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Der Sturm Beginnt

Dieses Buch widme ich meiner Verlobten Lisa-Maria Schindler, der ich dieses vollendete Werk zu verdanken habe, war sie es doch, die mich von Anfang an beim Schreiben meines ersten Romans unterstützte, Korrektur las, mir Hinweise gab und mich immer wieder motivierte, durchzuhalten und bis zur allerletzten Seite weiterzuschreiben. Dank ihrer Treue und dem Glauben an mich, habe ich unser Ziel nunmehr erreicht.

Vorwort

Immer wieder entdecke ich in Bibliotheken und Büchereien Werke englischer, französischer oder auch spanischer Geschichte. Romane berichten von ihren Helden, wie sie sich in historischen Schlachten einen Namen machen. So zum Beispiel Cato, Soldat der römischen Armee aus den Bänden von Simon Scarrow, Hornblower von C. S. Forester, ein Seeheld der Royal Navy oder aber Bernard Cornwall´s Romane über den englischen Schützen Richard Sharpe, dessen sämtliche Werke ich von klein auf gelesen habe.

Ich muss gestehen, es sind seine Werke, die mich zu dieser Buchreihe führten. Meine Faszination über die Geschichte eines einfachen Soldaten, der es schaffte, zu Zeiten der napoleonischen Kriege Offizier in der britischen Armee zu werden, ist so groß, dass ich nach dem letzten Band der Sharpe - Serie anfing, selbst eine Geschichte zu schreiben, eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Die Geschichte meines eigenen Helden, -Sven Eriksson. Motiviert wurde ich von der Idee, endlich einmal auch die Schweden in Romanen zu erwähnen. Bis in das frühe achtzehnte Jahrhundert hinein war jene Nation eine wahre Großmacht, einige sprechen sogar von einer Supermacht, deren Prestige, Projektion und Legitimität einzig und allein vom schwedischen Militär ausging. Dieses zählte in jenen Tagen zu den Fortschrittlichsten der Welt mit einer Präzision an taktischer Genauigkeit und technischem Wissen, die seinesgleichen suchte. Namen, wie Gustav II Adolf oder Karl XII. tauchen in vielen Geschichtsbüchern auf, erzählen uns heute von deren Leben als schwedische Herrscher, voll von Abenteuergeist und Tatendrang. „Karoliner“ ist über viele Jahre hinweg ein, für die einen, gefürchtetes Wort, für die anderen Ausdruck wahrer Stärke. Es sind Zeiten großer Themen, wie der Aufklärung, der Religionskriege, Zeiten voller Intrigen und vieler Geheimnisse. Vor allem aber ist es die Zeit der Kriege, eine Zeit, in der Soldaten Geschichte schreiben.

Im dreißigjährigen Krieg kämpften die Schweden auf der Seite der Protestanten im Konflikt mit dem katholischen Kaiserhaus Österreich. Davor und danach kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen den Schweden und den Dänen zu Lande wie auch zu Wasser. Zu oft wurden Kriege gewonnen, zu viel Land erobert und zu oft fanden die Gewinner ein trauriges Ende!

Ich möchte den Lesern zeigen, dass auch die Schweden einen Platz in heroischen Romanen verdienen, ganz einfach aus dem Grund, weil sie es verdient haben!

Dank der Idee Sven Erikssons habe ich die Möglichkeit erhalten, dieses Wunschdenken in die Wirklichkeit umzusetzen.

Nun war da natürlich die Frage, wo ich anfangen sollte. Seit dem dreißigjährigen Krieg schrieb Schwedens Militär Geschichte gestützt von herausragenden Siegen aber auch verheerenden Niederlagen. Doch auf die Frage fand ich schnell eine Antwort. Das meiste, was man über das schwedische Militärwesen und sein damaliges Genie erfahren kann, findet sich in der Zeit des Großen Nordischen Krieges. Von 1700 bis 1721 kam es zu unendlich vielen Scharmützeln gefolgt von großen Schlachten. Einige sollten erwähnt werden, andere hingegen nicht unbedingt.

Wichtig dabei ist aber das Ausmaß des Krieges, der nicht nur den Untergang eines Großreichs bedeutete, sondern einem anderen dessen Aufstieg!

Doch bis dahin bleibt viel Zeit, um klein anzufangen, mit der Geschichte zu beginnen im November des Jahres 1700, als sich Sven Eriksson aufmacht zu seinem ersten Abenteuer, -Narva!

Prolog

Die Luft war feucht und die Nebelschwaden hingen schwer in der Luft. Seit Tagen sahen die Soldaten keinen blauen Himmel mehr. Selbst die Sonne kam nicht durch den dichten Schleier hindurch. Kein Wind war zu spüren, kein Vogel zwitscherte, es war die düstere Zeit des sich nähernden russischen Winters, Anfang November um genau zu sein.

Kapten Björn Olsson starrte durch den Nebel hindurch Richtung Wasser und erkannte plötzlich den Umriss eines Beibootes, welches von Sjörmanners mit langen Rudern Richtung Pier gefahren wurde. Es war schon das achte Boot, das Björn Olsson zählte. Wie schon zuvor saßen die Soldaten seiner Kompanie auch in diesem dicht an dicht in der Mitte, die Hände an den Musketen und die Blicke ins Nichts starrend. Schweigend kamen sie näher und warteten, bis ein, zwei Sjörmanners die Taue um einen der Poller warfen und das Boot an die Kaimauer heranzogen. Dann, wie schon zuvor bei den anderen Einheiten standen Reihe um Reihe der Soldaten auf und stiegen über die Reling an Land, wo sie sich zugleich in Formation aufstellten. „Das Letzte“, sagte der Kapten etwas genervt zu seinem Untergebenen, dem Förste Sergeant Lasse Larsson, der mit einer Liste unter dem Arm bei ihm stand.

