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Cryers’s Cross

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Wir
  9. Kapitel 1
  10. Kapitel 2
  11. Kapitel 3
  12. Kapitel 4
  13. Wir
  14. Kapitel 5
  15. Wir
  16. Kapitel 6
  17. Wir
  18. Kapitel 7
  19. Kapitel 8
  20. Wir
  21. Kapitel 9
  22. Wir
  23. Kapitel 10
  24. Kapitel 11
  25. Kapitel 12
  26. Kapitel 13
  27. Wir
  28. Kapitel 14
  29. Wir
  30. Kapitel 15
  31. Wir
  32. Kapitel 16
  33. Kapitel 17
  34. Wir
  35. Kapitel 18
  36. Wir
  37. Kapitel 19
  38. Wir
  39. Kapitel 20
  40. Wir
  41. Kapitel 21
  42. Wir
  43. Kapitel 22
  44. Wir
  45. Kapitel 23
  46. Wir
  47. Kapitel 24
  48. Kapitel 25
  49. Kapitel 26
  50. Kapitel 27
  51. Kapitel 28
  52. Wir
  53. Kapitel 29
  54. Wir

Über das Buch

In Cryer’s Cross gehen seltsame Dinge vor sich. Erst verschwindet die Schülerin Tiffany spurlos und kurz darauf ist auch der 17-jährige Nico wie vom Erdboden verschluckt. Kendall, 16, ohnehin labil wegen ihrer Zwangsneurose, kann den Verlust ihres besten Freundes nicht verkraften. Voller Sorge begibt sie sich auf Spurensuche und entdeckt eine Verbindung zwischen Tiffany und Nico. Hat das etwas mit ihrem Verschwinden zu tun? Und woher kommt die Stimme, die sie um Hilfe anfleht? Kendall glaubt, den Verstand zu verlieren, doch sie muss alles tun, um ihren Freund zu finden. Dabei gerät sie immer tiefer in das Geheimnis von Cryer’s Cross und schwebt bald selbst in höchster Gefahr.

Über die Autorin

Lisa McMann wollte seit der vierten Klasse Schriftstellerin werden. Mit ihrem ersten Roman, WAKE - Ich weiß, was du letzte Nacht geträumt hast, schaffte sie es direkt auf die New-York-Times-Bestsellerliste. Lisa McMann lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in Arizona.

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Aus dem amerikanischen Englisch von
Tanja Ohlsen

Für Kennedy

Wir

Wenn es vorbei ist, atmen Wir auf und seufzen
wie alte Eichen, wie abblätternde Birkenrinde.
Eine Unserer verlorenen Seelen wurde befreit.
Wie Schachfiguren im dunklen Raum ziehen Wir die gusseisernen Beine zentimeterweise voran, mit den stummen Schreien eingeritzter Botschaften.
Wir rufen Unser nächstes Opfer. Unseren nächsten Retter. In Unser Angesicht ritzen Wir:

Berühre mich!
Rette mich!

1

Als Tiffany Quinn verschwindet, wird alles anders.

Von den 212 Einwohnern von Cryer’s Cross, Montana, helfen 178 Sheriff Greenwood bei der tagelangen Suche, immer von Sonnenauf- bis nach Sonnenuntergang. Die Schule ist geschlossen, alle Schüler sind unterwegs und suchen auf Straßen und Farmen, laufen über Pferde- und Rinderweiden, über frisch gesetzte Kartoffeln, durch Roggen- und Weizenfelder. Sie gehen bis zu den Hügeln und entlang des Waldes wieder zurück. Sie gehen in Zweier- oder Dreiergruppen, manche nervös, manche weinend, andere entschlossen. Ab und zu rufen sie anderen Gruppen etwas zu, damit nicht noch jemand verloren geht – Handys nutzen hier draußen nicht viel, Cryer’s Cross liegt in einem Funkloch.

Nach fünf Tagen gibt es immer noch keine Spur von Tiffany Quinn. Unglaublich, aber sie ist einfach verschwunden. Unglaublich, weil es einfach lächerlich ist, zu denken, dass in dem kleinen Städtchen Cryer’s Cross ein Verbrechen geschehen könnte. Und dass dieser nette kleine Bücherwurm aus der neunten Klasse einfach so davonläuft, ganz allein … das ist einfach unmöglich.

