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Die Blauen Pferde

Prolog

Grundschule El Camino, Santa Barbara, Kalifornien. Juni 2010.

Rosalyn Campos ging langsam den Gang zwischen den abgenützten Schulbänken entlang bis zu dem kleinen Fenster, in dem schon wieder ein Teil der Scheibe fehlte. Mehrmals hatte sie Direktor Alves auf die eingeschlagenen Fenster aufmerksam gemacht, passiert war bisher nichts. Dies ist keine Schule, sondern ein Armenhaus, dachte sie verärgert.

Sie drehte sich bedächtig um und ging zurück, wobei sie sich nun ganz auf die Arbeiten der Kinder konzentrierte. Links und rechts von ihr waren die Drittklässler der Grundschule El Camino mit Feuereifer bemüht, mit ihren Malstiften möglichst bunte Bilder auf das Papier zu zaubern.

Unvermittelt blieb sie stehen, um einem kleinen Mädchen, dessen dicke schwarze Zöpfe mit kleinen roten Maschen versehen waren, über die Schulter zu blicken. „Deine Pferde sind wunderschön, Rosa Maria. Aber warum malst du sie blau?“

Das Kind drehte sich um und sah Rosalyn mit ernsten, dunklen Augen an. „Weil ich es so auf dem Bild im Haus in den Bergen gesehen habe, Frau Campos“, antwortete es bestimmt. „Es ist mein Lieblingsbild.“

„Aber Pferde sind doch nicht blau!“

„Diese Pferde schon“, widersprach die Kleine und ihre dunklen Augen funkelten vor Aufregung. „Sie beschützen die Menschen und sind direkt vom Himmel zu uns gekommen. Deshalb sind sie blau …das hat die alte Señora gesagt, als ich sie gefragt habe.“ Die Kinder kicherten.

„Na schön“, sagte die Lehrerin verständnisvoll und strich der Kleinen über das pechschwarze Haar. „Du hast ja Recht und ich bin mir ganz sicher, dass du das auch richtig beobachtet hast. Zeichne weiter so und male die Pferde ganz wie du willst. Es wird auf jeden Fall ein tolles Bild.“

Wenige Minuten später klingelte die Pausenglocke und Rosalyn bat die Kinder, ihre Zeichnungen am Schreibtisch liegen zu lassen. Mit einem Seufzer der Erleichterung entließ sie die lärmende Rasselbande in die Pause.

Dann ging sie von Bank zu Bank, begutachtete die Bemühungen der Kleinen und sammelte die ihrer Meinung nach vier schönsten Zeichnungen ein. Darunter auch das bunte Pferdebild der kleinen Rosa Maria.

Draußen im Gang befand sich eine große Anschlagtafel, an der sie wie immer die Bilder, mit den Namen der kleinen Künstler versehen, befestigte. Während Rosalyn an den Ecken der Blätter starke Klebestreifen anbrachte, damit diese nicht schon nach wenigen Minuten als Papierflieger endeten, blieb eine auffallend elegant gekleidete jüngere Frau vor der Tafel stehen und musterte die ausgewählten Zeichnungen.

„Wie unterschiedlich doch Kinder ihre Sicht der Welt zu Papier bringen“, sagte die vornehme Dame interessiert. „Es sind schöne Zeichnungen. Wie alt sind denn die Kinder?“

„Neun bis zehn Jahre“, antwortete Rosalyn. „Alle Zeichnungen sind von den Kindern der vierten Klasse. Ich suche mir stets die schönsten zu einem bestimmten Thema aus und lasse sie dann eine Woche hängen. Alle diese Arbeiten sind von Mädchen“, fügte sie bedeutungsvoll hinzu. „Buben zeichnen nicht so gerne, die basteln lieber.“

„Besonders eindrucksvoll ist die Zeichnung mit den blauen Pferden“, erklärte die Dame und zeigte auf Rosa Marias blaues Pferdebild. „Das Kind ist talentiert.“

„Nicht wahr! Die kleine Rosa Maria malte sie. Sie sagte, sie hätte ihre Zeichnung von einem großen Gemälde abgezeichnet, welches sie in eines der Häuser in den Bergen gesehen hätte. Auf diesem Bild seien die Pferde blau.“

Die elegante Dame hob interessiert ihre Augenbrauen.

Rosalyn fragte: „Sind Sie denn mit einem unserer Kinder verwandt?“

„Nein. Ich bin nicht von hier. Meine Tochter und ich kommen aus San Diego und möchten uns in der Nähe ein Haus kaufen …und da dachte ich, es kann nicht schaden, wenn ich mir mal die zukünftige Schule meiner Enkelin ansehe.“ Sie lächelte Rosalyn freundlich an und reichte ihr die Hand. „Entschuldigen Sie …mein Name ist Peggy Feinstein.“

Rosalyn stellte sich ihrerseits vor und nützte die Gelegenheit, um auf die Bedeutung der bildnerischen Erziehung für die Entwicklung der Kinder zu verweisen, was sie immer dann tat, wenn jemand die Zeichnungen ihrer Kinder bewundernd betrachtete.

Da könne sie nur zustimmen, entgegnete die elegante Dame und fügte hinzu: „Ich handle mit Kunst, vor allem mit bildnerischer Kunst. Ich habe eine Galerie in Santa Monica.“

„Aha“, sagte Rosalyn und zweifelte im selben Moment, ob El Camino als Grundschule für die Enkelin wirklich in Frage käme.

Peggy Feinstein zeigte erneut auf Rosa Marias Pferdebild und sagte: „Diese Zeichnung des kleinen Mädchens hier ist eine gar nicht so schlechte Wiedergabe eines berühmten expressionistischen Gemäldes. Ein Werk, das schon über fünfzig Jahre verschollen ist und auf der ganzen Welt gesucht wird.“ Sie sah in Rosalyns verständnisloses Gesicht und fügte hinzu: „Wäre das Gemälde, das die Kleine abgezeichnet hat, echt, es wäre heute viele Millionen von Dollar wert.“

„Oh, mein Gott …sagte Rosalyn und erinnerte sich mit Schaudern an ihren letzten Gehaltszettel. „Dann wird es wohl nur eine Zeitschrift oder ein Bildband gewesen sein, von dem Rosa Maria dieses Gemälde abgezeichnet hat.“

„Zweifellos…“, Peggy Feinstein schien zu überlegen. „Frau Campos, darf ich mal mit der Kleinen sprechen? Es dauert nur wenige Minuten.“

Rosalyn zögerte. Sie achtete stets darauf, dass ihren Kindern Aufregungen außerhalb des Schulbetriebs erspart blieben. Schließlich siegte jedoch ihre Neugier.

Gemeinsam gingen sie in den Schulhof und fanden Rosa Maria, eine Tortilla kauend, allein auf einer Bank im Schulhof.

„Dürfen wir uns kurz zu dir setzen?“, fragte Rosalyn. Die Kleine nickte und aß mit vollen Backen weiter. „Diese Señora“, fuhr ihre Lehrerin fort und zeigte auf Peggy Feinstein, „hat deine Zeichnung mit den Pferden ganz toll gefunden und möchte dir einige Fragen stellen.“

„Si“, sagte Rosa Maria mit vollem Mund.

Zwei Stunden später saß Peggy Feinstein stocksteif am Nebensitz des offenen Camaros von Greg Norton und hoffte inständig, er möge trotz seiner Kurzsichtigkeit wirklich alle Randsteine der schmalen Straße hinauf in die Hügel rechtzeitig erkennen.

Sie hatte Greg sofort nach dem Besuch in der Schule angerufen und ihm mitgeteilt, dass ein verschollenes Kunstwerk der deutschen klassischen Moderne in einer der Nobelvillen in den Hügeln Santa Barbaras aufgetaucht sein könnte. Die Nachricht hatte ihn elektrisiert, denn das Aufspüren verschwundener Kunstwerke war eine Lebensaufgabe für Greg Norton, der im Hauptberuf einer der Kuratoren des Guggenheim Museums in Los Angeles war und sich auch als Fachmann der Restitution von Beutekunst einen Namen gemacht hatte. Die Aussicht, dass fast vor seiner Haustür eine Ikone des Expressionismus aufgetaucht sein könnte, hatte ihn unvermittelt aus seinem Büroalltag gerissen. Aufgeregt wie ein Kunststudent war er bei ihr in der Galerie erschienen, um sie zur Fahrt nach St. Barbara abzuholen.

Er habe alles, was über die Geschichte des Kunstwerkes in seinen Unterlagen nachzulesen war, noch einmal überprüft, sagte er, während Peggy auf dem Beifahrersitz des Camaros Platz genommen hatte. Eine Theorie über den Verbleib der Ikone der deutschen klassischen Moderne, dem TURM DER BLAUEN PFERDE, gehe davon aus, dass sie von amerikanischen Soldaten als Beute in die Staaten mitgenommen worden war. Es wäre schon eine Ironie des Schicksals, meinte Greg, wäre das Gemälde tatsächlich hier, nur wenige Kilometer von seinem Museum entfernt, aufzufinden.

Peggy hatte lange gezögert, Gregs Angebot mit ihm nach St. Barbara zu fahren, anzunehmen. Schließlich hatte ihre Neugier gesiegt und sie war doch eingestiegen.

„Hätte das Kind das Kunstwerk aus einer Zeitschrift abgezeichnet, warum wusste es dann, dass das Bild so groß ist?“, schrie er zu Peggy hinüber. Fahrtwind und Motorengeräusch machten ein normales Gespräch unmöglich. „Kein Kind auf der Welt liest die Beschreibung eines Kunstwerkes. Es konzentriert sich nur auf das Bild selbst. Und schon gar nicht kann die Zeichnung des Mädchens ein Produkt seiner Phantasie sein. Ich denke schon, dass es richtig ist, der Sache sofort nachzugehen.“

„Klar, Greg“, erwiderte Peggy, während sie die Haltegriffe krampfhaft umklammert hielt und flüsternd hinzufügte, „falls wir tatsächlich dort ankommen sollten.“

Er drehte das Radio wieder etwas lauter und sagte: „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir es tatsächlich mit dem Original zu tun haben, ist dennoch verschwindend gering. Nach Medienberichten sei der TURM schon einige Male gesehen worden, was sich dann aber stets als Rohrkrepierer erwies. In Deutschland gibt es einen Experten, der sein halbes Leben mit der Suche nach dem Werk zugebracht hat. Nach seiner Meinung könnten es US-Soldaten tatsächlich mit in die Staaten gebracht haben.“

„Ich weiß“, entgegnete Peggy und wehrte sich tapfer gegen die aufkommende Übelkeit. „Gibt es denn Hinweise darauf, dass dieses Bild jemals kopiert oder gefälscht wurde?“

„Nach meinen Informationen hat es nie eine Kopie gegeben. Weder in der Weimarer Republik noch in der Zeit vor dem Krieg. 1937 ist das Gemälde ja von Göring beschlagnahmt worden und verschwand dann in den Wirren des zweiten Weltkrieges. Seitdem ist es verschollen.“

„Hat man Göring denn nie nach dem Verbleib des Kunstwerkes befragt?“

„Natürlich wurde er in Nürnberg darauf angesprochen. Aber der Kerl hatte einfach so viel geklaut, dass er den Überblick verloren hatte.“ Er sah ihr in die Augen. „Hättest du alle seine Schätze in deiner Galerie, würde ich dich sofort heiraten!“

Peggy verdrehte die Augen, verkniff sich eine Antwort und Greg fuhr fort: „Wir werden ja sehen, was uns dort oben erwartet. Die Besitzerin des noblen Anwesens leidet an Alzheimer, sie wird uns bei der Wahrheitsfindung wohl nicht viel weiterhelfen können. Aber ihre Tochter wird anwesend sein, ich habe mit ihr am Telefon gesprochen. Sie scheint mir eine ganz vernünftige Person zu sein.“

„Ich bin mir sicher, dass wir sofort Licht in die Angelegenheit bringen werden“, sagte Peggy, die überzeugt war, dass sich das mysteriöse Kunstwerk als einfache Hochglanzfotokopie entpuppen würde. Aber das behielt sie für sich. Sollte er doch seine kindliche Vorfreude noch ein wenig behalten. In ihrem Freundeskreis wurden begeisterungsfähige Menschen ohnehin immer seltener.

