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Dämonen der Furcht

Alfred Bekker, W. A. Hary

Dämonen der Furcht

Ein Dämonenjäger Murphy Roman: Cassiopeiapress Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

DÄMONEN DER FURCHT

Ein Dämonenjäger Murphy Roman

von Alfred Bekker (Henry Rohmer), W.A.Hary und Marten Munsonius

© by authors

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

„Dämonenjäger Murphy“ wurde geschaffen von Marten Munsonius und zur Serie entwickelt von Alfred Bekker.

1

Eine Adresse: 1 West 72nd Steet, New York...

Ein Renaissance Schloss an einem See.

Nicht unbedingt etwas, was man mit dem Big Apple verbinden würde. Aber genau das waren die Dakota Apartments mit Blick auf "The Lake" im Central Park, eingerahmt von viel größeren Gebäuden, nämlich dem Langham und den Majestic Apartments.

Eine Nobelherberge mitten in einem Slum? Genau das war die West Side nämlich früher...

Man hätte so ein Anwesen genauso gut in Dakota bauen können, so pflegten die Leute ehedem zu sagen. Aber sie hatten sich getäuscht.

Das Dakota war längst eine der besten Adressen der Stadt geworden.

Und ein Haus des Grauens....

2

Murphy schauderte, als er einen der Aufzüge in den Dakota Apartments betrat.

Dieses Haus hat eine düstere Aura, dachte er.

Er sah die Männer und Frauen an, die sich mit ihm zusammen in die enge Kabine gequetscht hatten.

Er schwitzte.

Seit drei Wochen wohnte er in Apartment 234 D, 12. Stock. Vorgeblich war er ein ganz normaler Mieter. In Wahrheit war er im Auftrag des Ordens vom Weißen Licht hier, der auch das Apartment für ihn angemietet hatte.

Ein blassgesichtiger Mann lockerte die Krawatte und stierte Murphy an.

Ein Blick von geradezu beunruhigender Intensität...

So dunkle Augen, ging es Murphy durch den Kopf. Wie schwarze Löcher mitten in einem Cluster heller Riesensonnen.

Murphy glaubte die Anwesenheit magischer Energien zu spüren. Ganz kurz nur. Diese Empfindung dauerte nicht länger als den Bruchteil einer Sekunde.

Irgend etwas stimmt nicht mit diesem Mann, dachte Murphy.

Er sah Murphy direkt an, verzog das Gesicht und bleckte die Zähne wie ein Raubtier.

Seine Augen!, durchzuckte es Murphy.

Im nächsten Moment waren sie vollkommen schwarz. Nichts Weißes war mehr in ihnen zu sehen. Ein dumpfes Knurren drang aus seiner Kehle. Ein Laut, wie man ihn kaum einem menschlichen Wesen zuordnen mochte. In dieses Knurren hinein mischten sich Worte.

"NATANETA PARANODOR EYET..."

Murphy schluckte.

Eine Schrecksekunde verging, ehe er begriff. Die Worte - Murphy kannte sie nur zu gut. Sie stellten eine Beschwörung aus dem BUCH DES WISSENS dar.

Murphy fühlte, wie ETWAS nach seinem Inneren griff. Dieses ETWAS berührte sein Bewusstsein, lastete wie ein unheimlicher Druck auf ihm.

Rasender Kopfschmerz durchzuckte ihn.

Murphy konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Wie zur Salzsäule erstarrt, blickte er in das Gesicht des blassgesichtigen Mannes.

Es hatte sich verändert, war jetzt kaum noch wiederzuerkennen. Tierhafte Wülste bildeten sich über den Augenbrauen. Die Wangenknochen und die Kinnpartie traten hervor.

"NATANETA PARANODOR EYET...", wiederholte er.

Mit Schrecken registrierte Murphy, dass die anderen Aufzugbenutzer von alledem nichts mitzubekommen schienen.

Ihre Gesichter wirkten seltsam verzückt, die Augen weit aufgerissen. Wie unter Drogeneinfluss standen sie da, teilnahmslos, wie aus der Welt gerissen.

Es ging ihnen nicht anders als Murphy selbst - mit dem Unterschied, dass Murphy genau mitbekam, was vor sich ging.

