampire, in einer sehr pariserischen Welt natürlich, die dennoch seltsam weit entfernt, oder schien es mir nur so, von dem Paris war, das draußen vor den Fenstern beispielsweise unserer Pizzeria strömte, funkelte und in allen Sprachen unserer postbabylonischen Erde schrie, flüsterte und grölte. Diese Welt, in der sie berauscht lebten, war zum Teil die Welt der Mode, zum Teil die Welt des Undergrounds, der auch in gewisser Weise zur Mode geworden war. Im Grunde war es die Zugehörigkeit zu dieser Welt, die, wie ich sehr rasch verstand, als höchster Wert galt. Man musste vor allem dazugehören, zugeschaltet und einbezogen sein, eben branché, also im Spiel sein, angeschlossen an die unsichtbaren und belebenden Energiequellen, die einem durch die Teilnahme am Spiel geschenkt werden und zugleich die Kraft spenden, daran teilzunehmen. Das Wörtchen branché, damals wie heute in Mode, bedeutet ja im Grunde den Anschluss ans Stromnetz; es war übrigens schon damals Mode, dieses Wörtchen umzudrehen, seine Silben zu vertauschen und branché in chébran umzuwandeln – nicht nur eine Vorliebe für Abbreviaturen, sondern auch für krasse Silbenvertauschungen beherrschte damals Paris. Aus letzterem entstand eine besondere Sprache, die ich bei meinem ersten Parisaufenthalt mit Vergnügen lernte, eine Sprache, die man, vielmehr die sich selbst verlan nannte, eine Silbenverdrehung des französischen Worts l’envers, »umgekehrt«. Eigentlich charmant, so schien mir, und Verlaine nicht weit entfernt …

Das andere Wörtchen, das mir meine neuen Bekannten sofort beibrachten und das für sie unglaublich wichtig war, lautete BCBG oder bécébégé, die Abkürzung für bon chic bon genre, was ungefähr »Schick mit Stil« bedeutet. Alles, was schick war und Stil hatte, mussten die Glückspilze besitzen, die unter diese Definition fielen, Schuhe von Bally die Männer und Handtaschen von Hermès die Frauen. BCBG unterscheidet sich jedoch von branché, obwohl das eine mit dem anderen natürlich zusammenhängt. Branché (oder hol’s der Teufel chébran) war man, wenn man sich zwei oder drei Schals gleichzeitig um den Hals schlang (überhaupt: »Paris ist der Schal«, in der unvergesslichen Definition einer geistreichen Dame); BCBG hingegen erfordert schon eine ganz andere materielle Basis, über die keiner und keine meiner Bekannten verfügte. Branché waren sie also; bécébégé wollten sie alle werden; und sind es seitdem wohl doch nicht geworden. All das hätte man akzeptieren, ja, mögen können, wenn die Unaufrichtigkeit nicht allzu offensichtlich gewesen wäre, die sich in Worten und Andeutungen, raschen Blicken und versteckten Lächeln verriet. Es war ihnen bis zur Pein wichtig, wer wie gekleidet war, wer sich wie benahm, wer wie speiste, wer wen kannte, wer welche Namen nannte, aber sie hätten um keinen Preis, unter keiner Folter gestanden, dass ihnen dies wichtig war. Eine majestätische Geringschätzung und Gleichgültigkeit den Belanglosigkeiten des Lebens gegenüber, die jedem Himmelsbewohner, Asketen oder Heiligen gut angestanden hätte, spielten sie mir und sich vor, in Wirklichkeit aber verfolgten sie diese Belanglosigkeiten mit scheelem, aufmerksamem, missgünstigem Blick, so dass ich, als ich mich, bis dahin vorzüglich im Umgang mit den grauen sowjetischen Makkaroni bewandert, aber ohne die geringste Erfahrung im Aufwickeln von Spaghetti, in der besagten Pizzeria Ecke Quai des Grands Augustins und Place Saint-Michel nach der unbedachten Bestellung vor einem riesigen Teller eben dieser Spaghetti sitzend fand, die zudem endlos lang waren und in einer widerlich glucksenden, spritzenden Tomantensauce schwammen, keine Hilfe von Pierre-Paul bekam, der doch dem erstmals in die Freiheit ausgebrochenen ehemaligen Schüler der allgemeinbildenden Oberschule Nummer soundso einen guten Rat in Sachen gastronomischer Europäisierung hätte geben können. Stattdessen hielt er mit typisch französischen, gleichsam etwas abwehrenden Bewegungen seiner schönen sehnigen Hände einen kurzen Monolog über die Nichtigkeit alles Irdischen, während er selbstverständlich mit raschem, scharfem, vergnügt funkelndem Blick meine Fauxpas beobachtete, sie innerlich nickend und bestätigend begleitete – nichts anderes haben wir vom russischen Bären, ours russe, erwartet –, zufrieden damit, wie wir alle zufrieden sind, wenn sich unsere Erwartungen bewahrheiten und unsere Hoffnungen erfüllen; Vivianas Erscheinen setzte meinen Qualen ein Ende.

