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DIE EWIGEN. Erinnerungen an die Unsterblichkeit. Band 2. Sammelband der Folgen 6 - 10

Chriz Wagner

DIE EWIGEN


Erinnerungen an die Unsterblichkeit


Sammelband der Folgen 6 - 10




Für meine drei Mädels, Manu, Denise und Celine,
weil ihr immer bei mir seid, egal wo ich bin …




Thyri und Simon sind unsterblich.

Auf ihrer Reise durch die Jahrtausende verloren sie sich aus den Augen. Ihre Geschichten führen uns vorbei an mystischen Orten und magischen Begebenheiten auf der Suche nach dem Grund für ihr ewiges Leben.

SIMON

Mein Name ist Simon.
Ich lebe ewig.
Solange ich zurückdenken kann, bin ich auf der Erde.
Ich habe außergewöhnliche Dinge gelernt auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage:
Wer bin ich?
Ich kann nicht sterben. Ich darf nicht lieben.
Ich bin Simon.

Die Mönche vom heiligen Berg

I

Athos, Byzanz im Jahr 963 nach Christus


Eigentlich hatte ich es eilig, als mir der sonderbare Mann begegnete. Ich hatte den Auftrag, den Heiler aus Acrothooi so schnell wie möglich zum Kloster zu schaffen. Er würde von einer höheren Macht beschützt, sagte man. Und er hätte die Fähigkeit, den Klostervorsteher vom Aussatz zu befreien. Allerdings war mein Hintern von dem Getrampel des Maultiers schon grün und blau geritten. Und ich war froh, mir die Füße vertreten und die Muskeln lockern zu können.

Seit Stunden kämpfte ich mich über karges Felsgestein und sandigen Boden. Staub und Dreck verfingen sich in den Poren meiner Tunika. Ich trug meinen alten römischen Kriegsgürtel. Jetzt rieb mir der Schmutz darunter die Haut an der Hüfte wund. Unvorhersehbare Windstöße wehten Sandkörner in meine Augen und dörrten meine Lippen aus.

Da saß dieser Mann. Ich war überzeugt, dass der Kerl tot war. Mit der flachen Hand schirmte ich die gnadenlose Sonne ab. Heißer Schweiß rann über meine Finger und mein Gesicht. Er hockte mit dem nackten Rücken an der Felswand, die knochigen Arme rechts und links baumelnd, das Kinn auf die Knie gelegt. Seine Augen konnte ich unter dem filzigen, struppigen Haar nicht erkennen. Nur die Nasenspitze lugte daraus hervor.

Ich verzog angewidert das Gesicht. Offenbar war der arme Bursche verhungert. Und dem Gestank nach zu urteilen war das schon länger her. Das bestätigte meine Meinung von dem, was ich über die Eremiten und den Berg Athos gehört hatte: eine Horde lebensmüder Spinner, die sich im Ödland verkrochen, um auf ein göttliches Licht zu warten, das niemals kommen wird.

Richtig ernst wurde der Spuk im Jahr 883 nach dem Erlass des Kaisers Basileos I., der verfügte, seine Soldaten dürften die eremitischen Mönche nicht mehr belästigen. Bis dahin hatten sich nur vereinzelt ein paar Herumtreiber in der Gegend aufgehalten. Ich selbst glaubte eine lange Zeit, es steckten nur Ammenmärchen dahinter – Geschichten, um vorlaute Kinder zu erschrecken: Pass auf, was du sagst. Sonst holen dich die bösen Männer vom Berg und fressen dich auf.

Nach dem Erlass strömte das faule Pack in Scharen auf den Berg Athos: Ehebrecher, Diebe, Mörder und jeder, der sich sonst nirgends mehr blicken lassen konnte.

Und das war daraus geworden: ein verhungerter Landstreicher am Wegesrand. Der beißende Gestank nahm mir die Luft zum Atmen. Ich hustete in meine Faust.

Da drückte etwas die Beine des Leichnams, die wie zwei aneinander gelehnte Knochen aussahen, auseinander. Schwarze Nase und weiße, spitze Zähne. Das Ding knurrte boshaft, sodass Zozo – mein Maultier – kehrt machte und erst nach ein paar Schritten wieder zum Stehen kam. Genau genommen waren es neun Schritte. Warum ich das so haargenau weiß? Dazu komme ich später.

Misstrauisch kniff ich die Augen zusammen und beobachtete den schnüffelnden Zinken. Auf der Suche nach dem Grund für meine Unsterblichkeit, anderen Wesen meiner Art und meiner Familie hatte ich Geschichten von Teufelswesen gehört, die sich durch die Leichen armer Seelen fraßen. Aber dass mir so einer in der Abgeschiedenheit dieser kargen Landschaft begegnen würde, wollte ich nicht so recht glauben. Es gab Straßenräuber, die einem die Ohren abschnitten, ja. Doch die verkrochen sich nicht hinter verstorbenen Eremiten. Sicherheitshalber trat ich einen Schritt zurück.

Die Beinknochen des Toten bewegten sich weiter. Und nach und nach erkannte ich, dass die schwarze Nase das vorderste Ende eines braunen Fellkopfes darstellte. Ich sah Schnurrhaare, eine Stirn und schließlich treue Hundeaugen, die mich vorsichtig von unten herauf ansahen. Und das boshafte Knurren verwandelte sich in ein behutsames Winseln.

Dann plumpste der Schädel des Eremiten zwischen seine Beine. Der Hund machte einen erschrockenen Satz und bellte. Zozo wieherte aufgeregt, schlug mit den Hinterläufen aus und trabte davon.

»Zozo, nein!«, befahl ich. »Hiergeblieben.«

Das war dem Tier egal. Das sonst so faule Vieh galoppierte, als sei der Teufel hinter ihm her. Die beiden Taschen hüpften auf und ab. Ein Apfel flog aus dem Beutel, klatschte auf den Staubboden und rollte vor meine ausgetretenen, römischen Marschstiefel.

Ich wollte hinterherrennen, meinen Proviant einfangen, da rief eine Stimme: »Iraklis, aus!«

Das Bellen erstarb.

Entsetzt sah ich den vermeintlich toten Eremiten an. Und er blickte zurück. Der Mann hatte seinen zerzausten Haarschopf angehoben und die leichenblassen Augen auf mich gerichtet. Wieder kamen mir diese Teufel in den Sinn. Nur ein Ammenmärchen, da war ich mir sicher.

Und in derselben Sekunde sprach er zu mir: »Dieses verflixte Muli hätte mich sowieso aus dem Gleichgewicht gebracht.« Seine Stimme klang dünn und fein, wie auf rauem Faden gespielt.

»Du warst tot«, murmelte ich verdutzt.

»Das wüsste ich«, sagte er und schüttelte das verknotete Kopfhaar nach hinten. Sein Gesicht war vernarbt, die Haut dunkelbraun und glänzend, wie gespanntes Pergament. »Oder wüsste ich es nicht?«, fragte er. »Bemerkst du eigentlich selbst, was für einen Unsinn du sprichst?«

Ich sah ihn erstaunt an.

Er redete einfach weiter: »Der Satz ›Du warst tot‹ ist ebenso unmöglich wie ›Ich lüge gerade‹ oder ›Rasiert sich der Barbier, der genau diejenigen rasiert, die sich selbst nicht rasieren?‹ Hätte ich also bemerkt, dass ich tot war, dann hätte ich diesen Umstand gar nicht wahrnehmen können

»Dein Köter hat meinen Zozo verjagt«, sagte ich, was ihn nicht zu interessieren schien.

»Daraus schließe ich, dass du mich mit deinem Gerede – tot oder nicht tot – schlicht und ergreifend aus dem Gleichgewicht bringen wolltest. So wie dein Muli mit neun Schritten rückwärts das getan hat. Kein Wunder, dass Iraklis ihn verscheucht hat.« Er zählte die Schritte eines Tieres?

»Ohne Zozo bin ich verloren.«

»Er kommt wieder«, sagte er. »Und vielleicht erinnert er sich daran, dass ihm ein zehnter Schritt gutgetan hätte.«

»Kann dein Kläffer nicht mein Maultier suchen?« Es war ein Hoffnungsschimmer. Hunde haben eine feine Nase. Ohne Proviant, vor allem ohne meine Wasservorräte, würde ich es nicht bis nach Acrothooi schaffen. Nicht bei dieser Hitze.