„Wie auch immer“, entschied Greg und erklärte damit die Spekulationen über die Echtheit des Kunstwerkes für beendet. „Auf jeden Fall freut es mich, dass ich es einmal in voller Größe bewundern darf. Ich liebe die frühe klassische Moderne. Ich liebe sie!“

„Ich weiß, ich weiß“, flüsterte Peggy. Und diesmal wusste sie es tatsächlich.

Die mit Marmorplatten gepflasterte Zufahrt war breit genug, um Greg einen unfallfreien Auslauf für seinen Camaro zu ermöglichen. Das große gusseiserne Tor war offen – anscheinend war ihr Kommen bereits erwartet worden – und Greg ließ seinen Wagen bis zum Portal ausrollen.

Das Refugium der Conrads war von stattlicher Größe, schien aber schon ein wenig in die Jahre gekommen zu sein. Es war einer typischen Südstaatenvilla aus den dreißiger Jahren nachempfunden, mit Säulen, hohen Fenstern und einem kunstvollen Giebel. Ein wenig kitschig, dachte Peggy, aber trotzdem beeindruckend.

Sie gingen die breiten Marmorstufen hinauf an deren Ende sie von einer sportlich wirkenden Frau mit blondem Pferdeschwanz erwartet wurden. Trotz ihres jugendlichen Outfits dürfte sie die fünfzig wohl schon überschritten haben, mutmaßte Peggy. „Ich bin Elaine Conrad“, sagte sie. „Kommen Sie bitte herein!“

„Vielen Dank“, entgegnete Greg. „Es ist überaus freundlich, dass Sie uns empfangen.“

Peggy spürte, wie angespannt er war.

Elaine Conrad geleitete die beiden in einen hohen, lichtdurchfluteten Vorraum, der von allerlei tropischem Gewächs beherrscht wurde. Riesige Kakteen, ausgewachsene Palmen und exotische Pflanzen vermittelten den Eindruck, in einem Gewächshaus zu sein.

Zwischen all dem Grün erschien plötzlich ein seltsames Paar: Eine elegant gekleidete ältere Dame im Rollstuhl, die von einer dunkelhäutigen Pflegerin mexikanischer Abstammung begleitet wurde.

Elaine legte der alten Dame die Hand auf die Schulter und sagte: „Meine Mutter, Eliza Conrad, und ihre Freundin und Betreuerin Maria Gomez.“

„Kommen Sie bitte herein“, sagte Eliza Conrad mit zitternder, aber noch erstaunlich klarer Stimme. Die beginnende Demenz hatte in ihrem weichen, femininen Gesicht noch keine Spuren hinterlassen. Sie muss einmal wunderschön gewesen sein, dachte Peggy und reichte der alten Dame die Hand.

„Señora Gomez ist die Mutter der kleinen Rosa Maria“, ergänzte ihre Tochter. Sie fügte erklärend hinzu: „Jenes kleine Mädchen, das die blauen Pferde gezeichnet hat.“

Peggy nickte und gab nun auch Señora Gomez die Hand.

„Ich habe Sie seit langem erwartet!“, sagte die alte Dame. Ein schwaches Lächeln zeigte sich in dem schmalen Gesicht. „Streng genommen, schon mein halbes Leben lang.“

Peggy wusste wenig über Alzheimer und fragte sich, ob das Erinnerungsvermögen der alten Dame ausreichen würde, mehr über den Verbleib von Franz Marcs Meisterwerk herausfinden zu können.

Elaine führte die kleine Gruppe durch einen Gang in einen großen Salon mit mächtigen, antik anmutenden Möbeln und einer Vielzahl an Gemälden, die scheinbar zusammenhanglos die weißen Wände zierten. Soweit es Peggy auf den ersten Blick beurteilen konnte, schien die Mehrzahl davon früher Expressionismus zu sein. Dominiert wurde der große Salon von dem etwa zwei Meter großen, fast bis zur Decke reichenden Ölgemälde, dessentwegen sie die Fahrt in die Berge angetreten hatten. Die Ikone des deutschen Expressionismus, DER TURM DER BLAUEN PFERDE, wurde von mehreren kleinen Spotleuchten angestrahlt, was auch bei Tageslicht den eher blassen Farben des Ölgemäldes eine intensivere Tiefenwirkung verlieh und den Hell-Dunkel-Kontrast innerhalb der Konturen der Pferde verstärkte.

Ehrfürchtig blieb die kleine Gruppe vor dem mächtigen Kunstwerk stehen. Die Tiere wirkten beinahe lebensgroß und schienen sich vom Betrachter abzuwenden – als würden sie ihm die Bedeutungslosigkeit seines Daseins vor Augen führen wollen.

„Marc hat einmal gesagt, er male nur noch das Allereinfachste, denn nur darin liegen Symbolik, Pathos und das Geheimnisvolle der Natur“, meldete sich die alte Dame zu Wort. „Er war auch ein Philosoph. Ein Malerphilosoph.“

Nach kurzem Schweigen fügte sie noch hinzu: „Was Sie hier sehen ist nicht das von Franz Marc 1913 gemalte Original, sondern eine Kopie. Das Original ist verschollen, es ist nach der Ausstellung entartete Kunst 1937 von Göring beschlagnahmt worden und ist nie wieder aufgetaucht.“

Voller Mitgefühl sah Peggy zu Greg hinüber. Sein Luftschloss war soeben wie eine Seifenblase zerplatzt. Dann sagte sie zu der alten Dame: „Aber auch die Kopie ist wunderschön.“

Greg Norton warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Er schien noch keineswegs davon überzeugt zu sein, tatsächlich einer Reproduktion gegenüberzustehen. Zu oft hatte er feststellen müssen, dass Ehrlichkeit keine feste Größe war, wenn es um die Herkunft von Kunstwerken ging. Um die Diskussion über dessen Echtheit endgültig zu beenden, beschloss er deshalb, seine wichtigste Trumpfkarte sofort auszuspielen.

Er ging auf das Bild zu, tat so, als überprüfe er Spannrahmen und Nagelung, kontrollierte stattdessen jedoch den rechten unteren Rand des imposanten Werkes. Sollte es sich bei diesem Gemälde um das Original handeln, müssten genau hier Spuren jener leichten Verbrennung zu erkennen sein, die beim Transport in eine Ausstellung um 1917 entstanden waren.

Er beugte sich vor und entdeckte tatsächlich eine leichte Beschädigung, die von Brandspuren verursacht sein konnte. Sein Puls schnellte augenblicklich in die Höhe. War dieses Werk doch keine Kopie, sondern das Original? Er schluckte mehrmals und versuchte, seiner Aufregung Herr zu werden.

Eliza Moray starrte ihn an – sie schien seine Aufregung zu spüren. „Unser Kopist war ein überaus sorgfältiger Künstler“, unterbrach die alte Dame jäh seine Gedankengänge. „Deshalb hat er auch die Brandspuren in die Kopie eingearbeitet.“

Peggy sah hinüber zu Greg und sorgte sich, dass er wieder einen Schwächeanfall erleiden könnte. Wie damals, als sich der MODIGLIANI, den er nach sorgfältiger Überprüfung angekauft hatte, als hervorragende Fälschung des Engländers Hebborn entpuppte. Er schien sich jedoch gefangen zu haben und entgegnete trotzig: „Nach unseren Ermittlungen dürfte es nie eine Kopie oder Fälschung des TURMES gegeben haben. Dafür war die Arbeit viel zu groß. Sind Sie denn ganz sicher, dass diese Version tatsächlich eine Kopie ist, Mrs. Conrad?“

„Natürlich“, antwortete Eliza Conrad mit geschlossenen Augen. Gregs Zweifel an ihren Aussagen schienen sie verärgert zu haben. „Wir selbst haben ja die Kopie noch vor Ausbruch des Krieges in Holland anfertigen lassen.“

Sie richtete sich in ihrem Rollstuhl plötzlich kerzengerade auf, um dann sofort wieder zusammenzusinken. Ihr Lächeln erstarb und ihr Antlitz wurde plötzlich maskenhaft starr. Frau Gomez bat daraufhin die Gäste, das Gespräch mit Elaine allein fortzuführen, da die alte Dame nicht überanstrengt werden dürfe.

Als die Betreuerin den Rollstuhl drehte, um in den Gang hinauszufahren, legte Elaine ihrer Mutter zärtlich die Hand auf die schmale Schulter und ging mit ihnen hinaus. Die beiden müssen eine innige Bindung zueinander haben, befand Peggy ein wenig neidisch, glich doch das Verhältnis zu ihrer eigenen Tochter einer permanenten Baustelle.

Nachdem Elaine Conrad zurückgekommen war, fragte Greg: „Wenn das Original schon damals verschollen war, wie konnte man es später so perfekt kopieren?“

„Das weiß ich nicht genau. Ich nehme jedoch an, dass es nach einer Fotografie kopiert worden ist, denn Mutter hat fast alle Arbeiten des deutschen Expressionismus sorgfältig fotografiert. In Farbe und mit einer der ersten Leicas, die Fotos in Dreifachfarbe machen konnte. Sie hat stets betont, ohne korrekte Darstellung der Farben seien die Expressionisten nicht zu verstehen …Sie müssen wissen, meine Mutter hat Kunstgeschichte studiert und ist eine begeisterte Anhängerin der klassischen Moderne.“

„Was in diesen Zeiten im Dritten Reich nicht nur außergewöhnlich, sondern auch gefährlich war“, stellte Greg Norton klar.

„Und obwohl er nie das Original besessen hat, ist es eine hervorragende Arbeit des Kopisten“, fügte Peggy hinzu. Sie hatte schon viele Fälschungen gesehen und wusste, wie oberflächlich viele Arbeiten der klassischen Moderne reproduziert worden waren.

„Ja, selbst für Experten ist es fast unmöglich, es vom Original zu unterscheiden“, ergänzte Greg. „Damals verwendeten Künstler und Kopisten ja exakt dieselben Leinwände, Grundierungen und Farben … das macht es ja so schwierig, Imitate der Expressionisten zu erkennen.“

Elaine Conrad, die die Enttäuschung der beiden Gäste gespürt zu haben schien, bemühte sich das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. „Mama wollte unbedingt eine gute Reproduktion. Weil es nur eine Kopie ist, hat sie das Gemälde jedoch nie der Öffentlichkeit präsentiert.“

„Ich nehme an, Ihre Eltern sind aus Europa eingewandert?“ fragte Peggy.

