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Damals bei uns daheim

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Liebe Verwandtschaft!

 

Meinen andern Lesern in der weiten Welt macht es nicht viel aus, ob auf den folgenden Blättern die vollkommene Genauigkeit vom Verfasser gewahrt ist. Ihnen ist Tante Gustchen Hekuba. Wie aber bestehe ich vor Dir, sehr liebe Verwandtschaft –?! Wenn Du findest, daß ich eine Geschichte von Tante Gustchen der Tante Wieke in die Schuhe geschoben habe – wenn Du eine ganz neue Anekdote vom Vater hörst, und sie ist bestimmt erlogen! – und wenn der Schluß meines Berichtes von Großmutter nicht der familienkundigen Wahrheit entspricht – wie werde ich da vor Dir bestehen? Werdet Ihr mich nicht einen Erzlügner schelten, einen gewissenlosen Verfälscher heiliger Familienüberlieferung? Werdet Ihr mich nicht mehr auf der Straße grüßen, und werden meine Briefe keine Antwort mehr bei Euch finden –? Ich denke doch nicht! Denn wenn ich im Kleinen sündige, so bin ich doch im Großen getreu gewesen. Wenn ich bei den Taten erfand, so habe ich doch den Geist, so gut ich es vermochte, geschildert. Ja, ich glaube sogar, daß meine Freiheiten im Kleinen mir erst die Treue im Großen möglich gemacht haben. So habe ich die Eltern gesehen, so die Geschwister, so die gesamte Verwandt- und Bekanntschaft! Ihr seht sie anders? Geschwind, schreibet Euer Buch! Meines bleibt mir darum doch lieb – als ein Gruß an die versunkenen Gärten der Kinderzeit.

 

Euer getreuer Sohn, Bruder, Neffe, Onkel und Schwager, dermaleinst hoffentlich auch Großvater

H. F.

Festessen

Feierliche Abendessen, zu jenen grauen Vorzeiten um das Jahr 1905 herum »Diners« genannt, waren der Schrecken meiner Eltern, aber die Wonne von uns Kindern. War das Weihnachtsfest vorüber, hatten zu Neujahr Portier, Briefträger, Schornsteinfeger, Waschfrau, der Milch- wie der Bäckerjunge ihren meist sowohl hinten gereimten wie auf buntes Papier gedruckten Neujahrswunsch abgegeben und dafür nach einer geheimnisvollen Preisskala Beträge von zwei bis zu zehn Mark empfangen, so fing meine gute Mutter erst sachte, bald dringlicher an zu mahnen: »Arthur, wir müssen wohl allmählich an unser Diner denken!«

Zuerst sagte mein Vater nur leichthin: »Das hat gottlob noch ein bißchen Zeit!« Später seufzte er, schließlich stimmte er bei: »Dann werden wir also wieder einmal in den sauren Apfel beißen müssen. Aber das sage ich dir, Louise: mehr als fünfundzwanzig Personen laden wir diesmal nicht ein! Das vorige Mal war eine Fülle, daß keiner bei Tisch die Ellbogen bewegen konnte!«

Worauf Mutter ihm zu bedenken gab, daß wir, bloß um uns zu »revanchieren«, mindestens vierzig Personen einladen müßten. »Sonst müssen wir eben zwei Diners geben, und zweimal diesen Aufstand im Hause zu haben, das bringt dich und mich um! Außerdem würden die zum zweiten Diner Eingeladenen alle gekränkt sein, denn ein zweites Diner gilt doch nur als Lumpensammler!«

So glitten die Eltern ganz von selbst in immer häufigere eifrige Debatten über »unser Diner«, Debatten, denen wir Kinder mit größter Anteilnahme lauschten. Noch nicht so wichtig war uns die Frage, wer geladen wurde, wer neben wem sitzen sollte, trotzdem grade diese Frage meinen Eltern besonderes Kopfzerbrechen machte. Denn einesteils waren Rangordnung und Dienstalter (unter Berücksichtigung etwaiger Ordensauszeichnungen) strengstens zu beachten, zum andern mußten auch persönliche Sym- und Antipathien bedacht werden. Und schließlich entstand die schwere Frage: Hatten die so für ein vierstündiges Essen aneinander Gebannten sich auch was zu erzählen? Frau Kammergerichtsrat Zehner schwärmte nur für den Tirpitzschen Flottenverein, und Herrn Kammergerichtsrat Siedeleben interessierten neben seiner Juristerei nur kirchliche Dinge – ein solches Paar würde nie guttun! Und der liebe Kammergerichtsrat Bumm war auf dem linken Ohre taub, wenn er es auch nicht wahrhaben wollte: schon fünfmal hatte in diesem Winter bei andern Kammergerichtsdiners Frau Kammergerichtsrat Elbe (Gutsbesitzerstochter vom Lande) neben ihm gesessen. Es machte ihr nichts aus, auch mal ein bißchen zu schreien, aber konnte man es ihr wirklich ein sechstes Mal zumuten –?

Hatten die Eltern aber glücklich das kunstvolle Gebäude einer solchen Tischordnung errichtet und die Einladungen mit der mir sehr imponierenden Formel: U. A. w. g. (Um Antwort wird gebeten) durch Berlin versandt, so wurde unausbleiblich der Bau schon mit den ersten Antworten erschüttert bis in seine Grundfesten: der hatte die Influenza, dem war eben die Mutter gestorben, hier hatten die Kinder Diphtherie …

»Nein!« seufzte dann mein Vater, der sich immer am wohlsten über seinen Akten fühlte, »diese Abfütterungen sind etwas Schreckliches! Keiner schätzt sie. Warum verabreden wir uns nicht eigentlich alle, mit dem Unsinn Schluß zu machen –?!« Aber dies war ein rein rhetorischer Ausruf. Mein Vater wußte wohl, solchen Gedanken auch nur zu hegen grenzte an anarchistischen Umsturz. Alles, was sich in der Juristerei kannte, lud sich alle Winter gegenseitig ein, wie das Offizierskorps sich untereinander einlud, wie die Geistlichkeit zu einem Teller Suppe bat, der auch vier Stunden dauerte – alles schön nach Ämtern und Klassen getrennt, daß nur kein neuer Gedanke in die altgewohnten Kreise kam!

Doch, wie schon gesagt, diese Fragen interessierten uns Kinder nur als die Vorfragen der Hauptfrage: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? (Nämlich die Mama, für den Papa war Gehrock mit weiß pikierter Weste selbstverständlich.) Oh, diese wichtige Frage: Koch oder Köchin? Jeder Koch war nach einem alten Glaubenssatz tüchtiger als jede Köchin, aber er war auch teurer und ließ sich nie etwas sagen. Mit der Köchin ließ sich angenehmer arbeiten, aber das letztemal war das Filet zäh gewesen, und die Eisbombe war ihr zusammengefallen.

Ganz Fortgeschrittene ließen das Essen auch schon aus einer Stadtküche kommen, das dann im Hause nur aufgewärmt wurde. Aber dafür war Mutter gar nicht: »Es ist nicht das richtige, Arthur. Es schmeckt eben doch aufgewärmt!«

In unserm Hause fiel nach langen Erörterungen die Entscheidung unweigerlich für die Köchin, trotz des zähen Filets und der zusammengefallenen Bombe. Dann erschien Frau Pikuweit eines Nachmittags zu einer Vorbesprechung mit Mutter, und wenn ich es irgend so einrichten konnte, schmuggelte ich mich zu dieser Besprechung ein. (Von daher datiere ich meine nie nachlassende Liebe für die guten Speisen dieser Erde.)

Da saß dann also die gute Frau Pikuweit vor meiner Mutter, sie sah in ihrer bürgerlichen Alltagstracht lange nicht so majestätisch aus wie am Tage ihres Wirkens in schneeigem Weiß mit einer immer rutschenden gestärkten Haube auf dem Kopf. Die beiden Frauen verhandelten immer eifriger und schließlich immer verzweifelter über die Gänge – nach einer heiligen Tradition mußten es sieben oder neun sein, ich weiß es so genau nicht mehr. Meine Mutter hatte alle Speisefolgen – sprich Menüs – dieses Winters, durch die sie sich schon hindurchgegessen hatte, aufbewahrt: es sollte doch auch etwas Abwechslung sein!

Und nun fielen geheimnisvolle Worte: Haricots verts, Sauce Béarnaise, Sauce Cumberland, Soupe à la Reine, Cremor tartari, Aspik – Worte, die mir märchenhafter vorkamen als jedes Märchen! Schon wenn ich den Ausdruck »Krebsnasen« hörte – man denke Nasen von Krebsen, man aß Nasen! –, wurde mir ganz anders, und ich sah die fette, weißgelbliche Sauce vor mir, mit den kleinen rötlichen Fettkreisen und den schwarzen Knopfaugen und langen roten Fühlern der Krebse …

Was die Speisenfolge anging, zeigte sich Vater uninteressierter. Er war so unglücklich, gallenleidend zu sein, und aß allwinterlich fünfundzwanzigmal seine vier Stunden ab, indem er nicht mehr als eine Scheibe Fleisch und einen Löffel Prinzeßbohnen aß, wozu er ein Glas Sauerbrunnen trank. Pro forma wurde ihm stets ein Glas Wein gefüllt, das er aber nur bei ganz feierlichen Toasten mit den Lippen berührte. Daß mein lieber Vater die lange Folterqual dieser ihm immer wieder neu servierten Schüsseln mit den verlockendsten Gerichten stets in bester Laune überstand, zeigt sowohl seinen Sinn für das Schickliche wie sein grundgütiges Herz, das gottlob alle Galle nicht hatte verderben können.

