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Damals hast du mich geliebt …

1. KAPITEL

Manchmal gehen Träume in Erfüllung.

Chloe hatte das oft gehört, doch wirklich geglaubt hatte sie es nie.

Nicht bis zu diesem Moment, in dem das Licht im Zelt erlosch, die Musik anschwoll und die New Yorker Modewelt ihr zu Füßen lag. Wenn den Leuten ihre Entwürfe gefielen, dann war wirklich alles wahr geworden, was Chloe sich je in ihrem Leben gewünscht hatte.

„Ich glaube, mir wird schlecht“, flüsterte sie ihrem Cousin und ersten Assistenten Robbie zu, der schon den ganzen Vormittag um sie herumgeschwirrt war.

Ihre Geschäftsführerin und Buchhalterin Addie, die sie als ihre Schwester bezeichnete, stand irgendwo hinter ihr. Genau wie Robbies Zwillingsschwester Connie, Chloes zweite Assistentin. Das Ganze war im wahrsten Sinn des Wortes ein Familienbetrieb.

„Übergeben kannst du dich später“, sagte Robbie. „Zunächst musst du die Models ein letztes Mal checken und den Startschuss für die Show geben, bevor noch etwas passiert.“

„Wie meinst du das, bevor etwas passiert? Irgendetwas Schlimmes?“

Chloe hatte das nämlich im Gefühl. Selbst hier im Dunkeln, umgeben von all den Models, die bereit waren, in ihren wunderschönen Kleidern über den Laufsteg zu schweben, ahnte sie, dass etwas Schlimmes passieren würde.

Robbie gab ihr einen sanften Schubs Richtung Laufsteg, und schon stand sie im Rampenlicht. Von diesem Moment an war ihre Wahrnehmung nur noch verschwommen. So lange, bis es Zeit wurde, das letzte Model auf den Laufsteg zu schicken.

Eloise, die Exzentrikerin, baute sich vor Chloe auf und zog ihren üblichen Model-Schmollmund, der jedoch immer besonders schmollend ausfiel, wenn er Chloe galt.

In ihrem seltsam gestelzten Model-Gang marschierte sie los. Das Kleid aus naturfarbener Seide wippte und wehte einfach herrlich, während sie den Laufsteg hinabstolzierte. Die Menge war begeistert und johlte wie wild.

Chloe begann zu weinen. Sie konnte es nicht zurückhalten.

Sie hatte es geschafft!

Jetzt stellten die Models sich in einer Reihe auf und drehten gemeinsam eine weitere Runde. Chloe reihte sich hinter Eloise und ihrem Pseudo-Bräutigam ein, der, wie Gerüchte besagten, momentan auch im wahren Leben ihr Freund war.

Sie erreichten die Stelle, von der aus Chloes Verlobter Bryce, ein Modefotograf, die Show dokumentierte. Sofort begannen ihre Freunde im Publikum Bryce zuzurufen, er solle zu Chloe auf den Laufsteg gehen.

Bryce, der in seinen schwarzen Jeans und dem ebenso schwarzen T-Shirt schlank und modebewusst wirkte, sprang hinauf und gab Chloe mit seinem umwerfenden Bryce-Lächeln einen Kuss auf die Wange. Zusammen mit Eloise und ihrem Bräutigam-Model-Freund standen sie nun am Ende des Laufstegs im Blitzlichtgewitter.

Endlich wagte Chloe es, wieder zu atmen und dabei alles sacken zu lassen. Die Show war völlig problemlos über die Bühne gegangen, und das Publikum applaudierte enthusiastisch.

Plötzlich merkte sie, wie Eloise unruhig wurde und wütend etwas zu zischeln begann. Chloe warf ihr einen kurzen Blick zu, der so viel besagte wie: Das kann doch sicher bis nach der Show warten!

Eloises Partner zischte wütend zurück – und auch Bryce mischte sich ein. Die Zuschauer, die allmählich aufmerksam wurden, verstummten und begannen ihrerseits zu tuscheln.

Nicht jetzt. Nicht jetzt. Nicht jetzt!