„Ja, noch vor dem Krieg aus Holland. Vater und Mutter hatten sich in Berlin kennengelernt und mussten fliehen. Zuerst nach Polen, dann nach Holland und schließlich in die USA. Die Lebensgeschichte meiner Eltern ist eng mit diesem Gemälde verbunden. Eigentlich war es sogar der Grund dafür, dass sie das Deutsche Reich so bald verlassen mussten.“ Greg, der seine Enttäuschung nun endgültig überwunden zu haben schien, wurde neugierig. „Erzählen sie uns doch bitte mehr davon.“

„Haben Sie denn genug Zeit?“ fragte Elaine lächelnd. „Es ist eine lange und turbulente Geschichte.“

„Ich bin äußerst interessiert an dieser Geschichte“, entgegnete Greg mit der Überzeugungskraft eines Fernsehpredigers. „Zeitzeugenberichte aus jener finsteren Zeit sind ein mehr als willkommenes Geschenk.“

Er ist immer noch nicht davon überzeugt, dass die alte Dame tatsächlich die Wahrheit gesagt hatte, mutmaßte Peggy. Trotzdem schenkte sie ihm erstmals an diesem Tag einen anerkennenden Seitenblick.

Erstes Buch: VERHÖHNUNG

1

Sein Rücken machte ihm wieder einmal zu schaffen. Quälend langsam erhob sich John Conrad aus der weichen Ledergarnitur, um seinen Besucher zu begrüßen. Erst gestern waren die Sitzgarnituren ausgetauscht worden, um dem pompösen Foyer des Hotel Adlon eine wohnliche Atmosphäre zu geben. Vielleicht ein Gewinn für das Adlon, aber eine Tortur für Gäste mit Rückenproblemen.

Der junge Mann mit dem typischen Beamtenhaarschnitt und dem eleganten Anzug kam erwartungsvoll lächelnd auf Conrad zu und reichte ihm die Hand. Er hatte den erwartet festen Händedruck, entsprach aber sonst keineswegs dem typischen Vertreter des national-sozialistischen Beamtentums. Mit seinen dunklen Haaren und dem braunen Teint wirkte er eher wie ein südländischer Bonvivant. Ein Eindruck, der durch den hellen Anzug, die modische Krawatte und die eleganten Schuhe noch unterstrichen wurde.

Der Mann schien bei den besten Herrenausstattern Berlins ein- und auszugehen.

“Willkommen in Berlin, Herr Professor“, begrüßte ihn der junge Deutsche mit überraschend weicher Stimme. „Mein Name ist Rolf Auersperg. Ich bin Ihr Verbindungsmann hier in Berlin. Man könnte auch sagen, Ihr Kindermädchen. Die Reichskammer für bildende Kunst war der Meinung, ich solle Sie ein wenig an die Hand nehmen.“

Er lächelte und Conrad schien es, als begrüße ihn ein guter Freund. „Es freut mich, Ihre Unterstützung zu haben. Ich habe jedoch auf einen Experten für moderne Kunst gehofft.“

„Den haben Sie auch“, entgegnete Auersperg selbstbewusst. „Ich habe Kunstgeschichte studiert …ein paar Jahre zumindest, bevor mich mein Vater in seine Buchhandlung verbannte.“ Er lächelte erneut und fügte hinzu: „Niemand in Berlin kennt die Kunstszene Berlins besser als ich.“

„Meine Botschaft hat mir Ihr Kommen bereits angekündigt“, sagte Conrad, ohne auf die Rechtfertigung des Deutschen einzugehen.

„Ja, die Kammer hat das Ansuchen Ihrer Botschaft, Sie bei Ihrer Tätigkeit im Reich zu unterstützen, sofort aufgegriffen und an das Propagandaministerium weitergeleitet. Deshalb bin ich hier.“

John zog fragend die Augenbrauen hoch. Auersperg schien seine Skepsis zu bemerken und sagte: „Zwischen den Ministerien gibt es Überschneidungen.“

Er machte eine kurze Pause – wahrscheinlich rechnete er damit, dass John Conrad mehr über die eigenartigen Querverbindungen in der Administration des Dritten Reiches in Erfahrung bringen wollte. Da keine Frage kam, fuhr er fort: “Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Überfahrt?“

„Danke“, entgegnete John. „Eine sehr bequeme Überfahrt. Der Atlantik war die meiste Zeit so ruhig wie der Wannsee. Die gute alte Queen Mary hat kaum einmal zu schaukeln begonnen. Kurz – eine sehr erholsame Überfahrt. Allerdings …very British. Unaufgeregt und weitgehend ohne Geschmack.“ Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Ich meine das Essen.“

„Ja, ja …die englische Küche“, nickte Auersperg verständnisvoll und zog eine elegante Aktenmappe hervor.

Er legte sie vorsichtig auf den gläsernen Beistelltisch und öffnete sie. Umständlich entnahm er ihr ein Notizbuch und schlug es auf.

„Unsere Administration verlangt die Beantwortung einiger Fragen“, begann er, während er eine elegante Pelikan Füllfeder aus dem Jackett zog.

Am Nebentisch hatte sich unterdessen eine Gruppe japanischer Touristen lärmend niedergelassen. John drehte sich um. Es schien ihm, als wären dies die ersten ausländischen Gäste im Adlon. Amerikanische Landsleute, normalerweise die stärkste Gästegruppe, hatte er noch keine gesehen.

Er senkte die Stimme. „Fragen Sie nur.“

„Der Zweck Ihres Aufenthaltes ist es – so steht es in Ihrem Antrag auf Aufenthaltsgenehmigung – eine wissenschaftliche Arbeit über die deutsche Renaissance zu erstellen.“

„Ja, innerhalb zwei oder drei Forschungssemester. Ich bin Historiker, aber das werden Sie vermutlich schon wissen. Wir arbeiten an einem Standardwerk über die Renaissance. Meine Aufgabe dabei ist es, neue deutsche Forschungen einzuarbeiten. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den Arbeiten Albrecht Dürers. Vielleicht ist Ihnen bekannt, dass die deutschen Kollegen in der Renaissanceforschung weltweit mit zu den Besten gehören.“

„Das freut mich zu hören“, sagte er und zeigte wieder sein charmantes Lächeln. „Außerdem haben Sie angeführt, Sie möchten einige Museen und Ausstellungen besuchen, um Exponate für eine Ausstellung der Moderne in Amerika auszuwählen.“

„Das ist richtig“, entgegnete Conrad. Er fügte hinzu, „da ich nur wenig von moderner Kunst verstehe, benötige ich bei der Auswahl professionelle Hilfe. Ich selbst kenne nur ein Paar Arbeiten von Feyninger, Kandinsky und Chagall. Und natürlich einige Picassos. Das ist aber schon alles.“

Auersperg hob die Augenbrauen. „Sie wissen wahrscheinlich, dass moderne Kunst hierzulande kontrovers diskutiert wird. Namhafte Künstler, allen voran der Führer, sehen darin einen gefährlichen Irrweg.“ Er begann zu lächeln. „Aber natürlich helfen wir Ihnen gerne bei der Auswahl und Zusammenstellung. Sie müssen jedoch damit rechnen, für bestimmte Arbeiten keine Ausfuhrgenehmigung zu erhalten!“

Conrad zwang sich zur Gelassenheit. Die Experten zuhause hatten ihm angeraten, jede Konfrontation mit der NS-Kunst-Ideologie zu vermeiden. Andererseits würde eine widerspruchslose Akzeptanz dieser Schikane erst recht Argwohn hervorrufen.

„Bei uns ist es unüblich, dass der Staat den Menschen erklärt, was Kunst ist und was nicht“, entgegnete er deshalb freundlich. „Es sind die Sachverständigen und natürlich die kunstinteressierten Menschen selbst, die über die Qualität einer Arbeit entscheiden.“

Auersperg ging nicht darauf ein, stattdessen blätterte er in einem kleinen Notizblock. „Zur Entlehnung benötigen Sie außerdem eine Genehmigung des Polizeiamtes. Das wird leider längere Zeit dauern.“

„Nicht weiter schlimm. Die Ausstellungen sind ohnehin erst für das Jahr 1937 vorgesehen, eines unserer Museen wird speziell für diese Ausstellung umgebaut. Das dauert gewiss noch zwei Jahre.“

Auersperg nickte, vermied es aber, noch weitere Details zu der Entlehnung anzusprechen. „Ich will offen zu Ihnen sein“, sagte er stattdessen. „Es wurde kolportiert, dass Sie unserer Bewegung mit Wohlwollen gegenüber stehen. Ihre Einreise ist über unsere Botschaft in London von Sir Mosley angekündigt worden, was mit ein Grund dafür ist, dass wir uns so intensiv um Sie kümmern.“ Er zögerte einen Moment. „Ich sehe deshalb in Ihrem Vorhaben, moderne jüdische Kunst für eine Ausstellung zu entlehnen, eine gewisse …Interessenskollision.“

Nun lächelte John. „Die sehe ich nicht. Die Politik sollte man von der Kunst fernhalten. Wenn ich recht informiert bin, gibt es auch in ihrer Partei Politiker, die der Moderne etwas abgewinnen können… Außerdem – als Historiker ist es nicht meine Aufgabe, aktiv deutsche Kulturpolitik zu betreiben.“ Er machte eine Kunstpause und verzog den Mund zu einem breiten Grinsen. „Ich hoffe nur, dass Sie mir meinen Albrecht Dürer nicht auch noch madig machen …“

John Conrad erkannte einen Anflug von Sarkasmus im ebenmäßigen Gesicht seines jungen Gegenübers. „Ganz bestimmt nicht. Dürer zeichnete ja die Menschen so wie sie aussehen und nicht als Dreiecke.“

Danach entspannte sich Ihre Konversation und Auersperg lenkte das Gespräch auf die Attraktionen Berlins. Er gab ihm Hinweise zu den Verkehrsmitteln, empfahl ihm Restaurants, Cafés und Theater. Bewusst vermied es John, politische Themen anzusprechen.

Nach ungefähr einer Stunde machte Auersperg Anstalten, sich zu erheben. Er blieb aber dann doch noch sitzen und fragte: „Ist Ihnen Gräfin Anette von Borsody bekannt? Sie handelt mit Kunst und hat gute Geschäftsverbindungen nach Amerika. Unter anderem mit dem Carnegie Institut of Art in Pittsburgh.“

Conrad war auf diese Frage vorbereitet, das Außenamt hatte angedeutet, dass er es mit der mysteriösen Österreicherin zu tun haben werde und ihm geraten, ihr gegenüber auf der Hut zu sein. „Ja. Sie soll ebenso umtriebig wie attraktiv sein.“

„Beides korrekt“, bestätigte der junge Deutsche. „Sie kann Ihnen bei der Zusammenstellung Ihrer Exponate bestimmt helfen. Und sie hat die bemerkenswerte Gabe, die hierzulande ungeliebte moderne Kunst als Investition in die Zukunft zu bewerben. Ich werde Sie mit ihr bekannt machen.“

„Ausgezeichnet“, sagte John Conrad und beschloss, auch Gräfin Borsody mit äußerster Vorsicht zu begegnen. Es war nicht auszuschließen, dass die Dame als Spitzel tätig war. Im State Department hatte man ihn vor ihr gewarnt.