»Wo denkst du hin? Iraklis würde niemals einem Vieh folgen, dessen Satteltaschen so ungleich beladen sind wie deine.« Das klang wie ein Vorwurf – wenn auch ein unsinniger.

Langsam machte mich der Typ mit seinem Gerede wütend. »Was soll das heißen?«

»Angenommen das Tier läuft vierzigtausend Schritte am Tag. Nicht viel für ein Biest dieser Größe, das als Lasttier täglich unterwegs ist. Aber schließlich darf man nicht vergessen, dass die Gegend steinig und hügelig ist.«

Mir wurde sein Gelaber zu viel. Ich verdrehte ungeduldig die Augen.

»Und angenommen die Taschen sind nur um einen einzelnen Apfel ungleich gefüllt«, sagte er und hob den Zeigefinger.

Ich wollte seinen Redeschwall unterbrechen. Deshalb hob ich die Hand zum Gruß. »Simon ist mein Name.«

Er stellte sich auf die Beine. Außer einem undefinierbaren Stofffetzen als Lendenschurz sowie ausgelatschten Sandalen war er nackt. Eine Handvoll Fliegen erhob sich in die Luft, drehte eine Runde und setzte sich wieder irgendwo auf seinem Körper ab. Wo genau, wollte ich lieber nicht wissen.

»Und angenommen er läuft nur auf einer ebenen Fläche, einem Tal oder ähnlichem … und hier ist kein Tal. Oder hast du eines gesehen, Simon? Nein. Und angenommen …«

Ein heißer Luftschwall wehte seinen Gestank zu mir. Ich wandte mich ab und verzog das Gesicht.

»… angenommen das Vieh würde gerade Schrittzahlen laufen, was es aber nicht tut, was sehr schade ist – für das Tier, für dich und für mich.«

Ich warf die Arme in die Luft. »WAS?!«, rief ich. »Was ist dann?«

»Dann sind das vierzigtausend Äpfel, die den Körper deines Maultiers an nur einem Tag zur Seite ziehen. Glaube mir: Zozo merkt es. Nachvollziehbar, dass er ungleiche Schrittfolgen läuft.«

»Herrje, er ist ein Muli!«, entgegnete ich.

Der Eremit deutete dem verschwundenen Maulesel mit dem ausgestreckten Finger hinterher. »Das ist der Grund, weshalb das Tier weggelaufen ist: Deine ungleichgewichtige Lebensweise.«

Jetzt platzte mir der Kragen. »Dein Hund hat Zozo verscheucht!«, schimpfte ich. »Ich verlange Ersatz. Proviant. Ein Reittier. Irgendetwas, womit ich von hier wegkomme.« Mit Zozo wäre ich in ein paar Stunden da gewesen. Ohne ihn war’s ein Tagesmarsch.

»Glaube mir: Er kommt zurück.«

»Woher willst du das wissen?«

»Er ist ein Maultier. Die kommen immer zurück.«

Wie zur Zustimmung bellte sein Hund – zweimal. Eine gerade Zahl. Damals erschien es mir unwichtig.

»Und was soll ich tun, bis sich das Vieh entschließt, hierher zurückzukommen? Mich an die Wand lehnen und tot spielen?«

Der Eremit überlegte kurz. Dann schoss er mir eine entschlossene Antwort entgegen: »Ja.«

»Ich sag dir was«, schnauzte ich ihn an. »Du hast doch mit Sicherheit irgendwo in der Gegend eine Höhle. Ein dunkles Drecksloch, in das du dich verkriechst, wenn die Nacht hereinbricht, oder?«

»Möglich«, sagte er beleidigt.

»Ich weiß, was wir jetzt machen.« Er guckte in die Luft, als hörte er mich nicht. »Du zeigst mir deine Stinkerhöhle und gibst mir Wasser und etwas Essbares. Klar soweit?«

Keine Antwort.

Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Es war besser, die Nacht bei diesem Idioten zu verbringen, als allein in der Dunkelheit. Und vielleicht hielt sein Gestank die wilden Tiere fern.

»Und morgen verschwinde ich von hier.«

»Das Maultier wird uns nicht finden.«

Zozo wird niemals zurückkommen, dachte ich. Ich sah ihn verdurstet und von Wölfen angefressen hinter einem Hügel liegen, umringt von meinem Proviant. »Weißt du was? Wie heißt du?«

»Diogenis«, sagte er mit erhobenem Zeigefinger.

»Weißt du was, Diogenis? Ich nehme mir nur so viel, dass ich über den Tag komme. Und wenn mein Maulesel zurückkommt, gehört er dir. Mit allem, was auf seinem Rücken festgebunden ist.«

Er musterte mich wie ein altes Möbelstück, das man eigentlich nicht in die Wohnung stellen wollte. Wie auf Kommando hockte sich der kleine Hund mit einem Mal auf den Po, machte Männchen und bellte ihn an – zweimal.

»Du musst den Beutel in die Mitte hängen«, sagte Diogenis. Ich sah an mir hinab. Der Ledersack, gefüllt mit ein paar Obolus, baumelte seitlich an meinem Gürtel. »Du weißt schon – das Gleichgewicht. Und ziehe Herrgott nochmal deine Hosenbeine gerade.«

Da stand ich nun, irgendwo in den Bergen und ließ mir von einem halbnackten, eremitischen Mönch sagen, wie ich meine Kleider zu tragen hatte. Wenn ich gewusst hätte, wo das noch alles hinführt, wäre ich auf der Stelle Zozo hinterhergerannt …

II

Wegen des zerzausten Barts und seines klapprigen Körpers wirkte der Eremit auf mich wie ein Greis. Und das, obwohl das filzige Haupthaar noch nicht grau war.

Zunächst lief ich ihm nach, weil ich befürchtete, ich müsste ihn auffangen, wenn er umkippte. Ohne den Trottel würde ich seine Behausung niemals finden. Die fleckige, behaarte und pergamentartige Haut seines Rückens wirkte auf mich, als würde sie bei der nächsten Bewegung reißen. Wenigstens trug er einen Lendenschurz. So musste ich seinen Hintern nicht sehen.

Doch schon bald schnaufte ich ihm nach, weil ich nicht mehr konnte. Der Weg führte zuerst über unebenes Geröll, dann auf den Fels. Seine Schritte stiegen gezielt auf trittfeste Steine und in vorteilhafte Mulden. Ich beobachtete seine Füße und hastete in seine Fußstapfen.

»Gerade gehen«, mahnte Diogenis. Mir war’s gleich, was er sagte. Ich bemerkte, dass er leise zählte. Es war nur ein Flüstern, aber laut genug, um gelegentliche Worte herauszuhören: 254, 256, 258, 260. Ich stapfte mit ihm im Gleichschritt. So war es irgendwie einfacher. Und ich ging aufrecht – meine Entscheidung.

Der kleine Hund Iraklis trabte neben uns her. Ich denke, ich bildete es mir nur ein, doch auch er lief äußerst konzentriert und ausgeglichen. Nur war das natürlich nicht möglich.

»Einheitlichkeit und Gleichsinn«, sprach der Eremit zu sich selbst. »Immer gerade und gleichmäßig … 302, 304 …«

Überall an meinem Körper kitzelten Schweißperlen wie winzige Ameisen hinab. Als wir auf eine Felswand zustapften, dachte ich, wir wären endlich da. Und eigenartigerweise freute ich mich schon auf die Eremitenhöhle.

»Hier ist Schluss«, sagte ich, meinte aber: Wo geht es weiter?

Diogenis blieb still. Nur Iraklis schien mich verstanden zu haben. Er bellte zweimal – gleich laut, gleich stark, wuff-wuff – und rannte vorneweg um einen mannshohen Felsen herum. Dahinter verbarg sich eine Leiter, deren Anblick mir den Atem nahm.

Unendlich lange Holzplanken, nebeneinandergelegt und mit Querbalken vernagelt, sodass es möglich war, daran
hinaufzulaufen, wie auf einer Treppe. Zudem hing da ein Seil, zum Festhalten und Hochziehen.

Ich musste meinen Kopf ins Genick legen, um den ganzen Weg erfassen zu können. Von hier unten zählte ich zweiundzwanzig dieser Sprossenbretter. Scheinbar ungesichert krochen sie an der Felswand nach oben, so weit das Auge reichte. Die ersten Leiterplanken waren so breit, dass bequem zwei Personen nebeneinander laufen konnten. Die Oberen jedoch waren geschätzt nur noch einen Fuß breit und so steil, dass ohne Klettern nichts ging. Der Pfad endete am Gipfel des Massivs, wo es mit Sicherheit keine Höhle gab.

