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Dämon

Über den Autor

Matthew Delaney ist Absolvent des Dartmouth College, New Hampshire. dämon, sein erster Roman, fand begeisterten Anklang bei Publikum und Kritikern. Die Filmrechte wurden noch vor der Fertigstellung des Buches an Touchstone Pictures verkauft. Matthew Delaney lebt in Somerville, Massachusetts.

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Inhalt
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Bougainville, Nördliche Salomoninseln, Pazifischer Kriegsschauplatz, 11. November 1943, Morgendämmerung
  8. Zwei Tage später
  9. September 2007 Pazifischer Ozean, 100 Seemeilen vor der Küste von Bougainville, Amerikanisches Forschungsschiff Sea Lion
  10. Juli 2008 Boston, Massachusetts
  11. Boston Common. In der gleichen Nacht
  12. 20. Juli 1996

Gütiger Gott, unser Krieg ist vorüber.

Wir alle sind tot

– und das Königreich ist am Ende.

DER GRAF VON TRIPOLIS
NACH DER SCHLACHT VON HATTIN, A. D. 1187

Ich habe nicht die Hälfte von dem erzählt,

was ich gesehen habe,

weil keiner mir geglaubt hätte.

MARCO POLO
AUF DEM STERBEBETT

Bougainville, Nördliche Salomoninseln
Pazifischer Kriegsschauplatz,
11. November 1943, Morgendämmerung


Die acht Landefahrzeuge bildeten auf dem aufgewühlten Pazifik eine unregelmäßige Linie aus grauem Schiffsstahl. Die kleinen Boote hoben und senkten sich mit dem Wellengang, und die leuchtend grüne Phosphoreszenz der See schlug gegen die eisernen Schiffswände, bevor sie zu Nebel zerstob, der über die behelmten Köpfe der F-Kompanie gischtete. Private Eric Davis stand eingezwängt zwischen anderen Marines mit nassen, dunklen Kampfanzügen und Helmen, von denen Salzwasser troff. Er zog die Schultern ein, als das Landefahrzeug über den Kamm einer weiteren Welle tanzte und mit Übelkeit erregendem Schwung in die Tiefe schoss, während unablässig Wasser über die Männer gischtete.

Zwei Monate zuvor war Davis noch in Boston gewesen. Dann war die Einberufung gekommen. Einen Monat Ausbildung in Mississippi, anschließend die Stationierung im Pazifik – der Rest war eine verschwommene Abfolge schlafloser Nächte an Bord schwankender Schiffe, in Segeltuchpritschen, eine über der anderen, während Davis den gelegentlichen Fliegeralarmen lauschte, sobald japanische Zero-Kampfmaschinen über ihnen auftauchten und sie umkreisten wie hungrige Geier ihre Beute.

Das Landungsboot stürzte in ein weiteres Wellental und zwang Eric, die Beine noch breiter zu spreizen, während wieder Wasser auf ihn herabgischtete. Sie umkreisten die Insel seit zehn Minuten, während die Sonne heiß auf ihre Helme brannte und das Salz auf ihrer Haut trocknete, bis sie spannte. Über die Süllwände des Landungsboots hinweg starrten die Männer auf die dichte Vegetation hinter dem Strand, wo der Boden von Granaten umgepflügt wurde.

Plötzlich änderte das Boot den Kurs und lief in Richtung Ufer. Ein Torpedobomber der Marine Air Group flog mit tiefem Brummen über sie hinweg und überflog ein letztes Mal den vorgesehenen Landeplatz.

Rings um Davis würgten Männer und übergaben sich. Einige beugten die Köpfe über die Süllwände des Landungsboots und erbrachen sich ins Meer, andere hielten sich die kleinen Papiertüten vor den Mund, die man ihnen vor dem Borden ausgehändigt hatte. Davis beobachtete den Mann direkt neben sich, der vornübergebeugt stand und vergeblich mit der Hand vor dem Mund das Erbrochene festzuhalten versuchte, das ihm zwischen den Fingern hindurchquoll.

An diesem Morgen waren die Soldaten um drei Uhr geweckt worden. Die Jungs in der Messe der uss Pennsylvania hatten frisch gebügelte weiße Jacken getragen und Berge von Rührei mit Speck serviert, während aus den Bordlautsprechern Jazzmusik erklungen war. Wenn es beim Militär eine gute Mahlzeit gab, bedeutete dies üblicherweise, dass die Japse den Männern an dem betreffenden Tag mächtig einheizen würden. Erics Schiffskamerad Alabama pflegte zu sagen, dass eine anständige Mahlzeit immer nah bei einer letzten lag, ähnlich wie bei einem zum Tode verurteilten Gefangenen, der seine Henkersmahlzeit bekam, bevor er zum Galgen geführt wurde.

Ein Stück abseits auf See hielt die uss Galla Kurs, ein Truppentransporter aus Neuguinea. Sie hatte neun Leichen in Säcken dabei, die nach Hause verschifft und dort beigesetzt werden sollten. Jemand hatte vergessen, die Säcke weit genug hinten zu verstauen, sodass die Männer an Bord die Verwesung bis in ihre Quartiere riechen konnten.

Die meisten Marines hatten ihr Frühstück an den Metalltischen der Messe unter den nackten Glühbirnen schweigend eingenommen, während sie dem Dröhnen der Maschinen und dem dumpfen Geräusch der Wellen gelauscht hatten, die gegen den Rumpf schlugen. Nacht für Nacht lag Eric Davis in seiner Koje, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, während der Gedanke an den Tod auf irgendeiner gottverlassenen Insel fern der Heimat stärker in ihm geworden war. Eric, der an Bord der Galla gewesen war, bevor er auf die Pennsylvania gewechselt hatte, konnte den Tod schon wieder riechen. Er schien aus den Frühstückseiern aufzusteigen.

Eric dachte an zu Hause, und seine Gedanken wanderten zu Jessica. Am Kopfende seiner Koje hingen die drei Briefe, die er von ihr bekommen hatte, eng zusammengerollt in einer seiner Bandolieren. Er empfand ihre Handschrift als etwas Tröstliches, nicht so sehr wegen dem, was sie schrieb, sondern wegen ihrer Weiblichkeit, wegen der Form der Wörter selbst. Der vertrauten Art und Weise, wie jeder Buchstabe mit dem nächsten verbunden war.

Früher, vor dem Geruch der Toten, hatte er scheinbar nie bemerkt, wenn eine Trennung drohte. Heute jedoch war es ihr Gesicht, das in der Dunkelheit hinter seinen geschlossenen Lidern zu ihm kam. Vielleicht gefiel ihm einfach die Vorstellung, dass ein hübsches Mädchen sich etwas aus ihm machte – doch aus welchem Grund auch immer, Eric musste oft an sie denken. Ganz besonders an den Geruch ihres Haares. Er hatte sein Gesicht in ihr Haar gedrückt, hatte es tief zwischen den glänzenden Locken vergraben. Dieser süße Duft. Gott, wie habe ich den geliebt.

Eine ohrenbetäubende Explosion riss ihn aus seinen Gedanken. Der Helm vibrierte gegen seinen Schädel. Der Kinnriemen, der locker herabbaumelte, peitschte ihm kalt und nass ins Gesicht. Der Helm rutschte ihm über die Augen nach vorn und versperrte ihm für einen Moment die Sicht. Er schob ihn gerade rechtzeitig zurück, um zu sehen, wie voraus ein Abschnitt des Strandes in einer roten Wolke aus Sand und zerfetztem Gehölz verschwand. Die Granaten von der Missouri schlugen zwischen den hohen Palmen ein, die den Strand säumten, und wirbelten zersplittertes Holz in die Luft, das aufspritzend in der rollenden Brandung landete.

Eric wandte den Kopf und sah zur Seite, blickte auf das Meer hinaus. Hinter ihnen, in sicherer Entfernung vom Ufer, feuerten die uss Missouri und die Nebraska ihre letzten Sperrfeuersalven ab. Fern am Horizont, in der endlosen Weite des Ozeans, wirkten die Kanonen der Schlachtschiffe beinahe harmlos, und der Rauch aus den Geschützrohren sah aus wie Sporenwölkchen, die aus geplatzten Pilzköpfen stoben.

Der Vergleich wurde rasch relativiert angesichts der Geschosse von der Größe eines Automobils, die mit wütendem Kreischen über ihren Köpfen vorbeirauschten, bevor sie in den Strand vor ihnen einschlugen.

Das Landungsboot setzte seinen Weg fort und näherte sich stetig dem Chaos aus brennendem Dschungel und schäumendem Sand. Es sackte erneut in ein Wellental. Wasser spritzte gegen die Seiten und schoss in weißen Fontänen empor. Hinter Eric röhrten die Schiffsdiesel unablässig weiter, ein pulsierendes, metallisches Geräusch, das in Höhe und Lautstärke mit den Wogen des Ozeans stieg und fiel. Manchmal höher, manchmal tiefer, doch stets das gleiche monotone Dröhnen. Der Steuermann stand über dem Motor, das Gesicht unter dem Helm angespannt und nass von Seewasser, der Körper geschützt von einer Metallwand, die bis zu seiner Brust reichte.

Eric spürte, wie jemand an seinem Ärmel zupfte.

»Zigarette?« Jimmy Scotti hielt ihm ein dünnes weißes Stäbchen hin, während eine zweite, nicht angezündete Zigarette im Mundwinkel klebte. Seine Stimme klang verzerrt, und seine Lippen waren schmal.

»Nein, danke.« Eric schüttelte den Kopf.

Scotti zuckte die Schultern und steckte die Zigarette vorsichtig in seine Brusttasche zurück, wo sie vor der Nässe einigermaßen sicher war.

»Das ist vielleicht eine Sauerei, was?«, sagte er unvermittelt, und seine Stimme klang nervös.

»Was meinst du?«, fragte Eric.

»Das hier«, antwortete Scotti einsilbig. »Diese ganze beschissene Operation. Hier draußen auf den Wellen, unterwegs zu einer mit Japsen verseuchten Insel am Arsch der Welt.«

Eric nickte nachdenklich. Nach einem Augenblick sagte er: »Weißt du, ich hab in meinem ganzen Leben noch keinen Japs gesehen.«

»Was?«

»Ich hab noch nie einen Japaner zu Gesicht gekriegt.«

»Du willst mich verarschen.«

»Nein.« Eric schüttelte den Kopf. »Ich schwör’s. In unserer Straße wohnte ein Typ, von dem ich dachte, er wäre ein Japs, aber dann hat sich rausgestellt, dass er aus China war.«

Scotti drehte sich überrascht um und hob den Kopf. »He, Leonard!«, brüllte er zu jemandem weiter vorn im Landungsboot.

»Was denn?«, kam die gedämpfte Antwort durch das Rauschen des Ozeans und das Dröhnen der Motoren von einem der behelmten Köpfe.

»Davis hat noch nie einen Japs gesehen.«

Einige Helme drehten sich neugierig nach ihnen um.

»Wirklich? Na, dann hat er jetzt Gelegenheit – da vorn wartet eine ganze verdammte Bande Japse auf uns.«

Scotti nickte zu Leonards Antwort. »Noch nie ’nen Japs gesehen, tsss … verdammte Japse!«, flüsterte er staunend zu sich selbst und schüttelte den Kopf, die Zigarette noch immer im Mundwinkel. Scotti rückte sie zurecht und zog ein silbernes Feuerzeug hervor, um sie anzustecken.

Eric beobachtete ihn bei seinen Bemühungen. Die Flamme tanzte um das Ende des Glimmstängels, doch das Boot schaukelte zu sehr und seine Hand war zu unruhig, um das Feuerzeug an die richtige Stelle zu führen. »Ich krieg das beschissene Ding nicht an!«, schimpfte er ärgerlich. »Ist verdammt nass hier draußen!« Mürrisch warf er die Zigarette über Bord, wo sie augenblicklich von einer Welle überrollt wurde.

Eric blickte nach vorn, wo sich das Ufer unaufhaltsam näherte. Sie waren inzwischen nahe genug, dass er die einzelnen Bäume unterscheiden konnte, die den Strand säumten, majestätisch geschwungene Palmen, die sich erhoben wie Wächter, die den Eingang zum Dschungel bewachten, der sich dahinter ausbreitete.

Vom Strand her ertönte ein dumpfer Schlag, gefolgt von einem pfeifenden Geräusch, als hätte jemand einen Wasserkessel zu lange auf dem Herd stehen lassen. Rings um ihn her duckten sich die Männer und zogen die behelmten Köpfe ein wie Schildkröten. Eric folgte ihrem Beispiel und packte sein Gewehr fester.

Das Pfeifen wurde lauter und wuchs zu einem regelrechten Kreischen an. Dann eine kurze Pause, und das Wasser neben ihnen explodierte in einer weißen Wolke, als die japanische 75-Millimeter-Granate dicht neben dem Boot einschlug. Die Männer vergaßen das näher kommende Ufer und duckten sich tief an den voll gekotzten Boden des Landungsboots.

»Drei Minuten!«, rief der Steuermann, der über ihnen in dem stahlgepanzerten Ruderhaus kauerte.

»Bereitmachen!«, befahl der Captain über den Lärm der schweren See hinweg. Er war ein Mann von vielleicht fünfunddreißig Jahren mit blassem Gesicht, das von Stoppeln und Aknenarben übersät war. Ringsum explodierten nun die Granaten im Wasser und sandten weiße Fontänen in die Luft. Alle hielten die Köpfe tief gesenkt.

»Zieht die Helmriemen straff!«, befahl der Captain. »Und haltet die Waffen trocken!«

Eric zog den losen Riemen unterm Kinn fest, bis der Helm gegen seinen Kopf drückte. Ringsum taten andere Männer es ihm gleich.

»Sobald wir am Ufer sind, bleibt in Bewegung. Niemals anhalten.« Der Captain hielt sich gegen die wogende See an der Süllwand des Landungsboots fest.

Die Männer murmelten und nickten. Der Captain rückte seinen Helm zurecht. »Wenn euch schlecht ist, dann kotzt jetzt und schafft den Mist aus dem Weg.« Er sah seine Leute an. »Wer euch erzählt, dass er keine Scheiß-Angst hat, ist verrückt. Glaubt den Schwachsinn nicht.«

Eine weitere Explosion wirbelte das Wasser vor ihnen auf und besprühte die Männer mit Gischt. Eric rümpfte die Nase – es roch, als hätte sich jemand bereits in die Hosen gemacht. Der Gestank kam von irgendwo weiter vorn im Boot.

»Ich hab keinen Schiss!«, murmelte Scotti vor sich hin, während er vor und zurück schaukelte. »Verdammt, mir passiert schon nichts …« Er wiederholte die Worte wieder und wieder, dass es wie ein Sprechgesang klang. Er strich sich mit der Hand übers Gesicht, rieb sich die feuchten Augen und fummelte nervös am Helmriemen. »Dieses beschissene Ding sitzt zu eng! Ich kann überhaupt nicht atmen!«

»Sechzig Meter!«, rief der Steuermann von hinten und hob einen Finger.

Eric bekreuzigte sich. Neben ihm wickelte ein Typ, der gerade erst zu der Einheit versetzt worden war, einen Kaugummi aus. Er steckte sich den Streifen in den Mund und begann nervös zu kauen, während er das Papier zerknitterte und in die Tasche steckte.

Plötzlich überkam Eric das dringende Bedürfnis, Wasser zu lassen. Er überkreuzte seine Beine und versuchte das Gefühl zu verdrängen. Der Himmel war inzwischen bewölkt, und dünner Regen rieselte in grauen Schleiern aufs Meer.

Der Strand war grau-schwarz und erstreckte sich auf einer Tiefe von vielleicht siebzig Metern, bevor der unglaublich dichte Dschungel begann. Über dem Blätterdach erhob sich ein steiler Bergrücken, eingehüllt in Nebelschwaden. Die Brandung rollte in langen weißen Wellen auf den Sand. Aus dem Mount Bagana, einem großen, von Dschungel umgebenen Vulkan, stieg ein dünner Rauchfaden in den Himmel. Die Missouri und die Nebraska draußen auf dem Meer hatten das Sperrfeuer eingestellt, und die Landeboote rückten in unheimlicher Stille vor. Die Gespräche der Männer waren verstummt. Jeder starrte in nervöser Erwartung nach vorn, während der Regen Hunderte winziger Kreise auf dem grauen Wasser ringsum malte.

Durch den dünnen Wasserschleier bemerkte Eric plötzlich einen roten Blitz am Ufer. Dann einen zweiten, und einen dritten. Einen Augenblick lang herrschte Stille – ein letzter Augenblick der Ruhe, bevor japanische Kugeln auf die Stahlseiten des Landungsboots prasselten. Pa-ching, pling, pling. Dann ein neues Geräusch, anders als das harte Klingeln von Metall auf Metall. Es war weicher, wie von einem Besenstiel, der auf ein federgefülltes Kissen geschlagen wurde. Im Augenblick des Geräuschs wurde ein Soldat nach hinten gerissen. Er stieß einen kurzen Schrei aus, bevor er zusammenbrach und auf dem Boden des Landungsboots aufschlug.

»Es geht los, Männer!«, rief der Captain. »Haltet euch bereit!«

Ringsum prasselten Kugeln in unglaublicher Schussfolge gegen die Wände des Landungsboots. Im Dschungel flackerten Hunderte roter Mündungsblitze auf, wie Leuchtkäfer in einem dunklen Wald. Eric duckte sich unter den Rand des Bootes, so tief er konnte, während er auf das Prasseln lauschte. Plötzlich war er froh, hinten im Boot zu stehen, zehn Reihen Männer vor sich, die einen schützenden Wall bildeten.

Ein schwerer Donnerschlag ertönte, und sengende Hitze strich über Erics Gesicht. Das Landungsboot direkt neben ihnen hatte einen Volltreffer von einer japanischen Granate abgekriegt. Flammen schossen aus dem Heck, und Eric hörte die Schreie der Männer, die in der glühenden Hitze verbrannten. Das Wrack fuhr blind weiter dem grau-schwarzen Strand entgegen, wobei es dichte Rauchwolken wie kleine Zyklone hinter sich herzog.

»Allmächtiger«, murmelte Scotti.

Ein plötzlicher Ruck ging durch das Landungsboot und ließ den Rumpf erzittern. Die Motoren heulten protestierend auf.

»Ein Riff!«, rief der Steuermann von hinten.

»Scheiße, wir sollten doch während der verdammten Flut landen!«

Das Boot erzitterte noch einmal und kippte gefährlich nach rechts. Einen Augenblick drohte es in der rauen See zu kentern. Sie waren noch immer zehn Meter vom Ufer entfernt. Falls sie kenterten, mussten sie die restliche Strecke schwimmen. Einer der Männer neben Eric ließ den Minensucher fallen, den er getragen hatte, hielt sich den Leib und brach zusammen. Ein anderer Mann betete in leisem Singsang immer wieder das Ave-Maria.

Der Private neben Eric spuckte seinen Kaugummi aus. Hinter Eric murmelte Scotti irgendetwas vor sich hin. Eric packte seinen Karabiner fester und rief sich ins Gedächtnis, die Waffe über dem Kopf zu halten, falls er durchs Wasser ans Ufer waten musste.

Dann war der Strand plötzlich vor ihnen, und das Landungsboot erzitterte von neuem. Die Maschinen brüllten auf und schoben das schwere Boot weiter.

