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Dämonenzeit

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Karte
  5. Prolog - Schwarz und Weiß sind keine Farben
  6. 1 - Kleine Männer werfen lange Schatten
  7. 2 - Sünden machen nicht vor Mauern Halt
  8. 3 - Das Leben ist nicht mehr als schlechtes Theater
  9. 4 - Eine schlanke Sünde macht noch keine Tugend
  10. 5 - Der Mensch lebt nicht vom Tod allein
  11. 6 - Weisheit schützt vor Jugend nicht
  12. 7 - Wer im Käfig sitzt, soll keine Lieder singen
  13. 8 - Männer, die bellen, beißen auch
  14. 9 - Im letzten Hemd sind keine Flaschen
  15. 10 - Aller bösen Dinge sind drei
  16. 11 - Unrecht ist der Welten Lohn
  17. 12 - Drum prüfe, wer sich ewig windet
  18. 13 - Von der Muse gespickt
  19. 14 - Der Zwerg heiligt die Mittel
  20. 15 - Besser beneidet als betrauert
  21. 16 - Ordnung ist, wenn keiner mehr steht
  22. 17 - Lange Rede, wenig Sinn
  23. 18 - Hinterher ist man immer tot
  24. 19 - Bastardmund tut Wahrheit kund
  25. 20 - Kleine Geschenke erhalten die Feindschaft
  26. 21 - Eine Träne macht noch keinen Sommer
  27. 22 - Frisch begonnen ist halb zerronnen
  28. 23 - Ordnung ist der halbe Tod
  29. 24 - Im Dunkeln ist gut kunkeln
  30. 25 - Übermut tut allen gut
  31. 26 - Sterben bringt Glück
  32. Epilog - Einer prellt immer die Zeche
  33. Über den Autor

Stephan Russbült

DÄMONENZEIT

Roman

Image

Prolog
Schwarz und Weiß sind keine Farben

Im Grunde genommen war alles ganz einfach, man durfte nur nicht den Anspruch hegen, es verstehen zu wollen.

Es bestand kein Zweifel daran, dass einzig und allein göttliche Macht dazu imstande war, Welten zu erschaffen und diese auch wieder zu zerstören. Nichts und niemand sonst konnte auch nur etwas annähernd Schönes und Einzigartiges entstehen lassen. Und nichts und niemand sonst hätte es gewagt, Hand an diese göttliche Schöpfung zu legen.

So oder so ähnlich stand es in den Manifesten fast aller Religionen geschrieben, und kaum ein Mensch wagte es, diese anzuzweifeln. Warum auch?

Die Schöpfung bestand aber nicht nur aus den Welten an sich; auch alles Leben, das sich auf ihnen tummelte, gehörte dazu. Es war reichhaltig, hatte mannigfaltige Form, die häufig so skurril war, dass niemand dessen Ursprung zu leugnen wagte. Leider war es aber genau dieses Leben, das alles so unendlich kompliziert gestaltete. Vor allen Dingen machte es das Leben selbst kompliziert. Anstatt stillschweigend hinzunehmen, was den Völkern von den Göttern gegeben worden war, machten sie viel Aufhebens darum. Je mehr Verstand ein Volk besaß, desto lauter schien es nach Antworten zu schreien. Anstatt zu akzeptieren, dass der Baum nicht mit dem Blatt sprach, nur weil der Herbst vor der Tür stand, wurden ihre Rufe mit jeder Generation lauter und fordernder. Niemand schien sich mehr damit abfinden zu können, aus dem Nichts zu kommen und auch wieder dorthin zu verschwinden. Plötzlich drehte sich alles nur noch um die essentiellen Fragen, und die Zukunft des Lebens hing von ihrer Beantwortung ab:

Warum wurden wir erschaffen?

Warum passiert, was passiert?

Warum endet alles in Zerstörung und Tod?

Ein Privileg der Götter schien es zu sein, sich in Schweigen zu hüllen und ihre Pläne für sich zu behalten. Wer es wagte, sich ihnen gegenüber anmaßend zu verhalten und seine Fragen allzu fordernd zu stellen, bekam zur Antwort ein Zeichen, das nicht selten so endgültig war, dass es eigentlich nicht missverstanden werden konnte. Doch anstatt Ruhe zu geben, bettelten und jammerten die Sterblichen mit jedem Zeichen ihrer Schöpfer nur umso mehr. Langsam begannen die Götter, an ihrer Schöpfung zu zweifeln, doch es steckte zu viel Arbeit darin, um sie einfach rückgängig zu machen.

Kurzum entschlossen sie sich, Gesandte auf die Welten zu schicken, damit diese sämtliche Fragen beantworteten, den Willen der Götter verbreiteten und die Geschicke in die richtige Richtung zu lenken versuchten. Am Anfang schien der Plan aufzugehen. Für jede Art von Problem gab es unterschiedliche Gesandte. Manche lenkten aus dem Verborgenen heraus und sprachen nur in den Köpfen von wenigen Auserwählten. Andere mischten sich unter die Völker und versuchten, mit wenigen Eingriffen alles im Lot zu halten. Aber es gab auch solche, die mit brachialer Gewalt jedes Problem, das sich ihnen in den Weg stellte, zu lösen trachteten.

Die Völker gaben diesen Gesandten unterschiedliche Namen, doch zumeist nannte man sie Engel und Dämonen.

Im Laufe der Jahrhunderte jedoch verblassten die Anweisungen der Götter in der Erinnerung der Gesandten, und Engel wie auch Dämonen legten die Worte ihrer Schöpfer nach eigenem Gutdünken aus. Aus dem Spiel der Götter wurde eine Fehde der Gesandten. Jede Seite versuchte, den ultimativen Sieg für sich zu erringen. Von der ursprünglichen Aufgabe blieb nicht mehr übrig als einige Prophezeiungen, die entweder unvollständig waren oder missverstanden wurden.

In dem allgemeinen Durcheinander und dem Kampf, die Welten schwarz oder weiß zu färben, der Ordnung oder dem Chaos zu übergeben, vergaßen die Völker sogar ihre Fragen.

Den Welten und ihren Bewohnern drohte das Ende. Dabei war die Lösung allen Unheils überall offensichtlich, man musste nur hinschauen. Niemand schien mehr zu verstehen, worum es wirklich ging. In den Vordergrund rückte der Sieg der eigenen Seite, und das eigentliche Ziel des Gleichgewichts aller Dinge trat zurück.

Ein Baum ertrinkt im Wasser, und dennoch: Ohne feuchte Erde verdorrt er. Feuer vermag zu wärmen, aber eben auch zu verbrennen. Der Glaube kann trösten, wie auch den Tod bringen.

Das Maß aller Dinge ist das Gleichgewicht.

Um die Welten zu retten, mussten die Götter schnell handeln. Es galt, die alten Prophezeiungen zurück in das kollektive Gedächtnis der Völker zu bringen sowie jemanden zu finden, der sie erfüllte und der genügend Weitsicht besaß, dies alles zu begreifen. Doch wie hieß es so schön: In der Not tranken die Götter auch Wasser, während sie mit Erdbeben den Boden pflügten, mit Flutwellen die Felder bewässerten und mit Stürmen die Ernte einbrachten.

Nichts schien mehr im Gleichgewicht zu sein. Eine Welt nach der anderen drohte zerstört zu werden. Aber anstatt Verständnis füreinander zu entwickeln, bildeten sich drei Lager. Die Götter, die versuchten zu retten, was zu retten war, dabei aber vergaßen, selbst Maß zu halten. Die Gesandten, die es immer noch als ihre Aufgabe ansahen, einen Sieg zu erringen, und deren Fingerspitzengefühl durch Kettenhandschuhe beeinträchtigt wurde. Und zu guter Letzt die Sterblichen, die nichts von dem verstanden, was um sie herum geschah, aber dennoch keine Gelegenheit ausließen, sich bei ihren Schöpfern zu beschweren, während sie elendig krepierten.

Bei wem auch immer man nach Schuld an dem ganzen Schlamassel suchte, man wäre sicherlich in der Lage gewesen, welche zu finden. Fakt aber blieb, dass alles aus drei unbeantworteten Fragen heraus erwachsen war. Drei Fragen, deren Beantwortung nichts leichter als das gewesen wäre.

Du verdankst dein Leben der Langeweile der Götter.

Was du Schicksal nennst, ist reiner Zufall.

Wenn es dich erwischt, hattest du einfach nur Pech.

1
Kleine Männer werfen lange Schatten

Amez – Vater der Sünden

Hat man sieben Kinder, und nur eines davon ist missraten, darf man den Göttern danken. Heißen die Kinder jedoch Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit, kann man davon ausgehen, selbst ein Gott zu sein.

Ein Schatten schwebte durch die Dunkelheit. Er war mehr als das Fehlen von Licht, war substantieller, aber nicht Substanz genug, als dass man ihn hätte berühren können.

Er ähnelte einer großen schwarzen Kugel, die sich langsam durch die Finsternis bewegte. Das Gebilde steuerte auf eine onyxschwarze Säule zu, die im Nichts zu stehen schien. Auf der Säule selbst lag der scheinbar leere, mit Haut bespannte Einband eines Folianten, dessen Vorderseite einen vierachsigen Stern zeigte, der mit einem glühenden Eisen eingebrannt zu sein schien. Der Schatten hielt vor der Säule an und begann leicht zu pulsieren. Es machte den Eindruck, als wollten sich ein Dutzend und mehr Arme, Beine und Köpfe wie durch die Haut eines Kokons aus ihm herauspressen. Doch sie durchstießen nie die Oberfläche. Stattdessen begann sich die Kugel nun komplett zu verformen. Sie wurde lang und schlank, neue Rundungen und Wölbungen bildeten sich aus, bis sie endlich einer hoch gewachsenen menschlichen Gestalt glich. Gliedmaßen waren nur andeutungsweise zu erkennen, wie bei etwas, das unter dem Laken eines Bettes lag. Auch kein Gesicht war auszumachen. Es sah stattdessen aus, als trüge die Gestalt eine Kapuze.

Dort, wo sich der Bauch der Kreatur befinden musste, streckten sich zwei kleine, dünne Arme heraus, die sich auf dem Körper abstützten und versuchten, sich weiter hinauszudrücken. Nach kurzer Anstrengung schob sich zwischen den Ärmchen ein kahler Kopf gefolgt von einem ausgemergelten Oberkörper hervor. Das Wesen wand sich wie ein Neugeborenes.

»Lasst uns in das Buch sehen«, kreischte es und streckte die Arme nach dem Folianten aus. »Wir wollen hineinsehen, um herauszufinden, was vor sich geht.«

»Ja, lasst uns hineinsehen«, forderte eine andere quiekende Stimme, die zu einem Gesicht gehörte, das sich aus dem linken Schulterblatt der hoch gewachsenen Gestalt presste.

Hochschnellend wie ein auftauchender Korken, gesellte sich ein weiteres Wesen hinzu, das dem Rücken des Schattens entsprang. Mit herumtastenden Armen und unglaublichen Verrenkungen schien es nach seinen beiden Kollegen Ausschau zu halten. Als es das Gesicht in der Schulter entdeckte, schlug es wie von Sinnen darauf ein.

»Wir wollen es tun!«, krächzte es aufgeregt. »Nicht ihr! Wir wollen das Buch öffnen.«

»Still!«, dröhnte es unter der Kapuze hervor. Es war weniger eine Stimme als mehr ein tiefer, dumpfer Ton mit leichten Nuancen. »Nur zusammen können wir Einblick in das Buch der Wahrheiten nehmen.«

Wie auf Kommando stieß ein weiteres halbes Dutzend dürrer Kreaturen aus der Oberfläche der Schattengestalt hervor. Sie krümmten und wanden sich, um aus der zähen Masse des Schattens freizukommen. Manche konnten nur den Kopf hervorstrecken, andere schafften es, sich bis zur Taille zu befreien, und begannen sogleich, an den anderen herumzuzerren und zu reißen.

Heiseres Stöhnen und Röcheln machte sich breit. Darunter wurden immer wieder quiekende Schreie von denen laut, die versuchten, sich unter letzten Kräften von den anderen abzuheben, um einen guten Platz zu ergattern.

»Still!«, dröhnte es erneut.

Die letzten Gefechte wurden ausgetragen und stumm zu Ende gebracht. Es wurde gezerrt, gezogen, gewürgt und getreten. Eine der Kreaturen spuckte einer anderen sogar ins Gesicht und erntete dafür eine schallende Ohrfeige. Dann legten sich schlagartig die letzten Streitereien.

»Wir, Amez, Herr der Schatten«, begannen alle im Chor zu sprechen, »Bestimmer des Unvorhersehbaren und Gott des Chaos, verlangen Einsicht in das Buch der Wahrheiten, das Tagebuch allen Lebens.«

Wie von selbst öffnete sich das Buch und enthüllte ein einzelnes vergilbtes Blatt Papyrus.

Sofort begannen die Raufereien von vorn. Jede der kleinen, abgemergelten Kreaturen versuchte, einen Blick auf die Seite zu erhaschen. Dünne Ärmchen reckten sich dem Folianten entgegen, um der Quelle ihrer Begierde etwas näher zu kommen.

Die einzelne Seite war bis auf einige Tintenspritzer leer.

»Zeig uns die Welten im Verbund!«, riefen alle zusammen wie aus einer Kehle. »Der Strudel der Mächte soll uns Aufschluss geben, ob das Gleichgewicht abermals gestört wurde.«

Die Tintenkleckse wanderten langsam über das Papier und begannen zu wachsen. Einer positionierte sich im Zentrum, während die anderen in immer größer werdenden Abständen um ihn herumkreisen. Nach und nach verschwanden immer mehr Punkte von dem Blatt, bis nur noch der eine in der Mitte übrig blieb. Mittlerweile hatte er die Größe eines Daumenabdruckes erreicht und verblasste zusehends. Schwache Linien durchzogen den Fleck wie Adern auf der Haut, welche die Farbe an einem Ende aufsogen und sie am anderen zurück auf das Papier spuckten. Hunderte kleiner Sprenkel füllten erneut die Seite, aus dem einen blassen Fleck entstanden. Wie von selbst wuchsen sie abermals an, und nach und nach entstand ein Gespinst aus kleinen und großen Punkten, die miteinander im Reigen standen. Niemand hätte sagen können, wie viele es wirklich waren, doch es waren es ebenso viele, wie es Welten gab.

Mit einem zufriedenen Brummen kommentierte der Schatten, der sich selbst Amez nannte, das Bildnis. Alles wirkte so, wie es zu sein hatte, bis einer der Punkte seitlich auszubrechen drohte.

»Dort!«, kreischte eine der Kreaturen und zeigte mit seinem knochigen Finger auf den Fleck. »Diese Welt droht unterzugehen. Irgendetwas muss sie aus dem Gleichgewicht gebracht haben.«

Amez beugte sich über das Buch und schlug die Fäuste erzürnt auf die Säule, dass das Nichts erzitterte.

»Das kann nicht sein!«, brüllte er. »Das darf nicht sein. Wir haben keine übersehen. Wie ist das möglich?«

»Vielleicht wurde sie von einer der anderen verdeckt, als wir sie das letzte Mal beobachteten«, flüsterte eine der Kreaturen vom Rücken.

»Wir haben keine übersehen!«, keifte eine weitere unter der Achsel heraus. »Etwas muss das Gleichgewicht erneut gestört haben.«

»Was für eine Welt ist das?«, verlangte Amez zu wissen.

»Es ist nur eine kleine, unbedeutende Welt«, quiekte eines der Wesen. »Sie ist fast ausschließlich von Menschen und anderen niederen Wesen bevölkert.«

»Das ist mir egal!«, brüllte Amez. »Wir könnten uns nicht einmal den Verlust einer Welt voller Gewürm erlauben.«

»Menschen sind nicht viel weiter entwickelt«, kicherte eines der Schattenwesen.

Ein anderes schlug ihm dafür ins Gesicht, während es von dem daneben im Schwitzkasten gehalten wurde.

»Haben wir Boten hingesandt?«, fragte Amez, ohne den Zwist zu beachten.

»Sieben von uns sind dort und sieben aus der Brut unseres Bruders«, bekam er zur Antwort.

»Ist auch eines der Kinder der ersten Stunde darunter?«

»Wir haben einen Dämon, einen Horden, geschickt und Sept einen seiner Krieger des Lichts – einen Seraphim.«

»Einen Horden?«, rief Amez ärgerlich. »Gab es niemand anderen, jemanden, der mehr Geschick und Taktgefühl besitzt.«

»Er schien uns geeignet für diese Aufgabe. Sein Name ist Baazlabeth, und er hat sich bereits durch eine erstaunliche Geduld und viel Durchhaltevermögen ausgezeichnet.«

»Horden haben Geduld beim Foltern, und das auch nur, solange ihre Opfer schreien. Und ihr Durchhaltevermögen beschränkt sich auf das Niedermähen von Feinden in einer Schlacht. Es wäre mir lieber gewesen, wir hätten dieses Problem etwas sensibler angepackt, anstatt einen Schlächter auf diese Welt zu schicken.«

»Immerhin ist er eins unserer ersten Kinder«, wandte eines der Schattenwesen ein. »Er kennt sich aus in dem Gefüge der Welten und weiß, wie er mit den Sterblichen umzugehen hat.«

»So ein Blödsinn!«, fauchte Amez. »Stinkt der erste Haufen Dung weniger als die danach? Horden wissen einen Dreck vom Gefüge, und alles, was sie über Sterbliche in den Tausenden von Jahren, die sie nun schon existieren, in Erfahrung bringen konnten, ist, wie viel Blut man aus ihnen herauspressen kann, bevor sie krepieren.«

»Was sollen wir jetzt tun?«

»Ja, was sollen wir tun?«, kreischte eine andere Kreatur dazwischen.

