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Dämonengold

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog – Alle Wege führen in die Hölle
  7. I – Manchmal ist allein zu sein besser
  8. 2 – Da reicht man ihm den kleinen Finger
  9. 3 – Je später der Abend, desto böser die Gäste
  10. 4 – Gold stinkt nicht – Fisch schon
  11. 5 – Die Axt im Haus erspart den Bösewicht
  12. 6 – Mit falscher Münze heimgezahlt
  13. 7 – Einen geschenkten Gaul hängt man nicht ans Fenster
  14. 8 – Böse Menschen kennen die schönsten Lieder
  15. 9 – Nur nicht mit dem Reizen geizen
  16. 10 – Was dem Johann gebührt, gebührt Johanna allemal
  17. 11 – Schwere Jungs und leichte Mädchen
  18. 12 – Leben heißt nehmen und stehlen
  19. 13 – Ist das Leben ruiniert, tötet man ganz ungeniert
  20. 14 – Wissen ist die Krücke der Weisheit
  21. 15 – Adel verzichtet
  22. 16 – Einen Feind schlägt man mit Rat, nicht mit Tat
  23. 17 – Kurze Überraschungen werfen lange Schatten
  24. 18 – Wer kauft schon die Fratze im Sack?
  25. 19 – Gute Freunde kauft man sich, oder auch zwei
  26. 20 – Im Schweiße meiner Angesichter
  27. 21 – Kleinvieh ist auch Mist
  28. 22 – Wer braucht schon Freunde?
  29. 23 – Blut ist dicker als Hauswein
  30. 24 – Der letzte Gang
  31. 25 – Das tapferer Schnitterlein
  32. 26 – Wenn es am Schönsten ist

Über den Autor

Stephan Russbült wurde 1966 in Rendsburg in Schleswig-Holstein geboren. Er absolvierte eine Lehre als Großhandelskaufmann, studierte dann Betriebswirtschaftslehre und arbeitet heute als Angestellter in der Windenergiebranche. Aus seiner langjährigen Begeisterung für Fantasy-Rollenspiele erwuchs auch seine Leidenschaft, Geschichten zu Papier zu bringen. Stephan Russbült lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Husum.

Stephan Russbült

DÄMONEN-
GOLD

Roman

Für meinen Bruder, Peter
(*26.10.1957 - †24.05.2010)

Blut ist dicker als Hauswein

Prolog
Alle Wege führen in die Hölle

In einer Welt weit im Norden, zu einer Zeit, in der man dachte, der Glaube an einen einzigen Gott würde die Menschen von Willkür, Tücke und Bosheit ihres Schöpfers befreien.

Geweihte Orte, die dem Clan der Asen gehörten, gab es mehr als Gasthäuser, in denen der Met besser schmeckte als das Essen - und die Qualität des Essens ließ zumeist zu wünschen übrig. Um die meisten dieser Orte rankten sich unzählige geheimnisvolle Erzählungen - mehr, als in Wirklichkeit zu finden waren. Aber einige wenige verbargen mehr, als die finstersten Geschichten ahnen ließen. Die Gruft Kyvell am Fuß der Norneneiche war so ein Ort. Der Komplex aus Gewölben wurde auch bezeichnet als Hallen der Helvete, Göttin der Unterwelt. Der Tod war hier vergleichbar mit Kartoffelschnaps in einer Schenke - er wurde kalt serviert, und das am besten im Dutzend.

Der Eingang zur Gruft bestand aus nicht mehr als einer halb verrotteten Holztür, die schräg zwischen einigen Felsen in den Angeln hing. Unberührt von der jahrelangen Einwirkung der Witterung, prangte eine dunkel eingebrannte Rune im Holz. Für viele war sie lediglich ein heidnisches Symbol, das einem geborstenen Pfeil glich, doch für manche, die mit den Bedeutungen der Runen vertraut waren, stellte sie den Wegweiser in die Hölle dar. Knorrige Wurzeln hielten die Zarge der Tür im Felsen fest, als ob sie befürchteten, die Tür könne davonfliegen. Fast eintausend Fuß schraubte sich die uralte, in den Stein gehauene Wendeltreppe, die sich hinter dem Eingang verbarg, in die Tiefe. Mit jeder Stufe, die man nach unten tat, wurde die Luft stickiger und die Dunkelheit schwärzer. Am Fuße der Stiege begann das schier endlose Labyrinth aus Tunneln und kleinen Kammern, welche die verwesten Körper lang vergessener Helden bargen - Helden, die im Glauben an ihre Götter gefallen waren und diese selbst noch nach ihrem Tod verehrten. Ihr Hass gegen alles Lebende ließ es nicht zu, dass ihre Körper zu Staub zerfielen und sie die ewige Ruhe fanden. Der Groll nährte ihren ruhelosen Tod und ließ sie in den feuchten Gruften nach jedem Leben trachten, dass es wagte, ihre Welt zu betreten. Wenn die Ablehnung der Toten den Lebenden gegenüber einen Namen gebraucht hätte, wäre Kyvell die richtige Wahl gewesen. Der Name eines Mannes, der versucht hatte, den Göttern zu trotzen, und von ihnen mit ewigem Leben und einem verfaulenden Körper bestraft wurde.

Zwei Tage in den Tiefen der Finsternis war für die gefangenen Seelen hier unten keine signifikante Zeitspanne, doch für die Lebenden waren es zwei Tage zu viel.

Ingvarrs Nerven waren gespannt wie Drahtseile. Klösel Taufenfels - ein Mann des Glaubens, der lieber das Land durchstreifte, um alles Böse zu bekämpfen, denn den Hilfsbedürftigen Trost und Beistand zu spenden - hatte ihn vor gut drei Wochen als Magier angeheuert, weil der vorige den Weg alles Irdischen gegangen war. Dies war seine erste Mission in Begleitung seiner vier neuen Gefährten, und dann führte diese ihn gleich an einen solch unwirtlichen und lebensfeindlichen Ort!

Unwillkürlich wirbelte er herum, als die lehmverputzte Wand neben ihm in sich zusammenstürzte. Ohrenbetäubender Lärm begleitete das Geröll, und eine graue Wolke aus Staub und Asche schlug ihm und seinen Gefährten entgegen. Ein Atemzug, und Nase, Mund und Rachen füllten sich mit dem mehligen Staub. Ingvarrs Augen verklebten, und außer dunklen Schatten, die sich hinter einem trüben Schleier bewegten, konnte er nichts mehr erkennen. Schnell wischte sich Ingvarr mit dem Ärmel über die Augen, denn eingeschränkte Sinne konnten hier unten schnell tödlich enden.

Hallthorr, der stämmige Kämpfer aus einer der kleinen Provinzen am Fluss Meks, taumelte rückwärts und in Ingvarr hinein. Der sonst so unbeugsame und vor Kraft strotzende Krieger wankte wie ein altersschwacher Bettler nach einigen Humpen Met. Aus seiner Brust ragte der abgebrochene Schaft eines Speers. Die Spitze der Waffe hatte sich durch die Glieder des Kettenhemdes und tief ins Fleisch gebohrt. In den letzten drei Wochen hatte Hallthorr Tampenstein seine Kampfkunst mehr als einmal bewiesen, sodass Ingvarr es für unmöglich gehalten hatte, dass der Hüne jemals durch die Waffe eines anderen zu Fall gebracht werden konnte.

Wie um das Gegenteil beweisen zu wollen, brach Hallthorr vor ihm zusammen. Der zweihundert Pfund schwere Mann krallte sich an Ingvarrs Robe fest wie ein Kind, das man seiner Mutter entreißen wollte, und drohte dabei, ihn selbst mit zu Fall zu bringen. Nur seiner günstig erworbenen und somit auch schlecht verarbeiteten Kleidung verdankte er es, dass er auf den Beinen blieb. Der Knopfsaum riss aus dem schweren Wollstoff, und Ingvarr meinte in den Pupillen des Kriegers zu sehen, wie dessen Leben an diesen dünnen, brüchigen Fäden hing. Als Hallthorr mit Entsetzen in den aufgerissenen Augen zu Boden sank, wich auch der letzte Rest Leben aus ihm.

Es konnte nicht sein. Es durfte nicht sein. Ingvarr war wie gelähmt vor Angst. Er und seine Gefährten hatten noch nicht einmal die innere Grabstätte erreicht. Die anderen hatten ihm versichert, dass noch keine Gefahr bestünde. Niemals, so sagten sie, würden sich die Toten so weit hinauf an das Reich der Lebenden wagen. Sie mussten es doch wissen, schließlich waren sie schon auf vielen Missionen dieser Art unterwegs gewesen. Wie konnten sie sich so irren? Dies hier war der Kreuzgang - ein Foyer in das Reich der Unterwelt. Das kuppelförmige Gewölbe mit seinen Verbindungsgängen in alle Himmelsrichtungen war die Gebetsstätte der hinterbliebenen Angehörigen, dort, wo sie um ihre Toten trauerten. Aus Lehm und Ziegeln, die so bleich waren wie die Toten selbst, hatte man diesen Raum geschaffen, um den Verstorbenen nahe sein zu können und ihnen dennoch nicht begegnen zu müssen. Jetzt war aus der Halle des Trauers ein Höllenschlund geworden, der Untote hervorspie, wie ein Quell frisches Wasser.

Dicht zusammengedrängt, wurden sie von den Unholden aus dem Reich der Toten umringt. Nur als Schemen waren die Kreaturen zu erkennen. Immer näher schienen sie zu rücken, und das Schlurfen und Stöhnen hüllte Ingvarr und seine Gefährten ein wie die Staubwolke, in der sie standen.

Klösel hielt sein heiliges Symbol, ein Kreuz aus Silber, dessen Balken um den Schnittpunkt herum von einem Ring verbunden wurden, am ausgestreckten Arm vor sich. Er war bereit, sich den Unholden dieser Gruft zu stellen. Das Symbol und die Worte Gottes geboten jeder Kreatur Einhalt, die es wagen mochte, der Finsternis zu entsteigen. Leider war es dazu nötig, seinem Widersacher von Antlitz zu Antlitz entgegenzutreten. Im Moment machte es der Staub, der sich immer noch nicht gelegt hatte, allerdings unmöglich, mehr als ein paar Schritt weit zu sehen. Dennoch betete Klösel die heiligen Worte in der alten Sprache der Gelehrten ununterbrochen vor sich hin, in der Hoffnung, dass seine Worte und Gesten zu einem der ruhelosen Toten vordrangen und ihm das schenkten, was die fremden Götter ihm verwehrten.

Sein wortgewaltiges Auftreten ermöglichte es ihren Gegnern, Klösel schnell aufzuspüren und gezielt zu attackieren. Wie aus dem Nichts heraus tauchte ein skelettierter Arm in seinem Rücken auf und schmetterte ihm einen Ziegel gegen die Schläfe. Ein zweiter Gegner rammte ihm das zerborstene Brett eines Sargdeckels ins Genick, und als der Priester stöhnend auf die Knie fiel, trieb ihm ein weiterer Angreifer ein drei Ellen langes, geschmiedetes Kreuz durch den Unterleib.

Dieselbe Angst, die Ingvarr lähmte, schnürte ihm jetzt auch noch die Luft ab. Klösel Taufenfels war der Herr über die Toten. Er war es, der sie zu Dutzenden in ihre Gräber zurückschickte. Seine Gebete verwandelten das, was nicht sein durfte, zu Staub. Er war das Herz und die Seele dieser Mission. Wie konnten sie bestehen ohne ihn?

Panische Schreie von Siman drangen zu Ingvarr. Der Schurke, der von allen nur »der Schatten« genannt wurde wegen seiner Meisterschaft in der Kunst der Tarnung, musste sich irgendwo über ihm an der Höhlendecke befinden, aber seine Worte klangen unverständlich und wurden immer wieder von gurgelnden Lauten und röchelndem Husten unterbrochen. Mit jedem erstickten Schrei seines Kumpans schwand in Ingvarr die Hoffnung auf ein glückliches Ende ihrer Mission. Plötzlich zerriss ein einziger Aufschrei den Tumult um ihn herum:

»Kyvell!«

Ingvarr wirbelte herum und versuchte sich zu orientieren. Er war plötzlich allein. Noch nie gekannte Panik erfasste ihn. Er brauchte seine Kameraden doch. Sie mussten ihm sagen, was er tun sollte. Er war der Neuling, ein unbeschriebenes Blatt, ein Fremder in einer fremden Welt. Sie konnten ihn doch nicht alle im Stich lassen.

Über den Verbleib von Rychel, dem schweigsamen Bogenschützen, konnte Ingvarr nur Vermutungen anstellen, doch ihm war bewusst, dass der junge Mann einen direkten Zweikampf scheute und versuchen würde, so viele Gegner wie möglich aus der Entfernung zu töten. Nur war das für Ingvarrs eigenes Überleben wenig hilfreich.

Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Staub sich gelegt hätte und die verbleibenden Gegner sich über ihn hermachten. Er musste handeln, und zwar schnell. Ein toter Magier war keine Hilfe, und die Aussichten, sich den Angriffen der Untoten zu stellen und auch zu überleben, waren mehr als hoffnungslos.

Mit dem Schwert wusste Ingvarr nicht gekonnt umzugehen, und auch seine arkanen Fähigkeiten hatten sich noch nicht zur vollen Reife entwickelt, aber er wusste, wann ein Kampf verloren war. Diese Auseinandersetzung würde auf keinen Fall ein gutes Ende finden. Häufig war es so, dass Magier von sich selbst mehr überzeugt waren, als es ihre Fähigkeiten zuließen. Ingvarr wollte auf keinen Fall zu diesen Selbstüberschätzern gehören, denn die meisten von ihnen waren bereits tot, und die restlichen würden es bald sein und wussten es nur noch nicht.

Sein alter Lehrmeister hatte ihm einst beigebracht, dass man sich in einem aussichtslosen Kampf damit begnügte, das zu retten, was man noch besaß - zu allererst sein Leben.

Ingvarr streckte die Arme aus und spreizte die Finger. Seine Worte klangen fremd, und der Tonfall seiner Stimme war der eines anderen Ichs, als er die Formel intonierte. Wie von Geisterhand formte sich aus dem Staub sowie aus Licht und Dunkelheit ein schmaler Spalt vor ihm, der in den Farben des Regenbogens schillerte und zunehmend breiter klaffte, bis er schließlich Form und Größe eines Portals annahm. Ingvarr wusste, wie verletzlich er sich in diesem Moment machte, da er seine Position offenbarte, doch er richtete all seine Konzentration auf das Wirken des Zaubers.

Das Portal war fast vollständig geöffnet, als ein stechender Schmerz durch Ingvarrs Oberschenkel schnitt. Er wusste nicht, wie schlimm die Verletzung war, aber sie schmerzte grauenvoll. Tränen schossen ihm in die Augen. Er hatte nur wenig Zeit, das Tor zu durchschreiten, um sich in Sicherheit zu bringen. Ohne sich um die Wunde oder seine Gegner zu kümmern, humpelte er vorwärts auf das Dimensionstor zu, weiterhin die Formel vor sich hinmurmelnd. Als er es erreichte, drehte er sich noch einmal um: Seine Angreifer verharrten und versuchten, sich vor der für sie schmerzenden Helligkeit zu schützen. Mit einem letzten bedauernden Gedanken an seine Arbeitgeber trat Ingvarr in das Tor und wurde von ihm verschlungen.

Gleißendes Licht hüllte ihn ein. Er spürte, wie die Energie an ihm zerrte, um ihn dorthin zu bringen, wo er in Sicherheit war - zu einem Ort weit weg von hier, einem Ort, der ihm jahrelang ein gutes Zuhause gewesen war. So hatte sein verstorbener Meister ihm den Zauber gelehrt, und so hatte er ihn während seiner Adeptenprüfung auch bereits einmal gewirkt - unter Aufsicht.

Der Kampflärm verklang, und seine eigene Stimme hörte sich an, als käme sie von jemandem, der hinter ihm stand. Es war so, wie sein Meister es ihm tausendfach erklärt hatte, und doch war etwas anders. Nur konnte er nicht sagen, was … Noch nicht.

I
Manchmal ist allein zu sein besser

An einem Ort zwischen den Welten, zu einer Zeit, in der man seit Tausenden von Jahren wusste, dass nicht die Götter die Geschicke des Bösen lenkten. Denn dies lag allein in »ihrer« Hand.

Der steinerne Thron bohrte sich durch die kniehohen Nebelschwaden am Boden wie die Spitze eines Berges durch die Wolkendecke. Immer wieder tauchten die stachelbesetzten Rückenschilde von kleinen Kreaturen aus dem Nebel auf, die sich in ihm verbargen. Gelegentlich stieß der eine oder andere einen spitzen Zischlaut aus, und wenn zwei von ihnen aufeinander trafen, fauchten sie sich an, bis einer den Rückzug antrat. Baazlabeth hockte auf seinem Thron. Seit einer Ewigkeit schon schenkte er den Lemuren keine Aufmerksamkeit mehr. Die Totengeister waren für ihn nichts anderes als Haustiere, deren Gegenwart er im Laufe der Zeit überdrüssig geworden war.

