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DARK MISSION – Fegefeuer

Über die Autorin

Karina Cooper, geboren in San Francisco, zog während ihrer Kindheit oft um und lernte diverse Menschen und Kulturen kennen. Dieser Erfahrung verdankt sie ihre wilde Fantasie, sagt sie. Cooper liebt es Fantasy-Romane zu schreiben, die mit einer Prise Romantik gewürzt sind. Wenn sie dies nicht tut, entwirft sie neoviktorianische Outfits. Sie lebt am Nordwestpazifik mit ihrem Ehemann, drei Katzen und einem Hasen.

Karina Cooper

DARK MISSION

FEGEFEUER

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Beke Ritgen

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Aron,
der mir gesagt hat, wenn ich es wirklich wollte,
könnte ich alles schaffen, und dafür gesorgt hat,
dass ich mich auf meinen Hintern gesetzt habe und nicht
mehr vom Schreibtischstuhl aufgestanden bin;
und
für meine Familie,
die wie eine Eins hinter Aron und mir gestanden hat.
Ich liebe euch.

KAPITEL 1

Operation Echoortung stank zum Himmel.

Keine Frage. Silas Smith erkannte einen Haufen Scheiße, wenn er ihn roch. Klar, es war das übliche Gemisch aus Schweiß, Zigarettenrauch und Verzweiflung. Aber es blieb trotzdem Scheiße. Hübsch verpackt und ihm, Silas Smith, geradewegs in den Rachen gestopft.

Verdammt, ihm platzte gleich der Kopf … Der dröhnende elektronische Mist, den man im Pussycat Perch allen Ernstes Musik nannte, drohte seinen Schädel zu zertrümmern, vom ersten Moment an, als er durch die Tür gekommen war. Die Industrial-Sounds pulsierten durch das ehemalige Lagerhaus und dröhnten in Silas’ Schädel, immer im Takt mit dem dumpfen Pochen in seinem linken Knie. Mitten in diesem Strudel aus Licht, Lärm, Schmerz und der miesen Stimmung, in der er sich seit seiner Rückkehr in diese verfluchte Stadt befand, konnte Silas kaum mehr tun, als grob festzustellen, wo er sich befand.

Er blinzelte in das Stakkato vielfarbiger Lichtblitze. Jeder Atemzug brannte in seiner Lunge, Rauch und die schwül-feuchten Ausdünstungen von jeder Menge freigesetzter Energie krochen ihm in die Nase. Die Tanzfläche war völlig überfüllt, ein Meer aus Licht und zuckenden, zappelnden, schweißglänzenden Leibern. Auf drei Bühnen zeigten Tänzerinnen mit reichlich nackter Haut an Metallstangen akrobatische Kunststücke. Der hämmernde Lärm bohrte sich in Silas’ Hirn, und schon jetzt war er noch angepisster als in dem Augenblick, als er hereingekommen war.

Jemanden in diesem Leiberchaos zu finden war ein Ding der Unmöglichkeit. Wie die meisten Clubs heutzutage glaubte das Perch an Erfolg durch viel zu laute Musik, viel zu viele Menschen und viel zu viel nackte Haut.

Sex, Drogen und Schuldenberge, die zu hoch waren, um sie jemals abzutragen: Es war keine Kunst, das in den glänzenden Augen der aufgegeilten Zuschauer und dem toten, marionettengleichen Blick der Frauen zu erkennen, die für sie tanzten.

Das Beste also wäre, Jessica Leigh zu finden und zu machen, dass er wieder hier herauskäme. Wo zum Teufel war die Bar?

Silas brauchte mehrere Minuten, dann entdeckte er das vernarbte Holz des Tresens hinter den Wogen aus Kunden, die dort anbrandeten, um Drinks zu ordern. Noch länger brauchte er dafür, sich in der sexuell aufgeheizten Atmosphäre einen Weg durch die Menge zu bahnen. Tänzer wogten um ihn herum, Betrunkene torkelten an ihm vorbei. Es gelang Silas, sich den halben Weg durch die Menschenmasse zu kämpfen, ehe ein Stoß seine Gehirntätigkeit auf bloße Schmerzwahrnehmung reduzierte.

Instinktiv fing er die Frau ab, die mit ihm kollidiert war. Ihr Ellenbogen war in seinem Unterleib gelandet, ihr Knie gegen seines geknallt. Ihre genuschelte Entschuldigung nahm er kaum zur Kenntnis. Fluchend versetzte er ihr einen Stoß und drängte sich an ihr vorbei durch die Menge. Währenddessen fischte er in der Tasche seiner Jeansjacke nach einem Aspirin, das er für solche Fälle immer bei sich trug.

Verglichen mit der Todesfalle Tanzfläche war das Gedränge vor der Bar ein Meer der Ruhe. Silas umklammerte die Holzkante des Tresens am Ende der Theke.

Auf diese Weise erhob er Anspruch auf einen kaum einen halben Quadratmeter großen Freiraum. Gleichzeitig warf er die Schmerztablette ein.

»Was darf’s denn sein?«

Silas drehte sich in Richtung der vom Brüllen heiser gewordenen Stimme, die die Frage halb in sein Ohr geschrien hatte. Er blickte auf roten Samt und samtene, nackte Haut. Mit einem reflexartigen trockenen Schlucken würgte er die Schmerztablette hinunter.

Die Frau war Sex pur mit einer Goldschleife drumherum.

Fantastische Figur, schlank, aber mit sehr hübschen weiblichen Rundungen, die eine weinrote Korsage füllten, die Verschnürung aus Goldbändern. Die Deckenbeleuchtung tauchte die nackten Arme und bloßen Schultern in leuchtende Farben, sprenkelte Glanzlichter in einen wilden dunklen Haarschopf. Die vollen Lippen der Göttin waren zu einem ironischen Lächeln verzogen und blutrot angemalt. Damit konnte sie ganz sicher sein, dass Männer wie Silas ihr ihre volle Aufmerksamkeit widmen würden.

Und aufmerksam war er nun. Genau wie sein Schwanz. Sich selbst bissig daran zu erinnern, dass der Silas, den er kannte, Striplokale verabscheute, nützte nichts. Mit einem Mal war sich Silas bis in die Haarspitzen hinein des dumpfen Dröhnen des Basses in seiner Brust bewusst. In seiner engen Jeans pulsierte es genauso.

»Ich habe gefragt, was es denn sein darf?«, wiederholte die Schönheit und hob ihre Stimme erneut dem herrschenden Lärm entgegen. Ihre Worte klangen kehlig, so amüsiert war sie.

Schweiß, Sex und dein Mund auf meinem …

Herr im Himmel, das gehörte jetzt wirklich nicht hierher! Er war doch nicht hergekommen, um sich was aufzureißen. Silas griff in die Innentasche seiner Jeansjacke. »Ich such da wen.«

»Tut mir leid, haben sich nicht blicken lassen.« Strahlend. Ohne das geringste Zögern.

Silas blickte ihr direkt in die bernsteinfarbenen Augen. Augen wie Whiskey, dachte er und runzelte die Stirn. »Woher wissen Sie denn, wen ich suche?«

»Spielt keine Rolle.« Sie beugte sich vor, legte die schlanken Arme auf den Tresen. Silas bot sich ein Blick auf die Rundungen ihrer kleinen, festen, von der Korsage gestützten Brüste, aufreizend, vielversprechend. Eingerissene, abgegriffene Bestellzettel lugten aus dem Mieder hervor. Vor der blütenweiß schimmernden Haut wirkten sie geradezu obszön dreckig.

Silas zwang sich, den Blick zu heben und der Brünetten ins Gesicht zu schauen. »Ich muss unbedingt …«

»Haben sich nicht blicken lassen«, wiederholte sie mit fester, jetzt kalter Stimme. Samt und Stahl. »Also: Was möchten Sie trinken?«

Sexuelle Begierde kämpfte gegen hochkochenden Ärger. Gegen Frust in Reinkultur. Nun, das Perch war nicht anders als jede andere Bar. Zum Teufel, warum nicht? Silas nickte. »Ein Bier.«

Er klaubte ein paar kleinere Scheine aus der Innentasche seiner Jeansjacke heraus. Währenddessen hatte er reichlich Zeit, die straffen Kurven des festen kleinen Hinterns zu bewundern, der in kaum existenten goldfarbenen Shorts steckte. Die Brünette beugte sich im rückwärtigen Thekenbereich hinunter, um nach einer braunen Flasche ohne Etikett zu angeln. Mit dem dumpfen Klirren von Glas wurde die Flasche gleich darauf unsanft vor Silas abgestellt. Die Finger der Schönen schlossen sich um die Scheine, die er ihr entgegenhielt.

Eine Sekunde länger als nötig hielt er das Geld fest. Gerade lang genug, um ein Ausrufezeichen an die richtige Stelle zu setzen.

Der Blick der Brünetten wanderte erst hinunter zu Silas’ Fingern, dann zu den Scheinen und schließlich zu dem Armband um sein Handgelenk: ein Lederband mit Holzperlen. Schließlich blieben die Augen der Schönen an der schwarzen Tätowierung hängen, die halb unter dem Saum seines langärmeligen T-Shirts verborgen lag. »Nettes Tattoo.« Sie entriss Silas die Scheine, als er seinen Griff ein wenig lockerte. »Rufen Sie, wenn Sie noch eins wollen!«

Mit fliegenden Goldbändern drehte sich die Brünette auf dem Absatz um und stolzierte mit routiniert wiegendem Gang hinter dem Tresen entlang, dem anderen Ende der Theke entgegen. Silas blickte ihr nach. Sein Blick heftete sich, ohne dass er es hätte verhindern können, auf ihre langen, nackten Beine.

