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Dämmerhöhe (3). Besessen

Birgitta Elín Hassell
Marta Hlín Magnadóttir

Dämmerhöhe

Besessen

Aus dem Isländischen von
Anika Wolff

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Birgitta Elín Hassell

verbrachte den Großteil ihrer Kindheit lesend in der örtlichen Leihbücherei. Bevor sie Autorin wurde, verkaufte sie Flugtickets für eine isländische Airline. Heute schreibt sie erfolgreich Jugendbücher und lebt mit ihrem Mann, ihren beiden Kindern und der Katze Krúsí am Rand von Reykjavík.

Marta Hlín Magnadóttir

wurde in einem kleinen Fischerdorf an der isländischen Westküste geboren. Bevor sie zu schreiben begann, arbeitete sie als Klavierlehrerin. An der Universität lernte sie Birgitta kennen, mit der sie 2011 den Kinder- und Jugendbuchverlag Bókabeitan gründete. Gleichzeitig entwickelten sie gemeinsam die Idee für die Serie »Dämmerhöhe«. Marta lebt mit ihrer Familie im Zentrum von Reykjavík.

Inhaltsverzeichnis

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Niemand spricht über das, was in Dämmerhöhe geschieht …

 

 

 

Rökkurhæðir ist ein Vorort der Stadt Sunnuvík und auf den ersten Blick ein traumhaftes Fleckchen.

Früher einmal war dieses Stadtviertel ein kleines Dorf, an den schattigen Hang des Hügels geschmiegt, nach dem es benannt ist: Dämmerhöhe. Heute bildet dieses Dorf den Kern des alten Teils von Rökkurhæðir, wo sich kurvige Straßen um mehr oder weniger windschiefe Häuser schlängeln, die meisten hinter hohen Bäumen verborgen und somit vor Wind und Wetter geschützt.

Der neue Teil von Rökkurhæðir sieht völlig anders aus. Obwohl die Einzel- und Reihenhäuser nicht besonders hoch sind, spendet ihnen kein Baum Schatten, wenn die Sonne erbarmungslos vom Himmel knallt, und auch der Hügel bietet keinerlei Schutz.

Die Mehrfamilienhaussiedlung am Fuße der Dämmerhöhe heißt Skuggadalir, Schattental. Ein Name, den sie nicht ohne Grund trägt, denn die Häuser liegen fast den ganzen Tag im Schatten, das ganze Jahr über.

Weiter oben am Hang stehen die Ruinen. Vor einiger Zeit noch bildeten sie den neuesten Teil des Viertels: schicke Wohnblocks und große Einfamilienhäuser mit Blick über das Viertel und auf den Fjord. Heute sind davon nur noch Ruinen übrig, von der Natur mit aller Macht zurückerobert. Manchmal reden die Erwachsenen hinter vorgehaltener Hand über das, was dort geschehen sein soll – übernatürliche Ereignisse, sagen manche, andere sprechen von Gräueltaten. Doch ganz genau weiß das niemand.

Zumindest die Kinder nicht.

Niemand spricht laut über die Ruinen, höchstens, um den Kindern zu verbieten, sich dort herumzutreiben – was die meisten von ihnen natürlich trotzdem heimlich tun.

Es geht einiges vor sich in Rökkurhæðir.

Manches ist unglaublich.

Manches unheimlich.

Manches fürchterlich …

1

Kristófer nahm Anlauf und rannte, so schnell er konnte.

Jetzt würde er es ihnen zeigen! Mit vollem Tempo hielt er auf die Wand zu, setzte im letzten Moment zum Sprung an – der Schwung reichte, um ein paar Schritte die senkrechte Mauer hochzulaufen. Dann streckte er sich nach hinten durch, riss den linken Fuß nach vorne, die Hüften folgten und schließlich auch das rechte Bein.

Jetzt kam das Schwierigste.

Als er merkte, dass er nicht gut landen würde, versuchte er gar nicht erst, mit den Beinen aufzukommen, sondern rollte sich kurzerhand über den Rücken ab.

Obwohl es doch nicht ganz so gut geklappt hatte wie erhofft, hörte er die anderen hinter seinem Rücken klatschen.

