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Das Geheimnis Der 7 Feigen

INHALT

OMEN

GINA

FINISSAGE

LANZAROTE I

CUEVAS

FABIANO

DER KUSS

GRACIOSA

TAG DER ABREISE

VERLIEBT?

LANZAROTE II

TIMANFAJA

ATEMLOS

UNSERE LANDSCHAFT

TAMBOSI

SOMMERHAUS

PAPPENHEIM I

GLADIOLEN

MURNAU – MÜNCHEN – WEINKEHR

PAPPENHEIM II

PARIS I

EIN LÄCHELN GEHT SPAZIEREN

SCHLOSS STEIN

REITERHOF HEIDECK I

FREIHEIT

POETESSA

GASTEIG

KÜNSTLERHAUS

EIN NEUES JAHR

PAPPENHEIM III UND EINE ÜBERRASCHUNG

AM SEE

PARIS II

REITERHOF HEIDECK II

LA LUNA

ELBA

BEI SARAH

SCHWARZE FEIGEN

STUTTGART

BENEDIKTBEUREN

DAS EINHORN

FRIEDBERG – PAPPENHEIM IV

DREHTAG

MARIANDL

BEGEGNUNG MIT JUSTUS

ASZENDENT LÖWE

REITERHOF HEIDECK III

ABSCHIED UND UMZUG

WIEN

KARLSRUHE I

TUYO

BILDER ERZÄHLEN

KÜSSE AUS PERÚ

SEHNSUCHT

ÜBERRASCHUNG

WIEN

AYURVEDA - KUR

FABIANO IST ZURÜCK

STARNBERG

DAS GEHEIMNIS IST GELÜFTET

KONSTANZ

KLEINE REFLECTION

SCHLOSS SPIELBERG

BRIEFE

ALLEIN

FLIEGENDE KÜSSE

SEIN UND NICHTSEIN

HANDKUSS KENNEDY

KÜNSTLER TREFF MIT GIORA

BONN I

GALERIE AM BAYRISCHEN HOF

BONN II

HOMMAGE AN ERNST STEINACKER

CAFÉ ROTHMUND

WIE IM HIMMEL

ERSTE CHORPROBE

VERNISSAGE BEI ROSA

KARLSRUHE II

ZKM

FINISSAGE

CHRISTINE

BEI ROSA

MEDIUM

UMZUG

DAS NÄCHSTE JAHR

CD-AUFNAHMEN

URAUFFÜHRUNG BONN

PREMIERE MÜNCHEN

ZEITLINIEN

OMEN

Ich spürte einen zarten Windhauch über mein Gesicht streichen. Ein merkwürdiges Gefühl durchflutete mich. Es roch nach Moos und Pilzen. Unter meinem rechten Fuß knackste es. Etwas stand ganz nah, circa zwei Meter entfernt vor mir. Mir stockte der Atem. Ich kniff meine Augen zusammen, konnte aber nichts erkennen. Plötzlich nahm ich die Präsenz eines Lebewesens wahr, und das ließ mich erschauern. Aus dem Dunkeln blickten mich zwei große tiefblaue Augen eindringlich an. Das Herz klopfte mir bis zum Hals. Schemenhaft erkannte ich Umrisse. Wie aus dem Nichts bildeten sich Konturen ab. Es sah eigenartig aus. Dampfend stieg ein Atem empor und umhüllte mich wie Nebel. Trotz der kräftigen Statur wirkte der Körper des Lebewesens transparent. Es hatte eine helle, türkise Farbe und schnaubte leicht. Die Augen funkelten wie Kristalle. Vor mir stand ein Einhorn. Ich hielt die Luft an. Regungslos standen wir uns gegenüber. Die Zeit schien still zu stehen. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange wir uns so in die Augen blickten. Leises Vogelzwitschern drang an mein Ohr.

Ein leichter Wind von außen bewegte die Vorhänge. Aus der Ferne – kaum wahrnehmbar – hörte ich durch das geöffnete Fenster, wie ein Kuckuck rief. Ganz langsam und seltsam berührt öffnete ich meine Augen.

Es war noch früh. Die Sonne blinzelte gerade hinter dem Berg hervor und schickte ihre ersten Strahlen durch den Spalt zwischen den schweren Samtvorhängen. Noch ganz benommen versuchte ich, mich an meinen Traum zu erinnern. Ich sog den Duft des noch unberührten Morgens ein, räkelte mich und genoss den wohligen Moment in meinem warmen Bett. Allmählich ließ ich meine Gedanken aufwachen. Die Stimmung am Morgen, die frische Luft und das muntere Vogelgezwitscher gelangten immer mehr in mein Bewusstsein und weckten meine Lebensgeister.

Meine Gedanken wanderten zu dem Traum zurück. Ein intensives Gefühl sagte mir, dass dieser Traum etwas Wichtiges zu bedeuten hatte. Bloß was? Ich tappte im Dunkeln. Schon des Öfteren hatte ich Ereignisse vorausgeträumt, sogar mit Zeitangabe, die dann tatsächlich eintrafen. Wenngleich ich das Gefühl, welches mich durch den Traum begleitete, nicht einordnen konnte. Irgendwie war es vertraut. Eine eigentümliche Lebendigkeit ergriff mich.

Da ich diesen sonderbaren Traum nicht deuten konnte, sprang ich aus den Federn. Zähneputzen, duschen, anziehen, schminken, frühstücken, schreiben, spielen, singen, telefonieren… Der ganz alltägliche Wahnsinn. Wie jeden Tag stand einiges auf meiner Liste.

Einige Telefonate bezüglich meiner Engagements für diesen Monat mussten geführt werden. Gesang- und Klavier-Üben stand ebenfalls auf meinem Plan. Immerhin gehörte das zu meinen täglichen Lieblings-Pflichten. Es machte mir Spaß, mein Repertoire zu erweitern. Und außerdem liebte ich es, unterwegs zu sein, neue Länder und interessante Menschen kennenzulernen.

Ein eigenes kreatives Projekt, in das ich mein ganzes Herzblut steckte und an dem ich schon seit einigen Jahren arbeitete, fraß die restliche Zeit, die ich noch übrighatte. So jonglierte ich mich durch meine Engagements, mit denen ich mein tägliches Leben finanzierte – und alles, was ich übrig hatte, steckte ich in mein Herzens-Projekt.

Immer wieder schoben sich mein Traum und das Bild von dem Einhorn zwischen meine Gedanken. »Vielleicht sollte ich es malen«, überlegte ich, und rätselte, was dieses mythologische Fabelwesen wohl für eine Bedeutung für mich hatte. Nur allzu gerne verlor ich mich in dieser Art von Gedankenspielereien. Trotzdem kam ich zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.

Spontan fuhr ich am nächsten Tag zu meinem Lieblings-Fachhandel für Künstlermaterialien und kaufte mir eine große quadratische Leinwand. Obwohl ich mit Farben und Pinseln zu Hause gut ausgerüstet war, konnte ich nicht widerstehen und ließ mich von all den Farben und Malutensilien inspirieren. Wie immer konnte ich mich nicht bremsen, kaufte viel zu viel und deckte mich mit Farben, ausgefallenen Pigmenten und Pinseln in allen Größen ein. Voll innerer Vorfreude fuhr ich gut gelaunt nach Hause.

Meistens hatte ich viel zu wenig Zeit, um zu malen. Doch im Malen fühlte ich mich frei. Frei von allzu großen Ansprüchen, die ich sonst in meiner Musik hegte. Frei auch deshalb, weil ich die Malerei nicht studiert hatte und alles nach Lust und Laune ausprobieren konnte.

Ich liebte es, wenn sich mein Wohnzimmer in ein Atelier verwandelte. Der Duft der Farben, des Leinöls, mit dem ich meine Pigmente anmischte, sogar der intensive Geruch des Pinselreinigers verursachten mir wohlige Schauer. Interessanterweise bleibt beim Malen die Zeit stehen. Wie aus einer fernen Welt vergesse ich alles um mich herum. Das Faszinierende in der Malerei ist – im Gegensatz zu der Musik – das Immerwährende, Präsente, Sichtbare. Jeder noch so kleine Punkt und jeder Pinselstrich auf der Leinwand ergibt eine deutlich wahrnehmbare Veränderung! Außerdem kann man ein Bild an die Wand hängen und es immerzu anschauen. Und es bleibt. Zumindest, solange es an der Wand hängt – während die Musik immer sofort verfliegt!

Schade, dass ich meine Musik nicht an die Wand hängen kann, um sie »anzuschauen«. Immerzu in Bewegung wandert sie an einem vorbei. Geht zum einen Ohr hinein und fliegt zum anderen Ohr wieder hinaus. Dann ist es wieder still, außer es bleibt ein kleiner Ohrwurm hängen, der einen über den Tag hinweg begleitet.

Während des Malens jedoch kann man nebenbei Musik hören und sich davon inspirieren lassen. Doch während man übt oder komponiert, kann man leider keinen weiteren Tätigkeiten nachgehen. »Welch ein glückliches Leben musste so ein Maler doch haben!« seufzte ich.

Dennoch bin ich eine Vollblutmusikerin. »Musik ist ihr Leben«, schrieb einmal ein Journalist über mich. In einer Welt zu leben ohne Musik, die ich liebe, wäre für mich unvorstellbar. Die Musik existiert außerhalb der Zeit. Es ist faszinierend, was Musik alles vermag: Der Takt, die Melodie, das Singen – das alles kommt aus uns, aus unserem Körper heraus. Ich weiß, Malen und Schreiben kommen auch aus uns heraus. Musik aber ist der Ursprung! Wir singen, wenn wir geboren werden. Die Musik gibt dir die Möglichkeit, für jeden Teil deines Lebens, für jeden Moment, für jede Emotion den entsprechenden Takt, die entsprechende Melodie zu finden, die dazu passt. Musik ist für mich die bessere Welt. Sie verzaubert das Leben, das oft viel zu kompliziert und beängstigend ist. Ich weiß nicht, wie die Wirklichkeit zu ertragen wäre ohne dieses Paralleluniversum. Ich glaube sehr an die Welt der Musik. Vor allem bewegt mich das, was wir in ihr erfahren und fühlen können. Ich gehe davon aus, dass wir alle Musik in uns tragen. Unsere Seelen enthalten Musik. Und wenn wir Musik hören, die uns berührt, verbindet sich die Seele mit der Musik, die wir in uns tragen, und nährt uns.

