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DIE VIERERBANDE

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Das Buch

Die dreizehnjährige Lena kommt als Austauschschülerin an das städtische Gymnasium nach Schwerin. Die meisten Klassenkameraden verunsichert ihr aufgewecktes Naturell. Gleich am ersten Schultag wird sie von drei Mitschülerinnen gemobbt. Nach dem Unterricht stößt sie mit Rafael zusammen und so beginnt eine schicksalhafte Freundschaft. Wenig später werden sie beim Lernen für ein Referat am Schweriner See von mutierten Ratten angegriffen, die aus einem Geheimlabor entflohen sind. Mit der Klassensprecherin Heike und Rafaels Freund Jens gründet Lena kurz darauf die Viererbande und gemeinsam durchkreuzen sie die wahnwitzigen Pläne eines verrückten Professors, der mit gentechnischen Experimenten die Menschen in grüne Monster verwandeln will. Dabei hilft ihnen das Petermännchen, der nachts im Schweriner Schloss herumgeistert und dabei eine merkwürdige Entdeckung gemacht hat.

Der Autor

Kai-Uwe Wedel hat bereits mehrere Bücher geschrieben. Dies ist nun die zweite Detektiv-Geschichte für Kinder und lässt an Spannung nichts zu wünschen übrig. Er ist als Schauspieler aus dem Kinofilm Timebrakers bekannt und hat in vielen Web-Serien und TV-Filmen in Schleswig-Holstein mitgespielt. Bis heute wirkt er als Darsteller und Drehbuchautor an diversen Filmprojekten mit. Seine spannende und zugleich amüsante Krimi-Farce Die Tote im Unterholz, worin er die Hauptrolle spielt, lief 2015 in einigen ausgewählten Programm-Kinos. Das Schreiben ist eine Passion, der er sich immer wieder widmet und das hier vorliegende Jugendbuch ist ein Zeugnis seines besonderen Talents.

Kai-Uwe Wedel

Die Viererbande

und das Schloss der Verwandlung

Jugendbuch Mysteriöse Abenteuergeschichte

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Die zwei wichtigsten Tage im Leben sind der Tag, an dem man geboren wird und der Tag, an dem man herausfindet warum. (Mark Twain)

VORGESCHICHTE

Das Taxi raste mit überhöhter Geschwindigkeit die High Street entlang und überholte mehrere Autos gleichzeitig. Der Fahrer bremste abrupt, um nicht mit einem Laster zu kollidieren, der spontan auf die linke Spur ausscherte. Auf seinem Anhänger flatterten dutzende Hühner panisch in Käfigen herum. Ihre Federn flogen wie Schneeflocken auf die Windschutzscheibe und versperrten dem Taxifahrer jegliche Sicht.

Daraufhin machte er die Scheibenwischer an, um besser sehen zu können, während sich auf der Rückbank ein aus Europa stammender Fahrgast mühsam aufzurichten versuchte. Er war durch das unverhoffte Bremsmanöver vom Sitz gerutscht und zupfte sich genervt das Revers an seinem weißen Nobelanzug zurecht.

»Können Sie nicht besser aufpassen!«, bluffte der Mann den Fahrer an und zog ein Seidentaschentuch aus der Brusttasche. Damit tupfte er sich wegen der Bruthitze den Schweiß von der Stirn. Sein Blutdruck brachte ihn innerlich zum kochen.

»Warum dauert das so lange?«, fragte er ungeduldig. Weil der ghanaische Fahrer nicht gleich reagierte, schlug er ihn auf die Schulter. Der Taxifahrer sah erschrocken in den Rückspiegel. Er bemerkte erst jetzt die stechend grünen Augen von seinem Fahrgast, der sich ihm als Professor Müller vorgestellt hatte. »Das ist der normale Verkehr in Accra. Wir sind gleich da«, erwiderte der Taxichauffeur mit stoischer Miene.

Er bog gerade in den Kwame Nkrumah Memorial Park ab. Kurz darauf bremste er mit quietschenden Reifen vor dem Obersten Gerichtshof. Die weißgetünchte Fassade eines Gebäudes aus postkolonialer Zeit erstrahlte hell in der gleißenden Mittagssonne.

Das Taxi stand also nun vor dem Supreme Court of Ghana, von dem es hieß, dass er die letzte Bastion auf der Suche nach Gerechtigkeit war. Ein Ghanaer in Anwaltsrobe kam ziemlich aufgeregt die Treppenstufen des Portals hinunter gelaufen. Der Professor bezahlte den Taxifahrer und quälte sich von der Rückbank, während ihm sein Anwalt die Beifahrertür aufhielt. »Da sind Sie ja endlich. Der Prozess hat schon angefangen!« Professor Müller klemmte sich eilig seinen Aktenkoffer aus echtem Krokodil-Leder unter den Arm und schlug genervt die Autotür zu.

»Der Verkehr ist eine Zumutung! Können Sie mir verraten, wo diese Idioten ihren Führerschein gemacht haben?«

Der Jurist sah ihn verzweifelt an und machte einen gequälten Gesichtsausdruck.

»Diese Frage wird hier erst dann gestellt, wenn sich mehrere Autos ineinander verkeilt haben«, entgegnete er zynisch.