»Wow! Das war krass, Mann!«

»Echt super! Hast wohl den Winter über trainiert, was?«

»Cool!«

Kristófer wurde vor Freude ganz rot. Trainer Rabbi hatte ihm ein paar Tipps gegeben, aber sein Erfolg kam hauptsächlich daher, dass er jede freie Minute zum Trainieren genutzt hatte – und zwar draußen. Diesen Sprung hatte die Parkourgruppe den ganzen Winter über geübt, allerdings nur drinnen und mit dicker Matratze, Trampolin und der mit Schaumstoffschnitzeln gefüllten Grube, um den Aufprall abzumildern. Die harte Landung auf den Steinplatten des Gehwegs war da schon etwas anderes.

Kristófer hatte inzwischen einige super Trainingsorte in Rökkurhæðir ausfindig gemacht: Jónsgarður, den Park zwischen dem alten und dem neuen Teil des Viertels, das Kindergartengelände und den Hinterhof der Bäckerei seines Vaters. Aber dies war noch viel besser, es war das perfekte Gelände.

Die anderen waren richtig aufgeregt gewesen, als Kristófer ihnen erzählt hatte, dass er den idealen Ort zum Trainieren gefunden hätte. Als er die Ruinen nannte, wären sie beinahe ausgeflippt. Schon komisch, dass sie nicht schon früher darauf gekommen waren. Dieser Ort war wirklich wie geschaffen fürs Parkourtraining und sie alle kannten ihn natürlich. Außer Elli, der erst vor Kurzem nach Rökkurhæðir gezogen war.

Gleich nach der Schule waren sie auf den Hügel gestürmt. Ihre Taschen und Jacken hatten sie in der Turnhalle gelassen, denn jetzt im Mai war der lange, kalte isländische Winter endlich vorbei. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten und überall lugten grüne Triebe aus der Erde.

Früher einmal war die Straße, die auf den Hügel führte, asphaltiert gewesen, von breiten Bürgersteigen und majestätischen Laternen gesäumt. Aber das war viele Jahre her und man sah deutlich, dass sich schon lange niemand mehr darum gekümmert hatte – warum auch? Sowohl die Straße als auch der Weg waren voller Löcher, aus denen im Sommer Grasbüschel und Löwenzahn wuchsen. Auch die meisten Laternen waren ganz schön ramponiert, manche waren komplett verbogen oder lagen ganz am Boden. Dazwischen standen einige wenige noch in ihrer ganzen Pracht da, wie alte Kommandeure, die am Ende des Kampfes über das Schlachtfeld blicken.

Oben angekommen, blieb Kristófer stehen und breitete die Arme aus – TA-DA!

Das Gelände war wirklich wie gemacht für alle möglichen Sprünge, Rollen, Kletter- und Schwingmanöver. Es gab Treppen, die im Nichts endeten, und die vielen Balkons der leer stehenden Wohnungen. Mauern, die früher einmal Räume begrenzt hatten, standen jetzt einfach so in der Gegend herum, Fenster ohne Scheiben schrien förmlich danach, durchsprungen zu werden, und lauter Risse, Löcher, Gräben und Geröll wollten überwunden werden.

Und das Allerbeste an der ganzen Sache: Kein Erwachsener mischte sich ein!

Keine Uhs und Ahs bei waghalsigen Sprüngen.

Keiner verbot ihnen, das Areal so zu nutzen, wie es ihnen passte.

Und niemand fühlte sich belästigt oder beschwerte sich über den Lärm.

Menschenleere Ruinen – was konnte es Besseres geben?

2

Nach Kristófers Vorlage wollten auch die anderen Jungs ihr Können unter Beweis stellen und eine ganze Weile lang sprangen und rannten sie umher und erkundeten das Gelände. Kristófer guckte seinem Freund Ragnar zu, der dieselbe Übung probierte wie er. Als Kristófer sah, dass Ragnar es nicht ganz so perfekt hinbekam wie er, war er insgeheim ein wenig stolz.

