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Cupido Darts – Sein perfekter Mann

Kapitel 1

Er kommt.

Immer.

Irgendwann.

Der Moment, in dem man sein komplettes Leben in Frage stellt, man sich fragt, ob es das ist, was man sich erhofft und erträumt hat. Man beginnt zu zweifeln, diverse Entscheidungen zu hinterfragen, und plötzlich ist all das, was bis dato so perfekt erschien, nur noch eine tolerierte Normalität: etwas, das man trotz aller Widrigkeiten nicht missen möchte. Obwohl die Träume einer nach dem anderen verblassen und die Realität einen fast brutal auf die Beine holt – man hört einfach nicht auf, an das Gute zu glauben. Daran, dass alles so ist, wie es vorherbestimmt wurde, und doch hadert man mit dem Schicksal. Die Zweifel nehmen überhand, vermutlich geboren aus einer tief sitzenden Angst: der Angst vor Einsamkeit.

Dylan Sanders weiß, wie es sich anfühlt, allein zu sein. Keine Eltern zu haben, da sich diese lieber mit Alkohol und Drogen zudröhnten, statt für ihren kleinen Sohn da zu sein. Durch irgendeine Babyklappe geschoben zu werden war wohl das Beste, was ihm hatte passieren können, und so hatte er das, was sich im Allgemeinen Eltern nennt, nie kennen gelernt.

Bis zu seinem achtzehnten Geburtstag war sein Leben ziemlich durchwachsen gewesen. Nach Zwischenstopps in Waisenhäusern, Heimen und drei Pflegefamilien kam er endlich zur Ruhe – in einer betreuten Wohngemeinschaft, wo er sich zum ersten Mal frei und akzeptiert fühlte und dadurch sogar einen Einstieg ins Berufsleben geschafft hatte. Dylan sprach allerdings nicht gern über diese Jahre, verdrängte sie vollständig aus seinen Gedanken.

Heute – mit dreiundzwanzig – saß er nun in seiner eigenen Wohnung, und neben ihm der Mann der dafür verantwortlich war, dass er plötzlich begann, den Sinn seines Lebens in Frage zu stellen: Marvin. Schon allein die Tatsache, dass er seit einer geschlagenen Stunde kein einziges Wort mit ihm gewechselt hatte, war ein Indiz dafür, dass er möglicherweise doch nicht das war, wofür er ihn in den vergangenen drei Jahre gehalten hatte: Der perfekte Mann.

Aber warum? Was war passiert, und vor allem wann hatte es begonnen? Marvin und er waren ein Herz und eine Seele gewesen. Sie ergänzten einander, waren zwei Teile eines Ganzen, und die sexuelle Anziehung war dermaßen intensiv, dass sie tage- und natürlich auch nächtelang kaum aus dem Bett gekommen waren. Was nicht heißen sollte, dass diverse Möbelstücke, Arbeitsflächen, Wände und etliche andere Orte seiner Wohnung von ihren Sexabenteuern verschont blieben.

Marvin war Dylans Traummann. Definitiv. Nicht nur der phänomenale Sex machte ihn für Dylan so perfekt. Da war diese unendliche Zärtlichkeit, dieses unwiderstehliche, warme Glühen in seinen blauen Augen, das blinde Verstehen, ein zwischenmenschliches Verhältnis, wie es inniger nicht hätte sein können. Und was hatten die beiden miteinander gelacht! Sich geneckt, bis zur Schnappatmung gekitzelt, um hinterher schmusend in die Couchkissen zu sinken.