Es gab eine Zeit, da war alles neu und interessant für ihn gewesen. Er hatte Spaß daran gehabt, das bösartige Treiben der Lemuren untereinander zu verfolgen. Jedem dieser Wesen, und es waren etliche Dutzend, hatte er einen Namen gegeben. Er konnte sie genau voneinander unterscheiden und kannte ihre persönlichen Eigenheiten. Jeder von ihnen war ein Symbol seines eigenen, früheren Lebens gewesen. Doch jetzt, Äonen von Jahren später, erkannte er nichts mehr in ihnen. Sie waren wie Ungeziefer, und alles, was ihn mit den kleinen Kreaturen verband, war, dass sie Zeit und Raum mit ihm teilten.

Baazlabeths Körper langweilte sich. Er war dazu übergegangen, Geist und Körper getrennt voneinander zu betrachten. Sein Körper war oft untätig, sein Geist dagegen niemals. Solange er sich noch in seiner Imagination auf Foltermethoden besinnen und sich neue ausdenken konnte, um sie an Wesen auszuprobieren, die seinen Weg kreuzten, weil sie sich in sein Reich verirrt hatten, hatte er genug zu tun. Manchmal begnügte er sich auch damit, sich Bösartigkeiten auszudenken, die er als Rollenspiel in seinem Kopf ablaufen ließ.

Baazlabeth wusste nicht, wohin ihn dieses Dasein führen würde, es spielte aber auch keine Rolle, denn alles, was unendlich währte, konnte kein Ziel haben.

Mit einem Mal herrschte Unruhe unter den Lemuren. Pfeilschnell schossen sie durch den Nebel und versammelten sich in einer Ecke des Raumes. Ihre Aggression gegeneinander war wie verflogen. Sie verfolgten nun ein anderes Ziel, eines, das ihre volle Aufmerksamkeit beanspruchte und sie die Zwistigkeiten zwischen sich vergessen ließ.

Auch Baazlabeth spürte es. Sein Körper erwachte, und das Zucken seiner Muskeln vertrieb die Langeweile. Es wurde Zeit, einige seiner geistigen Ergüsse in die Tat umzusetzen. Er erhob sich von seinem Thron und betrachtete voller Genugtuung die Erregung, die unter den Lemuren herrschte. Sie waren niedere Wesen, jedenfalls an diesem Ort, aber ihr Instinkt und ihr Erinnerungsvermögen funktionierten ausgezeichnet. Es mochte zehn oder mehr Jahre her sein, dass der letzte Besucher seinen Weg in Baazlabeths Reich gefunden hatte. Doch noch immer erinnerten die Lemuren sich an den Geschmack des Blutes. Sie schienen jede Einzelheit in ihr Gedächtnis aufzusaugen und sich daran so lange zu laben, bis ihnen etwas Neues vorgesetzt wurde.

Baazlabeth selbst konnte sich an seinen letzten Besucher kaum noch erinnern. Schon nach wenigen Tagen waren die zeternden Schreie des Opfers in seinem Kopf verklungen. Nach einem Jahr erinnerte er sich nicht mehr im Detail an dessen Aussehen, und nach zehn Jahren blieb von ihm nicht mehr als ein trüber Schatten. Baazlabeth wünschte sich ein Gedächtnis wie das der Lemuren.

Er liebte es, sie zu enttäuschen. Die Lemuren hatten sich die Ecke gemerkt, an der sie zuletzt den Raum zum Fressen verlassen hatten. Was ihre kleinen Hirne allerdings nicht begriffen, war die Tatsache, dass es keine Ecke gab, sondern lediglich die Illusion einer Ecke. An diesem Ort existierte nichts außer Baazlabeth und sein Wille. Niemand konnte sich hier aufhalten, ohne dass er es wollte. Alles, auch die Lemuren, war seinem Wohlwollen ausgeliefert. Der Raum, in dem er sich befand, der Thron und selbst der Nebel entstanden nur durch seine Gedanken. Er bestimmte, wo sich eine Mauer auftat und ein Gang entstand. Er bestimmte, wo dieser endete und wo er hinführte. Ohne seine Existenz gab es kein Hier - kein Reich zwischen den Welten.

Baazlabeth verformte die Steine der Mauer neben seinem Thron, sodass sie begannen, ineinander zu verschwimmen. Auf halber Höhe der Wand bildete sich ein immer größer werdendes Loch, durch das die Felsen wie im Strudel einer Sanduhr eingesogen wurden. Der Sog wurde tiefer und breiter, bis er die Form eines Tunnels angenommen hatte, der in der Dunkelheit verschwand. Dann erstarrte jedwede Bewegung. Langsam aber unaufhaltsam kroch der Nebel mit seinem fahlen Glanz in den Gang und tauchte ihn in schummriges Licht.

Baazlabeth betrat die neuen Gefilde seines Reiches. Schon nach wenigen Schritten hörte er das empörte Fauchen der Lemuren hinter sich und das Kratzen ihrer Krallen, als sie ihm folgten. Niemals würden sie es wagen, ihm zu nahe zu kommen oder gar vorauszueilen. In all ihrer euphorischen Aufregung zogen sie hinter ihm her wie ein Schwarm Möwen hinter einem Fischerboot. Sie fraßen nur das, was zu Boden fiel.

Mit jedem Schritt, den Baazlabeth tat, wurde die Anspannung unter den Lemuren größer. Und dieser Tunnel war lang, länger als er ihn sonst erschuf. Er liebte ihre Erregung.

Eine schwere Eichentür mit eisernen Beschlägen verhieß das Ende des Ganges. Baazlabeth nahm einen tiefen Atemzug, bevor er den Raum hinter der Tür betrat.

Dunkelheit verbarg das jenseitige Ende des Gewölbes. Fünfzig Schritte vor Baazlabeth und seinem kriechenden Gefolge erhellte das Feuer in einem geschmiedeten Feuerkorb ein kleines Areal im Nichts. Schräg darüber hing von der imaginären Decke eine Eisenkette mit einem robusten Gefängniskäfig. Darin hockte eine Gestalt, die versuchte, unter ihrem zerschlissenen Wollumhang Schutz zu finden.

Baazlabeth näherte sich bis auf zwanzig Schritt und verharrte in der Finsternis. Das Licht aus dem Gang war erloschen, und die Lemuren kauerten lautlos hinter ihm. Er hatte gelernt, den Schrecken häppchenweise zu servieren und ab und zu mit etwas Hoffnung zu würzen. Dies verlängerte das Spiel mit seinen Gästen und ließ Baazlabeth die Abwechselung in seinem Leben bis ins Letzte auskosten. Ob es seine Besucher genauso sahen, bezweifelte er, doch es ging hier nur um sein Vergnügen, nicht das ihre.

»Hilfe! Hilfe, hört mich denn keiner?«, wisperte Baazlabeth mit der Stimme eines kleinen Mädchens.

Nur langsam reagierte die Gestalt in dem Käfig. Es handelte sich zweifellos um einen Menschen. Er schien verletzt und desorientiert zu sein, was angesichts seiner Lage auch kein Wunder war. Unter schmerzerfülltem Stöhnen presste er sich den Umhang auf den Oberschenkel. Kraftlos und mit verdrehten Augen lehnte er seinen Kopf gegen die Gitterstäbe.

»Hilf mir bitte«, flüsterte Baazlabeth erneut.

Nun kam endlich Leben in den Besucher. Mit beiden Händen griff er nach den Gitterstäben und rüttelte an ihnen, dann stierte er in die Richtung, aus der die Stimme gekommen zu sein schien.

»Wo bist du, Kleines? Zeig dich.«

»Ich bin hier drüben. Ich habe Angst.«

Der junge Mann im Käfig schien die Dunkelheit mit seinem Blick bezwingen zu wollen, doch nach wenigen Augenblicken schon gab er auf. Offenbar schwanden seine Kräfte wieder, und er sackte in sich zusammen.

»Wo bin ich?«, stöhnte der Gefangene.

Mit eiligen Schritten nahte Baazlabeth heran und flüsterte dem Menschen mit der kindlich verstellten Stimme ins Ohr: »Das kann ich dir sagen.«

Der Ohnmacht nahe, hatte der junge Mann die Augen geschlossen, doch er wandte seinen Kopf zur Seite, als würde er einer Stimme aus einem Traum folgen.

»Am Arsch!«, brüllte Baazlabeth und blies dem Menschen seinen fauligen Atem ins Gesicht.

Die Panik des Mannes ließ dessen Muskeln schneller reagieren als den Verstand. Er sprang auf und stieß mit dem Kopf gegen die Eisenstangen. Etwas benebelt taumelte er rückwärts und geriet mit einem Fuß zwischen die Gitterstäbe. Ins Leere tretend, rutschte der Kerl ab und klemmte sein Bein auf Höhe des Oberschenkels zwischen den Sprossen ein. Nun verlor er vollends das Gleichgewicht und stieß abermals mit Kopf und Nacken gegen die Eisenstangen.

Vor Furcht ganz starr, hockte Ingvarr in der äußersten Ecke des Käfigs und traute seinen Augen kaum. Weniger als zwei Schritte entfernt baute sich die Gestalt eines entsetzlichen Untiers zu voller Größe auf. Seinen zwölf Fuß großen, halb humanoiden Körper bedeckte eine rotbraune Haut, die an übermäßig vielen Stellen von schwarzen Borsten bedeckt wurde. Seine Beine waren eindeutig die eines Huftiers, wenn auch zu groß und zu kräftig für einen Stier. Oberkörper und Arme wären der Stolz eines jeden Riesen gewesen, doch das Rückgrat, welches sich als stachelbesetzter Kamm vom Hals bis zum Steißbein abzeichnete, war nichts, was Ingvarr je zuvor an einem Wesen erblickt hatte.

Aber nicht die Größe und die Kraft des Ungetüms ließen Ingvarr in Panik verfallen, sondern dessen groteske Fratze. Oberhalb der Schultern schien sich ein Sammelsurium verschiedener Wesen zu vereinen. Grob betrachtet, handelte es sich um eine Mischung aus Ziegenbock und Büffel, doch die Augen strahlten eine Intelligenz und Bösartigkeit aus, die keinem Tier gegeben war. Der überbreite, fast lippenlose Mund schien bis zum Bersten voll gestopft mit den messerscharfen Zähnen eines Raubtieres. Krönender Abschluss waren die zwei Hörner, die seiner Stirn entsprangen und wie die eines Widders seinen Kopf umschmeichelten.

»Ich weiß, ich hätte mich ein wenig rausputzen sollen, aber ich war nicht auf Besuch vorbereitet. Dennoch herzlich willkommen, Herr …?«

»Ingvarr«, beantwortete er wie hypnotisiert die indirekte Frage.

Dann besann er sich. Blitzschnell griff Ingvarr unter seinen Umhang und zog das heilige Symbol seines Gottes, das silberne Kreuz mit dem eisernen Ring um den Schnittpunkt der Balken herum. Er hatte es auf einem Marktplatz erstanden und hoffte, dass es seinem überhöhten Preis gerecht werden würde. Drohend fuchtelte er damit in Richtung seines Peinigers. »Gott, höre mich an und helfe mir im Kampf gegen diese Ausgeburt der Hölle!«, brüllte er.

Baazlabeth legte den Kopf schief.

»Ich muss dich enttäuschen, Menschlein mit dem Namen Ingvarr. Beide der eben genannten Parteien haben keine Macht an diesem Ort. Soweit ich das beurteilen kann, ist die eine Seite zu dumm und die andere zu träge, um sich für meine Belange zu interessieren. Welche Beschreibung auf wen zutrifft, ist mir leider entfallen.«

Himmel und Hölle waren zwei gern genannte Orte, auf die sich seine Besucher immer wieder beriefen. Baazlabeth kannte keinen davon, aber er vermutete, dass sie stellvertretend für Gut und Böse oder Ordnung und Chaos standen.

Dem Menschen glitt das Symbol aus den Fingern. Es fiel durch die Gitterstäbe und verschwand im Nebel.

»Du sprichst in der Sprache des gesegneten Volkes. Wer oder was bist du, und warum hast du mich an diesen unheiligen Ort verschleppt?«, stammelte der Gefangene.

Baazlabeth spannte seine Gesichtsmuskeln an und versuchte, einen Ausdruck von Schockiertheit aufzusetzen, doch die ängstliche Reaktion seines Besuchers zeigte ihm sein Versagen.

»Immer langsam, nicht so viele Fragen auf einmal. Fangen wir vorne an. Aber für jede Frage, die ich dir beantworte, beantwortest du mir auch eine.«

Baazlabeth erwartete keine Antwort, ihm war bewusst, dass der Mann sich erst einmal an seine neue Umgebung gewöhnen musste, insbesondere deswegen, weil es die letzte sein würde, die er zu sehen bekam.

»So, nun zu deiner ersten Frage. Ich kann sprechen, weil es mir langweilig wurde, mit meinem Essen nur in Schriftform zu kommunizieren. Und dass du die Sprache als jene des gesegneten Volkes bezeichnest, ist für mich der Hinweis darauf, dass man dich schnell verspeisen sollte, weil ihr sehr kurzlebig seid. Außerdem spreche ich alle Sprachen … fast alle … auf jeden Fall die der Wesen, die man auch essen kann. Naja, essen kann man fast alle, aber schmecken tun nur wenige. Mein Orkisch ist wirklich mies, aber ihr Geschmack ist auch so übel, dass sich ein Gespräch vor dem Essen kaum lohnt. Gnome sind ausgesprochen lecker, deren Sprache beherrsche ich aber nur bruchstückhaft. Um genau zu sein, kann ich nur den einen Satz, den sie mir beigebracht haben: Nein, nein, bitte nicht, lass mich doch laufen, wähähä.«

Der Gefangene hatte sein Gesicht tief in den Händen vergraben. Mit jedem Wort, das aus Baazlabeths Schlund drang, lief eine Welle der Erschütterung durch den Körper des Menschen.

Zur Versöhnung kratzte Baazlabeth mit seinen krallenartigen, schwarz unterlaufenen Fingernägeln an den Gitterstäben. Jede weitere Anstrengung, einen vertrauenswürdigen Eindruck zu erwecken, unterließ er. Schon vor Jahren war ihm klar geworden, dass so gut wie jedes Merkmal an ihm das Gegenteil von Vertrauen ausdrückte. Damals war ein alter Hexer bei seinem Anblick tot zusammengebrochen.

»Na gut, dann bin ich jetzt dran, eine Frage zu stellen«, sagte er, als keine Reaktion des Mannes zu erkennen war. »Hast du in letzter Zeit Zaubertränke zu dir genommen oder leidest du an einer Vergiftung?«

Der Mensch schüttelte kaum merklich den Kopf.

»Ich werte das als ein Nein, und somit nagt eine Hand an der anderen, wie das Sprichwort sagt. Nun zu deiner Fehleinschätzung, was diesen Ort betrifft: Dies hier ist kein unheiliger Ort, sondern mein Heim. Alle Einrichtungsgegenstände sind handverlesen, selbst der Käfig, in dem du sitzt.«

Baazlabeth schaute sich um und zupfte gedankenverloren an seinem Kinnbart. »Naja, es ist recht rustikal hier. Dafür wird auch nicht alles vollgesaut, wenn wir uns näher kommen. Auf jeden Fall ist es mein Zuhause, in das du eingedrungen bist. Du hast versucht, mit einem Zauber Zeit und Raum zu überbrücken, und bist irgendwo dazwischen stecken geblieben. Ich bin wieder dran. Es läuft gut zwischen uns, findest du nicht auch?«

Baazlabeth zog die Unterlippe hoch, riss die Augen weit auf und fuchtelte mit seinen Fäusten wild umher wie ein Kind, das sich über Geschenke freute. »Kannst du mir sagen, ob du mit irgendwelchen Schutzzaubern beladen bist? Wurdest du getauft oder vielleicht sogar heiliggesprochen?«

Der Mensch hatte inzwischen seinen Kopf zwischen die Knie gelegt und die Arme davor verschränkt. Zuerst hörte es sich an, als würde er ein leises Wimmern von sich geben, doch dann wurden die Worte, die er sprach, immer lauter und kräftiger - offensichtlich versuchte er, einen Zauber zu wirken.

Schließlich hob der Mann den Kopf aus seinem Schoß. Seine Augen starrten Baazlabeth hasserfüllt an. Die letzten Worte brüllte er und breitete die Arme zu einer großen Geste aus.

Der Zauberspruch blieb wirkungslos. Baazlabeths drohte in seinem Reich keine Gefahr durch fremde Magie, dennoch machte sich etwas wie Enttäuschung in ihm breit. Was dachten seine Besucher, wie einfältig er war. Sie versuchten es doch immer wieder …

»Du hast recht, es läuft nicht so gut«, sagte er, »aber das ist nicht meine Schuld. Wenn du so naiv bist und denkst, dass ich Magier in meine Gewalt bringe und mich nicht gegen ihre Zauber schützen kann, dann kann nie etwas aus uns beiden werden.«

Der Mensch trat mit Wucht gegen die Gitterstäbe. »Was willst du von mir, du Scheusal? Wozu all diese Fragen?«, brüllte er.

»Das liegt doch auf der Hand. Es ist alles eine Frage der richtigen Zubereitung.«

»Welcher Zubereitung?«

»Deiner.«

Baazlabeth griff in den Nebel und zog einen mächtigen Dolch hervor, die eine Seite scharf geschliffen, die andere mit Sägezähnen. Augenblicklich verlor der Mann die Nerven und begann, wie ein Verrückter im Käfig herumzuspringen.

