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Daddy, wir brauchen dich!

Barbara Hannay

Daddy, wir brauchen dich!

PROLOG

Es würde nicht leicht werden, Gus von dem Baby zu erzählen, das wusste Freya.

Gus war ehrgeizig, und in ihren stundenlangen Gesprächen über die Zukunft hatte er ihr deutlich klargemacht, dass er vor seinem dreißigsten Lebensjahr auf keinen Fall Kinder haben wollte. Trotzdem versuchte Freya während der ganzen Fahrt von Sugar Bay nach Brisbane, sich einzureden, dass Gus seine Meinung bestimmt ändern würde, wenn sie ihm die Neuigkeit erzählte. Unmöglich, dass er ihr gemeinsames Baby nicht haben wollte. Bestimmt würde alles gut werden.

Fünf Stunden dauerte die Zugfahrt, und so hatte Freya Zeit genug, sich das Wiedersehen mit Gus vorzustellen. Währenddessen knabberte sie trockene Cracker, um gegen ihre morgendliche Übelkeit anzukämpfen.

In ihrer Fantasie geriet die Wiedersehensszene ein bisschen verschwommen, doch Gus selbst sah sie klar vor sich. Seine Sommerbräune war sicher schon ein wenig verblasst, nun, wo er in der Stadt studierte und den ganzen Tag in Vorlesungen und Seminaren herumsaß. Anscheinend hockte er selbst an den Wochenenden über seinen Büchern, denn er war zu beschäftigt gewesen, um Freya zu besuchen.

Sie stellte sich sein volles dunkles Haar vor, das ihm immer in die Stirn fiel, was sie unglaublich süß fand. Am deutlichsten konnte sie sich vorstellen, wie seine dunklen Augen aufleuchten würden, wenn er sie sah.

Wahrscheinlich würde er sie Floss nennen, das war der lustige Spitzname, den er ihr, kurz, nachdem er in Sugar Bay angekommen war, verpasst hatte. Er würde sie mit seinem unwiderstehlichen Lächeln ansehen und sie dann so fest in die Arme nehmen, dass sie seinen Herzschlag spüren könnte. Sie würde den Duft seiner Haut einatmen, und sofort wäre ihre aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung.

Später, wenn sie dann allein waren, würde sie bestimmt den Mut finden, es ihm zu sagen.

Wenn Gus sich erst einmal an den Gedanken gewöhnt hatte, Vater zu werden, würden sie gemeinsam überlegen, wie sie das mit dem Baby hinkriegten, und dann wäre die Zukunft kein beängstigendes schwarzes Loch mehr.

Kein Grund, sich Sorgen zu machen.

1. KAPITEL

Als am späten Freitagnachmittag das Telefon in Gus Wilders Büro klingelte, war er mit den Gedanken schon halb im Wochenende.

„Ein Ferngespräch für dich, Boss“, sagte Charlie vom Empfang. „Eine Freya Jones aus Sugar Bay in Queensland.“

Freya Jones.

Blitzartig fühlte Gus sich von seinem mobilen Büro im äußersten Norden Australiens an einen kleinen Küstenort in Queensland versetzt. Er war wieder achtzehn Jahre alt und stand vor der tosenden Brandung, neben ihm ein wunderschönes Mädchen, das ihn mit seinen meergrünen Augen lachend ansah.

Zwölf Jahre war es her, seit er von Sugar Bay weggegangen war, und seitdem hatte er Freya nicht mehr gesehen. Natürlich erinnerte er sich an sie, sehr gut sogar.

Jeder erinnerte sich doch an den süßen, zerbrechlichen Zauber der ersten Liebe.

Seit damals war viel passiert. Er hatte sein Studium beendet und in einem anderen Erdteil gearbeitet, und er hatte glückliche und schwierige Zeiten in der Liebe erlebt. Freya hatte sich gewiss auch verändert. Sicher war sie verheiratet. Irgendein Glückspilz hatte sie sich mittlerweile bestimmt geangelt.