Wehmütig dachte Dylan an diese himmlische Zeit zurück und runzelte angestrengt die Stirn, als er nach dem Auslöser suchte, der alles verändert hatte. Dann fiel es ihm wieder ein. Der Niedergang ihrer vermeintlich perfekten Partnerschaft fing damit an, dass Marvin die berufliche Karriereleiter steil nach oben kletterte und gleichzeitig begonnen hatte, sich auf eine sehr boshafte Art und Weise über Dylans Job lustig zu machen. Ab diesem Moment – etwa vor einem halben Jahr – begann Dylan, sich innerhalb der Beziehung unbehaglich zu fühlen. Marvins Auslandsaufenthalte häuften sich, während das beidseitige Interesse an sexuellen Begegnungen zusehends sank. Je intensiver sich Marvin in seinem Beruf engagierte, desto mehr flachte das liebevolle Miteinander ab. Je strahlender Marvin in die internationale High Society eintauchte, desto einsamer gestalteten sich Dylans Abende, die er allein auf seiner Couch verbrachte. Und je mehr Marvin sein neues Leben genoss, desto hartnäckiger wurden Dylans Zweifel. Er stumpfte immer mehr ab, und obwohl er Marvin nach wie vor von ganzem Herzen liebte, ging sein Verdacht in eine ganz bestimmte Richtung: Er war wohl nichts anderes als ein Mittel zum Zweck gewesen, fühlte sich ausgenutzt, geduldet. Natürlich war er stolz auf Marvins beruflichen Erfolg, aber es wäre auch schön gewesen, ihn gemeinsam zu feiern, zumal Dylan nicht unerheblich dazu beigetragen hatte. Obgleich er das Gefühl hatte, nur noch aus Bequemlichkeit Marvins Partner sein zu dürfen, war da noch immer dieses warme Glimmen in Marvins Augen. Genauso wie die sanften Berührungen und gehauchten Liebesbekundungen – diese Widersprüche verwirrten Dylan. Er wusste, dass die zweieinhalb Jahre keine Lüge gewesen waren, aber dann nahm das traurige Spiel seinen Lauf – aus anfänglichem Verliebtsein wurde Liebe, die sich wieder auf – wie es schien einseitiges – Verliebtsein reduzierte und schließlich ein flaues, befremdendes Gefühl hinterließ. Back to the roots …

Wie auch immer – Marvin hatte die vergangenen zwei Wochen dienstlich im Ausland verbringen müssen. Irgendein Fortbildungsseminar, ein Workshop oder ein Kurs – verdammt, Dylan wusste es nicht einmal genau, was ihm auch ein wenig zu denken gab. Während der letzten ein, zwei Monate hatte sich definitiv etwas zwischen ihnen geändert. Das glühende Feuer der Leidenschaft war einer gemütlich schwelenden, aber doch stets vorhandenen Glut gewichen, und dennoch hatte er sich auf Marvins Rückkehr gefreut. Vielleicht auch deshalb, weil man Trennungsphasen nachsagte, dass sie frischen Wind in eine etwas abgekühlte Beziehung bringen.

Seiner Wiedersehensfreude entsprang ein romantisches Candlelight-Dinner mit allem Drum und Dran. Erstaunlicherweise hatte er sogar selbst ein Essen zustande gebracht, und wie dankte Marvin es ihm? Erst ein kurzer, viel zu harmloser Begrüßungskuss, danach das Essen, und jetzt fläzte er zufrieden, aber leicht angespannt auf der Couch, rieb sich grunzend über den gesättigten Bauch und schenkte seine volle Aufmerksamkeit lieber irgendeinem drittklassigen Krimi statt Dylan – seinem Partner, Lebensgefährten, Freund, oder was auch immer er in ihm sah.

Kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag hatte Dylan realisiert, dass er sich ausschließlich für das gleiche Geschlecht interessierte. Bis dahin hatte es keine einzige wie auch immer geartete sexuelle Begegnung mit einem Mädchen gegeben, weil er einfach kein Bedürfnis danach hatte, sie zu berühren. Genauso wenig, wie von ihnen berührt zu werden. Schon allein der Gedanke hatte ihn von Anfang an eher angewidert, und das hatte ihm eindrucksvoll bewiesen, dass er anders tickte.

