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Weiber on the Rocks

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Juni

Melanie Craine betrat die Kirche und blieb wie angewurzelt stehen. “Das ist doch wohl ein Witz!”, stieß sie hervor. Der Kerl hatte wirklich alles ignoriert, was sie heute Morgen am Telefon besprochen hatten, als sie ihm – noch einmal – verklickert hatte, wo sie die Kameras postiert haben wollte. Entnervt verstaute sie ihr elektronisches Notizbuch in dem zartgelben Etui an ihrer Taille. Sie war mit der ehrenvollen Aufgabe betraut worden, die Videoaufzeichnung der Hochzeit von Lauren und Anton zu überwachen, und würde das Brautpaar nicht hängen lassen. Als erste Amtshandlung würde sie sich also den Kameramann vorknöpfen müssen.

Als gIRL-gEAR-Fachfrau in Sachen Hightech kannte sie alle Filmgesellschaften der Stadt, und Avatare Productions war allererste Wahl – dachte Melanie, ehe sie diesen überheblichen, dickköpfigen, wenngleich sehr attraktiven Aufnahmeleiter am Hals hatte. Dieser Jacob Faulkner war eigens in die Welt gesetzt worden, um ihr das Leben zur Hölle zu machen.

Sie stellte sich auf die unterste der Stufen, die zum Altar führten, und sah zu, wie Jacob eine der beiden ferngesteuerten Kameras justierte, die er an der Balustrade des Chorgestühls angebracht hatte.

“Drei Schritte zurück!”, befahl er, ohne aufzublicken.

Melanie ging drei Schritte auf ihn zu. “Was machst du da?”

“Den Job, für den man mich angeheuert hat.” Den Blick fest auf das Display der Kamera gerichtet, deutete er auf eine Stelle weiter hinten. “Du musst ungefähr sechs Schritte zurück!”

Melanie rührte sich nicht vom Fleck. “Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass vor den Blumentöpfen der beste Platz wäre, um die Hochzeitsgesellschaft zu filmen?”

Ungerührt fixierte Jacob den Bildschirm. “Das war dein Vorschlag.” Er zuckte die Achseln. “Ich habe ihn mir durch den Kopf gehen lassen.”

Um ihn auf der Stelle zu verwerfen. Dabei hatte Melanie den Blickwinkel mindestens ein Dutzend Mal getestet und wusste, dass sie recht hatte. Sie ballte die Hände zu Fäusten. “Ich weiß ja, dass du deinen Job machst. Aber die Braut ist meine Kollegin und eine sehr gute Freundin. Sie verlässt sich voll und ganz auf mich, und ich will sie nicht enttäuschen.”

“Genau deshalb bin ich ja hier, Schätzchen.” Noch einmal deutete er nach hinten. “Sechs Schritte. Du willst dir dieses Vertrauen doch verdienen.”

Nur mit Mühe verkniff sich Melanie eine Entgegnung. Warum fühlen sich die Kerle gleich bedroht, wenn eine qualifizierte Frau mitreden will, überlegte sie, geschweige denn dass sie ihren Rat annehmen würden?

Stirnrunzelnd studierte Jacob das Display. “Wie groß bist du?”

“Eins siebzig. Wieso?”

“Wie die Braut, auch die Absätze sind vermutlich ähnlich … Wenn du dich dorthin stellst, könnte ich mir wirklich ein besseres Bild machen.”

Es ging Melanie total gegen den Strich, Kompromisse zu schließen mit Typen, die den Boss rauskehrten. “Natürlich kannst du dich über die Fernsteuerung ranzoomen, aber ich fürchte, die Kameras sind trotzdem zu weit weg vom Zentrum.”

“Sind sie nicht.”

“Das sagst du. Lass mich sehen, was du siehst, dann werde ich entscheiden.”