Aber sie ist weg.

Doch die Suche geht weiter.

Kendall Fletcher zuckt zusammen und sieht sich aus Gewohnheit regelmäßig um. Das Verschwinden des jüngeren Mädchens macht ihr Angst, klar, es beunruhigt sie jedoch auch, dass ihr Stundenplan so durcheinandergebracht wird. Die letzte Woche ihres Junior-Jahres ist ausgefallen, dadurch ist alles irgendwie unvollendet und offen geblieben. Ihr ganzer Tagesrhythmus ist aus dem Takt geraten.

Sie läuft viele hundert Hektar des Landes ihrer Eltern ab und sucht dann im Wald weiter. Zwischen Kartoffeln, Kornfeldern und Bäumen zählt sie sorgsam ihre Schritte. Immer, immer zählt sie irgendetwas.

Neben ihr geht ihr bester Freund Nico Cruz.

Ihr fester Freund, würde er sagen.

Doch ein fester Freund bedeutet Verpflichtungen, und Verpflichtungen, die sie nicht einhalten kann, machen Kendall nervös.

»Komm«, sagt sie, »lass uns laufen!«

Sie sprintet über das Feld, und Nico rennt ihr hinterher. Sie kommen an einem provisorischen Fußballfeld vorbei, das inmitten der Felder liegt, und rufen gelegentlich: »Tiffany!« Als sie die Grenze zum Grundstück von Nicos Familie überqueren, bemerken sie auf einmal einen großen braunen Klumpen zwischen der ungepflasterten Straße und dem Haferfeld. Doch es ist nicht Tiffany. Es ist nur ein überfahrenes Reh.

Sie ist nicht dort. Sie ist nirgendwo.

Da es anfängt zu regnen, machen sie eine Pause unter einem Baum am Rand der Farm. Kendall zählt die Tropfen, die in immer schnellerer Folge auf den grauen Boden fallen.

Nico redet, doch Kendall hört nicht zu. Sie muss erst bis hundert zählen, bevor sie aufhören kann.

Irgendwann wird die Suche abgebrochen. Jetzt kann man vor Ort nichts mehr tun, es müssen Profis kommen. Es ist Hauptpflanzzeit. Sowohl die Farmer als auch die Schüler haben ihre Verpflichtungen. Und manche auch zusätz­liche Jobs, wenn sie in der Stadt oder für einen der Bauern oder Farmer arbeiten. Das Leben muss weitergehen.

Für Kendall ist es ein langer, heißer Sommer voller harter Arbeit. Für alle ist es das.

Nach ein oder zwei Monaten hört man auf, über Tiffany Quinn zu sprechen.

2

Als die Schule im September wieder anfängt, kommt Kendall wie immer als Erste in der Highschool an, die nur aus einem einzigen Raum besteht. Bloß der alte Mr Greenwood, der Teilzeithausmeister, der sich in sein Versteck im Keller zurückzieht, wenn die Schüler kommen, ist vor ihr da.

Kendall ist braun gebrannt und nicht gerade außer­ordent­lich groß. Sportlich. In ihren langen braunen Haaren glänzen natürliche helle Strähnen, weil sie den ganzen Sommer lang Traktor gefahren ist und auf der Farm gearbeitet hat.

Dort oben auf dem Traktor hatte sie zu viel Zeit zum Nachdenken, denn er braucht nur ein GPS-Signal, damit er die Reihen entlangfährt. Und wenn der Rundenzähler kaputt ist und das Gehirn gestört, dann wirbeln darin immer dieselben Gedanken in einer Endlosschleife herum. Tiffany Quinn. Tiffany Quinn. Tiffany Quinn.

Kendall stellt sich alle möglichen Szenarien für Tiffany vor. Weggelaufen. Verlaufen. Entführung. Vielleicht sogar Vergewaltigung und Mord. Sie fragt sich, was wirklich passiert ist und ob sie je die Wahrheit erfahren werden. Sie stellt sich vor, dass das alles ihr selbst passiert, und muss bei dem Gedanken fast weinen. Sie stellt sich vor, wie Tiffany schreit und um ihr Leben fleht …

Kendall steigen Tränen in die Augen, wenn sie sich an diesen Sommer erinnert, in dem sie mit dem Traktor über die Felder gefahren ist und sich mit solch furchtbaren Dingen beschäftigt hat. Es schien so real, so schrecklich, als ob jederzeit jemand aus dem Wald kommen und sie überfallen könnte.

