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Cotton Reloaded - Sammelband 07

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist COTTON RELOADED?
  3. Über dieses Buch
  4. Die Autoren
  5. Impressum
  6. Cotton Reloaded 19 - Unter Verdacht
  7. Cotton Reloaded 20 - Eiskalter Tod
  8. Cotton Reloaded 21 - Tödlicher Sumpf

Was ist COTTON RELOADED?

Dein Name ist Jeremiah Cotton. Du bist ein kleiner Cop beim NYPD, ein Rookie, den niemand ernst nimmt. Aber du willst mehr. Denn du hast eine Rechnung mit der Welt offen. Und wehe, dich nennt jemand »Jerry«.

Eine neue Zeit. Ein neuer Held. Eine neue Mission. Erleben Sie die Geburt einer digitalen Kultserie: COTTON RELOADED ist das Remake von JERRY COTTON, der erfolgreichsten deutschen Romanserie, und erzählt als E-Book-Reihe eine völlig neue Geschichte.

Dieser Sammelband enthält die Folgen 19-21 von COTTON RELOADED.

Über dieses Buch

Drei spannende Thriller in einem Band:

Unter Verdacht: Eine Autobombe tötet den Enthüllungsjournalist Edward Archer. Die ersten Indizien lassen vermuten, dass die NSA in den Fall verwickelt ist. Doch je weiter die Ermittlungen voranschreiten, desto mehr Spuren führen zu einer bestimmten Person: Jeremiah Cotton.

Eiskalter Tod: In kurzer Zeit werden die Leichen von drei Frauen aufgefunden. Sie alle tragen die Initialen K.I. Purer Zufall? Oder die ersten Opfer eines eiskalten Serienmörders?

Tödlicher Sumpf: Die Special Agents Cotton und Decker sitzen an Bord einer Con-Air-Maschine, gemeinsam mit einem der gefährlichsten Serienmörder der USA. Er soll nach Texas überführt werden. Plötzlich reißt eine Tragfläche ab und die Maschine stürzt zu Boden – mitten im Nirgendwo …

Die Autoren

Alexander Lohmann, geboren 1968 in München, studierte nach einer Ausbildung zum Informatiker Germanistik und Geschichte und war als Redakteur bei Zeitschriften tätig. Die Lektüre des »Herrn der Ringe« weckte schon früh seine Liebe zur Fantasy, die er in mehrere eigene Romane umsetzte. Seine Vorliebe für spannungsreiche Gegensätze brachte ihn auch zu COTTON RELOADED. Alexander Lohmann lebt als freier Autor, Lektor und Übersetzer in Leichlingen.

Kerstin Hamann, 1966 in Bad Kreuznach geboren, lebt mit ihrem Mann und drei Töchtern in der rheinland-pfälzischen Naheregion.

Nach ihrer beruflichen Tätigkeit als medizinische Fachangestellte und Fotografin widmet sie sich seit einigen Jahren dem Schreiben von Krimis.

2010 erschien ihr erster Kriminalroman »Abgehakt« im Sutton Verlag, Erfurt. Mit »Innere Werte« (2012) fand der Erfolg ihres Debütromans um Kommissar Martin Sandor eine Fortsetzung und griff das aktuelle Thema der Organspende auf.

Kerstin Hamann will die Leser mit ihren Texten fesseln, sie in die Atmosphäre ihres Romans einhüllen, aber auch zum Nachdenken anregen.

Besuchen Sie die Autorin auf ihrer Homepage unter: www.kerstinhamann.de

Timothy Stahl, geboren 1964 in den USA, wuchs in Deutschland auf, wo er unter anderem als Chefredakteur eines Wochenmagazins und einer Jugendzeitschrift tätig war. 1999 kehrte er nach Amerika zurück. Seitdem ist das Schreiben von Spannungsromanen sein Hauptberuf. Mit seiner Horrorserie WÖLFE gehörte er 2003 zu den Gewinnern im crossmedialen Autorenwettbewerb des Bastei-Verlags. Außerdem ist er in vielen Bereichen ein gefragter Übersetzer. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Las Vegas, Nevada.

COTTON RELOADED

Unter Verdacht

Alexander Lohmann

1

Cypress–Hills-Friedhof, Brooklyn

Es war ein grauer Tag im April. Eine dichte Wolkendecke hing über dem Cypress-Hills-Friedhof in Brooklyn. Decker stand in einem schwarzen Kleid inmitten der Trauergäste und hoffte, dass es nicht auch noch regnete. Ihr Blick glitt an den trostlosen Gräberreihen entlang und blieb an den Baumreihen haften, die dem Gelände jede Weite nahmen. Schlanke weiße Stelen ragten zwischen den kleineren Grabsteinen auf wie mahnende Zeigefinger, kalt und glanzlos unter dem schweren Himmel.

Philippa Decker erschauderte und wandte ihre Aufmerksamkeit dem Geistlichen zu, der vor dem offenen Grab die letzten Abschiedsworte für den Toten sprach. Decker umklammerte ihre Handtasche und versuchte, ihr Gesicht ausdruckslos zu halten.

John D. High, der Chef des G-Teams, stand neben ihr, würdevoll wie immer, und bot in dieser Hinsicht ein gutes Vorbild. Einige weitere Kollegen aus der Abteilung waren erschienen. Als Decker ein wenig den Kopf drehte, konnte sie die kantige Gestalt von Steve Dillagio ausmachen. Der Special Agent machte ein Gesicht, als hätte man ihn zu diesem Einsatz herbefohlen.

Auf der anderen Seite des Grabes – wie auf einer schlechten Party, wo die einzelnen Cliquen getrennt beisammenstanden – hatten sich die Trauernden versammelt, die dem Toten privat verbunden waren. Decker kannte keinen von ihnen persönlich. Aber sie wusste natürlich, wer die ältere Dame im Rollstuhl war: Sarah Granger, Cottons Adoptivmutter.

Decker betrachtete den feinen schwarzen Schleier vor dem Gesicht der Frau, der nicht verbergen konnte, wie aufgelöst das Antlitz darunter war. Sie sah die hilflosen Bewegungen der Hände auf den Armlehnen ihres Stuhles.

Der Priester verstummte. Die Trauergäste verharrten einen Augenblick unentschlossen. Schließlich beugte jemand sich zu Mrs Granger hinunter, flüsterte kurz mit ihr und schob den Stuhl auf das Grab zu. Es war ein teurer automatischer Rollstuhl, aber Mrs Granger war nicht in der Lage, ihn selbst zu bedienen. Nicht an diesem Tag.

Man drückte ihr eine Rose in die Hand. Vor dem Grab blieb der Rollstuhl stehen. Sarah Granger warf die Rose in die Grube. Als ihr Begleiter den Stuhl weiterschieben wollte, hielt sie ihn zurück. Sie beugte sich vor, und einen Moment lang fürchtete Decker, dass sie sich in das Grab ihres Adoptivsohns stürzen wollte.