Die Dämonen der Dämmerung und ihre Diener!, ging es Murphy durch den Kopf. Im Grunde hatte er seit dem Tag, als er hier eingezogen war, mit einem Angriff dieser Wesen gerechnet. Ihretwegen war er schließlich hier her gekommen, in dieses Haus...

Ein besonderes Haus.

Ein Haus, in dem sich dunkle Kräfte konzentrierten wie sonst an kaum einem anderen Ort.

Konzentriere dich!, versuchte Murphy sich zu sagen. Er schloss die Augen. Sein dämonisches Gegenüber sah er jetzt noch immer völlig klar vor sich - diesmal vor seinem inneren Auge. Murphy besaß nur sehr geringe magische Fähigkeiten. Sein Wissen war äußerst begrenzt. In keinem Fall konnte er es mit seinen Gegnern aufnehmen - jenen Jüngern der Dämmerdämonen, die diesen Kreaturen der Finsternis zur Herrschaft verhelfen wollten.

Konzentriere dich!, durchzuckte es ihn erneut.

Ein höhnisches Lachen hallte in seinem Kopf tausendfach wider, während eine erneute Welle des Schmerzes ihn durchflutete.

Er hörte Schreie.

Helle Schreie.

Wie von Kindern.

Du musst dich wehren!, rief eine Stimme in Murphys Innerem. Eine Stimme, deren Klang beinahe im Geschrei der Kinder unterging. Geschrei, das Murphys Kopf fast zerspringen ließ.

Wehr dich oder es wird zu spät sein!, schrie es in ihm. Versuche deine Kräfte zu bündeln...

Eisige Kälte lief Murphy den Rücken hinunter.

Jede einzelne Schweißperle auf seiner Stirn spürte er jetzt.

Die Zeit, dachte er. Sie ist wie eingefroren.

Murphy murmelte eine Beschwörung, um sich vor den Energie seines Gegenübers zu schützen. Seine Lippen waren so unsagbar schwer geworden. Wie betäubt.

Was ist es für ein Gift, das in dir wirkt, Murphy?, durchfuhr es ihn.

Eine andere Stimme meldete sich: Kennst du es wirklich nicht? Oder ist es nur die namenlose Furcht, die deinen Geist betäubt. Du weißt es. Du kennst diese Kraft. Und du weißt, dass du ihr nichts entgegenzusetzen hast.

Murphy wiederholte die Beschwörung immer wieder, murmelte sie vor sich in wie einen Singsang.

Er fühlte die Kraft in seinen Körper zurückkehren. Ein Gefühl, als ob ein ganz leichter elektrischer Stromfluss seinen Körper durchlief.

Der blassgesichtige Mann brüllte auf.

Ein Laut, dem nichts Menschliches mehr anhaftete.

Murphy konnte beobachten, wie ihm Haut von den Knochen herunterschrumpfte. Innerhalb von Augenblicken wirkte er wie eine mumifizierte Leiche. Die Haut schmiegte sich wie ein enganliegender Lederüberzug über die Gebeine.

Die Augen hatten die Farbe gewechselt.

Die Schwärze war einem dunklen Rot gewichen. Sie leuchteten pulsierend.

Wieder überfiel Murphy eine Welle des Schmerzes. Er glaubte eine Sekunde lang zu fallen, einfach in einen tiefen Schlund hineinzusinken... Aber dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. Die Formel, die er unablässig murmelte, half ihm dabei.

Der blassgesichtige Mann streckte Murphy seine Knochenhände etwa in Schulterhöhe entgegen.

Kinder!, dachte Murphy. Diese Schreie. Unsagbare Pein. Grauen. Bilder flackerten vor Murphys innerem Auge auf. Bilder scheußlicher Details. Abgetrennte Gliedmaßen. Blut. Ein Schwall von Blut...

Und Knochen.

Ein Geruch der Verwesung und der Fäulnis breitete sich aus. Er war so schwer, dass Murphy glaubte, ersticken zu müssen.

Wie grotesk!, dachte er im Angesicht der euphorischen Gesichter der anderen Fahrstuhlbenutzer.

Der blassgesichte Mann begann zu zittern. In immerwährender Wiederholung murmelte er die bekannten Worte "NATANETA PARANODOR EYET... NATANETA PARANODOR EYET..." Die Beschwörung übertönte jetzt das tierische Knurren, das gleichzeitig - wie von einer zweiten Stimme! - aus seiner Kehle herausgepresst wurde.