Jacob seufzte und blickte immerhin halbwegs in ihre Richtung. “Du magst es, wenn alle nach deiner Pfeife tanzen, was? Aber spar dir das bitte für jemand anders. Ich kann es nicht leiden, wenn man mich rumkommandiert.” Endlich blickte er sie an. “Du kannst unmöglich sehen, was ich sehe, selbst wenn du auf denselben Bildschirm schaust. Wir konzentrieren uns auf ganz unterschiedliche Dinge.”

“Woher willst du das wissen?”

“Ich mach das schon jahrelang. Die Erfahrung hat mich gelehrt, anders zu sehen, auf anderes zu achten. Außerdem bist du eine Frau und ich ein Mann, ein sehr feinfühliger Mann zwar, aber eben ein Mann.”

“Feinfühlig, ja?”

“Jawohl.” Er verzog den Mund zu einem selbstgefälligen Lausbubengrinsen und fügte hinzu: “Außerdem nett, rücksichtsvoll und sensibel – das behaupten wenigstens alle Frauen.”

Angeber! “Und einer, der sich nicht gern rumkommandieren lässt.” Jacobs Mundwinkel zuckten. Er hatte einen hübschen Mund, wie Melanie widerstrebend zugab. Beim Lächeln zeigten sich tiefe Grübchen, was darauf schließen ließ, dass er Sinn für Humor besaß. Aber das reichte nicht, um die Minuspunkte, die er bereits gesammelt hatte, wettzumachen. Plötzlich fiel ihr Lauren wieder ein. “Ich hab da eine Idee”, meinte sie. “Wohlgemerkt, dies ist kein Befehl.” Sie trat drei Schritte zurück. “Ich nehme meinetwegen den Platz der Braut ein, aber dann spielst du für mich den Bräutigam.”

“Hm.” Das übermütige Funkeln seiner Augen hätte sie warnen sollen. “Sicher, dass du nicht der Bräutigam sein willst?”

“Ja oder nein?”

Er lächelte noch breiter. “Drei Schritte, Schätzchen, dann kriegst du einen Bräutigam.”

Ein Schätzchen wie ihn als Bräutigam, das konnte Melanie sich gerade noch verkneifen, trotzdem ging sie an den Platz, wo Lauren heute Abend stehen würde. “Jetzt hast du’s mir aber gegeben! Legst du dich immer so ins Zeug, wenn du jemandem eins auswischen willst, oder ist heute einfach mein Glückstag?”

“Ich lege mich nie ins Zeug, für nichts und niemanden”, entgegnete er und verrückte, wie um das Gegenteil zu beweisen, die Kamera um einen Millimeter.

Melanie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Mit seiner laschen Einstellung, echt oder vorgetäuscht, konnte sie beim besten Willen nichts anfangen, selbst wenn sie ihr eigenes, fast zwanghaftes Pflichtbewusstsein nicht unbedingt zum Maßstab erhob. Allmählich hatte sie die Nase voll. Sie hätte nur zu gern geglaubt, dass Jacob so faul war, wie er behauptete. Aber sie wusste, dass der Ruf von Avatare Productions nicht darauf beruhte, dass man dort Schnarcher anheuerte. Außerdem hatte Jacob seine Arbeit nicht einmal lange genug unterbrochen, um ihr wirklich zuzuhören. “Vielleicht könntest du dieses eine Mal eine Ausnahme machen und dir Mühe geben? Mehr verlange ich ja gar nicht, Ehrenwort!”

Endlich ließ er von der Kamera ab, richtete sich zu voller Größe auf und beglückte Melanie mit der geballten Ladung seiner Aufmerksamkeit und der vollen Wucht seines Lächelns und einem Blick aus tiefgründigen, dunklen Augen. Sie schluckte. Ohne dass er irgendetwas Bemerkenswertes gesagt oder getan hätte, machte ihr Herz plötzlich einen Satz und galoppierte auf und davon. Er starrte sie bloß an, aber sein Blick war so durchdringend, dass er eine dicke Scharte aus dem Wall herausbrach, den sie zum Schutz vor den Charmeuren dieser Welt um sich herum errichtet hatte.