Acht Boote brachten nach und nach die einhundertfünfzig Mann starke Kompanie von der Fregatte Schonen an Land. Je zu zwanzig Soldaten wurden Stück für Stück übergesetzt, während das letzte Boot die noch verbliebenen zehn Kameraden holte.

Durch ihre geringe Anzahl verlief das letzte Manöver wesentlich schneller als die Vorangegangenen.

Nachdem nun alle angetreten waren, schritten der Kapten und sein Förste Sergeant die Reihen ab und ließen durchzählen. Sergeant Nilsson trat vor und meldete alle einhundertfünfzig Mann vollzählig angetreten und reihte sich wieder ein, nachdem er salutiert hatte.

Björn Olsson öffnete seine Tasche, aus der er sein Befehlsschreiben hervorholte, las darin und richtete sich dann an seine Kompanie. „Wir haben Befehl, hier ein Feldlager aufzuschlagen und zu warten, bis die restlichen Kompanien eingetroffen sind! Danach sollen wir abrücken! Sergeants, lassen sie ihre Männer das Lager aufschlagen und stellen sie Wachposten auf! Niemand entfernt sich vom Lager ohne meinen ausdrücklichen Befehl, verstanden? Gut! Und noch etwas, Pernau wird erst einmal gemieden, das gilt auch für die Herrn Offiziere! Weggetreten!“ Während die Sergeants wie angeordnet ihre Befehle ausführten, richtete sich Olssons Blick auf die Stadt. Obwohl des dichten Nebels waren einige der entfernten Häuser von Pernau auszumachen, so auch die Kirche, dessen gewaltiger Turm über die Nebeldecke hinauszuragen schien.

„Larsson, bitte sorgen Sie dafür, dass mein Zelt hergerichtet wird und meine Sachen bis Einbruch der Dunkelheit vollzählig eingetroffen sind, das wäre dann vorerst alles, danke!“ Mit einem steifen Gruß verabschiedete sich der Förste Sergeant und Olsson stand allein auf der Pier, den Blick erneut auf das Wasser gerichtet.

Vor zwei Wochen wurden die vier Kompanien des ersten Bataillons von ihrer Garnisonsstadt Ombergsheden nach Stockholm befohlen, von wo aus sie eingeschifft und mit mehreren Schiffen ins schwedische Livland übergesetzt wurden, so auch seine Kompanie auf der Fregatte Schonen. Seit der letzten Auseinandersetzung mit den Dänen und deren erfolgreicher Belagerung Kopenhagens war nunmehr Schweden führende Seemacht im Ostseeraum und nach siegreicher Bekämpfung der dänischen Marine konnten die Truppenkontingente ohne größere Probleme ins ferne Livland übergesetzt werden. Als sie dann an jenem Morgen die Hafenstadt Pernau erreichten, ging es sofort daran, Mensch, Tier und Material von Bord zu schaffen, um möglichst unbemerkt vor ihrem Gegner, den Russen, zu bleiben. Zusammen mit den anderen drei Kompanien bildeten sie vier zusammen das erste Bataillon, des in den vergangenen Kriegen bekannt gewordenen Närke -Värmland -Regiments, dessen Sitz einst in Ombergsheden, jetzt in Pernau lag. Kapten Björn Olsson diente schon lange beim Militär. Er war bereits mit dreizehn Jahren Soldat bei der Artillerie geworden, wurde dann vor gut neun Jahren zur dritten Kompanie des Närke- Värmlands versetzt, wo er jetzt schwedische Infanterie befehligte. Er kannte seine Jungs, kannte ihre Stärken und Schwächen und ihren Kampfgeist. Er redete sich immer ein, sie seien Schweden, sie seien seine Heimat und wo sie waren, war Schweden immer bei ihnen. Von den anderen Kompanien hielt er nichts, da sie nicht die seinen waren. Egal, was seine Männer taten, sie mussten stets besser sein, besser in allem! Im Marschieren, im Formaldienst, im Fechten, im Reiten, selbst beim Reinigen! Doch so streng er einst auch gewesen war, man merkte ihm sein Alter an und mit der Zeit wurde er warmherziger. Alles in Allem für seine Kompanie ein guter Vater, der, wenn er musste, dennoch die volle Härte des schwedischen Militärwesens seinen Kindern einzuprügeln verstand.

Plötzlich wurde er aus den Gedanken gerissen, als die Kirchenglocken andeuteten, dass es bereits achtzehn Uhr war. Schnell zog sich Olsson seinen Dreispitz auf den Kopf, strich sein schwarzes Haar hinter die Ohren und schritt zu seinem Pferd, der Fuchsstute, die er seit einem Jahr besaß. Ein Geschenk seiner nunmehr verstorbenen Mutter. Ein wirklich treues Tier, robust und gleichzeitig feinfühlig.

Olsson packte die Zügel bei der Hand, rief noch einigen Unteroffizieren letzte Anordnungen zu und machte sich dann auf den Weg. Er hatte noch einen Auftrag zu erfüllen…

Kapitel I

Sven Eriksson stöhnte, als ihm die schwere Zeltplane aus den Händen viel. „Du musst schon mal mit anpacken, Nalle“, sagte er. „Alleine schaffe ich es nicht, diese verdammte Plane wiegt einfach zu viel.“

Nalle Halsson lachte auf, als er in das wehleidige Gesicht des jungen Soldaten blickte.