„Du Mistkerl!“ Eloises Empörung galt jedoch nicht ihrem Freund – sondern … Bryce!?!

„Du musst wohl alles, was einen Rock trägt, begrapschen, oder?“

Chloe keuchte, dann stockte ihr plötzlich der Atem. Ihr Verlobter hatte etwas mit einem ihrer Topmodels? Nein, das konnte nicht wahr sein.

Das war einfach zu klischeehaft. Erst recht, wenn man es mitten auf dem Laufsteg herausfand. Fast so, als hatte man es bis zum Altar geschafft, um dort der Katastrophe ins Auge zu blicken.

Es sollte doch Chloes großer Tag werden. War das so schwer zu verstehen? Sie war hier die einzig wahre Heldin!

Eloise richtete ihren Zeigefinger mit dem langen, spitzen Fingernagel auf Bryces Gesicht. „Ich habe dir gesagt, dass du mit dem Schwachsinn aufhören sollst! Ich nehme das nicht länger hin, du Mistkerl!“

Bryce wirkte blass und mitgenommen.

Chloes Wahrnehmung war mittlerweile leicht getrübt. Was wollte Eloise? Bryce sollte sich von ihr, seiner Verlobten, fernhalten? Oder belästigte er etwa Eloise?

Gelächter brandete auf. Zunächst leise, dann immer lauter, bis das Blitzlichtgewitter der Kameras Chloe die Sicht nahm. Wie versteinert blieb sie mitten im Chaos stehen. Dann wurde ihr klar, dass Eloise gar keine Anstalten machte, Bryce auf Abstand zu halten. Vielmehr schob sie sich zwischen Bryce und ihren Model-Freund und kreischte: „Er gehört mir!“

Irgendetwas stimmte hier nicht.

Bryce war zum Niederknien sexy, und irgendwie hatte Chloe ihn an Land gezogen. Er wollte nur sie, obwohl er sein Leben damit verbrachte, die tollsten Frauen der Welt zu fotografieren. Frauen, die in ihrer perfekten Schönheit gleichermaßen unwirklich wie umwerfend waren.

Chloe bemerkte den Blick, den Bryce dem männlichen Model zuwarf. Diesem übertrieben gebräunten, unglaublich attraktiven männlichen Model.

Ein intimer, wissender, bedauernder Blick.

„Oh nein“, flüsterte Chloe und kämpfte mit aller Kraft gegen die Tränen an.

Nicht hier. Nicht jetzt.

Chloe, aufstrebende Topdesignerin und Teil der großen Maschinerie, die Hochzeitsträume kleiner Mädchen wahr werden ließ, hatte einen Verlobten, der mit einem anderen Mann schlief!

James Elliott IV. interessierte sich nicht im Geringsten für Nachrichten aus der Modewelt. Seine Vorstellung von Modebewusstsein bestand darin, sein traditionell weißes Hemd gegen ein blassgelbes, vielleicht auch ein blaues einzutauschen – und das auch nur, wenn er etwas wirklich Gewagtes ausprobieren wollte.

Als er jedoch an diesem sonnigen Septembermorgen auf dem Weg von seiner Wohnung im New Yorker Stadtteil Tribeca zu seinem Büro an seinem Lieblings-Zeitschriftenstand stoppte, um sich das Wall Street Journal zu kaufen, war es fast unmöglich, die Modenachrichten zu ignorieren. Sie beherrschten die Titelseiten der gesamten Boulevardpresse.

Irgendein durchgedrehtes Model in einem wogenden Hochzeitskleid sprang mitten auf dem Laufsteg einen Mann an, wobei sie aussah, als wollte sie ihm jeden Moment die Augen auskratzen.

Während er an der Kasse wartete, dachte James bei sich, dass die junge Frau tatsächlich ziemlich durchgedreht wirkte, doch er war der Meinung, dass das auch auf die meisten ihrer Kolleginnen zutraf. Das ständige Hungern machte diese Frauen bösartig – und zumindest ein bisschen verrückt.