Die Haut an den mumienhaften Händen platzte auf.

Knochen schossen heraus.

Wie Armbrustbolzen schnellten sie heraus.

Direkt auf Murphy zu.

Für den Bruchteil einer Sekunde hatte Murphy die Kontrolle über seinen Körper wieder.

Er hob die Hände ganz instinktiv.

Eines der Knochengeschosse traf Murphys Linke, bohrte sich in die Hand, riss sie zurück und nagelte sie förmlich an die Wand. Ehe Murphy auch nur einen Schrei ausstoßen konnte, war dasselbe mit seiner anderen Hand geschehen. Wie ein Gekreuzigter stand Murphy nun da. Durch jede seiner Handflächen bohrte sich einer der Fingerknochen des blassgesichtigen Mannes. Blut rann Murphy von den Händen herab, tropfte auf den Boden, bildete auf jeder Seite eine kleine Lache.

Ein scheußliches Gelächter ertönte.

Murphy starrte voller Grauen auf die linke Hand jener Kreatur, die zuvor der blassgesichtige Mann gewesen war.

An zwei Fingern seiner Linken hing pergamentartige Haut hinab. Kein Knochen stabilisierte sie.

Wieder platzte die Haut. Diesmal an der anderen Hand.

Er hielt sie Murphy in Augenhöhe hin.

'Nein!', wollte Murphy schreien.

Aber nicht ein einziger Laut kam über seine Lippen.

Ein Fingerknochen schoss ihm mitten ins Auge.

Eine Welle des Schmerzes überflutete Murphy.

Dann folgte der zweite Knochen. Er traf direkt in die Pupille des anderen Auges.

Murphy glaubte, wahnsinnig zu werden. Der Schmerz war übermächtig. Er sah nur noch rot. Rot. Rot. Rot. Wie Blut.

Und dann kam die Finsternis, die sich wie ein dunkles Leichentuch über ihn senkte.

3

"Heh, Sie! Aufwachen!"

Der Lichtstrahl war schmerzhaft grell. Murphy hob schützend die Hand vor die Augen, dann betastete er sie ungläubig.

Mein Gott, ich kann sehen!

Er blickte auf seine Hände.

Wo sind die Wundmale? Die Knochen? Was ist nur geschehen?

"Alles in Ordnung, Mister?", drang eine etwas ungeduldig klingende Männerstimme erneut in Murphys Bewusstsein. Ein Mann in den mittleren Jahren sah ihn an. Er hockte vor ihm und machte ein besorgtes Gesicht.

Ich erinnere mich an ihn, dachte Murphy. Er war unter den Leuten im Fahrstuhl!

"Es geht schon", murmelte Murphy.

Er betastete nacheinander seine Handflächen.

Unversehrt.

Es muss eine magische Suggestion gewesen sein!, ging es ihm durch den Kopf.

Erinnerungsfetzen geisterten durch sein Hirn. Die Knochen. Die Kreatur, in die sich der Blassgesichtige verwandelt hatte, dieses tierhafte Dämonenwesen...

Ein Diener der Dämonen der Dämmerung... Sie wissen, dass ich hier bin. Sie wissen, was hier meine Aufgabe ist... Das wird es nicht leichter machen.

Der Mann in den mittleren Jahren half Murphy auf. Murphy fühlte sich noch etwas wackelig auf den Beinen. Ein Gefühl, als ob du wochenlang mit Fieber im Bett gelegen hättest. Das ist es doch, oder?

Er musste sich an der Wand festhalten.

"Wo wohnen Sie?", fragte der Mann in den mittleren Jahren.

"234 D."

"So'n Zufall."

"Wieso?"

"Ich wohne zwei Türen weiter. Ist also kein Problem, wenn ich Sie nach Hause bringe."

"Geht schon."

"Nein, nein, keine Widerrede. Mein Name ist übrigens Stanton. DOKTOR Stanton."

Die Art und Weise, wie er den DOKTOR betonte, war autoritätsgewohnt.

"Sie sind Arzt?" fragte Murphy überflüssigerweise.

"Ja. Am St. Joseph's Hospital, gegenüber vom Tompkins Square Park in der Avenue A." Stanton atmete tief durch. "Mit dem Kreislauf sollte man nicht spaßen. Sie sollten sich mal durchchecken lassen."

"Sicher."