Beim Menü ratete und tatete mein Vater also nicht viel mit, außer daß er sich ein Vetorecht wegen zu hoher Kosten vorbehielt. Denn solche Abfütterung kostete immer drei- bis vierhundert Mark, und das spielte in dem Etat eines Kammergerichtsrats, der vier Kinder hochzubringen hatte, eine sehr erhebliche Rolle!

Dafür hatte aber Vater als rein männliches Geschäft den Wein zu besorgen. An sich wäre auch meine Mutter dafür die Richtigere gewesen, denn sie trank wenigstens ab und zu ein Glas Wein. Aber die Zeiten waren nun einmal so, daß das Weibliche unter keinen Umständen in männliche Vorrechte eingreifen durfte: Männer tranchierten den Braten, rauchten und kauften den Wein, Frauen waren für Küche, Kinder und Dienstboten zuständig.

Ich fürchte, diese Weinkäufe von Vater sind nicht immer sehr erfolgreich gewesen. Vater, der ein sparsamer Mann war und es auch sein mußte, wählte den Wein mehr nach dem Preise als nach Lagen, und sein Weinhändler beriet ihn, wie es seinem Lager zur Räumung schwer verkäuflicher Reste guttat. Vielleicht tue ich meinem Vater mit diesem Verdacht unrecht, aber ich erinnere mich, daß ich einmal im Badezimmer die beiden Lohndiener überraschte. In der Wanne des Badezimmers wurde nämlich der Weißwein kalt gestellt. Da standen, als ich aus unaufschiebbaren Gründen eilig hineinplatzte, die beiden Helden, jeder eine Flasche Wein am Munde, die sie bei meinem Erscheinen nicht übermäßig eilig absetzten.

»Sauer, wat?« fragte der eine trübsinnig.

»Sauer?!« gab der andere empört zurück. »Det nennste sauer?! Det ist ne janze Essigfabrik in eene Pulle! Det wolln wa lieba de Jäste übalassen! Sauer, heeßt es doch, macht lustig!«

»Aber erst am dritten Tag«, bemerkte der erste düster.

Danach ist es mir rätselhaft, wieso sich die beiden Lohndiener mit einer überraschenden Regelmäßigkeit bei jedem unserer Diners in mehr oder minder schwankende Gestalten verwandelten, die von meiner Mutter, je näher die Mitternachtsstunde rückte, mit empörten, von meinem Vater aber mit halb amüsierten, halb besorgten Blicken gemustert wurden. Alle Jahre wurden die Lohndiener gewechselt, und alle Jahre erlebten meine Eltern mit ihnen das gleiche. Alle schienen sie nach demselben Muster gearbeitet zu sein.

Auch behauptete meine Mutter von ihnen, daß die Taschen ihrer Fracks mit Wachstuch gefüttert seien: ganze Brathähnchen sollten in ihnen spurlos verschwinden und halbe Rinderfilets. Die schöne Sauce wurde gleich nachgegossen, klagte Mutter. Ihr Ziel war bei solchen Klagen, meinen Vater zu einer strengen Aktion gegen diese trunksüchtigen, räuberischen Diener zu veranlassen. Aber mein Vater war ein weiser Mann und sagte nie etwas, weil er gut wußte, er konnte nicht an einem Abend die Schattenseiten eines langen Berufslebens beseitigen oder auch nur mildern.

Wenn also Mutter am Morgen nach einem solchen Festessen darüber klagte, daß von den vielen schönen Resten kaum noch ein Mittagessen für die Familie zusammenzustellen sei, so sagte er nur leise lächelnd: »Laß es gut sein, Louise! Denke einfach, es hätte den Gästen noch besser geschmeckt und sie hätten mit allem Rest gemacht!«

»Es war aber noch ein ganzes Filet da!« sagte meine Mutter empört.

»Auch ich bedaure sein Verschwinden«, stimmte Vater milde bei. »Weil nämlich von allem Fleisch – nur den Kalbsbraten ausgenommen – mir Filet am besten schmeckt und bekommt. Ich bitte dich, mach uns also zum nächsten Sonntag ein Filet auf deine Art, die mir zehnmal lieber ist als die raffinierten Köchinnenkünste!«

Worauf meine Mutter durch dies wohl angebrachte Lob schon halb besänftigt war.

Im übrigen war das Kammergericht, und wer überhaupt zu jener Zeit solche Festessen gab, in genau der gleichen Lage mit seinen Lohndienern wie die Eltern. Verstohlen, aber darum nicht weniger teilnahmsvoll, beobachtete die ganze Tischrunde das Gehaben der beiden befrackten Gesellen, und manche Hausfrau fragte sich insgeheim: »Ob die wohl auch was für uns wären? Ich muß mir doch die Adresse von dem kleinen Dicken geben lassen – er scheint seine Sache zu verstehen.«

Leider war grade dieser kleine Dicke ein besonders eklatanter Mißerfolg meiner Eltern: beim Abholen einer Platte aus der Küche fiel er über einen Abfalleimer, landete mit Mund und Nase auf der glühenden Kochplatte und erschreckte die ganze Festgesellschaft durch ein brüllendes Geheul: die olle Dicke (die Köchin Pikuweit) habe ihm den Eimer absichtlich in den Weg gesetzt, weil er ihr zu langsames Anrichten getadelt habe. Er verlange Schadenersatz, Körperverletzung sei das, und was derartige betrunkene Anschuldigungen mehr waren.

Er muß einen schrecklichen Anblick geboten haben. Nicht nur ein paar Zähne hatte er verloren, sondern seine Rotweinnase zierte auch eine ständig anschwellende Brandblase. Zu seinem Unheil aber sah er sich einer geschlossenen Front der gewiegtesten Juristen – sowohl Zivil- wie Strafrecht – gegenüber, und während die Damen ihm mitleidig den Gesichtserker mit geriebenen Kartoffeln kühlten, bewiesen die Herren ihm klipp und klar, daß er nicht nur keine Ansprüche zu stellen habe, sondern daß er froh sein könne, ohne Anzeige davonzukommen. Denn Trunkenheit durch entwendeten Wein liege zweifelsfrei vor. Zum Schluß saß der Unselige, bandagiert wie ein Student, dem auf der Mensur die Nasenspitze abgehauen ist, weinend in der Küche … Er traute sich in diesem Zustand nicht nach Haus zu seiner Eheliebsten und flehte seine Feindin Pikuweit an, ihm doch ein paar Tage bei sich Quartier zu geben, bis er ein bißchen ausgeheilt sei. Dazwischen trank er zur Tröstung Vaters Wein …

Dieses Diner war sicher auch für unsere Gäste eines der anregendsten in diesem Winter, nur meine Eltern schämten sich sehr, daß grade ihnen das passiert war. Sie trösteten sich endlich damit, daß auch andern Häusern solche Erlebnisse nicht fremd blieben. Beim Senatspräsidenten Flottwell war doch sogar einmal ein Lohndiener während des Diners spurlos verschwunden und erst morgens um halb vier Uhr gestiefelt und gespornt von der Präsidentin in ihrem eigenen Bett friedlich schlummernd aufgefunden worden!

Von all solchen erregenden Ereignissen blieben wir Kinder natürlich ausgeschlossen. Wir erfuhren sie erst so nach und nach aus den Gesprächen der Eltern oder, waren sie besonders schlimm, auch unter dem Siegel unverbrüchlicher Verschwiegenheit aus der Küche. Aber wir nahmen doch an allem in unsern Kinderzimmern lebhaftesten Anteil. Als ich noch klein war, mußte ich, Diner hin und Festessen her, genau wie sonst um acht Uhr im Bett liegen. Es dauerte dann oft eine lange Weile, bis mich der Schlaf überkam. Von halb neun Uhr ab ging fast ununterbrochen die Türklingel, ich hörte das Gemurmel der ankommenden Gäste. Die Schirme klapperten in den Ständern, Seide rauschte, ab und zu erhob ein Gast seine Stimme lauter, oder ich hörte auch ein fröhliches Begrüßungswort meines Vaters …

Allmählich glitt ich dann ins Schlafland hinüber, aber bei jedem solchen Diner kam meine Mutter noch einmal zu meinem Bruder und mir ins Zimmer, legte uns von dem Festkonfekt und vor allem von den beliebten Knallbonbons einiges auf den Nachttisch und beugte sich zum Gute-Nacht-Kuß über mich. Dann erschien mir meine liebe Mutter im unsicheren Licht und halben Schlaf völlig verändert. Sonst war sie unermüdlich im großen Haushalt tätig, wir vier Kinder machten unendlich viel Arbeit und Unruhe, dazu brauchte mein zarter, oft kränklicher Vater ständige Pflege und Arbeitsfrieden. Sie kam eigentlich nie zur Ruhe, die Mutter, nur selten schlüpfte sie einmal aus ihrem Arbeitskleid.

Aber an solchen Festabenden trug sie ein tief ausgeschnittenes Seidenkleid, ihre weißen Schultern blinkten wie Schnee daraus. Sie roch so gut nach irgendeinem unbekannten Blumenduft, und ich bewunderte sie aus tiefstem Herzen mit ihrem blitzenden, funkelnden Familienschmuck: der Halskette, der perlenbesetzten Goldbrosche, den leise klingelnden Armreifen! Ach Gott, das arme bißchen Familienschmuck! Es ist dann im Weltkrieg den Weg »Gold gab ich für Eisen« gegangen, seit fünfundzwanzig Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen, und doch könnte ich ihn noch aufzeichnen, Stück für Stück – wenn ich bloß zeichnen könnte! Eigentlich hatte ich viel verloren, als ich nun, größer geworden, mit den älteren Schwestern bis elf Uhr abends zusammensitzen und mich mit Kostproben vom Tisch der Großen füllen durfte. Aber ich wußte noch nicht, was ich verloren hatte: ein Kindheitsparadies, in dem meine Mutter eine richtige Fee war, schöner als alle Feen der Märchenbücher.