„Sollen wir Ihnen für Ihre Aufgaben in Berlin ein Kraftfahrzeug zur Verfügung stellen?“, fragte Auersperg unvermittelt. „Auf Empfehlung des Außenamtes hat man Ihnen Diplomatenstatus zuerkannt, das schließt die Verwendung eines Automobils plus Chauffeur mit ein …Berlin ist groß.“

Conrad hob die Augenbrauen, schüttelte aber dann den Kopf. Wenn Sie ihn schon überwachen wollten, dann sollten sie es nicht allzu leicht haben. „Danke, ich bin ein Freund der Berliner Straßenbahnen.“

Auersperg nickte. „Erlauben Sie mir bitte noch eine letzte, sehr persönliche Frage: Was tun Sie gegen Ihre Rückenschmerzen?“

John lächelte gequält und sagte: „Zu wenig.“

Der junge Beamte erhob sich nun doch, gab Conrad, der wegen einer heftigen Schmerzattacke das Aufstehen nur andeutete, die Hand und verließ mit schnellen Schritten das Hotel.

Der 20. Juni 1935 war ein warmer, fast wolkenfreier Frühsommertag. Entgegen seiner ursprünglichen Absicht, gleich in die Nationalgalerie zu gehen, entschied sich John dafür, zuerst das Haus seiner Großeltern aufzusuchen. Dieses Ritual pflegte er, seitdem er als Kind das erste Mal die Stadt seiner Vorfahren besucht hatte. Das Gebäude war leicht zu Fuß erreichbar, es befand sich in der Charlottenstraße, nur wenige Gehminuten vom Adlon entfernt und das schöne Wetter lud geradezu zu einem Spaziergang ein.

Er holte sich noch eine wärmere Jacke aus seinem Zimmer und trat Minuten später hinaus, mitten in das Herz der Metropole Berlin, die vor zwei Jahren – ebenso unerwartet wie ungewollt – zur Hauptstadt einer Diktatur geworden war. Vor dem Adlon flatterten die unvermeidlichen roten Fahnen mit dem Hakenkreuzemblem, die die Nazis – so wie in jeder freien Ecke Berlins – auch vor dem Hotel am Brandenburger Tor aufgezogen hatten.

Die aufdringliche Beflaggung ausgenommen, hatte sich der große Platz jedoch kaum verändert, seit er das letzte Mal in der Stadt seiner Vorfahren zu Besuch gewesen war. Sah man einmal davon ab, dass die Lindenbäume auf der Berliner Prachtstraße Unter den Linden zwecks Regenerierung jungen Setzlingen weichen mussten. Die Berliner trösteten sich damit – so hatte er es in einer Illustrierten gelesen – dass diese in den kommenden Jahren wohl wieder auf alte Größe nachwachsen würden. Ganz so wie das Dritte Deutsche Reich.

Er genoss es, endlich wieder einmal ohne Zeitdruck zu sein, blieb vor großen Schaufenstern stehen, sah den jungen Mädchen nach und freute sich über die spielenden Kinder und ihre aufgeregten Gouvernanten.

Gedankenverloren versuchte er, sich in das Berlin der Vorkriegszeit zurückzuversetzen. Die Kindheitsbilder von der Prachtstraße in Erinnerung zu rufen, als die Pferdefuhrwerke noch mit den wenigen Automobilen wetteiferten und Berlin sich als Nabel der Welt fühlte. Es gelang nicht so recht.

Berlins Flaniermeile hatte sich seit dieser Zeit – abgesehen von der vorübergehenden Schrumpfkur seiner prachtvollen Bäume – kaum verändert. Kein Regime, kein Krieg und kein Scharmützel um irgendwelche Ideologien hatten es bisher vermocht, die Prachtstraße ihres beschaulich-eleganten Erscheinungsbildes zu berauben.

Mit Wehmut dachte er daran, wie sie als Jungen neben den Pferdekutschen hergelaufen waren, nur um einen Blick der kleinen Mademoiselles in den Kutschen zu erhaschen, die sich ihre Nasen an den Scheiben platt drückten und ihnen zuwinkten. Pferdefuhrwerke waren zwar kaum noch zu sehen, trotzdem vermeinte er gerade jetzt, den strengen, aber keineswegs unangenehmen Geruch ihrer Hinterlassenschaften wahrzunehmen.

Während sich das Erscheinungsbild der großen Stadt kaum verändert hatte, erschienen John ihre Bewohner verschlossener und unnahbarer als zur Zeit der Weimarer Republik. Die Nazis hatten es nach ihrem Machtantritt zwar nicht vermocht, die Berliner ihrer Lebenslust zu berauben, aber es schien ihm, als wäre das Lachen der Menschen seltener geworden. Armut und Elend gab es immer noch, sie musste sich jetzt jedoch in den Vororten und Nebenstraßen verstecken.

Wehmütig überquerte er hinter einem mächtigen Mercedes SSK, der die Standarte mit dem Hakenkreuz trug, die Allee und erreichte bald darauf die Französische Straße, an deren Beginn sich das Haus seiner Vorfahren befand, ein prächtiges Gebäude mit großen, hohen Fenstern und einer stilvollen klassizistischen Stuckatur. Früher war es ein reines Verwaltungsgebäude, nun beherbergt es ein mondänes Modegeschäft.

Er blieb stehen und sah die elegante Fassade hinauf. Oberhalb der ersten beiden Stockwerke, die für das Modegeschäft reserviert waren, verlor sich jedoch ihr Glanz. Hier waren bereits Risse erkennbar und Teile der Stuckatur bröckelten ab. Auch die große Inschrift KONRAD & KONRAD, knapp unter dem Dach, war kaum noch zu erkennen.

Schon knapp vor dem Krieg hatten seine Großeltern das Gebäude verkauft und waren nach Amerika ausgewandert. Ein ungewöhnlicher und mutiger Schritt in einer Zeit, in der die nationale Begeisterung für Krieg und Kaiserreich hohe Wellen schlug. Mit der ihm eigenen Weitsicht schien sein Großvater vorausgesehen zu haben, dass man mit Sturmgewehr und Pickelhaube weder die Italiener ins Mittelmeer, noch die Franzosen in den Atlantik würde treiben können.

John widerstand der Versuchung, das Stiegenhaus zu betreten. Er wollte es vermeiden, fremden Menschen den Grund für seine Anwesenheit zu erklären. Stattdessen warf er einen Blick auf die bunten Illustrierten, die ein ärmlich gekleideter älterer Mann am Gehsteig vor dem Haus aufgestellt hatte. Er ging näher.

Ein Titelbild des Luftschiffes Graf Zeppelin mit der Skyline von Manhattan erweckte sein Interesse und seine Gedanken wanderten zurück zu dem irritierenden Gespräch im Dekanat seiner Universität in Boston.

Zwei Wochen war es erst her, seitdem der Dekan unvermittelt und ohne Vorankündigung mit den drei Männern des State Departments in seinem Büro am historischen Institut aufgetaucht war und ihn zu diesem verstörenden Gespräch gebeten hatte. Woher wussten diese Leute, welche Kontakte sein Vater zu nationalen Kreisen in England hatte? Und wie hatten sie es angestellt, ein Empfehlungsschreiben eines britischen Nazis zu erhalten, den er nicht einmal vom Hörensagen kannte? Gewiss, sein Vater stand dem nationalen Gedankengut nahe. Das aber war im anglophilen Geldadel bereits vor dem großen Krieg keineswegs selten. Er selbst hatte sich jedoch von Vaters konservativer Einstellung nie infizieren lassen und war stets ein Mensch der politischen Mitte geblieben. Wie es sich für einen Historiker ziemte, hatte er zu allen politischen Strömungen und Ideologien Distanz gewahrt.

Deshalb kam für ihn die seltsame Empfehlung der Nazi-Sympathisanten aus England äußerst überraschend und er wollte sie anfangs auch zurückweisen. Aber dann hatte ihn Frank Dellinger vom Außenamt mit dem Argument überzeugt, diese Empfehlung würde ihm im Deutschen Reich alle Türen öffnen und das Risiko, bei seinen Aktivitäten in die Mahlsteine der Naziadministration zu gelangen, auf ein Minimum reduzieren.

Außerdem könne er quasi im Vorbeigehen gefährdeten Menschen aus Kunst- und Hochschulkreisen eine neue Heimat in den USA anbieten. Die Schreibtischspione vom Außenamt hatten ihm erklärt, dass nicht nur Menschen jüdischer Abstammung von Repression und Abschiebung betroffen seien, sondern auch Sozialisten, Kommunisten und viele bürgerliche Gruppen, die das Dritte Reich politisch ablehnen. Letztendlich hatten sie ihm eine Liste an offenen Posten an den US Universitäten mit dem Hinweis zugesteckt, dass es eine patriotische Unterstützung seiner Heimat sei, gute Wissenschaftler für eine Arbeit in den Staaten zu gewinnen.

Und damit nicht genug, hatte sich auch noch der Dekan des kunsthistorischen Institutes bei ihm gemeldet, und ihn gebeten, die wachsende Drangsalierung der modernen Kunst und ihrer Protagonisten in Hitlers Reich auszuloten. Man plane in New York ein Museum der Moderne und John möge sich doch bei den zuständigen Stellen dafür einsetzen, dass man Werke der Avantgarde aus den deutschen Museen entlehnen oder ankaufen könne.

Auf jeden Fall würde – darüber war sich John Conrad inzwischen im Klaren – sein außergewöhnliches Forschungsjahr im Dritten Reich eine echte Herausforderung werden. Und die hatte streng genommen schon lange vor seiner Abfahrt begonnen. Nicht wenige Kollegen und alle jüdischen Verbände sahen in seinem langen Berlinaufenthalt eine Aufwertung des NS-Staates. Dabei war das Auslandsjahr schon lange vor dem Machtantritt der Nazis zwischen den beiden historischen Instituten vereinbart worden.

Als wären das nicht schon Probleme genug, fragte er sich, warum er dem Drängen des Amtes nachgegeben hatte, früher als notwendig nach Berlin zu reisen. Wollte er damit nur der Leere entgehen, die sich nach der kräftezehrenden Trennung von Ehefrau Caren wie eine Nebelbank über seinen Gemütszustand legte? Oder war es einfach nur eine Trotzreaktion auf ihre ständige Stichelei, er sei wohl der langweiligste Mensch zwischen pazifischem und atlantischem Ozean?

„Langweilige Menschen arbeiten nicht für den Geheimdienst“, sagte sich John kurz darauf und kaufte an dem kleinen Kiosk die Berliner Tageszeitung.

2

Selbst die rastlose Aktivität in den Straßen Berlins konnte diesen warmen Frühsommertag nicht seines Zaubers berauben. Die Lindenblätter waren zur vollen Größe gereift und mit einer warmen Brise kündigte sich der nahende Sommer an.

In der Friedrichstraße hatte schon der Abendverkehr eingesetzt. Die vollbesetzten gelben Straßenbahnen ratterten mit den zahlreichen Doppeldeckerbussen um die Wette. Es war kurz vor fünf und die meisten Menschen waren auf dem Weg nach Hause.

Dem vornehm gekleideten älteren Herrn, der inmitten des gut gefüllten Gastgartens des Cafés Victoria die Sonnenstrahlen genoss, wurde wieder einmal bewusst, mit welcher Intensität er diese seine Stadt liebte. Alexander de Moray nahm noch einen Schluck von dem miserablen Brühkaffe, den sie im Victoria jetzt stolz als Cappuccino anboten und freute sich auf das Wiedersehen mit seiner Tochter. Monatelang waren sie getrennt gewesen, weil er in Danzig familiäre Dinge zu regeln hatte und dann noch einen längeren Abstecher nach Stockholm unternommen hatte, um eine Kollegin zu besuchen.