Auf dem Foto war zu sehen, dass sie den Mann buchstäblich angesprungen und die Beine um seine Hüfte geschlungen hatte. Ihre Finger hatte sie drohend gekrümmt, bereit, den anderen zu kratzen, während der Typ unmögliche Verrenkungen anstellte, um sie abzuschütteln.

Im Hintergrund stand ein männliches Model in einem Smoking. Der Mann machte ein Gesicht, als würde er am liebsten ebenfalls in den Ring steigen, wozu ihm dann doch der Mut zu fehlen schien.

Und im Vordergrund am unteren Bildrand … Das sah aus wie …

„Chloe?“

Seine Ex.

Die Ex, wie er sich selbst eingestehen musste. Diejenige, bei der es ihn wirklich erwischt hatte. Wie keine andere hatte sie sich in sein Herz geschlichen, ihn zur Weißglut getrieben, ihn immer wieder verblüfft und verletzt, bis sie am Ende getrennte Wege gegangen waren.

Was zum Teufel war nur mit Chloe passiert?

Die Schlagzeile lautete: Monsterbräute rasten aus! Blutvergießen auf der Modewoche! Eloise läuft Amok!

Monsterbräute?

Und wer war Eloise?

Eine andere Schlagzeile verkündete: Hochzeitskleid-Designerin Chloe und Model Eloise im Homo-Albtraum! Ihre Männer betrügen sie … miteinander!

James verzog das Gesicht.

Eine dritte Schlagzeile vermeldete reißerisch: Designerin Chloes Modewoche wird zum Albtraum jeder Frau: Ihr Zukünftiger steht auf Männer!

Jetzt fühlte sich James richtig mies.

Kurz nach ihrer Trennung war er wütend genug gewesen, Chloe ein gebrochenes Herz zu wünschen. Aber das hier erschien ihm unverhältnismäßig brutal. Wenn es überhaupt stimmte. Die meisten Storys in diesen Blättern waren schließlich erfunden.

„Mr Elliott?“ Zeitungsverkäufer Vince unterbrach seine Gedanken. „Möchten Sie heute mal eins von diesen Revolverblättern?“ Vince klang verwundert.

„Was?“ James starrte den Mann an, der ihm seit Jahren seine Börsennachrichten verkaufte. „Natürlich nicht. Ich warte nur bis … ich mit zahlen dran bin.“

Vince zuckte mit den Schultern, als würde er James kein Wort glauben, dann sagte er: „Heiße Geschichte heute Morgen. Normalerweise passiert auf dieser Modewoche nichts, was auch normale Leute interessiert. Aber ein Frauencatchen um zwei Männer … Das ist heiß!“

„Chloe und dieses Model haben sich geprügelt?“

„Wer?“

„Die Designerin.“

„Ja“, meinte Vince gedehnt, wobei er begeistert nickte. „Mitten auf dem Laufsteg, heißt es. Hoffentlich gibt es davon ein Video. Das könnte mir gefallen. Kennen Sie das Mädchen, diese Chloe?“

„Früher mal“, gab James zu. Warum auch nicht? Er sprach hier mit Vince. Sie beide waren Kiosk-Kumpel.

„Auf den meisten Bildern wirkt sie irgendwie schwach und harmlos“, sagte Vince. „Als könne diese Eloise sie in Stücke reißen, wenn sie nur wollte.“

Schwach war kein Ausdruck, den James im Zusammenhang mit Chloe benutzt hätte. Sie selbst gab sich gerne hart wie Stahl und ausgesprochen selbstständig. Vor allem, wenn es um ihre Karriere ging. Privat war sie jedoch sanft, einfühlsam, manchmal verletzlich, aber auch humorvoll und lebenslustig. Und sie konnte einen Mann in den Wahnsinn treiben.

Nichts davon ließ sich mit Schwäche gleichsetzen.

Auch wenn James zugeben musste, dass sie auf den Prügelfotos zerbrechlich und traurig wirkte, wie sie da deprimiert im Abseits stand. Es sah ganz so aus, als sei ihre Show ruiniert. Dabei hatte sie doch ihr ganzes Leben auf eine solche Chance hingearbeitet. Das war ihr wichtiger gewesen als ihre Beziehung zu ihm, so viel stand fest. Damals hatte sie ihn damit zur Weißglut getrieben.

