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Cotton Reloaded - Sammelband 05

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist COTTON RELOADED?
  3. Über dieses Buch
  4. Die Autoren
  5. Impressum
  6. Cotton Reloaded 13 - Die Informantin
  7. Cotton Reloaded 14 - Bürgerkrieg
  8. Cotton Reloaded 15 - Tödliche Bescherung

Was ist COTTON RELOADED?

Dein Name ist Jeremiah Cotton. Du bist ein kleiner Cop beim NYPD, ein Rookie, den niemand ernst nimmt. Aber du willst mehr. Denn du hast eine Rechnung mit der Welt offen. Und wehe, dich nennt jemand »Jerry«.

Eine neue Zeit. Ein neuer Held. Eine neue Mission. Erleben Sie die Geburt einer digitalen Kultserie: COTTON RELOADED ist das Remake von JERRY COTTON, der erfolgreichsten deutschen Romanserie, und erzählt als E-Book-Reihe eine völlig neue Geschichte.

Dieser Sammelband enthält die Folgen 13-15 von COTTON RELOADED.

Über dieses Buch

Drei spannende Thriller in einem Band:

Die Informantin: Nach einem erschreckenden Interview verstößt die Reporterin Sandy Overmeyer gegen die oberste Regel des Journalismus: Verrate niemals deine Quelle. Damit macht sie sich einen der mächtigsten Unterweltenbosse New Yorks zum Feind.

Bürgerkrieg: Bei einer Wiederaufführung der Bürgerkriegs-Schlacht entgeht ein Senator nur knapp einem Attentat. Im historischen Gewand beschließen Cotton und Decker dem Täter eine Falle zu stellen: Auf dem großen Ball zum Abschluss der Jahresfeier …

Tödliche Bescherung: Die kleine Dorothy ist auf dem Weg zu Macy’s, dem großen Kaufhaus im Herzen von New York. Dort will sie den Weihnachtsmann bitten, ihre herzkranke Mutter zu retten. Plötzlich tauchen vor dem Kaufhaus zwei Männer auf und setzten alles daran, das Kind zu entführen.

Die Autoren

Jürgen Benvenuti wurde 1972 in Bregenz, Vorarlberg, geboren. Nach Aufenthalten in Berlin und Barcelona lebt er jetzt in Wien. Neben seinen Romanen, die unter anderem bei Bastei Lübbe, dtv und im Wiener Falter Verlag erschienen sind, hat er auch zahlreiche Rezensionen und Artikel in diversen Zeitungen, Zeitschriften und Online-Magazinen veröffentlicht. Ab und zu wagt er außerdem einen Abstecher ins Filmgeschäft.

Linda Budinger ist freie Autorin und Übersetzerin. Sie schreibt seit mehr als 20 Jahren Romane und Kurzgeschichten, vor allem im Bereich Fantasy und Phantastik. Mehrfach wurden Geschichten von ihr für den Deutschen Phantastik Preis nominiert. Bekannt wurde sie durch Veröffentlichungen für das Rollenspiel »Das Schwarze Auge« und als Mitautorin der Bastei-Romanreihe »Schattenreich«. Die Autorin wohnt in Leichlingen.

Peter Mennigen wuchs in Meckenheim bei Bonn auf. Er studierte in Köln Kunst und Design, bevor er sich der Schriftstellerei widmete. Seine Bücher wurden bei Bastei Lübbe, Rowohlt, Ravensburger und vielen anderen Verlagen veröffentlicht. Neben erfolgreichen Büchern, Hörspielen und Scripts für Graphic Novels schreibt er auch Drehbücher für Fernsehshows und TV-Serien.

COTTON RELOADED

Die Informantin

Jürgen Benvenuti

1

Kein Zögern, kein Zaudern. Wenn es losging, gab es nur eine Richtung: Vorwärts.

Dienstag, kurz vor Mitternacht. Vom Novembersturm getrieben, der am frühen Abend über New York aufgezogen war, prasselte der eisige Regen mit voller Wucht gegen den schwarzen Dodge Challenger, in dem die Special Agents Cotton, Decker und Dillagio nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit darauf warteten, dass die Operation endlich losging. Cotton wusste, dass die Nervosität und die Ungeduld ihnen einen Streich spielten; sie hatten den Dodge vor weniger als zehn Minuten hier geparkt, rund 250 Yards von der lang gezogenen, gedrungenen Lagerhalle entfernt, die fast bis zur Flushing Bay hinunterreichte. Etwas mehr als eine Meile nördlich, auf der anderen Seite der Bucht, lag Riker’s Island, im Westen befand sich der LaGuardia Airport und östlich von ihnen, eine knappe Viertelmeile Luftlinie entfernt, standen ein paar Getränke-Abfüllanlagen. Ein wahrlich lauschiges Plätzchen.

Cotton blinzelte in die Dunkelheit.

Das hinterste der drei vergitterten Fenster in der Lagerhalle war erleuchtet, und einmal war ein dunkler Schemen hinter den halb heruntergelassenen Jalousien vorbeigehuscht – vermutlich Bobby Gold, ihre Zielperson. Ansonsten tat sich nichts. Gar nichts.

»Shit, was treiben die Typen da draußen eigentlich?«, fluchte Dillagio, der auf der Rückbank lümmelte und unmelodisch vor sich hin summte. Über seiner speckigen Lederjacke trug er eine schusssichere Weste, deren seitliche Befestigungsriemen nachlässig herunterhingen. Kein Problem. Steve Dillagio nahm es mit diesen und anderen Dingen nicht allzu genau.

»Ich vermute, sie sondieren das Gelände«, sagte Philippa Decker, die auf dem Beifahrersitz saß und ein kleines Hightech-Funkgerät in ihrer schmalen Hand hielt. Mit ihren blonden Haaren, den intelligenten Augen und der dunklen Kampfuniform wirkte sie wie eine Mischung aus Model, Anwältin und Ninja.

»Steve hat recht«, sagte Cotton, der hinter dem Lenkrad kauerte und sich unwohl fühlte in der ungewohnten, eng anliegenden Montur, die zudem einen unangenehmen Kunststoffgeruch verströmte. »Das SWAT-Team sollte sich wirklich ein bisschen beeilen. Wenn die so weitertrödeln, ist Gold wahrscheinlich über alle Berge.«

»Das sind Profis, die arbeiten nun mal gründlich«, sagte Decker mit einem matten Lächeln Richtung Cotton, der immer noch der Rookie des G-Teams war und diese Art des Spottes schon zur Genüge kannte.

»Auch wir sind Profis, Schätzchen«, sagte Dillagio gedehnt.

»Ich bin nicht dein Schätzchen«, antwortete Decker schnippisch, »und werde es auch nie sein. Verstanden?«

Dillagio deutete einen saloppen Salut an. »Nicht künstlich aufregen. Ohne mich wären wir heute gar nicht hier. Ihr solltet mir dankbar sein.«

Er hatte recht. Schließlich war es Steve Dillagio mit seinen weitreichenden Kontakten gewesen, den Sandy Overmeyer an diesem Nachmittag angerufen und damit die ganze Aktion ins Rollen gebracht hatte.

