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Cyboria - Die geheime Stadt

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Gegenwart
    1. 20. Wie ein geölter Blitz
    2. 19. Villa Folgore
    3. 18. Der letzte Gruß
    4. 17. In der achteckigen Bibliothek
    5. 16. Die Schachtel
    6. 15. Briefe aus der Vergangenheit
    7. 14. Die Villa des Conte
    8. 13. Die Wurzel der Zahlen
    9. 12. Nächtliche Lichter
    10. 11. Archäologie
    11. 10. Die Bücherleichen
    12. 9. Das verschollene Räderwerk
    13. 8. Der lebende Tote
    14. 7. Ungebetene Gäste
    15. 6. Die Geheimnisse der Planetenbahnen
    16. 5. Gestatten, Galeno
    17. 4. Der Mann in Schwarz
    18. 3. Lebensgefahr bei Mondlicht
    19. 2. Die binäre Sprache
    20. 1. Der Zug des Südens
  7. Vergangenheit
    1. -12. Die Fahrt nach Nirgendwo
    2. -11. Der Bahnhof aus Stahl
    3. -10. Schwierigkeiten und Erkenntnisse
    4. -9. Die Unbezähmbaren
    5. -8. Der Ausweis für die Neue Stadt
    6. -7. Eine Flucht wie aus dem Lehrbuch
    7. -6. Ein Geistesblitz
    8. -5. Avenue Pablo Picasso
    9. -4. Rendezvous in Paris
    10. -3. Der Verräter
    11. -2. Ein Haus auf Wanderschaft
    12. -1. Den Riesen zähmen
  8. Zukunft
    1. 1. Die Eroberung der Sterne
    2. 2. Das Empfangskomitee
    3. 3. Die Vermisstenstelle
    4. 4. Nach Norden
    5. 5. Das Observatorium
    6. 6. Der Wächter
    7. 7. Die tote Stadt
    8. 8. Ungeduldige Patienten
    9. 9. Die Todesmaschine
    10. 10. Zerstörung und Wiederaufbau
    11. 11. Das rote Fahrrad
    12. 12. Worte in Freiheit
  9. Danksagung

Über den Autor

P. D. Baccalario, geb. 1974 in Acqui Terme, Italien, studierte nach der Schule zunächst Jura, bevor er sich dem Journalismus und dem Schreiben zuwandte. Seine Bücher sind mittlerweile weltweit in 18 Sprachen übersetzt.

P. D. Baccalario

Cyboria

Die geheime Stadt

Aus dem Italienischen von
Ingrid Ickler

Gegenwart

»Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.«

Das Futuristische Manifest, »Le Figaro«, 20. Februar 1909

20

Wie ein geölter Blitz

Wenn Ottos Großvater ihm das Gefühl geben wollte, etwas ganz Besonderes zu sein, sagte er ihm immer, er solle etwas ganz Schwieriges ausprobieren, denn die einfachen Sachen, die könne ja jeder.

Vielleicht war das der Grund, warum Otto Folgore Perotti im Sattel des Fahrrads seines Großvaters saß und etwas wirklich sehr Schwieriges versuchte: Er musste erst mit aller Kraft in die Pedale treten, und wenn er an der schmalen Brücke angekommen war, all seinen Mut zusammennehmen und springen. Wenn er den Absprung gut erwischte und sich in der Luft drehte, konnte er darauf hoffen, dass er fünf Meter tiefer auf der schmalen Straße neben dem Kanal landen würde.

Ein ziemlich verrückter Plan, und wirklich verdammt schwierig. Aber die einzige Möglichkeit, seinen Verfolgern zu entkommen: der Bande aus dem Gymnasium.

Er hatte nicht viel Zeit zum Nachdenken: ganze drei Pedaltritte lang.

Eins.

Zwei.

Und drei.

Er hatte die Brücke erreicht. Jetzt musste er sich entscheiden. Ob sein Opa stolz auf ihn gewesen wäre? Er war sich nicht sicher, aber es blieb keine Zeit darüber nachzudenken.

Er sprang.

Die Bande war Otto dicht auf den Fersen, eben noch hatte sie ihn mit ihren Mofas auf der Straße verfolgt, die von Pisas Schiefem Turm in die Berge von San Giuliano führte.

Jetzt trat er ins Leere. Und flog.

Die Jungs vom Gymnasium mussten gehörig bremsen; sie trauten ihren Augen nicht.

Einer schrie: »Jetzt ist er völlig verrückt geworden!«

»Vorsicht!«

»Er ist in den Kanal gestürzt!«

Und wieder ein anderer: »Nein, der ist nicht gestürzt! Das hat er mit Absicht gemacht! Er … er springt drüber!«

Sie schrien wild durcheinander, aber Otto hörte sie nicht mehr.

Er trat weiter ins Leere und flog über das ruhig dahinfließende, schlammige Wasser des Kanals, mit der Silhouette der Pisaner Berge vor Augen und tausend wirbelnden Gedanken im Kopf.

Er dachte an die Bande, die Jungs, die auf ihren dämlichen Mofas saßen und ihn vom Straßenrand aus beobachteten. Und er dachte daran, wie er jetzt am besten nach Hause kam, an die Straße, die am alten Aquädukt und am Kloster vorbei bis in die bewaldeten Hügel hinaufführte. Und mit dem letzten Tritt dachte er noch daran, dass das Kloster in Wirklichkeit gar keines war, man es aber schon immer so genannt hatte.

Dann war Schluss mit Denken.

Mit einem metallischen Quietschen prallte er auf. Die Kette klapperte und schepperte auf den Zähnen der Ritzel, die Pedale zitterten und die Reifen drohten zu platzen. Der rot gespritzte Rahmen stöhnte auf wie ein verwundetes Tier.

Krach!