„Sind Sie sicher, dass Sie keine von denen wollen?“ Vince deutete auf die Boulevardblätter. „Im Innenteil sind noch mehr Bilder.“

„Danke, kein Bedarf.“ Auf gar keinen Fall würde James so etwas in aller Öffentlichkeit kaufen. Nein, er würde sich die Ausgabe seiner Assistentin leihen …

Als James sein Büro im 26. Stock betrat, begrüßte er zunächst seine Sekretärin und die Sekretärin seiner Sekretärin, dann bat er seine Assistentin Marcy in sein Büro. Es war ein großes, vollkommen schmuckloses Zimmer mit einem massiven Schreibtisch aus poliertem Holz, imposanten Lederstühlen und einer fantastischen Aussicht bis hinunter zum New Yorker Hafen und dem Battery Park.

James glaubte an Ordnung, Disziplin, harte Arbeit und Unternehmergeist. Wenn die Leute ihn als Finanzgenie bezeichneten, lächelte er nur und widmete sich wieder seiner Arbeit. Die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung stellte zwar eine Herausforderung dar, doch sie hatte ihn keineswegs kalt erwischt. Deshalb ging es ihm nach wie vor gut, während andere um ihn herum ins Strudeln gerieten.

Trau nie dem Hype, schon gar nicht, wenn es um Geld geht, predigte er stets. Er selbst war mit dieser Philosophie gut gefahren.

Im Augenblick fragte er sich jedoch, ob er nicht vielleicht seine Beziehung mit Chloe auf ein überhöhtes Niveau gehypt hatte. Es war kaum möglich, dass er mit ihr so glücklich – oder ohne sie so unglücklich – gewesen war, wie er es in Erinnerung hatte.

Nicht, dass er von dieser Frage besessen war.

Nur … neugierig.

„Mr Elliott? Geht es Ihnen gut?“, fragte Marcy.

„Natürlich“, gab er zurück. Noch konnte er sich nicht so ganz überwinden, seine Bitte zu äußern. Er räusperte sich, rückte seine Krawatte zurecht, stutzte. „Eigentlich bräuchte ich … Ich würde gerne einen Blick auf Ihre Ausgabe des ‚New York Mirror‘ werfen.“

Marcy wurde nervös. Ihre Augen weiteten sich, und ihre Wangen überzog eine zarte Röte. „Aber ich habe keinen …“

„Oh doch, haben Sie. Ich weiß, dass Sie dieses Blatt lesen, und ich will es.“

„Warum?“

„Sie wissen, warum. Ich wette sogar eintausend Dollar, dass Sie das wissen.“

Jetzt war sie wirklich verlegen, stritt es aber auch nicht mehr ab – weder, dass sie das verdammte Blatt las, noch, dass sie wusste, warum er es wollte.

Sie hatte bald nach seiner Trennung von Chloe bei ihm angefangen. Wochenlang war seine Laune unerträglich gewesen. Am Ende hatte er sich gezwungen gesehen, außerplanmäßige Bonuszahlungen an Marcy und weitere Angestellte, die ihn ertragen mussten, zu verteilen. Als eine Art Wiedergutmachung.

„Okay, ich hol’s ja.“ Marcy drehte sich um und eilte hinaus.

„Und wagen Sie es nicht, irgendjemandem davon zu erzählen!“, rief er ihr nach. Seine Sekretärin und die Sekretärin seiner Sekretärin blickten ihn durch die geöffnete Tür besorgt an.

Toll. Einfach nur toll.

Als Marcy zurückkam, hatte sie das Skandalblatt penibel zusammengerollt, sodass niemand sehen konnte, worum es sich dabei handelte. Wenigstens war es ihr peinlich, so etwas zu lesen.