Overmeyer war neunzehn, stammte aus einem Kaff in Utah und studierte an der NYU Journalismus. Seit knapp zwei Monaten absolvierte sie ein Praktikum beim angesagten No Stars Just Stripes Magazine, das sich seit Jahrzehnten einen Namen mit großen, sozialkritischen Reportagen machte. Overmeyer hatte es dank ihrer Hartnäckigkeit tatsächlich geschafft, den berühmt-berüchtigten Dealer Roberto González – genannt Bobby Gold – zu einem Interview zu überreden. Besser noch: Er würde sie mitnehmen in eine seiner Lagerhallen, in denen er nicht nur die Drogen bunkerte und straßenfertig verpackte, sondern in denen er auch lebte. Dank dieser ständigen Wechsel der Wohnorte hatte es Gold in den Jahren seiner kriminellen Tätigkeit geschafft, den Strafverfolgungsbehörden immer einen Schritt voraus zu sein. Er hatte sein Imperium ausgebaut, hatte Konkurrenten eingeschüchtert und aus seinem Territorium vertrieben. Wer sich nicht einschüchtern oder vertreiben ließ, wurde eiskalt ermordet. Vorzugsweise mit einem Schnitt durch die Kehle, ausgeführt mit einem Jagdmesser mit gezackter Klinge. Bobby Golds Spezialität.

Doch irgendetwas war bei dem Interview schiefgegangen. Vielleicht hatte Sandy gedämmert, dass sie mit ihrem Artikel, so kritisch er auch ausfallen mochte, aus einem Mörder und Dealer eine Art Held machen würde. Vielleicht war es auch der Anblick der Kuriere gewesen – viele von ihnen noch halbe Kinder –, die für Bobby Gold den Stoff transportieren mussten und die aufgrund ihrer Minderjährigkeit nicht strafrechtlich belangt werden konnten, falls man sie erwischte. Oder es gab noch einen anderen Grund, den sie Dillagio bei ihrem Gespräch nicht genannt hatte. Jedenfalls hatte Sandy Overmeyer gegen die wichtigste Regel des Journalismus verstoßen. Die eiserne Regel. Und zwar ganz bewusst.

Schütze. Deine. Quelle.

Sie hatte ihre Quelle nicht geschützt. Sie hatte sie verraten.

Nach dem Interview war Sandy grübelnd durch die Straßen von Queens gelaufen und hatte sich schließlich zu einer Entscheidung durchgerungen. Sie hatte Steve Dillagio, den sie wenige Wochen zuvor bei der Recherche für eine andere Story kennengelernt hatte, angerufen und ihm den Aufenthaltsort von Bobby Gold verraten. Dillagio hatte umgehend Mr High kontaktiert, und gemeinsam mit dem Rest des G-Teams und einer SWAT-Einheit hatten sie einen Schlachtplan entworfen, um den Dealer und Mörder Bobby Gold endlich dingfest zu machen.

»Wir sind gleich soweit«, knarzte eine Stimme aus Deckers Funkgerät und riss Cotton aus seinen Gedanken. »Haltet euch bereit.«

»Na endlich«, murmelte Dillagio, richtete sich träge auf und streckte sich ausgiebig.

»Musst du immer den Clown spielen?«, fragte Decker, die ihn im Innenspiegel beobachtete, mit angesäuertem Gesicht.

»Ich bin nun mal ein lustiger Vogel«, antwortete Dillagio mit einem entwaffnenden Grinsen.

»Du bist eine Nervensäge«, konstatierte Decker.

»Ich unterbreche nur ungern euer Geplänkel«, mischte sich Cotton ein, »aber vielleicht sollten wir uns lieber auf unseren Job konzentrieren.«

Decker wollte etwas entgegnen, blieb aber stumm und schüttelte bloß genervt den Kopf. Cotton wusste – spürte –, dass Decker angespannt war und ihr kleiner Schlagabtausch mit Dillagio nur dem Zweck diente, ein bisschen Dampf abzulassen. Mr High hatte ihr die Leitung des Einsatzes anvertraut, und da der Chef des G-Teams ein Perfektionist war, konnte diese Verantwortung selbst eine erfahrene Agentin wie Philippa Decker gehörig unter Erfolgsdruck setzen.

»Wir gehen rein«, sagte die Stimme aus dem Funkgerät, leise diesmal.

Dann: »Go go go.«

Cotton beugte sich nach vorne, starrte hinaus in die regengetränkte Dunkelheit und versuchte, irgendetwas zu sehen. Viel war da nicht zu erkennen. Zwei geisterhafte Schatten glitten links und rechts auf die Lagerhalle zu. Dann erhob sich plötzlich ein dritter Schemen direkt vor der Tür und verschwand nach einer Sekunde wieder in der feuchten Finsternis.

Ein gleißender Blitz erhellte für einen Sekundenbruchteil den schwarzen Himmel, gefolgt von einem dumpfen, satten Geräusch. Selbst auf diese Entfernung und geschützt durch den Wagen hatte Cotton den Eindruck, dass seine Ohren schmerzten. Das SWAT-Team hatte ein paar seiner Spielzeuge zum Einsatz gebracht.

»Los geht’s«, sagte Dillagio und öffnete die Tür des Dodge.

»Nein. Wir warten auf das Okay vom Einsatzleiter des SWAT-Teams, wie ausgemacht«, sagte Decker mit tonloser Stimme. »Erst dann gehen wir raus.«

»Ich hab wohl bessere Ohren als du, Schätzchen«, sagte Dillagio, »denn ich hab das Okay gehört. Laut und deutlich.« Er wandte sich an Cotton, der nervös hinter dem Lenkrad hockte. »Was ist mit dir, Kumpel? Hast du es auch gehört?«

Cotton zögerte eine Sekunde, warf einen Blick zu Decker, die ihn blass vor Anspannung anstarrte, zuckte dann mit den Schultern und sagte: »Verdammt, ja, ich hab’s auch gehört. Packen wir’s an.«

Mit einem unterdrückten Fluch folgte Decker ihren beiden Kollegen aus dem Dodge. Die halb gefrorenen Regentropfen prasselten auf sie herab wie Schrotkörner aus der Flinte eines geistesgestörten Gottes. Sie zerplatzten auf ihren Gesichtern, ihren Händen, explodierten auf Hals und Nacken.

Decker wischte sich den Regen aus den Augen, blickte sich rasch um, sondierte die Lage. Hielt den Zeigefinger hoch und deutete erst auf Cotton, dann nach links.

Cotton kapierte. Er duckte sich, so tief es ging, und bewegte sich in Richtung Lagerhalle.

Decker hob erneut den Zeigefinger. Diesmal galt das Zeichen Steve Dillagio. Nach rechts.

Dillagio nickte und verschwand in der Dunkelheit.

Decker atmete tief durch und schlich geduckt nach vorne, direkt auf die aus den Angeln hängende Tür der Lagerhalle zu.

Gedämpfte Schüsse drangen aus dem Innern, begleitet von aufblitzendem Mündungsfeuer.

*

Verdammt, dachte Cotton, was geht da drin vor sich?

Er hatte den Eingang der Halle erreicht. Die verbeulte und teilweise geschwärzte Metalltür dröhnte unter dem Ansturm der vom Wind gepeitschten Regentropfen. Cotton richtete sich ein wenig auf, packte seine Waffe fester und ging mit langsamen, aber entschlossenen Schritten in den dunklen Betonschlauch, der sich vor ihm erstreckte. Ein paar Meter vor sich konnte er einen Lichtstreifen dicht über dem Boden ausmachen, ansonsten herrschte völlige Finsternis. Sein Herz hämmerte, Adrenalin glühte durch seinen Körper. Er hörte ein Keuchen, dann das Geräusch rennender Füße. Nylonuniformen raschelten in der Dunkelheit, Waffenstahl klackerte leise.