Die Saaltür öffnete sich knarzend und alle Zuschauer reckten neugierig ihre Hälse, als der Professor mit seinem Verteidiger das Gericht betrat. Die Ventilatoren unter der Decke liefen auf Hochtouren und der Staatsanwalt las gerade die Anklage vor. Richter Mosamba Urughani sah grimmig auf, während sich die Neuankömmlinge an den Tisch der Verteidigung begaben. In diesem Prozess waren die Angehörigen als Nebenkläger der Opfer dabei und saßen in gespannter Erwartungshaltung auf ihren Plätzen in unmittelbarer Nähe der Geschworenen.

Während der Verhandlung musste der Richter das Publikum häufig zur Ordnung rufen. Besonders in dem Augenblick, als der Professor in den Zeugenstand trat, gab es viele wütende Zwischenrufe. Mosamba Urughani schlug mit einem kleinen Holzhammer heftig auf den Tisch, um für Disziplin zu sorgen. Danach erhob sich der Anwalt für die Opfer und zahlreichen Nebenkläger von seinem Platz.

»Professor Müller, wie schön, dass Sie es doch noch geschafft haben diesem Prozess beizuwohnen«, begann der Jurist und musterte ihn neugierig, bevor er seine erste Frage formulierte. »Ist es richtig, dass Sie für den Börsenkonzern Global Dent Pharmaceutical, seit mehr als zwei Jahren Forschung bei uns in Ghana betreiben?«

Der Professor ignorierte den herablassenden Blick des Juristen und antwortete mit gespielter Gleichgültigkeit.

»Ganz richtig – und zwar um ein neues Medikament gegen Zahnausfall infolge von Mangelernährungen zu entwickeln«, entgegnete der unter Anklage stehende Professor selbstsicher. Der Anwalt ging zurück an seinen Tisch und blätterte kurz in einem Aktenordner. Er entnahm ihm einige Dokumente, hielt sie in die Luft und bemerkte dann süffisant.

»Ich kann mir besonders gut vorstellen, was das für den Pharmakonzern bedeutet. Unverschämt viel Geld und einen Aktienkurs, der sicher durch die Decke schießt! Aber ich bin nicht hier, um zu spekulieren, denn tatsächlich sind ja Ihre fragwürdigen Experimente Gegenstand dieser Verhandlung. Lautend dem von Ihnen eingereichten Forschungsprojekten, brauchten Sie eine Genehmigung der Fischereibehörde. Herr Professor, würden Sie das hohe Gericht bitte aufklären, wofür das notwendig war und wo sich Ihr Labor befindet?«

Professor Müller blickte unschuldig zum Richterstuhl und dann zum Staatsanwalt, der von einem erhöhten Podest neben den Geschworenen auf ihn herabsah.

»Ähm … bei Tomson Moar & Calloway. Warum finden Sie das so wichtig?«

Der Richter haute nochmal mit seinem Holzhammer auf das vor ihm liegende Schlagbrett, weil es im Saal erneut unruhig wurde.

»Ruhe … Ruhe, oder ich lasse den Saal räumen! Fahren Sie bitte mit der Befragung fort, Herr Anwalt.«

»Mehrere Zeugen haben hier ausgesagt, dass sie dort riesige Becken mit mehr als ein dutzend Tigerhaien gesehen haben. Woher haben Sie diese Exemplare und was hat das mit Ihrer Forschung gegen Zahnausfall zu tun?«

Der Anwalt fixierte den Professor mit strenger Miene und legte dabei seine Hände auf die Brüstung des Zeugenstandes. Professor Müller begann zu schwitzen und hoffte inständig, dass sein Verteidiger endlich Einspruch einlegte, um ihn aus dieser brenzligen Situation zu befreien.

Der Staatsanwalt sah den Richter erwartungsvoll an, welcher daraufhin das Wort ergriff um den Angeklagten aufzufordern, die Frage des Klägers nicht zu ignorieren.

»Beantworten Sie bitte die Frage, Herr Professor.«

»Kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber die Fischer haben sie wohl in der Labadi-Beach gefangen. Ich habe mich an alle Richtlinien für den Tierschutz gehalten!«

Professor Müller fühlte sich erleichtert und sah den Anwalt herablassend an. Der schien aber nicht zufrieden, zog die Stirn kraus und hielt seinem Blick trotzig stand.

»Wie müssen wir uns ihre Forschung an den Haien vorstellen, und wozu brauchten Sie gleich ein ganzes Dutzend dieser Exemplare?«

»Einigen habe ich Blutproben entnommen. Bei den anderen mussten Biopsien der Drüse vorgenommen werden«, erklärte Professor Müller verunsichert.

Nun erhob sich der Staatsanwalt und blickte triumphierend in die Zuschauermenge. Darunter waren auch Journalisten aus dem Ausland, die sich eifrig Notizen machten.

»Und diese Art Untersuchungen, nennen wir sie Gentherapie, wurden dann von Ihnen schließlich auch an einheimischen Ghanaern vorgenommen!«

In diesem Augenblick sprang der Anwalt des Professors von seinem Platz auf und wendete sich sofort protestierend an den Richter.