Er konnte sich nicht vorstellen, weshalb sie ihn nach so langer Zeit anrief. Gab es vielleicht ein Klassentreffen? Oder schlechte Nachrichten von einem ihrer Mitschüler?

„Willst du das Gespräch nicht entgegennehmen, Boss?“, kam die Stimme seiner Assistentin.

„Doch, doch.“ Gus schluckte, weil ihm plötzlich die Kehle eng war. „Stell Freya durch.“

Dann hörte er ihre Stimme. „Gus?“

Erstaunlich. Noch immer schaffte sie es, selbst eine einzige Silbe melodisch klingen zu lassen. Schon immer war ihre Stimme so gewesen – hell, gefühlvoll, sinnlich.

„Hallo, Freya.“

„Du bist sicher überrascht, von mir zu hören. Eine geballte Ladung Vergangenheit.“

Jetzt klang sie nervös, ganz anders als das lachende, selbstbewusste Mädchen, an das Gus sich erinnerte. Ein ganzer Schwall von Fragen lag ihm auf der Zunge, aber instinktiv ließ er das übliche „Wie geht es dir?“ beiseite und fragte direkt: „Was kann ich für dich tun, Freya?“

Ein leises Seufzen kam vom anderen Ende der Leitung. „Ich fürchte, das ist nicht so einfach am Telefon zu erklären. Es ist aber sehr wichtig, Gus. Wirklich sehr wichtig. Ich … können wir uns irgendwo treffen?“

Er war so überrascht, dass er nicht gleich antworten konnte. „Ja, sicher“, sagte er schließlich. „Aber ich bin gerade ziemlich beschäftigt. Wann wolltest du mich denn treffen?“

„So schnell wie möglich.“

Ganz klar, hier ging es nicht um ein Klassentreffen. Gus warf einen kurzen Blick aus dem Fenster seines behelfsmäßigen Büros auf das Buschland, das sich endlos bis zu den roten Klippen am Horizont ausstreckte. „Du weißt sicher, dass ich hier oben in Arnhemland bin, oder?“

„Ja, ich habe gehört, dass du ein Siedlungsprojekt bei einem Stamm der Aborigines betreust.“

„Ja, das stimmt.“ Es war ein sehr wichtiges und anspruchsvolles Projekt und erforderte von Gus sehr viel diplomatisches Geschick. „Im Moment kann ich hier unmöglich weg. Um was geht es denn?“

„Ich könnte zu dir kommen.“

Gus schluckte. Wieso wollte Freya denn zu ihm? Nach so vielen Jahren? Was um Himmels willen konnte denn plötzlich derart wichtig sein?

Er stellte sich Freya vor, wie sie früher gewesen war, mit langem, von der Sonne gebleichtem braunen Haar und bronzefarbener Haut, meistens im Bikini, ein langes Baumwolltuch lose um die schlanken Hüften geschlungen. Selbst wenn sie ihre Hippieattitüde mittlerweile abgelegt hatte, würde ihre Erscheinung garantiert einen Aufruhr auf seiner männerdominierten Baustelle verursachen.

„Das könnte etwas schwierig werden“, erwiderte er. „Wir sind hier so ungefähr im entlegensten Winkel von Australien.“

„Gibt es keine Flüge dorthin?“

„Nein, zumindest keine Linienflüge.“

„Oh.“ Das klang ziemlich enttäuscht.

Gus zog eine Grimasse und strich sich über das Kinn. „Du hast gesagt, es sei sehr wichtig.“

„Ja, das ist es.“ Nach einer kleinen Pause fügte Freya mit leiser, ängstlicher Stimme hinzu: „Es geht um Leben und Tod.“

Sie verabredeten sich in Darwin, der Hauptstadt dieses nördlichsten Bundesstaates. In vielerlei Hinsicht war es ein idyllischer Fleck für ein Wiedersehen, besonders an einem Samstagabend bei Sonnenuntergang, am Ende eines milden tropischen Winters. Über dem Hafen glühte der Himmel in grellem, mit Goldfäden durchwebtem Rosa. Die Palmen an der Promenade sahen aus wie tanzende Silhouetten, und die Farben des Himmels spiegelten sich auf der ruhigen Wasseroberfläche.