Bamm!

Was, zur Hölle, war das?, fragte sich Cotton. Ein Schuss? Nein, es klang eher wie eine zufallende Tür.

Cotton drehte sich vorsichtig um. Konnte in der Dunkelheit zwei Gestalten rechts und links hinter sich eher erahnen als erkennen. Decker und Dillagio. Sie blickten ihn fragend an.

Was ist hier los?

Cotton zuckte unsicher mit den Schultern. Keine Ahnung.

Er schlich geduckt den Betonschlauch entlang, als ihm plötzlich ein dunkler, massiger Schatten in den Weg trat. Ehe er reagieren konnte, hatten ihn zwei starke Hände gepackt.

»Alles in Ordnung«, sagte eine Männerstimme aus der Dunkelheit. »Ich gehöre zum SWAT-Team. Wir haben ihn.«

»Gut«, erwiderte Cotton, befreite sich aus dem Zugriff des Mannes und steckte seine Waffe ins Holster.

»Was treibt ihr da vorne eigentlich?«, maulte ein hörbar genervter Dillagio von hinten.

»Alles in Ordnung«, antwortete Cotton. »Sie haben ihn.«

»Wie wär’s mit ein bisschen Licht?«, fragte Decker.

»Zu Befehl, Ma’am.«

Die Deckenbeleuchtung – drei dreckverkrustete Neonröhren – erwachte summend und flackernd zum Leben. Cotton brauchte ein paar Sekunden, ehe seine Augen sich an die relative Helligkeit gewöhnt hatten. Dann erfasste er das Szenario in wenigen Sekunden mit geübten Blicken.

Die Lagerhalle bestand aus einem langen, schmalen Raum, dessen rechte Wand mit schlichten Metallregalen zugestellt war, eines neben dem anderen, bis ganz nach hinten. In jedem Regalfach lagen Päckchen mit weißem und beigefarbenem Pulver, die fein säuberlich mit Plastikfolie umwickelt waren. Ein stechender Geruch nach Essig hing in der Luft, der vom Heroin herrührte, wie Cotton wusste. Außerdem war ein muffiger Gestank auszumachen, wie feuchte Wolle, der vom Kokain und dem Crack ausging.

Gegenüber von den Regalen, auf der linken Seite der Halle, waren ein paar Holztische und Klappstühle aus Plastik aufgestellt. Auf den Tischen standen Waagen, daneben lagen Papiertütchen und taschenbuchgroße Stücke Alufolie. Verpackungsmaterial für den Straßenverkauf des Dopes.

Cotton ging weiter. Dillagio und Decker folgten ihm.

Ganz hinten, in der linken Ecke der Halle, befand sich ein Kabuff aus Spanplatten, dessen Tür offen stand und den Blick auf eine Art Büro freigab. Ein Schreibtisch, auf dem eine verbeulte Lampe mit wattschwacher Birne brannte – die einzige Lichtquelle in dem Kämmerchen -, ein Stuhl und ein Schlafsofa. Sogar ein kleines Waschbecken war eingebaut worden. Der Boden war mit einem grauen Industrieteppich bedeckt.

Auf diesem Teppich lag bäuchlings eine Leiche, männlich, soweit Cotton es erkennen konnte, in Jeans, knöchelhohen Turnschuhen und dunklem Kapuzenpullover, auf dem Kopf eine schwarze Wollmütze. Zwischen den Schulterblättern des Toten schimmerten drei münzgroße Flecken in der Farbe von feuchtem, rostigem Metall. An den Rändern der Einschusslöcher war der Pullover leicht angesengt.

Einer der Männer des SWAT-Teams lehnte entspannt an der Wand und wiegte sein imposantes Sturmgewehr lässig in der Armbeuge. Der Einsatzleiter, der neben der Tür stand, reichte Cotton eine Brieftasche. »Die steckte in seiner Jeans.« Er deutete auf die Leiche. »Es ist auch ein Ausweis drin. Das ist unser Mann.«

»Wo ist euer Kollege?«, fragte Cotton. »Ihr wart doch zu dritt.«

Der Einsatzleiter zeigte ein Lächeln, das seine Augen nicht erreichte, und meinte: »Der sichert die Hintertür. Keine Sorge. Wir haben alles unter Kontrolle.«

Cotton warf einen letzten, zweifelnden Blick auf die schlanke Statur des Toten, dann musterte er den Ausweis.

Shit.

»Was ist los?«, fragte Decker.

Cotton reichte ihr den Ausweis. Sie warf einen Blick darauf und schüttelte verärgert den Kopf.

»Wo liegt das Problem?«, erkundigte sich nun auch Dillagio, reckte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, einen Blick auf den Ausweis zu erhaschen.

»Das ist nicht Bobby Gold«, sagte Cotton. »Das ist Esteban, sein kleiner Bruder.«

»Es kommt noch besser«, fügte Decker mit gedämpfter Stimme hinzu. Sie hielt den Studentenausweis ins Licht, den sie in einem Seitenfach der Brieftasche gefunden hatte. »Ich glaube nicht, dass Esteban González ein Dealer war. Er studierte Politikwissenschaften an der NYU.«

Der Einsatzleiter verschränkte die Arme vor der Brust, reckte angriffslustig das Kinn vor und sagte: »Wir haben den Mann aufgefordert, auf die Knie zu gehen und die Hände über den Kopf zu heben. Das hat er nicht getan.«

»Und da haben Sie ihn erschossen.«

»Er hat eine verdächtige Bewegung gemacht«, entgegnete der Einsatzleiter mit eisiger Stimme, »und da habe ich geschossen, ganz recht.«

Das andere Mitglied des SWAT-Teams verfolgte den Streit mit ausdruckslosem Gesicht.

Dillagio drängte sich zwischen Decker und den Einsatzleiter und sagte: »Die wichtigere Frage lautet doch, wo ist Bobby Gold?«

Mit einem metallischen Scheppern flog die Hintertür auf. Ein Mann in dunkler Kampfuniform – der dritte Mann des SWAT-Teams – taumelte in die Lagerhalle. Seine Rechte umklammerte seinen Hals, doch er konnte nicht verhindern, dass dunkles, schimmerndes Blut zwischen seinen Finger hervorquoll.

Der Einsatzleiter rannte ihm entgegen, packte ihn und ließ ihn vorsichtig auf den Boden gleiten. Der andere SWAT-Mann holte ohne Hektik einen Verband aus der Oberschenkeltasche seiner Kampfhose und wickelte ihn dem Blutenden mit geschickten Handgriffen um den Hals.

»Rufen Sie einen Rettungswagen, Ma’am«, sagte der Einsatzleiter über die Schulter zu Decker.

»Schon dabei«, antwortete sie und zückte ihr Mobiltelefon.

Cotton beugte sich zu dem Verletzten hinunter. »Wie geht es Ihnen?«

»Ist bloß ein Kratzer«, antwortete der Mann mit brüchiger Stimme. Sein Gesicht war schmerzverzerrt, dennoch setzte er ein trotziges Lächeln auf.

Dillagio drängte sich nach vorne. »War das Bobby Gold?«, fragte er.

Der Verletzte nickte langsam.

