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Damals im Dezember

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Danksagung
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. Erstes Kapitel
  9. Zweites Kapitel
  10. Drittes Kapitel
  11. Viertes Kapitel
  12. Fünftes Kapitel
  13. Sechstes Kapitel
  14. Siebtes Kapitel
  15. Achtes Kapitel
  16. Neuntes Kapitel
  17. Zehntes Kapitel
  18. Elftes Kapitel
  19. Zwölftes Kapitel
  20. Dreizehntes Kapitel
  21. Vierzehntes Kapitel
  22. Fünfzehntes Kapitel
  23. Sechzehntes Kapitel
  24. Siebzehntes Kapitel
  25. Achtzehntes Kapitel
  26. Neunzehntes Kapitel
  27. Zwanzigstes Kapitel
  28. Einundzwanzigstes Kapitel
  29. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  30. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  31. Vierundzwanzigstes Kapitel
  32. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  33. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  34. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  35. Achtundzwanzigstes Kapitel
  36. Neunundzwanzigstes Kapitel
  37. Dreißigstes Kapitel
  38. Einunddreißigstes Kapitel
  39. Zweiunddreißigstes Kapitel
  40. Dreiunddreißigstes Kapitel
  41. Vierunddreißigstes Kapitel
  42. Fünfunddreißigstes Kapitel
  43. Sechsunddreißigstes Kapitel
  44. Siebenunddreißigstes Kapitel
  45. Achtunddreißigstes Kapitel
  46. Neununddreißigstes Kapitel
  47. Vierzigstes Kapitel
  48. Einundvierzigstes Kapitel
  49. Zweiundvierzigstes Kapitel
  50. Dreiundvierzigstes Kapitel
  51. Vierundvierzigstes Kapitel
  52. Fünfundvierzigstes Kapitel
  53. Sechsundvierzigstes Kapitel
  54. Siebenundvierzigstes Kapitel
  55. Achtundvierzigstes Kapitel
  56. Neunundvierzigstes Kapitel
  57. Fünfzigstes Kapitel
  58. Einundfünfzigstes Kapitel
  59. Zweiundfünfzigstes Kapitel
  60. Epilog

Über den Autor

Richard Paul Evans’ größter Erfolg war die Weihnachtsgeschichte DIE WUNDERSAME SCHATULLE, die er für seine Kinder schrieb. Sie stand wochenlang ganz oben auf der Bestsellerliste der New York Times. Evans’ weitere Romane wurden in mehr als fünfundzwanzig Sprachen übersetzt und zum Teil fürs Fernsehen verfilmt. Er lebt mit seiner Frau Keri und ihren fünf Kindern in Salt Lake City, Utah.

Richard Paul Evans

DAMALS
IM
DEZEMBER

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Anita Krätzer

Danksagung

All meinen Freunden bei Simon & Schuster danke ich herzlich für alles, was sie tun und getan haben, um meine Bücher seit inzwischen fast zwei Jahrzehnten weltweit zu verbreiten.

 

Meinem Vater in Liebe gewidmet

Ein Mann hatte zwei Söhne. Und der jüngere unter ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Teil der Güter, das mir gehört. Und er teilte ihnen das Gut. Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog ferne über Land; und daselbst brachte er sein Gut um mit Prassen. Als er nun all das Seine verzehrt hatte, ward eine große Teuerung durch dasselbe ganze Land, und er fing an zu darben und ging hin und hängte sich an einen Bürger desselben Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit Trebern, die die Säue aßen; und niemand gab sie ihm. Da schlug er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot die Fülle haben, und ich verderbe im Hunger! Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Da er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt ihm schnell das beste Kleid hervor und tut es ihm an und gebet ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße, und bringt das Kalb, das wir gemästet haben, und schlachtet es; lasset uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.

Lukas 15, 11–24

Prolog

Ein neunzigjähriger Mann ging zur Beichte. »Pater«, sagte er, »ich habe meine Ehefrau verlassen und bin mit einer dreißigjährigen Frau weggelaufen.«

Der Priester erwiderte: »Das ist schrecklich, aber ich kenne deine Stimme nicht. Bist du ein Mitglied dieser Gemeinde?«

Der alte Mann antwortete: »Nein. Ich bin kein Katholik.«

»Warum erzählst du mir dies dann?«, fragte der Priester.

»Ich bin neunzig Jahre alt«, erklärte der alte Mann. »Ich erzähle es jedem.«

***

Es gibt Menschen, die von ihren Fehltritten erzählen und dabei in Erinnerungen schwelgen – aus einem unangebrachten Stolz auf vergangene Missetaten heraus. So ein Dummkopf bin ich nicht. Ich erzähle meine Geschichte zu Ihrem Nutzen, nicht zu meinem. Meinerseits empfinde ich nichts als Scham und Dankbarkeit – Scham gegenüber den Menschen, die ich verletzt habe, und Dankbarkeit dafür, dass sie mich nicht verlassen haben, obwohl ich es verdiente. Die größte Hoffnung im Leben ist manchmal eine zweite Chance, das zu tun, was wir ursprünglich hätten richtig machen sollen, heißt es. Dies ist die Geschichte meiner zweiten Chance.

Erstes Kapitel

Der verlorene Sohn aus dem Lukas-Evangelium hat nicht nur sein gesamtes Geld verloren, sondern auch sich selbst. Beides trifft auch auf mich zu.