“Und was ist Ihr Wort wert, Miss Craine?” Er schüttelte den Kopf. “Egal. Jemand mit so einem gewaltigen Kontrollfimmel bricht seine Versprechen nicht, oder?” Mit weiten, lässigen Schritten kam Jacob auf sie zu. Die dunkelblaue Jeans fiel locker um die Beine, saß oben herum aber wie angegossen, und das schwarze Baumwoll-T-Shirt brachte seine breiten Schultern hervorragend zur Geltung.

“Natürlich nicht.” Bei dem Flattern in Melanies Magengrube fiel ihr nicht einmal eine treffende Erwiderung ein. Dabei gehörte sie eigentlich nicht zu der Sorte Frau, die auf Muckis oder einen knackigen Po abhob. Klar gefiel ihr ein durchtrainierter Mann, aber über das rasende Verlangen, das sie jetzt verspürte, hatte sie sich bisher stets erhaben gefühlt. Wie er sie ansah … als gingen ihm allerhand unaussprechliche Dinge durch den Kopf. Dinge, von denen Melanie nur träumen konnte, weil sie genau diesen Typ Mann immer gemieden hatte. Sie hielt sich an die Harmlosen, an Männer, die keine Herausforderung darstellten, sie zu Tode langweilten, aber ihre Arbeitswut und ihren beruflichen Ehrgeiz teilten.

Sie war völlig aufgelöst, innerlich wie äußerlich. Er musste einen schönen Eindruck von ihr haben! Verzweifelt reckte sie das Kinn vor, rief ihren ganzen Stolz zu Hilfe – und schlang dann doch die Arme um die Taille. Sie fühlte sich verwundbar und schutzlos und verachtete sich dafür, dass sie ihre Gefühle auch noch zeigte. So was passierte ihr doch sonst nie! Sogar ihre Haut schien plötzlich übersensibel geworden zu sein. Sie spürte, wie der Stoff ihrer Chiffonbluse über ihren Körper streifte – nicht weil die Bluse zu eng war, nein, weil Melanies Lust sich regte.

Jacob stieg die Stufen hinab. Mit langen, wiegenden Schritten kam er näher – zu nahe –, ging um Melanie herum und blieb einen Moment lang bedrohlich lauernd hinter ihr stehen. Es überlief sie heiß und kalt, und sie presste die Arme noch enger gegen die Brust, weil sich deren Spitzen schlagartig aufgerichtet hatten.

Melanie musterte ihn verstohlen, als er endlich neben ihr stand. Sein T-Shirt enthüllte mehr, als es verdeckte. Sein Bauch war flach, der Oberkörper gut modelliert. Ein ausgeprägter Bizeps zeichnete sich unter dem Shirt ab. Durch dichte dunkle Wimpern blickte Jacob auf sie herab. Melanie erwiderte den Blick und schwor sich, die Kleider anzubehalten. Fragend zog er eine Augenbraue hoch. “Und?”

“Was und?”

“Die Kameras gehören dir.”

“Äh … ja.” Noch dämlicher konnte man sich ja kaum anstellen. Wenn wenigstens ihre Beine ein bisschen länger wären, dann hätte sie sich in den Hintern treten können. Oder wenigstens nicht so wacklig! So nämlich war sie sich jeder Bewegung und jedes Zentimeters ihrer Beine – vom Saum des zartgelben Minirocks bis zu den passenden Fake-Kroko-Slippern – so peinlich bewusst wie nie zuvor. Sogar die zitronengelbe Chiffonbluse erschien ihr auf einmal viel zu durchsichtig. Jacobs scharfen Augen hätte sie sich lieber in Baggys und einem Sweatshirt Größe XXL ausgesetzt. Unter seinem Blick kam sie sich komisch vor, kribbelig und … sehr lebendig.