Otto wurde in den Sattel gepresst, er umklammerte die Griffe der Lenkstange, und irgendwie gelang es ihm, das Gleichgewicht zu halten und das Rad sturzfrei auf die Straße zu bringen. Der Rucksack mit den Schulbüchern knallte ihm wie ein Peitschenhieb auf den Rücken.

Krach!

Aber er hatte es geschafft! Er war mit dem Fahrrad über den Kanal gesprungen und hatte seine Verfolger damit ein gutes Stück abgehängt. Er drehte sich nicht um. Er hörte sie Gas geben, bremsen und sich zwischen den hupenden Autos hindurchschlängeln. Sie versuchten so schnell wie möglich die Abzweigung auf die schmale Straße zu erreichen, auf der er gelandet war, etwa zweihundert Meter von der Brücke entfernt.

Otto bremste und blickte durch die das Ufer säumenden Lindenbäume auf das dunkle, unergründliche Wasser des Kanals. In der Ferne waren ein paar kleine Holzhäuser aufgereiht. Die schmale Straße in Richtung Berge führte an einem stillgelegten Marmorsteinbruch vorbei. Schon von Weitem konnte Otto die rostigen Skelette der Kräne erkennen, die aussahen wie eiserne Giraffen. Wieder trat er mit aller Kraft in die Pedale. Der Gepäckträger klapperte und vibrierte, als ob er jeden Moment abfallen würde. Und vielleicht würde es tatsächlich so kommen, aber er hatte jetzt keine Zeit, sich darum zu kümmern.

Er konnte nur hoffen und beten, dass das alte Bianchi-Fahrrad seines Opas, Jahrgang 1958, den Sprung gut überstanden hatte und dass der Stahlrahmen, der schon von so vielen Stürzen gezeichnet war, noch immer stabil war. Die Kette glitt über den Zahnkranz, die Pedale drehten sich rhythmisch, angetrieben von der Muskelkraft seiner Beine.

Wie ein geölter Blitz raste er die Lindenallee entlang, wobei sich die Baumstämme und die freien Räume dazwischen im Takt seiner Geschwindigkeit abwechselten. In der Ferne hörte er das Knattern der Mofas. Er drehte sich um, sah aber niemanden. Warum lassen sie mich nicht einfach in Ruhe?, fragte er sich.

Otto fuhr jetzt stehend und trat noch kräftiger in die Pedale. Das unebene Asphaltsträßchen ging schnurgeradeaus, rechts der Kanal, links die Lindenbäume.

Er war fast schon am Steinbruch.

Tief über den Lenker gebeugt raste er weiter, auf das Knirschen und Quietschen des Fahrrads achtete er nicht weiter. Schließlich erreichte er den verrosteten Gitterzaun des Steinbruchs. Auf dem Kiesweg zog er jetzt eine Staubwolke hinter sich her. Vor einer Lücke im Gitterzaun bremste er. Sie war kaum zu sehen, da sie zu einem großen Teil von einem Erdbeerbaum und Mastixgestrüpp verdeckt war. Otto sprang ab, drückte die Äste zur Seite und schob das Rad durch die Lücke im Gitter. Dann kroch er ebenfalls hindurch. Tief geduckt, das Fahrrad eng an sich gedrückt, schlich er sich zu einer niedrigen Blechhütte hinter einem Pistazienstrauch. Sie war komplett mit einer dicken Rostschicht überzogen, die ihn an eine Käserinde erinnerte. Dahinter versteckte er sich.

Erst jetzt kam ihm wieder in den Sinn, richtig durchzuatmen. Den Rucksack an die Blechhütte gepresst, die Augen auf den blauen Himmel gerichtet, riss er den Mund weit auf, um möglichst viel Sauerstoff einzusaugen.

Er keuchte, doch nach und nach wurde sein Atem ruhiger.

Es vergingen etwa drei, höchstens vier Minuten. Das Motorgeräusch wurde lauter; anfangs klang es wie ein heiseres Krächzen, um anschließend in dumpfes Brüllen überzugehen. Otto schloss die Augen. Warum konnte er sich nicht einfach in Luft auflösen?

Das bedrohliche Geräusch kam immer näher, es klang, als wäre eine Schar lästiger Insekten im Anflug. Er hörte die Mofas beschleunigen, dann ebbte das Dröhnen der Motoren wieder ab. Otto blieb noch eine gefühlte Ewigkeit reglos sitzen, bis er wirklich ganz sicher war, dass er nichts mehr zu befürchten hatte. Er zählte die Minuten. Seine Verfolger hatten sicher schon die Abzweigung nach Pappiana und San Giuliano erreicht und überlegten, in welche Richtung sie weiterfahren sollten.

Otto kauerte am Boden. Seine Kleidung war mit weißem Marmorstaub überzogen, und er begann zu lachen. Nervös zu Beginn, dann klang sein Lachen allmählich befreiter.

»Ich hab’s geschafft, Opa«, murmelte er glücklich und schloss Frieden mit diesem Tag.

Als er endgültig zur Ruhe gekommen war und wieder klar denken konnte, begutachtete er den Schaden. Sein Sigur-Rós-T-Shirt konnte er nur noch wegschmeißen; der Aufdruck hatte sich abgelöst, als er über den Boden gerobbt war. Ein Eisenhaken hatte ihm den Träger des Rucksacks aufgerissen, auf dem er seine Lost-Sticker und den Charles-Darwin-Button befestigt hatte. Die waren ihm besonders wichtig, da er sie im Internet bei Räum-den-Dachboden-auf.com gefunden hatte.

Der Zustand des Fahrrads war noch schlimmer, bei seiner Flucht hatte er den Dynamo am Vorderrad verloren.

»Na dann adieu, geliebter Scheinwerfer«, murmelte Otto und strich wehmütig über die Felge des 28-Zoll-Fahrrads.