„Haha, sehr komisch, jetzt pack doch mal mit an, verdammt!“ Sven reichte seinem Freund ein festes Ende und zusammen gelang es ihnen, den schweren Stoff über das Gestell zu spannen. Während Nalle die verbliebenen Heringe in den Boden stampfte, machte Sven sich daran, ihre Provianttaschen und Waffen geordnet in ihrem Zelt zu verstauen.

Sven Eriksson, gerade einmal siebzehn Jahre alt, wurde von seinem Vater zum Militärdienst gepresst, eigentlich wollte er lieber Farmer werden, wie sein bester Schulfreund Finn, doch da sein Vater beim Militär gedient hatte und dessen Vater vor ihm, so musste nun auch er selbst in die Dienste des Landes treten. Vor gut einem halben Jahr verließ er seine Heimat Varmland und meldete sich in der Garnisonsstadt Ombergsheden, wo er zum Karoliner, dem schwedischen Infanteristen gedrillt wurde.

Anfangs noch unbeholfen, änderte sich seine Meinung zum Militärleben. Er fand endlich Abstand zu seinem Vater, mit dem er sich nie gut verstanden hatte, starb doch seine Mutter bei seiner Geburt; der Vater gab ihm, Sven Eriksson, die Schuld daran. Sein Bruder war im vergangenen Krieg gegen die Dänen ums Leben gekommen und somit hielt Sven nichts mehr im Elternhaus. Außerdem lernte er gute Freunde bei der Armee kennen, Freunde wie Nalle oder Träumer wie Mats, der sich immer ein gehobenes Leben im Palast wünschte. Auch mit seinen Vorgesetzten kam Sven gut aus, Sergeant Nilsson, der gerade einmal drei Jahre älter war als er selber und auch andere. Einzig bei Sergeant Radick und Utritt stieß er ständig auf Ärger. Daher hielt er sich die meiste Zeit über fern von Ihnen, denn sobald irgendwer in ihrer Nähe aufzufinden war, fingen beide Sergeants an, diese zu erniedrigen und zu verspotten, um zu hänseln, um zu lästern und Ärger zu schüren.

Radick und Utritt waren zum Militärdienst gepresst worden, nachdem sie beim Stehlen erwischt wurden. Man hatte sie vor die Wahl gestellt, Militärdienst oder Tod durch den Strick. Also schrieben sich beide in die Armee ein und wurden vergangenes Jahr nach vierjährigem Dienst zu Sergeants befördert.

Sven musste sich ducken, als er durch die Zeltplane ins Innere schlüpfte, denn mit seinen einmeterachtzig war er nicht gerade klein. Viele Schweden verkörpern ja das Bild eines blondhaarigen Mannes mit blauen Augen, bei Sven Eriksson waren die Haare jedoch dunkelbraun. Nur die dunkelblauen Augen seiner Mutter hatte er mit vielen anderen gleich. Früher, als er noch jünger war, hatte er blonde Haare gehabt, doch mit der Zeit wurden sie immer dunkler. Jetzt sind sie fast schwarz. Was seine Haarfarbe von den meisten unterschied, wurde aber von seinem typischen Aussehen wett gemacht. Die Haare lang, lose getragen oder nach hinten gekämmt und mit einem schwarzen Band verbunden, ein noch in der Entwicklung stehender Vollbart, schlank mit breiten Schultern. Seine Größe verlieh ihm bei einigen Respekt, doch die meisten interessierte die Größe herzlich wenig. Für sie war wichtig, ob sich ein Soldat schon in der Schlacht bewährt hatte. Svens Mutprobe sollte noch kommen. Im Vorteil zu vielen anderen konnte Sven lesen und schreiben, sein Freund Finn aus Nilsby, hatte es ihm einst beigebracht, dessen Vater Lehrer war. Durch dieses Können musste Sven immer wieder hinter dem Schreibtisch Briefe verfassen, Proviantlisten führen und einiges mehr, je nachdem, was vorlag.

Gerade verteilte er Stroh auf den Zeltboden, als Nalle hereinkam. „Das Teil steht endlich! Ich glaube, so wie ich diese Heringe in den Boden getreten habe, könnte wohl nicht einmal ein Orkan das Ding umreißen! Hast du meine Tasche mit `reingeholt?“ Sven nickte und zeigte auf die rechte Seite, wo er ordentlich Nalles Sachen gestapelt hatte.

Eine Stunde später war alles erledigt. Das Zelt stand, die Feldbetten waren aufgestellt und ihre Waffen gereinigt und ordentlich verstaut. Es war mittlerweile stockfinster geworden, die Lagerfeuer knisterten vor den aufgereihten Zelten, versprachen etwas Wärme und spendeten Licht. Während Sven in einem Buch herumblätterte, starrte Nalle an die Zeltplane. „Glaubst du, wir werden diesen Iwan bald kennenlernen?“ Sven klappte das Buch zu und dachte kurz darüber nach. „Ich denke schon, Russland ist nicht weit von hier und wer weiß, wo der Feind mittlerweile ist. Vielleicht sehen wir ihn ja schon in wenigen Wochen.“

„Ich habe noch nie einen Russen gesehen“, bemerkte Nalle.