Aber als sie dann vor der Kamera stand, war sie doch froh, eine Frau zu sein. Denn auf dem Display entdeckte sie etwas, was nur eine Frau richtig schätzen konnte – einen schönen, einen attraktiven Mann.

Die Hände in die Hüften gestemmt, stand Jacob Faulkner an der Stelle, wo Anton am Abend stehen würde, und er sah kein bisschen aus wie ein Bräutigam. Er wirkte überheblich, arrogant, wie ein Model für DKNY oder Calvin Klein. Das lag weniger an der Art, wie er das dunkle wellige Haar trug oder sich rekelte wie eine Eidechse beim Sonnenbaden, es kam von innen heraus.

Melanie leckte sich über die Lippen und bemerkte, dass er die zweite Braue hochzog. Wenn sie sich nur an seine Frage erinnern könnte.

“Alles zu deiner Zufriedenheit?”

Wenn du wüsstest! Natürlich würde sie das nie auch nur andeuten. Dieser peinliche, hormonell bedingte Aussetzer würde gleich vorbei sein. Sie nickte nur, denn sie musste ihm recht geben. Die Kamera stand genau am richtigen Platz. So ungern sie es zugab: Dieser Mann verstand sein Handwerk.

Völlig unnötigerweise überprüfte sie die zweite Kamera. Sie zeigte sein Profil von rechts. Der Anblick hatte katastrophale Auswirkungen auf Melanies körperliche Verfassung. Wie sie das hasste!

Der Typ war ein nerviger Besserwisser und verfügte über eine beängstigend gute Beobachtungsgabe. Er brauchte bloß dazustehen und sie anzustarren, schon brach ihr der Schweiß aus. Heute Abend würde sie nur auf die Kameras achten anstatt auf Braut und Bräutigam. Denn über die Monitore in seinem Lieferwagen draußen auf dem Parkplatz konnte Jacob sie problemlos im Auge behalten. Allerdings würde sie nie erfahren, ob er das tat oder nicht.

“Haut hin”, gab sie schließlich zu, weil ihr nichts Besseres einfiel. Ihre Gedanken, sonst eher gesittet, intelligent und logisch, stoben in völlig unbekannte Richtungen davon. Was, wenn er wüsste, dass sie ihn im Geist bereits ein Dutzend Mal ausgezogen und die … Dinge in die Hand genommen hatte? Sie schmunzelte. Er war ein Mann, und die waren bekanntlich ziemlich schlicht gestrickt. Jacob machte da vermutlich keine Ausnahme – auch wenn Melanie noch auf keinen so reagiert hatte wie auf ihn. Er war anders, doch leider fehlte ihr die Zeit, mehr darüber herauszufinden.

“Was ist so lustig?”, fragte er, und sie merkte, dass sie immer noch lächelte. Dann fiel ihr auf, dass er auf einmal neben ihr stand. Sie musterte ihn über den schmalen, schwarzen Rand ihrer extravaganten rechteckigen Brillengläser. Eigentlich sollte sie gehen. Dieser Irrsinn dauerte schon viel zu lange. “Gar nichts.”

“Warum lächelst du dann?” Er kam näher, sodass sie gezwungen war, den Kopf in den Nacken zu legen. Dadurch fühlte sie sich ungewöhnlich klein und geradezu berauschend feminin. “Na, sag schon. Oder muss ich grob werden?”

Sie trat auf Armeslänge zurück. “Mit Drohungen kannst du bei mir nicht landen. Aber es erhebt sich eine interessante Frage, Mr. Faulkner.” Trotzig zog sie eine Braue hoch. “Wer von uns lässt andere gern nach seiner Pfeife tanzen? Ich – oder du?”