Die Kette wackelte ein wenig und blieb bei jeder Umdrehung leicht hängen, aber mit ein bisschen Öl würde man das wieder hinbekommen. Die Bremsklötze des Hinterrads hingegen schienen schwer beschädigt, sie klebten fest, die Bremswirkung war gleich null. Das war ein echtes Problem, denn jedes Mal, wenn Otto sich auf die Suche nach Ersatzteilen für diesen Fahrradoldtimer machte, musste er mehr hinblättern als für ein ultramodernes Carbon-Mountainbike mit neuester Technik.

Auch die tiefen Kratzer auf dem Rahmen würde er ausbessern lassen müssen. Seufzend stieg Otto wieder in den Sattel, aber es war der Seufzer eines Siegers.

Er grüßte die verrostete Stahlgiraffe, die sich bedrohlich und irgendwie auch traurig über ihm erhob: ein ramponiertes Förderband, das offensichtlich seit Jahren stillstand und früher dazu gedient hatte, die aus dem Berg geschlagenen Marmorsteine zu transportieren.

Er dankte der Blechhütte für den Schutz, den sie ihm gewährt hatte, dann fuhr er auf dem Kiesweg in Richtung der Hügel, wobei er eine Wolke aus weißem Staub hinter sich herzog.

19

Villa Folgore

Der Gitterzaun, der den stillgelegten Steinbruch umgab, hatte auf der anderen Seite noch eine zweite Lücke. Büschel von Taubenfedern, die dort hängen geblieben waren, bewiesen, dass Otto nicht der Einzige war, der die Öffnung kannte. Er quetschte das Fahrrad hindurch, erreichte die Staatsstraße, die in Serpentinen in die Pisaner Berge führte, und bog nach links ab, Richtung Pappiana. Noch immer spürte er die Gefahr und blieb auf der Hut.

Er durchquerte das Dorf, überquerte die Ampel an der ersten Kreuzung und sauste in Richtung Passo del Frantoio. Dort bog er nach links auf ein enges Sträßchen ab und quälte sich durch den Wald nach oben. Sein Fahrrad hatte nicht genug Gänge, um den Anstieg mühelos zu bewältigen. Um die letzten Kurven in Angriff zu nehmen, die ihn noch von zu Hause trennten, musste er sogar im Stehen fahren. Der Weg führte stetig bergan und wurde nur von einer leichten Abfahrt unterbrochen, die an den düsteren Mauern des sogenannten Klosters vorbeiführte – ein altes Haus, das seit Jahren unbewohnt war.

Zu Beginn der kurzen Abfahrt ließ Otto das Lenkrad los und fuhr freihändig, er genoss die frische Luft und lauschte den Geräuschen des Waldes. Die Straße führte unter einem alten Aquädukt hindurch und stieg dann zwischen den dicht an dicht stehenden Steineichen wieder an.

Die Geräusche aus dem Tal und dem Dorf wurden leiser und verschwanden schließlich ganz. Zwischen den Ästen der Eichen hörte er die Vögel singen, auch das lebhafte Rauschen eines Bächleins drang an sein Ohr.

Nach einigen Kurven tauchte zwischen den Bäumen ein schmiedeeisernes Tor auf. Es wurde von zwei Säulen begrenzt, um die sich Spiralen und stilisierte Blitze aus Metall rankten. Die Säulen vereinten sich oben zu einem Bogen, der den Weg überspannte; in die Mitte des Bogens waren zwei verschlungene »A« eingemeißelt, die Initialen von Ottos Vorfahren, die das Haus vor vielen Jahren erworben hatten. Darunter war in metallenen Lettern zu lesen:

VILLA FOLGORE

Remedium Frustra Est Contra Fulmen Quaerere

»Man sucht umsonst ein Schutzdach vor dem Blitz.«

Otto passierte das Tor und stellte das Rad auf einer schattigen Lichtung ab, die rundum von Bäumen gesäumt war. Auf dem Parkplatz standen zwei Autos: der weiße Mercedes seiner Eltern und ein malvenfarbener Van mit dem Autokennzeichen von Livorno, den Otto noch nie gesehen hatte. Das Bächlein, das man schon im Wald rauschen gehört hatte, floss hinter einem niedrigen, mit Moos bedeckten Mäuerchen am Rand der Lichtung entlang. Am anderen Rand befand sich ein mit Steinplatten belegter Weg, der von Löwenzahn, wilden Iris und Ginster gesäumt war.

Sein Zuhause.

Die Villa Folgore tauchte am Ende des Weges auf. Ein altehrwürdiges, imposantes Steingebäude, das Atamante Folgore Perotti, sein Ururgroßvater, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts gekauft hatte. Das Gebäude hatte drei Stockwerke und wirkte würdevoll und streng, die Fassade war vollständig mit Efeu überwuchert. Die Fenster mit den grünen Läden zeigten Richtung Pisa, bei gutem Wetter konnte man sogar den berühmten Turm sehen. An besonders klaren Tagen war rechter Hand selbst das ferne Glitzern des Meeres zu erahnen.

Otto überquerte rasch die Rasenfläche und betrat das Haus durch die Rundbogentür im Erdgeschoss. Er ging direkt in sein Zimmer. Zwischen den dicken Steinmauern herrschte absolute Stille. Hoffentlich hatte niemand sein Kommen bemerkt.

Aber irgendetwas stimmte nicht.

Es war zu still.

Er schloss die Tür hinter sich, nahm die Bücher aus seinem Rucksack und versteckte ihn zusammen mit dem kaputten T-Shirt unter dem Bett. War es wirklich so warm in seinem Zimmer oder lag es an der Aufregung, dass er so stark schwitzte?