»Was wollen wir da oben?«, fragte ich, meinte aber: Ich will da nicht hinauf.

»Muss Herr Zweifel alles in Frage stellen?«, maulte Diogenis und startete den Weg über die Leitern nach oben.

Nur weil ich Angst hatte, ihn zu verlieren, folgte ich ihm, Iraklis zwischen uns.

»Ich glaube nicht, dass du auf diesem Berg lebst«, sagte ich, hielt mich aber in seinen Fußstapfen. Er blieb stumm. Auch eine Antwort. Ich verstand sie als: Glaub doch, was du willst. Also stieg ich mit hinauf. Mir blieb ja nichts anderes übrig.

Die Füße auf die Querbalken gestützt, zogen wir uns am Seil hoch in schwindelerregende Höhen. Je steiler der Weg wurde, umso dichter lehnte die wackelige Treppe an der Felswand. Bis die Wand schließlich zum ständigen Begleiter an meiner linken Körperseite wurde. Rechts ging es todbringend weit nach unten. Und leider wehte hier oben kein von mir ersehntes Lüftchen.

Wir stapften zu dritt im Gleichschritt. Diogenis zählte mit: »… 16, 18, 20, 22.« Im Gleichklang. Bald fiel mir auf, dass es von Schritt zu Schritt einfacher wurde. Als würde sich der Körper an die kontinuierliche Belastung gewöhnen, anstatt die Kräfte zu verlieren, wie ich es kannte. Außerdem fiel mir auf, dass jede Leiter mit einer geraden Stufenzahl endete. Just als ich über dieses Phänomen grübelte, kamen wir oben an.

Der salzige Duft des Meeres schwappte mir ins Gesicht. Dann sah ich das große Wasser in seiner ganzen Schönheit. In unendlicher Weite spiegelte die Sonne ihr blutrotes Licht in einer Oberfläche aus Milliarden geschliffener Diamanten. Obwohl der Ozean mein alter Bekannter war, packte mich das Bild und brannte sich in mein Gedächtnis. Ein göttliches Gefühl.

*

Mittlerweile war ich imstande, alles zu glauben, was der Eremit sagte. Hauptsache, es gab bald einen Schlafplatz und Flüssigkeit, die meine staubtrockene Kehle benässte. »Hier wohnst du also?«, fragte ich und erkannte sofort, dass meine Frage die magische Stimmung des Augenblicks zerstörte.

»Sei nicht töricht.« Diogenis deutete nach unten. »Einheitlich und im Gleichsinn … und immer schön gerade.«

Ich schluckte den letzten Tropfen Spucke weg und riss ungläubig die Augen auf. Denn das Einzige, was ich neben einer abfallenden Felswand und der Brandung in der Tiefe sah, waren weitere Holzleitern, unzählige, die abwärts führten. Unmöglich.

Den Rest des Weges mussten wir rückwärts bewältigen. Der Eremit ging vor, der Hund bezwang nach mir den Weg. Ich konzentrierte mich auf Iraklis und war von seiner Leistung überwältigt. Er hangelte sich mit dem Maul am Seil entlang und suchte mit seinen winzigen Beinchen auf den Sprossen Halt. Bis dahin hatte ich nicht gewusst, dass Vierbeiner überhaupt nach hinten laufen können.

Diogenis zählte: »… 16, 18, 20, 22.«

Auf dieser Seite des Berges waren die Holzplanken grau und verwittert. Trotzdem hielten sie unserem Gewicht stand. Gott sei dank. Ich hatte keine Lust, in die Gischt zu stürzen, die mit jedem Schritt lauter wurde. Ich gab mir Mühe, mit Diogenis Gleichschritt zu halten. Und wie schon beim Aufweg machte es die Sache auf unerklärliche Weise einfacher. Ich fragte mich, ob an der Lehre mit dem Gleichsinn etwas dran war …?

III

Ich konzentrierte mich auf meine Schritte, auf Diogenis’ Stimme und auf den wohltuenden Duft des Ozeans. Ich war so in mich selbst und mein Innerstes vertieft, dass ich erschrak, als der Eremit verkündete: »Wir sind da. Meine Höhle.«

Verstört sah ich mich um. Wir waren auf einem künstlich errichteten Plateau ungefähr hundert Fuß über dem Meeresspiegel angelangt. Iraklis sprang schwanzwedelnd um mich herum – einmal rechtsrum, einmal linksrum –, bellte zweimal und tippelte davon. Mein Blick folgte ihm und landete zu meiner Überraschung auf einem Gebilde aus Mauern und einem Dach.

»Die Höhle ist ein Haus«, sagte ich überrascht.

Diogenis schmunzelte – vielleicht sogar ein kleines bisschen selbstzufrieden.

*

Das Häuschen wirkte provisorisch und windschief. Das Holzdach und das Mauerwerk aus aufgeschichtetem Ge­röll lehnten am Hang. Es sah fast so aus, als krallte sich das Gebäude am Berghang fest. Die Dachplanken waren mit denselben Gesteinsbrocken beschwert, womit auch das Plateau aufgeschüttet worden war. Und ich fragte mich, ob ein Menschenleben ausreichte, um so viele Wackersteine über den Berg zu schaffen. Die Sonne schickte ihr schwaches Licht zum Horizont. Die Aussicht konnte es mit dem Gipfelblick aufnehmen.

Ich folgte dem Hund die Veranda entlang, die einen vor dem Sturz in die Tiefe und somit dem sicheren Tod bewahrte. Vorbei an einem mannshohen, geschwärzten, hölzernen Kreuz, das aufs Meer hinausblickte, fand ich auf der gegenüberliegenden Seite des Häuschens die Tür. Iraklis schabte mit den Vorderpfoten an einer Stelle, die schon ganz zerkratzt war.

»Tritt ein«, sagte Diogenis und öffnete.

Wir betraten den unförmigen Wohnraum. Die Luft war überraschend kühl. Diogenis’ Unterschlupf sah wie eine gewöhnliche Höhle aus. Sie erinnerte mich an ein Hügelgrab aus ferner Vergangenheit. Ich mochte mir nicht vorstellen, wie jemand dauerhaft zwischen Frischwasserkrügen, Proviantbastkörben, Fellen und Strohmatten leben konnte. Der Eremit trat als Letzter in den Raum und sein Gestank überflutete alle Gerüche, sodass ich einen Würgereiz wegschlucken musste.

»Mach es dir gemütlich«, sagte er und ich dachte sofort an einen Schlafplatz, direkt unter dem Fenster, als er fortfuhr: »Ich werde draußen schlafen.«

*

Nach erfrischendem Wasser und getrocknetem Salzfleisch setzte ich mich an die Klippe, lauschte den Wellen und beobachtete den Mond. Diogenis lehnte im Schneidersitz mit dem Rücken an der Berghütte, die Arme auf die Beine gelegt, die Augen geschlossen. Iraklis gesellte sich zu mir. Sein Schwanz schlug aufgeregt gegen meine Körperseite.

Ich brach die Stille.

»Warum?«

Diogenis bewegte sich nicht. Er atmete ruhig und gleichmäßig, fast wie ein Schlafender. Ich fuhr durchs zottelige braune Hundefell, was Iraklis beruhigte. Er legte sich auf die kurzen Beinchen.

Weil ich keine Antwort auf meine Frage bekam, ließ ich den Eremiten gut sein und spielte mit dem Hund. Ich umfasste seine Schnauze. Er wehrte sich. Ich kraulte ihn als Belohnung hinter dem Ohr. Der kleine Kerl freute sich und klopfte mit dem Schwanz auf den Boden. Zum zweiten Mal packte ich sein Mundwerk.

Diogenis seufzte. »Du möchtest wissen, warum?«

Ich nickte.

»Warum ich hier bin?«

Ich nickte wieder.

»Dann lass den Hund in Frieden«, befahl er. »Du bringst ihn aus dem Gleichgewicht.«

Unschuldig hob ich beide Hände hoch und zeigte ihm die Handflächen.

»Ich sage dir warum«, meinte Diogenis und holte einmal tief Luft. »Ich will das Licht sehen.«

Na klar, dachte ich mir. Das Licht. Ich wusste es.

»Ich weiß, was du denkst«, sagte er. »Du glaubst nicht daran. Du vermutest, ich bin ein Spinner.«

Ich setzte ein argloses Gesicht auf, tat mich aber schwer, meine Meinung zu verbergen.