»Sie ist schon fast verloren.«

Klagende Rufe wurden laut, und die Schattenwesen wanden sich wie unter Schmerzen.

»Wie steht es um die Prophezeiung?«, fragte Amez. »Schließlich ist sie der Schlüssel, um die Welt wieder ins Lot zu bringen.«

Allgemeines Gemurmel machte sich breit. Im Flüsterton wurden dem Nachbarn Geheimnisse ins Ohr geflüstert oder lediglich schwer zu deutende Blicke ausgetauscht.

»Was ist, bekomme ich endlich eine Antwort?«, brüllte Amez.

»Mit der Prophezeiung ist das so eine Sache«, antwortete eines der Wesen, das aus dem Rücken des Gottes ragte. »Sie wurde noch nicht ganz vollständig überbracht, und wir sind uns nicht sicher, ob alle bekannten Teile in der richtigen Reihenfolge sind. Außerdem bietet sie einigen Spielraum für eine eigene Interpretation.«

Amez schnaubte vor Wut.

»Ihr schickt einen Horden auf diese Welt und gebt ihm die Freiheit, die alten Worte nach seinem eigenen Gutdünken auszulegen? Ich sollte euch alle ans Licht setzen. Er ist ein Horde, verdammt nochmal! Er wird einen Krieg auslösen, von dem sich diese Welt in dreitausend Jahren nicht mehr erholt. Wenn überhaupt jemand übrig bleibt, dem ihre Erholung noch etwas nützen würde.«

Bedrücktes Schweigen machte sich breit.

»Was besagt die Prophezeiung im Kern?«

»Im Grunde genommen ist sie ganz einfach. Sie besagt, dass sich sieben Krieger des Lichts und sieben Krieger der Dunkelheit in Brisenburg zur letzten Schlacht einfinden werden, um einen Kampf um das Gleichgewicht auszufechten. Es findet dann so etwas wie eine Neuordnung statt. Ihr wisst schon: Gut und Böse, Chaos und Ordnung, Licht und Schatten – das Gleichgewicht eben. Aus dieser Schlacht soll ein Samen hervorgehen. Was genau damit gemeint ist, konnten wir leider auch nicht herausfinden. Die Wurzeln der Prophezeiung liegen weit zurück, und seit ihren Ursprüngen hat sie sich mehrfach, wie sollen wir sagen … angepasst. Prophezeiungen sind wie Pflanzen, die sich an ihre Umgebung anpassen und erst im Laufe der Zeit zur vollen Größe heranwachsen. Diese spezielle, wir nennen sie Sementis, existiert schon so lange wie die Welt selbst und wurde schon einige Male nicht erfüllt. Was diesen Samen angeht wissen wir nur so viel: Er wird sich verbreiten und dafür sorgen, dass die Welt sich wieder in das Gefüge einordnet.«

Sofort erwuchsen zwei Paar Arme aus dem Rücken von Amez und umklammerten die Kehle des schmalwüchsigen Sprechers.

»Und mit diesem Scheiß versuchen wir, eine Welt zu retten. Da hätte ich den Horden ja selbst schicken und ihn bitten können, alles Stein für Stein abzutragen und das größte Grab seit Göttergedenken zu errichten. Was haben wir uns nur dabei gedacht?«

Dem Schweigen nach zu urteilen, hatte sich das mit dem Denken bei der Wahl des Boten sowie dem Gehalt der Prophezeiung in Grenzen gehalten.

»Gehen wir dichter heran, wir müssen wissen, was geschehen ist«, meldete sich Amez erneut zu Wort.

Er beugte sich näher über das Buch. Gierige Hände versuchten, es zu berühren, doch sie konnten es auch weiterhin nicht erreichen.

Der abseits liegende Fleck, der auszuscheren drohte, rückte ins Zentrum des Blattes und drängte die anderen mit jedem Zoll, den er größer wurde, aus dem Sichtfeld. Nach wenigen Augenblicken nahm er bereits die halbe Seite ein. Linien und Flächen bildeten sich in ihm, bis der Fleck einer Karte ähnelte – der Karte einer ganzen Welt. Ein Teilbereich rückte näher heran, die Spitze eines Kontinents stand jetzt im Fokus, doch noch war die Geographie verschwommen wie hinter einer Wolkendecke. Plötzlich entstanden Linien, die rückwärts aus einem Sog gedrückt zu werden schienen. Aus den Linien formten sich Buchstaben einer fremden Sprache, und die Buchstaben setzten sich zu Wörtern und diese zu Sätzen zusammen. Aus dem Inneren des Sogs trat immer mehr Geschriebenes hervor und wurde wie in einem Wirbel nach außen gedrückt.

»Ich habe ihn gefunden!«, kreischte eines der Schattenwesen und fuchtelte wild umher, wobei es abwechselnd mit einer Hand auf die Textpassage zeigte und mit der anderen versuchte, seine Kameraden herbeizulocken.

»Lies, was geschrieben steht im Buch der Wahrheiten«, verlangte Amez.

Die Kreatur verfolgte mit kreisenden Bewegungen des ganzen Oberkörpers den Strom aus Buchstaben.

»Da ist er«, summte sie und begann zu lesen. »Baazlabeth, Sünde des Hochmuts, Bezwinger von Schlachten, Sohn der Horden und frühes Kind aus dem Blute von Amez, dem Bestimmer des Unvorhersehbaren, Herr des Schattens, Gott des Chaos und Bruder von Sept, Verfechter der Mäßigkeit, Herr des Lichts und Gott der Ordnung, wurde gesandt ins Reich der Sterblichen, um zu verkünden den Willen von Amez, dem Bestimmer des Unvorhersehbaren, Herr des Schattens und Gott …«

»Es reicht, wenn du es sinngemäß wiedergibst. Ich glaube, mittlerweile ist allen die Beziehung zwischen uns, Baazlabeth und meinem Bruder klar geworden«, schnaubte Amez ärgerlich. »Bitte nur das Wesentliche, auch Götter können sich langweilen.«

Um dem Ganzen etwas Nachdruck zu verleihen, verpasste eines der anderen Wesen dem Vorleser einen schweren Kinnhaken und ein weiteres griff nach dessen Ohr und riss mit aller Gewalt daran.

»Genug jetzt!«, befahl Amez, um den aufkommenden Tumult wieder unter Kontrolle zu bringen.

Ängstlich quiekend ließen die anderen von ihrem Kameraden ab, während der Gepeinigte sich in Selbstmitleid über den kahlen Kopf strich. Mit stummen Lippenbewegungen verfolgte er den Text aus dem Buch der Wahrheiten und versuchte, ihn simultan in gekürzter Form wiederzugeben.

Während des Lesens bildeten sich neue Soge mit anderen Buchstaben, Silben und Wörtern um den Text herum, die nach kurzer Zeit verebbten, wenn sie nicht weiterverfolgt wurden. Immer wenn die Geschichte an einen Scheideweg gelangt war, schien sich auch der Textfluss zu teilen und in verschiedene Richtungen weiterzuführen.

»Baazlabeth wurde mittels einer Beschwörung aus seinem eigenen Reich gerissen. Der Sucher, ein alter Magier namens Nemrothar, hatte ihn aufgespürt und ihn zu sich gerufen. Er ließ Baazlabeth im Unklaren darüber, was seine eigentliche Aufgabe betraf. Anstatt ihm von der Prophezeiung zu erzählen, gab er ihm die Aufgabe, fünftausend Goldstücke auf ehrliche Art und Weise zu verdienen.«

»Der Sucher hat es vermasselt!«, kreischte dieselbe Schattenkreatur, die sich schon vorher abfällig über die Menschen geäußert hatte. »Man kann sich auf die Sterblichen nicht verlassen, erst recht nicht auf Menschen. Sie sind zu nichts zu gebrauchen.«

»Ruhe!«, fauchte Amez. »Die Sucher wissen genau, was sie zu tun haben. Meist sogar besser als die Boten, die sie rufen.«

Das Schattenwesen fuhr fort mit seinem Bericht.

»Bei der Erfüllung seiner Aufgabe traf Baazlabeth auf weitere dunkle Boten der Prophezeiung und schloss sich mit ihnen zusammen. Darunter waren Molloch, Sünde der Maßlosigkeit, und Sanna, genannt die Neidische, sowie ihre Tochter Lilith, die den Hass verkörpert. Sie versuchten, ihn in seine wahre Bestimmung einzuweihen, doch er wies sie in blinder Selbstüberschätzung zurück. Baazlabeth verfolgte weiter den Weg seiner ihm vom Sucher gestellten Aufgabe. Nach und nach machte er sich einen Namen in der Stadt Brisenburg und schaffte es sogar mithilfe einer List in den Kleinen Rat, eine Art Ältestenvertretung. Er wechselte mehrfach seine Gestalt. Am Tage als Mann und in der Nacht als Frau, gelang es ihm, einen Teil des Goldes zu verdienen. Irgendwann bekam der Klerus von seiner Existenz Wind und sandte die heilige Inquisition aus, um ihm Einhalt zu gebieten. Euer Bruder Sept sandte einen seiner Boten des Lichts nach Brisenburg – einen Seraphim, Streiter des Lichts und Bewahrer der Ordnung, genannt die Tugend der Weisheit –, um zu verhindern, dass Baazlabeth vorzeitig von den Menschen enttarnt wurde. Kollum, der Seraphim, kam unter im Haus der Väter und versammelte um sich die Priester der verschiedenen Tempel, die geweiht waren der Weisheit, Barmherzigkeit, Liebe …«

»Du bist falsch abgebogen!«, keifte eine der Kreaturen den Sprecher an.

»Er hat den Faden verloren«, kicherte eine andere.

»Lasst ihn«, ermahnte Amez sie.

Das Schattenwesen suchte eilig nach der Stelle im Text, wo es die Orientierung verloren hatte, bevor der Strudel verebbte.

»Ich hab ihn wieder«, verkündete es erleichtert und fuhr stotternd fort.

»Die anderen Boten wiesen Baazlabeth erneut auf die Prophezeiung hin, doch der Dämon glaubte ihnen nicht und wies sie abermals zurück. Wie benommen wütete er in der Stadt, um die übrigen Goldmünzen zur Erfüllung seiner Aufgabe zusammenzubekommen. An dem Tag, als die letzte Goldmünze in seine Kiste wanderte, wandte er sich gegen die Boten und …«

Das Schattenwesen verstummte und ließ niedergeschlagen den Kopf auf die Brust sinken.

»Und was?«, forderte Amez zu wissen. »Sag schon, was ist passiert?«

»Er hat den Seraphim getötet und Lilith, die Sünde des Hasses, in eine andere Dimension verbannt.«

»Sag, dass das nicht wahr ist!«, grollte Amez. »Wir müssen sofort auf diese Welt und Kontakt zu dem Horden aufnehmen, damit er nicht noch mehr Blödsinn anstellt. Ein Teil von uns versucht, mehr über die Prophezeiung herauszufinden. Wir brauchen einen Ansatz, damit sie immer noch erfüllt werden kann. Schreibt sie um, verbiegt sie oder dichtet etwas hinzu. Egal was, aber macht sie wasserdicht – selbst für einen Horden. Bittet Sept um Hilfe, damit er einen neuen Krieger des Lichts findet und auf die Welt schickt. Ohne die Tugenden wird die Schlacht nicht stattfinden.«

Amez packte die kleinen Wesen, die aus seinem Körper ragten, riss sie zur Gänze heraus und warf sie zu Boden. Viele versuchten, sich mit Armen und Beinen zu wehren, doch es half nichts, eine nach der anderen wurde herausgerissen wie ein lästiger Stachel. Mit jeder Trennung schrumpfte Amez’ Schattenkörper, bis er selbst sich nicht mehr von den anderen unterschied. Am imaginären Boden angekommen, rappelten sich die Schatten auf und rannten ungelenk in alle Richtungen davon.

2
Sünden machen nicht vor Mauern Halt

Seibot Nell – Habgier

Die Wahrheit ist aller Laster Anfang. Es ist nicht leicht, es jedem recht zu machen, doch wenn man es versucht, muss man unter Umständen in Kauf nehmen, einen Preis zu zahlen, den man nicht bereit ist zu geben. Zum Glück gibt es immer jemanden, dem kein Preis zu hoch ist.

Seibot presste seine Hand fester auf den Mund des Kundschafters. Er saß am Boden, hatte den armen Kerl in den Schwitzkasten genommen und seine Beine um dessen Rumpf geschlungen. Zu Anfang war es schwer gewesen, den kernigen jungen Soldaten am Boden zu halten, doch seine Gegenwehr hatte schnell nachgelassen. Von Minute zu Minute schwanden die Kräfte des Kerls, und jetzt hielt er kaum noch dagegen.

»Dann nochmal von vorn«, keuchte Seibot. »Wie viele Wachsoldaten sind in der Stadt? Wie viele von ihnen patrouillieren auf der Mauer, und wie oft und wann ist euer Wachwechsel?«

Seibot betete diese Fragen jetzt schon zum vierten Mal herunter, und noch immer bekam er keine Antwort. Sein Gefangener hätte ohnehin nicht reden können, da Seibot ihm die Hand auf den Mund gepresst hatte und nicht gewillt war, seinen Griff auch nur ein bisschen zu lockern. Die Gefahr, dass der Soldat um Hilfe schrie, war einfach zu groß, denn er wusste genauso gut wie Seibot, dass diese Situation kein gutes Ende für ihn nehmen würde.

»Dann eben nicht«, flüsterte ihm Seibot ins Ohr.

Er nahm den Kundschafter fester in die Beinschere, packte ihn mit einer Hand am Schopf und schob die andere ein Stück nach oben, sodass sie nun Mund und Nase gleichzeitig verschloss. Der junge Mann versuchte sich aufzubäumen. Er machte ein Hohlkreuz und wollte sich unter seinem Peiniger wegdrehen, aber seine Kraft reichte nicht aus. Unter Aufbringung der letzten Reserven gelang es ihm, den Kopf zur Seite zu drehen, doch auch diese Aktion sollte ihn nicht retten – Seibot behielt seine Hand weiterhin über Mund und Nase.

Er spürte, wie sein Opfer das letzte bisschen Luft zwischen seinen Fingern einsog. Es lief immer gleich ab. Jetzt musste er nur noch warten, bis der Fuß zu zucken begann. Manche Sterbenden taten es mit dem linken, andere mit dem rechten. Manche zuckten zweimal, andere dreimal.

Da war es, das Zucken im linken Fuß. Einmal, zweimal – und aus. Es war so einfach zu töten, und es wurde mit jedem Mal leichter.

Einen Moment lang hielt Seibot den Mann weiter im Arm, so wie ein Vater seinen Sohn, dann schob er ihn zur Seite und gab ihm einen Fußtritt. Sein Opfer rollte unter den Strauch, hinter dem sich Seibot seit den Morgenstunden versteckt hielt. Er stand auf und durchsuchte den jungen Soldaten, doch der hatte nichts von Wert bei sich. Zumindest nichts, was Seibot zum einen hätte brauchen können, ihn aber andererseits auch nicht verriet, wenn er damit erwischt würde.

Seibot Nell gehörte zu den wenigen Menschen, die von sich selbst behaupteten, nicht sonderlich nett zu sein. Außerdem gehörte er auch noch zu den ganz seltenen Fällen, die den Grund für ihre soziale Unverträglichkeit nicht auf andere Menschen schoben. Er hatte in seinem Leben so gut wie jedes bestehende Gesetz gebrochen, und das mit voller Absicht. Die Reihe seiner Verfehlungen erstreckte sich von Taschendiebstahl über Gotteslästerung bis hin zu Meuchelmord. Dazu kamen noch all die Vergehen, die vor dem Gesetz zwar nicht strafbar waren, aber dennoch nicht zum guten Ton gehörten.

Seibots Selbstreflexion reichte jedoch nicht so weit, sich auch als schlechten Bürger zu sehen. Für ihn gab es zwei Arten von Königstreuen: Solche, die sich verhielten wie Schafe und die ihr letztes Hemd gaben, wenn es um das Wohl des Landes ging, und solche, denen es vorrangig um ihr eigenes Wohlergehen ging und die damit automatisch auch das Land voranbrachten. Zu den Letzteren zählte sich Seibot Nell. Viele von seiner Sorte waren gehängt worden oder verrotteten langsam im Kerker irgendeiner Stadt. Seibot wusste jedoch, wie man so einem Schicksal entkommen konnte. Im Grunde genommen war es ganz einfach: Man musste lediglich, wenn man erwischt wurde, den König davon überzeugen, dass der Wert der eigenen Fähigkeiten größer war als der Schaden, den man angerichtet hatte.

Das Leben unter König Bellington dem Dritten war für niemanden leicht. Der König liebte es, Kriege zu führen, seinen Machthunger auszuleben und mittels schlecht ausgerüsteter Truppen an den Grenzen des Landes Präsenz zu zeigen. Dies alles hatte natürlich seinen Preis und verschlang innerhalb von wenigen Jahren die gesamten Goldreserven des Königshauses. Um nicht ständig auf leere Schatzkammern blicken zu müssen, erhöhte der König einfach die Steuern. Es wurden selbst für kleinere Vergehen empfindliche Geldbußen verhängt oder gleich ganze Besitztümer enteignet. Gerechtfertigt wurde dies mit dem Verweis auf das Gemeinwohl.