Stolz stellte ich die große Leinwand auf meine Staffelei und legte eine CD von Debussy ein. Ich fand, dass diese Musik gut zu meinem Traum passte, und lauschte den expressionistisch transparenten Klängen.

Nun gut – wie aber malt man ein Einhorn? Außer diesem einen in meinem Traum war mir natürlich noch keines in meinem Leben begegnet. Kein leichtes Unterfangen. Wochenlang kreiste ich um meine Staffelei, ohne einen einzigen Pinselstrich zu tätigen. Das Prozedere kannte ich bereits. Man hat eine Idee im Kopf und braucht oft Wochen, manchmal sogar Monate, um beginnen zu können. Man schleicht wie »die Katze um den heißen Brei«, sammelt Ideen und folgt seinen Inspirationen. In der Musik ist das genauso.

So spazierte ich jeden Tag zu der nahegelegenen Koppel, auf der Pferde grasten. Tief sog ich den Duft der Wiese und den Geruch der schnaubenden Pferde ein. Ein Pferd ist zwar kein Einhorn, doch eine gewisse Ähnlichkeit vielleicht nicht zu verleugnen. Stundenlang stand ich unbeweglich an einer Stelle, beobachtete ihre Bewegung, studierte die Statur, die Form, den Ausdruck der Augen, Ohren und Nüstern. Und wartete. Geduldig wartete ich auf meinen ersten inneren Impuls. Eines sonnigen Tages, als ich schon fast aufgeben wollte, weil ich glaubte, dass mich meine Kreativität nun gänzlich im Stich gelassen hätte, war er dann plötzlich da. Der Impuls! Endlich konnte ich beginnen, das Einhorn zu skizzieren. Danach begann ich peu à peu die Farbe auf die Leinwand aufzutragen.

Tag für Tag näherte ich mich dem Bild aus meinem Traum. Es war ein faszinierender und spannender Prozeß. Und plötzlich, nach langen Wochen des Schaffens, war es vollbracht.

Mein Traum – das Einhorn – war festgehalten auf der Leinwand.

Mit seinen funkelnden und schillernden Augen wirkte es in seiner Einfachheit besonders apart. Mir gefiel es. Ebenso meinen Freunden, die vorbeikamen. Das Einhorn erfreute sich großer Beliebtheit. Über die zahlreiche Resonanz und die Tatsache, dass einige mir das Bild gleich abkaufen wollten, war ich selbst überrascht. Aber aus einem unerfindlichen Grund zögerte ich und behielt das Gemälde.

GINA

Ein Bild zu malen ist fast wie ein kleiner Urlaub. Eine Oase in der Wüste des Alltags. Leider bleiben in der Zeit, in der man malt, alle anderen alltäglichen Dinge liegen. Dann fällt es mir sogar schwer, zum Einkaufen zu gehen. Einen kreativen Prozess zu unterbrechen ist für mich schier unmöglich. Selbst das Essen vergesse ich in dieser Zeit. Es ist wie ein Balanceakt auf einem Hochseil. Ich kenne kaum einen Künstler, der sich mit Leichtigkeit zwischen diesen zwei unterschiedlichen Welten bewegen kann. Entweder leidet der Alltag oder es leidet die Kunst.

Mein Telefon klingelte. Es war Gina, eine Malerin mit einem eigenen Künstlerhaus. Ihre Galerie und das angeschlossene Art-Hotel hatten ein außergewöhnliches Flair. »Kann ich dich zu einer prominenten Hochzeit engagieren?« fragte sie mich. Ich blätterte in meinem Terminkalender. Die Auftritte und Atmosphäre in ihrer Galerie genoss ich immer besonders. Außerdem kochte ihr Lebensgefährte Alexander à la haute cuisine. Wenn ich dort auftrat, bemühten sich die beiden immer außerordentlich um mein „leibliches“ Wohlergehen. In dem sehr speziellen Ambiente des Künstlerhauses waren stets ungewöhnliche und phantasievolle Kunstobjekte von verschiedenen Künstlern ausgestellt. Und so manches Mal tauschte ich meine Gage gegen das ein oder andere Kunstobjekt ein, wenn ich es mir leisten konnte.

Gina, eine sehr quirlige Person mit schulterlangen schwarzen Haaren, hatte viel Temperament und war ein Organisationstalent. Außerdem hatte sie einen erlesenen Geschmack für Kunstgegenstände und wie man diese stilsicher platziert. Sie hatte dunkle, fast schwarze Augen, mit denen sie ihrem Gegenüber auf den Grund der Seele zu blicken schien. Ihre Augen blitzten verräterisch, wenn sie einen Song erkannte, und oft stellte sie sich dann zu mir an den Flügel, um mitzusingen. Man mochte sie auf Anhieb.

Da ich den Termin noch frei hatte, sagte ich ihr gleich zu.

°°°

An diesem frühen Abend war das Fest schon gut besucht und wie immer super organisiert. Gina und Alexander achteten darauf, dass es mir auch diesmal an nichts fehlte, und so bekam ich gleich zur Begrüßung einen Apéritif. Ich schlenderte mit meinem Glas in der Hand durch die Räume und betrachtete die ausgestellten Kunstwerke. Sofort fielen mir die verschiedenen Postkarten auf, die überall »herumlagen«. Ich stutzte – eine Karte zog mich magisch an. Auf der Postkarte war ein Maler abgebildet, der ein Einhorn malte, und im Hintergrund stand eine junge Frau, die ein zartrotes Satinband in ihren Händen hielt. Welch eine Ähnlichkeit mit dem Einhorn, welches ich gerade gemalt hatte, stellte ich verwundert fest. Es war fast die gleiche Farbnuance wie das Einhorn, welches nun in meinem Eingang hing. Das Bild berührte mich eigentümlich. Ich nahm die Karte und suchte Gina. »Wer ist der Maler dieses Bildes?«, fragte ich sie neugierig. »Und schaut der „echte“ Maler auch so gut aus wie der auf der Postkarte?«

»Ein bisschen, aber es ist wohl eher eine Mischung aus seinem Sohn und ihm selbst«, vermutete Gina, »aber jetzt ist der Maler schon um einiges älter und nicht mehr ganz so attraktiv wie auf der Postkarte.«

Das Bild auf der Postkarte beeindruckte mich so stark, dass ich den dringenden Impuls verspürte, diesen Maler unbedingt kennenlernen zu müssen. Eigenartig. Für mich war das eher untypisch. Natürlich hatte ich schon immer eine Liebe zur Malerei, und Maler kannte ich wie Sand am Meer. Aber noch nie hatte ich das Bedürfnis verspürt, die Bekanntschaft eines Malers aufgrund seiner Postkarte machen zu wollen. Lag es an dem Einhorn, das ich selbst gemalt hatte? Oder an dem Traum, der so eine tiefgründige Lebendigkeit ausstrahlte?

Gedankenverloren nippte ich an meinem Apéritif. Er schmeckte süß und trocken zugleich. Im Hintergrund meinte ich, eine Note von Brombeeren und Granatapfel herauszuschmecken. Ich kenne viele Maler persönlich. Was war es, das mich so eigentümlich anzog? Das Gefühl war ziemlich stark.

»Du kannst ja zur Finissage am 15. Oktober kommen, wenn du Zeit und Lust hast,« lud Gina mich ein, und riss mich aus meinen Gedanken.

»Ja gerne, warum nicht …?«, antwortete ich höflich. Insgeheim wusste ich, dass mir dazu die Zeit fehlen würde. Gina hatte mich schon oft privat eingeladen. Außerdem ging ich privat nie gerne auf Veranstaltungen. Aus irgendeinem Grund merkte ich mir das Datum der Finissage trotzdem.

Nach dem gelungenen Auftritt mit einem begeisterten Publikum setzte ich mich zufrieden in mein Auto und fuhr nach Hause. Die Hochzeit der Tochter von Hugendubel war erfolgreich über die Bühne gegangen, die Gäste waren begeistert. Wie schön! Morgen konnte ich ausschlafen. Das Datum der Finissage, noch in weiter Ferne, schlich sich aus meinem Gedächtnis.

°°°

Es warteten wieder meine täglichen unzähligen Aufgaben auf mich. Drei bis vier Tage in der Woche gab ich Privatstunden für Klavier und Gesang. Auf meine Schüler konnte ich stolz sein. Der größte Teil von ihnen war talentiert und äußerst motiviert. Einige waren Preisträger von Wettbewerben. Einige andere spielten sogar mit dem Gedanken, Musik zu studieren. Oft bedeutet das eine jahrelange disziplinierte Vorbereitungsphase, wenn man die Aufnameprüfung an einer Hochschule bestehen wollte. Aus diesem Grund musste ich ziemlich streng, beziehungsweise absolut konsequent sein. Ich liebte sie alle, meine Schüler, und sie liebten mich. Manche von ihnen hatten kleinere Ambitionen und wollten an ihrem Selbstwertgefühl feilen und ihr Selbstbewusstsein stärken. Egal, ob jung oder schon älter – für mich ist es ein Privileg, das Potential aus einem Menschen herauszulocken. Außerdem finde ich es wichtig, dass Künstler nicht nur auf der Bühne glänzen, sondern ihr Können auch weitergeben.

FINISSAGE

Eines Morgens fiel mir die Postkarte mit dem Einhorn wieder in die Hände. Ich drehte sie um. Auf der Rückseite stand das Datum der Finissage. Sie war bereits morgen! Tatsächlich hatte ich überhaupt keine Zeit hinzugehen! Zu Gina bräuchte ich mit dem Auto eine gute Stunde hin und genauso lange wieder zurück.

Am nächsten Tag – es war der 15. Oktober – ging ich wie gewohnt meinen Aufgaben nach. »Soll ich nun auf die Finissage fahren oder nicht?«, überlegte ich laut. Ich schüttelte den Gedanken gleich wieder ab. »Nein!« Meine innere Stimme legte energisch Veto ein. » Du hast noch viel zu viel zu tun.« Eine ellenlange Liste wollte noch abgearbeitet werden. Ich entschied mich, nicht zu fahren.