»Einspruch! Einspruch Euer Ehren, denn mein Mandant hat lediglich Blutanalysen durchgeführt. Der Staatsanwalt macht hier eine Vermutung zu einer Tatsache.«

Mosamba Urughani nahm den Einwand scheinbar ungerührt zur Kenntnis. Dennoch schenkte er dem Publikum jetzt beinahe mehr Aufmerksamkeit, das sich durch die Wendung in diesem spektakulärem Fall nur langsam beruhigte, als dem erregtem Anwalt bei seiner Erwiderung. In der vordersten Sitzreihe begannen einige Frauen zu schluchzen, deren Söhne, Brüder oder Ehemänner, in die Fänge von dem Konzern Global Dent Pharmaceutical und von Professor Müller geraten waren. Sie lagen im Krankenhaus und konnten immer noch keine feste Nahrung zu sich nehmen. Ihr Zustand war zwar nicht kritisch, aber dennoch sehr ernst. Darüber hinaus hatte diese Geschichte mittlerweile große Wellen geschlagen und wurde von den Medien ausgeschlachtet. Dieser Prozess hatte nun die ganze Aufmerksamkeit der internationalen Presse!

Der Richter sah den Anwalt des Professors mit funkelnden Augen an und fuchtelte drohend mit dem Holzhammer in der Luft herum.

»Hier führe immer noch ich die Verhandlung, Herr Anwalt! Das die Opfer bis jetzt keine Aussagen vor diesem hohen Gericht machen konnten, liegt einzig und allein an ihrem Gesundheitszustand, der nachweislich auf die fragwürdigen Experimentiermethoden des Angeklagten zurückzuführen ist. Einwand abgelehnt!«

Der Anwalt blickte mit resignierter Miene zu seinem Mandanten, dem mittlerweile Schweißperlen auf der Stirn herunterliefen. So hatte sich der Professor den Verlauf dieses Prozesses nicht vorgestellt. Er entwickelte sich langsam zu einem Albtraum, bei dem er das Gefühl bekam, ihm würde jemand eine Schlinge um den Hals legen. Er sah verzweifelt nach oben, wo Deckenventilatoren die stickige Luft wie eine zähe Masse Kuchenteig umzurühren schienen. Ihm wurde zunehmend schwindelig, als ein Gerichtsdiener herbeigerufen wurde, um dem Anwalt dabei zu helfen eine Pinnwand in der Mitte des Saales aufzustellen.

Währenddessen ging ein Raunen durch den Gerichtsaal, doch dann wurde es plötzlich es ganz still. Bei dem Anblick, was die Anwesenden jetzt zu sehen bekamen, stockte allen der Atem. Um die gentechnischen Menschenversuche als das zu entlarven, was sie waren, nahm der Jurist ein Foto nach dem anderen einzeln von der Stapelinnenseite, und brachte es mit Reißzwecken auf der Pinnwand an.

Sie zeigten Aufnahmen von der Intensivstation wo ein halbes Dutzend seiner ehemaligen Probanden umgeben von vielen medizinischen Apparaturen in Krankenbetten lagen. Die meisten von ihnen wurden künstlich ernährt und hingen am Tropf. Auf den Vergrößerungen einzelner Bilder konnte nun jeder, bis in die letzte Reihe des Saales, die schockierenden Mutationen bei den armen Opfern erkennen, die jetzt mehr Vampiren aus einem schlechten Horrorfilm glichen. Ihre Gesichter waren aschfahl und aus den geöffneten Mündern ragten scharfe Beißzähne. Zusätzlich hatte sich bei jedem der Kiefer unnatürlich verformt. Sie glichen mehr und mehr dem Fischmaul eines Hais. Die Patienten sahen aus, als würden sie hämisch grinsen, jedoch verrieten ihre traurigen Augen, dass sie nicht wirklich froh über ihr unglückliches Schicksal waren.

Schließlich wandte sich nun der Anwalt für die Opferklage der Angehörigen, einmal mehr an den dafür Beschuldigten im Zeugenstand.

»Professor Müller – erklären Sie uns doch mal, warum es bei Ihren angeblich so harmlosen Versuchen zur Erforschung von Zahnausfall, zu dermaßen schrecklichen Ergebnissen kommen konnte?«

Der Professor fühlte sich in die Ecke getrieben. Er schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. Dann platzte es wie bei einem Sturzbach aus ihm heraus.

»Sie glauben doch nicht wirklich, dass wir die Problematik von Zahnausfall mit einem einfachen Medikament behandeln können.«

Er holte tief Luft, bevor er weiter sprach. Er blickte in die verständnislosen Gesichter der Anwesenden, aber die störten ihn jetzt nicht mehr.

»Haifische haben ein Gen, welches ausgerissene Zähne wieder nachwachsen lässt. Ich habe genau dieses Gen isoliert und entschlüsselt. Durch meine akribische Forschung ist mir die Vervielfältigung des genetischen Codes gelungen. Dann habe ich aus den Zellkernen der Fischenzyme biotechnologisch ein Serum hergestellt. Alle Probanden haben sich mit den Tests einverstanden erklärt. Leider gab es bei den ersten Versuchen unerwünschte Komplikationen. Die neuen Zähne sind einfach viel zu schnell nachgewachsen. Doch für den Fortschritt muss man eben Opfer bringen! Denken Sie mal daran, was diese Innovation in der Zukunft für die Kieferorthopädie bedeuten könnte. Gar keine schmerzhaften Operationen nach Unfällen mehr. Sie bekämen eine Spritze, oder noch viel besser eine Tablette, und dann würden ihnen neue Zähne wachsen!«

Plötzlich platzte dem Staatsanwalt der Kragen. Er sprang auf und fixierte Professor Müller mit einer betont vorwurfsvollen Miene, bevor er die Anklage zusammenfasste.

