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Cotton Reloaded - Sammelband 06

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist COTTON RELOADED?
  3. Über dieses Buch
  4. Die Autoren
  5. Impressum
  6. Cotton Reloaded 16 - Die Stimme des Zorns
  7. Cotton Reloaded 17 - Die Stadt der Toten
  8. Cotton Reloaded 18 - Der Sohn des Senators

Was ist COTTON RELOADED?

Dein Name ist Jeremiah Cotton. Du bist ein kleiner Cop beim NYPD, ein Rookie, den niemand ernst nimmt. Aber du willst mehr. Denn du hast eine Rechnung mit der Welt offen. Und wehe, dich nennt jemand »Jerry«.

Eine neue Zeit. Ein neuer Held. Eine neue Mission. Erleben Sie die Geburt einer digitalen Kultserie: COTTON RELOADED ist das Remake von JERRY COTTON, der erfolgreichsten deutschen Romanserie, und erzählt als E-Book-Reihe eine völlig neue Geschichte.

Dieser Sammelband enthält die Folgen 16-18 von COTTON RELOADED.

Über dieses Buch

Drei spannende Thriller in einem Band:

Die Stimme des Zorns: Zwei Geschäftsleute werden ermordet aufgefunden. Beide hatten Kontakt zu einer Organisation namens »Hisbulnur« – Partei des Lichts. Bei ihren Ermittlungen stoßen Cotton und Decker auf eine Mauer des Schweigens – und die Morde nehmen kein Ende.

Die Stadt der Toten: Wie viele anderen US-Teenager sucht auch die Tochter eines amerikanischen Diplomaten währen der Semesterferien in Mexiko ihren Spaß. Mit ihrer besten Freundin fährt sie nach Ciudad Juárez, auch bekannt als die Stadt der Toten. Wenige Tage später werden beide Mädchen vermisst.

Der Sohn des Senators: Das FBI umzingelt eine abgelegene Farm. Das Anwesen ist Sitz der obskuren Religionsgemeinschaft »Reich des kommenden Lichts«. Die Sekte droht mit einem Massaker an unschuldigen Kindern, sollte ihre Forderung nicht erfüllt werden: ein Atomschlag der USA gegen Nordkorea.

Die Autoren

Alfred Bekker schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um das Reich der Elben, die »Drachenerde-Saga«,die »Gorian«-Trilogie und seine Romane um die Halblinge von Athranor machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Kommissar X und Ren Dhark. Außerdem schrieb er Kriminalromane, in denen oft skurrile Typen im Mittelpunkt stehen – zuletzt Der Teufel von Münster, worin er einen Helden seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einer sehr realen Serie von Verbrechen macht. Seine Webseite: www.alfredbekker.de.

Peter Mennigen wuchs in Meckenheim bei Bonn auf. Er studierte in Köln Kunst und Design, bevor er sich der Schriftstellerei widmete. Seine Bücher wurden bei Bastei Lübbe, Rowohlt, Ravensburger und vielen anderen Verlagen veröffentlicht. Neben erfolgreichen Büchern, Hörspielen und Scripts für Graphic Novels schreibt er auch Drehbücher für Fernsehshows und TV-Serien.

Arno Endler wurde 1965 am schönen Rhein geboren. Die bessere Fernsicht und die frische Luft lockten ihn in den Hunsrück. Dort wohnt und lebt er mit seiner Frau und ihren beiden Kindern in einem Dorf umringt von Feldern und Wäldern.

Als Teilzeit-Freizeit-Schriftsteller genießt er die Ruhe und sucht den Ausgleich in spannenden Geschichten verschiedener Genres.

Seine Webseite: www.arnoendler.de

COTTON RELOADED

Die Stimme des Zorns

Alfred Bekker

1

Du stehst da und verbrennst dir an deinem Coffee-to-go die Zunge. Denn was du jetzt siehst, das raubt dir den Atem und den Verstand. Und beides wird vielleicht nie ganz wieder so, wie es mal war. Aber das weißt du in diesem Moment noch nicht. Du stehst da, in einer dieser schattigen Häuserschluchten von New York City, deren Asphalt die schon tiefer stehende Septembersonne nicht erreicht.

Es ist der 11. September 2001, und die Bilder einstürzender Türme haben seitdem Milliarden Menschen im Kopf. Für dich aber gilt das in ganz besonderer Weise. Was genau in welcher Reihenfolge geschah, weißt du nicht mehr. Die Eindrücke vermischen sich. Der Crash der PanAm-Maschine in den Südturm, die Flammen, der Staub, die Panik, die einstürzende Türme des World Trade Centers. Sirenen und Schreie gehen darin unter. Du stehst da und weißt, dass in dem Wolkenkratzer, der da vor dir wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, der Rest deiner Familie ist. Alle, die dir etwas bedeuten, werden in wenigen Sekunden unter einem Berg aus Geröll begraben sein. In diesem Augenblick hast du es noch nicht begriffen. Die Erkenntnis kommt später – und dafür umso schmerzhafter. Keinen von ihnen wirst du je wiedersehen.

Du stehst da und kannst nichts tun.

Musst hilflos das Unvermeidliche mit ansehen.

Als die Erkenntnis dich erreicht, meldet sich die Stimme des Zorns.

Und auch sie wird dich nie wieder verlassen. Sie flüstert in dir. Ständig. Sie lädt dich mit Hass auf. Dem Wunsch, etwas zu tun. Dem Wunsch, die Ohnmacht jenes furchtbaren Augenblicks, als die Türme zusammenstürzten, nachträglich doch noch ungeschehen zu machen.

Du weißt im tiefsten Inneren deines Herzens, dass es sinnlos ist.

Aber da ist dieser unbändige Zorn in dir.

Und die Stimme des Zorns sagt dir etwas anderes.

Etwas, von dem du glauben möchtest, dass es wahr ist …

*

»Mister Cotton?«

Es dauerte einige Augenblicke, bis die Stimme durch Cottons Gedanken drang und ihn erreichte.