Rings um Eric zerfetzte das Zischen von Kugeln die Luft. Er hörte, wie sie auf ihn zu- und an ihm vorbeipfiffen, um fast im gleichen Augenblick laut gegen Stahl zu prasseln oder manchmal mit einem widerlichen leisen Schlag menschliches Fleisch zu durchbohren.

Das Landungsboot kam ein zweites Mal zum Halten, als es über den sandigen Untergrund streifte. Die Männer wurden nach vorn geworfen. Ein Teil der Soldaten stieß ein Furcht erfülltes, zorniges Brüllen aus, während sie sich in den letzten Augenblicken, bevor die Klappe fiel, innerlich auf den Kampf vorbereiteten. Eric schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Immer noch kämpfte er dagegen an, sich in die Hose zu machen.

Dann ertönte das Rasseln von Eisenketten, die über Rollen liefen. Die schwere Klappe fiel spritzend ins Wasser und gab den Weg zum Strand frei.

Es hatte angefangen.

Jemand brüllte: »Los, los, los!«, und ein hektisches Drängen nach vorn setzte ein.

Im gleichen Augenblick fielen mit betäubender Geschwindigkeit die ersten Männer, durchlöchert, zerrissen und blutig, während andere wild und panisch vom Landungsboot das Ufer hinaufrannten. Vor ihnen erstreckte sich der graue Strand, von tiefen Einschlaglöchern mit schwarzen Rändern übersät, die vom schweren Beschuss der Navy stammten. X-förmige Panzersperren aus Stahl ragten aus dem Boden, umspült von der Flut, die bis an den Rand des Dschungels brandete. Aus dem Unterholz zischten vielfarbige Leuchtspurgeschosse und griffen nach den heranstürmenden Soldaten und ihren Landungsbooten.

Überall am Strand rannten nun Landungsboote auf Grund, und Männer strömten in geducktem Laufschritt heraus. Eric scharrte mit den Füßen, während er zwischen den anderen Soldaten wartete. Ein schriller Schrei ertönte, und plötzlich war die Luft voll mit Federn. Es war surreal, fast wie in einem Traum; die Schreie von Männern, die herabschwebenden Federn, das Hämmern von Gewehrschüssen, alles gleichzeitig.

Einer der Soldaten war von einer Kugel getroffen worden. Sie hatte die Rettungsweste zerfetzt, die alle Soldaten trugen. Eric stürzte durch den Vorhang aus Federn nach vorn, und einige blieben in feuchten Klumpen an seinem Gesicht und seiner Kleidung hängen.

Als er die herabgesenkte Landungsklappe erreichte, trat er auf jemanden, der am Boden des Bootes lag, verlor das Gleichgewicht und fiel aufs Gesicht. Er stieß sich ab und sprang von der Rampe, um sogleich bis zu den Knöcheln im nassen Sand zu versinken. Das Wasser war kalt. Erics Hose saugte sich augenblicklich voll und zog ihn nach unten. Er stampfte vorwärts, erfüllt von nervöser Erwartung, während er auf den zerschmetternden, brennenden Einschlag von Metall in seinen Körper wartete. Wie würde es sich anfühlen? Wo würde die Kugel ihn treffen? Im Gesicht? In den Beinen? Oder in der Brust?

Seine Stiefel sanken tief in die Nässe, die an ihm saugte wie Treibsand. Albträume kamen ihm in den Sinn, Szenen, in denen er gejagt wurde, während er sich immer schwerer gefühlt hatte, seine Bewegungen langsamer und langsamer geworden waren und Kälte das Rückgrat hochgekrochen war.

Überall ringsum brachen Männer ohne Vorwarnung von Kugeln getroffen zusammen, und ihre Leiber bildeten dunkle, nasse Klumpen auf dem Sand. Eine Welle brandete von hinten heran. Eric verlor das Gleichgewicht und stolperte ein paar Schritte vor, während er verzweifelt bemüht war, die Stiefel aus dem Sand zu ziehen und unter den Körper zu bringen. Es gelang ihm nicht, und er fiel mit dem Gesicht voran in den nassen Sand. Dort lag er, und Wasser rauschte an ihm vorbei, salzig, warm und blutig rot gefärbt.

Für einen Augenblick erstarrte er, vergrub das Gesicht im Sand und lauschte den Schreien und Schüssen ringsum. Etwas Schweres fiel auf seine Beine, und als er sich umwandte, sah er Rafuse, der ihn mit entsetzlich verzerrtem Gesicht anstarrte, während er einen dumpfen Seufzer ausstieß und Eric am Bein gepackt hielt.

Erics Blick fiel auf Rafuses Leib und verharrte dort, wo der Magen gewesen war; jetzt war dort bloß noch eine Masse aus Blut und hervorquellendem Rot zu sehen.

Rafuse streckte die Hand nach Erics Gesicht aus. Entsetzt befreite Eric sich vom Gewicht auf seinen Beinen und kroch rückwärts den Strand hinauf wie eine Krabbe. Er stieß gegen etwas Weiches. Als er sich umblickte, sah er das Bein eines toten Kameraden.

Im nächsten Augenblick war er auf und rannte los, so schnell er konnte, weg von den roten Schlangen, die aus seinem Freund quollen. Voraus lag ein umgestürzter Baum, gefällt vom Sperrfeuer der Schiffe draußen auf dem Meer. Mit rhythmisch stampfenden Schritten im feuchten Sand rannte er darauf zu.

Beinahe erstaunt, dass es ihn nicht erwischt hatte, erreichte er den schützenden Stamm und warf sich dahinter in Deckung. Er presste sich dicht gegen das Holz und starrte auf die abgeschälten Rindenstücke und Steinsplitter, die unter ihm lagen. Hinter ihm krochen verwundete Männer über den Strand oder lagen hilflos auf dem Rücken, während sie stöhnend Namen riefen, die nur ihnen allein bekannt waren.

Das schwere Abwehrfeuer aus dem Dschungel ließ keine Sekunde nach. Leuchtspurgeschosse fegten kreuz und quer über den Strand und verbreiteten unsichtbaren Tod. Nach und nach kamen weitere Männer zu ihm und warfen sich hinter dem umgestürzten Baum in Deckung. Sie lagen auf dem Sand, Fassungslosigkeit auf den Gesichtern, dass sie noch immer am Leben waren.

Der umgestürzte Baum schützte Eric und die anderen Männer vor den wütenden Geschossen, die in das splitternde Holz schlugen und versuchten, sich einen Weg zu den Männern zu fressen, die dahinter lagen.

Die Soldaten rings um Eric lösten ihre Spaten aus den Gürteln und gruben flache Schutzlöcher in den Sand. Eric blickte zurück über den Strand. Der glatte Sand war übersät von menschlichen Gestalten, die es nicht bis zum Baum geschafft hatten. Ihre Leiber schwankten in den Wogen der anrollenden Wellen. Ein Landungsboot ritt mit dröhnenden Motoren auf einer der Wellen heran. Es glitt auf den Strand, und die Klappe fiel herab. Sanitäter mit roten Kreuzen auf den Helmen und Taschen voller Verbandsmaterial strömten heraus.

Eine japanische Granate schlug auf dem Strand unmittelbar hinter dem Drahtverhau ein. Sie zischte einen Augenblick lang im Sand vor sich hin, dann explodierte sie und sandte heißes Schrapnell in die Leiber der Verwundeten und Toten. Ein Sanitäter wurde getroffen und stürzte wie vom Blitz gefällt zu Boden, die Hände vor der breiig roten Masse, die einmal sein Gesicht gewesen war.

Eric riskierte einen Blick über den Stamm hinweg zum Rand des Dschungels. Im dunklen Schatten unter den Bäumen konnte er zwei Unterstände ausmachen, massive Konstruktionen aus Kokosstämmen und Erde und durch eine Reihe von Gräben untereinander mit Gewehrnestern verbunden. Er duckte sich wieder und zerrte eine Handgranate aus dem Gürtel. Er zog den Stift, wartete eine Sekunde und schleuderte das Metallei in Richtung eines Unterstands. Andere Marines um ihn herum folgten seinem Beispiel, und in rascher Folge segelten Granaten durch die Luft.

Eine Reihe von Explosionen, die sich wie zerplatzende Papiertüten anhörten, rollte über den Strand, und das feindliche Gewehrfeuer wurde schwächer. »Los, schnappen wir sie!«, rief jemand. Keiner bewegte sich. Eric blickte zur Seite und sah, dass die Stimme einem unbekannten Soldaten mit Captainsstreifen auf dem Helm gehörte.

Rings um ihn herum streiften die Männer Ausrüstungsteile ab, um sich beweglicher zu machen. Eric zerrte sich die sperrige Schwimmweste herunter, zwei aufblasbare Schläuche, die um seine Brust geschnallt waren.

»Reißt euch zusammen, Männer!«, rief ein anderer Captain zusammenhanglos und mit hervortretenden Adern an den Schläfen.

Rings um Eric herum lagen Marines flach an den Boden oder in kleine Vertiefungen gepresst und hoben gelegentlich die Köpfe, um in den Dschungel zu feuern. Ihre Gewehre bockten vom Rückstoß, und Patronenhülsen segelten in den Sand, glänzendes Messing im schwarzen Dreck.

Das schwere Abwehrfeuer ließ nicht nach. Überall schlugen Geschosse ein und wirbelten Sand und Schmutz in die Luft. Regen fiel in schrägen Bahnen und durchweichte die Ausrüstung der Soldaten. Wasser tropfte in kleinen Bächen von Erics Helm.

Dann schwärmten die ersten Männer über den Baum hinweg und rannten gebeugt auf den Rand des Dschungels zu, in Richtung der gegnerischen Unterstände aus Holz und Erde. Eric stützte sein Gewehr auf den umgestürzten Stamm und nahm die japanischen Stellungen unter Feuer. Die letzte Patrone wurde ausgeworfen, und er riss das Magazin aus der Waffe und tastete an seinem Gürtel nach dem nächsten. Er rammte es ins Gewehr und pumpte blind Kugeln in den Dschungel. Die Garand gab Geräusche von sich wie ein Luftgewehr an einem Jahrmarktstand.

Als auch das zweite Magazin leer war, stand Eric auf und wollte über den Stamm springen, doch er verfing sich mit dem Fuß in der gefurchten Rinde und landete bäuchlings vor dem Baum im Dreck. Er rappelte sich auf und wollte weiterstürmen, doch plötzlich fuhr sengende Hitze über seinen Arm, und wieder stürzte er. Erics Schulter blutete durch einen Riss in der Kampfjacke. Der Anblick seines eigenen Blutes verwirrte ihn. Irgendetwas in ihm wollte, dass er in Bewegung blieb, und ohne weiter nachzudenken, stürzte er vorwärts. Eric nahm die anderen Männer kaum wahr, die in der gleichen geduckten Haltung wie er über den Strand huschten.

Plötzlich sah er eine Gestalt durch den Dschungel in Richtung eines Unterstands flitzen, hob das Gewehr und schoss auf den ersten Japaner, den er in seinem Leben zu Gesicht bekam. Ein Ruck ging durch den Körper des feindlichen Soldaten, er wurde herumgewirbelt und stürzte zu Boden.

Jetzt kamen weitere Japaner aus ihren Unterständen. Ihre Kampfschreie hallten durch den Dschungel, als sie sich den vorrückenden Amerikanern entgegenwarfen. Unvermittelt erschien ein Mann mit dünnem Bart und dunklen Augen vor Eric. Der riss das Gewehr hoch und drückte ab. Der Mann fiel rücklings in den Dreck und verschwand außer Sicht. Eric rückte vor, ohne einen weiteren Gedanken an den gefallenen Gegner zu verschwenden.

Die Männer waren inzwischen so nah am Feind, dass es zu Handgemengen kam. Das Blut der Sterbenden bespritzte die Lebenden. Amerikanische Soldaten hatten die Unterstände eingekreist und schwärmten umher wie Ameisen.

»Räucher sie aus!«, brüllte jemand, als sich ein Marine mit einem langen, silberfarbenen Treibstoffkanister auf dem Rücken vor dem Eingang eines der Unterstände postierte. Ein Flammenstrom schoss aus der Waffe des Soldaten und füllte den gesamten Unterstand mit Feuer.

»Steck ihn an!«, drängte ein zweiter Mann neben ihm.

Ein japanischer Soldat ohne Hemd und Jacke und mit dreckverschmierter Brust sprang aus einem der Laufgräben und rannte verwirrt auf die amerikanischen Soldaten zu. Ein Marine versetzte ihm mit dem Kolben seines Gewehrs einen Schlag ins Gesicht, und der Mann brach bewusstlos und mit heftig blutender Nase zusammen.

Ohne ein Wort schlug der Marine weiter mit dem Kolben der schweren Waffe auf den Bewusstlosen ein und zertrümmerte ihm dem Schädel. Anschließend richtete er sich auf und streckte sich, während er sich mit dem Jackenärmel über die Stirn wischte, als hätte er eine schwere Arbeit verrichtet.

Die schlimmsten Kämpfe waren vorüber, doch im Dschungel ringsum verbargen sich immer noch einzelne Japaner. Die Marines bewegten sich vorsichtig durch das Unterholz, sandten Flammenstöße zwischen die Bäume und warfen Granaten in Fuchsbauten.

Eric ließ sich erschöpft in den Sand fallen; zugleich berauschte das Adrenalin ihn wie eine Droge. Er beugte sich vor und erbrach sein Frühstück. Als er fertig war, spie er ein letztes Mal aus, wischte sich den Mund ab und stützte sich auf den Lauf seines Gewehrs.

Einer der Kameraden hatte eine herrenlose japanische Flagge gefunden. Er schwenkte sie triumphierend und rief: »Seht her, eine aufgehende Sonne!«

Eric drehte den Kopf nach dem Rufer um und sah, dass es Scotti war. Er stand auf einem der Bunker und schwenkte die Fahne über dem Kopf. »He, ich bin ein verdammter Japs!«, rief er den Männern zu und lachte schrill.

Irgendwo im Unterholz krachte ein Gewehrschuss. Scotti ließ die Flagge fallen und hielt sich den Hals. Sein Gesicht lief rot an, als hätte er sich verschluckt, dann sanken seine Hände herab, und Eric sah ein dollargroßes Loch an der Stelle, wo sein Adamsapfel gewesen war. Scotti brach zusammen.

Nach und nach verebbte das Gewehrfeuer, bis nur noch vereinzelt Schüsse erklangen, die mit der Zeit ebenfalls verstummten. Eric lag auf dem Rücken und hatte die Augen geschlossen. Er hörte die Wellen den Strand hinaufrollen und das Knistern der brennenden japanischen Unterstände. Gelegentlich stöhnte ein Verwundeter. Eric öffnete die Augen und blickte zum Himmel, als ein Schwarm bunter Sittiche in perfekter Formation über ihn hinwegstrich.

Er ließ den Blick über die Toten schweifen, die vielen Männer, die so sinnlos gestorben waren. Japanische und amerikanische Soldaten lagen in wildem Durcheinander auf dem Dschungelboden, einige in seltsamen Umarmungen verfangen, während das Blut aus ihren Wunden sich vermischte. Der Regen hatte inzwischen mit Macht eingesetzt und prasselte auf das Blätterdach über ihnen. Der gesamte Dschungel glitzerte wie mit nasser Farbe überzogen.

Am Boden neben Eric lag etwas, das einmal ein Mensch gewesen war. Der Soldat war so stark verbrannt, dass Eric nicht zu sagen vermochte, ob er ein Japaner oder ein Amerikaner war. Seine Augen waren klaffende Höhlen, seine Lippen schwarz verkohlt, und die Zähne leuchteten weiß durch das verbrannte Fleisch. Wassertropfen von den Blättern fielen in sein Gesicht und verdampften zischend von der Hitze, die noch immer in dem Leichnam schwelte.

Zwei Stunden später saß Eric mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt im Sand. Einer der Sanitäter bandagierte seine Armwunde. Eric starrte hinaus aufs Meer, das in sanften Wogen auf den Strand rollte. Das Ufer war übersät mit stumpfgrünen Ausrüstungsgegenständen. Große Landungsboote hatten die ersten leichten Panzer und Halbkettenfahrzeuge abgesetzt, die nun am Rand des Dschungels patrouillierten und Dieselgestank verbreiteten. Die Honeys – M3A1-Panzer, bewaffnet mit 37-mm-Kanonen – rumpelten und ratterten auf ihren Ketten durch den feinen Sand und stießen schwarze Abgaswolken aus.

Zwischen zwei Palmen war eine Zeltplane gespannt, und die meisten Verwundeten und Sterbenden waren unter das dunkelgrüne Gewebe getragen worden. Die Luft unter dem Sonnensegel war erstickend. Eric schwitzte lieber draußen in der Sonne am Strand, als mit all den Verwundeten und vor Schmerzen halb Wahnsinnigen unter dem behelfsmäßigen Dach zu bleiben.

Die Toten waren inzwischen fast ausnahmslos geborgen. Sie lagen in einer langen Reihe am Rand des Dschungels, wo sie der schweren Ausrüstung nicht im Weg waren. Später würde man sie nach persönlichen Briefen durchsuchen, die anschließend mit der Feldpost an ihre Adressaten versandt wurden. Dann würden die Leichen in Säcke gepackt und mit dem nächsten Schiff in die Heimat geschickt werden.

Das erste Feldlager wurde etwa einen halben Kilometer vom Strand entfernt aufgeschlagen. Die Bäume, nach dem schweren Beschuss durch die Navy nur noch verkohlte, zersplitterte Stümpfe, wurden ausgerissen, der Boden eingeebnet und Zelte errichtet. Männer mit nackten Oberkörpern und in der Sonne glitzernden Erkennungsmarken mühten sich mit dem dichten Unterholz ab.

»War wohl ziemlich rau, was?«, fragte der Sanitäter, der Eric Davis’ Arm versorgte.

»Ja, ziemlich«, entgegnete Eric.

»Verdammt, es ist immer das Gleiche mit diesen Japsen, wohin wir auch kommen«, schimpfte der Sanitäter, beendete seine Arbeit und erhob sich, um sich zu strecken und den Rücken durchzubiegen.

»Sie kommen wieder in Ordnung. Holen Sie sich ein Verwundetenabzeichen ab, bringen Sie’s nach Hause und zeigen Sie’s Ihrem Mädchen.«

»Danke«, erwiderte Eric und stand ebenfalls auf.

Der Sanitäter nickte und schlurfte zum Sanitätszelt. Unter der Plane schrie ein Verwundeter und strampelte wild, während zwei Sanitäter ihn festhielten, damit ein dritter ihm eine lange Nadel in den Arm schieben konnte.

Eric wandte sich ab und schlenderte über den Strand davon. Sein Arm fühlte sich taub an. Drei der Kameraden, die er von Bord der Pennsylvania kannte, lungerten im Schatten einer Kokospalme, rauchten Zigaretten und beobachteten die Halbkettenfahrzeuge, die rasselnd und klirrend über den Strand fuhren.

Eric ging zu den Männern, lehnte sich gegen die raue Rinde der Palme und glitt daran zu Boden.