»Dann waren hier bei uns in Ghana Ihre inoffiziellen Studien an Haien in Wahrheit nur ein Deckmantel für die genetischen Experimente am Menschen, die in der westlichen Hemisphäre bei Ihnen zu Hause verboten sind. Aber bei uns tolerieren wir solche Methoden auch nicht!«

Danach drehte sich der Staatsanwalt mit einer auffordernden Geste zum Richterstuhl.

»Ich beantrage hiermit die sofortige Festnahme von Professor Müller wegen möglicher Fluchtgefahr und eine Vertagung des Prozesses, bis die Opfer gesundheitlich in der Lage sind, vor diesem Gericht zu erscheinen, um eine Aussage zu machen.«

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Dazu kam es freilich nicht mehr. Richter Mosamba Urughani musste sich „wohl oder übel“ einer noch höheren Instanz unterwerfen. Als er während der Mittagspause zusammen mit dem Staatsanwalt in seinem Büro redete und gerade darüber philosophierte, in welchem von den heruntergekommenen Untersuchungsgefängnissen der Professor schmoren sollte, klingelte das Telefon. Am anderen Ende meldete sich eine Stimme, die ihm aus dem Radio wohlbekannt vorkam.

Es war der Präsident von Ghana höchstpersönlich, welcher gerade zu dieser Stunde in seiner Residenz an der Goldcoast mit Vorstandsvorsitzenden von Global Dent Pharmaceutical gespeist hatte. Er teilte ihm mit, dass dabei auch rein zufällig der unselige Prozess zur Sprache gekommen war. Die Top-Manager waren untröstlich über den Zustand der erkrankten Probanden. Darum sahen sie sich verpflichtet, eine erhebliche Summe als Entschädigung für die Opfer zu zahlen, und das Forschungslabor sofort zu schließen.

Außerdem hatte man schon vorsorglich ein Ticket für den Professor in der nächsten Maschine nach Deutschland gebucht und würde es begrüßen, wenn er diesen Flug nicht verpasste. Der Richter tauschte mit dem Präsidenten noch die üblichen Höflichkeit-Floskeln aus, und durfte sich auf eine Einladung zur nächsten Cocktail-Party freuen. Der Präsident wollte ihm dort eine Auszeichnung für seinen unermüdlichen Einsatz für Recht und Gesetz verleihen.

Der Staatsanwalt staunte nicht schlecht, als er kurze Zeit später mit ansehen musste, wie Professor Müller auf dem internationalen Flughafen von Accra eine deutsche Lufthansa Maschine bestieg. Er selbst wurde von einem Pulk heranrückenden Reportern mit laufenden Kameras bedrängt, die ihm einen Kommentar zu dem verlorenem Prozess abringen wollten. Ihm fiel nichts besseres ein, als ein triumphierendes Lächeln aufzusetzen und darauf hinzuweisen, man habe den Professor wegen gefährlicher Experimente an Einheimischen überführt und des Landes verwiesen.

KAPITEL 1

Ein normaler Tag war das nicht! Es hatte die ganze Nacht geregnet und der Himmel war noch immer wolkenverhangen. Lena stand am Fenster und blickte auf den Rasen hinter dem Haus. Er stand vollkommen unter Wasser, ungefähr genauso wie ihre Augen vor fünf Minuten auch. Sie war vor einem Jahr mit ihrer Familie nach Hamburg an die Elbchaussee gezogen, und Lena hatte sich endlich in der Mittelschule am Altonaer Gymnasium eingelebt.

Bald würde sie wohl erneut umziehen müssen, weil ihr Vater wegen seiner Aufgaben bei der Bundeswehr versetzt wurde. Oder gab es einen anderen Grund, den man ihr verheimlichte? Es klopfte an der Tür, aber Lena reagierte nicht darauf.

»Darf ich reinkommen?«, fragte ihre ältere Schwester Anna schüchtern.

Lena wollte jetzt niemanden sehen, bevor sie ihre Sachen gepackt hatte. Der Koffer lag auf dem Bett und quoll fast über. Es waren einfach zu viele Klamotten darin, auf die sie nicht verzichten konnte. Sie drehte sich zögernd um, als Anna nun doch das Zimmer betrat und ihr mit ausgestrecktem Arm etwas entgegen hielt.

»Hier – für dich. Mir hat der kleine Zwerg nicht viel Glück gebracht.«

Lena sah sie misstrauisch an. Nicht viel Glück war noch stark untertrieben. Die Puppe hatte ihre Schwester im letzten Jahr zum Geburtstag geschenkt bekommen, aber niemand wusste komischerweise von wem. Irgendwann fanden sie heraus, dass es ein Kobold war, der in Schwerin das Petermännchen genannt wurde. Vielleicht bildete sie sich das nur in ihrer Phantasie ein, aber dieses Geschenk von einem Unbekannten, hatte eine unkontrollierbare Kette von Ereignissen losgetreten. »Soll das´n Witz sein? Wegen dem blöden Zwerg wärst du beinahe von der Schule geflogen! Außerdem kriege ich den Koffer sowieso nicht zu«, sagte Lena abwehrend.

»Soll ich dir helfen?«, fragte Anna besorgt. Sie kannte sich mit Reisegepäck nicht besser aus, als ihre kleine Schwester. Aber ein Blinder hätte sehen können, dass der Koffer übervoll war. »Vielleicht schaffen wir es zusammen?«, versuchte Anna sie zu ermutigen.