Aus dem Tagebuch von Luke Crisp

Mr. Adams, mein Englischlehrer in der siebten Klasse, sagte immer: »Wie dünn der Pfannkuchen auch sein mag, er hat trotzdem zwei Seiten.« Jede Geschichte hat zwei Seiten. Die Leute verwechseln diesen abgegriffenen Spruch mit Weisheit – als ließen sich alle Übel dieser Welt weginterpretieren, wenn wir nur die andere Seite der Geschichte betrachten würden. Sagen Sie das mal dem Massenmörder in Ihrer Gegend. Ich glaube, dieser Spruch entspringt schlicht moralischer Faulheit. Er ist ein Motto für Leute, die einen moralischen Kompass ohne Nadel bei sich tragen. Glauben Sie mir, jedes Übel hat seine Seite der Geschichte.

Ich teile Ihnen dies mit, weil ich nicht will, dass Sie glauben, ich wolle mich rechtfertigen, indem ich Ihnen meine Seite der Geschichte präsentiere. Welche Entschuldigungen ich mir damals auch zurechtgelegt habe – meine Entscheidungen waren falsch, und ich hatte Unrecht. Ich warne Sie schon im Vorfeld: Wenn Sie meine Geschichte lesen, werden Sie mich nicht mögen. Das verstehe ich. Mir gefällt nämlich ebenfalls nicht, wie ich damals war. Vermutlich kennen Sie die Geschichte vom verlorenen Sohn. Das ist auch meine Geschichte. Ich bin hier, um Ihnen meine Seite dieser Geschichte zu erzählen.

Zweites Kapitel

Nur wer nie geht, stolpert nie.

Aus dem Tagebuch von Luke Crisp

Falls die Saat meines Absturzes in meiner Jugend gesät wurde, ging sie erst in den Jahren auf, in denen ich die Wharton Business School an der University of Pennsylvania besuchte, wo sie sorgfältig von einem Gärtner gehegt wurde, von dem später noch die Rede sein wird. Zuvor lebte ich dort, wo ich geboren wurde, in Scottsdale, Arizona, einem gehobenen Vorort von Phoenix.

Meine Kindheit war ein wenig ungewöhnlich. Meine Mutter starb an Brustkrebs, als ich sieben war, woraufhin sich mein Vater aus Kummer in seine Arbeit versenkte. Mein Vater, Carl Crisp, war ein innovativer und brillanter Mann – ein unternehmerischer Visionär. Mit viel Fleiß gelang es ihm, ein internationales Unternehmen aufzubauen. Wenn Sie nicht gerade in einer Höhle in den Appalachen oder in einer Hütte in den Sümpfen der Everglades wohnen, haben Sie möglicherweise schon davon gehört: Crisp’s Copy Centers. Derzeit sind über zweitausend Standorte über die gesamten USA und Kanada verteilt, und jeden Monat steigt die Zahl der Läden weiter.

Mein Vater hat sich zwar in die Arbeit gestürzt, aber ohne mich zu vernachlässigen. Vielmehr nahm er mich überallhin mit. Ich habe meine Kindheit an seiner Seite verbracht. Während sich die meisten anderen Jungs in meinem Alter im Baseball übten, lernte ich, wie man eine Tonerkartusche in einem Farbkopierer auswechselt.

Im Alter von sechzehn leitete ich meinen ersten Copyshop in Gilbert, Arizona. Ich bin ziemlich sicher, dass ich der einzige Zehntklässler an der High-School war, der einen selbst erarbeiteten BMW fuhr. Während ich aufs College ging, leitete ich zwölf Kopierläden. Mit einundzwanzig hatte ich mein Studium an der Arizona State University mit Auszeichnung abgeschlossen.

Die Leute sagen immer, dass ich meinem Vater sehr ähnlich sehe, was ich als Kompliment betrachte. Wir sind beide groß und ein wenig schlaksig und haben hellbraunes Haar. Aber da endet unsere Ähnlichkeit auch schon. Das auffälligste Merkmal meines Vaters sind seine intensiven, von buschigen Augenbrauen teilweise überdeckten dunklen Augen. Er sagte mir immer, das Geheimnis für Erfolg sei eine »laserartige Konzentration«, und er hatte die Augen dafür. Er durchschaute mich stets.

Drittes Kapitel

Im Kalender sehen alle Tage gleich aus, aber sie haben nicht das gleiche Gewicht.

Aus dem Tagebuch von Luke Crisp

Wenn ich den Tag benennen sollte, an dem mein Leben eine Wendung nahm, würde ich ihn sechs Wochen nach meinem Abschluss an der Arizona State University im Dezember legen. Mein Vater und ich hatten gemeinsam an einer Präsentation gearbeitet und fuhren zum Essen in unser Lieblingsrestaurant DiSera’s, ein bekanntes italienisches Nobelrestaurant, das auf halbem Wege zwischen unserem Haus und dem Verwaltungsgebäude von Crisp’s lag. Wir aßen dort fast jede Woche, und der Besitzer, Lawrence »Larry« DiSera, war ein enger Freund meines Vaters. Wir hatten sogar unseren eigenen Tisch in dem Restaurant. Er stand unter einem Gemälde, das eine junge, vollbusige Toskanerin beim Weinstampfen zeigte. Zu besonderen Anlässen – an Geburtstagen und bei Festen – kam Larry persönlich an unseren Tisch und spielte für uns etwas auf der Mandoline.

