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Das Feuer unserer Liebe

1. KAPITEL

Jordan Alastair Grant zeichnete sich durch Beharrlichkeit, Durchsetzungsvermögen und einen sicheren Instinkt aus. Das galt für sein Privatleben ebenso wie für seinen geschäftlichen Erfolg, durch den er Schritt für Schritt ein Wirtschaftsimperium aufgebaut hatte. Er hatte einfach eine Nase fürs Geschäft, und um mehr als eine Nasenlänge war er für gewöhnlich seiner Konkurrenz voraus.

Dabei gehörte er nicht zu den Leuten, die Geld oder Reichtum nachjagten. Geld an sich hatte für ihn keine besondere Bedeutung. Es war für Jordan eher ein Gebrauchsgegenstand, ein nützliches Hilfsmittel, mehr aber auch nicht. Und genauso verhielt es sich mit teuren Autos, mit den nach eigenen Entwürfen gebauten Häusern oder dem Privatjet seiner Firmengruppe. Dass er trotzdem mit Leidenschaft Geschäftsmann war, lag an etwas anderem. Er liebte es zu gewinnen. Wenn ein Rivale auf dem Markt das Handtuch warf, weil er ihn niedergerungen hatte, war das für Jordan wie ein sportlicher Erfolg. Wie ein Sprinter oder ein Boxer konnte er das Glücksgefühl des Sieges genießen. Aktien, Öl, Wertpapiere – jede geglückte Transaktion, jede mit Gewinn abgeschlossene Unternehmung war wie ein weiterer Pokal in seiner Sammlung.

Seine äußere Erscheinung passte gut in dieses Bild: etwas über einen Meter neunzig groß, mit vollem, dunklem, korrekt geschnittenem Haar und dem muskulösen Körper eines Athleten. Er hielt sich täglich in seinem privaten Kraftraum in Form. Sein markantes Gesicht mit den scharf geschnittenen Zügen war ausdrucksstark. Ein einziger Blick aus seinen flaschengrünen Augen vermochte es, sein Gegenüber einzuschüchtern; die Andeutung eines Lächelns durch ein kaum merkliches Zucken seines Mundwinkels konnte ihn dagegen unwiderstehlich machen.

Es gab Leute, die ihn für kalt und berechnend hielten. Das machte ihm nicht das Geringste aus. Er bekam stets, was er wollte, und das war die Hauptsache. Was ging ihn die Meinung der anderen an?

Am Geräusch der Turbinen hörte Jordan, dass sie sich bereits im Landeanflug befanden. Er sah auf seine Rolex und stellte zufrieden fest, dass die Maschine auf die Minute pünktlich war.

„Touch down in zehn Minuten, Mr. Grant“, kündigte Denise, die neue Stewardess, an. Die junge rothaarige Frau war erst kürzlich als Vertretung zur Crew gestoßen. Ihre haselnussbraunen Augen und das strahlende Lächeln mit dem entzückenden Grübchen in der Wange gefielen Jordan nicht schlecht.

Er konnte solche Lichtblicke zwischendurch gebrauchen. Die letzten Jahre war er mehr unterwegs gewesen, als ihm lieb war. Da er seine Büros in drei verschiedenen Städten hatte – Dallas, Lubbock und Houston –, dazu die Niederlassungen an der Westküste, ging es gar nicht anders. Vierunddreißig Jahre war er jetzt alt. Unendlich viel Zeit und Kraft hatte er schon in seine Unternehmen gesteckt und zweifellos dabei sein Glück gemacht. Zwölf Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche, davon den größten Teil der Zeit entweder im Flugzeug oder auf Vorstandssitzungen – von dieser Plackerei hatte er allmählich die Nase voll. Als er jünger war, hatte er die Herausforderungen, vor die sein Aufstieg ihn stellte, mit Begeisterung angenommen. Aber mittlerweile stand ihm der Sinn nach etwas anderem, nach Veränderung, oder genauer gesagt, nach einer Rückkehr zu seinen Wurzeln.