Ein sehr verlockender Anblick. Dass ihn das anmachte, erstaunte ihn. Mit Stripperinnen hatte er es normalerweise nicht so. Außerdem, so rief er sich ins Gedächtnis zurück und setzte sich auf dem Barhocker zurecht, war er hier, um zu arbeiten. Es juckte ihn, das Foto aus der Innentasche hervorzuholen. Als Konzentrationshilfe. Ein einziger Blick auf das Foto hatte genügt, auf Jessica Leighs frisches, junges Gesicht, auf ihr Lachen, und es hatte ihn in seinen Bann geschlagen. Sich in sein Gehirn gebrannt. Jessica Leigh strahlte vor Freude, in einem Augenblick wahren, unverhohlenen Glücks. Jemand Lichtes, Klares. Zerbrechliches.

Ganz anders als der gerissene Scheißkerl auf dem Foto neben ihr.

Deswegen war Silas Smith jetzt hier. Weil ein Geist aus längst vergangenen Tagen ihn angerufen hatte, ein Geist, den er mit dieser verfluchten Stadt hinter sich gelassen zu haben glaubte. Und weil er nicht Nein sagen konnte.

Find sie! Schnapp sie dir! Ganz einfach, oder?

Silas wartete. Aber seine Ungeduld ließ sich kaum mehr zügeln; der Geduldsfaden war ausgefranst genug, um gleich zu reißen. Innerhalb der nächsten Stunde, die im Zeitlupentempo dahinschlich, trank er sein Bier, und die Schmerzen in seinem Knie verklangen zu einem dumpfen Pochen. Erst dann – vier Aspirin und sieben Anmachen später und kurz davor auszurasten – stellte er fest, dass auch die letzte in einer ganzen Reihe von Stripperinnen eine gefärbte Blondine und ganz sicher nicht Jessica Leigh war.

Silas stellte die leere Flasche auf den Tresen und drehte sich um, um die Barkeeperin mit einem Wink auf sich aufmerksam zu machen. Wie er feststellte, stand die Brünette in Samt und Gold neben der hölzernen Klappe fürs Barpersonal. Sie hielt die Klappe, die mit Scharnieren am Tresen befestigt war, mit einer Hand hoch und fischte mit der anderen nach den Bestellzetteln in ihrem Ausschnitt.

Eine kleine Blondine, die vor ihr stand, nahm die Zettel in Empfang und nickte. Schlagartig schnellte Silas’ Puls hoch, und Adrenalin flutete seinen Körper. Der Lärm im Club kreischte in seinen Ohren, und Silas stand bereits, bereit zu handeln. Greif sie dir und dann raus hier! Die Frau drehte sich um, und Silas stieß enttäuscht die angehaltene Atemluft aus.

Verdammte Scheiße! Nur eine weitere Blondine in einem Neckholder-Top aus Kunstleder und ausreichend Oberweite, um es anständig auszufüllen.

Verflucht! Langsam hatte er diesen ganzen Undercover-Scheiß satt. Er hievte sich wieder auf den Barhocker und griff nach seiner Flasche. Mit einer Sekunde Verspätung erinnerte er sich daran, dass sie leer war, und tat, als hätte er von Anfang an nur die Ellenbogen auf den Tresen stützen wollen. Scheiße! Das Ganze. Der Job. Er war nicht der Typ für unauffällige Ermittlungen. Er erreichte mehr mit dem tödlichen Ende des Revolvers, den er stets verdeckt bei sich trug. Trotzdem hatte Silas sich in diese ganze Scheiße hineinziehen lassen.

Zur Hölle mit Naomi West, weil sie ihn gefunden hatte!

Silas’ Blick flog zum anderen Ende des Tresens, als die Klappe zugeschlagen wurde. Gerade verriegelte die langbeinige Brünette die Klappe hinter sich und schlenderte dann in Richtung Tanzfläche davon. Er beobachtete sie, weil sie verflucht noch mal die Hüften schwang, als wüsste sie ganz genau, welche Wirkung goldfarbene Zehn-Zentimeter-Absätze auf Männer hatten.

Ein Parfüm, ein unangenehm süßlicher Blumenduft, stach Silas in die Nase, als die Neue, die blonde Ablösung der Langbeinigen, die mit den beachtlichen Titten, sich Silas’ leere Bierflasche schnappte und diese in einen Abfalleimer hinter sich warf. Glas zersplitterte. »Noch eins, Süßer?«

»Nein, danke!«

Sie folgte seinem Blick und grinste anzüglich. »Dein Geschmack, was? Macht ganz schön was her, finde ich auch. Ich hab ihr gesagt, sie bekäme sicher mehr Trinkgeld, wenn sie bei ihrem Blond geblieben wär. Die Männer fahren da voll drauf ab. Aber hat sie auf mich gehört? Zum Teufel, nein! Bin ja auch erst seit drei Jahren in dem Geschäft, verstehst du? Und ich, ich mach hier verdammt gut Kohle!«

Silas hörte nur mit halbem Ohr hin. Er schnitt eine Grimasse und änderte seine Sitzposition, damit der Schmerz in seinem Knie nachließe. Ja, die Dunkelhaarige war sexy. Aber sie war nicht, was er suchte. Sie war nicht Jessica. Er würde morgen wiederkommen und übermorgen. Würde abwarten, ob sich Jessica Leigh blicken ließe oder ob das, was er über sie ausgegraben hatte, einfach nur falsch gewesen war.

Mitten in seinem Gedankengang hielt er inne. Er runzelte die Stirn. Sie bekäme sicher mehr Trinkgeld, wenn sie bei ihrem Blond geblieben wär.

Bernsteinfarbene Augen. Volle Lippen. Hohe Wangenknochen … Scheiße! Jessica!

Silas war gerade schnell genug aufgesprungen, um zu sehen, wie die Tür fürs Personal zufiel. Verfluchter Mist!

Silas krallte seine Finger in die Kunstlederjacke des tätowierten Typen gleich neben ihm. Mit einem heftigen Ruck riss der sich von Silas los und war drauf und dran, auf ihn loszugehen. »Ich gebe dir fünfzig Mäuse«, sagte Silas mit ausdrucksloser Stimme. Abrupt endete das Knurren, mit dem sich der Typ aufgeplustert hatte. »Kannst du was einstecken?«

Kaum dass die Personaltür hinter ihr zugefallen war, setzte sich Jessica Leigh schneller in Bewegung und hastete den Gang hinunter. Scheiße! Scheiße! Scheiße, verfluchte!

Vor Angst und Adrenalin zitterten ihr die Hände, als sie die Tür zum Umkleideraum aufstieß. Ein Missionar. Ein Hexenjäger, direkt vor ihrer Nase! Sie hatte sofort gewusst, wer er war, was er war, in der Sekunde, als sie das verdammte Tattoo gesehen hatte. Es hatte sie ihre ganze Selbstbeherrschung gekostet, ganz gelassen darauf zu reagieren. Das Ende ihrer Schicht abzuwarten. Keine plötzlichen, panischen Bewegungen zu machen.

Nicht plötzlich loszuschreien.

Niemals zuvor war sie einem Jäger so nahe gekommen. Niemals zuvor hatte sie in stahlharte Augen geblickt und gelächelt, als wäre es nichts. Heute Abend hatte sie beides getan. Eine ganze Stunde lang hatte sie unter diesem unverhohlen prüfenden Blick aus kalten grünen Augen ihre Arbeit gemacht wie unter einer Schwertklinge.

Jetzt musste sie dringend hier raus.

Mit einem gezischten »Verdammt!« riss sie die Tür zu ihrem Spind auf. Die drei Frauen, die sich als Einzige im Backstagebereich aufhielten, kümmerten sich nicht weiter um sie. Mickey war mal wieder high, und Ramona und die Neue, die Jessie noch kaum kannte, waren viel zu fertig, um mehr zustande zu bringen, als ihr halbherzig zuzuwinken.

Jessie schenkte ihnen ein strahlendes Lächeln und warf sich ihren schweren, schwarzen Rucksack über die Schulter. »Nacht dann!«, rief sie. Sie zwang sich, ohne sichtbare Eile in Richtung Duschen und Toiletten zu gehen. Schicht zu Ende, Zeit, nach Hause zu gehen, keine große Sache.

Jessie war nicht unerfahren in solchen Situationen. Nur kurzzeitig dumm wie Bohnenstroh, wie es schien.

Sie schlüpfte ins Klo, verriegelte die Tür hinter sich und gab augenblicklich Gas. Mit zitternden Händen riss sie sich die dunkelhaarige Perücke vom Kopf und stopfte sie in den Rucksack. Mach langsam!, ermahnte sie sich selbst. Angst und Adrenalin führten zu Fehlern. Jessie konnte es sich nicht leisten, jetzt alles zu versauen. Atme! Denk nach, verdammt!

Sie musste hier raus. Unbedingt.

Bedauern schnürte ihr die Kehle zu, als sie sich aus der Samtkorsage und den dazu passenden knappen Goldshorts schälte. Sie hätte schon vor zwei Wochen machen sollen, dass sie hier wegkam, und sie hatte es gewusst. Sie wurde allmählich träge, denkfaul. Selbstgefällig.

Sie hatte Freunde gefunden.

Jessie blinzelte die plötzlich aufsteigenden Tränen weg, hatte schon eine verblichene Jeans aus dem Rucksack gezogen und stieg nun hinein. »Sei nicht albern!«, sagte sie laut bei dem Versuch, ihr Gleichgewicht und ihre Fassung zu wahren. Sie wusste es doch ganz genau, besser als jeder andere. Die ordentliche Bezahlung und ein paar Leute, die nett zu ihr waren, würden sie nicht am Leben erhalten.

Abzuhauen aber würde es. Nur so bliebe sie den dreimal verfluchten Hexenjägern einen Schritt und dem Rest der Welt drei Schritte voraus. Das war der einzige Weg, um am Leben zu bleiben. Unterhalb des Radars bleiben, nicht ins System geraten.

Wenn man nicht mehr konnte, rannte man eben atemlos und mit Seitenstechen weiter. Ganz schön paranoid. Und wofür das Ganze? Sicher für nichts, das Ähnlichkeit mit Ruhe und Frieden hatte.