Aber der Abend, an dem sich mein Leben änderte, war nicht mein Geburtstag, und wir feierten auch sonst nichts. Wir aßen lediglich. Irgendwann zwischen Antipasti und Primi Piatti sagte mein Vater: »Ich finde, du solltest einen MBA machen.«

Die Bemerkung kam wie ein Meteor aus heiterem Himmel. Ich war froh, dass ich wieder bei Crisp’s war und arbeiten konnte; ich hatte schon das College als unnötige Verzögerung empfunden. Einen Moment lang sah ich ihn nur an. »Wieso?«

»Ich glaube, das wäre gut für dich.«

Ich hoffte, dass er es nicht ernst meinte. Aber sein Verhalten zeigte mir, dass es ihm durchaus ernst damit war. Er hatte den gleichen Blick, den er gehabt hatte, als er vorschlug, dass ich unsere Läden in Phoenix als Gebietsmanager übernehmen sollte.

»Ich würde lieber in der realen Welt lernen, wie man Geschäfte macht«, erwiderte ich. »Du hast auch keinen MBA, und es hat dir nicht geschadet.«

»Mehr als du glaubst«, antwortete er.

»Du hast eines der größten Unternehmen Amerikas gegründet. Wie kannst du da sagen, es hätte dir geschadet?« Ich unterstrich mein Argument, indem ich einen Bissen von dem Caprese nahm. Als ich fertig mit Kauen war, fügte ich hinzu: »Außerdem haben wir genug damit zu tun, uns auf unseren Börsengang vorzubereiten.«

»Deswegen meine ich, dass du nicht warten solltest«, sagte er.

»Du willst, dass ich an die Arizona State University zurückgehe?«

»Ich habe an eine Uni in einem anderen Bundesstaat gedacht. Vielleicht Harvard oder Wharton.«

Unsere Unterhaltung schien in die falsche Richtung abzudriften.

»Was ist falsch daran, hier zu bleiben?«, fragte ich. »Die ASU bietet eine tolle Ausbildung in Wirtschaftswissenschaften. Und dann gibt es noch die Thunderbird.«

»Das sind gute Business Schools«, bestätigte mein Vater. »Nur glaube ich, dass es ganz gut für dich sein könnte, wenn du eine Weile eigene Wege gehst. Wenn du in den Osten gehst, könntest du dadurch ein Gefühl für das Klima außerhalb des Südwestens bekommen.«

Bis dahin hatte ich stets zu Hause bei meinem Vater gewohnt.

»Du klingst ja, als wolltest du mich loswerden.«

Mein Vater lächelte. »Schon möglich«, sagte er. »Ich habe in letzter Zeit viel nachgedacht. Es ist die Aufgabe von Eltern, ihren Kindern Wurzeln und Flügel mitzugeben. Ich habe dir Wurzeln gegeben – vielleicht zu viele –, aber nicht hinreichend kräftige Flügel. Ich glaube, ich muss dich ein wenig aus dem Nest stoßen. Ich will, dass du fliegst.«

»Oder in meinen Tod stürze«, entgegnete ich.

Er grinste. »Das wird nicht passieren.«

»Ich dachte eigentlich nicht, dass ich meine Arbeit hier so schlecht mache«, sagte ich.

»Schlecht? Ich könnte nicht stolzer auf dich sein. Du hast mit neunzehn erfolgreich ein Multimillionen-Dollar-Geschäft geleitet. Es ist nicht so, dass du meine Erwartungen nicht erfüllt hast, es geht mir noch nicht mal ums Geschäft. Es geht um dein Leben. Ich will, dass du Möglichkeiten hast, die ich nicht hatte. Ich will nicht, dass du irgendetwas bereust.«

»Ich bereue aber nichts«, sagte ich.

Er sah mich kurz an und seufzte. »Vielleicht tu ich’s dann an deiner Stelle. Du hattest nicht die Kindheit, wie sie die meisten deiner Klassenkameraden hatten.«

»Ich will ihre Kindheit nicht. Mir gefällt mein Leben so, wie es ist. Ich arbeite gern bei Crisp’s.«

»Da draußen gibt es eine Welt, die viel größer ist als Crisp’s.«

»Du willst nicht, dass ich bei Crisp’s arbeite?«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich möchte schon, dass du das Unternehmen eines Tages übernimmst, das weißt du doch. Aber ich will, dass du dich mit weit offenem Blick dafür entscheidest. Es kann sein, dass Crisp’s am Ende genau das ist, was du willst – oder vielleicht auch nicht. Aber wofür du dich auch entscheidest, du hast dann zumindest die Wahl. Das will ich dir nicht nehmen.«

»Wenn ich in den Osten gehe, wer kümmert sich dann um alles hier?«

»Das macht Henry bis zu deiner Rückkehr.« Henry Price war Dads Finanzchef und die Nummer zwei bei Crisp’s. »Ich bin sicher, dass ihm die Aufstiegsmöglichkeit gefallen wird.«

Daran hatte ich keinen Zweifel. Henry war mir immer als ehrgeizig erschienen.

»Und wer kümmert sich um dich?«

Mein Vater sah mich an, und ich konnte eine Mischung aus Trauer und Stolz in seinem Gesicht erkennen. »Das habe ich befürchtet«, meinte er sanft. »Du hast immer auf mich aufgepasst statt umgekehrt. Ich komme schon zurecht. Außerdem hab ich Mary.«

Mary war die persönliche Assistentin meines Vaters. Sie hatte schon vor dem Tod meiner Mutter für meinen Vater gearbeitet – damals, in den frühen Tagen von Crisp’s, als es erst drei Läden gab und sie noch zum örtlichen Büroartikelgroßhändler fuhren, um dort neue Kartons mit Kopierpapier zu holen. Mary war Ende fünfzig, Single, kinderlos und freundlich. Sie besaß kein Hochschuldiplom, aber was ihr an Wissen fehlte, machte sie durch ihre Loyalität gegenüber meinem Vater wett. Ich hatte sie immer eher als Mutter denn als Assistentin empfunden.