Aufgewachsen war Jordan auf Five Corners, einer Ranch, zu der zwanzigtausend Morgen besten Bodens gehörten – mit Viehherden, Waldland und Ölquellen. Richard Grant, Jordans Vater, war als ein typischer Städter hierher gekommen, als kultivierter, jedoch mittelloser Spross der feinen Bostoner Gesellschaft. Kitty Turner, wie Jordans Mutter mit ihrem Mädchennamen hieß, war das genaue Gegenstück. Sie brachte zwar keine gesellschaftlichen Verbindungen, als Tochter eines der wohlhabendsten Rancher im Umkreis jedoch jede Menge Geld mit in die Ehe. Besser konnte ein Paar sich gar nicht ergänzen, sollte man meinen. Sosehr Richard Grant jedoch den angeheirateten Reichtum genoss, so sehr waren ihm im Grunde seines Herzens die Ranch, die Landwirtschaft und überhaupt der texanische Osten zuwider. Die ländliche Abgeschiedenheit, körperliche Arbeit und der raue Umgangston, der hier herrschte, all das hielt Richard Grant für unter seiner Würde.

Jordan war in seine Gedanken versunken und merkte gar nicht, dass die Stewardess noch immer neben ihm stand. Sie wiederholte ihre Frage, ob er noch etwas Kaffee wollte, aber Jordan lehnte dankend ab. Dann beugte sie sich über ihn, um die leere Tasse abzuräumen. Zufällig streifte sie ihn mit dem Arm. Ihre Blicke trafen sich. Einen Augenblick hielt das Mädchen inne.

„Soll ich den Piloten bitten, den Chauffeur zu bestellen?“, fragte sie.

„Nicht nötig“, antwortete Jordan. „Ich werde schon abgeholt.“

„Sonst noch etwas, das ich für Sie tun kann, Sir?“

Jordan schüttelte den Kopf und blickte Denise hinterher, als sie mit dem Geschirr nach vorn ging. Ein hübsches Mädchen wie sie könnte eine Menge für ihn tun … Aber heute war er mit seinen Gedanken bei einer anderen Frau, einer mit pechschwarzem Haar, unglaublich blauen Augen und endlos langen Beinen. Beine, die sich einst um ihn geschlungen hatten … Jordan verscheuchte diese Bilder aus der Vergangenheit, denn sie waren mit der Erinnerung an eine bittere Niederlage verbunden, die seinem Stolz einen empfindlichen Stoß versetzt hatte. Ehrlich gesagt war es mehr als nur ein Stoß gewesen, eher ein Volltreffer in die Magengrube, von dem er sich lange nicht erholt hatte. Acht Jahre war das nun schon her. Er hatte gedacht, er würde diese Frau lieben. Schlimmer noch: Er hatte sich eingebildet, sie würde ihn lieben. Den Fehler, sich solchen Illusionen hinzugeben, hatte er in seinem späteren Leben nicht mehr wiederholt.

Das Fahrwerk des Privatjets setzte auf der Piste, einer kleineren privaten Landebahn, auf. Wenig später kam das Flugzeug am Ende der Rollbahn zum Stehen. Jordan warf einen Blick durch das Fenster und gewahrte das vertraute Grün der Wälder des texanischen Ostens, ein noch unverbrauchtes, junges Frühlingsgrün. In diesen Wäldern hatte er als Junge Cowboy und Indianer gespielt. Hier hatte er sich mit vierzehn den Arm gebrochen, als er von einem Felsvorsprung in den See springen wollte, und mit sechzehn seinen ersten Wagen zu Schrott gefahren, einen silbergrauen Pickup, den er frontal gegen eine Tanne gesetzt hatte. Noch heute war über seiner linken Braue genau dort eine fein gezackte Narbe zu sehen, wo er mit der Stirn auf das Steuerrad geschlagen war.