Decker wandte sich ab. Sie konnte es nicht mehr ertragen. Denn es war das Grab von Jeremiah Cotton, vor dem sich all diese Menschen versammelt hatten. Es war ihr Kollege und Partner, dessen Beerdigung sie hier begingen. Decker dachte an die letzten Augenblicke, die sie mit Cotton verbracht hatte, und fühlte sich schuldig. Sie war bei ihm gewesen. Sie hätte es verhindern müssen.

Hatte es wirklich so weit kommen müssen?

2

Sechs Tage zuvor

»Hummus Heaven« – der Name des Imbisslokals stand in goldenen Lettern über dem Eingang. Jetzt waren die Buchstaben geschwärzt, die großen Fenster darunter von der Explosion eingedrückt, und die roten Markisen hingen in Fetzen herab. Das ausgebrannte Autowrack vor dem kleinen Restaurant sah kaum besser aus. Teile des Fahrzeugs lagen noch in hundert Schritt Entfernung auf der First Avenue verstreut.

Es war bereits dunkel – so dunkel, wie es in New York überhaupt werden konnte. Aber es war die Stadt, die niemals schlief. Vor allem dann nicht, wenn gerade ein Auto auf der Straße explodiert war und sämtlichen Anwohnern die Splitter um die Ohren geflogen waren.

Schaulustige drängten gegen die Absperrungen. Nachbarn standen an den Fenstern oder saßen auf den Feuertreppen gleich über dem Tatort, von wo sie den besten Ausblick hatten. Ein Forensiker im weißen Schutzanzug bewegte sich um den zerstörten Wagen herum und nahm mit einem obszön großen Objektiv Tatortfotos auf.

Joe Brandenburg, Detective des New York Police Department, bahnte sich einen Weg durch das Getümmel, an den Beamten der Spurensicherung vorbei und über die knirschenden Glasscherben ins Lokal hinein. Er schüttelte den Kopf. »Was für ’ne Sauerei!«

Draußen auf dem Bürgersteig hatte er ein paar dunkle Flecken gesehen. Er fragte sich, ob es das Blut von dem Typen gewesen war, der in dem Wagen gesessen hatte. Der Mann saß jetzt längst bei den Engeln. Mehrere Passanten und Gäste des Restaurants waren verletzt worden. Am schlimmsten hatte es das Mädchen erwischt, das gleich hinter dem großen Schaufenster an der Theke bedient hatte. Der Besitzer des Ladens war in der rückwärtig gelegenen Küche unverletzt geblieben. Er war der erste Zeuge, den Brandenburg befragen wollte.

Mit einem Blick über die Schulter vergewisserte er sich, dass Jacques noch bei ihm war, sein neuer Partner – ein nichtssagendes Jüngelchen haitianischer Abstammung, bei dem Brandenburg sich nicht mal merken konnte, ob er ihn nun mit dem Vor- oder Nachnamen ansprach. Der Bursche stakste durch das verwüstete Bistro wie ein Storch im Salat und bemühte sich anscheinend, keinen einzigen Glassplitter zu verschieben.

Brandenburg schnaubte. »Hummus?«, fragte er. »Was ist das eigentlich für ’n Zeug?«

»Eine arabische Spezialität aus Kichererbsen, wenn ich mich recht erinnere«, sagte Jacques.

Brandenburg verzog das Gesicht. Araber. War ja klar. Er beschloss, dem Wirt besonders gründlich auf den Zahn zu fühlen.

Sie fanden den Besitzer des »Hummus Heaven« immer noch im hinteren Teil des Restaurants, zusammen mit den Forensikern, die sich dort umsahen. Rami Zaber war ein kleiner Bursche mit mediterranem Teint und nach hinten gegeltem schwarzem Haar. Brandenburg nahm ihn zur Seite.

»Also, erzählen Sie mal. Was ist hier passiert?«

»Ich weiß es nicht!« Zabers Blick glitt durch sein verwüstetes Lokal. Seine Augen waren weit aufgerissen. »Ich war im Nebenraum. Ich habe nur den Knall gehört, und als ich hier reinkam …«

Er konnte nicht weitersprechen.

Brandenburg fühlte eine Berührung am Arm. Es war Jacques. Bei Gott, der Typ zupfte ihn tatsächlich am Ärmel! Jacques war ihm erst seit sechsunddreißig Stunden als Partner zugeteilt, aber er ging Brandenburg jetzt schon gehörig auf die Nerven.

»Was ist?«, schnappte er.

Jacques beugte sich zu ihm hin. »Der Mann steht unter Schock«, flüsterte er ihm ins Ohr. »Wir sollten lieber …«

»Quatsch«, beschied ihm Brandenburg. »Der wird uns schon nicht umkippen. Bestimmt hilft er uns gern, damit wir rauskriegen, wer ihm seinen Schuppen verwüstet hat, was?«

Rami Zaber schüttelte den Kopf. »Das Restaurant ist nicht so wichtig.« Er flüsterte. »Ich meine, es ist schrecklich! Aber was mit Alia passiert ist … Das ist viel schlimmer. Ich hoffe, es wird alles wieder gut.«

Brandenburg runzelte die Stirn. Dann fiel es ihm ein: Alia Amsari war die Angestellte, die das meiste abbekommen hatte.

»Als ich nach vorne kam, habe ich erst einmal gar nichts gesehen«, fuhr Zaber fort. »Überall war Qualm. Ich dachte, es brennt. Ich bin zum Ausgang gestolpert, und dann habe ich sie gefunden. Alia war voller Blut. Ich wollte sie rausbringen …«

Brandenburg fiel ihm ins Wort. »Ja, ja, klar.« Er hatte selbst noch einen Blick auf das Mädchen erhascht, als die Sanis sie abtransportiert hatten. Alia hatte ausgesehen, als hätte sie die Scherben mit dem Körper aufgefangen, wie die geistesgestörte Assistentin eines Messerwerfers.

»Ich weiß, was mit Ihrer Angestellten passiert ist. Wer hat ihr das angetan? Haben Sie jemand Verdächtigen gesehen? Haben Sie Drohungen erhalten?«

Zaber schüttelte heftig den Kopf. »Nein. Da war nichts. Wir sind ein kleines Restaurant. Sind Sie sicher, dass das ein Verbrechen war? Vielleicht ein Unfall, eine Gasexplosion?«

Brandenburg lachte. »Nee. Der Bursche in dem Wagen da draußen hat eine Bombe vor Ihr Restaurant gefahren. Es sei denn, er hatte den miesesten selbst gebastelten Gasantrieb in seiner Karre, den New York je gesehen hat.«

»Eine Bombe.« Zaber blickte Brandenburg fassungslos an. »Das kann ich nicht glauben. Er kam regelmäßig her. Und er sah nicht so aus, als hätte er etwas mit Bomben …«

»Augenblick!« Brandenburg hob die Hand. »Sie wissen, wer in dem Auto saß? Ich dachte, Sie wären erst nach vorn gekommen, als der Wagen längst hochgegangen war?«

»Bin ich auch«, bestätigte Zaber. »Aber ich habe das Auto später gesehen. Als ich bei Alia am Rettungswagen stand.«

Zaber berichtete, wie er das Nummernschild erkannt hatte, das noch lesbar an dem ausgebrannten Wrack hing. Er kannte das Kennzeichen. Der Fahrer aß regelmäßig im »Hummus Heaven«. Zaber konnte ihn sogar beschreiben: ein fülliger Weißer mittleren Alters. Den Namen wusste er nicht.