»Alles in Ordnung, Mister Cotton?«

»Alles in Ordnung.«

»Bestimmt?«

»Ich bin vielleicht ein bisschen müde, das ist alles.«

»Sie werden lernen, sich zu öffnen. Sie werden erfahren, dass Sie mit Ihrem Problem nicht allein sind, und schon das wird Sie erleichtern. Und wenn Sie dann verstanden haben, dass Sie die Dämonen in Ihrem Kopf freilassen müssen, wenn Sie nicht mehr von Ihnen verfolgt werden wollen, wird Ihr Körper Sie nicht mehr durch Müdigkeit vor Ihrem sinnlosen Hass schützen müssen.«

»Wie? Nein, Ma’am, es war einfach nur eine ziemlich lange Nacht gestern.«

»Natürlich.«

»Wirklich!«

»Ich habe Ihnen ja auch nicht widersprochen. Nur Ihre Wahrheit, Ihr subjektives Erleben zählt hier.«

Eine Frauenstimme. Sie gehörte Dr. Karen Grosvenor, und auch wenn es für Cottons Ohren eher ungewöhnlich klang, dass man ihn »Mister« und nicht »Agent« nannte, hatte das im Moment seine Ordnung. Hier, in der Gruppe von Dr. Karen Grosvenor, war er kein Special Agent einer Sonderabteilung des FBI. Hier war er einfach nur »Mister Cotton« – und das wohl auch nicht mehr lange, denn Karen machte jetzt den Vorschlag, dass alle sich von nun an beim Vornamen nannten.

Cotton stand nicht auf Förmlichkeiten. Trotzdem gefiel ihm das irgendwie nicht. Den Grund dafür konnte er nicht genau benennen. Es war ein tiefes Unbehagen, das ihn schon befallen hatte, als er diesen Raum betrat und sich in den Stuhlkreis setzte. Selbsthilfegruppe für 9/11-Traumatisierte … ob das wirklich das Richtige für mich ist, muss ich mal abwarten, ging es ihm durch den Kopf, obwohl er innerlich bereits entschieden hatte, dass es nicht das Richtige für ihn war. Wenn er sich dermaßen unwohl fühlte wie im Moment, konnte es nicht richtig für ihn sein.

Vielen Dank, Mr High, ging es ihm durch den Kopf. Denn es war John D. High gewesen, sein Chef, der ihn mehr oder weniger dazu gedrängt hatte, dieser Gruppe beizutreten. So etwas nannte man dienstliche Anweisung.

»Wir brauchen in unserer Abteilung Mitarbeiter, die über eine außergewöhnliche psychische Stabilität verfügen, Cotton«, hatte er die Stimme seines Vorgesetzten noch im Ohr. »Und bei Ihnen setzt das voraus, dass diese Sache geklärt ist.«

Diese Sache – das war der 11. September und alles, was damit zusammenhing. Ein Tag, der in Cottons Leben alles verändert hatte. Reichte es denn nicht, dass er sein Leben seitdem dem Kampf gegen das Verbrechen gewidmet hatte?  Musste es wirklich sein, dass er jetzt auch noch ausführlich darüber redete?

Aber selbst wenn das nicht der Fall war – was hätte er anderes tun sollen, als dem Wunsch seines Vorgesetzten nachzukommen und eines der zahlreichen Selbsthilfeangebote anzunehmen, das es für 9/11-Traumatisierte gab? Immerhin hatte Mr High dem jungen Agent freigestellt, welches Angebot er wahrnahm. Und weder High noch Cotton hatten Interesse daran, dass man einen FBI-eigenen Psychologen hinzuzog und die ganze Sache aktenkundig wurde.

Vielleicht werde ich innerlich ja wirklich ein bisschen ruhiger, wenn ich hier mitmache, versuchte Cotton sich einzureden, während er sich auf dem ziemlich unbequemen Stuhl ein Stück zurücklehnte. Die Gruppentreffen fanden in den Unterrichtsräumen einer Highschool in der Upper Westside statt.

»Ich bin Scott«, hörte er einen der anderen Teilnehmer sagen. Ein breitschultriger Mann mit blonden Haaren. Die ebenfalls blonden Augenbrauen waren so hell, dass man sie auf der blassen Haut kaum sehen konnte.

»Scott? Und wie weiter?«, fragte Karen Grosvenor.

Scott antwortete nicht. Stattdessen glitt sein Blick über die Gesichter der anderen Anwesenden, blieb kurz an Cotton haften und wanderte dann wieder zurück.

»Scott McCray. Susan, meine Frau, hatte gerade ihren Job bei einer Immobilienfirma angetreten, die ihre Büros im World Trade Center hatte. Und ausgerechnet an diesem Tag …« Scott verstummte, presste die Lippen aufeinander.

»Reden Sie weiter, Scott«, sagte Karen Grosvenor. »Es wird Sie erleichtern.«

Scott McCray nickte.

Und gleich sagt sie wieder: Schließlich geht es uns allen ähnlich. Vergessen Sie nicht, dass Sie hier nicht allein sind, ging es Cotton durch den Kopf. Aber er hütete sich, eine Bemerkung fallen zu lassen. Vielleicht hat Mr High sogar recht. Vielleicht fällt es dir einfach nur schwer, dir so etwas anzuhören, weil es die alten Wunden in dir immer wieder aufreißt und du diese Ohnmacht wie damals fühlst. Du konntest nichts tun – genauso wenig wie Scott und all die anderen armen Seelen hier.

»Sie sind nicht allein, Scott«, sagte Karen in diesem Moment, genau wie Cotton es vorhergesehen hatte – und offenbar in der Absicht, Scott zum Weiterreden zu bewegen.

Scott fuhr mit erstickter Stimme fort: »Ausgerechnet an diesem Tag hat unsere Tochter meine Frau ins Büro begleitet. Sie wollte immer schon wissen, was Susan da eigentlich macht. Die Tagesmutter hatte an dem Morgen einen Zahnarzttermin, deswegen hätte Susan unsere Kleine erst später dorthin gebracht. Und ich konnte nicht, weil ich einen Geschäftstermin hatte.« Scott schluckte. »Hätte ich unsere Kleine an diesem Morgen gehabt, wäre wenigstens sie noch am Leben. Seit elf Jahren denke ich jeden Tag mindestens einmal darüber nach …«

»Sie dürfen sich keine Schuld geben an dem, was damals geschehen ist«, versicherte Karen.

»Ich weiß. Ich tue es trotzdem. Es lässt sich einfach nicht vermeiden, all dieses hätte und wenn, das einem im Kopf herumschwirrt und immer absurdere Gedankenschleifen bildet.« Scott zuckte mit den Schultern und schaute auf den Boden. Der Blick war starr, als würde diese Fixierung ihm helfen, nicht irgendwo anders hinsehen zu müssen. In die Augen eines der anderen Anwesenden zum Beispiel.