»Das ist alles ein Traum, alles Trugbilder und Illusionen«, schrie er. »Es gibt dich nicht wirklich. Du bist nur in meinem Kopf.«

Noch nicht, aber es kann nicht mehr lange dauern, überlegte sich Baazlabeth.

Er war einen Schritt zurückgetreten und wartete ab, dass der Anfall vorüberging.

»Du musst dich wieder beruhigen«, sagte er sanft und erzielte damit auch die gewünschte Reaktion.

»Und warum?«, wimmerte der Gefangene, der nun auf den Knien am Gitter hockte.

»Dein Fleisch wird sonst zäh, und dein Blut übersäuert sich.«

Baazlabeths Muskeln begannen abermals, nervös zu zucken. Es fühlte sich an wie kleine Blitze, die durch seine Adern schossen. Die Härchen auf der Haut stellten sich auf, und ein Schauer überfiel ihn.

Was denn, was denn, zwei Gäste an einem Tag? Wenn das so weitergeht, sollte ich Eintritt verlangen.

Das anfängliche Gefühl erwies sich jedoch schnell als falsch. Es war ähnlich und doch auch wieder nicht. Der arkane Ursprung mochte aus derselben Quelle stammen, doch die Wirkungsweise dieser Magie war so gegensätzlich zu der vorigen, wie sie nur sein konnte. Zauber, die einem auf der einen Seite Besucher bescherten, konnten genauso dazu verwendet werden, Einladungen zu verschicken. Solch eine Einladung bekam Baazlabeth gerade.

Seine Beine fühlten sich an, als wären sie eingeschlafen und das Blut begänne gerade wieder, durch die Adern zu fließen. Ein unangenehmes Gefühl, als ob kleine Blitze auf der Haut tanzten und wie feine Nadelstiche alles durchlöcherten, worauf sie stießen. Das Gefühl selbst war kein neues für Baazlabeth, aber es war viele Jahre her, dass der Dämon es verspürt hatte - und mit jedem Jahr war die Erinnerung daran verblasst und die Hoffnung, es nie wieder zu spüren, gewachsen.

Normalerweise waren unangenehme Gefühle wie Nadelstiche oder Kribbeln nichts, worauf ein Dämon viel Aufmerksamkeit verschwendet hätte. Es kam darauf an, welchen Ursprung sie hatten, welche Bedeutung. Baazlabeths Welt war mit Sicherheit nicht der Nabel des Universums, und auch nicht der einzige Ort, an dem er sich vorstellen konnte zu leben, doch er hatte ihn sich ausgesucht. Über sich selbst bestimmen, den Ton angeben und entscheiden, wie es weiterging - all das würde er in wenigen Augenblicken für unbestimmte Zeit verlieren. Aber auch damit konnte man zur Not leben, wenn man wenigstens auf jemanden traf, der es verdient hatte, einen zu führen. Leider war es fast ausnahmslos so, dass man sich einem Wesen beugen musste, dass man unter anderen Umständen nur als Ungeziefer wahrgenommen hätte, oder vielleicht als Essen.

Baazlabeth schaute herab und sah, wie sich der Nebel langsam von seinen Füßen zurückzog. Und da waren sie auch schon, die leuchtenden Linien, die sich auf dem Boden um ihn herum abzeichneten. Jede einzelne von ihnen leuchtete wie das Band eines Kometen am Himmel. Sie verströmten das Licht aus einer anderen Welt. Sternförmig schienen sich die Linien in den Boden einzubrennen, um etwas aus seiner Welt herauszuschneiden und in die ihre zu bringen. Das Gebilde flammte erneut auf - dann war es so weit. Der Zauber entfaltete seine Kraft, und das Pentagramm hielt ihn in seinem Zentrum gefangen.

»Wir sehen uns wieder, Ingvarr«, brüllte der Dämon zornig.

Dann sog Licht ihn auf und trug ihn hinfort.

2
Da reicht man ihm den kleinen Finger

In einer Welt, geschaffen von den Göttern, geformt durch die Menschen und mit Bosheit gewürzt durch dämonische Besucher.

Die Reise, wenn man sie so nennen wollte, war noch nicht beendet. Baazlabeth hätte den Ausdruck Gefangennahme oder Entführung bevorzugt, wenn diese nicht so nach Versagen, Unterwürfigkeit und Schwäche geklungen hätten. Deswegen beschloss er, der jetzigen Lage überhaupt keinen Namen zu geben, nicht über sie nachzudenken oder sie später irgendwo zu erwähnen.

Er wusste genau, was mit ihm passierte. Es geschah nicht oft, aber die Male, die er erlebt hatte, waren ihm gut in Erinnerung geblieben. Die Situation, in der er sich befand, konnte nur wenige Ursprünge haben. Um es genau zu sagen, gab es drei Möglichkeiten: Zum einen gab es magische Artefakte, zum anderen komplexe, anspruchsvolle Flüche, die ihn in diese Lage hätten bringen können. Aber am Abscheulichsten fand er die Vorstellung, dass hinter alledem ein arkaner Magiewirker stand.

Er war in den unaufhaltsamen Strudel einer Beschwörung geraten. Einer Beschwörung, die ihn zwang, seine Welt zu verlassen und in eine andere zu wechseln.

Ein Teil seiner selbst - sein Bewusstsein - hatte den Ort schon erreicht, der sein Ziel sein sollte. Der andere Teil - sein materieller Körper - befand sich noch im unendlichen Nichts zwischen hier und dort. So etwas bezeichnete man als Schutzmechanismus, der verhindern sollte, dass Körper und Geist gleichzeitig in die unbekannte Umgebung geschleudert wurden oder - was noch schlimmer war - der Körper ohne Geist seinen Bestimmungsort erreichte. Es war schlecht, irgendwo in einer fremden Welt aufzutauchen und Wesen um sich zu haben, die einen aus Angst töten wollten, wenn man selbst geistig noch nicht auf der Höhe war. Schließlich musste man immer damit rechnen, auf größenwahnsinnige Magier zu treffen, die durch solche Zauber versuchten, die Welten vom Bösen zu befreien.

Baazlabeth hasste den Zustand, entzweit zu sein, wenn er ihn nicht selbst hervorgerufen hatte. Nicht nur, dass die Zeit in diesem Zustand kaum verrinnen wollte, viel schlimmer war die Einsicht, dass es außer seinem eigenen Willen und seinen körperlichen Instinkten noch etwas gab, was ihn lenken konnte, nämlich fremde Magie.

Baazlabeth empfand es schon als bedenklich, dass der Geist, der so zerbrechlich sein konnte, dem Körper, den er in seinem Falle als nahezu perfekt erachtete, seinen Willen aufdrängen konnte, doch er tröstete sich damit, dass die Götter sich hoffentlich etwas dabei gedacht hatten. Sein Körper machte ihn stolz. Er war trainiert und gestählt. Mit seiner Hilfe konnte er die Feinde zerfetzen. Niemand war ihm ebenbürtig. Er war einzigartig und mit Sicherheit auch die Krönung der Schöpfung aller Schattenwesen, und somit von seinem Standpunkt aus gesehen natürlich auch allen Gestalten des Lichtes weit überlegen. Nur leider besaß er nicht die uneingeschränkte Macht, wie es sich für einen Gekrönten ziemte, sondern hörte auf eine innere Stimme, die ihm mit ihrer Schlangenzunge Befehle erteilte. Mit Befehlen hatte Baazlabeth seine Probleme, auch wenn sie von ihm selbst stammten, von seinem Willen, seinem Geist.

Dieser Geist war es nämlich, der ihn oft verunsicherte. Es gab nichts Messbares an ihm, man konnte ihn nicht im Spiegel sehen, und dennoch war er zerbrechlich. Eine schwache Stelle in ihm, die, wenn sie verletzt wurde, nur schwerlich geheilt werden konnte. Baazlabeth nannte sie am liebsten eine Energie, das empfand er als unverfänglich. Seele oder Geist schienen ihm nicht wirklich angebracht. Dennoch brauchte man sich selbst nichts vorzumachen, zu ändern war es ohnehin nicht. Wichtig war nur, dass andere dachten, er sei davon befreit oder besäße etwas, dass ein wenig robuster war. Energie war genau die richtige Bezeichnung für solche Gespräche. Geist klang irgendwie nach dem Teil, der übrig blieb, wenn Sterbliche das Zeitliche segneten, er aber war nicht sterblich, sein Tod bedeutete nur, dass eine Welt für ihn nicht mehr zugänglich war. Ihn endgültig zu vernichten hieße, Tausende von Ebenen zu bereisen, sich ihm auf jeder neu entgegenzustellen und in keiner von ihnen zu unterliegen. Kurz gesagt: unmöglich.

Den Begriff Seele verwendete er nicht, weil dieser Mitgefühl und Verletzlichkeit ausdrückte - auf beides konnte er gut verzichten.

Baazlabeth konzentrierte sich wieder auf das, was ihn erwartete. Er musste die Zeit nutzen, die er hatte, bis sein Körper eintraf.

Als Erstes nahm er das Pentagramm wahr, in dem er stehen würde, wenn er die Reise beendet hatte. Auch wenn sein Körper noch nicht anwesend war, seine Sinne funktionierten einwandfrei. Das fein säuberlich ausgestreute Knochenpulver erstrahlte in gleißendem Licht. In Wirklichkeit tat es das natürlich nicht. Es war nur eine magische Warnung, die ihm zeigen sollte, wo er hingehörte und wo er zu bleiben hatte, bis er entlassen wurde. Ein Verstoß, egal wie gering er auch sein mochte, bedeutete Schmerzen. Eigentlich keine richtige Bestrafung für einen Dämon, aber diese Schmerzen hielten an, solange er existierte, und das würde voraussichtlich noch einige Tausend Jahre sein, wenn alles gut ging. Die dauernden Schmerzen konnten sich negativ auf seine Physis auswirken, in jeder Welt, und diese Vorstellung war wenig verheißungsvoll.

Langsam formten sich die Umrisse seiner Umgebung. Er war in einem Raum, einem runden Zimmer. Vier Fenster zeigten in alle Himmelsrichtungen, aber keines von ihnen stand offen, hölzerne Läden schützten vor neugierigen Blicken. Das Mobiliar bestand aus einer Ansammlung verschiedener Schränke, Truhen und Regale. Ein schwerer Tisch und ein thronartiger Stuhl beherrschten die Mitte des Raumes. Das Pentagramm, in dem er stand, befand sich direkt vor einer schweren Anrichte, die anscheinend als Raumteiler diente. Nirgends war eine Tür zu sehen, was Baazlabeth zu der Vermutung brachte, dass er sich in einem Turm befand, einem Magierturm. Irgendwo musste es eine Treppe geben, doch in all der Unordnung war nichts Dergleichen zu sehen.

Die Dinge, die sich in seiner Umgebung materialisierten, taten das in der Reihenfolge ihrer Beständigkeit. Zuerst entstanden Mauern, Felsen oder alte Bäume, danach Gegenstände, die lange nicht bewegt worden waren, und so weiter. Als Letztes zeigten sich Personen, kurz bevor Gerüche entstanden und das Bild komplett machten.

Die Regale im Zimmer füllten sich mit Büchern. Vasen und Kerzenhalter standen wahllos verteilt, und von der Decke hingen verschiedenartige Gerätschaften, welche die Geschmacklosigkeit der Einrichtung unterstrichen. Eines davon sah aus wie die Nachbildung eines Planetensystems, wenngleich zwei dieser Welten eher eckig als rund schienen. Bei einem anderen Konstrukt dachte Baazlabeth zuerst, es handele sich um ein ausgefallenes Folterwerkzeug, bis er erkannte, dass es nur ein skurriler Pfeifenständer war, der anscheinend ausgedient hatte.

Baazlabeths Aufmerksamkeit wurde auf eine ruckartige Bewegung gelenkt. Eine mittelgroße Gestalt huschte in die Nähe des Tisches. Zwei weitere harrten dort schon aus, eine davon hatte auf dem Stuhl Platz genommen, die andere stand direkt daneben. Es waren Humanoide, schlimmer noch - Menschen.

Von allen Übeln dieser Welt hatte man ihm das größte beschert. Es schien so, als ob Menschen es sich zur Aufgabe gemacht hätten, alle unangenehmen Eigenarten in sich zu vereinen, um damit anderen Wesen auf die Nerven zu gehen. Sie waren streitsüchtig, besserwisserisch und meist übel gelaunt, gepaart mit einer ständigen Ängstlichkeit, die von ihrer Verletzlichkeit herrührte.

Baazlabeth hatte schon einmal mit dieser Art Primaten im Rahmen einer Beschwörung zu tun gehabt. Damals hatten sie ihm aufgetragen, den Eingang zu einer Gruft zu bewachen. Dagegen wäre eigentlich nichts einzuwenden gewesen, hätte er davorgestanden und die heranstürmenden Gegner einen nach dem anderen niedergemetzelt. In jenem Fall war es jedoch ganz anders gekommen: Vier Jahre stand er vor dem schweren Steinportal, bis der Erste und Einzige sich blicken ließ. Ein junger Mann, der keine Ahnung hatte, auf was er sich einließ. Seine Ausrüstung war spärlich und Kampferfahrung nicht vorhanden. Baazlabeth war sich sicher, dass der Kerl nicht einmal wusste, wer ihn getötet hatte.

Zwei Jahre später wurden die Katakomben durch ein Erdbeben vernichtet, und sein Amt löste sich in Staub auf. Damals hatte er sich geschworen, den Zeitraum, für den man seine Dienste in Anspruch nahm, genauer durch den Spruchwirker definieren zu lassen, um wenigstens abschätzen zu können, wie ungehalten er seinem Auftraggeber gegenüber sein musste. Wirkliche Konsequenzen würde dies dennoch nicht haben.

Der Auftrag, der einem Dämon gestellt wurde, unterlag gewissen Regeln und Bedingungen. So musste es sich um eine zeitlich begrenzte Tätigkeit handeln. Es mochten nur wenige Augenblicke sein oder hundert Jahre, genauso konnte man aber auch einen bestimmten Anlass zur Erfüllung nehmen. Die Klauseln besagten, dass der Dämon sich nicht selbst töten durfte oder die Erfüllung des Auftrages darin bestand, dass er geopfert wurde. Ebenso wenig war es ihm gestattet, den beschwörenden Magier zu töten, was eigentlich die leidigste aller Regeln war. Einen Dämon zu Hilfe zu rufen, um einen anderen zu bekämpfen, war gleichermaßen untersagt.

Eine Unachtsamkeit in der Wahl der Worte, die seinen Auftrag beschrieben, führte unweigerlich dazu, dass der Beschworene sie zu seinen Gunsten auslegte. Ein Verstoß gegen die Regeln bei der Vergabe des Auftrages ließ den Zauberspruch unwirksam werden, und der Dämon konnte aus dem bindenden Pentagramm fliehen. Dies hatte meistens den Tod des Magiers zur Folge, weil Dämonen sich ungern entführen ließen und so ihren Unmut äußerten.

»Bei den Schriften des Torades, ist das ein Vieh!«, sagte der Mann, der Baazlabeth zuerst aufgefallen war. Er hockte jetzt neben dem Tisch.

Für Baazlabeth bedeutete der Ausspruch nur, dass sein Körper eingetroffen war und er sich nun gänzlich in dieser Welt aufhielt. Von Torades und seinem Geschreibsel hatte er noch nie gehört.

»Was hattet ihr gedacht, dass ich einen Wicht beschwöre, dem ich euer Begehr mitteile?«, antwortete der alte Mann in dem thronähnlichen Stuhl.

»Sei bloß still, Quacksalber, sonst nagle ich deinen Kopf an die Wand.«

Bei aller Antipathie gegen den Magier, die Baazlabeth empfand, weil dieser seine Ruhe und neuesten Experimente gestört hatte, ein Quacksalber war der Alte ganz sicherlich nicht. Jemanden wie ihn zu beschwören bedeutete eine Menge Erfahrung und Selbstdisziplin. Ein Quacksalber wäre jetzt schon tot.

Aber mit einem hatte der junge Mann recht: Er wäre in der Lage, den Magier an die Wand zu nageln, da er dem Alten eine gespannte und geladene Armbrust an den Kopf hielt - ein Zustand, der für diese Situation nicht alltäglich war.

Baazlabeth war von Natur aus neugierig. Zu sehr hätte ihn interessiert, welche Zwistigkeit die beiden veranlasste, sich töten zu wollen. Leider hatte ihm die Vergangenheit gezeigt, dass es sinnvoller war, erst zu sprechen, wenn es ihm erlaubt wurde. Es gab arkane Zauberwirker, die es überhaupt nicht schätzten, Fragen beantworten zu müssen, und stattdessen mit schmerzvollen Sanktionen aufwarteten.

Egal, dachte Baazlabeth, vielleicht töten sie sich gegenseitig, dann frage ich hinterher einfach den, der vorne am Tisch hockt.