Sie hatte nicht vor, mit uns zu speisen, sie war gekommen, um einen Kaffee zu trinken, mit Pierre-Paul beruflich zu reden und dann weiter zu rennen, irgendwohin auf den Montparnasse. Sie war damals schon, aber erst knapp, über dreißig; schön fand ich sie nicht; obwohl ich mir unschwer vorstellen konnte, welchen Erfolg bei anderen Männern, aber leider nicht bei mir, ihre ausgeprägten Jochbeine, ihre eingefallenen Wangen und der schwarze Pony haben mochten. Mir und meinen noch nicht restlos aufgegessenen Spaghetti warf sie einen wilden, schiefen Blick zu, wie eine Stute; ihre ganze Erscheinung hatte etwas rassig Wildes. Branchée und chébran war sie bei alledem in einem Maße, von dem ihre Bekannten wahrscheinlich nicht einmal träumen konnten; sie war über und über mit Schals und Ketten behängt; stets in jenem besonderen Erregungszustand, der durch den Anschluss ans Stromnetz der Mode, an die Quellen des Schicks entsteht. Sie beschäftigte sich auch neben den besagten Comics mit Mode; fertigte Zeichnungen für Modezeitschriften an, entwarf eigene Modelle (»les créations de Viviana«). Sie hieß Viviana mit Betonung auf dem letzten »a«, man durfte auch das erste betonen, es war ihr gleich, doch auf keinen Fall Viviane oder Vivienne sagen. Wer sie Viviane oder Vivienne nannte, war offenbar ihr Feind fürs ganze Leben. Und auch nicht Vivonne?, warf ich ein. Den Namen gebe es überhaupt nicht, was meinte ich denn damit? So nannte Proust das Flüsschen, das durch die mythologische Landschaft seiner Kindheit floss … Am eingetretenen Schweigen erkannte ich, dass ich so etwas lieber nicht sagen sollte. Viviana, kurzum, Viviana Vosco, so und nicht anders.

Viviana ist ein spanischer Vorname, mit anderer Betonung als im Französischen. Ob sie Spanierin sei? Nein, sie sei Französin, antwortete sie sehr energisch und funkelte mich mit wildem Blick an. Ihre Mutter sei Spanierin, genauer Südamerikanerin, und noch genauer Argentinierin. Ihr Vater wiederum Russe, Alexandre Vosco (ein Name, der mir in meiner damaligen Unwissenheit nichts sagte, die Erinnerung daran ist zum Lachen), in Wirklichkeit Alexander Nikolajewitsch Woskoboinikow (Alexandre Nikolaevitch Voskoboinikoff). Da konnte ich mich, wie ich noch weiß, vor Lachen nicht mehr halten. Was denn daran so komisch sei? Ihr Vater, Alexander Nikolajewitsch Woskoboinikow, habe sich in Frankreich in Alexandre Vosco verwandelt, das sei alles, kein Grund zum Lachen. Aber nein, ich freue mich nur, sagte ich. Ich weiß doch, dass kein einziger Franzose den Namen Voskoboinikoff auszusprechen vermag … Das stimmt, bemerkte Pierre-Paul. Sie war in Buenos Aires geboren, ihre Eltern waren nach Paris gezogen, vielmehr zurückgekehrt, als sie drei war. Sie sprach, wie sich herausstellte, weder russisch noch spanisch; mit einer argentinischen Mutter und einem russischen Vater bestand ihre einzige Chance, Französin zu werden, jedenfalls schien es ihr so, als sie aufs Lyzeum ging, darin, so schnell wie möglich die eine wie die andere Sprache zu vergessen, obwohl ihre Eltern mit ihr als Kind in beiden Sprachen gesprochen hatten. Es sei ihr so gut gelungen, dass sie sich an nichts Russisches mehr erinnere, außer an die Wörter couritsa, capousta und avtostrada.

Nachdem wir gezahlt hatten, gingen wir zu dritt durch die schmale, belebte Rue Saint-André des Arts, vorbei an einem Restaurant nach dem anderen mit Tischchen auf dem Trottoir, vorbei an dem Haus, wo Baudelaire als Kind, übrigens nur ganz kurz, gewohnt hatte und in das seine Mutter mit ihm nach dem Tod seines Vaters gezogen war, um alsbald den General Aupick (der damals noch nicht General war) zu heiraten und erneut umzuziehen (in die Rue du Bac). Diese Umzüge könnte man für Urbilder und Vorboten seiner künftigen Unbehaustheit halten, und die Heirat der Mutter – nach einstimmiger und unabänderlicher Bestätigung seiner Biografen – für die erste große Katastrophe in der Serie von Katastrophen und Schicksalsschlägen, aus der das Leben unseres Lieblingsdichters, an den ich in Paris auf Schritt und Tritt denken musste, im Endeffekt bestehen würde … Später begegnete ich Viviana noch einmal in einer großen Gesellschaft (nicht weit vom damals noch als neu geltenden Centre Pompidou mit seinen berüchtigten Röhren und anderen ausgestülpten Innereien; jedes Mal, wenn ich es sehe, regt sich in meiner Seele der Wunsch nach Dynamit); wir hatten uns im Grunde nichts zu sagen. Umso erstaunter war ich, als sie mich zusammen mit eben jenem Pierre-Paul, meinem unendlich weit entfernten Verwandten M. und noch jemandem zu sich zum Abendessen einlud, wobei sie mir nebenbei, gleichsam im Nebensatz, mitteilte, dass sie auch ihre Eltern auf deren Bitte eingeladen habe, da ihr Vater, Alexandre Vosco beziehungsweise Alexander Nikolajewitsch Woskoboinikow, der schon mehrere Jahrzehnte lang keinen Menschen mehr von dort gesehen habe, mich kennenzulernen wünschte.