Brandenburg nickte. Er verkniff sich eine Bemerkung über »unzufriedene Kunden« und versuchte, dem Wirt weitere Einzelheiten zu entlocken. Doch als Zeuge war Zaber ein Reinfall. Er lieferte nicht mehr als diesen einen Hinweis auf die Identität des Toten, und die hätte Brandenburg über das Nummernschild selbst herausgefunden.

Immer wieder kam Zaber auf seine Angestellte zu sprechen: wie er sie gefunden hatte, wie er versucht hatte, ihr zu helfen, wie man sie fortgebracht hatte und was für ein Mensch sie war. Brandenburg fragte sich, ob die beiden wohl was miteinander hatten.

Während er gelangweilt dem Zeugen zuhörte, schlich sich ein feiner Duft in seine Nase. Die Luft im Lokal brannte infolge der Explosion noch immer in den Augen und erinnerte Brandenburg an die alten Raucherkaschemmen, die es in New York längst nicht mehr gab. Gott, wie er diese Orte vermisste!

»Wenn ich Sie recht verstehe, haben Sie noch eine intakte Küche hinten im Laden?«

Rabi Zaber schaute den Detective überrascht an. »Ja«, sagte er dann. »Die hinteren Räume haben kaum etwas abbekommen. Aber was nutzt mir das, ohne …«

»Dann könnten Sie mir mal so ein Ding machen. So ’nen Hummus. Ordentlich scharf, wenn ich bitten darf.«

»Was?« Der Wirt blickte Brandenburg fassungslos an. »Sie wollen essen? Jetzt? Wo Alia …« Er rang nach Worten.

»Ihre Angestellte war doch hoffentlich nicht die Einzige hier, die ein paar Erbsen schälen konnte?«, meinte Brandenburg. »Was ich da aus der Küche rieche, macht Appetit. Könnte schmecken, mit ordentlich Hühnchen dabei.«

Zaber schüttelte den Kopf. „Wir nehmen kein Fleisch.«

Brandenburg verzog das Gesicht. Das wäre schon mal ein mögliches Motiv für den Anschlag auf den Laden!

Ein Knirschen hinter ihm ließ ihn aufhorchen. Der verbogene Rahmen der Außentür bahnte sich einen Weg durch das Scherbenfeld. Brandenburg wandte sich um. Sein Blick streifte kurz seinen Partner, der verlegen zur Seite schaute. Dann betrachtete Brandenburg das Pärchen, das den verwüsteten Laden betrat: ein junger, athletisch gebauter Mann in Jeans und Lederjacke, dahinter eine elegante Blondine, die ihren Begleiter ein Stück überragte. Brandenburg schnaubte und ging den Neuankömmlingen entgegen.

»Jerry!«, rief er. »Seit du beim FBI bist, seh ich dich öfter als bei unseren gemeinsamen Streifen!«

Zufrieden registrierte er, wie sein früherer Partner zusammenzuckte. Cotton hasste es, wenn man ihn Jerry nannte. Brandenburg hob sich die Anrede deshalb für besondere Gelegenheiten auf. Und inzwischen war es fast jedes Mal eine besondere Gelegenheit, wenn sie sich über den Weg liefen.

»Joe«, rang Cotton sich eine Begrüßung ab.

»Detective Brandenburg«, begrüßte ihn die hochgewachsene Blondine kühl. Sie bewegte sich elegant inmitten der zertrümmerten Einrichtung, und das mit ziemlich hochhackigen Schuhen. Brandenburg pfiff fast unhörbar durch die Zähne. Cottons Partnerin hatte an diesem Abend noch mehr Klasse als die letzten Male, da er sie gesehen hatte. Dennoch beneidete er seinen Ex-Partner nicht. Wenn diese Decker hinter ihm ging, sah es immer ein wenig so aus, als würde sie ihm ständig über die Schultern schauen. Wie konnte er das nur ertragen?

»Willst du mir wieder einen Fall wegnehmen?«, fragte Brandenburg. »Dein neuer Verein will inzwischen wohl alles in dieser Stadt allein machen. Liegt das an dir?«

Cotton hob beschwichtigend die Hand. »Tut mir leid, Joe. Aber ich weiß, wer da draußen im Wagen saß. Deshalb nehme ich an, dass es ein Fall für uns wird. Im Moment bin ich allerdings inoffiziell unterwegs. Wenn du also auf die nötigen Papiere warten willst …«

Brandenburg lachte. »Wenn ich jemals auf Papiere warte, dann werden es meine verdammten Pensionsscheine sein. Und wie’s aussieht, verpass ich hier eh nicht viel.« Er warf einen kurzen Blick über die Schulter. Jacques hatte sich mit dem Wirt ein wenig zurückgezogen. Er schien begütigend auf den Mann einzureden. Brandenburg schüttelte den Kopf.

»Nee«, sagte er. »Den überlass ich dir mit Kusshand.«

*

Cotton ließ sich berichten, was die New Yorker Polizei bisher zu dem Fall sagen konnte. Das war nicht viel. Auf Cottons Frage, was Brandenburg von der Sache hielt, zuckte der Cop die Achseln.

»Keine Ahnung, was passiert ist. Wenn ihr wisst, wem das ausgebrannte Wrack gehörte, habt ihr mehr als wir. Das Nummernschild von dem Typen kannte anscheinend jeder in der Stadt außer mir.«

»In Ordnung, Detective Brandenburg.« Decker blickte vielsagend in Richtung Tür. »Wir sehen uns hier noch ein wenig um. Bis morgen früh haben Sie etwas von uns auf dem Schreibtisch liegen.«

»Ihre private Telefonnummer?«

Decker schnaubte und wartete, bis Brandenburg samt Partner abgezogen war. Dann wandte sie sich Cotton zu. »Und so einer war Ihr ehemaliger Partner beim NYPD! Ich weiß nicht, wie Sie es mit dem Kerl aushalten konnten.«

Cotton zuckte die Achseln. »Er hat uns jetzt schon ein paar Mal geholfen.«

»Wenn ich ihn sehe, erscheint es mir jedes Mal wie ein Ausflug in die Steinzeit der New Yorker Polizei. Apropos: Als Sie mich vom Dinner mit einem alten Freund im Waverly weggerufen haben, haben Sie mir nicht erzählt, dass ich in einem Kriegsgebiet lande.«

Cotton blickte sich in dem Lokal um. Zwei breite Schaufenster, jetzt zertrümmert. Eine schmale Tür neben der dicken Mittelsäule, eine Theke. Die Möbel waren kreuz und quer in dem kleinen Raum verstreut. Einige waren umgestürzt oder zerschlagen. Das schien weniger eine Folge der Explosion zu sein als vielmehr der nachfolgenden Panik.