* * *

August

“Meine Damen, jetzt aber flott! Wir müssen an die Arbeit zurück.” Zu den wöchentlichen Sitzungen der gIRL-gEAR-Partnerinnen gehörten die Ermahnungen der Vorstandsvorsitzenden Sydney Ford ebenso wie das fröhliche Schnattern, auf das sie sich bezogen. Nachdem Lauren erst kürzlich von ihrer Hochzeitsreise nach Irland zurückgekehrt war, hatten die sieben Frauen einiges nachzuholen. Fotos wurden herumgereicht und Mitbringsel ausgepackt.

Zum Dank, dass Melanie die Videoaufzeichnung der Hochzeit gemanagt hatte, hatte Lauren ihr bereits ein exklusives Bed-and-Breakfast-Wochenende geschenkt. Daher kam die kleine, in Silberfolie eingeschlagene Schachtel als echte Überraschung. “Das war doch nicht nötig”, meinte Melanie, während sie das hübsche Päckchen sorgfältig auswickelte.

Die blonde, blauäugige Lauren rekelte sich in ihrem Sessel und bewunderte den riesigen, lanzettförmig geschliffenen Diamanten an ihrem Ehering aus Platin. Sie winkte freundlich ab, als Kinsey Grey, die Modespezialistin der Firma, sich überschwänglich für den fein ziselierten Claddagh-Anhänger bedankte, den sie ihr mitgebracht hatte.

“Ich spiele nur ungern den Bösewicht”, unterbrach Sydney, “aber könnten wir langsam weitermachen?”

“Ach Sydney, wie oft passiert es schon, dass eine von uns unter die Haube kommt?”, protestierte Chloe Zuniga, die für die Firma an einem Ratgeber für junge Mädchen, gUIDANCE-gIRL, arbeitete.

“Darüber wollte ich gerade mit euch sprechen. Die letzten Monate waren der reinste Horror – Partys, Hochzeit, Hochzeitsreise. Deshalb …”, Sydney legte eine Kunstpause ein, um sich der allgemeinen Aufmerksamkeit zu versichern, “… sind hiermit weitere Eheschließungen untersagt. Ausgenommen … meine Hochzeit mit Ray.” Mit einem Wink schnitt sie die Jubelschreie ab, die auf ihre Ankündigung folgten. “Der Termin steht noch nicht fest. Aber ihr anderen, schminkt euch das ab! Die Firma kann es sich nicht leisten, mehr als zweien von uns ausgedehnte Ferien zu bewilligen. Und da Ray als Erster die Frage aufgeworfen hat, beanspruche ich …”

“Lauren, das ist ja wunderschön!” Melanie hatte soeben den letzten Zentimeter Geschenkpapier entfernt. Sie hatte nicht beabsichtigt, ihre Chefin zu unterbrechen, aber Laurens Geschenk war einfach unbeschreiblich. “Wahnsinn! Ich kenne den Künstler. Du hast dich vielleicht in Unkosten gestürzt …” Bewundernd drehte sie die Statuette aus mattiertem Glas in den Händen.

“Unsinn. Die habe ich in einem kleinen Antiquitätengeschäft entdeckt, einem Secondhandladen. Ich glaube, die hatten keine Ahnung, was sie da besaßen. Aber ich wusste sofort: Das ist für dich bestimmt.”

Der weibliche Akt war im Stil von Lalique gearbeitet, ein exquisites Stück, gerade groß genug, dass es in Melanies Hand passte. Es stellte eine kniende Frau dar. Sie hatte die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt, und ihre Hände waren unterhalb der Brust verschränkt.

Die anderen waren aufgesprungen, um die zerbrechliche Glasfigur zu bewundern, aber keine von ihnen konnte das Kunstwerk so würdigen wie Melanie. “In meiner Vitrine wird es sich wunderschön machen.”

“Hast du da auch männliche Akte, oder stehst du mehr auf Frauen?”, erkundigte sich Poe, die neueste Partnerin und Vizepräsidentin der Abteilung Kosmetik und Accessoires.

“Es mag dich schockieren, aber ich weiß durchaus, was man mit einem bestimmten männlichen Körperteil macht.”