Murphy blickte sich um, sah in die Gesichter der anderen Fahrstuhlbenutzer. Der blassgesichtige Mann war nicht mehr unter ihnen.

Nichts ist passiert. Gar nichts. Jedenfalls nicht in dem Bereich des Multiversums, das der Mensch als Realität bezeichnet und aus dem ich mich wohl für ein paar Augenblicke entfernt habe...

Dann fiel sein Blick auf die Flecken auf dem Boden - direkt neben der Wand.

Jeweils eine Armlänge rechts und links von ihm.

Murphy hatte das Gefühl, als ob eine kalte Hand sich auf seinen Rücken legte.

Plötzlich hing dieser schwere Geruch wieder in der Luft.

Verwesung, Verfall, Tod, Moder...

Blut...

Es war angetrocknet, sehr dunkel geworden und kaum noch als das zu erkennen, was es wirklich war. Der Saft des Lebens und nach Auffassung mancher religiöser Gruppen der Sitz der menschlichen Seele. Niemand achtete darauf. Dr. Stanton warf einen flüchtigen Blick auf die Flecken und meinte: "Man sollte den Hausmeistern das Streikrecht aberkennen, verdammt nochmal!"

4

Ein verfluchtes Haus, dachte Murphy, als er gemeinsam mit Dr. Stanton die langen, düsteren Korridore des zwölften Stocks entlangging. Dunkles Holz war an den Wänden. Ein Ort, an dem besondere Energien wirksam sind. Das war dir noch von Anfang an klar!

"Bestimmt war es das Wetter, das Sie gerade zusammenklappen ließ", meinte Dr. Stanton.

Murphy hörte die Stimme des Arztes wie aus weiter Ferne.

"Ja, ja..."

"Das New Yorker Wetter ist höllisch. Besonders im Sommer. Was glauben Sie, was da in den Arztpraxen und Ambulanzen los ist!"

"Ich verstehe, was Sie meinen."

"Ich kann Ihnen sagen..."

In Murphys Kopf rasten die Gedanken.

John Lennon ist vor den Stufen des Dakota erschossen worden. Und Roman Polanski drehte hier Rosemaries Baby. Wurden auch der Mörder des Beatles und der stets jungenhaft wirkende Regisseur von der düsteren Aura dieses Gebäudes angezogen?

Murphy hatte seine Apartmenttür erreicht. Dr. Stanton zögerte.

"Ich komme schon klar", versprach Murphy.

Die Art und Weise, in der ihn der Arzt musterte, empfand Murphy irgendwie als 'seltsam'. Er konnte nicht erklären, was die Seltsamkeit eigentlich letztlich ausmachte. Etwas stimmte da nicht. Irgend etwas. Murphy fühlte sich innerlich leer und müde. Er kam einfach nicht drauf, obwohl er meinte, ganz dicht an der Erkenntnis zu sein.

Ein Kinderschreien ließ Murphy regelrecht zusammenzucken.

Dr. Stanton lächelte.

"Das ist das Kind der Familie Sarrasco. Ist vorgestern hier eingezogen..."

"Ah, ja..."

"Schätze, der kleine Balg wird Ihnen noch einige Mal die Nachtruhe rauben. Die Wände sind hier ja wie Papier. Ich habe schon hundertmal deswegen mit der Hausverwaltung gesprochen, aber die unternehmen ja nichts. Die Sanierung ist wohl zu teuer."

Murphy hörte gar nicht richtig zu.

Nichts würde sein, wie es gewesen war.

Das war sein beherrschender Gedanke.

Seit dem Erlebnis im Fahrstuhl hatte etwas NEUES begonnen. Worin immer auch das NEUE bestehen mochte.

5

Murphy hatte sich lange nicht so müde gefühlt, wie in jener Nacht. Bleiern fühlte er sich. Wie unter der Last von zentnerschweren Mühlsteinen. Er verschlief einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Wirre Träume suchten ihn in dieser Zeit heim. Hin und wieder drang das Geschrei von Kindern in sein Bewusstsein, ließ ihn kurz bis an die Oberfläche auftauchen. Anschließend sank er dann in um so unergründlichere Tiefen.

Als er dann erwachte, fühle er sich zerschlagen.

Der Schlaf hatte keine erholsame Wirkung. Eher das Gegenteil schien der Fall zu sein.