Armer Kerl, dachte Cotton. Es war seltsam, aber er verspürte in diesem Augenblick das Bedürfnis, Scott zu sagen, dass er etwas Ähnliches erlebt hatte. Cottons Eltern hatten ausgerechnet an diesem Tag seine Schwester im World Trade Center besucht.

Ausgerechnet …

Und ich bin ausgerechnet in dem Moment woanders gewesen, erinnerte sich der G-man. Auch wenn er ansonsten wirklich nicht auf den Mund gefallen war, brachte Cotton in diesem Augenblick keinen Ton heraus. Ein dicker Kloß steckte ihm im Hals. Für ein paar Sekunden, die sich schrecklich lange hinzogen, fühlte er sich wie gelähmt, gefangen von Gedanken an die Vergangenheit. Ein Gespräch mit Mr High fiel ihm ein. »Sie kommen vom Lande, Cotton, da kennt man sich doch in der Bibel aus, oder?« – »Aus Iowa zu kommen heißt, ein halber Schriftgelehrter zu sein, Sir.« – »Dann denken Sie mal über die Geschichte von Lots Frau nach, die sich nach der Flucht aus dem brennenden Sodom umdreht und zur Salzsäule erstarrt, weil sie mit der Vergangenheit nicht abschließen konnte.«

Cotton versuchte tief durchzuatmen und stellte fest, dass ihm selbst das im Moment schwerfiel.

Offenbar war genau das eingetreten, was Mr High vorausgesagt hatte.

*

»Sie können schon gehen, Jarmila. Was hier noch zu tun ist, schaffe ich allein.«

»Danke, Mister Al-Kebir.«

»Bis morgen.«

»Bis morgen, Sir.«

Muhammad Al-Kebir blickte nicht von den Rechnungsbelegen auf, die er gerade mit großer Sorgfalt geglättet hatte.

Jarmila O’Shaughnessy kannte ihren Arbeitgeber gut genug, um zu wissen, dass das nicht unhöflich gemeint war. Muhammad Al-Kebir, der 41-jährige, leicht übergewichtige Juwelier, war ein sehr pedantischer Mann, der mit höchster Konzentration arbeitete und sich von nichts und niemandem ablenken ließ. Sein Mondgesicht besaß einen gebräunten Teint, und der Ansatz des dunklen Haares, in das sich graue Strähnen mischten, war bereits merklich zurückgewichen. Ein gepflegter Knebelbart bildete in seinem eher weichen Gesicht die einzige markante Kontur.

Jarmila O’Shaughnessy verließ den kleinen, aber feinen Juwelierladen in der DeKalb Avenue, Brooklyn. Al-Kebir bekam kaum mit, wie die Tür ins Schloss fiel. Er murmelte ein paar Zahlen auf Arabisch vor sich hin. Al-Kebir war in New York geboren, hatte hier die Highschool und das College besucht und einen Abschluss in Betriebswirtschaft gemacht, bevor er die Chance bekam, sich selbstständig zu machen.

Er hatte das Geschäft eines nahen Verwandten übernommen, der infolge eines Schlaganfalls nicht mehr in der Lage war, sein Business weiterzuführen. Al-Kebir musste ihn nach und nach auszahlen, aber das war angesichts der guten Geschäftslage kein Problem.

Muhammad Al-Kebir erhob sich, ordnete die Belege sorgfältig ein, aktivierte die Alarmanlage und verließ das Geschäft. Das Schutzgitter senkte sich vor die Eingangstür. Al-Kebir wartete, bis es den Boden erreichte und sein Laden somit bestmöglich gegen Einbrüche gesichert war. Ein Kameraauge war gut sichtbar im Schaufenster angebracht. Jeder, der auch nur einen Gedanken an einen Einbruch verschwendete, sollte sofort daran erinnert werden. Al-Kebir hielt nichts davon, derartige Überwachungstechnik möglichst dezent anzubringen. Die Kamera verbreitete allein durch ihr Vorhandensein eine deutliche Botschaft: Finger weg!

Sein Wagen, eine mit kugelsicherer Verglasung hochgerüstete metallicfarbene S-Klasse, stand auf einem Parkplatz zwei Blocks entfernt. Das Gebäude, in dem Al-Kebirs Geschäft untergebracht war, verfügte zwar über eine weiträumige Tiefgarage, aber die wurde zurzeit ausgebaut und sicherheitstechnisch überholt, sodass sie für die nächsten zwei Monate nicht benutzt werden konnte.

Muhammad Al-Kebir spurte etwas Feuchtes auf der Stirn.

Nieselregen.

Der Geschäftsmann wollte sich gerade in Bewegung setzen, da traf ihn noch etwas anderes – mit unvergleichlich größerer Wucht. Er taumelte, verlor beinahe das Gleichgewicht. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Maske des Schreckens. Ein blutiges Loch klaffte in Schulterhöhe, ungefähr eine Handbreit oberhalb des Herzens, in seinem  Dreitausend-Dollar-Maßanzug.

Sein Körper zuckte, als ihn der zweite Schuss traf, dann der dritte und vierte. Es gab kein Schussgeräusch.

Al-Kebir blickte sich um. Auf seinem verzerrten Gesicht spiegelten sich Schmerz und Schock. Seine blutige Hand versuchte, zu der Zweiundzwanziger zu greifen, die er in einem Schulterholster unter dem Jackett trug, aber er schaffte es nicht, den Griff der Waffe zu fassen. Eine Kugel fuhr ihm durch die Handfläche geradewegs ins Herz. Ein letzter Treffer schlug in seine Stirn, zwei Fingerbreit über der Nasenwurzel. Einen Moment lang stand Muhammad Al-Kebir wie erstarrt, schwankte und schlug dann der Länge nach auf den Asphalt.

Eine Passantin schrie auf. Ein Wagen brach aus der Phalanx der am Straßenrand parkenden Fahrzeuge aus und fädelte sich rücksichtslos und mit aufheulendem Motor in den fließenden Verkehr ein.

Der Nieselregen wurde stärker und wusch das Blut vom Asphalt, noch ehe es angetrocknet war.

»Einen Arzt!«, rief jemand.

Aber es war längst zu spät.