Solange man noch wirklich jung ist, denkt man weder an Vergangenheit noch Zukunft, man lebt nur der Stunde, und so fand ich es herrlich, wenn immer wieder die Tür bei uns aufging und ein Lohndiener oder auch die Kochfrau oder besonders unser Faktotum, die alte mürrische Minna, uns Teller hereinreichten, auf denen eilig die verschiedensten Speisen zusammengeworfen waren: Blätterteigpasteten schauten zwischen Stangenspargeln hervor; der Klecks Johannisbeergelee war statt auf die Rehkeule zwischen die Petersilienkartoffeln geraten; und einmal entdeckten wir sogar in einer Omelette soufflée statt der Champignonfüllung einen veritablen Salzstreuer aus Glas – ein Sturmsignal dafür, welch fieberhafte Aufregung in der Küche herrschte!

Das schwere, ungewohnt kräftig gewürzte Essen versetzte uns Kinder bald in eine gehobene Stimmung. Wir lachten und lärmten so sehr, daß manchmal mahnend gegen unsere Tür geklopft werden mußte. Dann war es nicht mehr weit, daß eine Raubexpedition in das Badezimmer erwogen wurde: so viel Essen macht Durst! Zwar war uns Alkohol von den Eltern streng verboten, aber in unserer Feststimmung waren wir geneigt, ein wenig lax über ein solches Veto zu denken. Und schon waren wir auf dem langen Gang, mit Horchposten sowohl gegen das Speisezimmer wie gegen die Küche. Alle Welt war unserm Labetrunk feindlich gesinnt! Wie oft mußten wir uns überstürzt wieder zurückziehen, wenn ein Lohndiener, geschirrbeladen, den endlosen, echt Berliner Gang entlangscheeste oder wenn grade in der stets offenen Küchentür Minna erschien mit dem Ruf: »Wollt ihr Rabanters woll machen, daß ihr in euer Zimmer kömmt! Gleich gibt es Eis, und wenn ihr nicht artig seid, essen wir es alleine!«

Aber dann das Glück, wenn wir mit einer Flasche Rheinwein oder gar Burgunder wieder in unserm Zimmer anlangten! Große Unterschiede machten wir zwar in den Sorten nicht, Wein war uns Wein, ein Getränk, das einen unbegreiflich lustig und unternehmend machte! Wir tranken ihn in kleinen Schlucken aus den Zahnputzgläsern der Schwestern und fühlten uns wie Seeräuber, die eine feine Prise gemacht haben.

In einer solchen echten Räuberstimmung unternahmen einmal mein Bruder Ede und ich eine kühne Expedition in die Speisekammer, deren Eingang direkt neben der Küchentür lag, so daß wir jeden Augenblick überrascht werden konnten.

Als wir aber erst darin waren, vergaßen wir jede Gefahr: von weißem Zuckerguß glänzend, standen vor uns die beiden großen Baumkuchen, die am Vormittag ein Konditorjunge gebracht und die seitdem mein und Edes Herz erregt hatten. Ich kannte als der Ältere sehr wohl meine Pflicht: ich streckte meine Hand aus, brach eine Zacke ab, und schon war sie in meinem Munde!

»Mir auch eine Nase! Ich will auch solche Nase!« verlangte Ede, und schon um einen Mitschuldigen zu haben, sagte ich: »Brich dir selber eine ab!«

Aber bald dachten wir nicht mehr an Schuld und Unschuld. Diese Nasen schmeckten zu verführerisch, wir brachen immer mehr ab. Hielten wir uns zuerst an einen Baumkuchen, und zwar an seinen unteren Rand, so trieb uns bald die Lust immer weiter. Damit wir einander nicht ins Gehege kämen, teilten wir die Kuchen unter uns auf: Ede brach links, ich rechts die Nasen. Ein unheilvoller Stern stand in dieser Nacht über meinem Elternhaus: kein Mensch kam in die Speisekammer und störte uns bei unserm frevlen Beginnen.

Wie wir es – nach einem überreichlichen Nachtessen – geschafft haben, ist mir noch heute unerklärlich. Jedenfalls standen in Kürze die beiden Baumkuchen völlig nasenlos vor uns.

Jetzt doch ein bißchen bedenklich, schauten wir einander an, selbst wir konnten nicht übersehen, daß dies Prachtgebäck erheblich an Schönheit eingebüßt hatte.

»Ich glaub, wir gehen gleich ins Bett«, meinte ich schließlich.

»Und das Erdbeereis?« gab Ede zu bedenken.

»Wenn sie das sehen«, sagte ich düster, »bekommen wir bestimmt kein Erdbeereis!«

»Vielleicht denken sie, Baumkuchen sind so?« schlug Ede vor.

Ich zuckte nur hoffnungslos die Achseln.

»Oder wir sagen einfach, der Konditorjunge hat’s gemacht!«

»Am besten gehen wir ins Bett«, wiederholte ich. »Ich stell mich schlafend.«

»Dann werde ich schnarchen«, entschied Ede. »Du bist der Ältere, zu dir kommen sie überhaupt zuerst.«

Wir lagen noch nicht lange in unsern Betten, als wir eine gesteigerte Unruhe auf dem Gang bemerkten. Dann hörten wir die aufgeregte Stimme meiner Mutter von der Küche her. Wir machten, daß wir unter die Decken krochen. Ede fing sofort an, in der lächerlichsten Weise zu schnarchen. Es war oft, meistens sehr schön, der Ältere von uns beiden Brüdern zu sein, doch hätte ich in dieser Stunde mein Erstgeburtsrecht für noch weniger als ein Linsengericht gerne hergegeben. Später hörte ich sogar Vaters Stimme aus dem Küchenbezirk. Man bedenke, unser Verbrechen war so riesengroß, daß beide Gastgeber von der Tafel weggerufen wurden! Ich konnte mir den Umfang der uns drohenden Strafe nicht einmal ausdenken!

Aber was dann eintrat, war schlimmer als jede Strafe: es trat nämlich gar nichts ein. Ich lag mit immer stärker klopfendem Herzen in meinem Bett und erwartete das Jüngste Gericht. Aber niemand kam. Ich wartete, ich flehte fast um Erlösung: niemand kam. Ede war längst richtig eingeschlafen, und immer noch lag ich wach, schlaflos über tausend Möglichkeiten grübelnd. Ich lag, wie man so sagt, die ganze Nacht wach, schließlich wäre mir die schlimmste Strafe lieber gewesen als dieses Warten. Als ich dann hörte, wie sich Frau Pikuweit von unserer Minna und Charlotte verabschiedete, drehte ich mich mit einem tiefen Seufzer zur Wand. Ich war böse mit meinen Eltern, daß sie das Schwert der Rache so lange über mir schweben ließen.

Und der nächste Morgen kam, die Eltern schliefen noch. Als Frühstück bekamen wir Jungens Baumkuchen, die Schwestern aber Butterbrote. Sie wollten protestieren, Charlotte, übermüdet, sehr unwirsch, sagte nur, der Herr Rat habe es angeordnet. Als wir in der Schule unsere Frühstücksbrote auspackten, fanden wir keine Brote, sondern Baumkuchen. Beim Mittagessen – Vater war auf dem Gericht – blieb Mutter recht kühl zu uns, sagte aber kein Wort von Baumkuchen. Dafür mußten wir ihn essen, nur Baumkuchen, während die andern sich an den herrlichsten Resten delektierten. Sie bekamen auch Eis!

Vesper, Abendessen: unser Speisezettel hieß unverändert Baumkuchen. Der nächste Tag: Baumkuchen! Die andern aßen zu Mittag Brühkartoffeln mit schöner grüner Petersilie und schierem Rindfleisch, wir hatten Baumkuchen! Es wurde uns immer schwerer, unsern Hunger mit Baumkuchen zu stillen. Wir fanden, Baumkuchen war ein überschätztes Gebäck. Bald entdeckten wir, daß wir Baumkuchen haßten! Expeditionen nach Speisekammer und Küche blieben erfolglos: die Speisekammer war verschlossen, und aus der Küche wurden wir prompt verjagt.

Ein dritter Tag zog herauf – Baumkuchen! Wurden diese elenden beiden Baumkuchen denn nie alle? Und immer starrten uns die Bruchstellen, an denen die Nasen gesessen hatten, anklagend an. Wir wagten nicht zu meutern, wir wagten nicht einmal zu bitten … Mit immer lahmeren Kinnbacken kauten wir an unserm Baumkuchen …

Und das allerschlimmste war dabei, daß nie jemand ein Wort über unsere etwas gleichförmige Speisenfolge verlor. Es schien das Selbstverständlichste, daß wir allein mit Baumkuchen ernährt wurden, von Urzeiten her, bis in alle Ewigkeiten! Wagten die Schwestern in ihrer albernen Gänsemanier wirklich einmal, über unsere Leidensmienen zu gniggern, so brachte sie ein strenger Blick meiner Eltern sofort wieder zur Ruhe. Selbst Minna und Charlotte, die sonst immer sofort bereit waren, uns zu bedauern, verloren nicht ein Wort über diese unsere Prüfung. Mein Vater sagte ihnen selten etwas, aber tat er es, so folgten sie ihm blindlings. Sie liebten ihn beide schwärmerisch wegen seiner Güte und Gerechtigkeitsliebe, die alte mürrische Minna ebensosehr wie die junge vergnügte Charlotte.