Es gab noch andere Erinnerungen an den Wald und den See, so aufregend und mit Sinnlichkeit geladen, dass sie ihm heute noch unter die Haut gingen. Jordan blickte weiter aus dem Fenster. Er stellte fest, dass seine Gedanken schon wieder zu ihr zurückgekehrt waren. Ihm stand ein Wiedersehen mit ihr bevor, und er wusste noch nicht, wie es ausgehen würde. Sie würde mit Sicherheit nicht gerade begeistert sein, ihn zu treffen. Aber darauf konnte er keine Rücksicht mehr nehmen. Nach acht Jahren wurde es höchste Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen.

Alexis Blackhawk liebte diese Jahreszeit. Die Tage wurden länger. Die Sonnenstrahlen wärmten wieder Leib und Seele. Überall regte sich neues Leben. Alles wirkte frisch und neu und sah aus, als käme es gerade aus der Reinigung.

Im Augenblick allerdings dachte Alexis nicht ans Frühlingserwachen. Es war schon dunkel. Sie lenkte ein schickes rotes Cabrio und schaltete einen Gang höher, als sie die nächste Ortschaft hinter sich gelassen und wieder den Highway erreicht hatte. Flotte Musik kam aus dem Radio, und der kühle Nachtwind fuhr ihr durchs Haar. Erst vor ein paar Tagen hatte sie sich in einem sündhaft teuren Salon einen modischen Bob verpassen lassen und war mit dem Ergebnis äußerst zufrieden. Es war nicht zu leugnen: So machte das Leben Spaß.

Als sie ihre Abfahrt vom Highway erreicht hatte, ging sie mit reichlich viel Schwung in die Kurve, hielt den Wagen aber sicher auf der Straße. Auf dem Scheitelpunkt der Kurve gab sie erneut Gas, bog nach etwas mehr als einem Kilometer wieder ab und gelangte so auf den vertrauten Feldweg, der nach Stone Ridge Stables, der Ranch der Blackhawks, führte. Auch hier trat sie noch einmal aufs Gaspedal und spürte mit Vergnügen, wie unter den Reifen Sand und Steine links und rechts wegspritzten. So einen Wagen muss ich mir auch zulegen, dachte sie, obwohl sie sich klar darüber war, dass sie in New York, wo sie lebte, kaum so viel Spaß am Fahren haben würde.

Am Geld brauchte die Anschaffung nicht zu scheitern. Alexis hatte genug davon, um sich kostspielige Extravaganzen leisten zu können. Unverhofft war sie zu Reichtum gekommen, als sie mehrere Millionen von einem Großvater geerbt hatte, den sie nie in ihrem Leben gesehen und von dem sie vorher nichts gewusst hatte. Vor dem Geldsegen musste sie sich mit zwei komplett ausgereizten Kreditkarten und einem bis zum Anschlag überzogenen Konto durchschlagen. Sie lief ständig Gefahr, dass ihr der Strom abgeschaltet wurde. Und dann kam praktisch über Nacht der Umschwung, und sie hatte mit einem Schlag mehr Geld, als sie ausgeben konnte.

Das Gefühl, nach Lust und Laune aus dem Vollen schöpfen zu können, hatte Alexis auf der Stelle ausgekostet. Begonnen hatte sie mit einem dreitägigen Shopping Marathon auf der Fifth Avenue. Nur wenig später fand sie ihr Traumappartement auf der West Side und kaufte es, ohne lange zu überlegen. Demnächst sollte die angemessene Inneneinrichtung der geräumigen, hohen Räume folgen. Auch in den begehbaren Kleiderschränken war noch viel Platz.

