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Dämmerhöhe (2) – Eiskalt

Birgitta Elín Hassell
Marta Hlín Magnadóttir

Dämmerhöhe
Eiskalt

Aus dem Isländischen von
Anika Wolff

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Birgitta Elín Hassell
verbrachte den Großteil ihrer Kindheit lesend in der örtlichen Leihbücherei. Bevor sie Autorin wurde, verkaufte sie Flugtickets für eine isländische Airline. Heute schreibt sie erfolgreich Jugendbücher und lebt mit ihrem Mann, ihren beiden Kindern und der Katze Krúsí am Rand von Reykjavík.

Marta Hlín Magnadóttir
wurde in einem kleinen Fischerdorf an der isländischen Westküste geboren. Bevor sie zu schreiben begann, arbeitete sie als Klavierlehrerin. An der Universität lernte sie Birgitta kennen, mit der sie 2011 den Kinder- und Jugendbuchverlag Bókabeitan gründete. Gleichzeitig entwickelten sie gemeinsam die Idee für die Serie »Dämmerhöhe«. Marta lebt mit ihrer Familie im Zentrum von Reykjavík.

 

 

Rökkurhæðir ist ein Vorort der Stadt Sunnuvík und auf den ersten Blick ein traumhaftes Fleckchen.

Früher einmal war dieses Stadtviertel ein kleines Dorf, an den schattigen Hang des Hügels geschmiegt, nach dem es benannt ist: Dämmerhöhe. Heute bildet dieses Dorf den Kern des alten Teils von Rökkurhæðir, wo sich kurvige Straßen um mehr oder weniger windschiefe Häuser schlängeln, die meisten hinter hohen Bäumen verborgen und somit vor Wind und Wetter geschützt.

Der neue Teil von Rökkurhæðir sieht völlig anders aus. Obwohl die Einzel- und Reihenhäuser nicht besonders hoch sind, spendet ihnen kein Baum Schatten, wenn die Sonne erbarmungslos vom Himmel knallt, und auch der Hügel bietet keinerlei Schutz.

Die Mehrfamilienhaussiedlung am Fuße der Dämmerhöhe heißt Skuggadalir, Schattental. Ein Name, den sie nicht ohne Grund trägt, denn die Häuser liegen fast den ganzen Tag im Schatten, das ganze Jahr über.

Weiter oben am Hang stehen die Ruinen. Vor einiger Zeit noch bildeten sie den neuesten Teil des Viertels: schicke Wohnblocks und große Einfamilienhäuser mit Blick über das Viertel und auf den Fjord. Heute sind davon nur noch Ruinen übrig, von der Natur mit aller Macht zurückerobert. Manchmal reden die Erwachsenen hinter vorgehaltener Hand über das, was dort geschehen sein soll – übernatürliche Ereignisse, sagen manche, andere sprechen von Gräueltaten. Doch ganz genau weiß das niemand.

Zumindest die Kinder nicht.

Niemand spricht laut über die Ruinen, höchstens, um den Kindern zu verbieten, sich dort herumzutreiben – was die meisten von ihnen natürlich trotzdem heimlich tun.

Es geht einiges vor sich in Rökkurhæðir.

Manches ist unglaublich.

Manches unheimlich.

Manches fürchterlich …

 

In der dunklen Ecke neben dem alten Bücherregal saß ein Kind und weinte bitterlich.

Im schwachen Lichtschein, der durchs Fenster fiel, konnte man blonde Locken und die Umrisse des kleinen Körpers erahnen. Bei jedem Schluchzer zuckten die schmalen Schultern.

Vigdís stieg aus ihrem Bett und ging auf das Kind zu, das mit hängendem Kopf auf der Erde kauerte. Sie beugte sich zu ihm hinunter und streckte eine Hand aus.

»Ist ja schon gut … komm her …«, flüsterte sie, »… ich tröste dich.«

Die kleinen Schultern bebten. Das Kind schaute auf und sah Vigdís an. Ihre Nasen berührten sich beinahe.

In dem Moment, als ihre Blicke sich trafen, hatte Vigdís das Gefühl zu erstarren.