Er riss das Fenster auf. Das hereinströmende Licht fiel direkt auf seinen Schreibtisch, auf dem ein heilloses Durcheinander herrschte: Schraubenzieher, Hämmer, Kneifzangen, Zahnräder, Fahrradteile, Dynamos, Klemmen, aufgewickelte Kabel und Teile der alten Waschmaschine, die letztes Jahr kaputtgegangen war. Kupferdrähte hingen an Haken an der Pinnwand, an der man üblicherweise To-Do-Listen und Ähnliches befestigte.

Er stand am Fenster und sog tief die frische Landluft ein, aber trotzdem kam er einfach nicht zur Ruhe. In dieser Stille lag etwas Ungewöhnliches, es war eine seltsame Stille, die man nicht stören durfte.

Es klopfte an der Tür. Es war ein leises und vorsichtiges Klopfen, aber Otto zuckte trotzdem zusammen.

»Einen Moment«, rief er und schlüpfte in ein neues T-Shirt.

Es war seine Mutter.

Sie sagte nichts.

Sie sah ihn nur mit feuchten Augen an.

Und erst in dem Moment verstand Otto, was es mit dieser Stille auf sich hatte. Er bemerkte im Hintergrund die Silhouette des Arztes, der im dunklen Flur stand und leise mit seinem Vater sprach.

Der Van aus Livorno.

»Nein!«, schrie er auf. Sein Herz begann wie verrückt zu klopfen. »Das darf nicht sein!«

Er schob seine Mutter zur Seite und stürzte zum Zimmer seines Großvaters.

18

Der letzte Gruß

Im Zimmer war es stickig und heiß. Durch die Ritzen der Läden vor den geöffneten Fenstern drang kaum ein Lufthauch.

Primo Folgore Perotti lag lang ausgestreckt auf dem Bett, bis unter die Nase mit einem Leintuch bedeckt. Auf dem Kissen wirkte sein Kopf wie eine alabasterfarbene Kugel, in der zwei kleine Augen leuchteten.

»O-Opa?«, flüsterte Otto und strich mit der Hand über den hölzernen Türpfosten. Der unebene Holzdielenboden knarrte und schien sich unter seinen Füßen zu biegen, wie eine bösartige Kreatur, die ihn zu Fall bringen wollte. »Opa?«

Der Alte antwortete nicht. Das Bett, das Zimmer, der Brustkorb seines Großvaters, alles schien stillzustehen.

Oh, nein.

Das durfte nicht sein. Nicht jetzt. Nicht nach dem, was ihm heute mit dem Fahrrad gelungen war. Er wollte es ihm unbedingt erzählen.

Nicht jetzt, dachte Otto, du schaffst das, Opa.

Er trat einen halben Schritt nach vorne und wurde vom Dunkel des Zimmers eingehüllt. Der stechende Geruch nach Desinfektionsmitteln und Medikamenten lag in der Luft, dazu der süßliche Duft von alten Menschen, die in ihrem Bett gepflegt werden.

Sein Großvater hielt die Augen starr auf die Decke geheftet. Ein unerträglicher Anblick, aber Otto versuchte sich Mut zu machen.

Er ging zum Sessel neben dem Bett und sprach ihn ein drittes Mal an. Dann dachte er: Jetzt drehst du den Kopf zu mir, nicht wahr? Du drehst den Kopf und lächelst mich an. Und ich erzähle die Geschichte vom Sprung über den Kanal.

Er war fest überzeugt, dass sein Opa es tun würde. Zwischen ihnen herrschte eine so starke Verbindung, dass sie keine Worte brauchten, um zu kommunizieren. Ein unzerreißbares Band aus verständnisvollen Blicken und wenigen, vertrauten Gesten. Und Zahlen. Und Spielen. Und Schach. Und Rätseln. Und Tieren. Und den lateinischen Namen der Pflanzen. Sie hatten unzählige gemeinsame Leidenschaften, weitergegeben vom Großvater an den Enkel, aber es gab noch so viel zu lernen.

Die Hand des Jungen legte sich behutsam, fast andächtig, auf das Leintuch.

Obwohl das Zimmer überhitzt war, überfiel ihn plötzlich ein Gefühl eisiger Leere, lähmende Kälte kroch ihm wie eine Schlange den Rücken hinab.

Er drückte leicht auf den Bettrand. »Großvater?«

Primo Folgore Perotti erwachte schlagartig, wandte den Kopf und sah seinen Enkel an.

Die eiskalte Schlange glitt zu Boden, vielleicht löste sie sich auch ganz einfach auf. Otto seufzte erleichtert. Er hatte einen Kloß im Hals und murmelte so etwas wie: »Donnerwetter, Großvater … Verdammt … Ich dachte, du …«

Statt einer Antwort lächelte der alte Mann schwach, hob die Hand und zeigte drei Finger.

»Drei?«, fragte Otto. »Drei was?«

Primo lächelte weiter. Noch zwei weitere Male hob er die Hand.

»Drei. Sechs. Neun …«

Jetzt zeigte sein Großvater vier Finger.

»Vier.«

Dann wieder drei, zwei Mal hintereinander.

Jetzt hatte Otto verstanden und lächelte ebenfalls. »Neun, vier, sechs …«, zählte er auf, »dann wieder drei, oder?«

Müde ließ der Großvater die Hand wieder sinken. Zufrieden schloss er die Augen und öffnete sie dann mühsam wieder, als würde diese einfache Geste ihn unendlich viel Kraft kosten.

Otto näherte sich dem Kopfkissen und sagte: »9463 Milliarden Kilometer pro Jahr. Lichtgeschwindigkeit. Die Geschwindigkeit der Familie Folgore.« Unser Familienname Folgore bedeutet nämlich Blitz.

Der Großvater drehte ihm wieder den Kopf zu, die Haut an seinem Hals war fast durchsichtig. Verblüfft hob er die Augenbrauen.

»Nun, zumindest eines großen Teils der Familie Folgore«, lachte Otto, der die Meinung seines Großvaters zu diesem Thema kannte.

Aber trotz dieses Lachens wollte der Kloß in seinem Hals einfach nicht verschwinden.