»Haben Sie ihn ebenfalls erwischt?«

»Nein«, sagte der Verletzte, »leider nicht. Er ist mir entkommen und in die Bucht gesprungen.«

»Schluss mit diesem Kreuzverhör!«, blaffte der Einsatzleiter. »Wenn Sie weitere Details wissen wollen, lesen Sie meinen Bericht. Er liegt morgen früh auf dem Schreibtisch von Mr High.«

Dillagio kramte einen Zahnstocher aus seiner Lederjacke, steckte ihn sich in den Mund und kaute darauf herum. Dann seufzte er frustriert und brachte die Stimmung aller Anwesenden auf den Punkt, indem er nur ein Wort murmelte: »Fuck.«

*

Der Novembersturm über New York hatte sich während der Nachtstunden Richtung Delaware verzogen, doch im Büro von John D. High ballten sich am nächsten Morgen noch immer die Gewitterwolken.

»Das war schlechte Arbeit«, stellte der Chef des G-Teams nüchtern fest und schüttelte enttäuscht den Kopf. »Ganz schlechte Arbeit.«

Cotton, Decker und Dillagio, die im Halbkreis vor Mr Highs Schreibtisch Aufstellung genommen hatten, schwiegen. Sie standen nur da, mit hängenden Schultern und roten Gesichtern.

Mr High glättete die ohnehin schon tadellos sitzende Weste seines klassisch geschnittenen Anzugs, nahm den Bericht des Einsatzleiters des SWAT-Teams von seinem aufgeräumten Schreibtisch und ließ sich viel Zeit, jede der eng beschriebenen Seiten genau zu lesen.

Cotton war sicher, dass Mr High jede Zeile des Berichts auswendig kannte, und zwar seit heute früh.

»Nun denn«, sagte High schließlich und legte den Bericht sorgfältig auf die Schreibtischplatte. »Wir haben einen toten Studenten, gegen den übrigens absolut nichts vorliegt, und einen flüchtigen Killer und Dealer. Zum Glück hat die Presse noch nichts von diesem Fiasko mitbekommen.«

Cotton räusperte sich, straffte die Schultern und sagte: »Bei allem Respekt, Sir, aber das haben die Jungs vom SWAT-Team vergeigt, nicht wir.«

»Stimmt«, pflichtete Dillagio ihm bei, der mit seinen ungekämmten Haaren und dem Dreitagebart aussah, als hätte er im Auto geschlafen. Was durchaus manchmal vorkam, schließlich arbeitete er meist undercover. »Wir wollten Boote auf dem Fluss und einen Heli mit Wärmebildkamera. Damit hätten wir Gold erwischt.«

John D. High hob die Hand und schüttelte den Kopf. »Es war zu stürmisch für Boote oder Helikopter. Und das wussten Sie.«

»Mehr Männer hätten wahrscheinlich auch nicht geschadet«, wandte Philippa Decker ein. »Ich meine, rückwirkend betrachtet, Sir.« Obwohl sie, wie der Rest der Truppe, in der vergangenen Nacht so gut wie keinen Schlaf gefunden hatte, wirkte sie frisch und ausgeruht in ihrem dunklen Hosenanzug und den dezenten, wenngleich eleganten Schuhen, die vermutlich mehr kosteten, als Cotton für seine gesamte Garderobe ausgab, die an diesem Morgen aus Jeans und einem dünnen Pullover bestand.

Mr High musterte Decker ein paar Sekunden lang nachdenklich, dann sagte er: »Es war Ihre Operation, Agent Decker. Deshalb tragen Sie die Verantwortung.«

»Aber …« Decker trat einen Schritt näher an den Schreibtisch, wollte den Angriff parieren.

High machte eine schneidende Geste mit dem Zeigefinger. »Diese Diskussion ist beendet. Habe ich mich klar genug ausgedrückt, Agent Decker?«

Decker schluckte. »Ja … Sir.«

Dillagio kratzte sich im Nacken und fragte: »Wurde Bobby Golds Leiche eigentlich gefunden?«

Mr High schüttelte den Kopf.

»Dann müssen wir davon ausgehen, dass er noch am Leben ist«, sagte Cotton.

»Das sehe ich auch so«, pflichtete High ihm bei.

»Und er wird sich ausmalen können, dass es Sandy Overmeyer war, die ihn verraten hat«, meinte Decker. »Und sich an ihr rächen wollen.«

High erhob sich und kam hinter seinem Schreibtisch hervor. Er trat zu einer der Glaswände, die sein Büro vom übrigen Teil des Hauptquartiers trennten, und schaute hinunter auf die langen Reihen von Schreibtischen, an denen seine Agents ihrer Arbeit nachgingen. Schließlich drehte er sich um und sagte: »Die Polizei hat einen Beamten vor Sandra Overmeyers Haus postiert, ebenso vor der Redaktion des No Stars Just Stripes Magazines. Außerdem habe ich ihr die Telefonnummern von jedem von Ihnen geben lassen, nur für alle Fälle.«

»Wie geht es jetzt weiter, Sir? Ich meine, mit dem Fall Bobby Gold?«, fragte Decker mit belegter Stimme. Es schmeckte ihr nicht, dass man ihr die ganze Schuld an dem Schlamassel in die Schuhe schob. Andererseits hatte Mr High natürlich recht: Ihre Operation, ihre Verantwortung. Daher galt es jetzt, zu retten, was noch zu retten war. Und das bedeutete, Bobby Gold so rasch wie möglich zu schnappen.

John D. High setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch. »Ich habe Agent Zeerookah angewiesen, sämtliche Überwachungskameras anzuzapfen, die sich in einem Radius von einer Meile um die Lagerhalle befinden«, sagte er. »In dieser Gegend gibt es wenig Supermärkte und kaum Bankautomaten, aber vielleicht haben wir Glück.« Er hob den Blick und musterte Cotton. »Sie, Cotton, werden Agent Zeerookah bei der Bildauswertung helfen. Vielleicht entdecken Sie Roberto González, wie er gerade aus einem Wagen steigt, und vielleicht können wir das Nummernschild lesen, und vielleicht bringt uns das weiter.«

Ein bisschen viele Vielleichts, dachte Cotton, aber er wusste, dass sie im Moment keine andere Spur hatten, der sie nachgehen konnten.

»Was ist mit mir?«, fragte Dillagio. »Brauchen Sie mich auch für diese … Bildauswertung?« Bei ihm klang das Wort wie ein Fluch.

»Nein, Agent Dillagio. Sie werden sich bei Ihren Informanten umhören. Mit etwas Glück weiß einer von ihnen, wo sich Roberto González aufhält. Sie werden sich regelmäßig bei mir melden und mich auf dem Laufenden halten.«

»Okay«, sagte Dillagio und salutierte salopp, »dann werd ich mich mal wieder in den Untergrund zurückziehen.« Er zwinkerte Cotton und Decker lässig zu, murmelte noch ein »Man sieht sich« und war verschwunden.

Mr High kniff die Lippen zusammen ob dieser Respektlosigkeit, enthielt sich aber eines Kommentars. Es hätte nichts genützt. Steve Dillagio war in dieser Hinsicht ein hoffnungsloser Fall.