Lena wusste natürlich, dass sie es nur gut meinte, aber ihre Schwester sollte ja nicht an diesem blöden Partnerprogramm für Zuzügler teilnehmen.

»Warum muss ich eigentlich ausbaden, was du verbockt hast?«, bemerkte Lena trotzig und blickte frustriert auf den Fußboden, während sie auf dem Bett saß.

»Komm schon Lena, jetzt übertreibe mal nicht. Ich habe zwar Mist gebaut, aber das hat nichts mit Papas Versetzung zu tun. Er ist Ausbilder bei der Bundeswehr, oder so was Ähnliches. Jetzt mach endlich den blöden Koffer zu!«

Lena rührte sich nicht. Anna drückte vergeblich den Deckel runter. An allen Seiten quollen die Klamotten heraus.

»Was hast du denn da alles rein gepackt? Du bleibst doch nur zwei Wochen.«

Lena stand kurz auf, nur um sich trotzig mit voller Wucht auf den Kofferdeckel zu setzen. Dadurch kamen sich die zwei Enden der Verschlusskappen näher. Aber leider nicht nahe genug. Anna drängte ihre kleinere Schwester herunter, wobei Lena traurig dabei zusehen musste, wie ihre bunt bedruckten T-Shirts auf das Bett flogen.

»Die nicht!« Lena riss ihr die T-Shirts wieder aus der Hand.

»Dann musst du dich eben von was anderem trennen!«, sagte Anna energisch.

Trennung! Das Wort erinnerte sie an ihre Freunde, die sie bei einem Umzug vermissen würde. Konnte Anna das nicht verstehen? Konnte sie überhaupt jemand verstehen? Lena wollte sich nicht entscheiden und wühlte der Verzweiflung nahe in den Sachen herum. Schließlich zog sie widerstrebend zwei Sweatshirts und einen Pulli hervor, die sie sowieso nicht wirklich mitnehmen wollte, denn es war gerade Hochsommer. »Brauch ich hoffentlich nicht«, sagte Lena etwas nachdenklich.

Dann versuchte sie den widerspenstigen Deckel nochmal zu schließen. Anna half ihr dabei und drückte ihn ebenfalls mit aller Kraft herunter. Der Verschluss rastete in dem Moment ein, als ihre Mutter von unten aus der Küche nach ihr rief.

»Lena – du musst dich beeilen, wenn du noch frühstücken willst, bevor es losgeht!«

Sie versuchte den Koffer vom Bett zu ziehen. Dabei rutschte er von der Kante und wäre ihr beinahe auf die Füße gefallen. »Verdammt, ist der schwer!«

Anna ergriff den Henkel und hob den Koffer mit Leichtigkeit an. Sie war größer und zwei Jahre älter als Lena. Für ein Mädchen ziemlich kräftig, ganz im Gegensatz zu ihr.

Lena war dagegen zierlich und etwas schüchtern. Sie hasste den Sportunterricht in der Mittelschule und hielt sich beim Turnen zurück, weil sie Angst vor Verletzungen hatte.

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Ihre Mutter gab sich mit dem Frühstück sichtlich Mühe. Das Müsli mit Rosinen und Obst sah lecker aus und die Brötchen waren noch warm. Lena saß am Küchentisch und bekam kein Bissen herunter. Sie hatte einen Kloß im Hals. Ihre Mutter schaute von der Anrichte besorgt zu ihr hinüber.

»Was ist los Lena, hast du gar keinen Hunger? Die Zugfahrt ist lang und … .«

Lena sprang vom Tisch auf und rannte durch den Flur auf das Klo. Sie schlug die Tür hinter sich zu und fing an zu heulen. Sie wollte partout nicht auf einer neuen Schule mit fremden Klassenkameraden und Lehrern schon wieder ganz von vorn anfangen.

Lena versuchte die Tränen zu unterdrücken und presste ihre Augenlider zusammen. Dadurch kullerten noch mehr wie ein Stoßbach über ihre Wangen, wobei sie nicht schnell genug das Klopapier zur Hilfe nehmen konnte. Es klopfte!

»Lena? Alles in Ordnung mit dir? Wir müssen jetzt los!«

Lena hörte die Stimme ihrer Mutter, als ob sie am gegenüberliegenden Ufer eines Flusses stehen würde. Sie hatte gerade die Spülung der Toilette betätigt, um das allzu verräterische Klopapier verschwinden zu lassen.

»Ja doch – ich komme gleich!«

Lena stellte sich vor den Spiegelschrank und begann damit die geröteten Augen mit ein bisschen Lidschatten zu kaschieren.

Das funktionierte meistens ganz gut, wenn sie etwas so sehr berührte, wie zuletzt der Fantasie-Film Biss zur Morgenstunde. Sie hatte die Wand über ihrem Bett mit Postern aus der Twilight-Saga tapeziert und schwärmte für den Schauspieler Robert Pattinson.

Außerdem fühlte sie sich irgendwie mit Kristen Stewart und ihrer Unnahbarkeit Seelen-verwandt. Plötzlich überkam sie wieder dieses sehnsüchtige Gefühl nach jemanden, der sie so bedingungslos liebte, wie Edward seine Bella.