Das führte dazu, dass die meisten Menschen im Königreich Meddelton unweigerlich irgendwann mit dem Gesetz in Konflikt kamen, sei es nun, um nicht verhungern zu müssen, den überhöhten Steuern zu entgehen oder sich nicht um alles bringen zu lassen, was sie mühsam erarbeitet hatten. Auch Seibot hatte dem eisernen Griff der Justiz nicht auf ewig entgehen können, und in seinem Fall wollte der König anscheinend auf Nummer sicher gehen. Nach der Auflistung sämtlicher ihm angelasteter Vergehen, die länger war als die Ahnengeschichte des Königshauses, verkündete der oberste Richter ohne weitere Anhörung von Zeugen das kurz gehaltene Urteil: Tod durch Erhängen.

So und nicht anders wäre es auch gekommen, wenn der König nicht gerade in einer überaus misslichen Lage gesteckt hätte, in der eines von Seibots zweifelhaften Talenten gefragt war. Das Reich brauchte einen Spitzel. Dies allein hätte sicherlich nicht gereicht, um Seibot vor dem Strick zu retten, schließlich gab es genügend finstere Typen in den Söldnerheeren. Doch König Bellington hatte ganz spezielle Vorstellungen, was die Herkunft, die Umgangsformen, die Bezahlung und nicht zuletzt auch den möglichen Verlust seines neuen Recken anging. Er suchte ganz einfach nach einem gedungenen Mörder aus Brisenburg, der keine Entlohnung in Gold verlangte und um den es auch nicht schade wäre, wenn er nicht zurückkäme. Mit anderen Worten: Er suchte nach Seibot Nell und fand ihn in einem seiner Kerker – bereit, alles zu tun, um dem Strick zu entgehen.

Ein halbes Dutzend Berater des Königs fragte Seibot über seine Vergangenheit aus und hielt ihn tagelang ohne etwas zu essen und ohne Schlaf. Irgendwann hatten sie dann alles aus ihm herausgepresst, was sie wissen wollten. Zwei Tage später kam ein Magister zu ihm in den Kerker und stellte ihn vor die Wahl, gehängt zu werden oder dem König als Spion zu dienen. Die Wahl fiel Seibot leicht, doch ein Wermutstropfen blieb dennoch. Er tauschte den unliebsamsten Ort, an dem er sein konnte, nämlich den Galgen, gegen den zweit unliebsamsten – Brisenburg.

Seibot Nell hatte vor vielen Jahren auf einem Handelsschiff namens Glücksbringer angeheuert. Erst als Schiffsjunge, dann als Segelmacher und schließlich als Quartiermeister. Auf dem Schiff fuhr er die Küste von Meddelton von Nord nach Süd ab und wieder zurück. Der bescheidene Lohn und die teuren Landgänge, die Seibot nutzte, um zu spielen, zu trinken und herumzuhuren, zwangen ihn, sich nebenbei als Taschendieb zu versuchen. Eine Zeit lang ging alles gut, da er sich als recht talentiert erwies. Schnell wurden aber die ansässigen Diebesgilden auf ihn aufmerksam. Immer wieder rettete ihn das rechtzeitige Auslaufen der Glücksbringer vor dem Unmut der einheimischen Langfinger. Fast begann er schon zu glauben, der Schiffsname garantiere ihm eine sorgenfreie Zukunft. Doch bald musste er feststellen, dass jede Glückssträhne einmal endete. Diese Erkenntnis traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel mitten auf dem Markplatz von Brisenburg. Eh er sichs versah, wurde er niedergeschlagen, gefesselt und in eine heruntergekommene Schänke verschleppt.

Die Blutige Träne war vielmehr ein Unterschlupf für die Finstergilde – so nannte sich die Zunft der Diebe in Brisenburg – als eine gewöhnliche Schänke. Auf der Flucht vor den Stadtwachen war dies ein beliebtes Versteck. Das Wort Laufkundschaft bekam hier eine ganz besondere Bedeutung.

Als Seibot wieder erwachte, sah er sich, auf einer harten Holzbank sitzend und von zwei grobschlächtigen Burschen flankiert, einem hageren Kerl mit schütterem, langem Haar gegenüber. Der Mann nannte sich Twinkel Lostface und war der Gildenmeister der Finsterlinge, so behauptete er zumindest. Er stellte Seibot vor die Wahl, den entstandenen Schaden als Beutelschneider in den Reihen der Gilde abzuarbeiten oder seine letzte Ruhestätte im Hafenbecken von Brisenburg zu finden.

Seibot brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden, obwohl ihm ständig die Frage im Hinterkopf herumgeisterte, welchen Schaden er wohl angerichtet haben sollte. Bedingt durch den starken Willen, lebend aus dieser Sache herauszukommen, verzichtete er jedoch sowohl auf die Frage danach als auch auf die Antwort.

Tage und Wochen vergingen, in denen Seibot jeden Abend die Beute aus seinen Streifzügen durch Brisenburg in der Blutigen Träne an Twinkel Lostface übergab. Doch irgendwann kam der Tag, an dem Twinkel ihm die Hälfte seines erbeuteten Diebesgutes wieder auf dem Tisch zurückschob.

»Deine Schulden sind abbezahlt«, erklärte ihm der Gildenmeister. »Vom heutigen Tage an kannst du die Hälfte der Beute behalten. Die andere Hälfte lieferst du wie gewohnt ab, oder du verlässt Brisenburg wieder und beginnst ein ehrliches Leben mit harter Arbeit.«

Seibot war kein Dummkopf. Er wusste genau, was ihm harte Arbeit einbringen würde: Schwielen an den Händen und ein Leben voller Armut. So entschied er sich, ein Mitglied der Finstergilde zu werden, und arbeitete sich langsam in der Hierarchie nach oben. Schnell ergründete er eines der am besten gehütetsten Geheimnisse der Gilde: Twinkel Lostface war lediglich ein Name. Der Mann, der sich ihm so vorgestellt hatte, hieß in Wirklichkeit Mekkel und war genauso ein einfaches Mitglied der Gilde wie Seibot selbst. Die verschiedensten Finsterlinge durften sich ab und an als Twinkel Lostface ausgeben, wenn es darum ging, mit Außenstehenden zu verhandeln. Der Grundgedanke dabei war folgender: Falls jemand Anschuldigungen gegen den Gildenmeister erheben sollte und dabei auf eine bestimmte Person zeigte, fanden sich stets zahlreiche andere Bürger, die beschwören konnten, dass Twinkel Lostface jemand ganz anderes war. Außerdem beschied diese Tarnung dem Mann, der wirklich im Hintergrund die Fäden zog, einen gewissen Freiraum, um seine Machenschaften in aller Ruhe planen und durchführen zu können. Dieser Mann hieß Neptrotot und war in Wirklichkeit noch nicht einmal ein Bürger Brisenburgs. Als Sklavenhändler lagerte er vor den Toren der Stadt und ging seinen eigenen Interessen nach – oder, besser gesagt, denen des Königs.

Brisenburg war eine der wenigen Städte in Meddelton, in denen der Handel mit Sklaven nicht geduldet wurde – deswegen Neptrotots Lager außerhalb der Stadt. Lord Brackenmoore, der Herr von Brisenburg und Neffe des Königs, weigerte sich standhaft, dem kleinwüchsigen Volk der Dverga, die einen Großteil der Sklaven ausmachten, ihre Rechte abzusprechen und sie wie Vieh auf den Markplätzen zu verschachern. Die Steuern aus dem Sklavenhandel brachten König Bellington jedoch ein erkleckliches Sümmchen ein, sodass sich der Preis für Brackenmoores aufsässiges Verhalten auf den Verlust von Gunst und Gnade, der Sperrung der Handelsrouten nach Brisenburg sowie der Enteignung sämtlicher Ländereien belief. Lord Brackenmoore hatte die gesamte Palette getroffen, doch er nahm es wie ein Mann und widerrief seine Befehle nicht. Auch weigerte er sich, seine Länderein herzugeben – sollte sein Onkel sie ihm doch mit Gewalt entreißen!

Dazu fehlte König Bellington jedoch das nötige Kleingeld. Unter seinem kritischen Blick und dem seiner Spione schaffte Lord Brackenmoore es in der folgenden Zeit, aus Brisenburg trotz allem eine blühende Stadt zu machen. Mit niedrigen Steuern, Verständnis für die Belange der Bürger und humanen Strafen für Beutelschneider schuf er ein Paradies für heimische Händler, Handwerker und Finsterlinge. Auch Seibot Nell hätte sich hier wohlfühlen und einer großartigen Zukunft entgegenschauen können, doch es kam anders.

Mit jedem Tag in der Stadt wuchs in ihm das Gefühl, dass Brisenburg sein Tod sein würde. Es war nicht so, dass ihm jemand Bestimmtes nach dem Leben trachtete. Es war keine Person, vor der er sich fürchtete, sondern die Stadt selbst, die Häuser und der Boden auf dem sie errichtet waren. Eine Zeit lang versuchte Seibot, dieses Gefühl zu unterdrücken, doch es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Eines Morgens erwachte er mit der bestimmten Vorahnung, dass heute der Tag gekommen war, an dem Brisenburg ihn umbringen würde. An diesem Tag verließ er die Stadt und schwor sich, nie mehr zurückzukehren. Heute, kaum drei Jahre später, war der Tag gekommen, an dem er sein Versprechen brach.

Seit den frühen Morgenstunden hockte Seibot nun eine halbe Meile vor den Mauern Brisenburgs und beobachtete aufmerksam die Händler und Bauern, die das Stadttor passierten. Fast schon hatte er vergessen, wie weit Brisenburg vom Zentrum des Reiches entfernt lag, doch das spärliche Treiben und die vier gelangweilt wirkenden Wachen, riefen die Erinnerung in ihm wieder wach. Allein die Tatsache, dass die Soldaten das Tor nach jedem Passanten wieder schlossen, war genug Beweis dafür. Alles in allem hatte sich das Tor nur rund ein Dutzend Mal geöffnet und wieder geschlossen. Seibot konnte mit ruhigem Gewissen behaupten, dass auf den meisten Friedhöfen, die er kannte, mehr Fluktuation herrschte, selbst wenn man die Dauergäste abzog. Auch im Hafen lagen lediglich acht einheimische Schiffe, wovon jedoch überhaupt nur zwei in der Lage gewesen wären, auf das offene Meer hinauszusegeln, um Städte wie Ankerstadt oder Steilfels im Norden von Meddelton anzulaufen.

»Sie hätten es nicht Brisenburg, sondern Flautenburg nennen sollen«, fluchte Seibot leise vor sich hin.

Von seinem Versteck aus konnte er die ganze Stadt überblicken, die sich wie eine halbrunde Tribüne um die natürliche Bucht gelegt hatte und an den Berghängen emporzuklettern schien. Seibot hätte diese Stadt aus Hunderten wiedererkannt, ohne auch nur einen Fuß in sie gesetzt zu haben. Ihre Architektur war einzigartig und die Lage eher als letztes Bollwerk der Zivilisation geeignet denn als Handelszentrum. Kein Ort, an dem man nach Seibots Meinung leben wollte. Die Stadtmauern waren gerade hoch genug, um jeden Versuch, sie ohne entsprechende Ausrüstung überwinden zu wollen, zum Scheitern zu verurteilen. Dies wäre ohnehin nur von der Ostseite denkbar gewesen, da der Norden und der Westen von hohen Gebirgszügen geschützt wurden und sich im Süden das Meer mit seiner zerklüfteten Küste erstreckte. Der Hafen war weitestgehend unbewehrt, da das felsige Gelände und die abschüssigen Hänge den Bau einer Stadtmauer dort nicht zuließen.

Auffällig waren auch die beiden parallel zueinander verlaufenden Flüsse, der Tauwasser im Süden und der Eiswein im Norden der Stadt. Diese beiden schnitten sich quer durch Brisenburg und teilten auf natürlichem Wege die verschiedenen Stadtviertel voneinander. Das Flautenviertel lag um den Hafen herum und beherbergte die meisten Fischer und Bauern der Stadt. Darüber lag das Windviertel, die Heimat der Händler und Handwerker. Der Eiswein entsprang zwei verschiedenen Quellen, hoch in den Bergen. Mitten in Brisenburg trafen die beiden Flussarme aufeinander und strömten fortan vereint die letzten Meilen ins Meer. Die einzige Brücke über den Eiswein führte hinauf zum Boenviertel, das geprägt war von Tempeln, Magiertürmen und imposanten Wohnhäusern. Über alledem thronte die Sturmhöhe, ein erhöhtes Plateau, auf dem das Schloss von Lord Brackenmoore stand – Sturmfels.

Es war aber nicht nur die außergewöhnliche Lage, die Brisenburg von den anderen Städten Meddeltons unterschied, sondern auch die befremdliche, fast unnatürliche Architektur. Kaum ein Gebäude begnügte sich mit nur einem aufgesetzten Stockwerk. Viele von ihnen waren vier- oder fünfstöckig, und manche überragten sogar die hundert Fuß hohen Magiertürme. Was diese Bauweise so widernatürlich erschienen ließ war die Tatsache, dass sich die Bauherren an keine physikalischen Gesetze gehalten zu haben schienen. Gebäude wurden nach oben hin breiter, erhoben sich treppenartig über andere und wirkten, als würden sie über den darunter gelegenen schweben. Häuser wurden auf Brücken erbaut und ragten seitlich weit über deren stützende Pfeiler hinaus. Und als ob dies alles noch nicht reichen würde, um jedem gelehrten Baumeister die Haare zu Berge stehen zu lassen, verband man verschiedene Stockwerke benachbarter Gebäude mit steinernen Brücken und Treppen. Jedes Bauwerk dieser Stadt schien dem ungläubigen Betrachter ins Gesicht schreien zu wollen: Nichts, was von Menschenhand erschaffen werden könnte, käme mir auch nur im Geringsten nahe.

Seibot glaubte diese Stimmen fast hören zu können, und, schlimmer noch, er spürte sogar die Blicke der Bauwerke. Sie starrten ihn aus ihren dunklen Fenstern an und warteten nur darauf, ihn dieses Mal nicht mehr aus ihren Fängen entkommen zu lassen. Sie wollten ihn töten.

»Wisst ihr überhaupt, wer mich alles schon umbringen wollte?«, flüsterte er ihnen zu. »Ihr seid nichts weiter als tote Steine, die mit Lehm zusammengehalten werden. Vor euch fürchte ich mich nicht. Nicht vor euch!«

Trotz dieser gelungenen Selbstansprache dauerte es weitere zwei Stunden, bevor Seibot bereit war, sein Versteck zu verlassen. Es war bereits früher Nachmittag und somit höchste Zeit, sich in der Stadt ein Quartier zu suchen. Noch würde er weitestgehend unauffällig in die Stadt gelangen. Sobald es hingegen anfing zu dämmern, waren die Stadtwachen angehalten, jedem, der in die Stadt wollte, unbequeme Fragen zu stellen. So versuchte man, sich unliebsames Gesindel vom Hals zu halten – wenn auch mit nur mäßigem Erfolg. Die wirklich bösen Buben hatten auf alle Fragen eine Antwort und scheuten vor lustlosen Stadtwachen, die nur auf den nächsten Wachwechsel warteten, nicht zurück. Seibot wusste, dass er – mit kaum Gepäck, allein reisend und kein einziges Goldstück in der Tasche – nicht zu den typischen Besuchern zählte. Waren die Wachen nicht blind oder vollkommen verblödet, würden sie misstrauisch werden. Seibots Naturell verlangte jedoch danach, sein Schicksal herauszufordern, wo er nur konnte. An blinde Stadtwachen glaubte zwar selbst er nicht, aber vollkommen verblödet? Man durfte hoffen, schließlich waren es Stadtwachen.

Sein Plan, wenn man ihn dann so nennen wollte, schien aufzugehen. Keine der vier Wachen warf ihm auch nur einen einzigen misstrauischen Blick zu. Sie taten das, was sie eigentlich immer taten: untereinander damit protzen, was sie in der letzten Nacht alles getrunken hatten oder bei welcher Hure sie mit ihrer gestandenen Männlichkeit hatten bestehen können. Seibot wusste, dass das meiste davon Prahlerei war, denn seine abendlichen Unternehmungen waren ähnlich gestaltet. Aber im Gegensatz zu normalen Stadtwachen konnte er sich diese Aktivitäten auch leisten. Bestünde nur die geringste Möglichkeit, sich Alkohol und Huren mit dem Lohn einer Wache zu erkaufen, wäre aus Seibot sicherlich nicht das geworden, was er jetzt war: ein Meuchler und Dieb und nun auch noch ein Spitzel des Königs.

Erst als er vor dem Stadttor stand, beäugten ihn zwei der Wachen mit mürrischen Blicken und kamen auf ihn zu. Die anderen beiden traten einen Schritt zurück und kreuzten ihre Hellebarden, wie man es ihnen in der Ausbildung gezeigt hatte.

»Halt, stehen bleiben!«, brummte ihn einer der Wachsoldaten an.

Seibot hasste Wachen. Das lag nicht nur an der Art, wie er sein Geld verdiente und wie sie es taten, sondern auch daran, dass sie ständig Fragen stellten, die niemand beantworten wollte, und Anweisungen gaben, die nahezu lächerlich waren. Es ergab für ihn einfach keinen Sinn, jemanden, der vor einem verschlossenen Tor stand, mit den Worten »Halt, stehen bleiben!« zu begrüßen.