Decker zuckte unsicher mit den Schultern. »Und was ist mit mir, Sir? Was ist meine Aufgabe bei dieser Angelegenheit?«

»Sie, Agent Decker, werden sich an Ihren Schreibtisch setzen und einen Bericht über die Operation von gestern Nacht verfassen. Und Sie werden dabei kein Detail auslassen. Haben Sie mich verstanden?«

»Ja, Sir.«

*

Cotton rieb sich die schmerzenden Augen, schüttelte den Kopf und sagte: »Wenn ich noch ein einziges verpixeltes Foto oder ein einziges ruckeliges Video anschauen muss, erschieße ich mich.«

Zeerookah öffnete eine Schreibtischschublade, entnahm ihr ein kleines Plastikfläschchen und reichte es Cotton. »Versuch’s mal damit.«

»Was ist das?«

»Laut Verpackung ein Mehrkomponenten-Tränenersatzmittel, aber ich vermute, es ist bloß überteuertes destilliertes Wasser.«

»Hilft’s wenigstens?«

Zeerookah nickte.

Cotton tropfte sich die Flüssigkeit in die Augen.

»Besser?«

Cotton blinzelte ein paar Mal und nickte. Sie saßen in Zeerookahs Allerheiligstem, dem Serverraum. Überall summten und blinkten Computer; es gab zahlreiche riesige Monitore, und in jeder Ecke und jedem Winkel standen elektronische Geräte, viele von ihnen zur Hälfte zerlegt, von denen Cotton nicht einmal ansatzweise wusste, wozu sie dienten. Was aber nichts machte. Denn dafür hatte das G-Team schließlich Agent Zeerookah, genannt Zeery, der mehr von Computern vergessen hatte, als die meisten Sterblichen je wissen würden.

»Wenn du willst, können wir eine Pause machen«, schlug Zeerookah vor und strich sich eine Locke seines dunklen, ungebändigten Haares aus dem Gesicht.

Cotton warf einen Blick auf die Uhr. Kurz nach zwölf. Er konnte kaum glauben, dass er seit rund vier Stunden auf Monitore gestarrt und versucht hatte, eine Spur von Bobby Gold zu erhaschen. Bis jetzt ohne Erfolg.

»Eine Pause klingt gut«, sagte Cotton. »Ich hole uns was zu essen. Worauf hast du Lust?«

Zeerookah tätschelte sein Bäuchlein, das trotz des dicken Kapuzensweatshirts, das er trug, nicht zu übersehen war, und fragte lauernd: »Du zahlst?«

Cotton seufzte. »Ja, ich zahle.«

»Dann hätte ich gerne eine Portion von diesem extra scharfen Tofu mit Reis und Gemüse aus diesem kleinen Restaurant in der Bayard Street.«

»Dein Wunsch ist mir Befehl«, sagte Cotton. Er fuhr nach Chinatown, ließ sich zwei Portion extra scharfes Tofu einpacken, kaufte noch zwei Dosen Cola und fuhr zurück ins Hauptquartier, das sich unweit der Federal Plaza in einem unscheinbaren Bürogebäude befand.

Nach dem Essen machten sie mit der Bildauswertung weiter. Bis zum frühen Abend sichteten sie ein unscharfes Foto und Video nach dem anderen. Keine Spur von Bobby Gold.

»Tja«, seufzte Zeerookah schließlich, »das war wohl nichts.«

»Wäre auch zu einfach gewesen«, erwiderte Cotton.

»Vielleicht haben wir morgen mehr Glück.«

»Yippie«, sagte Cotton, stand auf und streckte sich ausgiebig. »Noch eine schlechte YouTube-Session. Ich kann’s kaum erwarten.«

Er verabschiedete sich von Zeerookah und verließ das Hauptquartier. Auf der Straße stieß er beinahe mit Philippa Decker zusammen.

»Und, seid ihr weitergekommen?«, fragte sie ohne Begrüßung.

Cotton schüttelte den Kopf. »Wie sieht’s bei euch aus?«

»Ich hab mich gefühlt wie auf dem College«, sagte Decker, »als ich diesen Bericht geschrieben haben. Ich warte nur darauf, dass Mr High ihn mir mit lauter roten Korrekturen zurückgibt.«

»Hat Dillagio sich gemeldet?«

Decker nickte. »Er hat brav angerufen, aber er hat nichts herausgefunden. Offenbar hat sich herumgesprochen, dass er irgendwie mit dem Tod von Esteban González zu tun hat, und jetzt traut ihm keiner mehr. Ich fürchte, diese Quelle ist auf absehbare Zeit ausgetrocknet.«

»Tja«, sagte Cotton ohne viel Überzeugung, »uns bleiben immer noch die Fotos und Videos.« Er zögerte kurz, musterte Deckers angespanntes Gesicht, ihre verkrampften Schultern, und fügte dann hinzu: »Haben Sie Lust, was trinken zu gehen?«

»Danke für das Angebot, aber ich fürchte, ich wäre heute keine gute Gesellschaft.«

Sie verabschiedete sich mit einem knappen Nicken und ging zu ihrem Wagen. Kurze Zeit später raste sie mit ihrem weißen Porsche Richtung Tribeca.

Cotton stieg in seinen Dodge und fuhr nach Hause. Unterwegs kaufte er in einem kleinen Deli dunkles Roggenbrot, Pastrami, Emmentaler und einen Beutel Sauerkraut. Dazu gönnte er sich ein Budweiser. In seinem Apartment in Williamsburg bereitete er sich ein üppiges Reuben-Sandwich und machte es sich mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher bequem. Der letzte Scharfschütze mit John Wayne lief. Kurz vor Ende des Filmes schaltete Cotton aus. Er wollte nicht sehen, wie der Duke starb.

*

Laura rief seinen Namen. Sie stand ein paar Stufen über ihm auf der Treppe, die sich in den Himmel zu erstrecken schien. Er wollte ihr antworten, aber kein Laut drang aus seinem Mund.

»Jerry«, rief ihn die Stimme seiner Schwester erneut.

Cotton stieg die Treppe hoch, eine Stufe nach der anderen, kam Laura aber nicht näher. Jetzt sah er auch seine Eltern. Sie standen hinter seiner Schwester, hielten sich an den Hüften umschlungen, lächelten.

Cotton hörte ein Dröhnen. Er blickte auf, verwirrt. Das Geräusch klang wie von einem Flugzeug, aber das konnte nicht sein, nicht hier, mitten in Manhattan, in einem Bürogebäude.

»Jerry, komm, wir warten auf dich.«

Cotton ging weiter, als ein ohrenbetäubender Knall ertönte und ihn innehalten ließ. Plötzlich waren da nur noch Staub und Lärm und Feuer. Betonbrocken prasselten auf ihn herab, die Flammen fraßen an seiner Hose, dichter, schwarzer Rauch raubte ihm die Sicht und den Atem.

Keine Spur von Mum und Dad.

Keine Spur von Laura.

»Jerry!«

Mit einem Schrei fuhr er hoch. Er wischte sich kalten Schweiß von der Stirn, stieg unbeholfen aus dem Bett und zog sein durchgeschwitztes T-Shirt aus. Dann ging er in die Küche, goss sich ein Glas Wasser ein und trank es mit zitternden Fingern in einem einzigen großen Schluck leer.

Lehnte sich an den Kühlschrank und atmete tief durch.

Ein und aus.

Ein und aus.

Wieder der Albtraum von seinem ersten Tag in New York, dem 11. September 2001 – dem Tag, an dem er seine Familie verloren hatte. Dem Tag, der sein Leben für immer verändert hatte.

Noch einmal atmete er tief durch.