Gedankenverloren räumte ich ein paar Dinge von der einen Ecke in die andere und ging in mein Schlafzimmer. Ich zog mich um und sah mich plötzlich verwundert im Bad vor dem Spiegel stehen, als würde ich mich gleich schminken wollen. Stirnrunzelnd schaute ich mein Spiegelbild an und kämpfte mit mir.

»Nur eine gute Stunde Fahrtzeit hin und eine wieder zurück«, säuselte mein vergnügungssüchtiger penetranter Schweinehund. »Bist du verrückt? Du wirst doch deine kostbare Zeit nicht mit „durch die Gegend fahren“ verschwenden.« Die pflichtbewusste Stimme gewann wieder Oberwasser. Genervt von meiner Unentschlossenheit spielte ich ein paar Skalen rauf und runter. Ich konnte mich nicht konzentrieren und sortierte stattdessen meine Noten. Wie ferngesteuert und nicht ich selbst setzte ich mich in mein Auto und stieg wieder aus. »Bereite lieber deinen nächsten Auftritt vor«, schnaubte mein Verantwortungsgefühl. Ergeben ging ich zurück ins Haus, setzte mich an meinen Flügel, um zu üben. Gegen 18: 06 Uhr saß ich, auf mysteriöse Weise gedrängt, wieder in meinem Auto, um nach Murnau zu fahren. »Was soll's – ich gönne mir einen schönen Abend – mal ganz privat«, fegte ich alle Einwände weg und fuhr siegessicher los.

Nach einem Kilometer drehte ich wieder um und fuhr zurück. »Ja, bin ich denn noch zu retten?« So kannte ich mich gar nicht. Nun war ich wieder zu Hause. Wusste nicht mehr, was ich hier tun sollte, stieg zum dritten Mal in mein Auto und fuhr endgültig los. Irritiert von meinen widersprüchlichen Gefühlen schüttelte ich meinen Kopf.

Nach einer guten Stunde kam ich im Künstlerhaus an. Gina und Alexander freuten sich sichtbar über mein überraschendes Kommen: »Wie schön, dich auch einmal privat zu sehen! Schau dich doch schon einmal um.« Sie brachten mir einen Apéritif.

Ich schlenderte von Bild zu Bild und ließ die Gemälde auf mich wirken. Der Maler hieß Fabiano del Chiero. Die Bilder gefielen mir und berührten mich eigentümlich. Etwas zog mich magisch an. Wenngleich ich noch nicht genau beschreiben konnte, was genau es war, was mich so faszinierte. Die Gemälde hatten eine geheimnisvolle Ausstrahlung und waren zum Teil erotisch. Jedes für sich erzählte eine eigene Geschichte. Erstaunlicherweise bewirkten die Bilder, dass die Distanz vom Betrachter zum Bild verschwand. Das hatte ich so noch nie erlebt. Und ich kannte, wie schon gesagt, einige Maler und deren Bilder.

Aus der Küche umschmeichelte ein köstlicher Geruch meine Nase. Alexander war wieder in seinem Element. Er hatte eine große Schürze umgebunden, und hantierte klappernd zwischen seinen Kochtöpfen. Zwischendurch schmeckte er die Speisen ab und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Rotweinglas, das stets griffbereit neben dem Herd stand.

Ich nippte in Gedanken versunken an meinem Glas Prosecco mit Holunderblütensirup, der mir fast zu süß war, als Gina zu mir kam. »Komm mit«, forderte sie mich auf und zeigte mir den Maler, der sich gerade angeregt mit einigen Leuten unterhielt. Als ich ihn sah, hatte ich sofort dieses seltsame Gefühl, welches ich schon aus anderen Situationen kannte.

»Warte kurz, ich stelle euch gleich einander vor«, sagte sie, bevor sie wieder weggerufen wurde, und ließ mich stehen. Ich fühlte mich etwas verloren und hing diesem eigenartigen Gefühl nach. Ich versuchte, mich abzulenken, indem ich andere Gäste beobachtete und auf Gina wartete.

Ich bewunderte Gina, wie sie das hier alles bewältigen konnte. Sie hatte die Galerie mit immer wechselnden Ausstellungen, ausgefallenen Festivitäten und exquisiten Feiern plus das angeschlossene Art-Hotel. Manchmal, wenn Not am Mann war, stellte sie sich sogar noch zu Alexander in die Küche, um eine Vorspeise oder ein Dessert zu kreiieren. Ihre Gäste begrüßte sie stets persönlich und geistreich und hielt liebenswürdige Ansprachen. Zudem pflegte sie ihren umfangreichen Kundenstamm, suchte immer nach dem Besonderem in den Künstlern, die sie ausstellte, und hatte einen treffsicheren Geschmack für das Außergewöhnliche. Ich glaube, die Künstler hatten es nicht leicht, ihrem hohen künstlerischen Anspruch gerecht zu werden. Dabei war sie selbst eine ausgezeichnete Malerin. Ihr Malstil und ihre Bilder gefielen mir. Sie tauchte tief in die symbolhafte Mythologie ein und malte themenbezogene Bilder. Als sie wieder bei mir war, fragte ich sie: »Wie schaffst du das eigentlich alles? Woher nimmst du noch die Zeit und Inspiration zum Malen? Bei all der Organisation, die du hier am Hals hast.« Sie lächelte: »Ich habe Alexander! Er geht zum Einkaufen, er kocht – und ich kann delegieren.« Und schon eilte sie wieder weg.

Diesmal wollte ich nicht auf sie warten und beschloss, mich dem Maler selbst vorzustellen und ihm kurz ein Kompliment über seine Bilder zu machen. Danach wollte ich sofort wieder nach Hause fahren. Ich wartete geduldig ab, bis er sein Gespräch beenden würde, und beobachtete ihn verstohlen. Er hatte leicht welliges, dunkelgraues Haar und eine lässige Haltung. Er wirkte ganz entspannt und vertieft in das Gespräch, als hätte er alle Zeit der Welt. Ich trat etwas ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und war schon fast versucht, klanglos zu verschwinden, als endlich das Gespräch beendet war und sich die kleine Menschengruppe um ihn herum auflöste.

Schnell ging ich auf ihn zu, bevor mir wieder jemand dazwischenkam: »Ich möchte mich bei Ihnen bedanken und muss mich auch gleich schon wieder verabschieden. Ihre Bilder gefallen mir sehr. Ich finde sie aussergewöhnlich«, fügte ich noch schnell dazu, um mein eher einfallslos wirkendes Kompliment zu ergänzen. Fabiano del Chiero freute sich über mein Kompliment, war höflich und versuchte gleich, mich charmant in ein Gespräch zu verwickeln. Da er nicht besonders gut Deutsch sprach, verlief das Gespräch anfänglich etwas holperig.

Glücklicherweise kam genau in diesem Moment Gina zurück und wandte sich zu mir: »Du bleibst doch hoffentlich zum Essen da?« Gerade wollte ich dankend ablehnen, da sagte der Maler: »Ja, natürlich bleibt sie.«

»Ach ja?« Verblüfft lächelte ich ihn an. Normalerweise war ich es gewohnt, meine Entscheidungen selbst zu treffen, aber seine Antwort hatte mich unvermutet so überrascht, dass ich ohne jeglichen Einwand nachgab. »Na gut, Alexanders hervorragenden Kochkünste kann ich mir auf keinen Fall entgehen lassen«, bemerkte ich augenzwinkernd zu Gina.

Fabiano del Chiero nahm mich wie selbstverständlich am Arm und führte mich in den neu angebauten „Glaswürfel“. In diesem Glaswürfel war jetzt auch der Flügel platziert - früher hatte er in dem hinteren Raum im alten Gebäude gestanden, in dem ich den Maler begrüßt hatte. Fabiano del Chiero fragte mich, ob ich mich neben ihn setzen wolle. Er duzte mich gleich. »Ja gerne«, stimmte ich zu. Es nahmen noch andere Gäste Platz. Es war eine kleine illustre Gesellschaft. In diesem Raum hingen mehrere Bilder des Malers: ein Bild von einem Mädchen, das auf einem Trapez saß, und noch zwei weitere Bilder, die mit dem Thema Zirkus zu tun hatten: eine sehr dicke Frau, die Feuer spuckte; auf dem dritten Bild sah man einen Jongleur, der neben einem Pferd ging.

Mir gegenüber saß eine blonde Frau mittleren Alters, die sehr apart und elegant gekleidet war. Sie stellte Fabiano del Chiero eine besonders eigenartige Frage. Es war eine dieser typischen Fragen, die man gerne Künstler über deren Inspiration und Schaffenskraft stellt. In Anbetracht der Schlichtheit der Frage – oder waren es doch eher seine holprigen Sprachkenntnisse? – stocherte Herr del Chiero ausgiebig in seinen Nudeln. Es waren köstlich gefüllte, handgemachte Nudelteigtaschen! Er kramte in seinem anscheinend etwas kargen Wortschatz nach einer passenden Antwort, die er aber auch nach höflichem Abwarten meinerseits nicht fand. Impulsiv und spontan ergriff ich beherzt das Wort und beantwortete ihre Frage an seiner Stelle. Ich hielt einen kleinen Monolog und erklärte ausführlich, wie der kreative Prozess funktioniert. Jedenfalls, wie er bei mir abläuft.

Ich spürte, wie Fabiano del Chiero mir äußerst aufmerksam zuhörte und innerlich bei jedem Wort nickte. Seine wortlose Bestätigung elektrisierte mich. In seiner etwas unbeholfenen Art, Deutsch zu sprechen, ergänzte er nur noch ein paar winzige Details. Der Bann zwischen uns war gebrochen!

Während meines Monologes musste er bemerkt haben, dass auch ich etwas von dem schöpferischen Prozedere verstand, und fragte mich neugierig: »Woher weißt du das? Malst du auch?« Ich antwortete ihm: »Ja, ich komponiere und male auch. Letzteres zwar eher hobbymäßig, aber somit bin ich mit dem schöpferischen Vorgang durchaus vertraut«, und lächelte ihn an. Daraufhin schenkte er mir sein Buch mit einer persönlichen Widmung und ich versprach, ihm meines zu schicken.