*

»Schön, dass Sie auch mal da sind, Cotton!«, empfing ihn Special Agent Philippa Decker am nächsten Morgen und musterte ihn von ihrem Schreibtisch aus. Cotton hatte gerade das Großraumbüro des G-Teams betreten, der geheimen Spezialabteilung des FBI, für die er seit einiger Zeit tätig war. Das Büro war nicht an der Federal Plaza 26 untergebracht, wo neben dem Field Office des FBI eine Reihe weiterer Behörden ihren New Yorker Sitz hatten, sondern in der Nachbarschaft, getarnt als Computerfirma.

Cotton schaute auf die Uhr. »Bin ich zu spät?«

»Nahe dran.« Decker strich sich eine Strähne ihrer langen, seidigen blonden Haarpracht aus der Stirn.

»Immer cool bleiben.« Agent Steve Dillagio grinste von seinem Platz aus in Cottons Richtung. »Bevor der Chef nicht da ist, ist man auch nicht zu spät. Grundregel Nummer eins. Gilt überall.« Dillagio war bekannt dafür, sich oft nicht an die Regeln zu halten.

Der Blick, den Decker Cotton daraufhin zuwarf, war unmissverständlich: Der ist kein Vorbild für dich.

Zeerookah, das Computergenie des G-Teams, hatte von Cotton noch gar nicht weiter Notiz genommen. Stattdessen war der Blick des indianischstämmigen Agents auf einen der zahlreichen Monitore gerichtet, während seine Finger über die Tastatur huschten. Was immer er gerade tat, es musste wichtig sein – ob nun für die Abteilung, einen speziellen Fall oder für ihn selbst.

Cotton schaute zum Büro von John D. High hinüber, das durch eine Glaswand vom Rest des Großraumbüros abgetrennt war, aber vom Chef der Abteilung war nichts zu sehen, obwohl der hagere, asketisch wirkende High abends stets der Letzte und morgens der Erste im Büro war.

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Mr High trat ein. Er trug Hemd und Krawatte. Die Jacke hing ihm über dem angewinkelten Arm. In der Hand hielt er eine Mappe.

»Guten Morgen, Agents«, sagte er. »Ich bitte die Verspätung zu entschuldigen. Und ich kann noch nicht einmal sagen, dass die Unterredung, die ich gerade hatte, besonders wichtig gewesen wäre.«

Die Anwesenden blickten ihn erwartungsvoll an. Selbst Zeerookah schaute von seiner Arbeit auf und nahm die Finger von den Tasten. John D. High forderte stets volle Aufmerksamkeit. Jeder, der für ihn arbeitete, bekam das schon in den ersten Tagen seines Dienstes so unmissverständlich klargemacht, dass er es nie wieder vergaß.

»Mit wem haben Sie denn gesprochen, Sir, wenn ich fragen darf?«, meldete sich Dillagio zu Wort. Sein Gedanke war ganz einfach: Wenn der Unbekannte Mr High dazu veranlasste, sich zu verspäten, musste er oder sie sehr wichtig sein.

»Es war der Bürgermeister«, erklärte Mr High. »Und die Angelegenheit, über die ich mit ihm gesprochen habe, wird auch unser Thema sein.« Er schaute in die Gesichter seiner Leute. Für einen kurzen Moment ruhte sein Blick auf Cotton. Der hatte nicht die leiseste Ahnung, was los war.

»Gestern Abend wurde wieder ein Anschlag auf einen arabischstämmigen Geschäftsmann verübt«, erklärte High. »Die Zuständigkeit für diese Mordserie wurde vom New York Police Department auf das FBI übertragen. Da bei diesem Fall inzwischen viel weiterreichende Hintergründe vermutet werden, ist unsere Abteilung gefragt.«

»Lassen Sie mich raten, Sir. Es geht um Terrorismus«, meinte Dillagio.

»Lassen Sie mich raten, Agent Dillagio – es gibt da ein paar üble Vorurteile, die Ihnen bei den Ermittlungen, die wir vor uns haben, vielleicht im Weg stehen werden«, gab High kühl zurück.

Dillagio zuckte mit den Schultern und verschränkte die Hände hinter dem Nacken, während er sich zurücklehnte.  »Wieso Vorurteile? Weil die Begriffe Araber und Terrorismus irgendwie zusammenzugehören scheinen?«

»Muhammad Al-Kebir ist amerikanischer Staatsbürger, wie die meisten anderen Opfer der Anschlagsserie. Er betrieb seit Jahren mehrere Juweliergeschäfte in New York City und New Jersey. Das Hauptgeschäft – klein, aber fein – liegt in der DeKalb Avenue in Brooklyn. Es ist eine der ersten Adressen für Schmuck der gehobenen Preisklasse und alles, was mit Diamanten und Edelmetall zu tun hat. Und noch etwas: Mister Al-Kebir war Reserveoffizier der US Army, wo er ein paar Jahre gedient hat, bevor er ein Wirtschaftsstudium aufnahm.«

»Also ein Musterknabe«, meinte Dillagio.

»Die soll es auch geben, Agent Dillagio.« High trat auf die Eingangstür seines Büros zu, blieb stehen und drehte sich noch einmal um. »Jemand hat es auf Amerikaner arabischer Herkunft abgesehen. Drei Opfer gab es bisher, alle mit derselben Waffe erschossen. Eine nicht registrierte Automatik, vermutlich mit Schalldämpfer. Die Entfernung, aus der die Schüsse zumindest in einem der Fälle abgegeben wurden, lässt die Vermutung zu, dass eine Zielhilfe benutzt wurde, ein Laserpointer vielleicht. Die Zeugenaussagen in Fall Nummer eins – da ging es um einen arabischstämmigen Gemüsehändler aus Queens – sind in diesem Punkt leider widersprüchlich.« Ein Ruck ging durch den hageren Körper des Afroamerikaners. Das Neonlicht glänzte auf seinem haarlosen Kopf. »Die bisherigen Nachforschungen unserer Kollegen vom Morddezernat haben zwei mögliche Ermittlungsrichtungen ergeben. Entweder es handelt sich um einen Krieg, der innerhalb des organisierten Verbrechens abläuft – Schutzgelderpressung, Geldwäsche und so weiter. Allerdings konnten bisher keine Anhaltspunkte dafür gefunden werden, und es hat sich auch keinerlei wirtschaftliche Verbindung unter den Opfern ergeben.«

»Was nicht gegen diese Ermittlungsrichtung sprechen müsste«, meinte Dillagio. »Wenn ich die Absicht hätte, Drogengelder zu waschen, würde ich mir dafür auch Geschäfte aussuchen, die nichts miteinander zu tun haben, und meine Millionen dort investieren.«

»Solche Zusammenhänge werden sich bei einer genauen Untersuchung der wirtschaftlichen Verhältnisse herausfiltern lassen«, meinte Zeerookah zuversichtlich.