Das wird sich bald ändern, dachte sich Sven im Stillen. Während er so darüber grübelte, wie es wohl in einer echten Schlacht zu sich gehe, fing Nalle bereits an zu schnarchen. Kurze Zeit darauf nickte auch Sven langsam ein. Bald würde seine Bewährung kommen…

Björn Olsson erreichte indessen sein Ziel. Ein großes Stadthaus in Pernau nicht weit vom Marktplatz entfernt. Seine Stute gab er einem Stallburschen, der für einen Riksdaler versprach, dass Pferd unterzubringen und zu versorgen. Während das Pferd weggeführt wurde, stieg Olsson eine Treppe zu dem Stadthaus hinauf und klopfte an die große Eingangstür. Diese wurde wenig später geöffnet und eine ältere Frau trat hervor, „Ja?“

„Sind sie Yva Rehnskiöld?“ Die Frau blickte Olsson einen Moment lang an, bemerkte dann den abgenommenen Dreispitz und die Uniform, die unter dem schweren dunklen Mantel hervorlugte. „Ja, was wollen sie denn von meinem Mann“, wollte die Frau wissen.

„Kapten Björn Olsson ist mein Name. Ich habe eine Verabredung mit ihrem verehrten Herrn Gatten.“

„Ich wusste gar nicht, dass Carl heute noch jemanden erwartet, einen Moment bitte.“ Die Frau verschwand wieder im Haus, während Olsson ungeduldig an der halb offenen Tür stand. Er blickte sich um und erkannte, dass die Straßen menschenleer waren. Selbst der Marktplatz schien verlassen. Ein kalter Windzug stieß ihm ins Gesicht. Es war kalt, kalt und feucht. Im Sommer musste die Stadt ein tolles, lebhaftes Bild abgeben, doch jetzt im näherkommenden Winter schien sie wie ausgestorben und finster mit ihren grauen Fassaden.

Plötzlich wurde die Tür aufgeschoben und ein Mann in herausragender Uniform trat nach draußen. „Sie sind Kapten Björn Olsson“, verlangte er zu wissen.

„Jawohl, Herr Fältmarskalk. Hier sind meine Befehle“, Olsson salutierte, gab dann Carl Rehnskiöld seine Papiere und machte einen Schritt zurück.

„Kommen sie am besten ins Haus, dann können wir uns in Ruhe in meinem Arbeitszimmer unterhalten“, bot der Fältmarskalk an und ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und ging hinein. Björn Olsson folgte ihm. Vorsichtig schloss er die Haustür, durchquerte einen langen Flur, deren Wände mit großen Gemälden behangen waren. Seine Motive waren Zeugen vergangener Schlachten. Eines dieser Gemälde fiel Olsson sofort auf. Es war das Hinterste im Flur. Auf ihm erkannte er die Schlacht bei Lützen, in der ihr alter König Gustav II Adolf im Kampf ums Leben kam, als ihn eine Kugel traf. Björn selbst kannte die Geschichten dieser bedeutsamen Schlacht besser als viele andere, denn sein Großvater der damals Major der Fußartillerie war, erlebte die Schlacht am eigenen Leibe mit. Als Kind hörte er sich immer die Erzählungen seines Vaters an, die jener von seinem Vater hatte. Daher wusste Björn Olsson fast alles, was sich in der Schlacht zugetragen hatte.

Er folgte Carl Rehnskiöld nach oben, durchschritt einen weiteren Flur, an dem mehrere Türen anschlossen. Das fade Licht der Kerzen ließ nur wenig von der eigentlichen Größe des Hauses offenbaren, dennoch musste es gewaltig sein, dachte sich Olsson.

Der Fältmarskalk öffnete eine Tür und bat den Kapten mit einem Winken zu sich herein. „Die Sachen können Sie in der Ecke dorthin ablegen.“ Mit den Sachen meinte er Degen, Mantel und den Dreispitz des Kaptens.

Während sich Carl Rehnskiöld an seinen Schreibtisch begab, sah sich Olsson beim Ablegen seiner Uniformbestände im Raum um.

Das Zimmer war erstaunlich hell erleuchtet, was wohl von den vielen Kerzen kommen musste, die auf dem großen ovalen Tisch in der Mitte standen und überall an den Wänden hingen.

Hinter dem massiven eichernen Schreibtisch, an dem der Fältmarskalk gerade Platz nahm, brannten in hellem kräftigen Schein Feuerscheite in einem Kamin, der dem Raum schon alleine genügend Licht gespendet hätte, auch ohne Kerzen. In der Mitte über dem ovalen Tisch hing ein gewaltiger Kronleuchter und an der linken Wand stand eine Standarte, wohl ein Relikt des Fältmarskalks von einer seiner früheren Einheiten, in denen er einmal gedient hatte.

Olsson begab sich an den Schreibtisch und setzte sich auf den ihm zugewiesenen Stuhl gegenüber von Carl Rehnskiöld. Er beobachtete, wie dieser sein Schreiben öffnete und darin eine Weile las. „Sie wissen, warum Sie zu mir geschickt wurden“, fragte Rehnskiöld plötzlich.

Olsson schien überrascht, der plötzlichen Frage wegen. „Bitte?“ „Ich meine“, antwortete der Fältmarskalk, „warum ausgerechnet Sie im Range eines Kaptens zu mir befohlen wurden, anstelle eines Översten oder gar eines Komendörs?“

„Nein, das weiß ich leider nicht“, gestand der Kapten knapp. „Sie sind hier, da Sie einen für Schweden und für den König wichtigen Auftrag mit Ihrer Kompanie ausführen sollen.“ Carl Rehnskiöld studierte das Gesicht des Kaptens und sah immer noch Unverständlichkeit in seinem Ausdruck. „Sie sollen als Vorhut, zusammen mit dem Generalmajor Georg Johann Maydell und dem Stab Karls XII. voraus marschieren und die nachrückenden Truppenverbände sichern.“ Er ließ den soeben genannten Befehl Björn Olsson erst einmal in sich aufnehmen, bevor er fortfuhr.