Besser?

Ein bisschen.

Er ging zurück ins Schlafzimmer, als sein Mobiltelefon läutete.

»Cotton«, meldete er sich knapp. »Was gibt’s?«

»O Gott! Er ist hier!«, schrie eine Frauenstimme ihm voller Todesangst ins Ohr.

»Sandy?«

»Kommen Sie her! Bitte, kommen Sie schnell! Bobby Gold ist hier. Er hat ein …«

Tot.

Fluchend schlüpfte Cotton in Sweatshirt, Jeans und Stiefel, schnappte sich seine Pistole und das Mobiltelefon und rannte nach unten. In seinem Dodge fütterte er die Navigations-App mit Sandy Overmeyers Adresse. Sie wohnte im East Village.

Er ließ den Motor an, trat aufs Gas. 425 Pferdestärken erwachten brüllend zum Leben. Der Dodge schoss aus der Parklücke. Gummi verglühte auf dem Asphalt.

Cotton raste über die Williamsburg Bridge. Versuchte zweimal, Sandy zu erreichen. Ohne Erfolg. Jenseits der Brücke, in Downtown, zwang ihn eine rote Ampel zum Halten. Er nutzte die paar Sekunden, um Mr High zu informieren, der ihm sofortige Unterstützung zusagte.

Rechts rüber zur Houston. Mehr Gas. Die elektronisch gesteuerte Fünfgangautomatik schnurrte wie ein Schweizer Uhrwerk.

2nd Street.

3rd Street.

Er raste weiter. Sandy wohnte unweit des Tompkins Square Parks.

Fast da.

7th Street. Hier war er richtig. Cotton umkurvte hupend und fluchend ein Taxi und einen in zweiter Reihe parkenden Lieferwagen und gelangte schließlich zu dem Apartmenthaus, in dem Sandy Overmeyer zur Miete wohnte.

Er ließ den Dodge quer auf dem Gehsteig stehen, sprang hinaus, die Waffe fest in der Rechten, und blickte sich um. Vor ihm erhob sich ein gediegenes, fünfstöckiges Mehrfamilienhaus mit Blumenkästen vor den Fenstern und einer Eingangstür aus rotem Holz, die sich am Ende einer kurzen, steinernen Treppe befand. Nur eines sah er nicht. Den Cop, der Sandy Overmeyer bewachen sollte. Wo zur Hölle steckte der Kerl?

Cotton trat näher an das Haus heran, warf einen Blick hinter die hüfthohen Sträucher, die die Treppe links und rechts auf einer Länge von etwa fünf Yards flankierten, und entdeckte den Cop, der zusammengekrümmt, mit weit aufgerissenen Augen und zerfetzter Kehle auf dem Boden lag. Cotton tastete nach dem Puls des Polizisten.

Der Mann war tot.

Shit!

Cotton rannte zur Treppe und sprintete mit hämmerndem Herzen die Stufen hoch.

Die Eingangstür war angelehnt. Er drückte sie auf, spähte in den Flur.

Nichts.

Weiter. Nach oben. Dritter Stock. Hier befand sich Sandys Apartment.

Ein Blick um die Ecke.

Niemand im Flur.

Weiter.

Er gelangte zu Sandys Wohnungstür. Sie war halb geöffnet. Er schob sie vorsichtig auf, betrat das Apartment.

Dunkelheit umfing ihn. Nur ganz hinten, am Ende des Flurs, war ein Lichtschimmer auszumachen.

»Sandy? Ich bin’s, Cotton!«

Keine Antwort.

Er durchquerte den Flur, warf dabei einen Blick nach links, ins Schlafzimmer, und einen nach rechts, in die Küche.

Alles leer.

Er erreichte das Ende des Flurs. Die offene Tür gab den Blick auf ein Wohn- und Arbeitszimmer frei. Bücherregale, eine Couch, ein gepolsterter Sessel in der Ecke. Der Lichtschimmer, den er gesehen hatte, stammte von einer Stehlampe, die neben einem Schreibtisch stand.

Cotton betrat das Zimmer und stolperte beinahe über Sandy Overmeyers Leiche. Sie lag halb hinter der Couch verborgen. Er hatte Sandy nur auf einem Foto gesehen, während der Einsatzbesprechung, aber er erkannte sie sofort. Mittelgroß, helles Haar, schlanke Figur. Das Lächeln, das sie auf dem Foto so sympathisch gemacht hatte, war verschwunden. Stattdessen war ihr Gesicht zu einer Fratze der Angst erstarrt. Ihre Kehle war nicht einfach nur durchschnitten, sie war zerfetzt. Hautstücke und klumpiges Blut bildeten ein fleckiges Muster auf ihrem Hals, das sich vom Kinn fast bis hinunter zum Brustbein erstreckte.

Cotton, der in seiner Zeit als Streifenpolizist schon so einiges an Unappetitlichem gesehen hatte, wandte den Blick ab.

Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen. Er wirbelte herum, die Pistole beidhändig vor sich gestreckt. Sein Blick schweifte durch das dämmrige Zimmer. Beim gepolsterten Sessel in der Ecke wurde er fündig.

»Kommen Sie da raus!«, rief Cotton und trat einen Schritt näher an den Sessel heran. »Beide die Arme über den Kopf! Wird’s bald!«

Eine Gestalt erschien im Halbdunkel, die sich als Mann um die fünfzig entpuppte. Groß, breit, massig. Sein Outfit war heillos aus der Mode gekommen. Er trug einen Tweedanzug mit Fliege, eine dunkle Hornbrille und hatte halblange, lockige Haare, die in der Mitte gescheitelt und mit viel Gel gebändigt wurden. Unter dem rechten Arm klemmte eine überdimensionierte Aktentasche aus Leder, die er mit beiden Händen umklammerte wie einen Rettungsanker.

»Sie sollen die Hände über den Kopf strecken!«, brüllte Cotton. Sein Zeigefinger zuckte am Abzug. Adrenalin rauschte durch seinen Körper, das Blut pochte in seinen Schläfen, sein Atem raste – aber die Pistole in seinen Händen bewegte sich keinen Millimeter. Sie war genau auf das Gesicht des Mannes gerichtet.

»Bitte … schießen Sie nicht«, stammelte der Mann und hob zögernd die Arme. Die schwere Aktentasche fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Teppich.

»Wer sind Sie?«, fragte Cotton.

»Mein Name ist Atticus Verhagen«, sagte der Mann. »Mir gehört das No Stars Just Stripes Magazine

»Sie sind Sandy Overmeyers Chef?«

Verhagen nickte. »Nach dieser … Geschichte gestern Nacht habe ich mir Sorgen gemacht und bin deshalb auf dem Nachhauseweg hier vorbeigekommen. Ich wollte bloß sichergehen, dass mit Miss Overmeyer alles in Ordnung ist.« Er stöhnte leise auf, schüttelte den Kopf und deutete mit dem Kinn auf die Leiche. »Und so habe ich sie gefunden.«

»Die Tür war offen?«, fragte Cotton.

Verhagen nickte.

»Die Haustür unten auch?«

»Ja.«

»Kein Cop, der die Frau bewacht hat?«

»Kein Cop.«

Verdammter Mist.