Mit finsterer Miene gab sie es ihm, dann beugte sie sich über die Tastatur, um etwas in seinen Computer zu tippen. „Sie wollen die Zeitung wegen der Fotos, aber der beste Bericht ist hier zu finden.“ Sie deutete auf einen Blog, der nun auf dem Monitor erschien, dann zog sie sich mit einem verlegenen Räuspern aus seinem Büro zurück.

James sah sich die Fotos kurz an, verzog das Gesicht, dann wandte er sich dem Blog-Eintrag zu.

Der Braut-Blog. Alles über Bräute.

Bräute-Prügelei auf der New Yorker Modewoche!

Was für ein Hochzeitsalbtraum!

Vergesst die Eifersucht Brautjungfern! Wie wir bei der überraschenden Prügelorgie auf der dieswöchigen New Yorker Modewoche erlebt haben, sollten moderne Bräute lieber andere Männer im Auge behalten.

Hochzeitskleid-Designerin Chloe Allen erschien erst vor wenigen Monaten im Rampenlicht, als das hinreißende Popsternchen Jaden Lawrence in einem Chloe-Kleid vor den Altar trat. Jetzt, auf Chloes erster Mode-Show, ging alles komplett in die Hose.

Offenbar konnte Chloes Verlobter, der renommierte Modefotograf Bryce Gorman, seine Hände nicht von einem der männlichen Models lassen. Dessen Auftritt als Bräutigam neben Supermodel Eloise sollte eigentlich der Höhepunkt der Show werden.

Ein Höhepunkt wurde es in der Tat!

Schwer vorstellbar, dass ein Model wie die hinreißende Eloise Angst davor haben müsste, einen Mann an die Konkurrenz zu verlieren. Doch genau das ist passiert – und der Dritte im Bunde ist offensichtlich Bryce Gorman.

Eloise sprang ihn an – und das buchstäblich – in ihrem Designer-Hochzeitskleid. Sie schlang ihre unglaublich langen Beine fest um seine Taille und stach mit ihren langen, rosafarbenen Fingernägeln nach seinem Gesicht, wobei sie ihn verletzte.

Es scheint, als sei der alte Albtraum – eine hoffnungsvolle junge Frau steht inmitten ihrer Freunde und Verwandten vor dem Altar und erfährt in letzter Minute, dass der Bräutigam etwas mit der Brautjungfer hat – durch eine modernere Variante abgelöst worden.

Heutzutage schläft der Bräutigam mit einem anderen Mann!

Als Chloe am Morgen nach der Show aus ihrer post-apokalyptischen Trance erwachte, betete sie, dass alles nur ein schrecklicher Traum gewesen war und sie noch einmal von vorne beginnen konnte. Obwohl sie sich als äußerst kreativ einschätzte, war der gestrige Tag so unglaublich mies verlaufen, wie sie es sich selbst niemals hätte ausmalen können.

Sie blickte auf und sah Addie, die Chloe als ihre Halbschwester bezeichnete, obwohl kein Vaterschaftstest das je bewiesen hatte. Chloes Vater hatte jedenfalls mit Addies Mutter geschlafen. Für Chloe und Addie, die einander alles anvertrauten, reichte das völlig aus.

„Bitte sag mir, dass es nicht wirklich passiert ist“, flehte Chloe.

„Oh Liebes, ich wünschte, das könnte ich.“ Addie setzte sich aufs Bett, lehnte sich mit dem Rücken an das Kopfende und bot Chloe ihre Schulter zum Ausweinen an.

Aufseufzend schmiegte Chloe den Kopf an Addie und dachte, dass dies der schrecklichste Tag ihres ganzen Lebens sein musste.

Na gut, der gestrige war auch schlimm gewesen. Aber da hatte sie ihre Familie um sich gehabt, man hatte sie aus dem Zelt bugsiert und ihr Drinks eingeflößt, bis alles hinter einem Nebel verschwand.

Heute musste sie auf den Luxus von Alkohol und Verdrängung verzichten.

„Ich dachte, er wäre der Richtige.“ Sie schluchzte vernehmlich.

