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Cotton Reloaded - 16

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist COTTON RELOADED?
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. In der nächsten Folge

Was ist COTTON RELOADED?

Dein Name ist Jeremiah Cotton. Du bist ein kleiner Cop beim NYPD, ein Rookie, den niemand ernst nimmt. Aber du willst mehr. Denn du hast eine Rechnung mit der Welt offen. Und wehe, dich nennt jemand »Jerry«.

Eine neue Zeit. Ein neuer Held. Eine neue Mission. Erleben Sie die Geburt einer digitalen Kultserie: COTTON RELOADED ist das Remake von JERRY COTTON, der erfolgreichsten deutschen Romanserie, und erzählt als E-Book-Reihe eine völlig neue Geschichte.

COTTON RELOADED erscheint monatlich. Die einzelnen Folgen sind in sich abgeschlossen. COTTON RELOADED gibt es als E-Book und als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

Der Autor

Alfred Bekker schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um das Reich der Elben, die »Drachenerde-Saga«,die »Gorian«-Trilogie und seine Romane um die Halblinge von Athranor machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Kommissar X und Ren Dhark. Außerdem schrieb er Kriminalromane, in denen oft skurrile Typen im Mittelpunkt stehen – zuletzt Der Teufel von Münster, worin er einen Helden seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einer sehr realen Serie von Verbrechen macht. Seine Webseite: www.alfredbekker.de.

1

Du stehst da und verbrennst dir an deinem Coffee-to-go die Zunge. Denn was du jetzt siehst, das raubt dir den Atem und den Verstand. Und beides wird vielleicht nie ganz wieder so, wie es mal war. Aber das weißt du in diesem Moment noch nicht. Du stehst da, in einer dieser schattigen Häuserschluchten von New York City, deren Asphalt die schon tiefer stehende Septembersonne nicht erreicht.

Es ist der 11. September 2001, und die Bilder einstürzender Türme haben seitdem Milliarden Menschen im Kopf. Für dich aber gilt das in ganz besonderer Weise. Was genau in welcher Reihenfolge geschah, weißt du nicht mehr. Die Eindrücke vermischen sich. Der Crash der PanAm-Maschine in den Südturm, die Flammen, der Staub, die Panik, die einstürzende Türme des World Trade Centers. Sirenen und Schreie gehen darin unter. Du stehst da und weißt, dass in dem Wolkenkratzer, der da vor dir wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, der Rest deiner Familie ist. Alle, die dir etwas bedeuten, werden in wenigen Sekunden unter einem Berg aus Geröll begraben sein. In diesem Augenblick hast du es noch nicht begriffen. Die Erkenntnis kommt später – und dafür umso schmerzhafter. Keinen von ihnen wirst du je wiedersehen.

Du stehst da und kannst nichts tun.

Musst hilflos das Unvermeidliche mit ansehen.

Als die Erkenntnis dich erreicht, meldet sich die Stimme des Zorns.

Und auch sie wird dich nie wieder verlassen. Sie flüstert in dir. Ständig. Sie lädt dich mit Hass auf. Dem Wunsch, etwas zu tun. Dem Wunsch, die Ohnmacht jenes furchtbaren Augenblicks, als die Türme zusammenstürzten, nachträglich doch noch ungeschehen zu machen.

Du weißt im tiefsten Inneren deines Herzens, dass es sinnlos ist.

Aber da ist dieser unbändige Zorn in dir.

Und die Stimme des Zorns sagt dir etwas anderes.

Etwas, von dem du glauben möchtest, dass es wahr ist …

*

»Mister Cotton?«

Es dauerte einige Augenblicke, bis die Stimme durch Cottons Gedanken drang und ihn erreichte.