Sie weiß, dass ihre Gedanken zum Teil irrational sind. Sie weiß es und hat es immer gewusst, selbst in der fünften Klasse, als sie sich mehrere Kleidungsschichten angezogen hatte – vier T-Shirts, drei paar Unterhosen, Shorts unter der Jeans – und sich trotzdem vor Panik und Nervosität die Augen ausgeheult hatte, vor lauter Angst, man könne sie durch ihre Sachen hindurch nackt sehen. Es war eine schreckliche Zeit gewesen. Doch die Psychologin in Boze­man hat ihr geholfen. Sie hat ihr die Sache mit den obsessiven Zwangsstörungen erklärt, und irgendwann ging diese eine Phase vorbei, nur um von anderen Neurosen und Zwängen ersetzt zu werden.

Sie ist nicht verrückt. Sie kann nur nicht aufhören, über etwas nachzudenken, wenn sich komische Ideen in ihrem Kopf festsetzen. Und sie kann es nicht verhindern, dass sie sich ständig umsieht – es ist ihr neuester Tick. Die ganze Sache mit Tiffany hat sie etwas zurückgeworfen.

Sie ist froh, wieder zur Schule zu gehen, auch wenn sie ein wenig traurig darüber ist, wie das letzte Schuljahr zu Ende ging. Trotzdem freut sie sich darauf, das neue Jahr zu beginnen, neue Gedanken zu haben, neue Aufgaben, die ihr Gehirn beschäftigen – einfache, harmlose Dinge. Und außerdem beginnt das Fußballtraining bald wieder, neue DVD-Tänze müssen einstudiert werden – es gibt also einiges, womit sie Körper und Geist beschäftigen kann, und das ist eine Erleichterung.

An diesem ersten Tag räumt sie das Klassenzimmer so auf, wie es der alte Mr Greenwood nie tut. Sie dreht den Mülleimer so, dass die Delle in die richtige Richtung zeigt, legt die Tafelkreide ordentlich hin, sortiert sie farblich nach den Regenbogenfarben und zupft die Vorhänge zurecht. Dann stellt sie die Pulte in ordentlichen Quadranten zusammen, jeweils sechs Tische für jede Highschool-Klasse. Sie schafft Gänge, damit die Lehrerin zwischen den Bereichen hindurchlaufen und sich um jede Klasse einzeln kümmern kann, anstatt alle vierund­zwanzig Bänke vor sich zu haben. So mag Kendall es.

Niemand hat sich jemals beschwert.

Niemand weiß es.

Die Pulte sind uralt und robust. Sie stammen aus den fünfziger Jahren und wurden vom Staat sonst woher zusammengesammelt. Es ist anstrengend, sie alle umzustellen, aber als alles wieder seine Ordnung hat, fühlt sich Kendall besser. Sie sieht, wo ihr alter Tisch gelandet ist, er steht dieses Jahr im Quadranten der Neuntklässler. In der zehnten gibt es jetzt einen freien Platz, es sei denn, die Gerüchte stimmen. Nico sagt, es sei eine neue Familie in die Stadt gezogen, obwohl Kendall noch niemand Fremden gesehen hat. Sie hofft, dass jemand den leeren Platz von Tiffany einnehmen wird, damit auch in diesem Teil des Klassenzimmers wieder alles stimmt. Obwohl es natürlich am besten wäre, wenn Tiffany einfach zurückkäme. Aber Sheriff Greenwood und die lokalen Nachrichtensprecher halten das für unwahrscheinlich. Nicht nach so langer Zeit.

Kendall zieht die Vorhänge weit genug zur Seite, dass sie am Rand mit der Fensterlaibung abschließen. Dann gewinnt ihre irrationale Furcht die Oberhand, und sie überprüft die Fensterverriegelungen, müht sich erst damit ab, die Fenster aufzumachen, um zu sehen, ob die Riegel stabil sind, und lässt dann die Finger prüfend über jedes einzelne Schloss gleiten.