Primo nickte, doch dann tat er etwas sehr Eigenartiges: Er sah Otto auf eine Art und Weise an, wie er es noch nie zuvor getan hatte. Als würde er in diesen Blick all das legen, was er ihm noch nicht gesagt hatte, ihm aber gerne noch sagen wollte. Alle Antworten auf die Fragen, die Otto ihm noch nicht gestellt hatte. In Primos Erinnerung tauchte die Lorenzi-Nacht vom 10. auf den 11. August des vergangenen Jahres auf, als sie beide auf dem Hügel übernachtet hatten, um die Sternschnuppen zu zählen. Und die Bücher über Pflanzen und Tiere, mit denen sie durch die Wälder gestreift waren. Und die rationalen und irrationalen Zahlen, die Koordinaten und Entfernungen im Universum, sämtliche Nullen, die Otto sich hintereinander vorstellen konnte.

All das und noch vieles mehr zog vor seinem inneren Auge vorbei, und schließlich sagte der Großvater mit kaum hörbarer Stimme: »Öffne die Schachtel.«

Otto glaubte sich verhört zu haben. »Welche Schachtel, Opa?«, fragte er.

Aber Primo antwortete nicht.

Die Augen seines Großvaters waren erloschen, aber auf seinem Gesicht lag immer noch die Andeutung eines Lächelns.

Doch es wurde immer schwächer.

17

In der achteckigen Bibliothek

Stille.

Schritte.

Geräusche.

Stimmen.

Hinter Otto tauchten plötzlich Menschen im Dämmerlicht des Zimmers auf. Er hörte die Stimme seines Vaters Sisifo. Die Hände seiner Mutter versuchten, ihn vom Bett wegzuziehen.

»Geh zur Seite, Otto. Mach Platz. Der Arzt muss ihn untersuchen.«

Otto wich zurück. Unter seinen Fingern spürte er den glatten Samtstoff des Sessels, auf dem sein Großvater viele Stunden gesessen und gelesen hatte, so oft und so lange, dass sein Körper fast einen Abdruck hinterlassen hatte. Dann hörte er das Knarren der Tür, es war wie ein Bewegungsmelder. Er sah seine Mutter weinen. Immer wieder sagte sie: »Ich wollte nicht, dass du ihn so siehst. Ich wollte nicht … Er hat dich rufen lassen, Otto. Es tut mir so leid.«

Wie ein Roboter ging Otto in sein Zimmer zurück. Er setzte sich vor seine Projekte, sah auf die Pläne seiner selbst konstruierten Maschinen. Schob die Werkzeuge zur Seite. Hörte auf die Schritte der anderen, die sich im Haus bewegten und die Stille zerstörten.

Jetzt, dachte er, jetzt ist es passiert. Mein Großvater ist tot.

Die Uhr zeigte 14:41 Uhr.

»Ticktack«, murmelte Otto und musste lächeln.

14:41 war eine besondere Zahlenkombination. Man konnte sie von beiden Seiten lesen. Ein Palindrom.

Wie immer hatte sein Opa recht gehabt: Auch die größten Geheimnisse sind im Grunde nichts als Zahlen.

Dann begannen die Zahlen der digitalen Uhr immer schneller zu laufen. Otto hätte sich am liebsten in sein Zimmer eingeschlossen, wie einen Gegenstand, den man dort abgelegt und einfach vergessen hatte. Wie gern hätte er geweint, aber dafür war keine Zeit. In der Villa Folgore herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, es gelang ihm einfach nicht zu trauern.

Verwandte, Freunde und viele Unbekannte kamen ins Haus. Sie alle kamen, um seinem Großvater die letzte Ehre zu erweisen. Warum war es nur so wichtig, sich von jemandem zu verabschieden, der gar nicht mehr am Leben war?

Otto lag angezogen auf seinem Bett und hörte die Autos ankommen, er hörte die Gespräche der Trauergäste, die den schmalen Weg zum Haus hinaufschritten. Die üblichen Worte, die üblichen Sätze.

»Wie ist es passiert?«

»War er schon länger krank?«

»Er hatte doch eine eiserne Gesundheit.«

»Ein brillanter Kopf!«

»Er hatte ja ein stolzes Alter erreicht!«

»Professor Folgore Perotti! Ich weiß noch, damals, als ich mit ihm auf der Uni war …«

Mit diesen Stimmen im Ohr schlief Otto immer wieder ein und erwachte dann, ohne sich wirklich darüber im Klaren zu sein, was davon Traum und was Realität war. Es gab Phasen, in denen er überglücklich und fest davon überzeugt war, dass sein Großvater noch am Leben war, dass er sich das alles nur eingebildet hatte. Aber sobald er das Zimmer verließ und das Stimmengewirr der Menschen hörte, die ins Haus kamen und es wieder verließen, verschwand jede Illusion. Im großen Salon, wo Otto immer mit seinem Großvater Schach gespielt hatte, stand der offene Sarg.

Auf dem Schachbrett des Lebens gibt es kein Remis. Entweder ich gewinne oder du. Und auch wenn du den ersten Zug machst, wirst du am Ende nicht gewinnen.

Als er seinen Zufluchtsort verließ, trug Otto den Anzug, den seine Mutter ihm für die Totenwache herausgelegt hatte. Es wimmelte von festlich gekleideten Männern und Frauen, einige standen auf der Treppe, andere saßen auf Bänken und Stühlen im Garten, wo sonst nie jemand saß, und wieder andere schlenderten durch die Räume neben dem Zimmer seines Großvaters.

Wer waren all diese Menschen?

Otto vermied jeden Kontakt mit ihnen. Wie ein Schatten glitt er durch den mit dunklem Nussbaumholz verkleideten Flur und schlüpfte in den hintersten Raum des ersten Stocks, die achteckige Bibliothek der Villa Folgore. Er hoffte, dass dort niemand sein würde.