»Du kannst glauben, was du willst«, fuhr er fort. »Auch ich hatte Zweifel – eine lange Zeit. Aber die Stille, der Gleichsinn und die Einigkeit mit mir und meiner Umgebung haben mich eines Besseren belehrt. Die äußere und innere Ruhe bringt den Eremiten in den Zustand des völligen Seelenfriedens. Es ist der Moment, wenn er mit seiner Umwelt so sehr eins wird, dass er von seinen Mitmenschen nicht mehr bemerkt werden kann. Er ist sozusagen unsichtbar.«

»Unsichtbar«, wiederholte ich abfällig. »Weg? Nicht mehr da? Aufgelöst?«

»Nein. Du verstehst es nicht«, entgegnete er. »Der Körper ist noch da. Er sitzt, er atmet, er lebt. Aber er wird von Außenstehenden nicht wahrgenommen. Er wird so intensiv ignoriert, dass er komplett ausgeblendet wird und damit nicht weiter wahrnehmbar ist.«

»Wenn du meinst«, murmelte ich und kraulte Iraklis hinter dem Ohr. Genießerisch drehte er den Kopf.

»Dieser Zustand ist die Voraussetzung für eine besondere göttliche Gnade: Dann kann der Eremit in einer Vision das ungeschaffene Taborlicht wahrnehmen.«

Der kleine Wuschelhund legte sich auf die Seite, schloss die Augen und hielt die Pfoten abgeknickt in die Luft. Aufgrund des dichten Fells war sein Unterleib nur schwer auszumachen. Aber nun konnte ich zwischen seine Beinchen schauen. Ich war zwar kein Hundekenner, aber wenn mich jemand nach meiner Meinung gefragt hätte, hätte ich gesagt, dass Iraklis eine Hündin war. Ich war verwirrt. Weibliche Tiere waren auf Athos strengstens verboten.

Diogenis lenkte mich ab.

»Es ist die unmittelbare Gotterfahrung. Das Taborlicht ist kein Teil der Schöpfung.« Diogenis’ Augen schauten hoffnungsvoll in die Ferne, als könne man dort erahnen, wie dieses geheimnisvolle Licht aussah. Dann schloss er die Lider und atmete einmal kräftig aus.

Die Hundedame wurde unter meinen Händen immer ruhiger, bis sie gleichmäßig schnaufte. Die Sonne verkroch sich hinter dem Horizont und schon bald konnte ich das unendliche Meer nur noch hören und riechen.

*

Ich blieb noch eine Weile sitzen, ging meinen Gedanken nach und lauschte dem Schnarchen des Köters. Auch Diogenis gab Grunzlaute von sich. Als ich hinüberblickte, saß er noch immer meditierend da, die Augen geschlossen, der Atem gleichmäßig. Ich stellte mir vor, wie der verrückte alte Kerl seine Herzschläge zählte, damit sie mit den Atemzügen im Gleichklang waren.

Im Grunde mochte ich diesen Ort nicht. Die Halbinsel Athos hatte sich als eine Männerinsel entpuppt. Frauen durften den heiligen Boden nicht betreten. Das ging so weit, dass die Mönche, die für die Verwaltung des Mönchsberges verantwortlich waren, sogar die Anwesenheit von weiblichen Tieren untersagt hatten. Mit Ausnahme von Hühnern – wegen der Eier.

Aus diesem Paradiese ist das Weib verstoßen, damit der Mann nicht jenes Paradieses verlustig gehe, besagte das Avaton, wie man in Athos das Zutrittsverbot für Frauen neuerdings nannte. Umso eigenartiger war es, dass Iraklis ein Weibchen war. Ich beschloss, Diogenis danach zu befragen.

Es hatte einen Grund, dass ich es auf Athos bereits so lange ausgehalten hatte: die Sprachen. Ich hatte erkannt, dass es für mich wichtig war, mich intensiv mit den unterschiedlichsten Ländersprachen auseinanderzusetzen. Das erleichterte mir das Reisen und ließ mich an fremden Orten weniger fremd erscheinen. Der Mönchsberg war dafür ideal. Menschen aus aller Welt kamen hierher, um sich an diesem Ort niederzulassen. Die meisten Mönche stammten aus dem Byzantinischen Reich. Aber mittlerweile siedelten auch die ersten russischen und georgischen Gläubigen hier. Ich hatte Serbier getroffen und auf der Baustelle des Klosters Zographou schufteten Rumänen und Bulgaren. Ich hörte sogar von Amalfitanern, die angeblich ganz in der Nähe ansässig waren. Und ich beschloss, dort bei Gelegenheit ein paar Monate zu verbringen, um des Italienischen mächtig zu werden.

Für gewöhnlich half ich auf der Klosterbaustelle mit, wo immer meine Hände und mein Wissen gebraucht wurden. Und in meiner Freizeit beschäftigte ich mich mit den Sprachen, arbeitete regionale Merkmale heraus und unterhielt mich mit den Leuten.

*

Ich erschrak, als ich Diogenis mit eigenartig tiefer und langgezogener Stimme reden hörte: »Ich seeehe es. Es ist daaaa. Ganz in der Nääähe.«

Ich war sprachlos.

»Besucher Simon. Sag mir: Kaaanst du mich noch seeehen?«

Natürlich sah ich ihn. Er hatte sich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht wegbewegt. Offenbar glaubte er an den Unsinn, den er von sich gab. Von wegen Unsichtbarkeit. Ich wusste es: Alles nur Wunschträume eines bemitleidenswerten Spinners.

Ich wollte ihm eine Freude machen. Schließlich hatte er nichts anderes als seinen Glauben und würde wahrscheinlich auch niemals etwas anderes haben.

Darum sagte ich: »Nein. Du bist unsichtbar.«

Er lächelte. Und in meinem Herzen wurde es warm.

IV

Ich war auf dem Weg nach Acrothooi und ich war furchtbar wütend; auf die karge Landschaft, auf die brennende Sonne und auf Diogenis. Besonders auf Diogenis. Seinetwegen schlurfte ich schon den ganzen Tag durch den Dreck, beladen wie sonst nur mein Muli Zozo, das wiederum seinetwegen angefressen in irgendeinem Graben lag. Zu allem Übel hatte ich letzte Nacht fast kein Auge zugetan. Der Hund schnarchte und der Eremit stank zum Himmel.

Trotzdem war ich morgens guter Dinge gewesen. Diogenis hatte mich mit ausreichend Wasser und Brot versorgt, hatte mir Feigen mitgegeben und mir versichert, dass der Marsch nur einen halben Tag dauern würde. Vielleicht etwas länger. Und ich war wild entschlossen gewesen, diese Zeit zu unterbieten.

Nun war später Nachmittag und kein Dorf in Sicht. Ob ich mich verlaufen hatte?, fragte ich mich und erklomm zum hundertsten Mal einen Felshügel, um von da oben die Umgebung auszukundschaften. Und wie jedes Mal hoffte ich, endlich dieses Nest und um Himmels willen keine Räuber zu entdecken.

Ich erinnerte mich an das Gespräch. »Was? Iraklis ist eine Hündin?«, hatte er gesagt, dabei aber wenig überrascht geklungen. Er hielt mich davon ab, den Hund umzudrehen. Stattdessen beichtete er: »Sie heißt Ira und sie ist mein liebes Mädchen. Was hätte ich tun sollen? Sie ersäufen?« Und als die niedliche Ira mich mit ihren treuen Hundeaugen ansah, konnte ich nicht anders, als ihre Lefzen zu streicheln und zu sagen: »Für mich bleibst du der Iraklis.« Daraufhin hatte sie gebellt – zweimal, gleich laut, gleich lang.

Mit der flachen Hand schirmte ich mir die Sonne aus dem Gesicht. Ich war mir nicht sicher, aber am Ende des Horizonts schienen meine Augen etwas auszumachen. Noch gut zwei gottverdammte Stunden, fluchte ich in Gedanken und kratzte mir den getrockneten Schweiß von der Stirn. Ich kletterte vom Felsen und stapfte geradewegs auf das Ziel zu.

Ich zählte 2, 4, 6, 8, so wie der Eremit es getan hatte und hielt dabei Schultern und Hüften gerade. Ich atmete gleichmäßig, mit dem ersten Schritt ein, bei jedem Zweiten wieder aus, wie ich es den ganzen Tag trainiert hatte. Es war simpel. Die Wasserbeutel baumelten mittig an meinem Rücken. Auf diese Art fiel mir die Wanderung tatsächlich leichter.