Doch Freya hatte kaum Augen für diese wundervolle Szenerie.

Auf der Hotelterrasse saßen nur wenige Leute. Sie war etwas zu früh dran, und so setzte sie sich an einen der freien Tische, um auf Gus zu warten. Nervös wippte sie mit dem Fuß und hielt krampfhaft ihre Handtasche umklammert.

Sie hasste diese nervösen Anwandlungen, denn normalerweise war sie sehr entspannt. Schließlich war sie in der freizügigen, lockeren Atmosphäre eines Badeortes aufgewachsen und machte Yoga und meditierte.

Doch ihr Gleichmut hatte sie an dem Tag verlassen, als sie ihn am meisten gebraucht hätte – als der Arzt ihr die Diagnose mitteilte.

Freya schloss die Augen und atmete tief durch, während sie an ihren Sohn dachte, der zu Hause bei ihrer Mutter Poppy war. Falls Nick nicht gerade mit Urchin, seinem Hund, im Sonnenuntergang am Strand entlanglief, lag er bestimmt auf dem Teppich im Wohnzimmer und spielte mit seinem solarbetriebenen Grashüpfer-Roboter. Nebenan in der Küche kochte Poppy wahrscheinlich das Abendessen und verwendete dafür so viel Gemüse, wie sie sich traute, damit Nick das Essen noch mochte.

Schon jetzt vermisste Freya ihren Sohn. Noch nie war sie so weit von ihm entfernt gewesen, und wenn sie an die schwierige Aufgabe dachte, die vor ihr lag, dann wurde ihr ganz weinerlich zumute. Himmel, jetzt bloß nicht schwach werden!

Du schaffst das. Du musst es schaffen. Für Nick.

Alles würde sie für ihren Sohn tun, sogar Gus Wilder nach so langer Zeit die Wahrheit sagen.

Dieser Gedanke rief erneut einen Angstschauder hervor. Gus ausfindig zu machen und ihn anzurufen war relativ einfach gewesen, doch der schlimmste Teil stand ihr noch bevor.

Ein großer, auffallend gut aussehender Kellner ging mit einem Tablett voller Drinks an Freya vorbei und schenkte ihr ein bewunderndes Lächeln. „Darf ich Ihnen einen Drink bringen, Madam?“

„Noch nicht, danke. Ich warte auf …“ Der Rest des Satzes blieb unausgesprochen, denn Freya spürte plötzlich einen Kloß im Hals.

Hinter dem Kellner sah sie einen Mann durch die geöffnete Glastür auf die Terrasse treten.

Gus.

Groß, dunkelhaarig, im weißen Hemd, das seine gebräunte Haut betonte. Vielleicht nicht mehr ganz so schlank wie in ihrer Erinnerung, aber so gut aussehend und attraktiv, dass alle Frauen auf der Terrasse ihm ihre Blicke zuwandten.

Nein, Angus Wilder war mit den Jahren keineswegs uninteressanter geworden.

Was für ein Mann er wohl heute war? Wie viele Gräben mochten sich mit den Jahren zwischen ihnen aufgetan haben? Und wie würde er auf ihre Nachricht reagieren?

Während er sich einen Weg zwischen den Tischen hindurchbahnte, kamen ihr blitzlichtartig Erinnerungsbilder in den Sinn. Gus mit sechzehn an seinem ersten Schultag in Sugar Bay, wie er verzweifelt versuchte, sein Eliteschulen-Image loszuwerden. Gus, triumphierend auf dem Sportplatz, nachdem er seiner Mannschaft mit einem Treffer zum Sieg verholfen hatte.