»Alles in Ordnung, Mister Cotton?«

»Alles in Ordnung.«

»Bestimmt?«

»Ich bin vielleicht ein bisschen müde, das ist alles.«

»Sie werden lernen, sich zu öffnen. Sie werden erfahren, dass Sie mit Ihrem Problem nicht allein sind, und schon das wird Sie erleichtern. Und wenn Sie dann verstanden haben, dass Sie die Dämonen in Ihrem Kopf freilassen müssen, wenn Sie nicht mehr von Ihnen verfolgt werden wollen, wird Ihr Körper Sie nicht mehr durch Müdigkeit vor Ihrem sinnlosen Hass schützen müssen.«

»Wie? Nein, Ma’am, es war einfach nur eine ziemlich lange Nacht gestern.«

»Natürlich.«

»Wirklich!«

»Ich habe Ihnen ja auch nicht widersprochen. Nur Ihre Wahrheit, Ihr subjektives Erleben zählt hier.«

Eine Frauenstimme. Sie gehörte Dr. Karen Grosvenor, und auch wenn es für Cottons Ohren eher ungewöhnlich klang, dass man ihn »Mister« und nicht »Agent« nannte, hatte das im Moment seine Ordnung. Hier, in der Gruppe von Dr. Karen Grosvenor, war er kein Special Agent einer Sonderabteilung des FBI. Hier war er einfach nur »Mister Cotton« – und das wohl auch nicht mehr lange, denn Karen machte jetzt den Vorschlag, dass alle sich von nun an beim Vornamen nannten.

Cotton stand nicht auf Förmlichkeiten. Trotzdem gefiel ihm das irgendwie nicht. Den Grund dafür konnte er nicht genau benennen. Es war ein tiefes Unbehagen, das ihn schon befallen hatte, als er diesen Raum betrat und sich in den Stuhlkreis setzte. Selbsthilfegruppe für 9/11-Traumatisierte … ob das wirklich das Richtige für mich ist, muss ich mal abwarten, ging es ihm durch den Kopf, obwohl er innerlich bereits entschieden hatte, dass es nicht das Richtige für ihn war. Wenn er sich dermaßen unwohl fühlte wie im Moment, konnte es nicht richtig für ihn sein.

Vielen Dank, Mr High, ging es ihm durch den Kopf. Denn es war John D. High gewesen, sein Chef, der ihn mehr oder weniger dazu gedrängt hatte, dieser Gruppe beizutreten. So etwas nannte man dienstliche Anweisung.

»Wir brauchen in unserer Abteilung Mitarbeiter, die über eine außergewöhnliche psychische Stabilität verfügen, Cotton«, hatte er die Stimme seines Vorgesetzten noch im Ohr. »Und bei Ihnen setzt das voraus, dass diese Sache geklärt ist.«

Diese Sache – das war der 11. September und alles, was damit zusammenhing. Ein Tag, der in Cottons Leben alles verändert hatte. Reichte es denn nicht, dass er sein Leben seitdem dem Kampf gegen das Verbrechen gewidmet hatte?  Musste es wirklich sein, dass er jetzt auch noch ausführlich darüber redete?

Aber selbst wenn das nicht der Fall war – was hätte er anderes tun sollen, als dem Wunsch seines Vorgesetzten nachzukommen und eines der zahlreichen Selbsthilfeangebote anzunehmen, das es für 9/11-Traumatisierte gab? Immerhin hatte Mr High dem jungen Agent freigestellt, welches Angebot er wahrnahm. Und weder High noch Cotton hatten Interesse daran, dass man einen FBI-eigenen Psychologen hinzuzog und die ganze Sache aktenkundig wurde.

Vielleicht werde ich innerlich ja wirklich ein bisschen ruhiger, wenn ich hier mitmache, versuchte Cotton sich einzureden, während er sich auf dem ziemlich unbequemen Stuhl ein Stück zurücklehnte. Die Gruppentreffen fanden in den Unterrichtsräumen einer Highschool in der Upper Westside statt.

»Ich bin Scott«, hörte er einen der anderen Teilnehmer sagen. Ein breitschultriger Mann mit blonden Haaren. Die ebenfalls blonden Augenbrauen waren so hell, dass man sie auf der blassen Haut kaum sehen konnte.

»Scott? Und wie weiter?«, fragte Karen Grosvenor.

Scott antwortete nicht. Stattdessen glitt sein Blick über die Gesichter der anderen Anwesenden, blieb kurz an Cotton haften und wanderte dann wieder zurück.