Die Jungs verstanden sich alle prima und waren ein gutes Team, obwohl sie unterschiedlich alt waren. Ragnar ging wie Kristófer in die neunte Klasse und die beiden waren nicht nur Klassenkameraden, sondern auch beste Freunde. Beide fuhren gern Snowboard, interessierten sich für Kinofilme und spielten dieselben Computerspiele. Schon mehrfach hatte man sie gefragt, ob sie Brüder seien, denn sie sahen sich noch dazu ziemlich ähnlich, abgesehen davon, dass Kristófers Haare einen Hauch dunkler und seine Gesichtszüge etwas feiner waren. Außerdem war Kristófer ein paar Zentimeter größer, was Ragnar unheimlich nervte. Dafür schimpfte Kristófer immer darüber, dass sich seine Haare kräuselten, sobald sie etwas zu lang wurden.

Sigmar war ein Jahr jünger als die beiden, gerade noch dreizehn Jahre alt. Er war fit und ziemlich gut im Parkour. Sein Stiefbruder trainierte in Sunnuvík und machte manchmal auch bei ihnen mit. Einmal hatten sich beide Gruppen für ein gemeinsames Training getroffen. Das war großartig gewesen!

Dann gab es noch Elli, der sich den Beinamen »Draufgänger« eingefangen hatte. Er war rotblond, klein, schnell und wendig wie ein Hamster im Laufrad. Manchmal wurde das selbst den anderen Jungs zu viel. Der alte Trainer hatte ihn meist einfach machen und seine Grenzen ausloten lassen, aber Rabbi, der neue Trainer, hatte ihn gleich beim ersten Training zurückgepfiffen und ihm angedroht, ihn aus dem Team zu werfen, wenn er es nicht etwas ruhiger angehen lassen würde. Man könne sich nämlich schwer verletzen, wenn man die Technik nicht hundertprozentig beherrsche und nicht richtig falle, lande und abrolle.

Der blonde Baldur war der Älteste in der Gruppe, ein verlässlicher, treuer Kumpel, mit dem alle gut auskamen. Die anderen Zehntklässler hatten im Herbst, als sie von draußen in die Halle gewechselt hatten, mit dem Training aufgehört, aber Kristófer hoffte, dass Baldur das Frühjahr und den Sommer über noch bei ihnen bleiben würde. Wenn die Gruppe weiter schrumpfte, würde der Sportverein Rökkurhæðir die Parkourgruppe sicher bald dichtmachen.

Aber mit dem neuen Trainer Rabbi lief es wirklich gut. Er arbeitete im Jugendtreff, war ein cooler Typ, kam gut mit dem Team klar und interessierte sich wirklich für das, was sie taten. Er hatte dem Bezirksrat sogar schon vorgeschlagen, das Training als Sommerpraktikum anerkennen zu lassen. Dann würden sie am Nationalfeiertag und bei anderen Festlichkeiten im Viertel und in der Stadt eine kleine Show veranstalten. Im Moment waren sie allerdings nur zu fünft und für eine richtige Performance brauchten sie mindestens zehn Leute.

Die Stimmung war super und alle waren begeistert von dem neuen Trainingsgelände – auch wenn sie sich nicht sicher waren, ob sie Rabbi davon erzählen sollten. Er war zwar so etwas wie ihr Kumpel, aber irgendwie hatten sie im Gefühl, dass er eher auf der Seite der Erwachsenen stand, wenn es um die Ruinen ging. Er würde sicher nicht damit einverstanden sein, das Gelände regelmäßig zum Training zu benutzen. Unglaublich, wie sich alle immer anstellten – als ob sie es mit einem Minenfeld zu tun hätten!

Kristófer hatte immer noch ganz rote Wangen vom Lob der anderen, als er vorschlug, sich einmal drinnen umzusehen. Vielleicht fanden sie dort einen funktionstüchtigen Wasserhahn, an dem sie ihren Durst stillen konnten.

»Gute Idee«, sagte Ragnar und war schon losgerannt, mit Sigmar und Elli auf den Fersen.

»Kommst du auch mit, Baldur?«

»Nein, ich passe solang hier draußen auf.«

»Alles klar«, sagte Kristófer und sprang los, um die anderen einzuholen.

3

Nachdem sie über die Scherben einer zerbrochenen Fensterscheibe, splittrige Holzbalken und Schutt gestiegen waren, standen sie im großzügigen Eingangsbereich von Haus Nummer acht. Von dort aus führte eine Treppe in den ersten Stock und eine in den Keller.