„In den nächsten Tagen werden wir nach Reval verlegen. Während die Hauptstreitmacht dort verharrt, rücken Ihre Truppen vor, Richtung Narva. Ich bin ehrlich zu Ihnen, der Weg wird ausgesprochen schwer werden. Mehrere Höhenzüge sind zu überwinden und niemand weiß, wann genau die Russen die Wege kreuzen könnten. Wir wissen nur, dass der russische General Alexander Imeretski Narva belagert und das mit einer enormen Truppenstärke! Wir schätzen die Zahlen seiner Armee auf etwa vierzigtausend Mann. Wie Sie wohl wissen, verfügt unser Heer gerade einmal über knapp zehntausend Soldaten, was nicht annähernd ausreicht, um den Iwan im offenen Felde zu schlagen. Karl XII. hat vor, mit der gesamten Streitmacht baldmöglichst auf Narva zu zumarschieren, den Feind dort schnell und überraschend zu schlagen und die Belagerung aufzuheben. Doch damit diesem Plan Erfolg zugesprochen werden kann, darf kein Russe von diesem Vorhaben erfahren. Unsere einzige Chance liegt in einem Überraschungsangriff, Olsson. Ihre Aufgabe wird es sein, genau dies zu gewährleisten! Schalten Sie jede russische Vorhut aus. Keiner darf entkommen und mögliche Informationen an den Feind tragen, haben Sie das verstanden?“

Olsson nickte, überrascht von der ihm anvertrauten Aufgabe.

„Da wäre noch etwas, ich bräuchte ein paar wenige Männer aus Ihrer Kompanie, einige, denen Sie trauen können, sagen wir…zwei. Deren Aufgabe soll darin bestehen, die für Ihre Truppenteile vorgesehene Route auszumachen, welche dann die achthundert Mann unbemerkt nahe an die feindlichen Linien bringen kann.“

„Ich werde mich selbstverständlich darum kümmern, Ihnen und mir Männer zu geben, die dieser Aufgabe gewachsen sind…

Dürfte ich noch eine Frage stellen?“

„Aber selbstverständlich doch, was wollen Sie wissen“, verlangte der Fältmarskalk zu erfahren.

Olsson räusperte sich: „Sie sprachen soeben von achthundert Mann. Verzeihen Sie die Frage, aber meine Kompanie besteht aus einhundertfünfzig Soldaten…, wer soll uns noch begleiten?“ „Der König selbst machte den Vorschlag vom ersten Bataillon, dem Sie mit Ihrer Einheit unterstellt sind, jede einhundertfünfzig Mann starke Kompanie auszusenden, um den Auftrag auszuführen. Zusätzlich kommen zu den nunmehr sechshundert Mann noch etwa zweihundert aus des Königs Stab hinzu, sowie der Generalstab des Generalmajors, also insgesamt achthundert Mann. Da der König höchstselbst den Vorschlag machte und wir unsererseits ebenfalls im kriegserfahrenen ersten Bataillon die Richtigen für diese Aufgabe sahen, entschieden wir uns, diesem Wunsche Folge zu leisten.“

„Mit Verlaub, ich verstehe nur nicht, warum ich, ein Kapten, den Befehl erhalte, warum nicht jemand anderes? Und an wen soll ich mich richten?“

Carl Rehnskiöld blätterte in den Papieren herum, die Björn Olsson ihm übergeben hatte. „Ursprünglich war Overstelötnant Rorsten Hasselröck geplant, doch der fällt krankheitsbedingt aus. Da fiel die Wahl als nächstes auf Sie. Sie dienen bereits neunundzwanzig Jahre?“

Olsson nickte zustimmend. „Dann wissen Sie auch, dass Sie sich einen reichen Erfahrungsschatz angehäuft haben und mit vielen schwierigen Situationen fertig werden können?“

„Ich gehe davon aus, jawohl.“

„Dann ist entschieden, dass Sie das Kommando für diese Mission übernehmen! Die anderen Kompanien sind Ihnen unterstellt. Deren Gruppenführer haben Ihre Befehle zu befolgen, selbst wenn sie von den Dienstgraden höher stehen, denn Sie als Kapten! Sie unterstehen einzig dem Generalstab unter Georg Johann Maydell.“

Der Fältmarskalk öffnete seine rechte Schublade und holte einen versiegelten Brief hervor, den er Olsson überreichte. „Dies sind Ihre Befehle und gleichzeitig eine Vollmacht, die es Ihnen erlaubt, in Notfällen Gebrauch davon zu machen. Falls irgendjemand auf seinen Rang bestehen sollte, legen Sie ihm diese Papiere vor, die belegen, dass Sie die Vollmachten durch den König selbst erhalten haben und Vorgesetztenfunktionen ausüben dürfen! Morgen um sieben melden Sie sich bei dem Generalmajor im Quartier und nehmen gleich Ihre Auserwählten mit. Ach ja, und melden Sie sich pünktlich bei ihm, er hasst Unpünktlichkeit!“

Olsson verstand, nahm die Befehle entgegen, die ihm Carl Rehnskiöld hinhielt und verabschiedete sich dann sogleich. Er nahm sein Hab und Gut und verließ das Arbeitszimmer. Auf dem Weg nach draußen traf er noch einmal auf Yva Rehnskiöld und verabschiedete sich auch von ihr.

Vor der Tür hatte der Stallbursche bereits sein Pferd gesattelt und stand mit den Zügeln in der Hand vor dem Eingang am Fuße der Treppe. Olsson band sich seinen Degen um, setzte den Dreispitz auf und zog sich seinen Mantel über. Vorsichtig verstaute er seine Befehle in der Satteltasche und machte sich dann auf zurück zum Lager. Morgen würde er mit seinen Auserwählten beim Generalmajor vorstellig werden und übermorgen wahrscheinlich schon auf dem Weg zum Feind sein.