Und für einen kurzen Augenblick hatte ich sogar alles um mich herum vergessen: Diogenis, Iraklis, das Missgeschick mit Zozo und den Umstand für diese misslungene Reise, diesen widerwärtigen Aussatz …

V

Das Schlimmste war der üble Geruch. Je näher ich dem Dorf kam, umso intensiver fraß sich der Mief in meine Sinne, bis ich ihn nicht mehr nur riechen, sondern sogar schmecken konnte. Und ich dachte mir, so stelle ich mir die Ausdünstungen meines Maultiers vor, das seit gestern tot in der Sonne brät. Aber was noch viel erschreckender war: Dieser Gestank war menschlich.

Sofort schoss mir ein Wort durch den Kopf, das mich von da an nicht mehr loslassen wollte: Aussatz.

Kaum war ich bei der Siedlung angekommen, sah ich einen Mann mit einem gelben Loch an der Stelle, wo seine Nasenwurzel hätte sein sollen. Dann erschrak ich, weil sich seine Augenhöhlen so weit nach innen zogen, dass mich nur noch zwei dunkle Flecken anglotzten. Trotzdem lächelte er. Und er grunzte etwas Unverständliches.

Aussatz – das waren entstellte Gesichter.

Und danach, als hätte eine übersinnliche Macht meine Ankunft angekündigt, kamen von überall her Monster aus den Baracken gekrochen. Die meisten wackelten auf zwei Beinen, den Körper umhüllt von Tüchern, die überwiegend aus Staub und Löchern bestanden. Ein Mann schleppte sich auf dem Hinterteil in meine Richtung über den Sandboden. Er zog seinen Torso mit blutigen Stümpfen vorwärts, wo eigentlich die Hände hätten sein müssen. Ein anderer, kahlköpfiger, sah mich mit seinem schwülstigen Gesicht an. Furunkel und Krater überzogen seinen Kopf, sodass man nur noch erahnen konnte, wo sich die Augen versteckten.

Aussatz – das waren verstümmelte Finger und Zehen.

Schließlich erschien der Skelettmann. Auch er hatte ein dunkles Loch, wo seine Nase hingehört hätte. Die Lippen zogen sich wie brüchiges Dörrfleisch über die Zähne zurück, weshalb er den Mund nicht mehr schließen konnte. Er lächelte unentwegt, humpelte auf mich zu und hob einen Armstumpf grüßend in die Höhe. Sein Schädel wirkte wie ein lebend gewordener Skelettkopf.

Aussatz – das war fehlendes Schmerzempfinden.

»Mein Name ist Iassonas«, sagte er. »Wer bist du? Was suchst du hier?« Er klang wenig erfreut. Trotzdem grinste er – weil er nicht anders konnte.

Ich tat einen Schritt rückwärts.

»Ich komme im Auftrag des Klostervorstehers Emilios vom Kloster Zographou. Ich will zu eurem Arzt.«

Jetzt grinste er wütend. »Zographou ist kein Kloster. Zographou ist ein heidnischer Dreckshügel, das kannst du deinem Emilios sagen.« Dann lachte er, bis sein Bellen in ein Keuchen überging.

Aussatz – das waren Infektionen, Husten bis zum grundlosen Herzstillstand.

Ein paar der entstellten Männer patschten zustimmend ihre Stümpfe aneinander. Ich drehte den Kopf weg und trat noch einen Schritt zurück.

Aussatz – das war der lebende Tod.

*

Unterdessen wankte die stinkende Menschengruppe näher an mich heran, als mir lieb war. Ich hatte schon oft Menschen gesehen, die mit diesem Fluch belegt waren. Jedoch nie so viele zugleich. Und die Vorstellung, unzählige schmerzlose Verletzungen könnten bei mir entzündete Fingerstümpfe zurücklassen, die bei lebendigem Leibe faulend abfielen, fand ich abscheulich. Mit der Hand verdeckte ich Mund und Nase.

Ein paar der Untoten schnaubten verächtlich. Unmenschlich. Entstellte Löwengesichter begafften mich.

»Bringt mich zu eurem Heiler«, sagte ich.

Der Arzt von Acrothooi wurde angeblich von einer höheren Macht beschützt. Nur deshalb blieb er gesund. Und höhere Mächte waren das, was der Klostervorsteher dringend brauchte, seitdem er diese Krankheit hatte. Für mich war es die Gelegenheit, den mysteriösen Heiler endlich einmal kennenzulernen. Immer wenn mir Geschichten über wundersame Genesungen oder ewig kerngesunde Menschen unterkamen, wurde ich hellhörig und dachte an Wesen meiner Art. Ich war seit jeher auf der Suche nach Gleichgesinnten, nach Mitgliedern meiner Familie und nach der Antwort auf die Frage: Wer bin ich? Vielleicht konnte mir dieser rätselhafte Heilkundige weiterhelfen. »Dann seid ihr mich auch schon wieder los«, sagte ich und wollte den Skelettkopf damit besänftigen. Stattdessen wurde er noch wütender.

»Warum sollten wir Emilios helfen? Wir sind ihm nie begegnet. Und doch mischt er sich in unser Leben ein, als gehöre Acrothooi ihm ganz allein.« Er riss den Mund auf und zeigte mir die schwarzen Zahnstümpfe. Ein Schwall grauenvolle Atemluft wehte in mein Gesicht.

Von mir unbemerkt hatten die Kerle einen Kreis gebildet und mich in die Mitte genommen – in die Zange.

Ich blickte über deformierte Köpfe, fleckige Haut und offene, zersetzte Nasenknorpel hinweg und lotete die Gegend aus. Das Dorf der Aussätzigen lag in einer Senke mit Schutz vor Windböen. Sie hatten ihre windschiefen Holzbaracken im Halbkreis aufgestellt, mit den Türen nach innen. Keine Barrikaden, keine Zäune. Wozu auch? Hier gab es nichts zu holen – außer ein ewiges Grinsen. Und wenn man leicht hineinkam, dann konnte man ebenso einfach wieder heraus. In Gedanken flüchtete ich durch die Dorfmitte und auf die andere Seite hinter den großen Hügel. Niemand der Anwesenden war auch nur annähernd in der Lage, mir bei einem Sprint zu folgen.

»Hört zu. Ich weiß zwar nicht, warum Emilios euch so wütend gemacht hat, aber …«

»Das kann ich dir sagen«, schnauzte Iassonas mich an.

Und seine Kumpanen schnürten den Ring um mich noch enger. Von nun an wäre eine Flucht nur mit einem Sprung über den beinlosen Aussätzigen möglich gewesen. »Man hat uns angewiesen, Acrothooi nicht zu verlassen. Wir sitzen fest, wie die Krabben in einer Pfütze. Wer zur Wasserstelle möchte, hat sich an die vorgeschriebenen Zeiten zu halten. Außerdem muss er ein Kupferglöckchen mit sich tragen und unentwegt damit läuten. Einer von uns – er hieß Theodosius – hatte es gewagt, aus dem Dorf zu verschwinden und auf den Berg zu steigen. Ich glaube, er wollte den Horizont sehen. Die Nacht darauf lag sein totgeschlagener Leichnam hier, wo wir jetzt stehen. Na, was sagst du? Das ist das wahre Gesicht deines Emilios.«

Ich schluckte.

Er senkte den grinsenden Skelettkopf. Ich folgte seinem Blick, sah seine Füße. Die Haut um die Zehen hatte sich um die Knöchelchen zusammengezogen. Die Zehennägel wirkten überdimensional groß.

»Acrothooi ist kein Zuhause«, flüsterte er. »Es ist das Gefängnis der lebenden Toten.«

Die Vorstellung, den Rest meines Lebens in diesem Grab zu verbringen, fand ich schrecklich. Und ich konnte nicht nachvollziehen, weshalb diese Menschen überhaupt hierhergekommen waren.

»Warum packt ihr nicht eure Sachen und verschwindet?«

»Es ist die letzte Chance«, sagte Iassonas. »Hier, am Fuße von Athos, können wir Gott nahe sein. Während die Menschheit sich durchs Erdenleben quält, haben wir die einmalige Gelegenheit, Buße zu tun. Für uns steht das Himmelreich offen. Bleibt nur das Warten auf den schnellen Tod.«

Die anderen nickten zustimmend.

Da wusste ich: Diese armen Kerle würden niemandem etwas zuleide tun. Und ich versuchte es mit einem gezwungenen Lächeln.

