Logo weiterlesen.de
Cuervo – der Rabe von La Palma

Image

Erläuterung zum Bild auf Seite 1:

Karte von La Palma mit den Lokalnamen der Menschen- und der Rabensprache, die in der Geschichte vorkommen.

Menschensprache: Violett die jungen, historischen Vulkane der Cumbre Vieja. Gelbe Pfeile kennzeichnen das Gebiet, in dem die Bergflanke der Cumbre Nueva nach Westen ins Meer abgerutscht ist (vor 560.000 Jahren). Die Rutschfläche bildet eine erste Aridane-Ebene. Auf ihr breitete sich der Bejenado-Vulkan aus (vor etwa 500.000 Jahren). Nur im nördlichsten Teil der Rutschfläche, zwischen ihrem Nordende und dem Bejenado-Vulkan, wurde der Taburiente-Kessel durch reiche Quellen und deren Bäche ausgeräumt. Diese Ausräumung (Erosion) setzt sich bis heute fort. Die heutige Aridane-Ebene wurde also auf den Bereich südlich des Bejenado-Vulkans verkleinert und bildet bis heute die fruchtbarste Fläche der Insel.

Rabensprache: Grün die Familien der Tamanca-, Time- und Zarza-Raben, wie sie sich nennen, rot ihre Landschaftsnamen.

Wolfgang Schirmer

Cuervo – der Rabe von La Palma

Fantaselle

Image

Für meine Enkel Leo und Tim

Image

Der Himmel wurde ganz gelb. Nur im Nordwesten war noch Blau zu sehen. Wir blickten fasziniert nach oben. Kalíma, der afrikanische Wüstenwind — der sandbeladene. Eigentlich liebten wir ihn. Es wurde angenehm warm. Der heftige Passat, ein feuchter Wind, der am häufigsten auf den Kanarischen Inseln weht, wurde für einige Tage verbannt. Der Wechsel zwischen dem feuchten, fruchtbaren Meereswind und dem staubigen Wüstenwind ist für einen Mitteleuropäer ein begeisterndes Klimaerlebnis.

Doch plötzlich kam die Durchsage aus der Flughalle in Santa Cruz, der Inselhauptstadt, dass ein Abheben der Flieger derzeit nicht möglich sei: Die Staubdichte sei zu hoch. Es gäbe vorerst eine Wartezeit von drei Stunden.

Sine jammerte: „Mensch, der ganze Zeitplan dahin. Wir wrden doch in Wien abgeholt.”

„Lass uns dareinfinden”, beruhigte Guindo, „wir finden Lösungen. Wir können so und so nichts ändern.”

„Wir könnten solange in die nahe Fischerkneipe gehen”, riet Marton, der sich Sine und Guindo vorhin angeschlossen hatte.

„Hier”, rief Sine, „ist eine gemütliche Ecke mit fünf Plätzen, drei für uns und zwei für unser Handgepäck.” Sie rückten gemütlich zusammen. Da saßen sie nun, mit viel, viel Zeit. Nun, in der Auszeit des Urlaubs soll man sich ja viel Zeit erlauben. Das erholt, und man findet am besten zu sich selbst. Aber im Geiste waren sie ja schon auf der Heimreise.

„Also — vergessen wir die Heimreise noch einmal”, beschwichtigte Guindo, „und lassen wir unser Gemüt wieder zurückkehren in die Auszeit.”

Marton meinte, mit einer schönen Geschichte wäre die Zeit doch am besten gefüllt.

„Guindo”, stieß Sine ihn an, „du weißt doch immer was Interessantes aus unserem Lebensschatz.”

„O.k.”, meint Guindo zögernd, „ich überlege. Aber erst lass uns Getränke bestellen.”

Bier, Stilles Wasser, Rotwein. „Prost.” Um die gemütliche Ecke ist es still. Guindo schmunzelt.