Mein Vater wandte sich wieder seinem Essen zu, während ich über seinen Vorschlag nachdachte. Nach ein paar Minuten atmete ich langsam aus. »Ich überleg es mir.«

Ohne aufzublicken sagte mein Vater: »In Ordnung. Bis dahin müssen wir die landesweite Konferenz vorbereiten. Also beeil dich mit dem Essen, auf uns wartet Arbeit.«

Viertes Kapitel

Unter den entsprechenden Bedingungen kann ein winziger Funke ein Inferno auslösen, das möglicherweise eine ganze Stadt erfasst. Eine Idee kann das auch.

Aus dem Tagebuch von Luke Crisp

Der während dieses Gesprächs erzeugte Funke entzündete ein Feuer. Noch vor Beginn der nächsten Woche hatte ich meine Bewerbung bei der Wharton Business School eingereicht. In der Verwaltung der Wharton saß ein Investor, mit dem mein Vater seit langem befreundet war und der die Dinge beschleunigen konnte, und einen Monat später stiegen mein Vater und ich an Bord eines Flugzeugs nach Philadelphia, wo ich mein Bewerbungsgespräch führen sollte.

Trotz meines anfänglichen Widerstands gefiel mir, was ich sah. Vermutlich hatte mein Vater recht – ein Teil von mir wollte sich hinauswagen und sehen, was es da draußen sonst noch gab. Ich wurde zum Studium zugelassen und immatrikulierte mich mit operativem Controlling und Datenverwaltung als Hauptfach.

Eine Woche nach meiner Aufnahme flog ich erneut nach Philadelphia, um mir eine Unterkunft zu suchen. Ich fand ein Apartment im Sansom Place, einem Hochhaus, von dem aus man den Campus schnell zu Fuß erreichen konnte, und im folgenden August studierte ich wieder.

Obwohl ich über zwanzig war, hatte ich in den ersten Wochen Heimweh. Ich lebte zum ersten Mal allein, und Philadelphia war eine fremde neue Welt für mich. Die traditionsreiche Stadt war voll von Menschen, und den größten Teil des Jahres war es dort kalt – so ganz anders als Arizona mit seiner trockenen Wüstenhitze. Wie gesagt, hatte ich mir ein eigenes Apartment im Sansom gemietet, eine zweischneidige Sache. Positiv war, dass ich meine Privatsphäre besaß. Aber leider hatte ich zu viel davon. In den ersten Wochen litt ich unter Einsamkeit. Ich ahnte nicht, wie sehr sich das bald ändern sollte.

In meiner fünften Woche an der Wharton saß ich in einem Kurs über Führungskommunikation, als sich eine hübsche junge Frau, die zwei Stühle weiter auf meiner rechten Seite saß, plötzlich zu mir herüberlehnte, wobei ihr langes braunes Haar auf den leeren Stuhl zwischen uns fiel. »Hallo, ich bin Candace«, sagte sie. Sie hatte schöne, dunkle, mandelförmige Augen und war eine dieser Frauen, die man möglicherweise anstarren würde, wenn man wüsste, dass es niemand bemerkt.

Ich sah reflexartig hinter mich, um nachzusehen, ob sie jemand anderen meinte. Sie lächelte. »Ich spreche mit dir«, sagte sie. »Wie heißt du?«

»Luke.«

»Hallo Luke. Ein paar Freunde von mir treffen sich heute Abend im Smokey Joe’s zu einer Lerngruppe. Willst du dich uns anschließen?«

»Was ist Smokey Joe’s?«

»Ein lokaler Treff, ziemlich bekannt. Du musst neu in Philly sein.«

»Total neu«, bestätigte ich.

»Ich auch. Magst du kommen?«

»Ja, klingt toll.«

»Gut. Wo wohnst du?«

»Im fünfzehnten Stock des Sansom Place West.«

»Wir sind Nachbarn. Ich wohne im dritten Stock. Wir können uns in der Lobby treffen und gemeinsam hingehen.«

»Um wie viel Uhr?«

»Gegen sechs?«

»Toll.«

»Toll«, wiederholte sie und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.

Ich ertappte mich dabei, dass ich während des gesamten restlichen Kurses lächelte.

Fünftes Kapitel

Kluge Menschen können erfrischend oder ermüdend sein. Manchmal beides.

Aus dem Tagebuch von Luke Crisp

An jenem Abend begab ich mich gegen fünf vor sechs nach unten in die Lobby des Gebäudes, in dem ich wohnte. Candace war nicht da. Gegen zehn nach sechs fragte ich mich, ob sie mich versetzen würde. Ich wollte gerade zurück in mein Apartment fahren, als sie aus dem Aufzug kam.