High nickte ihm dankbar zu. »Das hoffe ich sehr, Agent Zeerookah. Die zweite Ermittlungsrichtung«, fuhr er dann fort, »ist der islamistische Terrorismus. Möglicherweise wurden arabisch-amerikanische Geschäftsleute erpresst, Terroristen zu finanzieren.«

Dillagio hob die Hände. »Wie ich von Anfang an gesagt habe. Und wenn jemand Muslim und Reserveoffizier der US Army ist, ist er doch quasi der ideale Al-Quaida-Agent. Das wäre nicht das erste Mal, wie Sie zugeben müssen.«

»Die Kollegen sind nicht weitergekommen, der Bürgermeister ist besorgt und fürchtet sich vor einer Welle der Gewalt – ganz gleich, ob die nun durch Terroristen oder gewöhnliche Kriminelle ausgelöst wird«, fuhr High ungerührt fort. »Ich schlage also vor, dass wir noch einmal ganz von vorne anfangen und nichts ausschließen.« High fixierte Dillagio mit festem Blick. »Falls Sie auch noch Vorurteile gegen Schwarze, Juden und Homosexuelle haben sollten, bekomme ich so langsam Ressentiments gegenüber Italienern, Agent Dillagio.«

»Kein Wunder, Sir, die haben doch alle was mit der Mafia zu tun«, frotzelte Cotton.

Der tadelnde Blick, den High ihm zuwarf, machte ihm schnell klar, dass er mit seiner Bemerkung ziemlich danebengelegen hatte.

»Machen Sie sich mit den bisher ermittelten Fakten vertraut. Wir treffen uns in einer halben Stunde. Dann möchte ich, dass jeder von Ihnen hellwach ist und mit Vorschlägen glänzt, wie wir in dieser Sache vorgehen sollen.«

2

Eine Stunde später waren Cotton und Decker auf dem Weg nach Brooklyn. Zuerst stand ein Besuch bei Captain Gene Braddock auf dem Programm, Chief des Morddezernats, das diesen Fall zuerst bearbeitet hatte.

Cotton saß am Steuer einer Limousine aus den Beständen der Fahrbereitschaft des FBI Field Office New York. Ein Dienstwagen, der nicht weiter auffallen sollte. Grau metallic, wie mindestens die Hälfte aller Fahrzeuge, die zurzeit in den Straßen des Big Apple unterwegs waren. »Graue Mäuse« nannte Cotton solche Dienstfahrzeuge insgeheim. Philippa Decker saß auf dem Beifahrersitz und checkte ihre Mails auf dem Smartphone.

Vom Marcus Garvey Boulevard bogen sie in die DeKalb Avenue ein, die als Einbahnstraße in Ost-West-Richtung durch Brooklyn führte. Auf der rechten Seite lag das Jehova’s-Witness-Lafayette-Gebäude, ein Gotteshaus der Zeugen Jehovas. Nur wenige Gehminuten davon entfernt befand sich das Hauptgeschäft von Muhammad Al-Kebir. Dort waren sie mit Captain Braddock verabredet.

»Saphire« lautete der Name von Al-Kebirs Kette von Juwelierläden. Der Name war nicht zu übersehen, aber Cotton war trotzdem gezwungen, erst einmal an dem Geschäft vorbeizufahren. Es gab nirgends eine Parkmöglichkeit.

»Wie war eigentlich Ihr Kurs, Cotton?«, fragte Decker, während der G-Man in eine Seitenstraße einbog.

»Was für ein Kurs?«

»Der, zu dem Mr High Sie geschickt hat.«

»Das ist kein Kurs, sondern eine Selbsthilfegruppe.«

»Hilft es Ihnen?«

»Haben Sie unseren Chef darauf gebracht, mich dorthin zu schicken?«

»Wieso sollte ich?«

»Vielleicht, weil Sie mich für zu impulsiv halten.«

»Wenn man ein Übel selbst erkannt hat, sollte man etwas dagegen tun, Cotton.«

»Sie haben nicht auf meine Frage geantwortet.«

»John D. High ist unser Vorgesetzter. Da kommt es schon mal vor, dass wir dienstliche Fragen besprechen, Cotton. Auch was Sie betrifft.«

»Dann habe ich es wohl Ihnen zu verdanken, in Zukunft einen Teil meiner Freizeit in dieser Gruppe verbringen zu müssen.«

»Haben Sie mal darüber nachgedacht, dass es seinen Grund haben könnte, dass man Sie dorthin geschickt hat? Okay, halten Sie hier.«

Cotton parkte den Wagen am Straßenrand. Ein kühler Wind wehte zwischen den Gebäudezeilen. Fünf Minuten Fußweg lag bis zum Saphire-Hauptgeschäft vor ihnen.

Deckers Smartphone klingelte. Sie nahm das Gespräch entgegen. »Gene? Ja, wir sind an dir vorbeigefahren, und ich habe dich auch gesehen. Wir sind in Kürze bei dir.« Sie beendete das Gespräch.

»Sie kennen Captain Braddock?«, fragte Cotton.

»Ich musste mal in einem Fall ermitteln, in dem es um einen Cop ging, der nicht genau wusste, auf welche Seite der Grenze er gehört, die das Gesetz zieht.«

»Lassen Sie mich raten. Dieser Cop war Braddocks Partner?«

»Nein.«

»Nein? Wer dann?«

»Sein Sohn. Bevor es zum Prozess kam, hat er sich umgebracht. Seitdem ist Braddock nicht gut auf mich zu sprechen.«

*

Captain Braddock war ein Mann Ende fünfzig. Grauer Haarkranz, markante Gesichtszüge, hervorspringendes Kinn. Unterhalb des linken Auges hatte sich eine seitlich nach unten verlaufende Falte gebildet, die seinem Gesicht einen harten, unfreundlichen Ausdruck gab, ganz gleich, wie hoch er seine Mundwinkel auch zu ziehen und wie breit er zu lächeln versuchte.