3. KAPITEL

Ein Zeichen sind wir, deutungslos.

Friedrich Hölderlin

Ich war, wie gesagt, achtundzwanzig und zum ersten Mal in den gelobten Westen aufgebrochen, ins Land der heiligen oder nicht ganz so heiligen Wunder, und warum sollte ich nicht zugeben, dass mich die »McDonald’s«-Filialen und »Sexshops«, die Jeans und Sakkos, der Pariser Schick, le chic parisien (le chic parisien, Monsieur, sagte die kleine Verkäuferin verärgert, die ich mit meiner Suche nach der Harmonie des Billigen und des Schönen enerviert hatte, le chic parisien, Monsieur, beginnt erst ab tausend Francs …), die großen Kaufhäuser neben der Oper, die Galeries Lafayette und das fabelhafte englische Marks & Spencer (die Antwort des Dandys auf Marx und Engels) – dass mich all das zwar nicht mehr, aber ganz sicher auch nicht weniger interessierte als Notre-Dame und Versailles, der Montmartre, das Musée d’Orsay oder – was schmerzlicher als alles andere ist – die Möglichkeit, mit den verschwindenden Menschen zu reden, die bei meinem nächsten Besuch 1994 im Unterschied zu Notre-Dame und Versailles nicht mehr auf Erden weilten oder unterdessen so alt geworden waren, dass ihnen der Sinn nicht nach unseren Fragen stand. Kurzum, ich begriff mit meinen bornierten achtundzwanzig Jahren nicht, dass dies meine letzte Chance war, dass die letzten Emigranten, die das untergegangene Atlantis noch gekannt und wie einen Schatz in sich gehütet hatten, zwar noch lebten, aber nicht mehr lange leben würden. Alexander Nikolajewitsch Woskoboinikow war bei diesem einzigen – was ich mir nie verzeihen werde – Mal, dass ich ihn traf und mit ihm sprach, wenn ich heute richtig rechne, siebenundachtzig Jahre alt; er sah sehr gut aus (wie achtzig …). Vielmehr sah er so aus, dass ich mir über sein Alter überhaupt keine Gedanken machte. Mein eigener Vater war bei meiner Geburt fast fünfzig gewesen; mein ganzes Leben lang hielt ich mich für ein spät geborenes Kind. Viviana war folglich ein noch später geborenes Kind … Ich kann mich heute einfach nicht erinnern, wo sie damals wohnte; ich weiß nur noch, dass Pierre-Paul und ich furchtbar lange zu ihr unterwegs waren, furchtbar lange beim Umsteigen an der Station Châtelet warteten, vielmehr nicht warteten, sondern in diesem schlimmsten Pariser Untergrund feststeckten, auf dem überfüllten Bahnsteig, in einem noch nicht von Panik erfassten, aber bereits wütend aufgeheizten Gedränge, weil der Zug wohl wegen eines Streiks Verspätung hatte oder die Züge überhaupt nicht mehr fuhren oder sich erbarmten und nur alle halbe Stunde fuhren, in der Station sich zur Stoßzeit aber eine solche Menschenmenge zusammengeballt hatte, dass man weder weg noch hinaus konnte, sondern nur noch stehen, das Gewicht von einem Bein aufs andere verlagernd, in der Hoffnung, dass der Zug endlich doch noch käme, aber ohne große Hoffnung, sich dann hineinzwängen zu können. Man stand also in dieser gleichgültig finsteren, immer finsterer werdenden Menge, die einen von allen Seiten bedrängte und einem Tabaksqualm in die aufgelöste Visage blies – damals durfte man in der Pariser Métro noch rauchen –; und über alledem erzeugten drei wahnsinnig gewordene Rockbands, die sich mit brutaler Gründlichkeit an beiden Enden und in der Mitte des Bahnsteigs aufgebaut hatten, mit allen ihren Lautsprechern, Schlagzeugen, Kabeln und E-Gitarren ein Getöse wie die drei Niagarafälle. Dabei ging es offenkundig nicht darum, eine freiwillige Spende vom entnervten Publikum einzusammeln, das wahrscheinlich allen Musikern liebend gerne Geld gegeben hätte, damit sie endlich mit ihrem Krach aufhörten, sondern nur darum, einander zuzulärmen, sich bemerkbar zu machen und sich der eigenen Existenz in der unterirdischen Welt und der Welt überhaupt zu vergewissern, im metallischen Chaos, in elektronischen Wirbelstürmen; bei Viviana trafen wir mit einer Stunde Verspätung ein, abgehetzt und wütend, zerlegt in sämtliche Einzelteile und Schräubchen.