»Alles gecheckt, alles in Ordnung«, stellt sie fest. Es ist zwar niemand da, der sie hören kann, doch wenn sie es nicht laut sagt, zählt es nicht.

Als sie die ersten Schüler durch den Garten in die kleine Schule kommen sieht, betrachtet Kendall ihr Werk. Die Tür geht auf. Kendall geht zu ihrem neuen Platz im Quadranten für die Zwölftklässler, nimmt ein antiseptisches Tuch aus der Büchertasche und wischt schnell ihr Pult ab, bevor es jemand bemerkt und sich über sie lustig macht. Sie muss sich nicht zwanghaft die Hände waschen wie andere, aber sie weiß gerne Bescheid über den aktuellen Bakterienstand ihres persönlichen Arbeitsplatzes zu Beginn eines neuen Schuljahres.

Tut das nicht jeder?

Jetzt hat Nico sie entdeckt und kommt auf sie zu. Das glatte, weißblonde Haar hängt ihm in die Augen. Er hat den Namen seines spanischen Vaters, aber das Aussehen seiner holländischen Mutter. Nico wirft die Haare zurück und grinst Kendall schwach an, lässt seine Tasche auf den Boden fallen und setzt sich an das Pult rechts von ihr.

»Diese Tische werden auch nicht größer«, bemerkt er, während er versucht, seine Knie unter der Metallablage zu verstauen. Dann gibt er ihr einen Kuss auf die Wange.

»Hi. Tut mir leid, dass ich so spät bin. Kommst du am Samstag mit nach Bozeman?«

»Wozu?«

»Ich will mir die Montana State ansehen. Und die Schwesternschule.«

Der Junge hinter ihnen kichert. »Schwester Nico.«

»Klappe, Brandon«, befiehlt Nico ruhig. Ohne hinzusehen, holt er mit dem Arm aus und trifft Brandon seitlich am Kopf.

»Gerne«, erwidert Kendall. »Ich will mir auch mal das Theater- und Tanzprogramm ansehen, für alle Fälle.«

Nico lächelt mitfühlend. »Immer noch nichts?«

»Nein.« Die Chance, dass ein Mädchen vom Land mit sehr wenig schulischer Ausbildung in Theater oder Tanz einen Platz an der Juilliard bekommt, ist wahrscheinlich gleich null, aber Kendall sieht keinen Grund, nicht ganz oben anzufangen.

Während die Schüler hereinströmen, zählt Kendall sie langsam. Tiffany Quinn und die Zwölftklässler des letzten Jahres zieht sie ab und addiert dafür die neuen Neuntklässler.

Ms Hinkler erklärt den Kleinsten die Sitz­ordnung. Außerdem berichtet sie den lärmenden Schülern, dass sie in diesem Jahr zwei neue Mitschüler bekommen. Die Gerüchte von der neuen Familie scheinen zu stimmen. Cryer’s Cross ist offensichtlich eine Boomtown.

»Sieht aus, als hätten wir dieses Jahr volles Haus«, raunt Kendall. Vierundzwanzig Schüler. Perfekt.

Die beiden Neuen treten ein und werden neugierig gemustert. Ms Hinkler trägt sie ein und weist ihnen ihre Plätze zu. Einen der beiden schickt sie in den Quadranten der Zwölftklässler. Stirnrunzelnd blickt er an Kendall vorbei.

»Hi«, sagt Kendall, als er an dem einzigen freien Tisch stehen bleibt, dem Platz links neben ihr.

Der Junge murmelt etwas, sieht sie aber nicht an. Wortlos setzt er sich und stellt den Rucksack unter dem Pult ab.

Nico lehnt sich über Kendalls Tisch. »Hi. Ich bin Nico. Wie geht’s?«

Der Junge nickt fast unmerklich, schweigt aber weiterhin.

Nico zieht eine Augenbraue hoch.

Kendall lacht. »Okay«, sagt sie. »Das kann ja lustig werden.«

Sie betrachtet den Neuen von der Seite. Er wirkt kräftig und muskulös. Mittelbraune Haut, dunkles, welliges Haar. Seine Kleidung ist nichts Besonderes, aber sauber und ordentlich. Die Schuhe sind staubig wie bei allen anderen. Cryer’s Cross könnte etwas Regen brauchen.