Selbst magische Beschwörungen, die Murphy hin und wieder zur Kräftigung durchführte, hatten keinerlei positive Wirkung mehr. Die Macht der weißen Magie scheint hier irgendwie gedämpft zu sein!, durchzuckte es ihn. Und du weißt warum. Die Dämonendiener sind hier...

Von nebenan war wieder das Kind zu hören.

Zwei Tage später hörte er es nicht mehr.

Nie mehr.

Es schien nicht mehr da zu sein, obwohl Murphy den Eltern täglich auf dem Flur begegnete.

6

Murphy sah sich nach und nach im gesamten Dakota-Building um. Mit einem speziellen Pendel versuchte er herauszubekommen, wo in diesem Haus die magischen Energien besonders stark waren.

Jene Stelle in der Aufzugskabine, an der sich die getrockneten Blutflecken befanden, war der Ausschlag besonders stark.

Dort, wo ich gekreuzigt worden bin, ging es Murphy schaudernd durch den Kopf. An die Wand genagelt mit menschlichen Fingerknochen...

Dem blassgesichtigen Mann begegnete Murphy in der nächsten Zeit nicht mehr - geschweige denn der Kreatur, in die dieser Mann sich verwandelt hatte.

Manchmal glaubte Murphy, im hintersten Winkel seines Bewusstseins das höhnische Lachen des Blassgesichtigen zu hören.

Nur ein Reflex deiner Erinnerung. Nichts weiter. Wirklich nicht.

7

Tief, tief, im Gewölbe...

Kalter Modergeruch hing in der Luft. Der Schein unruhig hin und her tanzender Flammen erfüllte den Raum. Fackeln hingen an der Wand. In der Mitte des Raumes befand sich ein quaderförmiger Altar. Von der Decke hingen bleiche Totenschädel. Beinahe unsichtbare, hauchdünne Nylonschnüre hielten sie. Und beim leisesten Hauch von Zugluft begannen sie sich wie ein groteskes Mobile zu bewegen.

Eine Art Totentanz...

Auch sehr kleine Schädel waren darunter.

Kinderschädel.

Ein Dutzend in Kutten gehüllte Gestalten standen in einem Halbkreis um den quaderförmigen Altar herum. Die Kapuzen verdeckten die Gesichter. Nur winzige Löcher blieben für die Augen. Ein dumpfer Singsang erfüllte den Raum in immerwährender Wiederholung.

"NATANETA PARANODOR EYET..."

Worte einer Sprache, die älter war als die Menschheit.

Einer der Kuttenträger trat aus dem Halbkreis hervor. Er kniete sich vor den quaderförmigen Altar, hielt dabei die Arme vor der Brust gekreuzt. Die Hände waren zu Fäusten geballt.

"NATANETA PARANODOR EYET..."

Gespenstisch hallte der Singsang in dem modrigen Gemäuer wider.

Eine Gestalt trat jetzt aus dem dunklen Schatten hinter dem Altar hervor. Das flackernde Licht der Fackeln erfasste sie. Sie trug ebenfalls eine Kutte, so wie alle anderen im Raum. Nur, dass diese Kutte von blutroter Farbe war.

Der Singsang schwoll an, bekam jetzt eine geradezu hysterische Note.

Der rote Kuttenträger trug ein Bündel im Arm, eingewickelt in weißes Tuch.

Der rote Kuttenträger trat an den Altar heran.

Als er das Bündel auf den Stein legte, verstummte abrupt der Singsang.

In dem Bündel bewegte sich etwas. Der Umriss eines Fußes drückte sich durch das weiße Tuch.

Eine helle Stimme meldete sich mit Gluckslauten.

Füße strampelten.

Aber das Bündel war gut verschnürt.

"Tazilaar!", rief der rote Kuttenträger. "Deine Jünger rufen dich. Dein sei der Tribut."

Und die anderen antworteten: "Es lebe Tazilaar, der Gott der Knochen und Gebeine!"

Die kleinen Schädel, die von der Decke herabhingen, begannen zu vibrieren. Zunächst nur ganz leicht, dann immer stärker.

"Tazilaar! Du Abgesandter der Dämonen der Dämmerung, Herr der Gebeine und des Blutes, Vollender des Todes und der Fäulnis..."

Das gespenstische Knochenmobile geriet jetzt in immer stärkere Bewegungen. Schädeldecken stießen aneinander. Geräusche, die entfernt an die akustische Kulisse eines Billardsaals erinnerten.