Jessie streifte sich ein graues Tank-Top über und warf sich in eine mattschwarze Neoprenjacke. Den Reißverschluss zog sie hoch bis unters Kinn. Ebeneneinwärts in den Mittel- und Unterebenen New Seattles, in den schlechteren Wohngegenden also, fiele sie in diesem Outfit nicht weiter auf. Es dauerte nur einige Sekunden, die rote, strubbelige Kurzhaarperücke herauszufischen und überzustülpen.

Rasch wischte Jessie jegliche Spur von Make-up aus ihrem Gesicht, spülte die feuchten Tücher die gelb verfärbte Toilette hinunter und stopfte die Stöckelschuhe in ihren Rucksack. Kaum hatte sie ihre Füße in schlichte schwarze Stiefel mit dicker Sohle gezwängt, schaute sie auf die Plastikuhr an ihrem Handgelenk und runzelte die Stirn.

Für all das hatte sie weniger als fünf Minuten gebraucht. Sie war verdammt noch mal zu gut darin geworden.

Die Tür quietschte, als Jessie sie vorsichtig öffnete, um einen Blick in den Gang dahinter zu werfen. Niemand zu sehen. Sie schlüpfte aus dem Toilettenraum und brauchte nicht lange, um den Alarm am Notausgang auszuschalten. Zwei Sekunden später war sie schon so gut wie auf der Zielgeraden.

In der schmalen Gasse warf die Neonreklame von oben ein diffuses violettes und pinkfarbenes Licht: Girls, girls, girls. »Jetzt eins weniger«, murmelte Jessie und schloss leise die Tür hinter sich. Das Schloss klickte mit einer Endgültigkeit, die Jessie einen Stich versetzte.

Das war einfach nicht fair.

Dann schoss Jessie durch den Kopf, dass das Leben nicht mehr fair gewesen war, seit Mutter Natur völlig aus dem Ruder gelaufen war und Untergang und Zerstörung über den größten Teil des Planeten gebracht hatte. Jessie war noch nicht einmal geboren, als sich der San-Andreas-Graben aufgetan und ganz Seattle verschlungen hatte. Aber das zählte nicht viel in einer Welt voller schreckensstarrer, ums Überleben kämpfender Menschen.

Vor dem Großen Beben hatten Hexen und Hexer, Magiebegabte, am Rand der Gesellschaft existieren können. Niemand hatte sich auch nur einen Deut um sie geschert. Sie hatten sich nicht verstecken müssen. Nicht immer und nicht überall waren sie willkommen gewesen, okay. Aber man hatte sie auch nicht auf offener Straße gesteinigt. Dann war die Welt im Chaos versunken, und der Orden des Heiligen Dominikus hatte das Heft in die Hand genommen, um wieder für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Und um das Mäntelchen von sogenannter Moral und Anstand über die Welt zu breiten. Eigentlich hätten fünf Jahrzehnte ausreichen müssen, um die Flut von Hexenverfolgungen abebben zu lassen. Offenkundig aber war das nicht genug. Jedes verdammte Mal, wenn sie ihre wenigen Habseligkeiten zusammenraffte, musste sich Jessie aufs Neue mit diesem Umstand abfinden. Die Verfolgungen hatten nicht aufgehört. Stattdessen steckten Kirche und Regierung jetzt fest unter einer Decke. Unschuldige zu grillen hatte sie zu besten Freunden gemacht.

Schlimmer noch: Die radikal-fundamentalistische Mission, früher eine terroristische Vereinigung von Extremisten, war zur rechten Hand des Ordens geworden. Die Mission war eine von oben sanktionierte Mörderbande am Ende der tödlichen Kette aus Ordnungswahn und falschen Moralvorstellungen.

Heutzutage bedeutete das Leben für eine Hexe ganz real Unrecht zu erdulden und Verfolgung. Als Hexe musste man in einer Gesellschaft überleben, die verzweifelt nach einem Sündenbock suchte für die Verheerungen der vor fünfzig Jahren entfesselten Naturgewalten – und dabei nicht besonders wählerisch vorging.

War sie, Jessie, nicht schon ihr ganzes Leben auf der Flucht? Hatte sie etwa nicht mitansehen müssen, wie ihre eigene Mutter umgebracht worden war? Hatte sie nicht alles auf der Straße gelernt, wo es »Friss oder stirb!« hieß und sonst nichts?

Hatte sie ihrem kleinen Bruder nicht genau das alles einzutrichtern versucht?

Deshalb, verdammt, genau deshalb, ging es Jessie durch den Kopf, hätte sie es besser wissen müssen! Sie schlug den Jackenkragen zum Schutz gegen den Regen hoch. Nein, man blieb nicht so lange an einem Ort und ließ es sich gutgehen, wie sie es im Perch getan hatte. Dumm. Ganz dumm.

Jessie könnte heute Abend gut die Nächste auf der Liste der Mission sein. Als der Hexenjäger ihr direkt in die Augen geblickt hatte, hätte sie schwören können, dort ihren eigenen Tod zu sehen. Es war verdammt schwer gewesen, gelassen zu bleiben, nicht auf der Stelle in Panik zu geraten, nicht einfach über den Tresen zu setzen und die Beine in die Hand zu nehmen.

Jessie holte tief Luft. Den ihr vertrauten Gestank nach vergammelndem Müll nahm sie dabei ebenso wenig wahr wie den unaufdringlichen, aber charakteristischen Geruch des kalten Regens. Das war’s nun also: In diesem Club konnte sie nicht mehr arbeiten. Na und? Sie würde einen anderen Club finden. In den unteren Ebenen der Stadt gab es massenweise Kaschemmen wie das Perch.

Wenn Lydia Leigh ihren Kindern etwas beigebracht hatte, dann, wie man von vorn anfängt.

Im gespenstisch flackernden Licht der sattroten Leuchtreklame stieg Jessie die Stufen der baufälligen Treppe hinunter. Mit jedem Mal fiel ihr der Neuanfang schwerer. Aber was soll’s? Sie hatte schließlich keine Wahl. Hexenjäger töteten Hexen.

Ausrufezeichen.

Jessie platschte mit den schweren Stiefeln durch seichte, kleine Pfützen, die sich allenthalben sammelten; bei jedem raschen Schritt wirbelte sie lose Steinchen auf. Den schwarzen Riesenschatten, der sich aus dem Dunkel am Ende der Gasse löste, hätte sie beinahe nicht weiter beachtet. Erst als der Schatten ihren Weg kreuzte, zögerte sie. Sie hatte jetzt wirklich keine Zeit für so was.

Hellrotes Neonlicht enthüllte eine massige, breitschultrige Gestalt, aufdringlich viele hingerotzte Tattoos und, wo die nicht waren, reichlich abgewetztes Kunstleder, über und über metallgespickt. Ziemlich groß, das Arschloch. Notgeil wahrscheinlich. Er schien genau der Typ.

Mit solchen Kerlen war Jessie schon häufiger fertig geworden. Ein ungezwungenes Lächeln, ein charmantes Augenzwinkern, eine unbekümmert klingende Erinnerung daran, dass die Rausschmeißer gleich hinter der nächsten Ecke wären, und der Scheißkerl würde wieder ins Perch verschwinden und eine andere mit den Augen verschlingen.

»Nett.« Der stämmige Typ breitete die Arme aus, um Jessie den Weg zu versperren. »Echt nett. So leicht hab ich noch keine abgekriegt.«

Sein heißer Atem traf sie. Alkohol und der Restdunst von etwas, das alles andere als legal war, selbst im Perch.

Das musste wieder einmal ihr passieren.

Jessie verzog die Lippen zu einem frechen Grinsen und sorgte dafür, dass auch ihre Augen mitfunkelten. »Du bist hier falsch, Süßer. Die echt geilen Bräute sind …«

»Genau hier«, sagte er gedehnt. Er beugte sich zu ihr hinunter, bis sich ihre Nasen fast berührten. In einer Übelkeit erregenden Mischung wehte Jessie der Geruch von Schweiß und Bier entgegen.

Sie machte einen Schritt rückwärts, ehe sie es verhindern konnte, gab Gelände auf, wofür sie – wie sie ganz genau wusste – gleich die Zeche zahlen müsste.

Niemals Schwäche zeigen.

»Ich hab gerade Pause«, behauptete Jessie. Die Lüge kam ihr glatt über die Lippen. Hoffentlich, so betete sie inständig, war der Typ zu high, um den schweren Rucksack zu bemerken, der über ihrer Schulter hing. »Wenn du mich tanzen sehen möchtest, musst du rein, in fünf Minuten geht’s los.«

»Vielleicht kann ich dich auch gleich hier die Hüften schwingen sehen.« Der Riese kam noch näher. Schlagartig verspannte sich jeder Muskel, jede Sehne in ihrem Körper, ihr Mund war staubtrocken.

Scheiße! Dafür hatte sie jetzt echt keine Zeit. Jede Minute könnte dieser Jäger hier auftauchen. Die Gewissheit jagte Jessie eine Gänsehaut über den Rücken.

Da plötzlich flammte über ihr die Neonreklame wieder auf und tauchte die Gasse in kräftiges Dunkelrot. Es färbte den Vollbart des Riesen und glänzte auf den zahlreichen Piercings in seinem Gesicht. Die Zähne, die er in einem wölfischen Grinsen entblößte, schimmerten rot, ebenso wie der Schweißfilm auf seinen von Adern durchzogenen Muskelpaketen an den Armen.

Rot fiel Jessie der hohnlachende Narr ins Auge, der in den einen dicken Oberarm eintätowiert war.

Ich sehe den Tod und den lachenden Narren.

Jessie schlug das Herz bis zum Hals. »Fuck«, flüsterte sie und zuckte zusammen, als der Riese lachte.

»Noch nicht, Kleine«, sagte er und griff nach ihr. Ein Tunnelblick auf das dreckige, selbstgefällige Grinsen des Bikers war alles, was Jessie an Wahrnehmung blieb. Ohne Vorwarnung riss ihr der Geduldsfaden.