In zwei Wochen würde er Berlin in Richtung Zürich verlassen, um dort eine Gastprofessur an der ETH anzutreten. Natürlich wollte er damit in erster Linie dem Wahnsinn der neuen Rassenhygiene entgehen, musste sich aber eingestehen, dass dies nicht der einzige Grund für seine Entscheidung war. Immer noch war er auf der Suche nach einer neuen Identität. Der Tod seiner Frau vor mehr als drei Jahren hatte ihn aus der behüteten Zweisamkeit einer langjährigen Ehe entrissen und er tat sich schwer, seinem Leben wieder einen Sinn zu geben. So war er ständig auf der Suche nach Abwechslung, nahm hier ein Auslandssemester an und dort eine Fortbildung wahr.

Trotz allem – dies würde sein letzter Auslandsaufenthalt sein. Das hatte er sich fest vorgenommen. Die ständige Flucht vor dem Alleinsein musste endlich aufhören. Außerdem machte er sich Sorgen um seine Tochter. Er fühlte sich einfach besser, wenn er in ihrer Nähe war.

Mit ihren zweiundzwanzig Jahren war Eliza zwar erstaunlich gereift, selbstsicher und willensstark. Diese Charaktermerkmale bargen jedoch eine nicht zu unterschätzende Gefahr, da die Nazis selbstbewussten Menschen mit wachsenden Misstrauen begegneten. Wer seinen Standpunkt zu vehement vertrat, konnte leicht in eine Konfrontation mit den neuen Machthabern geraten. Und seine Tochter vertrat ihre Meinung stets mit großer Leidenschaft.

Aus den Lautsprechern im Kaffeehaus ertönte ein Potpourri der Comedian Harmonists Am Sonntag möcht mein Liebster mit mir segeln gehen …

Moray freute sich über das akustische Gute-Laune-Relikt aus einer untergehenden Epoche. Er wippte mit dem Fuß im Takt der Musik und fragte sich, was wohl die zahlreichen uniformierten Braunhemden hier im Victoria darüber dachten. Wahrscheinlich wussten sie nicht einmal, dass man die beliebteste Sängergruppe Deutschlands aufgelöst hatte, nur weil ein oder zwei Mitglieder jüdischer Abstammung waren. Es schien ihm sogar, als hörte er sie die bekannten Melodien mitsummen und er fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis die Nazis auch den Kaffeehäusern und Tanzpalästen ihren volksdeutschen Musikgeschmack verordneten.

Morays schwermütige Gedanken wurden durch die Ankunft seiner Tochter unterbrochen. Sein zerfurchtes Gesicht hellte sich auf und zeigte das erste Mal an diesem Tag ein ehrliches Lächeln. Mit ihrem weißen Kleid, dem eleganten schwarzen Gürtel und der kleinen weißen Mütze, die sie stets schräg auf dem Kopf trug, sah Eliza einfach bezaubernd aus. Er wusste, dass sie sich gern nach der neuesten Mode kleidete und es belastete ihn, dass er sie in ihrem Bestreben, sich ganz wie eine der selbstbewussten jungen Frauen Berlins zu fühlen, so wenig unterstützen konnte. Auch ein Professor musste in diesen harten Zeiten mit seinem Salär sorgsam haushalten.

Er stand auf, ergriff ihre Hände und fragte: „Wie geht es meiner Lieblingstochter?“

Sie umarmte ihn kurz, küsste ihn auf die Wange und erwiderte lächelnd: „Chèr Papa, du hast doch nur eine Tochter …“

In jüngster Zeit verwendete Eliza wieder vermehrt französische Aphorismen, was ihr Vater als eine Art passiven Widerstand gegen den braunen Zeitgeist verstand. Stets hatte er die zweisprachige Erziehung seiner Tochter unterstützt, jetzt fürchtete er jedoch, selbst diese kleine Marotte könne den Argwohn der Machthaber erregen.

„Aber eine ganz besondere“, meinte er mit dem ganzen Stolz eines liebenden Vaters. „Komm, setzt dich etwas näher zu mir. Wir müssen wichtige Dinge besprechen!“

Sie hakte sich bei ihm unter und rückte ihren Sessel näher. „Bist du in Danzig erfolgreich gewesen, Papa?“

„Nicht in allen Bereichen“, entgegnete der Professor. Er verspürte keine Lust, seiner Tochter den wenig erfolgreichen Abstecher nach Stockholm zu beichten und fügte deshalb schnell hinzu: „Das ist aber jetzt nebensächlich, mein Kind. Lass uns über dich sprechen. Macht denn deine Arbeit Fortschritte?“

„Ja und nein. Meine aktuelle Doktorarbeit ruht momentan. Ich möchte zuerst die Arbeit über die Künstlergruppe Der Blaue Reiter fertig stellen. Du erinnerst dich gewiss daran, dass man meinen damaligen Doktorvater entlassen hat, nur weil er vor Jahren einmal etwas Positives über den Sozialismus gesagt hat. Ich bin es ihm und mir einfach schuldig, die Arbeit so schnell wie möglich zu Ende zu bringen.“

Alexander de Moray ergriff die Hand seiner Tochter: „Warum tust du das? Du hast doch nichts davon, außerdem wirst du im gesamten Reich niemanden finden, der genug Mut aufbringt, diese Dissertation zu approbieren.“

„Das weiß ich, Papa. Aber ich muss sie trotzdem vollenden. Ich mache diese Arbeit aus Wertschätzung für die Künstler des Blauen Reiters, für niemanden sonst.“ Sie schüttelt wild entschlossen den Kopf und fügte mit Nachdruck hinzu: „Versteh mich doch! Ich kann mir nicht von irgendwelchen Dilettanten sagen lassen, Marc und Macke seien Stümper gewesen und hätten nur Schwachsinn produziert.“

„Ich versteh dich ja mein Kind. Trotzdem, man kann nicht ständig gegen den Strom schwimmen, besonders nicht in diesen gefährlichen Zeiten.“

Er sah sie voller Mitgefühl an. „Verzeih, wenn ich das sage, ganz so jung bist du auch nicht mehr. Du musst an deine Zukunft denken.“

Sie ging nicht darauf ein, denn einer der auffallend elegant gekleideten Kellner blieb an ihrem Tisch stehen und fragte sie nach ihren Wünschen. Sie bestellte eine Cola. Der Kellner strahlte und bedankte sich auf Italienisch.

Eliza erwiderte sein Lächeln, wandte sich aber sofort wieder ihrem Vater zu. „Du hast ja Recht. Trotzdem fürchte ich, dass ich bald keine Gelegenheit mehr haben werde, die Kunstwerke des Blauen Reiters zu bewundern.“

Aus den Lautsprechern erklang Liane Heids jüngster Erfolg: Adieu mein kleiner Gardeoffizier.

Der alte Mann seufzte. „Ja. Sie haben der Moderne den Krieg erklärt, sie passt partout nicht in ihr Weltbild.“

„Am kunsthistorischen Institut wollen sie uns jetzt weismachen, dass schon die alten Griechen germanische Kunst fabriziert hätten. Was für ein Schwachsinn! Und es wird immer schwieriger, vernünftige Veranstaltungen zu belegen.“

Der Professor sah in ihre funkelnden Augen und dachte wehmütig an Elaine. Er hatte seine Frau in Südfrankreich kennengelernt und war gleich bei der ersten Begegnung in ihren bernsteinfarbenen Augen versunken. Danach hatte es viele Gelegenheiten gegeben, dieses Funkeln aus Zorn oder Begeisterung aufblitzen zu sehen. Vor allem während des Krieges, wenn sie sich wieder einmal über kriegslüsterne Adelige und arrogante Generäle geärgert hatte.

„Kannst du denn dein Praktikum in der Nationalgalerie noch fortsetzen?“, fragte er.

„Ja, Hanfstaengl hat mich jetzt ins Depot versetzt, weil Führungen in den Ausstellungssälen wegen der ständigen Störungen der Nazis nur noch wenig gefragt sind. Wir alle verdienen kaum noch Geld. Es kommen zwar noch Besucher, aber es gibt keine Sonderausstellungen mehr. Vor zwei Wochen hat uns die Gestapo angehalten, Arbeiten von Kokoschka, Nolde oder Kirchner zu entfernen …Hanfstaengl kämpft und trickst zwar, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis es uns ähnlich ergeht wie den verfemten Autoren. Ich fürchte sie werden auch unsere weltberühmte Sammlung zerstören.“

Moray sah seine Tochter besorgt an. „Versprich mir, dich nicht zu unüberlegten Handlungen hinreißen zu lassen. Sei bitte vorsichtig, mein Kind!“

„Das bin ich doch. Außerdem, wen kümmert es denn, wenn ich aufmucke. Ich – eine kleine Studentin. Es ist zum Weinen, Papa. Dabei gibt es selbst unter den Nazis Leute, die nicht nur dem Impressionismus sondern auch dem Expressionismus wohlgesonnen sind. Hans Bosse zum Beispiel und auch Leute wie … “

„ …Warum können denn die nichts tun?“

„Sie tun ja was! Sie verteidigen die Moderne in Zeitschriften, in Ausstellungen und Vorträgen. Aber ihre Gegner werden immer stärker. Und die haben den Großteil der Presse auf ihrer Seite. Nicht nur die Nazi-Presse sondern auch Teile der bürgerlichen Medien.“

Moray nickte. „Der Boulevard war ja schon immer erbitterter Gegner der Avantgarde. Schon zur Kaiserzeit. Ich habe einige dieser Pamphlete gegen die Moderne gelesen. Die Dilettanten sehen jetzt ihre große Chance, doch noch nach oben zu kommen. Der Aufmarsch der Nullen hat ja bereits begonnen. Ähnliches gibt es ja nicht nur in der Kunst zu beobachten, sondern auch in der Wissenschaft.“

Sie versuchte ein Lächeln: „Nur nicht in der Psychologie.“

„Ja, abgesehen von der volksdeutschen Psychologie. Dort suchen sie jetzt erfolglos nach Anhaltspunkten für ihre abstrusen Theorien. In keiner anderen Disziplin jedoch haben es die Unbegabten nun so leicht wie in der Kunst …Ist denn Hitlers Einstellung immer noch so radikal?“

Sie nickte. „Daran wird sich auch nichts ändern. Momentan hält er sich im Hintergrund und lässt seine Scharfmacher agieren. Hanfstaengl meint, Hitler hoffe, der Gartenlaubenkitsch der Naturalisten könne die Moderne auch ohne politischen Zwang verdrängen. Angeblich glaube er sogar, Leute wie Nolde oder Klee würden plötzlich umschwenken und nur noch naturalistische Wiesenblumen zeichnen. Aber weil sich wahre Künstler nicht verbiegen lassen, verhöhnen nun die Nazis die Moderne Kunst wo sie nur können. Unterstützt von diesem Agitator Rosenberg, der die Moderne am liebsten heute als morgen verbrennen würde, und seinen Handlangern Willrich, Hansen und wie sie alle heißen.“

Er sah sie besorgt an. „Reg dich bitte nicht so auf, mein Schatz!“

„Ich will mich aber aufregen, Papa“, beharrte sie trotzig. „Und du wirst es nicht glauben …unsere letzte Hoffnung ist Goebbels.“

„Goebbels?“, fragte der alte Mann erstaunt.