Einer der anderen Kuttenträger trat jetzt an den roten Zeremonienmeister heran und reichte diesem zwei Dinge.

Einen meißelartig zugespitzten Knochen, der vielleicht einst ein menschlicher Oberschenkel gewesen war und einen Steinhammer, dessen Schaft ebenfalls aus Knochen geformt war.

Der Mann in Rot setzte die Spitze des Knochenmeißels in die Mitte des zappelnden Bündels.

Dann holte er mit dem Knochenhammer zu einem Schlag aus.

Die glucksende Stimme erstarb.

Das weiße Tuch, in das das Bündel eingeschnürt war, verfärbte sich rot.

Rot wie Blut. Eine Lache bildete sich und dann rann es den kalten Stein hinunter bis zum Boden.



8

"Was machen Sie da?"

Murphy zuckte herum. Er befand sich in den düsteren Kellern unterhalb des Dakota-Buildings. Waschräume waren hier zu finden. Einer davon hatte in Roman Polanskis Filmversion von ROSEMARIES BABY als Kulisse gedient.

Der Mann, der so plötzlich aufgetaucht war, trug die Uniform der New Yorker Cops. Sein Gesicht war pockennarbig.

In seiner Begleitung befand sich ein Security Guard, der dem privaten Sicherheitsdienst angehörte zu dessen Aufgaben die Überwachung des Dakota Buildings gehörte. An seinem grauen Uniformhemd stand sein Name: Burton.

Murphy hob die Augenbrauen. Er ließ das Pendel sinken.

"Braucht man jetzt schon eine Genehmigung, um in den Waschkeller zu gehen?"

"Das kommt ganz darauf an!", knurrte der pockennarbige Cop.

"Ich bin Mieter hier."

Der Pockennarbige wandte sich Burton. "Stimmt das?"

Burton musterte Murphy einige Augenblicke lang.

Murphy sagte: "Ich bin David Murphy von 234 D. Allerdings bin ich noch nicht sehr lange hier im Haus."

Burton nickte schließlich. "Ich erinnere mich an das Gesicht - das kann schon sein."

"Was haben Sie da in der Hand?", fragte der Cop und deutete auf Murphys Pendel.

Murphy hob es hoch. Es hing an einer messingfarbenen Kette. Der Cop nahm das Metallstück am Ende in die Hand, sah stirnrunzelnd auf die magischen Symbole. Für ihn vielleicht nichts weiter als skurrile Ornamente.

"Wir suchen einen Säugling", erklärte der Cop dann.

"Das Kind der Sarrascos?", fragte Murphy.

"Woher wissen Sie das?"

"Es war nur so ein Gedanke. Die Sarrascos sind meine Nachbarn. Normalerweise hat das Kind immer viel geschrien, aber seit kurzem hat das aufgehört..."

Der Cop nickte.

"Es ist Natalie Sarrasco. Haben Sie irgend etwas Verdächtiges bemerkt?"

"Verdächtig - was meinen Sie damit?"

"Kommen Sie bitte mit, ich möchte mir mal Ihre Wohnung ansehen."

"Haben Sie denn einen Durchsuchungsbefehl?"

Der Cop kratzte sich an einer seiner hässlichen Pockennarben und grinste breit. Ihm fehlten die oberen Schneidezähne und so sah er jetzt wie eine Art Mike Tyson nach ausgiebigem Bleichbad.

"Haben Sie denn was zu verbergen, Murray?"

"Murphy", korrigierte Murphy.

"Wie auch immer."

Er blickte sich um. Das Pendel hielt er jetzt wieder mit beiden Händen. Es schwang hin und her. Murphy spürte die KRAFT. Ich muss hier her zurückkehren, dachte er. Hier unten lag der Schlüssel. Der Schlüssel zu einer Tür, die in ein düsteres Reich der Finsternis führte.

Er war ganz nahe dran, das spürte er.



9

Zehn Minuten später waren Burton, der Security Guard und der narbengesichtige Cop mit Murphy in dessen Wohnung gegangen.

Auf den Fluren waren weitere Polizisten - mit und ohne Uniform - zu sehen.

Wenigstens war es tröstlich zu sehen, dass Murphy nicht der Einzige war, der befragt wurde.