Die fünfundsechzig- oder sechsundsechzigjährige, damals noch sehr schöne Maria Vosco, Madame Marie Vosco, die, wie ich später herausfand, zweite Ehefrau von A. N. W. und Vivianas Mutter, war eine Frau mit klar ausgeprägten spanisch-südamerikanischen Zügen, eine Frau, in deren Erscheinung sich die nahezu antike Ebenmäßigkeit des Gesichts und der Figur mit einer leicht heiseren Lebhaftigkeit der Rede, einer jähen Heftigkeit der Gesten und einem jugendlichen, ein wenig linkischen Gesamthabitus verbindet, die solch ein Gesicht und solch eine Figur der Gefahr entheben, wie eine Maske oder Statue zu wirken. Wie ich mich erinnere, trug sie einen dunkelblauen Blazer mit goldenen Knöpfen und einer Tennisapplikation auf der Brusttasche über ihrer hohen, vollen Brust; der Blazer harmonierte, wie mir schien, nicht ganz mit dem bunten Tuch im Ausschnitt der weißen Bluse; sie rauchte, die beringte Hand von sich weggestreckt, lange dünne Pajitos, die in einer kurzen Zigarettenspitze steckten. A. N. W. trug ebenfalls einen Blazer, jedoch ohne Applikation, ein Halstuch mit klassischen Schrägstreifen und, wie ich bemerkte, als er mühelos, wenn auch auf den Stock gestützt, vom Tisch aufstand, eine leicht abgewetzte und an den Knien ausgebeulte Cordhose, dazu offensichtlich sehr teure, gediegene rotbraune Schuhe mit klassischem Lochmuster; wenn er nicht so alt gewesen wäre, hätte ich gedacht, dass diese abgewetzte Cordhose zum blauen Blazer eine absichtliche Nachlässigkeit sei, eine Nachlässigkeit als Komponente der Eleganz (wie es natürlich bei seiner noch gar nicht alten Frau der Fall war); vielleicht war es bei ihm einfach Müdigkeit, Gleichgültigkeit dem täglichen Leben mit seiner gewohnten, längst verleideten Belanglosigkeit gegenüber. Gleichgültigkeit und Müdigkeit waren ihm übrigens kaum anzumerken; in seinen jungen, lebhaften Augen blitzte ein geradezu spitzbübischer Schalk auf, allerdings waren sie sehr dunkel; die Pupille verlief beinahe mit der Iris, als hätte ein impressionistischer Maler diese Augen gemalt, nur mit der Farbe arbeitend und die Linien verachtend (tatsächlich handelte es sich, wie ich später erfuhr, um die Nebenwirkung einer Augenoperation, die er kurz zuvor überstanden hatte). Er war dunkelhaarig, kaum ergraut, die Geheimratsecken waren fast nicht zu bemerken; er sprach leicht schleppend, ein wenig stockend, dabei stotterte er nicht, sondern zögerte, als ob er über irgendein Wort, eine Präposition oder eine Konjunktion nachdächte, ohne selbst zu wissen, ob er schon sprechen oder eine andere Konjunktion, eine andere Präposition wählen sollte. Seine Hakennase war in jeder Hinsicht prominent, massiv, selbstsicher, an der Spitze leicht abgeplattet. Er selbst war nicht von hünenhafter, aber dennoch sehr imposanter Statur; er war nicht dick, aber breit, mit breiten Schultern, breitem Gesicht, breiten Handtellern, sogar breiten Fingern; an der Stirnseite des Tisches sitzend, überragte er alle und schaute von oben auf uns herab, offenbar gewohnt, auf alle von oben herabzuschauen wie auf Kinder – wir waren für ihn wahrscheinlich auch Kinder –, mit einem sehr wohlwollenden, aber dennoch spöttischen Lächeln, das sich von den dunklen Augen in Falten, die mich an einen edlen Hund erinnerten, zum Kinn herabzog. Sein Gesicht hätte ich wohl als plebejisch-aristokratisch bezeichnet; ich schließe im übrigen nicht aus, dass die zahlreichen Fotografien von ihm, die ich später zu sehen bekam, diese erste und einzige persönliche Erinnerung heute überlagern.

Er rauchte nicht. Wie sich herausstellte, hatte er nie geraucht – eine Eigenschaft der Seele und des Charakters (wie er leicht stockend sagte), die Viviana von ihm geerbt habe. Alle anderen rauchten, und zwar viel; seither haben wohl alle das Rauchen aufgegeben. Die Packung »Stolichnye«, die ich aus der Tasche geholt hatte, machte gebührenden Eindruck. Mein unendlich weit entfernter Verwandter M. drehte seine Zigarette lange zwischen den Fingern, drückte sie, schnupperte daran und zündete sie schließlich an; bemüht, das Gesicht nicht zu verziehen, sagte er – sehr interessant, très interessant. Für den Nichtraucher A. N. W. war die Packung selbst très interessant. Cigarettes, sagte er, sigarety; er kenne dieses russische Wort nicht, er kenne nur papirossy, les papirosses. Ich erklärte ihm den Unterschied, wie wir ihn heute verstehen. Meine Worte schienen ihn nicht zu überzeugen. Er kenne trotzdem nur Papirossi, les papirosses, wiederholte er und drehte in seinen breiten Fingern die Packung, die mir damals so vertraut war (mit einem Sternenkreis in der Mitte und Vignetten im stalinistischen Rokokostil auf dem Klappdeckel), dabei betrachtete er sie mit jener Konzentration, jener Ausblendung von allen Lauten und Sinneseindrücken, bei der wir gleichsam für einen Augenblick dem Leben entrückt sind, und die mir in der Jugend nicht als einzige, wohl aber wichtigste Voraussetzung für jegliches Künstlertum erschien, ja, als einzige Möglichkeit überhaupt, dieses Leben bewusst wahrzunehmen und es folglich zu ertragen. Es sei die erste Packung russischer Papirossi, die er seit sehr vielen Jahren sehe. Ich bot an, sie ihm zu schenken. Nur die Packung, sagte er, der Inhalt interessiere ihn nicht. Ich machte trotzdem keine Anstalten, die restlichen Zigaretten herauszunehmen und irgendwohin zu stecken, da ich mich bereits außerstande fühlte, das Produkt der Fabrik »Jawa« im schönen Frankreich, der Heimat der »Gauloises«, zu rauchen.