„Ja, Goebbels. Aber ich denke nicht, dass er die Avantgarde verteidigt, weil er sie schätzt. Er kennt einfach den hohen Stellenwert der deutschen Moderne in aller Welt und befürchtet deshalb einen Imageverlust für das Reich. Als ob das noch eine Rolle spiele.“

„Vielleicht tust du ihm unrecht und er schätzt den Expressionismus wirklich.“

„Niemals! Goebbels hat keine eigenen Wertvorstellungen. Er wechselt ständig seine Meinung und betet doch nur nach, was sein Herr und Meister predigt.“

Sie machte eine Pause und sagte dann ruhig: „Wir sollten nicht weiter politisieren. Es ist so ein wunderschöner Tag.“

„Du hast Recht, mein Kind“, stimmte der Professor erfreut zu. Er fragte nach kurzer Pause: „Warum trägst du noch den Pagenhaarschnitt wie deine Mutter?“ Er fuhr ihr sanft über das Haar. „Er gefällt mir, aber er ist doch ein Relikt aus den Zwanzigern.“

„Kein Relikt, Papa …eine Hommage“, lächelte sie. „Außerdem nennt man die Frisur BOB und sie ist immer noch en vogue.“

„Versuch bitte nicht, mit aller Gewalt aufzufallen, mein Kind. Die Nazis uniformieren ja die Menschen aus gutem Grund. Dazu gehören auch Kleidung und Haarschnitt. Sie grenzen damit diejenigen aus, die sich nicht manipulieren lassen. Sei um Himmels willen vorsichtig!“

„Du politisierst ja schon wieder, Papa“, sagte sie streng. „Ich will mich nicht uniformieren. Niemand kann mich dazu zwingen, mir wie ein Bauernmädchen einen Zopf zu flechten. Der Großteil der Berliner Jugend sträubt sich doch gegen die Gleichmacherei. Sieh dich nur hier im Victoria um, es gibt genug Menschen, die sich ganz individuell kleiden.“

Der alte Mann seufzte und sah erneut Elaine vor sich, die es stets verstanden hatte, ihre Sicht der Dinge messerscharf zu begründen.

„Wie geht es denn deinem Rennfahrer?“

„Gut… glaube ich wenigstens. Ich habe ihn monatelang nicht mehr gesehen. Seit er sich zum Volksheld berufen fühlt, stand ihm der Sinn nach Abwechslung. Der Bund deutscher Mädel hat nun seine Betreuung übernommen“, meinte sie mit spöttischem Unterton, in dem auch eine Spur von Bedauern mitschwang.

„Es ist also endgültig aus mit euch?“

„Das war es doch schon lange.“

„Ist auch besser so. Ihr beide hattet nicht dasselbe intellektuelle Niveau. Außerdem waren eure Interessen zu verschieden, das kann nicht …“

„ …Vater bitte!“ Eliza zog die Augenbrauen ärgerlich nach oben. „Ich habe keine Lust, darüber zu diskutieren.“

„Entschuldige“, sagte er verlegen. „Väter bleiben halt immer Väter …Hör zu, ich möchte, dass du am Ende des Semesters zu mir in die Schweiz kommst. Du könntest ja am kunsthistorischen Institut in Bern fertig studieren. Mein alter Freund Suhrer hat dort den Lehrstuhl für bildende Kunst. Er hat einen hervorragenden Ruf.“

Eliza entgegnete ernst: „Ich kann es dir nicht versprechen …Aber ich werde darüber nachdenken.“

De Moray wollte zu einer ausführlichen Argumentation ansetzen, unterließ es jedoch, weil sich Elizas sorgenvolle Miene unvermittelt aufhellte. Maria Strolz und Julia Borgin standen vor ihrem Tisch, ihre engste Freundinnen.

„Da seid ihr ja“, freute sich Eliza. Sie strahlte über das ganze Gesicht.

Der Professor erhob sich und begrüßte die beiden jungen Frauen, von denen ihm Julia Borgin besonders ans Herz gewachsen war. Als Elaine noch lebte, war das hübsche Mädchen im großen Haus in Grunewald oft zu Gast gewesen. Ihren Vater, einen geachteten jüdischen Bankier, hatte er gut gekannt. Er war in der Wirtschaftskrise zur Aufgabe seines Bankhauses gezwungen worden und hatte kurz darauf – nachdem er sein ganzes Vermögen verloren hatte – Selbstmord begangen. Seine Frau flüchtete wenig später in das Vergessen. Sie erkrankte an Alzheimer.

Eliza hatte sich ihre Jacke übergezogen und gab ihrem Vater einen Kuss. „Ich bin spätestens um vier zuhause, Papa.“

„Seid vorsichtig! Es ist viel Gesindel in der Stadt.“

Sie nahmen den Rat des Professors nicht mehr wahr. Eng umschlungen, lachend und tratschend verließen die jungen Frauen das Victoria und der alte Mann wünschte sich für einen Moment, die Zeit noch einmal zurück drehen zu können. Er seufzte, sah hinüber zu den braungekleideten SA-Männern, die wie hypnotisiert den drei Mädchen mit ihren Blicken folgten und verwarf sogleich den Wunsch, noch einmal jung zu sein. Die Zukunft sah für diese lebensfrohen jungen Frauen alles andere als rosig aus.

Das Schicksal möge trotzdem gnädig mit ihnen sein, beschwor de Moray die Mächte des Himmels, bevor er sich entschloss, einen weiteren Brühkaffee zu bestellen.

3

Die dralle, blonde Sekretärin mit der straffen weißen Bluse und der sorgfältig gebundenen Krawatte sah Rolf Auersperg herausfordernd an, schob ihre Brüste nach vorn und sagte lächelnd: „Der Herr Gruppenführer erwartet Sie.“

Der junge Mann erwiderte ihr Lächeln und spielte kurz mit dem Gedanken, sie zum neuesten Clark-Gable-Film einzuladen, nickte aber dann nur, drückte die schwere Messingklinke und trat ein.

Immer wenn er dem hohen Gestapo Beamten gegenüber stand, kam Auersperg der stets knurrende Schäferhund seiner Nachbarin in den Sinn. Sein asketisches, hochaufgeschossenes Gegenüber hatte eine Sonderstellung im wachsenden Kontrollapparat der NSDAP. Er war als Koordinator sowohl Goebbels Reichsministerium für Propaganda und Volksaufklärung als auch Himmlers SS-Hauptquartier zugeteilt. In Personalunion – und das wussten nur wenige Eingeweihte – koordinierte er die Zusammenarbeit zwischen den beiden mächtigen Institutionen in den Angelegenheiten der Erneuerung der deutschen Kunst.

Und da gab es viel zu tun. Schließlich musste man einem ganzen Volk erklären, wie nun Kunst zu sein habe und wie nicht. Jedenfalls entsprach eine derartige Machtfülle der überragenden Bedeutung, die der Führer der kulturellen Gleichschaltung einräumte. Die dazu notwendige enge Kooperation der einzelnen Dienste hatte zur Folge, dass Rolf Auersperg denselben Sachverhalt stets bei mehreren Gremien vortragen musste. Aber kein Nachteil ohne einen Vorteil. Letzterer bestand darin, dass er besser als andere über die Machenschaften und Intrigen rund um die bildende Kunst informiert war und auch darüber, wer emigrieren und deshalb dringend Kunstschätze verkaufen musste.

Als ehemaliger Kunststudent schätzte Auersperg zwar die Moderne, unterstützte jedoch aus handfesten Gründen die offizielle Kunstpolitik im Reich. Sehr bald hatte er die Chancen erkannt, die sich für ihn persönlich aus den außergewöhnlichen Vorgängen ergaben und profitierte, so wie viele anderen Beamten auch, an diesem schmutzigen Spiel. Zahlreiche Juden und Regimegegner hatten bereits das Reich verlassen und dabei wertvolle Dinge zurückgelassen. Hier ein pastöses Ölgemälde, dort eine antiquarische Radierung. Deshalb lagerte in Auerspergs Dachkammer inzwischen eine ansehnliche Sammlung avantgardistischen Kunstschaffens, die sich mit manch kleiner Kunsthandlung messen konnte. Außerdem befanden sich dort auch einige Werke ausländischer Künstler, die schon einen Namen hatten, aber hierzulande trotzdem in Ungnade gefallen waren. Ein MODIGLIANI, zwei PICASSOS und mehrere DALIS (von deren Echtheit er allerdings nicht überzeugt war) sollten einmal in einem Haus in Brandenburg die Wände schmücken und ihm helfen, seiner großen Liebe, der Fliegerei, möglichst lange die Treue halten zu können. In diesen unruhigen Zeiten musste schließlich jeder zusehen, wo er blieb.

Das große Büro war ganz im Stil der neuen Machthaber ausgestattet. Wuchtiges, klar strukturiertes Mobiliar, der Boden aus poliertem Kalkstein und ein Gobelin an der Wand. Auf der gegenüberliegenden Wand das Konterfei des Führers.

Im Zentrum des Raumes stand der mächtige Schreibtisch, der jedem auf der anderen Seite des Tisches eindrucksvoll darauf verwies, wer hier die Macht repräsentierte. Über allem thronte das geschmückte Emblem der Bewegung, das schwarze Hakenkreuz auf rotem Grund. Unmittelbar daneben hing das Porträt des Führers.

Persönliche Utensilien, Blumen oder gar Gemälde fehlten, nichts sollte von der allgegenwärtigen Präsenz der Partei ablenken.

„Setzten Sie sich, Auersperg“, befahl Gruppenführer Lützow, würdigte ihn dabei jedoch keines Blickes. Auersperg setzte sich. Minutenlang blätterte der SS-Beamte dann in irgendwelchen Akten, ehe er sich schließlich doch seinem Untergebenen zuwandte. „Ich habe hier Ihren Bericht vorliegen.“ Es klang wie eine Schuldzuweisung.

Hatte er ihn minutenlang nicht beachtet, sah er Auersperg nun durchdringend an. „Hier lese ich, John Robert Conrad, amerikanischer Bürger deutscher Abstammung, beantragt unsere Zustimmung zur Entlehnung jüdisch-bolschewistischer Kunstwerke. Wie sie wissen, benötigt er für diesen Vorgang eine schriftliche Genehmigung der Gestapo.“

Auersperg nickte zustimmend, was er immer dann tat, wenn sein Vorgesetzter zu einem längeren Monolog ansetzte. „Jawohl, Gruppenführer! Ich habe mit ihm vereinbart, dass ich ihm diese besorge. Außerdem muss die Reichskammer die Entlehnung genehmigen.“

„Er schreibt, die Entlehnung soll ein Jahr dauern und im Frühjahr 1937 starten“, sagte Lützow. „Warum so spät?“

„Das hängt mit der Eröffnung eines neuen Museums zusammen. Die Amis haben noch kein Haus der Lebenden.“

„Ob die Genehmigung zur Entlehnung in Bälde durchgeht, bezweifle ich. Die Kunstpolitik befindet sich momentan auf Schlingerkurs. Und in Fragen der Entlehnung der Verfallskunst gibt es noch keine gesetzliche Grundlage.“ Er sah Auersperg in die Augen. „Warum berät ihn bei der Auswahl der Bilder nicht Gräfin Borsody?“

„Weil die Gräfin dort nicht besonders gern gesehen wird, hat die Reichskammer mich damit beauftragt. Trotzdem werde ich sie beratend hinzuziehen.“

Lützow verzog den Mund, was wohl als Lächeln gedacht war. „Tun Sie das. Ist ja erstaunlich, dass unsere Gräfin mal nicht die erste Geige spielt. Angeblich versteht sie doch so viel von diesen Schmierereien.“ Er gab sich plötzlich jovial. „Was halten Sie denn von Conrad? Sind von ihm nachrichtendienstliche Aktivitäten zu erwarten?“

Auersperg sah seinen Chef fragend an. „Sie meinen, ob der Mann ein Spion sein könnte?“

Lützow blickte kurz vom Dossier auf: „Hab ich mich etwa unverständlich ausgedrückt?“

„Nein, nein… Für mich gibt es keinen Zweifel an seinen ehrlichen Absichten. Der Mann spricht offen und ist nicht nur wegen seiner deutschen Ahnen deutschfreundlich eingestellt.