Ich erkannte sie nicht sofort, weil sie sich umgezogen und die Haare nach hinten gebunden hatte. Sie trug eine teuer aussehende Jeans sowie eine kurze blaue Wildlederjacke, die ihr bis zur Taille reichte und ihre Figur betonte. Sie kam mit einem breiten Lächeln auf mich zu. »Entschuldige, dass ich mich verspätet habe. Meine Mitbewohnerin ist weinend nach Hause gekommen, und ich konnte sie nicht einfach sich selbst überlassen.«

»Kein Problem«, meinte ich. »Du sagtest, dass es um eine Lerngruppe geht. Soll ich meine Bücher mitnehmen?«

Sie lächelte schief. »Eigentlich ist es gar keine richtige Lerngruppe«, gestand sie. »Ich weiß nicht, warum wir sie so nennen. Vielleicht, weil wir uns dann nicht ganz so schlecht fühlen wegen all der Zeit, die wir verplempern. Wir haben uns größtenteils am ersten Wochenende während der Einführungsveranstaltungen kennengelernt, und seither treffen wir uns.« Ich folgte ihr nach draußen, wo wir uns Richtung Westen wandten. »Zum Smokey Joe’s geht’s hier lang.«

Die Luft war frisch, und die Sonne verbarg sich hinter einer tief hängenden Wolkendecke. Während wir gingen, fragte Candace: »Woher kommst du, Luke?«

»Aus Scottsdale, Arizona.«

»Scottsdale!«, rief sie. »Scottsdale Fashion Square.«

»Bist du mal dagewesen?«

»Mehrere Male. Ich liebe Arizona. Normalerweise wohne ich im Phoenican.«

»Das liegt nur knapp fünf Kilometer von meiner Wohnung entfernt – gleich am Camelback Mountain.«

»Ich bin den Camelback hochgewandert«, sagte sie. »Das ist eine schöne Gegend.«

»Ja«, bestätigte ich. »Und woher kommst du?«

»Aus Cincinnati. Überwiegend. Während meiner Kindheit ist meine Familie häufig umgezogen. Aber für mich ist Cincinnati mein Zuhause.«

»Wie kommst du dazu, Wirtschaft zu studieren?«

»Um es mit den Worten von Willie Sutton zu sagen: ›Da ist das Geld.‹«

»Wer ist Willie Sutton?«

»Er war zurzeit der Weltwirtschaftskrise ein berühmter Bankräuber. Als man ihn fragte, warum er Banken ausraubt, antwortete er …«

»… Da ist das Geld«, kam ich ihr zuvor.

Sie lächelte. »Genau.«

»Was für eine Art von Lokal ist das Smokey Joe’s denn?«, wollte ich wissen.

»Na ja, eine typische Studentenkneipe. Präsident Ford hat es als ›siebzehntes Institut für Höhere Bildung an der University of Pennsylvania‹ oder so ähnlich bezeichnet. Sie selbst nennen sich Pennstitution. Ich weiß nicht recht, was das bedeutet. Es ist einfach ein guter Ort zum Abschalten.«

»Klingt witzig.«

»Ich hoffe, dass es das auch ist«, meinte sie etwas zaghaft. »Ich sollte dich vor meinen Freunden warnen. Sie sind manchmal ein wenig … heftig.«

»Heftig?«

»Ja, wie ein Verkehrsunfall. Aber zumindest sind sie nicht langweilig. Sie sind nie langweilig.«

»Das ist gut.«

»Ja, das ist gut«, bestätigte sie, um dann hinzuzufügen: »Meistens.«

***

Das Smokey Joe’s lag auf dem Campus am University Square, rund zehn Minuten zu Fuß von meinem Apartment entfernt. Das Lokal sah so aus, wie man es von einer Studentenkneipe erwartet. Es hatte niedrige Decken, eine Holzvertäfelung und gerahmte Fotos an der Wand. Außerdem war es laut und voller Studenten. Und es gab eine Jukebox, auf der man Schallplatten aus den achtziger Jahren abspielen konnte.

Candace sah sich um, bis uns eine rothaarige Frau von der gegenüberliegenden Seite des Raumes zuwinkte. Candace nahm meinen Arm. »Wir sind da drüben.«

Wir drängten uns durch die Kneipe zur Ostecke, wo eine Gruppe von fünf Studenten an einem Tisch vor einer halb aufgegessenen Pizza und zwei großen Glaskrügen Bier saß. Der Mann am Kopf des Tisches sah ein wenig wie James Dean aus. Er hatte goldbraune Haare und trug ein baumwollenes Oxfordhemd mit aufgerollten Ärmeln, das bis zur Brust aufgeknöpft war. Er warf mir einen kühlen Blick zu.

»Hallo zusammen. Das ist Luke«, sagte Candace.

Alle winkten und nickten kurz bis auf den, der James Dean ähnelte. Der musterte mich einen Moment lang, bevor er sagte: »Heiliger Lukas. Ich bin Sean. Trink einen Schluck Bier.«

»Danke«, erwiderte ich.

Candace und ich setzten uns. Candace sagte: »Das sind Marshall, Suzie, Lucy und James.«

»Hallo«, sagte ich.

»Wie heißt du mit Nachnamen, Luke?«, fragte Sean.

»Crisp.«

»Crisp wie Crisp’s Copy Centers?«, erkundigte sich James, ein dünner Mann mit dunklem Teint und dunkelbraunem, lockigem Haar.

»Ja, genau wie die«, antwortete ich und stellte bewusst keine Verbindung her.

»Das ist kein gewöhnlicher Name«, stellte Lucy fest, die uns eingangs zugewinkt hatte. Sie war eine prachtvolle Rothaarige mit schönen smaragdgrünen Augen, vollen Lippen und einer wohlgeformten Figur. Eine ihrer Hände lag auf Marshalls Arm, weshalb ich annahm, dass sie ein Paar waren. »Bist du irgendwie mit den Besitzern von Crisp’s verwandt?«

»Das Unternehmen gehört meinem Vater«, sagte ich.