Und sie sah sich selbst, wie sie beim Abschlussball in seinen Armen tanzte, berauscht vor Glück. Dann sie beide, wie sie im Mondschein Hand in Hand am Strand entlangliefen. Ihr wahnsinnig romantischer erster Kuss …

Plötzlich stand Gus vor ihr, beugte sich über sie und küsste ihre Wange. „Freya, wie schön, dich zu sehen.“

Er roch angenehm frisch, als hätte er gerade geduscht und ein dezentes Aftershave benutzt. Seine Lippen fühlten sich warm auf ihrer Haut an.

Ohne Vorwarnung fingen Freyas Augen an zu brennen. „Ja, ich freue mich auch, dich zu sehen, Gus.“ Sie blinzelte heftig, um die Tränen zurückzuhalten. Das war nicht der Zeitpunkt, um nostalgisch zu werden. Sie musste Haltung bewahren und sich auf ihr Ziel konzentrieren. „Danke, dass du gekommen bist.“

Er rückte sich einen Stuhl zurecht und setzte sich. Dann streckte er die langen Beine aus und lehnte sich zurück, als versuche er bewusst, entspannt zu wirken. Sein Lächeln war zurückhaltend, aber in seinen braunen Augen lag ein warmer Ausdruck. „Wie geht es dir?“, fragte er und fügte schnell hinzu: „Du siehst fantastisch aus.“

Sie fühlte sich von seinem Kompliment geschmeichelt, doch sie antwortete nur: „Danke, mir geht es gut. Und dir? Was macht deine Arbeit?“

„Danke, beides läuft hervorragend.“ Sein Lächeln war nun schon weniger zurückhaltend, doch sie sah an seinem Hals, wie er nervös schluckte. „Ich vermute, du lebst immer noch in Sugar Bay?“

„Ja.“ Sie lächelte ihn scheu an und schnippte dann mit einer lässigen Kopfbewegung ihr Haar nach hinten. „Immer noch ein Beachgirl.“

„Es steht dir.“

Freya befeuchtete ihre Lippen, als sie sich innerlich darauf vorbereitete, ihm die Wahrheit zu gestehen.

Gus durchbrach das kurze Schweigen. „Wie geht es deiner Mutter?“

„Danke, gut. Sie wohnt immer noch in dem schiefen kleinen Haus am Strand und hat ihr Hippie-Leben nicht aufgegeben.“

Er betrachtete sie forschend, und Freya musterte ihn ebenfalls intensiv, obwohl ihr der Magen wie zugeschnürt war. Seine Augen waren immer noch genauso dunkel und eindringlich, und wie früher fiel ihm das Haar unablässig in die Stirn.

Unwillkürlich zog sich ihre Brust wehmütig zusammen. Sie hatte Gus Wilder so sehr vermisst. Zwölf Jahre lang war sie von seinem Leben abgeschnitten gewesen. Sie wusste nur, dass er lange in Afrika gearbeitet hatte. Wo genau war er gewesen? Was hatte er alles gesehen und erlebt? Welche Frauen hatte er geliebt?

„Ich weiß, du willst etwas sehr Wichtiges mit mir besprechen“, sagte Gus, „aber wollen wir uns zuerst was zu trinken bestellen?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, winkte er dem Kellner.

„Was darf ich Ihnen bringen?“ Der Kellner benahm sich wesentlich reservierter, seit Gus neben Freya saß.

„Ein Bitter Lemon, bitte“, sagte Freya.

„Und ich nehme ein Weizenbier.“

„Sehr gern, Sir.“

Nachdem der Kellner gegangen war, entstand ein unbehagliches Schweigen, und Freya war klar, dass Gus darauf wartete, dass sie zu reden anfing. Wenn sie nicht gleich den Grund für dieses Treffen nannte, würde es immer schwieriger werden. Sie faltete die Hände im Schoß und holte tief Luft.

„Ich bin dir sehr dankbar, Gus, dass du hergekommen bist. Du fragst dich sicher, weshalb ich dich um ein Treffen gebeten habe. Es ist so … ich möchte dich um deine Hilfe bitten, das heißt, ich hoffe, dass du mir helfen kannst.“

„Du hast gesagt, es ginge um Leben und Tod.“

Sie nickte.