Cotton und schob die Pistole in seinen Hosenbund. »Haben Sie jemanden gesehen? Einen Latino, Ende zwanzig, eins achtzig groß, stämmig, dunkle Haare?«

»Nein«, sagte Verhagen mit brüchiger Stimme, »tut mir leid. Als ich hier eintraf, war niemand in der Wohnung, außer … Miss Overmeyer. Als ich Sie vorhin ihren Namen rufen hörte, bekam ich Panik und habe mich hinter dem Sessel versteckt.«

Cotton nickte. »Verstehe. Okay, Sie können die Arme runternehmen.«

Verhagen ließ sich schwer in den Sessel fallen, hob seine Aktentasche vom Boden auf und hielt sie vor seinen Körper wie ein Schutzschild.

Kurz darauf traf die versprochene Verstärkung ein. Als Erste erschien Dr Sarah Hunter am Tatort, die Forensikerin des G-Teams. Sie nickte Cotton kurz zu, kniete sich neben Sandy Overmeyers Leiche und begann mit ein paar ersten, flüchtigen Untersuchungen. Nach und nach trudelten Philippa Decker, ein halbes Dutzend Cops und ein Zweierteam von Sanitätern ein. Fotos wurden geschossen, Spuren gesichert, Protokolle aufgenommen. Irgendwann hatte Cotton die Nase voll. Er ging in die Küche – die Spurensicherung war hier schon fertig – und schenkte sich ein großes Glas Wasser ein. Decker gesellte sich zu ihm.

»Sie hätten nichts mehr für sie tun können«, sagte sie. »Hunter zufolge wurde Sandy Overmeyer vermutlich direkt nach ihrem Anruf bei Ihnen die Kehle durchgeschnitten. Sie war auf der Stelle tot.«

Cotton trank sein Wasser und schwieg. Dann knallte er das Glas mit voller Wucht in die Spüle. Scherben spritzten in alle Richtungen. Decker zuckte nicht mal mit der Wimper.

»Ich brauche frische Luft«, sagte Cotton. »Falls ihr noch was von mir wollt, ich bin unten.«

Mit langsamen, beinahe bedächtigen Schritten stieg er die Treppe hinunter. Auf der Straße lehnte er sich an seinen Wagen, legte den Kopf in den Nacken und blickte hinauf zum wolkenlosen Nachthimmel, an dem hier und da ein Stern funkelte. Obwohl er nur ein Sweatshirt trug und die Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt lag, bemerkte er die Kälte nicht. Sein Inneres glühte.

Neben ihm kam ein Auto zum Stehen. Eine Wagentür wurde zugeschlagen. Dann dröhnte Dillagios Stimme durch die Dunkelheit: »Wo ist sie?«

Cotton ging ihm entgegen, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Wir sind zu spät. Bobby Gold hat sie umgebracht.«

»Fuck, Fuck, Fuck!«, fluchte Dillagio und schüttelte verzweifelt den Kopf. Dann blickte er Cotton in die Augen und sagte: »Wir kriegen diesen Bastard, das schwöre ich dir.«

Er nahm Cotton die Worte aus dem Mund.

2

Die Besprechung am nächsten Morgen fand ausnahmsweise nicht in Mr Highs Glaskasten statt, sondern im Großraumbüro des Hauptquartiers. Der Chef des G-Teams marschierte mit hinter dem Rücken verschränkten Armen die Reihen von Schreibtischen entlang, an denen Agents eifrig an ihren Computern arbeiteten und unwillkürlich die Schultern strafften, sobald John D. High in ihre Nähe kam. Cotton, Decker und Dillagio folgten ihm wie eine Schulklasse, wie aufgefädelt, einer hinter dem anderen. Sie kamen sich wie unbegabte Schüler vor, die ihren strengen, aber gerechten Lehrer enttäuscht hatten. Wieder einmal.

Mr High drehte sich um, verschränkte die Arme vor der Brust, blickte über die Köpfe seiner Leute hinweg und sagte: »Ich fasse zusammen: Der Commissioner ist wütend, weil er einen seiner Männer verloren hat. Atticus Verhagen wird uns in seinem Blatt vermutlich wegen Sandra Overmeyers Tod kreuzigen. Es gibt keine Zeugen für die beiden Morde, und wir haben nach wie vor keine einzige Spur von Roberto González.« Er senkte den Blick und musterte Cotton, Decker und Dillagio aus kühlen, leidenschaftslosen Augen. »Habe ich etwas vergessen?«

Cotton schüttelte den Kopf. Dillagio schaute zur Seite, und Decker sagte leise: »Nein, Sir.«

Cotton räusperte sich. »Was ist mit Dr Hunter, Sir? Hat ihre Untersuchung der Tatorte etwas ergeben?«

»Nein«, entgegnete John D. High tonlos.

»Jemand sollte sich Sandy Overmeyers Aufzeichnungen zur Gold-Story ansehen«, schlug Dillagio vor. »Vielleicht findet sich dort ein Hinweis.«

»Das ist bereits geschehen«, erwiderte Mr High. »Atticus Verhagen war so freundlich, uns ihre Notizen vorbeibringen zu lassen. Ich habe sie persönlich ausgewertet. Keine Spur zu Roberto González.«

»Hier steckt ihr also«, ertönte eine Stimme hinter ihnen.

Cotton drehte sich um und sah Zeerookah auf sie zukommen. Das Gesicht des Computerspezialisten war verschwitzt, sein lockiges Haar zerstrubbelt.

»Sie sind zu spät«, sagte Mr High, als Zeerookah bei der Gruppe angekommen war, und warf einen missbilligenden Blick auf seine Uhr.

»Tut mir leid, Sir, aber ich habe noch das restliche Bildmaterial ausgewertet.« Er zuckte linkisch mit den Schultern. »Hat leider nichts gebracht. Aber ich dachte mir, es wäre eine gute Idee, die Kameras in der Gegend rund um Sandy Overmeyers Haus anzuzapfen, um eventuell eine Spur von Bobby Gold zu …«

»Waren Sie erfolgreich?«, unterbrach ihn Mr High.

Agent Zeerookah schüttelte den Kopf. »Leider nein, denn es gibt da ein Problem.«

»Ich höre.«

»Durch den Sturm vor zwei Tagen hat es in einigen Teilen Manhattans einen Stromausfall gegeben. Neben der Lower East Side und Little Italy war auch ein Teil des East Village betroffen, genauer gesagt die Gegend um den Tompkins Square Park.«

»Dort befindet sich die Wohnung von Sandy Overmeyer«, sagte Decker.

»Ganz genau«, bestätigte Zeerookah. »Und durch den Stromausfall sind etliche der Überwachungskameras ausgefallen.«

»Also gibt es keine Bilder«, stellte Cotton nüchtern fest.

Zeerookah grinste verschmitzt. »Vielleicht doch. Manche Systeme laufen mit Batterien, und nicht alle hängen am Netz. Mit etwas Glück hat ein Ladenbesitzer die Bilder auf einer externen Festplatte gespeichert.« Er wandte sich an Mr High. »Ich würde gerne alle Geschäfte rund um den Tompkins Square Park abklappern und mir Kopien dieser Festplatten machen, Sir.«

»Tun Sie das«, sagte Mr High knapp.

Zeerookah eilte zum Serverraum, schnappte sich seine Jacke und verließ das Hauptquartier.