»Scott McCray. Susan, meine Frau, hatte gerade ihren Job bei einer Immobilienfirma angetreten, die ihre Büros im World Trade Center hatte. Und ausgerechnet an diesem Tag …« Scott verstummte, presste die Lippen aufeinander.

»Reden Sie weiter, Scott«, sagte Karen Grosvenor. »Es wird Sie erleichtern.«

Scott McCray nickte.

Und gleich sagt sie wieder: Schließlich geht es uns allen ähnlich. Vergessen Sie nicht, dass Sie hier nicht allein sind, ging es Cotton durch den Kopf. Aber er hütete sich, eine Bemerkung fallen zu lassen. Vielleicht hat Mr High sogar recht. Vielleicht fällt es dir einfach nur schwer, dir so etwas anzuhören, weil es die alten Wunden in dir immer wieder aufreißt und du diese Ohnmacht wie damals fühlst. Du konntest nichts tun – genauso wenig wie Scott und all die anderen armen Seelen hier.

»Sie sind nicht allein, Scott«, sagte Karen in diesem Moment, genau wie Cotton es vorhergesehen hatte – und offenbar in der Absicht, Scott zum Weiterreden zu bewegen.

Scott fuhr mit erstickter Stimme fort: »Ausgerechnet an diesem Tag hat unsere Tochter meine Frau ins Büro begleitet. Sie wollte immer schon wissen, was Susan da eigentlich macht. Die Tagesmutter hatte an dem Morgen einen Zahnarzttermin, deswegen hätte Susan unsere Kleine erst später dorthin gebracht. Und ich konnte nicht, weil ich einen Geschäftstermin hatte.« Scott schluckte. »Hätte ich unsere Kleine an diesem Morgen gehabt, wäre wenigstens sie noch am Leben. Seit elf Jahren denke ich jeden Tag mindestens einmal darüber nach …«

»Sie dürfen sich keine Schuld geben an dem, was damals geschehen ist«, versicherte Karen.

»Ich weiß. Ich tue es trotzdem. Es lässt sich einfach nicht vermeiden, all dieses hätte und wenn, das einem im Kopf herumschwirrt und immer absurdere Gedankenschleifen bildet.« Scott zuckte mit den Schultern und schaute auf den Boden. Der Blick war starr, als würde diese Fixierung ihm helfen, nicht irgendwo anders hinsehen zu müssen. In die Augen eines der anderen Anwesenden zum Beispiel.

Armer Kerl, dachte Cotton. Es war seltsam, aber er verspürte in diesem Augenblick das Bedürfnis, Scott zu sagen, dass er etwas Ähnliches erlebt hatte. Cottons Eltern hatten ausgerechnet an diesem Tag seine Schwester im World Trade Center besucht.

Ausgerechnet …

Und ich bin ausgerechnet in dem Moment woanders gewesen, erinnerte sich der G-man. Auch wenn er ansonsten wirklich nicht auf den Mund gefallen war, brachte Cotton in diesem Augenblick keinen Ton heraus. Ein dicker Kloß steckte ihm im Hals. Für ein paar Sekunden, die sich schrecklich lange hinzogen, fühlte er sich wie gelähmt, gefangen von Gedanken an die Vergangenheit. Ein Gespräch mit Mr High fiel ihm ein. »Sie kommen vom Lande, Cotton, da kennt man sich doch in der Bibel aus, oder?« – »Aus Iowa zu kommen heißt, ein halber Schriftgelehrter zu sein, Sir.« – »Dann denken Sie mal über die Geschichte von Lots Frau nach, die sich nach der Flucht aus dem brennenden Sodom umdreht und zur Salzsäule erstarrt, weil sie mit der Vergangenheit nicht abschließen konnte.«

Cotton versuchte tief durchzuatmen und stellte fest, dass ihm selbst das im Moment schwerfiel.

Offenbar war genau das eingetreten, was Mr High vorausgesagt hatte.

*

»Sie können schon gehen, Jarmila. Was hier noch zu tun ist, schaffe ich allein.«

»Danke, Mister Al-Kebir.«

»Bis morgen.«

»Bis morgen, Sir.«

Muhammad Al-Kebir blickte nicht von den Rechnungsbelegen auf, die er gerade mit großer Sorgfalt geglättet hatte.