Ach Gott, was wären Ede und ich glücklich gewesen, wenn wir wie andere Jungens eine kräftige Tracht Prügel gekriegt hätten! Aber mein Vater war weder für Prügel noch für Schelten, alles Gewaltsame und Laute widerstrebte seiner Natur. Er strafte haargenau auf dem Gebiet, auf dem man gesündigt hatte. Die Gier nach Baumkuchen strafte er durch Übersättigung mit Baumkuchen. Auch der Dümmste begriff dies ohne ein Wort …

Und schließlich war der Baumkuchen dann alle. Den Mittag, ich weiß es noch, gab es westfälische dicke Bohnen, süßsauer, mit Räucherfleisch, ein Essen, dem ich bis dahin immer abgeneigt gewesen war. Ich aß davon wie ein Verhungerter. »Junge, du ißt dich ja wohl zuschanden!« rief meine Mutter, als ich mir den Teller zum drittenmal füllen ließ.

Vater aber sagte nur: »Sieh da! Sieh da!« und lächelte mit all den vielen Fältchen um seine Augenwinkel. –

Was aber wollte eine solche knabenhafte Leckerhaftigkeit besagen gegen ein gradezu geheimnisvolles Verbrechen, das bei einem Festessen ein oder zwei Jahre später geschah –?! Lange, lange blieb der Täter trotz allen strafrechtlichen Scharfblicks meines Vaters – er war auch ein bekannter und in gewissen Kreisen gefürchteter Untersuchungsrichter gewesen – unentdeckt, bis er sich sechs oder acht Jahre später selbst bekannte – und da lachten sogar meine Eltern mit!

Bei jenem Diner freilich waren sie vollkommen fassungslos und bekümmert, so etwas konnte auch nur in unserm Hause passieren! Mutter war immer besonders stolz auf unsern von einem Tafeldecker gerüsteten Festtisch. Zwar, Gläser und Bestecke mußten wir wie alle andern aus einem Verleihgeschäft entnehmen, das Service aber nicht, denn wir besaßen das weithin in der ganzen Bekanntschaft berühmte Wedgwoodservice für hundert Personen! Es war ein wahrhaft gargantuasisches Geschirr mit Bratenschüsseln, auf die man ganze Kälber legen konnte, mit Saucentöpfen, die zu Suppenschüsseln für mittlere Familien gereicht hätten, und einer verwirrenden Fülle von Tellern und Tassen aller Formate.

Dieses wahrhaft fürstliche Tafelgeschirr war wie vom Himmel gefallen in unserer gar nicht prunkhaften Familie gelandet. Als nämlich vor vielen, vielen Jahren ein Großonkel von mir durch die Stadt Aurich wandelte zu seinen Geschäftsräumen, die er als Justitiarius für das Publikum hielt, bemerkte er vor einer Haustür eine kleine Ansammlung von Menschen. Immer wißbegierig, was in seiner Heimatstadt vorging, trat er näher und erfuhr, daß hier der Nachlaß eines Seekapitäns versteigert wurde. Schon wollte er weitergehen, da trat der ihm wohlbekannte Auktionator Kötz vor die Tür, hielt meinem Onkel einen bläulichen Krug unter die Nase, über dessen Fond griechelnde weiße Gestalten feierlich wandelten, und sprach: »Das wäre was für Sie, Herr Justitiar!«

Mein Onkel sah kurzsichtig auf den Krug, seinem Auge tat das sanfte Blau wohl, er sagte: »Drei Taler, Kötz! Schaffen Sie ihn nur in meine Wohnung!« und ging an seine Dienstgeschäfte.

Wie aber ward ihm, als dem Heimkehrenden mittags sein Weib in einem Zustande völliger Auflösung entgegentrat! Die ganze Wohnung war von dem erstandenen Service überschwemmt! Es gab keine Stelle, wo es nicht sanftblau zuging, wo nicht weiße Gestalten in strengem Faltenwurf wandelten. Mein Onkel hatte gemeint, einen Krug erstanden zu haben, er hatte eine Töpferei gekauft. Eine Ausgabe zieht die andere nach sich: ein ungeheurer Eichenschrank mußte angefertigt werden, um diese Geschirrflut zu bändigen. Bis er fertig war, führten Onkel und Tante nur ein bedrängtes Leben in ihrem Heim.

Nach dem Tode des Onkels kam dieses Geschirr auf dem Wege der Erbschaft in unsere Familie mitsamt dem riesigen Eichenschrank, der nach meines Vaters Ausspruch jeden Gedanken an Umziehen unmöglich machte. Er sei eine weitläufige Burg, kein Schrank. Selbst Berliner Möbelleute seien ihm nicht gewachsen …

Es war übrigens die einzige Erbschaft, die uns der Onkel in Aurich vermachte, daher führt er bei uns den Beinamen »Der Familientäuscher«! Er, der nämlich Mitte der Dreißiger schon Witwer geworden war, schrieb uns zu jedem Geburtstage, zu jedem Weihnachtsfest: »Was soll ich euch schenken? Ihr erbt ja doch einmal alles!« Nachdem er aber fast vierzig Jahre im Witwerstand verharrt hatte, nahm er mit zweiundsiebzig Jahren ein junges Weib, dem er bald all sein irdisch Hab und Gut hinterließ, dieser Familientäuscher, der!

Aber wenigstens das Geschirr sandte uns die angeheiratete, unbekannte Tante, und dies wahrscheinlich auch nur, weil es ihr in seiner Überfülle lästig war, trotzdem nun schon manches Stück in den Händen der Abwaschenden das Zeitliche gesegnet hatte! Für vierzig Personen reichte es aber noch gut, und es machte sich wahrhaft prächtig auf der von Gläsern funkelnden, von Neusilber-Leihbestecken blitzenden Tafel. Ihrer Gewohnheit nach warf Mutter noch einen Blick auf den Festtisch, kurz ehe die Gäste kamen. Es war alles in bester Ordnung, und zwar viel schöner als das Porzellanweiß bei den Kollegen. Dann verschwand Mutter nach der Küche hin, um die letzten Anweisungen für die große Saalschlacht zu geben.

Jetzt war der Augenblick für meine Schwester Fiete (von Frieda) gekommen. Ein Kompottschüsselchen Blaubeeren in der Hand, schlich sie in den Speisesaal, an die Tafel und …

Ja, was tat sie nun eigentlich? Wie gesagt, sie hat es erst Jahre später gestanden und hat uns auch erklärt, warum sie es tat. Aber damals erschien alles ganz rätselhaft und beinahe verbrecherisch …

Meine Schwester Fiete war ein seltsames Kind. Meistens still und fast pomadig, war sie doch der lebhaftesten Zornesausbrüche fähig, besonders wenn man an »ihre Sachen« ging. Geschwister haben leicht eine etwas kommunistische Art, mit den Sachen ihrer Brüder und Schwestern umzugehen, bei Fiete war so etwas nicht empfehlenswert. Sie konnte dann in den unsinnigsten Zorn geraten. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie Fiete lauthals weinend ihre eigene Lieblingspuppe zertrampelte, bloß weil unsere älteste Schwester Itzenplitz – von Elisabeth – ihr einen Kuß gegeben hatte!

Wie mußte es also ein so veranlagtes Kind beunruhigen, daß meine Mutter, neben der sie bei Tisch saß, ständig »ihren« Löffel zum Kosten benutzte! Fiete war nämlich ausgesprochen kiesätig beim Essen. Immer hatte sie etwas auszusetzen, mal war ihr etwas zu salzig, mal zu süß, mal zu sauer, mal zu heiß, mal zu kalt, mal schmeckte es nach gar nichts. Es gab kein Essen, an dem Fiete nicht etwas auszusetzen gehabt hätte. Ich höre noch ihre hohe, gleichmäßig nörgelnde Stimme im Ohr, da ich dies schreibe, sie fing sofort damit an, sobald sie nur den ersten Löffelvoll im Munde hatte.

Dann nahm ihr Mutter einfach den Löffel aus der Hand, kostete von ihrem Teller und sagte gleichgültig: »Es ist alles in schönster Ordnung, Fiete. Du bist nur mal wieder kaufaul!«

Hundertmal hatte Fiete darauf die Mutter gebeten, doch den eigenen Löffel zum Kosten zu benutzen. Es half nichts, so hartnäckig wie Fiete meckerte, so hartnäckig nahm Mutter ihren Löffel, nicht als Strafe, aus reiner Gewohnheit, weil sie auch schon längst nicht mehr auf das hörte, was Fiete vorbrachte.

Aber nun war Fiete zu einem großen Rachewerk entschlossen … Eilig huscht sie um den Tisch. Bei jedem Gedeck bleibt sie stehen, nimmt Löffel für Löffel und zieht ihn sorgsam durch den Mund. Damit aber nicht nur in ihr das Gefühl, sich gerächt zu haben, lebe, nimmt sie ab und zu einen Mundvoll Blaubeerkompott – die Großen sollen schon sehen, wie das ist, wenn man die Sachen der Kinder mißachtet!

Fiete hat ihr Werk beendet. Sie steht noch einen Augenblick da und mustert es. Der Tisch sieht für ein prüfendes Auge nicht mehr ganz so schön aus wie vordem, alle Löffel tragen bläuliche und schwärzliche Spuren. Fiete hat das Gefühl, sie müsse noch ein übriges tun: sie bückt sich und schneuzt die Nase in einer Ecke des Tischtuchs. Dasselbe wiederholt sie an den andern drei Ecken. Dann verschwindet sie lautlos …

Natürlich konnte auch der taktvollste Gast dies nicht übersehen. Wohl erhoben sie die Hände zum lecker bereiteten Mahle und mit den Händen die Löffel, aber sie ließen sie wieder sinken, Staunen im Blick. Meine Mutter erglomm wie die Abendröte, mein Vater warf ihr einen beinahe strengen Blick zu.