„Ich weiß, Schätzchen.“

Freundlich, wie Addie war, verzichtete sie auf den Hinweis, dass Chloe das jedes Mal dachte, wenn ein neuer Mann in ihr Leben trat.

Sie war nicht dumm, nur voller Hoffnung. Zumindest versuchte Chloe, sich das einzureden. Auch wenn das nach drei gescheiterten Verlobungen zunehmend schwieriger wurde. Ihre Familie liebte Hochzeiten. So sehr, dass alle gerne und oft heirateten. Die Hochzeit war dabei stets der Höhepunkt. Danach ging es mit der Beziehung nur noch bergab.

Chloe hatte gehofft, dieses Muster schon dadurch zu durchbrechen, dass sie gar nicht erst heiratete. Doch nicht einmal das hatte sie vor ihrem ganz eigenen Hochzeitsfluch bewahrt.

Da gab es Verlobten Nummer eins, ihre Highschool-Liebe. Chloe bildete sich ein, dass sie einfach zu jung gewesen waren, um zu wissen, was sie wirklich wollten. Nichts, was als vernichtende Niederlage oder als böses Omen gedeutet werden musste.

Bryce, die Nummer drei, war sexy, humorvoll, selbstbewusst und kam aus derselben Branche. Damit wusste er genau, welche Opfer erbracht werden mussten, um erfolgreich zu sein. Außerdem war er zum perfekten Zeitpunkt auf der Bildfläche erschienen – nämlich als Chloe sich gerade über Nummer zwei die Augen ausgeweint hatte.

Addie behauptete, es habe schlichtweg am Timing gelegen, dass sie mit Bryce zusammengekommen war, doch das glaubte Chloe ganz ehrlich nicht. Sie würde doch nicht so weit gehen, sich zu verloben, nur um einen anderen Mann zu vergessen.

Verlobter Nummer zwei, der es hasste, in welchem Zusammenhang auch immer als Zweiter zu gelten, war James Elliott IV. Einer der begehrtesten New Yorker Junggesellen, wenn man einschlägigen Zeitschriften Glauben schenkte.

Chloe sprach nie über ihn.

„Moment mal“, sagte Addie jetzt und musterte Chloe eindringlich. „Du denkst doch gerade gar nicht an Bryce. Du denkst an … diesen anderen!“

„Tu ich nicht!“

„Doch, das tust du!“

„Na ja, jetzt natürlich schon. Was musstest du mich auch an ihn erinnern?“

„Weil du diesen Blick hast. Den bekommst du nur, wenn du an ihn denkst. An …“

„Sei still! Untersteh dich, seinen Namen auszusprechen.“

„An die gute alte Nummer zwei“, sagte Addie, wobei sie reichlich blasiert wirkte.

„Wurde ich nicht schon genug gedemütigt?“, beklagte sich Chloe. „Ohne dass du auch noch die lange Liste meiner Fehlschläge mit Männern heranziehen musst?“

„Stimmt“, gab Addie zu. „Sorry.“

Chloe stöhnte. Sie war noch nicht einmal aufgestanden, und schon sah der Tag trübe aus.

Um ihr Privatleben mochte es verheerend bestellt sein, dafür hatte sie ihr Berufsleben immer um Längen besser bewältigt. Die Tatsache, dass sich beides nun überlappte, ihr Privatleben sie in ein gewaltiges Karriereloch riss, war mehr als nur ein wenig beunruhigend.

„Okay, wie schlimm ist es wirklich?“, wollte Chloe tapfer wissen. „Hat gestern jeder … alles gesehen?“

„Ich fürchte, es gibt auch Fotos“, räumte Addie ein.

Mit Grauen erinnerte Chloe sich an das Blitzlichtgewitter.

„Es heißt doch, jede Publicity ist gute Publicity“, meinte Addie.

„Du hast nie zu den Menschen gehört, die das behaupten“, erinnerte Chloe sie.

„Vielleicht hatte ich die ganze Zeit unrecht.“

Unwahrscheinlich, aber Chloe liebte sie für den Versuch, sie zu trösten.