Vorerst begnügte er sich damit, den Akteuren zuzusehen. Der Jammerlappen, so nannte ihn Baazlabeth, weil er nicht glaubte, dass der Junge lange genug überleben würde, als dass es sich lohnte, sich für ihn einen richtigen Namen auszudenken, starrte ihn voller Ehrfurcht an. Diese Geste ließ ihn schon fast wieder sympathisch erscheinen, würde aber nichts an seinem Schicksal ändern. Der Jammerlappen trug ein einfaches Gewand aus braunem Leinenstoff. Eine Kapuze hatte man nachträglich angenäht. Lange fettige Haare hingen dem Mann ins Gesicht und ließen wenig von seinem Aussehen erkennen. Um die Taille hatte er eine Kordel gebunden, an der ein Dolch befestigt war. Der ramponierte Griff der Waffe allein reichte aus, um sagen zu können, dass man damit keinen Gegner einschüchtern konnte, der nicht nackt und hilflos an ein Rad gebunden war.

Der andere - Baazlabeth taufte ihn Flinkfinger - war ähnlich schlecht gekleidet. Er war hier im Raum der Wortführer, jedenfalls solange wie er mit der Armbrust auf den Magier zielte und diesen nicht tötete. Anscheinend kannte er sich mit Beschwörungszaubern nicht aus, andernfalls hätte er nicht gedroht, den Magier zu erschießen und Baazlabeth damit aus seinem Pentagramm zu entlassen. Der Dämon nahm sich vor, Flinkfinger noch ein wenig Nachhilfe in arkanen Beschwörungen zu geben, falls der wirklich so dumm war, den Magiewirker zu töten. Erst danach würde Baazlabeth den Jungen zermalmen.

Flinkfinger war einer von den Skrupellosen. Man sah ihm an, dass er schon öfter getötet hatte und es nicht an seiner Seele nagte. Er würde ohne zu zögern abdrücken. Sein Zeigefinger tippte in kurzen Abständen gegen den Auslöser der Armbrust, um den Druckpunkt zu bestimmen. Auch der Magier hatte die Natur des Mannes erkannt und sie nicht unterschätzt.

Baazlabeth wusste, dass sein Name Lebuin Nemrothar lautete. Der Zauber, den er gewirkt hatte, um den Dämon in diese Welt zu holen, verband die beiden miteinander und offenbarte viele ihrer Geheimnisse. Sie beide waren wie Baum und Blatt, einen Teil ihrer Existenz erlebten sie gemeinsam, bis es an der Zeit war, sich wieder zu trennen. Wobei Baazlabeth sich natürlich als Baum sah.

Nemrothar war in die Jahre gekommen. Sein einst lockiges, schwarzbraunes, schulterlanges Haar hing jetzt glatt herab und hatte sich weiß verfärbt. Seine körperliche Kraft war geschwunden, und der früher gut trainierte Körper entwickelte Falten und Wülste an Stellen, die nur mit großzügigen Gewändern verdeckt werden konnten. Das Alter hatte aber nicht nur seinen Tribut gefordert, es hatte ihm auch viel gegeben. Seine Erfahrung machte ihn bereits zu einem Quell der Weisheit, aber die Weiterentwicklung seiner magischen Fähigkeiten ließ ihn sogar zu einem der größten Zauberer werden, den die Menschen hervorgebracht hatten.

Eines jedoch war an ihm spurlos vorübergegangen und unverändert geblieben: die Geschmacklosigkeit, mit der er sich seit Jahrzehnten kleidete. Sein doppelt gefütterter, dunkelblauer Seidenumhang mit grünem Saum hätte sicherlich gereinigt werden müssen, doch besaß er keinen zweiten, den er währenddessen hätte tragen können. Die ledernen Schuhe hatten im Laufe der Jahre die Form seiner Füße angenommen, und der Dunst, den sie verbreiteten, war eine interessante Mischung aus Leder, Tran und Schweiß. Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, hatte ihn ein verwegener Schneider dazu überredet, sich einen Hut anfertigen zu lassen. Dieses umstrittene Kunstwerk legte er nur während der Nachtruhe ab.

Der schwarze Hut bestand aus einer kegelförmigen Spitze, die einst in den Himmel gewiesen hatte, aber im Laufe der Jahre, genau wie die meisten Körperteile der Menschen, zu Boden strebte. Und bei der breiten Krempe, die eigentlich vor der Sonne schützen sollte, dachte man unweigerlich an Scheuklappen.

Baazlabeth wurde aus seinen Betrachtungen gerissen, als Flinkfinger sich wieder zu Wort meldete: »So Alter, wie geht es jetzt weiter?« Dabei drückte er Nemrothar den Bolzen nachdrücklich an die Schläfe.

Der Zauberer wirkte nicht sonderlich verunsichert. Kein Schwitzen, Blinzeln oder nervöses Fußtippen zeigte sich bei ihm. Entweder war ihm egal, was mit ihm passierte, oder er hatte einen guten Plan.

»Ganz einfach: Ich sage ihm, was er zu tun hat, und entlasse ihn aus dem Bannkreis.«

»Das ist alles?«

»Ja.«

Flinkfinger wirkte überrascht, wie einfach das alles schien. Ein breites Grinsen huschte über sein Gesicht.

»Gut, dann wiederhole den Plan noch einmal«, befahl er mit finsterer Miene.

»Erstens ist es kein Plan, sondern ein einfacher Meuchelmord, und zweitens bin ich nicht senil«, trotzte Nemrothar.

Jetzt drückte Flinkfinger den Bolzen stärker gegen die Schläfe des Zauberers. »Versuch nicht mich reinzulegen, ich mag keine Spielchen.«

Nemrothar war offensichtlich genervt und verdrehte die Augen.

»Er soll von hier aus direkt zum Haus von Lord Brackenmoore gehen. Jeder, der sich ihm in den Weg stellt, soll umgebracht werden. Er verschafft sich Zugang zum Schlafgemach seiner Lordschaft und wird ihn und seine Kurtisanen, die Dienerschaft und alle Wachen in Schloss Sturmfels töten. Danach kehrt er zurück und bringt als Beweis den Kopf Brackenmoores mit.«

Juchhe!

Das war nach Baazlabeths Geschmack. Er revidierte alle schlechten Gedanken über diese Beschwörung. Endlich ein Auftrag, der viel Spaß versprach. Und wenn alles gut ging, würde der Weg zum Haus dieses Brackenmoores den größten Teil seiner Zeit in Anspruch nehmen. Mit etwas Glück wäre er zurück in seinen eigenen Gefilden, bevor er und sein Gefangener Ingvarr Hunger bekamen.

»Gut, fang an. Und vergiss nicht, ich stehe hinter dir«, drohte Flinkfinger.

Nemrothar stand auf und trat vor seinen Schreibtisch.

»Meine Güte, seht euch die Arme an und diese Muskeln«, unterbrach Jammerlappen die Konzentration des Zauberers. »Der wird Lord Brackenmoore in der Luft zerfetzen.«

Alle Anwesenden wandten Jammerlappen ihren Blick zu. Nemrothar betrachtete ihn etwas mitleidig, während Baazlabeth eine geschmeichelte Miene aufsetzte. Flinkfinger schnappte sich einen Stapel Pergament und schlug ihn Jammerlappen auf den Kopf.

»Halt das Maul. Wir sind hier nicht in der Kuriositätenausstellung einer Gauklertruppe. Lass den Alten seine Arbeit tun.«

»Ich meine ja nur, sieh ihn dir mal an, der wird eine Menge Trubel auf sich ziehen.«

Das kann ich dir versprechen, Jüngelchen.

Flinkfinger schien zu überlegen, und Nemrothar wartete, bis dieser Vorgang abgeschlossen war.

»Das stimmt, viele Unschuldige werden in den Straßen der Stadt umkommen. Kann er sich unsichtbar machen?«, fragte Flinkfinger.

»Lass ihn nur machen«, sagte der Zauberer beruhigend.

Genau, lass mich mal machen. Eine Stadt, super. Wie heißt es doch so schön: Viel Feind, viel Ehr, viel Spaß.

»Kann ich jetzt endlich fortfahren?«

Flinkfinger und Jammerlappen nickten, obwohl die Zustimmung von Jammerlappen nicht erforderlich war, da ihn ohnehin keiner beachtete.

Nemrothar positionierte sich erneut und richtete seinen Hut mit mehr oder minder großem Erfolg.

»Taas mi tu Baazlabeth.«

Baazlabeth zog eine Braue hoch und schnaubte durch seine Nüstern. Warum sprach Nemrothar plötzlich in der Sprache der Erdvölker? Er war eindeutig zu groß für einen Unterirdischen. Entweder war er senil, oder er hatte einen Plan.

»Taas mi tu Baazlabeth.«

Ich höre dir zu Opa, ich bin noch nicht verkalkt. Du musst nicht alles wiederholen.

»Mik na de gonth. Nim der unk de balz.«

Ja, ja, du hast die Geister gerufen, bla, bla, bla …

Mit einem Schwung fegte Flinkfinger sämtliche Unterlagen vom Tisch. Kurz darauf hockte er auf der schweren Eichenplatte und drückte Nemrothar die Armbrust ins Genick.

»Was soll das, Zauberer, warum sprichst du so ein Kauderwelsch.«

»Ich rede in der Sprache der Dämonen. Das gehört alles zum Ritual. Wenn es dir missfällt, mach es doch selber«, entgegnete Nemrothar.

Gut gekontert, Alter, du hast also doch einen Plan.

Nemrothar fuhr wieder fort, unter den wachsamen Augen Flinkfingers.

»Bebeth nam irdas …«

Dein Auftrag soll es sein …

»… bize de la tras …«

… zu wandeln durch die Straßen …

»… nep trep de falf de noin.«

… und zu verdienen dein tägliches Brot.

»Nibel erk da balam de trunas bit erk di ba de balam.«

Der Lohn für deine Arbeit soll nur erwachsen aus Tätigkeiten, die mit Sitten und Gesetz im Einklang stehen.

»Nubel nom akas de fi daran de bibizetna goltaks.«

Dein Auftrag soll beendet sein, wenn es dir gelungen ist, fünftausend Goldstücke anzusammeln.

Baazlabeths gute Laune schwand im Nu. Wo waren all die Toten: der Lord, den er in der Luft zerfetzten sollte, Hunderte von wehrhaften Stadtwachen, schreiende Frauen und weinende Kinder? Wie konnte der Alte es wagen? Seit Ewigkeiten eine Aufgabe, die ein wenig Freude versprach, und er machte wieder alles zunichte.

»So, du kannst ihm jetzt die Kiste geben«, sagte Nemrothar zu Flinkfinger.

Haha, alles wird ein gutes Ende nehmen.

Flinkfinger schien seinen Denkprozess für diesen Tag abgeschlossen zu haben. Er legte seine Armbrust beiseite und holte eine hölzerne Kiste hinter dem Tisch hervor. Damit schritt er, ohne etwas Böses zu ahnen, zu Baazlabeth hinüber. Etwas zögerlich reichte er ihm die Kiste und achtete dabei darauf, dass er das Pentagramm nicht betrat.

Baazlabeth fand es immer wieder erstaunlich, dass es hier und dort noch jemanden gab, der nicht wusste, was ein Bannkreis war. Solange ihn Nemrothar noch nicht in diese Welt entlassen hatte, war dieser kleine Zirkel aus Knochenstaub ein Teil seines Reiches. Wer es wagte hineinzutreten oder auch nur mit der Hand die Barriere durchstieß, gehörte ihm und musste die Konsequenzen dafür tragen - wenn er es aushielt.

Feierlich überreichte Flinkfinger mit ausgestreckten Armen die hölzerne Truhe. Baazlabeth kostete den Moment aus. Egal, wie schnell die Reaktionen des Mannes sein mochten, sie würden nicht ausreichen, um sich seinem Schicksal zu entziehen. Blitzschnell packte Baazlabeth zu und umklammerte die seitlichen Griffe der Kiste mitsamt Flinkfingers Händen. Dessen entsetzte Blicke sprachen Bände. Erfolglos versuchte der Mann, die Hände aus der Umklammerung zu lösen, und warf einen Hilfe suchenden Blick zurück auf Nemrothar. Der Zauberer hatte sich in weiser Voraussicht abgewandt.

Baazlabeth zog Flinkfinger weiter in den Zirkel. Der junge Mann schrie seinen Kumpanen an, irgendetwas zu tun, doch Jammerlappen hockte wie gebannt am Boden, und Tränen flossen über sein Gesicht.

Ein breites Lächeln zog sich über Baazlabeths Gesicht und entblößte die Pracht seiner Kiefer. Er beugte sich von oben über Flinkfinger und öffnete sein Maul. Ober- und Unterkiefer waren so weit aufgeklappt, dass sie fast auf einer Linie miteinander waren, als der Kopf des Mannes zwischen ihnen verschwand. Es klang wie das Zuschnappen einer Bärenfalle, als sie sich schlossen. Jammerlappen und Nemrothar hatten beide ihren Blick abgewandt, aber das dumpfe Aufklatschen von Flinkfingers totem Körper, als dieser zu Boden stürzte, gab ihnen die Gewissheit, dass das grausige Schauspiel ein Ende gefunden hatte.

Zögerlich und peinlich davon berührt, am Tod des Söldners Mitschuld zu tragen, widmete der alte Zauberer sich wieder den Geschehnissen in seinem Arbeitszimmer.

»Jetzt gehe hin und tue, wie ich von dir verlangt habe. Ich erlaube dir, meine Welt zu betreten, Baazlabeth«, sagte er in der Sprache der Menschen.

»Was sollen die Spielereien, Nemrothar?«, fragte Baazlabeth, während er über den kopflosen Körper Flinkfingers aus dem Pentagramm schritt. »Du brauchst meine Hilfe nicht, um Reichtum anzusammeln. Schicke mich wieder zurück, und wir trennen uns als Freunde.«

Der Blick des Zauberers wurde eisig. »Noch weniger als Gold brauche ich Freunde wie dich. Nimm die Aufgabe als eine Art Lektion.«

»Eine Lektion?«, brüllte Baazlabeth. »Was glaubst du, wer du bist, dass du mir eine Lektion erteilen kannst?«

Jammerlappen hatte die Beine angewinkelt und hielt schützend die Knie vors Gesicht. Die Angst in ihm schien seinen Beinen den Dienst zu versagen. Auf Nemrothar jedoch zeigte der Wutausbruch des Dämons keinen Erfolg, denn er wusste natürlich, dass ihm nichts geschehen konnte.

»In dieser Welt«, sagte er, »bin ich der Herr und du der Diener. Finde dich damit ab.«

Es war nicht immer leicht, die Wahrheit zu verkraften, selbst für einen Dämon, aber der Zauberer hatte recht, dieses Spiel gewann er.

»Gibt es irgendetwas zu beachten, irgendwelche Regeln, die ich einhalten muss?«, erkundigte sich Baazlabeth. »Ich habe mich daran gewöhnt, dass ihr Menschen alles verkompliziert. Ihr stellt einfache Aufgaben, vergesst wichtige Details und beschwert euch nachher, dass alles anders gelaufen ist, als ihr euch das vorgestellt habt.«

»Meine Aufgabenformulierung war klar und eindeutig«, erwiderte Nemrothar. »Alles, was du wissen musst, habe ich dir gesagt. Was deine Sicht auf die Menschen angeht, wirst du genügend Zeit haben, sie zu überdenken. Aber in einem Punkt kann ich dich beruhigen: Die dir gestellte Aufgabe ist nichts Ungewöhnliches. Jeder Mensch in dieser Stadt hat sie verinnerlicht. Die einen streben nach noch größerem Reichtum, die anderen geben sich schon mit einem Bruchteil davon zufrieden. Für jemanden wie dich fand ich die Summe angemessen. Sie ist weniger, als die meisten Händler besitzen, und doch soviel, dass du dich nicht in deiner Ehre gekränkt fühlst. Wenn du auf die Stimme deines Hochmutes hören würdest, würde sie dir wahrscheinlich sagen, dass du zurück bist, bevor ich hier sauber gemacht habe. Wenn du sie nicht enttäuschen willst, solltest du dich beeilen.

Erst jetzt begriff Baazlabeth, das dies einem Rausschmiss gleichkam.

»Nemrothar, irgendwann wird dir ein Fehler unterlaufen, dann schau genau hin, denn ich werde bei dir sein«, drohte Baazlabeth und suchte den Ausgang.

Es gab tatsächlich eine Treppe, sie war nur schwer zu entdecken, da Nemrothar das Geländer zum Trocknen seiner Wäsche missbraucht hatte.

»Wo willst du hin?«

»Ich werde tun, was du mir aufgetragen hast, schließlich möchte ich diese liebliche Stimme in mir nicht enttäuschen.«

»In deiner wahren Gestalt?«, fragte der Zauberer. »Du wirst Schwierigkeiten haben, deinem Ziel näher zu kommen, wenn du so meinen Turm verlässt. Die meisten Bürger der Stadt dürften wenig Verständnis für deinen grotesken Körper zeigen. Wo wolltest du arbeiten, in einem Wanderzirkus?«

Baazlabeth drehte sich um, in seinen Augen funkelte der Hass. Erbost ging er auf Nemrothar zu und blieb schnaubend vor ihm stehen. Er langte über den Zauberer hinweg und griff einen Brieföffner, der unweit auf einem Beistelltisch lag. Nemrothar zeigte keinerlei Unsicherheit. Er wich keinen Zoll zur Seite.

Baazlabeth tippte sich mit der stumpfen Klinge nervös auf die muskulöse Brust. Dann stieß er sich das Utensil von oben ins Fleisch. Ohne auch nur die geringste Reaktion zu zeigen, öffnete er seinen Brustkorb von der obersten Rippe bis zur Bauchdecke. Den Öffner ließ er achtlos fallen und griff mit beiden Händen in die klaffende Wunde. Nur wenig Blut sickerte aus seinem Körperinneren über die Hüfte herab, an seinem Bein herunter und auf den Boden.