»Schon passiert. Alles in Ordnung«, erwiderte Seibot bemüht freundlich.

Der eine Wachmann beäugte ihn skeptisch und mit der typischen Überheblichkeit, während der andere um ihn herumscharwenzelte. Auch diese Vorgehensweise war antrainiert, wie Seibot wusste.

»Woher kommt Ihr?«

»Aus dem Nordosten, über den Pass«, antwortete Seibot und wurde abermals in seiner Meinung über Stadtwachen bestärkt.

»Hm?«

Seibot legte dieses grunzende Geräusch als Unverständnis aus. Er formte sich die dazugehörige Frage selbst im Kopf und beantwortete sie auch im gleichen Zuge: »Ich bin Jäger und habe ein paar Fallen für den Winter aufgestellt. Ich will mir nur einige Vorräte in der Stadt besorgen und werde dann wieder weiterziehen.«

Der Wachmann schien nicht sonderlich beeindruckt und, was noch schlimmer war, nicht zufrieden gestellt. Mit Daumen und Zeigefinger rieb er sich über das stoppelige Kinn.

»Was gedenkt Ihr denn dort oben auf dem Pass zu fangen mit Euren Fallen?«

Was dachte denn dieser mit Körperfett gefüllte Lederharnisch? Ihn vielleicht mit seinen halbherzig gestellten Fragen in Widersprüche zu verwickeln? Nicht einen Seibot Nell.

»Schneefüchse und Hermeline. Die bringen gutes Geld in Wandenburg.«

»Wandenburg ist weit weg«, befand der Wachmann skeptisch.

»Zehn Tagesritte mit einem guten Pferd«, bestätigte Seibot.

»Und was macht Ihr so weit von Wandenburg entfernt?«, hakte der Wachmann mit der festen Überzeugung in der Stimme nach, sein Gegenüber in die Enge getrieben zu haben.

Es gab nur wenige Menschen, die Seibot auch ohne ein entsprechendes Blutgeld bereit gewesen wäre zu meucheln – dieser Stadttorbewacher gehörte definitiv dazu. Seibot musste unbedingt eine umfassende, alles erklärende Antwort geben, damit er nicht in Versuchung kam, eine Dummheit zu begehen. Ein verkniffenes Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Lasst es mich einmal so erklären: Wie schon erwähnt, jage ich Weißfelltiere und verkaufe sie in Wandenburg, weil man mir dort viel Geld für deren Felle bietet. Dies verdanke ich dem Umstand, dass Wandenburg gute zehn Tagesritte von der natürlichen Heimat dieser Tiere entfernt liegt und die Felle dort somit selten und teuer sind. Würde mein Jagdrevier näher an Wandenburg liegen, bekäme ich nur wenig für die Felle und wäre somit doch wieder gezwungen nach Brisenburg zu reisen, um etwas zu jagen, das es in Wandenburg nicht gibt. Somit kann ich ruhigen Gewissens behaupten, dass ich weniger wegen der Schneehasen hier bin als wegen der Entfernung zu Wandenburg. Wenn es nach mir ginge, könnte die Strecke zwischen Wandenburg und Brisenburg ruhig noch weiter als zehn Tagesritte betragen, denn dann würde ich mit meinen Fellen noch mehr Geld erwirtschaften und wäre nicht gezwungen, in einer billigen Absteige zu übernachten. Leuchtet das ein?«

Im Gesicht des Wachmannes erkannte Seibot, dass da gar nichts leuchtete, ja noch nicht einmal glomm. Auch der andere Mann, der ihn schon mehrfach umrundet und von oben bis unten gemustert hatte, hielt einen Moment inne. Seibot glaubte, seinen warmen Atem im Nacken zu spüren.

»Zehn Tagesritte, was? Aber Ihr habt kein Pferd«, ertönte die Stimme in seinem Rücken.

»Da habt Ihr Recht, doch dadurch wird der Weg nicht weiter, er dauert nur länger.«

Seibot hatte es geschafft. Ein unangenehmes Schweigen breitete sich aus, den beiden Wachen fiel keine halbwegs sinnvolle Frage mehr ein. Und so gaben sie ihren Kameraden das erlösende Zeichen, das Tor zu öffnen. Alles andere hätte sie in einem schlechten Licht dastehen lassen, und das galt es, unter allen Umständen zu vermeiden.

Ein befremdliches Gefühl beschlich Seibot, als er hörte, wie hinter ihm das Stadttor wieder geschlossen wurde. Ein ähnliches Gefühl hatte er bislang nur ein einziges Mal gehabt. Es war in seiner dritten Nacht im Kerker des Königs gewesen. Er war von dem Lärm erwacht, den der Henker machte, als er die Funktion der Falltür am Galgen prüfte.

Seibot hatte sich schnell wieder im Griff, denn jetzt galt es, die zweite Hürde zu nehmen: Er musste an der Garnison vorbei, der Unterkunft und Ausbildungsstätte der Stadtwachen. Sozusagen die Brutstätte aller natürlichen Feinde eines jeden Langfingers und Beutelschneiders. Noch allzu gut erinnerte er sich an Andor Celest, den Hauptmann der Wache aus Brisenburg. Celest war ein regelrechter Fanatiker, wenn es darum ging, in der Stadt für Ordnung zu sorgen. Auch wenn das Strafmaß in Brisenburg verhältnismäßig gering für ein Vergehen ausfiel, schaffte es Hauptmann Celest durch seine energische Verfolgung selbst kleinerer Straftaten, jedem Gesetzesbrecher ein gewisses Maß an Respekt einzuflößen. Seibot hätte wetten können, dass Andor Celest ihn auch nach Jahren immer noch wiedererkennen würde. Und nichts wäre momentan schlechter, als alte Freunde oder Feinde wiederzutreffen und sich erklären zu müssen.

Seibot hatte Glück, auch dieser Kelch ging an ihm vorüber. Der Platz vor der Garnison war wie leer gefegt. Lediglich eine Gruppe spielender Kinder und eine wohlbeleibte Waschfrau mit einem Bündel weißer Unterröcke waren zugegen, als Seibot das Haus des Gesetzes mit stummen Flüchen bedachte. Die breiten Stufen, die zum säulengestützten Eingang der Garnison hinaufführten, erinnerten an die wohlhabenden Tempel in Travenstein, doch der Schein trog. Hinter diesen prunkvollen Mauern verbargen sich dunkle, muffige Wachstuben, karge Gerichtssäle voll Amtsschimmel und tief unter der Erde ein Kerker, der fast jeden dazu bringen konnte, auf den Pfad der Tugend zurückzukehren.

Seibot legte einen Zahn zu. Er befand sich inmitten des Boenviertels. Für geschickte Hände gab es hier reiche Beute, doch betuchte Kaufleute, hochrangige Magier, fanatische Priester und misstrauischen Stadtwaren waren nicht die Sorte Mensch, die man leichtsinnig in Gespräche verwickelte, um an Informationen zu kommen. Ein falscher Blick konnte schon ausreichen, um Misstrauen zu wecken. Eine unbedacht gestellte Frage ließ einen sofort in den Kreis von Verdächtigen geraten – verdächtig für alles, was in einer Stadt wie Brisenburg gerade geschah. Es gab immer etwas, dessen man verdächtigt werden konnte. Wenn man vermeiden wollte, ständig verhört zu werden, musste man sich im Boenviertel zurückhalten oder es am besten gar nicht erst betreten.

Dummerweise war die Stadt so angelegt, dass jeder Fremde, der nach Brisenburg reiste, diesen Teil der Stadt durchqueren musste. Diese architektonische Eigenheit war nichts Ungewöhnliches in Meddelton. Die Stadthalter und Lords waren so in der Lage, ihre Armutsviertel vor neugierigen Blicken zu verstecken, und selbst nicht gezwungen, sich dem Elend ihrer Bürger stellen zu müssen. Außerdem brachte es zusätzliche Einnahmen. Händler und Kaufleute, die in die Stadt kamen, opferten den Göttern in den zahlreichen Tempeln den einen oder anderen Geldbetrag, um gute Geschäfte zu erbitten. Beim Verlassen spendeten sie den Tempeln abermals, um sich bei den Göttern zu bedanken.

Seibot hatte noch nie etwas geopfert, mal abgesehen von seiner Unschuld, und er glaubte auch nicht, dass die Götter sich über seine Gaben freuen würden. Die Götter in Brisenburg standen stellvertretend für die Tugenden, und unter diesen gab es keine, die Seibot nicht schon mehrfach mit Füßen getreten hätte. Ein paar Münzen in einem Klingelbeutel oder einer Schale mussten den Göttern vorkommen wie ein Trinkgeld im Vergleich zu seinen Verfehlungen.

In der Vergangenheit war Seibot die meisten Küstenstädte mit dem Schiff angelaufen und kannte somit vor allem die jeweiligen Hafenviertel. Dieses Ziel steuerte er auch heute wieder an. Das Gebiet um den Hafen von Brisenburg, das Flautenviertel, erschien Seibot der richtige Ort, um an Informationen zu kommen. Gesprächig und wenig misstrauisch waren meist nur Leute, die ohnehin nicht viel zu verlieren hatten, und von denen fand man im Flautenviertel reichlich.

Seibot erinnerte sich an die eine oder andere Kneipe, in der es leicht war, ein paar Antworten zu bekommen. Ein wenig Freundlichkeit und ein oder zwei Gläschen Rotwein sollten ausreichen, um die Zungen von einigen Trunkenbolden zu lösen. Dies traf zwar auf so gut wie jedes Gasthaus zwischen hier und Travenstein zu, doch heute musste es etwas Besonderes sein. Er brauchte eine Lokalität, die er kannte, in der man ihn aber nicht erkannte. Somit fielen alle Kneipen weg, in denen das Essen gut, die Getränke billig oder die Bedienung hübsch war. Seibot wollte sich noch nicht auf eine bestimmte Taverne festlegen. Das würde er erst tun, wenn er vor Ort war. So lautete sein Motto: Nichts entscheiden, solange es noch nicht nötig war, und dann die Entscheidung aus dem Bauch heraus fällen. Damit wurde man für alle anderen so gut wie unberechenbar, und Unberechenbarkeit war wichtig für jemanden, der so viele Feinde wie Seibot hatte.

Er folgte der Straße, die erst hinunter zum Eiswein und dann entlang des Flusses führte. Ihm erschien die Aussicht mit dem Fluss auf einer Seite und auf der anderen eine Reihe feudaler Wohnhäuser, deren Besitzer sich nur für sich selbst interessierten, um einiges verheißungsvoller als der Spießrutenlauf zwischen Tempelpriestern und Gelehrten hindurch.

Beruhigt stellte Seibot fest, dass auf den Straßen Brisenburgs nicht der sonstige Trubel herrschte. Normalerweise waren zu dieser Zeit viele Menschen unterwegs. Die allabendliche Messe in einem der Tempel der Tugenden würde bald beginnen. Jeden Abend der Woche hielt ein anderer der sieben Tempel die Abendmesse ab. Die meisten Menschen brauchten dieses stetige Ritual, damit sie daran glauben konnten, nicht von den Göttern vergessen worden zu sein. Wer nicht so fromm war, machte sich auf den Weg, um einen guten Tisch in einer der Schenken zu ergattern oder anderswo Entspannung vom harten Arbeitstag zu suchen.

Seibot genoss die frische Seeluft und die leichte Brise. Nach seiner Zeit im Kerker und dem schier endlosen Weg durch das Inland von Meddelton erschien ihm Brisenburg einen Moment lang wie die einzig wahre Freiheit. Doch dann wurde er sich wieder der Häuser bewusst, die ihn unentwegt grimmig anstarrten.

Plötzlich fielen Seibot die verkohlten Fassaden zweier nebeneinanderstehender dreistöckiger Wohnhäuser auf. Als er näher kam, sah er, dass von den Gebäuden nicht mehr als die Außenmauern standen. Das Innenleben war durch die Flammen vollkommen entkernt oder von den Löscharbeiten zerstört worden. Aber selbst diese beiden Häuser starrten ihn durch ihre leeren Augenhöhlen verachtend an. Sie waren nicht tot, sondern hatten sich nur von ihren Parasiten, den Menschen, die in ihnen gelebt hatten, befreit.

Seibot blieb nicht stehen, um nicht unnötig Verdacht auf sich zu lenken, sondern eilte weiter. Die Straße führte ihn jetzt ein Stück zurück in das Innere des Viertels, auf die große Tempelstraße, die ringförmig durch das Boenviertel führte, vorbei an allen sieben Tempeln der Tugenden sowie am Haus des Erschaffers. Seibot hielt direkt auf den Tempel der Barmherzigkeit zu, als er die Straße betrat. Er erinnerte sich noch an die skurrile Bauweise dieser Tempel, die sich von allen anderen in Meddelton unterschied. Um das Hauptgebäude eines jeden Tempels herum standen Dutzende von Marmorsäulen, welche die gewaltigen ausladenden Dächer stützten. Jedes von ihnen war mehrfach unterteilt, wobei die einzelnen, fächerartigen Segmente den Segeln eines Rahseglers oder dem Panzer von Insekten glichen. Seibot kannte diese Tempel in- und auswendig. Er erinnerte sich an die kargen Sitzbänke, das fahle Licht, das durch die bunten Bleiglasfenster fiel, und den muffigen Geruch, der das Tempelschiff erfüllte, wenn die großen Doppelportale sich hinter den Menschen schlossen und die Abendmesse begann. Nicht selten hatte er seine abendlichen Raubzüge unter den Gläubigen begonnen, denn im Tempel fühlten sich die Menschen sicher – ein Irrglauben.

All diese Erinnerungen saßen in Seibots Kopf fest, als wäre es erst gestern gewesen, doch eines wurde ihm erst jetzt wieder bewusst, als er vor dem Tempel stand: Die erstaunliche Größe des Bauwerkes. Die Grundmauern des Gotteshauses reichten fast fünfzig Fuß in die Höhe, und darüber thronte das Dach, das noch einmal hundert Fuß weit in den Himmel ragte. Ein einziger Tempel reichte aus, um mehr als tausend Menschen in sich aufzunehmen. Die meisten anderen Glaubenshäuser in Meddelton konnten nur einen Bruchteil davon beherbergen, waren aber dennoch selten gefüllt zu den Messen. Vielleicht waren die Menschen in Brisenburg gläubiger als anderswo, oder das ewig kalte und nasse Wetter ließ sie einfach einen Ort zum Aufwärmen suchen. Seibot selbst hatte nie die Worte eines Priesters gebraucht, ihm reichte eine Flasche hochprozentiger Schnaps, um alles zu vergessen, was ihm auf der Seele lag. Nach Sündenerlass suchten nur Menschen, die ihre Taten auch bereuten.

Seibot verwarf seine Gedanken schnell wieder. Es war müßig, über seine Seele oder über die anderer nachzudenken. Immer wenn es dazu kam, betrank er sich oder tötete jemanden. Beides konnte er sich im Moment nicht erlauben. Der König verlangte zu wissen, was in Brisenburg vor sich ging, und er würde ihm diese Informationen bringen und im Gegenzug dafür seine Freiheit wiedererlangen. Ihm schien die Begnadigung durch den König tausendmal mehr wert zu sein als die Vergebung eines Gottes. Je mehr er sich auf seine Aufgabe konzentrierte, desto schneller würde er diese verfluchte Stadt wieder verlassen können und frei sein.

Seibot beeilte sich, das Boenviertel hinter sich zu lassen und die Brücke über den Eiswein zu erreichen, die in das Windviertel führte. Zwischen all den Händlern, Kaufleuten und Marktbeschickern würde er weitaus weniger auffallen. Er folgte der breiten Pflastersteinstraße weiter Richtung Westen, genau auf Burg Sturmfels zu. Dann erreichte er endlich die Kreuzung, die in südlicher Richtung zur Brücke führte. Er hatte gerade dem Boenviertel den Rücken gekehrt, als ihn ein dumpfer Knall zusammenzucken ließ. Er drehte sich um und sah zu dem Eingang des Tempels zu seiner Rechten. Das gräulich weiße Gebäude konnte mit den auffälligen Bauten der Tempel der Tugenden nicht mithalten. Nichtsdestotrotz war es das Herzstück aller Gotteshäuser. Es war das Haus des Erschaffers, des Vaters aller Tugenden. Umso mehr verwunderte es Seibot, dass eine kräftige Marktbeschickerin mit strähnigen Haaren und verblichener Kleidung sich an dem gewaltigen Doppelportal zu schaffen machte. Genauer gesagt versuchte sie, mit ihrem ausladenden Hinterteil den geöffneten Flügel des Tores zuzudrücken, fand aber anscheinend nicht das richtige Maß an Hüftschwung.

In der kurzen Zeit, die Seibot einst in Brisenburg verbracht hatte, war ihm eines immer wieder eingebläut worden. Auf den Stufen des Hauses des Vaters hatte kein Bürger etwas zu suchen, und das Betreten des Tempels war verboten. Allein den Priestern war es vorbehalten, ihre Gebete an den Erschaffer zu richten. Zuwiderhandlungen wurden mit mindestens zehn Peitschenhieben bestraft, selbst in Brisenburg. Was hatte also eine Marktfrau dort zu suchen? Und wo waren die Priester und Stadtwachen, die sonst jeden zur Ordnung riefen?