Die andere neue Schülerin geht in die Neunte. Auch sie hat braune Haut, mit ein paar dunkleren Sommersprossen auf Nase und Wangen. Schwarzes, lockiges Haar. Die beiden sehen sich unglaublich ähnlich.

»Ist das deine Schwester?«, fragt Kendall.

Der Neue schließt die Augen und tut so, als schliefe er mit vor der Brust verschränkten Armen. Kendall seufzt. Dann wendet sie ihre Aufmerksamkeit ihrem neuen Tisch zu und liest die eingeritzten Sprüche. Natürlich kennt sie sie längst – seit Jahren liest sie die Kritzeleien schon und prägt sie sich ein. Sie kennt jedes Pult auswendig, sie kann es nicht ändern. Es ist eine dieser Zwangssachen.

Es ist echt anstrengend, Kendall zu sein.

Nachdem Ms Hinkler alle neuen Schüler eingetragen hat, stellt sie sie der Schule vor. Wie jeder hier kennt Kendall sie fast alle. Von einigen arbeiten die Eltern auf Fletchers Kartoffelfarm. Aber sämtliche Augen sind auf die beiden neu Zugezogenen gerichtet. Das Mädchen heißt Marlena und der Junge Jacián Obregon. Ms Hinkler stolpert bei der Aussprache über den Namen.

»Nicht JAY-si-an.« Er scheint plötzlich aufgewacht zu sein und korrigiert sie. »Chah-si-ANN

Ms Hinkler wird rot.

»Entschuldigung.« Dann wiederholt sie es richtig. Jacián Obregon. Klingt wie eine Melodie. Oder eine Tragödie.

Für Kendall, die zwischen Nico und Jacián sitzt, den dämlichen Brandon hinter sich und neben ihm noch zwei Kerle, Travis Shank und Eli Greenwood, den Sohn des Sheriffs und den Enkel des Hausmeisters, ist es ein anstrengender, testosterongeladener Tag. So war es schon immer. Sie ist das einzige Mädchen ihres Alters in der ganzen Stadt. Wenn endlich mal ein neuer Schüler in ihre Klasse kommt, muss es natürlich noch ein Junge sein.

Aber Nico ist wie immer da. Seit sie Kleinkinder waren, ist er ihr bester Freund. Er weiß alles über Kendalls Zwangsneurosen, und es stört ihn nicht im Geringsten. Der beste Junge der Welt? Für Kendall schon. Sie lächelt ihn breit an, als sie ihm den Stundenplan weiterreicht.

Beim Mittagessen teilen sich Kendall und Nico die Sandwiches, wie sie es seit dem Kindergarten tun – ­außer wenn Nico Thunfischsandwiches dabeihat, denn die kann sie nicht ausstehen. Sie sitzen im Gras, essen und unterhalten sich über mögliche Colleges und darüber, wie schlimm es sein wird, wenn sie getrennt sind.

Nach der Schule gehen Kendall und Nico zum Fußballtraining. Fußball wird hier von Mädchen und Jungen zusammen gespielt, und alle Altersgruppen sind gemischt, denn für ein Mädchenteam gibt es nicht genügend Mädchen an der Highschool von Cryer’s Cross, und es wollen auch nicht genügend Schüler Fußball spielen, um eine Jugendmannschaft zu bilden. Kendall ist die Einzige, die dabeibleibt. Und sie ist besser als die meisten Jungs.

Als sie mit ihren Dehnübungen fertig ist, kommt Jacián auf das Spielfeld. Er trägt Nike-Fußballkleidung, als würde die Firma ihn sponsern. Kendall joggt auf ihre Position, ein Gummiband zwischen den Zähnen, um ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zu binden, während sie ihn beobachtet. Sie erkennt sofort, dass er sportlich ist. Sie sagt sich in Gedanken seinen Namen vor, um nicht zu vergessen, wie er ausgesprochen wird. Es gibt nicht viele Jaciáns in der Gegend.

Einen Augenblick später kommt Marlena zum Trainieren, in weniger auffälliger Sportkleidung. Als sie Jacián sieht, läuft sie auf ihn zu.

Kendall starrt sie an.