Bevor Tränen sie erneut in ein Häufchen Elend verwandeln konnten, sagte sie zu sich selbst: „Alles wird gut!“

Sie ahnte, dass sie diese schicksalhafte Entscheidung bereuen würde, und öffnete darauf schweren Herzens die Toilettentür.

KAPITEL 2

Die Zugtüren öffneten sich dagegen automatisch. Lena wurde von nachdrängenden Fahrgästen förmlich aus dem Wagon gespült. Sie stand wie bestellt und nicht abgeholt auf einem von den beiden Inselbahnsteigen und versuchte sich erst mal zu orientieren. Ihr Blick blieb an der Treppe eines Fußgänger-Tunnels haften, der sie wahrscheinlich in die Empfangshalle führen würde. Von dort kam ihr plötzlich eine rundliche Frau im mittleren Alter entgegengeeilt.

Könnte der Beschreibung nach Frau Schuhmann sein“, überlegte Lena angestrengt, denn absolut sicher war sie nicht.

»Lena – Lena Traunstein aus Hamburg?«, rief die Frau ihr erfreut entgegen.

„Könnte auch zu einem Menschenhändlerring gehören, der mich nach Osteuropa entführen will. Auf diese Weise bliebe mir das blöde Partnerprogramm erspart“, dachte Lena frustriert bei sich und nickte schüchtern.

»Ähm ja – ich … «

»Herzlich Willkommen in Schwerin. Wartest du schon lange? Ach, tut mir echt leid Kleines. Ich habe mich etwas verspätet. Hattest du eine gute Reise? Ich persönlich finde Bahnfahrten schrecklich langweilig. Du siehst ziemlich erschöpft aus und hast bestimmt Hunger.«

Lena wusste nicht, welche Frage sie zuerst beantworten sollte. »Ich heiße Schuhmann, Edith Schuhmann! Kannst mich auch duzen, wenn du willst. Ist bei euch Kids doch heutzutage üblich, nicht wahr?«, sagte Edith augenzwinkernd.

„War das eine rhetorische Frage?“, kam Lena in den Sinn und lächelte, während sie verunsichert ihren Schulrucksack aufnahm. Frau Schuhmann schnappte sich den Koffer. Dann ging sie auf die Rolltreppe zu und fuhr in den Tunnel hinab. Lena folgte ihr zögernd bis zu einem Fahrstuhl. Sie stieg trotzdem ein und kurz darauf schlenderte sie widerwillig an der ehemaligen Reichsbahndirektion vorbei, bis zu einem großen Parkplatz. Dort luden sie ihr Gepäck in den Kofferraum eines alten Ford Taunus.

Lena beschlich das Gefühl, als ob die Zeit stehen geblieben war, während sie durch die historische Schelfstadt fuhren. Dort standen jede Menge Denkmäler und Fachwerkhäuser. An einem konnte sie die Überreste einer alten Stadtmauer erkennen. Frau Schuhmann hielt schließlich vor einem rot geklinkertem Mietshaus, das sich dadurch von den anderen Gebäuden in der Straße deutlich abhob, welche immer noch vereinzelt an die Plattenbau-Siedlungen der ehemalige DDR erinnerten.

Sie schleppten sich mit dem Gepäck mühsam eine schmale Treppe bis in den obersten Stock hinauf. Frau Schuhmann bewohnte dort ein schönes Maisonett-Apartment. Sie brachte Lena gleich in ein Zimmer, das sie offenbar extra hergerichtet hatte. Auf der rechten Seite, unter der abgeschrägten Wand, befand sich ein frisch bezogenes Bett. Daneben stand ein Nachttisch mit einer komisch altmodischen Lampe, und gleich dahinter war ein Kleiderschrank aufgestellt worden. Auf der gegenüberliegenden Seite konnte man es sich in einem Sessel bequem machen. Eine antike Holzkommode komplettierte die Einrichtung.

Das war also für die nächsten zwei Wochen ihr Domizil. Lena überkam augenblicklich Sehnsucht nach Hause, und wäre am liebsten wieder in den nächsten Zug nach Hamburg gestiegen. »Stimmt was nicht?«

Frau Schuhmann sah ihr die Enttäuschung an.

»Nein, alles in Ordnung«, beteuerte Lena obwohl das gelogen war. Sie hoffte inständig, dass die nächsten zwei Wochen so schnell wie möglich vorübergingen und begann ihre Sachen in den Kleiderschrank zu räumen.

Veränderungen waren nicht wirklich ihr Ding und sie wollte jetzt einfach nur alleine sein!

KAPITEL 3

Der Vollmond hatte es in dieser Nacht nicht gerade leicht. Die Wolken verdeckten immer wieder sein verschmitztes Lächeln. Eine leichte Brise von der nahe gelegenen Ostsee vertrieb sie schließlich doch, und danach glitzerten zusätzlich unzählige Sterne am Firmament.

Am Eingangsportal überragte ein pompöser Turm mehrere kleinere Türmchen, welche rundherum die barocke Fassade des Schweriner Schlosses zierten. Vor mehr als tausend Jahren war es die Burg von Fürst Niklot I. Viel später erbauten seine edlen Nachfahren auf der Halbinsel des Schweriner Sees das wundervolle Märchenschloss und diente danach über viele Jahrhunderte den Herzögen und Großherzögen Mecklenburg-Vorpommerns als Residenz.