»Tja«, sagte er. »Ich hatte auch nur die SMS eines Journalisten erhalten, dass er sich hier mit mir treffen wollte.«

»Und?«, fragte Decker.

Cotton trat ans Fenster und blickte hinaus. Rings um ihn glitzerte Glas, sobald Licht von der Straße darauf fiel. »Das Auto da draußen gehört dem Mann. Ich habe mich vergewissert, als wir daran vorbeigekommen sind.«

Auch Decker musterte das Fahrzeug. Die Spurensicherung machte den Wagen gerade für den Abtransport ins Labor fertig. »Sie wussten also nichts von dem Anschlag, als Sie mich anriefen«, stellte sie fest. »Warum wollten Sie mich dann dabei haben? Brauchten Sie eine Anstandsdame für ihr Rendezvous mit der Presse?«

»So was Ähnliches.« Cotton seufzte. »Dieser Journalist, ein gewisser Edward Archer, hat mich vor ein paar Wochen zum ersten Mal angesprochen. Keine Ahnung, wie er auf mich kam. Er erzählte mir von korrupten Regierungsbehörden und geheimen Abteilungen. Es hörte sich an, als wäre er auf der Suche nach einem geeigneten Informanten.«

Deckers Kopf fuhr herum. »Aber das ist brandgefährlich! Wenn er dem G-Team auf der Spur war und schon bis zu Ihnen vorgedrungen ist …“

Cotton lächelte gequält. Er nickte in Richtung des völlig zerstörten Fahrzeugs. »Brandgefährlich, in der Tat. Deswegen wollte ich nicht ohne Zeugen noch mal mit ihm reden, aber ignorieren wollte ich seine SMS auch nicht. Ich dachte mir, wenn der Reporter was in der Hand hat, ist es besser, wenn wir zuerst davon erfahren und er sich keinen anderen sucht, mit dem er plaudern kann.«

»Sie hätten den Vorfall melden müssen«, sagte Decker.

Cotton sah sie gekränkt an. »Für wie dumm halten Sie mich? Natürlich habe ich Mr High Bericht erstattet. Er wollte sich um die Sache kümmern.«

»Nun«, befand Decker. »Jemand hat sich um diesen Archer gekümmert.«

»Das macht mir Sorgen«, sagte Cotton. »Edward Archer erzählte von irgendwelchen Regierungsagenten, die Leute einfach wegbomben, wenn sie ihnen gefährlich werden. Wie’s scheint, war da was dran. Verstehen Sie, Decker? Ich muss herausfinden, wer diese Leute sind. Ich muss sichergehen, dass es nicht unsere Leute sind!«

*

Die Frau mit den roten Locken stand zwischen den Schaulustigen und machte Aufnahmen mit ihrem Handy. Man musste schon genau hinschauen, um das aufsteckbare Objektiv vor der Linse zu erkennen, mit dem sie ohne Qualitätsverlust die Gesichter aller Beamten aufnehmen konnte, die sich am Tatort bewegten.

Die Rothaarige fotografierte die beiden Neuankömmlinge in Zivil und schickte die Aufnahmen weiter. Die Zielperson war eingetroffen! Es war Zeit zu gehen.

Ein bestimmter Tätertyp pflegte regelmäßig an den Ort des Verbrechens zurückzukehren und der Polizei bei der Arbeit zuzuschauen. Deshalb gehörte es zur Routine der Ermittler, ein Auge auf das Publikum zu halten. Bei der Menge der Passanten und Anwohner an der First Avenue war es undenkbar, dass die Cops von jedem zufälligen Zuschauer die Personalien aufnahmen. Dennoch war der Frau bewusst, dass sie sich nicht beliebig lange hier herumtreiben konnte, ohne aufzufallen.

Sie ließ ihr Smartphone in die blaue Handtasche fallen. Mit einem Hüftschwung wandte sie sich ab, stöckelte durch die Menschenmenge und ging einen Block weiter, auf die Mitte von East Village zu. Durch die Seitentür stieg sie in einen wartenden Transporter. Das Innere glich einer kleinen Garderobe. Die Rothaarige nahm ihre Perücke ab und zog die Plastikteile aus dem Mund, die ihr von außen den Anschein hoher Wangenknochen verliehen. Schließlich löste sie die aufgeklebten Kunststoffteile, die ihre Augenpartie veränderten, und wischte das Make-up aus dem Gesicht. Nun saß ein schlanker Mann mit dunklem Kurzhaarschnitt und knielangem Kleid auf dem kleinen, festgeschraubten Hocker in dem vollgestopften Van.

Mario Nair zog sein Handy wieder heraus. Seine Meldung war bestätigt worden. Ihr Mann war im Rennen! Nair lächelte. Er legte auch noch den Rest seiner Verkleidung ab und schlüpfte in einen unauffälligen Freizeitanzug. Die Observation war beendet.

Nair setzte eine schmale Brille auf, knipste das Licht in der fahrbaren Garderobe aus und kletterte durch den Vorhang nach vorn auf den Fahrersitz. Er wusste, dass ein zweites Team bereits im Apartment des Toten beschäftigt war. Die Agenten arrangierten dort das Material, das die Ermittler finden sollten – und beseitigten alles, was niemand sehen durfte. Auf diesen Teil der Operation hatte er keinen Einfluss. Er konnte sich nur darauf verlassen, dass seine Kollegen ihren Job anständig erledigten.

Sein nächster Einsatzort war die Wohnung der Zielperson. Bei seinem ersten unbemerkten Besuch dort, zwei Tage zuvor, hatte Nair sich einen Ersatzschlüssel angefertigt und die Lokalität genau kennengelernt. Das vereinfachte heute seine Aufgabe.

Überhaupt kam ihm sein Job fast zu einfach vor. Die Zielperson war ein Neuling ohne Referenzen, ein Quereinsteiger. Der Mann war bekannt für seinen Übereifer und seine Alleingänge. Kurz gesagt: Jeremiah Cotton war der perfekte Kandidat für die zweite Phase ihres Plans!

3

»Wir müssen Mr High informieren«, bemerkte Decker.

»Ich weiß, ich weiß.« Cotton trommelte auf den Lenker seines Dodge Challenger. Decker war ohne Fahrzeug zum Tatort gekommen. Durch ihr Date im West Village war sie fast in der Nachbarschaft gewesen, als Cottons Anruf sie erreicht hatte.