Candace sah mich erstaunt an.

»Carl Crisp ist dein Vater?«, schrie Marshall regelrecht. »Ich hab den Artikel gelesen, der im vergangenen April über ihn in Forbes erschienen ist. Also das ist ein echter Kapitalist. Er hat mehr Leute ruiniert als Hurrikan Katrina.«

»Und wer ist dein Vater«, schoss ich zurück. »Che Guevara?«

Alle außer Marshall lachten.

»Che Guevara. Das ist gut«, meine Sean und wirkte beeindruckt. »Dann bist du eindeutig einer von uns. Wir sind die Früchte des Kapitalismus und die Ausgeburten der Privilegien. Wir haben alles, und wir haben nichts.« Er hob sein Glas. »Auf die Champagnerträume und die Seelen aus Pappe.«

Ich musste bei dem Satz lächeln und fragte mich, wie präzise er sich damit selbst beschrieb.

»Seelen aus Pappe«, wiederholte Suzie, eine ausgesprochen dünne junge Frau mit kurzem blondem Haar.

»Also, Mr Crisp«, sagte Sean und ließ den Blick auf mir ruhen. »Was ist der Sinn des Lebens?«

Candace verdrehte die Augen, und Lucy meinte: »Das fragt er jeden.«

Ich fühlte mich ein wenig unbehaglich. »Darauf weiß ich noch keine Antwort, Sean. Ich freu mich einfach, hier zu sein.«

»Das gefällt mir«, sagte Candace.

»Ja, das unerforschte Leben«, meinte Sean. »Die Aussage hat was. Nun, James hier sagt, er sei ein Wiedergeborener, was immer das heißen mag …«

»Das heißt, dass ich ein Christ bin«, schaltete sich James ein.

»Wie gesagt: Was immer das heißen mag«, gab Sean zurück. »Sich über Weihnachten lustig zu machen ist so, als würde man Kühe mit einem Maschinengewehr jagen.« James schüttelte nur den Kopf. »Also Lucy hier ist eine Agnostikerin, auch wenn das für sie nur ein bombastischer Begriff ist …« – Lucy schlug ihn spielerisch – »… und Marshall ist ein Hedonist.«

»Ein altruistischer Hedonist«, korrigierte ihn Marshall.

»Was ist ein altruistischer Hedonist?«, fragte ich.

Marshall antwortete: »Wir glauben, dass die einzigen Dinge im Leben, nach denen es sich zu streben lohnt, die Schönheit und das Vergnügen sind – die ehrliche Erfüllung der Sinne. Aber wir erkennen auch an, dass Altruismus ebenfalls eine bestimmte Art von Vergnügen erzeugt.«

»Mir ist noch nicht klar, was Suzie ist«, sagte Sean.

»Eine moralische Kapitalistin«, erklärte Suzie.

»Das ist ein Oxymoron«, entgegnete Marshall.

»Und was bin ich?«, fragte Candace.

»Du«, meinte Sean langsam, »bist auf der Hut.«

Candace zuckte die Schultern. »Im Gegensatz zu dir.«

»Und was bist du?«, fragte ich Sean.

Er lächelte. »Ich bin zutiefst oberflächlich.«

»Das heißt, dass er nicht weiß, was er ist«, sagte Suzie.

»Das heißt«, widersprach Sean, »dass ich nicht arrogant genug bin, um zu behaupten, ich wüsste, worin der Sinn des Lebens besteht, wenn es so etwas denn gibt.«

»Hast du tatsächlich die Worte ›nicht arrogant‹ verwendet, um dich zu beschreiben?«, fragte Candace.

»Der Vollständigkeit halber: Ich vermute, dass ich ebenfalls ein Kapitalist bin. Darum rennen wir ja auch dem MBA hinterher wie der Esel hinter der Karotte, oder?«, sagte ich.

»Ich liebe Karotten«, verkündete Lucy und wandte sich mir zu. »Ich bin Veganerin.«

»Moment mal«, schaltete sich Marshall ein. »Das schließt Hedonismus nicht aus. Würdest du sagen, dass dein Kapitalismus ein Mittel oder ein Ziel ist?«

»Ein Mittel wofür oder ein Ziel für was?«, fragte ich.

»Lass es mich so formulieren«, erwiderte Marshall. »Wenn du eine Milliarde Dollar hättest, würdest du dann noch weiter arbeiten?«

Ich dachte nach. »Wahrscheinlich.«

»Dann bist du genauso ein Hedonist wie ich.«

»Wie bist du denn zu dem Schluss gekommen?«, fragte Candace.

»Ich sage nur, dass einer, dessen höchstes Ziel darin besteht, Geld um des Geldes willen zu machen, die extremste Form eines Hedonisten darstellt, der sich am obskursten aller Vergnügen erfreut.«

»Marshall hat recht«, meinte Sean. »Der moderne Kapitalismus hat eine neue Ästhetik geschaffen, eine strahlende neue Spezies Mensch, die nicht das wertschätzt, was man mit Geld kaufen kann, sondern nur das Geld selbst. Es ist so, als würde man ein Festessen zubereiten, um es dann nur zu betrachten.«

»Das kann auch Spaß machen«, fand Candace.

»He, du«, sagte Sean und zeigte mit dem Finger auf Candace, »red nicht so viel.«

Candace verdrehte erneut die Augen.