“Wer weiß, Mel, vielleicht hat sich ja seit dem letzten Mal, als du mit einem in Berührung gekommen bist, alles verändert?” Chloe war hinter Poe aufgetaucht. “Die Evolution in Bezug auf das Paarungsverhalten schreitet schneller voran als du. Du verbringst zu viel Zeit im Büro, um ein Liebesleben zu haben.”

“Da hat sie recht”, stimmte Poe zu. “Und nur Arbeit, ganz ohne Vergnügen – das führt zum Burn-out.”

“Haha!” Melanie fand das gar nicht witzig, denn urplötzlich kamen ihr Jacob Faulkner und seine … Attribute wieder in den Sinn. Dabei dachte sie seit der Hochzeit ohnehin viel zu häufig an ihn. “Macht euch um mich mal keine Sorgen. Wenn Sydney erst unter der Haube ist, könnt ihr euch auf was gefasst machen.”

Seltsam, das kam nicht an! Nach den ernsten Mienen um Melanie herum zu urteilen, waren ihre Freundinnen ernstlich besorgt. Dumm von ihnen! Es ging ihr doch blendend. Gut, sie war vielleicht ein bisschen desillusioniert, aber anscheinend hatten die anderen vergessen, wie viel Schweiß und Anstrengung der Erfolg kostete. Irgendjemand musste das Schwächeln des Onlinemarktes ja abfedern. Außerdem hatte sie zumindest auch finanzielle Verpflichtungen zu erfüllen.

Sydney brach das drückende Schweigen. “Nun, meine Damen, nachdem ihr euch bei Lauren gebührend bedankt habt und auf dem neuesten Stand seid, was Mels Vertrautheit mit der männlichen Anatomie betrifft, möchte ich euch über die Dokumentarreihe informieren, für die wir ausgewählt wurden. Unsere Anwälte haben alle Verträge und so weiter geprüft, und jetzt ist der Ball am Rollen.”

Kinsey stöhnte. “Müssen wir das wirklich durchziehen? Ich bin überhaupt nicht fotogen und möchte nicht, dass diese Tatsache im ganzen Land bekannt wird.”

“Du bist vielleicht optimistisch, Süße”, feixte Chloe. “Es geht um Frauen als Unternehmensgründer. Da können wir uns glücklich schätzen, wenn wir im Lokalprogramm landen.”

“Es wurde eine hiesige Produktionsfirma angeheuert, die mit der Moderatorin Ann Russell zusammenarbeitet. In den nächsten Tagen wird sich Ann mit euch in Verbindung setzen und Termine für Interviews im Büro und im persönlichen Umfeld vereinbaren. Noch Fragen?”

Oh nein! Zwar gab es mehr als eine Produktionsfirma in Houston, aber nur eine war die beste. Die hatte natürlich mehr als einen Kameramann, aber wieder nur einen besten. Und Melanie wusste, wenn es um gIRL-gEAR ging, gab Sydney sich nie mit weniger zufrieden. Ihre gute Laune war wie weggeblasen. Schon vor zwei Monaten hatte sie erkannt, dass dieser Mann ihr nur Ärger bereiten würde. Aber so bald? Was hatte Sydney gesagt? Persönliches Umfeld? Mit dem Daumen streichelte Melanie das glatte Glas in ihrer Hand. “Und wer soll das sein?”

“Avatare Productions.”

“Die haben mein Hochzeitsvideo gedreht”, meldete sich Lauren. “Erstklassige Wahl, Syd. Am Sonntagnachmittag sind wir endlich dazu gekommen, das Band anzusehen. Es ist super geworden. Ich hatte Tränen in den Augen. Es war, als würde ich alles noch einmal erleben.”

“Ich habe sie nicht ausgesucht, aber nachdem ich die Crew auf deiner Hochzeit in Aktion erlebt habe, habe ich dem Produzenten vorgeschlagen, den Kameramann anzufordern, der die Aufnahmen geleitet hat.” Angestrengt runzelte Sydney die Brauen. “Wie hieß er noch mal?”