Sie fühlte sich plötzlich wie die Gefangene dieses winzigen Wesens.

Die kleinen Augen waren feuerrot und blutunterlaufen, als hätten sie jahrelang geweint. Dieser Blick brannte sich tief in Vigdís’ Kopf. Sie spürte förmlich das Feuer des Zorns, das ihr aus den Tiefen der Kinderseele entgegenloderte.

Was Vigdís in diesen Augen sah, zeugte von unerträglichem Leid, schmerzlicher Einsamkeit und … Eifersucht …?

Sie wäre am liebsten weggerannt, doch sie konnte sich nicht bewegen, war wie gelähmt. Plötzlich riss das Menschlein seinen Mund auf. Es schrie Vigdís mit einer Stimme an, die nicht von dieser Welt war:

»Verrääääääääääter!!!!!!!«

1

Es läutete, endlich war die Schule für heute geschafft. Vigdís stopfte die Bücher in ihre Tasche und stürzte aus dem Klassenzimmer. Sie eilte den Flur entlang und war schon am Ausgang, als jemand nach ihr rief: »Hey, Vigdís! Warum hast du es so eilig?«

Anna, ihre Freundin, die in derselben Straße wohnte, kam hinter ihr hergelaufen.

»Hast du Lust, in Nonnis Laden vorbeizuschauen? Er hat neue Zeitschriften bekommen.«

»Ja. Obwohl …« Vigdís dachte kurz nach, bevor sie weitersprach. »Ach, irgendwie hab ich keine Lust. Ich will noch den Bus erwischen und zu Oma fahren.«

»Du bist immer noch bei deiner Oma?«

»Ja, hab ich doch erzählt. Nächste Woche fliege ich zu Mama, wir sind in den Osterferien in Barcelona.«

»Klar, jetzt weiß ich’s wieder.« Anna schüttelte den Kopf über ihre eigene Vergesslichkeit. »Dann sehen wir uns am Freitag.«

Sie verabschiedeten sich und Vigdís lief schnell weiter in Richtung Bushaltestelle, denn sie war jetzt wirklich nicht in der Stimmung für Gesellschaft.

Vielleicht lag das am dauernden Regen und an ihrer Niedergeschlagenheit in den letzten Tagen.

Vielleicht auch daran, dass ihre Mutter diesmal besonders lang wegblieb.

Vielleicht war es aber auch nur das Buch, das zu Hause auf sie wartete. Die Vampirgeschichte, die sie gestern angefangen hatte und die so unglaublich spannend war, dass sie es kaum erwarten konnte, endlich weiterzulesen.

Geschichten über Vampire, Geister und Seelen, die keinen Frieden fanden, hatte sie schon immer unwiderstehlich gefunden. Bis ihr mit neun mal eine Geistergeschichte solche Angst eingejagt hatte, dass sie danach nicht mehr schlafen konnte. Ihr Opa hatte damals gesagt, dass Menschen, die solche Bücher lesen, ihren Geist für Übernatürliches öffnen und die Wesen aus dem Jenseits dadurch auch leichter in die Häuser dieser Menschen gelangen würden.

Allein durchs Lesen.

Schon ein verrückter Kerl, der Opa.

Von diesem Tag an hatte sie einen großen Bogen um solche Bücher gemacht. Bis ihr jetzt dieses Vampirbuch in die Hände gefallen war.

Manchmal – wie auch an diesem Tag – hatte Vigdís einfach das Bedürfnis, allein zu sein. Dann wollte sie ihre Zeit lieber mit ihren Büchern als mit den anderen Mädchen verbringen. Mit Gesprächen über Jungs und Klamotten konnte sie ohnehin nichts anfangen. Außerdem machten ihre Freundinnen andauernd Sport. Hin und wieder spielte Vigdís zwar gerne mal mit ihnen Basketball auf dem Schulhof, aber sie hatte bestimmt keine Lust, ihre Lesestunden zu opfern, nur um regelmäßig mit den anderen zum Training zu gehen.

Da konnte ihre Mutter sagen, was sie wollte!

