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Über die Autorin

Roopa Farooki wurde in Lahore, Pakistan, geboren und wuchs in London auf. Sie studierte am New College in Oxford und arbeitete in der Werbebranche, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Farooki lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Südengland und Südfrankreich. Ihre Romane KARDAMOM UND HONIG und ALS ICH LERNTE ZU FLIEGEN waren 2007 und 2010 für den renommierten Orange Prize nominiert.

ROOPA FAROOKI

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Roman

Übersetzung aus dem Englischen von
Gerold Anrich und Martina Instinsky-Anrich

BASTEI ENTERTAINMENT

Für die Träumer und Spieler,
die dieses Buch angeregt haben:
Mein Mann, meine beiden Söhne
und zur Erinnerung
an meinen Vater

Wir sind die Träumer von Träumen …
Gleichwohl sind wir es, die die Welt bewegen
Und sie erschüttern, auf ewig, wie es scheint.

Arthur O’Shaughnessy

In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien.
Die eine ist, nicht zu bekommen, was man will,
und die andere ist, es zu bekommen.

Oscar Wilde

ERSTER TEIL
Träumer

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Die wunderbare Bestimmung des Luhith »Lucky« Khalil

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Das ist Luckys Augenblick, und der Augenblick ist alles. Es ist nicht die Erwartung und nicht die Erinnerung, es ist jetzt. Es ist sein stilles Gebet, das sich den Gebeten der Abertausenden anschließt, die auf den Fernsehschirm starren, eine Hand um das Bierglas, die andere vor dem offenen Mund. Es ist die unbenannte Macht, die alle Besessenen dazu bringt, dieses weiße T-Shirt zu tragen oder Laken mit dem roten Kreuz aus dem Fenster zu hängen. Es ist das Murmeln und Flüstern von allen, ihr Singen, Schreien und Jubeln, das in den Äther aufsteigt und von den Radiowellen eingefangen wird, das der Wind und die Wolken aufnehmen, das sich in der wirbelnden Atmosphäre über dem Stadion sammelt – ein Tornado der Hoffnung, der sich auf ihn konzentriert, den letzten Mann auf dem Feld, denn er ist der eine Mann, dessen Fußbewegung allein alle englischen Träume wahr werden lassen oder zerstören kann. Er ist der Mann, der die Aufgabe für Millionen übernimmt. Der Augenblick ist alles – pack ihn, Lucky, er gehört dir.

Er rennt und tritt zu, sein linker Fuß am Ball, der Ball jagt wie ein Geschoss auf das Tor zu, und dann ist da nichts als dieser Augenblick. Süßer als die aufkeimende Erwartung, mächtiger als die zufriedene Erinnerung an das, was war. Möglich, dass es später Pressekonferenzen geben wird, Paraden und vielleicht Dokumentarfilme oder sogar Enttäuschung; vielleicht hielte sein Name Einzug in die Geschichtsbücher oder würde aus ihnen verbannt. Doch jetzt gibt es nur die vollkommene Stille, und er steht breitbeinig im Mittelpunkt der sich wie rasend drehenden Welt.

Es gibt nur dich und den Augenblick. Und du hast es gut gemacht, mein Sohn.

Trenner

Lucky schreckt aus dem Schlaf auf, völlig verschwitzt und keuchend, fast schon schluchzend. Er hat eine Bestimmung – schlimmer noch, er hat einen Traum. Dieser weckt ihn nachts auf, so erschreckend ist er. Er quält ihn, weil er sich so realistisch anfühlt, er leckt das Blut von seinen aufgebissenen Lippen, während er vor dem weißen Punkt auf einem Spielfeld in einem anderen Land steht, das für alle Zeiten England sein wird, und blickt den gesichtslosen Gegner an, von dem er weiß, dass er genauso aussieht wie er selbst. Der Traum quält Lucky so sehr, dass er nach dem Aufwachen vor Enttäuschung schluchzt, weil es nur ein Traum war. Dieser Traum gehört nur ihm allein – niemandem hat er etwas davon erzählt, er ist so sonderbar, dass er nicht wagt, ihn jemandem zu erzählen. Dieser Traum ist so abenteuerlich, so übernatürlich und so unerreichbar, dass er ebenso gut träumen könnte, er wäre Gott. Er träumt, dass er eines Tages diesen Treffer für England erzielt. Er träumt, dass sein linker Glücksfuß eines Tages die Weltmeisterschaft für England gewinnt.