Baazlabeth griff mit beiden Händen zwischen Lunge und Herz und zog einen menschlichen Kopf heraus; verhüllt von einer milchigen Schutzhaut ragte er aus seiner Brust. Die Arme des Dämons wurden kraftlos und hingen schlapp am Körper herunter. Als das menschliche Haupt sich in kreisenden Bewegungen streckte, kippte Baazlabeths Kopf zur Seite und ähnelte nur noch einer leblosen Maske. Wie aus einem Kokon schlüpfte die neue Gestalt des Dämons aus ihm heraus. Die alte Hülle streifte er wie eine Stück Kleidung ab. Zuletzt riss er die feine Haut, die ihn umgab, herunter und ließ sie ebenfalls zu Boden fallen.

Zum Vorschein kam ein junger Mann um die dreißig. Sein langes blondes Haar war zu einem Zopf geflochten. Sein breites Kinn, die hohen Wangenknochen und die wohlgeformte Nase hätten ihn sympathisch wirken lassen, wenn das Unwirkliche in seinen Augen nicht gewesen wäre. Er war vollständig bekleidet, und kein einziger Schmutzfleck war an ihm zu sehen. Sein grüngelb kariertes Hemd war halb aufgeknöpft und ließ einen Blick auf seine muskulöse Brust zu. Eine grauschwarz gestreifte Hose verschwand unterhalb der Knie in schwarzen Stulpenstiefeln. Ein langer grauer Stoffmantel hing zum Schutz vor kalter Witterung um seine Schultern.

Baazlabeth sah an sich herab und wischte einen nicht vorhandenen Fussel von der Kleidung.

»Du solltest hier mal sauber machen«, sagte er zu Nemrothar, der ihm immer noch emotionslos gegenüberstand. »Es könnte sein, dass ich schneller zurück bin, als dir lieb ist.«

»Hast du nicht noch etwas vergessen?«, fragte der Zauberer und nickte in Richtung Jammerlappen, der sein Gesicht immer noch gegen seine Beine presste.

»Ist das ein Auftrag, der mir rechtmäßig erworbenes Gold einbringt?«

Nemrothar schüttelte den Kopf, zog aber dennoch eine goldene Münze aus dem Saum seines Gewandes. Nachdenklich rollte er sie zwischen Zeigefinger und Daumen hin und her.

»Blutgeld ist nichts, was du von einem Magier bekommen kannst, genauso wenig wie man von ihm erwarten kann, an einem Meuchelmord beteiligt zu sein. Nimm die Münze als Bezahlung für die Umstände, die ich dir bereitet habe.«

Mit einem Fingerschnippen warf er sie hinüber zu Baazlabeth, der sie nicht minder gekonnt aus der Luft fischte. Angewidert schlurfte er zu Jammerlappen hinüber und hockte sich vor ihn hin. Der junge Mann kauerte immer noch am Boden, sein Gesicht tief zwischen den Knien vergraben. Jammerlappens ganzer Körper zitterte wie Espenlaub, und Baazlabeth glaubte etwas wie ein leises Gebet zu hören.

»Du flehst deine Götter um Hilfe an, wo dein armseliges Leben noch nicht einmal ein einziges Goldstück wert zu sein scheint?« Baazlabeth ließ die Münze zwischen den Fingerknöcheln tanzen. »Auf der einen Seite der Münze ist der Kopf eines Mannes abgebildet, auf der anderen ein Schiff. Das passt doch. Sagen wir einmal, der Kopf steht für den deinen und das Schiff für die Freiheit. Magst du Glückspiele, Jammerlappen?«

Der Jüngling verfiel bei den Worten in ein regelrechtes Schlottern, was Baazlabeth als »Nein« deutete.

»Macht nichts, es langt seit jeher, wenn ich Spaß an einer Sache habe. Die meisten, mit denen ich spiele, setzen sich ohnehin kein zweites Mal mit mir an einen Tisch. Es scheint sie irgendwie zu - zermürben, wenn ich gewinne, und ich gewinne immer.«

Baazlabeth warf die Münze in die Luft, fing sie abermals gekonnt mit einer Hand auf und klatschte sie auf den Handrücken der anderen. Dann wagte er einen vorsichtigen Blick, grinste und sah zu Nemrothar hinüber.

»Mach es selbst.«

Baazlabeth erhob sich, schnappte sich die Kiste und ging zur Wendeltreppe. Bevor er die erste Stufe betrat, wandte er sich ein letztes Mal an den alten Zauberer: »Die Unannehmlichkeiten, die du mir bereitet hast, kannst du nicht mit deinem Gold bezahlen. Meine Entlohnung ist dein Blut.«

»Findest du nicht, auch mir würde ein Münzwurf zustehen?«, fragte Nemrothar provokant.

»Ich sage dir Bescheid, wenn es so weit ist. Momentan scheine ich eine Pechsträhne zu haben.«

Mit diesen Worten verschwand der Dämon in Menschengestalt und verließ den Turm des Magiers.

3
Je später der Abend, desto böser die Gäste

In einer Stadt, wo Straßen in Richtungen führten, die man eigentlich nicht einschlagen wollte, und die für so manchen als Sackgassen endeten.

Über sechs karge Granitstufen gelangte Baazlabeth hinunter auf die spärlich beleuchtete Straße einer Stadt. Hinter ihm fiel die Tür zu Nemrothars Behausung ins Schloss. Der dumpfe Klang schien etwas Endgültiges an sich zu haben, wie der Geruch von Siegelwachs auf Pergament.

Es hatte geregnet, und das Licht einer entfernten Straßenlaterne funkelte auf dem feuchten Pflaster wie der Sternenhimmel in einer klaren Nacht. Ein Blick in alle Himmelsrichtungen, vorbei an hohen schlanken Häusern und über die roten Schindeldächer hinweg verriet Baazlabeth, dass seine Reise ihn in eine Küstenstadt geführt hatte, die vom Wasser bis weit hinauf in ein Gebirge errichtet worden war. In mehr als tausend Fuß Höhe sah er die beleuchteten Fenster und die schlanken Umrisse von hohen Türmen, die vom fahlen Mondlicht beschienen wurden.

Nemrothars Turm war das letzte Gebäude in der engen Gasse, die sich einmal um den alten Steinturm herumschlängelte. Die anderen Häuser waren weniger auffällig und lagen dicht beieinander. Ihre Bauart war im Großen und Ganzen einheitlich. Gebrannte Ziegel, hell verputzte Fassaden und einige geteerte Balken ließen ein Fachwerk entstehen, das so gut wie jeder Witterung standhielt. Hohe schlanke Gebäude drängten sich aneinander und schienen sich förmlich gegenseitig zu stützen. Viele von ihnen waren miteinander verbunden, und man konnte kaum erkennen, wo eines von ihnen aufhörte und das nächste begann. Runde Türme, wie der von Nemrothar standen dicht beieinander wie Bäume in einem Wald. Mehrere Stockwerke hoch, fußten sie auf einem gemeinsamen Fundament, von wo aus sie sich verjüngten, bis sie sich voneinander trennten und allein in die Höhe strebten. Einige der Türme waren nur fünfzig Fuß hoch und überragten kaum die Gebäude um sie herum, andere jedoch maßen mehr als hundertfünfzig Fuß und wirkten wie kahle Baumstämme in einer Buschlandschaft.

Baazlabeth folgte dem Weg hangabwärts aus der Sackgasse heraus. Die Stadt schien größer als jede andere Menschensiedlung, die er bislang kannte. Sich in einer Stadt zu bewegen war etwas anderes, als sich in einer Schlacht den Weg freizukämpfen. Normalerweise wurden Dämonen nicht gezwungen, ihre Gestalt zu wechseln. Die meisten Zauberer, die einen Dämon beschworen, wollten, dass man sah, welche Macht ihnen oblag. Was hundert Menschen nicht vermochten, konnte ein Dämon allein mit seinem Lächeln bewirken. Unter Umständen mochte es schon reichen, einen feindlichen Heerführer durch das sanfte Kratzen mit den Krallen auf seiner Brust zu wecken und ihm ein Augenzwinkern zu schenken, damit er die Flucht antrat. Natürlich würde ein Dämon, der etwas auf sich hielt, es nicht dabei belassen und versuchen, eine breite Blutspur zu hinterlassen, wenn er zu seinem Auftraggeber zurückkehrte.

Baazlabeth hätte nur zu gern diese fremde Stadt in ein Schlachtfeld verwandelt. Wollte er aber seinen Auftrag erfüllen - obwohl von wollen natürlich keine Rede sein konnte -, blieb ihm nichts anderes übrig, als die Ratschläge des Magiers zu beherzigen und im Verborgenen zu bleiben.

Baazlabeth folgte der schmalen Pflastersteintrasse weiter. Ein fast fremdartiges Gefühl überfiel ihn - ein Gefühl, von dem die meisten Dämonen behaupten würden, dass sie es nicht kannten. Natürlich hatten auch Dämonen Gefühle. Wie sollte es auch anders sein, wenn selbst die Götter mit solchen zu kämpfen hatten. Baazlabeth bevorzugte es aber, wie er es auch mit vielen anderen Dingen tat, dem Kind einfach einen anderen Namen zu geben. Statt Gefühle nannte er sie einfach Regungen, das hörte sich weniger verletzlich an, fand er.

Mit jedem Schritt verstärkte sich diese Regung - ein Unwohlsein. Zuerst vermutete er, es läge daran, dass er den Straßen folgen musste und nicht, wie in seiner Welt, anders herum, die Wege seinem Willen folgten. Doch dann musste er sich eingestehen, dass dieses Unwohlsein von etwas herrührte, das er in seiner Welt so genoss. Es war die Ruhe, die Stille, die er sonst so schätzte, die aber in dieser Welt seltsam aufgezwungen wirkte. Selbst die Schar Lemuren in seinem Reich verbreitete mehr Leben als diese Stadt der Menschen. Keines der Häuser stand leer, überall war Licht zu sehen, und Baazlabeth sah hier und da hinter Fensteröffnungen schemenhaft die Bewohner, die sich im Inneren aufhielten. Doch von dem sonst so chaotisch erscheinenden Durcheinander in den nächtlichen Gassen, wie er sie selbst von kleinen Siedlungen her kannte, war nichts zu sehen oder zu hören.

Er hatte noch nicht viele Städte besucht, aber in keiner von ihnen wurde es nach Einbruch der Dunkelheit so leblos wie hier. Die Bewohner, die sich nachts in den Gassen vergnügten, waren zwar oft andere als die tagaktiven, doch eigentlich nicht weniger geschäftig. Die Stille, die hier herrschte, war eine Bürde, eine, die der Stadt aufgezwungen wurde. Eine Last, die ein grauenvolles Geheimnis barg.

Baazlabeth spürte all diese Empfindungen eines Ortes. Seine Sinne waren die eines Dämons, egal, ob in seiner wahren Gestalt oder nicht. Dazu gehörte, dass er Angst riechen und schmecken konnte, gute Taten erzeugten in ihm eine Regung der Übelkeit, und Selbstaufopferung konnte ihn zum Erbrechen bringen. Er konnte Dinge erahnen, die noch passieren würden, Sachen sehen, die für andere im Verborgenen lagen, und Stimmen hören, die kaum flüsterten. Alles, was zu den mentalen Kräften eines Dämons gehörte, wurde mit in seinen neuen Körper transportiert. Einzig und allein seine neue menschliche Hülle war den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt unterworfen, mit einigen kleinen Ausnahmen.

Seine Welt war leer und empfindungslos. Dort gab es keine Gerüche, Stimmen und Geräusche oder Gefühle, die er nicht selbst in die Welt gesetzt hatte. Nur wenn er jemanden bei sich gefangen hielt, füllte derjenige mit seinen Ängsten Baazlabeths Hallen. Das waren die Momente, in denen er sich wirklich lebendig fühlte. Die Angst aber, die durch diese Gassen kroch, bewirkte auch in ihm ein lähmendes Gefühl. Jemand anderes war es, der sich an ihr labte. Jemand, dem es nicht reichte, sich mit der Angst eines Einzelnen zu begnügen. Er versetzte eine ganze Stadt in Schrecken.

Inzwischen hatte er das Ende der kleinen Gasse erreicht, die auf eine breite Prachtstraße mündete. Baazlabeth blieb an der Häuserecke stehen und betrachtete die hölzernen Schilder mit den Straßennamen. Die Gasse, aus der er kam und die zu Nemrothars Turm zurückführte, hieß Flunkergasse, ein Name, den er äußerst passend fand, nachdem er den alten Zauberer kennen gelernt hatte. Der Name der Prachtstraße lautete Götterstiege. Ob er genauso gut gewählt war, würde sich noch herausstellen.

Eine knochige Hand schloss sich um den Rahmen des Fensterladens an der Hausmauer. Wenn es in Baazlabeths Natur gelegen hätte, wäre er vor Schreck zusammengezuckt. Da dies nicht so war, wagte er einen vorsichtigen Blick ins Innere des Hauses. Eine alte Frau fummelte an der Verriegelung herum, aber als sie Baazlabeth sah, trat sie einen Schritt zurück. Die Raumaufteilung im Inneren des Hauses war großzügig und die Möbel von guter Qualität. Kinder, Enkel und vielleicht sogar Urenkel der alten Frau, wenn Baazlabeth die dicht zusammenstehenden Augen und die hakenförmigen Nasen richtig deutete, die jedem von ihnen gegeben waren, hatten an einem reich gedeckten Tisch Platz genommen. Den Menschen in dieser Stadt schien es gut zu gehen, somit würde es ihm leicht fallen, die geforderte Summe Nemrothars anzuhorten.

»Seid gegrüßt, Muttchen, wie ist der Name dieser wunderschönen Stadt?«, rief er der Frau zu.

»Das hier ist Brisenburg, aber Ihr solltet machen, dass Ihr eine Unterkunft findet, sonst erwischt Euch noch der Fluch - oder die Wache.«

Baazlabeth hätte sich gern auf ein Pläuschchen eingelassen, um mehr zu erfahren, aber ein junger Mann trat ans Fenster und half der Alten beim Schließen der Läden.

»Verschwinde, Taugenichts!«, blaffte er Baazlabeth an.

Die leisen Verwünschungen in einer Sprache, die der Mann ohnehin nicht verstanden hätte, prallten am geschlossenen Fenster ab. Noch bevor Baazlabeth seine einfallsreichsten Foltermethoden im Kopf vollständig durchgegangen war, setzte er seinen Weg auf der Götterstiege fort. Über zwanzig Fuß breit, auf jeder Seite einen Bürgersteig und die Straßenlaternen so ausgerichtet, dass es keinen Schatten zwischen ihnen gab - all diese Gegebenheiten hatten der Straße wohl ihren pompösen Namen eingebracht.

Wenn es den Göttern dieser Welt reichte, auf Straßenschildern gehuldigt zu werden, mochten sie sich hieran den ganzen Tag ergötzen. Baazlabeth war es lieber, wenn jemand im erbitterten Todeskampf seinen Namen schrie und sein Gesicht sich in den trüben toten Augen seiner Opfer widerspiegelte.

Solch eine Vergeudung, Hunderte von Straßenlaternen, und ich darf an keiner von ihnen jemanden aufknüpfen. Wobei sich Laternen doch so wunderbar eignen, um jemanden daran baumeln zu lassen. Das Licht, dass sie in den Abendstunden werfen, bringt die strangulierten Leiber erst richtig zur Geltung. Eine Schande ist das.

Er machte sich auf, wie von der alten Frau und ihrem unfreundlichen Sohn geheißen, um ein Plätzchen für die Nacht zu finden. In solch einer Stadt musste es doch genügend Menschen geben, die Gastfreundschaft noch groß schrieben. Was würde es für einen Eindruck machen, jemanden frieren und hungern zu lassen, wenn man selbst genug hatte? Hilfsbereitschaft und Güte gab es bei jedem Volk, das dumm genug war, sie herzugeben, auch wenn sie nicht immer belohnt wurden.

Die Straße wirkte gespenstisch. Baazlabeth dachte an eine perfekt erschaffene Welt, in der die Götter vergessen hatten, die Wesen zu formen, die in ihr leben sollten. Wenn die beleuchteten Fenster und die gedämpften Stimmen hinter den Türen nicht gewesen wären, wäre das Szenario perfekt gewesen. Nur zu gut konnte er sich vorstellen, wie es hier bei Tage von Menschen wimmelte. Alle wuselten durcheinander und versuchten, ihr kleines, armseliges Leben durch viel Tamtam ein wenig besser zu machen. Das Schlimmste an dieser Vorstellung für Baazlabeth war jedoch, dass er einer von ihnen sein würde. Insgeheim schwor er sich, der Bevölkerung von Brisenburg sein wahres Gesicht zu zeigen, bevor er diese Welt verlassen würde. Und mit einem Mal fiel es ihm leichter, sich die gefüllten Straßen vorzustellen. Vor seinem geistigen Auge sah er, wie alle kreischend durcheinander rannten und versuchten, ihr Leben zu retten, während er hinter ihnen herjagte und sich seine Opfer aus der Menge klaubte, wie ein Greifvogel einen Hasen.