»Na, das wurde auch Zeit«, sagte der Captain. »Aber ihr G-men steht ja über den Dingen und glaubt vermutlich, dass nur bei euch so etwas wie ein gedrängter Terminkalender existiert.«

»Wir wären gerne zu dir aufs Revier gekommen, aber es war dein Vorschlag, dass wir uns hier treffen, Gene«, erwiderte Decker betont freundlich.

»Auf unserem Revier wird renoviert. Die Decke muss gestrichen werden. Jeder bringt sich und sein Laptop in Sicherheit, so gut es geht, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Na, dann sollten Sie froh sein, dass wir den Fall übernehmen«, meinte Cotton. »Ihre Abteilung scheint dann ja für ein paar Tage lahmgelegt zu sein.«

Im nächsten Moment trafen Cotton zwei Blicke, die ihn geradezu zu durchbohren schienen.

Wenigstens habe ich es durch meine Bemerkung geschafft, dass die beiden sich für einen Moment mal einig sind, schoss es ihm durch den Kopf.

»Genau hier ist es passiert, Philippa«, wandte Braddock sich wieder an Decker. Er deutete auf eine dunkle Stelle auf dem Pflaster. »Obwohl es geregnet hat, sieht man noch Spuren des Blutes. Der Schütze wollte offenbar auf Nummer sicher gehen. Er hat immer wieder abgedrückt.« Braddock deutete auf den Eingang des Juweliergeschäfts. Durch das Schaufenster sah Cotton, dass dort offenbar Business as usual herrschte. Eine Angestellte blickte kurz zu ihm hinüber, konzentrierte sich dann aber wieder auf ihre Kundschaft, ein gut gekleidetes Ehepaar Mitte sechzig, das sich den Schmuck in den Auslagen vermutlich leisten konnte.

»Hat die Ballistik herausfinden können, von wo genau geschossen wurde?«, fragte Decker.

Braddock nickte. Er deutete zu einer Reihe parkender Fahrzeuge. »Da, wo jetzt der Lieferwagen steht, muss der Wagen gestanden haben, aus dem gefeuert wurde.«

»Ich habe nichts über den Wagentyp gefunden.«

»Wir leider auch nicht. Aber die Kollegen des Erkennungsdienstes meinen, dass es eine Limousine war, kein Van oder Geländewagen.«

»Wegen des Einschusswinkels?«

»Ja. Die vermutliche Schussbahn konnte rekonstruiert werden.«

»Hier gibt es eine Überwachungskamera«, stellte Cotton erstaunt fest, denn in den Unterlagen, die ihnen bisher zur Verfügung gestanden hatten, war von einer Kamera keine Rede gewesen. Vielleicht gab es Aufnahmen vom Mord.

»Die Aufzeichnungen sind bei den Kollegen der SRD in der Bronx«, sagte Braddock.

»Na, da sind sie ja gut aufgehoben«, murmelte Cotton.

Die Scientific Research Division, kurz SRD, war der zentrale Erkennungsdienst sämtlicher New Yorker Polizeieinheiten. Das FBI nutzte ihn ebenso wie das New York Police Department, falls aufwendige erkennungsdienstliche Untersuchungen vorgenommen werden  mussten.

Braddock runzelte die Stirn. »Hat dein Partner heute schlechte Laune, Philippa?«, wandte er sich an Decker.

»Ich würde sagen, seine Laune ist auf normalem Level.«

»Was ist auf den Aufnahmen zu sehen?«, fragte Cotton ungerührt.

»Sie zeigen, wie Mr Al-Kebir von den Kugeln getroffen wird und stirbt. Aber der Bildausschnitt zeigt nichts vom Täter.«

»Er scheint es mit einberechnet zu haben«, meinte Cotton und deutete auf die Stelle, an der das Tatfahrzeug vermutlich geparkt hatte. »Das ist eine Einbahnstraße. Er hat sich so postiert, dass er nach dem Mord weiterfahren konnte, ohne dass man ihn auf dem Video sehen kann.«

Braddock nickte. »Wie gesagt, die Aufzeichnungen sind bei den Kollegen in der Bronx. Die sollten das Material eigentlich darauf untersuchen, ob im Hintergrund Personen zu erkennen sind – Zeugen, die Hinweise liefern könnten. Aber im Moment ist die SRD überlastet. Es kann sein, dass sie mit ihren Untersuchungen noch nicht weit gekommen sind.«

»Haben Sie Ihre Leute denn nicht in der Gegend herumgeschickt, Captain Braddock?«, fragte Cotton.

»Für wen halten Sie mich?«, erwiderte Braddock gereizt. »Natürlich haben wir das. Wenn Sie unseren bisherigen Bericht genau gelesen hätten, dann wüssten Sie, dass dabei nichts Brauchbares herausgekommen ist.«

»Das weiß ich auch so«, erwiderte Cotton frostig. »Und gibt es keine weiteren Überwachungskameras in der Gegend, die etwas mitgeschnitten haben könnten?«

»Auch das haben wir überprüft. Aber bevor wir in diesem Punkt zum Abschluss gekommen sind, hat man uns den Fall leider weggenommen.« Braddock zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder Decker zu. »Vielleicht ist das sogar besser.«

»Wie meinst du das?«

»Wenn ihr Supercops vom FBI irgendetwas wollt, werdet ihr euch wohl kaum in der Schlange bei den Kollegen der SRD anstellen müssen. Notfalls lasst ihr die Untersuchungen durch eure eigenen Wissenschaftler, Gerichtsmediziner und was weiß ich alles durchführen. Abgesehen davon bin ich nicht scharf darauf, in einem Fall zu ermitteln, der mit Terrorismus zu tun hat. Mein Wagen wird nämlich nicht routinemäßig darauf untersucht, ob jemand da vielleicht eine Autobombe angebracht hat …«

»Wer sagt Ihnen, dass es hier um Terrorismus geht?«, fragte Cotton.

Braddock verzog das Gesicht und sprach Decker an. »Dein Kollege ist ein Neunmalkluger, oder?«

»Oh, das täuscht«, antwortete Decker. »Habt ihr Anzeichen dafür, dass wir in diese Richtung ermitteln sollten?«

»Mehrere anonyme Anrufe auf unserem Revier. Die kamen allerdings erst, nachdem in den Medien darüber berichtet wurde, dass unser Revier in dem Fall ermittelt. Einer der Anrufe war interessant, das muss ich zugeben.«

»Inwiefern?«, fragte Decker. »Was hat der Anrufer gesagt?«

»Die ‚Stimme des Zorns’ habe Muhammad Al-Kebir gerichtet.«

»Gibt es eine Aufzeichnung?«

»Ja. Die Stimme war verstellt, und wir konnten den Anruf nicht zurückverfolgen. Es gab drei Dutzend anonyme Anrufe wegen Al-Kebir. Die meisten waren Beschimpfungen von der Sorte, dass man alle Araber aus den USA hinauswerfen solle, damit so etwas wie der 11. September nie wieder geschehen könne. Das übliche Rassistengerede. Aber dieser Anruf war anders.«

»Wieso ist noch keine Kopie davon bei uns?«, fragte Decker.