»Was denn, willst du mich vielleicht auf den Arm nehmen?«, sagte Jersey Walker, ein vierundzwanzig Jahre alter Bursche, zu einem anderen Marine. »Scheiße, ich wäre hundertmal lieber drüben in Europa als hier im Pazifik! Besseres Klima, keine Wanzen, besseres Essen.«

»Und die Nazis sind nicht so verrückt wie die Japse. Hast du schon mal gesehen, dass sich ein Japse ergeben hätte?«, stimmte Kelly Keaveney aus New York ihm zu. Keaveney besaß scheinbar unerschöpfliche Energien, die ihn den ganzen Tag antrieben. Seine Bewegungen waren flink, sein Lachen explosiv und von noch schnelleren Bewegungen untermalt, und selbst sein Haar, das hellrot und lockig vom Kopf abstand, schien energetisch geladen zu sein.

»Nicht zu vergessen die französischen Frauen«, erwiderte Jersey. »Wir hingegen, wie oft sehen wir eine Frau? Einmal im Monat? Und das auch nur, wenn wir einen Hafen anlaufen.«

»Das seht ihr alles ganz richtig«, sagte ein anderer Mann namens J. J. Mulry, der seinem Heimatstaat entsprechend den Spitznamen »Alabama« trug. Alabama war ein hagerer Bursche mit eingefallenen Wangen und tief liegenden Augen. Er erinnerte Eric an Bilder von halb verhungerten Soldaten der Konföderiertenarmee, die er im Geschichtsunterricht gesehen hatte. Alabama besaß etwas Phlegmatisches, beinahe Schwerfälliges in seinen Bewegungen; bei ihm schien alles wie in Zeitlupe abzulaufen.

»Ich weiß nicht mal, um was wir überhaupt kämpfen. Meinetwegen können die Japse diese verdammten Inseln haben. Ich brauch sie nicht, nichts auf der Welt könnte mir gleichgültiger sein. Sollen sie den ganzen beschissenen Pazifik behalten. Ich bin aus New York, und ich will verdammt sein, wenn mich was anderes interessiert«, sagte Keaveney.

»Amen«, pflichtete Alabama ihm bei. »Und diese Hitze! Mann, bei so einer Hitze sollte man eisgekühlte Drinks auf einer schattigen Veranda nehmen. Sobald ich …«

Keaveney beugte sich zur Seite und unterbrach ihn mit einem hastigen Schlag auf die Schulter, bevor er zum Strand deutete. Durch den Sand kam Alexander Seals herangestapft, ihr Staff Sergeant.

»Ach du Scheiße, da haben wir den Salat«, murmelte Alabama, nahm sein Gewehr zur Hand und tat, als inspiziere er die Waffe.

»Seht euch das an!«, witzelte Seals, als er näher kam. »Sie müssen das sauberste Gewehr der gesamten amerikanischen Streitkräfte haben, Private!«

Er blieb stehen und musterte Mulry von oben bis unten. »Ich könnte schwören, dass Sie jedes Mal, wenn ich vorbeikomme, dieses verdammte Ding in die Hand nehmen und so tun, als würden Sie’s reinigen.«

»Das tue ich wirklich«, sagte Alabama leise.

»Ja.«

»He, Sir!«, sagte Keaveney. »Wir haben uns unterhalten, und wir haben gedacht, wir würden lieber gegen die Deutschen kämpfen als gegen die Japse. Wir haben abgestimmt, wissen Sie, wie bei ’ner Versammlung vom Stadtrat.«

»Ach ja?«

»Ja.«

»Und was glauben Sie, was das hier ist? Ein beschissenes Reisebüro?«, fragte Seals. »Das nächste Mal, wenn wir in den Krieg ziehen, kann ich Sie ja irgendwohin schicken, wo es Ihnen gefällt.«

»Ich war noch nie in Europa«, sagte Keaveney.

»Und? Ich war noch nie in Atlantic City«, antwortete Seals. »Sollen wir vielleicht New Jersey den Krieg erklären, damit ich mal hinkomme?«

Alabama kicherte.

»Also schön, ihr Esel, hört zu!«, wandte Seals sich an die Gruppe. »Vor zwölf Tagen ist die B-Kompanie auf der nördlichen Nachbarinsel gelandet. Sie hat ihr Lager etwa zehn Kilometer oberhalb unserer Position. Eine Gruppe von vierzig Mann der B-Kompanie ist nach Südwesten in den Dschungel marschiert, aber seit einer Woche hat niemand mehr ein Wort von ihnen gehört.«

»Und?«, fragte Keaveney.

»Und da wir ihnen am nächsten sind, möchte der General, dass wir einen kleinen Aufklärungstrupp losschicken, um nach ihnen zu suchen.«

»Kommen Sie, Sarge!«, maulte Alabama. »Hier kriechen überall verdammte Japse rum wie die Ameisen! Wenn wir in den Dschungel marschieren, stehen unsere Chancen auch nicht gerade gut, dass wir wiederkommen!«

»Ich nehme Ihre Beschwerde zu den Akten«, sagte Seals. »Zusammen mit Keaveneys Bitte um Versetzung nach Europa. In die Rundablage.«

»Und keiner weiß, was aus den vierzig Mann geworden ist?«, fragte Eric.

Seals schüttelte den Kopf, während er ein Stück Papier aus der Brusttasche zog. »Die letzte Nachricht von ihnen ist ungefähr eine Woche alt. War eine fremde Stimme. Niemand kannte sie.«

»Was besagt sie?«

Seals las vom Papier ab. »Mea est ultio.«

»Was soll das denn heißen?«, fragte Alabama.

Seals musterte ihn sekundenlang, dann blickte er hinaus aufs Meer.

»Es ist Latein«, sagte er schließlich. »Mein ist die Rache.«

Sie verließen den Strand am Nachmittag, und als die Abenddämmerung hereinbrach, hatte der sechzehn Mann starke Trupp sich fast fünf Kilometer tief in den Dschungel vorgearbeitet. Es waren die härtesten fünf Kilometer, die Eric Davis je marschiert war. Alles im Dschungel schien ihn zu hassen. Entweder biss es nach ihm, zerkratzte ihn oder troff auf ihn herab. Hüfthoher Schlamm, in dem sich fünf Zentimeter lange, widerliche Egel wanden, Wespen von der Größe eines Kinderfingers, Riesenschlangen, die sich an den Ästen über ihren Köpfen entlangbewegten – alles war lebendig, und alles war feindselig. Sie waren durch Mangrovensümpfe gewatet, durch schier undurchdringliches Unterholz und durch Wälder, in denen riesige Bäume voller Ranken und Lianen wuchsen. Als die Sonne unterging, hatten sie noch keinen anderen lebenden Menschen gesehen.

Auf einer kleinen Lichtung befahl Seals, das Nachtlager aufzuschlagen. Die Marines sanken zu Boden, wo sie gerade standen. Eric saß auf seinem Rucksack, während die Dunkelheit hereinbrach. Rings um ihn her errichteten erschöpfte Männer ihre Schlafzelte. Eric teilte ein Zelt mit Alabama, Keaveney und Jersey Walker. Jerseys echter Name lautete Joe, doch er war vor dem Krieg Boxer gewesen und unter dem Namen Jersey Joe Walker aufgetreten, genau wie Jersey Joe Walcott, der zurzeit für Furore sorgte. Walkers Körper war muskelbepackt, und sein dicker Hals war so kurz, dass der Kopf fast auf den breiten Schultern aufzusitzen schien. In den Staaten war er für seine Gewaltausbrüche berüchtigt gewesen; immer wieder hatte er wegen der Frauen anderer Kneipenschlägereien angezettelt. Es hieß, er habe sich nur deswegen bei den Marines gemeldet, um nicht ins Gefängnis zu müssen.

Alabama befand sich bereits im Zelt. Er hatte die Stiefel ausgezogen und spielte mit den nackten Zehen. »Das war kein Spaziergang heute«, sagte er und rieb sich die schmerzenden Stellen. »Es kam mir vor, als wären wir durch ein Treibhaus voller nasser grüner Blätter gelaufen.«

Keaveney hob den Wassergraben rings um das Zelt aus. Der Graben war noch keine fünfzehn Zentimeter tief, als er den Spaten erschöpft zur Seite warf.

»Das war wirklich kein Spaziergang«, meinte auch Eric, während er sich in die Höhe stemmte und seinen Rucksack aufnahm. »Hast du heute Nacht Wache?«

»Nein«, antwortete Alabama und legte sich nach hinten ins Zelt. »Du?«

»Ja. Die Zwei-Uhr-Schicht. Bis vier in der Frühe.«

Keaveney und drei andere Männer richteten die Nahverteidigung des Lagers ein. Eric beobachtete, wie sie Schützenlöcher aushoben und die beiden Maschinengewehre in Stellung brachten. Sie hatten einen Hund dabei, einen Dobermann-Mischling namens Pete, der versteckte japanische Soldaten aufspüren sollte. Der Hund schnüffelte beiläufig am Boden und wühlte im feuchten Laub, bevor er winselte, sich einmal um die eigene Achse drehte und zum Schlafen zusammenrollte.

Das Grün des Dschungels wurde schwärzer, je mehr das Licht schwand, und die riesigen Blätter wurden zu dunklen Schatten vor dem grauen Himmel. Am Tag hatte es fast ununterbrochen genieselt. Die Feuchtigkeit hatte das dichte Blätterdach überwunden und nach und nach die Monturen der Männer durchnässt, bis nahezu jedes Körperteil nass zu sein schien und Eric sich kaum mehr daran erinnern konnte, jemals trocken gewesen zu sein.

Mit Einbruch der Nacht wurde es allmählich kühler, und der Regen hörte auf. Nur noch vereinzelte Schauer fielen. In der Ferne vernahmen die Männer das rumpelnde Geräusch von schwerem Mörserfeuer. Eric hatte gehört, dass die Streitkräfte auf einem der Bergrücken zehn Kilometer entfernt auf massiven Widerstand gestoßen waren. Er schloss die Augen und lauschte. Das Rumpeln wirkte beruhigend, beinahe so, als würde man einem fernen Gewitter lauschen.

Irgendjemand räusperte sich, ein feuchtes, abgehacktes Geräusch, gefolgt von Ausspucken. Ein anderer Marine spannte ein Seil zwischen zwei Bäumen, um Wäsche daran aufzuhängen.

Die Unterhaltungen waren gedämpft, so erschöpft waren die Männer.

Alabama lag bereits schlafend im Zelt, die nackten Füße draußen im Eingang. Keaveney wischte sich die Hände ab, legte sein Gewehr auf den Boden und kroch neben Alabama ins Innere.

»Kommst du auch?«, rief er Eric zu.

»Ja.« Eric streifte seine Ausrüstung ab und ging vor den Klappen in die Hocke. Die Männer im Innern lagen dicht gedrängt, fast aufeinander. Das Stoffgewebe des Zelts war feucht und roch nach Schimmel, was die Luft noch stickiger machte.

»Meine Güte, stinkt das hier drin!«, sagte Eric, als er sich ins Zelt quetschte und neben Keaveney auf den Rücken legte.

»Nasse Socken und Fürze«, erwiderte Keaveney und lachte auf.

»Das liegt an den Fruchtriegeln aus den Rationen«, sagte Jersey. »Sie bilden Gase in meinem Darm.«

Eric stützte den Kopf auf die Hand und starrte durch den dreieckigen Zelteingang hinaus in den nächtlichen Himmel. Ringsum im Dschungel leuchteten rote Punkte: Die glühenden Spitzen von Zigaretten, die einige Männer draußen rauchten. Die Punkte schienen in der Luft zu schweben und sich von einer Stelle zur anderen zu bewegen, wenn ihre unsichtbaren Besitzer durchs Lager gingen. Eric legte sich wieder zurück und fühlte sich überraschend behaglich.

»Sarge?«, flüsterte eine Stimme irgendwo draußen vor dem Zelt.

»Was ist?«

»Ich muss auf den Lokus.«

»Wer spricht?«

»Anderson, Sir.«

»In Ordnung, Anderson, aber nehmen Sie jemanden mit.«

»Jawohl, Sir.« Andersons Stimme wurde ein wenig lauter, als er in die Runde fragte: »Wer will mitkommen?«

»Ich komme.« Ein weiteres gedämpftes Flüstern zur Linken von Eric. Dann flüsterten ringsum Stimmen, ohne dass Eric sie in der Dunkelheit ihren Besitzern hätte zuordnen können.

Er hörte ein Rascheln, als jemand in seinem Rucksack kramte. »Scheiße, kann mir jemand Toilettenpapier borgen? Meins ist klatschnass vom Regen«, flüsterte Anderson, an die Gruppe gewandt.

Eric lachte leise auf. Ringsum kicherten Männer, und die roten Punkte von Zigarettenspitzen tanzten auf und ab.

»Nimm einfach Blätter«, empfahl jemand. »Irgendwo da drüben hab ich ziemlich große gesehen. Die sind wie ’ne riesige Windel.«

»Sehr witzig. Was hältst du davon, wenn ich dir auf den Kopf scheiße?«

Erneutes Kichern.

»Also schön, ich hab eine trockene Rolle hier. Wenn du sie auf den Boden fallen lässt und sie nass wird, Anderson, benutze ich beim nächsten Mal dein Hemd, um mir den Arsch abzuwischen.«

Eric hörte, wie jemand über feuchtes Laub ging, als Anderson das Toilettenpapier abholte.

»He?«

»Ja?«

»Fertig? Gehen wir?«

»Jepp.«

Die beiden Marines entfernten sich von der Lichtung und drangen ein Stück weit in den Dschungel vor. Eric legte sich zurück und blickte einmal mehr zu den Sternen hinauf. Er erinnerte sich an die Nacht zu Hause, bevor er ins Ausbildungslager gefahren war … seine Freundin Jessica, das hastige Fummeln unter den Tribünen des leeren, dunklen Football-Stadions. Der Geschmack der Cola, die sie getrunken hatten, das Gefühl des harten Grases auf der nackten Haut, und wie er hinterher auf dem Rücken gelegen und zu den Sternen des nächtlichen Sommerhimmels hinaufgesehen hatte. Er hatte nach den gleichen Sternen gesucht, als sie auf den Philippinen angekommen waren, doch er hatte sie nicht finden können. Nun suchte er erneut, während er auf dem Rücken lag und durch die Zeltklappe blickte. Der Himmel sah anders aus als zu Hause, die Sternbilder waren nicht die gleichen.

Alles war fremdartig hier im Südpazifik, sogar die Sterne. Irgendwo, unsichtbar von seiner Position aus, leuchtete der Vollmond und erhellte den Himmel, eine dunkle, wenngleich nicht vollkommen schwarze Palette für die Sterne.

Über ihm wogten die Zweige hoher Palmen in der sanften Brise; ihre Umrisse hoben sich schwarz vor dem Nachthimmel ab. Irgendwo tief im Dschungel kreischte ein Affe. Eine kurze Pause, dann ertönte ein Antwortschrei, als die beiden Tiere sich in der Dunkelheit verständigten. Eric starrte weiter zum Nachthimmel empor und lauschte dem Wind, der in den Zweigen rauschte. Ringsum tanzten Insekten in der Luft, dass es klang, als würden tausend Bögen über die Saiten von Violinen gezogen.

Er schloss die Augen. Sekunden später war er eingeschlafen.

Irgendwo in der Dunkelheit des Dschungels ertönte ein lautes Knacken, und Holz splitterte. Eric war schlagartig wach und starrte auf einen großen dunklen Schemen, der dicht vor seinem Gesicht vorbeihuschte. Eine riesige Fledermaus auf der Jagd zwischen den Bäumen.

Es dauerte einen Augenblick, bis Eric seine Schlaftrunkenheit abgeschüttelt und festgestellt hatte, dass es keine Fledermaus, sondern die Zeltklappe war, die sich im Wind bewegte. Müde schloss er die Augen und lauschte dem schweren Atmen von Keaveney, Jersey und Alabama, die neben ihm im Zelt schliefen, während er sich fragte, was ihn geweckt hatte. Er erinnerte sich vage an das Geräusch von irgendetwas, das sich lautstark jenseits des Perimeters durch das Unterholz des Dschungels bewegt hatte.

Er vernahm ein Geräusch und riss erneut die Augen auf. Es war ein schweres, rasselndes Atmen, das von irgendwo draußen vor dem Zelt kam. Ein gehetztes Flüstern folgte, dann ein leises Lachen aus dem Dschungel.

»He!« Er schüttelte Keaveney.

»Was ist?« Keaveney rollte herum.

»Wach auf!«, drängte Eric und schüttelte ihn fester. »Ich hab was gehört!«

»Was denn?«

Beide lagen schweigend im Zelt und lauschten. Draußen ging ein leichter Wind und raschelte in den Zweigen. Die nächtlichen Insekten summten und zirpten immer noch ohne Pause.

»Ich hör nur die Blätter im Wind. Du hast es dir wahrscheinlich bloß …«

»Nein, ich habe es mir nicht eingebildet!«, zischte Eric.

Das Flüstern hatte erneut eingesetzt, gefolgt von einem Kichern. Es klang, als stünden zwei, drei Männer vor dem Zelt, ungefähr zwanzig Meter entfernt im Dschungel. Eric beugte sich vor und spähte durch die Zeltklappe nach draußen. Mitten im Lager erhob sich eine Gestalt. Sie gab ein dumpfes Knurren von sich und streckte sich. Es war Pete, der Dobermann-Mischling, der mit gespitzten Ohren und gebleckten Zähnen dastand und in den Dschungel lauschte.

Das seltsame, leise Kichern hielt an. Eric versuchte sich auf die Worte zu konzentrieren, doch das Flüstern war so undeutlich, dass er nichts verstand.

»Meinst du, es sind Japse?«, flüsterte Keaveney, der schlagartig hellwach geworden war.

Eric schüttelte den Kopf. »Hört sich nicht nach Japsen an.«

»Wer soll sich sonst um diese Zeit da draußen rumtreiben?«

»Vielleicht ein paar von unseren Jungs.«

»Sollen wir nachsehen?«

»Bist du verrückt? Ich gehe nicht aus dem Zelt!«, sagte Eric.

»Wer hat denn jetzt Wache?«

»Sadlon und Hartmere.«

Das Flüstern wurde lauter, bis es sich anhörte, als würde jeden Augenblick ein Streit losbrechen. Die Stimmen erhoben sich zu einem hektischen, zischenden Geräusch, und die Worte wurden noch unverständlicher. Dann weiteres Kichern, gefolgt von einem Kreischen.

»Meine Güte, das ist vielleicht unheimlich!«, flüsterte Keaveney und bemühte sich, unbekümmert zu klingen, doch er hatte Recht. Die Geräusche waren entnervend.

Eric setzte sich auf, schlug die Zeltklappe zurück und starrte angestrengt in die Dunkelheit, doch er sah nichts weiter als die dunklen Umrisse von Zweigen, die sich leicht im Wind wiegten. Auf der Lichtung standen die Zelte der anderen Männer. Alles lag still. Niemand außer ihnen schien wach zu sein.

Er starrte zum Rand der Lichtung, wo er die Wachtposten vermutete, doch in der Dunkelheit waren die Maschinengewehrstellungen nicht zu erkennen. Erneut vernahm er die unterdrückten Stimmen.

»Hallo?«, rief er laut in den Dschungel.

Augenblicklich verstummte das Flüstern. Stattdessen hörte er nun Blätterrascheln, als würde sich jemand durchs Unterholz bewegen. Irgendjemand war dort draußen, kein Zweifel. Er lauschte dem sich entfernenden Geräusch, bis es verklang. Dann setzte das Flüstern wieder ein, diesmal weiter entfernt. Was immer es war – es schien sich vom Lager wegzubewegen.