»Ich verstehe es nicht«, stammelte meine unselige Mutter. »Ich habe den Tisch eben noch nachgesehen. Wer mir diesen Tort angetan hat …«

Mutter war nahe am Weinen. Wären nur Freunde dagewesen, sie hätte geweint. Aber es war manch eine unter den weiblichen Gästen, der sie den Gefallen nicht tun wollte, sie weinen zu sehen.

»Schnell!« sagte mein Vater zu den Lohndienern. »Die Bestecke einsammeln und abwaschen lassen! Nein, alles, auch die Messer und Gabeln …, man weiß ja nicht …«

Und mit einem Lächeln zu allen Gästen: »Kinder … Kinder … Sie wissen es ja alle, wie es ist, wo Kinder sind. Irgendein unbegreiflicher Kinderstreich!« Energischer: »Den ich aber bald begreifen werde!«

Aber nun erhob sich Widerspruch. Die meisten waren für einen Racheakt. Diese Dienstboten … ein uferloses Thema. Diese Lohndiener – ein ebenso uferloses Thema. Die Wartezeit, bis die Bestecke abgewaschen waren, verstrich auf das angenehmste, bis der Ruf »Attention, les servants!« erscholl.

Nur meine Mutter war ins Herz getroffen – wer konnte ihr dies nur angetan haben, wer nur –?! Auf Fiete riet sie nicht, auf Fiete riet keiner. Ihr Meckern über das Essen, ihre Klagen über die Löffelbenutzung waren so gewohnheitsgemäß, daß schon seit langem niemand sie mehr beachtete. Das Ereignis verlor sich allmählich im Strudel der Zeit, in dem alle Ereignisse, die einen schnell, die andern langsamer, untertauchen …

Freilich mußte an diesem Abend meine Mutter doch noch weinen. Die Kollegenfrau Siedeleben, die meiner Mutter wegen ihres patronisierenden Wesens besonders unangenehm war, sagte beim Abschied huldvoll: »Es war wirklich ganz reizend! Und immer passiert etwas Interessantes bei Ihnen, so etwas ganz außer dem Rahmen dessen, was wir hier in der Großstadt gewöhnt sind.« (Sie vergaß nie, meine Mutter daran zu erinnern, daß sie aus einer hannöverschen Kleinstadt stammte.) »Wirklich so anregend!«

Da weinte meine Mutter, Gott sei Dank erst, als alle gegangen waren, an Vaters Brust.

»Es passiert immer wieder etwas Neues, Louise!« sagte mein Vater tröstend. »Paß auf, in vier Wochen wird von etwas ganz anderem geredet! Warte, übernächsten Donnerstag ist Diner bei Siedelebens, vielleicht passiert bei denen auch mal was!«

»Bei denen nie!« rief meine Mutter weinend. »Diese kalte Person! Die ist nichts wie ein Anstandsbuch!«

»Wir wollen es ja nicht wünschen«, meinte mein Vater. »Aber wer weiß, wer weiß …«

Doch ging das Siedelebensche Diner ohne jeden Zwischenfall vorüber. Alles lief wie am Schnürchen, es gab weder abgeleckte Löffel, noch fehlten Baumkuchennasen, auch war kein Lohndiener betrunken. Genau wie ein Uhrwerk rollte das Festessen ab. Die Weine waren vorzüglich, das Dessert bezaubernd, die Zigarren über jede Kritik erhaben. Meiner Mutter unausstehlich in ihrer Unfehlbarkeitspose, präsidierte Frau Kammergerichtsrätin Siedeleben, und streifte ihr Blick meine Mutter, so las diese in ihm: So müssen wirklich Diners aufgezogen werden, meine kleine Landpomeranze!

Solche Makellosigkeit war wirklich kaum zu ertragen!

Bis sich am nächsten Tage die Kunde verbreitete … Zuerst schien sie völlig unglaubhaft, nahm dann festere Gestalt an, gewisse Tatsachen wurden als unumstößlich festgestellt … Soviel war gewiß: mitten im Monat saß Frau Kammergerichtsrat Siedeleben ohne alle Dienstboten da, vor einem ungeheuren Aufwasch, in einer nahezu verwüsteten Wohnung!

Und der Grund –?! Aber, meine Liebe, der Grund –?!! Seit wann laufen Dienstboten noch in der Nacht hinter einem Diner fort –?! In solcher Nacht will doch jedes ein bißchen schlafen!

Es hatte eine Schlägerei gegeben, eine veritable Schlägerei zwischen den Lohndienern und den Dienstboten des Siedelebenschen Hauses!

Aber warum?! Sagen Sie doch bloß warum?!! Man schlägt sich doch nicht, todmüde nach einem Diner!

Mit geheimnisvoller, düsterer Stimme: Die Trinkgelder sollen ja verschwunden sein!

Und mit einem tiefen Aufatmen: Ach dann! Das erklärt freilich vieles!

Nicht ganz umsonst aßen die Kammergerichtsräte festlich an der Tafel ihrer Kollegen. Mußten sich die Gastgeber Kosten machen, gingen auch die Gäste nicht frei aus. Schon während des Diners ruhte das Auge manchen Ehepaars nachdenklich auf den servierenden Gestalten, und beim Kaffee tauschten dann Mann und Frau geheimnisvolle Flüsterworte.

»Sieben!« sagte Vater.

»Fünf ist völlig genug«, meinte meine Mutter. »Man soll die Leute auch nicht verwöhnen.«

»Aber es sind zwei Lohndiener, und drei sind in der Küche«, wandte Vater ein. »Es müßten eigentlich sieben fünfzig sein.«

»Fünf sind genug«, beharrte Mutter. »Du gibst immer zu viel, Arthur.«

»Nun«, sagte mein Vater, »ich will sehen, was Präsident Cornils gibt. Schließlich sollen die Leute auch eine kleine Freude haben. Ihre Füße müssen nach all der Lauferei schrecklich weh tun.«

»Meine Füße tun auch oft weh«, sagte Mutter kurz. »Nicht mehr als fünf, Arthur!«

Fuhren die Gäste dann in ihre Kleider, so stand auf dem Flur, diskret abseits auf einem Tischchen, ein Teller oder besser noch, weil unauffälliger, ein zinnernes Schüsselchen. Und während die Frauen vor dem Spiegel ihre Spitzentücher über der lockengebrannten Frisur zurechtlegten, traten die Herren sachte vor diese Opferschale und ließen so leise wie möglich ihren Beitrag hineingleiten. Dabei lag über dem Ganzen ein Anschein von etwas nahezu Verbotenem: das Geld durfte nicht klappern, der Herr tat so, als sei er mit seinen Handschuhen oder mit einem Bilde an der Wand über der Opferschale beschäftigt. Denn Trinkgelder, noch dazu im Hause eines Kollegen, zu geben war nicht recht fein, wie auch Geldbesitzen zwar wünschenswert, aber davon zu reden als »shocking« galt.

Trotz all dieser Vorsicht war der Trinkgeldgeber sich völlig darüber klar, daß sein Tun diskret, aber genau beobachtet wurde, einmal von Kollegen, die sich über die Höhe ihres Beitrages nicht klar waren, zum andern aber von den in die Mäntel helfenden Lohndienern und den Dienstmädchen, die den Damen bei ihrer Toilette beistanden. Denn deren Ernte war es, die sich dort sammelte …

War aber der letzte Gast gegangen, fielen alle Bande frommer Scheu. Schamlos offen wurde von den Lohndienern unter dem achtsamen Geleit der Mädchen der Teller in die Küche getragen und unter oft recht heftigen Wechselreden zur Teilung geschritten. Schon bei der Prozession wurden manchmal recht abfällige Reden laut, die »Popligkeit« und »Gnietschigkeit« mancher Gäste wurde heftig angeprangert: die Herrschaft tat gut, solchem zuchtlosen Treiben fernzubleiben.

Freilich gab es bestimmte Hausfrauen, unter ihnen die Rätin Siedeleben, die es grade für ihre Pflicht erachteten, bei diesen Teilungen anwesend zu sein, damit es gerecht zugehe. (Und damit sie für ihre Freundinnen wertvolles Material sammelte. Y hatte nur zwei Mark hingelegt, aber nach Aussage des Lohndieners hatte er sich doch wahrhaftig die eigene Tasche mit der schönen Havanna des Hausherrn gefüllt. »Nicht, daß ich es behauptete, Liebe, denn ich habe es nicht gesehen. Aber der Lohndiener sagt es, und er hat es gesehen! – Und was meinen Sie dazu, Liebe, der Schulte hat zehn Mark auf den Teller gelegt, mehr als Präsident Cornils – und wie unterernährt sehen die Kinder von Schultes aus! Sie sagt immer, sie müssen sparen. Aber wenn sie so was Sparen nennen, ich nenne es Protz!«)

Aber in dieser schrecklichen Nacht hatte Frau Kammergerichtsrat Siedeleben keine Gelegenheit, die Teilung zu überwachen: sofort nach dem Fortgang des letzten Gastes, des Kammergerichtsrates Elbe mit Frau, wurde entdeckt, daß der Teller mit den Trinkgeldern seines Inhalts beraubt worden war. Ratzekahl stand er da im diskreten Winkel, nicht eine jämmerliche Mark lag noch auf ihm!

Und ehe Frau Siedeleben noch ein Wort zu dieser Katastrophe hatte äußern können, war der wildeste Streit im Gange: die Mädchen beschuldigten die Lohndiener. Die Lohndiener aber waren gesonnen, gegen die Mädchen handgreiflich zu werden, um ihnen den vermeintlichen Raub abzujagen. Jede Partei kämpfte mit der äußersten Erbitterung, ging es doch um einen Gesamtbetrag von über hundert Mark, und das war damals noch sehr viel mehr Geld als heute. Die Mädchen bekamen Zuzug aus der Küche durch Köchin und Abwaschfrau, wild tobte der Kampf.