Sie spürte, wie sie die bewusste Kontrolle über sich verlor. Es glich dem Gefühl, das sie spürte, wenn sie sich in ihre Gabe hineinfallen ließ, die tief unterhalb ihres bewussten Seins in ihr schlummerte. Nur fühlte es sich dieses Mal klarer an, schärfer. Wütender. Fokussiert.

Der Biker stand für jeden Scheißkerl, der je lüstern nach ihr geschielt hatte. Für jeden, der sie in einer der dunklen Nischen in einer der Bars angegrabscht hatte, in denen sie gearbeitet hatte. Für jeden, der ihren kleinen Bruder und sie, Straßenkinder in einer gnadenlosen Welt, ausgelacht hatte.

Jessie warf sich hinein in die Bewegung; ihr Körper reagierte schneller, als ihr Gehirn bewusst Befehle geben konnte. Sie sprang den Riesen an, warf sich ihm geradewegs in die Arme, den schaufelradgroßen Händen entgegen, die sie packen wollten. Als sie sah, wie dem Riesen vor Überraschung das Grinsen im Gesicht gefror, lief Befriedigung durch Jessie wie eine Welle. Mitten in dieses ach so feiste Grinsen platzierte sie ihre Faust. Der Schlag ließ den Riesen rückwärtstaumeln.

Sein breites Gesicht verzerrte sich. Erst Schock, dann Wut. »Scheiß Nutte!«

Adrenalin trieb Jessie vorwärts. Sie schnellte an ihm vorbei. In derselben Sekunde musste sie würgen, halb erstickt vom eigenen Kragen, als eine fleischige Hand sie hinten an der Jacke zu fassen bekam und sie zurück in die Gasse riss. Sie wurde gegen eine der Mauern geschleudert, krachte mit dem Rücken gegen die pockennarbigen, vom Zahn der Zeit angenagten Ziegel, mit solcher Wucht, dass es ihr die Luft aus den Lungen presste. Ihr verschwamm alles vor den Augen, als sie erneut ausholte und ihr Schlag auf etwas Metallischem an der Jacke des Bikers landete. Augenblicklich wurde Jessies Arm von den Fingern bis zum Ellenbogen hinauf taub. Sie schrie vor Schmerz.

Wenn der Narr dich in die Finger bekommt, Jessie, dann ist es so weit. Das ist der Anfang von allem. Lass dich bloß nicht von ihm aufhalten!

Die Stimme ihres Bruders hallte klar und deutlich in Jessies Kopf wider. Verdammt noch mal zu spät.

Jessie versuchte sich loszureißen, schrie wieder auf, in dem Moment, als die Faust des Riesen ihre Lippen traf. Schmerz explodierte in ihrem Schädel. Sie sah Sterne, lila, tiefrot, hellrot, und ging zu Boden.

Sie schmeckte Blut auf der Zunge, den Eisengeschmack ihres eigenen Blutes, seine Wärme. Jessie verbiss sich die Tränen, die Schmerz, Wut und Scham ihr in die Augen trieben, stemmte sich auf Hände und Knie, kämpfte sich wieder hoch. Sie schlug noch einmal zu.

Und noch einmal. Und …

»Was zum Teufel …«, war alles, was sie hörte. Sie spürte neue Energie um sich herum wie eine Windböe, die alles durcheinanderwirbelte. Benommen, wie Jessie war, glaubte sie einen Moment lang, ihr Gegner habe sich verdoppelt und bewege sich in einem seltsam unbeholfenen Tanz von ihr fort. Er schien ihr auseinanderzufallen wie ein in zwei Hälften zerbrochener Spiegel. Die eine Hälfte Mann stand aufrecht, taumelte aber, ein massiges Muskelpaket, die andere war schmal und hochgewachsen. Mit einem heiseren Brüllen warf sich der Biker auf den zweiten Mann, der nichts zu sein schien als ein durchtrainierter, blitzschnell reagierender Schatten, der aus seiner Reichweite tänzelte.

Um wieder klar denken zu können, schüttelte Jessie heftig den Kopf. Hastig stolperte sie auf das Ende der Gasse zu. Mach, dass du hier rauskommst, zum Teufel, lauf! Sie durfte sich nicht in diese Auseinandersetzung verwickeln lassen, auf keinen Fall. Nicht, solange der Jäger hier … Herr im Himmel!

Die Beine versagten ihr den Dienst. Total und schlagartig. Sie fiel rücklings gegen die Ziegelmauer. Jessies Finger schrammten an den scharfkantigen Ziegeln entlang auf der Suche nach Halt, als sie hinüber zu den Kämpfenden starrte. Er. Erschrocken schlug sie die Hand vor den blutenden Mund.

Neonlicht flackerte auf, durchzuckte die Gasse. Jessie erkannte braun gebrannte Haut, das schwarze Tattoo, groben Jeansstoff, als der Hexenjäger den linken Arm hochriss, um mit dem Unterarm einen Schlag abzufangen. Der Jäger knurrte etwas und holte zu einem brutalen rechten Haken aus.

Wie bei einem Jäger zu erwarten, bewegte er sich mit der Effizienz einer gut geölten Maschine. Sofort nach dem Schwinger platzierte er zwei erbarmungslose Schläge aus kurzer Distanz auf die Nase des betrunkenen Bikers. Darauf folgte unmittelbar ein Stoß mit dem Ellenbogen. Der Treffer saß, dem hässlichen Knirschen nach zu urteilen, das dabei zu hören war.

Blut spritzte; im Neonlicht wirkte es fast schwarz.

»Lauf!«, brüllte der Hexenjäger Jessie über die Schulter hinweg zu. Genau in dem Moment trat der Biker mit aller Gewalt gegen das Knie des Jägers. Der krümmte sich zusammen, reagierte ungelenk, ohne die bisherige Geschmeidigkeit und Agilität in der Bewegung. Jessie sah, wie sein Gesicht kalkweiß wurde, wie in Folge eines Schocks, hörte, wie der Jäger vor Schmerz aufstöhnte.

Wut und Angst brachten Jessie dazu, endlich zu handeln. Mit einer Hand packte sie ihren Rucksack und schleuderte ihn mit aller Kraft, die ihr zur Verfügung stand, in Richtung des Bikers. Der Rucksack aus schwarzem Segeltuch flog durch die Luft, die schwer und bedrückend in der Gasse hing. So zartfühlend wie ein Ziegelstein traf der massive Rucksack mit einem dumpfen Krachen seitlich das Gesicht des Bikers.

Der Riese fiel um, im gemessenen Tempo einer gefällten Eiche.

Schreckensstarr stand Jessie da. Der Biker rührte sich nicht mehr. O Gott, hatte sie ihn umgebracht? Sie hatte schon genug Probleme ohne Totschlag auf der Liste und Cops, die dann hinter ihr her wären. Jessie rang nach Luft, bekam aber nicht genug in ihre Lungen gepumpt. Am Rande ihres Sichtfelds tanzten schwarze Punkte vor ihren Augen. Ob ein dreißig Pfund schwerer Rucksack jemanden von dieser Statur tatsächlich umbringen konnte, wusste sie nicht. Aber wenn sie eines nicht wollte, war es, das hier und jetzt herausfinden zu müssen.

Sie wankte.

Starke Hände packten sie, Finger schlossen sich um ihre Unterarme. »He!«

Jessie blinzelte. Verständnislos starrte sie in ein Gesicht, das noch fester und unnachgiebiger wirkte, als die Ziegelmauern um sie herum. »Kannst du laufen?«, fragte der Jäger. Es war eigentlich keine Frage, sondern klang eher fordernd.

Jessies Gedanken kreisten nur um eines. »Ist er …«

»Lauf, beweg dich!«, befahl der Jäger und zerrte sie hinter sich her, raus aus der Gasse.

Er humpelte. Das war der einzige halbwegs rationale Gedanke, den zu fassen Jessie in der Lage war. Wortlos schlüpfte sie unter seinem Arm hindurch und legte ihn sich um die Schultern. Der Jäger zögerte, wollte offenkundig ihre Hilfe nicht. Aber Jessie ließ sich nicht beirren, schlang ihren eigenen Arm um seine Taille und stützte ihren Retter. Sie spürte das Spiel durchtrainierter Muskeln, als sie ihn umfasste und die Hand oberhalb der Hüfte in sein Shirt krallte.

Der Jäger war verletzt. Eigentlich hätte Jessie diesen Umstand lieber dazu genutzt, so viel Entfernung wie möglich zwischen sich und ihn zu bringen. Trotzdem wollte sie ihn nicht im Stich lassen. Sie konnte es nicht. Er hatte ihr geholfen. Jetzt war es an ihr, ihm zu helfen.

Außerdem brauchte sie im Augenblick etwas, egal was, um sich daran festzuhalten. Das war der Grund, sonst nichts.

Der Jäger bestimmte die Richtung. Sie hielten auf einen rostigen, ehemals orangefarbenen Pick-up zu, auf den er gezeigt hatte, kaum dass sie aus der Gasse raus waren. Der Jäger riss die Fahrertür auf. Halb schob, halb hob er Jessie auf den Fahrersitz. Unsanft drängte er sie weiter, hinüber auf den Beifahrersitz, während er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht selbst hineinhievte. Er verschwendete kein Wort an sie, ließ den Motor an und legte den Gang ein. Also hatte Jessie reichlich Zeit, seine harten Gesichtszüge zu mustern.

Ihr blieb die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Ein Hexenjäger. Und ein Held, zumindest für die fünf Sekunden, die es dauerte, bis Jessies Gehirn wieder funktionierte und die Information verarbeitet hatte.

Der Hexenjäger hatte sie gerettet.