Die Lichtkegel der Scheinwerfer glitten über eine Weide. Schlaftrunken hoben ein paar Kühe ihren Kopf. Auf Höhe der Ställe schaltete Alexis das Radio aus und blendete die Scheinwerfer ab. Dann ließ sie den Wagen fast lautlos bis vor das Wohnhaus ausrollen. Es war das Haus, in dem sie vor siebenundzwanzig Jahren geboren war.

Es war schon eine Weile her, seitdem sie zuletzt hier gewesen war. Über ein Jahr, schätzte Alexis. Und wie vor einem Jahr kam ihr alles vor wie früher. Auf den ersten Blick sah es so aus, als sei die Zeit hier auf der Ranch stehen geblieben: die weiße Farbe an den Wänden, dieselben altmodischen, schwarz angestrichenen Fensterläden, dieselben Geißblattranken, die üppig an den zwei Stockwerke hohen Säulen rechts und links des Eingangs emporkletterten. Alexis holte tief Atem. Selbst der Geruch war ihr noch vertraut. Von fern sang eine Amsel ihr Nachtlied, begleitet von dem monotonen Bass der Ochsenfrösche, die an dem kleinen Bach hinter dem Haus saßen.

Alles war von Erinnerungen durchtränkt. Manche davon waren angenehm und willkommen, andere hätte sie lieber vergessen. Sie zog den Zündschlüssel ab und stieg aus dem Wagen. Während sie die verspannten Schultern rollte, warf sie noch einmal einen eingehenden Blick auf das Haus. Es herrschte Stille, und hinter allen Fenstern war es dunkel. Da sie nicht vor morgen Nachmittag erwartet wurde, waren ihre beiden Schwestern und ihr Bruder vermutlich schon ins Bett gegangen. Landleben, dachte Alexis und schüttelte lächelnd den Kopf. Das war nichts für sie, mit den Hühnern zu Bett zu gehen und beim ersten Hahnenschrei aufzustehen. Vor ein Uhr in der Nacht ging sie in New York so gut wie nie schlafen.

Sie ließ ihr Gepäck im Kofferraum und schnappte sich vom Beifahrersitz nur ihre kleine Reisetasche, in der sich das Nötigste für die Nacht befand. In den neun Jahren, die sie schon in New York lebte, hatte sie vollkommen vergessen, wie dunkel die Nächte hier draußen sein konnten. Mit einem leisen Seufzer betrat sie das Haus. Die Absätze ihrer Pumps klickten hart auf dem Parkettfußboden. Nach ein paar Schritten hielt sie inne und zog die Schuhe aus. Dann schlich sie die Treppe hinauf und ließ dabei sorgfältig die Stufen aus, von denen sie wusste, dass sie knarrten. Es war wie damals, als sie noch ein Teenager war und mit klopfendem Herzen versuchte, sich in ihr Zimmer zu stehlen. Wenn sie wieder einmal von einem ihrer nächtlichen Streifzüge viel zu spät nach Hause gekommen war und betete, ihren großen Bruder Trey nicht zu wecken.

In den seltensten Fällen wurden diese Gebete erhört. Dann war es mit der Nachtruhe vorbei, denn das anschließende Donnerwetter weckte nicht nur alle anderen im Haus, sondern auch die Arbeiter auf der Ranch, die weiter weg im Gesindehaus schliefen. Der Inhalt der lautstark geführten Auseinandersetzungen zwischen ihr und Trey war meist der gleiche. Alexis schrie ihren Bruder an, er solle aufhören, sie wie ein Kleinkind zu behandeln, und er antwortete, dann solle sie damit aufhören, sich wie eines zu benehmen.

Ihre Schwestern Kiera und Alaina standen zwar auf Alexis’ Seite, jedoch nur heimlich und hinter verschlossenen Türen. Sie hüteten sich davor, sich in diese Wortgefechte einzumischen oder Treys Autorität überhaupt in Frage zu stellen. Er war nun einmal der Mann im Haus, und diese Stellung hielt er unangefochten inne, nachdem der Vater die Familie verlassen hatte und er, Trey, alt genug war, Verantwortung zu übernehmen.