Seibot konnte sich nicht lange auf diese Frage konzentrieren, denn ein Stück hinter dem Haus des Vaters stand ein weiterer Tempel, der mit etwas aufwarten konnte, das mehr als zehn Peitschenhiebe an Strafe brachte, war man dafür verantwortlich. Der Eingangsbereich des Tempels war verkohlt, eine der schweren Marmorsäulen am Ende der Treppe zusammengestürzt und zwei der großen, bemalten Fenster zertrümmert. Noch immer lagen irgendwelche Splitter und Gesteinsbrocken auf der Treppe, die hinab zur Straße führte. Man brauchte kein geschultes Auge, um festzustellen, dass weder ein Unfall noch irgendeine Naturgewalt solche Schäden angerichtet haben konnte. Der Tempel, das Haus der Demut, war anscheinend das Opfer eines Anschlages geworden. Solange sich Seibot erinnern konnte, gab es niemanden, der sich öffentlich gegen eines der Glaubenshäuser erhoben hatte. Die Inquisitoren, die Augen und Ohren der Götter, hätten jede Verschwörung zerschlagen, bevor sie auch nur geplant gewesen wäre.

»Seibot? Seibot Nell?«, ertönte eine Männerstimme hinter ihm.

Seibot wäre niemals so lange in den Straßen am Leben geblieben, wenn er sich jedes Mal, wenn ihn jemand rief, umgedreht hätte. Niemals umdrehen, nicht rennen, jeden Blickkontakt meiden, und die Klinge nur blankziehen, wenn man sie auch benutzen wollte, so lauteten die Regeln, die einem halfen, in den Straßen zu überleben. Er tat so, als hätte er nichts gehört, und ließ seinen Blick zwischen dem ruinierten Tempel und der dicken Marktfrau hin und her schweifen, während er überlegte, zu wem diese Stimme gehören mochte. Mit Sicherheit war es jemand, den er von seinen einstigen Unternehmungen in Brisenburg kannte und der jetzt so gar nicht in seinen Plan passte. Dummerweise konnte er die Stimme nicht zuordnen, doch der Klang ließ erahnen, dass der Aufdringling nicht einfach von dannen ziehen würde, egal wie beharrlich Seibot ihn auch ignorierte. Fast beiläufig drehte er sich um, die Augen starr auf den Boden gerichtet.

»Ich glaube es einfach nicht, du bist es wirklich. Wenn ich das den anderen erzähle«, sagte jemand mit einer freudig erregten Männerstimme und legte Seibot eine Hand auf die Schulter. Ein Herzschlag später begann dieselbe Hand an ihm zu zerren und zu drücken, als ob sie versuchte, schlummernde Erinnerungen wachzurütteln.

Seibot brauchte den Blick nicht zu heben, um zu wissen, dass er und sein Gegenüber sich nicht sonderlich nahegestanden haben konnten. Niemand, der ihn kannte, hätte sich ihm so genähert. Jeder hätte gewusst, wie schmal der Grad zwischen Leben und Tod sein konnte – und er wurde schmaler, umso weiter man sich Seibot näherte. Die einzigen Menschen, die ihn berühren durften, waren Frauen, und diese auch nur, wenn er sie dafür bezahlt hatte.

Seibot empfand es dennoch als unhöflich, dem Mann, den er gleich töten würde, nicht zuvor ins Gesicht gesehen zu haben. Langsam wanderten seine Augen von den Knien bis hinauf zum Kopf des Fremden, denn es war ein Fremder, entschied er, als er in das schmutzige, unrasierte, aber freudig strahlende Gesicht sah.

»Ich bin es – Grunert«, verriet der Mann, als er Seibots zweifelnden Blick bemerkte. »Grunert der Tollpatsch haben mich die anderen immer genannt. Es liefen Wetten gegen mich, dass ich das erste Jahr auf den Straßen nicht überlebe. Du warst einer der beiden, die dagegengehalten haben. Da werden heute noch ein paar Kinnladen nach unten klappen, wenn du deinen Gewinn einforderst. Fünfzehn zu eins standen damals die Wetten.«

Seibot konnte den Mann immer noch nicht richtig einordnen. Anscheinend gehörte er zur hiesigen Finstergilde. Brisenburg war nicht wählerisch, was die Mitglieder der Diebesgilde anging. Eigentlich konnte jeder, der nicht genügend Mitleid erregte, um Bettler zu werden, und sich aufrecht fortbewegen konnte, sein Glück als Beutelschneider versuchen. Erboste Opfer und Andor Celest sorgten für die natürliche Auslese.

»Grunert der Tollpatsch«, gluckste der Mann erneut.

Genau dieses Glucksen war es, das ihn in Seibots Erinnerung zurückrief. Dieses dämliche Geräusch hatte irgendetwas von einem Huhn, dem man den Hals umdrehte. Es war damals schon nervig gewesen, und heute war es das immer noch. Grunert war erst seit vier Wochen Mitglied der Gilde gewesen, als Seibot eines Morgens entschied, Brisenburg Hals über Kopf zu verlassen. Wie viel Gold er damals auf den jungen Gluckser gesetzt hatte, wollte ihm heute nicht mehr einfallen. Dafür wurde ihm schnell wieder klar, warum seine Wahl bei der Wette auf den Außenseiter gefallen war: Auf diese Weise konnte er nur gewinnen. Wenn der Neuling am Leben geblieben wäre, hätte er einen guten Gewinn eingestrichen, wäre er gestorben, hätte er sich zumindest dieses dämliche Glucksen nicht mehr anhören müssen.

»Grunert der Tollpatsch«, flüsterte Seibot vor sich hin, während er mit dem Kopf nickte und ins Leere starrte, als wäre er in Trance. »Der Tölpel, richtig?«

»So haben sie mich genannt«, bestätigte Grunert mit einem breiten Grinsen.

Er schien sich tatsächlich zu freuen, Seibot wiederzusehen. Dass ihm solch ein Gefühl entgegengebracht wurde, war für Seibot sehr ungewöhnlich. Die meisten Menschen waren froh, wenn er nicht in ihrer Nähe war. Dies mochte daran liegen, dass sie nie sicher sein konnten, vielleicht etwas zu besitzen, was er gut brauchen konnte. Seibot wollte nichts geschenkt. Das Gefühl, von der Gunst eines anderen abhängig zu sein, bereitete ihm Unbehagen. Er nahm sich lieber, was er wollte, und tötete auch dafür. So blieb er niemandem je etwas schuldig.

»Wo hast du die ganze Zeit gesteckt?«

Seibot konnte nicht sagen, wie oft ihm diese Frage schon gestellt worden war und wie oft er irgendwelche belanglosen Antworten gegeben hatte. Aber mit jedem Mal, das er sie erneut hörte, schien sich die Stimme mit allen anderen, die zuvor gefragt hatten, zusammenzutun und einen Chor zu bilden.

»Hier und dort und nirgendwo«, sagte Seibot. »Wenn es dich wirklich interessiert, begleite mich ein Stück. Ich bin auf dem Weg ins Flautenviertel – einen Happen essen, etwas trinken und dann vielleicht noch in die Schwalbenburg. Du kannst mir im Gegenzug erzählen, was sich hier alles so getan hat.«

Grunert gluckste wieder auf seine ganz spezielle Art. Seibot verstand nicht, wie Menschen es immer noch als amüsant und etwas anrüchig empfanden, sobald man begann, über Huren zu sprechen. Auf der einen Seite stahlen die Finsterlinge anderen ihr Hab und Gut, brachen in fremde Häuser ein und schreckten auch nicht davor zurück, jemanden zu töten, doch sobald sie das Wort Hure hörten, stieg ihnen die Schamesröte ins Gesicht, und sie verhielten sich wie Kinder.

Grunert schaute verlegen zu Boden.

»In der letzten Zeit lief es nicht so gut für mich. Es ist viel passiert in Brisenburg in den vergangenen Wochen.«

»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte Seibot ihn, »die Zeche von heute Abend geht auf mich, schließlich wartet dank dir noch ein schönes Sümmchen auf mich.«

Grunert war sichtlich stolz darauf, von einem langjährigen Mitglied der Finstergilde eine so freizügige Einladung zu erhalten. Mit kleinen Trippelschritten lief er neben Seibot her und berichtete über alle Vorkommnisse in der Stadt, wie ein Kind seinen Eltern vom ersten Tag in der Schule.

»Du hast eine ganze Menge verpasst, Seibot«, begann Grunert seine Erzählung. »Wenige Wochen nachdem du Brisenburg verlassen hast, legte sich dieser grauenvolle Fluch über die Stadt. Irgendein dämonisches Wesen schlich nachts durch die Gassen und saugte den Menschen ihr Leben aus. Man fand ihre Leichen am nächsten Morgen, schrecklich verdreht und mit schmerzverzerrten Gesichtern. Sie sahen aus, als seien sie hundert Jahre alt und mehr. Sobald man sie berührte, zerfielen sie zu Staub. Es müssen Dutzende gewesen sein, die so Nacht für Nacht gestorben sind.«

»Du willst mich auf den Arm nehmen, oder?«, lachte Seibot. »Es sind immer Menschen, die Menschen umbringen. Wenn sie behaupten, es sei ein Dämon gewesen, heißt das nur, dass sie nicht wissen, wer es war, es aber nicht zugeben wollen.«

»Du hast noch nichts davon gehört?«, fragte Grunert verwundert. »Es wurde so schlimm, dass der Lord eine Ausgangssperre über Brisenburg verhängte. Ich kann dir sagen, das waren dunkle Zeiten für die Finstergilde. Der Einzige, der noch gute Einnahmen verzeichnen konnte, war Nicknick. Er hatte Glück, dass die Stadtwachen sich bereit erklärt hatten, die Freier zur Schwalbenburg hinzubringen und wieder abzuholen. Natürlich nicht ganz ohne Hintergedanken.«

»Nicknick hatte schon immer mehr Glück als Verstand«, schnaubte Seibot.

»Naja, nicht unbedingt«, wandte Grunert ein. »Eine Hure hat ihn und ein Dutzend seiner Männer abgestochen.«

»Das muss aber eine kräftige Hure gewesen sein.«

Grunert zuckte nur mit den Achseln und gab so zu verstehen, dass er auch nicht mehr wusste.

»Erzähl mir etwas über Neptrotot«, forderte Seibot.

»Unserem Gildenmeister wurden seine Sklaven zum Verhängnis«, sagte Grunert trocken. »Er war wie immer draußen vor der Stadt in seinem Lager, als die Dverga einen Aufstand anzettelten. Sie haben alle getötet, sogar die beiden Kolosse, die ihm auf Schritt und Tritt folgten.«

»Erzähl mir nicht so einen Schwachsinn!«, stieß Seibot hervor und packte Grunert schroff am Arm. »Die Dverga sind so groß wie Kinder. Wie sollen sie Neptrotot und die hünenhaften Söldner, mit denen er sich umgibt, getötet haben? Diese Winzlinge haben noch nicht einmal Waffen.«

Das kleinwüchsige Volk der Dverga war nicht gerade bekannt für seine kämpferischen Fähigkeiten. Seit jeher wurden sie unterdrückt und vertrieben. Niemand nahm sie wirklich ernst oder hatte sich je für sie interessiert. Das Interesse an dem kleinen Volk kam erst, als König Bellington entschied, sie zu versklaven und mit ihnen Handel zu treiben. Die kaum vier Fuß großen Dverga erfreuten sich großer Beliebtheit beim Adel. Nicht selten wurden sie zu Bediensteten von allzu ängstlichen und furchtsamen Adelsleuten, denen allein der Größenunterschied ausreichte, um sich sicher zu fühlen. Gutsbesitzer holten sich die Dverga für die Feldarbeit, Kapitäne von Handelsschiffen setzten sie in den Ausguck ihrer Schiffe oder verbannten sie in die Kombüse, und selbst die Priester bedienten sich ihrer als Tempeldiener. Besonders gut aber zahlten solche Kunden, denen es die kindliche Gestalt des kleinen Volkes angetan hatte und die weniger an deren Arbeitskraft als an ihren Körpern interessiert waren. Solche Menschen zahlten nicht für die Sklaven allein, sie zahlten für die Verschwiegenheit des Sklavenhändlers – und die ließen es sich gut vergelten. Eine durch und durch widerliche Angelegenheit.

Grunert zuckte mit den Schultern und starrte sein Gegenüber verängstigt an.

»Ich weiß auch nicht mehr«, wimmerte er. »Es ist die Rede davon, dass sie Hilfe hatten – magische Hilfe.«

Das ergab noch weniger Sinn. Die Magier waren seit jeher uninteressiert am Schicksal des kleinen Volkes. Für sie galt nur das Geld. Wer zahlte, bekam ein Wunder, wer nicht, einen Fußtritt. Nur Lord Brackenmoore schien etwas an den zu klein geratenen Menschen zu liegen, doch jeder im Lande wusste, dass er niemals genug Gold hätte aufbringen können, um einen Magier dafür zu bezahlen, sich den Sklavenhändler vom Leib zu schaffen. Immerhin stand Neptrotot in der Gunst des Königs.

»Das wird den König aber hart getroffen haben«, sagte Seibot mit einem gehässigen Grinsen.

»Das war mehr oder weniger nur der Fehdehandschuh, dem man ihm ins Gesicht geschlagen hat. Wirklich getroffen hat ihn eher die Sache mit der Inquisition.«

»Welche Sache?«, fragte Seibot, der ansonsten nicht so offenherzig mit seiner Unwissenheit umging.

»Das Gemetzel«, flüsterte Grunert, als hätte er Angst davor, es laut auszusprechen.

»Welches Gemetzel?«, fragte Seibot genervt.

»Das Gemetzel der Hoheitlichen.«

»Wen haben die Hoheitlichen niedergemetzelt?«

Seibot war niemand, der für seine unglaubliche Geduld bekannt war. Normalerweise hielt er seinem Gesprächspartner ein Messer an die Kehle und ließ ihn Worte oder Blut sprudeln. Außerdem gab es in Seibots Leben nur wenige Regeln, und eine davon lautete: Menschen, die ihn mochten, tötete er so schnell und ohne Vorwarnung, dass ihnen keine Zeit blieb, ihre Meinung über ihn zu revidieren. Heute wollte er jedoch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen, weil der Junge ihn anscheinend mochte.

»Sie haben nicht gemetzelt, sie wurden niedergemetzelt. Der Kardinal, die zwei Erzbischöfe, sechs Bischöfe und Dutzende von Priestern und Novizen.«

Seibot starrte Grunert einen Augenblick lang an. Der Junge war entweder verrückt geworden, oder er dachte, ihn veräppeln zu können. Seibot wusste nicht, ob er Mitleid oder Hass für den Jungen empfinden sollte.

»Und gleich wirst du mir erzählen, dass all diese Männer von einer Hure und ein paar Kleinwüchsigen in der Schwalbenburg umgebracht wurden, als sie nackt und mit einer Feder im Hintern über die Huren steigen wollten.«

Jetzt sah Grunert tatsächlich verwirrt aus.

»Nein«, sagte er und schüttelte dabei den Kopf. »Die Leute sagen, es war Nemrothar, der alte Magier aus dem Flautenviertel. Sie haben gesehen, wie er aus dem Tempel des Herrn kam.«

Jetzt stand es fest. Grunert war offensichtlich verrückt.

»Der Tattergreis mit dem merkwürdigen Hut«, vergewisserte er sich und bekam ein zögerliches Nicken. »Und auf dem Weg zurück in seinen Turm, hat er wahllos Tempelfassaden und Häuser in Brand gesteckt.«

»Wirklich?«, fragte Grunert. »Dann war es nicht das kleine Mädchen mit den langen schwarzen Haaren?«

Seibot wollte lieber nicht nachfragen, was es mit diesem Kind auf sich hatte. Für heute reichte ihm das Geschwätz des jungen Beutelschneiders. Er war wirklich ein Trottel und Versager, befand er. Noch nicht einmal die einfachsten Lektionen schienen bei Grunert zu fruchten. Wer nicht unterscheiden konnte zwischen Gassengeschichten, Wichtigtuerei, Verleumdung und dem unheilvollen Geschwafel der Waschweiber, würde niemals hinter die Dinge blicken. Die Leute erzählten sich alles außer der Wahrheit, denn diese war anscheinend nie interessant genug.

»Komm, lass uns einen trinken gehen, alter Kumpel«, stieß Seibot hervor. »All die guten Neuigkeiten sollen begossen werden und die schlechten hinuntergespült. Es findet sich immer ein Grund, sich volllaufen zu lassen.«

Seibot bemerkte ein leichtes Zittern bei Grunert. Es war nur ein Zucken mit den Schultern und die Andeutung eines Kopfschüttelns. Für jeden anderen mochte es wie ein Frösteln ausgesehen haben, doch Seibot wusste es besser. Ein Langfinger und Beutelschneider, der bei Tag und Nacht durch die Straßen zog, friert nicht, weil ihm ein kühles Lüftchen unter das Hemd fährt. Grunert zitterte vor Angst, da war er sich sicher. Vielleicht hatte Seibot etwas Verkehrtes gesagt oder getan, oder vielleicht war es seine Unwissenheit über all die Ereignisse, die den jungen Mann verunsichert hatte.

»Ich muss nur noch erst in die Blutige Träne«, stammelte Grunert. »Du weißt schon – Beute aufteilen und so.«

»Zehn Finger bleiben dein, teilst du die Beute fein«, zitierte Seibot aus den Regeln der Finstergilde.

»So ist es, Mann, du kennst das Gesetz.«

Seibot legte Grunert freundschaftlich den Arm auf die Schulter.