Eric drehte sich um. »Es entfernt sich von uns«, sagte er ins Zelt hinein.

»Na bitte«, erwiderte Keaveney zuversichtlich. »Dann leg ich mich jetzt wieder schlafen.«

»Meinst du nicht, wir sollten nachsehen?«

»Willst du etwa nachsehen? Also, ich gehe ganz bestimmt nicht raus. So neugierig bin ich nicht. Wir haben schließlich Leute auf Wache, die sich darum kümmern müssen.« Keaveney drehte sich auf die Seite. »Ich tu einfach so, als hätte ich nichts gehört.«

»Meinst du das im Ernst?«

»Hör mal, falls es Japse waren, dann gehe ich ganz bestimmt nicht raus und leg mich mit denen an.«

»Und wenn es keine waren? Ich glaub nicht, dass sie Japanisch geredet haben.«

»Ist mir gleich. Ich hab nicht die geringste Lust, in der Nacht durch den Dschungel zu laufen. Es ist am Tag schon schlimm genug, wenn man sehen kann, was rings um einen ist.«

Eric blickte auf seine Uhr. Kurz vor eins in der Frühe. Er hatte noch eine Stunde, bevor er selbst mit der Wache an der Reihe war. Eine plötzliche Woge der Müdigkeit überschwemmte ihn. Ich schlafe noch ein bisschen, sagte er sich, bis ich um zwei geweckt werde.

Eric legte sich ins Zelt zurück. Es dauerte nicht lange, bis er eingeschlafen war.

Erneut riss er die Augen auf. Das Flüstern war wieder da, unmittelbar draußen vor dem dünnen Stoff des Zelts … viel näher diesmal. Was immer es war, es war zu ihnen zurückgekehrt und schien sich nun mitten im Lager aufzuhalten. Eric war auf der Stelle hellwach und lauschte. Die Geräusche waren eine seltsame Mischung aus Flüstern und hohem Lachen; es klang, als würde eine Gruppe von Menschen sich in einer unbekannten Sprache unterhalten.

Ein eisiger Schauer lief Eric über den Rücken. Sie waren kilometerweit in den Dschungel vorgedrungen. Wer also kann das da draußen sein? Eric drehte den Kopf, starrte durch die dreieckige Öffnung des Zelts. Die Nacht war klar. Der Mond stand tief über den Bäumen; das Licht fiel durchs Blätterdach und tauchte die Lichtung in bleiche Helligkeit. Eric suchte nach vertrauten Umrissen, nach einem anderen Zelt, einem Baumstumpf, nach irgendetwas, das er wiedererkannte.

Ein Schemen huschte durch sein Sichtfeld. Es war kaum mehr als ein Eindruck von etwas Hellem, das sich auf zwei Beinen bewegte, aber gebeugt, tief am Boden. Es war so groß wie ein Mann, doch sein Körper war eigenartig gekrümmt oder entstellt. Eric erschauerte unwillkürlich.

Wie spät war es überhaupt? Er spähte auf seine Uhr und bemühte sich, die Zeiger in der Dunkelheit zu lesen. Scheiße.

Es war kurz nach halb drei morgens.

Sadlon und Hartmere hätten ihn schon vor einer halben Stunde zum Beginn seiner Wache wecken sollen. Mit zusammengebissenen Zähnen dachte er nach. Er war mit der Wache an der Reihe. Falls er nicht nach draußen ging, würde Seals ihm am Morgen Feuer unterm Hintern machen. Auf der anderen Seite verspürte er keine Lust, die behagliche Wärme des Zelts zu verlassen und von sich aus nach draußen zu gehen. Neben ihm schliefen Alabama und Keaveney geräuschvoll.

Langsam schlich Eric aus dem Zelt und griff nach seinen Stiefeln. Er schüttelte sie aus, um sie von Insekten zu befreien, die vielleicht hineingekrochen waren. Dann saß er im Eingang und schnürte die Stiefel zu, während seine Blicke immer wieder über das Lager schweiften.

Alles war ruhig, bis auf das ständige Brummen und Zirpen der Insekten. Die flüsternden Stimmen waren verstummt. Die fünf Zelte standen willkürlich verstreut auf der Lichtung; die Stoffseiten bewegten sich leicht im Wind. Eine weitere Bö wehte heran und brachte den Geruch des fünf Kilometer entfernten Meeres mit sich. Eric drehte den Kopf in den Wind, um den salzigen Duft einzuatmen.

Als er die Stiefel geschnürt hatte, nahm er seine Garand und bewegte sich langsam durchs Lager zum Maschinengewehrnest. Er konnte sehen, wo der Stacheldraht gespannt war und ein behelfsmäßiges Hindernis bildete. Unmittelbar davor befanden sich zwei dunkle Flecken am Boden, rechteckig im Umriss, jeder so groß wie ein Mann, in die Erde gegraben. Es waren Schützenlöcher, doch im Mondlicht erinnerten sie eher an Gräber.

Beide waren leer.

Neben einem der Löcher lag etwas Dunkles. Eric stieß es mit dem Fuß an. Es war weich und gab unter der Berührung nach, doch Eric konnte in der Dunkelheit lediglich einen unförmigen Umriss erkennen. Er beugte sich vor, nahm sein Feuerzeug heraus, schlug es an und hielt die Flamme über den Boden.

Übelkeit stieg in ihm auf, und er hatte Mühe, sich nicht zu übergeben. Es war der Hund Pete. Der Dobermann-Mischling lag mit gebrochenem Genick und schlaff heraushängender Zunge neben dem Schützenloch.

»O Gott«, flüsterte Eric, über den toten Hund gebeugt. Die Schatten der kleinen Flamme tanzten über das matte schwarze Fell.

Plötzlich wurde ihm die Dunkelheit ringsum bewusst, und hastig schlug er das Feuerzeug zu. Bleiche Farben tanzten in seinem Sichtfeld, während seine Augen sich mühsam wieder an die Dunkelheit gewöhnten. Das leichte Maschinengewehr stand auf einer Lafette direkt vor dem Schützenloch. In der Dunkelheit besaß es ein merkwürdiges Aussehen, wie die Silhouette eines sitzenden Mannes.

Jenseits des Maschinengewehrs herrschte die ungewisse Schwärze des Dschungels, wo Zweige sich in heranstürmende feindliche Soldaten zu verwandeln schienen und umgestürzte Stämme in kauernde Japse. Insekten veranstalteten einen infernalischen Lärm. Wasser fiel in dicken Tropfen vom Blätterdach und platschte auf Erics Helm. Und ständig gab es raschelnde Geräusche, wie von einem Lebewesen, das sich einen Weg durch dichtes Gehölz bahnte.

Eric hatte gehört, dass sich die Japaner, wenn sie in der Nacht angriffen, mit Hörnern verständigten und laute Kriegsrufe ausstießen, um die Amerikaner abzulenken. Ein knackender Ast in einiger Entfernung ließ Eric erschrocken zusammenzucken. Irgendetwas war dort draußen im Dschungel. Langsam hob er seinen Karabiner und duckte sich tiefer an den Boden. Sein Knie berührte etwas Warmes, und er wich entsetzt zurück, als ihm bewusst wurde, dass er fast auf dem toten Hund kauerte.

Er hörte ein neuerliches Geräusch, merkwürdig unpassend, und spitzte die Ohren, bis er es erkannte.

Ein Lachen.

Langsam schob er sich vorwärts, bis er sich unmittelbar hinter dem Maschinengewehr befand. Im Dreck neben ihm lag eine silberne Metallkiste. Er klappte den Deckel auf und nahm eine schwere Leuchtpistole hervor, öffnete den Knicklauf und schob eine Leuchtpatrone in die Kammer.

Das Lachen vor ihm war verklungen und einem verstohlenen Flüstern gewichen, wie zwei Menschen, die miteinander stritten. Eric lauschte angestrengt, versuchte, einzelne Worte zu verstehen, doch es war eine fremde Sprache, und die Laute flossen ineinander wie bei einem Sprechgesang. Er hob die Leuchtpistole und legte den Finger an den Abzug. Aus dem Dschungel vor ihm drangen weitere Geräusche. Das Knacken von morschen Ästen am Boden, die unter schweren Schritten brachen, zischendes Flüstern, gefolgt von einem Ruf, der ähnlich klang wie der Schrei einer Eule.

Eric hielt die Leuchtpistole nach oben und betätigte den Abzug.

Ein Geräusch erklang, als hätte man den Korken aus einer Flasche gezogen, und die leuchtende Kugel jagte in die Höhe. Augenblicke später war der Dschungel ringsum in rotes Licht getaucht; Schatten tanzten über den Boden, als die brennende Kugel langsam wieder zu Boden sank. Die dunklen Schemen vor den Bäumen lösten sich auf, und die Zwischenräume füllten sich mit Licht. Endlich sah Eric, was sich vor ihm befand.

Ein Mann stand dort im Dschungel, zwanzig Meter jenseits der Lichtung, hinter dichtem Blätterwerk. Er war an einen Baum gefesselt, die Arme ausgebreitet, die Beine zusammengebunden. Sein Kopf lag abgetrennt vom Rumpf zu seinen Füßen. Der Mund war weit aufgerissen und voll gestopft mit Erde, Blättern und nassen Zweigen zwischen blauen Lippen. Auf den Schultern des Mannes, wo sein Kopf gewesen war, befand sich nun der Kopf eines Affen, der irgendwie am Rumpf des Toten befestigt war. Es war ein Schimpansenkopf. Die Augen des Tieres waren glasig und leer.

Eric erkannte den Toten. Es war James Sadlon, einer der beiden Marines, die vor ihm Wache gehabt hatten.

»O Gott!«, rief Eric laut.

Die Leuchtkugel sank zwischen die Bäume, und die Helligkeit verblasste. Rasch kehrten die Schatten unter die Bäume zurück. Dann war die Kugel ausgebrannt, und der Dschungel war erneut in Dunkelheit getaucht.

Hinter sich hörte Eric das wilde, panische Rascheln von Zeltstoff, als Männer hervorstürzten und nach ihren Waffen griffen. Ein Schuss fiel, ein orangefarbener Mündungsblitz zuckte, und draußen im Dschungel ertönte ein schriller Schrei. Eric hob verwirrt den eigenen Karabiner und feuerte blindlings eine Salve ins Dickicht. Der Rückstoß der Waffe schüttelte ihm heftig die Schulter durch.

Irgendetwas Dunkles schoss aus der nächtlichen Schwärze heran und traf Eric schwer an der Stirn, unmittelbar unter dem Rand des Helms. Er stöhnte schmerzerfüllt auf und fiel rücklings zu Boden, während die Lichtung hinter ihm schlagartig von Schüssen und dem Geräusch schwerer Schritte erfüllt war.

Eric lag im Bett, hatte die Augen geöffnet und sah durch die offene Zeltklappe hinaus in die morgendliche Dämmerung. Nebelschwaden zogen dicht über den Boden und hüllten alles ein, Pflanzen und Männer, ohne Unterschied. Eric hörte, wie das Lager langsam zum Leben erwachte. Männer krochen aus den Zelten, streckten sich und rieben sich den Schlaf aus den Augen. Eric hörte jemanden dumpf husten und nass ausspucken.

Er rollte sich auf die Seite, zog seine Feldflasche aus dem Marschgepäck, schraubte den Deckel ab, setzte die Flasche an die Lippen und bemühte sich, das metallisch schmeckende warme Wasser ohne Würgen herunterzuschlucken. Der Metallbehälter war feucht beschlagen. Er wischte mit den Händen darüber, um ihn von einem Teil des Drecks zu befreien, der sich darauf angesammelt hatte.

Sein Verstand kam nur langsam und träge in Gang. Sein Schädel schmerzte, und auf seiner Stirn hatte sich ein dicker blauer Fleck gebildet, wo er in der Nacht zuvor getroffen worden war. Er tastete mit den Fingern über die empfindliche Haut. Keaveney drehte sich zu ihm um, stützte sich auf einen Ellbogen und stieß einen leisen Pfiff aus, als er die Beule bemerkte.

»Du hast ein ganz schönes Ding verpasst bekommen.«

»Ja, tut scheußlich weh«, antwortete Eric.

Keaveney bedachte die Schwellung noch einmal mit einem anerkennenden Blick, bevor er sich umwandte. Eric rieb sich den Schlaf aus den Augen. Neben ihm lag Alabama auf seinem Schlafsack. Er war bereits wach und aß einen Fruchtriegel aus der Provianttasche, die jeder Marine mit sich trug. Er wirkte angespannt, schlang jeden Bissen schnell und gierig herunter und schien über irgendetwas nachzudenken. Schließlich sprach er Eric an.

»Meinst du, das waren Japse gestern Nacht, die du gesehen hast?«

»Ich nehm’s an.«

Alabama schwieg und dachte nach.

»Ich weiß nicht«, sagte er schließlich und schüttelte den Kopf. »Irgendwie kommt mir das alles spanisch vor. Wie haben sie zwei von unseren Jungs erwischen können, ohne dass ein einziger Schuss gefallen ist?«

»Sie haben die Jungs fast lautlos beseitigt.«

»Kein Mensch kann so leise sein.«

»Du glaubst, es war etwas anderes?«, fragte Eric.

»Nein, das hab ich nicht gesagt«, erwiderte Alabama. »Ich weiß nicht genau, was das letzte Nacht war. Ich hab es selbst nicht gesehen, deshalb kann ich’s auch nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich die ganze Zeit ein ungutes Gefühl hatte, dass irgendetwas Übles in der Luft liegt. Irgendwas stimmt nicht mit diesem Dschungel. Irgendwas Böses hat es auf uns abgesehen. Ich kann es spüren. Und es wird nicht mehr lange dauern, bevor wir es finden.«

Er drehte sich wieder auf den Rücken und starrte auf die Zeltklappe. »Es wird nicht mehr lange dauern.«

Seals, der Staff Sergeant, war bereits auf und marschierte durchs Lager. Eric hörte ihn brüllen.

»Schaff deinen Arsch aus dem beschissenen Zelt, Keaveney, bevor ich’s über deinem hässlichen Schädel einreiße!«

Keaveney murmelte eine undeutliche Antwort.

»Was haben Sie gesagt?«, brüllte Seals.

Eric Davis trocknete sich die Hände an der Hose ab, setzte sich auf und streckte die Arme über den Kopf. Ringsum war alles in graues Weiß getaucht, eingehüllt in einen Schleier aus Dunst.

»Los, wir brechen das Lager ab. Wir müssen heute ein gutes Stück schaffen!« Seals marschierte von einem Zelt zum anderen und trat nach den Männern, die noch schliefen. Die Soldaten öffneten die Augen nur zögerlich und ließen ihre Träume von warmen Betten und Freundinnen zurück, um sich einer Realität aus Dreck und Tod zu stellen.

»Los, alles aus den Federn! Ihr habt zwei Minuten, bevor ihr meinen Stiefel ins Kreuz kriegt! Hoch mit euch!«

Hastig sammelte Eric seine Ausrüstung zusammen. Alles war feucht: sein Rucksack, seine Kleidung, selbst sein Gewehr fühlte sich kalt und feucht an. Seals zugewandt, nahmen die Männer in einer unordentlichen Reihe vor den Zelten Aufstellung – dreizehn Marines. Die meisten Männer wirkten erschöpft und unsicher und hatten dunkle Ringe unter den Augen wie verlaufene Schminke.

Alabama hielt seinen Helm in der Hand und kratzte sich am Kopf. Keaveney kaute auf einem Kaugummi; die weiße Masse leuchtete immer wieder zwischen seinen Zähnen auf. Leichter Regen hatte eingesetzt, sammelte sich auf den Blättern, fiel in großen Tropfen wie durch ein Sieb auf die Männer und tauchte sie in kühle Nässe.

Eric wischte sich den Regen aus den Augen und wartete darauf, dass Seals begann.

»Wie ihr wisst, Männer, hatten wir letzte Nacht eine Begegnung mit dem Feind. Zwei Kameraden werden vermisst. Aber wir sind ja auch nicht hergekommen, um mit den Japanern Freundschaft zu schließen. Oder hier eine Art Pfadfinderlager aufzuschlagen. Oder Geschichten am Lagerfeuer zu erzählen und Steaks mit Bohnen zu essen, ohne dass die Gefahr besteht, jemand könnte dran glauben müssen.« Seals verstummte für einen Augenblick und sah die Männer der Reihe nach an. »Schlagt euch diese Vorstellung jetzt besser aus dem Kopf.«

Er atmete laut aus. Auf seiner Oberlippe hatten sich Schweißperlen gebildet, und er rieb sich mit der Hand den Nacken.

»Sehen wir zu, dass wir herausfinden, was sich letzte Nacht ereignet hat. Zweiergruppen bilden, und zusammenbleiben. Sucht nach Leichen, aber achtet auf Fallen – ich will heute Morgen keine weitere böse Überraschung erleben.«

Sie setzten sich in Bewegung, mit schussbereiten Waffen, während sie nervös nach rechts und links blickten und sich tiefer in den Dschungel vorarbeiteten. Der Regen tropfte kalt von oben herab. Dunstschwaden zogen über den Boden und hüllten alles in Weiß. Große dunkle Blätter ragten aus dem Nebel und schienen die Männer einhüllen zu wollen. Eric schob Äste und Lianen mit dem Gewehrlauf aus dem Weg und schlich in geduckter Haltung voran, voller innerer Anspannung.

Alabama war neben ihm, schwer atmend. Keaveney befand sich auf der anderen Seite. Eric blickte sich nach den anderen um und sah, dass der Rest der Kompanie sich mit der gleichen misstrauischen Vorsicht durchs Unterholz bewegte. Der Dunst am Boden war dicht genug, dass ein Mann sich darin verstecken konnte, wenn er sich hinlegte. Einen Augenblick lang wünschte sich Eric einen hübschen trockenen Fleck, wo er sich verkriechen und das Ende dieser Sache abwarten konnte.

Dann entdeckte er Sadlons Leiche.

Der Soldat war noch immer an den mächtigen Stamm eines Towanbaums gefesselt, mit durchgebogenem, gekrümmtem Rücken. In seiner Brust klafften tiefe Schnitte, und Eric sah weiße Knochen durch die Wunden schimmern. Ein Schnitt ging quer über Sadlons Bauch, und Eingeweide quollen daraus hervor. Fliegen hatten sich auf dem Leichnam versammelt und bildeten wimmelnde schwarze Klumpen auf den tiefen Wunden.

Der Schimpansenkopf war nach vorn gesunken, und die Augen starrten blicklos zu Boden.

Alabama entdeckte den Toten eine Sekunde später und stieß einen dumpfen Laut des Entsetzens aus. Dann wandte er den Kopf zur Seite.

»Wir haben ihn gefunden!«, rief Eric. »Er ist hier drüben!«

Im ersten Augenblick hätte man glauben können, Sadlon sei von einem wilden Tier angefallen worden war, einer Dschungelkatze oder etwas Ähnlichem. Die Wunden sahen aus, als wären sie von scharfen Krallen verursacht worden.

»Das kann nicht sein!«, stieß Alabama hervor und starrte auf den Toten.

Die anderen Männer näherten sich aus sämtlichen Richtungen. Eric hörte, wie sie durch den Dunst kamen. Langsam schälten sie sich aus dem milchigen Weiß, bis sie mit schockierten Gesichtern vor dem Toten standen.