Sie hatte ihn gerettet. Sie fragte sich allerdings, ob er genauso heroisch gewesen wäre, wenn er gewusst hätte, wer oder was sie war. Sie hätte ihr gesamtes Trinkgeld darauf verwettet: Er hätte sie sterben lassen in dieser Gasse, wenn er geahnt hätte, dass sie ein Hexe war.

Als der Pick-up mit quietschenden Reifen scharf wendete, verrenkte sich Jessie den Hals, um zu sehen, ob der betrunkene Biker in der Gasse sich vielleicht rührte. Sie erhaschte einen Blick auf ihn, mit dem Gesicht im Dreck, regungslos, genau wie der Jäger und sie ihn zurückgelassen hatten. Ihn und – oh Scheiße! – ihren Rucksack.

An der nächsten Kreuzung bog der Jäger scharf nach links ab und scherte hinter einem Wohnwagen aus, um ihn zu überholen. »Keine Sorge. Der Biker wird’s überleben.«

»Ein Glückspilz«, war ihre Antwort, harmlos genug. Nichtssagend, nichts verratend. Jessie beobachtete den Hexenjäger, während dieser den Rückspiegel mit einer aufgeschrammten Hand justierte. Obwohl sein Beruf Angst und Schrecken verbreitete, wirkte er auf eine schwer greifbare Art anziehend. Er hatte ein markantes Kinn, doch der Mund darüber war fein geschwungen, fast schon sinnlich. Das war Jessie sofort aufgefallen, als er sich an ihre Theke gesetzt hatte.

Ganz kurz hatte sie in diesem Augenblick mit dem Gedanken gespielt, sich über den Tresen zu beugen und von diesen Lippen, wie gemacht zum Küssen, zu kosten. Im Nachhinein war sie froh, dass sie dem Impuls nicht nachgegeben hatte. Nicht einmal das Extra-Trinkgeld, das sie dafür eingestrichen hätte, war diesen Flirt mit dem Tod wert.

Jessies Blick wanderte hinauf zu dem wirren Schopf des Jägers aus kurzen, dunkelbraunen Locken. Zerzaust, der ganze Kerl. Aber dennoch konnte Jessie nicht umhin, die Kraft zu bewundern, mit der er sie einen halben Block weit mit sich geschleift hatte, obwohl er verletzt war und hinkte.

Das war genau dieselbe Kraft, die er nutzte, um im Schutze der Nacht unschuldige Menschen zu erdrosseln.

Jessie setzte ein entschlossenes Gesicht auf.

Wut ging von dem Jäger aus wie Wellen von einem ins Wasser geworfenen Stein. Die Aura lodernden Zorns war so eindeutig zu spüren, dass man dafür keine übernatürliche Gabe brauchte. Lange, schmale Finger, die zu allem fähig waren, umklammerten das Lenkrad mit solcher Kraft, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Mit dieser Wut im Bauch fuhr der Jäger seinem Ziel entgegen.

Aber welchem Ziel?

Der Tod und der lachende Narr. Waren das zwei verschiedene Personen? Scheiße, Calebs Prophezeiungen ergaben niemals auch nur irgendeinen Sinn!

Mit zittrigen Fingern strich sich Jessie den Pony der Rothaar-Perücke aus der Stirn. »Danke für die Hilfe…« Der Jäger verzog den Mund. »Aber«, fuhr sie fort und schlug einen leichten Tonfall an, »du kannst mich jetzt hier rauslassen.«

Der Jäger antwortete nicht. Er ging auch nicht vom Gas. Er reagierte überhaupt nicht auf das, was sie gesagt hatte. Sie biss sich auf die Lippe und zuckte zusammen, als dort prompt Schmerz zu pochen begann.

Es konnte nichts anderes als Zufall sein. Jessie hatte noch nie gehört, dass ein Hexenjäger eine Hexe gerettet hätte, nur um sie dann selbst umzubringen. Es sei denn, der Typ hier neben ihr im Wagen war eine Bestie, ein Abartiger der ganz besonderen Sorte.

Oder er hatte sie in ihrer neuen Verkleidung nicht erkannt.

Kurzes rotes Haar, keinerlei Make-up, normale Straßenkleidung das war meilenweit von dem brünetten Vamp hinter dem Tresen entfernt, als den er sie kennengelernt hatte. In der Gasse war es dunkel gewesen. Vielleicht hatte er nicht mehr als eine Frau in Not gesehen.

Durfte sie ihr Leben dem guten Willen eines Hexenjägers anvertrauen?

Wäre das nicht sogar, als würde sie sich ihrem eigenen Tod direkt in die Arme werfen?

Nein. Dennoch wäre es ein großes Risiko. Der lachende Narr hatte sie nicht getötet. So weit, so gut. Aber das bedeutete nicht, dass sie nun in Sicherheit war. Bisher war lediglich der erste Dominostein gefallen. Ihm würden weitere folgen, sollte sich die düsterste aller Prophezeiungen ihres jüngeren Bruders bewahrheiten. Herr im Himmel! Verfluchte Scheiße!

Nein, sie würde nicht draufgehen.

Beiläufig legte Jessie ihre Hand auf die in der Tür eingelassene Armlehne, ihr Daumen ruhte schon auf dem Türgriff. Sobald der Jäger vom Gas ginge und sich ihr nur die leiseste Chance zur Flucht böte, wäre sie weg.

»Versuch’s erst gar nicht!«

»Versuchen? Was denn?«

»Wir fahren fast Hundert. In einer halben Minute sind wir auf dem Karussell. Wenn du jetzt springst, bleibt von dir nicht mehr übrig als ein Fleck aus Blut und Fett. Und ich werde bestimmt nicht langsamer.«

Was war der Scheißtyp, ein Hellseher? Jessie explodierte. »Das Risiko geh ich ei… Aua, verdammt, lass mich los!« Kalte Finger schlossen sich unerbittlich um ihren Unterarm.

»Ich hab dich doch nicht vor den Fickfantasien dieser miesen Ratte gerettet, um dich dann vom Asphalt zu kratzen«, erklärte er mit ausdrucksloser Stimme.

Jessie biss die Zähne zusammen. »Ich brauche keinen Helden, der mich rettet«, sagte sie gepresst. »Lass mich gefälligst in Frieden!«

Zumindest ließ er sie los. Allerdings nur, um wieder mit beiden Händen das Lenkrad zu umfassen. »Du bleibst verdammt noch mal hier!«

Jessie rauschte das Blut in den Ohren. Schmerz pochte in ihrer Lippe. Das bisschen Schmerz wäre ihr geringstes Problem, wenn sie der Sprung aus dem fahrenden Truck nicht gleich tötete.

Sie nahm allen Mut zusammen und streckte die Hand nach dem Türgriff aus.

»Deine Freundin hatte recht«, sagte der Jäger in diesem Moment. »Du wärst besser bei deinem Blond geblieben.«

KAPITEL 2

Jessies Hand erstarrte unmittelbar über der Entriegelung für die Wagentür. Silas blickte starr geradeaus, hinaus auf die Straße, aber sein peripheres Sehen war ausgezeichnet. Er sah, dass sie einen Blick zu ihm hinüberwarf.

Herr im Himmel! Er spürte diesen Blick geradezu körperlich.

Wut prickelte auf seiner Haut wie Strom in einer elektrischen Leitung. Es war nicht genug Wut, um gegen den unerträglichen Schmerz etwas auszurichten, der sein Bein von den Zehen bis zur Hüfte hinauf durchbohrte. Er musste diese Wut aussitzen, ihm blieb nichts anderes übrig. Obwohl er am liebsten das Steuer herumgerissen und gewendet hätte, um diesen verfluchten Hurenbock für seinen Übereifer platt zu fahren. Er hätte es verdient, zermatscht zu werden dafür, dass er Jessica Leigh mit seinen schmutzigen Fingern begrabscht hatte.

Diese miese Ratte, die Silas dafür bezahlt hatte, dass sie Jessica Leigh mit ihren schmutzigen Fingern begrabschte.

Silas’ Finger krampften sich um das Lenkrad. »Beinahe hätte ich dich nicht erkannt, Jessica. Obwohl ich dich doch schon mit dunklem Haar gesehen hatte.«

Den Bruchteil einer Sekunde zögerte sie, ehe sie sich in den Beifahrersitz zurückfallen ließ und dabei von der Tür abrückte. »Tja, ist halt so.« Ein reumütiges Lächeln huschte über ihr Gesicht, ein Lächeln, bei dem sich ihr Mund kein Stück entspannte. »Wir verändern gern unser Aussehen. Manchmal werden die Männer da drinnen einfach zu … handgreiflich.«

Verdammt! Silas knirschte mit den Zähnen. Seine Kopfschmerzen wurden davon auch nicht besser.

Das Scheinwerferlicht entgegenkommender Autos durchschnitt das Dunkel der Fahrerkabine wie plötzlich aufflammendes Leuchtfeuer. Silas sah, wie Jessica zusammenzuckte, als sie mit dem Handrücken vorsichtig über ihre blutende Lippe fuhr. Er fischte ein Taschentuch aus der Innentasche seiner Jeansjacke, aus der Tasche, in der er Jessicas Foto aufbewahrte. »Hier«, sagte er ohne jegliche Gefühlsregung. Immerhin: ein Anflug von Höflichkeit.

Jessica starrte die Hand mit dem Taschentuch an und wägte ihre Möglichkeiten ab. Ihr Verstand arbeitete auf Hochtouren. Zum Teufel, Silas konnte ihn förmlich rattern hören. Sicher plante sie schon den nächsten Fluchtversuch.

Er ließ sie gewähren, behielt stur die Straße im Blick. Die Geschwindigkeit, die der Wagen hier auf dem Karussell draufhatte, ließ nicht viel Spielraum für einen Sprung aus der Fahrerkabine. Nicht, wenn Jessica Leigh ihr Leben lieb war. Silas jedenfalls könnte die ganze beschissene Nacht so weiterfahren, wenn es denn sein musste.