»Spielen sie etwa beide?«, fragt sie Nico leise.

»Sieht so aus.« Nico nimmt einen Ball aus dem Netz und lässt ihn auf dem Boden vor Kendall aufspringen, die ihn mit dem Fuß einfängt und automatisch von den anderen wegdribbelt.

»Na, wir können auf jeden Fall noch Spieler im Team gebrauchen.«

Sie spielen den Ball hin und her. Kendall muss an die vier Mannschaftsmitglieder denken, die das Team nach ihrem Abschluss im letzten Schuljahr verlassen haben.

»Ja, wir könnten echt noch ein paar Spieler gebrauchen, denn nur einer der Neuntklässler will mitmachen, soweit ich weiß. Und das neue Mädchen. Ich nehme an, der Trai­ner nimmt jeden, der irgendwie laufen kann. Aber wir sind immer noch zu wenige. Wie viele genau, Nummerngirl?«

»Acht«, antwortet Kendall automatisch.

»Autsch.« Er kratzt sich am Kopf. »Ich hoffe, unser Trainer kann noch ein paar Leute rekrutieren, ansonsten ist das der reinste Selbstmord, wenn wir gegen eine komplette Mannschaft spielen.«

Kendall blinzelt und zuckt dann mit den Schultern. »Wir sind nicht das einzige Team, das zu wenige Leute hat. Und wir kommen mit acht aus. Obwohl es natürlich toll wäre, gegen die Bozeman-Teams mit einer vollzähligen Elfer-Mannschaft zu spielen.« Sie sieht den Obregons beim Dehnen zu und freut sich darauf, gleich zu erfahren, was sie draufhaben. »Weißt du, es ist wirklich nett, noch ein Mädchen dabeizuhaben«, meint sie schließlich. »Jacián allerdings … Na ja, es macht wahrscheinlich keinen Unterschied.«

Als Jacián bei einem Gerangel während des Vier-gegen-vier-Trainings Kendall über den Haufen rennt und sie keuchend am Boden liegt, stellt sie allerdings fest, dass es sehr wohl einen Unterschied macht.

»Blödmann«, beschwert sie sich, als sie wieder atmen kann. »Trainer! He, das war ein Foul!« Sie steht auf und rennt los, um ihr Tor zu schützen, aber es ist zu spät. ­Jacián erzielt ein Tor gegen ihr Team.

3

Nach dem Training folgt Kendall Marlena in die winzige Umkleide der Mädchen, die eher ein an das Schulhaus angebauter Schuppen ist.

»Ihr zwei seid gut«, bemerkt Kendall.

Marlena lächelt. »Danke. Jacián ist gut. Bei mir geht es so.« Ihre Stimme klingt warm und herzlich.

»Du bist um einiges besser als Brandon«, stellt Kendall großzügig fest.

»Welcher ist das?«

»Der unreife Zwölftklässler mit den hellbraunen Haaren. Ziemlich groß und dämlich, ungefähr so.« Sie hält die Hand etwa einen Meter fünfundachtzig hoch. »Sitzt in der Schule hinter mir. Ich bin sicher, du weißt, wen ich meine. Der Typ, der während des ganzen Trainingsspiels nicht ein Mal den Ball bekommen hat, sich aber umso öfter hingelegt hat.«

»Ja«, sagt Marlena grinsend, »ich glaube, ich weiß, wen du meinst.«

Sie ziehen die Sportsachen aus. Es gibt keine Duschen in dem Schuppen, aber immerhin ein Waschbecken, an dem sie sich etwas frisch machen. Anschließend benutzen sie Deo und ziehen ihre Alltagskleidung wieder an.

»Und was hat dein Bruder für ein Problem?«, erkundigt sich Kendall.