»Gütiger Gott!«, sagte Jersey, als er vor Sadlons sterblichen Überresten stand. Eric sah, wie Jerseys Kehlkopf arbeitete, als er gegen den Drang ankämpfte, sich zu übergeben. Andere Marines kamen hinzu und bildeten einen Kreis um den Baum mit dem Toten. Irgendjemand verlor die Kontrolle über seinen Magen und kotzte die Morgenration geräuschvoll auf den Dschungelboden.

»Herr im Himmel!«, ächzte Seals mit einem Blick auf den verstümmelten Leichnam.

Er schwieg ein paar Sekunden, dann befahl er: »Schneidet ihn runter. Und nehmt ihm diesen verdammten Affenkopf ab! Mein Gott!«

Eric und Alabama traten vor, zückten ihre Messer und durchschnitten die dicken Lianen, mit denen Sadlons Arme hinter den Baum gefesselt waren. Der Leichnam kippte vornüber zu Boden. Eric und Alabama wechselten Blicke.

»Ich pack das Ding nicht an«, sagte Alabama schließlich mit einem Nicken in Richtung des Affenkopfes.

Seals trat hinzu und starrte mit ausdruckslosem Gesicht in die Bäume hinauf. Dann ging er in die Hocke, beugte sich über den Toten und nahm dessen Briefe aus der Brusttasche. Er schob sie in seine eigene Jacke, nahm seinen Helm ab und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Schließlich zog er sein Messer und durchtrennte die Kordeln, die den Schimpansenkopf auf dem Hals des Toten hielten. Sekunden später rollte der Kopf zu Boden und kam auf verrotteten Blättern zum Liegen.

»Ich lasse keinen meiner Männer so zurück!«, sagte Seals, packte den Affenkopf und schleuderte ihn in den Dschungel.

»Wer hat das getan?«, fragte Alabama leise.

»Was denken Sie?«, entgegnete Seals. »Die Japse sind eine Bande von verdammten Tieren!«

Alabama nickte, doch Eric bemerkte, dass er wenig überzeugt schien.

Die Männer starrten betreten zu Boden. »Jemand soll ein Gebet für ihn sprechen«, forderte Seals sie auf.

Die Männer sahen sich an, dann blickten sie zu Jersey, der eine katholische Highschool besucht hatte.

»Was … was soll ich denn sagen?«, fragte Jersey.

»Irgendein Gebet, Mann. Sagen Sie irgendein Gebet für ihn«, entgegnete Seals in scharfem Tonfall.

»Der Mann ist tot«, sagte Alabama. »Ich glaub nicht, dass er wählerisch ist.«

Jersey nickte und murmelte ein leises Gebet. Die Männer bekreuzigten sich. Sadlons Augen starrten leer und glasig in den Himmel wie die Augen eines toten Fisches. Seals drückte sie zu.

Er setzte seinen Helm wieder auf und erhob sich. »Begraben wir ihn. Ich will nicht, dass die Japse wiederkommen und irgendwelche Souvenirs finden.«

Er ging ein paar Schritte von dem Toten weg, bevor er stehen blieb und sich zu den Männern umdrehte. »Im Krieg gibt’s nun mal Tote«, sagte er. »Der Sinn der Sache ist, mehr Menschen zu töten als der Gegner, dann hat man eine ziemlich gute Chance, den Krieg zu gewinnen. Ihr werdet noch eine ganze Menge mehr Leichen sehen, bevor das alles vorbei ist. Am besten, ihr gewöhnt euch jetzt schon daran.«

»Ich hab so was noch nie gesehen«, sagte Keaveney und starrte auf den aufgeschlitzten Leichnam seines Kameraden, der verkrümmt am Boden lag, »und ich werd mich nie daran gewöhnen.«

»Was haben Sie gesagt?«, fragte Seals scharf.

»Nichts, Sarge.«

»Also gut. In Ordnung, Männer!« Seals klatschte in die Hände. »An die Arbeit. Bringen wir es hinter uns, bevor es zu heiß wird.«

Drei Soldaten gruben eine halbe Stunde lang, bis sie ein Loch im nassen Boden geschaufelt hatten, das tief genug für den Toten war. Eric Davis und die anderen suchten nach dem zweiten vermissten Marine, fanden aber keine Spur von ihm. Es war, als hätte der Dschungel ihn verschluckt.

Eine Stunde später hatten sie Sadlons Grab hinter sich gelassen, einen rechteckigen Hügel frisch ausgehobener Erde inmitten des grünen Dschungels. Gewehr und Helm des Toten ersetzten den Grabstein. Die Männer folgten in einer lang gezogenen Reihe einem schmalen Pfad, der immer tiefer in den Urwald führte. Vierzehn Marines, Zigaretten in den Mundwinkeln, die Waffen in der einen Hand, die andere zur Seite ausgestreckt, um in dem sumpfigen Gelände das Gleichgewicht zu wahren.

Die Luft war erstickend, und bald fühlten sich die Männer, als wäre ihre Haut mit einer klebrigen Schicht öliger Lumpen bedeckt. Blutegel wimmelten im Wasser und saugten sich windend an Stiefeln und Hosenbeinen fest. Bienen, so groß wie Halbdollarstücke, landeten auf ungeschützter Haut, angezogen vom Salz menschlichen Schweißes. Die Bienen waren harmlos, solange sie nicht provoziert wurden; sie saugten lediglich den Schweiß auf und flogen wieder davon. Eric schauderte jedes Mal, wenn eines der Insekten auf seinem ungeschützten Gesicht landete, darauf herumkroch und sich in Richtung seiner Augen oder seines Mundes bewegte. Oder in sein Ohr eindrang. Skorpione flüchteten mit hoch erhobenem Stachelschwanz, wenn die Soldaten sich näherten.

Schließlich legten sie eine Rast ein, und dankbar nahm Eric seine Feldflasche hervor, um ein paar Schluck warmes Wasser zu trinken.

Ringsum wurden Rufe laut: »Ich hab nichts mehr!«, und Männer drehten ihre leeren Feldflaschen um.

Eric spürte irgendetwas an seinem Bein. Er blickte nach unten: Seine Hosenbeine sahen aus, als wären sie lebendig geworden. Der Stoff war in zuckende, krabbelnde Bewegung geraten.

Ameisen.

»Verdammte Scheiße!«, fluchte er. So schnell er konnte, knöpfte er die Hose auf und trat sich die vom Schlamm und Dreck schweren Stiefel von den Füßen. Er riss sich Hose und Socken herunter, bis er in Unterwäsche dastand und seine übrige Montur vor ihm lag – ein zuckender, wogender Haufen erregter Ameisen.

»Was soll das denn werden?«, fragte Alabama, hob einen von Erics Socken auf und inspizierte ihn aus der Nähe, dann warf er ihn hastig auf den Boden zurück, bevor die Ameisen Gelegenheit hatten, auf seine Hand zu krabbeln. »Von diesen Mistviechern gebissen zu werden, brennt sicher schlimmer als Louisiana Hot Sauce.«

»Ja.«

»Du bist wohl in ein Nest getreten.«

Eric blickte sich um und sah einen kleinen losen Haufen neben dem Pfad. In der Mitte befand sich ein Stiefelabdruck. Er war tatsächlich in ein Nest getreten.

Vorsichtig klopfte er seine Kleidung mit einem Stock aus, den er vom Boden aufgehoben hatte. Die Ameisen krabbelten davon und zu ihrem Nest zurück.

Eric zog seine Montur wieder an, wobei er jeden Augenblick mit schmerzhaften Bissen von Ameisen rechnete, die er übersehen hatte. Doch er hatte Glück.

Zehn Minuten später arbeiteten die Männer sich erneut durch den Dschungel und über den ausgetretenen Pfad voran. Sie erreichten einen Kokoswald. Die braunen Palmenstämme mit der ringförmig gefurchten Rinde standen weiter auseinander, sodass die Marines hier leichter vorankamen. Der Boden war übersät mit Kokosnüssen, die sie im Vorbeigehen aufsammelten, um die harten Schalen an Stämmen aufzuschlagen und die wässrige weiße Milch zu trinken.

Unvermittelt hob Seals den Arm und gab den Männern das Zeichen zum Halten. Eine Sekunde später kam das Zeichen, in Deckung zu gehen. Eric ließ die Kokosnuss fallen, die er gerade bearbeitet hatte, drückte sich flach auf den Boden, hob den Karabiner und brachte die Waffe in Anschlag. Die Kokosnuss lag, wo er sie hatte fallen lassen. Aus dem Riss in der Schale tropfte langsam die weiße Milch.

Ringsum schien sich nichts zu rühren, mit Ausnahme eines Faultiers, das sich über ihnen langsam von Ast zu Ast hangelte. Seals bedeutete seinen Männern, zu warten, während er sich langsam vorwärts arbeitete und sich zwischen den Bäumen hindurchbewegte. Eric hielt den Kopf tief am Boden und atmete den Geruch des Dschungels, während er dem Rauschen der großen Palmwedel in der sanften Brise lauschte. Es war heiß, doch im Schatten der Kokospalmen war es auszuhalten.

Er blickte zu Seals und bemerkte, dass der Staff Sergeant nach vorn starrte, zu einem Hügelkamm im Gelände vor ihnen. Eric blickte zu der Stelle, sah aber nichts. Seals verharrte einen Augenblick, bevor er zu dem ersten Marine hinter ihm kroch und dem Mann etwas zuflüsterte, wobei er zum Kamm hinter sich deutete. Der Private drehte sich um und gab die Worte flüsternd an den Mann hinter sich weiter, und so wanderte die Botschaft durch die Reihen. Eric rechnete beinahe damit, dass sie verstümmelt bei ihm ankommen würde, doch er hatte sich geirrt.

»Ein Bunker der Japse – da oben, zwischen den Bäumen auf dem Kamm«, zischte Alabama Eric zu. »Seals will drei Mann mitnehmen.«

Eric nickte und gab die Meldung nach hinten weiter. Entlang der Reihe hoben Marines die Hand und meldeten sich freiwillig. Eric war dabei, hoffte aber, Seals würde ihn nicht auswählen.

Er wurde ausgewählt.

Er nickte, als der Sergeant auf ihn zeigte und ihn zu sich winkte, erhob sich in eine geduckte Haltung und bewegte sich vorsichtig nach vorn. Die anderen Marines nickten ihm zu und wünschten ihm mit Gesten Glück.

Seals hielt einen Stock zwischen den Fingern und stocherte damit im Boden. Die drei Freiwilligen fanden sich bei ihm ein – Alabama, Davis und ein Texaner namens Martinez.

»Sieht aus, als hätten wir da oben eine Stellung der Japse.« Seals deutete mit dem Stock auf den Kamm im Gelände. Eric sah genau hin und entdeckte eine Konstruktion aus Palmstämmen und Erde, die in den Hügel eingelassen war. Sie schien verlassen.

»Wahrscheinlich irgendwas Kleineres«, sagte Seals und fuhr mit dem Stock durch den Dreck. »Könnte alles Mögliche sein.«

»Dreißiger?«, fragte Martinez.

»Wahrscheinlich«, antwortete Seals. »Kaliber dreißig wäre gut möglich. Das Gleiche wie am Strand, nur dass wir hier mehr Deckung haben.«

Seals zerbrach den Stock in zwei Teile. »Davis, Sie und Alabama nehmen die linke Seite. Martinez und ich gehen nach rechts. Bleiben Sie in Deckung, bis Sie freies Schussfeld haben. Diese Dreißiger haben eine verfluchte Feuerkraft, und wir wollen nicht von ihnen voll gehagelt werden, verdammt noch mal.«

Alabama und Eric nickten, entledigten sich ihrer Rucksäcke und legten die überflüssige Ausrüstung zu Boden. Martinez und Seals setzten sich in Bewegung und schoben sich durch das dichte Blattwerk. Kurz darauf standen sie am Rand einer Lichtung. Vor ihnen war ein leichter Anstieg, mit hohem, sich im Wind wiegenden Kunai-Gras bewachsen. Auf dem Kamm befand sich der Bunker.

Alabama tippte Eric auf die Schulter, und sie schlichen vorsichtig am Rand der Lichtung entlang. Die Luft war erfüllt von den krächzenden Rufen von Sittichen und dem Kreischen von Affen. Der Lärm war groß genug, um das leise, saugende Geräusch ihrer Schritte auf dem morastigen Untergrund zu übertönen. Nach den ersten paar Schritten in den Dschungel fühlte sich Eric, als wäre er unter eine kalte Dusche getreten. Sein Haar war durchnässt, und seine Kleidung klebte feucht am Körper.

Alabama benutzte den Kolben seiner Waffe, um die nassen Blätter aus dem Weg zu schieben. Hin und wieder peitschten sie mit alarmierender Geschwindigkeit zurück und klatschten Eric ins Gesicht.

»He, pass gefälligst auf!«, zischte Eric.

»Entschuldige.«

Sie waren vielleicht dreißig Meter weit gekommen, als sie einen Felsvorsprung erreichten. Eric ging in die Hocke und drückte sich gegen die warmen, trockenen Steine. Sie waren inzwischen so dicht vor dem Bunker, dass Eric die Schlitze in den Stämmen sehen konnte und die Spuren, die Äxte hinterlassen hatten. Die Konstruktion bestand aus dicken Kokosstämmen und darüber aufgehäufter Erde und fügte sich fast unsichtbar in die Umgebung ein. Die Männer hätten sich dem Bunker auf zehn Meter nähern können und ihn doch nicht bemerkt. Die Szenerie war friedlich und erinnerte Eric an das Blockhaus seiner Familie daheim in New Hampshire.

Die Ähnlichkeit endete jedoch spätestens mit dem Lauf eines Maschinengewehrs Kaliber dreißig, der aus einem schmalen Schlitz zwischen den Stämmen ragte.

»Sieht ziemlich ruhig aus«, flüsterte Alabama.

»Ja.«

»Jedenfalls ist nichts zu sehen. Der Bunker sieht verlassen aus. Als wären die Vögel einfach ausgeflogen.«

»Vielleicht.«

Eric atmete schwer. Er hatte die Fäuste um den Karabiner gekrallt. Überrascht bemerkte er, dass sein Zeigefinger um den Abzugshebel lag und ihn langsam durchdrücken wollte. Er zwang sich zu kontrolliertem Atmen und nahm den Finger vom Abzug.

Im japanischen Bunker rührte sich nichts. Eine leichte Brise wehte über die Lichtung und wiegte die Grasbüschel, die aus den Ritzen des Bunkers wuchsen.

»Sieht aus, als wäre keiner zu Hause«, meinte Alabama.

»Willst du hingehen und anklopfen?«

»Scheiße, nein!«

»Also, was machen wir?«

»Warum feuern wir nicht ein paar Salven hinein? Vielleicht rütteln wir sie ja wach?«

Über den Felsvorsprung hinweg sahen sie Seals und Martinez, die sich lautlos von der anderen Seite über die Lichtung hinweg und den Hang hinauf zum Bunker vorarbeiteten. Sie bewegten sich fast auf den Knien, so tief geduckt rückten sie voran. Seals hielt für einen Augenblick inne und sah zu Eric und Alabama herüber.

Alabama bemerkte den Blick des Staff Sergeants, deutete zum Bunker und schüttelte den Kopf in einer Bewegung, die besagen sollte, dass der Bunker leer zu sein schien. Seals nickte und schlich vorsichtig weiter. Martinez blieb hinter ihm zurück und kauerte sich in die Deckung des dichten grünen Unterholzes.

»Der hat Nerven«, murmelte Alabama bewundernd, während er beobachtete, wie Seals zum Bunker schlich.

»Ich weiß nicht recht«, entgegnete Eric. »Vielleicht ist er bloß ein Verrückter.«

Seals rückte weiter vor. Das Kunai-Gras der Lichtung reichte ihm beim Gehen bis über die Knie. Er hielt sich tief geduckt und hatte das Gewehr an der Hüfte im Anschlag. Das Gras legte sich unter seinen Schritten, und er zog eine deutliche Spur hinter sich her.

Er verschwand hinter dem japanischen Bunker.

»Wo ist er hin?«, fragte Alabama.

Eric öffnete den Mund zu einer Antwort, als eine Explosion vom Bunker herüberdröhnte. Dreck und Gras wurden hinter dem Unterstand in die Luft gewirbelt. Vereinzelte Gewehrschüsse peitschten.

Alabama sprang auf und stürmte vor, wobei er mit einer Hand den Helm festhielt. Eric blickte ihm überrascht hinterher, während er sich in Deckung der Felsen hielt. Als Alabama plötzlich stehen blieb, sprang Eric auf und rannte seinerseits los.

»Alles in Ordnung!«, rief jemand.

Seals kam hinter dem Bunker hervor.

»Der Schuppen ist leer«, sagte er.

»Jesses!«, stieß Alabama hervor und verdrehte die Augen. »Sie haben mir eine Höllenangst eingejagt, Sarge!«

Eric kam herbei. »Was war los?«, fragte er.

»Niemand drinnen«, wiederholte Seals.

»Ernsthaft?«

»Ja. Der Laden ist leer.«

Eric ließ den Blick über die Lichtung schweifen. Sie befanden sich auf einem Kamm, der einen weiten Blick über den Dschungel erlaubte. Hinter dem Bunker befand sich ein kleines japanisches Biwak. Ein paar Zelte standen zerstreut im hohen Kunai-Gras. Die Dächer hingen in der Mitte durch, und einige Zelte waren bereits zusammengefallen und lagen in unordentlichen Haufen auf dem Boden, zusammen mit metallenen Munitionsbehältern, deren Inhalt willkürlich verstreut lag. Das Gras war übersät mit leeren Feldflaschen und weggeworfenen Verpflegungspaketen, Gewehrmagazinen und tausend anderen militärischen Ausrüstungsteilen – doch nirgendwo waren Soldaten zu sehen.

»Wo sind sie nur?«, fragte Eric und sah sich um.

Seals zuckte die Schultern. »Keine Ahnung.«

»Vielleicht haben sie aufgegeben«, sagte Alabama und trat mit dem Fuß gegen eine Bandoliere. »Vielleicht haben sie die erste Fähre zurück nach Tokio genommen.«

Die Lichtung ringsum war übersät mit messingfarbenen Patronenhülsen. Es waren buchstäblich Tausende der kleinen Zylinder, die überall im Gras lagen.

Eric bückte sich, hob eine Hülse auf und befingerte sie nachdenklich. »Sie haben auf irgendetwas hier oben geschossen.«

Alabama nickte. »Jedenfalls haben sie genügend Munition verbraucht, um halb Chicago zu erledigen. Ich hätte nicht gedacht, dass unsere Jungs bis hierher gekommen sind.«

»Sind sie auch nicht«, bestätigte Seals. »Jedenfalls nicht nach Plan.«

»Auf was, zur Hölle, haben sie dann geschossen?«, fragte Eric.

Alabama zuckte die Schultern. »Keine Ahnung.« Er sah sich auf der Lichtung um. »Sieht aus, als wären sie von allen Seiten gleichzeitig angegriffen worden. Überall liegen Patronenhülsen.«

»Seht nur.« Alabama bückte sich und untersuchte die Seite eines eingefallenen Zeltes. Der dunkelgrüne Stoff war mit eingetrockneten schwärzlichen Flecken bedeckt.