»Solche Leute gab es schon immer«, bemerkte ich. »Da braucht man nur Dickens zu lesen.«

»Das stimmt«, nickte Sean. »Unsere Kultur hat nichts erfunden. Sie adaptiert lediglich ungeniert die einstigen Fehlschläge anderer Kulturen, wischt sie ab und bezeichnet sie als neu. Philosophisch ist das faszinierend: Die Relativisten haben jahrhundertelang behauptet, dass der Weg das Ziel ist, und diese neue Sorte von Kapitalisten lebt das. Erschaffen und anhäufen. Das ist poetisch.«

»Ich wüsste nicht, warum sich jemand damit abplagen sollte«, warf Lucy ein. »Es ist zu viel Arbeit. Ich sage, dass man arbeiten sollte, um zu leben, nicht leben, um zu arbeiten. Gerade genug, um sich die Freuden des Lebens leisten zu können.«

»Was weißt du schon von Arbeit?«, stichelte Marshall.

»Frag mich, was ich über die Freuden weiß«, konterte sie und lehnte sich gegen ihn.

»Nun, das wirft interessante Fragen auf«, sagte Candace. »Wie viel ist genug? Sind wir für die Gier oder für das Gute geboren worden? Und schließlich: Was heißt gut?«

»Das ist die richtige Frage«, befand Sean. »Gier ist gut.«

»Gott ist gut«, meldete sich James zu Wort. Er hatte so wenig gesagt, dass ich seine Anwesenheit fast vergessen hatte.

»Es mag dich überraschen«, sagte Sean und wandte sich James zu, »aber erstens widerspreche ich dir gar nicht, mein doppelt geborener Freund. Wenn du an Gott glaubst und daran, dass Gott gut ist, dann wäre es falsch, das Gute, dass Er geschaffen hat, nicht anzuerkennen. Es wäre, als würde man den Baum verehren, aber seine Früchte meiden. Gott ist im Streben nach den Freuden dieser Welt zu finden.«

»Also bist du heute ein Hedonist«, stellte Marshall fest.

»Ein Hedonist und ein Gläubiger. Denk mal drüber nach. Wenn du an den einen allmächtigen Schöpfer glaubst, dann sieh dir an, was Er geschaffen hat: Die sinnlichen Freuden – Essen, Trinken, Fleischeslust –, das sind seine Schöpfungen, nicht unsere, und sie sind zu unserem Genuss erschaffen worden. Und das ist der einzige Gott, den zu verehren sich lohnt, der eine, der uns erschaffen hat …«

»Oder den wir erschaffen haben«, unterbrach ihn Marshall.

»… oder den wir erschaffen haben«, stimmte ihm Sean zu. »Der Gott, der will, dass wir wahre Freuden erleben. Alles darunter ist Masochismus. Und das ist Lucys Geschäft, nicht meins.«

Lucy grinste.

»Sie muss eine Masochistin sein, wenn sie bei Marshall bleibt«, sagte Suzie.

Sean hob sein Bierglas. »Auf die Gier, den Hedonismus und den Einen Wahren Gott, der sie der Welt gegeben hat.«

Candace hatte recht. Ihre Freunde waren alles andere als langweilig.

Sechstes Kapitel

Was für einen Unterschied es macht, einen Freund zu haben …

Aus dem Tagebuch von Luke Crisp

Candace und ich verließen das Smokey Joe’s ein paar Stunden später. Es war dunkel draußen und kühler geworden, was uns zu einem schnelleren Schritttempo zwang.

»Also, was hältst du von meinen Freunden?«, fragte Candace.

»Sie sind interessant.«

»Interessant auf gute oder interessant auf schlechte Art?«

»Mit ihrem Geplänkel mithalten zu wollen ist, als befände man sich auf einem geistigen Laufband«, antwortete ich.

Sie lachte los, und ihr Lachen hatte einen süßen, frohen Klang. »Genau. Manchmal hat man das Bedürfnis, sich sinnlos zu betrinken, wenn man mit ihnen zusammen ist. Ich nehme sie nie allzu ernst, aber ab und zu sagen sie etwas, über das es sich lohnt nachzudenken.«

»Ich nehme mal an, dass Sean der Anführer ist?«

»Mehr oder weniger.«

»Erzähl mir was über ihn.«

»Sean ist der Sohn eines sehr vermögenden Bostoner Investmentbankers. Er ist ausgesprochen weltgewandt, weißt du? Er ist so was wie ein College-Schamane; er hat ein erstaunliches Gespür – kennt jede Party und kommt überall rein. Er ist sympathisch, findest du nicht?«

Ich nickte. »Er ist sehr charismatisch.«

»Ja, das ist er. Ich bin mir sicher, dass er dich mochte.«

»Woher willst du das wissen?«

»Wenn nicht, würdest du es merken, glaub mir.« Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht. »Lucy und Suzie stehen beide auf ihn.«

»Ich dachte, Lucy würde mit Marshall gehen.«

»Tut sie auch. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das eine Verlegenheitslösung ist. Alle Mädchen wollen Sean.«

»Du auch?«

»Anwesende ausgenommen. Sean ist nicht gerade ein Fundament, auf das man bauen kann, wenn du weißt, was ich meine.«

»Gehen sie alle an die Wharton?«

»Nein. Lucy macht gerade ein Grundstudium an der Uni, Suzie ebenso. Ich glaube, sie studiert im Hauptfach Kunst. Sean und Marshall haben sie in einem Club kennengelernt.«