Das Narbengesicht sah sich in 234 D um, fasste allerdings nichts an. Er schien nach etwas ganz bestimmtem zu suchen, fand es aber nicht.

"Wie stehen Sie zu okkultistischen Praktiken?", fragte er dann unvermittelt.

"Wieso?", fragte Murphy zurück.

"Nicht 'wieso'. Beantworten Sie einfach meine Fragen."

"Sie werden hier nichts finden, was auf derartige Praktiken hinweist", erklärte Murphy ausweichend. Er konnte sich den Hintergrund der Frage zusammenreimen. Die ermittelnden Beamten des NYPD vermuteten hinter dem Verschwinden des Babys offenbar okkultistische Zirkel, die irgendwelche magischen Rituale - Opferrituale vielleicht - durchführten.

Jetzt meldete sich Burton zu Wort. Sein Tonfall war etwas versöhnlicher. Kein Wunder, dachte Murphy. Schließlich wusste Burton ganz genau, wer ihn letztlich bezahlte. Die Bewohner des Dakota-House nämlich.

Burton sagte: "Sie sind noch nicht lange her, Mister Murphy..."

"Um so mehr verwundert mich die Art und Weise der Befragung!"

"...aber das Baby der Sarrascos ist der letzte von insgesamt fünf Säuglingen, die innerhalb des letzten Jahres in dieser Gegend verschwunden sind."

"Was haben die Ermittlungen ergeben?", fragte Murphy pro Forma. Er kannte die Antwort nämlich, wusste sehr viel mehr darüber als dieser kleine Security Guard, der davon nur aus der Presse und aus zweiter Hand erfahren haben konnte.

Dieser Kinder wegen war Murphy nämlich unter anderem hier.

Ihretwegen - und um der vielen anderen willen, die zweifellos noch folgen würden, wenn man der finsteren Macht nicht Einhalt gebot, die hier am Werke war.

Den Dienern der DÄMONEN DER DÄMMERUNG.

Kaum zu glauben, aber dieses unsympathische Narbengesicht ist eigentlich dein Verbündeter!, dachte Murphy mit Blick auf den Cop. Aber ich werde mich hüten, ihm auch nur eine Silbe von dem zu sagen, was ich weiß... Dieser Mann ist völlig ahnungslos, so wie das ganze Police Department, wie diese Stadt, die angeblich nie schläft --- ja, wie die ganze Welt. Was wissen sie von der Bedrohung, die im Begriff ist, die gesamte Menschheit zu bedrohen? Nichts. Sie sind nichts weiter als Bauern in einem Schachspiel, das sie nicht durchschauen, ja, von dessen Existenz sie nicht einmal etwas ahnen.

"Wir haben die Knochen eines der Kinder am Hielscher Playground gefunden", sagte der narbengesichtige Cop. "Ist schon ein Vierteljahr her, vielleicht haben Sie davon gehört."

Murphy sagte: "Es gibt so viele Leichen im Fernsehen."

Der Cop grinste. "Ich verstehe, was Sie meinen."

Dass die Knochen auf dem Hielscher Playground im Central Park gefunden worden waren, wusste Murphy. Der Schädel hatte gefehlt. Nur der Schädel. Der Torso war zerlegt worden. Die Knochen hatte der Täter in einer ganz bestimmten Form angeordnet. Sie hatten ein pfeilartiges Zeichen gebildet, das exakt so ausgerichtet gewesen war, dass es auf das Dakota Building gezeigt hatte. Der Hinweis eines perversen Täters, so war in der Presse zu lesen gewesen. Ein DNA-Vergleich mit Blutproben der Eltern hatte dann einwandfrei erwiesen, dass die Knochen wirklich von einem der gesuchten Säuglinge stammen.

Der narbengesichtige Cop schob sich ein Kaugummi in den Mund.

"Halten Sie die Augen offen, Murray!" sagte er dann, bevor er ging.

"Ich hoffe, dass Sie den oder die Täter kriegen!", gab Murphy seiner Hoffnung Ausdruck und verzichtete dabei darauf, den Cop wegen des 'Murray' zu korrigieren.

"Ich habe kein Verständnis für Schweine, die so etwas tun!", meinte der Cop. Seine Stimme klang etwas anders als sonst. Ein Tonfall, der zum ersten Mal erkennen ließ, dass dieser Fall für ihn kein Job wie jeder andere. "Man muss sich das mal vorstellen", murmelte er dann. "Die Knochen abzuschaben, das ganze Fleisch herunterzukratzen... Furchtbar. Und wir wissen bis heute nicht, wo das abgeblieben ist!"