Der allgemeinen Unterhaltung hatte ich unterdessen entnommen, dass er Architekt war (ich selbst hätte ihn wahrscheinlich nicht gefragt, was er im Leben machte, in meiner damaligen Schüchternheit, meiner damaligen Gleichgültigkeit …), sogar ein berühmter Architekt (bekannt, verbesserte er, wir wollen nicht übertreiben). Ich warf ein, wie ich mich erinnere, dass ich just am Vormittag dieses Tages in der riesigen – und für einen Buchladen zu lauten – Buchhandlung auf den Champs-Élysées einen gewaltigen und sehr teuren Bildband über moderne Architektur betrachtet hätte und darin auf den nicht übermäßig großen, aber doch ziemlich großen Abschnitt über La Grande Motte gestoßen sei, die Ferienstadt mit Hafen, die in den sechziger Jahren an der Grenze zwischen der Camargue und dem Languedoc vom Architekten Jean Balladur aus dem Boden gestampft worden sei – ein seltenes, wie mir schien, Beispiel für moderne Architektur, zum Teil wie von einem anderen Planeten, vor der und in der man sich nicht wie ein kleiner Comic-Kater im Schatten der alles dominierenden Wolkenkratzer fühlen würde. A. N. W. lachte laut auf, ein zufriedenes Lachen, und warf Maria einen flüchtigen Blick zu. Er kenne Balladur gut, der diese Stadt am Meer gebaut habe (er schien mit der Stimme etwas zu betonen und hervorzuheben, was ich damals noch nicht richtig verstand); er habe ihn lange nicht mehr gesehen, etwa zwei Jahre; und heute Vormittag habe Balladur angerufen. Das ist immer so, sagte er, das Leben besteht aus solchen Zufällen. In meiner Erinnerung nickte Madame Marie, wie um zu bestätigen, ja, er hat angerufen, ja, heute, ja, das stimmt. Und ja, er finde auch, dass diese Architektur gelungen sei, sagen wir so, dem Menschen angemessen, obwohl die hiesigen Snobs bei der Erwähnung von La Grande Motte gewöhnlich das Gesicht verziehen. Balladur zitiert die Pyramiden, die er in Mexiko gesehen hat; die Idee sei ihm sehr vertraut, sagte A. N. W.; dann konzentrierte er sich mit ungespieltem Genuss, wie ich mich erinnere, auf das von seiner Tochter zubereitete Abendessen, das für meinen Geschmack fast ungenießbar war – irgendwelches gekochtes Gemüse, vorwiegend matschige Karotten, die in einer dünnen Bouillon schwammen – angeblich ein französisches Nationalgericht.

Als das Abendessen zu meiner Erleichterung vorbei war, als auch schon der Käse gegessen war und auch der traditionelle, wirklich sehr köstliche, kopfüber gebackene Apfelkuchen (tarte tatin), und sich die übrigen Teilnehmer an der Szene auf das Sofa und in die Sessel begeben hatten, um dort ihr ewiges Gespräch darüber fortzusetzen, wer branché war und wer nicht, und – mit der wahrhaft französischen Fähigkeit und Gewohnheit, endlos lange und unendlich ernsthaft über das Essen zu reden – darüber, wer diese tarte tatin, die wir soeben gegessen hatten, wie backe, und dass es Ecke, sagen wir, Rue Mouffetard und Rue du Pot de Fer (Eisentopfstraße, das ist mal ein Name) eine Brasserie gebe, wo man vorzüglich Zwiebelsuppe essen könne, während man in das teure, für seine Zwiebelsuppe berühmte Restaurant neben Les Halles (dem ehemaligen »Bauch von Paris«) gar nicht mehr zu gehen brauche, dort würden nur die Touristen übers Ohr gehauen und unsereins sowieso für dumm verkauft – als folglich das Gespräch über all das unter wohlwollender, ein wenig ironischer Beteiligung von Madame Vosco auf dem Sofa und in den Sesseln weiterging, blieben A. N. W. und ich schließlich allein am Tisch sitzen und gingen endlich zum Russischen über – vielmehr begann er, leicht vom Tisch abgerückt und ein Bein über das andere geschlagen (der Fuß im rotbraunen Schuh und einer unter dem hochgerutschten Hosenbein aufgetauchten langen Herrensocke mit Rautenmuster, die ihrerseits herunterrutschte und gleich Falten bilden würde), mit mir plötzlich in jenem reinen Emigrantenrussisch ohne provinzielle sowjetische Beigaben und kleinbürgerliche Gebärden zu sprechen, in dem in Russland schon längst niemand mehr spricht.