Und was seine Auserwählten anging, so wusste der Kapten schon genau, wer dafür in Frage kommen würde. Die Armen würden allen Gefahren ausgesetzt sein, womöglich sterben, doch falls sie überlebten, würden ihnen Ruhm und Ehre zu Teil werden und die Dankbarkeit des Königs selbst! …

Sven Eriksson schnallte gerade bei Nalle die beiden cremefarbenen Ledergurte um und überprüfte im Lichtschein des Lagerfeuers noch einmal die Festigkeit der Patronentasche auf der einen und jene des Rapiers auf der anderen Seite. Es war stockfinster. Vor zehn Minuten hatte sie Sergeant Nilsson geweckt und ihnen beiden befohlen, sich frisch zu machen und auszurüsten. Gleich wolle sie jemand abholen.

„Hast du meinen Dreispitz gesehen? Ich finde ihn irgendwie nicht in dieser verdammten Dunkelheit“, beschwerte sich Nalle. „Der lag gestern noch auf deiner Porvianttasche im Zelt.“

„Warte kurz… ah ja, du hast recht, da ist er ja! Weißt du, wer uns gleich abholen soll? Und vor allem, wieso schlafen alle anderen noch, verdammt!“

Da Sven keine Ahnung hatte, was sie beide gleich erwarten würde, zog er es vor zu schweigen.

Plötzlich vernahm er Schritte, die aus der Dunkelheit näherkamen. Dann machte er die Silhouetten mehrerer Musketen aus, dessen Läufe im Feuerschein aufleuchteten. Und dann standen sie vor ihnen. Nalle erkannte den Kapten zuerst und salutierte. Sven tat es ihm gleich, richtete dann aber seinen Blick auf die vier fremden Gestalten. Es waren keine Männer seiner Einheit, soviel stand fest. Aber wer waren sie und was sollte das alles? Der Kapten meldete sich zu Wort: „Seid ihr abmarschbereit?“

Beide nickten und Sven fügte hastig ein jawohl hinzu. „Dann kommt mit, aber verhaltet euch ruhig. Niemand muss wissen, was wir hier machen und wohin es geht.“

Gehorsam folgten alle sechs Soldaten schweigend ihrem Vorgesetzten weg vom Lager hin zu einer Lichtung, an der sieben Pferde an Pflöcken festgemacht waren. Im schwachen Licht erkannte Sven die fuchsbraune Stute seines Kaptens. Olsson drehte sich zu seinen Männern um: „Jeder schnappt sich jetzt ein Pferd und dann reiten wir!“

Aber wohin, fragte sich Sven im Stillen, er war verwirrt. Warum die Heimlichtuerei? Wieso nur sie, was war mit den anderen der Kompanie? Wer waren die vier Fremden hier, die sich gerade daran machten, aufzusitzen? Er hatte keine andere Wahl, als ihrem Beispiel zu folgen und sich auf das letzte der sieben Pferde zu setzten. Er redete sich ein, dass er ja bald erfahren würde, was hier vor sich ging. Sodann ritten sie zu siebt ihrem ungewissen Ziel entgegen.

Nach knapp zwanzig Minuten langsamen Ritts erreichten sie ihren Bestimmungsort. Ein längliches Zelt, von wenigen Kleineren umgeben, an dessen Eingang zwei Wachen standen, die nun ihrerseits gerade die Papiere von Björn Olsson entgegennahmen und ins Innere des Zeltes brachten.

Gerade erschien Nalle aus dem Dunkeln, nachdem er die Pferde festgemacht und versorgt hatte, als die Soldaten wieder aus dem Zelt traten und dem Kapten seine Papiere zurückgaben. Dann wurde ihnen allen Einlass gewährt.

Sven trat als letztes ein, nahm seinen Dreispitz ab und gesellte sich zu den anderen. Der Feldtisch in der Mitte strotze nur so vor Landkarten und Briefen, die verstreut von dem Kerzenlicht angestrahlt wurden. Überall im Raum standen hohe Offiziere verteilt und beäugten neugierig die Fremden. Sven machte unter ihnen mehrere Överste aus, sogar einen Brigadgeneral, doch haften blieb sein Blick auf den großen, ordentlich gekleideten Mann in der Mitte des Zeltinneren. Er trug langes blondes Haar mit einer Schleife hinten zusammengebunden. Er hatte ein frisch rasiertes und gepflegtes Gesicht und seine blauen scharfen Augen schienen jeden zu durchleuchten. Sven schätzte seine Größe auf gut einmeterneunzig, wenn nicht mehr. An der Seite trug er einen Degen, dessen vergoldeter Griff, sowie sein Portepee nur von großem Reichtum zeugen konnten. Sonst machte aber fast nichts an ihm erkenntlich, wen genau er verkörperte und was seine Funktion in der schwedischen Armee war. Er trug einen langen schwarzen Mantel unter dessen Oberfläche eine beiche Weste zum Vorschein kam. Die Hose und seine kniehohen Stiefel waren, wie der Mantel selbst schwarz. An den Hacken trug er Sporen und auf dem Kopf einen besonderen Dreispitz mit weißer Befederung an den Kanten, das einzige Indiz, dass er wohl Soldat sein musste. Sven wusste, dass nur hohe Offiziere Federschmuck auf der Kopfbedeckung trugen und er hatte recht damit, denn gerade, als er den Gedanken zu Ende gesponnen hatte, stellte sich der Mann als Generalmajor Georg Johann Maydell vor.