In dem riesigen Thronsaal des Schlossmuseums erinnerten vergoldete Verzierungen von den Skulpturen an die Edelleute aus vergangener Zeit. Auf den Fluren fiel der silberne Schein des Mondes durch große Rundbogenfenster der Ahnengalerie. Alle Nachfahren des ersten Königs, angefangen bei Albrecht II von Wismar, waren jetzt schemenhaft auf den Bildern neben anderen Großherzögen zu erkennen. Mit stolzer Miene sahen sie auf irgendetwas oder irgendjemand herab, wie es häufig dem Hochadel zu gefallen schien.

Doch es gab noch ein anderes Bild, das man wohlweislich in einen kleinen Korridor verbannt hatte. Die Zwergen-förmige Gestalt wäre mit seinem herausforderndem Blick den Großherzögen gehörig in die Parade gefahren. Mit ausgebreiteten Armen stand er stolz auf einem Hügel, mit den Fäusten in die Hüfte gestemmt. Er hatte einen auffällig großen Filzhut auf dem Kopf und schulterlang gelockte Haare, die durch eine große weiße Halskrause halb verdeckt wurde.

Plötzlich leuchteten die eingravierten Buchstaben Quid si sic im Rahmen des Bildes auf. Die Lettern begannen sich in einen geisterhaften Nebel zu verwandeln. Dieser löste sich langsam aus dem Rahmen und huschte geschwind durch die Flure an einigen Gemälden der Großherzöge vorbei in den Thronsaal.Dort hatte es sich ein Wachmann bequem gemacht der so laut schnarchte, dass an mehreren Stellen der raue Putz von der Decke bröselte. Der Geisternebel wirbelte stürmisch um den Thron herum. Dadurch kippte dieser ein Stück nach vorne.

Der Wachmann purzelte von dem Sitzpolster und landete krachend auf dem Boden. Benommen rappelte er sich auf und konnte gerade noch sehen, wie der Geisternebel unter der Tür-Ritze hindurch verschwand. Er rieb ungläubig die Augen und eilte zum Ausgang. Nach ein paar Schritten stolperte er über seine Hosenbeine.

Verwundert blickte er an sich hinunter und stellte erschrocken fest, dass ihm seine Hose über den Kniekehlen hing.

»Zum Glück hat mich keiner gesehen!«, murmelt er leise vor sich hin und machte die Hose wieder zu.

Der Geisternebel flog wieder zurück in den Korridor. Außer seinem Bild gab es dort nur noch einen vergoldeten Spiegel. Dieser war so groß, dass sich ein Mensch von Kopf bis Fuß darin betrachten konnte. Sein Spiegelbild beeindruckte den Geist eher wenig. Er entdeckte einen kleinen Hohlraum an der linken Seite des Spiegels und verschwand mühelos darin.

Sogleich kam der Geist an der rückwärtigen Seite des Spiegels erneut hervor. Dahinter befand sich eine schmiedeeiserne Wendeltreppe. Sie war wackelig und schon ziemlich verrostet, was ihm aber nichts auszumachen schien.

Er schwebte mühelos daran herunter und gelangte in einen Geheimgang. Dieser führte zu einer schweren Holztür. Unter dem Türschlitz quoll ein grünlicher Lichtbogen hervor. Der Geisternebel zwängte sich neugierig durch das Türschloss.

In dem Raum dahinter manifestierten sich langsam silberngespornte Stulpenstiefel. Danach ging alles ganz schnell! Ein Kobold mit roten Haaren und Zwirbelbart, der viel zu großen Halskrause und mit blauem Filzhut, nebst silberner Feder auf dem Kopf, nahm mitten in dem Verließ Gestalt an. Es war das Petermännchen, der sagenumwobene Geist des Schweriner Schlosses. Der hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Diebe und Eindringlinge mit derben Späßen und nächtlichem Poltern in die Flucht zu schlagen.

Neugierig schaute sich der kleine Kobold um. Er kannte jedes Verließ im Schloss in-und auswendig, aber dieses hier war ihm neu. Nicht nur, weil es in den Katakomben unter der ehemaligen Burg lag, sondern weil es wie ein Chemielabor eingerichtet war. In der Mitte auf einem Tisch, stand ein unförmiges Gerüst aus Metall. Daran waren jede Menge Reagenzgläser befestigt, die durch spiralförmige Glasröhrchen verbunden waren. Es gab sogar einen Erlenmeyerkolben, woraus eine grünlich schimmernde Substanz langsam aber stetig in ein Gefäß tropfte. Darunter stand ein Bunsenbrenner.

Kaum zu glauben aber wahr, dem Petermännchen wurde unheimlich. Er fühlte sich irgendwie beobachtet und drehte sich vorsichtig um. Mehr als ein dutzend grünlich-funkelnder Augenpaare starrten ihn aus Metallkäfigen an. Sie standen nebeneinander fein säuberlich in mehreren Regalen und darin knabberten riesengroße Ratten vergnügt an den Käfigtüren.

Er war ein Schlossgeist ohne Furcht und Tadel, aber das war doch zu viel für ihn! Es machte „Puff“ und er verwandelte sich wieder zurück in den Geisternebel. Aber wo war jetzt gleich das Türschloss? Er bekam Panik und wirbelte wie ein Tornado durch das Labor. Die Reagenzien und Glasröhrchen begannen zu vibrieren.