»Und was ist mit James? Er scheint nicht recht zu Sean und Marshall zu passen.«

»Nein. Ich weiß nicht, warum er sich mit ihnen abgibt. James kommt aus einer Militärfamilie, also ist da kein Geld im Hintergrund. Er studiert mit einem Stipendium an der Wharton, und er arbeitet nebenbei. Ihm gehört ein Büroreinigungsunternehmen.«

»Er wirkt ernster als die anderen.«

»Das ist er auch. Er versäumt viele unserer Treffen, um wirklich zu studieren. Er ist auch der Einzige aus der Gruppe, der in die Kirche geht, worüber sich Sean gern lustig macht.«

»Aber warum ist er dann mit ihnen zusammen?«

»Wie gesagt, ich weiß es nicht so genau. Vielleicht glaubt er, er könnte ihre Seelen retten.«

»Das scheint nicht zu funktionieren«, sagte ich. »Nein, das glaube ich auch nicht.«

»Was ist mit dir«, fragte ich. »Bist du religiös?«

»Eigentlich nicht. Ich gehe ab und zu in die Kirche, zu Weihnachten, Ostern und so. Und du?«

»Als ich klein war, ja. Als meine Mutter noch lebte.«

»Du hast deine Mutter verloren?«

»Mit sieben.«

Sie sah mich teilnahmsvoll an. »Das tut mir leid. Das muss entsetzlich gewesen sein.«

»Das war es.« Ich drehte mich zu ihr hin. »Und, wie hast du Seans Frage beantwortet? Was ist der Sinn des Lebens?«

»Ich glaube«, sagte sie bedächtig, »dass der Sinn des Lebens genau das ist, als was man ihn definiert.«

***

Wir erreichten unseren Wohnblock und gingen hinein. Vor dem Fahrstuhl blieben wir stehen.

»Sag mir eines«, fragte ich sie. »Warum hast du mich eingeladen, heute Abend mitzukommen?«

Sie lächelte. »Ich weiß nicht. Du bist mir im Kurs einfach aufgefallen. Irgendetwas an dir hat mich fasziniert.« Sie fügte hinzu: »Hinter dir steckt mehr.«

»Mehr?«

»Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Festigkeit.«

Ich grinste leicht. »Festigkeit also? Willst du damit sagen, dass ich dick bin?«

»Nein, ich sage, dass du Substanz hast. Ich habe mit genug hohlen Menschen gelebt, um das zu wissen.«

»Das nehme ich als Kompliment.«

»Ich hab’s auch so gemeint«, sagte sie. »So, jetzt bin ich dran. Warum hast du meine Einladung akzeptiert?«

»Leider wird meine Antwort alles, was du gerade gesagt hast, vollständig widerlegen.«

»Ja?«

»Ich fand, dass du schöne Augen hast.«

Ein breites Lächeln huschte über ihr Gesicht. Einen Augenblick später öffnete sich die Fahrstuhltür, und wir stiegen beide ein. Ich drückte auf die Knöpfe für ihr und für mein Stockwerk. Als wir den dritten Stock erreichten, beugte sie sich vor und küsste mich flüchtig auf die Wange.

»Danke noch mal, dass du mitgekommen bist. Ich seh dich dann im Kurs.« Sie verließ den Fahrstuhl und drehte sich noch einmal um. »Gute Nacht, Luke.«

»Gute Nacht, Candace.«

Sie winkte mir zum Abschied zu, während sich die Türen schlossen. Wharton gefiel mir bereits erheblich besser.

Siebtes Kapitel

Das Gesetz der Zentrifugalkraft scheint für die menschliche Befindlichkeit genauso zu gelten wie für die Newtonsche Mechanik – je schneller sich unser Leben dreht, desto mehr Dinge neigen dazu auseinanderzufliegen.

Aus dem Tagebuch von Luke Crisp

Nach jenem ersten Abend begannen Candace und ich, uns drei- bis viermal die Woche zu sehen. Ich war fasziniert von ihr. Sie war aufgeweckt, allerdings eher clever als akademisch intelligent. Sie vertraute mir an, dass sie in den meisten ihrer Kurse Probleme hatte, dem Stoff zu folgen.

Candace stellte mir zahlreiche Fragen zu meiner Kindheit, aber sie erzählte nicht viel über sich selbst. Doch ich hatte weniger den Eindruck, dass sie irgendetwas verheimlichen wollte, als vielmehr den, dass sie keinen Wert darauf legte, von sich zu berichten. Eigentlich wusste ich über ihre Vergangenheit nur, dass sie häufig umgezogen war und dass sich ihre Eltern ein Jahr vor Beginn ihres Collegestudiums hatten scheiden lassen, was eine für sie zutiefst schmerzliche Erfahrung gewesen war. Als ich sie besser kennenlernte, begann ich ihre Bemerkung zu verstehen, dass meine »Festigkeit« sie anziehe. Sie schien Angst vor dem Ungewissen zu haben – besonders in finanzieller Hinsicht. Seans Einschätzung, sie sei »auf der Hut« traf es ziemlich genau. Sie war zuversichtlich und auf der Hut, wenn das möglich ist. Einem Menschen wie ihr war ich noch nie begegnet.

Rückblickend wird mir klar, dass mich meine Gefühle für Candace derart unmerklich befielen, dass ich nicht sagen kann, wann ich mich wirklich in sie verliebte. Aber Anfang November wusste ich, dass es mich erwischt hatte. Ich war vermutlich noch nie zuvor richtig verliebt gewesen. Das heißt nicht, dass es vorher keine Frauen oder zumindest Mädchen in meinem Leben gegeben hatte; das hatte es, und ich hatte mich auch schon in einige verknallt.

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