Die Bibliothek war ein außergewöhnlicher Raum: Es gab fast keine rechtwinklig ausgerichteten Wände, dafür aber viele Ecken und Nischen, in die maßgefertigte Bücherregale eingepasst waren. In der Mitte des Raumes stand ein riesiger Schreibtisch, und an der Wand dahinter befand sich ein Kamin. Auf dem Rauchfang waren wieder die beiden verschnörkelten »A« mit dem feuerroten Blitz in der Mitte zu sehen, die Initialen von Ottos Familie. Von einem bauchig vergitterten Erkerfenster aus konnte man in die Ebene hinunterblicken. Davor befand sich eine Holzbank mit samtbezogenen Sitzkissen.

In der Bibliothek fühlte man sich wie auf dem Deck eines Schiffes, es war ein Leichtes, das Zeitgefühl zu verlieren und den ganzen Nachmittag mit Lesen und Träumen zu verbringen.

Als er die Bibliothek betrat, musste er zu seiner großen Enttäuschung feststellen, dass er nicht allein war. Ein Mann stand mit dem Rücken zu ihm am Kamin und betrachtete die beiden Initialen und das darüber hängende Ölgemälde.

Otto biss sich auf die Lippen. Er kannte den Mann, er hatte ihn schon durch das Haus streifen sehen. Und er hatte das Gefühl, dass sein Großvater ihn gehasst hatte. Was hatte er hier zu suchen?

Otto erinnerte sich sogar an seinen Namen: Er hieß Conte Liguana und stammte aus einer alten italienischen Adelsfamilie.

Die Gestalt des Conte wurde von dem durch das Erkerfenster fallende Licht matt beleuchtet, er war groß gewachsen und von elegantem Aussehen. Seine grau melierten Haare hatte er mit Pomade straff nach hinten gekämmt, wodurch sein wie in Stein gemeißeltes Gesicht mit dem eckigen Kinn und der Adlernase noch mehr betont wurde. Niemand wusste genau, womit er sein Geld verdiente, aber jeder wusste, dass er unermesslich reich war.

Otto hätte am liebsten wieder kehrtgemacht, noch bevor der Conte ihn bemerkte, doch in der Art und Weise, wie er alles anstarrte, lag eine solche Gier, dass in Otto das Gefühl geweckt wurde, er müsse den Familienbesitz beschützen. Deshalb schloss er betont laut die Tür hinter sich, was den Conte herumfahren ließ.

Seine Augenbrauen hoben sich, und sein Gesicht nahm einen arroganten Ausdruck an: »Ach, du bist es, Perotti junior. Ich habe dich gar nicht kommen hören, mein Kleiner. Es tut mir sehr leid um deinen Großvater.«

Verdammter Lügner, dachte Otto.

Conte Liguana richtete den Blick erneut auf das Bild über dem Kamin und sagte: »Ich nehme an, du bist sehr traurig. Wenn du möchtest, können wir miteinander reden.«

Worüber?, fragte sich Otto. Ohne ein weiteres Wort ging er zu dem hölzernen Globus in einer Ecke des Raumes hinüber und begann ihn zu drehen.

Ssrrr …

Ssrrr …

Ssrrr …

»Hat er es dir schon gegeben?«

»Was, bitte?«

Der Conte lächelte. »Ich dachte, du hättest es bekommen.«

»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen, mein Herr«, antwortete Otto höflich.

Der Conte machte eine vage Geste mit der Hand. »Ich vergaß. Vielleicht bist du für gewisse Dinge noch etwas zu jung.«

»Ich bin dreizehn Jahre alt, fast schon vierzehn«, stellte Otto klar.

»Genau. Das meinte ich doch: zu jung. Obwohl …« Otto konzentrierte sich wieder auf den rotierenden Globus, das Schweigen des Conte irritierte ihn. »Obwohl … So wie dein Großvater von dir sprach …, scheinst du ein echter Folgore Perotti zu sein …« Der Conte ahmte mit der Hand ein springendes Pferd nach. »In der Familie Folgore wird immer eine Generation übersprungen. So sagte er immer. Hopp! Sie verschwindet … und dann … Hopp! Kommt sie wieder zurück!«

Otto spürte Wut in sich aufsteigen – warum, wusste er selbst nicht so genau, aber er schwieg. Conte Liguana ging auf den Jungen zu, die Bücherregale würdigte er keines Blickes. »Vielleicht war es dieses Mal aber nicht so? Vielleicht hat er nicht genug Vertrauen in dich gehabt und dir das Familiengeheimnis nicht anvertraut?«, insistierte er, die Lippen zu einem hinterhältigen Grinsen verzogen.

Öffne die Schachtel, kam es Otto in den Sinn. Dieser Gedanke machte ihn unsicher, er wandte den Kopf ab und wiederholte trotzig: »Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen, mein Herr. Aber ich denke, mein Großvater wird gute Gründe gehabt haben.«

»Sicher, sicher …«, erwiderte der Conte süffisant lächelnd, dabei ließ er mit dem langen Nagel seines Zeigefingers den Globus kreisen. »Gute Gründe … und gute Anweisungen …«

An der Tür war jetzt ein Geräusch zu hören, dann öffnete sie sich erneut. Ein ungewöhnlich großer, glatzköpfiger Mann tauchte auf, ganz in Schwarz gekleidet, die Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen. Er sagte: »Der Wagen steht bereit, gnädiger Herr.«

Der Conte nickte. »Danke, Calibano.« Er nahm den Zeigefinger vom Globus und setzte ihn wie einen Revolverlauf auf Ottos Stirn. »Ruf mich an, wenn sich etwas Neues ergibt«, zischte er und wandte sich zum Gehen. Seine Absätze klapperten auf dem Boden. »Wir sehen uns, mein Kleiner.«

Otto blieb regungslos neben dem Globus stehen, sein Herz klopfte bis zum Hals. Er wartete, bis er allein war, dann schlug er mit der flachen Hand gegen das Bücherregal neben sich und fluchte: »Ein verdammtes, arrogantes, aufgeblasenes Arschloch, das bist du und nichts anderes!«

Er ließ sich auf das Ledersofa fallen. Jetzt brachen alle Dämme, Tränen strömten über sein Gesicht.