Fragend zieht Marlena eine Augenbraue hoch. »Wie meinst du das?«

»Er ist nicht gerade freundlich und redet kein Wort.«

»Ach so, das. Er ist nur wütend«, erklärt Marlena. Sie senkt die Stimme, obwohl außer ihnen keiner da ist. »Er will eigentlich nicht hier sein.«

»Warum nicht?«

Marlena zuckt mit den Schultern. »Er musste für das letzte Schuljahr von all seinen Freunden wegziehen. Auch von seiner Freundin, mit der er jetzt eine Fernbeziehung führen will. Und als wir hergekommen sind … Na, das weißt du ja bestimmt.«

»Was weiß ich?«

»Dass der Sheriff zu uns gekommen ist. Gleich als wir eingezogen sind. Hast du das nicht mitbekommen? Hier scheint doch jeder zu wissen, was der andere macht.«

Kendall schüttelt den Kopf. »Ich weiß von nichts. Ich habe den ganzen Sommer lang jeden Tag zwölf Stunden auf einem Traktor in Isolationshaft gesessen. Was ist denn passiert?«

Marlena zieht ein Kosmetiktäschchen aus ihrem Rucksack und trägt Eyeliner auf. »Nun ja, wir sind im Mai hierhergezogen, direkt nachdem unser Schuljahr in Arizona zu Ende war. Kurz bevor diese Tiffany verschwunden ist. Sheriff Greenwood und die Polizei dachten vielleicht, dass Jacián etwas damit zu tun haben könnte.«

Kendall reißt die Augen auf. Ihr Herz setzt einen Moment aus, und die irrationale Furcht steigt wieder in ihr auf.

»Oh …« Die Worte bleiben ihr in der Kehle stecken, und die schlimmen Gedanken beginnen zu kreisen.

»Natürlich hat er das nicht. Und nach einer Weile hat der Sheriff aufgehört, ihn zu belästigen.« Stirnrunzelnd trägt Marlena Lipgloss auf. »Jacián war allerdings richtig genervt und hat den Sheriff einen Rassisten genannt.«

Kendall muss schlucken. »Und … warum seid ihr überhaupt hierhergezogen?«

»Wegen meines Großvaters.« Sie steckt den Deckel auf den Lipgloss und kramt in ihrer Kosmetiktasche. »Er wird alt, und seine Geschäfte laufen nicht sehr gut. Er kommt mit der neuen Technologie nicht klar und nutzt immer noch Pferde, um das Vieh zusammenzutreiben. Ist das zu fassen? Meine Eltern haben sich entschlossen, herzukommen und die Sache in die Hand zu nehmen. Die Familie bedeutet ihnen viel. Uns allen.« Marlena dreht sich zu Kendall um. »Hey, alles in Ordnung mit dir?«

Kendall hört auf, Marlena anzustarren, dreht den Wasserhahn auf und wäscht sich die Hände, damit sie stattdessen auf das Wasser starren kann. »Warte mal … Wer ist denn dein Großvater? Ich kenne hier keine Obregons.«

»Es ist der Vater meiner Mutter. Hector Morales. Wohnt eine Meile weiter an der RR-4.«

»Oh, Hectors Ranch!« Kendall lacht. »Alle lieben ihn! Wir kaufen jede Menge Sachen bei ihm – Milch und Fleisch. Ich wusste nicht, dass er Schwierigkeiten hat.« Aus irgendeinem Grund hat Kendall weniger Angst, jetzt wo sie weiß, dass Marlena und Jacián mit Hector verwandt sind.

»Meine Mutter sagt, es sei nicht so schlimm. Er kann nur nicht so viel Fleisch liefern wie früher, und im Winter hat er wohl etwas Vieh verloren. Außerdem ist er viel zu dickköpfig, um sich Hilfe zu holen, deshalb sind ihm wohl einige Geschäfte durch die Lappen gegangen. Wir werden versuchen, das wieder zu ändern.«

»Wir werden jedenfalls weiterhin bei euch einkaufen, da bin ich sicher. Und es ist cool, dass man reiten kann. Er hat einen tollen Stall. Wenn du willst, kannst du sogar zur Schule reiten. An der Seite gibt es einen Pfosten, wo du dein Pferd anbinden kannst.«

»Echt jetzt?« Marlena grinst und nimmt ihren Rucksack. »Dieser Ort ist echt altmodisch. Zu Hause sind wir auch geritten, aber nur so zum Spaß. Es liegt uns im Blut, glaube ich. Aber bald stellen wir Großvater auf Allrad­antrieb um.«

Plötzlich hämmert jemand draußen an die Wand, und sie erschrickt.