Es gibt da ein Empfehlungsschreiben aus England, das…..“

„.. Ist mir bekannt“, fiel ihm Lützow ins Wort. „Ihre Einschätzung in Ehren, im Nachrichtendienst zählen aber nur Fakten. Wir brauchen deshalb so viele Informationen über den Mann wie möglich. Seine Kontakte, sein Lebensstil, seine sexuellen Vorlieben. Einfach alles. Der Staatssicherheitsdienst hat ihn als Sympathisanten unserer Bewegung eingestuft und ihm Diplomatenstatus zuerkannt.“ Lützow sah ihn durchdringend an. „Sie wissen, was das bedeutet. Sollte er wichtigen Leuten aus unserer Bewegung begegnen – und davon gehen wir aus – erhält er Zugang zu Informationen, die als geheim eingestuft werden. Wenn er sich hier in Berlin also doch in irgendeiner Form nachrichtendienstlich betätigt, müssen wir das so bald wie möglich und unter allen Umständen erfahren… Haben wir uns verstanden?“

„Bei allem Respekt, Gruppenführer“, widersprach Auersperg entrüstet. „Für diese Aufgaben bin ich nicht ausgebildet, das sollte besser die Gestapo übernehmen.“

„Nein. Vorläufig nicht.“ Mit Missfallen registrierte der Gruppenführer die säuerliche Miene seines Untergebenen. „Sollte Conrad tatsächlich ein ausgebildeter Agent sein, würde er eine Beschattung bald merken. Das wollen wir vermeiden. Sie hingegen können gefahrlos den Naiven spielen.“

Fast hätte er hinzugefügt, dazu müsse er sich nicht einmal verstellen. Auersperg war ein Protegé des Berliner Reichskammerpräsidenten Brugger. Seines Intimfeindes. Damit nicht genug, mangelte es dem Schönling auch an geradlinigem Karrieredenken. Niemals hätte er diesen weichen Lebemann selbst eingestellt. Zu eitel, zu unzuverlässig, zu wenig Leidenschaft für die Bewegung.

Allerdings konnte er gut mit Menschen umgehen. Und das war gerade in diesem Fall eine nicht zu unterschätzende Kompetenz.

„Versuchen Sie, sein Vertrauen zu gewinnen“, fuhr Lützow fort. „Begleiten Sie ihn in die Museen und Bibliotheken…“ Er sah ihn abschätzig an. „… Und wenn es sein muss, auch in das Berliner Nachtleben. Das ist doch ohnehin Ihr zweites Zuhause.“

Auersperg zog es vor zu schweigen. Der Gestapo-Mann setzte nach: „Unsere nachrichtendienstliche Präsenz im Ausland muss gestärkt werden, das ist ein ausdrücklicher Wunsch des Reichsführers SS. Wir brauchen vor allem Informationen aus den Vereinigten Staaten. Die USA sind ein großes und mächtiges Land. Wie Sie ja wissen, haben wir dort prominente Unterstützer, von Henry Ford über Charles Lindbergh bis…“

Er machte eine kurze Pause, so als hätte er schon zu viel gesagt. „… Sollten Sie den Mann als Informanten gewinnen können, würde das für Sie einen wichtigen Karriereschritt bedeuten, und“, er verzog den Mund zu einem zynischen Lächeln, „Sie würden Ihre Ausbildung zum Piloten endgültig gesichert haben.“

Der junge Kammersekretär hatte den Monolog seines Vorgesetzten mit wachsendem Unbehagen verfolgt. In seinem Aufgabenkatalog war von Koordinationsaufgaben innerhalb der Reichskulturkammer und Beratungsfunktionen für Künstler, Händler oder Kuratoren die Rede, jedoch nicht von Spitzeldiensten für die Gestapo oder gar von Beschattungsaufgaben. Von Dingen, die ihm zutiefst zuwider waren.

Trotz dieses unerfreulichen Gespräches verbot ihm sein Instinkt, Emotionen zu zeigen. Die neue Situation musste zuerst einmal überdacht werden. Er wechselte deshalb das Thema und sagte: „Ich habe ihm ein Privat-Fahrzeug angeboten, aber er hat abgelehnt.“

Lützow horchte auf. Das war äußerst ungewöhnlich. Er ließ sich jedoch nichts anmerken. „Umso besser“, erwiderte er beiläufig. „Da können Sie ihn öfters mal selbst herum fahren.“

„Kann er denn ohne Einwände private Verfallkunst erwerben?“, fragte Auersperg.

„Vorläufig ja. Privater Entleih und Verkauf sind immer noch Sache der Händler. Die Reichsmuseen hingegen dürfen ohne Zustimmung der Kammer keine moderne oder jüdischbolschewistische Kunst ankaufen oder verkaufen. Noch haben wir auf privater Ebene keine Handhabe, den Handel mit Kunstwerken zu steuern …Wir sollten trotzdem genau kontrollieren, was Conrad kauft oder entleiht.“ Er widmete sich wieder dem Dossier. „Wenn es stimmt, dass er unserer Bewegung nahesteht, warum interessiert er sich dann für jüdische Kunst? Hat der Mann denn kein Ehrgefühl.“

„Ich habe ihn darauf angesprochen. In Amerika, so meinte er, gäbe es wenig Ressentiments gegen jüdische Kunst.“

Lützow verzog die Mundwinkel. „Zumindest nicht offiziell!“ Kurz darauf wendete er sich erneut seinen Akten zu, was der junge Mann als Signal zur Beendigung des Gespräches verstand. Er erhob sich und salutierte.

„Und vergessen Sie niemals, Auersperg“, gab ihm der SS Mann mit auf den Weg, „dass Sie an unserer Arbeit gut partizipieren. Nun ist es an der Zeit, endlich einmal Gegenleistungen zu bringen. Mangelnde Loyalität hätte zur Folge, dass Sie sich Ihre Flugstunden bald nicht mehr leisten können.“

Seine Pilotenausbildung abzubrechen, war so ziemlich das Einzige, womit man Rolf Auersperg ernsthaft drohen konnte. Er verzog den Mund, salutierte ein zweites Mal und verließ den Raum.

Als er gegangen war, griff Lützow zu dem großen schwarzen Telefon und betätigte eine Kurzwahl.

„Schicken Sie mir Hauptkommissar Schultz herüber. Ich habe einen Überwachungsauftrag.“

4

Adolf Hauptmann öffnete ruckartig die schwere Eingangstür zu Wildorfs Kunst- und Restaurationsbedarf und war froh, dem plötzlich einsetzenden Regen entkommen zu sein. Ein Gewitter war aufgezogen und hatte mit infernalem Getöse die drückende Schwüle der letzten Stunden vertrieben.

Er zog den nassen Mantel aus, der im kleinen DKW-Lastkraftwagen stets für solch unangenehme Überraschungen bereit lag und warf ihn über das Verkaufspult, was ihm einen vorwurfsvollen Blick der jungen Verkäuferin und die Frage einbrachte, ob denn der Mantel zu schwer sei, um ihn aufzuhängen. Sie möge das doch selbst überprüfen, entgegnete Hauptmann kühl.

Da er mehrmals in der Woche hier Besorgungen machte, wusste die Belegschaft von seiner Tätigkeit als freiberuflicher Restaurator, Landschaftsmaler und Vergolder, was ihm normalerweise eine höfliche und fachlich hervorragende Betreuung garantierte. Die junge Dame schien indes neu zu sein. Wie zur Bestätigung fragte sie ihn obendrein noch nach der Materialkarte, worauf er wütend den Geschäftsführer zu sprechen verlangte. So konnte man mit ihm nicht umspringen.

Hauptmann, ein hagerer Schlesier der auf die Fünfzig zuging, gehörte nicht zu jenen Kunden, die eine Materialkarte vorlegen mussten, um bei Wildorf einkaufen zu können. Man kannte ihn hier. Und schon gar nicht stellte er das Vorlegen der Karte selbst in Frage. Im Gegenteil. Für ihn war die Idee, die dahinter steckte, von genialer Effizienz. Nur wer Mitglied der Kammer war, erhielt eine Materialkarte. Und Mitglied der Kammer konnte nur ein der Bewegung genehmer Restaurateur, Künstler oder Händler werden.

Damit wurden endlich alle jüdischen und bolschewistischen Kunstverräter, die in der Systemzeit zu Schöpfern von Meisterwerken hochgejubelt wurden, aus dem Verkehr gezogen. Den unseligen Punkte-Malern und Striche-Zeichnern war nun das Handwerk gelegt worden. Von seiner extremen Gegnerschaft zur Moderne wusste – vom Juniorchef und einigen Eingeweihten einmal abgesehen – in Wildorfs Laden natürlich niemand. Hauptmann legte stets Wert auf Diskretion und Geheimhaltung, denn Konspiration konnte nur dort gedeihen, wo man keiner Verdächtigung ausgesetzt war.

Obwohl es versteckt lag, hatte das in einer der dörflich anmutenden Seitenstraßen Moabits gelegene Handelshaus für Kunstbedarf in der Berliner Kunstszene einen guten Namen. Eigentlich gab es nichts auf dem weiten Feld des Kunstmarktes, das hier nicht geführt worden wäre. Was allerdings auch damit zusammenhing, dass die jüdischen Mitbewerber im Kunstbedarfshandel immer weniger wurden und damit die Regale bei Wildorf immer voller. Die Nationalsozialisten hatten den jüdisch stämmigen Händlern mit der Einrichtung der Reichskulturkammer den Zugang zum Markt verwehrt und ihnen somit durch die Hintertür die Handelsgenehmigung entzogen. Davon profitierten dann wunschgemäß alle im arischen Besitz befindlichen Unternehmen.

Der Umsatz der nun fast ausnahmslos eingedeutschten Kunstbedarfshandlungen war trotzdem nur geringfügig gestiegen. Das lag in erster Linie daran, dass die vielen Künstler, die mit dem Gesetz zur Erneuerung des Berufsbeamtentums keine Berechtigungskarte zum Erwerb von Malutensilien mehr erhalten hatten, als Kunden langsam aber sicher ausfielen. Um dieses Manko ein wenig auszugleichen, schickten die arischen Profiteure jüdischen Betrieben, die nicht schnell genug von der Bildfläche verschwunden waren oder gar die Hintertür einer Überschreibung an Dritte versuchten, schon mal Rollkommandos der SA ins Haus, die dann die letzten Kunden beim Einkauf hinderten oder das Ausladen neuer Waren blockierten.

In Wildorfs Kunstbedarfsladen wurde der gezielte Einsatz dieser Rollkommandos koordiniert. Über Spitzel sammelte man Informationen darüber, welcher nichtarische Betrieb seinen Besitzer gewechselt hatte und welcher jüdische Händler seine restlichen Lagerbestände noch immer an treue Stammkunden abzugeben versuchte. Diese Informationen gelangten schließlich über Mittelsmänner zuerst an den Juniorchef Albert Wildorf und dann an Adolf Hauptmann, der daraufhin den großen Auftritt der SA Schläger organisierte. Oft sogar mit Billigung der Polizei.