»Du hast Glück«, sagte Skelettkopf. »Der Arzt ist da. Er wohnt einen Tagesmarsch von Acrothooi entfernt. Aber er ist heute eingetroffen. Folge mir.«

Und ich war gespannt, um was für einen Menschen es sich bei diesem geheimnisumwobenen Heiler handelte …

VI

Als ich das Haus des Arztes sah, war ich verwundert, weshalb alle anderen Menschen von Acrothooi in verfallenen Baracken lebten. Dieses Wohnhaus war aus Lehmziegeln gemauert, mit einem Holzdach versehen und sogar Drumherum ein wenig begrünt. Es lag leicht abseits. Ein Weg führte durch einen einfachen Gemüsegarten geradewegs auf den Eingang zu, sodass ich mich gleich wohl und eingeladen fühlte. Weg von dem tristen Grab der lebenden Toten.

Auf den zweiten Blick sah ich einen Mann in traditioneller, orthodoxer Mönchskleidung. Er trug ein tiefschwarzes Kleid und ein ebenso schwarzes Klobuk mit langem Schleier auf dem Kopf. Mir den Rücken zugewandt hantierte er an einem Maultier. Das muss der Arzt sein, dachte ich. Doch als er einen Schritt zur Seite tat, stockte mein Atem. Unmöglich. Unfassbar.

»Zozo«, rief ich und mein Herz ging dabei auf. Ich hatte nicht damit gerechnet, meinen treuen Gefährten je wiederzusehen. Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen.

Meine Gedanken sprangen ziellos hin und her. War es ein Schicksalswink, dass ich ihn im Dorf der lebenden Toten wiederfand? Aber wie …?

Da drehte sich der Mönch um. Diogenis.

»Sei gegrüßt, Simon«, sagte er mit naiver Leichtigkeit.

Das Erste, was mir einfiel, war ein abfälliger Fluch.

»Was zur Hölle tust du hier?«

»Ich kümmere mich um das Gleichgewicht. Solltest du auch tun.«

Ich war schockiert. In diesem Gewand sah er sogar ein wenig erhaben aus. Mein Mund öffnete sich unkontrolliert und klappte wieder zu.

»Und …«, stotterte ich, »… und was machst du mit meinem Muli?«

»Mein Maultier«, sagte er beiläufig.

»Aber …«

»Du hast es mir geschenkt. Erinnerst du dich? Ich hatte dir gesagt, dass es zurückkommen wird.«

Fassungslos starrte ich den Eremiten an. Dann stieg brennende Wut in mir auf. Der Scheißkerl hatte mich reingelegt! Ich wollte nur noch eins: weg von hier. Und ich befürchtete, ich könnte dem Kerl versehentlich eine reinhauen.

Ich wandte mich dem Skelettkopf zu.

»Aber … aber … Wo ist der Heiler?«

»Er ist unser Arzt«, sagte er und deutete auf Diogenis.

Da kam auch schon Iraklis aus dem Ärztehaus und bellte mich freudestrahlend an – zweimal – gleich laut, gleich lang.

Ich konnte nicht anders als den kleinen Kerl zu wuscheln.

*

Es fiel mir schwer, diesen Trottel um Hilfe zu bitten. Schließlich hatte er mich durch die Wüste geschickt und mich meines Mulis beraubt. Wie ein schwerfälliger, verwundener Knotenballen saß die Wut in meinem Bauch und glimmte.

»Ich …«, sagte ich und rang um Fassung.

Diogenis erkannte sofort, dass ich etwas zu sagen hatte, das mir unangenehm war. Er riss die Augen auf und lächelte erwartungsvoll. Vielleicht freute er sich auf ein ’Du hattest Recht.’ Aber das würde er aus meinem Mund im Leben nicht zu hören bekommen. Niemals.

Ich schluckte den Wutballen weg und beschoss den Eremiten, ohne ihn dabei anzusehen, mit meiner Bitte: »Du musst mitkommen und Emilios von Zographou helfen.«

Er reagierte nicht. Niemand bewegte sich. Stille. Und es schien, als würden sie nicht einmal mehr atmen. Ich blickte in Diogenis’ Augen. Aber er zuckte nur kurz, riss sie noch weiter auf und wippte mit dem ganzen Körper vor und wieder zurück.

Dann ging mir ein Licht auf.

»Bitte«, hörte ich mich sagen und fühlte, wie die Wärme des Wutballens in meinem Magen zunahm. Trotzdem lächelte ich – so nett es mir möglich war.

Die Spannung ließ nach. Die Zombies um uns herum atmeten erleichtert aus.

Ich war froh, diese Aufgabe hinter mich gebracht zu haben. In Gedanken wandte ich mich bereits ab und packte unsere Sachen auf Zozos Rücken. Ich dachte darüber nach, während der Nacht zu reisen. Dann könnten wir schon früh am Morgen …

»Nein.«

… an der Klosterbaustelle ankommen und …

Es dauerte einen Augenblick, bis ich begriff, was er gesagt hatte. Und ich spürte, wie der Knoten in meinem Bauch heißer wurde.

Unsicher hakte ich nach: »Warum nein?«

»Weil ich deinen Emilios nicht ausstehen kann«, sagte Diogenis und erntete dafür Applaus – jawohl, richtig so.

Sprachlos sah ich ihn an.

»Und außerdem«, fügte er an, »kann ich diese ganze Sache nicht leiden. Die Klöster, die Zentralisierung, die vielen Menschen aus aller Herren Länder.«

Der steinharte Ballen in meinem Bauch schien nur noch aus glühender Wut zu bestehen.

»… das bringt mich aus dem Gleichgewicht«, sagte er salopp.

Der brennend heiße Wutballen stieg in meiner Kehle hoch. Ich hatte das Gefühl, jede Sekunde explodieren zu müssen.

Ich spannte die Wangenmuskeln an und biss die Zähne aufeinander. Dann zischte ich scharf: »Warum hast du mir eigentlich nicht gleich gesagt, dass du der Heiler bist?«

»Du hast mich nicht danach gefragt«, meinte er beiläufig. »Und außerdem ist es irrelevant – weil ich ja sowieso nicht mitkomme. Punkt.«

Er machte kehrt und drehte mir den Rücken zu.

Meine Hände ballten sich zu knallharten Fäusten mit weißen, blutleeren Knöcheln. Mein ganzer Körper straffte sich. Ich wollte den Mann packen, ihn wie einen Feigensack über den Eselrücken werfen und mit ihm losreiten.

Da kam mir der Einfall.

Ich schluckte die wütende Sonne, die in meinem Hals langsam nach oben kroch, zurück in meinen Bauch und atmete tief ein und wieder aus.

Und dann sagte ich seinen Namen: »Diogenis.«

»Ja?« Er sang es fast.

»Möchtest du uns eine Kleinigkeit über Iraklis sagen?«

Er riss den Kopf hoch und sah mich mit großen Augen an.

»Möchtest du?«, fragte ich noch einmal.

Und mit einem Schlag sah er gar nicht mehr so von sich selbst überzeugt aus. Eher verstört. »Was …?«

Ich grinste, sagte aber nichts.

Er wusste genau, wovon ich sprach. Wenn auch nur einer von den Bewohnern dieser Stadt wüsste, dass Iraklis in Wirklichkeit eine Ira war, dann hätte ihr letztes Stündlein geschlagen.

Diogenis’ Stimme zitterte: »Du würdest doch nicht …?«

»Hm …«, brummte ich und verbreiterte mein Grinsen.

Und als wäre nichts gewesen, nahm Diogenis seine normale Körperhaltung ein und sagte: »Oh. Hab’s mir soeben anders überlegt. Wann reiten wir los?«

VII

Am nächsten Morgen waren wir auf dem Fußweg durch die Felswüste. Leichter Wind täuschte über die Hitze hinweg und der Sand kitzelte in meiner Nase. Diogenis hatte den beladenen Zozo im Schlepptau, der sich beharrlich weigerte, tiefer in die Wüste hineinzugehen. Immer wieder musste man am Zaumzeug zerren, damit das Maultier nicht stehen blieb. Wer weiß, was es erlebt hatte, als es die Nacht allein in der kargen Gegend verbracht hatte. Ich stapfte hinter dem Muli her. Das knochige Hinterteil wankte einschläfernd hin und her. Hin und her. Hin und her.