Er weinte lange.

16

Die Schachtel

Drei Tage.

Die folgenden drei Tage verbrachte Otto wie im Schwebezustand. Die Leere, die der Tod seines Großvaters hinterlassen hatte, ließ ihn nicht los. Es gab nichts, was ihn hätte ängstigen können und nichts, was ihn interessierte. Sogar seine Verfolger auf ihren Mofas ließen ihn in Frieden, als hätten sie verstanden, dass er eine Schonfrist brauchte.

Auf seinem quietschenden und rasselnden Fahrrad fuhr Otto von zu Hause in die Schule und von der Schule zurück nach Hause, ohne dass es jemand wagte, sich ihm zu nähern. Niemand fragte, niemand sprach ihn an. Alles ging an ihm vorbei.

Nachts träumte er von seinem Großvater, frühmorgens schreckte er aus dem Schlaf, die Worte des Conte in den Ohren.

Mindestens dreißig Mal hatte er in der Bibliothek nachgesehen, ob auch ja nichts fehlte.

Im Garten betrachtete er die Eidechsen, die sich auf den Mauern sonnten.

Fünf Tage nach der Beerdigung kam der Anwalt seines Großvaters mit der Vespa angefahren. Er war um die dreißig, seine Haare waren vom Helm ganz platt gedrückt, und er hatte eine große lederne Umhängetasche bei sich. Er kam gleich zur Sache. »Du musst Otto sein …«, begrüßte er ihn herzlich und bockte die Vespa auf.

»Und Sie Avvocato Ranieri …«, antwortete der Junge und sah erst den Anwalt an und dann die Vespa. Sie war nicht gerade das allerneueste Modell.

»Eine alte Kiste aus den Siebzigern, mein Vater ist schon damit gefahren«, erzählte der Anwalt, »aber jeder hat eben so seine Leidenschaften, nicht wahr?«

»Ich finde sie toll«, gestand Otto, der mit Expertenblick die gedrungene Form des Rollers und die 5-Gang-Handschaltung in Augenschein nahm. Für ihn war völlig klar, warum sein Großvater diesen Anwalt genommen hatte.

»Magst du Vespas?«

»Ehrlich gesagt, ja«, antwortete Otto, »mich interessiert alles, was einen Motor hat.«

»Wenn du Lust hast, können wir gerne mal eine Runde drehen.«

Otto kratzte sich am Kopf. »Lieber nicht, ich glaube, meine Mutter wäre nicht so begeistert …«

Und vor allem kann ich meinen Großvater nicht mehr um Erlaubnis bitten, fügte er in Gedanken hinzu.

Sie gingen in die achteckige Bibliothek, wo sie auf Ottos Eltern trafen. Seine Mutter Carlotta war stark geschminkt, aber nicht stark genug, um ihr trauriges Gesicht zu verbergen. Sein Vater Sisifo sah aus wie aus dem Ei gepellt, als käme er direkt aus dem Büro (wer weiß, vielleicht war es ja auch so): blauer Anzug, gelb getupfte Krawatte. Als wollte er den Anwalt fragen, welche Banktransaktion denn geplant sei.

Sie nahmen Platz, und Carlotta brachte ein Tablett mit Gläsern und einer Karaffe Eistee herein.

»Es tut mir sehr leid, dass der Grund meines Kommens ein so trauriger ist«, begann der Anwalt, nachdem er einen Schluck Eistee getrunken hatte, »noch dazu in diesem wunderbaren altehrwürdigen Haus. Aber das ist nun mal mein Job, und deshalb …«

Er öffnete die Tasche.

Carlotta sah erst ihren Mann, dann ihren Sohn an: »Otto, vielleicht wäre es besser, wenn du …«

»Nein«, schaltete sich Ranieri ein, »ich denke, es ist besser, wenn der Junge hierbleibt. Das war der Wunsch seines Großvaters.« Dann zog er ein Bündel versiegelter Umschläge heraus, öffnete einen davon mit dem Brieföffner, der neben ihm auf dem Tisch lag, und zog zwei maschinengeschriebene Blätter heraus.

Otto hatte seinen Vater bis zu diesem Tag noch nie weinen sehen, aber jetzt hatte er den Eindruck, dass Sisifos Augen feucht waren. Mit seinem aufmerksamen Blick hatte er die Handschrift auf dem Umschlag und die Type der Schreibmaschine erkannt. Eine Olivetti aus dem Jahre 1978, die einzige Schreibmaschine, die sein Großvater je benutzt hatte und die jetzt neben ihnen auf dem Schreibtisch stand.

Ranieri räusperte sich. Dann holte er tief Atem und begann mit respektvoller Stimme den letzten Willen von Primo Folgore Perotti vorzulesen.

»Meine lieben Kinder … Wenn ihr diese Worte aus dem Mund von Avvocato Ranieri hört, dann bedeutet das, dass ich nicht mehr unter euch weile.«

Sisifo lächelte in sich hinein und kaute an den Fingernägeln. Carlotta saß auf der äußersten Kante ihres Stuhles und beugte sich mit vor der Brust verschränkten Armen nach vorne.