Kristófer entschied sich kurzerhand für den Keller und lief hinunter, die anderen ihm nach.

Unter der Treppe standen alte Fahrräder, Kinderwagen und Autoreifen und ganz hinten in der Ecke stapelten sich alle möglichen Hölzer und Bretter. Elli machte sich sofort daran, das alte Zeug zu durchwühlen, denn er fand oft Sachen toll, die andere als Müll bezeichnen würden. Kristófer und Ragnar untersuchten die Kellertüren. Nur Sigmar guckte seinen Kameraden eher uninteressiert zu.

Die Tür mit der Aufschrift 2D war die einzige, die einigermaßen intakt und nicht versiegelt war.

»Hey Jungs, guckt mal hier!«

»Sollen wir sie aufmachen?«, fragte Ragnar, der sofort herkam.

»Wäre das klug?«

»Genauso klug, wie überhaupt hier in den Ruinen herumzuturnen.« Ragnar drückte die Klinke runter und die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren.

Ein seltsamer Geruch schlug ihnen entgegen. Eine Mischung aus Moder, Staub, Erde und Schimmel, aber irgendwie trotzdem nicht schlecht. Es roch einfach alt.

Im Raum war es stockfinster, man sah die Hand vor Augen nicht. Als Ragnar hineinstürmen wollte, packte Kristófer ihn am Ärmel.

»Bist du verrückt? Du siehst doch gar nicht, wohin du läufst. Stell dir mal vor, der Boden ist aufgerissen oder du rennst direkt gegen eine Wand. Ruhig, Mann!«

»Hey Leute, ich will nicht mehr hier sein. Ich sehe mal nach, was Baldur macht.« Die anderen murmelten irgendetwas Zustimmendes, waren zu beschäftigt, um Sigmar mehr Beachtung zu schenken.

»Kommst du mit, Elli?«

»Nein, ich will noch eben … noch eben …«, war zwischen Holzgerumpel zu vernehmen.

Kristófer und Ragnar spähten neugierig in den Kellerraum hinein, doch es war wirklich nichts zu erkennen. Bis Ragnar sein Handy aus der Tasche zog und den leuchtenden Bildschirm ins Dunkel hielt. Auf beiden Seiten konnten sie Regale ausmachen, komplett vollgestellt, ohne dass man sah, womit.

»Wow«, sagte Ragnar. »… Wahnsinn! Stell dir mal vor, das sind lauter Sachen, die wir wieder auf Vordermann bringen können. Vielleicht ist sogar etwas Heiles dabei!«

»Echt, meinst du? Ist das nicht nur alter, nutzloser Krempel?«

»Guck mal, hier ist ein Fenster.« Ragnar war trotz Kristófers Warnung zum anderen Ende des Raums gelaufen. In der Wand befand sich ein schmales Kellerfenster, die Scheibe ganz mit Erde beschmiert und von außen so dicht zugewachsen, dass man kaum rausgucken konnte. Ragnar ruckelte am Fenstergriff herum, bis der sich schließlich bewegte und er das Fenster so weit aufdrücken konnte, dass ein bisschen Licht in den Raum fiel. Schnell hatten sich die Augen so weit an die Dunkelheit gewöhnt, dass sie sich umschauen konnten.

Es schien ein ganz normaler Kellerraum zu sein, vollgestopft mit Sachen, die sich bei den Leuten angesammelt hatten, Dinge, die sie eigentlich nicht mehr brauchten oder die aus irgendwelchen Gründen nicht mehr in die Wohnung gepasst hatten. Dieser Keller hatte offenbar einer Familie gehört, denn es gab ein altes Dreirad, einen Puppenwagen, ein Elfen-Puzzle mit fünfunddreißig Teilen und ein paar Gesellschaftsspiele.

Als Kristófer den Puppenwagen sah, musste er an seine kleine Schwester denken. Der Wagen war ganz nach ihrem Geschmack – rosa und mit lauter Rüschen und Spitze verziert. Steinunn María war fünf Jahre alt und liebte nichts mehr als Puppen und alles, was dazugehörte.

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