»Zeig mir nur, in welcher Schenke ich einen guten Tropfen bekomme und ein Bett für die Nacht. Ich warte dann dort auf dich.«

Grunert versuchte sich an einem Lächeln, doch sein Gesichtsausdruck verriet, dass er sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlte. Für Seibot war es immer wieder erstaunlich, wie lang einige Leute brauchten, um zu bemerken, dass seine Freundlichkeit nur vorgetäuscht war und allein dazu diente, an Informationen zu kommen. Es war nicht schlimm, einen Fehler zu machen. Irgendwann wurde jeder einmal hinters Licht geführt, doch dann sollte man wenigstens so konsequent sein und versuchen, ihn zu korrigieren. Grunert fehlte scheinbar der Mut und mit Sicherheit auch die Fähigkeit, dies zu tun.

Endlich hatten sie das Boenviertel hinter sich gelassen und betraten die Brücke über den Eiswein. Die Gebäude zu beiden Seiten des Überganges ragten weit über die eigentliche Brücke hinaus und wuchsen wie umgedrehte Eiszapfen in die Höhe. Die Bauwerke waren so ineinander verschachtelt, dass man nicht erkennen konnte, wo ein Haus endete und wo das nächste begann. In der Mitte der Brücke berührten sich die Häuser der linken und rechten Seite und bildeten so einen Tunnel. Viele der Menschen, die hier wohnten, legten Wert darauf, nicht gesehen zu werden, wenn sie ihr Heim verließen oder betraten. Unter ihnen befanden sich Alchemisten, Gespielinnen von reichen Kaufleuten oder Gelehrte der dunklen Künste. Seibot hatte sich vor Jahren auch eine solche Unterkunft gewünscht, doch er hatte niemals genügend Gold besessen, um sie sich auch leisten zu können. Am heutigen Tag reichte ihm sogar das bisschen Schatten, das diese Gebäude warfen. Kaum waren die beiden Männer in den Tunnel zwischen den Häusern eingetaucht, da packte Seibot Grunert erneut am Arm.

»Wer war der andere, der auf dich gesetzt hat?«

Grunert versuchte, sich aus dem Griff zu befreien, doch es gelang ihm nicht.

»Was soll das, wir gehören doch alle zur gleichen Familie?«, wimmerte er.

»Wer?«, fragte Seibot noch einmal. »Sag es mir!«

»Myrcella, die Zwergin.«

Seibot schnaufte verächtlich. »Ich hätte früher wiederkommen sollen. Diese Dvergaschlampe konnte ich noch nie gut leiden.«

Die Klinge des Dolches in Seibots Hand war angeschliffen und matt, damit sie kein Licht reflektierte und ihn verraten konnte. Er rammte sie Grunert von unten in den Hals, zog sie wieder heraus und stieß ein zweites Mal zu. Zufrieden spürte Seibot, wie das warme Blut seines Opfers über seine Hand den Unterarm hinunterrann.

»Ich hasse die Dverga, und dieses Miststück von Myrcella erst recht.«

3
Das Leben ist nicht mehr als schlechtes Theater

Egal, wie oft man auf der Bühne das Sterben geprobt hat, wenn der wirkliche Tod kommt, ist man meist unvorbereitet, und auch der Beifall bleibt aus.

Die Bühne des Theaters lag im Dunkeln. Nur hinter der Kulisse, die eine märchenhafte Burg darstellte, kroch der Lichtschein einer Fackel hervor. Sie kam aus dem Seiteneingang der Bühne und wurde von nahenden Schritten begleitet. Dazu gesellte sich das Geräusch von rasselnden Ketten. Kurz bevor der Fackelträger die Bühne betrat, hielt er einen Moment inne.

»Ich will diese Prophezeiung, und das möglichst noch bevor ich gezwungen bin, Aufführungen zu geben, in denen ich mit Reisigbündeln spreche, weil mir die Mimen für die Sterbeszenen ausgegangen sind.«

Baazlabeth schritt das hölzerne Märchenschloss entlang. Der Kriegerdämon war in Gestalt von Sil, dem Mann, den die Bürger Brisenburgs als das neue Mitglied des Kleinen Rates und Prinzipal der Schwarzen Posse, dem Theater, kannten. Baazlabeth hatte sich durch Intrigen, Manipulation und das außergewöhnliche Talent, tote Menschen auf seinem Weg zu hinterlassen, innerhalb kürzester Zeit zu einer stadtbekannten Größe hinaufgearbeitet. Stadtbekannt insofern, dass jeder Wachsoldat sein Gesicht kannte und fast jeder Bürger seinen Namen nur zu flüstern wagte. All das hätte der Dämon auch einfacher haben können. Es hätte gereicht, sich den Menschen in seiner natürlichen Gestalt zu zeigen. Als fast zehn Fuß große, muskelbepackte Kreatur der Hölle mit einem Kopf, der eine Mischung aus Ziegenbock und Raubkatze war, hatte er sich schon in anderen Welten einen unbestrittenen Ruf erarbeitet. Durch den Beschwörungszauber des Magiers Nemrothar und einer für einen Dämon befremdlichen Aufgabe musste er in Brisenburg jedoch eine andere Vorgehensweise wählen.

Dazu gezwungen, fünftausend Goldstücke auf ehrliche Art und Weise zu verdienen, bediente er sich einer menschlichen Gestalt und nannte sich Sil. Das Auffälligste an ihm waren eine grauschwarz gestreifte Hose und ein grün-gelb kariertes Hemd. Zu guter Letzt war es ihm gelungen, Ratsmitglied zu werden, ein Theater zu besitzen, den König verärgert zu haben sowie fünftausend Goldstücke sein Eigen zu nennen. Das alles hatte er mit ein wenig körperlicher Arbeit und dem Tod von vier Dutzend Inquisitoren erreicht. Normalerweise hätte er lange wieder zu Hause sein können, doch eine dunkle Prophezeiung, in der er eine Hauptrolle spielen sollte, ließ ihn in Brisenburg verweilen.

Heute jedoch begnügte sich Baazlabeth mit der Hauptrolle in einem Bühnenstück. Als Theaterbesitzer empfand er es nur als recht und billig, in die Rolle von vergangenen Helden zu schlüpfen und dem Publikum seine ganz eigene Interpretation altbekannter Stücke zu zeigen. Der Dämon war erstaunt, auf wie viele tragische und heroische Personen die Menschheit zurückblicken konnte, obwohl das Leben der Menschen so kurz war. Bei den Schreiberlingen der Stadt fanden sich Hunderte von alten und neuen Bühnenstücken, die es wert waren, einer Überarbeitung unterzogen zu werden. Tief beeindruckt hatte Baazlabeth die Geschichte von Monroth und Genevre. In der Geschichte ging es um Prinz Monroth, der sich nach und nach seiner Verwandten entledigte, um an den Thron und Genevre, die Frau seines älteren Bruders, zu kommen. Der Autor des Stückes war nicht bekannt, was daran liegen mochte, dass das Werk in den Kreisen des Adels nicht sonderlich beliebt war und der Künstler deshalb mit Sanktionen rechnete.

Baazlabeth hatte sich für die Probe des Stückes lederne Stiefel mit einem Kettenschutz angezogen, einen Brustharnisch angelegt und einen langen roten Umhang mit weißem Pelzkragen übergeworfen. Außerdem zierte eine schief sitzende, etwas zu groß geratene goldene Krone sein Haupt. Alles in allem sah er ein wenig aus wie ein Barde auf Rachefeldzug.

»Wo ist sie, die, für die ich alles getan habe?«, brüllte er etwas zu laut und mit ein wenig zu viel Theatralik in der Stimme in die leeren Reihen des Theaters. »Mein ganzes Verlangen, meine ganze Hingabe galt allein ihr. Und wie dankt sie es mir?«

Baazlabeth trat dichter an die Kulisse heran und steckte die Fackel in eine Halterung der äußeren Turmsilhouette. Die Flamme kroch auf der Suche nach neuer Nahrung an dem dünnen Holz empor. Sie sah aus wie die Zunge einer Viper auf der Suche nach einem nachlässigen Beutetier. Doch jedes Mal, wenn die Flamme die Kulisse in Brand zu setzen drohte, fegte ein Luftzug aus dem seitlichen Bühnenaufgang sie weg und zwang sie, von dem Holz abzulassen.

Baazlabeth griff durch ein armdickes Loch im Bühnenbild, das sich auf Höhe seiner Brust befand, und tastete nach etwas. Mit einem Ruck riss er an einem Hebel auf der Rückseite. Kurz darauf klappte schräg über ihm eine Luke mit lautem Knall auf und gab den Blick auf ein zerschundenes Gesicht frei. Irgendjemand hatte sich offensichtlich viel Mühe gegeben, das bullige Männergesicht so herzurichten, dass es einer blonden Prinzessin gleichkam – leider mit wenig Erfolg. Der männliche Mime steckte in einem rosa Rüschenkleid, dessen freizügiger Ausschnitt von einem weißen Pelz geziert wurde. In Mund steckte ein Knebel. Die Lippen waren übermäßig breit in einem flammenden Rot geschminkt und zu einem zwanghaften Lächeln verzogen. Ein Auge war zugeschwollen, und auf der linken Wange prangte eine frische Schnittwunde, die vom Auge bis zum Kinn verlief. Das kurz geschorene Haar des scheinbar unfreiwilligen Mimen zierte ein dicker Tampen, der zu beiden Seiten vier Fuß über die Ohren hing und dessen entzwirbelte Enden augenscheinlich lange blonde Zöpfe darstellen sollten.

»Da bist du ja, Genevre, holde Jungfer.« Baazlabeth machte wieder ein paar Schritte zurück und stellte sich vor den Turm wie ein Freier vor seine Angebetete. »All das habe ich getan, um deine Gunst zu erlangen. Nichts und niemanden habe ich gescheut, um dir ein Königreich zu Füßen zu legen. Und wie dankst du es mir? Eingeschlossen in einem Turm stehst du dort oben, um auf mich herabzuschauen. Dein Blick zeigt Ekel und deine Augen Verachtung. Genevre, womit habe ich all das verdient, all diese Schmach, all diese Ablehnung? Sprich zu mir oder schweige für immer!«

Der Mann oben im Fenster versuchte etwas zu sagen, doch der Knebel in seinem Mund machte es ihm unmöglich. Außer einem unverständlichen Gebrabbel kam nichts heraus. Zunehmend unruhig versuchte er es erneut. Er geriet in Panik und warf den Kopf verzweifelt hin und her. Anscheinend war er hinter dem Bühnenbild gefesselt und unfähig, sich selbst zu befreien. Das Holzschloss begann zu wackeln, während er versuchte, aus seiner misslichen Lage irgendwie freizukommen. Die langen Zöpfe schwangen hin und her, kamen der Fackel empfindlich nah und entzündeten sich plötzlich wie zwei Lunten.

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Die männliche Genevre stand regungslos oben am Fenster und starrte auf die brennenden Zopfenden hinab. Baazlabeth hatte sich auf ein Knie herabgelassen und schmachtete seine Angebetete an. Dann kam Bewegung in das Stillleben. Genevre schlug den Kopf in alle Richtungen und prallte dabei mehrfach gegen die Fensterhöhlung, während sich die Flammen ihren Weg nach oben bahnten. Baazlabeth sprang auf, hechtete zum Hauptportal des Holzschlosses und riss eine Standarte mit einer weißen Flagge, die eine rote Faust zeigte, aus der Verankerung. Mit der Fahne in der Hand lief er zurück vor den Turm, wo Genevre bereits begonnen hatte, panisch zu quieken. Baazlabeth trat einige Schritte zurück zum Rand der Bühne und nahm Maß. Er wog die Standarte in der Hand wie einen Speer, holte aus und schleuderte sie einen Fuß unterhalb des Fensters durch das Bühnenbild. Der angespitzte Schaft durchschlug die dünne Holzwand ohne Schwierigkeiten, blieb in Genevre stecken, die sich noch einmal aufbäumte und dann leblos mit weit aufgerissenen Augen am Fenster stehen blieb.

»Wie konntest du mir das antun, Genevre, holdeste aller Jungfrauen?«, setzte Baazlabeth mit leicht zitternder Stimme seine Rolle fort. »Ich hätte alles getan, um unserer Liebe Platz zu schaffen, damit sie hätte erblühen können wie eine Kirschblüte beim letzten Frost. Dein Verrat an mir soll dich verfolgen, solange du …« – er machte eine kurze Pause und schien nach den richtigen Worten zu suchen –, »solange du brennst.«

Baazlabeth verneigte sich tief vor dem imaginären Publikum.

»Vorhang!«

Einen Moment lang stand er fast regungslos, ließ seinen Blick durch das dunkle Theater schweifen und schien einen Applaus zu genießen, den nur er hören konnte.

»Na, was sagst du, Gewölle?«, rief er, während er seinen roten Umhang mit einer eleganten Bewegung um sich schlang.

Aus der zweiten Reihe zeigte sich ein Paar schwarzweißer Pfoten, das sich in die Rückenlehne des Platzes davor krallte. Kurz darauf erhob sich ein dazugehöriger Katzenkopf. Auf den ersten Blick wirkte das Tier wie ein gewöhnlicher Straßenkater – scheckiges schwarzweißes Fell, ein paar Blessuren von Revierkämpfen auf der Nase, ein ausgefranstes Ohr und der typisch schläfrig gelangweilte Gesichtsausdruck. Erst als Baazlabeth die Fackel in die Hand nahm und damit die ersten Ränge erhellte, zeigte sich das wahre Gesicht des Wesens. Gelb funkelnde Augen glänzten im Schein des Feuers. Fledermausartige Ohren und ein breit grinsendes Maul, das Dutzende von messerscharfen Zähnen beherbergte, ließen aus einer einfachen Katze eine Kreatur aus den finstersten Abgründen der Hölle werden, wenn auch unbestreitbar etwas Niedliches an ihr war.

»Ganz großartig, Eure Boshaftigkeit«, gestand das Wesen mit einer Mischung aus Fauchen und Säuseln. »Das Stück wird sich regelrecht in die Gemüter der Zuschauer einbrennen. Eure Inszenierung bringt dieses Bühnenstück erst richtig zur Geltung und macht aus einem einfachen Liebesdrama ein wirkliches Kunstwerk.«

»Brech dir keinen ab, du speicheltriefender Auswurf einer Eule«, fuhr Baazlabeth seinen kleinen behaarten Diener an. »Du bist ein Homunkulus. Was versteht so einer wie du schon von großem Theater? Dennoch danke ich dir für deine offenen Worte. Ich nehme dein Lob wohlwollend entgegen.«

Der Dämon verneigte sich ein zweites Mal und machte dann auf der Hacke kehrt. Nach zwei Schritten hielt er jedoch inne.

»Wenn ich dir verspräche, dir nichts anzutun, falls dein Urteil bezüglich meiner Aufführung etwas weniger arschkriecherisch ausfiele, würde das etwas an deiner Meinung ändern?«, fragte er.

»Solch ein Verhalten würde Euch Eure Natur nicht gestatten, Meister. Es reicht mir, wenn Ihr zufrieden seid und ich am Leben. Überaus freundlich wäre es jedoch, wenn Ihr mich bei meinem Namen anreden würdet. Igniphascellanius der Dritte – erinnert Ihr Euch? Homunkulus oder Diener würde natürlich auch reichen. Doch wenn Euch das zu viel Mühe bereitet, werde ich versuchen, mich an Gewölle zu gewöhnen.«

Baazlabeth fuhr zornig herum und zeigte drohend mit der brennenden Fackel auf den Homunkulus, der schnell hinter der Stuhllehne Schutz suchte.

»Raus mit deiner Kritik, du Kanalratte, oder ich bringe dein Fell zum nächsten Hutmacher!«

»Ihr solltet zuerst die Bühne löschen, sonst habt Ihr bei der Premiere keine Kulisse mehr, und das würde dem Ambiente des Stückes doch sehr schaden.«

Baazlabeth packte den immer noch glimmenden Tampen und riss ihn vom Kopf seiner holden Genevre. Mit ein paar Fußtritten war der Brand gelöscht. Erwartungsvoll starrte er seinen Diener an.

Igniphascellanius hatte sich anscheinend etwas mehr Zeit zum Überlegen erhofft. Verlegen verzog er das Gesicht.

»Nur einmal angenommen, Ihr würdet mir meine Kritik nicht heimzahlen – was Ihr natürlich nicht tun werdet, oder? –, hätte ich da vielleicht die eine oder andere Kleinigkeit anzumerken, die ich Euch sonst unter keinen Umständen jemals gegenüber erwähnen würde, da ich ja weiß, dass meine eigenen …«

»Mach das Maul auf!«, keifte Baazlabeth den Homunkulus an. »Sonst wirst du meine nächste Genevre!«

»Hab verstanden, hab verstanden«, wimmerte Igniphascellanius. »Nun ja, wie soll ich es sagen? Da wäre zum einen Euer Hang, alles so real wie möglich darzustellen. Versteht mich nicht falsch, einige fliegende Tauben auf der Bühne sind sicherlich in Ordnung, das Pferd sehe ich aber schon als grenzwertig an – insbesondere den überaus skurrilen Tod dieses Tieres. Ich glaube, es könnte den einen oder anderen Zuschauer irritieren oder abschrecken. Weiterhin habt Ihr gesagt, dass fünf Tote nicht wirklich abendfüllend seien, aber findet Ihr nicht auch, dass das Stück durch die einundzwanzig Morde ein kleines bisschen an Inhalt mangelt. Aber selbst wenn Ihr diese Meinung nicht teilt, solltet Ihr Euch überlegen, vielleicht den einen oder anderen Mord nur zu spielen, es wird sonst schwierig, immer wieder neue Mimen zu bekommen.