„Meine Herren. Ihr wisst alle, warum ihr hier seid“, wollte dieser nunmehr wissen und Kapten Björn Olssons Reaktion machte deutlich, dass er seine kleine Truppe noch nicht eingeweiht hatte. „Nun gut, somit obliegt es an mir, euch aufzuklären! Das ihr heute so früh alleine und hoffentlich ungesehen den Weg zu mir angetreten habt, ist natürlich kein Zufall und unsererseits geplant gewesen, um euch hier und jetzt Befehle auszustellen. Seine Majestät, König Karl XII., hat entscheiden, dem Russen ordentlich eins auf die Nüsse zu geben! Er will ihm einen schweren Schlag versetzen, sozusagen. Ihr seid diejenigen, den der Auftrag zufällt, voraus zu reiten und unsere Vorhut vor dem Feind zu verbergen. Tötet jeden, der versucht, Informationen an den Russen weiterzugeben! Bleibt ungesehen, verhaltet euch unauffällig. Nutzt nicht die Wege, sondern bewegt euch abseits. Niemand darf wissen, dass es euch überhaupt gibt. Euer Kapten Björn Olsson hier hat euch nicht zufällig ausgewählt. Er sollte Männer finden, denen er diese Aufgabe zumutet und wie es scheint, seid ihr diese Männer!“

Er, warum denn Sven Eriksson, warum er, der gerade einmal ein halbes Jahr diente und komplett unerfahren ist, fragte er sich im Stillen. Und was ist mit Nalle, er ist kaum länger Soldat als er selbst.

„Ihr dürft niemanden auch nur ein Wort davon erzählen, absolut niemanden! Der Kapten Olsson, meine Wenigkeit und ein paar wenige Offiziere des Generalstabs sind die einzigen, die von eurer Existenz und eurer Mission wissen. Vergesst nicht, ihr seid des Königs ganze Hoffnung! Wenn ihr euren Auftrag gewissenhaft ausführt und erfolgreich beendet, ist dies wahrscheinlich der Schlüssel zum Erfolg! Kapten Olsson ist nunmehr euer einziger Vorgesetzter. Ihr seid ausschließlich ihm unterstellt und hört auf niemand anderen. Seine Befehle erhält er von uns. Ihr befolgt sie, egal wie eigentümlich sie auch manchmal erscheinen werden!… Gut, wenn das geklärt ist, Herr Kapten, übernehmen sie den Trupp. Lassen sie ihre Männer reisefertig machen und morgen in der Früh aufbrechen. Hier sind ihre genauen Anweisungen, halten sie sich daran!“

Olsson nahm das Schreiben entgegen, salutierte, die anderen taten es ihm gleich und dann traten die sieben aus dem Zelt ins Freie.

Mittlerweile war die Morgendämmerung angebrochen und ein blaugrauer Schein verdrängte langsam die Finsternis der Nacht. Es war immer noch so kalt wie an den Vortagen, aber wenigstens schien die Luft nicht mehr so feucht zu sein. Vielleicht würde es ja heute keinen Nebel mehr geben. Die Zeichen dafür standen gut.

Der Kapten führte seine kleine Gruppe weg vom Zelt zu ihren Pferden, die Nalle vor einigen Minuten an den Pflöcken festgemacht hatte. Dort ließ er sie antreten.

„So, nun wisst ihr, warum ihr hier seid. In euch wird hohes Vertrauen gesetzt, also enttäuscht mich nicht! Morgen um diese Zeit werdet ihr aufbrechen. Rüstet euch mit allem ein, was ihr benötigt, Verpflegung, Munition. Sven, du nimmst noch Papier und Feder und Tinte mit, um gegebenenfalls Informationen an uns weiterzutragen, verstanden? Klariert eure Waffen, putzt und reinigt eure Musketen, überprüft noch einmal die Vollzähligkeit in euren Munitionstaschen und schärft noch einmal eure Rapiere. Ihr werdet sicher bald Gebrauch von ihnen machen müssen.

Nalle, Sven, ihr kommt noch einmal zu mir, so gegen vierzehn Uhr, verstanden? … Dann macht euch jetzt auf eure Tiere und reitet zurück zu euren Kompanien. Wir sehen uns dann morgen früh.“

Die Stadtkirche von Pernau schlug zwölf, als Sven und Nalle vor ihrem Zelt saßen und gerade an ihren Musketenschlössern die Schrauben für die Feuersteine am Abzugshahn kontrollierten und ölten. In einer halben Stunde sollte die dritte Kompanie im Gefechtsanzug auf dem Übungsfeld antreten. Sven, der immer noch zu verstehen versuchte, warum ausgerechnet er und Nalle solch eine verantwortungsvolle Aufgabe erhielten, rubbelte gerade krampfhaft mit einen Ledertuch über die Zündplatte. Nalle fühlte sich genauso unwissend und keiner der beiden hatte die vergangene Stunde ein Wort gewechselt.