Straßen gab es dafür hier weiß Gott genug. Vierzehn Jahre waren vergangen, seit Silas zum letzten Mal die Stadt über das New-Seattle-Karussell verlassen hatte. Aber es fühlte sich an, als wäre er nie weg gewesen. In Serpentinen wand sich das Highwaysystem um die hoch in den Himmel hinaufragende Stadt. Ab- und Auffahrtrampen verbanden es mit jeder Ebene wie die Beine eines Tausendfüßlers, der sich um die Stadt gelegt hatte, um ihr, seiner Beute, die Luft abzupressen. Nur die Einheimischen wussten, wie man sich auf dem Scheißding zurechtfand. Silas ärgerte sich darüber, dass er immer noch wusste, welche Abfahrt ihn in welchem Bogen wohin führen würde. Kaum etwas hatte sich in all den Jahren geändert.

Die Fahrt durch die verdreckten Straßen der unteren Stadtebenen hatte genügt, um Silas das klarzumachen. Die hoffnungslos Armen fristeten in diesen Unterebenen ihr Dasein am absoluten Existenzminimum, während die unverschämt Reichen ihre Leben in den oberen Ebenen selbstgefällig und glücklich in vollen Zügen genossen. Der einzige Ort, an dem man die Sonne – ehrliches, echtes Sonnenlicht – zu Gesicht bekam.

Jeder, der das Glück hatte, in einer der Ebenen dazwischen zu landen, suchte sich Weidegründe in den zivilisierteren Ecken, in den Randregionen. Wie apathische Schafe, katalogisiert nach Nützlichkeit und dadurch in unterschiedliche Klassen eingeteilt: die Industriearbeiter, die Wanderarbeiter, die Mittelklasse mit ihren wenigen, sich nach dem Licht verrenkenden Bäumen und ihrem kleinen bisschen Sonne.

Das ebeneneinwärts allgegenwärtige Neonlicht der mieseren Gegenden konnte man nicht als Zeichen für Zivilisiertheit verstehen. Gerade eben noch akzeptabel wie die wenig Klasse besitzende Klientel im Perch.

Oder die dunklen Straßen der kirchlichen Waisendistrikte.

Vierzehn Jahre hatten daran nicht viel geändert. Silas hasste diesen Seelenverkäufer von einer Stadt mit jeder Faser seines Herzens. Ebenso sehr, wie er seine Heimatstadt vermisste.

»Kein Bedarf. Mir geht’s bestens.« Jessica Leighs kaltschnäuzige Behauptung brachte Silas ins Hier und Jetzt zurück. War auch verdammt nötig, wie er sich grimmig selbst ermahnte. Er musste sich auf die Gegenwart konzentrieren. Auf die Mission. Nicht auf die Vergangenheit. Und schon gar nicht auf den feinen Schwung von Jessica Leighs jetzt nicht mehr knallig angemalten Lippen.

Oder die ultralangen Beine, die sie, wie Silas genau wusste, in diesen Jeans versteckte.

Ach, zum Teufel! Mit einer ruckartigen Bewegung streckte Silas seiner unwilligen Beifahrerin das Taschentuch wieder entgegen. »Jetzt nimm das verdammte Ding schon!«, knurrte er. »Deine Lippe blutet.«

Sie starrte ihn finster an und griff nach dem weißen Stück Stoff. Sie riss es ihm förmlich aus der Hand, wütend und ungeduldig. »Wer zum Teufel sind Sie?«, verlangte sie zu wissen. »Und woher kennen Sie meinen Namen?«

Silas ließ einige Augenblicke verstreichen, in denen er sich wieder ganz auf die Straße konzentrierte. Diese Zeit brauchte er, um sich eine passende Antwort zurechtzulegen. Denn was ihm als Erstes eingefallen war, würde ihm nicht das Maß an Kooperationsbereitschaft einbringen, das er sich von Jessica Leigh sichern wollte.

Je eher ihm gelänge, sie dazu zu bringen, mit ihm zu kooperieren, desto eher könnte er hier wieder weg.

Kein schlechter Anfang. Die Frau zum Bluten zu bringen, die er mit allen Tricks dazu bewegen musste, die Mission zu unterstützen. Auf keinen Fall durfte er sie also wissen lassen, dass ihr Bruder der Erste auf der Liste war, die die Überschrift trug: Magiebesessene, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit hinzurichten sind. Er musste Jessica Leigh nach Strich und Faden belügen darüber, was dem Jungen bevorstand, sobald man ihn erwischte. Kein Problem.

Und … Auftritt!

»Ich heiße Silas Smith.« Stumm musterte Jessica Leigh ihn. Sein Taschentuch war ein weißer Fleck vor ihrem Kinn. »Ich bin Agent einer Bundesbehörde. Wir brauchen deine Hilfe.«

Himmel, klang das lahm! Selbst in seinen eigenen Ohren.

»Ah!« Der Laut, den sie von sich gab, hatte etwas Unverbindliches. Sie hätte genauso gut »Schwachsinn!« oder etwas Ähnliches sagen können. Aber zu Silas’ Überraschung fragte sie freundlich: »Und was soll ich für diese Behörde tun?«

»Wir suchen dich schon seit Wochen.« Jessica versteifte sich, eine kaum wahrnehmbare Veränderung in ihrer Körperhaltung. Silas hätte sie auch nicht bemerkt, wenn er sich ihr und ihres Körpers nicht in übertriebenem Maße bewusst gewesen wäre. Er registrierte jede ihrer Bewegungen, auch die kleinste.

Sich selbst dabei zu erwischen, kotzte ihn unglaublich an. Es kotzte ihn noch mehr an, dass er sich selbst weiszumachen versuchte, er beobachte sie nur, um die ersten Anzeichen eines neuerlichen Fluchtversuchs rechtzeitig mitzubekommen.

Er hoffte, die Missionare würden noch an ihrem ganzen beschissenen Mist ersticken! »Ach Scheiße!«, murmelte er. Jessica Leigh schnaubte, als er es sagte. Silas’ Gesicht verfinsterte sich. »Okay, die Kurzfassung: Dein Bruder hat sich mit einer ganz üblen Bande von Leuten eingelassen.« Im Halbdunkel der Fahrerkabine warf Silas seiner Beifahrerin einen forschenden Blick zu. »Leuten, denen das besondere Augenmerk von Bundesbehörden wie der meinen gilt. Wir brauchen deine Hilfe, um deinen Bruder zu finden.«

Sie schürzte die Lippen. »Zuerst einmal: Wenn ich einen Bruder hätte …«

»Du hast einen.«

»Selbst wenn ich einen Bruder hätte«, wiederholte sie eigensinnig, »hätte ich keinen Grund, Ihnen zu trauen, Agent Smith. Wo haben Sie beispielsweise Ihre Dienstmarke, Ihr offizielles Was-weiß-ich?« Sie machte eine Geste, die seine ganze Gestalt einschloss. Kein Schmuck, kein Nagellack, nichts Schrilles, alles war natürlich an ihren langen feingliedrigen Fingern. »Ihre Uniform oder so?«

Silas erwischte sich dabei, wie er ihre schlanke, ringlose Hand betrachtete und sich fragte, ob Jessica Leigh mit jemandem zusammenlebte. Ob sie wohl mit jemandem schlief. Die Akte über sie, die man ihm ausgehändigt hatte, war recht dünn gewesen.

Wenn sie mit jemandem schlief, dann musste der Kerl die Geduld eines Heiligen besitzen, um mit einer Stripperin zusammen sein zu können.

Silas schüttelte den Kopf. »Nicht diese Art von Behörde.«

»Na großartig«, murmelte sie. »Nicht diese Art, schon klar.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Der straffe Neoprenstoff ihrer Jacke spannte sich über ihren Brüsten. »Und wenn Sie den Gesuchten gefunden haben, was gedenken Sie dann mit ihm zu machen?«

»Sobald wir deinen Bruder gefunden haben«, korrigierte Silas sie ohne viel Aufhebens, »gedenken wir mit seiner Hilfe die Gruppe zu infiltrieren und das ganze Schlangennest auszuheben.«

»Warum gerade mit seiner Hilfe?« Gott, war die Kleine schnell!

Aber auf eine Frage wie diese war Silas vorbereitet. »Caleb Leigh ist auffällig geworden und daher ins Visier der Sicherheitsorgane geraten. Laut seiner Akte … oh ja, er hat eine Akte«, warf Silas ein, als er seine momentane Zielperson scharf Luft holen hörte und darin eine Frage erahnte. »Er ist nur ein armer kleiner Idiot, der bis über beide Ohren in etwas drinsteckt, das er nicht überblicken kann.« Genau in dem Moment, als sie die Augen ein klein wenig verengte, auch das kaum wahrnehmbar, blickte er zu ihr hinüber. »Es gehört nicht zu unseren Angewohnheiten, kleine Jungs ans Kreuz zu nageln, um uns dran aufzugeilen. Aber wir erkennen eine potentielle Quelle, wenn wir eine vor uns haben.«

Lügen, nichts als Lügen. Silas zwang sich, wieder auf die Straße zu sehen, ehe Jessica Leighs bernsteinfarbene Augen mehr entdecken konnten, als er verdammt noch mal zeigen wollte. Er konnte sich nicht einmal erklären, woher seine Wut kam. Oder wieso er sich mit dieser Heftigkeit der Wärme bewusst war, die der Körper neben ihm ausstrahlte. Jessica saß immerhin ein ganzes Stück von ihm weg.

Und sie war bestimmt nicht auf den Kopf gefallen. »Warum sollte ich Ihnen trauen?«

»Das brauchst du gar nicht.« Immerhin das war die Wahrheit. Silas zog den Pick-up über drei Spuren auf eine weniger befahrene Bahn. Das Hupen des schnittigen silbernen Sportwagens hinter ihm ignorierte er. »Welche Wahl bleibt dir denn, Jessica?«

»Jessie.«

In Silas’ Magengrube begann es zu kribbeln. »Jessie«, wiederholte er ruhig. Ihre Augenlider zuckten. Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich aus. Die Stille aber vibrierte, so heftig ratterten in ihrem Verstand die vielen kleinen Rädchen.