Jarmila O’Shaughnessy kannte ihren Arbeitgeber gut genug, um zu wissen, dass das nicht unhöflich gemeint war. Muhammad Al-Kebir, der 41-jährige, leicht übergewichtige Juwelier, war ein sehr pedantischer Mann, der mit höchster Konzentration arbeitete und sich von nichts und niemandem ablenken ließ. Sein Mondgesicht besaß einen gebräunten Teint, und der Ansatz des dunklen Haares, in das sich graue Strähnen mischten, war bereits merklich zurückgewichen. Ein gepflegter Knebelbart bildete in seinem eher weichen Gesicht die einzige markante Kontur.

Jarmila O’Shaughnessy verließ den kleinen, aber feinen Juwelierladen in der DeKalb Avenue, Brooklyn. Al-Kebir bekam kaum mit, wie die Tür ins Schloss fiel. Er murmelte ein paar Zahlen auf Arabisch vor sich hin. Al-Kebir war in New York geboren, hatte hier die Highschool und das College besucht und einen Abschluss in Betriebswirtschaft gemacht, bevor er die Chance bekam, sich selbstständig zu machen.

Er hatte das Geschäft eines nahen Verwandten übernommen, der infolge eines Schlaganfalls nicht mehr in der Lage war, sein Business weiterzuführen. Al-Kebir musste ihn nach und nach auszahlen, aber das war angesichts der guten Geschäftslage kein Problem.

Muhammad Al-Kebir erhob sich, ordnete die Belege sorgfältig ein, aktivierte die Alarmanlage und verließ das Geschäft. Das Schutzgitter senkte sich vor die Eingangstür. Al-Kebir wartete, bis es den Boden erreichte und sein Laden somit bestmöglich gegen Einbrüche gesichert war. Ein Kameraauge war gut sichtbar im Schaufenster angebracht. Jeder, der auch nur einen Gedanken an einen Einbruch verschwendete, sollte sofort daran erinnert werden. Al-Kebir hielt nichts davon, derartige Überwachungstechnik möglichst dezent anzubringen. Die Kamera verbreitete allein durch ihr Vorhandensein eine deutliche Botschaft: Finger weg!

Sein Wagen, eine mit kugelsicherer Verglasung hochgerüstete metallicfarbene S-Klasse, stand auf einem Parkplatz zwei Blocks entfernt. Das Gebäude, in dem Al-Kebirs Geschäft untergebracht war, verfügte zwar über eine weiträumige Tiefgarage, aber die wurde zurzeit ausgebaut und sicherheitstechnisch überholt, sodass sie für die nächsten zwei Monate nicht benutzt werden konnte.

Muhammad Al-Kebir spurte etwas Feuchtes auf der Stirn.

Nieselregen.

Der Geschäftsmann wollte sich gerade in Bewegung setzen, da traf ihn noch etwas anderes – mit unvergleichlich größerer Wucht. Er taumelte, verlor beinahe das Gleichgewicht. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Maske des Schreckens. Ein blutiges Loch klaffte in Schulterhöhe, ungefähr eine Handbreit oberhalb des Herzens, in seinem  Dreitausend-Dollar-Maßanzug.

Sein Körper zuckte, als ihn der zweite Schuss traf, dann der dritte und vierte. Es gab kein Schussgeräusch.

Al-Kebir blickte sich um. Auf seinem verzerrten Gesicht spiegelten sich Schmerz und Schock. Seine blutige Hand versuchte, zu der Zweiundzwanziger zu greifen, die er in einem Schulterholster unter dem Jackett trug, aber er schaffte es nicht, den Griff der Waffe zu fassen. Eine Kugel fuhr ihm durch die Handfläche geradewegs ins Herz. Ein letzter Treffer schlug in seine Stirn, zwei Fingerbreit über der Nasenwurzel. Einen Moment lang stand Muhammad Al-Kebir wie erstarrt, schwankte und schlug dann der Länge nach auf den Asphalt.

Eine Passantin schrie auf. Ein Wagen brach aus der Phalanx der am Straßenrand parkenden Fahrzeuge aus und fädelte sich rücksichtslos und mit aufheulendem Motor in den fließenden Verkehr ein.

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