Inzwischen war Mitternacht vorüber. Die Sperrung auf der First Avenue war aufgehoben, die meisten Beweismittel hatte man gesichtet und abtransportiert. Nur der zentrale Bereich des Bombenanschlags blieb gesperrt, vom Lokal bis zur Fahrspur unmittelbar davor. Dort wartete noch eine Menge Kleinarbeit auf die Spurensicherung.

Cotton und Decker hatten veranlasst, dass man sie umgehend mit Neuigkeiten vom Tatort und aus dem Labor versorgen würde. Im Augenblick allerdings gab es nichts, was sie dazu beitragen könnten.

»Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass Mr High etwas mit dem Anschlag zu tun hat?«, fragte Decker.

»Nein«, antwortete Cotton. »Ich hoffe nicht, dass er so weit gehen würde, um die Geheimnisse seiner Abteilung zu wahren. Aber ich habe mit ihm über Archer geredet. Wenn er nicht selbst veranlasst hat, dass der Reporter aus dem Verkehr gezogen wird, müssen wir zumindest damit rechnen, dass meine Meldung an ihn die Täter auf die Spur des Mannes gebracht hat.«

»Sie meinen, dass die nächste Bombe in Ihrem Auto liegt, sobald wir Mr High erzählen, dass Sie jetzt in der Sache ermitteln?«

Cotton ging nicht darauf ein. »Was ist, wenn Mr High uns von dem Fall abzieht?«

»Es ist nicht unser Fall, solange Mr High nicht die notwendigen Papiere ausstellt«, erwiderte Decker, kniff die Augen zusammen und sah Cotton von der Seite an. »Es sei denn, Sie wollen Mr High offiziell verdächtigen und interne Ermittlungen über seinen Kopf hinweg beantragen. Aber wenn Sie ihn auf diese Weise übergehen, können Sie sich wieder nach einem Job im Bauwarenhandel in Connecticut umsehen.«

»Sie haben recht.« Cotton ließ den Motor an. »Wir werden Mr High alles berichten, was wir über den Fall wissen. Aber lassen Sie uns noch bis morgen früh damit warten.«

Decker seufzte. »Ich nehme an, Sie denken dabei nicht nur an die ungestörte Nachtruhe unseres Vorgesetzten? Oder daran, dass wir in dieser Nacht ohnehin nicht mehr viel tun können?«

Cotton schmunzelte, als er sich in den Verkehr einfädelte. »Das sind alles gute Gründe. Aber tatsächlich wollte ich ein paar Stunden länger in der Grauzone fischen, bevor ich mir eine dienstliche Anordnung abhole, die mir vorschreibt, was ich tun oder lassen soll. Ich will mich heute Nacht in der Wohnung von Edward Archer umschauen. Wenn wir Glück haben, finden wir dort ein paar weitere Argumente, die wir Mr High morgen auf den Schreibtisch legen können.«

*

Sie fuhren nach Lower Harlem. Edward Archer hatte ein Apartment in der 113th Street gemietet, unweit der Lenox Avenue.

Die Altbaufassaden ringsum waren frisch renoviert, mit säulengetragenen Portiken und stuckumsäumten Simsen und Fensteröffnungen. Archers Heim sah zwischen diesen Gebäuden so aus, als wäre es bei der Gentrifizierung des Viertels übersehen worden. Im Erdgeschoss war die Hausfront braun übermalt, die Ziegelwand darüber zeigte sichtbare Lücken und sah fleckig aus: mal grau, mal rötlich, mal gelb.

»Wir haben keinen Durchsuchungsbefehl«, gab Decker zu bedenken, als Cotton in dem dunklen Hausflur mit den rissigen Linoleumplatten am Türschloss hantierte. »Wenn wir hier Beweise für irgendetwas finden, werden wir sie nicht verwerten können.«

»Archer ist tot«, widersprach Cotton. »Und er wohnte allein. Wir untersuchen also nur eine leer stehende Wohnung.«

»Wie spitzfindig. Und woher wissen Sie so genau, dass er allein lebte?«

Das Schloss klickte. Die Tür ging einen Spaltbreit auf. Cotton legte die Hand auf den Türgriff. »Ich habe mich ein wenig über Mr Archer informiert, nachdem er mich das erste Mal angesprochen hatte. Also, schauen wir uns um, oder halten Sie mich auf?«

Decker schüttelte den Kopf. Entschlossen schob sie Cotton beiseite und trat als Erste über die Schwelle. »Damit Sie das später allein durchziehen, sobald ich Sie aus den Augen lasse? Vergessen Sie’s, Cotton.«

Archers Wohnung bestand aus einem einzigen Zimmer, mit einer winzigen Diele und einem Toilettenraum davor. Der Waschraum sah aus, als hätte er eine Abstellkammer werden sollen. Was er in diesem Altbau vielleicht auch gewesen war.

Im ersten Moment glaubte Cotton, ein anderer hätte das Zimmer schon vor ihnen durchsucht. Auf den zweiten Blick war er sich nicht mehr so sicher. Das Bett war zerwühlt, und auf einem Teil der Matratze stapelte sich Kleidung. Auf dem Schreibtisch lagen Papiere, auch der Fußboden war damit bedeckt. In den offenen Regalen standen Bücher, Tassen und Nippes neben- und übereinander, als hätte irgendwer alles herausgenommen und nachlässig wieder hineingestopft.

Aber auch die winzige Kochnische war unaufgeräumt, und Cotton bezweifelte, dass Eindringlinge das Geschirr benutzt und liegen gelassen hatten. Vermutlich hatte Archer einfach so unordentlich gelebt.

Cotton nahm einige Papiere auf. Er wusste nicht genau, wonach er suchte. »Das gefällt mir nicht«, sagte er. »Wer auch immer Archer aus dem Verkehr ziehen wollte – sie können längst hier gewesen sein und alles durchwühlt haben, ohne dass wir es bemerken würden.«

»In diesem Durcheinander hätten sie vermutlich nichts gefunden«, erwiderte Decker. »Sie hätten alles mitnehmen müssen, um es in Ruhe durchzusehen.«

Cotton nickte. Er nahm Deckers Kommentar als guten Ratschlag an und packte sämtliche Papiere ein, die mit Archers letzter Arbeit zu tun zu haben schienen. Besonders interessant war ein in Leder gebundenes Notizbuch. Es war voll mit Terminen und unleserlichen Notizen.

Cotton blätterte es kurz bis zum Ende durch und fand Kalendereinträge der laufenden Woche. Das sah aktuell aus. Mit ein wenig Glück würde er in diesem Buch etwas finden, was erklärte, warum man Archer in die Luft gesprengt hatte.