Aus der ehelichen Schlafstube fuhr ungnädig der Kammergerichtsrat, schon in Hosenträgern und Schlappen – er war aber nur ein Männchen. Ungehört verhallte das gefürchtete Befehlsorgan der Siedeleben; aus der Wohnung unten und aus der Wohnung oben wurde geschickt, daß dieser ruhestörende Lärm nachts um halb drei unbedingt abgestellt werden müsse …, aber der Kampf tobte weiter.

Schließlich suchten sie einander die Kleider ab: ergebnislos. Dann kam die Wohnung dran, die bei dieser Gelegenheit in eine Wüste verwandelt wurde – ohne Resultat. In der Küche erneute sich, es war mittlerweile vier Uhr morgens geworden – der Streit.

Unterdes war der erschöpfte Herr Siedeleben dafür, den Leuten einen vernünftigen Abstand zu zahlen, das Geld werde sich schon wieder anfinden.

Frau Siedeleben sagte ganz unkammergerichtlich: »Quatsch! Sie sollen mir was zahlen für den Zustand, in den sie meine Wohnung versetzt haben! Und überhaupt gehe ich gleich mit allen sechsen zur Polizei!«

Energischer verbat sich Herr Siedeleben, der wie die meisten erfahrenen Juristen Prozesse in eigener Sache nicht liebte, jede Einmischung der Polizei. »Tu, was du willst, Friederike, aber du sollst den Abstand für die Leute ja nicht aus deiner Haushaltskasse bezahlen müssen, ich trage den Schaden. Ich will jetzt endlich ins Bett gehen können und meine Ruhe haben.«

»Und ich gehe doch zur Polizei! Einer von den sechsen muß ja der Dieb sein!«

Zu dem Streit unter den Dienstboten kam der Streit unter den Eheleuten, der aber bald endete. Die sechse klopften an die Tür, traten recht trotzig ein und teilten mit, daß sie jetzt der Ansicht seien, einer von den letzten Gästen müsse das Geld eingesteckt haben. Sie hätten alles bedacht, in den letzten fünf Minuten sei keiner von ihnen dem Teller auch nur nahe gekommen, sie verlangten Namen und Adresse der letzten Gäste.

Du lieber Himmel – wie flammte da das Ehepaar Siedeleben einträchtiglich auf! Die Ehre des Kammergerichts war beschmutzt, die Achtung vor den Freunden des Hauses verletzt – und von wem? Von wem –?! Oh, es wurde nicht an Worten und Beschimpfungen gespart, alte Geschichten wurden ausgegraben, Haß entlud sich, heimliche Naschereien wurden zu Kriminalverbrechen – wer schließlich wen hinauswarf, wird ewig ungeklärt bleiben; ob die Dienstboten sich selbst entließen oder entlassen wurden, darüber gibt es zwei nicht zu vereinigende Lesarten.

Um sechs Uhr morgens saß Kammergerichtsrat Siedeleben völlig erledigt an seinem Schreibtisch, machte Gesindebücher fertig, zahlte Löhne aus (und eine Entschädigung für entgangenes Trinkgeld, von der seine Frau nichts wissen durfte), während seine Frau unterdes das Packen der Mädchensachen mit argwöhnischem Auge beaufsichtigte. Gegen sieben Uhr lag das Ehepaar endlich im Bett. Leider schlaflos – wo war das Geld? Wie bekam man die Wohnung wieder in Ordnung? Woher kriegte man mitten im Monat schnell Ersatz? Wie hielt man diesen Zwischenfall vor den Kollegen geheim? Würden die Mädchen und die Lohndiener denn den Mund halten?!

Besonders die Rätin Siedeleben hatte das Gefühl einer schweren Niederlage: diese jungen Gänschen im Senat würden es an Respekt fehlen lassen, wenn erst bekannt wurde, daß bei ihr so etwas geschehen konnte.

»Wann wirst du endlich Senatspräsident, Heinrich?« fragte sie. Er fuhr aus seinen Gedanken auf. »Ich?« fragte er. »Ich Senatspräsident? Nie!! Und wenn ich ernannt werden sollte, würde ich es ablehnen. Ich bin völlig zufrieden mit dem, was ich erreicht habe!«

»Aber ich nicht! Du mußt einfach Senatspräsident werden … Nach dem heutigen Vorfall ist es noch zehnmal nötiger …«

So redete sie wenigstens noch ihren Gatten in Schlaf, sie selbst freilich blieb schlaflos. –

Manchmal, aber nicht sehr häufig, besuchten mein Bruder Ede und ich die Söhne vom Kollegen des Vaters, Kammergerichtsrat Elbe. Obwohl Elbes in der Luitpoldstraße nur wenig Häuser von uns wohnten und obwohl die Jungens fast gleichaltrig mit uns waren, verband uns keine natürliche Freundschaft, es war nur ein von den Eltern gestifteter Bund. Sie gingen auf eine Oberrealschule, während wir ein humanistisches Gymnasium besuchten – das war schon ein Abstand wie zwischen einem Kammergerichtsrat und einem Justizsekretär. Außerdem litt der ältere, Hellmuth, an Asthma und lag oft schnaufend und übellaunisch im Bett, wenn wir kamen. Wir waren Bücherratzen, sie Bastler, so trennte uns eine ganze Welt …

Entschlossen wir uns aber doch wieder einmal zu einem Besuch, so fanden wir ihn immer hochinteressant, nicht der Jungen, sondern des ganzen Hauses wegen. Hier betraten wir eine andere Welt … Bei uns zu Haus ging alles mit der größten Ordnung und Pünktlichkeit zu: auf die Minute genau wurde gegessen, vor dem Essen hatten wir regelmäßig unsere Hände vorzuzeigen, in den Stunden, zu denen Vater arbeitete, hatte die größte Ruhe zu herrschen. Kurz, es gab bei uns nichts, bis zur Ordnung in Schränken und Fächern, was nicht vorausgesehen und bestimmt war.

Bei Elbes war alles ganz anders. Hatten die Jungen Hunger, so brachen sie in Küche und Speisekammer ein und aßen, was und wann es ihnen gefiel. Sie sangen, lachten, jagten, hämmerten zu jeder Stunde. Sollte der Eßtisch gedeckt werden, erwies er sich mit Soldaten vollgestellt. Eine Schlacht war im Gange, die unmöglich wegen einer so albernen Sache wie Mittagessen unterbrochen werden konnte – kurz, die Jungen taten, was sie wollten.

Aber alle taten in diesem Haushalt, was sie wollten: Köchin, Mädchen, auch Herr und Frau Elbe. Ganz unbekümmert und stets heiterster Laune schritt Frau Elbe, erstaunlich jung und hübsch anzusehen, durch alle Unordnung und Trubel, meistens eine Zigarette im Mund, was damals noch für ganz unfein galt. Irgendeine erkenntliche Beschäftigung hatte sie nie. Meist trug sie irgend etwas in der Hand: eine Männerhose, einen Suppenlöffel, eine Vase. Aber sie schien diese Dinge abzulegen, wie es grade kam, sobald sie lästig wurden. Meist gab es dann eine Suche, während der die Suppe kalt wurde, bis der Suppenlöffel gefunden war. Übrigens machte das weder ihr noch sonst einem in diesem Hause etwas aus.

Sie war als Tochter eines Gutsbesitzers auf dem Lande aufgewachsen, und am liebsten sprach sie auch jetzt noch vom Landleben. Mit Verachtung nur erwähnte sie die dunkle Enge ihrer Stadtwohnung, den Mangel an Platz, die Unmöglichkeit, sich ordentlich zu bewegen, sich auszuarbeiten. In der Stadt gab es überhaupt keine Arbeit, die wert war, angefaßt zu werden. Während meine Mutter ängstlich bemüht war, alles Kleinstädtische abzustreifen und völlig eine Berlinerin zu werden (obwohl auch sie Berlin nie liebte), verleugnete Frau Elbe nie ihre ländliche Herkunft. Sie hatte es fertiggebracht, als bei einem besonders feierlichen Diner alle Gäste, den ersten Gang erwartend, fast stumm um den Tisch saßen, mit lauter, vergnügter Stimme zu sagen: »Genau wie in meines Vaters Kuhstall, ehe das Futter kommt!« – ein Ausspruch, der natürlich auch in duldsamen Gemütern einen kalten Schauder hervorgerufen hatte! Denn wie konnte man angesichts eines Kammergerichtsrats, eines Senatspräsidenten an einen Kuhstall denken?!

Sie war einfach das Enfant terrible des Kammergerichts. Es gab unendliche Geschichten über ihre Verstöße gegen Takt und gute Lebensart. Bei dem feierlichen Antrittsbesuch eines neuernannten Kammergerichtsrats hatte im »Salon« bei Elbes frei und unverhüllt und schamlos ein ominöses Gefäß gestanden – bei diesem Bericht erinnerten sich die ältesten Damen ihres Schulfranzösisch, um Unsagbares doch zu sagen: »Wirklich und wahrhaftig un pot de chambre! Und sie nahm nicht einmal Anstoß! Sie hat ihn lachend hinausgetragen!«

Einmal war sie mit dem Senatskollegen Becker in Streit geraten, ob Fliegenpilze wirklich »so« giftig seien oder nicht. Sie verfocht nämlich die Ansicht, man könne alles essen, was da wachse, in Feld und Wald sei alles gut. Und sie verschwor sich heilig, ihrer Familie zum Beweise dessen ein Gericht Fliegenpilze vorzusetzen.