»Das ist Blut!«, sagte Eric.

»Sieht so aus«, erwiderte Alabama. Er stand auf und sah sich um.

Eric ging zum anderen Ende der Lichtung. Das Gras war platt getreten, und Stiefelabdrücke bedeckten den weichen Boden. Die Luft war feucht. Eric fuchtelte mit der Hand, um die winzigen Insekten zu vertreiben, die vor seinem Gesicht schwebten. Der Hügel senkte sich dem Rand des Dschungels entgegen, und irgendwo nahe den ersten Bäumen flatterte etwas im Wind. Eric neigte den Kopf und starrte auf den Gegenstand. Es war ein Stück Kleidung, das an einer langen Stange hing, die im Boden steckte.

Eric entdeckte weitere Stangen, die in einer geraden Reihe am Rand der Lichtung aufgestellt waren. Plötzlich erkannte er, was er dort sah.

»O Gott!«, flüsterte er, dann drehte er sich zu den anderen Männern um. »Ihr müsst euch das hier ansehen! Los, kommt schnell her!«

Alabama und Seals rannten herbei. Die Feldflaschen an ihren Gürteln tanzten.

»Was gibt’s denn?«, fragte Alabama atemlos und starrte Eric fragend an.

Eric antwortete nicht, sondern nickte in Richtung der Pfähle am Rand der Lichtung.

Langsam wandte Alabama den Kopf zu der von Eric angedeuteten Stelle.

Dort stand eine Reihe hoher Pfähle, die in die Erde gerammt waren. An jedem hing aufgespießt ein japanischer Soldat, drei Meter über dem Boden, schlaff wie eine welke Blüte. Die Kleidung der Toten war größtenteils abgerissen, und durch die Schlitze war nacktes Fleisch zu sehen. Stofffetzen wiegten sich im Wind.

Insekten hatten sich auf den Leichen versammelt, riesige geflügelte Kreaturen, die durch die Luft summten und hin und her schossen. Die Pfähle standen in gleichmäßigem Abstand, ungefähr zwei Meter, und schienen tief im Boden versenkt zu sein, denn sie zeigten keinerlei Anzeichen, sich in die eine oder andere Richtung zu neigen, trotz des Gewichts der am Bauch aufgespießten Männer.

Eric spürte eine merkwürdige Ruhe in sich, als er die Szene betrachtete, ein beinahe sprachloses Staunen angesichts dieser Ungeheuerlichkeit.

»Was ist hier passiert?«, fragte Alabama leise.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Seals.

»Waren das unsere Leute?«

Seals schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung.«

»Nun …«, begann Alabama langsam. »Und was machen wir jetzt?«

Seals bückte sich und pflückte ein paar Grashalme. Er drehte sie zwischen den Fingern. Nach einigen Augenblicken sagte er: »Nichts. Wir erwähnen den anderen gegenüber kein Wort. Und wir unternehmen nichts.«

Er wandte sich von den Pfählen mit den Leichen ab. »Gehen wir wieder nach oben.«

Schweigend wanderten sie zum Kamm hinauf, wo der japanische Bunker stand. Nachdem der Schock allmählich verklang, breitete sich Übelkeit in Erics Magen aus. Die Männer erreichten den Bunker und hörten ein leises Klirren aus dem Dschungel. Eric blickte auf und sah Martinez, der mit zwei großen Metallkanistern auf dem Rücken über die Lichtung gerannt kam. Die Kanister für den Flammenwerfer erzeugten beim Laufen das metallische Klirren.

»Meine Güte!«, sagte Alabama. »Ich begreife nicht, wie du es schaffst, mit diesen Dingern auf dem Rücken auch noch zu rennen. Das ist ja so, als hättest du einen kompletten Grill auf dem Buckel.«

Martinez zuckte schweigend die Schultern, grinste und steckte sich eine Zigarette an.

»Das ist richtig schlau«, sagte Alabama. »Zehn Liter Kerosin auf dem Rücken und sich dann eine Kippe anstecken. Mach nur so weiter, du Trottel.«

»He!«, erklang plötzlich die Stimme des Sergeants. »Ich hab was gefunden!«

Seals stand im Eingang des Bunkers und starrte vor sich auf den Boden aus Erdreich. Die drei anderen Männer liefen zu ihm und folgten seinem Blick. Mitten im Boden befand sich eine kleine Falltür aus Holz. Seals beugte sich vor und zog an einer Ecke, und die Tür klappte widerstandslos hoch. Darunter war ein rechteckiges Loch in den Boden gegraben, mit Wänden aus nacktem Erdreich, das in völliger Dunkelheit verschwand.

»Sie haben Tunnel«, sagte Seals. »Martinez?«

»Sir?«

»Ausbrennen.«

Martinez trat vor und hob den Flammenwerfer. Er stand im Eingang des Bunkers, regelte den Druck an seinen Kanistern und richtete den langen Stab der Waffe auf das Loch im Boden. Es gab ein gurgelndes Geräusch, und ein Flammenstrahl schoss aus dem Ende des Rohrs in Martinez’ Händen.

Er lenkte die Flammen in das Loch hinunter, und der Strahl spritzte in die Tiefe und versengte den Boden zu den Seiten. Eric stand daneben und spürte die Hitze. Aus dem Loch kam ein knisterndes Geräusch.

Martinez ließ den Abzug los und trat zurück. Das Innere des Bunkers qualmte, und die Holzstämme trugen schwarze Spuren. Rings um das Loch im Boden war alles voller Ruß.

»Also schön«, entschied Seals. »Steigen wir runter und sehen nach.«

»Was?«, fragte Alabama entgeistert.

»Sie haben richtig verstanden.«

»Sarge, da unten ist alles tot. Warum sollten wir noch runtersteigen?«

»Ich wusste nicht, dass Krieg eine demokratische Veranstaltung ist, Alabama. Seit wann muss ich Ihnen erklären, warum Sie einen Befehl ausführen sollen?«

Alabama ließ den Kopf hängen. »Jawohl, Sir.«

Seals trat vor und ging vor dem Loch in die Hocke. Es war rechteckig und maß vielleicht sechzig mal neunzig Zentimeter. Dünne Rauchschwaden stiegen träge daraus in die Höhe wie von einer eben ausgepusteten Kerze. Seals stützte rechts und links die Hände auf und steckte die Beine in das Loch.

Er sprang hinunter und verschwand.

»Der Sarge ist verrückt«, murmelte Alabama.

»Ja, ist er«, antwortete Eric und bewegte sich ebenfalls auf das Loch zu.

Er hängte sich den Karabiner quer über den Rücken, stemmte die Hände rechts und links auf die Erde und schwang die Beine über das Loch. Unter sich sah er nichts als Dunkelheit. Die Flammen hatten den Boden so stark erwärmt, dass er sich fast heiß anfühlte, wie ein Sandstrand an einem strahlenden Sommertag. Eric ließ sich in das Loch hinab, und die Wärme ringsum entspannte ihn augenblicklich. Es war fast, als würde er eine Sauna betreten.

Eric fiel anderthalb Meter, bevor seine Stiefel den Boden berührten.

»Kannst du was sehen?«, rief Alabama von oben.

»Ein Tunnel!«, rief er nach oben. »Ungefähr anderthalb Meter hoch!«

Seals war vor ihm. Er hielt eine Taschenlampe und leuchtete damit den Tunnel ab. Die dunklen, irdenen Wände schienen das Licht förmlich aufzusaugen. Über Eric fiel ein rechteckiger Schaft aus Licht herab und erhellte einen fahlen Ausschnitt am Boden.

Seals bewegte sich rasch voran, als gäbe es in der Dunkelheit vor ihm keine unbekannte Gefahr. Mit der einen Hand leuchtete er nach rechts und links, während er mit der anderen sein Gewehr gepackt hielt. Eric folgte ihm nervös mit schussbereiter Waffe. Der Tunnel war eng, und er streifte mit den Schultern an den Wänden entlang. Immer wieder lösten sich kleine Dreckklumpen.

Ein Stück voraus schien der Tunnel sich zu einem kleinen Raum zu weiten, der in ein merkwürdig flackerndes, rotes Licht getaucht war. Das Licht warf lange, tanzende Schatten auf die Tunnelwände.

Die Schatten bewegten sich, als würde jemand vor einem Feuer tanzen.

Hinter Eric mühte Alabama sich durch das Loch, gefolgt von Martinez.

»Was siehst du?«, rief Alabama mit gedämpfter Stimme.

»Bis jetzt nichts«, antwortete Eric über die Schulter. »Irgendein Licht. Sieht unheimlich aus, wenn du mich fragst.«

Der Tunnel erstreckte sich zehn Meter in die Tiefe, bevor er in einen aus dem Boden gegrabenen Raum mündete. Seals ging voran. Er betrat den Raum und verschwand, als er sich auf das rötliche Flackern zubewegte.

Eric folgte ihm langsam und kämpfte gegen den Impuls an, nach dem verschwundenen Sergeant zu rufen.

Der Tunnel endete, und Eric betrat den Raum dahinter. Er war tatsächlich in den Boden gegraben; mehrere Kokosstämme, die als Stütz- und Querbalken dienten, hielten die Decke. Die Grundfläche betrug etwa fünf mal sechs Meter. In einer Ecke befand sich ein behelfsmäßiges Lager aus getrocknetem Kunai-Gras, daneben eine kleine Schilfmatte und ein niedriger Tisch. Auf dem Tisch befanden sich ein Teegeschirr und einige persönliche Dinge, die offensichtlich aus Japan stammten. An einer Wand war ein winziges Bücherregal mit vier pedantisch ausgerichteten Büchern, ausnahmslos auf Japanisch. Zwischen den Stützbalken war ein großes weißes Laken gespannt, das mit einer großen aufgehenden Sonne und japanischen Schriftzeichen bedeckt war.

Der Raum war behaglich, beinahe schon komfortabel eingerichtet und sah fast aus wie eine Kinderhöhle. Nur dass es keine war.

Alles stand in Flammen.

Das Grasbett brannte, und dünne Flammenzungen leckten über den aufgespannten weißen Stoff und tanzten über das Bücherregal. Die Stützbalken brannten ebenfalls. Sie standen in einem Raum voller Flammen. Das Feuer hatte sich entzündet, als Martinez den Flammenwerfer in den Tunnel hielt.

Eine dichte Rauchwolke bildete sich. Das Feuer saugte frische Luft aus dem Tunnel an, und eine Brise zupfte an Erics Haaren und Kleidung und ließ den aufgespannten Stoff flattern. Die Schatten an den gegenüberliegenden Wänden bewegten sich im Gleichklang mit dem weißen Tuch.

An der Rückwand des Raums hing ein menschlicher Körper, ein japanischer Soldat in Uniform. Er trug nur eine schmutzige Hose, hochgekrempelt bis zu den Knien, und weder Schuhe noch Socken. Er hing mit ausgestreckten Armen an einem der Stützbalken, die Füße übereinander. Jemand hatte große Nägel durch seine Hände und Füße getrieben und ihn am Holz gekreuzigt. Die schmutzige Haut hing lose vom Leib und sah aus, als könne sie jeden Augenblick zu Boden rutschen, sodass nur noch das Skelett an der Wand zurückblieb. Der Leichnam war von einem scharfen Gegenstand zerschlitzt worden. Tiefe Wunden zogen sich über Brust und Bauch.

»Mein Gott!«, ächzte Eric. »Was ist denn mit dem passiert?«

»Sieht aus, als wäre er aufgeschnitten und ausgeweidet worden, und als hätte man ihn anschließend gedörrt wie ein Stück Fleisch«, sagte Alabama. »Wer hat das getan? Meint ihr, dass unsere Jungs dahinter stecken? Haben sie ihn so zugerichtet?«

»Wir haben keine Leute im Umkreis von fünfzehn Kilometern«, widersprach Seals und starrte unverwandt auf den Leichnam.

»Was ist mit der vermissten Aufklärungseinheit?«, fragte Alabama. »Die Männer, nach denen wir suchen sollen? Vielleicht sind sie hier durchgekommen und für diese Sauerei verantwortlich.«

»Und was ist mit den Männern auf den Pfählen?«, fragte Eric.

»Halten Sie die Klappe, Davis!«, fuhr Seals ihm ärgerlich über den Mund.

»Was für Männer?«, fragte Martinez. »Was für Pfähle?«

»Nichts«, antwortete Eric.

»Irgendwas stört mich an dieser ganzen Geschichte«, sagte Martinez nachdenklich. »Wenn sie jeden umgebracht haben, wie kommt es dann, dass wir keine Leichen gefunden haben?«

»Vielleicht haben sie die Leichen mitgeschleppt«, antwortete Alabama.

»Durch den Dschungel? Das schaffe ich kaum mit nichts weiter als meiner Ausrüstung! Wie, zur Hölle, sollen sie da ein ganzes Platoon toter Soldaten mitschleppen?«

»Ja. Und kein amerikanischer Soldat würde so etwas tun.« Alabama deutete mit dem Kopf auf den verstümmelten Leichnam. »Ganz bestimmt nicht.«

»Oder sonst eine der verfluchten Grausamkeiten, die wir gesehen haben«, pflichtete Eric ihm bei, als er an die Toten auf den Holzpfählen dachte.

»Im Krieg geschehen seltsame Dinge mit den Menschen«, sagte Seals langsam. »Ein Mann weiß nicht, wozu er imstande ist, bis er hierher kommt, wo das Töten zum Alltag gehört.«

»Wollen Sie damit sagen, dass vielleicht doch unsere Jungs dahinter stecken?«, fragte Eric.

Alabama schüttelte den Kopf und spuckte aus. Der Rauch im Raum wurde allmählich dichter, während die Flammen an den Stützbalken und über das Bücherregal leckten. Der Leichnam des Japaners hatte bisher kein Feuer gefangen und hing unverändert an der Wand. Der Kopf des Toten ruhte auf der Brust.

»Wir müssen verschwinden«, sagte Seals.

»Wir lassen ihn einfach hier zurück?«, fragte Alabama.

»Wir sind nicht für ihn verantwortlich, und es ist nicht unsere Aufgabe, gegnerische Soldaten zu begraben.«

»Vielleicht. Trotzdem, es kommt mir irgendwie verkehrt vor, einen Mann zurückzulassen, der an die Wand genagelt wurde wie Jesus Christus.«

Erics Augen tränten bereits vom Rauch, und in seinem Mund breitete sich ein beißender Geschmack aus. Er wollte nur noch aus diesem unterirdischen Bau heraus. Plötzlich hörte er ein Krachen. Zuerst meinte er, einer der Stützbalken wäre gebrochen, doch Martinez stöhnte auf und krümmte sich nach vorn, die Hände auf den Leib gepresst.

»Alles in Ordnung?«, fragte Alabama und beobachtete überrascht, wie Martinez auf die Knie sank.

Eric bemerkte, dass zwischen Martinez’ Fingern hindurch Blut strömte. »Was ist?«, stieß er hervor, als ein weiteres Krachen ertönte. Eric spürte einen brennend heißen Schmerz an der Schulter, als hätte jemand eine Zigarette auf seiner nackten Haut ausgedrückt.

»Verdammte Scheiße!«, brüllte er, als ihm bewusst wurde, was das Krachen zu bedeuten hatte.

Jemand schoss auf sie.

Er ließ sich fallen und riss sein Gewehr in Anschlag. Der Raum war nun fast vollständig mit dichtem schwarzem Rauch gefüllt, doch Eric bemerkte durch den Qualm hindurch, dass der Tunnel auf der gegenüberliegenden Seite weiterführte. Und er sah einen Mann mit nacktem Oberkörper, der hinter einem Erdhügel geduckt sein Gewehr nachlud.

Eric hob die Waffe und feuerte ein paar Schüsse auf den feindlichen Soldaten ab. Alabama stand noch immer begriffsstutzig in der Gegend und beobachtete Eric aus weit aufgerissenen Augen.

»Jemand feuert auf uns!«, rief Eric. »Los, schaff Martinez nach draußen!«

Alabama schüttelte benommen den Kopf, bückte sich, packte Martinez bei der Schulter und zerrte ihn hinter sich her durch den Tunnel in Richtung Ausgang. Eric spähte durch den beißenden Qualm und feuerte erneut, ohne ein Ziel zu erkennen. Ein Antwortschuss erfolgte. Eric hörte, wie das Projektil hinter seinem Kopf in die Wand schlug. Er konnte kaum noch etwas sehen, so dicht waren Feuer und Qualm nun geworden. Alabama hatte Martinez inzwischen zum Ausgang gezogen und bemühte sich, ihn nach oben zu schieben. Martinez war noch immer bei Bewusstsein. Er fluchte ununterbrochen und drückte die Hände auf seine Schusswunde im Bauch. Er hatte seinen Helm verloren, und seine Haare klebten ihm schweißdurchtränkt am Kopf.

»Ich brauch deine Hilfe, Davis!«, rief Alabama. »Ich kann ihn nicht allein nach draußen heben!«

Eric kehrte durch den Tunnel zurück und kletterte nach draußen. Oben angekommen, atmete er erleichtert die frische Luft, die wie eine lindernde Salbe auf seine verätzten Lungen wirkte. Er beugte sich über das Loch und packte Martinez unter den Achseln. Mit Alabamas Hilfe, der von unten schob, wuchteten sie den verletzten Kameraden aus dem Loch.

Eric trug ihn aus dem Bunker und legte ihn ins dichte Kunai-Gras draußen auf der Lichtung. Ihm war schwindlig vom Sauerstoffmangel, und er stolperte unter der schweren Last.

Alabama und Seals folgten ihm schwer atmend. Alabama krümmte sich plötzlich zusammen, und Eric glaubte schon, er wäre ebenfalls angeschossen worden, bis er den Mund öffnete und sich heftig erbrach. Die anderen Männer des Suchtrupps brachen unten aus dem Dschungel, angezogen vom Lärm der Schüsse. Sie rannten durch das hohe Gras auf Eric zu. Martinez stöhnte laut und drückte die Hände auf den Leib.

Ein rasches, scharrendes Geräusch drang aus dem Tunnel, wie von losem Dreck oder kleinen Steinchen. Alabama kehrte vorsichtig zum Loch im Boden zurück und sah hinunter, zuckte aber sofort zurück.

»Was ist?«, fragte Eric.

»Ein Japs!«, antwortete Alabama. »Wahrscheinlich der Bursche, der Martinez angeschossen hat.«

»Knallst du ihn ab?«

Alabama beugte sich erneut vor und sah hinunter in das Loch.

»Er hat keine Waffe«, sagte er langsam. »Was soll ich jetzt tun?«

»Was willst du damit sagen, er hat keine Waffe?«

»Er ist unbewaffnet. Und es sieht aus, als wäre er ebenfalls verwundet.«

Eric ließ Martinez für einen Augenblick allein und kehrte zum Eingang des Tunnels zurück, um selbst nach unten zu sehen. Zweieinhalb Meter tiefer lag direkt unter dem Loch ein japanischer Soldat. Sein Kopf ruhte an der Wand des Tunnels. Unter seiner linken Schulter war ein dunkler feuchter Blutfleck zu erkennen. Es war der Soldat, der Eric unter Beschuss genommen hatte.

Er war hager, und seine Rippen zeichneten sich deutlich unter der Haut ab. Mit glasigen Augen blickte er zu Eric und Alabama hinauf und murmelte etwas auf Japanisch. Der Tunnel füllte sich schnell mit dichtem schwarzem Rauch, der aus dem Einstieg quoll wie aus einem Schornstein.