In Gedanken versunken, ließ Baazlabeth ein ganzes Stück der Götterstiege hinter sich, als er einige Häuser entfernt plötzlich ein röchelndes Keuchen vernahm. Dumpfe Schläge wie von Fußtritten und ein fallender Körper beendeten die wohlig klingende Geräuschkulisse.

Sieh mal einer an, Spaß gibt's in der dunkelsten Gasse.

Das Haus, vor dem er Halt machte, war dreistöckig und etwa doppelt so breit wie die üblichen Wohnhäuser. Vier ausgetretene Eichenbohlen dienten als Treppen zum Eingang. Über der Tür prangte ein Schild mit dem Namen Zum einsamen Wanderer. Ein handgeschriebener Zettel heftete an der Tür, der auf ein Tagesmenü und einen Hauswein aufmerksam machte. Der muffige Geruch von Alkohol, erkaltetem Tabakqualm und würzigem Essen ließ keinen Zweifel an der Nutzung des Gebäudes.

Zunächst wollte Baazlabeth aber den Geräuschen auf der Rückseite des Gasthauses nachgehen. Er zwängte sich in einen schmalen Durchgang, der zu einem Hinterhof führte. Hier lagerten leere Fässer, Kisten und allerhand Unrat, der dem Geruch nach aus dem Gasthaus zu kommen schien. Eine zaghafte Bewegung hinter einem Stapel Brennholz erregte Baazlabeths Aufmerksamkeit. Vorsichtig näherte er sich, nahm sich einen Holzscheit vom Stapel und warf ihn ins Dunkel. Er vernahm ein leises Stöhnen und ein paar gestammelte Worte.

»… nicht, nicht, kein Betrüger …«

Baazlabeth schritt über den Holzstapel hinweg und bückte sich zu einer Person herab, von der er zuerst dachte, es sei ein Kind. Das einzig Kindliche an ihr waren jedoch ihre momentane Hilflosigkeit und ihre Größe. Die Person vor ihm wirkte wie ein Mensch, wenn auch kleiner als die anderen seiner Art und ein wenig missgestaltet. Ein Arm schien zur Seite verdreht, und ihren Rücken krönte ein Buckel. Die Verletzungen des kleinen Mannes waren nicht sonderlich schwer, mit Wunden kannte sich Baazlabeth schließlich aus. Außer einer Platzwunde am Kopf und einem benebelten Bewusstsein würde das Kerlchen bald wieder auf den kurzen Beinen sein.

Baazlabeth war aber alles andere als an der Gesundheit des Zwerges interessiert, er suchte ein wenig Startkapital. Er riss dem kleinen Kerl die Jacke vom Leib und durchstöberte dessen Taschen. Die Ausbeute war gering, wenn man nicht gerade nach Löchern Ausschau hielt. Alles, was er von Wert fand, waren drei Goldmünzen, die in Form und Größe der entsprachen, die er von Nemrothar bekommen hatte. Einzig und allein die Prägungen unterschieden sich. Auf diesen Münzen war auf der einen Seite ein Frauenkopf abgebildet, und die andere Seite war, bis auf ein einzelnes Eichenblatt, das kaum ein Viertel der Fläche einnahm, leer.

»Du scheinst als Betrüger nicht sonderlich erfolgreich zu sein«, maulte er den Zwerg an. »Du solltest dir überlegen, genau das zu tun, dessen man dich bezichtigt, dann weißt du jedenfalls, wofür du die Schläge einsteckst.«

»… bin kein Betrüger …«, stammelte der kleine Mann wieder.

»Du nicht, aber ich«, sagte Baazlabeth und warf die Jacke zurück, über den Kopf des am Boden liegenden Mannes. »Drück mir die Daumen, denn ich versuche, den Weg eines moralisch einwandfreien Bürgers einzuschlagen und für die nächste Zeit auf den Pfaden der Tugend zu wandeln. Hört sich zwar blöd an, ist aber nicht zu ändern.«

Er wandte sich ab und trat den Rückzug an.

»Hilf mir«, flüsterte es hinter dem Holzstapel.

»Tut mir leid, Kleiner, alle Nettigkeiten für den heutigen Tag wurden verbraucht, als ich meinen Gast ohne Würdigung seines Kommens in meinem Heim zurücklassen musste. Aber eines kann ich tun: Ich verspreche dir, wenn dein Geld mir hilft, zahle ich es zurück. Wenn nicht, komme ich und löse dir das Fleisch von den Knochen.«

Mit diesen Worten verschwand Baazlabeth wieder zwischen dem hohen Mauerwerk, um die Schenke durch den Vordereingang zu betreten, wie ein aufrechter Bürger.

Als er die Tür öffnete und seinen Fuß in die Gaststube setzte, sprangen zwei junge Burschen aus dem hinteren Teil des Raumes auf und packten ihre Sachen zusammen. Baazlabeth hielt auf den Tresen zu. Er konnte nicht einschätzen, wie weit man mit vier Münzen kam, aber um sicherzugehen, wollte er zuerst nur ein Glas von dem Hauswein probieren. Alkohol hatte auf den Körper eines Dämons genauso wenig Wirkung wie Gift, aber seine jetzige Gestalt würde sicherlich für ein Gläschen dankbar sein und dessen Wirkung zeigen.

»Herr Wirt, ein zahlender Gast würde sich gern von der Qualität des Hausweines überzeugen«, rief Baazlabeth quer über den Schanktisch. Vom Wirt war nichts zu sehen, aber die Tür zur Küche stand halb offen, und Baazlabeth hoffte, genügend Kraft in seine Stimme gelegt zu haben, um ihn auch dort zu erreichen. Ein dumpfer Schlag gegen die Tresenplatte ließ einige leere Gläser kippeln. Kurz darauf stellte ein Paar Arme von unterhalb des Ausschanks zwei Flaschen Wein auf den Tresen ab, und wenig später zeigte sich das schmerzverzerrte Gesicht des Wirtes. Ein Auge hatte er zugekniffen, den Mund schräg verzogen. Mit einer Hand rieb er sich eine Stelle auf dem kahlen Kopf.

»Ich hätte schwören können, dass niemand in dieser Stadt, der schon einmal eine Frau in seinem Bett, einen Lohn für seine Arbeit oder ein Pferd unter seinem Hintern gehabt hat, nicht die Vorzüge des Hausweines vom Einsamen Wanderer kennt.«

»Die anderen drei Dinge werde ich sofort probieren, wenn ich etwas gegessen, getrunken und mich ein wenig ausgeruht habe«, erklärte Baazlabeth in einem gefälligen Ton.

Der Wirt schien noch nachzudenken, während er den Korkenzieher in die Flasche drehte. Mit einem Ruck öffnete er sie und brach in schallendes Gelächter aus.

»Ihr seid genau richtig hier, Freund, diese Stadt braucht ein wenig Frohsinn. Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Oz Branford, aber alle hier nennen mich nur Dumpf.«

Stolz verwies er auf eine vier Zoll lange Narbe an seinem Hinterkopf. Die Verletzung schien schon einige Jahre alt zu sein, dennoch hatten sich auf dem rosigen Striemen keine neuen Haare gebildet.

»Seitdem muss ich immer etwas länger überlegen. Ich war früher schon nicht der Hellste, doch heute kann schnell mal ein Bier schal werden, bevor ich die richtigen Worte gefunden habe.«

Er reichte Baazlabeth die Hand, nachdem er sie an der Schürze abgewischt hatte.

Baazlabeth schlug zögerlich ein und schaute sich den Wirt genauer an. Jemand, der sich mit seinen Unzulänglichkeiten brüstete und ihn als Freund bezeichnete, schien ihm suspekt. Früher einmal musste er ein kräftiger Bursche gewesen sein, doch die Zeit hinter dem Tresen hatte ihre Spuren hinterlassen. Seine Muskeln waren erschlafft und blieben dort hängen, wo der Gürtel ihnen Einhalt gebot. Seine Haarpracht schien nicht so viel Glück gehabt zu haben, außer einem lang gezogenen Backenbart war von ihr nichts übrig geblieben.

»Mein Name ist Sil. Wie ist das passiert?«, log Baazlabeth und heuchelte Interesse, indem er die Kopfwunde bei sich nachzeichnete.

Der Wirt lehnte sich vor und betrachtete die Stelle, auf die Baazlabeth zeigte. »Habt Ihr Euch verletzt?«, fragte Dumpf mit bedauerlicher Mine. »Man kann gar nichts sehen.«

»Nicht ich«, gab Baazlabeth genervt zurück. »Ich meine Eure Narbe. Wer hat Euch diesen Prachthieb versetzt?«

Dumpf tastete erneut seinen Kopf ab, als ob er sich versichern müsste, dass die Narbe noch da war. »Ach, dieses Ding meint Ihr. Ich kann mich nicht mehr erinnern. Aber als ich wieder aufwachte, war die Schlacht zu Ende und um mich herum überall Gebrüll und Tote.«

»Ein Krieg! Wer gegen wen?« Baazlabeth liebte Kriege. So viel Chaos, so viel Leid, so viel Zerstörung gab es nur in Schlachten. Alle Gesetzmäßigkeiten des normalen Lebens wurden außer Kraft gesetzt und durch pure Gewalt ersetzt.

»Na, ich gegen die Tartar Brüder«, lachte Dumpf.

Baazlabeth war enttäuscht, aber zugleich belustigt von so viel Größenwahn, eine Rauferei als Schlacht zu bezeichnen.

Dumpf schaute irritiert zur Tür. Die beiden jungen Männer, die das Lokal gerade verlassen hatten, kamen achselzuckend wieder herein. Er signalisierte ihnen eine ahnungslose Geste.

Baazlabeth nahm das merkwürdige Verhalten der drei einfach hin. Schließlich waren sie Menschen, und somit stand ihnen schwachsinniges Verhalten genauso zu wie frühzeitiges Ableben.

»Es sind eben nur Stadtwachen, ihre Bezahlung ist niedrig und die Gefahr zu sterben hoch. Warum sollten sie also mehr tun als notwendig?«, brummelte er vor sich hin.

»Was ist mit den Stadtwachen?«, fragte Baazlabeth.

Dumpfs Antwort ließ zwei Gläserpolituren lang auf sich warten.

»Naja, sie haben Anweisung, wenn sie jemanden zu den Gasthäusern, Schenken oder Bordellen begleiten, auf Gäste zu warten, die nach Hause wollen.«

»Warum müssen die Gäste begleitet werden?«, fragte Baazlabeth verständnislos. Er sah, wie sich Dumpf die Worte in Gedanken zurechtlegte. Eine Zwischenfrage, eine Bestellung oder auch nur eine unbedachte Bewegung hätten das Konstrukt in seinem Kopf zerstört, so schien es. So saß Baazlabeth ihm mit halb geöffnetem Mund und aufgerissenen Augen gegenüber und wartete gespannt auf die Antwort.

»Wegen dem Fluch«, bröckelte es aus ihm heraus. »Die Straßen sind nachts nicht mehr sicher. Etwas streift umher und tötet die Bewohner der Stadt. Junge Männer und Frauen werden zu Greisen, die ihren letzten Atemzug machen, ohne zu wissen, warum ihr Leben so schnell endete. Lord Brackenmoore hat eine Ausgangssperre verhängt, zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang. Nur die Götter wissen, wie lange es dauern wird, bevor die ersten Leute in ihren Betten umgebracht werden.«

Baazlabeth war erst seit kurzer Zeit in der Stadt, aber es war schon das zweite Mal, dass er diesen Namen hörte. Lord Brackenmoore schien mit seinen Anweisungen nicht nur auf Verständnis zu stoßen. Irgendwelchen Leuten war er ein Dorn im Auge, und sicherlich nicht nur Flinkfinger und Jammerlappen.

»Wer ist dieser Lord Brackenmoore?« Baazlabeth stellte sich auf eine längere Antwortzeit ein und nahm genüsslich einen Schluck des Hausweines.

»Er ist ein Hasenherz, ein Feigling«, grölte eine Stimme hinter ihm. »Seit dem Tod seiner Frau und seines Kindes ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Anstatt die Bestie zu jagen und zur Strecke zu bringen, schließt er lieber die Bewohner von Brisenburg in ihren Häusern ein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch dort der Tod ereilt.«

Baazlabeth hatte sich umgedreht und sah einen der beiden jungen Männer, der sich vor Eifer von seinem Platz erhoben hatte. Der andere versuchte, ihn durch Ziehen an seinem Ärmel zu beruhigen, jedoch erfolglos.

»Wir brauchen jemanden, der Manns genug ist, sich dieser Bestie zu stellen.«

… oder jemanden, der sich um seine Lordschaft kümmert, dachte Baazlabeth.

»Ihr müsst verstehen«, sagte Dumpf entschuldigend, »die Leute sind aufgebracht. Alle leiden unter diesem Erlass, insbesondere die Finstergilde«

»Wer ist die Finstergilde?«

»Es sind Händler, Hurenhausbesitzer und Geschäftsleute, die sich zusammengetan haben. Ihre Geschäfte tätigen sie nach Einbruch der Dunkelheit. Ihr versteht schon, Geschäfte, bei denen man keine Zuschauer, eifersüchtige Ehefrauen, eifrige Stadtwachen oder einfach nur neugierige Nachbarn braucht.«

Langsam dämmerte es Baazlabeth. Diese Leute waren es, die den Tod von Brackenmoore forderten. Sie hatten nicht genug Einfluss, um ihn zu zwingen, seine Entscheidung zu überdenken, aber sie besaßen genug Gold und Skrupellosigkeit, um ihn töten zu lassen. Warum ihr Plan gescheitert war, wusste Baazlabeth, nur was Nemrothar beflügelt hatte, den Anschlag auf Brackenmoore zu vereiteln - und ihn mit hineinzuziehen -, stand noch offen. Gold war es bestimmt nicht. Magier besaßen entweder genügend oder waren uninteressiert an dem Edelmetall.

Dumpf beugte sich etwas vor und goss einen Finger breit Wein nach.

»Sagt, Sil, was habt Ihr in dieser Kiste neben Euch?«

Baazlabeth betrachtet die hölzerne Truhe andächtig. Sie war einfach gearbeitet und eher als kleines Möbel zu verwenden denn dafür, dass man seine Wertsachen hineintat. Eiserne Beschläge an der Außenseite hielten das Holz zusammen, und das Scharnier an der Rückseite war nur aufgenagelt. Das Schloss konnte noch nicht einmal ein Kind davon abhalten, sie zu öffnen.

»Die Kiste ist ein Teil meiner Zukunft«, antwortete Baazlabeth etwas geheimnisvoll. »Sie entscheidet darüber, wie lange der Fluch dieser Stadt nur Euer geringstes Problem ist.«

Dumpf massierte sich das Kinn und stierte auf die Kiste. Sein Blick schien zu versuchen, ins Innere vorzudringen, um das Geheimnis zu lüften.

»Ihr solltet gut darauf aufpassen. Brisenburg ist keine Stadt, in der man seine Kostbarkeiten unachtsam stehen lässt.«

»Ich danke Euch, Meister Dumpf. Ein guter Ratschlag ist mehr wert als so manches Geschmeide, und ich überlege schon, ihn vielleicht mit in die Kiste zu schließen.«

Sichtlich stolz über die neue Titulierung »Meister« machte sich der Wirt daran, den Tresen zu polieren.

Baazlabeth drehte sich auf seinem Hocker und sah sich in der Schankstube um. Außer den beiden jungen Männern war nur noch eine Person im Raum. Sie kauerte an einem der Fenster zur Straßenseite hin und war damit beschäftigt, unbeteiligt zu wirken. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und die Hände in den Ärmeln versteckt, saß sie regungslos da. Baazlabeth stand nicht unbedingt der Sinn nach Gesellschaft, aber er benötigte Informationen. Er musste herausfinden, wie und wo man ein wenig Gold verdienen konnte, am besten genug, um seinen Auftrag zu erfüllen. Eine Münze war nicht besonders groß, und fünftausend von ihnen konnten kein riesiger Reichtum sein, besonders nicht, wenn sie in die mickrige Truhe passen sollten. In einer Stadt wie dieser musste es Leute geben, die das Hundertfache besaßen. Seine Aufgabe war es nun, es ihnen abzunehmen und einen Gegenwert zu liefern, sodass sie sich nicht bestohlen fühlten. Leichter gesagt, als getan, wenn man nicht mehr zu verkaufen hatte als das, was man am Leibe trug. Und solange niemand einen Lehrmeister für Foltermethoden suchte, würde man ihn auch als Berater nicht das Gold vor die Füße schütten. Baazlabeth stand auf und gesellte sich zu den beiden jungen Burschen.

»Hallo, meine jungen Freunde«, begrüßte er die beiden. »Ihr seht aus, als wenn ihr euch gut auskennt in der Stadt. Ich suche Arbeit und scheue auch nicht davor zurück, mir die Hände schmutzig zu machen. Könnt ihr mir sagen, an wen ich mich da wenden muss?«

Die beiden starrten sich fragend an und umklammerten verunsichert ihre leeren Bierkrüge.

»Nichts für ungut, Freund. Das vorhin war nicht so gemeint, mein Bruder regt sich schnell auf, wenn er was getrunken hat. Er wollte nichts gegen Lord Brackenmoore sagen, der tut schon, was nötig ist.«

Das war noch etwas, was nur Menschen konnten. Man stellte ihnen eine Frage, deutlich und präzise, und sie antworteten auf etwas ganz anderes. Baazlabeth versuchte es noch einmal. Er wollte seine ersten freundlichen Kontakte in der Stadt nicht gleich mit Blutvergießen zerstören.