»Weil der Tag nur vierundzwanzig Stunden hat, Philippa. Wird alles nachgeholt. Die Adressen und Telefonnummern sämtlicher Personen, die mit dem Fall zu tun haben, wurden jedenfalls übermittelt. Und meine Nummer hast du ja auch.«

»Sicher.«

»Okay, wenn nichts mehr zu besprechen ist, würde ich mich jetzt gerne aus dem Staub machen.«

»Gene …«, setzte Decker an.

Sie und Braddock tauschten einen Blick.

»Ich habe nicht die Absicht, noch einmal darüber zu sprechen, Philippa«, sagt Braddock.

»Aber …«

»Was geschehen ist, ist geschehen. Dass mein Sohn sich umgebracht hat, laste ich dir nicht an. Trotzdem werde ich es immer mit dir in Verbindung bringen. Und dass du und ich in der Zeit davor während der Ermittlungen in einem ganz bestimmten Fall ein Superteam waren, kann das nicht aufwiegen.«

Braddock ging davon, ohne sich umzudrehen.

Decker schaute ihm hinterher. Cotton kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie sich gerne mit dem Captain ausgesprochen hätte. Aber er sagte nichts dazu, denn er hatte das Gefühl, dass es besser wäre, sich aus der Sache herauszuhalten.

»Die Stimme des Zorns«, sagte er schließlich. »Klingt irgendwie gruselig. Könnten tatsächlich Islamisten sein, die Al-Kebir bestrafen wollten.«

»Aus welchem Grund?«

»Das ist die große Frage. Weil er ihnen nicht genug Geld überwiesen hat, vielleicht, oder weil er Dinge tut, die in den Augen dieser Leute unanständig sind, sich ansonsten aber als frommer Muslim präsentiert. Ich weiß es nicht.«

»Wir werden uns die Originalaufnahmen des Anrufs anhören müssen, bevor wir uns ein Urteil erlauben können«, stellte Decker kühl fest. »Genauso gut könnte es nämlich sein, dass sich da nur jemand wichtigmachen wollte.«

»Was halten Sie davon, wenn wir uns jetzt mit Al-Kebirs Angestellten unterhalten?«

»Gute Idee.«

3

Im Hauptgeschäft der Saphire-Kette ging es trotz des Mordes als Al-Kebir wie gewohnt zu. Eine Frau in den späten Vierzigern empfing Cotton und Decker. Sie trug ein Kopftuch und stellte sich als Leila Al-Kebir vor, die Ehefrau des Ermordeten. Sie führte die beiden Agents in einen Büroraum.

»Bevor Sie mich jetzt auch fragen, ob wir Kontakte zu terrorverdächtigen Personen hatten – die Antwort lautet nein.« Mrs Al-Kebir wirkte ziemlich gereizt. Ein angestrengter Zug lag auf ihrem fein geschnittenen Gesicht.

»Wir sind hier, weil wir den Mörder Ihres Mannes zur Rechenschaft ziehen wollen, Mrs Al-Kebir«, sagte Cotton. Dass Decker missbilligend die Stirn runzelte, weil er das Wort an sich gerissen hatte, nahm er nicht weiter zur Kenntnis. »Dabei ermitteln wir in sämtliche Richtungen.«

»Am Ende werden sich die Spuren des Mörders im Sand verlaufen und das Ansehen meines Mannes ruiniert sein«, erwiderte die Frau mit bitterem Unterton. »So läuft das doch immer.«

»Falls Kollegen von uns Sie mit zu wenig Respekt behandelt haben, tut es mir leid«, entgegnete Cotton – wieder zu schnell, als dass Decker die Gelegenheit gehabt hätte, ins Gespräch einzugreifen. »Aber wir brauchen Ihre Hilfe. Jede weitere Verzögerung bei den Ermittlungen nützt nur dem Täter. Und der hat Ihren Mann auf dem Gewissen, das wissen wir zweifelsfrei. Und er wird vielleicht erneut zuschlagen.«

Mrs Al-Kebir hob den Kopf. »Fragen Sie, was Sie fragen wollen. Da ihre Kollegen vom NYPD schon ziemlich rücksichtslos in unserem Privatleben herumgeschnüffelt haben und Sie wahrscheinlich am Ende jede Kontobewegung und jedes Handygespräch darauf untersuchen werden, ob wir verdächtige Kontakte in den Nahen Osten haben, dürfte es nicht mehr viel Neues geben, was ich Ihnen mitteilen kann.«

»Versuchen Sie bitte, sich an jede Kleinigkeit zu erinnern, Ma’am. Wurde Ihr Mann bedroht? Hat jemand sich eigenartig verhalten? Gibt es jemanden im Bekanntenkreis Ihres Mannes, der ein Motiv für eine solche Tat haben könnte?« Cotton hob erwartungsvoll die Augenbrauen.

Der Blick, den Mrs Al-Kebir ihm zuwarf, war von unverhohlener Geringschätzung geprägt. »Glauben Sie, ich hätte mir darüber nicht auch schon den Kopf zerbrochen?«

»Können Sie mit der Bezeichnung ‚Stimme des Zorns’ etwas anfangen, Mrs Al-Kebir?«

Die Frau blickte Cotton verständnislos an. »Was soll das sein?«

»Ich habe keine Ahnung. Sagen Sie es mir. Eine Vereinigung? Ein …«

»Ich habe diesen Namen noch nie gehört«, schnitt Mrs Al-Kebir ihm das Wort ab.

Deckers Smartphone klingelte. Sie nahm das Gespräch entgegen. Auf ihrer glatten Stirn bildete sich eine steile Falte. Sie strich sich das Haar zurück, sagte zweimal kurz hintereinander »Ja« und schließlich: »Danke, Zeerookah.« Dann wandte sie sich der Frau des Ermordeten zu. »Ihr Geburtsname lautet Ashrawi, nicht wahr?«

»Sie hätten mich einfach fragen können, wenn Sie sich für meine Familiengeschichte interessieren«, erwiderte Mrs Al-Kebir mit scharfem Unterton.