Eigentlich wollte ich die Wegstrecke in der kühlen Dunkelheit zurücklegen. Bis dieser blöde Eremit die Straßenräuber zur Sprache brachte, die nachts den Reisenden die Köpfe abtrennten. Wieder einmal hatte er Recht. Das ärgerte mich.

Vergangene Nacht, in dem Häuschen in Acrothooi, quälte ich mich durch tausend schlaflose Stunden, in denen mich eine Mischung aus saurem Schweißgeruch und nervtötenden Fliegen wach hielt. Und als ich eine wegschlug, sabberte mir der müde Kläffer aufs Gesicht.

Jetzt schläferte mich Zozos pendelndes Hinterteil beinahe im Gehen in den Schlaf. Hin und her. Hin und her. Hin … und her …

Iraklis tippelte vergnügt neben mir. Fasziniert beobachtete ich, dass der Hund mit exakt der doppelten Schrittgeschwindigkeit des Eremiten unterwegs war. Ein eingespieltes Team – im Gleichklang. Und sogar Zozo schloss sich deren Trott an.

Ich entschied mich mitzumachen. Und abermals lief es sich leichter, wenn man dem Rhythmus der Reisegesellschaft Folge leistete. An dieser Einklang-Sache war tatsächlich etwas dran. Davon war ich mittlerweile überzeugt. Bloß würde ich das nie zugeben.

»Weißt du«, meinte Diogenis, »heilen ist wie wandern. Es geht einzig und allein um die Ausgewogenheit.«

Womöglich will er mir jetzt weismachen, dachte ich, dass durch eine angemessene Schrittfolge der Aussatz verschwindet.

»Ach«, sagte ich und stampfte unauffällig im Gleichtakt zu Zozos monotonem Pendelpo.

»Der Körper gerät aus den Fugen, wenn er sein Gleichgewicht verliert. Die ganze Welt basiert auf Gleichsinn.«

Ich reagierte nicht. Aber nicht, weil ich überzeugt war, dass seine Theorien Blödsinn waren. Sondern, weil ich Angst hatte, er könne schon wieder Recht haben.

Diogenis redete trotzdem weiter: »Nimm beispielsweise den Geist. Zwei Menschen, deren Verstand nicht im Einklang ist – weil sie vielleicht andere Ansichten vertreten – werden miteinander nicht auskommen. Ihr Gleichklang ist gestört. Vielleicht hassen sie sich sogar und bringen damit ihrer beider Welten auf den unrechten Pfad – nur wegen fehlenden Gleichgewichts.«

Ich hörte weg. So gut ich konnte.

»Mit dem Körper ist es ebenso. Vier Säfte bestimmen die Gesundheit: die gelbe und die schwarze Galle, Blut und Schleim. Sie stehen für Feuer, Erde, Luft und Wasser. Die Elemente des Lebens. Die Körpersäfte müssen stets ausgewogen sein. Im Gleichsinn. Herrscht ein Ungleichgewicht, belastet es auf Dauer den Organismus – wie der fehlende Apfel in Zozos Korb. Erinnerst du dich? Und dann wird der Mensch krank.«

Ich brummte.

»Glaubst du nicht?«, fragte der vermeintliche Heiler.

Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was ich denken sollte. Er schien in vielen Dingen Recht zu haben. Und trotzdem war er ein Spinner.

Ich vermied eine Antwort.

»Hauptsache du bekommst den Klostervorsteher wieder hin«, sagte ich. »Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, sah er mehr tot als lebendig aus.«

»Weißt du, Simon«, sinnierte er, hielt kurz an und sah mir in die Augen, »tot sind wir alle doch längst. Der eine schon eine halbe Ewigkeit, der andere weniger.«

Ich erschrak. Konnte er wissen, was ich war? Wer ich war? Unmöglich.

Ich fragte vorsichtig nach: »Wie … wie meinst du das?«

Er lachte. »Da lebt der Mann unter den Mönchen und hat es noch immer nicht begriffen …«

Langsam kam ich mir wie ein Schuljunge vor, der von seinem Lehrer eine Lektion erhielt. Trotzdem war ich mir nicht zu schade, noch einmal nachzufragen: »Was begriffen?«

»Was denkst du, weshalb du das einzige Mannsbild auf Athos bist, das keinen langen Bart trägt?«

Weil ich der einzige zivilisierte Mensch bin, dachte ich, sagte aber nichts dazu.

»Nach unserem Glauben sind wir alle längst tot. Und Verstorbene pflegen, rasieren und frisieren sich nicht. Wer tot ist, gräbt sich ein, sobald es an der Zeit ist. Oder er lässt seinen Körper begraben.«

Er drehte sich um und setzte sich auf den Boden.

»Was wir tun ist abwarten und Buße tun, bis wir geholt werden. Sonst nichts.« Er rieb sich die Hände. »Pause.«

*

Es ärgerte mich, dass dieser schräge Vogel so viel wusste. Es war an der Zeit, ihn aus dem Gleichklang zu bringen, nur um ihn etwas zu ärgern. Ich rätselte nur noch wie?

Als ich den Wasserbeutel aus Zozos Satteltasche holte, nahm ich automatisch auch Diogenis’ Beutel heraus, damit das Gleichgewicht stimmte. Dann setzte ich mich in den Dreck und gab ihm das Wasser. Ich schlüpfte aus einem Schuh. Gleich kam Iraklis angehüpft, bellte zweimal vergnügt – gleich laut, gleich lang – und stellte seine Vorderpfoten an meine Brust.

»Musst ihm nichts geben«, sagte der Eremit. »Er bekommt von mir.«

Ich streichelte ihm durchs Fell und kraulte ihn hinter dem Ohr, was er sichtlich genoss. Anschließend schüttete ich einen Mundvoll Wasser in meine Hand und ließ ihn saufen. Die Zunge kitzelte über die Handfläche. Als ich den zweiten Schuh loswerden wollte, kam mir der Einfall.

Ich schwenkte den Fuß.

»Na los, Iraklis. Zieh an.«

»Lass das«, maulte Diogenis. »Hund. Komm her.«

Iraklis wedelte mit dem Schwanz und sah mich an. Den Kopf legte er schief.

»Zieh«, befahl ich und hielt ihm den Fuß mit dem Schuh vors Maul.

»Hör auf mit dem Käse«, sagte Diogenis. »Du bringst ihn aus der Balance.«

Das Tier blickte unsicher zwischen Diogenis und mir hin und her.

»Komm her«, forderte der Eremit barsch.

Der Hund drehte den Kopf beschwichtigend zur Seite und schnüffelte unterwürfig am Boden.

»Siehst du«, sagte Diogenis vorwurfsvoll. »Jetzt ist er ganz durcheinander.«

»Er weiß genau, was er will«, meinte ich, mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Dann flüsterte ich liebevoll: »Komm, kleine Maus. Trau dich.«

Der Schwanz wedelte stärker. Und nach einem prüfenden Blick zu seinem Herrchen sah Iraklis mich an und biss zu.

Für so einen winzigen Kerl hatte er ordentlich Kraft. Der Schuh schlüpfte von meinem Fuß und Iraklis schüttelte ihn kurz hin und her, bevor er ihn fallen ließ und mich stolz ansah.

»Braver Hund«, lobte ich und hielt ihm eine Handvoll Wasser hin.

»Lass das … nein … nicht … Iraklis«, schimpfte der Eremit. Doch das war dem Hund egal. Er schlabberte das Trinkwasser. Und als es weg war, setzte er sich auf den Po und sah mich erwartungsvoll an.

»Iraklis«, rief Diogenis wütend. »Du kommst jetzt her. Aber flott.«

»Du bist ja ein ganz ein Lieber«, flüsterte ich und streichelte ihm über Hals und Lefzen. »Schau mal.«

Ich schlüpfte mit dem Fuß zurück in den Schuh und sah, wie Iraklis in Stellung ging, bereit, das Teil ein zweites Mal von mir abzuziehen.

»Nein!«

»Jetzt guck her«, sagte ich und hielt den Fuß hin. »Zieh!«

Und wieder zerrte der Hund den Schuh ab und holte sich die Belohnung in Form eines Wasserschlucks.

»Jetzt reicht’s«, rief Diogenis, stand auf und wollte nach Iraklis greifen.

Aber der kleine Kerl hatte bemerkt, dass sein Herrchen wütend war. Er machte einen Satz rückwärts und verblieb in sicherem Abstand.

Ich grinste breit. Und als der Eremit wie ein Storch über den Boden hopste, dem flinken Kläffer hinterher, konnte ich mir ein lautes Lachen nicht verkneifen. Ich nahm einen tiefen Schluck und genoss den Anblick.