„Ich hatte gehofft, dass du ein bisschen dramatisiert hast.“

„Leider nicht.“

Der letzte Rest von Lächeln verschwand aus Gus’ Gesicht. Er beugte sich vor und nahm ihre Hand. „Was ist los, Freya? Was ist passiert?“

Seine Berührung war so sanft und sein Blick so besorgt, dass sie die Augen schließen musste. Vor zwölf Jahren hatte sie nicht den Mut gehabt, dieses Thema anzusprechen, und jetzt war es noch hundertmal schwerer. Wenn sie darüber nachdachte, wie ungeheuerlich es war, was sie ihm zu sagen hatte, dann fing ihr Herz an zu rasen, und ihr Magen rebellierte.

„Bevor ich es dir erzähle, muss ich dich etwas fragen. Bist du verheiratet?“

Einen ungeeigneteren Moment hätte der Kellner sich nicht aussuchen können, um die Getränke zu bringen. Freya zuckte zusammen und schlug die Augen nieder, als er die Gläser vor sie hinstellte.

Sie griff nach ihrer Handtasche, aber Gus kam ihr zuvor. „Das geht auf mich.“

„Eigentlich bin ich dran, wo du extra so weit hergekommen bist.“

Aber er hatte das Geld schon parat und gab es dem Kellner, und sie wollte nicht anfangen zu diskutieren. Daher bedankte sie sich und rührte mit dem Strohhalm in ihrem Drink herum, wobei die Eiswürfel aneinanderklirrten und die Limonenscheiben sich im Glas drehten.

Stirnrunzelnd nahm Gus sein eiskaltes Bierglas in die Hand. „Jetzt bin ich aber neugierig. Was hat denn mein Familienstand mit deinem Problem zu tun?“

Sie merkte, wie ihre Wangen zu glühen anfingen. „Es könnte … alles noch komplizierter machen. Wenn du verheiratet wärst, dann hätte deine Frau vielleicht etwas dagegen, dass du mir hilfst.“

Ach du lieber Himmel, sie redete sich um Kopf und Kragen. Kein Wunder, dass Gus reichlich verwirrt aussah. Sie wünschte, sie könnte einen Weg finden, ihm einfach alles zu erzählen, ohne herumzustammeln und nach Erklärungen zu suchen. Über den Weltfrieden zu verhandeln, war bestimmt einfacher.

Gus blickte auf ihre rechte Hand. „Bist du denn verheiratet?“

„Nein, ich bin immer noch ledig.“

Er machte große Augen. „Das überrascht mich aber. Ich war fest überzeugt, dass du inzwischen in festen Händen bist.“

Ich habe den Männern nie eine Chance gegeben, dachte Freya.

Gus stellte sein Glas ab und sah sie direkt an. „Ich habe vor drei Jahren geheiratet.“

Sie hatte sich innerlich gewappnet und war überzeugt, dass es ihr nichts ausmachen würde. Hier ging es schließlich nicht um verletzten Stolz. Doch es machte ihr etwas aus. Sehr viel sogar. Jetzt würde Gus ihr Problem mit seiner Frau besprechen müssen, und sie konnte nicht damit rechnen, dass diese genug Mitgefühl aufbringen würde.

Gus schluckte schwer, ehe er mit leiser Stimme hinzufügte: „Meine Frau ist gestorben.“

„Oh.“ Freya brachte nur ein Flüstern zustande. Sie war überwältigt von einer Flut von Gefühlen – Mitleid, weil Gus seine Frau verloren hatte, gepaart mit Eifersucht auf die Frau, die sein Herz erobert hatte, und Erleichterung, dass nun eine Hürde weniger zu überwinden wäre. „Das tut mir sehr leid, Gus. Warst du lange verheiratet?“

„Ungefähr ein Jahr. Wir haben uns in Afrika kennengelernt, wo wir zusammengearbeitet haben. Monique war Französin – sie war Ärztin bei der Organisation Ärzte ohne Grenzen.“

Seine Frau war also klug und mutig gewesen, mit viel Unternehmungsgeist und voller Ideale. Mit anderen Worten, genau wie Gus. Sie hatte perfekt zu ihm gepasst. „Wie traurig für dich.“

„Erzähl mir doch einfach, was du auf dem Herzen hast“, bemerkte Gus leicht ungeduldig.