Umsonst flehte sie der immer ängstlicher werdende Kammergerichtsrat Becker an, von diesem mörderischen Beginnen abzustehen. Sie verschleppte an einem Sonntag ihre ganze Familie in den Grunewald, Fliegenpilze wurden gesammelt, und am Abend gab es bei Elbes Fliegenpilze mit Rührei und Bratkartoffeln! Freilich hatte sie die Vorsicht gebraucht, die Pilze mehrere Male abzukochen und das Kochwasser wegzugießen, so ging es denn mit gelinden Leibschmerzen ab.

»Und das nennen Sie Gift –?! Gift nenne ich, was einen wie ein Blitz zu Boden schlägt! Dann ist Rizinus auch Gift! Von Rizinus kriege ich genau solche Bauchschmerzen!«

(Daß sie es – zu allem andern – nun auch fertigbrachte, von Bauch und von Rizinus in Verbindung mit ihrem Bauch zu reden – shocking! Shocking!! Shocking!!!)

Was aber sagte Herr Kammergerichtsrat Elbe zu dieser Frau, zu dieser Unordnung, zu solcher Vermessenheit? Er sagte gar nichts dazu! Ich glaube, er merkte dies alles gar nicht. Er hatte nicht einmal eine Ahnung davon, daß eine Frau anders sein, ein Haushalt anders geführt werden, Kinder anders erzogen werden könnten. An Zerstreutheit und Weltfremdheit übertraf er jeden Professor aus den »Fliegenden« mühelos. Natürlich war er Zivilrechtler, immer über kniffligen Fragen brütend – für einen Strafrechtler lebte er zuwenig auf dieser Welt. Juristerei war ihm etwas Ähnliches wie Geometrie: rechte Winkel, zu konstruierende Dreiecke, das Berechnen von etwas Unbekanntem aus etwas Gegebenem (den Paragraphen).

Oft, wenn wir Jungens ein wildes Spiel vorhatten, tat sich die Tür auf, und Herr Kammergerichtsrat Elbe trat ein. Er war ein kleiner, quittengelber, faltiger Mann mit einem kahlen Schädel, auch bartlos in jener Zeit der ungeheuren Vollbärte. Immer trug er zu Haus einen violetten, recht schäbigen Schlafrock, der ihm mit hundert Falten um die dürren Glieder hing. Meist hatte er Pantoffeln an, oft hatte er sie aber auch vergessen und ging achtlos barfuß.

Die Tür ließ er hinter sich offen und ging, ohne überhaupt zu bemerken, daß außer seinen Jungens auch noch andere anwesend waren, ans Fenster, gegen dessen Scheibe er zu trommeln anfing. Dabei sah er auf ein Blatt Papier, das er in der Hand hielt. Oder er setzte sich ins Sofa und fing an zu lesen. Wir konnten schreien, johlen, über seine Beine fallen, nichts störte ihn. Im Gegenteil: ich glaube, er suchte grade bei seinen Grübeleien die menschliche Nähe, ohne jedoch von ihr irgendeinen sichtbaren Gebrauch zu machen. Zuerst war er uns Jungens unheimlich, später gewöhnten wir uns an ihn und beachteten ihn nicht mehr als einen Stuhl. Nie sprach er mit uns, ich bin überzeugt, nach drei Jahren wußte er immer noch nicht, wer wir waren. Wie dieser Mann dazu gekommen ist, zu heiraten und Kinder zu zeugen, kann ich mir auch in meinen wildesten Phantasien nicht vorstellen.

Ich las damals grade viel im E. T. A. Hoffmann, und all die durch seine Geschichten wimmelnden skurrilen Figuren nahmen für mich Gestalt und Wesen von Kammergerichtsrat Elbe an. Dabei soll er ein vorzüglicher Jurist gewesen sein, von einer unerschöpflichen Belesenheit – freilich ganz von der alten Observanz, für die Recht nichts Lebendiges, sondern eine Art Gedankenakrobatik bedeutete.

Ich erinnere mich besonders eines Osterfestes, bei dem seine Söhne sich den Scherz erlaubt hatten, dem Vater statt seines wegen des kahlen Schädels stets im Hause getragenen Käppis ein mit grüner Holzwolle gefülltes Ostereiernest auf den Kopf zu stülpen. Ich sehe ihn da noch stehen, etwas verwirrt, aber milde verwirrt, in der einen Hand sein gewohntes Käppchen, auf dem sein erstaunter Blick ruht, mit der andern immer wieder vorsichtig das Geflecht auf seinem Kopf betastend, im Zweifel darüber, wieso er jetzt plötzlich zwei Käppchen besaß und wieso das andere sich so ungewohnt anfaßte.

Und dieser selbe Mann war es gewesen, der bei Kammergerichtsrat Siedeleben den Trinkgelderteller entleert hatte – nicht aus schnöder Gewinnsucht natürlich, sondern aus reiner Zerstreutheit. Wie nicht anders zu erwarten, war dieser Mann in allem, was Geld anging, ein Kind. Er wußte es weder zu bewahren noch auszugeben, er konnte mit Geld überhaupt nichts anfangen. Jedesmal, wenn er auf das Kammergericht ging, legte ihm seine Frau das Fahrgeld auf die Spiegelkonsole des Flurs. Er war das so gewöhnt, daß er es, ganz ohne darüber nachzudenken, einsteckte.

Dann marschierte er zur Haltestelle der 51. Auf der 51 kannten ihn alle Schaffner und betreuten ihn mit jener gutmütig überlegenen Sorgfalt, die der Berliner für alle hat, denen er sich gewachsen fühlt. Sie nahmen ihm das Fahrgeld aus der Tasche und steckten ihm den Fahrschein dafür hinein. Dann setzten sie ihn an der Ecke der Voßstraße aus dem Wagen, wobei sie darauf achteten, daß er weder Schirm noch Hut, noch Klemmer, noch Aktentasche vergaß, und noch im Wegfahren schauten sie ihm väterlich besorgt nach, ob er nun auch wirklich keine Dummheiten machte, sondern artig in die Voßstraße einbog.

In jener Nacht des Streits und Unheils nun hatte seine Frau ihm fünf Mark in die Hand gedrückt und ihm zugeflüstert, das Geld auf den Trinkgeldteller zu legen. Da Herr Kammergerichtsrat Elbe bereits viele Male einen solchen Auftrag fehlerlos erledigt hatte, sah sie ihm nicht nach, wie es die menschenkundigen Schaffner auf der Elektrischen taten, sondern ließ sich, auf das Freiwerden eines Spiegels wartend, in ein Gespräch ein.

Kammergerichtsrat Elbe seinerseits fand sich, ehe er zwei Schritte getan hatte, seinem Präsidenten gegenüber, der ihn ernst ermahnte, nach einem Aktenfaszikel, der unzweifelhaft in seinem Besitz sich befinden mußte, genaue Ausschau zu halten. Wieder frei geworden, fand er sich auf dem Flur, einem Teller gegenüber, der mit Silber gefüllt war. Während seine Gedanken bei dem vermißten Akt weilten, den gelesen zu haben er sich wohl erinnerte, gelang ihm, was keinem noch so geschickten Dieb unter so vielen Augen gelungen wäre: er entleerte den Teller in seine Tasche, rasch und lautlos wie ein Traumwandler. Es war eine rein mechanische Handlung, ohne wesentlichen Anteil des Hirns – dieses Geld auf dem Flur hatte ihn dämmerhaft an anderes Geld auf einem andern Flur erinnert, das er in seine Tasche zu tun hatte. So tat er’s.

Es war am Tage nach jenem Diner, daß Kammergerichtsrat Elbe verloren zu seiner Frau sagte: »Ich weiß nicht, meine Hosen sind so schwer …«

»Schwer?« fragte sie. »Wie können sie schwer sein? Was wirst du wieder hineingesteckt haben? Neulich hattest du im Mantel deinen Briefbeschwerer!«

»Den Briefbeschwerer –? Nein, der ist es nicht«, sagte er und steckte die Hand in die Tasche. Er brachte sie mit Münzen gefüllt hervor. »Es scheint Geld zu sein«, sagte er.

»Geld? Wie kommst du zu Geld?! Bist du bei meinem Geld gewesen?«

»Soviel ich weiß, nein. Das heißt, genau gesagt, ich erinnere mich dessen nicht, falls ich es gewesen sein sollte. Immerhin könnte es möglich sein …«

»Laß einmal sehen!« Sie entleerte seine Taschen. »Es sind über hundert Mark. Nein, das kann nicht Geld von mir sein. Wie kommst du zu dem Geld, Franz, denke bitte nach.«

Er rieb sich verlegen mit zwei Fingern das Kinn.

»Ich fürchte, auch ein intensives Nachdenken von mir führt nicht zum Ziel. Im Gegenteil glaube ich mich zu entsinnen, schon seit einem längeren Zeitraum nicht mit Geld in Berührung gekommen zu sein.« Er setzte nach einigem Nachdenken hinzu: »Um genau zu sein: außer mit meinem Fahrgeld.«

»Mit welchem Fahrgeld?«

»Mit dem Fahrgeld zum Gericht.«

»Das Fahrgeld sind zwanzig Pfennig, und dies sind über hundert Mark. Das ist ein ungeheurer Unterschied!«

»Ich sehe es ein, Liebe«, sagte er kummervoll. »Es war mir ja selbst aufgefallen, wie schwer meine Taschen waren. Beim Fahrgeld habe ich so etwas noch nie beobachtet.«

»Hast du auf dem Gericht etwas ausbezahlt bekommen? Hast du der Juristischen Wochenschrift vielleicht einen Artikel geliefert? Bist du auf der Treppe dem Geldbriefträger begegnet? Hast du von einem Kollegen Geld bekommen?«

Alle diese Fragen glaubte Herr Kammergerichtsrat Elbe, mit gewissen Einschränkungen, die sein juristisches Gewissen bedingte, verneinen zu können.