Der Verwundete presste sich einen Stofflappen, den er sich aus dem Hemd gerissen hatte, auf den Mund, wurde aber trotzdem von heftigen Hustenanfällen geschüttelt.

»Was machen wir mit ihm?«, fragte Alabama.

Eric zuckte die Schultern. »Wir lassen ihn zurück.«

»Wenn wir ihm nicht helfen, krepiert er da unten«, entgegnete Alabama langsam.

Er hatte Recht. Der verwundete gegnerische Soldat besaß nicht mehr genügend Kraft, um sich allein aus dem Loch zu befreien. Er würde entweder verbrennen, verbluten oder an Rauchvergiftung sterben. Keine viel versprechende Auswahl.

»Martinez stirbt ebenfalls«, sagte Eric. »Und das da unten ist der Kerl, der auf ihn geschossen hat.«

»Ja. Schätze, du hast Recht.«

Eric wandte sich ab und kehrte zu Martinez zurück. Der hatte den Mund aufgerissen und atmete angestrengt. Seine Zähne waren blutig. Hinter sich hörte Eric ein angestrengtes Grunzen. Er drehte sich um und sah, wie Alabama den japanischen Soldaten aus dem Loch zerrte.

»Meine Güte, was machst du denn da?«, rief Eric. »Das ist doch verrückt! Hast du den Verstand verloren?«

»Wir können ihn nicht einfach liegen lassen. Das wäre nicht richtig. Er wird so oder so sterben, warum also nicht in Frieden und mit vollem Magen?«

»Ach, du willst ihm auch noch Essen geben? Wir schleppen unsere verdammten Rationen durch diesen elenden Dschungel, damit du sie an die Japse verfütterst, oder was?«

Der Japaner lag zusammengekrümmt am Boden. Er packte Alabamas Stiefel, hielt ihn fest und blickte flehend zu ihm auf. Dann sagte er etwas auf Japanisch, das wahrscheinlich ein Dankeschön sein sollte.

Sekunden später waren die restlichen Männer des Trupps heran und drängten sich um Martinez und den japanischen Soldaten. »Wo kommt der denn her?«, fragte Kelly Keaveney überrascht.

»Aus dem Tunnel«, antwortete Alabama und deutete auf das Loch.

Der Soldat sagte etwas auf Japanisch. Seine Augen weiteten sich, als er redete, und seine Finger krallten sich in Alabamas Hosenbein.

»Was will der Bursche?«, fragte Jersey.

Alabama zuckte die Schultern. »He, Reder!«, rief er einen seiner Kameraden herbei. Martin Reder war in San Francisco aufgewachsen und sprach einigermaßen Japanisch. Er war der einzige Mann im gesamten Trupp, der überhaupt Japanisch konnte.

Reder war ein junger, gescheiter Bursche mit kurz geschorenem Haar und breitem, freundlichem Gesicht. Er stand bei Martinez und starrte auf den Verwundeten, doch als er seinen Namen rufen hörte, trottete er zu Alabama herüber.

»Ja? Was gibt’s?«

»Kannst du verstehen, was er sagt?«

Reder lauschte aufmerksam dem gemurmelten Japanisch. Der verwundete Soldat wirkte äußerst aufgeregt. Seine Augen waren weit aufgerissen und drohten aus den Höhlen zu quellen, und sie zuckten zwischen den umstehenden Amerikanern hin und her.

Nach einem Augenblick zuckte Reder die Schultern. »Zum Teil.«

»Und? Was sagt er?«, fragte Alabama.

Reder sprach den Verwundeten an. Als der japanische Soldat seine Muttersprache hörte, drehte er sich zu Reder um und sprach mit deutlicherer Stimme weiter. Seine Wunde schmerzte ihn offensichtlich, und alle paar Sekunden hielt er inne, um mühsam durchzuatmen. Sein Gesicht wurde ständig blasser, als würde das Blut buchstäblich durch das kleine Kugelloch aus seinem Körper fließen.

»Er stirbt«, flüsterte Eric.

»Was sagt er?«, fragte Alabama ungeduldig mit einem Nicken in Richtung des Japaners.

Reder schüttelte den Kopf und zog die Augenbrauen hoch.

»Ich bin nicht sicher«, antwortete er. »Irgendwas von Geistern oder Gespenstern, die aus dem Dschungel gekommen sind. Ich kann das Wort nicht genau übersetzen.«

»Gespenster?«, fragte Alabama zweifelnd.

»Ja«, antwortete Reder. »Gespenster, Geister, Dämonen … irgendetwas Böses.«

»Das ist Blödsinn«, entschied Alabama. »Frag ihn noch mal.«

Reder wandte sich erneut dem Soldaten zu und stellte eine Frage auf Japanisch. Der Soldat schüttelte den Kopf und murmelte ein paar Worte zur Antwort.

Reder nickte und blickte auf. Er zog seinen Helm ab, bevor er in den Dreck spuckte. »Es waren keine Gespenster, sagt er, sondern etwas Festes, Stoffliches, wie ein Mensch, aber es waren keine Menschen. Sie kamen aus dem Dschungel.«

Der Bunker stand in Flammen. Lange, lodernde Zungen aus orangenem Feuer erhoben sich über das Blätterdach des Dschungels. Keaveney hatte den Flammenwerfer auf die Stämme gerichtet, aus denen die Bunkerwände gebaut waren, und sie mit brennendem Kerosin getränkt. Eine dichte Rauchwolke stieg zum Himmel. Eric wurde ein wenig nervös. Jetzt wusste jeder Japaner in fünf Kilometern Umkreis genau, wo sie steckten. In den Bäumen kreischten verängstigte Affen und aufgeregte Papageien, während sie den Brand beobachteten. Seals hatte die Männer Bambus schneiden und in Bündeln aus langen Stangen zusammenschnüren lassen, zwischen die Zeltstoff gespannt war. Die Konstruktion bildete eine improvisierte Trage für Martinez. Sie drehten den Verwundeten auf die Seite, und ein Schwall Blut strömte aus dem Loch in seinem Bauch. Dann schoben sie die Trage hinter Martinez und rollten ihn darauf.

Der japanische Soldat lag am Boden und drückte die Hand auf die Wunde in seiner Brust.

»Was ist mit ihm?«, fragte Alabama und nickte in seine Richtung.

»Ich würde sagen, wir lassen ihn liegen«, antwortete Jersey. »Wir können ihn nicht mitnehmen. Wir haben nicht genug Männer, um eine zweite Bahre zu tragen.«

»Das geht doch nicht!«, protestierte Alabama aufgebracht. »Wir können ihn doch nicht einfach hier liegen lassen!«

»Wir können nichts für ihn tun.«

»Wir könnten wenigstens versuchen, ihn zu tragen.«

»Und wohin?«, fragte Jersey.

Zwischen beiden Männern entbrannte ein lautstarker Streit.

»Scheiße, ich weiß es nicht!«, brüllte Alabama.

Der Japaner lag hilflos am Boden und verfolgte die Auseinandersetzung. Er schien zu begreifen, worum es ging. »Mann Gottes!«, sagte Jersey und schüttelte den Kopf. »Hör dir doch nur mal einen Augenblick selbst zu! Du willst, dass wir den Japs durch den Dschungel schleppen? Er ist der Feind! Wir dürfen ihm nicht helfen!«

»Aber wir können ihn nicht einfach liegen lassen!«

»Sei nicht so ein verdammter Schwachkopf!«

»Was?«, schäumte Alabama. »Was hast du gerade gesagt?«

»Nichts«, kniff Jersey und schüttelte verärgert den Kopf.

Alabama sprang mit erhobener Faust vor. Jersey wich geschickt zurück und konterte den Angriff mit einem schnellen Haken an Alabamas Unterkiefer. Alabamas Kopf wurde nach hinten gerissen, und sein Helm fiel herab, doch er erholte sich rasch und griff Jersey erneut an. Die anderen Soldaten machten Anstalten, die beiden Männer zu packen und zu trennen. Seals jedoch stand gelassen daneben und beobachtete das Geschehen.

»Wollen Sie denn nicht einschreiten?«, brüllte Eric den Staff Sergeant an.

»Sie wollen kämpfen«, erwiderte Seals. »Sollen Sie. Wut ist gut.«

Jersey hatte inzwischen Reder mit einem Ellbogenstoß ins Gesicht getroffen, und Reder wich mit blutender Nase zurück. Seals beobachtete das Geschehen weiterhin ungerührt, und auf seinem Gesicht erschien ein leichtes Grinsen. Wortlos zog er seine Pistole aus dem Halfter, trat zu dem verwundeten Japaner und setzte ihm die Mündung der Waffe an den Kopf.

»Du verdammter Hundesohn …!«, brüllte Alabama und holte zum Schlag aus.

Der Schuss peitschte laut über die Lichtung, und etwas Dunkles spritzte auf Alabamas Hemd. Er ließ den Arm sinken, und alle Anspannung wich aus seiner Haltung und seinem Gesicht, als er benommen an sich herunter auf die Flecken starrte. Die Blicke der Männer richteten sich auf den Staff Sergeant. Seals stand aufrecht da und senkte die Pistole langsam. Quer über sein Gesicht zog sich ein roter Spritzer. Zu seinen Füßen lag der tote japanische Soldat, ein kleines schwarzes Loch in der Schläfe.

»Problem gelöst«, sagte Seals ungerührt. »Wenn ihr kämpfen wollt – so wird es gemacht. Ihr tötet. Keine Gewissensbisse, keine Schuldgefühle.«

Seals atmete tief durch. Er wirkte entspannt und weniger müde als noch kurz zuvor. Eric lief ein Schauer über den Rücken. Seals schien irgendwie … lebendiger. Sein Gesicht wirkte gesünder, seine Augen blickten lebhafter.

»Wenn du einem Mann das Leben nimmst«, sagte Seals, »wirst du selbst entsprechend stärker, so, als würdest du seine Kraft in dich aufnehmen.«

Seals wandte sich um, wischte den Lauf seiner Waffe ab und schlenderte davon.

Schweigend setzten sie ihre Patrouille durch den Dschungel fort. Sie entfernten sich von der Lichtung. Noch immer saß ihnen der Schock in den Knochen. Zu viel Grauenhaftes hatten sie gesehen. Eric drehte sich ein letztes Mal nach dem Hügelkamm um, gerade rechtzeitig, um beobachten zu können, wie die vom Feuer geschwächte Konstruktion des Bunkers in sich zusammenfiel und alles unter sich begrub, was noch darin gewesen war. Alabama und Jersey trugen die Bahre mit dem verwundeten Martinez. Er lag auf dem Rücken, stöhnte und fluchte hin und wieder auf Spanisch.

»Das ist alles nicht richtig«, sagte Reder und drückte noch immer ein Stück Stoff auf seine verletzte Nase. »Wir sollten den Einsatz abbrechen und umkehren.«

»Ja.« Eric nickte.

»Ich hab die Toten gesehen. Die Männer auf den Pfählen, meine ich.«

Eric sah ihn an.

»Als die anderen damit beschäftigt waren, eine Trage für Martinez zu bauen, ist Seals über den Kamm davonspaziert. Ich bin ihm gefolgt und habe die toten Japaner gesehen, die auf den Pfählen steckten.«

Eric nickte. »Ich hab sie auch gesehen, genau wie Alabama.«

»Was hat das zu bedeuten?«

»Ich weiß es nicht. Irgendetwas geht vor. Etwas Schlimmes.«

»Seals schienen die Toten nichts auszumachen. Willst du wissen, was er getan hat?«

»Was?«

»Ich hab ihn beobachtet. Er ist zu den Pfählen gegangen und hat die Toten angestarrt, mit einem ganz merkwürdigen Ausdruck. Als würde er nach etwas zu Essen suchen. Dann strich er mit der Hand über einen der Pfähle, und ich sah, dass er sie nass vor Blut wieder zurückzog. Er stand einfach nur da und hat auf seine Hand gestarrt.«

»Und dann?«

»Dann ist er einen der Pfähle raufgeklettert. Er zog sein Messer und schnitt dem Toten auf dem Pfahl etwas aus dem Gesicht. Ich konnte es nicht genau sehen, aber ich weiß, dass er es in seine Tasche gesteckt hat.«

»Blödsinn.«

»Kein Blödsinn.« Reder schüttelte den Kopf. »Ich hab es gesehen. Er hat dem Mann etwas aus dem verdammten Gesicht geschnitten und es eingesteckt.«

Eric schwieg, und so fuhr Reder fort: »Die verschwundenen Männer sind mir egal. Ich will weiter nichts, als wieder nach Hause. Ich will nicht hier sein.«

Eric nickte zustimmend. Auch er wäre lieber überall gewesen, nur nicht hier.

Unter den Männern hatte sich die Ruhr ausgebreitet. Eric hatte das Gefühl, als würde es ihm den Darm zerreißen. Ungefähr jede Stunde mussten sie Halt machen, damit die Männer ins Gebüsch verschwinden und sich Erleichterung verschaffen konnten. Ihre Umgebung war voller Leben – Leben, das anderes Leben tötete. Giftige Pflanzen und Insekten, Reptilien, Tiere mit Stacheln und Zähnen, alles war bösartig und wenig Vertrauen erweckend. Zuerst hatte Eric die Verlockung verspürt, die hübschen roten Blumen zu pflücken, die hier und da am Rande des Pfades wuchsen. Inzwischen kam ihm der Gedanke beinahe absurd vor. Ein Skorpion konnte sich zwischen den Blättern verstecken, oder die Bewegung stachelte einen Schwarm Wespen zum Angriff an, oder schlimmer noch, vielleicht war die Pflanze giftig, und ihre Toxine drangen langsam durch die Haut, bis eine Stunde später die Nerven allmählich versagten.

Die Männer rasteten am frühen Nachmittag, während der heißesten Stunden des Tages. Sie saßen auf dem Boden, den Rücken an Bäume gelehnt, die Rucksäcke vor sich. Dankbar stellten Alabama und Jersey die Trage ab und rieben sich die wunden Finger und die geschwollenen Handgelenke. Eric legte den Kopf in den Nacken und blickte hinauf in das Gewirr aus Pflanzen und Blättern. Er folgte den braunen Baumstämmen vom Boden in die Höhe, wo sie hoch über dem Erdboden in einem Gewirr aus Grün zu explodieren schienen.

Ein Rascheln ertönte über ihm. Zweige bewegten sich. Eric entdeckte einen kleinen Siamaffen auf einem Ast, die Beine um das Holz geschlungen, einen der langen Arme in den Zweigen über sich. Der Affe mit seinem kleinen schwarzen Gesicht, das von weißem Fell umrahmt war, starrte auf Eric hinunter, während er auf dem Ast hin und her schaukelte. Eric kramte in seinem Rucksack und fand einen Karamellriegel, biss ein Stück ab und warf den Rest vor sich auf den Boden, wo er direkt unter dem Affen zum Liegen kam.

»Los, weiter geht’s«, sagte Seals nach einer Weile.

Eric wandte sich vom Siamaffen ab und beobachtete, wie seine Kameraden sich mühsam wieder auf die Beine rafften und sich die Rucksäcke überwarfen, bevor sie ihre Helme aufsetzten und ihre Gewehre nahmen.

Erics Schultern waren wund, und er zuckte vor Schmerz zusammen, als ihm das Gewicht der Trageriemen erneut in die Haut schnitt. Wenn sie erst eine Zeit lang gelaufen waren, würde alles taub werden, doch jetzt, gleich nach der Rast, war es schmerzhaft. Der Trupp setzte sich in Bewegung, und Eric warf einen letzten Blick zurück. Der Siamaffe kletterte geschickt den Baum herunter, während er mit einem Auge misstrauisch die sich entfernenden Männer im Blick behielt. Dann griff er sich den Karamellriegel mit seinen winzigen Fingern, steckte ihn in den Mund und verschwand blitzschnell wieder oben zwischen den Ästen.

Eric richtete den Blick wieder nach vorn.

Sie durchquerten einen braunen, schmutzigen Bach. Auf der anderen Seite führte der Pfad weiter, verschwand erneut unter den Bäumen und führte tiefer und tiefer ins Hinterland.

Einer der Männer weiter vorn hatte einen bunten Papagei mit kleinem Schnabel gefangen. Das Gefieder des Tieres zeigte tiefe Rot- und Blautöne. Der Papagei klammerte sich fest an den ausgestreckten Mittel- und Zeigefinger des Marines, der die Hand für einen Augenblick sinken ließ, während er weitermarschierte. Der Papagei hielt sich unverwandt fest und hing mit dem Kopf nach unten schwingend an der Seite des Soldaten wie ein buntes Pendel.

Der Marine schulterte sein Gewehr und pflückte mit der freien Hand eine kleine braune Frucht, die von einem Zweig über dem Pfad hing. Er quetschte die Kugel mit den Fingern, bis die braune Hülle aufplatzte und das breiige, orangefarbene Fruchtfleisch zum Vorschein kam. Er hielt den Papagei vor sich und die Frucht vor seinen kleinen roten Schnabel. Der Vogel neigte den Kopf zur Seite und beäugte den Mann für ein paar Sekunden, bevor er einen kleinen Fetzen Fruchtfleisch herauspickte. Der Soldat ließ die Hand mit dem Tier wieder sinken, und der Vogel fraß fröhlich weiter, während er mit dem Kopf nach unten schwang.

Eric bemerkte, dass die Marines weiter vorn an einer bestimmten Stelle nach links starrten, bevor sie weitergingen. Als Eric diese Stelle erreicht hatte, wandte er ebenfalls den Kopf und erblickte eine kleine Lichtung zwischen den Bäumen. Auf einer großen Baumwurzel saß eine aus Stein gehauene Gestalt, die vage menschlich aussah, jedoch mit viel zu langen Armen und Beinen und dem Kopf eines Bullen. Der rechte Arm war ausgestreckt, der Zeigefinger warnend in Richtung der Männer erhoben.

Ein Stück weiter rechts stand eine zweite Steinkreatur und grinste sie durch eine Baumlücke hindurch spöttisch an. Die Statue stand dichter beim Pfad als die erste, und Eric stellte verblüfft fest, dass sie wenigstens einen Meter achtzig groß war – viel größer, als er im ersten Augenblick gedacht hatte, und offensichtlich aus einem einzigen Steinblock gehauen. Die Oberfläche der Statue war mit grünen Flechten bewachsen; die Skulptur schien recht alt zu sein. In der Armbeuge der Kreatur hatte ein Sämling gekeimt, und seine kleinen Blätter richteten sich allmählich auf.

Alle starrten die Statue an, während sie auf eine Bewegung warteten, auf irgendetwas in dem steinernen Gesicht, das auf ein Lebenszeichen hingedeutet hätte.

Der Rest des Tages verging nur langsam, bevor die Nacht sich einmal mehr über den Dschungel legte. Das Rufen und Schreien der Nachttiere setzte ein und verkündete die bevorstehende Dunkelheit. Hastig, beinahe überrascht vom plötzlichen Schwinden des Lichts, errichteten die Männer abseits des Pfades ein Lager, indem sie das Unterholz zurückschnitten, bis eine kleine Lichtung entstanden war.