Sofort nutzte Gina die Gelegenheit und forderte mich auf: »Spiel doch bitte ein Stück aus deinem Buch.«

Ohne lange zu überlegen, setzte ich mich an den Flügel und begann, ein Lieblingsstück aus meinem Album zu spielen. Inständig hoffte ich, mich noch an alle Noten erinnern zu können. Immerhin waren schon fast zwei Jahre vergangen, seitdem es veröffentlicht worden war. Ich begann zu spielen und tauchte ein in meine Komposition. Doch plötzlich – wie aus heiterem Himmel, mitten im Stück – wusste ich nicht mehr weiter. Das durfte doch nicht wahr sein! Ich hatte einen totalen Blackout! Ich wünschte mir, der Erdboden täte sich auf, um mich auf Nimmerwiedersehen zu verschlingen. Doch unter meinen Füßen geschah nichts. Welch ein Malheur! Ich musste überlegen, improvisierte verzweifelt und dann – Gott sei Dank, er erhörte doch mein Stoßgebet – fiel mir meine Komposition wieder ein.

Nachdem ich also viel länger blieb, als ich ursprünglich vorgehabt hatte, fuhr ich wieder nach Hause – nicht ohne die Telefonnummer und das Buch von Fabiano del Chiero in der Tasche.

°°°

Anfang November rief mich Fabiano an. »Ich wollte mich für das schöne Buch bedanken, welches du mir geschickt hast.« Er hatte eine warme und etwas raue Stimme. Sein Deutsch hörte sich immer lustig an. Ich musste einige Male nachfragen, weil ich ihn so schlecht verstand. Bei dieser Gelegenheit erzählte ich ihm von meinem Herzensprojekt, einem großen Musiktheater, an welchem ich schon seit vielen Jahren arbeitete. Er wirkte sehr interessiert und wollte unbedingt mehr darüber wissen. Also verabredeten wir uns für den 4. Januar, um uns über unsere Projekte auszutauschen. Wir vereinbarten ein Treffen in München im Literatur-Café.

4. Januar

Ich hatte ein selbst entworfenes kurzes Kleid in einem altrosa Farbton an. Mit zehn Minuten Verspätung traf ich vor dem Literatur-Café ein. Bereits nach nur fünf Minuten Verspätung meinerseits hatte Fabiano mich angerufen: »Wo bist du? Kommst du?« und wollte wissen, wo ich bleibe. »Ich bin gleich da!« Schwungvoll öffnete ich die Türe. Der Duft von aromatischem Kaffee und anderen erlesenen Köstlichkeiten schwallte mir entgegen. Ich sah mich im Café um, da winkte er mir schon zu.

»Was möchtest du trinken?« Wir suchten uns dazu eine Kleinigkeit zum Essen aus. Dann unterhielten wir uns angeregt über alle möglichen verschiedenen Themen. Von Tolstoi bis Rilke, über dies und das, über Gott und die Welt und mein Musiktheater-Projekt. Es war ein äußerst inspirierendes Treffen. Zwar war es etwas mühsam, ihm zu folgen und trotzdem – wir verstanden uns auf Anhieb. Es stellten sich ziemlich schnell einige gemeinsame Vorlieben und Interessen heraus.

»Diesen Winter werde ich auf Lanzarote verbringen. Dort habe ich einen Freund, der – ich möchte jetzt noch nicht zu viel versprechen – Künstler und deren Projekte fördert«, erzählte Fabiano. Er wollte ihm mein Musiktheater-Projekt vorstellen. Und um möglicherweise eine CD zu produzieren, wollte er von mir eine Kostenaufstellung der Produktionskosten haben.

Nach gut drei Stunden hatten wir beide noch eine andere Verabredung und ich versprach ihm, möglichst bald die Kostenaufstellung nach Lanzarote zu faxen. Wir verließen gemeinsam das Lokal und gingen in Richtung Ludwigstraße. Unterwegs kam uns zufällig Ferdinand entgegen. Das war einer seiner beiden Söhne. Fabiano del Chiero stellte uns gegenseitig vor, dann trennten sich vorerst unsere Wege.

Es war nicht so einfach, die Kosten für eine CD, mein Theater-Projekt betreffend, zu recherchieren. Aber schlussendlich schaffte ich es nach einigen Tagen und versuchte, Fabiano in Lanzarote zu erreichen.

In dem kleinen Ort, in dem ich wohnte, herrschte strengster Winter. Als ich Fabiano anrief, um mir die Fax-Nummer geben zu lassen, erzählte er mir, wie schön warm es auf Lanzarote sei. »Hier liegen meterhohe Schneeberge und es ist bitterkalt!« beklagte ich mich und beneidete ihn. »Komm doch nach Lanzarote«, lud er mich ein.

»Oh ja, das wäre fantastisch! Habt ihr auch ein Klavier auf der Insel?«, fragte ich ihn und freute mich über seine spontane Einladung. »Dann würde ich sofort kommen. Denn ich müsste dringend die Kompositionen meines Opernmusicals korrigieren, und was wäre schöner, als dies auf einer inspirierenden Insel zu tun?!« Fabiano meinte, dass es auf der Insel ganz bestimmt die Möglichkeit dazu gäbe. Wäre es nicht herrlich, ins Warme zu flüchten?

LANZAROTE I

Spontan buchte ich einen Flug nach Lanzarote. Wie aufregend! Urlaub in Kombination mit meiner Arbeit. Das hatte ich mir schon immer gewünscht. Die erste Einladung nach Lanzarote, und ich freute mich schon sehr auf ein warmes Klima.

5. März

Flug nach Lanzarote – dem grässlichen Winter entfliehen für eine Woche! Wie herrlich!

Eine Woche, die ich niemals in Worte fassen kann. Eine Woche, die so schnell wie eine Sekunde vorbeiging und fast wie ein ganzes Leben angedauert hatte.

Fabiano holte mich vom Flughafen ab und als erstes fuhren wir in sein Hotel, um meinen Koffer dort abzustellen. Er erzählte mir, dass er für mich alle Klaviere auf der ganzen Insel ausfindig gemacht hat. Wir zogen sofort los. Der Reihe nach klapperten wir alle Bars und Restaurants ab. Er zeigte mir die gesamte Insel und alle Klaviere, die er gefunden hatte. Das fand ich echt reizend von ihm. Es war sehr praktisch, jemanden an seiner Seite zu haben, der die Landessprache beherrschte.

In einem kleinen Ort schlenderten wir gemütlich am Meer entlang, vorbei an einem kleinen Hafen, in dem gerade die Fischer ihre Boote reparierten und die Netze flickten. Es roch nach Meer, und ich sog tief die salzige Luft ein. Die Sonne brannte gleißend vom Himmel. Am Ende der kleinen Straße war ein winziges Restaurant, in dem ein Klavier stand. Es war stockdunkel in dem Restaurant und man musste mühsam über eine sehr enge, schmale und steile Treppe auf eine kleine Empore, wo das Klavier thronte. Fast musste man ein Akrobat sein, um an die Tasten zu gelangen. »Zu beschwerlich, lieber Fabiano«, lächelte ich ihn an. »Komm ich lade dich auf einen Cortado ein. Den haben wir uns jetzt verdient. Vor allem du für deine ganze Mühe!«

Es wurde eine verrückte Woche – wilde, witzige Geschichten, die mir Fabiano von sich erzählte. Er konnte fesselnd reden. Ich hing an seinen Lippen. Er war ein ausgezeichneter, faszinierender und äußerst unterhaltsamer Geschichtenerzähler. Allein schon sein verdrehtes Deutsch brachte mich ständig zum Lachen.

Er fängt mit einer Geschichte an, holt dann ewig weit aus, um in einer anderen und in noch zwei weiteren Geschichten zu landen, kehrt dann nach unendlich langen Ausführungen immer wieder zum Ausgangspunkt der ersten Geschichte zurück, um sie zuende zu erzählen. Ich war erstaunt, dass er seinen Ausgangspunkt immer wieder fand. Eine absolute Kunst!

Es beeindruckte mich, wie gut er sich in der Mythologie auskannte. Er hatte sich die Mühe gemacht, über alle Götter, die in meiner ArtOpera vorkommen, eine interessante Info herauszusuchen und auszudrucken. Denn darum geht es unter anderem in meinem Musiktheater-Musical-Projekt.

Fabiano war begeistert von meiner Musik und er wollte mehr hören. »Bezüglich deines Projektes habe ich mit dem Besitzer Antonio gesprochen, ob er es unterstützen würde. Doch ich befürchte, ich habe ihn zu sehr bedrängt.« Was man sich im Nachhinein bei Fabiano nicht so richtig vorstellen kann.

Alle Klaviere, die Fabiano aufgespürt hatte, standen leider in den Empfangshallen der Hotels. Mit meinen Korrekturen hätte ich die Gäste eher belästigt und verscheucht, als ihnen eine Freude zu machen. Fabiano verstand, dass ich in den Hotels nicht die Ruhe gehabt hätte, um meine Kompositionen zu korrigieren. Also fuhr er mit mir in das Konservatorium der Hauptstadt. Dort ging er auf jeden zu. Sprach von der Putzfrau bis zur Direktorin des Konservatoriums, einfach mit jedem, bedankte sich, war höflich, blieb dabei ganz natürlich und war nie aufdringlich. Und tatsächlich arrangierte er, dass ich das Klavier im Konservatorium nutzen durfte. Fabiano lieh mir sein Auto, damit ich täglich dorthin fahren konnte.

An einem Tag wollte er unbedingt mitfahren, um meine Kompositionen zu hören. Darüber freute ich mich natürlich. Er bewunderte meine Kunst genauso, wie ich die Seine bewunderte. Er war ein durchaus aufmerksamer Zuhörer und stellte interessante Fragen zu meinen Werken. Die eine oder andere Stelle wollte er noch einmal in einer ganz anderen Dynamik hören und fragte mich dann, wie mir dies gefiele. Es machte Spaß, mit ihm zusammenzusitzen und über Kunst zu diskutieren.