Lucky wischt sich über die feuchte Stirn und tritt seine Bettdecke weg. Leise macht er das Fenster auf und blickt hinaus auf die vom Mond erleuchtete Straße, still und leer in den frühen Morgenstunden. Es hat geregnet, und er sieht sein Spiegelbild verschwommen in der Pfütze auf dem Bürgersteig, wo sich das Wasser in einer Vertiefung im Pflaster gesammelt hat, über die sich sein übereifriger Vater bereits häufiger beim Gemeinderat beschwert hat. Er stellt sich vor, wie das Spiegelbild aufspringt und wie Peter Pans Schatten davonläuft, sodass er die Straße entlang hinter ihm herjagen müsste, um es wiederzubekommen. Er wünschte, er könnte jetzt die Straße entlangrennen, einen Ball treten und ihn verfolgen, während er rollt. Er ist noch keine fünfzehn Jahre alt, doch schon jetzt fühlt er sich gefangen in seiner Bestimmung, seinem Traum. Sogar seine Poster bedauern ihn: Prinzessin Leia in schimmerndem Weiß mit ihrer starken Waffe, die ihr über der Schulter hängt, und Darth Vader in glänzendem Schwarz, der ein Lichtschwert schwingt, die beiden Zwillingswächter an seiner Seite. Beide scheinen mit einer Mischung aus Stolz und Sorge zu sagen: »Das ist deine Bestimmung, Lucky«, als ob es etwas wäre, dem er niemals entkommen könnte. Er beobachtet, wie sein wässriges Spiegelbild zersplittert und mit den ersten Regentropfen verschwindet. Dann dreht er sich um, um wieder ins Bett zu gehen, hält aber inne, als er zwei Gestalten im Türrahmen stehen sieht, deren Umrisse durch das Licht hinter ihnen scharf gezeichnet sind: eine Frau mit braunem, geflochtenem Haar, eingehüllt in helles Tuch, und ein dunkler Dämon in düsteren Gewändern, das Gesicht einer undurchschaubaren Maske gleich. Schnell blickt er zu den Postern, ob die Gestalten noch dort und nicht vom Papier ins Zimmer gesprungen sind. Danach schaut er noch einmal flüchtig zu dem Paar in der Tür und schlüpft zurück ins Bett.

»Ihr könntet wenigstens anklopfen, verdammt«, knurrt er seine Eltern böse an, bevor er das Gesicht auf dem Kissen wegdreht und sie damit zum Gehen auffordert. Sein Vater, ein dunkelhäutiger Bengale mit einer glänzenden Kappe aus korrekt geschnittenem Haar, gut gebaut, doch mit leichtem Bauchansatz, verknotet den Gürtel seines pechschwarzen Morgenrocks.

»Ich hab dir ja gesagt, Delphine, es ist nichts«, brummt er und zuckt wegen der Unverschämtheit seines Sohnes nur mit den Schultern, weil er ausnahmsweise zu müde ist, um ihn deshalb zurechtzuweisen. »Ich habe am Vormittag eine ziemlich wichtige Besprechung. Ich gehe wieder ins Bett.«

Delphine setzt sich zu ihrem Sohn auf die Bettkante, die cremefarbene Seide ihres Morgenrocks fällt bis zu den Knöcheln und die Zöpfe baumeln ihr mädchenhaft über die Schultern. Ihre Mutter hatte sich die Haare für die Nacht immer geflochten, und sie behält diese Gewohnheit bei, obwohl sie sich damit, wenn sie sich ab und zu selbst betrachtet, bevor sie ins Bett geht, und dabei ihre Zöpfe und ihr ungewohnt ungeschminktes Gesicht sieht, ein kleines bisschen lächerlich vorkommt. Sie streichelt über Luckys Haar und erinnert sich an die flaumige Vollkommenheit seines runden Kopfes, als er noch ein Baby war. »Hattest du einen bösen Traum?«, fragt sie. Dabei ist ein Hauch ihres ursprünglichen französischen Akzents zu hören, der ihrer Stimme einen besonderen Charme verleiht, den die meisten Leute nicht einordnen können. Lucky sagt nichts, und sie fühlt sich einen Moment hilflos. Wehmütig denkt sie an die Zeit, in der sie ihn über den schlimmsten cauchemar allein mit der sanften Berührung ihrer Hand und einem Streicheln seiner Stirn mit ihren Lippen wie durch Zauberei hinwegtrösten konnte. Ich sollte loslassen, denkt sie – nicht zum ersten Mal und nicht nur bei einer solchen Gelegenheit. Als ob loszulassen so einfach wäre. Sie schließt das Fenster gegen das zunehmende Geprassel des Regens und verlässt dann das Zimmer.

Während Delphine am Morgen ihre Haare aus den Zöpfen befreit und sie in lockeren Wellen über den Rücken fallen lässt wie ein Filmstar aus den Vierzigern, hat Lucky bereits seine Frühstücksflocken und eine Scheibe Toast vertilgt und steuert auf die Tür zu. Gerade als er die Küche verlassen will, kommt sie herein. Er sagt unvermittelt: »Bye, Ma!«, küsst sie mehr aus Gewohnheit als aus Zuneigung und rennt mit einem Ball unter dem Arm die Stufen zur Straße nach unten. Während sie den Kaffee aufsetzt, kann sie sehen, wie er den Ball sorgfältig in der nassen Kuhle des Bürgersteigs platziert, ihn die vornehme, von Bäumen bestandene Straße entlangkickt und verfolgt. Jinan kommt zu ihr in die Küche – geduscht, angezogen und für sein sehr wichtiges Meeting gerüstet. Sein braunes Gesicht ist so gut geschrubbt, dass es nahezu glänzt, sein Haar sieht unglaublich glatt aus.