„Okay, also, halt dich fest.“ Addie rückte mit der ganzen hässlichen Wahrheit heraus: „Du bist heute in allen Boulevardblättern auf Seite eins.“

Chloe stieß einen jammervollen Laut aus.

„Normalerweise schaffen das nur Berühmtheiten und Politiker während eines Sexskandals“, fügte Addie hinzu.

„Und dabei hat das nie zu meinen Karrierezielen gehört.“

„Sieh es doch positiv: Dein Name ist wieder in aller Munde.“

„Nur, dass ich dieses Mal ein Kleid für den Hochzeits-Albtraum entworfen habe.“

Addie sah sie bestürzt an. „Sag doch nicht so etwas! Niemals, hörst du? Frauen drehen immer ein wenig durch, wenn es um ihre Hochzeit geht. Sie werden dann etwas … seltsam, kontrollwütig, fanatisch und abergläubisch. Das weißt du doch! Jede fürchtet, dass irgendetwas Schreckliches passieren wird.“

„Ganz genau. Und wenn sie an eine Hochzeit in einem Chloe-Kleid denkt, dann denkt sie an eine Katastrophe, das verspreche ich dir.“

„Chloe, ich bitte dich, sag das nie, nie wieder! Hörst du? Damit beschwörst du die Hochzeits-Monster doch erst herauf!“

„Die sind doch längst da! Mein Verlobter hat es mit dem Bräutigam getrieben! Was könnte denn sonst noch passieren?“

„Oh mein Gott.“ Addie bekreuzigte sich mit einem Ausdruck blanken Entsetzens. „So etwas darfst du nicht mal denken! Sobald die Frauen glauben, dass ein Fluch auf deinen Kreationen liegt, bist du als Designerin so gut wie erledigt! Wir sind glückliche Menschen, die Hochzeitsträume an die Frau bringen. Wir glauben an die Liebe, an Märchen, an Happy Ends und diesen ganzen Mist.“

„Okay!“, gab Chloe gehorsam zurück. Auf Addies Motivationsreden war immer Verlass. „Tut mir leid. Ich hatte nur einen schlechten Moment, aber ich bin drüber hinweg.“

„Schön. Aber was hier besprochen wurde, darf nicht nach draußen dringen.“

„Natürlich nicht“, sagte Chloe. Dann erlebte sie in einem kurzen Erinnerungsschub noch einmal, wie sie schluchzte, sich betrank und mit irgendjemandem sprach. Dasselbe ungute Gefühl wie kurz vor der Show überkam sie, als sie gewusst hatte, dass etwas schiefgehen würde.

Hatte sie vergangene Nacht irgendetwas getan? Außer, zu tief ins Glas zu schauen und ein paar Tränen zu vergießen?

Sie glaubte es nicht, konnte sich aber auch nicht wirklich erinnern.

Muss wohl ein Albtraum gewesen sein, entschied sie.

Ihr Verlobter schlief immerhin mit dem Bräutigam. Wie war das auch nur ansatzweise zu toppen?

Addie stand auf und ging aus dem Zimmer. Chloe blieb noch im Bett liegen, um den nötigen Mut für den Tag zu sammeln, den es zu bewältigen galt. Doch die Müdigkeit nagte an ihr. Und so ließ sie es geschehen, dass ihr die Augen zufielen und ihr Geist ins Niemandsland zwischen echtem Schlaf und zermürbendem Wachzustand driftete.

Sofort war sie wieder in der Bar von letzter Nacht. Sie hatte gelacht und geweint, ihre gesamte Liste von gescheiterten Beziehungen Revue passieren lassen. Dann, gerade als ihr alles am trübsten erschien, war ihr Blick zum anderen Ende der Bar gewandert.

Und da stand er.

Nicht Bryce.

James.

Chloe stöhnte, halb vor Schmerz, halb vor Verlangen. Sie wusste, dass es verrückt war, auch nur von ihm zu träumen.

Er sah so gut aus. Aber das war eigentlich nichts Besonderes. Er hätte selbst als Model arbeiten können, auch wenn er es hasste, das gesagt zu bekommen.

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