»Nun, dann weiß ich auch nicht, woher das Geld kommt«, schloß Frau Elbe die Vernehmung. »Ich werde es vorläufig in Verwahrung nehmen. Gehört es jemandem anders, wird er sich ja melden.«

Da aber Frau Elbe wenig Umgang mit Kollegenfrauen hatte, so erfuhr sie erst im Senatstee der nächsten Woche, was bei Siedelebens geschehen war. Sie wurde blaß und rot bei dem Bericht, denn schon nach den ersten zwanzig Worten war ihr klargeworden, wer der Täter war, und sie begriff, daß die glücklicherweise nicht anwesende Frau Siedeleben gesonnen sein würde, ihrem Manne ernstliche Schwierigkeiten zu machen. Zuerst war sie entschlossen, niemandem, nicht einmal dem eigenen Manne, etwas von der schlimmen Sache zu sagen, sondern das Geld unter einem fingierten Absender an Frau Siedeleben zu senden.

Doch sah sie bald ein, daß dies unmöglich war. Einmal widerstrebte es ihrem freimütigen Wesen, zum andern würde es das Gerede um das Zehnfache verstärken. Wenn dann auf ihren Mann geraten wurde, war er wirklich verloren.

In dieser Bedrängnis wandte sich Frau Elbe an meine Mutter, die ihr wegen ihres sanften Wesens lieb war, obwohl die Zivilrechtlerin nicht eigentlich zum Verkehrskreis der Strafrechtlerin gehörte. Meine Mutter aber mochte in einer so wichtigen Sache nichts ohne den Rat meines Vaters sagen oder tun. Mein Vater hörte den Bericht ernst an. Ihm war die Ehre des Richterstandes eine wahre Herzenssache: ohne diese Ehre hätte er weder richten noch leben mögen. Kein Geschwätz durfte auch nur den Saum der Robe des Richters beschmutzen. Er konnte in einer solchen Sache nicht nach eigenem Gutdünken handeln, er setzte sich also mit seinem Senatspräsidenten in Verbindung. Dieser war der Ansicht, daß unbedingt der Vorsitzende des Elbeschen Zivilsenates gehört werden müsse. Der Vorsitzende des Zivilsenates setzte sich mit Herrn Kammergerichtsrat Siedeleben in Verbindung, der verblüfft sagte: »So hängt das zusammen! Daran hat natürlich kein Mensch gedacht! Ich bin froh, daß es sich so aufklärt, meine Frau freilich …«

Er versank in Nachdenken. Die Herren, zwischen ihnen die Rätin Elbe, betrachteten ihn mit Wohlwollen.

»Schließlich«, sagte er, »habe ich den Betroffenen den Schaden aus meiner Privatkasse ersetzt, nicht völlig im Einverständnis mit meiner Frau. Sie sind in alle Winde zerstoben, die Mädchen haben andere Stellungen angenommen – am besten ist es vielleicht, wir lassen die Sache auf sich beruhen. Kollege Elbe ist ein verdienstvoller Mann …«

»Sie meinen …«

»Wenn ich Sie recht verstehe, Kollege Siedeleben …«

»Sie denken, auch Ihre Frau …«

»Richtig. Ich denke, auch meine Frau braucht nichts von der Aufklärung dieses Falles zu erfahren. Es könnte zu – Unfreundlichkeiten unter Kollegen führen. Außerdem behauptet sie, der erzwungene Dienstbotenwechsel sei ein Glückstreffer ersten Ranges gewesen. Sie hat da irgendeine Perle aus Ostpreußen gefunden …«

Alle lächelten, denn es war bekannt, daß die Siedelebenschen Perlen nur in den ersten Tagen glänzten, dann aber rasch ihren Schimmer verloren.

»Also die Sache bleibt unter uns …«

»Und Kollege Elbe –?«

»Was hat es für einen Zweck, ihm etwas zu sagen«, sagte Frau Elbe. »Er grämt sich nur darüber, und über dem Grämen gibt es neue Konfusion.«

So geschah es, daß die Sache verschwiegen blieb, das heißt, soweit sie bei so viel Mitwissern verschwiegen bleiben konnte. Zwei aber erfuhren bestimmt nie etwas von ihr: Frau Kammergerichtsrat Siedeleben und Herr Kammergerichtsrat Elbe.

Wenn aber meine Mutter in der folgenden Zeit wieder einmal recht von oben herab durch die Siedeleben behandelt wurde, so dachte sie: »Wenn du wüßtest, was ich weiß – du würdest nicht so reden! Aber du weißt nichts, nichts, nichts!«

Prügel

Ich habe schon erzählt, daß mein Vater gar nicht dafür war, seine Kinder zu schlagen. In diesem Punkt hielt er es mit den Homöopathen, kurierte Gleiches mit Gleichem, similia similibus, und konnte im ganzen recht zufrieden mit den Ergebnissen seiner Erziehungsmethode sein, lag es nun an der Methode oder an den Kindern. Aber einmal habe ich doch herzhafte Prügel von meinem alten Herrn bezogen, und dieses einmalige Erlebnis hat einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß ich mich seiner in allen Einzelheiten heute noch erinnere.

Ich werde damals zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, und mein Busenfreund war zu der Zeit Hans Fötsch, der Sohn unseres Hausarztes. Wir beiden Hansen steckten, obwohl wir nicht die gleiche Schule besuchten, den ganzen Nachmittag zusammen, sehr zum Schaden unserer Schularbeiten, klebten aus Pappe und Buntpapier die schönsten Ritterrüstungen, fertigten auf Anregung des streng verbotenen Karl May den Kriegsschmuck von Indianerhäuptlingen an und halfen uns mit den noch verboteneren Kolportageheften aus: Sitting Bull oder Nick Carter. Die Serien waren endlos: hundert, zweihundert, dreihundert Hefte, all unser Taschengeld ging dafür drauf.

Übrigens muß ich damals ein ungewöhnlich sittsamer Knabe gewesen sein. Ich weiß noch, daß ich mich, zum größten Arger von Hans Fötsch, standhaft weigerte, ihm ein Fortsetzungsheft dieser Schmöker zu leihen, und zwar nur aus dem heimlichen, nie eingestandenen Grunde, weil dem Helden in einem Augenblick höchsten Zornes das Wort »Besch…« entfahren war. Ich schämte mich für meinen Helden, schämte mich für ihn vor Hans Fötsch.

Der Autor hatte zwar versucht, den Schaden dadurch wieder gutzumachen, daß er eilig versicherte, dem Helden sei dies Wort nur in unsinniger Empörung über die Schurkischkeit seines Gegners entfahren, aber meine verletzte Sittsamkeit nahm doch Anstoß. Wenn solche Ausdrücke von Schurken gebraucht wurden, mochte es allenfalls hingehen – aber von einem Helden!

Im allgemeinen aber kamen Hans Fötsch und ich ausgezeichnet miteinander aus. Er war ein eher stiller Junge, mit einem trockenen, wortkargen Witz, der immer geneigt war, meinem aufgeregten, phantastischen Geschwätz zu lauschen und jede neue Idee, die in meinem wirbligen Schädel auftauchte, in die Tat umzusetzen. Beide Elternpaare sahen unsern Umgang auch recht gerne. Mein Vater versprach sich wohl eine Dämpfung meines sprunghaften Wesens davon, Doktor Fötsch aber eine Aufmunterung seines stillen Jungen. Wir hatten es auch recht bequem, Fötschens wohnten wie wir in der Luitpoldstraße, sie auf der südlichen, damals noch nicht voll bebauten Seite.

Waren also auch die Vorbedingungen zu einem glücklichen Freundschaftsbund gegeben, so habe ich doch kein rechtes Glück mit Hans Fötsch gehabt. Ich verdanke ihm drei entscheidende Niederlagen meines Lebens, Prügel und eine recht arge Blamage, die noch jahrelang in unserer Familie nachspukte.

Bei der ersten Niederlage ging es noch einigermaßen gelinde ab, trotzdem sie schon beschämend genug war. Mein guter Vater, der, soweit es seine karge Zeit erlaubte, einem sanften Sammeltrieb huldigte, hatte im Laufe seines Lebens eine recht artige Briefmarkensammlung zusammengebracht. Ihren Grundstock bildete eine wirklich wertvolle Reihe alter deutscher Marken, die er einst auf dem Boden des Pflegevaters meiner Mutter beim Umherstöbern gefunden hatte. Denn dieser Pflegevater, ein uralter Notar, hatte auf dem Boden seines Hauses Akten über Akten seiner Vorgänger gestapelt, und in diesen Akten lagen Briefe, alte Briefe, mit Thurn-und-Taxis-Marken, mit dem mecklenburgischen Ochsenkopf, mit den roten Hamburger Türmen, wirklich kostbare Stücke.

Was später noch dazugekommen war, konnte sich an Rang nicht mit diesen ersten Funden messen. Immerhin hatte mein Vater als Amtsrichter auf kleinen hannöverschen Gerichten immer wieder Gelegenheit, das eine oder andere schöne Stück aus halb vermoderten, von Mäusen angefressenen Akten dazuzutun. Da er nun ein von Natur sparsamer Mann war, auch dies Sammeln nie bei ihm zur wahren Leidenschaft wurde, hatte er stets die Anschaffung eines Briefmarkenalbums verschmäht. Auf einzelnen Blättern eines zart gelblichen Quartpapieres waren die Marken mit der saubersten Akkuratesse aufgeklebt, und mit seiner zierlichen Hand waren die Blätter beschriftet worden.

Schon einmal hatte mein Vater bei dieser Sammlung e

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