Decker stand zwischen leeren Burgerpackungen und alten Socken und drehte sich langsam um sich selbst. »Etwas fehlt hier tatsächlich.«

Cotton horchte auf. »Was?«

»Wenn in diesem Apartment ein Journalist gewohnt hat – wo ist dann sein Computer? Ich sehe nur Papier. Aber ein Reporter, der mit der Hand schreibt, kommt heute nicht mehr weit.«

*

Als Cotton nach Hause kam, war es fast zwei. Er legte die Mappe mit Archers Papieren auf den Küchentisch und setzte eine Maschine mit Kaffee auf. Dann trat er ins Bad.

Er fühlte sich sonderbar, als er durch seine Wohnung ging, beinahe so, als sähe er alles zum ersten Mal. In den letzten Tagen war es ihm häufiger so ergangen: Die eigene Wohnung kam ihm fremd vor. Sie wirkte verändert, doch wann immer Cotton den Finger darauf legen wollte, was sich verändert hatte, fand er nichts Greifbares. Vielleicht war er einfach zu selten zu Hause. Oder es lag an der Müdigkeit. Es war jedenfalls ein Gefühl wie zwischen Tag und Traum.

Cotton schippte sich kaltes Wasser ins Gesicht und betrachtete sich im Spiegel. Ein leichter Schatten unter den Augen, aber er hatte schon längere Nächte erlebt. Trotzdem schwor er sich: nur ein kurzer Blick auf die Papiere, dann würde er zu Bett gehen. Es half niemandem, wenn er morgen in Highs Büro einschlief.

Er zuckte zusammen. Ein Geräusch auf dem Flur!

Cotton drehte das Wasser ab. Seine Kimber lag in der Küche. Er hielt den Atem an, lauschte. Jetzt war es still. Nur die Stadt selbst verstummte nie. Cotton hörte fernes Motorengeräusch, leise Stimmen, ein Lachen auf der Straße.

Er trat vorsichtig auf, damit der Boden nicht knarrte. Neben der Tür zum Flur blieb er stehen und schob sie einen winzigen Spalt auf. Dahinter war es dämmrig. Ein scharfer Lichtkegel aus der Küche wischte den schmalen Streifen Helligkeit fort, der aus dem Badezimmer nach draußen fiel. Nichts regte sich in seiner Wohnung.

Behutsam trat Cotton in die Diele. Er sicherte nach allen Seiten, nahm sich ein Zimmer nach dem anderen vor. Die Kaffeemaschine in der Küche röchelte. Seine Jacke hing über dem Stuhl; die Mappe und das Halfter mit der Waffe lagen dort, wo er sie abgelegt hatte. Er war allein. Offenbar hatte er etwas aus der Nebenwohnung gehört oder Schritte aus der Etage darüber.

Cotton schüttelte den Kopf. Er kam sich vor wie ein überspannter Teenager, der im dunklen Haus Gespenster sah. Archer hatte kurz vor seinem Tod über Verschwörungen gesprochen. Cotton hätte nicht geglaubt, dass es ihn derart nervös machen würde.

Dennoch: Der Verdacht, dass jemand aus dem G-Team den Reporter zum Schweigen gebracht hatte, war nicht von der Hand zu weisen. Allein schon deswegen musste er den Fall aufklären. Wie sollte er je wieder einem Kollegen in die Augen sehen, wenn er nicht sicher sein konnte, ob sein Gegenüber tatsächlich für Recht und Gesetz eintrat – oder unter dem Deckmantel des FBI sogar terroristische Anschläge gegen die eigenen Bürger organisierte?

Cotton goss sich einen Kaffee ein und blätterte in Archers Unterlagen. Es waren ein paar Fotos darunter, die er nicht zuordnen konnte, aber ein mitgedruckter Datumscode verriet, dass sie in neuester Zeit gemacht worden waren. Er würde die Bilder beim G-Team durch die Datenbank laufen lassen. Wenn sie mit Archers Recherchen zu tun hatten, wäre es vielleicht nützlich zu wissen, wen der Reporter zuletzt ins Visier genommen hatte.

Der Kaffee war bitter. Gedankenverloren schüttete Cotton Zucker in die Tasse, während er mit der anderen Hand weiter die Blätter durchging. Eng gedruckter Text, Tabellen: viel zu viel Material, um es auf die Schnelle zu überblicken. Er nahm sich das Notizbuch vor und las von hinten nach vorne. Die Hälfte der Einträge konnte er nicht entziffern. Anscheinend hatte Archer Kurzschrift beherrscht – da musste Cotton passen.

Dennoch fand er den Termin wieder, an dem Archer sich mit ihm getroffen hatte. Datum, Uhrzeit und das Café, in dem sie gewesen waren, standen im Klartext da. Cottons Blick flog über weitere Daten, Orte, Telefonnummern. Etwas in seinem Hinterkopf stellte eine Verbindung her, wie eine Erkenntnis, die er beinahe greifen konnte, die sich ihm im letzten Moment jedoch immer wieder entzog.

Cotton machte die Müdigkeit zu schaffen. Er konnte sich nur mit Mühe konzentrieren und trank noch eine Tasse Kaffee.

Woher kannte er diese Daten?

Diese eine Sache kriege ich heute noch heraus, dachte er. Das Rätsel muss doch zu knacken sein, bevor ich Feierabend mache.

*

Am nächsten Vormittag erschien Cotton mit Kopfschmerzen in der Zentrale des G-Teams. Decker erwartete ihn ungeduldig.

»Es nutzt Ihrer Sache gewiss nicht, Cotton, wenn Sie Mr High warten lassen. Kommen Sie.«

»Augenblick.« Cotton bediente sich am Wasserspender. »Ich bin gestern am Küchentisch über Archers Aufzeichnungen eingeschlafen. Nicht, dass ich viel davon gelesen hätte.«

Decker musterte ihn von oben bis unten. »Sie sehen aus, als hätten sie dabei eine Flasche von Ihrem Lieblingswhiskey getrunken – Glenfiddich.«

»Talisker«, berichtigte sie Cotton.

»Ah! Sie geben es also zu!«

In einem Zug kippte Cotton das Wasser herunter, zerknüllte den Becher und warf ihn weg. »Von wegen. Nach einer Flasche Talisker würde es mir besser gehen. Ich hätte schon billigen Fusel kippen müssen, damit der Alkohol mich so zurichtet, wie mir heute zumute ist.«

Er war gestern in der Küche eingeschlafen, also hatte der Wecker im Schlafzimmer am Morgen vergeblich gesummt. Hätte Decker ihn nicht angerufen, wäre er vermutlich erst mittags gekommen.