Wieder zurück, spazierten wir am Meer entlang. Ich genoss die Wärme und die milde Brise, die durch meine Haare wehte und über meine Haut strich.

»Du solltest eine kleinere Form, eine Miniatur deines Werkes, auf einem Festival vorstellen – einen Ausschnitt aus dem Ganzen, eine Art „Muster“ anfertigen, das aber in sich geschlossen ist«, schlug er vor. »Ich kenne eine Regisseurin, die kleinere Gruppen auf die Festivals schickt« – und er hatte dafür jede Menge Vorschläge.

Es waren ziemlich gute Impulse für mich! Überhaupt – es war das erste Mal in meinem Leben, dass jemand so regen Anteil an meinem eigenen Projekt nahm. Ein wundervolles Gefühl! Und es motivierte mich.

Ich ließ mir seine Anregungen durch den Kopf gehen. Vielleicht könnte ich die Geschichte von Persephone und Hades für dieses Muster nehmen? Die Geschichte hätte auch einen guten Aufbau: Die narzissenpflückende Persephone, in die sich Hades unsterblich verliebt. Nachdem Hades Zeus angefleht hat, ihm zu verraten, wo sich Persephone aufhält, gibt Zeus ihm einen Tipp. Daraufhin reißt der Gott der Unterwelt die Erde auf, kommt mit seiner Kutsche herausgefahren, raubt Persephone und verschwindet mit ihr in der Unterwelt. Hier erklingt Persephones klagende Arie aus der Unterwelt. Dann folgt der leidenschaftliche Tango „Tanz der Schatten“© und danach das Liebes-Duett zwischen Hades und Persephone – all das war für sich schon eine kleine Oper und eignete sich bestens für eine Art Muster.

Immer wieder überraschte mich Fabiano mit neuen Geschichten und Details aus der Mythologie. Zu allem hatte er etwas Spannendes zu erzählen oder zu ergänzen, was ich noch nicht wusste. Bestimmt konnte ich noch eine Menge von ihm lernen! Auch gefiel mir seine besondere Art, an Dinge heranzugehen. Und – sehr wichtig – viele Fragen zu stellen. Fabiano hinterfragte alles! Das ist für mich, die ich fast ausschließlich alles intuitiv mache, neu. Dennoch ist es faszinierend, die Dinge von den unterschiedlichsten Seiten zu beleuchten. Über die meisten Fragen, die mir Fabiano stellte, hatte ich noch nie nachgedacht. In meinem Umfeld gab es niemanden, der solche Fragen gestellt hätte.

Er setzte sich intensiv mit meinem Musiktheater auseinander und überraschte mich immer wieder aufs Neue mit seinen Kenntnissen. Mit seinem Wissen hatte er mir Einiges voraus. Na gut – schließlich war er ja auch ein gutes Stückchen älter als ich.

CUEVAS

Diesmal habe ich tatsächlich jemanden getroffen, der sich für mich einsetzt, und Fabiano wird sich, hoffe ich, nicht als Seifenblase entpuppen, so wie ich das schon oft erleben musste. Ich empfand es schon fast als ein kleines Wunder, dass sich jemand mit so viel Wertschätzung für mich und meine Projekte einsetzte.

Immer verspürte ich eine unglaubliche innere tiefe Freude, wenn ich mit Fabiano zusammensaß und mich mit ihm austauschen konnte. Ich fühlte mich mit ihm, wie wenn ich „zu Hause“ angekommen wäre. Fabiano machte mir Mut und bestärkte mich ganz selbstverständlich in all meinen künstlerischen Angelegenheiten. Zu allem hatte er eine ganz eigene Sichtweise und originelle Ideen.

Fabiano entführte mich in die Cuevas. Besser gesagt in eine Lavahöhle des ganzen Höhlensystems, das vor etwa 3000 - 4500 Jahren durch den Vulkanausbruch des Montana Corona entstanden war. Riesige Lavaströme flossen sowohl oberflächlich als auch unterirdisch Richtung Meer und hinterließen ein ungefähr 7 km langes Tunnelsystem, das nur zum Teil betreten werden kann. In manchen Höhlen sind größere Räume entstanden, in denen sogar Konzerte stattfinden.

»Hier könnte ich mir deine Oper gut vorstellen«, schlug er vor. »Oh ja«, stimmte ich ihm zu, »die Höhlen wären die perfekte Kulisse für Hades und Persephone. Das ideale Bühnenbild für diese Szene.« Ich war begeistert.

Verrückterweise hatte ich das Gefühl, ich hätte die Höhlen schon vorher besichtigt, bevor ich die Musik zu dieser Szene geschrieben hatte. Vielleicht existierte die Zeit doch nicht. Es war eine ausgesprochen mystische Stimmung in den Höhlen. Es war dunkel und feucht. Die Atmosphäre war unheimlich.

Fabiano war sehr aufmerksam und nahm mich bei der Hand, denn im Dunkeln – und es war sehr dunkel – konnte ich nicht so gut sehen. Es war steinig und felsig. Der Weg ging sehr steil nach unten.

In dieser Höhle gibt es ein besonderes außergewöhnliches Naturereignis. Wir kamen an eine Stelle und wie aus dem Nichts tat sich ein riesengroßer schwarzer Abgrund auf. Es war gespenstisch. Man hatte den Eindruck, es würde kilometerweit nach unten gehen. Dieses gigantische große Loch, das sich vor uns auftat, schien einen zu verschlingen. Die Stille war beklemmend. Ich bekam eine Gänsehaut. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Doch was man in dieser tiefen, dunklen Höhle nicht sehen konnte und auch nicht vermutet hätte: Vor uns, als gähnender, endlos tiefer Abgrund getarnt, lag ein riesengroßer schwarzer See. Ohne die geringste Regung, keine Welle, nichts. Nicht die leiseste Bewegung, an der man hätte erahnen können, dass vor einem ein See lag. Es wirkte bedrohlich. Obwohl es in der Höhle warm war, fröstelte ich leicht. Ich spürte die warme Hand von Fabiano, das gab mir Sicherheit und beruhigte mich. Er ging mit sicherem Schritt voraus und ich vertraute ihm blind. Es erstaunte mich, wie perfekt meine Musik zu der Stimmung in diesen Höhlen passte.

Wieder im Tageslicht atmete ich erleichtert auf. Die Helligkeit schmerzte nach dem langen Aufenthalt im Dunkeln in meinen Augen. Wir suchten uns einen Platz auf einem Felsen am Ausgang der Höhlen und schauten in die weite Ebene. Während wir still in die Ferne blickten, wurden wir auf natürliche Weise ganz ruhig. Frieden senkte sich auf die dunkle Erde und übertrug sich auf uns. Die untergehende Sonne hing wie ein riesiger, glutroter Feuerball am Horizont. Wir saßen gemeinsam noch ewig auf dem schroffen Felsen, genossen schweigend die Abendstimmung und beobachteten, wie die Sonne am Horizont die schwarze Erde berührte. Langsam tauchte sie immer weiter ein, bis sie lautlos verschwand.

Es war wunderschön – mit ihm konnte man auch schweigen. Und in diesem Schweigen war so vieles enthalten. Eigentlich alles.

Ich fühlte mich unendlich reich. Ganz sanft und fast unbemerkt hatte sich für uns der Himmel geöffnet.

Auf den Spuren von Hades in die Unterwelt hatten mich diese Höhlen tief beeindruckt.

Von der Landschaft und der Atmosphäre der Höhlen inspiriert, schreibe ich den Text zu meiner Komposition von Hades und Persephone.

IM REICH DER FINSTERNIS (PERSÉFONE & HADES) EN EL REINO DE LAS TINIEBLAS

Hades
(H):

Persephone sie soll mir gehören mein Verlangen ist unstillbar ihre Seele so licht und so rein endlich hab ich sie hier, ich lasse sie nie mehr gehen, ich atme in ihr, ich trinke von ihr, ich lasse sie nie mehr gehen.

Perséphone ha de ser mía I Mi deseo es insaciable Su alma, tan clara y tan pura Por fin la tengo aquí, Nunca dejaré que se vuelva a ir, Respiro en ella, Bebo de ella, Nunca, nunca dejaré que se vuelva a ir.

Demeter
(D):

Wo ist Persephone? Ich will sie zurück. Und du wirst niemals meine Seele berühren und ich weiß nicht weshalb, mein Atem gefriert zu Eis, er haucht mich an, mein Blut erstarrt.

¿Dónde está Perséfone? estoy raptada. Y tú nunca tocarás mi alma y qué sitio es éste donde estoy? Perdida – ah, mi aliento se convierte en hielo, Me envuelve con su ali en to, mi sangre se congela.

H:

Betörende Lust, ihr Duft sich verströmend zu mir, ihr Atem so sinnlich und warm, ich begehre sie in der Glut der Sinne. Mitten in mein Herz!

Deseo embriagador, fragan- cia emana hacia mí su aliento, tan sensual y cálido, la deseo desde las ascuas de los sentidos. ¡en el centro de mi corazón!

D:

Ich will sie zurück.

La quiero de vuelta.

H:

Augen so tief wie ein See, unverdorben ihr Blick.

Ojos tan profundos como un lago Su mirada, incorrupta.

Persephone (P):

Fühle mich schwach, sehne mich nach Licht, doch das Dunkel umschließt meine Phantasie, ich erbebe-erzittere und ich werde sterben hier. Ich folge ihm in seine Welt, er führt mich tief in sein dunkles Reich, hält mich fest und ich bleibe, doch etwas fesselt mich ich gehorche ihm.

Me siento cansada, añoro la luz, cerco a mi fantasia, me estremezco – tiemblo y moriré aquí Lo sigo a su mundo, me lleva hacia lo más profundo de su oscuro reino, me retiene con fuerza y me quedo pero hay algo que me cautiva le obedezco.

H:

Ich habe sie ganz betört, sie ist berauscht, berauscht von dem Duft meiner Welt.

La he embriagado porcompleto está extasiada, extasiada por la fragancia de mi mundo.