Mein Leben lang bin ich dazu verurteilt, diese russische Sprache in mir zu suchen, zumindest hier, auf dem Papier und in den Kladden. A. N. W. wusste von Viviana, dass ich etwas schrieb (einen Roman); es war der Roman, an dem ich von 1985 bis 1994 arbeitete und der 1998 endlich unter dem Titel »Max« (nach dem Namen der Hauptfigur) erschien. Er fragte mich, wo die Handlung spiele; wahrheitsgemäß antwortete ich – in Moskau, das aber keine große Ähnlichkeit mit dem echten Moskau habe, also eher im Moskau meiner eigenen Erfindung und Konstruktion, und auch im Baltikum, sagte ich. Wo im Baltikum?, fragte er prompt nach. Im Roman wird das nicht gesagt, antwortete ich, aber wer sich auskennt, kann erraten, dass er in Lettland spielt, in einem der Fischerdörfer, die sich, von Kiefernwald getrennt, an der Küstenlinie entlangziehen; um beispielsweise aus Riga dorthin zu gelangen, muss man mit der Vorortbahn durch ganz Jurmala fahren, in Sloka in den Bus umsteigen und noch ziemlich lange auf der Landstraße weiterfahren, die sich ihrerseits an der Küstenlinie entlangzieht, übrigens vom Meer durch eben diesen Kiefernwald getrennt, der natürlich in Dünen übergeht. Ich antwortete wahrscheinlich deshalb so ausführlich, weil ich den Blick seiner tiefdunklen Augen auf mir fühlte; wäre dieser Blick nicht gewesen, hätte ich mich auf den einfachen Hinweis beschränkt – in Lettland am Meer. Haben Sie dort gelebt oder leben Sie dort? Ich antwortete wiederum wahrheitsgemäß, ich würde jeden Sommer in diesem Dorf am Meer verbringen und hätte als Kind längere Zeit im sogenannten Schriftstellerhaus in Dubulty gelebt – das ist Dubbeln, sagte er sofort – und dass mein ganzes Leben irgendwie mit diesen Orten, mit diesem Landstrich verbunden sei. Meins auch, sagte er, diesmal ohne zu lächeln. Er kenne Dubbeln, wie sollte er es nicht kennen? Als Kind habe er im Nachbardorf gelebt, in Majorenhof – das ist Majori, warf ich meinerseits ein – ja, in Majorenhof, sagte er, ohne meinen Einwurf zu hören oder hören zu wollen, jeden Sommer. Er war in Riga geboren und aufgewachsen, in einer russisch-deutschen Familie, wie sich herausstellte. Sein Vater war Russe, seine Mutter Baltendeutsche. Er selbst war eine Zeitlang Lette, Bürger der Lettischen Republik. Und er habe übrigens am Rigaer Polytechnikum studiert, ob ich davon gehört hätte? Ich sagte ja, doch wisse ich nicht, wo es sich befinde. Dort, wo heute wohl die Universität ist, antwortete er. Das Polytechnikum war schon ein Teil der Universität, als er dort studierte. Dasselbe Gebäude, sehr imposant. Ursprünglich auf dem Boulevard des Thronfolgers, der später in Rainis-Boulevard umbenannt wurde, wenn Sie wissen, wer das war. Ich bejahte. Meine ganze Kindheit lang hatte ich das Bild »Jan Rainis im Gebirge« betrachtet, das in der Bibliothek des Schriftstellerhauses in Dubulty hing. Dieses Gebäude des Polytechnikums hat Gustav Hilbig gebaut, der erste Dekan der Fakultät für Architektur; meine Eltern haben ihn noch gekannt, sagte A. N. W., dabei nahm er erneut die Packung »Stolychnye« in die Hand und betrachtete die Sterne und Vignetten. Auf der einen Seite der Park, auf der anderen der Boulevard und der Kanal. Die kleinen Sträßchen beidseits hießen Architekten- beziehungsweise Ingenieurstraße; die Symbole seines Lebens. Er könne dieses Gebäude aus dem Gedächtnis zeichnen, jetzt gleich. Dies tat er dann auch, nachdem er die »Stolychnye« weggeschoben, ein schwarzes Notizbuch aus der Jackentasche und einen Stift aus einer anderen Tasche hervorgeholt hatte; mit raschen, leichten Strichen (Pierre-Paul, der sich aus dem Gespräch über tarte tatin und Zwiebelsuppe gelöst hatte, blickte ihm über die Schulter). Der Stift wirkte in seinen breiten, flachen Fingern winzig und zerbrechlich; die Fensterbögen malte er mit einer kindlichen Sorgfalt, ein kleines Fenster, dahinter ein anderes, während er sich gleichsam über seine Sorgfalt, über sich selbst amüsierte. Als Kind habe er all das so oft gezeichnet, dass es sich ihm natürlich für immer eingeprägt habe. Und der entzückende Jugendstil in der Elisabethenstraße, kennen Sie den, waren Sie mal dort? Wir wohnten ganz in der Nähe … Erinnern Sie sich an das blaue Haus mit den großen Masken im Giebeldreieck? Mit den großen Masken, wiederholte er und machte eine weit ausholende Geste, mit den im Grunde unverhältnismäßig großen Basrelief-Masken in den Ecken des Giebeldreiecks. Als Kind waren mir diese Masken gute Freunde, ich ging extra hin, um sie anzuschauen. Sollten Sie mal wieder in Riga sein … Ganz bestimmt, sagte ich … Dann gehen Sie hin und schauen Sie sie an. Übrigens, Michail Eisenstein hat dieses Haus gebaut, der Vater des sowjetischen Regisseurs. Für Sie ist er vielleicht der Vater des Regisseurs, ging A. N. W. mich plötzlich mit leisem Spott an, für mich ist der Regisseur der Sohn des großen Architekten.