Er streckte sich. »Vermutlich die Strafe dafür, wenn man zu lange auf einem Küchenstuhl schläft.«

»Okay.« Decker schob Cotton vor sich her. »Ich habe Mr High bereits angekündigt, dass Sie einen Bericht für ihn haben … vor zwei Stunden!«

*

»Verstehe ich Sie richtig?« High stand hinter seinem Schreibtisch auf. Mit fast zwei Metern Körperlänge überragte der schlanke Afroamerikaner nicht nur Cotton, sondern auch Decker deutlich. »Sie wollen diesen Fall übernehmen, nur weil das Opfer vor dem Anschlag mit Ihnen geredet hat?«

»Ähm … im Wesentlichen ist es so, Sir.«

Cotton hatte geglaubt, er hätte sein Anliegen gut vorgetragen. Vor allem hatte er die Befürchtung zum Ausdruck gebracht, dass Archer möglicherweise dem G-Team auf der Spur gewesen war und die Polizei daher Hinweise auf die Abteilung finden könnte, wenn man ihr die Ermittlungen überließ. Auf dieses Argument war Cotton besonders stolz. Dass High die ganze Angelegenheit nun auf diese Weise abtat, brachte ihn aus dem Konzept.

»Haben Sie sich um Archer gekümmert, Sir?«, fragte er deswegen zurück. »Haben Sie ihn überprüft, nachdem ich ihn gemeldet hatte?«

High beäugte ihn kühl. »Was glauben Sie denn, was ich tue, wenn einer meiner Agenten mich über eine mögliche Kompromittierung unserer Geheimhaltung informiert? Dass ich meinen Stempel auf den Bericht setze, ihn abhefte und weiter in meinem Büro Baseball schaue?«

»Nein, Sir.« Cotton erwiderte den Blick. Er sprach die Antwort nicht aus, die ihm unwillkürlich in den Sinn kam, als er seinem Vorgesetzten in die Augen sah: Dass Sie möglicherweise die Bedrohung beseitigen? Mitsamt dem allzu neugierigen Reporter, wenn es sein muss?

Cotton wollte gerne an die Integrität seines Vorgesetzten glauben. Doch der Chef des G-Teams hatte etwas an sich, was einen solchen Verdacht nicht ganz abwegig erscheinen ließ.

High schüttelte den Kopf, setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch und zog eine vorbereitete Mappe aus der Ablage. Er drehte sie so herum, dass die beiden Agenten den Inhalt sehen konnten: Es war ein Dossier über den toten Journalisten.

»Ich habe Erkundigungen über Archer eingeholt. Ich würde ihn als gescheiterte Persönlichkeit und als Sonderling einstufen. Er verdiente seinen Lebensunterhalt mit kleineren Geschichten: New Yorker Nachtleben, Kriminalberichte. Aber seine Leidenschaft galt Verschwörungstheorien – von Ufos bis hin zur CIA. Er hat ständig davon geträumt, an einer großen Sache dran zu sein.«

»Nicht, dass es auf dem Gebiet nichts zu finden gäbe«, bemerkte Decker mit einem spöttischen Unterton.

»Nicht, dass er nicht wirklich etwas gefunden hat«, bestätigte High ohne jede Spur von Humor. »Er hat durchaus den einen oder anderen Skandal ausgegraben. In ein paar Fällen hatte er die richtigen Ideen, doch ihm fehlten die Beweise. Vielleicht waren seine Reportagen auch einfach zu schlecht geschrieben und haben deshalb kein weiteres Aufsehen erregt. Jedenfalls ist alles im Sande verlaufen. Archer ist in dieser Szene mitgeschwommen, aber ein bedeutsamer Enthüllungsjournalist war er nie.«

»Vielleicht stand er dieses Mal kurz vor seinem großen Coup«, wandte Cotton ein.

»Wenn dem so ist, dann bezweifle ich, dass es die Aufdeckung des G-Teams gewesen wäre.« High wies auf die Akte. »Ich habe einige Analysten auf ihn angesetzt und ihn von einem Agenten unter die Lupe nehmen lassen. Aber seine Recherchen bewegten sich nicht mal in der Nähe unseres Teams.«

»Er hat mich angesprochen«, gab Cotton zu bedenken.

»Sie waren der Einzige aus unserem Umfeld, mit dem er jemals zu tun hatte«, entgegnete High. »Das macht es unwahrscheinlich, dass er gegen uns recherchiert hat. Oder wollen Sie Ihrem Bericht etwas hinzufügen, was die Sache in einem anderen Licht erscheinen lässt?«

Cotton schüttelte den Kopf. »Archer hat mir gegenüber nur Andeutungen fallen lassen. Konkrete Hinweise auf das G-Team waren nicht dabei. Vielleicht hat er sie auch nur zurückgehalten, um mich aus der Reserve zu locken.«

High wischte den Einwand beiseite. »Ich nehme an, er ist zufällig auf Sie gekommen. Archer hat Kontakte bei der New Yorker Polizei, und dort ist es kein Geheimnis, dass Sie zum FBI gewechselt sind. Vermutlich hat er sich ganz allgemein einen neuen Informanten erhofft, ohne mehr von unserer Abteilung zu wissen.«

»Vielleicht.« Cotton war nicht überzeugt.

»Aber eins ist klar«, fuhr High fort. »Archer war diesmal an etwas Ernsthaftem dran. Wegen bloßer Hirngespinste sprengt niemand mitten in Manhattan ein Auto in die Luft.«

»Allerdings«, pflichtete Cotton ihm bei. »Das ist keine banale Straßenkriminalität mehr.«

Highs Blick wurde undeutbar. »Nein«, sagte er. »Das ist es nicht. Ich werde alles Notwendige veranlassen und den Fall an uns ziehen. Und wenn Sie bei Ihren Ermittlungen im Umfeld des Toten doch auf eine Verbindung zum G-Team stoßen, kommen Sie damit sofort zu mir.«

*

Cotton hasste diese Art Fälle. Am liebsten hätte er Zeugen befragt oder Verdächtigen auf den Zahn gefühlt. Aber sie hatten nichts dergleichen. Und die eigentliche Tat – das Legen der Bombe – war vermutlich an einem ganz anderen Ort erfolgt als die Explosion. Deshalb kannten sie nicht einmal den wahren Tatort. Zeugen und Verdächtige würden sie erst eingrenzen können, wenn sie das Leben und die Arbeit des toten Journalisten durchleuchtet hatten.

Somit lag der Fall zunächst bei den Laborratten und den Analysten. Cotton sah sich in die Zuschauerrolle gedrängt, während die Experten die Beweismittel analysierten. Ihm selbst blieb nur, gemeinsam mit Decker die Berichte und Listen durchzugehen, sobald sie hereinkamen, und auf weitere Ergebnisse zu warten.

Archers Notizbuch hatte er an Fachleute weitergeleitet, die mit der Kurzschrift vertraut waren. Sehnsüchtig wartete er auf die Übertragung in Klarschrift, denn nach wie vor war er überzeugt, dass in diesem Taschenkalender der Schlüssel lag, um Archers letzte Schritte nachzuvollziehen.

»Wie konnten Sie in der vergangenen Nacht stundenlang darüber brüten, wenn Sie gar nichts zu entziffern vermochten?«

Decker saß neben ihm an einem großen Bildschirm in der Zentrale. Die New Yorker Polizei hatte eine ausführliche 3D-Rekonstruktion des zerstörten Fahrzeugs und des Umfelds erstellt. Decker und Cotton gingen dieses Modell nun von allen Seiten durch und suchten nach relevanten Details. Dennoch hatte Cotton es nicht lassen können, wieder von dem Notizbuch anzufangen.