Auch der letzte Akt wirkte etwas kurz und abgehackt, mal ganz davon abgesehen, dass eigentlich Genevre Prinz Monroth mit Gift umbringt.«

»War es das, du Gewölle, oder hältst du noch mehr Unverschämtheiten für mich bereit?«, brüllte Baazlabeth von der Bühne herunter.

»Eine Kleinigkeit hab ich noch in petto. Genevre, die Gemahlin Eures Bruders, war eine Frau und zudem von dunkler Hautfarbe, und Euer jüngster Bruder war kein kleinwüchsiger Dverga«, fügte der Diener schnell hinzu.

Baazlabeth stampfte so heftig mit dem Fuß auf, dass ein kleiner Seitenturm des Bühnenbildes umstürzte und eine Staubwolke aufwirbelte.

»Schluss jetzt, du Mistvieh! Hast du irgendwo in Brisenburg schon jemanden mit dunkler Hautfarbe gesehen?«

Igniphascellanius schüttelte zögerlich den Kopf.

»Kann ich etwas dafür, dass die meisten Mimen Männer sind?«, forderte Baazlabeth von seinem Diener zu wissen.

Wieder verneinte der Homunkulus.

»Dann beantworte mir noch meine letzte Frage. Hattest du das Gefühl, dass irgendeiner dieser vielen Mimen auch nur einen einzigen Funken Talent besaß?«

»Vielleicht haben sie die Arbeitsbedingungen gestört, Meister«, wandte der Homunkulus ein.

»Unsinn!«, keifte Baazlabeth. »Sie waren alle komplett talentlos. Wie hätte ich also die Sterbeszenen mit ihnen glaubhaft inszenieren sollen, ohne sie wirklich zu töten. Und selbst dabei haben einige von ihnen peinlichst versagt. Und was den Giftmord an mir betrifft, will ich nur noch anmerken, dass Giftmord nichts für die Bühne ist. Außerdem bin ich der Hauptakteur in diesem Stück. Würde ich sterben, wäre das vollkommen deprimierend, und das können wir dem Publikum wohl kaum zumuten. Benötigst du noch weitere Erläuterungen, die dir mein Handeln erklären?«

»Nein, Meister, Ihr habt Recht«, wisperte der Diener. »Ich habe nicht richtig nachgedacht.«

»Das scheint mir auch so. Und?«

Die Augen des Homunkulus weiteten sich und füllten sich mit Flüssigkeit. Langsam sackte er hinter der Rückenlehne des Stuhles zusammen. »Bitte entschuldigt meine dummen Einwände, Herr der Grausamkeiten.«

Baazlabeth tat die Entschuldigung mit einer einfachen Geste ab. »Vergessen wir deinen Fehltritt. Solltest du deine Untertänigkeit jedoch noch ein weiteres Mal vergessen und erneut so entgleisen, werde ich in der nächsten Aufführung Genevre ein niedliches Kätzchen an die Hand geben, das ihr Schicksal teilt.«

»Hab verstanden«, klang die jammernde Stimme des Dieners zwischen den Sitzreihen hervor. Baazlabeth verließ die Bühne, wie er gekommen war.

»Ich habe Durst!«, rief er vom Seitenaufgang. »Ich werde zu Meister Dumpf in den Einsamen Wanderer gehen. Wenn ich zurückkomme, ist hier alles sauber. Lass dir von Lemura helfen.«

Baazlabeth hätte es niemals zugegeben, aber die Kritik seines Dieners ließ ihn grübeln.

Dieser Fußabtreter eines Dämons! Was glaubt er, wer er ist, mir erklären zu wollen, was das Publikum mag und was nicht? Das Pferd war in den Proben der Höhepunkt des ganzen Stückes. So ein Ignorant! Von all den zweit-und drittklassigen Möchtegernschauspielern besaß der dämliche Gaul am meisten Talent. Das Vieh hat zehnmal mehr Würde beim Krepieren gezeigt als jeder seiner zweibeinigen Kollegen. Gut, zugegeben, die Sauerei auf der Bühne hätte nicht sein müssen, aber was will man erwarten? Es ist schließlich ein Pferd. Das soll mir erst einmal jemand nachmachen, einen Gaul mit einem einigen Schlag in zwei Teile zu teilen. Natürlich spritzt es ein wenig hier- und dorthin. Ein Pferd ist schließlich kein Baum. Man kann nicht genau bestimmen, wo es hinfällt. Wenn man ins Theater geht und sich einen Platz in der ersten Reihe sucht, muss man damit rechnen, in das Stück mit eingebunden zu werden. Das ist doch, was alle von einer guten Aufführung erwarten – mittendrin sein, sich aber nicht selbst die Hände schmutzig machen müssen.

»Pass doch auf, Mann!«, schnauzte ein hagerer, am Boden sitzender Mann Baazlabeth an.

Der Dämon war so in Gedanken gewesen, dass er den Bettler, der quer über dem Bürgersteig lag, ganz übersehen hatte. Mit einem abschätzenden Blick musterte er den Mann. Die Vergangenheit hatte ihm gezeigt, dass es sich lohnte, einen zweiten Blick auf sein Gegenüber zu werfen. Nicht jeder, der harmlos aussah, war es auch. Der junge Mann saß mit dem Rücken an eine Hausmauer gelehnt, die Beine quer über den schmalen Bürgersteig, und stierte auf die gegenüberliegende Straßenseite. Die durchweg hellgrauen Augäpfel verrieten Baazlabeth, dass er blind war. Der Dämon hockte sich zu dem Bettler hinunter und versuchte irgendeine Regung in den Augen des Fremden zu entdecken.

»Ich bin noch nicht tot«, sagte der Mann mit ruhiger Stimme, ohne den Kopf auch nur ein winziges Stück zu bewegen. »Die Götter lieben es anscheinend, mich leiden zu sehen.«

»Den Göttern bist du scheißegal«, flüsterte Baazlabeth ihm zu, »mir aber nicht.«

Langsam drehte der Bettler den Kopf und starrte den Dämon mit seinen trüben Augen an.

»Sollte es in dieser verdammten Stadt doch jemanden geben, der ein gutes Herz besitzt? Ich hätte schwören können, dass den Bürgern Brisenburgs kein Leiden groß genug erscheint, um dafür ein oder zwei Münzen aus ihrem Beutel zu vergeuden.«

»Ich bin weder ein Bürger Brisenburgs, noch habe ich ein Herz, geschweige denn eine Münze für dich übrig. Mitleid schenkst du dir anscheinend schon selbst genug, also brauchst du meines nicht. Wenn das Leben so miserabel ist, dann würde ich nicht hier so herumsitzen, sondern aufstehen, zum Hafen hinuntergehen und mich ins Wasser stürzen.«

»Auch daran haben die Götter gedacht und mir die Kraft aus den Beinen gezogen. Jetzt muss ich mich allein auf die Kraft meiner Arme verlassen, oder eben auf eine gute Seele, deren Mitleid ich erringen kann. Wie Ihr seht, benötige ich selbst beim Sterben die Hilfe anderer.« Er schlug sich mit der Faust mehrere Male auf den Oberschenkel. Diese Beine sind nur noch dazu gut, ein Bett zu füllen. Ohne sie könnte ich auch in einem Holzfass schlafen.«

Baazlabeth kannte die Listen der Bettler nur zu genau. Unter ihnen gab es einen regelrechten Wettstreit, wer mit den meisten Verkrüppelungen aufwarten konnte. Nicht selten griffen die Rivalen dabei lieber auf irgendwelche Tricks als eine scharfe Klinge zurück. Sie lebten vom Mitleid anderer, ohne aber wirklich leiden zu wollen. Geschützt vor neugierigen Blicken zog Baazlabeth ein silbernes Stilett mit Knochengriff aus seinem Hosenbund hervor.

Von deiner Blindheit kann ich dich nicht heilen, doch vielleicht bekomme ich wieder etwas Bewegung in die lahmen Beine. Er setzte die Klinge seitlich am Oberschenkel des Mannes an und durchbohrte langsam den groben Stoff.

»Gebt mir einfach einen Silberling, und Ihr werdet sehen, dass Euch Euer Gewissen die süßesten Träume heute Nacht bescheren wird.«

»Mit deinem schauspielerischen Talent könntest du eine Menge mehr verdienen als nur einen Silberling«, flüsterte Baazlabeth dem Bettler ins Ohr und stieß mit der Klinge zu.

Der Bettler kicherte verschämt.

»An was für eine Rolle hattet ihr gedacht? Ich könnte eine der drei blinden Hexen spielen, die König Dansten den Tod seiner Frau hervorsagen. Leider müsste ich mich an den großen Kupferkessel klammern, um stehen zu können. Doch mit Sicherheit wäre ich die hübscheste der drei.«

Er präsentierte seine fauligen Zähne mit einem breiten Grinsen. Baazlabeth zog hastig den Dolch aus dem Bein des Bettlers und ließ ihn wieder in seinem Gürtel verschwinden.

Das scheint ja mein Glückstag zu werden. Genevre steckt sich selbst in Brand, von meinem Diener muss ich mir eine Reihe von Unverschämtheiten anhören, und dann treffe ich auch noch auf den einzigen rechtschaffenen Bettler in dieser Stadt. Wenn das so weitergeht, muss ich damit rechnen, dass Meister Dumpf der Hauswein ausgegangen ist und es als Tagesgericht Gemüsesuppe gibt.

»Ich habe weder Silber noch Mitleid für dich. Beides musst du bei den Bürgern dieser Stadt suchen.«

»Wenn das so ist, kann ich von Euch wohl nicht mehr erwarten als einen sanften Tod, doch ich glaube, dazu fehlt Euch der Mut. Ihr findet es besser, mich hier hilflos auf dem Boden zurückzulassen. Anstatt Euch selbst die Hände schmutzig zu machen, wartet Ihr einfach ab, bis der erste Frost kommt und mich dahinrafft.«

Baazlabeth verzog angewidert das Gesicht. Dies war immer die letzte Masche, die ein Bettler versuchte – das Flehen nach dem Tod. Ein gefährliches Spiel, wenn man auf den Falschen traf.

»Dich zu erlösen ist Aufgabe der Götter. Ich töte nur Menschen, die sich weniger bereitwillig von ihrem Leben trennen. Aber mit etwas Glück wirst du noch auf die Barmherzigkeit treffen, es sei denn, ich finde sie zuerst.«

Baazlabeth kannte die Kniffe der Bettler. Wenn sie erst einmal jemanden gefunden hatten, der ihnen zuhörte, drehten sie dessen Gewissen regelrecht durch die Mangel. Einige von ihnen waren so geschickt, dass sie selbst einem Hungernden noch den letzten Kanten Brot entlockten. Gut, dass Baazlabeth kein Gewissen besaß. Dennoch empfand er den Mann und alles, was er darstellte, als befremdlich.

Was ist das hier für ein Spiel? Versucht Sept, mich auf die Probe zu stellen? Was soll ich mit jemandem anfangen, der weder mich noch meine wahre Gestalt sehen kann? Er hat keine Angst vor mir, und selbst wenn, könnte er nicht davonlaufen. Er spürt die Schmerzen nicht, die ich ihm zufüge, und dann blutet er noch nicht einmal richtig. Zu guter Letzt ist er noch so dreist, mich um seinen Tod anzuflehen.

Baazlabeth stand auf und ging weiter. Er versuchte, den Bettler zu vergessen. Ein wenig Ablenkung würde ihm guttun, entschied er. Meister Dumpf hatte immer etwas Neues zu erzählen, und am besten hörte es sich an, wenn man dabei einen Krug Hauswein leerte. Wenn sich der Gastwirt jetzt auch noch entschied, den einen oder anderen Bewohner Brisenburgs auf die Speisekarte des Einsamen Wanderers zu setzen, wäre das Gasthaus nahezu perfekt.

Baazlabeth hatte sich mittlerweile an die verschiedenen Blicke gewöhnt, die man ihm zuwarf, wenn er durch die Gassen der Stadt lief. Bei seinen früheren Besuchen in der Welt der Menschen hatte man sich ihm zu Füßen gelegt oder war um sein Leben gerannt. Hier in Brisenburg jedoch kannte man ihn nur als Sil, einen jungen Mann mit langen blonden Haaren, gut gebaut, intelligent und etwas mysteriös. Sein unrasiertes, leicht kantiges Kinn tat seiner als angenehm empfundenen Erscheinung keinen Abbruch. Eher im Gegenteil. Er sah, wie die jungen Frauen ihre Köpfe zusammensteckten, wenn sie ihn bemerkten, und albern kicherten. Selbst diejenigen, die sich wegen ihres Alters oder ihrer niederen Stellung, nur noch wenig Hoffnung machen durften, sahen ihm manchmal schmachtend hinterher. Auch die Männer warfen ihm Blicke zu, doch nicht von derselben Art wie die Frauen. Einige beobachteten ihn aus den Augenwinkeln, andere starrten ihn offenherzig an, und wiederum andere senkten ihren Blick, wenn er an ihnen vorüberschritt. Er genoss all dieses Gewese um ihn, es machte ihn irgendwie bedeutsam, auch wenn er sich nicht mit einer blutigen Klinge durch ihre Reihen kämpfte.

Eh Baazlabeth entscheiden konnte, auf was er von dem, was üblicherweise in Meister Dumpfs Küche zu finden war, Appetit hatte, stand er bereits vor dem Einsamen Wanderer. Er erinnerte sich an seinen ersten Abend in Brisenburg. Damals stand er auch vor dieser Tür. Seitdem war viel passiert – viel Gutes und viel Schlechtes. Brisenburg hatte sich seitdem verändert, das Holzschild mit der Aufschrift Zum Einsamen Wanderer schien von dem jedoch vollkommen unberührt geblieben zu sein.

Baazlabeth setzte gerade einen Fuß auf die erste Stufe und griff nach dem Türknauf, als die Tür aufgestoßen wurde. Direkt im Eingang vor ihm baute sich ein stämmiger Mann mit Vollbart und kurz geschorenem Haar auf. Er hielt sich mit einer Hand am Türrahmen fest, während er mit der anderen versuchte, das Ärmelloch seines Umhanges zu treffen. Die glasigen Augen des Kerls und der säuerliche Geruch, der Baazlabeth entgegenschlug, verrieten ihm, dass der Mann nicht nur seinen Hunger gestillt hatte. Es dauerte einen Augenblick, bis der Betrunkene Baazlabeth wahrnahm, dann zog er die Augenbrauen zusammen und versuchte, sein Gegenüber zu fixieren.

»Du stehst mir im Fahrwasser, Gaukler«, lallte er. »Zieh leeseits, oder ich puste dir dein albernes Hemd auf.«

Baazlabeth hatte den Mann noch nie zuvor gesehen, aber wie an seiner Wortwahl unschwer zu erkennen war, gehörte er zu einem der Schiffe im Hafen. Er kannte den Kerl nicht, wollte ihn nicht kennen lernen und spürte trotzdem den Drang, ihn zu töten. Eigentlich nichts Ungewöhnliches für einen Dämon, ungewöhnlich war eher, dass er sich zurückhielt. Eines hatte Baazlabeth in Brisenburg gelernt: Wollte man in einer Schenke in Ruhe etwas trinken, war es unvorteilhaft, tote Menschen vor der Tür zu stapeln. Die Stadtwachen verstanden wenig Spaß, wenn man ihre Bürger umbrachte. Dennoch, ganz ungeschoren konnte er den Seemann für seinen Affront sein Hemd betreffend nicht davonkommen lassen. Er trat einen Schritt zurück und reichte dem angetrunkenen Gast die Hand.

»So ist’s brav, mein schmächtiger Freund. Ich sehe, du weißt, wann ein Fisch zu groß ist, um ihn an Bord zu ziehen«, grunzte der Mann und ergriff Baazlabeths Hand.

Der Seemann war immer noch nicht vollständig angezogen, trat aber dennoch ins Freie. Er hatte gerade den Türrahmen losgelassen, da packte der Dämon seinen Arm und riss ihn die zwei Stufen hinunter. Der Betrunkene hatte alle Mühe, auf den Beinen zu bleiben, doch Baazlabeth ließ nicht locker. Er wirbelte sein Opfer weiter herum und schleuderte es gegen die Hausmauer der Schenke. Mit einem Schritt war der Dämon wieder an seinen Gegner herangekommen, stemmte ihm einen Ellenbogen unter das Kinn, packte mit der anderen Hand in den Schritt des Mannes und drückte zu. Der Trunkenbold prustete vor Schmerz und lief bleich an. Baazlabeth riss an der Männlichkeit des Seebären.

»Was meinst du, soll ich den Anker werfen?«

Der Mann verneinte mit einem hektischen Kopfschütteln.

»Ich sehe, du weißt schon, in welchen Gewässern man lieber nicht schwimmen sollte. Das hier ist mein Riff, wenn du noch einmal auftauchen solltest, mache ich aus dir Pökelfleisch. Verstanden?«

Der Mann begann abermals den Kopf zu schütteln, bemerkte aber seinen Fehler schnell.

»Tut mir leid«, stotterte er, wieder halbwegs nüchtern.

Baazlabeth drückte ein letztes Mal mit aller Kraft zu. Der Betrunkene quiekte auf und sackte in sich zusammen. Ein kräftiger Hustenanfall überkam ihn, und als Baazlabeth die Schenke betrat, hörte er, wie sich der Kerl vor dem Haus übergab.