Verdammt, Silas konnte sie förmlich Funken sprühen sehen!

Schließlich verzog Jessie den Mund mit den schön geschwungenen, vollen Lippen. Bitterkeit und Resignation. »Sie sind der Mann mit der Marke. Das heißt ja dann wohl, dass ich keine andere Wahl habe, oder?« Sie trat mit einem schwarzen Stiefel gegen das Armaturenbrett. Silas zuckte zusammen. Sie bemerkte es nicht. »Schön. Was wollen Sie von mir?«

»Antworten.« Silas lächelte nicht.

Das war verdammt zu einfach gewesen.

Die Schwester eines Hexers. Sobald die Mission sie in den Fingern hätte, wäre sie so gut wie am Arsch.

Sie zuckte mit den Schultern. »Na, dann schießen Sie mal los mit Ihren Fragen!«

»Heute Abend nicht mehr. Viel zu spät dafür. Wohin soll ich dich fahren?« Er blickte sie an. »Ich hol dich dann morgen früh wieder dort ab.« Den Teufel täte er. Er würde die ganze Nacht über draußen vor ihrer Bleibe im Wagen kampieren und könnte die Wohnung dann später, sofern nötig, immer noch filzen.

Jessie schlug die Augen nieder. Während sie aufmerksam das blutbefleckte Taschentuch in ihren Händen studierte, beschatteten ihre langen Wimpern die Wangen. »Ich habe keine Bleibe oder so was.«

»Und wo schläfst du?«

»Wo immer ich Platz finde«, erwiderte sie und hob das Kinn.

Dieser stille, eigensinnige Funken Stolz traf auf etwas Bekanntes in Silas’ Erinnerungen, auf eine Art von Mitgefühl, das sich tief in seinem Herzen regte. Verfluchte Scheiße! Keinen Platz zum Schlafen? So viel zumindest schuldete er Jessie.

Rasch, ehe er es sich anders überlegen könnte, umfasste er das Lenkrad fester und wechselte wieder über mehrere Spuren hinweg die Fahrbahn. Die Maschine unter der Motorhaube brummte. Sorgfältig gewartet, wie sie war, lief sie ruhig und gleichförmig. »Gut, dann weiß ich, wohin.«

»Ich werde nicht …«

»Ich habe nicht vor, dir irgendetwas anzutun, Jessie, okay?« Die Dunkelheit, die in der Fahrerkabine herrschte, verbarg sein Gesicht. Rasch warf er einen prüfenden Blick auf das GPS, das festverankert oben auf dem Armaturenbrett saß. »Ich gebe dir mein Wort darauf.«

Alles, was Silas neben dem pochenden Schmerz in Knie und Schläfen gerade wahrnahm, war, dass es hier und jetzt mächtig zum Himmel stank.

Jessie war erleichtert darüber, dass der Hexenjäger nicht nachgebohrt hatte, was ihre vermeintlich fehlende Bleibe anging. Aber Erleichterung kämpfte mit gerechtem Zorn. Dieser verfluchte Scheißkerl wollte sie, Jessie Leigh, dazu benutzen, um ihren kleinen Bruder in die Finger zu bekommen!

Ihr war schon die Galle hochgekommen, als Agent Smith den Namen ihres Bruders überhaupt in den Mund zu nehmen gewagt hatte.

Der Typ hatte echt Nerven.

Allein schon dem Jäger das Leben gerettet zu haben war zum Kotzen! Oder ihn zumindest davor bewahrt zu haben, nach Strich und Faden vermöbelt zu werden. Sie hätte die beiden Arschgeigen in dieser dreckigen Gasse sich einander die Knochen aus dem Leib prügeln lassen sollen, verdammt!

Und trotzdem, obwohl er der Feind war ihr Feind, Calebs Feind! , konnte sie nicht verhindern, dass ihr Blick immer wieder zur Fahrerseite, zu ihm, Silas Smith, hinüberhuschte. Dieser Typ besaß echt Ausstrahlung, das musste sie ihm lassen. Er füllte den Raum in einer Art und Weise aus, dass Jessie das Gefühl hatte, nicht mehr genug Luft zu bekommen.

Jeder Atemzug, den Jessie machte, schmeckte nach altem Leder, rostigem Metall und etwas noch Wärmerem. Etwas ausgesprochen Männlichem. Silas Smiths Hände waren rau, narbig, seine Gesichtszüge scharf geschnitten, lebenserfahren, selbst seine Kleidung wirkte nicht ab-, sondern eingetragen. Jessie hatte mehr als nur eine Vermutung darüber, wie der muskulöse Körper unter Jacke und Shirt aussähe.

Ein stahlharter Mann mit einem gestählten Körper in Kleidung, aus der man leicht hinaus- und wieder hineinkam. In der man – so ermahnte sich Jessie selbst scharf, und die Ermahnung war nötig – auch leicht töten konnte. Wahrscheinlich saß sie gerade auf den letzten Spuren, die von einem seiner armen Opfer noch übrig waren, jetzt in diesem Moment, während sie über all das nachdachte.

Aber Silas Smiths Hände wirkten stark, geschickt. Beschützerhände. Jessie beobachtete, wie er das Lenkrad hielt und den Wagen steuerte, bewunderte die Sicherheit, die Leichtigkeit, mit der er das tat. Sie betrachtete die Lederschnur um sein Handgelenk und die auf Hochglanz polierten Holzperlen, die auf die Schnur aufgefädelt waren und sich in die braun gebrannte Haut drückten.

In der Dunkelheit leuchteten Jessie die Buchstaben eines Namens darauf entgegen. Nina. Ob das seine Ehefrau war? Oder seine Tochter?

Völlig egal, dachte Jessie und rüttelte ihren Verstand wach. Silas Smith, Agent des Dominikanerordens der Einzigen Heiligen Kirche, war der Feind. Das durfte sie auf keinen Fall vergessen. Wenn die Einzige Kirche hinter Caleb her war, dann konnte das nur bedeuten, dass sie wussten, was er war: ein Hexer.

Wenn die Einzige Kirche wusste, dass er Magie praktizierte, was wussten die Kirchenmänner dann über sie, Jessie, Calebs Schwester?

Worauf zum Teufel hatte sich Caleb eingelassen, um auf dem Radar der Mission wie ein Leuchtfeuer zu blinken?

Unaufhörlich kreisten die Fragen in ihrem Verstand und stolperten übereinander, bis Jessie schreien wollte. Oder auf etwas einschlagen. Nicht, dass es ihr je geholfen hätte, wütend auf irgendetwas einzuschlagen.

Sie rutschte auf dem Sitz herum, zog das andere Bein hoch auf den Sitz. Sie legte das Kinn aufs Knie. »Also«, meinte sie gedehnt. Eine ganze Weile ließ sie dieses eine Wort in der Stille der Fahrerkabine hängen. Silas blickte zu ihr herüber, seine Augen dunkel. »Erzählen Sie mir mehr über diese ganz üble Bande von Leuten, mit denen sich Caleb eingelassen hat!«

Schweigen. Die Stille zwischen ihnen dehnte sich aus. Und dann: »Wie lange hast du deinen Bruder nicht mehr gesehen?«

Ärger sammelte sich wie ein Klumpen in ihrem Hals, wollte unbedingt über ihre Lippen. Aber Jessie schluckte den Ärger hinunter, die Wut, heftig genug um leise zuzugeben: »Ungefähr ein Jahr nicht mehr.« Es war die Wahrheit, weiter nichts. Ein ganzes Jahr war vergangen, seit Caleb in die Nacht hinaus verschwunden war und alles zurückgelassen hatte. Sie, seine Schwester, mit eingeschlossen.

»Ziemlich lange Zeit«, meinte Silas.

Ach was, im Ernst?, darauf zu sagen, schien wenig hilfreich. Also zuckte sie nur mit den Schultern und lächelte. Aber es war ein müdes Lächeln. »Die üblichen Rivalitäten unter Geschwistern. Streiten konnten wir beide schon immer besonders gut. Es ist jetzt etwa ein Jahr her, da hat Caleb plötzlich gemeint, er hat genug von mir, und weg war er.«

Lügen war für Jessie immer einfach gewesen. Ihre Lügen hatten Caleb und ihr häufiger den Arsch gerettet als sie in Schwierigkeiten gebracht. Die Lügen in ihrer Lebensgeschichte hatten sie beide ernährt, gekleidet und ihnen gelegentlich sogar einen Job eingebracht.

Hol’s der Teufel, es war gut, dass ihre Lügerei so plausibel klang. Sich streiten, sich die Köpfe heiß reden und voll aus der Haut fahren, wer kannte das nicht unter Geschwistern? Einem Missionar würde Jessie bestimmt nicht verraten, dass ihr Bruder vorhergesehen hatte, etwas Schreckliches werde passieren. Etwas, das ihn zu Tode erschreckt und dazu gebracht hatte, nach ein paar kryptischen Bemerkungen und einer Warnung den Abflug zu machen.

Such nicht nach mir, Jessie, probier’s nicht mal!

Seitdem hatte ein Schatten gereicht, um Jessie zusammenfahren zu lassen. Offenbar mit gutem Grund. Der lachende Narr hatte sie nicht getötet. Aber die Zukunft offenbarte sich weiß Gott in Rätseln.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Jessie hatte nur Augen für Silas, der nur Augen für die Straße hatte. Sie sagte sich, nur so könne sie mitbekommen, wenn sich der erste Hinweis auf Unredlichkeit in Silas Smiths energische, viel zu harte Gesichtszüge einschlich. Den Umstand, dass es sie reizte, ihre Wange an seinem markanten Kinn zu reiben, ignorierte sie geflissentlich.

Silas blickte sie an. Selbst hier, im Schutz der Dunkelheit, spürte sie das Gewicht dieses Blickes.