»Ihr Vater ist Ibrahim Ashrawi, ist das richtig?« Decker ließ sich nicht beeindrucken.

»Worauf wollen Sie hinaus? Dass ich die Tochter eines radikalen Predigers bin? Das trifft zu. Aber meine Eltern haben sich getrennt, als ich zehn war. Ich hatte danach nur noch wenig Kontakt zu meinem Vater.«

»Er hat diese Trennung so einfach hingenommen?«, wunderte sich Decker.

»Sie ging von ihm aus. Offiziell wurden meine Eltern nie geschieden, aber mein Vater – der von Ihnen erwähnte Ibrahim Ashrawi – hatte meine Mutter verstoßen. Und nur das zählte für die beiden.«

»Ihr Vater tritt für die Errichtung eines Gottesstaates ein.«

»Dies ist ein freies Land. Er kann eintreten, wofür er will«, gab Mrs Al-Kebir kalt zurück. »Davon abgesehen teile ich seine Ansichten nicht. Dass ich mich an unsere Traditionen halte und ein Kopftuch trage, heißt im Übrigen keineswegs, dass ich mit Terroristen sympathisiere oder rückständig bin.«

»Das wollte ich damit nicht gesagt haben«, versuchte Decker sie zu beschwichtigen. »Hören Sie, Ma’am, wir müssten mit den Angestellten in diesem Geschäft reden. Im Bericht des NYPD taucht die Aussage einer gewissen Jarmila O’Shaughnessy auf, die vermutlich die Person ist, die zuletzt mit Ihrem Mann gesprochen hat. Es wäre sinnvoll, wenn wir mit ihr beginnen würden.«

»Es tut mir leid, aber das geht nicht.«

»Wieso nicht?«, fragte Decker.

»Jarmila ist heute nicht zur Arbeit gekommen.«

»Gibt es einen Grund dafür?«, wollte Cotton wissen.

Mrs Al-Kebir schüttelte den Kopf. »Nein. Ich hatte heute so viel um die Ohren, dass ich mich nicht weiter darum kümmern konnte. Aber seltsam ist es schon, denn eigentlich ist Jarmila zuverlässig.«

Also gehört sie auf die Liste derer, denen wir dringend einen Besuch abstatten müssen, dachte Cotton.

*

Jarmila O’Shaughnessy fuhr ihren Wagen in die Einfahrt des Bungalows in Riverdale, dem bürgerlichen Teil der Bronx. Schmucke Häuser reihten sich hier aneinander. Die breiten Straßen wurden von Bäumen gesäumt.

Jarmila stieg aus und schaute sich um, als fürchtete sie, beobachtet zu werden. Dann zog sie ihr Kopftuch zurecht. Sie war es schon lange nicht mehr gewohnt, sich damit zu bedecken. Aber wenn sie ihren Onkel Omar As-Sadik besuchte, tat sie es – zumindest, wenn sie daran dachte und ein Kopftuch dabeihatte. Sie war bei Onkel Omar aufgewachsen, nachdem ihre Eltern einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen waren. Schon deshalb hatte sie immer das Gefühl, Omar etwas schuldig zu sein.

Vor ein paar Jahren hatte Jarmila einen irischstämmigen Mann aus Brooklyn geheiratet. Einen Cop, den man kurz zuvor zum Detective Sergeant befördert hatte. Vergangenes Jahr war er bei einer Schießerei mit Drogendealern ums Leben gekommen. Jarmilas Onkel – der anfangs gar nicht begeistert von der Verbindung gewesen war – hatte sie erneut unterstützt, nachdem ihr Mann so plötzlich aus dem Leben gerissen worden war. Unter anderem hatte Jarmila auf Omars Vermittlung hin den Job im Hauptgeschäft der Saphire-Kette in der DeKalb Avenue bekommen.

Jarmila klingelte bereits zum zweiten Mal. Sie wirkte ungeduldig. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie presste die vollen Lippen auf eine Weise zusammen, die keine Zweifel über ihre innere Verfassung ließ.

Endlich öffnete sich die Tür.

Omar As-Sadik war ein hagerer Mann mit dunkelgrauem Haar. Dunkle braune Augen musterten Jarmila überrascht.

»Was ist los?«, fragte er in einem Englisch, das so britisch klang, als würde er aus der unmittelbaren Umgebung von Oxford stammen. Tatsächlich hatte Omar als Kind einige prägende Jahre in Großbritannien verbracht und war auch dort zur Schule gegangen, weil sein Vater in London ein indisch-amerikanisches Unternehmen repräsentiert hatte. Arabisch beherrschte Omar nicht. Er konnte nur ein paar Suren des Koran einigermaßen fehlerfrei rezitieren, doch er hatte in seinem ganzen Leben noch nie ein arabischsprachiges Land betreten. Für eine Pilgerfahrt nach Mekka war aus beruflichen Gründen nie Zeit gewesen. »Du siehst aus, als wäre irgendwas Schlimmes passiert.«

»Bekommst du denn gar nichts mit?«, fragte Jarmila. »Hast du nichts davon gehört, dass man Mr Al-Kebir erschossen hat? Oder willst du es einfach nicht zur Kenntnis nehmen?«

»Komm erst einmal herein, Jarmila«, sagte Omar beschwichtigend. »Und beruhige dich. Du weißt, dass du mit mir über alles sprechen kannst, mein Kind.«

Mein Kind. So hatte er sie oft genannt. Früher zumindest. Und in gewisser Weise fühlte Jarmila sich noch immer so. Omar und seine Frau Ghanema hatten keine eigenen Kinder, und so hatten sie ihre ganze Liebe und Fürsorge in Jarmila investiert.

Sie gingen ins Wohnzimmer, wo Ghanema ihre ehemalige Pflegetochter herzlich begrüßte.

»Was Mr Al-Kebir passiert ist, kann dir jederzeit auch geschehen!«, wandte Jarmila sich dann mit ernster Stimme an Omar.

»Hör mal, ich …«

»Die schrecken vor nichts zurück!«

»Ich bin so leicht nicht einzuschüchtern.«

»Ich wette, das hat Mr Al-Kebir auch gesagt.«

»Das ist etwas anderes.«

»Bist du nicht auch gewarnt worden?«

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