Plötzlich hielt Sven inne und starrte zu seinem Freund, der immer noch damit beschäftigt war, die Schraube des Hahns zu ölen. „Ich verstehe das einfach nicht“, posaunte Sven geradewegs heraus. „Wieso denn nur wir? Den ganzen Morgen stelle ich mir schon diese blöde Frage und noch immer fehlt mir die geringste Spur einer möglichen Antwort!“

Nalle blickte auf und sein Blick suchte die Ferne. „Ich verstehe das doch auch nicht“, gestand er ein. „Wir sind mit die am kürzesten dienenden Soldaten in unserer Kompanie, das macht alles keinen Sinn! Warum haben sie nicht Linus oder Thore genommen, die dienen immerhin schon eine halbe Ewigkeit und verstehen was von ihrem Handwerk!“

Sven zuckte nur mit den Schultern. „Ich nehme an, der Grund für das alles wird uns nachher bei unser´m Kapten erklärt werden, deswegen will er uns ja wohl auch sehen, denke ich. Bis dahin sollten wir aber schleunigst sehen, dass wir zum Übungsfeld kommen, die Hälfte von unserer Kompanie ist schon dort! Also schnapp dir deine Waffe und vergiss nicht wieder deinen Gurt mit der Patronentasche, wie beim letzten Mal!“

Sodann machten sich beide auf den Weg mit den restlichen ihrer Kameraden zum Übungsfeld. Dieses war nicht mehr als ein unbestellter Acker, eine von Unkraut und Maulwurfshügeln überdeckte Ebene, dessen matschiger Boden nunmehr durch die Kälte der vergangenen Tage festgefroren und ausgehärtet war.

Ein Trompetensignal erschallte, das Zeichen zum Sammeln und sogleich machten sich die Männer daran, in Linie zu sechs Gliedern anzutreten. Es benötigte einige Zeit, bis die gesamte Einheit in Stellung gebracht war.

Insgesamt bestand die Kompanie aus drei Peletonen zu je achtundvierzig Mann. Links und rechts bestehend aus Grenadieren, die Elite der Truppe und das mittlere Peleton aus einfachen Musketieren. Drei der Unteroffiziere standen noch in der Mitte, während der Vierte, der dienstälteste Sergeant die Truppenfahne hielt. In wenigen Augenblicken würden sie sich auf ihre Stationen verteilen.

Löjtnant Linus Kalle, seit vier Jahren bei der Dritten, trat vor und betrachtete die aufgestellte Linie. „Karoliner! Ihr alle wisst, warum wir hier sind! Ihr alle kennt den Auftrag! Wir stehen einem weit überlegenen Feind gegenüber! Dreimal so viele Männer, ein unendlich weites Land und mächtige Verbündete im Nacken, doch vergesst eines nicht, ihr werdet nicht grundlos Karoliner genannt! Ihr seid gefürchtet, werdet respektiert und geachtet! In ganz Europa wirft man neidische Blicke auf euch, auf euren Kampfgeist, eure Ausdauer und auf euren Wagemut! Doch Respekt alleine reicht nicht! Ihr müsst gegen einen Berg voller Männer antreten, mutiger Männer, die glauben, für das Richtige zu kämpfen. Unsere Unterlegenheit muss wett gemacht werden durch Drill und Disziplin!“ Löjtnant Linus Kalle wartete einen Augenblick, bis jeder seine Worte verarbeitet hatte. „Sehen wir mal, aus welchem Holz ihr geschnitzt seid, Förste Sergeant Larsson, mit dem Schießtraining beginnen!“

Dieser seinerseits trat vor und rief den Sergeants ihre Befehle zu: „Sergeants Gustafsson, Utritt, Radick, Nilsson; dritte Kompanie feuerbereit machen! Es werden drei Salven gefeuert. Achtet auf Geschwindigkeit, aber vor allem auf Präzision!…Nun denn, ausführen!“

Sogleich verteilten sich die Sergeants auf ihre Posten, der gesamten Länge nach an der Kompanie, um später beim Ausrufen der Befehle wie eine einzelne Person zu wirken. Sergeant Gustafsson verblieb mit der Truppenfahne in der Mitte, ebenso Sergeant Utritt. Beide zusammen führten das mittlere Peleton an, indem sich auch Sven und Nalle befanden. Sergeant Nilsson übernahm die Grenadiere zur rechten -und Radick die zur linken Seite. Gleich würden sie ihre Befehle den einzelnen Abteilungen zurufen. Während Sergeant Gustafsson die Truppenfahne hielt, hob sein Nachbar, Sergeant Utritt die Hellebarde in die Luft, ein einmeterachtzig langer Holzschaft, an dessen Ende eine aus Eisen geschwungene Spitze befestigt war. Diese, den Unteroffizier kennzeichnend, senkte er nun wieder und brüllte sogleich: „Dritte Kompanie bereit machen zum Feuern!“ Nervös wackelte Nalle mit den Beinen, während Sven angestrengt auf den nächsten Befehl wartete. Seine geschulterte Muskete drückte an seinem Schlüsselbein.

„Kompanie… laden!“

Sogleich ließen die Soldaten der vordersten, zweiten und dritten Reihe ihre Kolben auf den Boden fallen, hielten mit der linken Hand den Schaft der Muskete, während die anderen aus der Munitionstasche die erste Patrone holten. Diese bestand aus einem Papiertrichter, in dessen Innern sich das Schwarzpulver, sowie die Musketenkugel befand. Sven biss gerade das obere Ende des Papiers auf und füllte seine Zündpfanne mit ein wenig Schießpulver, nachdem er die immerhin fast fünf Kilogramm schwere und etwa einmeterfünfzig lange Muskete zu sich angehoben hatte. Er schmeckte den bitteren Geschmack des Pulvers auf seiner Zunge, als er den Verschluss nach hinten zog, um somit das Ausweichen des Pulvers auf der Zündplatte zu verhindern. Er ließ den Kolben der Waffe wieder auf den Boden fallen, sodass er nunmehr den Rest des Pulvers und die Kugel mitsamt dem Papier in den Lauf der Muskete stopfen konnte. Sven zog den Ladestock aus der Halterung unterhalb der Waffe und stopfte mit seiner Hilfe die Kugel in den Lauf.

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