VIII

Wir liefen in einer Spur, Diogenis, die Tiere und ich. Im Gleichschritt, Gleichsinn, Gleichtakt. Nach einer Weile sprachen wir nicht mehr. Ich lauschte meinem Atem und konzentrierte mich auf meinen Herzschlag. Und je länger wir den Rhythmus hielten, umso stärker wuchs in mir das Gefühl, in eine Trance zu fallen. Ich vergaß, wo ich war. Und auch mit wem. Mit jedem Atemzug wurde die Zeit unwirklicher. Wir stapften. Schritt. Schritt. Und das Herz schlug. Poch. Poch. Wie die Zeit verstrich. Tick. Tick. Atemzug für Atemzug.

Und mit einem Mal waren wir da.

Es war früher Nachmittag, als wir die Spitzen der Klostertürme entdeckten. Zographou thronte aus unserer Sicht hinter einem Hügel. Die beiden mit Gerüsten umwickelten Türme lugten über die Bergkappe zu uns herüber.

Ich fand, wir waren unfassbar schnell hier angelangt. Ich konnte es kaum glauben, weil es so einfach und flink gegangen war. Vor Freude kletterte ich auf die nächstgelegene Anhöhe, nur um ein wenig mehr von der Aussicht zu erhaschen. Und dann gierten meine Augen nach den unfertigen Turmspitzen.

»Siehst du das da hinten?«, rief ich.

»Leider«, maulte Diogenis.

Seitdem ich Iraklis dumme Sachen beigebracht hatte, hatte sich seine Laune nicht gebessert. Als hätte das kleine Kunststückchen irgendwelche Auswirkungen, sagte ich mir. Ich fand es schrecklich übertrieben. Gleichtakt, na gut. Es schien ja sogar zu helfen. Aber die ganze Zeit über nur Gleichsinn – das machte doch kein Hündchen froh.

Ich setzte mich oben auf den Hügel und trank einen Schluck aus dem Wasserbeutel. Der Eremit kletterte zu mir hoch. Es hätte eine gemütliche Pause werden können, hätte nicht Diogenis plötzlich den Blick wie angewurzelt in die Ferne gerichtet. Aufgeregt. Und konzentriert. Dann fiel mir auf, dass er in die falsche Richtung sah.

»Da hinten liegt das Kloster«, flachste ich und deutete auf die Baustelle.

Er wirkte verstört. Bleich.

»Was ist?«

»Da kommt jemand«, tuschelte er.

»Verflucht. Wie nah?« Ich sprang auf die Beine, hielt die Hand über die Stirn und richtete den Blick zum Horizont. Ein wenig hoffte ich, dass sich der alte Mann getäuscht hatte. Aber nein: Ganz am anderen Ende der Bergkette, da wo der Himmel den Boden berührte, wirbelte Staub auf. Zu viel, als dass es nur ein verirrtes Tier hätte sein können. Ein Reiter. »Ein Straßenräuber«, sagte ich. »Und er kommt geradewegs auf uns zu.«

Ich blickte zurück. Der Turm. Wir könnten es schaffen. Wenn wir schnell genug wären. Vielleicht hatte er uns noch nicht entdeckt, nahm nur zufällig den Weg. Uns blieb nur eine Chance. Zum Kloster.

»Los«, rief ich. »Renn!«

Wir sprangen vom Hügel. Ich packte Zozos Zügel und hetzte los.

Diogenis vorneweg. Er hob das Mönchskleid mit beiden Händen an. Je schneller er lief, umso mehr hüpften seine dünnen, krummen Beine wie die eines aufgescheuchten Storchs.

Ich wäre locker an ihm vorbeigesprintet, hätte ich nicht Zozo im Schlepptau gehabt. Das Maultier bockte gegen alle Versuche, zu rennen. Immer wieder blieb es stehen, zog mit dem Kopf entgegen der Laufrichtung und blökte laut.

Iraklis jagte aufgeregt im Kreis um uns herum und bellte.

Spätestens jetzt konnte man uns wegen der Staubwolke und des Lärms nicht länger übersehen.

Ich spähte zurück. Zu hügelig, als dass man den Reiter hätte sehen können.

Diogenis war uns ein ganzes Stück voraus. Je kräftiger ich an den Zügeln zerrte, desto langsamer wurde das Tier. Ich dachte daran, ihn zurückzulassen. Für die Reststrecke brauchten wir keinen Proviant mehr. Das Kloster war in Sicht. Und vielleicht würde sich der Räuber mit ihm als Beute zufriedengeben.

Dann hörte ich Hufe in den Boden treten.

»Versteck dich!«, brüllte ich und sah mich auch nach einem Versteck für das störrische Biest um.

Ein Felshügel. Ich zog Zozo auf die Rückseite und vertraute darauf, dass er schon aus Faulheit artig stehenbleiben würde. Den Hund nahm ich mit und hastete um den gigantischen Felsbrocken herum, auf der Suche nach Diogenis.

Der alte Blödmann saß im Schneidersitz auf dem Boden, die Arme auf die Oberschenkel gestützt, und übte sich in Gleichsinn.

»He«, rief ich. »Lass das!«

Mit geschlossenen Augen sagte er: »Es wird gelingen. Er wird mich nicht sehen. So wie du mich nicht gesehen hast.«

»Hör mir genau zu, Diogenis«, verlangte ich. Und es fiel mir schwer, das in diesem Moment zu sagen. Doch irgendwie musste ich den Spinner ja zur Vernunft bringen. »Was ich zu dir gesagt habe, war gelogen, hörst du? Was du da machst – dein Gleichsinn und so – es funktioniert nicht. Geh und verkrieche dich irgendwo. Jetzt!«

Er schlug die Augen auf. Sah mich an. Und ich konnte seine Enttäuschung in meinem Herzen fühlen. Er tat mir leid. Na gut. Aber deshalb brauchte ich ihn ja nicht gleich zu mögen.

»Verschwinde!«, befahl ich und bangte, ob er noch rechtzeitig ein Versteck finden würde.

»Nein«, sagte er energisch und schloss die Lider.

Das Getrampel der Hufe auf dem Sandboden wurde lauter.

»Sei nicht dumm. Hau ab. Sofort!«

»Dumm?«, rief er mit geschlossenen Augen. »Ist es das, was du von mir denkst?« Er verharrte in seiner Pose. Dann murmelte er: »Und ich hätte auf dich gewettet – als Freund.«

Er atmete einmal kräftig durch und legte die Hände mit den Handflächen nach oben auf seinen Beinen ab.

Schließlich sagte er: »Das Taborlicht wird mich beschützen.«

An der Art, wie er den Satz sprach, erkannte ich, dass an seinem Standpunkt nicht mehr zu rütteln war. Diskutieren zwecklos. Er blieb stur.

Jetzt war das Hufgetrappel so laut, dass ich den Reiter hinter der nächsten Erhebung vermutete.

Iraklis bellte. »Pst«, zischte ich. Ich hatte noch einen letzten Funken Hoffnung, er würde doch noch vorbeireiten. Ich baute mich breitbeinig auf.

*

Dann sprang das schwarze, kraftstrotzende Pferd mit einem Satz über den Fels. Die Zügel rissen den Schädel des Tieres hoch. Die Hufe gruben sich in den Sand. Staub wirbelte auf. Der Muskelberg schnaubte und kam zum Stehen.

Auf dem Rücken saß ein Mann, den kräftigen, stolz aufgerichteten Körper komplett in staubige, schmutzige Stoffe gewickelt. Die Tücher hingen wie eine Kapuze über dem Kopf und weit ins Gesicht hinein, sodass man nur den Mund erkennen konnte. Trockene, gebrochene Lippen. Das Pferd schnaubte und scharrte mit den Hinterläufen im Sand.

»Was willst du?«, rief ich ihn an.

Der Schädel des Reiters ging hin und her. Er suchte etwas. Für einen Moment blieb das Gesicht an dem auf dem Boden sitzenden Eremiten hängen.

Schließlich knurrte er, mit furchteinflößender Stimme, so leise, dass man ihn gerade noch verstehen konnte: »Euer Fleisch.«

Ich zuckte zusammen. Er möchte uns fressen? Da fielen mir wieder die Geschichten von den Sandteufeln ein, die sich durch die Leichen armer Seelen fraßen. Und ich erschauderte. Ich war nicht sterblich, ja. Aber was würde passieren, wenn jemand mich aß?

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