P:

Ich fühle mich seltsam berührt

Siento que me tocan de un modo extraño

H:

Ich begehre sie so – ich kann sie berühren, berühren in meiner Welt. Berühren ihre Haut, so zart-seidig schimmernd, wie perlmutt – saug ich ihren Duft

La deseo de tal forma – la puedo tocar, tocar en mi mundo. Tocar su piel, tan suave, brillante como la seda, como el nácar. Su fragancia me empapa

H + P:

Ich fühle mich berauscht. Meine Sinne gehören dir.

Me siento en éxtasis. Mis sentidos son tuyos.

D:

Lass sie wieder frei!

¡Déjala libre de nuevo!

H + P:

Ich gehöre dir.

Soy tuyo/a.

FABIANO

Fabiano wollte mit mir einen Reitausflug machen und fuhr zu einem Reiterstall, um sich nach verschiedenen Routen zu erkundigen. Täglich besuchten wir eine Ausstellung. Diese Insel zog mich in ihren Bann. Sie hatte auf mich eine magische und gleichzeitig bizarre Wirkung. Fabiano zeigte mir die außergewöhnlichsten Plätze, und dabei entdecken wir täglich etwas Neues. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, wie sehr mir die Kargheit der Insel gefiel. Am meisten inspirierte mich der Norden der Insel.

Ich liebte es. Am meisten beeindruckte mich die Foundation Cesar Manrique. Meine Eindrücke waren überwältigend und ich konnte sie nicht in Worte fassen. Zur Erinnerung kaufte ich mir von dort eine wunderschöne CD „Los Elementos“.

Fabiano machte es spannend und kündigte einen besonderen Platz an. Er fuhr mit mir an einen Aussichtspunkt mit einem Café, nach Orzola – Mirador del Rio. Es war atemberaubend. Das Café befand sich auf einer Anhöhe. Von dem Aussichtsplateau – circa 500 Meter über dem Meeresspiegel – eröffnete sich ein einzigartiger Blick auf den blauen atlantischen Ozean. Das Meer war wild und bewegt. Zur linken Seite erstreckte sich die Steilküste von Orzola. Das Café war von dem Künstler Cèsar Manrique äußerst kreativ gestaltet. Man konnte vor einer riesigen Glasfront sitzen, die in die Felswand eingelassen war, und bei Kaffee und Kuchen den grandiosen Blick auf die vorgelagerte Insel La Graciosa genießen. Das laute Geräusch der Wellen vermischte sich mit dem Kreischen der Möwen.

Jeden Tag fiel Fabiano ein neuer Ausflug ein, mit dem er mich überraschte.

9. März

Plötzlich fängt die Zeit an zu rennen. Fabiano möchte mich malen und auch sonst … Ein bisschen schrullig wirkte er schon mit seiner altmodischen Brille und den dicken Gläsern. Er trug einen 5-Tage-Bart und am liebsten würde ich mit ihm zu einem guten Optiker gehen, um ihm eine neue Brille zu verpassen. Dennoch geht eine unglaubliche Lebendigkeit von ihm aus. Diese zwei Seiten stehen in einem eigenartigen Kontrast zueinander.

Die Geschichten, die er mir erzählt, sollte ich eigentlich bis ins kleinste Detail aufschreiben. Es sind so viele, denn er redet nicht gerade wenig. Es ist irisierend und sogar erotisierend, mit ihm zu sein und seinen Geschichten zu lauschen.

Er sagte, er wundere sich über sich selbst, denn er hätte sich noch nie jemandem so im Innersten anvertraut, so viel intime Dinge über sich selbst erzählt. Dabei kenne ich das, mir passiert das ständig. Immer erzählt mir jeder alles. Insbesondere Männer erzählen mir alles. Einmal hat mir jemand nach einem Engagement sogar sein Saxophon geschenkt – aus Dankbarkeit, weil ich völlig wertfrei seiner Geschichte zugehört hatte. Vielleicht spüren Männer instinktiv, dass ich sie verstehe, ohne zu urteilen. Angeregt unterhielten wir uns bis tief in die Nacht. Die Gespräche mit Fabiano verliefen immer ziemlich sinnlich.

Eine der netten Geschichten war die seiner Skulptur Marcan für eine Universität. Damit die armen Studenten in ihrem tristen Alltag etwas Sinnliches zum Anfassen und Fühlen bekommen, vor allem in der pathologischen Abteilung, fertigte Fabiano eine Skulptur an aus zart rosafarbenem Marmor. Die Skulptur war ca. 4 Meter hoch und stellte eine weibliche Vagina dar. »Ich wollte etwas Lebendiges schaffen, weil die armen Studenten doch täglich mit Leichen umgeben waren.« Die Skulptur sollte in einem Wasserbecken stehen und begehbar sein und vor allem fühlbar von Innen. »Du musst dir vorstellen, die inneren Wände der Skulptur sind ganz glatt geschliffen, sodass dadurch ein sensitives Tast- und Fühlerlebnis entstanden ist«, erklärte er mir.

Die etwas konservativen Professoren waren zu dieser Skulptur ziemlich kontrovers eingestellt und mussten erst überzeugt werden, dass Fabiano keine pornographische Darstellung kreiirte, sondern dass er durch die Darstellung der Skulptur seine große Wertschätzung für und an die Frau zum Ausdruck bringen wollte.

Dann endlich kam der Tag, an dem die Skulptur enthüllt werden sollte. Die gesamte Jury und alles, was Rang und Namen hatte, hatte sich versammelt und war anwesend. Da diese „Vagina“ begehbar war, wollten die Juroren nun wissen: »Würde das der Skulptur nicht schaden, wenn jeder ein- und ausginge?« Fabiano, der deutschen Sprache nicht wirklich mächtig, sagte in seinem holprigen Deutsch sehr ernst: »Nein, nein, meine Damen und Herren – je mehr Verkehr in der Vagina, desto besser für sie!« Die Jury warf sich weg vor Lachen. Oje, armer Fabiano! Er wusste gar nicht, wie ihm geschah, und war leicht irritiert. Wir beide fanden das Wort „Verkehr“ ein ziemlich phantasieloses Wort für die schönste Sache der Welt.

Noch unzählige andere Geschichten folgten. Wie zum Beispiel die Geschichte mit der Gräfin von und zu Pappenheim. Als er eines Tages nach langer Suche für eine Bleibe für sich und seine beiden Söhne vor ihrer Tür stand und an ihrer Schloßpforte klingelte und sich mit „del Chiero“ vorstellte, fühlte die Gräfin sich sofort unter ihresgleichen und gewährte ihm Einlass. Als er ihr sein Anliegen schilderte, war sie ihm so wohlgesonnen, dass sie ihm ihre Räumlichkeiten zur Miete anbot.

Oder die Geschichte seiner Videoinstallation mit dem Kind, über dessen Hand Wasser und Feuer lief. Auf den beiden Monitoren, die links und rechts neben der kleinen Skulptur standen, war jeweils ein Männer- und Frauengesicht zu sehen, deren Gesichter in slow motion Gefühle ausdrückten. »Sie drücken einen Orgasmus aus«, erklärte er mir in ausschweifenden Worten. »Wie konntest du dies filmisch einfangen?«, fragte ich ihn neugierig. »Das bleibt mein Geheimnis«, schmunzelte er.

Oder die Geschichte von dem Liebespaar, welches von ihm gemalt werden wollte während des Liebesaktes – aber es klappte und klappte nicht zwischen den beiden usw. usw.

Fabiano wollte mich malen. Drei Motive hatte er mir vorgeschlagen. »Du kannst wählen«, bot er mir an, »zwischen einem Mädchen, das an einem Billardtisch sitzt und zwei jungen Männern beim Spielen zuschaut, oder einer Frau, die in einem rot-orangenen Kleid am Hafen steht und die Hände in die Hüften stemmt. Das dritte Motiv, was ich gerne malen möchte, ist ein Akt in der wunderbaren Landschaft von Lanzarote.«

Die ersten beiden Vorschläge fand ich nicht so prickelnd, und letzterer kam für mich natürlich nicht in Frage. Ich würde mich ja wirklich nicht als prüde bezeichnen, aber mich nackt malen zu lassen? Noch dazu von einem fremden Maler? Niemals!

»Für einen Akt«, lehnte ich verlegen lächelnd ab, »bin ich viel zu schüchtern, auch wenn sich das bei mir niemand vorstellen kann.«

»Du bist schüchtern? Wieso?« Fabiano war erstaunt. »Du kannst es dir ja in Ruhe überlegen.«

Dass er mich nicht überreden wollte, rechnete ich ihm hoch an. Jedenfalls habe ich mit ihm immer ein Gefühl von großer Lebendigkeit und Tiefe. Und dies fühlte sich ziemlich gut an.

Jeden Vormittag fuhr ich in das Konservatorium nach Arrecife und korrigierte meine Kompositionen. Danach trafen wir uns und gingen gemeinsam irgendwohin zum Essen. Fabiano ließ sich täglich neue Unternehmungen an den interessantesten Orten der Insel einfallen, oder wir besuchten eine Ausstellung. Trotz ihrer Kargheit ist die Landschaft der Insel unglaublich vielfältig. Dazu ist Lanzarote eine ökologische Insel. So genießen wir die Landschaft mit den weiten Lava-Feldern, unsere Gespräche und das Zusammensein miteinander.

Alle Interessen, die er hatte, teilte ich auch, und es war wunderbar, jemanden zu haben, mit dem man so vieles teilen konnte.

°°°

Geduldig warte ich auf Fabiano – er ist beim Fliesenleger, um Fliesen für das Appartement auszusuchen, welches er gerade in dem Hotel umbaut.

Irgendwie ist er ein Phänomen. Unglaublich höflich und trotzdem – welch ein Kontrast – ziemlich verrückt. Und doch weiß er stets, was sich gehört.

Bevor er nach New York ging, hatte er sechs Jahre bei den Indianern gelebt, in einem Dorf in den Anden auf 4.000 Meter Höhe.

Manchmal erzählte er etwas ausufernd. Man musste sehr gut aufpassen – nicht nur wegen seiner Sprache – um den Faden nicht zu verlieren. Ein klein wenig anstrengend ist es, ihm zu folgen, und dennoch ist er einfach liebenswert!