Die meisten Jungs in seinem Alter scharwenzelten den lieben langen Tag um die kichernden Mädchen herum, guckten in unbedachten Momenten verschlagen grinsend unter zu kurze Röcke und fassten den Mädels mit unschuldigem Augenaufschlag an den Po. Doch er ging lieber laufen oder verbrachte auf eine andere Art und Weise seine Freizeit in der Natur. Ganz egal, wie heiß, sexy, bezaubernd, hinreißend oder faszinierend die weibliche Spezies auch aufgetreten war – es hatte ihn nicht interessiert.

Vielmehr war es der etwas ältere Sohn seiner damaligen Nachbarn, der mehr als eindeutige Gefühle in Dylan erweckt hatte. Gefühle, die ihm endlich erklärten, warum er mit Frauen nichts anzufangen wusste, und Gefühle, die ihn anfangs leicht schockiert hatten. Sehr schnell fand er sich allerdings damit ab und machte keinen Hehl daraus, schwul zu sein. Vor niemandem, denn da war niemand, dem er eine Rechenschaft schuldig war. Wem es nicht passte, der sollte eben bleiben, wo der Pfeffer wächst. Einfaches Prinzip, groß in der Wirkung.

Natürlich war das nicht immer so glatt gelaufen. Ab und an gab es schon mal eins auf die Fresse – auf seine, wie auch auf jene seines Gegenübers, aber kleine Prügeleien störten ihn nicht, ganz im Gegenteil. Sie dienten dem Aggressionsabbau. Trotz all der anfänglichen Unstimmigkeiten kam er schließlich ganz gut mit seiner Homosexualität klar, und je länger seine Umwelt Bescheid wusste, desto mehr verblassten die mitunter angewiderten Grimassen. Mit der sinkenden Ablehnung und Skepsis stieg die Sympathie für ihn, und irgendwann war der Tag gekommen, an dem er so akzeptiert wurde, wie er eben bis heute ist. Schwul, aber andererseits auch sehr loyal, hilfsbereit, sanftmütig und bis zur Schädeldecke mit schwarzem Humor gefüllt.

Auf den ersten Blick schien das Wörtchen sanftmütig so gar nicht zu ihm zu passen. Sein schwarzes, von Natur aus hoffnungslos chaotisches Haar, der silberne Ring in seiner Augenbraue sowie seine Tattoos machten wohl einen typischen Bad Boy aus ihm. Doch das war er nicht. Ganz und gar nicht. All das gehörte einfach zu Dylan, entstammte einer Art Sturm- und-Drang-Phase, die er zwischen seinem neunzehnten und zwanzigsten Geburtstag durchlebt hatte. Beinahe Tag und Nacht war er irgendeiner Beschäftigung nachgegangen. Bis auf seinen Körper zu prostituieren hatte er so ziemlich alles gemacht. Vom Tellerwäscher über Zeitungsausträger bis hin zum Hundesitter. Nichts war ihm zu schlecht oder unwürdig gewesen, denn er hatte dringend Kohle benötigt, die zu einem großen Teil in die Kasse des Tätowierers seines Herzens gesickert war.

Großer Gott, war er in diesen Typen verliebt gewesen! Spider. Natürlich durch und durch hetero, aber so unfassbar scharf, dass Dylan in seiner Gegenwart permanent gegen Herzrasen und Schweißausbrüche ankämpfen musste. Ständig hatte Spider seine Nadeln verstummen lassen, weil er befürchtet hatte, Dylan würde augenblicklich in Ohnmacht fallen, dabei waren seine Zustände ganz anderer Natur.