„Mein Sohn ist in großen Schwierigkeiten“, schoss es aus ihr heraus.

„Dein Sohn?“, wiederholte Gus, offensichtlich schockiert.

Plötzlich kamen die ganze Anspannung und Sorgen der letzten Wochen in ihr hoch. Ihre Lippen fingen an zu zittern, und Freya musste ihre ganze Kraft aufwenden, um nicht zusammenzubrechen.

„Du bist also eine alleinerziehende Mutter?“

Sie konnte nur nicken, denn ihr Hals war wie zugeschnürt.

„Genau wie deine Mutter.“

Wieder nickte sie, froh, dass in seiner Stimme nicht die geringste Verachtung zu spüren war. Aber Gus war nie ein Snob gewesen – im Gegensatz zu seinem Vater, der auf die Hippies von Sugar Bay herabgeblickt hatte.

Aber natürlich hatte er recht mit seiner Feststellung. Freya war in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten. Genau genommen hatte Poppy ihre Tochter sogar ermutigt, ihr Kind allein großzuziehen.

Wir kriegen den Kleinen schon groß. Schließlich habe ich das bei dir ja auch ganz gut hingekriegt. Zusammen schaffen wir das. Ich finde, wir sind uns sehr ähnlich. Wir sind beide dazu bestimmt, unabhängig zu sein. Du brauchst keinen Mann, mein Schatz.

Leider hatte Poppy sich geirrt, denn es kam der schreckliche Tag, an dem keiner von ihnen beiden ihrem Sohn helfen konnte. Und Freya hatte keine andere Wahl, als einen Mann um Hilfe zu bitten, Nicks Vater.

Gus betrachtete sie aufmerksam, mit einer Mischung aus Verwirrung und Besorgnis. „Hast du noch Kontakt zu dem Vater deines Sohnes?“

Das war zu viel. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Viel zu lange hatte sie damit gewartet, es ihm zu erzählen – zwölf Jahre zu lange –, und jetzt würde es ihn wie ein Schlag treffen. Es war so unglaublich schwer. Sie wollte ihn doch nicht verletzen.

Aber es musste sein.

Indem sie mühsam um Fassung rang, wandte sie das Gesicht von ihm ab und blickte auf die ruhige See, die gesprenkelt war von den fantastischen Farben des Sonnenuntergangs. Sie blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten, und ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Neben ihnen erschien eine Gruppe junger Leute. Sie lachten ausgelassen und riefen sich witzige Bemerkungen zu, als sie die Tische zusammenrückten und sich in einem fröhlichen Kreis zusammensetzten. Solche Szenarien erlebte Freya sehr häufig vor dem Pub am Strand von Sugar Bay. Früher waren sie und Gus auch Teil einer solch lustigen Clique gewesen.

Plötzlich fand sie die Vorstellung schrecklich, dass sie mitten unter all den Leuten in Tränen ausbrechen und Gus in Verlegenheit bringen könnte. „Bitte entschuldige. Macht es dir etwas aus, wenn wir woanders hingehen, wo wir ungestört sind? Wir könnten vielleicht einen Spaziergang machen.“

„Ja, gern. Es macht mir gar nichts aus.“

Bereitwillig stand er auf, und sie gingen die wenigen Stufen zur Promenade hinunter, die sich um die gesamte Bucht von Darwin erstreckte.

Draußen vor der Bucht jagten Motorboote entlang, und die hellen Segel der Jollen blähten sich in der leichten Brise. Freya verschränkte die Arme vor der Brust, während der Wind mit ihrem Haar spielte.

Gus ging neben ihr her, die Hände in den Hosentaschen. „Alles in Ordnung, Freya?“, fragte er.