Mit einem Anflug von Melancholie dachte Alexis an ihre Mutter. Sie war nicht stark genug gewesen, mit den heranwachsenden Kindern fertig zu werden. In der Tat schaffte sie es an den meisten Tagen kaum, aus dem Bett zu kommen, geschweige denn die Ranch zu leiten. So war es schon früh Trey zugefallen, die Geschicke von Stone Ridge Stables und die der Familie in die Hand zu nehmen. Nie hatte Alexis ein Wort der Klage darüber von ihm gehört.

Nachträglich war ihr klar, dass sie ihrem Bruder für einige Dinge im Stillen Abbitte leisten musste. Dinge, mit denen sie ihm das Leben damals noch schwerer gemacht hatte, als es ohnehin schon war. Aber das waren heute müßige Überlegungen, die niemandem mehr weiterhalfen. Immerhin hatte sie es geschafft, sich durch ihre Leistungen und ihren Fleiß Stipendien zu verschaffen und durch zahlreiche Aushilfsjobs für sich selbst zu sorgen. Auf dem College studierte sie Modedesign und schaffte erfolgreich den Abschluss. So war schließlich auch sie erwachsen geworden – wenigstens war sie davon fest überzeugt. Sie ging nach New York und ergatterte dort einen Traumjob als Redakteurin der Modezeitschrift Impression. Alexis konnte sich nicht beklagen. Ihre Glückssträhne hatte sich fortgesetzt, als sie durch die Erbschaft plötzlich all ihrer finanziellen Sorgen entledigt war und jüngst sogar einen äußerst interessanten und attraktiven Mann kennengelernt hatte. Manchmal konnte sie ihr Glück kaum fassen, und es kam ihr vor, als müsse sie sich kneifen, um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumte.

Ihre beiden Schwestern in ähnlich glücklicher Lage zu wissen machte Alexis erst recht froh. Nicht nur, dass alle Geschwister von jenem sagenhaften Großvater gleichermaßen als Erben bedacht worden waren. Kiera wollte in weniger als einer Woche heiraten, und auch Alaina hatte den Mann ihres Lebens gefunden, und ihre Hochzeit sollte bald folgen.

Kieras Hochzeit war nun auch der Grund, warum Alexis nach Stone Ridge Stables gekommen war. Die Festlichkeiten sollten gemeinsam vorbereitet werden. Außerdem hatten die Schwestern verabredet, noch einmal ausgiebig Wiedersehen zu feiern und ihr Zusammensein zu genießen, bevor dazu keine Zeit mehr blieb, wenn demnächst Ehe und Familie die beiden Beneidenswerten ganz in Anspruch nahmen.

Alexis seufzte. Bald würde hier vieles anders sein. Ein wenig Wehmut mischte sich in die Freude, die sie für ihre Schwestern empfand. Aber davon wollte sie jetzt nichts wissen. Sie würde dem Familienzuwachs, mit dem zweifellos zu rechnen war, eine bilderbuchmäßige Tante sein. Und das war ja auch schon etwas.

An der Treppe angekommen, stieß sich Alexis die Zehen an einem Garderobentisch und unterdrückte einen Fluch. Dennoch wagte sie es nicht, Licht zu machen, um die anderen nicht zu wecken. So tastete sie sich den Weg zu ihrem Zimmer. Erst hier knipste sie den Lichtschalter an, musste aber feststellen, dass der ganze Raum mit Umzugskartons vollgestellt war. „Alaina“ stand auf den einen, auf den anderen „Kiera“. Ein wenig enttäuscht schaltete Alexis das Licht wieder aus. Hier konnte sie nicht schlafen. Im Dunkeln tappte sie über den Flur, fand die Tür zu Alainas Schlafzimmer und trat leise ein. Sehen konnte sie nichts. Aber sie hörte deutlich regelmäßige Atemzüge, die ihr sagten, dass hier jemand tief und fest schlief. Vorsichtig setzte Alexis sich auf die Bettkante und wartete einen Moment lang ab. Aber hinter ihr rührte sich nichts. So leise und behutsam sie konnte, zog Alexis den Blazer und ihre Hose aus. Was sie darunter trug, behielt sie an und schlüpfte unter die Decke, sorgsam darauf bedacht, ihre Schwester nicht zu wecken.