Anregende und gute Gesprächsthemen gingen uns nie aus. Obwohl er eigentlich überhaupt nicht mein Typ Mann ist, hatte er irgendetwas, was auf mich ungeheuer anziehend wirkte.

Eines Abends – wir „verquatschten“ uns wieder einmal – sagte er plötzlich zu mir: »Jetzt möchte ich gerne mit dir schlafen.«

Irritiert schaute ich ihn an und dann gleich auf den Boden, um Zeit zu gewinnen. Oh nein, bitte nicht diesen Satz. Ist Fabiano del Chiero völlig verrückt geworden? Ich verstummte unangenehm berührt. Der von mir meist gehasste Satz. Wie phantasielos! Wie oft hatte ich diesen Satz schon gehört. Warum können Männer nicht sagen »Du, ich glaube, ich habe mich in dich verliebt«? Oder es ergibt sich einfach ohne große Worte.

Und obwohl ich schon einige Male in dieser Situation war, verschlägt es mir jedes Mal auf’s Neue die Sprache. Ich wurde verlegen und ärgerte mich über mich selbst, weil mir bis dato noch keine schlagfertige Antwort dazu eingefallen war.

Ich glaube, an diesem Abend hatte ich etwas schüchtern gelächelt und mich dann superschnell verabschiedet. »Ok, gehen wir schlafen, aber du gehst hübsch in dein Zimmer und ich in meines.« Ich hauchte ihm einen Gutenachtkuß auf die Wange und verschwand. Dabei nahm ich noch flüchtig sein Eau de Toilette wahr. Eine Mischung zwischen Sandelholz und Patchouli.

Am nächsten Morgen entschuldigte sich Fabiano hunderte Male für diesen Satz. Er hatte wohl bemerkt, dass er mit diesem Satz bei mir leicht daneben lag. Ich nahm es mit Humor, lachte ihn an: »Beruhig dich mal wieder, man kann eben nicht alles haben.« Und wir widmeten uns ausgiebig dem Frühstück.

Aber eigenartig – irgendwie hatte dieser Satz in mir plötzlich etwas ausgelöst. Ich spürte, wie ich innerlich unruhig wurde.

°°°

Am nächsten Abend gingen wir am Strand spazieren. Eine laue Nacht mit einer weichen Sommerbrise, die sanft über mein Gesicht strich. Fabiano erzählte mir wieder eine von seinen berühmten Geschichten, diesmal über ein Fest in Perú, oder war es der Carneval? Es ist schön, ihm beim Erzählen zu zuhören. Irgendwie genieße ich es, obwohl es wegen der Sprache immer etwas mühsam war, seinen Darstellungen zu folgen.

Wir schlenderten gemütlich am Strand entlang. Die Wellen gluckerten weich und samtig an den Strand. Die Sterne funkelten und wir setzten uns in den weichen Sand. Ich liebte das glucksende Geräusch der anrollenden Wellen. Das Meer war relativ ruhig zu dieser späten Stunde. Wir saßen so einige Stunden zusammen.

Als es zu fortgeschrittener Stunde etwas feucht wurde, standen wir auf und schlenderten langsam zum Hotel zurück. Seine Hand berührte die meine. Mich durchfuhr ein heißer Strom, aber ich wich nicht aus. Vor dem Hotel ließ er meine Hand wieder los, weil man im Hotel wusste, dass er noch mit Andrea verheiratet war. »Es ist besser so – die Leute erfinden hier sehr gerne Geschichten«, meinte er.

Ich konnte gar nicht verstehen, weshalb dieser Mann so eine erotische Anziehungskraft auf mich ausübte. »Ob ich mich doch von ihm malen lassen soll?«, überlegte ich für mich.

Im Konservatorium kam ich bestens voran mit meinen Korrekturen. Diesmal war Fabiano wieder mitgekommen und hörte sich einige meiner Kompositionen an. Er hatte auch einige gute musikalische Vorschläge. Dieser Mann erstaunte mich immer mehr. Er schien sich auch noch in der Musik gut auszukennen.

Jeden Nachmittag unternahmen wir etwas anderes. Oft saßen wir bei brütender Hitze im Auto und er erzählte und erzählte, bevor wir endlich ausstiegen – und ich lauschend in der Hitze zerfloss.

An einem Tag ging er mit mir in ein Hafenrestaurant. Ganz unscheinbar von außen – ich hätte es nie gefunden. Der Fisch war hervorragend und ich zum Platzen satt. Eine Frau saß am Nebentisch. Wir bzw. Fabiano kam mit ihr ins Gespräch. Sie sprach fließend Spanisch. Sie hatte in Deutschland alle Brücken abgebrochen und lebte und arbeitete nun schon seit 12 Jahren auf der Insel. Ich hörte interessiert zu. Ein absoluter Traum für mich – die Verbindung von Arbeit mit Urlaub.

Immer stärker fühlte ich mich von der Landschaft in den Bann gezogen. Beeindruckend und wild hatte sie in mir eine ungeheure Faszination ausgelöst. Wie in einem Märchen fühlte ich mich und genoss jeden Augenblick ganz real! Fabianos langatmiger Erzählstil gefiel mir irgendwie. Einmal hatte er angefangen, Kanarienvögel zu züchten. Auf einmal waren es mehrere Hundert. Er baute für sie einen riesengroßen Käfig und dann eines Tages – ließ er sie alle wieder frei und fliegen. Welch ein schönes Bild!

DER KUSS

Am vorletzten Abend meiner Abreise wollte mich Fabiano skizzieren. »Na gut, mit einer Skizze kann ich mich besser anfreunden als mit einem Akt«, schmunzelte ich ihn einvernehmlich an. Wir aßen im Hotel und gingen anschließend in sein Appartement. »Hol dir am besten zwei Kissen, damit du es dir bequem machen kannst.« Ich holte mir die Kissen aus meinem Zimmer und setzte mich auf sein Sofa.

Noch nie hatte ich ein sinnlicheres Erlebnis! Fabiano bekam einen völlig anderen Blick, wenn er malte. Mit Hingabe betrachtete er sehr genau und war dabei doch absolut neutral, aber auch ernst. Ich war völlig beeindruckt, wenn er malte. Stundenlang könnte ich ihn betrachten und dabei gemalt werden. Für mich war das total spannend!

»Wenn ich male«, erzählt er, »gehe ich eine tiefe Liebesbeziehung zu meinem „Malobjekt“ ein.« Das konnte man spüren!

Mein Gott, wie schön hatte er mich skizziert! Verblüfft schaute ich ihn an. Und abwechselnd wieder auf die Skizze, die ich in Händen hielt: »Unglaublich, du hast mich gesehen, wie mich kaum einer jemals gesehen hat. Wie konntest du das sehen? Du hast einen ganz versteckten Aspekt an mir wahrgenommen, den eigentlich ich selbst von mir kaum kannte. Dennoch hast du es gesehen, gespürt, gefühlt und konntest diese innerste Facette von mir tatsächlich auf Papier bringen.« Ich war überrascht und wirklich tief beeindruckt. Er schmunzelte bescheiden.

Es war schon spät geworden, ich war müde und wollte schlafen gehen. Morgen war für uns der vorletzte Tag. Wir wollten früh raus, denn Fabiano wollte mit mir nach Graciosa, einer kleinen vorgelagerten Insel, fahren. Ich ging in mein Zimmer und war gerade dabei, mich auszuziehen, als Fabiano an die Tür klopfte. »Du hast etwas vergessen!«

Rasch zog ich mir wieder etwas über und rief: »Komm doch rein.«

Er hatte meine Kissen in der Hand. Verlegen lächelnd nahm ich die Kissen entgegen. Er blickte mich mit seinen dunklen Augen voll seltsamer Neugierde an. Plötzlich küsste er mich.

Sein Kuss überrumpelte mich. Ich blieb zurückhaltend. Sollte ich seinen Kuss erwidern? Oh, er küsste gar nicht schlecht. Sehr gut sogar! Und er roch verführerisch gut. Nach Sandelholz und Patchouli. Sein 5-Tage-Bart kratzte ein wenig, und er küsste mir ziemlich weiche Knie. Wir landeten beide auf dem Bett. Oh Gott, was tue ich hier? Ich kam mir ganz jungfräulich vor. Was geschieht mit mir? Es war aufregend und verführerisch. Und irgendwie auch fremd.

Es ist ziemlich fesselnd, von einem Maler betrachtet zu werden. Und Fabiano konnte sehr genau betrachten, und das, was er sah, noch schöner beschreiben. Ich ließ mich von seinen Küssen und erregenden Komplimenten hinwegtragen. Ich fühlte mich wie in einem Rausch.

Doch dann bremste ich ihn und zierte mich: »Fabiano, nein, bitte nicht«, ich schob ihn sanft weg. »Du bist verheiratet und ich im Übrigen auch.«

Am nächsten Morgen – irgendwie fühlte ich mich leicht verlegen – frühstückten wir. Fabiano wollte mich auf der Insel Graziosa noch einmal skizzieren. Ein wenig Scheu hatte ich durch den gestrigen Abend verloren. Und im Tageslicht fühlte ich mich sicher. Irgendwie war ich erleichtert, dass gestern Abend nichts passiert war.

Gott sei Dank war es heute etwas diesig und deshalb nicht so heiß. Auf der Insel gab es kaum schattige Plätze. Hier wuchsen keine Bäume oder Palmen, die Schatten hätten spenden können. Fabiano war der Hitze gegenüber wesentlich unempfindlicher als ich. Aber war es ein Wunder? – Er ist Perúaner!

Wir waren ein bisschen zu spät losgekommen und mussten doch bis ans andere Ende der Insel, um das Boot nach Graciosa noch zu erreichen. Wir beeilten uns. Fabiano fuhr schnell und etwas hektisch los. »Wer langsamer macht, kommt schneller ans Ziel«, versuchte ich lächelnd, sein Tempo zu drosseln. In letzter Sekunde erwischten wir das Boot, kurz bevor es ablegen wollte.

GRACIOSA

Die Überfahrt war rau und windig. Auf die Insel durfte man nicht mit seinem eigenen Auto fahren. Also suchte Fabiano für uns einen Fahrer, der uns in die Nähe der Bucht, zu der Fabiano mit mir hinwollte, bringen sollte.