Sofort hatte sie den völlig irrationalen Impuls, mit den Armen ihre Brust zu bedecken. Nicht, dass die Jacke, die sie trug, auch nur den Hauch einer Andeutung unanständig gewesen wäre … Sie musste sich einfach zusammenreißen! Erotische Fantasien mit dem Feind in der Hauptrolle nicht mit ihr.

Keinen träumerischen Blick mehr auf sein zerzaustes Haar, auf seinen Mund und den Schwung seiner Lippen, wenn er sprach, oder …

»Was weißt du über den Zirkel der Erlöser?«, fragte Silas ganz unerwartet. Jessie schüttelte den Kopf, erleichtert über die Ablenkung.

»Den was der was?«

Er runzelte die Stirn. »Es handelt sich um eine terroristische Zelle«, erklärte er, schaltete in einen höheren Gang und gab Gas. Jessie packte den Haltegriff oberhalb der Beifahrertür, als die Fahrerkabine beunruhigend schaukelte. »Terroristen, die eine verdammte Menge erschreckenden Scheiß tun, alles im Namen eines höheren Ideals, das es ihnen erlaubt, über Leichen zu gehen.«

Jessie setzte sich auf, straffte die Schultern. Verflucht, ein Zirkel! »Und Sie glauben, Caleb hängt mit denen zusammen?« Es kostete sie einige Anstrengung, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen. Neugierig, doch nicht voller Panik.

Zirkel hieß: mehrere Magiebegabte auf einem Haufen. Mehrere Magiebegabte auf einem Haufen aber hieß, dass die Mission sich einmischen würde. Gemetzel. Hetzjagden. Tod und Verderben.

Energisch schüttelte Jessie den Kopf, die unerschütterliche Treue zu ihrem Bruder in Person. »Ganz sicher nicht. Ganz sicher ist mein Bruder nicht Mitglied einer terroristischen Gruppe, niemals!«

Silas Smith blickte nicht zu ihr herüber. »Vielleicht hast du recht.«

»Nein«, wiederholte Jessie mit fester, lauter Stimme, »nicht vielleicht!« Sie verlagerte ihr Gewicht, wurde in den Sitz gedrückt, als ein schwerer Transporter auf der New-Seattle-Tangente an ihnen vorbeirauschte. »Als Caleb dreizehn war, hat er aus Versehen mit seinem Motorrad eine Katze überfahren. Er hat tagelang geheult, Agent Smith. Tagelang! Und Sie wollen mir weismachen, er sei Mitglied einer terroristischen Vereinigung? Vergessen Sie’s!«

Jessie konnte sich an den Vorfall gut erinnern. Sie hatte ihren kleinen Bruder im Arm gehalten, während er geschluchzt hatte. Damals hatte sie gewusst, dass es nichts gab, was sie hätte tun können, um ihm zu helfen, ihn zu trösten. Er hatte ihr gesagt, dass er es doch eigentlich hätte kommen sehen müssen. Seine Gabe war ja der Blick in die Zukunft.

Jessie hatte ihm erklärt, so funktioniere es halt nicht. Aber sie war nicht in der Lage gewesen, ihm zu erklären, warum das so war. Sie hatte es nie gekonnt, damals nicht und auch später nicht.

»Ein Jahr kann einen Mann ziemlich verändern«, gab der Jäger zu bedenken, unerbittlich wie Granit. Und ebenso zartfühlend.

»Er ist noch kein Mann!« Sie machte eine abwehrende Handbewegung und wünschte sich, sie könnte den Hexenjäger aus seinem Pick-up stoßen, gleich jetzt, bei diesem Tempo. »Er ist mein Bruder. So sehr könnte er sich gar nicht verändern. Ich sag’s noch einmal: Selbst wenn er da ist, wo Sie glauben, ist er keiner von denen. Egal, wer die nun sind.«

»Wenn du meinst.« Silas blickte auch jetzt nicht zu ihr herüber, sondern schaltete erneut, dieses Mal in einen niedrigeren Gang. Am liebsten hätte Jessie den Steinklotz von Jäger angebrüllt. Stattdessen ließ sie sich in die Rückenlehne fallen und biss die Zähne zusammen.

»Wie ich schon sagte: Wir wollen seine Verbindung zu der Gruppierung nutzen, um sie zu infiltrieren und dann hochzunehmen. Für einen Jungen, der uns dabei hilft, ist da jede Menge drin.«

Hübsche Lippenbekenntnisse, mehr nicht. Jessie erkannte Formulierungen wie diese als das, was sie waren: die Scheu, ein Versprechen zu geben. Wenn die Kirche hinter Caleb her war, wenn er tatsächlich so sehr den Verstand verloren haben sollte, dass er sich allen Ernstes einem Zirkel angeschlossen hatte, hätte er keine Nachsicht zu erwarten – nicht von der Kirche. Ganz egal, wie nützlich er ihr zu sein versuchte. Nein, dachte Jessie, während sie jetzt auch den zweiten Stiefel gegen das Armaturenbrett stemmte. Sie rief sich ins Gedächtnis zurück, dass sie diesen ganzen Mist sowieso niemandem abkaufen würde. Ganz bewusst ignorierte sie, dass der Jäger ihre Art, es sich in seinem Truck bequem zu machen, mit einem Stirnrunzeln quittierte.

Jessie steckte die Hände unter die Achseln. Nachdenklich starrte sie aus dem Fenster. Der Pick-up wechselte erneut die Spur, fuhr jetzt auf eine der mittleren Abfahrtrampen im Karussell auf.

Caleb war es gelungen, seiner Schwester ein ganzes verdammtes Jahr aus dem Weg zu gehen. Es war ihm so vollständig gelungen, als wäre er vom Erdboden verschluckt worden. In dem Schlund verschwunden, dem uralten Tiefseegraben, der sich weit unterhalb der Fundamente der Stadt aufgetan hatte. Auch die Kräfte, die Jessie selbst besaß, hatten ihr nicht weitergeholfen – ihre Gabe.

Ihre Gabe war der Blick in die Gegenwart. Eigentlich hätte sie in der Lage sein müssen, Caleb aufzuspüren. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Er hatte, egal, wo er gerade war oder was er gerade tat, gelernt, sie abzublocken.

Oder er war tot.

Aber Jessie wusste, sie wusste es einfach, dass er nicht tot war.

Das hieß also, dass er sie abblockte. Das beunruhigte sie mehr als alles andere. Er brauchte ihre Hilfe.

Ich sehe den Tod und den lachenden Narren.

Ein Meter fünfundachtzig Hexenjäger mit rauchgrauen Augen und schlankem, gut gebautem Körper reichten sicher, um als Tod durchzugehen. Aber war es überhaupt ihr Tod, den Caleb gesehen hatte? Oder vielleicht sein eigener? Oder hatte er irgendjemand ganz anderen sterben sehen?

Verfluchter Mist! Sie wünschte, sie besäße einen Dekodierungsring für die Zukunft.

In den vergangenen Jahren hatte Jessie immer wieder von Zirkeln reden hören. Als ihre Mutter noch am Leben gewesen war, hatte es tatsächlich noch mehrere gegeben. Aber die Leighs hatten sich niemals einem solchen angeschlossen. Für Lydia Leigh waren die Zirkel so etwas wie Gift gewesen, schrille Neonreklame, die geradezu um die Aufmerksamkeit der Einzigen Kirche bettelte. Die Zirkel, die sich in den großen Städten zusammengefunden hatten, bestanden tendenziell etwas länger, aber nicht viel.

Die Bevölkerung überall auf der Welt war Armageddon verdammt zu nah gekommen, um das ein zweites Mal riskieren zu wollen.

Ob nun im Herzen von New Seattle oder in der Isolation irgendeiner Einöde sonst wo in Amerika, Jessies Mutter hätte jemandem, der zu einem Zirkel gehörte, nicht einmal die Uhrzeit gesagt. Hexenbünde zogen nur Aufmerksamkeit auf sich.

Und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen brachte unweigerlich Hexenjäger auf den Plan.

Und Hexenjagden gingen nie gut aus.

Gerade hatte ihr ein von der Einzigen Kirche bezahlter Killer erzählt, Caleb, ihr kleiner Bruder, der die magischen Kräfte ihrer Mutter geerbt hatte, habe sich einem Zirkel angeschlossen. Darüber hinaus wollte dieser Killer ihr, Jessie, lieber nicht offen sagen, was sie eigentlich sowieso schon wusste: dass Caleb so gut wie tot war, wenn Kirche und Mission erst einmal hatten, was sie von ihm wollten.

Aber Caleb hatte gesagt, er habe sie, seine Schwester, brennen sehen. Mit beiden Händen rieb sich Jessie die Augen. Sie war frustriert, und die Frustration vernebelte ihr das Hirn. Sie hasste diese ganze Zukunftsdeuterei. Und wie!

Ihrer Mutter hatte diese Gabe auch nichts Gutes eingebracht.

»Wir sind da.«

Jessie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Gegenwart. Der Blick aus dem Fenster in diese Gegenwart zeigte Jessie die Aussicht auf einen holprigen Parkplatz. Sie blinzelte. »Wo?«

»Hier bist du sicher.«

»Na, das erklärt alles«, murmelte sie vor sich hin. Sie stieß die schwere Tür des Pick-ups auf, die protestierend in den Angeln quietschte, und sprang leichtfüßig von dem hohen Sitz hinunter. Das Quietschen der Tür hallte über den fast leeren Parkplatz. Versprengt standen ein paar wenige Wagen auf dem Asphalt, dessen unzählige Löcher mit Kies gefüllt waren. Die Wagen passten zu dem heruntergekommenen Platz, waren verbeult, ramponiert, vielleicht gar nicht fahrtüchtig. Der Jäger umrundete den Kotflügel und hinkte dabei stark wegen seines verletzten linken Knies.

Die Welle aus Mitgefühl für diesen harten Mann, die Jessie so unerwartet wie unerwünscht überflutete, ließ sie vor sich ...

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