»So lange war das nicht. Ich bin ziemlich schnell eingeschlafen«, gab er zu. »Ein paar Namen und Daten konnte ich im Klartext erkennen. Ich habe die ganze Zeit versucht, mich zu erinnern, was mir an den Zahlen bekannt vorkam.«

»Wie wär’s, wenn wir diese Termine und Namen in eine Suchmaschine eingeben und sehen, was rauskommt?«

»Gute Idee.« Cotton strich sich verlegen durchs Haar.

Decker schloss die Tatortrekonstruktion mit einer Mausbewegung und rief einen Browser auf. »Also, was für Daten soll ich überprüfen?«

Cotton runzelte die Stirn. Er erinnerte sich, wie er gestern Abend über dem Notizbuch gebrütet hatte. Aber die Details waren wie fortgeblasen.

»Tut mir leid«, sagte er. »Ich erinnere mich an keinen einzigen Eintrag mehr.«

»Großartig.« Decker schloss den Browser wieder. »Ich sehe, Sie haben sich die Nacht sehr sinnvoll um die Ohren geschlagen.«

»Egal«, befand Cotton. »Wir kriegen jeden Augenblick eine Übersetzung rein. Dann haben wir die Daten und den Kontext. Kümmern wir uns so lange um die übrigen Hinweise.«

Sie blätterten die Fundstücke aus Archers Wohnung durch, die von der Spurensicherung gerade akribisch protokolliert wurden. Jeder Gegenstand und jedes Blatt Papier wurde im Rechnersystem gespeichert, und Cotton und Decker konnten sich Scans oder Fotos anschauen. Cotton tat sich schwer mit dieser Art der »Tatortbesichtigung«, aber er musste zugeben, dass es das Material überschaubarer machte, als es vor Ort ausgesehen hatte. Gerade bei diesem Fall, wo es vor allem auf den Inhalt von Papieren ankam, reichten die Scans und die Zusammenfassungen vermutlich aus. Er holte sich ein Fundstück auf den Schirm und betrachtete es genauer.

»Bemerkenswert«, stellte er fest.

»Was?« Decker beugte sich zu ihm herüber.

»Archer war Fördermitglied beim Intrepid Museum.«

Die Intrepid war ein ausgemusterter Flugzeugträger, der dauerhaft als Museumsschiff im Hudson River vor Anker lag. Zu dem Museum gehörte außerdem ein U-Boot, die Growler, und ein Spaceshuttle – alles zur Besichtigung freigegeben.

»Und?«, fragte Decker.

»Ich frage mich, warum ein Mann wie Edward Archer für so etwas hundert Dollar ausgibt.«

»Vielleicht interessiert er sich für maritime Geschichte?« Decker zuckte die Achseln. »Es ist ja nicht so, dass wir den Mann genauer kennen.«

Cotton dachte an das schäbige Apartment. Die Bücher, die er dort gesehen hatte. Nichts deutete auf ein Interesse an Schiffen hin oder an der Geschichte der US-Marine oder der Raumfahrt. Hundert Dollar mussten für den Reporter eine Menge Geld gewesen sein. Cotton fragte sich, was für einen Gegenwert er dafür erwartet hatte.

»Es passt nicht«, befand er. »Ich habe das Gefühl, da steckt was anderes dahinter. Es schadet nicht, beim Museum nachzufragen, was die über ihr Fördermitglied wissen.«

Er wollte zum Telefon greifen, bezweifelte dann aber, dass die Museumsverwaltung auf einen Anruf hin alles herausrücken würde, was an Informationen interessant für ihn war. Also stand er auf und griff nach seiner Jacke.

»Wo wollen Sie hin?«, fragte Decker.

»Ich fahre mal beim Intrepid Museum vorbei und wedele mit meinem Ausweis herum. Geht schneller als eine offizielle Anfrage.«

Decker sah ihn missbilligend an. Sie musste das Wort »Zeitverschwendung« nicht aussprechen, um ihre Meinung deutlich zu machen.

Cotton winkte ihr begütigend zu. »Wir müssen da nicht zu zweit auftauchen. Bis Archers Notizbuch erfasst ist, bin ich zurück.«

Er eilte davon, bevor Decker Einwände erheben konnte. Endlich raus aus der Zentrale! Alles war besser, als stundenlang auf den Bildschirm zu starren.

Manche Dinge, befand Cotton, wollte er doch lieber Zeerookah überlassen.

*

Das Intrepid Sea, Air & Space Museum belegte einen Anleger gleich neben der 12th Avenue. Der gewaltige Rumpf des ausgemusterten Flugzeugträgers beherrschte das Gelände und überragte selbst die schmale Fußgängerbrücke, die über die Hauptstraße hinweg auf das Areal führte.

Ganz oben auf dem Hangardeck, dekorativ auf einer der Stadt zugewandten Ecke platziert, thronte eine nachtschwarze Blackbird. Die Tragflächen am Rumpf waren weit nach hinten gezogen und liefen nahtlos in das Leitwerk mit den beiden Querrudern aus. Das Flugzeug sah auch heute noch futuristisch aus. Cotton konnte sich den Jet gut als Raumjäger in einem Science-Fiction-Film vorstellen.

Er ging auf das weiße Eingangsgebäude zu, das an einen Pavillon erinnerte. Für Mitglieder der Museumsgesellschaft gab es einen eigenen Einlass. Cotton wählte diesen Zugang und zeigte seinen Ausweis.

»Erfassen Sie die Besuche der Mitglieder?«, fragte er die Dame am Schalter.

Sie starrte verwirrt auf seine Marke. »Worum geht es?«

»Um ein Mitglied Ihrer Museumsgesellschaft. Edward Archer. Kannten Sie den Mann?«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Wir haben eine Menge Fördermitglieder. Für viele ist die Mitgliedschaft bloß eine günstige Jahreskarte, mit der sie jederzeit ins Museum können.« Sie tippte auf ihrem Computer, dann zog sie die Brauen zusammen. »Edward Archer. Hm …«

»Sie kennen ihn doch? Er war aktiveres Mitglied?«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Nein. Ich hätte allerdings erwartet, dass ich ihn zumindest auf seinem Foto wiedererkenne. Laut unserer Datenbank kommt er alle paar Tage vorbei …« Sie verstummte, und ihr Gesicht verschloss sich. »Aber ich weiß nicht, ob ich diese Daten herausgeben darf. Ich werde einen Verantwortlichen aus der Verwaltung holen.«

Als Cotton eine halbe Stunde später das Gelände wieder verließ, war er kaum schlauer als zuvor. Keiner der Angestellten hatte Archer gekannt. Zumindest gab niemand zu, je mit ihm gesprochen zu haben.

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