Es war eine abenteuerliche Fahrt, denn es gab überhaupt keine Straße. Wir fuhren einfach mitten durch die Sanddünen und der Jeep schaukelte so mächtig, dass ich schon fürchtete, er würde gleich umkippen. Es war fast ein Wunder, dass wir irgendwo ankamen.

Als wir ausstiegen, hatte ich ganz wackelige Knie von der Fahrt. Das letzte Stück bis zur Bucht wollten wir zu Fuß zurücklegen. Etwa eine halbe Stunde Fußmarsch lag vor uns. Ich folgte Fabiano, der sich anscheinend auskannte. Es war ziemlich anstrengend, durch den tiefen Sand zu laufen. Doch die Bucht entlohnte uns für die Strapazen. Sie war wirklich ein Traum – eine Bilderbuch-Bucht – menschenleer – nur ein einziges Pärchen und wir. Durch den heftigen Wind war das Meer wild und aufgewühlt. Die Wellen rollten mit einem gewaltigen Getöse an den kleinen Strand.

Wir setzten uns etwas abseits auf einen Felsen in die gleißende Sonne. Die Farben dieser Insel waren überwältigend. Wir redeten über unsere Vergangenheit, über ehemalige Liebhaber, Freunde und Freundschaften und ich erfuhr noch sehr viel mehr Interessantes über diesen einzigartigen Mann.

Dann suchten wir uns ein Plätzchen am Strand und Fabiano zückte sein Skizzenbuch. Die Wellen waren zu hoch, um schwimmen gehen zu können. So gingen wir nur ein bisschen am Strand ins Wasser. Von der Sonne ließen wir uns wieder trocknen und lagen noch lange im heißen Sand. Aus seinen dunklen Augen beobachtete er mich genau, während er das, was er sah, in sein Skizzenbuch zeichnete.

Glücklich und erfüllt von unserem kühnen Ausflug und der beeindruckenden Landschaft machten wir uns nach einigen Stunden wieder auf den Rückweg. Der Wind wirbelte launisch unsere Haare durcheinander. Die Sonne brannte noch immer gleißend heiß vom Himmel. Fabiano machte viele Fotos. Überall versuchte er, die Wildheit der Landschaft, die Atmosphäre des stürmischen Meeres und mich einzufangen. Wir waren wieder mit dem Fahrer verabredet, der uns abholen sollte, und fuhren zurück zum Hafen. Dort aßen wir eine Kleinigkeit, bis das Boot kam, uns wieder einsammelte und zu unserem Hotel zurückbrachte.

Am Abend waren wir mit Diana, einer Freundin von Fabiano, zum Essen verabredet. Vorher wollte ich mich noch ein bisschen hinlegen, um mich ein wenig auszuruhen. Dabei musste ich wohl eingenickt sein.

Auf einmal fühlte ich, wie mich jemand zart auf meine Schulter küsste. Fabiano küsste mich wach. Ich bekam eine Gänsehaut und seufzte. Eigentlich hatte ich gar keine Lust mehr, mit Diana zum Essen zu gehen, doch leider waren wir verabredet. Fabiano und Diana suchten eine urige kleine Tapaskneipe aus. Das Essen war typisch spanisch. Es war mein letzter Abend auf Lanzarote. Sehr spät kamen wir zurück ins Hotel.

Mir wurde ein klein wenig übel, als hätte ich etwas Falsches gegessen. Zufälligerweise hatte ich für solche Notfälle immer einen peruanischen Tee dabei und legte mich gleich ins Bett. Fabiano war sehr besorgt. Rührend kümmerte er sich um mich.

TAG DER ABREISE

Am Tag meiner Abreise gingen wir noch ein letztes Mal zum Strand. Fabiano machte eine gute Figur in der Badehose. Wir badeten im Meer und danach suchten wir noch eine versteckte Stelle, wo er mich ungestört malen konnte. Es war gar nicht so einfach, aber schließlich fanden wir ein kleines Plateau oberhalb des Strandes, welches vom Strand aus nicht einsehbar war. Meine Scheu hatte ich bereits etwas verloren und Fabiano durfte mich in Natura malen. Ich fragte ihn: »Sag mal, musst du deine Modelle immer erst verführen, bevor du sie malen darfst?« Er verneinte schmunzelnd und zückte sein Skizzenbuch.

Nach ein paar Stunden machten wir uns auf den Rückweg und stellten erschrocken fest, dass wir nicht mehr zurückkamen. In der Zwischenzeit hatte die Flut eingesetzt und uns den Weg abgeschnitten. Das Wasser war zu tief, um durchwaten zu können. Zurückschwimmen konnte man auch nicht. Was nun? Wir schauten uns ratlos an: »Was machen wir jetzt?« Fabiano entschied: »Wir haben keine Wahl und müssen den Weg über den Berg zurück nehmen.« Das war natürlich keine Abkürzung, im Gegenteil – es ging ziemlich steil und mühsam nach oben. Nach einem längeren Fußmarsch konnte ich nicht mehr. Ich setzte mich erschöpft auf eine Bank. Besorgt blickte mich Fabiano an: »Bleibe am besten hier sitzen und ruhe dich aus. Ich werde das Auto holen.« Ich nickte erleichtert. Es dauerte ewig, bis er wieder zurück bei der Bank war, wo ich auf ihn wartete. Wir fuhren ins Hotel, holten meinen Koffer, der schon fertig gepackt war. Dann brachte mich Fabiano zum Flughafen.

12. März

Ich sitze im Flugzeug. Eine Woche, die mich tief geprägt und berührt hat. Ich bin dankbar, dass das Flugzeug sparsam besetzt ist. Es war unglaublich – Fabiano spricht meine Seelensprache. Das hatte ich in dieser Intensität mit noch niemandem erlebt, und ich kenne eine Menge Menschen und pflege viele intensive Freundschaften.

Mit ihm hatte ich das intensive Gefühl einer uralten und sehr vertrauten Verbindung. Ich fühlte mich komplett verwandelt. Was ich erlebt hatte, konnte ich nicht in Worte kleiden. Die Begegnung mit Fabiano hat in mir eine tiefe beglückende Freude und Berührung ausgelöst. Was war nur Ungewöhnliches mit mir geschehen? Wie war das möglich? Und wie ist es passiert?

Der Pilot ließ den Motor an, aber wir durften noch nicht starten. Über der Insel zogen viele schwere Wolken. Die Sonne strahlte die Wolken an und tauchte sie in ein Spiel von Hell und Dunkel. Es war eine überirdische Stimmung. In wenigen Stunden lande ich wieder auf der Erde. Verträumt hänge ich meinen Gedanken nach und lasse die Woche Revue passieren. Erfüllt und dankbar für diese außergewöhnliche Woche hatte ich das schöne Gefühl, dass ich um ein Vielfaches lebendiger und erfahrener, erfüllter und reicher bin.

Fabiano hatte auf mich eine eigentümlich starke Anziehungskraft, die ich mir in keiner Weise erklären konnte. Mit seiner Sensitivität, seiner Kreativität, Hingabe und Lebendigkeit hatte er eine charismatische Ausstrahlung. Und er lebte natürlich all das, wovon ich immer schon geträumt hatte. Scheinbar losgelöst von allen Zwängen der Zeit und der Gesellschaft, war das für mich der größte Luxus.

Zum ersten Mal war es möglich, den Start auf dem Bildschirm mitzuverfolgen. Welch ein erhebendes Gefühl! Ein humorvoller und wortgewandter Pilot begrüßte uns. An ihm war ein echter Entertainer verloren gegangen. »Sehr geehrte Passagiere, genießen Sie jetzt noch das schöne Wetter, denn das Wetter in München ist so, dass Sie den Rückflug schon bald in Frage stellen würden.« Aber er freue sich, dass wir so zahlreich an Bord erschienen sind und zu guter Letzt gibt er noch die Fußballergebnisse durch – ein echter Scherzbold.

Eine tiefe neue Qualität war in mir entstanden. Ausgelöst durch die Insel oder ausgelöst durch Fabiano? Egal, durch wen oder was. Ich hoffe, ich kann es bewahren, schützen und behüten – dieses neue Gefühl.

Die Intensität, mit der Fabiano betrachtet, das Bleiben und die Hingabe hatten sich wortlos auf mich übertragen. Die Qualität, mit allen Sinnen aufzunehmen, lässt nichts vermissen. Es war ein fast alchemistisches Gefühl, welches meine Seele imprägnierte!

Wie oft saßen wir einfach schweigend nebeneinander in dieser herrlichen Landschaft. Und genossen wortlos, weil wir nicht reden mussten, sondern nur gefühlt hatten. Welch eine Liebe für alle Menschen mich durchdrang. Gott sei Dank kann ich alles aufschreiben, denn sollte ich es jemals, aus irgendeinem Grund, vergessen, kann ich alles wieder nachlesen.

Wir sind noch immer nicht gestartet und ich betrachte ein Feld voller pinkfarbener Blumen, während alle Menschen hier emsig ihre Nase in die Zeitung steckten, um alle verpassten Ereignisse nachzulesen

Ich könnte im Moment nichts lesen. Mein Buch, welches ich dabeihatte, blieb unangetastet. Und ich werde es ungelesen wieder in mein Regal zu all den anderen noch ungelesenen Büchern stellen.

Wir hatten ja immer bis tief in die Nacht lange und intensive Gespräche geführt. Er hatte mir sehr viel über seine Ehe mit seiner Frau Andrea erzählt und dass sie sehr eifersüchtig war und seine künstlerischen Aktivitäten immer gerne kontrollieren wollte. »Ich kann mich als Künstler schon lange nicht mehr frei fühlen, und dabei möchte ich vor allem in meiner Arbeit frei sein«, beklagte er sich. »Heiraten wollte ich ursprünglich eigentlich auch nicht.« Interessant – genau wie ich. Ich wollte auch nie wirklich heiraten, und dann lässt man sich eben doch irgendwie „überreden“, wenn man beständig immer wieder aufs Neue gefragt wird.

»Du musst dir deine Freiheit nehmen, so wie du sie in deiner Kunst brauchst«, versuchte ich, Fabiano zu motivieren.

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