Er zeichnete jetzt irgendwelche Wellenlinien, Rankenmuster und abstrakten Schnörkel in sein schwarzes Notizbuch. Und die Freiheitsstatue? Steht sie noch? Er erinnere sich, wie sie aufgestellt wurde, Mitte der dreißiger Jahre. Er lebte damals schon nicht mehr in Riga, war Ende der Zwanziger nach Paris gegangen (warum, sagte er nicht). Zum letzten Mal war er im Jahr 39 in Riga gewesen, unmittelbar vor der Katastrophe (wieder sagte er nicht warum, weshalb). Im Volksmund hieß sie Milda, sagte er nur. Sie heißt bis heute so, erwiderte ich. Ob ich wisse, wie die Deutschen sie genannt hätten, als sie 41 wieder in die Stadt einmarschiert seien. Ja, sagte ich, Cognacdame. Und ob ich auch wisse warum? Wegen der drei Sterne. Diese Spaßvögel … Er lachte plötzlich so laut und heftig auf, dass sich alle aus den Sesseln und vom Sofa her zu uns umdrehten (Marionetten, deren Fäden er zog …); sie nahmen übrigens ihr eigenes Gespräch sogleich wieder auf. Ich kenne diesen Witz schon seit meiner Kindheit, sagte ich. Apropos, als sich Stalin den dritten Leninorden selbst verliehen hatte, wurde er »Drei-Sterne-Maniac« genannt, was wahrscheinlich gefährlicher war, als die Rigaer Freiheitsstatue Cognacdame zu nennen. Darüber mochte er nicht sprechen; er wollte, das konnte ich sehen, lieber über Riga sprechen, über die Küste. In seiner Kindheit, sagte er ohne jede Überleitung, gab es am Strand solche Korbkabinen, sehr schmal und hoch – gar nicht mal Kabinen, sondern Bänke, die auf drei Seiten und nach oben hin von Korbgeflecht gegen den Wind und fremde Blicke geschützt waren; später seien sie natürlich verschwunden. Die reichen Damen wurden auf Karren ins Meer gefahren, das Meer war ja flach – das ist es immer noch, sagte ich –, sie fuhren also auf diesen Karren zu einer tiefen Stelle, der Karren wendete, und die Dame ließ sich in seiner Deckung ins Wasser plumpsen … Seine Augen waren immer noch so tiefdunkel, lachend und lebhaft; die Packung »Stolichnye« gab er nicht aus seinen breiten, blassen Händen. Seine Eltern hatten ein Sommerhaus in Majorenhof, ein großes zweistöckiges wunderschönes Holzhaus mit Aufbauten und Türmchen inmitten von Kiefern; heute ist es wahrscheinlich abgebrannt. Vielleicht auch nicht, erwiderte ich, dort gibt es viele solcher Häuser. Und es gab einen Jungen, sagte er, ohne mich anzublicken, an die Packung »Stolichnye« gewandt, mit dem ich als Kind befreundet war und jeden Sommer am Strand spielte. Wolodja Grawe hieß dieser Junge. Es war eine reine Sommerfreundschaft, dieser Wolodja Grawe wurde aus Petersburg gebracht, seine Eltern waren reiche, vornehme Leute, nicht mit meinen zu vergleichen, sagte A. N. W. Mein Vater war bei der Eisenbahn. Sein Vater, hieß es, war so etwas wie eine Vertrauensperson des Zaren. Deshalb blieben meine Eltern im Sommer lange in Majorenhof, er dagegen wurde nur für zwei, drei Wochen gebracht, dann fuhren sie weiter nach Biarritz oder sonst wohin, in die Schweiz. Aus irgendeinem Grund reisten sie oft in die Schweiz, nach Davos oder so, seine Mutter hatte es wohl an der Lunge. Er hatte keine Lust, irgendwohin zu fahren, fuhr A. N. W. fort, der nun schon nicht mehr mit mir sprach, sondern mit den »Stolichnye« und sich selbst, und zwar wahrscheinlich deshalb, weil ich sein einziger Freund war, jedenfalls in der Kindheit, so glaube ich wenigstens. Später als Erwachsener hatte er viele Freunde und Bekannte und überhaupt Menschen um sich herum, aber als Kind war er einsam. Er hatte nicht mal Brüder oder Schwestern. Es kommt ja vor, dass einsame Kinder im Erwachsenenalter höchst gesellige Menschen werden, höchst, wie sagt man heute (er suchte und fand das Wort nach kurzem Stocken) höchst kontaktfreudig. Vielleicht habe ich mir das alles auch nur ausgedacht, ich weiß nicht. Ich hatte auch damals viele Freunde, aber keinen, der mir näherstand. Wir trennten uns jedes Mal mit großem Pathos. Aber Sie werden nie erraten, sagte er und blickte mir plötzlich in die Augen, Sie werden nie erraten, wann und wo wir uns beide nach vielen Jahren wiederbegegnet sind.