„Geht so.“ Noch einmal holte sie tief Luft, bevor sie den Sprung ins kalte Wasser wagte. „Du hast mich gefragt, ob ich noch Kontakt mit dem Vater meines Sohnes habe.“

„Ja.“

„Ich habe keinen Kontakt mehr zu ihm.“

Sie sah ihn verstohlen von der Seite an und bemerkte das plötzliche Erkennen in seinen Augen. Abrupt blieb er stehen, und als er sie ansah, war jede Farbe aus seinem Gesicht gewichen. „Wie alt ist der Junge?“

Seine Stimme klang kalt und gefährlich ruhig, und Freyas Herz pochte so laut, dass es ihr in den Ohren dröhnte.

„Er ist elf – knapp elfeinhalb.“

Gus schüttelte den Kopf. „Nein, das geht nicht.“

Er starrte sie an, ungläubig und ärgerlich, und in seinen Augen las sie schon die Ablehnung dessen, was sie ihm gleich erzählen würde.

2. KAPITEL

Gus fiel das Atmen schwer. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen oder gar verstehen, was in ihm vorging. Doch sein Bauch sagte ihm ganz deutlich die Wahrheit, die Freya noch nicht ausgesprochen hatte.

Er hatte einen Sohn. Einen elfjährigen Jungen.

„Es tut mir so leid, Gus.“ Freya stand vor ihm auf dem Pfad und rang die Hände, während ihr die Tränen über das Gesicht liefen.

Seine Gedanken schweiften zurück in die Vergangenheit. Zu jenem letzten Sommer, den er in Sugar Bay verbracht hatte – drei zauberhafte Ferienmonate zwischen dem Highschool-Abschluss und dem Beginn des ersten Semesters an der Universität –, als er und Freya unzertrennlich gewesen waren.

Zwölf Jahre waren inzwischen vergangen, und in mancherlei Hinsicht war Gus die Zeit wie ein ganzes Leben vorgekommen. Doch jetzt fühlte es sich für ihn an wie ein Leben im Exil.

Ein paar Mal ging er unruhig vor ihr auf und ab, dann blieb er vor ihr stehen. „Sag es, Freya. Spuck es aus. Dieser Junge ist mein Sohn, richtig?“

Mit erhobenem Kopf und gestrafften Schultern blickte sie ihm in die wütend blitzenden Augen. „Ja, Nick ist dein Sohn.“

„Nick?“

„Nicholas Angus ist der volle Name.“

Sein Herz verkrampfte sich vor Schmerz, Wut und Enttäuschung – ein Ansturm von Gefühlen, der ihn zu überwältigen drohte. Er drehte Freya den Rücken zu und rang mühsam um Fassung. Während er keuchend ein- und ausatmete, blies ihm der Seewind ins Gesicht.

Er versuchte, sich seinen Sohn vorzustellen, diesen Jungen, den er nie gesehen hatte. Sein eigenes Fleisch und Blut. Verflucht, er wusste noch nicht einmal, wie dieses Kind aussah.

Das war doch vollkommen verrückt.

Die Gedanken schwirrten ihm wahllos durch den Kopf. Er hatte einen Sohn. Ein Junge brauchte doch seinen Vater. Mit welchem Recht hatte Freya ihm seinen Sohn vorenthalten?

War es umgekehrt genauso? Wusste der Junge überhaupt etwas von ihm?

Gus wirbelte herum und blickte Freya herausfordernd an. „Warum? Warum zum Teufel hast du mir nichts davon erzählt?“ Er merkte, wie ärgerlich seine Stimme klang, aber so fühlte er sich auch. Genau genommen war er stinksauer. „Hast du es für dich behalten, weil du deinen Vater auch nicht gekannt hast? Ist das so eine Art verquere Tradition in deiner Familie?“

„Nein, natürlich nicht.“ Ihr Protest klang nicht sehr überzeugend.

„Warum dann? Warum hast du mir nicht erzählt, dass ich einen Sohn habe?“

„Ich dachte …“ Freya machte eine hilflose Geste, dann ließ sie die Arme sinken und stieß einen frustrierten Seufzer aus.

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