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DIES UND DAS

Dietrich Stahlbaum

DIES UND DAS

Kurzgeschichten, Kôans, Gathas, Gedichte, Aphorismen, Fotos aus fünf Jahrzehnten





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Teil III: Gedichte


INHALT



Teil I: Kurzgeschichten
Teil II: Kôans und Gathas
Teil III: Gedichte
Teil IV: Aphorismen

 

Teil I: Kurzgeschichten

 

Der Wasserturm. Eine alte Geschichte

 

 

 

 

 

 

Der Wasserturm stand im Garten des Bürgermeisters. Ein roter Backsteinbau, aus dem bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs unsere kleine Stadt mit Trinkwasser versorgt worden ist. Dieses wurde aus einem Brunnen über mehrere Stockwerke in das oberste, mit Kies gefüllte Becken hoch gepumpt, sickerte durch Sandfilter in tiefere Behälter und gelangte durch ein Rohrsystem in die Wohnungen, Läden, Gast- und Werkstätten, in die Schulen, ins Rathaus und zur Kirche.

Ich erinnere mich an ein Ereignis, das uns – drei kleine Jungen, etwa vier oder fünf Jahre alt – 1930 oder 31 sehr bewegt hat. Die beiden anderen waren Söhne des Bürgermeisters. Wir haben diesen geheimnisvollen, stets abgeschlossenen Turm im Garten immer wieder umkreist, bis wir eines Nachmittags die Tür geöffnet vorfanden und hineinschlüpfen konnten. Weit und breit war niemand zu sehen. Auch im Innern war außer uns kein Mensch. Wir stiegen die Wendeltreppe hinauf bis ganz nach oben. Die Pumpe stand still. Leise tropfte das Wasser in die tieferen Etagen.

Dies veranlasste uns zu einem schweren Verstoß gegen die Trinkwasserverordnung. (Später habe ich erfahren, dass die Verordnung auf einem Schwarzen Brett neben der Treppe „zur Kenntnis gebracht“ worden sei. Aber wir konnten ja noch nicht lesen.) Und so geschah es: Der älteste Bürgermeistersohn stellte sich an den Rand des Beckens, zog seinen Pimmel durch den Hosenschlitz heraus und pinkelte hinein. Wir zwei anderen taten es ihm nach. Dann beeilten wir uns, den Tatort zu verlassen.

Bald bedrückten uns schwere Bedenken. Wir hatten einen schlechten Schlaf. Wir befürchteten, das gesamte Trinkwasser verunreinigt zu haben, putzten uns nicht die Zähne und tranken kein Wasser aus der Leitung. Am nächsten Tag horchten wir und schauten uns in der Stadt um. Es waren nur wenige Menschen auf den Straßen. Sie erschienen uns in einer unerklärlichen Weise anders als sonst. Wir sahen Augen auf uns gerichtet, forschende Blicke, die uns durchbohrten, kurz: wir glaubten uns beobachtet und flohen in einen halb verfallenen Schuppen in der Scheunenstraße am Stadtrand, wo wir uns öfters trafen. Hier berieten wir und entschlossen uns, zuhause nicht zu beichten, um ein Verhör und eine Tracht Prügel zu vermeiden.

In den folgenden Tagen streiften wir durch die Stadt und hockten ratlos „im Schuppen“. Die Leute gingen ihrer Arbeit und ihren Geschäften nach, als sei nichts passiert. Langsam begriffen wir, dass unser Bubenstück keine Katastrophe ausgelöst hatte, und unsere Ängste verschwanden.

 

 

*



 

Die Aktentasche

 

Sie hängt hier schon seit einiger Zeit im Flur. Ich habe sie aus dem Keller heraufgeholt. Dort lag sie Jahrzehnte lang zwischen Gerümpel, vergessen und verstaubt. Als ich sie wieder sah, nahm ich sie in die Hände und schaute sie mir genauer an. Echtes Rindsleder, vor vierzig Jahren ein wertvolles Stück.

Ich habe es sorgfältig gepflegt, habe es immer wieder mit Kernseife abgewaschen, Schuhcreme eingerieben und das Leder poliert, bis es glänzte. Mindestens zwei Mal mussten die Nähte ausgebessert werden. Eine mühsame Handarbeit, bei der ich mir mit der krummen Ledernadel in den Finger stach. Nach zehn oder fünfzehn Jahren war die Tasche so abgenutzt, dass ich eine neue in Erwägung ziehen und schließlich kaufen musste. Die alte verschwand im Keller.

Als ich sie wieder entdeckt habe, begann ich über sie nachzudenken, und mir wurde bewusst, dass ich die Tasche zwar stets sorgfältig gepflegt, aber ihre Verdienste nie so recht gewürdigt habe. Dies hole ich jetzt nach:

Vor vierzig Jahren gekauft, war sie meine arbeitstägliche Begleiterin (einschließlich samstags!) und hat den sicheren Transport einer Tageszeitung, einer vollen Thermosflasche und einer Brotbüchse zum Arbeitsplatz gewährleistet. In der damals noch kurz bemessenen Freizeit hat sie sozusagen politische Aufgaben wahrgenommen. In ihr befand sich nämlich allerlei Schriftwerk: hektographierte Broschüren, selbst gefertigte Flugblätter, Wahlkampfmaterial, Aufrufe und Manifeste für und wider etwas, und so half sie, auf Straßen und Plätzen – wie wir es genannt haben –: „Gegenöffentlichkeit herzustellen“.

Und auch manches Buch wurde, vor Regen, Eis und Schnee geschützt, in dieser Tasche nach Hause getragen. An feuchten Tagen diente sie als Sitzunterlage bei Open Air-Veranstaltungen.

Nun habe ich sie von der Wand heruntergenommen, nicht weil sie – eigentlich ein zeitloser Gebrauchsgegenstand – wieder modern ist, sondern aus einem besonderen Grund: Fukushima! Die Sicherheit beziehungsweise Unsicherheit aller, nochmals: aller Atomkraftwerke ist unüberhörbar im Gespräch.

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