Die Käfigtüren flogen auf und die Ratten flüchteten über die Regale auf den Fußboden. Eine Phiole mit fluoreszierender Substanz kollerte dabei unaufhaltsam auf die Kante des Labortisches zu. Kurz davor kam sie beinahe zum Stillstand. Doch dann rutsche sie wie in Zeitlupe herunter. Das Glas zersprang und die grüne Flüssigkeit verteilte sich langsam auf dem Boden. Die Ratten stürzten sich darauf und begannen gierig die Substanz auf zu schlecken.

Das herumwirbelnde Petermännchen hatte nun endlich das Türschloss gefunden und verzog sich wieder durch die kleine Öffnung. Die Ratten liefen wie aufgescheuchte Hühner durch das Labor. Dabei entdeckten sie eine Hintertür, die einen Spalt offen stand. Sie drängelten sich alle auf einmal durch den Türspalt und verteilten sich dann blitzschnell in den dahinter liegenden Katakomben.

KAPITEL 4

Die Nebelschwaden hingen wie weißgewaschene Westen von korrupten Politikern zwischen den Bäumen des Burggartens. Zu dieser frühen Morgenstunde gab es noch keinen Betrieb im Schweriner Landtag, aber dafür hoppelte ein Karnickel am Eingangsportal der Schlosskirche vorbei.

Meister Lampe dachte an nichts Böses, als er seine Lauscher aufstellte und sie in alle Richtungen wandern ließ. Er setzte sich kurz auf die Hinterbeine, bevor er sich entschloss auf die mächtige Eichentür zuzugehen. Schließlich lief er die Treppe hinauf und machte vor einem kleinen Käfig halt. Darin lag ein leckeres Stück Möhre. Er steckte vorsichtig seine Nase in die Öffnung und zögerte.

Erneut horchten seine Lauscher wie´n Radar die Umgebung ab. Sein Appetit auf die kleine Möhre war jedoch größer als seine Angst. Er krabbelte in den Käfig und mümmelte schon an dem Köder, als ihn ein metallenes Geräusch aufschreckte. In dem Augenblick schnappte die Käfigtür blitzschnell zu!

Kurz darauf begannen die rostigen Scharniere der Eichentür zu knarzen. Durch den Türspalt kam eine hässliche sehnige Hand zum Vorschein. Sie ergriff das kleine Gefängnis aus Draht, worin das Karnickel verängstigt umher sprang. Die knorrigen Finger umklammerten den Henkel und zogen den Käfig in die Finsternis. Die schwere Eichentür der Kirche fiel wieder ins Schloss und wirbelte dabei ein paar lose Blätter auf.

Dunkelheit umfing den Käfig und das Karnickel erstarrte. Die erbarmungslose Hand gehörte zu einer finsteren Gestalt in einer braunen Kutte. Sie hatte die Kapuze tief in die Stirn gezogen und schlich mit dem Käfig durch die Basilika. Mit der anderen Hand hielt sie eine brennende Fackel fest. Die viel zu große Kutte rauschte wie ein Besen über den Steinfußboden.

Meister Lampe blickte panisch durch die Gitterstäbe seines Gefängnisses und staunte nicht schlecht, als man ihn mit dem Käfig auf dem Altar abstellte. Was hatte der Mönch bloß vor? Warum tastete er mit seinen grässlichen Klauen die Kante des Altars ab? Dort waren einige lateinische Sätze aus der Bibel eingraviert.

Darunter stach einer ganz besonders hervor: Quid si sic“. Dieser stammte zwar nicht aus der Bibel, aber das war noch niemandem aufgefallen. Der Mönch tastete mit den hässlichen Fingern über die Buchstaben.

Plötzlich geschah etwas Unglaubliches. Direkt vor dem Altar wirbelte Staub auf, während sich im Boden langsam eine Steinplatte bewegte. Das schabende Geräusch hallte durch die Schlosskirche.

Der Mönch verlor keine Zeit. Er schnappte sich den Käfig und verschwand in der Öffnung. Kurz darauf verschloss sich die Steinplatte wie von selbst. Danach wurde es wieder totenstill !

KAPITEL 5

Der erste Schultag war eine Katastrophe. Lena war´s gewohnt, von ihrer Mutter geweckt zu werden und nicht von einer aufdringlichen Matrone. Sie war es gewohnt, eine Schale Müsli mit Milch, Obst und Rosinen auf dem Frühstückstisch vorzufinden, und nicht Butterbrote mit Aufschnitt oder Käse. Sie war es gewohnt, von ihrer Mutter zur Schule gefahren zu werden, und nicht von einer Quasseltante, die ihr pausenlos Fragen stellte.

Nun stand sie in einem Flur des Städtischen Gymnasiums von Schwerin und wusste nicht genau wohin. An diesem Montagmorgen herrschte kurz vor der ersten Schulstunde ein geschäftiges Treiben. Kinder stürmten an ihr vorbei durch die Gänge. Manche rempelten sich gegenseitig an, was natürlich zu Auseinandersetzungen führte, und manchmal in wildem Gerangel oder üblen Beschimpfungen endete. Einem Jungen, der noch nicht ganz wach zu sein schien, wurde von einem Mitschüler absichtlich ein Bein gestellt.

»Mensch Rafi, kannst du nicht aufpassen, wo du hinläufst!«, sagte Mark abfällig.

Rafael strauchelte kurz und machte einen Ausfallschritt. Darauf drehte er sich abrupt um und baute sich selbstbewusst vor seinem Klassenkameraden auf.

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