Spider wusste bis heute nicht, was er damals für ihn empfunden hatte. Wozu denn auch? Monica, Spiders geliebte Ehefrau, jobbte ebenfalls in seinem Studio. In ihren Aufgabenbereich fiel das Stechen sämtlicher Piercings, auch jenes, das in seiner Augenbraue funkelte, und Dylan war von Anfang an klar, dass er niemals eine Chance bei Spider haben würde. Dennoch hatte er sich so wahnsinnig wohl in seiner Nähe gefühlt. Seine bloße Anwesenheit löste ein Ganzkörperkribbeln in ihm aus und machte ihn so verdammt … lebendig. Dylan liebte es, ihn anzusehen, fand das Spiel seiner Muskeln während des Stechens so unverschämt heiß. Die schmale Furche zwischen seinen Augenbrauen, die sich bildete, wenn er sich hochkonzentriert seiner Arbeit widmete, war schlichtweg anbetungswürdig. Aber es sollte eben nicht sein. Spider war keiner von denen, die mal eben so von hetero auf homo umsatteln und rein zufällig bereit waren, latente bisexuelle Neigungen auszutesten.

Also überließ er Spider und Monica ihrem Liebesglück und fing von vorne an … mit einem wunderschön gestochenen chinesischen Schriftzeichen unter dem linken Ohr und einem sehr plastischen, sich windenden Schlangenskelett vom Kreuz bis zum Nacken. Dieses war wiederum in ein tiefschwarzes Tribal eingearbeitet, das seinen oberen Rücken bedeckte, über die Schultern verlief und erst unter seinen Brustmuskeln endete. Der Rest seines Brustkorbes und Bauches blieb von der schwarzen Tinte unberührt und stellte somit sein klar definiertes, aber nicht übertrieben ausgeprägtes Sixpack zur Schau. Zugegeben – er war stolz auf seinen Körper und fuhr ein klitzekleines bisschen auf seine Muskeln ab, zumal sie nicht in einem stickigen Fitness-Studio entstanden waren, sondern ausschließlich in der freien Natur. Beim Laufen, als Folge von Sit-Ups und Liegestützen auf grünen Wiesen oder Klimmzügen an widerstandsfähigen Ästen. Gesund, effektiv und vor allem kostenlos. Also, wie schon gesagt, er war gewiss nicht der Prototyp, über den man das Wort ‚sanftmütig‘ definieren könnte, aber wie heißt es nicht immer so schön? Don’t judge a book by it’s cover …

Nachdem Dylans Gedanken wieder in der Gegenwart angekommen waren, besann er sich erneut jenes Mannes, der nach wie vor schweigend neben ihm saß und seinen Blick starr auf den Fernseher gerichtet hielt. Irgendetwas war anders, er konnte es spüren. Eine merkwürdig fremde Aura schien Marvin zu umgeben. Er wirkte auf eine äußerst besorgniserregende Art und Weise distanziert und unnahbar. Außerdem blieb Dylan keineswegs verborgen, dass er es tunlichst vermied, ihn zu berühren.

Nachdenklich drehte Dylan seinen Kopf zur Seite und betrachtete das unfassbar schöne Profil seines Freundes. Marvin war tatsächlich das, was er unter einer ‚klassischen Schönheit‘ verstand: Dunkelblondes, modisch geschnittenes Haar, tiefblaue und permanent funkelnde Augen, absolut ebenmäßige Gesichtszüge und ein Körper zum Niederknien. Das Sinnbild eines perfekten Mannes, aber …

„Was glotzt du denn so?“ Der Inhalt des kurzen Satzes war schroff, doch Marvins Stimme klang sanft und amüsiert.

„Keine Ahnung.“, gab Dylan leicht mürrisch zurück. Echt dämlich, denn natürlich wusste er nur zu genau, was gerade in ihm vor sich ging. Also, raus damit. „Vielleicht glotze ich deshalb so, weil ich mir diesen Abend nach den langen zwei Wochen anders vorgestellt habe?“ Nun bewegte sich Marvin doch, wandte ihm seinen Oberkörper zu und schickte ein besänftigendes Lächeln auf seine sinnlich geschwungenen Lippen.