“Jacob Faulkner”, sagte Melanie, und alle Augen richteten sich auf sie.

2. KAPITEL

In ihrem schwarz-weißen Büro saß Melanie hinter dem Schreibtisch und fühlte sich ungewöhnlich frustriert. Missmutig blätterte sie in einem Katalog für Geschenkartikel, den ein Vertreter ihr heute Morgen dagelassen hatte. Die Liste von Artikeln, die sie auf einem Block notiert hatte, war recht kurz. Genau wie im letzten Jahr konnte sie sich über Produkte für ihre Geschenkartikellinie gOODIE-gIRL nicht beklagen. Aber immer noch suchte sie verzweifelt nach Material für das elektronisch-technische Segment gIZMO-gIRL, erschwingliche, praktische und zugleich trendige Sachen.

Viele Kundinnen von gIRL-gEAR waren Teenager ohne eigenes Einkommen, und Melanie tat sich furchtbar schwer, passende Ware für sie zu finden. Die meisten Mädchen legten nämlich großen Wert auf das äußere Erscheinungsbild. Natürlich gab es unterschiedliche Auffassungen darüber, was als cool galt, aber dem Druck zur Anpassung konnte sich kaum eine junge Frau entziehen.

Melanie selbst hatte in dieser Hinsicht Glück gehabt: Zwar war sie aus dem Cheerleaderteam geflogen, weil sie, anstatt ins Training zu gehen, ihre Zeit lieber im Computerraum der Schule zugebracht hatte. Aber die Jungs, die sie dort kennenlernte, akzeptierten sie, auch wenn sie sie ein wenig seltsam fanden.

Die meisten von ihnen waren selbst recht eigenartig – Einzelgänger, Außenseiter, aber hochintelligent und ehrgeizig. Und das gefiel Melanie. Begierig schaute sie ihnen über die Schulter, tauschte Erfahrungen aus und versuchte, die Jungs zu übertrumpfen – eine angehende Feministin, die ein Batch File genauso sicher erstellte, wie ihre Cheerleaderkolleginnen Saltos schlugen.

Das nötige Selbstvertrauen verdankte sie den Frauen, die sie großgezogen hatten, ihrer Mom und ihrer Granny. Sie brachten ihr bei, keinem zu glauben, der ihr weismachen wollte, dass die Welt von Männern regiert wird, und erklärten ihr, dass die kluge Frau nie mit ihrer Überlegenheit prahlt, sondern ihre Trümpfe im Verborgenen ausspielt.

Melanie lehnte sich zurück und rückte die Brille zurecht. Die Vorstellung, einen Kerl an der … Nase herumzuführen, ohne dass er es merkte, gefiel ihr. Aber dafür müsste sie sich gewaltig verbiegen. Denn was immer es brauchte, um Männer in hirnloses Gemüse zu verwandeln – sie besaß es nicht. Dafür war sie viel zu direkt, und damit kamen die wenigsten zurecht.

Sie schwenkte den Stuhl nach links und betrachtete die Glasfigur, die es noch nicht bis in ihr Schlafzimmer geschafft hatte. Im Augenblick stand sie in dem Bücherregal hier im Büro. Sie verkörperte das, was Männer wollten: die stilvolle Eleganz einer Sydney Ford, die sanfte Weiblichkeit einer Lauren Neville und die sinnlichen Rundungen, mit denen Chloe Zuniga gesegnet war.

Die hätte Melanie auch gern, aber die Gene hatten es anders bestimmt: Sie war flach wie ein Brett. Nein, eigentlich wies sie alle erforderlichen Kurven auf, aber da, wo Chloe üppige Rundungen hatte, war Melanie eher sparsam ausgestattet. Knabenhafte Figur, rationale Denkweise, unverblümte Art – so war sie nun mal.

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