»Verlieren wir also keine Zeit. Du, meine liebe Carlotta, solltest endlich mal damit aufhören, so verkrampft auf der Stuhlkante zu sitzen, früher oder später wirst du den Bezug ruiniert haben.«

Carlotta zuckte zusammen: »Aber wie …?«

»Was dich betrifft, mein lieber Sohn, spucke doch bitte die Nagelhaut aus, auf der du mit Sicherheit herumkaust. Entspanne dich, es gibt keine Überraschungen, ihr beide seid meine Universalerben, ihr erbt alle meine Besitztümer, inklusive der Villa Folgore.«

Auch Sisifo zuckte zusammen, dann lehnte er sich im Stuhl zurück. Otto lächelte: Sein Opa hatte die beiden wirklich in- und auswendig gekannt!

»Alle meine Besitztümer, bis auf eins …«, las der Anwalt weiter und ließ sie erneut zusammenzucken, »das ich meinem Enkel vermache.«

Ranieri kramte in der Tasche und zog eine Pappschachtel heraus, die mit einer Schnur und einem roten Wachssiegel verschlossen war, auf dem die Buchstaben »PFP« zu sehen waren. An der Schnur hing noch ein Brief, ebenfalls versiegelt.

Sobald Otto die Schachtel sah, überlief ihn ein Schauder. Öffne die Schachtel, hatte der Großvater gesagt, kurz bevor er starb. Als er die Hand danach ausstreckte, kamen ihm die Worte des Conte Liguana in den Sinn.

Hat er es dir schon gegeben?

Vielleicht bist du für gewisse Dinge noch etwas zu jung.

Vielleicht hat er nicht genug Vertrauen in dich gehabt?

Die Schachtel war federleicht, so als ob sie leer wäre. Als Otto sie auf den Schoß nahm, kam es ihm vor, als wäre es ein Vogeljunges in seinem Nest.

»Wer weiß, was Opa dir hinterlassen hat«, murmelte Carlotta und strich ihm sanft über den Rücken. »Möchtest du es öffnen?«

Otto schüttelte den Kopf. Er würde die Schachtel erst in seinem Zimmer aufmachen, wenn er alleine wäre.

Eine Weile machte sich Stille breit, dann fuhr der Anwalt fort: »Mehr gibt es nicht. Außer … einer Art testamentarischer Bedingung.«

»Eine testamentarische Bedingung?«, fragte Sisifo leicht alarmiert. Er fürchtete wohl, dass Teile des letzten Willens seines Vaters üble Überraschungen bereithalten könnten.

»Nichts Beunruhigendes, Herr Perotti. Ihr Vater hat verfügt, dass keines der Erbstücke verkauft oder verschenkt werden darf, auch nichts aus der Bibliothek und keinesfalls die Schachtel, die ich Otto gerade übergeben habe. An keinen Fremden. Auf gar keinen Fall.«

Sisifo und Carlotta nickten, und Otto spürte, wie es ihm leichter ums Herz wurde.

Dann galt es noch rasch die Formalitäten zu erledigen: Stempel und Unterschriften, die später vor einem Notar geleistet werden mussten, so verlangte es das Gesetz. Dann bat Otto um Erlaubnis, auf sein Zimmer gehen zu dürfen. Er schloss die Tür hinter sich, drehte den Schlüssel um und setzte sich an seinen mit Ersatzteilen und Werkzeugen überhäuften Tisch. Er griff nach der Schere und durchtrennte die Schnur. Dann nahm er ein kleines Messer und löste das Siegel, ganz vorsichtig, damit es nicht beschädigt wurde. Als er den Deckel der harmlos wirkenden Schachtel hochhob, hielt er den Atem an. Zum Vorschein kam ein mysteriöser dunkelgrüner Gegenstand, der entfernt an oxidiertes Silber erinnerte.

Es war ein Ikosaeder.

Sein Großvater hatte ihm einen der fünf platonischen Körper hinterlassen, ein Polyeder, also ein Vieleck, mit zwanzig gleichseitigen Dreiecken als Flächen.

»Hundertzwanzig Symmetrien, sechzig Drehachsen …«, murmelte Otto und drehte das Ikosaeder so, dass Licht auf die einzelnen dreieckigen Flächen fiel. Auf jeder Fläche waren Zahlen eingraviert, wie bei einem Würfel.

»Was für eine Teufelei ist das denn?«, murmelte Otto und drehte das Ikosaeder weiter. Er war völlig fasziniert. Dann ging er zu dem weit geöffneten Fenster, sah hinaus und sagte leise: »Du amüsierst dich köstlich, oder?«

Obwohl er nie an die Existenz Gottes oder des Jenseits geglaubt hatte, war Otto sicher: Sein Opa war ganz in der Nähe und hatte ein diebisches Vergnügen an der Situation.

15

Briefe aus der Vergangenheit

Ich verstehe gar nichts …«, sagte Otto laut.

Dann legte er das Ikosaeder auf den Tisch und widmete sich dem versiegelten Brief. Dieses Mal benutzte er die Schere als Brieföffner und riss den Umschlag auf. Er zog ein dreimal gefaltetes Blatt Papier heraus, klappte es auf und las:

Villa Folgore, Pisa, 12:21 Uhr

Mein lieber Otto,

ich weiß, dass du mich genauso gernhast, wie ich dich, aber weine nicht. Ich bitte dich darum. Ich schreibe dir, um mit dir wichtige Dinge zu erörtern, und das kann ich nicht, wenn ich mir vorstelle, dass der Leser dieses Briefes ein Junge ist, der Tränen in den Augen hat. Mein Leser muss ein Mann sein, und ich bin sicher, dass du ein besserer Mann sein kannst als viele andere. Das Alter spielt dabei keine Rolle, das ist nur eine Zahl, auf die es nicht ankommt.

Wenn du älter wirst, fallen dir all die Dinge wieder ein, die du nicht verwirklichen konntest, die Träume der Jugend, die sich im Laufe der Jahre leider immer mehr verlieren. Ich schreibe das nicht als fürsorglicher, langweiliger Opa, sondern weil ich dir vor Augen halten möchte, dass die ...

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