„Aber warum denn?“ Liebevoll strich er eine tiefschwarze Strähne aus Dylans Stirn. „Dein Empfang war der Wahnsinn, Süßer.“ Seit wann nennt er mich ‚Süßer‘? Komisch. „Du hast fabelhaft gekocht, aber nun bin ich eben müde und voll gefressen und würde ganz gern diesen Film anschauen. Ist das ein Problem für dich?“

Dylan schnaubte, wandte den Blick von ihm ab, lehnte sich zurück und schloss seine Augen. „Eigentlich hätte ich erwartet, dass du ein wenig von den vergangenen zwei Wochen erzählst. Was du in deiner vermutlich recht spärlichen Freizeit getrieben hast, oder …“, seine Lider schoben sich wieder hoch, er setzte sich auf und blinzelte ihn leicht verlegen an. „Vielleicht hätte ich auch gern gehört, dass du mich vermisst oder wenigstens vor dem Einschlafen an mich gedacht hast.“

Marvin seufzte und schüttelte den Kopf, als wäre Dylan ein Kind, dem er leider Gottes einen Keks verweigern und diese Maßnahme nun erklären müsste. „Dylan, Süßer.“ Dieses ‚Süßer’ gefiel ihm nicht. Es passte weder zu Marvin, noch zu ihm selbst. „Natürlich hab ich dich vermisst, und natürlich hab ich vor dem Einschlafen an dich gedacht. Immer.“ Schon klar. Nun schmierte er ihm also Honig ums Maul. So wie immer, wenn Dylan etwas ganz Bestimmtes hören wollte, das nicht ohne Anstoß über Marvins Lippen gekommen wäre.

Ein herzhaftes Gähnen unterstrich Marvins erzwungenen Kommentar und verdeutlichte ihm nur noch mehr, wie wenig Ernsthaftigkeit hinter seinen Worten steckte. Dann sollte er es eben bleiben lassen, zur Hölle noch mal. Er war nicht angewiesen auf diese emotionalen Almosen, die konnte er ruhig behalten. Und außerdem …

„Wann bist du eigentlich so oberflächlich geworden?“, platzte es aus Dylan hervor, noch ehe er den Satz überhaupt zu Ende gedacht hatte. Kaum hatte sich Marvins Mund nach dem Gähnen geschlossen, klappte er auch schon wieder auf. Langsam drehte er sich zu ihm und starrte ihn teils ungläubig, teils fassungslos an.

„Wie bitte? Was genau willst du mir damit sagen?“

Okay. Möglicherweise war er gerade zu weit gegangen, aber gesagt ist gesagt. Abgesehen davon driftete diese Beziehung in eine Richtung, die Dylan ohnehin nicht behagte. Besser, sie beendeten sie jetzt, als … meine Güte! Beenden?

Dylan richtete sich auf, schluckte und wischte sich ein paar verirrte Strähnen aus der Stirn, inklusive jener, die Marvin eben erst zurückgestrichen hatte. „Findest du das gut hier?“

Stirnrunzelnd sah Marvin ihn an. „Was meinst du?“

„Na, uns.“ Er fuchtelte fahrig zwischen ihren beiden Oberkörpern hin und her. „Du bist zwei Wochen weg und findest es nicht der Mühe wert, mir davon zu erzählen. Kein Sterbenswörtchen darüber, was du gemacht hast, wie es dir gefallen hat, was die Clubs dort zu bieten haben, ob du vielleicht jemanden kennen ge…“ Der Rest des Wortes blieb Dylan im Halse stecken, denn Marvin war tatsächlich merkbar zusammengezuckt. Mittlerweile hatte er seinen Blick gesenkt, seine Wangen zierte eine verräterische Röte.

Schlagartig wurde Dylan etwas Grausames bewusst: Marvin hatte ihn betrogen. Ihn beschissen, hintergangen, ihm Hörner aufgesetzt. Während er wie ein Vollidiot daheim auf ihn gewartet und das perfekte Wiedersehen inszeniert hatte, hatte Marvin es mit einem anderen Mann getrieben.