10

Später sah Murphy in einem der zahllosen New Yorker Lokal-TV-Sender den verzweifelten Aufruf von Martin Sarrasco. Der Vater des verschwundenen Säuglings wandte sich via TV an den oder die Täter. Tränenüberströmt bat er um das Leben seines Babys, immer wieder unterbrochen vom Schluchzen seiner Frau. Die Kamera hielt direkt drauf. Der Quotenrenner des Mittags. Im Laufe des Nachmittags würde man diese Szenen noch in dutzendfacher Wiederholung sehen können. Auf das Wesentliche zusammengeschnitten natürlich.



11

"Wir hatten keine andere Wahl", sagte Martin Sarrasco.

"Man hat immer eine Wahl!", erwiderte seine Frau.

"Du redest Unsinn."

"So?"

"Herrgott nochmal!"

"Nimm dessen Namen nicht in den Mund, Martin."

"Wie?"

"Sprich nicht von Gott. Das klingt irgendwie..."

Sie stockte.

Begann zu weinen.

Wieder und wieder.

Martin Sarrasco atmete tief durch. Er verdrehte die Augen. Scheiße, hat sie nicht Recht? Hat sie nicht verdammt noch mal Recht?

Seine Frau saß heulend auf der Bettkante. Sie schluchzte zum Steinerweichen. Immer wieder wurde sie von Heulkrämpfen geschüttelt.

Die Tränen rannen ihr nur so das Gesicht hinunter.

Das dezente Make-up war völlig zerlaufen. Ein Aquarell der Verzweiflung.

"Ich glaube, es war ein Fehler", brachte sie schließlich heraus. "Es war ein gottverdammter Fehler. Wir hätten uns niemals auf diese Sache einlassen dürfen."

"Das sagt sich jetzt leicht."

"Habe ich vielleicht unrecht?"

"Nein...Quatsch... Verdammt, ich weiß es nicht!" Martin Sarrasco raufte sich die Haare. Die ganze Situation ist verfahren. Völlig verfahren.

Sie sah ihn an.

Er dachte: Mein Gott, sieh mich nicht so an. Ich könnte dich für diesen Blick töten. Bin ich denn allein Schuld an dem, was geschehen ist? Jetzt können wir nicht mehr heraus aus dem Schlamassel. Wir können einfach nicht. Einmal in die Sackgasse gelaufen und Schluss...

Ihr Gesicht veränderte sich, verzog sich zu einer Grimasse.

"Ich hasse dich dafür, Martin", sagte sie.

"Mach's dir nicht so einfach."

"ICH mache es mir NICHT einfach, Martin."

"Ach komm, Sue."

"So ist es doch!"

"Sue..."

"Sue...", äffte sie ihn nach. "Sue...Sue...Sue... Du willst doch alles nur unter einer süßen Soße aus beruhigenden Worten zudecken. Verdammt, ich scheiß darauf, hörst du? Ich scheiß darauf!"

"Laut genug war's zumindest."

"Aber angekommen ist es bei dir wohl noch lange nicht."

Pause.

Eine lange, unangenehme Pause, schwer wie Blei.

Er wich ihrem Blick aus, sah zur Seite. "Was hätten wir denn tun können?", erwiderte er. "Wir haben von Tazilaars Kraft profitiert. Und jetzt waren wir mit dem Opfer an der Reihe. Unser Kind, es gehörte gewissermaßen von Anfang an nicht uns. Verstehst du das, Sue?"

Sie verstand es nicht.

Sie antwortete ihm auch nicht.

Sie schüttelte nur stumm den Kopf. "Sprich diesen Namen nicht wieder aus!", brachte sie dann hervor. "Den Namen dieses... dieses Monstrums, des Knochengottes!"

An der Wohnungstür klingelte es.

Sie sahen sich an.

"Das ist bestimmt irgend so ein Medienfritze", meinte Martin Sarrasco. "Ich wimmle die ab!"

Er lief zur Schlafzimmertür.

Sue meldete sich noch einmal zu Wort und der Klang ihrer Stimme ließ Martin Sarrasco erstarren.

"Es ist nicht zu fassen", sagte sie.

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