Wie wenig wissbegierig ich damals auch war, so konnte ich doch, zumindest aus Höflichkeit, nicht umhin, ihn zu fragen, wo und wann. Ich weiß noch, dass A. N. W. mit der Antwort zögerte (wie es jeder erfahrene Erzähler getan hätte, um seine Zuhörer auf die Folter zu spannen; aber A. N. W. wollte mich wohl nicht auf die Folter spannen, und wenn doch, dann nur aus Gewohnheit, in Wirklichkeit dachte er einfach nur an etwas Anderes, Eigenes). Er stand flink auf und ging auf die Toilette; nachdem er zurück war und sich wieder hingesetzt hatte, erklärte er Maria, nein, es sei noch nicht spät, er sei nicht müde, er wolle gerne noch weiter russisch sprechen, habe sich noch nicht satt geredet. Viviana (gerade fällt es mir wieder ein!) schaltete das große Deckenlicht aus; die Stehlampe in der Ecke neben dem Sofa brannte weiter; es brannten auch noch andere kleinen Leuchten in den Ecken und an den Wänden; das Licht fiel seitlich auf A. N. W. und umspielte seine Kinnfalten eines Edelhundes …

Ja, er war ein pummeliger kleiner Junge, in unserer Sommerkindheit, bei Konzerten in Edinburgh, am Strand in Majorenhof, Wolodja Grawe, sehr gepflegt und von den Bonnen verwöhnt; abends trug er eine große Samtschleife, bei deren Anblick man sich das Lachen verkneifen musste … Diese Gegend, wo Sie heute leben, sagte A. N. W., immer noch ohne mich anzublicken, diese Fischerdörfer in Kurland haben wir gemeinsam besucht, ich weiß nicht mehr genau, in welchem Jahr, 13 vielleicht oder schon 14, unmittelbar vor dem Krieg. Ich war übrigens auch später öfter dort, aber zum ersten Mal mit Wolodja. Unsere Väter und Mütter, sagte er mit seinen Falten lächelnd, während er die Packung »Stolichnye« drehte und wendete, hatten sich eine große, wie soll ich es nennen, partie de plaisir ausgedacht, in offenen Kutschen am Meer entlang. Diese partie de plaisir geriet zu einer regelrechten Reise, die sich über mehrere Tage hinzog. Ich erinnere mich noch gut an unsere Route. Am Anfang fuhren wir zu der Stelle, wo die Rigaer Bucht ins offene Meer übergeht und die Wellen – ein tolles Schauspiel! – übereinanderstürzen; dann ging es an der Küste entlang bis Windau, dann fuhren wir zu meinem Großvater, auf sein Gut bei Hasenpoth … Hasenpoth? fragte ich … auf Lettisch Aispute, erklärte er – ein Name, der mir damals nichts sagte. Und Ihr Großvater? … Großvater und Großmutter besaßen dort ein Gut, antwortete er knapp. Und auf dem Rückweg machten wir Halt in Mitau, wo wir fast eine Woche beim Gouverneur von Kurland zu Gast waren, in seinem großartigen Schloss. Heute scheint mir, dass es eine sehr glückliche Woche in meinem Leben war, die ganze Reise war glücklich. In Mitau, einige Jahre später … ach, das ist unwichtig. Wichtig ist, dass ich das erlebt habe, habe erleben dürfen. Und ich weiß auch noch, sagte A. N. W., mit seinen tiefdunklen Augen ins Jahr 13 oder 14 starrend, dass wir den ersten Stopp mit Picknick in einem Dorf machten, das für seine herrlichen hohen Dünen berühmt ist – und für die Schneise, die laut Überlieferung für die Zarin Jekaterina Alexejewna, die Frau Alexanders I., hindurchgeschlagen worden war; sie hatte sich nach einer verwickelten Liebesintrige am Hof in die baltische Einsamkeit zurückgezogen. Die Dünen zu beiden Seiten dieser Schneise wirken wie zwei Wanderdünen aus der arabischen Wüste, die jemand aus Versehen in den Norden versetzt hat; ein seltenes stacheliges Gras wächst darauf. Der Sand dort ist ganz weiß und von der Sonne bis zum Glühen aufgeheizt. Oben stehen Kiefern, vom Wind gebogen, und zwischen ihnen befinden sich in den Dünenfalten vereinzelte kleine Sandkuhlen, wo man sich vor dem Wind schützen kann und wo die Sonne so brennt, als wäre man tatsächlich irgendwo in der Wüste, in Arabien oder Mexiko. Ob alle schon gegangen oder wir allein dorthin geklettert waren, weiß ich nicht mehr, das Gedächtnis vermischt alles, jedenfalls lagen wir lange dort, in diesen Dünen, schauten in den Himmel und lauschten ...

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