Sein Brustkorb dehnte sich, als er so viel Luft wie möglich hineinsaugte. Dann hielt er sie eine Weile an, um ein wenig runterzukommen und atmete sie mit geblähten Wangen wieder aus. „War’s schön?“, war alles, was er schließlich zustande brachte. Es fiel ihm ziemlich schwer, Marvins Gesicht zu betrachten, während er auf eine Antwort wartete, und doch tat er es. Er wollte hier und jetzt, dass er seinen Verdacht bestätigte, denn Marvins Schuld war bereits zu offensichtlich.

„Ja.“ Kurz und bündig, voll überzeugt. Marvin richtete sich auf und reckte sein Kinn nach vorn. Was sollte denn der Scheiß? Wollte er ihm irgendetwas beweisen? Ihm demonstrieren, wie cool er doch ist? „Ein Dreier.“, erzählte er laut und deutlich weiter. „Ein Mann, eine Frau.“

Nun war es an Dylan, ihn ungläubig anzustarren. „Eine Frau?“

„Ja.“ Schon wieder dieses eine Wort, bestehend aus läppischen zwei Buchstaben, die es allerdings oft genug wahrlich draufhaben, einem das Herz in der Brust zu zerschmettern.

Dylan lachte verbittert auf. „Seit wann gehst du mit Frauen ins Bett? Ich ging eigentlich die längste Zeit davon aus, du wärst schwul.“

Marvin sackte ein wenig zusammen und sank in die Couch zurück. Seine Stimme klang lang nicht mehr so sicher und überzeugt wie noch vor ein paar Sekunden. „Dachte ich auch, aber … Scheiße, Dylan, es tut mir leid, aber ich muss dir gestehen, dass mir das nicht mehr reicht.“

Dylans Augen weiteten sich, sein Unterkiefer klappte nach unten, doch er unterbrach seinen Freund nicht. Dafür hatte er momentan keine Kraft. Mit einem schwachen Nicken sicherte er seine Aufmerksamkeit zu, und Marvin fuhr fort: „Okay, nun …“, er schloss kurz die Lider, um sich zu sammeln, und verpasste seinem Lebensgefährten dann den verbalen Todesstoß: „Der Dreier mit Jack und Cathy war der Wahnsinn! Es war einfach unglaublich, nach so langer Zeit wieder einmal eine Frau unter mir zu haben. Wir waren alle drei leicht angetrunken, aber das soll keine Ausrede sein. Als Jack mich fickte, während ich Cathy vögelte, legte sich irgendwo in mir ein Schalter um, und mir wurde bewusst, dass ich … verdammt, scheinbar bin ich doch nicht schwul, sondern bisexuell, keine Ahnung. Auf alle Fälle ist mir dieses schwule Gehabe mit dir zu wenig. Es tut …“

Schwules Gehabe?“, stieß Dylan erzürnt aus, sprang hoch und tigerte wie aufgezogen durch das Zimmer. „Das ist jetzt aber nicht dein Ernst, oder?“

„Doch. Tut mir echt …“

„Spar dir deine halbherzigen Entschuldigungen. Ich will das nicht hören!“, fiel er ihm abermals ins Wort. „Was waren denn die letzten drei Jahre für dich? Hast du mich die ganze Zeit verarscht? Oder vielmehr dich selbst?“

„Scheiße, ich weiß es doch selber nicht!“ Verzweiflung mischte sich in Marvins Stimme. Er stand ebenfalls auf und fuhr sich nervös durch sein beschissenes Model-Haar. Mit schmerzverzerrter Miene drehte er sich zu Dylan, doch der wollte diese betrügerische Visage nicht mehr sehen. Eines gab es allerdings noch zu klären, zu sehr war Dylan trotz allem an einer ausführlichen Antwort interessiert.

„Definiere bitte ‚schwules Gehabe‘.“ Seine Stimme klang ruhig und gefasst und zeigte nicht einmal annähernd, wie aufgewühlt und verletzt er war.