»Das ist wahrscheinlich Nico«, sagt Kendall und greift nach ihrer Tasche. »Schön, dich kennenzulernen.«

Marlena lächelt. »Lass dich nicht von meinem Bruder ärgern. Er ist im Augenblick einfach auf alles wütend.«

»Aha«, sagt Kendall nur. Sie stößt die Tür auf und steht direkt vor Jacián Obregon.

Finster starrt er sie an.

Sie starrt zurück, aber ihr Magen verkrampft sich.

»Du hast mich gefoult«, stellt sie fest.

Erst sagt er gar nichts. Dann spricht er, und seine Stimme ist tiefer, als sie es erwartet hat.

»Geh mir halt aus dem Weg, wenn du nichts abkriegen willst.«

Dann ignoriert er Kendall und schaut an ihr vorbei zu Marlena.

»Komm, Lena«, sagt er scharf, dreht sich um und geht zum Parkplatz.

Marlena lächelt Kendall entschuldigend an und läuft ihm hinterher.

»Wir sehen uns morgen!«, ruft sie noch.

Kendall winkt ihr halbherzig nach, als Nico auch schon kommt. »So ein Blödmann«, sagt sie.

Nico nickt. »Ja, stimmt.«

Lächelnd läuft Kendall los. »Lass uns gehen. Ich habe noch Arbeit vor mir und die Hausaufgaben. Aber es hat gutgetan, mal wieder zu spielen, oder?«

»Es war großartig. Hast du dir wehgetan?«

»Nein. Das werde ich schon aushalten …« Sie bricht ab.

»Was ist?«

Kendall sieht nervös über ihre Schulter, als sie über die Straße gehen und die Abkürzung über ein Haferfeld einschlagen.

»Marlena hat erzählt, dass sie kurz vor Tiffanys Verschwinden hierhergezogen sind und dass Elis Dad vermutet hat, dass Jacián etwas damit zu tun hat.«

»Was? Das ist doch verrückt!«

»Ist es das? Ich meine, können wir da sicher sein? Er ist gemein. Vielleicht ist er ja auch gestört.«

»Kendall!«

»Im Ernst. Was ist, wenn er sie im Wald gefesselt hat? Oder sie in kleine Stücke gehackt hat …«

»Kendall, hör auf! Das ist lächerlich!«

Doch sie ist nicht überzeugt.

Sie gehen schweigend nebeneinander her, bis sie genau zwischen den Farmen ihrer beider Familien angekommen sind – sie liegen sich an der Straße gegenüber. Einen Augen­blick lang bleiben sie mitten auf der Straße voreinander stehen und halten sich an den Händen. Dann neigt sich Nico vor und küsst sie sanft.

»Arbeite nicht so schwer«, sagt er.

»Du auch nicht. Rufst du mich um elf an?«

»Wie immer.«

Kendall lächelt. Sie lösen sich voneinander und gehen in entgegengesetzten Richtungen ihre langen Auffahrten hoch.

4

Zu Hause wirft Kendall ihren Rucksack auf den großen Eichentisch in der Küche. »Hi Mum!«, trällert sie und küsst sie auf die Wange.

»Wie war dein erster Tag?«

Mrs Fletcher steht an der Spüle und wässert ihren Kräutergarten. Sie ist groß und dunkelhaarig wie Kendall, trägt Capri-Hosen und ein rotkariertes, kurzärmeliges Hemd, das sie an der Taille zusammengeknotet hat.

»Gut.«

»War es schlimm ohne Tiffany?«

»Ja, schon ein wenig. Es ist allen aufgefallen, aber niemand hat etwas gesagt – genauso hatte ich es mir vorgestellt.«

»Wie geht es mit deinen Zwängen? Ist es ein wenig besser, jetzt, wo der Schulalltag wieder beginnt?«

Kendall bricht sich ein Stück von einem Vollkornmuffin ab und steckt es sich in den Mund.

»Viel besser. Scheiße, habe ich Hunger.«

»Liebling! Achte bitte auf deine Ausdrücke!«

»Tut mir leid. Mann, habe ich Hunger. Besser?«

»Ja.« Kendalls Mutter nickt zufrieden. »Was gibt es sonst noch Neues? Hast du Hectors Enkel kennengelernt?«

Kendall neigt den Kopf. »Du kennst sie?

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