»Ich habe mir vom Commissioner eine aktuelle Liste mit neuralgischen Drogenumschlagplätzen geben lassen«, fuhr Mr High fort, an Cotton, Decker und Dillagio gewandt. »Sie finden diese Liste auf Ihren Smartphones. Sie werden diese Plätze aufsuchen und dort Druck machen. Und wenn ich sage Druck, dann meine ich richtigen Druck. Der Commissioner stellt uns außerdem ein Dutzend Streifenbeamte zur Verfügung, die Sie bei Ihrer Arbeit unterstützen werden. Die Koordination obliegt Agent Decker.«

Er drehte sich um, ohne eine Antwort abzuwarten, und ging mit schnellen Schritten hinauf in sein gläsernes Büro.

Dillagio wartete, bis der Hüne außer Hörweite war, dann seufzte er leise und sagte mit einem Kopfschütteln: »Das bringt doch nichts. Jeder Cop in New York sucht bereits nach Bobby Gold, und alle meine Informanten haben seit Kurzem ein Schweigegelübde abgelegt. Und eins kann ich euch versichern: Wenn die Vögel nicht mit mir reden, dann tun sie’s mit euch ganz sicher nicht. Egal, wen wir bei diesen neuralgischen Umschlagplätzen« – er kratzte Anführungszeichen in die Luft – »aufgreifen werden, er wird uns nicht sagen können oder wollen, wo Bobby Gold steckt.«

»Ich wusste gar nicht, dass du zum Chef befördert wurdest«, sagte Decker mit eisiger Stimme. »Wir haben unsere Befehle, und diese Befehle werden wir ausführen. Wir alle.« Sie stellte sich dicht vor Dillagio und schaute auf ihn hinunter. »War das deutlich genug?«

Dillagio produzierte ein schiefes Grinsen und nickte zögerlich. »Alles klar, Prinzessin. Ich hab nur laut gedacht.«

»Überlass das Denken Leuten, die das können«, gab Decker kühl zurück. Sie holte ihr Smartphone aus der Tasche ihres eng geschnittenen Blazers, rief die Liste auf und studierte sie ein paar Sekunden. »In Ordnung. Ich nehme Manhattan bis rauf nach Harlem, Dillagio übernimmt Queens, Cotton kümmert sich um Brooklyn. Die Streifenbeamten sollen sich Staten Island und die Bronx vorknöpfen. Ich erwarte regelmäßige telefonische Berichte. Los geht’s.«

*

Nach etwas mehr als vier Stunden wusste Cotton, dass  Dillagio recht gehabt hatte: Diese Aktion hier brachte absolut gar nichts. Cotton war in schäbigen Bars gewesen, in schicken Cafés, hatte sich im Eingangsbereich der Subway-Stationen herumgetrieben und Parks unsicher gemacht. Er hatte Bobby Golds Foto jedem Dealer, Pusher und Junkie unter die Nase gehalten, der sich nicht schnell genug aus dem Staub gemacht hatte – ohne Erfolg -, und hatte jedem dieser Dealer, Pusher und Junkies eine Kostprobe seines berühmten, hausgemachten Jähzorns zu kosten gegeben – Gebrüll und Drohungen inklusive -, wieder ohne Erfolg. Gegen Mittag, nach einigen frustrierenden Telefonaten mit dem Rest des G-Teams, dem es nicht anders ergangen war als ihm, hatte Cotton sich in Red Hook einen Hotdog gekauft, gedankenverloren darauf herumgekaut und schließlich eine Entscheidung getroffen. Er wollte Bobby Gold, diesen Dreckskerl, unbedingt schnappen. Und wenn er sich über Mr Highs Befehle hinwegsetzen musste, um dieses Ziel zu erreichen, würde er genau das tun.

Cotton zückte sein Smartphone und wählte eine Nummer, die nicht gespeichert war. Das war nicht nötig. Er kannte sie auswendig. Nach dem zweiten Läuten wurde am anderen Ende abgenommen.

»Cotton, alter Hundesohn, ich dachte schon, die Eingeborenen hätten dich skalpiert, so rar hast du dich in letzter Zeit gemacht!«, rief Joe Brandenburg zur Begrüßung und lachte dröhnend.

»Ich hatte viel zu tun«, verteidigte sich Cotton und musste unwillkürlich lächeln. Es tat verdammt gut, wieder mal die Stimme seines früheren Partners beim New York Police Department zu hören. Vor Beginn seiner Karriere beim G-Team war Cotton mit dem ebenso rabiaten wie zwielichtigen Brandenburg in New York Streife gefahren und hatte erste Erfahrungen darin gesammelt, was man unter dem »Gesetz der Straße« zu verstehen hatte.

»Diese Schweinebacke Bobby Gold hält euch ganz schön auf Trab, was?«, sagte Brandenburg.

»Woher weißt du das?«

»Die Buschtrommeln laufen auf Hochtouren, und ich hab verdammt gute Ohren.«

»Wenn wir schon von Bobby Gold sprechen«, sagte Cotton. »Ich bräuchte deine Hilfe. Hast du Zeit?«

»Für einen Kumpel hab ich immer Zeit.«

Sie trafen sich eine halbe Stunde später am südlichen Ende des Prospect Parks. Cotton schilderte Brandenburg sein Problem. Der stämmige Detective vom NYPD verzog sein feistes Gesicht zu einem breiten Grinsen und meinte: »Wenn du Infos über Bobby Gold brauchst, kenne ich genau den richtigen Mann. Steig ein, wir fahren nach Little Odessa.«

Cotton fand eine Parklücke für seinen Dodge und nahm auf dem Beifahrersitz von Brandenburgs unmarkiertem Polizeiwagen Platz. Auf dem Weg nach Brighton Beach, das aufgrund seines hohen russischen Bevölkerungsanteils auch Little Odessa genannt wurde und am südlichen Ende von Brooklyn lag, erzählte Cotton seinem früheren Partner die ganze Bobby-Gold-Geschichte.

»Warum hat Sandy Overmeyer ausgerechnet dich angerufen in der Nacht ihrer Ermordung?«, fragte Brandenburg. »Ich dachte, Dillagio sei ihr Kontaktmann gewesen.«

»Hab ich mich auch schon gefragt«, antwortete Cotton. »Ich vermute, in ihrer Todesangst hat sie einfach die erste FBI-Nummer in ihrem Adressbuch gewählt. Und das war nun mal meine.«

»Eins verstehe ich dennoch nicht«, sagte Brandenburg, als sie den Ocean Parkway entlangfuhren. »Diese Sandy Overmeyer war bloß Praktikantin, sagst du, und trotzdem konnte sie sich ein Apartment im East Village leisten. Entweder werden Praktikanten wesentlich besser bezahlt, als ich dachte, oder sie hatte reiche Eltern.«

Cotton schüttelte den Kopf. »Ihre Eltern sind nicht reich. Soweit ich weiß, führt ihr Vater einen kleinen Eisenwarenladen in Midvale in Utah, und ihre Mutter ist Hausfrau. Die Wohnung gehört einer früheren Kollegin von Sandy, einer gewissen Tamara York. Sie war Buchhalterin beim No Stars Just Stripes Magazine, alleinstehend, keine Familie oder Freunde außer einer entfernt lebenden Schwester. Also hat sie Sandy Overmeyer bei sich aufgenommen.«

»Sie war Buchhalterin?«

Cotton nickte.

»Was ist passiert?«

»Autounfall mit Fahrerflucht. Vor zwei Wochen. Tamara York war sofort tot. Der Fahrer wurde nie ermittelt.«

»Dieser Drecksack.«

»Du sagst es, Kumpel.«

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