Marvin schluckte und malträtierte mit den Zähnen für ein paar Sekunden seine Unterlippe. Offensichtlich überlegte er krampfhaft, wie er die folgenden Worte am schonendsten formulieren sollte, doch Dylan war vollauf bewusst, dass es dafür keine schonende Formulierung gab.

„Mit schwulem Gehabe meine ich, dass wir ständig zusammenhängen. Wie Mann und Frau, nur eben als Mann und Mann. Es ist, als würden wir eine verdammte Ehe führen. Und, Dylan …“ Er betrachtete ihn mit einem vorwurfsvollen Blick. „Du klammerst.“

Dieser Kommentar kostete ihn nicht mehr als ein humorloses Lachen. „Wie bitte? Ich klammere?“

Marvin nickte. „Tust du. Ich weiß, dass du schon viel mitmachen musstest. Du bist nicht gerade auf die Butterseite des Lebens gefallen, aber trotzdem bin ich nicht der Richtige für dich. Ich bin nicht gut darin, gestrauchelte Persönlichkeiten aufzufangen, um sie von der Dunkelheit ins Licht zu führen.“

Dylan verdrehte die Augen und stieß ein wütendes Schnauben aus. „Jetzt werd hier nicht pathetisch, ja? Hörst du dir eigentlich selber zu? Wann zur Hölle hab ich dir jemals das Gefühl gegeben, ich würde jemanden brauchen, der mich auffängt? Verdammt noch mal, ich hab mich selbst aufgefangen. Ich brauchte keinen anderen, um zu dem zu werden, der ich heute bin.“

„Ja. Einfach großartig. Ein Florist.“, murmelte Marvin spöttisch dazwischen, und dann sah Dylan rot. Mit drei großen Schritten stand er direkt vor ihm und starrte ihn voll des Zornes nieder.

„Hast du ein Problem damit, Herr Bürohengst?“ Nun war er es, der höhnisch seine Stimme erhob. „Dann sag mir mal – wer hat dir gegen Ende deines Studiums finanziell kräftig unter die Arme gegriffen? Wer war denn derjenige, der letzten Sommer deinen Flug nach Florida bezahlte, weil du nicht einmal in der Lage warst, das Taxi zu bezahlen, das uns zum Flughafen gefahren hat? Na? Oh, stimmt, das war doch dieser lausige Florist, der dummerweise seinen Beruf liebt und noch dazu ganz gute Kohle damit macht. Weißt du was?“ Er stieß heftig gegen Marvins Brust, sodass der völlig perplex den Halt verlor und zwei Schritte nach hinten taumelte. „Pack deine Sachen und hau ab, du undankbarer Arsch. Steck deinen verdammten Schwanz in alle Cathys dieser Welt, mir egal. Aber geh mir bloß aus den Augen!“

Marvin schnappte entsetzt nach Luft. „Aber wo soll ich denn hin?“

Dylans Knie zitterten, und die Konsistenz seiner Beine wurde von Sekunde zu Sekunde eine Nuance weicher. Also schlenderte er so lässig wie möglich zur nächstbesten Wand, lehnte sich dagegen und verschränkte die Arme vor der Brust. In ihm tobte das reinste Chaos. Jedes einzelne Wort, das in den letzten Minuten Marvins Mund verlassen hatte, hatte ihm den Boden unter den Füßen weggerissen. Zerstörte mit Brachialgewalt all das, was er sich in den vergangenen drei Jahren mit ihm aufgebaut hatte, und dennoch zuckte er scheinbar gefasst mit den Schultern: „Mir egal. Geh doch zu Jack, oder noch besser zu Cathy. Sollten die beiden nicht gerade begeistert auf deine erzwungene Anwesenheit reagieren, könntest du immer noch auf ein Hotel zurückgreifen. Davon gibt es bekannterweise genug in der Stadt. Such dir eines aus.“ Ein überhebliches Grinsen manifestierte sich auf seinem Gesicht. „Ich will dir dieses schwule Gehabe nicht länger zumuten.

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