»Ist schon gut, ich verstehe das. Es geht mich auch nichts an, ich will von euch eigentlich nur wissen, wo ich eine Arbeit finde.«

Keiner der Jungs schaute hoch zu Baazlabeth. Einer tippte mit den Fingern nervös auf der Tischplatte herum, der andere verschob seinen Becher von links nach rechts.

»Hören Sie, wir wollen keinen Ärger. Wir haben uns entschuldigt und damit sollte die Sache erledigt sein«, brabbelte einer der beiden.

Baazlabeth merkte, wie das Feuer in ihm hochkochte. Sein Körper sträubte sich dagegen, die menschliche Gestalt beizubehalten. Sein wahres Ich wollte heraus und das Problem richtigstellen, um die Frage ein letztes Mal zu wiederholen und die Antwort mit Schreien und Gekreisch zu würzen. Dies war für ihn die einzig wahre Art, ein Gespräch zu führen. Alles, was ihn davon abhielt, war der Auftrag und die schwindende Aussicht darauf, diesen Ort der gesammelten Unzulänglichkeiten so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Er ballte die Fäuste, beugte sich vor und stützte sich auf der Tischplatte ab.

»Jetzt hört mir einmal gut zu, es gibt gleich mehr Ärger, als ihr verkraften könnt. Ich habe euch eine simple Frage gestellt und verlange eine Antwort. Wenn ihr nicht sofort das Maul aufmacht, lasse ich einen von euch als Einzelkind zurück.«

Die Tür zur Schankstube wurde aufgerissen, und Baazlabeth spürte den frischen Windhauch in seinem Nacken. Augenblicklich hatten die Brüder ihre Stühle zurückgeschoben und erhoben sich.

»Na endlich, wir hatten schon gedacht, wir müssten hier übernachten«, rief einer von ihnen. Eingeschüchtert und mit gebührendem Abstand, umrundeten sie Baazlabeth und ließen ihn stehen. Der Dämon kochte vor Wut und schaute den Brüdern hinterher. Im Eingang des Zum Einsamen Wanderer zeigte sich eine der Stadtwachen. Hinter ihm auf der Straße stand der Rest des Trupps. So schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden sie auch wieder und nahmen die Brüder in ihre Obhut.

Baazlabeth blieb noch einen Augenblick am Tisch stehen. Für heute Nacht reichten ihm die Unterhaltungen. Er würde sich irgendwo ein Plätzchen suchen, um ein wenig nachzudenken und morgen seinen Auftrag fortsetzen. Er wandte sich wieder dem Tresen zu und kramte die drei Münzen hervor, die er dem Zwerg abgenommen hatte.

»Meister Dumpf, was bekommt Ihr für den Wein?«, fragte Baazlabeth. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, die Gastfreundschaft ausgenutzt und die Zeche geprellt zu haben, wo er seinen eigenen Gästen stets alles abverlangte.

»Einen Silberling«, rief Dumpf aus der Küche. »Legt ihn ruhig auf den Tresen, hier kommt nichts weg.«

Baazlabeth hatte nur die Goldstücke. Er tröstete sich damit, dass Münze gleich Münze war und dass das, was er wieder herausbekommen hätte, seine Lage auch nicht wirklich verbessert hätte. Er legte die Münze, wie ihm geheißen, auf den Tresen und ließ die zwei übrigen Münzen des Zwergs zwischen seinen Fingern kreisen.

»Eine von euch ist wie die andere«, murmelte er. »Wer will schon sagen, wie ihr zu mir kamt, ob verdient oder gestohlen.«

Baazlabeth öffnete die Kiste und ließ die beiden Goldstücke hineinfallen. Noch bevor sie den hölzernen Boden berührten, verschwanden sie im Nichts. Kein leuchtender Effekt, kein Knall und kein Rauch, sie waren einfach nur verschwunden.

Nemrothar, du Schlitzohr, du hast an alles gedacht, nicht wahr, sagte er zu sich selbst. Die kleine Kiste ist mehr als sie scheint. Ich hätte wissen müssen, dass du dich nicht so einfach austricksen lässt.

Jetzt war er wieder am Anfang seiner Bemühungen. Fast zumindest. Übrig blieb nur das Gastgeschenk des alten Magiers - ein Goldstück. Mit dem Fuß klappte er den Deckel der Kiste wieder zu und nahm sie hoch. In einer Stadt wie dieser würde er sicherlich heute Nacht irgendwo unbemerkt im Freien unterkommen. Wer würde sich schon darum scheren, wenn ein junger Mann im Hinterhof seinen Rausch ausschlief. Drei Goldmünzen ärmer, verließ er das Gasthaus.

Baazlabeth war erst einen Augenblick unterwegs in Richtung Zentrum der Stadt, als er die Tür des Zum Einsamen Wanderer abermals klappen hörte. Äußerst gewandt und leise näherte sich jemand von hinten. Die Schritte kamen schnell näher. Baazlabeth entschied, nicht stehen zu bleiben oder sich umzudrehen. Je mehr Aufmerksamkeit man anderen schenkte, desto mehr fiel man selber auf. In Gedanken legte er sich schon die Ausreden zurecht, warum er sich während der Ausgangssperre immer noch in den Straßen herumtrieb. Seine Überlegungen wurden jedoch jäh unterbrochen, als ihm jemand von hinten eine Klinge an den Hals setzte.

»Der letzte Gast aus der Schankstube?«, fragte Baazlabeth.

»Richtig kombiniert, aber schlecht aufgepasst«, antwortete die Stimme hinter ihm flüsternd. »Stell die Kiste ab, leere deine Taschen und öffne dann vorsichtig den Deckel.«

Baazlabeth tat wie ihm befohlen, während der Mann ihn gewissenhaft mit der freien Hand abtastete. Die Klinge des Dolches drückte fester gegen die Kehle des Dämons, als sein komplettes Hab und Gut auf der Straße vor ihm ausgebreitet lag.

»Was ist das?«, keifte ihn der Unbekannte an.

»Eine leere Kiste, eine Goldmünze und ein unbenutztes Schnupftuch«, erklärte Baazlabeth.

Die Klinge löste sich von seinem Hals.

»Bleib ruhig stehen und versuche keine Sperenzchen. Du wärst nicht der erste Neunmalkluge, den ich mit durchgeschnittener Kehle auf dem Pflaster liegen lasse.«

Der nächtliche Dieb stieß Baazlabeth beiseite und machte sich über die Truhe her. Er klopfte Boden und Wände der Kiste ab und schüttelte sie. »Ich hab doch gesehen, wie du die Münzen hineingeworfen hast. Was ist das für eine Trickserei?«, murmelte er erbost.

Jetzt reichte es. Was dachten diese Menschen, mit wem sie es zu tun hatten? Zuerst hatten sie ihn und seinen Besucher, diesen Menschen Ingvarr, daran gehindert, sich besser kennenzulernen, indem sie ihn aus seinem Reich entführten. In der Menschenwelt angekommen, gab man ihm unnütze Aufträge, und der Fädenzieher ließ sich dabei sogar noch töten. Er kam in eine Stadt, in der es verboten war, nachts auf den Straßen zu sein, und wo die Leute zu dumm waren, auf eine einfache Frage zu antworten. Zu guter Letzt hielt man ihm auch noch einen Dolch an die Kehle und stahl von ihm eine wertlose Kiste, die einzige Münze, die er besaß, und ein Taschentuch.

Dummheit sollte mit dem Tode bestraft werden, damit würden sich auch diese menschenleeren Gassen erklären. Solange das aber noch nicht so ist, muss ich mich mit ein wenig Selbstjustiz über Wasser halten.

Baazlabeth ballte eine Hand zur Faust, und fast geräuschlos schoben sich spitze Knochenfragmente aus seinen Fingerknöcheln und wuchsen zu fünf Zoll langen Stiletten heran. Der Mann war immer noch fassungslos über die Kiste gebeugt und versuchte, ihr Geheimnis zu ergründen. Baazlabeth trat von hinten an ihn heran und rammte ihm die stachelbesetzte Faust auf Höhe des Herzens durch den Rücken. Der Schurke brach auf der Stelle zusammen und starb, ohne zu ahnen, auf was er sich eingelassen hatte. Sein lebloser Körper hing über der Kiste.

»Du blutest mein einziges Möbelstück voll, du Drecksack«, sagte Baazlabeth und stieß den Mann mit dem Fuß zur Seite. Seine Habseligkeiten nahm er wieder an sich. Dann setzte er seinen Weg fort und ließ den Leichnam wie ein Stück Abfall auf der gepflasterten Straße liegen.

Eigentlich hatte er vorgehabt, noch ein Stück der Straße zu folgen, um dann wenigstens das Zentrum von Brisenburg zu erreichen, doch sein neuer Körper forderte seine Ruhe ein. Ein kleiner Hain, an dem er vorbeikam, sollte ihm für die restliche Nacht als Quartier reichen. Die Bäume standen frei, und das ganze Wäldchen wirkte irgendwie künstlich. Wege und Hecken waren unnatürlich eckig angelegt. Ein schmaler Bach förderte Wasser aus einer nahe gelegenen Quelle und versickerte irgendwo zwischen den knorrigen Baumwurzeln. Baazlabeth lag nicht viel an der Natur, aber wenn sie ihn davor behütete, sich heute Nacht noch einmal mit irgendeinem Einfaltspinsel unterhalten zu müssen, sollte ihm dieser Platz nur recht sein.

Es war ein ungewohntes Gefühl, richtig müde zu sein. Als Dämon brauchte man sich nur ein bis zwei Mal im Jahr auszuruhen. Selbst dann verfiel man nicht in einen tiefen Schlaf, sondern saß einfach nur einige Tage herum und ließ die großen Ereignisse der letzten Monate vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Mit dem Essen hielt man es als Dämon ähnlich. Eine schmackhafte Mahlzeit im Jahr reichte, wenn jemand sich jedoch als regelrechter Leckerbissen aufdrängte, konnte man schon mal eine Ausnahme machen, schließlich wusste man nie, wann der nächste Besuch hereinschneien würde.

Baazlabeth ließ sich an einem Baum nieder. Erst jetzt hatten sich die knöchernen Spitzen an seiner Hand zurückgebildet und ließen von seiner Tat nicht mehr als dünne Schrammen auf der Haut zurück, wo vorher dämonische Kräfte am Werk gewesen waren. Eine bleierne Müdigkeit überkam ihn, und er schlief ein.

4
Gold stinkt nicht - Fisch schon

An einem Tag, der schon schlecht begann, um noch schlechter zu enden.

Baazlabeth hatte sich keine Vorstellung davon gemacht, wie es sein mochte, aus einem wirklichen Schlaf aufzuwachen, doch mit einem rüden Fußtritt hatte er nicht gerechnet. Am meisten jedoch erschreckte ihn, dass er die zwei Paar Stiefel nicht hatte kommen hören und dass er ihnen schutzlos ausgeliefert war. Sie hätten ihn abstechen können, und er hätte es erst gemerkt, wenn er zurück in seinem Reich aufgetaucht wäre - um eine Welt, die er besuchen konnte, ärmer. Seine Hilflosigkeit überschattete alles. Dieser Zustand äußerte sich nicht wie bei anderen Wesen, die einfach nur verblüfft und regungslos dasaßen - nein, Dämonen hatte ihre eigene Art, mit Hilflosigkeit umzugehen. Es fehlte nur ein Quäntchen, eine Haaresbreite, ein Hauch von etwas mehr Hilflosigkeit, und Baazlabeth hätte die zwei Paar lederne Stiefel in einen matschigen roten Fleck inmitten des grünen Grases verwandelt. So gingen Dämonen mit Hilflosigkeit und Erniedrigungen um.

Zum Glück gab es diese kurze Zeit des Dämmerns, bevor man richtig wach war. Ihr hatte er es zu verdanken, dass seine Verkleidung in Takt blieb, und ihr hatten es auch die beiden Fußpaare zu verdanken, nicht als rote Flecken zu enden. Abgesehen davon wäre die Ausführbarkeit seines Auftrags mit Sicherheit an diesem Morgen beendet gewesen, wenn er angefangen hätte, Menschen in matschige Klumpen zu verwandeln.

Noch immer hatte Baazlabeth Orientierungsschwierigkeiten. Er besaß eine ungefähre Vorstellung davon, dass er nicht in seinem Thronraum saß - das war aber auch schon alles. Die wenig wortgewaltigen Beschimpfungen, die sich über ihn ergossen, gaben seinem Gedächtnis einen kleinen Stups. Langsam dämmerte ihm, wo er war und wem er dies zu verdanken hatte.

Nemrothar, der hässliche Greis mit dem merkwürdigen Hut. Wenn ich mit dir fertig bin, wird diese alberne Kopfbedeckung das Ansehnlichste an dir sein.

Vielleicht war das aber alles auch nur ein Traum. Dagegen sprachen natürlich die Fußtritte.

Angeblich sollten Menschen träumen, wenn sie schliefen, doch Baazlabeth konnte sich an keinen Traum erinnern. Er beließ es bei der Vorstellung, dass - wenn er geträumte hatte - er sich nur nicht mehr erinnern konnte, wie er Nemrothar über einem offenen Feuer geröstet hatte.

»Steh auf, Bettler«, sagte eine rüde Stimme zu ihm, die von einem weiteren Fußtritt gefolgt wurde. »Wenn du nicht willst, dass wir dich in Ketten legen lassen, solltest du weg sein, bevor ich meine Geduld verliere.«

Anders herum wird ein Schuh draus: Wenn ich die Geduld verliere, seid ihr weg.

Baazlabeth öffnete die Augen und musste feststellen, dass am Boden zu liegen nicht die richtige Position war, um Streitigkeiten zu beenden. Mühsam und mit steifen Gelenken erhob er sich, was ihm einen weiteren Fußtritt in den Hintern einbrachte. Als er sich aufgerichtet hatte, sah er sich zwei Stadtwachen gegenüber. Die beiden Männer trugen Kettenhemden und Rundhelme mit Nasenvisier. Eine breite gelbe Schärpe, die die Silhouette einer Burg auf einem Berg zeigte, rundete ihre Erscheinung ab.

»Weißt du nicht, dass es verboten ist, im Hain zu schlafen?«, blaffte ihn einer der Wachen an. »Außerdem gibt es seit geraumer Zeit eine Ausgangssperre, die solch Gesindel wie dich von den nächtlichen Straßen fernhalten soll.

»Doch natürlich«, gestand Baazlabeth. »Ich habe von der Ausgangssperre gehört, allerdings man hat mich all meiner Habe beraubt.« Empört zeigte er auf die leere Truhe.

Unbeeindruckt lupfte der andere Mann den Deckel der Kiste an. »Was soll da drin gewesen sein, ein neues Hemd und eine elegante Hose, die dich nicht wie einen drittklassigen Schausteller aussehen lassen?«

Platsch!

Vor Baazlabeths geistigem Auge platzte dem jungen Wachsoldaten der Kopf vom Halsansatz weg. Er schlenkerte mit den Armen umher wie jemand, der ohne Licht einen Ort zu erkunden suchte, während rotes Blut zwischen den Schultern hervorsprudelte. Dann sackten ihm die Beine weg, und er blieb am Boden liegen.

Baazlabeth hatte sich bei vorigen Aufträgen in der Menschenwelt angewöhnt, Köpfe in Gedanken platzen zu lassen, wenn sein Gegenüber auf eine lange Durststrecke geistiger Eloquenz zusteuerte. So konnte er sich ablenken und sah weiterhin interessiert aus. Er war stolz auf sich, so lange ausgehalten zu haben.

Immer noch stand die Frage im Raum, was man ihm gestohlen haben könnte. Er ließ es darauf ankommen. Vielleicht war seine Einschätzung der Lage gar nicht so falsch.

»Fünftausend Goldmünzen«, erklärte er mit bestimmter Sicherheit.

Die beiden Stadtwachen brachen in schallendes Gelächter aus. »Dann haben wir ja seit gestern Nacht einen neuen Anwärter auf den Titel eines Lords. Wenn uns jemand über den Weg läuft, der versucht, ein Schloss zu kaufen mit einem kompletten Hofstaat, sagen wir dir Bescheid. Fünftausend Goldstücke, du bist nicht nur ein schlechter Schausteller, du bist auch noch verrückt. Mach, dass du hier wegkommst, sonst finden wir für dich doch noch ein Plätzchen im Kerker.«

Kopfschüttelnd wandten sich die beiden ab und setzten ihren Rundgang fort. Nach einigen Schritten drehte sich die andere Wache noch einmal zu Baazlabeth um.

»Hast du gestern Nacht keine dreihundert Schritt von hier auf der Götterstiege etwas gesehen oder gehört? Einen Kampf vielleicht?«

Platsch!

Baazlabeth schüttelte den Kopf. Sein Zorn verschluckte jedes Wort, das er hätte hervorbringen wollen. Man hatte ihm übel mitgespielt. So wie es aussah, gab es doch nicht viele Menschen, die im Besitz von fünftausend Goldmünzen waren, und Nemrothar hatte dies sicherlich gewusst. Auf jeden Fall gaben sich die beiden Wachleute mit seinem Kopfschütteln zufrieden und behelligten ihn nicht weiter. Baazlabeth sah ihnen angewidert hinterher.

Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, war es noch früh am Morgen, aber wie ein altes Dämonensprichwort schon sagte: Das jüngste Opfer ist schnell gegessen. Es passte vielleicht nicht ganz, aber so viele Sprichworte gab es in Baazlabeths Welt auch wieder nicht. So musste es für eine Reihe von Begebenheiten herhalten.

Wenn Baazlabeth die Reaktion der Stadtwachen richtig deutete, würde es dauern, bevor er die Kiste mit Talern gefüllt hatte. Und dies mochte ein langer Tag werden in dem Versuch, eben jenes zu erreichen. Es gab also keine Zeit zu verlieren.

Was in der Nacht mit all den Lichtern am Hang einem Sternenhimmel geglichen hatte, zeigte sich am Tage als eine Art Termitenstaat.

Hohe, grauweiß verputzte Häuser mit roten Schindeldächern stachen am Berghang empor wie Pilze. Verschiedene Viertel grenzten sich durch breite Grünflächen oder schroffe Abhänge voneinander ab und bildeten einzelne Kolonien, die durch Brücken oder Straßen miteinander verbunden waren. Inmitten dieses baulichen Wunderwerkes herrschte ein reges Treiben der Bevölkerung. Händler mit Karren versperrten die engen Gassen, berittene Höflinge versuchten, sich mit Warnrufen lauthals einen Weg durch die Menge zu bahnen, und allerhand geschäftig wirkende Leute füllten die Lücken zwischen ihnen. Es fiel einem schwer, sich vorzustellen, dass all diese Menschen am Abend in den Gebäuden Platz gefunden hatten.

Baazlabeth rief sich erneut seine Aufgabe ins Gedächtnis, wobei sie ihm immer noch nicht angenehmer erschien als zuvor. Die Stadtwachen hatten ihn ein wenig verunsichert, aber was wussten sie schon von Reichtum. Wahrscheinlich reichte es ihnen bereits, wenn sie genug verdienten, um die Abende durchzuzechen. Stadtwachen waren sicherlich nicht das Ende der Nahrungskette. Wer es nicht in die königlichen Armeen schaffte, tat seinen Dienst in einer der Städte als Wache. Wer selbst dazu nicht imstande war, wurde an einem der Stadttore eingesetzt. Es genügte wahrscheinlich, wenn sie aufrecht gehen konnten, in die vorgesehenen Rüstungen passten und von Zeit zu Zeit rufen konnten: »Geht weg da. Macht Platz.« Stadtwache war ein Beruf, den man ausüben konnte, wenn man als Kind von der Wickelkommode gefallen war.

Baazlabeth war nie ein Kind gewesen. Abgesehen davon, besaß er noch nicht einmal eine Mutter, geschweige denn eine Wickelkommode. Wenn er es sich hätte aussuchen können, hätte er jene Kommode auch gegen eine Streckbank getauscht. Die kleinen Racker sollten schließlich größer werden. Als guter Vater half man da eben nach.

Ich schweife schon wieder ab. Konzentriere dich, damit du schnellst möglich wieder zu Hause bist.

Seine Aufgabe bestand also darin, etwas zu erreichen, wonach jede kümmerliche Gestalt in dieser jämmerlichen Stadt strebte - ein kleines Vermögen ansammeln. Und wenn es jemand schaffen konnte, dann er.

Er brauchte keinen eigenen Plan. Er würde einfach den verwenden, den diese Schnellbluter während ihres ganzen Daseins in mühseliger Kleinarbeit aus ihren Köpfen gepresst hatten. Immerhin kannten sie sich hier aus, und mit etwas Glück hatten sie auch schon eine Lösung gefunden. Sich die Regeln und Gesetze der Menschen anzueignen war unnötig. Was sie planten und taten, würde er ohne große Anstrengung erreichen. Er war immerhin ein Dämon, hundertfach so alt, hundertfach so intelligent und hundertfach so gerissen wie sie. Also würde er das, was diese Bürger schafften, in einem Bruchteil der Zeit erreichen. Niemand in dieser Stadt konnte ihm auch nur annähernd das Wasser reichen, und er hätte es auch sicherlich nicht entgegengenommen.

Was tat man also, wenn man aus einer Herde an die Spitze kommen wollte? Man lief zusammen mit allen anderen im Pulk, tat das, was sie taten, und wartete auf den Augenblick, sein Recht einzufordern und ihr Anführer zu werden. Nein, Herde war nicht richtig, das klang so nach Schafen, und Baazlabeth wollte sicherlich nicht der Anführer einer Herde Dummhufer werden. Rudel! Rudel war das richtige Wort. Wölfe liefen im Rudel, und er war ein Wolf. Zwar war er momentan in einen Schafspelz gekleidet, aber das war ja gerade seine Taktik.

Baazlabeth hielt in seinem brandneuen Menschenkostüm auf die stark belebte Straße zu. Die meisten der Menschen strömten Richtung Norden, hinauf in den nächstgrößeren Stadtteil. Er mischte sich unter sie, ohne großes Aufsehen zu erregen, wobei man sagen musste, dass seine Kleidung die größte Beachtung fand. Er wusste nicht wieso, aber die Menschen warfen ihm kurze Blicke zu und schienen mit ihren Augen zu sagen: »Ich weiß alles über dich.« Natürlich war das nicht der Fall, denn schließlich rannten sie nicht kreischend vor ihm davon, wie er es gewohnt war, wenn er sie nicht ankettete. Dennoch schauten sie ihn mit dieser gewissen Geringschätzung an.

Baazlabeth hasste diese Überheblichkeit und am liebsten hätte er ihnen gezeigt, was wirklich in ihm steckte, doch er beruhigte sich damit, dass es reichen würde, dem einen oder anderen eine extra Vorstellung zu geben, wenn es soweit war, diese Welt wieder zu verlassen. Sein Unmut wurde schließlich vollends beseitigt, als er merkte, dass junge Mädchen auf sein Äußeres ebenso ansprachen, nur anders geartet. Sie lächelten ihn an, senkten ihren Blick beschämt zu Boden oder kicherten mit vorgehaltener Hand und tuschelten untereinander.

Junge unschuldige Mädchen waren in Baazlabeths Besucherrangliste die Nummer Eins. Es war erst zweimal vorgekommen, dass diese Geschöpfe den Pfad zwischen den Welten verlassen hatten und zu ihm gekommen waren. Die eine erzählte, sie sei von ihrem Geliebten durch ein magisches Tor gesandt worden, damit sie dem Zorn ihres Vaters über die nicht standesgemäße Liebe entgehen konnte, die andere wollte sich selbst mit einem Zauber in Sicherheit bringen, weil sie Dinge gesehen hatte, die sie nichts angingen. Welch glücklicher Umstand sie auch in Baazlabeths Reich geführt hatten, eines konnte er mit Bestimmtheit sagen: Niemand litt so schön wie eine junge Frau, und nichts auf all den Welten schmeckte auch nur vergleichbar wie ihr Fleisch.

Die einzelnen Stadtviertel lagen auf Plateaus am Berghang. Soweit Baazlabeth erkennen konnte, waren es drei an der Zahl, die durch steile Treppen oder Steinbrücken miteinander verbunden waren. Doch auch das unwegsamste Gelände hatten die Bürger von Brisenburg zu nutzen gewusst. An jeder Stelle des Berghangs, die auch nur den Anschein hinterließ, ein Fundament tragen zu können, hatte man Gebäude errichtet.

Die seltsamsten Bauwerke erwuchsen der Stadt. Häuser, deren Fundamente kaum ein Drittel so breit waren wie die ausladenden Mauern der oberen Stockwerke. Selbst den begrenzten Platz, den Brücken boten, hatte man nicht vergeudet. Die schweren Pfeiler trugen ein Dutzend und mehr ineinander verschachtelter Gebäude, die meist nur einen dunklen Tunnel zur Brückenüberquerung übrig ließen. Jeder Fleck, der nicht einem Bauwerk weichen musste, wurde für Begrünung oder Statuen von albern aussehenden Menschen verwandt.

Baazlabeth ließ sich eine Weile mit dem Strom treiben. Er folgte einer Gruppe Händler, die alle Hände voll zu tun hatten, ihre Waren den steilen Weg hinauf zum nächsten Plateau zu schaffen. Ihre um Hilfe suchenden Blicke wurden meist ignoriert oder mit einem bedauernden Achselzucken verneint. Was Baazlabeth und seine Hilfsbereitschaft anging, reichte den meisten Menschen ein einziger Blick in seine gelangweilt-angewiderte Miene, um klarzustellen, was er von ihnen hielt. Um nicht weiter im Dunstkreis der Hilflosigkeit zu wandeln, wich Baazlabeth seitlich aus und zog an den schwer astenden Händlern vorbei.

Er hängte sich an zwei junge Mädchen, die einen Korb mit frisch gefärbten Stoffen trugen. Die beiden zogen einen begehrenswerten Duft hinter sich her, den sie versuchten, mit süßlichem Parfüm zu überdecken. Doch um die Nase eines Dämons über etwas hinwegzutäuschen, dass er begehrte, hätte selbst ein Bad in Rosenöl nicht gereicht. Baazlabeth ließ sich von dem Geruch leiten wie ein Wolf von der Fährte des Wildes. Der Abstand zwischen ihm und den Mädchen wurde mit jedem Schritt geringer, und als sie in den dunklen Tunnel eines Brückenüberganges traten, kitzelten bereits ihre langen braunen Haare an seiner Stirn. Wenn es einen Moment gegeben hätte, seinen lüsternen Appetit durch eine kleine Kostprobe zu stillen, wäre es dieser gewesen. Doch angesichts der Wahrung seiner wirklichen Identität hielt er sich zurück und begnügte sich damit, sich »satt zu riechen«.

Mit geschlossenen Augen hängte er sich an den Duft wie ein Riesenkrake an den Sog eines Schiffes. Er lauschte den hallenden Schritten und stellte sich vor, wie diese beiden Schönheiten sich vor Angst zitternd umklammerten, während sie in seinem Käfig in seinem Reich zwischen den Welten hockten. Er genoss die ferne Aussicht darauf, sich wieder seinen eigentlichen Aufgaben widmen zu können. Schnell jedoch musste er feststellen, dass sein Verlangen in dieser Welt nur ein trüber Schein dessen war, was er seit Jahrhunderten praktizierte. Der Geruch der beiden Jungfrauen verblasste und nahm einen tranigen Beigeschmack an. Das samtig weiche Haar, das seine Stirn so sanft streichelte, wurde zu einem borstigen Kratzen und die tänzelnden Schritte zu einem langsamen Schlurfen.

Als Baazlabeth die Augen wieder öffnete, hatte er das Tunnelende bereits erreicht und anstatt der beiden Mädchen sah er in das ledergegerbte Gesicht einer alten Frau, die ihm ihr zahnloses Lächeln schenkte. Die Alte fühlte sich anscheinend von der jugendlichen Aufdringlichkeit ihres Verfolgers gerührt und hielt Baazlabeth einen schrumpeligen Apfel entgegen. Schnell wechselte sein Blick vom Apfel zum Gesicht der Alten und zurück.

»Lass mich raten«, sagte Baazlabeth, »ihr beiden habt einen langen Weg hinter euch?«

Die Alte verstand die Anspielung, und sichtlich empört zog sie ihr Geschenk zurück, doch Baazlabeth war schneller. Mit einer Hand packte er sie am Gelenk und pflückte mit der anderen die Frucht aus ihren Fingern.

»Nicht so schnell, meine Liebe. Wie heißt es so schön: In der Not trinkt der König Wasser. Zugegeben, bis an die Spitze dieser Stadt habe ich es noch nicht geschafft, und richtig in Not werdet ihr Schnellbluter mich auch nicht bringen, aber der Tag ist noch jung. Wer weiß, was er mir noch alles vorsetzt.«

Mit einem Augenzwinkern ließ Baazlabeth den Apfel in seiner Tasche verschwinden und lockerte seinen Griff bei der Alten. Während sie ihm geschockt nachsah, verschwand er bereits im regen Treiben einer Händlerschar.

Baazlabeth nahm sich die Zeit, seine Umwelt genau zu studieren, während er mit dem Tross weiter Richtung Norden, hangaufwärts schlenderte. Es war gut, alles über diejenigen zu wissen, unter denen man sich aufhielt. Er war zwar davon überzeugt, dass Menschen keine großen Geheimnisse bargen, doch man konnte nie wissen. Eines musste er diesem Volk zumindest lassen, sie waren vielschichtig. Während man bei Lemuren, Laren und Laveas immer sagen konnte, woran man war, schien es bei Menschen nicht so einfach zu sein. Diese von den Göttern recht lieblos gestalteten Wesen waren zerbrechlich aber facettenreich. Einige waren stark, andere intelligent, und wiederum andere stachen dadurch hervor, dass man nie genau wusste, wie sie reagierten - natürlich alles im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Schließlich gab es Wesen, die vor dem Teller saßen, und andere, die darauf lagen. Schön garniert, musste man keine Angst vor ihnen haben, doch Vorsicht war immer geboten. Tausend Ameisen konnten einer Wespe auch den Tod bringen.

Die meisten der Menschen, die er sah, waren anscheinend in ihrem eigenen Alltag gefangen. Sie zeterten, haderten und liefen ziellos umher, um den nächsten ihrer meist glücklosen Tage einigermaßen überstehen zu können. Viele von ihnen gaben wenig auf ihr Äußeres. Schmucklose einfache Kleidung, meist farblose Gewänder aus Leinen, Kittel und Bundschuhe waren an der Tagesordnung. Doch um ihre ganze Jämmerlichkeit und Tristheit zu perfektionieren, hielten es viele von ihnen mit ihren Körpern ähnlich wie mit ihrer Kleidung. Ausladende Bäuche, filzige Haare, erschlaffte Muskeln und Ruinen dort, wo ihre Zähne hätten sein sollen, waren noch die erträglichsten Defizite. Wenn es tatsächlich stimmte, dass die Menschen nach dem Abbild ihrer Götter geschaffen worden waren, dann gab es ein grundsätzliches Problem, das man auch mit Gebeten nicht richten konnte. Wie hieß es doch so schön: Ist die Erde vergiftet, wird auch die Pflanze siechen.

Baazlabeth merkte, wie die Verachtung in ihm hochkochte. Anscheinend waren die, die sein Reich unvorsichtigerweise betraten und zu seinen Gästen wurden, noch die vortrefflichsten ihrer Art. Fast tat es ihm leid, sich die Rosinen aus einem Volk zu picken, dessen Großteil tatsächlich wie Trockenobst aussah. Von der Fülle an Unzulänglichkeiten ernüchtert, erreichte er das nächste Stadtviertel. Ein kurzer Blick zurück zeigte ihm das Hafenviertel, aus dem er gekommen war. Zweihundert Fuß unter ihm ließen die Wellen die wenigen Schiffe an der Kaimauer leicht umherschaukeln, und eine leichte Brise ließ die Wipfel der Bäume im Hain wie einen wabernden Sumpf erscheinen. Baazlabeth suchte nach Nemrothars Turm, doch die Vielzahl von Gebäuden verschluckten den hohen schlanken Bau einfach, und so konnte er seinen Standort nur vage vermuten.

Die steinerne Stiege endete vor einem bogenförmig gemauerten Durchgang, dessen Pfeiler von einer drei Fuß hohen Mauer begrenzt wurden, die das gesamte Plateau umrahmte. Vor den Durchgang hatte man zwei Wachsoldaten gestellt, die mit ausdrucksloser Miene jeden beäugten, der an ihnen vorbeiging. Baazlabeth folgte weiter dem Strom der Menschen auf der breiten Straße, bis er den Marktplatz erreichte. Der fast hundert Fuß lange und achtzig Fuß breite Platz war bis zum Bersten gefüllt mit Ständen. Um ihn herum lagen große Lagerhäuser, Geschäfte mit großzügig gefüllten Auslagen und feudale Wohnhäuser. Jeder noch so kleine freie Winkel und jede noch so schmale Gasse hatte man mit Holzlatten und etwas gespanntem Tuch zu einem Marktstand werden lassen. Wer keine Tische besaß, um seine Waren feilzubieten, präsentierte seine Schätze einfach auf dem Boden liegend.

Alles, was das Herz begehrte, so man denn eines besaß, war hier zu finden. Genau darin sah Baazlabeth aber sein Problem: Er besaß nichts, was man hätte veräußern können. Alles, was er anbieten konnte, war seine Arbeitskraft - ein widerliches Wort. Kraft konnte man auf jeden Fall besser nutzen, als sie mit Arbeit zu vertun. Es gab so viele Dinge, die mit Kraft, Anmut und Geschick zu tun hatten, doch Baazlabeth wäre nie zuvor auf die Idee gekommen, sie mit Arbeit zu vergeuden. Doch er hatte keine Wahl, er musste sein Können diesen Primitivlingen anbieten, um so schnell wie möglich diesem Sumpf des lebenden Abschaums zu entkommen.

Kurz entschlossen wandte er sich an einen alten Mann, der gerade seinen Schemel vor einem wacklig aussehenden Tisch postierte. Seine Auslage bestand aus verschiedenfarbigen Lederflicken, festem Zwirn und schmalen Stoffbahnen, die er ...

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