„Komm, leg los, Guindo”, ermuntert Sine, „ich seh deinem Gesicht an, da braut sich in dir schon was zusammen.” —

Guindo atmete einmal tief durch, lächelte in die Runde und hub an zu erzählen: „Ja, Marton: Sine und ich erlebten die Insel La Palma diesmal von ganz neuer Seite”:

Maulbeerkuchen fürs Erste

Wir saßen ganz im Inselsüden auf steinigem Wegrand. Plötzlich raschelte etwas um uns herum. Wir dachten erst, es sei ein Mensch und sahen uns nach allen Seiten um. Da hüpfte doch ein großer schwarzer Vogel um uns.

Image

„Wie heißt du denn?”, fragte ich ihn. Er guckte aufmerksam, als wolle er sagen: Das verrat ich dir nicht. Er hüpfte beiseite, tat so, als ob ihn die Landschaft interessieren würde, kam aber alsbald wieder und fing an, an unseren abgelegten Kleidern zu zerren.

„Ah”, lachte ich, „der hat’s auf unser Essen abgesehen.”

„Der arme Kerl ist hungrig”, bemerkte Sine besorgt. „Willst du Thunfisch, Nudeln oder Gurken?” fragte sie ihn.

Image

Wir öffneten unsere Vesperdosen mit Thunfisch-Gurken-Nudelsalat. Er guckte neugierig. Wir warfen ihm ein Gurkenstück hin. Er drehte es hin und her, her und hin, fraß es schließlich, aber mehr gelangweilt als gierig, und guckte weiter auf die Dose. Eine Nudel verschlang er schon schneller. Aber nach einem Bröckchen Thunfisch wurde die Dose zum interessantesten Objekt seiner Umgebung.

Dann begannen wir mit dem Essen. Er schien zu akzeptieren, dass wir auch hungrig waren, bedauerte uns wohl, dass wir keinen Schnabel zum Picken hatten und uns mit einem Instrument, wie einer Gabel, behelfen mussten. Die Menschen brauchen also eine Prothese, um Essen zu können, mag er gedacht haben; und viel mehr: Was sind wir da für hochentwickelte Wesen. Wir können fliegen, picken, brauchen keine Jacken anziehen, wieder ausziehen und wieder anziehen, brauchen nicht aus Flaschen trinken und uns nicht sonnencremen. Das alles hatte er bei den Menschen beobachtet. Wir Raben können einfach so sein, wie wir von Geburt an ausgestattet sind, werden uralt und haben eine uralte Erfahrung. Oh, ihr Menschen, was seid ihr doch arm! So mag er gedacht haben, als er uns nachdenklich beim Essen zusah.

„Wir haben ja noch Kuchen im Rucksack”, sagte Sine. Sie wusste, wie wichtig der süße Abschluss für mich war. „Guck, das ist der Maulbeerkuchen aus dem schönen Ort El Paso; den hast du dir doch heute ausgesucht”. Hatten wir noch nie gegessen. Maulbeeren bilden darin schwarzrote Flecken im Kuchenteig. Genauso wie Schwarzbeeren — oder Blaubeeren oder besser Heidelbeeren — die Beeren mit deutschlandweit verschiedenen Namen. Daran haben die Beeren selbst Schuld: Wie heißt es doch bei den Schwarzbeeren: Wenn sie grün sind, sind sie rot, wenn sie reif sind, sind sie blau.

Image

Mit den Maulbeeren (siehe Bild) geht es genauso: Wenn sie grün sind (also unreif), sind sie rot, wenn sie reif sind, werden sie schwarz. Spanisch heißen sie Mora, und verkleckern genauso Haut und Kleider wie die Schwarzbeeren. Ähnlich denen sind sie verdammt gut. Und nicht nur den palmerischen rotschnabeligen Krähen, den Grajas1, sind sie Lieblingsspeise, sondern auch den dortigen Raben.

Ja, unser Rabe, der schien die Maulbeeren im Kuchen sofort erkannt zu haben, hüpfte Sine auf die Beine und übte heftige Hackbewegungen Richtung Maulbeerkuchen aus, die uns klarmachten, was für ihn Sache sei. Selbstverständlich teilten wir auch unseren Nachtisch mit ihm. Für uns drei war der natürlich viel zu wenig. Aber das neue dreimündige Interesse an unserem Proviant konnten wir ja nicht wissen.