Auch wenn es nur für wenige Tage war, tat es Alexis wohl, wieder einmal zu Hause zu sein. Schon als Mädchen hatte sie mit Alaina das Zimmer geteilt. Damals hatten sie nächtelang wach gelegen und sich Geschichten erzählt, gemeinsam von Jungen aus den höheren Jahrgängen der Schule geschwärmt oder sich über Treys hartes Regiment beklagt. Denn darin waren sich alle drei Mädchen einig: Ihr Bruder war ein herzloser, ungehobelter Klotz. Und doch liebten sie ihn über alles.

Bei diesem Stichwort fiel Alexis ein anderer Mann ein, der ihr einst genauso herzlos vorgekommen war und den sie trotzdem vergöttert hatte. Aber an ihn wollte Alexis jetzt bestimmt nicht denken. Das machte ihr nur das Herz schwer. Stattdessen freute sie sich doch lieber auf die kommende Zeit in ihrem alten Zuhause. Diese Tage in Stone Ridge Stables waren dazu da, um zusammen zu feiern und glücklich zu sein, und nicht, um Trübsal zu blasen und zerronnenen Träumen nachzuhängen.

Alexis drehte sich leise seufzend auf die Seite und starrte ins Dunkel. Sie wurde müder und müder. Der Tag war lang gewesen und die Fahrt hierher anstrengend. Endlich fielen ihr die Augen zu. Aber noch in dem Moment, da sie fast schon eingeschlafen war, wurde sie ein unbestimmtes Gefühl nicht los, das sie schon beim Betreten des Zimmers beschlichen hatte. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Jordan wachte auf und traute seinen Augen nicht. Träumte er noch? Mit der Hand fuhr er sich über das Gesicht und rieb sich die Augen. Nein, es war tatsächlich wahr. Neben ihm lag – welch eine Überraschung – eine Frau im Bett.

Sie hatte ihm den Rücken zugekehrt und hielt ihr Kopfkissen umklammert. Jordan richtete sich halb auf und stützte sich auf den Unterarm. Schwach schien das erste Morgenlicht ins Zimmer. Jordan betrachtete den schlanken Körper der Frau neben sich. Das dichte schwarze Haar reichte ihr bis zum Nacken. Ein weißer Spitzensaum blitzte unter der Bettdecke hervor. Vorsichtig hob Jordan die Decke und riskierte einen Blick auf den Rest des offensichtlich wohlgeformten Körpers. Wenn ihm unverhofft schon eine solche Morgengabe präsentiert wurde, musste es wenigstens erlaubt sein, einen Blick darauf zu werfen.

Er stieß einen leisen Pfiff aus, als er zwei hübsche, feste Rundungen unterhalb des Rückens erblickte. Knapp über dem oberen Rand des weißen Slips entdeckte er auf der Hüfte ein Tattoo, ein kleines Einhorn mit wehender Mähne.

Die Schlafende neben ihm unterbrach kurz ihre regelmäßigen Atemzüge, stieß einen leisen Klagelaut aus und drehte sich auf den Rücken.

Das wird ja immer besser, dachte Jordan und konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Sie hat sich also ihr langes Haar abschneiden lassen. Jordan sah sie sich genauer an. Die neue Frisur stand ihr gut, fand er. Sie passte noch besser zu ihrem hübschen ovalen Gesicht und hob den leicht exotischen Touch, den ihr die hohen Wangenknochen gaben, noch ein wenig mehr hervor. Ihr schön geschwungener Mund mit den weichen, vollen Lippen war derselbe geblieben – verführerisch wie eh und je.