Die Schankstube des Einsamen Wanderers war gut besucht dafür, dass es noch nicht einmal dunkel geworden war. Viele der Gäste kamen fast jeden Tag hierher, um nach getaner Arbeit einen Happen zu essen oder um es sich mit einem Krug Wein oder Bier vor dem knisternden Kamin gemütlich zu machen. Viele von ihnen kannte Baazlabeth namentlich oder hatte zumindest schon einmal ihre Gesichter gesehen. Da waren Derk und Berger, die beiden Brüder und Netzflicker aus dem Flautenviertel. Jeden Abend saßen sie am gleichen Tisch, spielten Lustige Sieben und freuten sich darüber, wenn sie dem anderen mit ihrem Würfelglück ein paar Kupferlinge abknüpften.

Meister Most war Kesselschmied und saß nach jedem erfolgreichen Markttag über seinen Abrechnungen und Bestellungen. Minnert der Buchbinder war mindestens zweimal die Woche im Einsamen Wanderer, hockte mit finsterer Mine am Tresen, sagte kein einziges Wort und nippte stundenlang an einem einzigen Glas Rotwein. Dann gab es noch Mimi, die Näherin von der anderen Straßenseite. Dumpf hatte Baazlabeth erzählt, dass Mimi recht früh Witwe geworden war und nun darauf hoffte, hier einen neuen Gefährten fürs Leben zu finden. Sie hatte sich stets herausgeputzt und duftete zu Baazlabeths Leidwesen ständig nach Lavendel, was Sie in seinen Augen sofort disqualifiziert hätte, wenn er auf Brautschau gewesen wäre.

Und zu guter Letzt gab es noch Triefauge, Knollennase und Segelohr zu erwähnen. Ihre richtigen Namen kannte Baazlabeth nicht, aber es handelte sich bei den dreien um Dachdeckergesellen, die viel essen und trinken konnten, hauptsächlich aber kamen, um Ruby, der Schankmaid schöne Augen zu machen. Ruby war jedoch mit dem Sohn eines Kaufmanns liiert und zeigte den dreien jeden Abend erneut die kalte Schulter.

Baazlabeth genoss es, all diese belanglosen Dinge von Leuten zu wissen, mit denen er so gar nichts gemeinsam hatte, außer vielleicht, dass sie dieselbe Schenke besuchten. Auch früher schon war er den armen Seelen, die sich in sein Reich verirrten, nahe gekommen, doch auf andere, blutigere und dennoch persönlichere Weise. Diese neue Art des Kennenlernens war ihm bislang fremd gewesen, und er musste zugeben, das sie bei Weitem nicht so anstrengend war, aber dennoch äußerst amüsant.

Als Meister Dumpf seinen neuen Gast erkannte, wirbelte er fröhlich zur Begrüßung mit dem Lappen, den er zum Gläserpolieren benutzte. Dumpf war eigentlich nicht sein richtiger Name, er hieß in Wirklichkeit Oz Branford. Einer schweren Kopfverletzung vor ein paar Jahren, die ihn – um es milde auszudrücken – geistig etwas zurückgeworfen hatte, verdankte er diesen Spitznamen. Der Gastwirt war nicht dumm, nur eben etwas langsamer. Von einer Rauferei hatte er ein Loch im Kopf davongetragen. Ein studierfreudiger Magister war so gut gewesen und hatte ihm eine Metallplatte in den Schädel genagelt, wie er es gerne ausdrückte. In früheren Zeiten musste Dumpf ein gefährlicher Gegner gewesen sein, jemand, den man nicht hatte unterschätzen dürfen. Jetzt musste man nur noch sein Essen fürchten, denn seine Probierfreudigkeit, was neue Gewürze anging, kannte keine Grenzen. Eines hatte Dumpf jedoch mit allen anderen Gastwirten gemein: Er wusste immer etwas Neues zu berichten, manchmal sogar schon, bevor es überhaupt passiert war.

Baazlabeth erwiderte den Gruß mit einem kurzen Nicken, ließ es sich aber dennoch nicht nehmen, einen Blick auf die anderen Gäste zu werfen. Beruhigt stellte er fest, dass außer ein paar unbekannten Gesichtern keine unwillkommenen Gäste im Schankraum saßen.

Keine Stadtwachen, dann scheine ich ja heute ein artiger Junge gewesen zu sein, sagte er zu sich selbst.

Nicht selten kam es vor, dass sie bereits auf ihn warteten, wenn Baazlabeth die Schenke betrat, um ihn mit Fragen zu löchern. Sie schienen zu glauben, dass er hinter allem steckte, was in der Stadt geschah. Insbesondere Andor Celest, der Hauptmann der Stadtwachen, hatte es auf ihn abgesehen. Obwohl Baazlabeth so etwas wie Immunität besaß, weil er Mitglied des Kleinen Rates war und unter dem Schutz von Lord Brackenmoore stand, versuchte Celest, ihm alles Mögliche anzuhängen. Im Grunde genommen war beides mehr als überflüssig. Erstens benötigte Baazlabeth keinen Schutz, und zweitens musste niemand lange suchen, um ihm ein schweres Vergehen nachzuweisen. Problematisch wurde es erst, wenn man versuchte, ihn für seine Vergehen zur Rechenschaft zu ziehen. Genau genommen schützte man also nicht ihn vor Hauptmann Celest, sondern es verhielt sich andersherum.

Baazlabeth ging zum Tresen und stellte sich mit finsterer Miene neben Minnert. Dumpf wischte mit kreisenden Bewegungen seines Lappens über den Tresen und arbeitete sich zu ihm vor.

»Was kann ich für Euch tun, Prinzipal Sil?«, fragte er mit seiner beharrlichen Freundlichkeit.

»Wie immer«, schnaubte Baazlabeth.

Meister Dumpf schien zu überlegen, was damit gemeint sein könnte, doch Baazlabeth kam ihm zuvor.

»Einen Krug vom Hauswein.«

Der Gastwirt nickte und verschwand unter dem Tresen. Kurz darauf kam er wieder zum Vorschein und hielt einen braunen Krug in der Hand, den er vor Baazlabeth abstellte.

»Der Rest ist für dich«, sagte Baazlabeth und schob ihm eine Goldmünze hin.

Dumpf fischte die Münze vom Tresen und ließ sie geschickt in seiner speckigen Lederschürze verschwinden. Dann schien er es sich jedoch anders zu überlegen und platzierte die Goldmünze wieder auf dem Tresen. Er schob sie Baazlabeth hin.

»Der Erste geht immer aufs Haus.«

Baazlabeth verstand zuerst nicht, und auch Minnert war wenig begeistert, da er anscheinend von der neuen Regelung auch nichts gewusst hatte, seine Zeche hingegen schon bezahlt hatte. Doch dann fiel dem Dämon die ungewöhnliche Prägung auf dem Goldstück auf – das war nicht dasselbe Goldstück wie jenes, welches er an Dumpf bezahlt hatte. Er nahm die Münze zwischen Zeigefinger und Daumen, drehte sie hin und her und besah sich beide Seiten. Auf der einen war ein leerer Thron abgebildet, auf der anderen Seite ein Mann mit vollem Bart, langem Haar und einer Krone auf dem Kopf.

»Ein seltenes Stück?«, erkundigte er sich.

»Nur hierzulande«, erwiderte Dumpf. »In Travenstein ist es die gängige Währung. Der Mann auf der Münze ist König Bellington. Jede Münze, die durch die Schatzkammer des Königs wandert, bekommt diese Prägung, plus einen kleinen Anteil Blei sagt man. Ja, die Magister und Alchemisten am Hofe wissen, wie man aus einer halben Unze Gold eine macht. Leider funktioniert dies Spielchen nur im Norden von Meddelton. Jeder, der nach Brisenburg kommt, tauscht zuallererst seine Kuckucksmünzen gegen andere ein. Es sei denn, es fehlen einem Zeit oder Kontakte.«

Baazlabeth hob die Münze wieder vors Auge und betrachtete erneut das Portrait des Königs. Der Mann hatte nichts mit dem Bellington zu tun, den er sich in Gedanken vorgestellt hatte. Er war weder hager, noch hatte er tiefliegende Augen oder einen verbissenen Gesichtsausdruck. Baazlabeth tröstete sich mit dem Gedanken, dass das Bildnis entstanden sein musste, bevor er des Königs halbe Inquisition getötet hatte.

»Von wem hast du die Münze?«, erkundigte sich Baazlabeth bei Dumpf.

»Er sitzt am Tisch neben dem Kamin. Es ist der Typ mit dem zerschlissenen braunen Umhang. Ruby hat ihm vor einer Stunde einen Teller Suppe serviert, aber er hat noch keinen einzigen Löffel davon gegessen.«

»Ich kann es ihm nicht verdenken«, erwiderte Baazlabeth, drehte sich um und stützte die Ellenbogen dabei auf dem Tresen ab.

Der Mann, den Dumpf ihm beschrieben hatte, war ein drahtig aussehender Kerl mit fettigen dunklen Haaren und wettergegerbter Haut. Er saß zum Kamin gewandt und stierte in den Teller Suppe vor sich. Trotz der mehr als wohltuenden Wärme des prasselnden Feuers hatte er seinen Umhang nicht abgelegt. Baazlabeth könnte schwören, den Geruch von getrocknetem Blut und Angstschweiß an ihm zu riechen. Fragte sich nur noch, ob der Geruch von ihm ausging oder nur an ihm haftete. Dies herauszufinden sollte ein Einfaches sein.

Baazlabeth löste sich vom Tresen, nahm den Krug Wein, einen Becher und hielt geradewegs auf den Fremden am Tisch zu. Er stellte sich mit dem Rücken zum Kamin an den Tisch, setzte Krug und Becher darauf ab und griff die Rückenlehne des Stuhles vor sich.

»Darf ich mich zu Euch setzen?«, fragte er.

Der Mann antwortete nicht und stierte weiter in die Suppe.

»Verzeiht, ich habe höflich gefragt, ob ich mich zu Euch gesellen darf«, wiederholte Baazlabeth, diesmal etwas energischer.

»Und weil ich auch ein höflicher Mensch bin, zog ich es vor, Euch lieber keine Antwort denn eine unfreundliche zu geben«, brummte der Fremde, jedoch immer noch, ohne sein Gegenüber anzusehen.

Baazlabeth zog den Stuhl zurück und setzte sich.

»Dann sollten wir diese äußerst seltene Konstellation auf keinen Fall einfach so verstreichen lassen. Zwei freundliche Menschen an einem Tisch hat diese Stadt noch nicht gesehen.«

Der Mann schob seinen Teller ein Stück zur Seite und nahm einen Schluck aus dem Krug Bier vor sich. Dann ließ er kurz die linke Hand unter dem Tisch verschwinden. Als sie wieder zum Vorschein kam, hielt er einen schmalen Dolch unter ihr versteckt. Die Spitze zeigte auf den Mann selbst, ein Hinweis dafür, dass er es gewohnt war, die Waffe in aller Öffentlichkeit zu ziehen, denn auf diese Weise konnte man die Klinge hinter seinem Unterarm versteckt halten und sie dennoch seinem Opfer über die Kehle ziehen. Wenn man es geschickt anstellte, konnte man einen Meuchelmord so aussehen lassen, als wischte man sich den Rotz mit dem Ärmel von der Nase. Baazlabeth war sich sicher, dass der Mann sein Handwerk verstand. Fragte sich nur noch, ob er ein Handwerker im Feierabend war oder Überstunden machte.

»Bevor Ihr jemandem droht, solltet Ihr wissen, mit wem Ihr es zu tun habt, findet Ihr nicht auch?«

Der Fremde nahm die Hand vom Tisch und ließ den Dolch dort liegen. Mit einem Finger drehte er die Waffe am Griff herum, bis die Spitze auf Baazlabeth zeigte.

»Blonder Schönling, gepflegtes, mittellanges Haar«, sagte der Mann in einem ganz ruhigen Tonfall. »Euer Körper ist muskulös, aber wenig trainiert. Eure Hände haben bislang noch keine harte Arbeit gesehen, und durch Euren unrasierten Flaum versucht Ihr männlicher zu wirken und die weichen Züge in Eurem Gesicht zu überspielen. Ihr tragt einen langen Dolch oder ein Stilett im Hosensaum.«

»Äußerst beeindruckend«, gestand Baazlabeth. »Gibt es noch mehr über mich zu erzählen?«

»Ihr besitzt genügend Gold, und doch lasst Ihr Euch einladen. Ich würde sagen, Ihr seid ein Geizhals. Außerdem könnt Ihr keine Kritik vertragen. Der Seebär am Eingang hatte Recht, Euer Hemd ist grässlich und …«

»Und was?«

»… und Euch wird kein langes Leben beschert sein. Eure Selbstgefälligkeit wir Euch irgendwann den Tod bringen.«

Jetzt sah der Mann auf. Vielleicht wollte er überprüfen, ob er richtig lag.

Baazlabeth lehnte sich zufrieden zurück. Er fühlte sich zwar ein klein wenig ertappt, doch nicht genug, um wirklich beunruhigt zu sein. Eines stand jedoch fest: Der Mann war nicht grundlos in der Stadt. Jetzt musste Baazlabeth nur noch herausfinden, ob der Kerl im Auftrag des Königs, des Klerus, der Magister, einer Händlergilde oder eines Sklavenhändlers hier war. Möglich war alles.

»Ihr solltet Euch weniger um mein Leben sorgen als um Euer eigenes. Ihr verlasst Euch zu sehr auf Eure Augen denn auf Euren Verstand und Euer Gefühl. Es gibt Dinge, die man nicht sehen kann und die dennoch da sind.«

Baazlabeth kippelte mit dem Stuhl leicht nach hinten, streckte seinen Arm aus und hielt die Hand in die Flammen des Kamins. Die Demonstration war mehr Täuschung gepaart mit Selbstkontrolle als wirkliche Immunität gegen Feuer. Schmerzen zu ertragen war nichts Ungewöhnliches für den Dämon, und Feuer verkohlte das Fleisch seines menschlichen Körpers nicht sofort, sondern das war ein längerer Prozess, der mit Blasenbildung anfing. Die übernatürlichen Selbstheilungskräfte, die er als Dämon besaß, würden nicht mehr als ein wenig gerötete Haut und ein unangenehm taubes Gefühl in den Fingern zurücklassen. Schon auf dem Heimweg wäre nichts mehr von einer Verbrennung zu sehen. Als er die Hand wieder aus den Flammen zog und sie zur Begutachtung dem Fremden auf den Tisch legte, dampfte der Handrücken wie ein frisch serviertes Stück Kaninchen und roch auch so.

»Die Vorstellung passt zu Eurem Hemd«, gluckste der Mann. »Jeder zweitklassige Alchemist stellt Euch eine Salbe her, die bewirkt, dass man der Kraft des Feuers einige Zeit widersteht. Mit Euren Gauklertricks müsst Ihr schon jemand anderen beeindrucken.«

Baazlabeth verzog enttäuscht das Gesicht.

Er glaubt, er ist ein harter Knochen. Jemand, der alles schon gesehen hat und auf alles eine Antwort weiß. Mal sehen, ob er damit zurechtkommt, wenn ich ein wenig die Hosen herunterlasse.

Er schaute sich in der Schankstube um. Niemand schien das kleine Spektakel bemerkt zu haben und sich für ihn und seinen Gesprächspartner zu interessieren. Die Leute hingen über ihrem Essen, tranken in Ruhe etwas und schauten dabei aus den Fenstern oder unterhielten sich mit ihren Freunden. Meister Dumpf hatte alle Hände voll zu tun, geschäftig zu wirken, und Ruby war in der Küche verschwunden. Baazlabeth beugte sich vor, stützte sich mit den Ellenbogen auf dem Tisch ab und starrte den Fremden an. Für den Augenblick eines Herzschlages verwandelte sich Baazlabeths Gesicht von dem eines jungen Mannes in das einer Kreatur der Hölle. Die Haut wurde aschfahl, die menschlichen Züge zeichneten sich als dunkle Furchen im Gesicht ab. Aus den vollen rosa Lippen wurden zwei grauschwarze Striche, die den Blick auf eine Reihe angespitzter, schief stehender Zähne preisgaben. Seine Augen schienen in den Schädel zurückkriechen zu wollen, um tief aus den Höhlen als gelbe Sicheln auf ihr Gegenüber zu starren. Dann war der Spuk schon wieder vorbei.

Der Fremde zuckte in Panik zurück und schaffte es gerade noch, einen Aufschrei zu unterdrücken. Seine Hand schlug auf den Tisch und umklammerte den Dolch, doch bevor die Spitze der blanken Klinge sich dem Dämon auch nur nähern konnte, hatte dieser sich schon zurückverwandelt.

»Was ist los?«, zischte Baazlabeth. »Seid Ihr doch nicht so abgebrüht, wie Ihr dachtet.«

»Wer oder was seid Ihr?«, keuchte der Fremde.

Baazlabeth grinste zuversichtlich.

»Mein Name ist Sil, und ich bin der, von dem Ihr immer gehofft habt, ihm nie zu begegnen. Doch es geht hier nicht um mich, sondern um Euch. Sagt mir einfach, was Ihr hier in Brisenburg sucht und wer Euch geschickt hat?«

Der Fremde starrte noch immer ungläubig in Baazlabeths Gesicht und hielt zitternd den Dolch auf ihn gerichtet. Erst als Baazlabeth den Krug mit Bier antippte und den Mann mit einer nickenden Geste zum Trinken aufforderte, senkte der die Waffe ein Stück.

»M

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