Noch dazu kam, dass auch Vigdís’ Cousine Jóhanna übers Wochenende bei Oma sein würde. Wollte Vigdís das Buch noch vorher zu Ende schaffen, musste sie sich ranhalten.

Jóhanna war ein Jahr älter und hatte ein ganz anderes Temperament als Vigdís. Trotzdem waren die beiden schon immer gute Freundinnen gewesen. Sie hatten sich noch nie gestritten – das war ja wohl ein Rekord! Nur leider sahen sie sich nicht so oft, weil Jóhanna in Sunnuvík wohnte.

Vigdís freute sich richtig aufs Wochenende.

Jetzt saß sie im gemütlich warmen Bus und ließ die Gedanken schweifen, während der Regen gegen die großen Scheiben prasselte.

2

Vigdís war Einzelkind und hatte eigentlich zwei Zuhause. Obwohl sie sich im neuen Haus in der Sóltún, wo sie mit ihrer Mutter Jódís wohnte, wohlfühlte, mochte sie das zweistöckige Holzhaus von Oma Agnes im Óttulundur noch lieber. Beide Straßen gehörten zu Rökkurhæðir, doch der Óttulundur lag im alten Teil des Viertels.

Diese beiden Ecken von Rökkurhæðir waren total verschieden und auch die Häuser hätten unterschiedlicher nicht sein können. Das Haus von Vigdís’ Mutter hatte nur eine Etage. Vigdís’ Zimmer war groß, lichtdurchflutet und weiß gestrichen. Überhaupt war das gesamte Haus weiß, innen wie außen. Sogar die Böden waren weiß gefliest. Die Einrichtung war hochmodern und komplett durchgestylt.

Der Garten rund ums Haus stand im krassen Gegensatz dazu: Er war die reinste Schutthalde. Was aber daran lag, dass er noch nicht fertig war. Und damit ein Dorn im Auge der Nachbarn in ihren feinen Häusern ringsum, die ihren hübschen Rasen hegten und pflegten und regelmäßig Sprenger aufstellten. Die meisten hatten Sonnenterrassen mit Profigrills hinterm Haus und manche sogar einen Pool. Oder wenigstens Gartenmöbel.

Vigdís war mit ihren Eltern ein paar Tage vor ihrem dritten Geburtstag in das Haus eingezogen. Als Erstes hatten sie sich um die Garage, den Dachboden und ein paar andere kleinere Baustellen gekümmert, erst danach sollte der Garten an die Reihe kommen. Sie hatten sogar schon einen Gartenarchitekten ausfindig gemacht, der ihnen bei der Planung helfen sollte, als Vigdís’ Vater Karl plötzlich starb.

Jódís hatte gerade eine neue Stelle als Geschäftsführerin eines großen Unternehmens angetreten. Die einfachste Flucht vor der Trauer war, sich in die Arbeit zu stürzen.

Vier Jahre später war Jódís kurz davor, die Gartengestaltung noch einmal anzugehen. Da fiel Opa Pétur von der Gartenleiter und lag zwei Monate schwer verletzt im Krankenhaus, bevor auch er starb. Er war die ganze Zeit im Koma gewesen.

Nach seinem Tod wurde der Garten mit keinem Wort mehr erwähnt. Die Mutter scherzte manchmal, dass es sich für Stubenhocker wie sie sowieso nicht lohnen würde, in den Garten zu investieren. Dem konnte Vigdís nicht widersprechen. Auch sie wollte sich lieber mit einem Buch vor den Kamin kuscheln oder mit ihrer Mutter Karten spielen, als im Garten am qualmenden Grill zu frieren.

Außerdem reiste ihre Mutter ja auch so viel. Wenn sie unterwegs war, wohnte Vigdís sowieso immer bei ihrer Oma im Óttulundur. Der Garten dort war wie aus einem Märchen, voller geheimer Ecken und Winkel, die nur Vigdís kannte.

Vigdís starrte weiter aus dem Busfenster auf die Straße und überlegte. Normalerweise fühlte sie sich bei ihrer Oma immer pudelwohl. Doch seit dem Aufwachen heute Morgen war sie irgendwie seltsam bedrückt.

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