Eben jener Juniorchef, ein kahlköpfiger Enddreißiger, erschien nach wenigen Minuten persönlich bei Adolf Hauptmann und entschuldigte sich für seine neue Mitarbeiterin. Für ihre Einschulung sei noch keine Zeit gewesen, meinte er mit säuerlicher Miene.

Hauptmann machte eine abwehrende Handbewegung, die wohl auf die Bedeutungslosigkeit des Vorfalles abzielen sollte und reichte ihm wortlos den handbeschriebenen Zettel mit seinen Bestellwünschen. Dann bat er darum, die Bestellung direkt in seinen DKW-Lastwagen einladen zu lassen. Wildorf entgegnete, er werde persönlich dafür Sorge tragen und reichte ihm ein verschlossenes Kuvert, in dem sich – wie schon so oft zuvor – der Bericht über Berlins Kunsthandel befand. Außerdem die Auflistung derjenigen jüdisch geführten Betriebe, die immer noch verkauften und denen die SA deshalb einen Besuch abstatten sollte.

Im selben Moment stellte eine modern gekleidete jüngere Frau eine Tasche neben ihm auf das Pult. Sie war von außerordentlicher Schönheit, trug ihre blonden Haare kurz und in den in Mode gekommenen Dauerwellen und war sorgfältig geschminkt. Das moderne grüne Kleid mit den ausgeformten Schultern betonte ihren makellosen Körper.

Eine der Verkäuferinnen schien auf sie gewartet zu haben, denn sie schob einen kleinen Korb mit Kunstutensilien direkt neben die Tasche der jungen Frau und sagte: „Ich habe tatsächlich alles, was Sie bestellt hatten, bekommen, Fräulein Borgin. Nur beim Bleiweiß haben wir Probleme …In Pulverform ist es nur noch schwer zu bekommen. Außerdem …“

Die Kundin unterbrach sie: „ …Ist schon in Ordnung. Geben Sie einfach alles hier hinein.“ Sie hielt der Verkäuferin die offene Tasche hin.

Hauptmann hatte die kleine Szene aufmerksam verfolgt. Wie alle Menschen mit Neigung zur Konspiration war er ein sorgfältiger Beobachter der Dinge, die um ihn herum passierten. Diese Eigenschaft hatte ihm schon oft geholfen, Zusammenhänge früher als andere zu erkennen und entsprechende Schlüsse zu ziehen.

Seine plötzliche Neugierde galt jedoch weniger der attraktiven jungen Frau selbst, als deren außergewöhnlichen Bestellung. Zwar hatte er nur ein paar der Utensilien identifiziert, die in ihrer Tasche verschwanden. Das hatte jedoch ausgereicht, seinen Argwohn zu erregen. Und nicht nur ihr Einkauf, auch das seltsame Verhalten der jungen Frau war ihm sofort aufgefallen. Der Anflug von Unsicherheit in ihrem Mienenspiel, das Bemühen, ihre Bestellung vor den anderen Kunden zu verbergen. Und da war noch die billige Aktentasche, die so gar nicht zu ihrem eleganten Erscheinungsbild passte.

Sie hatte ihre Materialkarte auf den Tisch gelegt, damit die Verkäuferin den Einkauf eintragen konnte. Hauptmann versuchte, durch einen Blick auf die Karte den Namen der Frau zu erhaschen, was ihm jedoch misslang. Er konnte jedoch in die noch offene Tasche sehen und was er dort entdeckte, genügte, um sein Misstrauen weiter wachsen zu lassen.

Mehrere Pinsel unterschiedlicher Bauweise hatte er erkennen können, ebenso zwei kleine Tiegel, einer mit der Aufschrift Umbra Natur, der andere mit der Kennzeichnung Manganoxalat. Bei beiden Chemikalien handelte es sich um Trocknungsmittel, die von alten Meistern eingesetzt wurden, um den Ölgrund schneller trocknen zu lassen. Daneben erkannte er noch ein Fläschchen mit Krapplack mit der Aufschrift Natürlicher Krapplack. Dieser Lack war sehr selten und wurde früher zur Herstellung von roter Farbe verwendet. Heute würde man synthetischen Krapplack verwenden, wusste Hauptmann. Er war genauso gut, jedoch deutlich billiger.

Adolf Hauptmann hatte genug alte Meister gefälscht, um nicht zu wissen, dass weder die Farben, noch die anderen Materialien in der Tasche für die Arbeit eines zeitgenössischen Künstlers zusammengestellt worden waren. Und schon gar nicht für Restaurierungsaufgaben.

Nein, hier ging es um ganz etwas anderes. Jemand wollte mit diesen Utensilien Impressionisten kopieren. Reproduktionen von Manet, Monet oder Gauguin erfordern eine ganz bestimmte Palette an Pinseln, Farben oder Leinwänden, die den gängigen Maltechniken der damaligen Zeit gerecht wurden. Niemand konnte Hauptmann auf diesem Gebiet etwas vormachen. In Sachen Material und Maltechnik war er einer der besten seines Faches.

In Gedanken spielte er alle in Frage kommenden Möglichkeiten durch, die eine derart ungewöhnliche Bestellung rechtfertigen. Entweder war der Auftraggeber der Frau ein Restaurateur, der seine Arbeit nicht verstand, ein Jude, der sich selbst nicht mehr mit Malutensilien versorgen durfte oder ein Fälscher. Letzteres schien am ehesten zuzutreffen.

Die Möglichkeit, dass die junge Frau selbst als Kopistin arbeiten könnte, verwarf er sofort. Frauen können so etwas nicht.

Da Hauptmann sich niemand anderen als sich selbst und seiner Neugier verpflichtet fühlte, stand sein Entschluss, hinter dieses Geheimnis kommen zu wollen, fest. Er rief noch einmal nach dem Juniorchef, der gerade dabei war, seine Bestellungen zu verpacken und erklärte ihm, er habe eine wichtige Besorgung vergessen und man möge seine Sachen doch so lange deponieren, bis er zurückkäme.

Er verließ den Laden noch vor der jungen Frau, wechselte die Straßenseite und stieg in seinen Laster – den er wie immer in unmittelbarer Nähe in der Lade Zone abgestellt hatte – um auf sie zu warten. Nur wenige Minuten später trat sie heraus und ging die Straße in Richtung Babelsberger Straße hinunter. Langsam fuhr er an, blieb aber sofort wieder stehen, weil er sah, dass die Frau an der Bushaltestelle stehen geblieben war. Hoffentlich war sie nicht misstrauisch geworden.

Hauptmann stieg aus und tat so, als würde er am Laster hantieren. Aus den Augenwinkeln konnte er erkennen, wie die Frau den Zwölfer in Richtung innerer Stadt bestieg. Sofort kletterte er wieder auf den Fahrersitz und folgte dem gelben Doppeldecker mit der schwarzen Aufschrift Berliner Illustrierte. Dabei hielt er genügend Abstand, um nicht aufzufallen.

Schon beim dritten Halt stieg die junge Frau wieder aus, ging über die Straße und wechselte zu einer Haltestelle, die etwa hundert Meter entfernt lag. Da er hinter einer haltenden Straßenbahn stehen bleiben musste, verlor er sie aus den Augen, fuhr jedoch trotzdem weiter und entdeckte sie schließlich wartend an der Bushaltestelle.

Der Taxistand auf der anderen Straßenseite brachte ihn auf eine Idee. Er fuhr zur Seite, stellte den Laster an der nächsten Ecke ab und lief hinüber zu den wartenden Taxis. Die Frau stand noch immer an der Haltestelle, an der gerade der Bus vorfuhr. Hauptmann stieg in das erste Taxi und wies den Fahrer an, dem Zwölfer zu folgen.

Der Fahrer schien sich über den Auftrag zu freuen und fragte aufgeräumt: „Wohl von der Polente, wa?“

„Was dagegen?“, entgegnete Hauptmann mit ausdruckslosem Gesicht.

5

Wie alle ihre Freunde machte sich auch Eliza de Moray Sorgen über ihre Zukunft. Wie sollte es denn weitergehen, wenn die Verfemung der Moderne anhielt und alles vernichtet wurde, worauf sie ihre Zukunft aufbauen wollte?

Ihr Berufswunsch, einmal ein Museum zu leiten, schien kaum noch realistisch zu sein. Für eine Anstellung an der Universität fehlte ihr das Parteibuch und selbst in den Medien schien eine Karriere ausgeschlossen, denn die meisten Kunstpublikationen waren längst von den Nazis auf Linie gebracht oder verboten worden. Zu allem Überfluss musste sie auch noch einen regimetreuen Doktorvater akzeptieren.

Schon als junge Studentin war ihr die braune Pest zwar nicht gleichgültig gewesen, sie hatte sich jedoch in den schlimmen Zeiten der Wirtschaftskrise zu wenig mit Politik beschäftigt und ebenso wie ihre Freunde niemals daran geglaubt, dass die Nazis tatsächlich an die Macht kommen konnten. Ein fataler Irrtum. Irgendwie hatten sie es doch geschafft, im von der Wirtschaftskrise verarmten und gedemütigten Nachkriegs-Deutschland als akzeptable Alternative anerkannt zu werden.

In den zwei Jahren, in denen sie an der Macht waren, war es ihnen jedoch nicht gelungen, die Stimmen oder gar die Herzen der Berliner zu erreichen. Berlin und die Nazis mögen sich nicht, hatte einmal einer ihrer Freunde festgestellt. Und er hatte Recht damit. Zumindest bis heute, denn in jüngster Zeit mehrten sich die Anzeichen dafür, dass ihre Strategie des Polarisierens und Verhöhnens auch in der Metropole Erfolg haben würde. Darüber hinaus förderten sie massiv die Zuwanderung ihrer Sympathisanten aus dem Süden der Stadt und aus den Landbezirken in das Rote Berlin.

Ihr Leben und das ihrer meisten Freunde war durch die Machtergreifung zwar nicht unmittelbar bedroht, jedoch zutiefst erschüttert worden. Alle Werte, die ihr Dasein bestimmten, von der Freiheit zu denken und zu leben wie man wollte, von der Achtung der Menschenwürde bis hin zur Toleranz gegenüber Andersdenkenden, all das ertrank in dem braunen Sumpf der Intoleranz.

So lange es ihr möglich war, würde sie deshalb diese Ideologie bekämpfen. Aktiver Widerstand war zwar inzwischen auch in Berlin zu gefährlich geworden, aber sie und ihre Freunde machten sich einen Spaß daraus, mit allen möglichen Tricks die Vorschriften der Nazis zu umgehen. Sie besuchten Swing-Partys, hörten Jazz, kleideten sich nach amerikanischen Vorbildern und besuchten amerikanische Filme.

In einem Lebensbereich kannte Eliza allerdings weder Spaß noch Kompromisse. Ihre Leidenschaft für die moderne Kunst ließ dies nicht zu. Noch schien es möglich, die Menschen von der Wichtigkeit der Freiheit der Kunst zu überzeugen und zumindest Teile der Moderne zu rehabilitieren. Noch konnten jüdische Künstler malen und Ausstellungen arrangieren, auch wenn es offiziell für sie keine Arbeitserlaubnis mehr gab. Noch bestand Hoffnung, dass die Nazis ihre unselige Kunstpolitik zumindest teilweise revidieren würden. Für all das lohnte es sich, standhaft zu bleiben und weiter zu kämpfen.

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