Wieder stöhnte sie leise auf und legte den Arm neben ihren Kopf. Er betrachtete ihre schlanken Finger. Die Nägel waren sorgfältig manikürt. Jordan erinnerte sich an die Berührung dieser Hände auf seiner Haut, und augenblicklich begann sein Puls schneller zu schlagen.

Wäre er ein Kavalier alter Schule, müsste er jetzt ganz vorsichtig aufstehen, um sie nicht zu wecken. Zumindest sollte er seine Jeans anziehen, bevor sie die Augen aufschlug. Besser wäre es allerdings, er würde so leise wie möglich den Raum verlassen, um ihr eine Peinlichkeit zu ersparen. Er glaubte nicht, dass sie sich bewusst gewesen war, zu wem sie sich ins Bett gelegt hatte. Vermutlich hatte sie beim Zubettgehen kein Licht gemacht und war davon überzeugt gewesen, zu ihrer Schwester unter die Decke zu kriechen.

Nein, den vollendeten Kavalier konnte er ein anderes Mal spielen. Das kam jetzt nicht in Frage. Dazu war die Gelegenheit, Alexis’ Anblick noch eine Weile ungeniert und ungestört genießen zu können, einfach zu verlockend. Er stützte den Kopf in die Hand, hielt den Blick weiterhin auf den schönen Körper der Frau neben sich gerichtet und sog den zarten Duft ein, den sie verströmte.

Auch der war noch derselbe wie früher. Er bewunderte ihre schöne, weiche Nackenlinie und die Rundungen ihrer festen Brüste, die sich unter ihrem Atem leicht hoben und senkten. Jordan spürte, wie sein Blut allmählich in Wallung geriet.

Behutsam strich er ihr mit den Fingerspitzen über die Wange. „Alexis“, rief er leise ihren Namen. Er hielt es doch für anständiger, sie zu wecken.

Keine Reaktion. Jordan wurde kühner. Er strich ihr übers Haar und glitt mit den Fingern ihren Hals hinab bis zu den Schultern. Ihre Haut fühlte sich warm und seidig an.

„Alexis“, wiederholte er ein klein wenig lauter.

Als sie sich noch immer nicht rührte, streichelte er ganz sacht ihre schwellenden Brüste und beobachtete, wie wenig später unter dem dünnen Stoff ihres Hemds die Spitzen hervortraten. Unwiderstehlich erwachte die Lust in ihm, und seine Erregung war nicht zu übersehen. Verdammt, sie schaffte es ja immer noch, ihm im Handumdrehen einzuheizen. Er brannte darauf, ihre Brüste mit beiden Händen zu umfassen und den süßen Geschmack ihrer Haut zu kosten.

Bevor er sich weiter in der Fantasie ergehen konnte, wie es wäre, der Versuchung zu erliegen, zuckten ihre Lider, und der Schatten ihrer langen schwarzen Wimpern zitterte auf den zarten Wangen. Schnell zog Jordan die Hand zurück. Jetzt rührte sie sich, streckte die Arme über ihren Kopf und holte mit einem tiefen Seufzer Atem. Dann schlug sie die ozeanblauen Augen auf und erblickte Jordan.

„Guten Morgen“, sagte er freundlich mit leiser Stimme.

„Guten Morgen“, antwortete Alexis erstaunlich gefasst und schloss die Augen gleich wieder.

Er wartete zwei, drei Sekunden ab. Dann kam ihre Reaktion. Sie riss die Augen wieder auf und schien erst jetzt zu begreifen, mit wem sie zusammen im Bett lag.

Mit einem Aufschrei stieß sie sich von ihm ab, verhedderte sich dabei in der Bettdecke und fiel mit einem satten Plumps aus dem Bett.

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