Die Soldaten um Eric entledigten sich vorsichtig ihrer Rucksäcke, streckten den Rücken durch und drückten die Hände gegen die Lendenwirbel. Eric ließ sich zu Boden sinken. Er spürte, wie das Blut in seine Beine schoss und seine Füße anschwollen. Er schnürte seine Stiefel auf, zog sie aus und starrte auf die blutigen Flecken, die seine Socken an mehreren Stellen zierten. Langsam schälte er sie herunter. Das Blut stammte von Blasen und von Egeln, die sich unbemerkt in seine Haut gegraben hatten. Er zerrte die sich windenden schwarzen Tiere herunter und schleuderte sie in den Dschungel. Dann reinigte er die Wunden mit ein wenig Wasser aus seiner Feldflasche, bevor er sie mit Jodlösung bestrich. Es brannte heftig, als die Flüssigkeit die Wunden berührte.

Ihm gegenüber zog Seals seinen Rucksack aus. Eric musterte den Sergeant, als ihm Reders Worte wieder einfielen, sodass er sich auf die Taschen in Seals’ Montur konzentrierte. Eine Brusttasche war deutlich gewölbt; es war nicht zu übersehen, dass etwas darin steckte – verhüllt durch Stoff und von der ungefähren Form und Größe einer Murmel.

Eric hob den Blick und bemerkte, dass Seals ihn ansah. Überrascht hielt er für eine Sekunde Augenkontakt. Seals griff nach oben, tätschelte die gewölbte Brusttasche und grinste. Eric wandte sich hastig ab.

»Mir fallen bald die Finger ab!«, stöhnte Alabama, als er und Jersey die Trage mit Martinez absetzten. »Ich spüre überhaupt nichts mehr.«

»Kein Witz«, bestätigte Jersey.

Die Dunkelheit brach schnell herein und schien Dämmerung und Sonnenuntergang zu überspringen, als hätte die Sonne es eilig, zu einem freundlicheren Ort zu kommen. Die Marines bauten hastig ihre Zelte auf. Kurz darauf lag Eric auf dem Rücken und starrte einmal mehr durch die offene Klappe zum nächtlichen Sternenhimmel. Langsam, während seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, bemerkte er in den Bäumen über sich einen Flecken, der schwach grünlich leuchtete. Während er hinsah, materialisierte irgendwie ein zweiter Fleck, dann ein dritter, bis es so viele wurden, dass sie über ihm ein Dach aus schimmerndem Grün bildeten. Selbst am Boden leuchteten nun grüne Flecken und tauchten den Regenwald in eine unheimliche Farbe.

Die anderen Männer bemerkten es ebenfalls.

»Was ist das?«, fragte Alabama flüsternd.

Eric musste an die Geschichten über verwunschene Wälder denken, die er in seiner Kindheit gehört hatte, voller Goblins und Trolle. Die schwebenden grünen Lichter schienen wie von Zauberhand zu materialisieren. Eric tastete über den Boden nach seinem Gewehr, während er sich ausmalte, wie tief im Dschungel die von Moos und Flechten überwachsenen steinernen Statuen zum Leben erwachten, an denen sie unterwegs vorübergekommen waren, und wie sie mit knackenden steinernen Gelenken durch das Gestrüpp und Unterholz brachen, um über die Soldaten zu kommen, das böse Grinsen unverwandt auf den Gesichtern.

»Es sind Pilze«, antwortete Jersey von irgendwo in der Nähe. »Leuchtende Pilze. Sie wachsen in den verrottenden Blättern.«

Eric spürte eine merkwürdige Enttäuschung angesichts der einleuchtenden Antwort. Pilze. Nicht gerade das, was er erwartet hätte. Nichts schien jemals so geheimnisvoll oder wunderbar, wie man im ersten Augenblick dachte. Er lehnte sich wieder zurück, blickte hinauf zum Himmel und dachte darüber nach, was Seals in seiner Tasche hatte.

Er erwachte von heftigen Darmbewegungen. Die Luft war kühl, die Nacht schwarz, als er aus dem Zelt und hinter einen schützenden Baumstamm huschte, um sich zu erleichtern. Er hockte sich hin – und im nächsten Augenblick hatte er das Gefühl, als würden seine gesamten Innereien in einer einzigen erleichternden Explosion aus ihm strömen. Erschöpft kehrte er zu seinem Schlafsack zurück und rollte sich zusammen, während er versuchte, die Feuchtigkeit durch den morgendlichen Tau zu ignorieren, die unaufhaltsam in seine Kleidung kroch. Während der Nacht hatte es außerdem geregnet. Er spürte den weichen, nassen Boden durch den Stoff des Zelts hindurch und hatte das Gefühl, als würde er auf einem feuchten Schwamm liegen und langsam darin versinken, während er zu schlafen versuchte.

Dann hörte er den Schrei.

Er kam von irgendwo aus dem Dschungel. Ein dumpfes Stöhnen, gefolgt von einem weiteren schrillen Schrei. »Was ist das?«, zischte Alabama. Eric konnte ihn nicht sehen, doch Alabama lag irgendwo ganz in der Nähe, und er hörte sein schweres Atmen.

Eric war hellwach und lauschte. Ringsum kam Bewegung in die anderen Männer. Sie setzten sich nervös auf, und ein lautes Klicken verriet Eric, dass jemand seinen Karabiner entsichert hatte.

»Jesses, was hat das zu bedeuten?«, wiederholte Alabama, als ein weiterer Schrei durch die Nacht hallte.

»Könnten Japse sein«, mutmaßte Keaveney in der Dunkelheit. »Die verdammten Kerle schreien immer, bevor sie angreifen.«

»Das klingt aber nicht nach Japsen«, widersprach Alabama. »Wenn du mich fragst, hört sich das eher so an, als würde jemand gefoltert.«

»Ja«, pflichtete Eric ihm bei, als der nächste Schrei erklang.

»Könnte das Hartmere sein?«, murmelte Alabama. Hartmere war der Marine, der in der vergangenen Nacht spurlos verschwunden war.

Eric schüttelte den Kopf. »Möglich. Könnte jeder sein. Schreie sind Schreie.«

Ein krachendes, splitterndes Geräusch ertönte, als würde jemand durch den Dschungel auf sie zugerannt kommen.

»Macht euch bereit!«, rief Seals durch die Dunkelheit.

»Gütiger Gott!«, flüsterte Alabama und rappelte sich auf.

Die Mondsichel warf nur schwaches Licht, das vom nassen Blätterdach über ihnen zusätzlich gedämpft wurde und den Dschungel nur wenig erhellte. Die Schreie hielten an. Sie schienen näher zu kommen und bewegten sich überraschend schnell durchs dichte Unterholz. Eric erhob sich auf die Knie und legte das Gewehr an die Schulter, während er über den Lauf auf die dichte Vegetation starrte. Die Bäume waren als schwache Umrisse zu erkennen, die in der Höhe ineinander übergingen. Vom nassen Blätterdach tropfte Regen auf die Männer.

Dann brach irgendetwas aus dem Dschungel hervor. Eric sah etwas Weißes aufblitzen, bevor er an der Schulter getroffen wurde. Er fiel nach hinten, während er den Abzug betätigte und blind feuerte. Die restlichen Männer, voll angespannter Nervosität, begannen ebenfalls zu schießen und jagten blindlings Kugeln in den Dschungel. Es dauerte fast dreißig Sekunden, bevor Seals den Befehl gab, das Feuer einzustellen.

Eric lag auf dem Rücken, halb betäubt. Irgendetwas Schweres drückte auf seinen Arm. Er schüttelte den Kopf und setzte sich auf.

»Alle in Ordnung?«, rief Seals. »Davis, wurden Sie getroffen?«

Eric stöhnte und betastete seine Gliedmaßen. »Nein. Aber jemand hat mich beworfen.«

»Womit?«

Eric tastete den Boden ringsum ab und suchte nach dem Wurfgeschoss, das aus dem Dschungel gekommen war. Seine Finger berührten etwas Warmes, bedeckt mit weichem Fell. Er hob den Gegenstand auf, hielt ihn sich vors Gesicht und versuchte in der Dunkelheit zu erkennen, was es war.

Mondlicht fiel auf das helle Objekt. Eric blinzelte überrascht. Es war Private Hartmere, der verschwundene Marine von der vergangenen Nacht. Er hatte die Augen weit aufgerissen und nach oben verdreht. Eric war sekundenlang benommen, bis ihm dämmerte, was er in den Händen hielt.

Hartmeres Kopf.

Entsetzt sprang er zurück und ließ den Kopf fallen.

»Was ist es?«, fragte Keaveney.

»Sein Kopf«, antwortete Eric. »Jemand hat ihm den Kopf abgeschnitten.«

Sie schickten eine Gruppe los, die den Dschungel durchkämmen sollte, doch die Männer kamen ohne Ergebnis zurück. Sie begruben Hartmeres Kopf im weichen Erdreich unter einer Bananenstaude. Dann legten sie sich erneut schlafen.

Die tropische Dämmerung verwandelte die Nacht zum Tag. Eric ging zum Zelt von Seals, das am Rand des Lagers stand, und stellte überrascht fest, dass der Sergeant nicht darin lag. Er blickte sich um, doch Seals war nirgendwo zu sehen. Direkt hinter der Zeltklappe bemerkte er die Einsatzjacke des Sergeants, und erneut regte sich in ihm die Neugier wegen dem, was Reder am Tag zuvor erzählt hatte: dass Seals irgendetwas von einem der gepfählten Toten abgeschnitten und in die Tasche gesteckt habe. Leise bückte Eric sich nach der Jacke, während Nervosität in seinem Magen wühlte. Der Stoff war grob und feucht, als Erics Finger tastend zur Klappe der ersten Tasche glitten. Er öffnete den Knopf und griff hinein – leer.

Im ersten Augenblick war er enttäuscht, dann fiel ihm ein, dass die Jacke zwei Brusttaschen besaß. Er beugte sich vor und öffnete den zweiten Knopf, steckte die Finger in die Tasche und spürte etwas Warmes, Glibberiges. Er spähte in die Tasche und sah eine weiße, nass glänzende Kugel. Eric drehte sie um und zuckte angewidert zurück.

Es war ein menschliches Auge.

»Manche Menschen glauben, das Auge sei das Fenster zur Seele.«

Die Stimme war direkt hinter ihm. Eric stand auf und wandte sich langsam um. Seals stand auf der Lichtung und beobachtete ihn. Er trug kein Hemd, und seine Brust glänzte schweißnass. Schmutz klebte an seinem Oberkörper, an dem blutige Flecken zu sehen war. Einen Arm hatte Seals in die Seite gestemmt, den anderen hatte er hinter dem Rücken versteckt, als wolle er etwas vor Erics Blicken verbergen.

»Wenn man einem Mann das Auge raubt, nimmt man ihm zugleich die Seele«, erklärte der Staff Sergeant und musterte Eric kalt.

Eric nickte benommen und warf die Jacke zurück ins Zelt.

»Tut mir Leid«, sagte er verlegen. »Ich wollte nicht in Ihren Sachen wühlen.«

Seals zuckte die Schultern. »Spielt doch keine Rolle. Sie haben gesehen, was Sie gesehen haben.«

»Wessen Blut ist das?«, wechselte Eric das Thema und deutete auf die roten Flecken auf dem Oberkörper des Sergeants.

Seals lachte. »Nun … meines jedenfalls nicht, so viel steht fest.«

Hinter dem Rücken zog er ein langes Messer hervor. Die Klinge glänzte nass vor Blut. Er betrachtete sie einen Augenblick lang, bevor er sie an der Hose abwischte. Dann trat er einen Schritt auf Eric zu.

»Sie sollten darauf achten, in wessen Angelegenheiten Sie Ihre Nase stecken, Private. Krieg ist manchmal eine gefährliche Sache, und es geschehen eine Menge Unfälle.«

Eric wich einen Schritt zurück, während er mit der Hand langsam nach seinem eigenen Messer tastete. In diesem Augenblick wurde eine Zeltklappe geräuschvoll aufgeschlagen. Seals und Eric drehten sich gleichzeitig um und erblickten Alabama, der sich langsam aus dem Zelt erhob. Er musterte die beiden Männer neugierig und sagte: »Guten Morgen.«

Seals nickte. »Morgen.«

Alabama richtete sich auf, streckte sich und ging zum Rand der Lichtung, um sich zu erleichtern. Eric wandte Seals den Rücken zu und kehrte zu seinem eigenen Zelt zurück. Er bückte sich und kroch hinein, um sich neben Jersey zu legen. Draußen erklangen Schritte, als Seals vorüberging. Die Schritte verstummten in unmittelbarer Nähe, nur Zentimeter vom dünnen Stoff der Zeltwand entfernt, hinter dem Erics Kopf lag.

Neben Eric schnarchte Jersey laut und friedlich.

Draußen ertönte Seals’ Stimme. »Der Engel der Dunkelheit ist unter uns.«

Eric schloss die Augen, und die Schritte entfernten sich. Ringsum erwachten allmählich die anderen Männer in ihren Zelten.

Zwanzig Minuten später war das Lager abgebrochen und alles in den Rucksäcken verstaut. Die Männer setzten sich widerwillig in Bewegung und nahmen den Kampf gegen die Hitze des Tages auf. Der dichte weiße Nebel war zurückgekehrt und verhüllte alles. Eric erblickte nur die Schemen der anderen Männer ringsum. Ein Helm hier, ein Arm, eine Schulter da, die im weißen Dunst sichtbar wurden und gleich wieder verschwanden. Das Leder der Stiefel war im Verlauf der Nacht steif geworden, und Eric spürte, wie seine immer noch geschwollenen Füße schon jetzt darin scheuerten.

Der Pfad, den die Marines in einer lang gezogenen Reihe entlangstapften, führte einen steilen Hang hinunter. Der Dschungel ringsum lag ruhig da; die Stille wurde nur durch den gelegentlichen Schrei eines Tiers oder das Tropfen von Wasser auf Blätter durchbrochen. Sie kamen an einem Paar schlafender Vögel vorbei, die dicht aneinander gekauert auf einem Ast saßen.

Der Abhang ging in eine Ebene über, und der Dschungel wurde lichter. Vor ihnen lag eine freie Fläche aus hohem Gras, das sich sanft im Wind wiegte. Das Gras reichte den Männern bis fast an die Brust. Auf der anderen Seite des Tals zog es sich den Hang hinauf. Im stählernen Grau der Morgendämmerung bewegte sich nichts, und es gab keine Geräusche bis auf die Schritte der Marines und ihre geflüsterten Unterhaltungen.

Plötzlich hob Seals die Hand und winkte die Männer zu sich. »Von jetzt an in einer lang auseinander gezogenen Reihe, Männer. Kein überflüssiges Geräusch mehr, keine Unterhaltungen.«

Die Marines nickten zum Zeichen, dass sie verstanden hatten, und bewegten sich auseinander. Sie verschwanden fast augenblicklich außer Sicht, und die Halme schlossen sich um sie wie die Wogen eines Ozeans. Eric arbeitete sich langsam voran. Er hielt das Gewehr schussbereit, während Gras über seine Arme und Beine streifte. Leichter Regen hatte eingesetzt, ein kühler Morgenregen, noch nicht erwärmt von Sonnenstrahlen.

Direkt vor Eric ging der Soldat mit dem bunten Papagei. Das Tier war immer noch bei ihm. Er hielt es auf Augenhöhe vor sich gestreckt und redete leise mit ihm. Der Vogel hatte den Kopf zur Seite geneigt und beobachtete die Lippenbewegungen des Marines. Dann imitierte er ihn und gab ein leises, zwitscherndes Geräusch von sich. Der Marine grinste, schulterte sein Gewehr und griff in die Tasche, während der Papagei ihn ungeduldig mit dem Schnabel stupste. Der Marine zog eine Hand voll Samen aus der Tasche und hielt sie dem Vogel in der flachen Hand hin. Das Tier pickte sie munter auf.

Plötzlich vernahm Eric ein schwaches Pfeifen, bevor der Kopf des Marines förmlich explodierte und Gewebe und Knochensplitter auf Eric regneten. In der Ferne ertönte ein Knall.

»In Deckung! Alles in Deckung!«, rief jemand, als weitere Schüsse fielen und Kugeln durchs Gras pfiffen.

Eric warf sich hin. Er prallte so heftig auf, dass ihm sekundenlang die Luft wegblieb. Vor ihm lag der zuckende Leichnam des gefallenen Soldaten. Der Papagei stand neben ihm am Boden, verwirrt und plötzlich allein, und starrte seinen toten Freund mit zur Seite geneigtem Kopf an. Kleine Blutspritzer befleckten das bunte Gefieder des Tieres. Er krächzte traurig, und zum ersten Mal wurde Eric bewusst, dass der Vogel noch ein Baby war.

Die Marines rings um ihn erwiderten inzwischen das schwere gegnerische Feuer. Sie lagen wie auf einem Präsentierteller. Irgendjemand rief in gebrochenem Englisch: »Yankees! Yankees!« Eric hob den Kopf aus der Deckung, und ein Leuchtspurgeschoss zischte an seinem Ohr vorbei. Hastig zog er den Kopf wieder ein.

»Der gegnerische Beschuss kommt von dem Kamm dort!«, brüllte Seals und deutete auf den Hang ein Stück voraus.

Alabama lag neben Eric und hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen. »Verdammt, da oben ist ein ganzes Nest von Japsen!«

Eric nickte. Dann kroch er auf Händen und Knien vorwärts in die Richtung, aus der die Schüsse kamen. Er stieß auf ein Ameisennest und umging es in großem Bogen. Ringsum bewegten sich andere Marines voran. Überall war hohes Gras. Die Männer konnten nichts sehen, als wären sie unter Wasser. Trotzdem krochen sie weiter. Eric verlor bald die Orientierung, doch er schob sich unaufhörlich in die Richtung des gegnerischen Feuers weiter.

Kurz darauf war er am Rand des Hangs angelangt. Er schob sich eine leichte Steigung hinauf. Dann hielt er inne und hob erneut den Kopf, während er mit der Hand seinen Helm festhielt. Er war ein Stück nach links vom direkten Weg zur japanischen Stellung abgekommen. Der Kamm lag höher als die anderen Hügel ringsum, und er sah Männer unter sich, die sich durchs Gras bewegten – amerikanische Helme, die für eine Sekunde auftauchten; dann dröhnten Schüsse, und die Helme verschwanden wieder.

Eric beobachtete die Kämpfe mehrere Sekunden von seinem Aussichtspunkt. Alabama lag unterhalb von ihm und feuerte wild mit seinem M1 in die Gegend. Er hatte die Augen weit aufgerissen, und sein Mund bewegte sich wie der eines Fisches, der nach Sauerstoff schnappte.

Zwischen den amerikanischen Marines und den Japanern erstreckte sich ein breiter Streifen hohes Gras, auf dem sich nichts regte. Niemandsland. Oder doch nicht? Eric blickte genauer hin und sah, dass sich doch etwas bewegte. Es war schnell und kam den Hügel hinunter auf die Amerikaner zu. Was immer es sein mochte, es hielt sich tief am Boden, verdeckt durch die hohen Stängel, während es schneller und schneller wurde und die Halme sich wiegten und zitterten. Eric erhaschte einen Blick auf graue Haut.

Gewehrfeuer in der Nähe zwang ihn erneut in Deckung. Er legte sich flach auf den Boden und kroch zu seinen Kameraden zurück. Dann stolperte er beinahe über Reder.

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