»Ist Luhith schon weg?«, fragt er.

»Mhm«, bejaht Delphine unverbindlich und kümmert sich um den Kaffee, um das unausweichliche Gespräch über »den Jungen« zu vermeiden, das Jinan morgens immer so gern zu führen scheint.

»Warum ist er schon so früh gegangen?«, bohrt Jinan weiter.

»Training?«, mutmaßt Delphine vorsichtig. Sie weiß, dass kein Training ist, denn das findet montags, mittwochs und natürlich samstags statt.

»Das sollte lieber ausfallen, verdammt. Wie viel Training braucht der Junge denn noch? Es geht doch nicht um Höchstleistungen. Kick den Ball, der Ball geht ins Tor, wer die meisten Tore schießt, hat gewonnen«, sagt Jinan und kommt für sein Lieblingsgesprächsthema in Fahrt. »Es ist doch nicht so, als ob er für den schwarzen Gürtel in Karate oder so was trainieren würde. Etwas Nützliches.«

Delphine seufzt und fragt sich, ob sie die Küche verlassen soll, damit die Diskussion beendet ist, bevor es mit »Als ich in seinem Alter war …« weitergeht. Sie räuspert sich, um Jinan zu unterbrechen. »Und wo ist dein Meeting heute Morgen? Wirst du abgeholt?«

»Berkeley Square. Nein, ich fahre selbst«, antwortet er knapp, nicht gewillt, sich ablenken zu lassen. »Das Problem mit Luhith ist, dass er nicht weiß, was er will. Als ich in seinem Alter war, wusste ich genau, was ich wollte …«

»Ja, ich weiß«, sagt Delphine trocken, und Jinan bricht betreten ab. Seine Frau ist sechs Jahre älter als er, und als er noch ein vierzehnjähriger Schüler war, war sie bereits eine zwanzigjährige Frau, eine unerreichbare Göttin, die zur Welt der Erwachsenen gehörte. Sie hatte ihn den Hamlet in einer Schulaufführung spielen sehen. Herrgott noch mal, manchmal brachte ihn Delphine dazu, sich so zu fühlen, als wäre er nicht älter als Lucky, obwohl er mittlerweile ein einigermaßen erfolgreicher Jurist mit einem sechsstelligen Gehalt und einem sehr wichtigen Meeting war.

»Also, ich gehe jetzt besser«, sagt er und kippt seinen Kaffee hinunter. »Frühstück gibt’s beim Meeting. Die stellen im Büro am Berkeley Square immer so raffinierte dänische Sachen hin.«

»Nett.« Delphine nickt.

»Ja, das sind sie«, antwortet Jinan, der wieder zu seiner Rolle als Mann im Haus zurückgefunden hat, anstatt weiter ein kleiner Junge zu sein. »Liebling, hab einen schönen Tag.« Er legt seinen Arm um sie und küsst sie auf den Hinterkopf, auf die locker herunterfallenden Locken. »Du siehst heute großartig aus, Liebling. Irgendwie so minimal.« Erst da wird Delphine bewusst, dass sie immer noch in ihrem weißen Schlafanzug steckt und ihr fremdes, nacktes Gesicht trägt.

Trenner

Lucky folgt seinem Ball die Straße entlang, in der er wohnt, vorbei an den eleganten Knightsbridge-Apartments mit Dachterrassen und Gemeinschaftsgärten (und knappen Schildern, auf denen in dekorativ verschnörkelter Schrift steht: Keine Ballspiele), vorbei an Straßen mit beeindruckenden Stuckbauten und kleinen schicken Boutiquen, um schließlich in South Kensington in die U-Bahn zu springen. In Hammersmith steigt er aus und folgt seinem Ball auf dem langen Weg am Odeon-Kino vorbei durch Nebenstraßen bis zu der etwas schäbigeren Straße in der Nähe der Sozialwohnungen. Dort wohnt sein Großvater in einem ordentlichen Endreihenhaus, in dessen Garten dahinter man wunderbar kicken kann. Schon vor langer Zeit war das Haus so umgebaut worden, dass oben eine Wohnung und unten ein Laden entstanden waren. Es ist schon weit nach acht Uhr, aber der Laden ist immer noch geschlossen. Lucky drückt den Klingelknopf zur Wohnung – keine Reaktion. Er drückt ihn wieder, beharrlicher. »Dada!«, ruft er zu seinem Großvater hoch und wirft seinen Ball gekonnt so, dass er gegen den Rahmen des Schlafzimmerfensters prallt und nicht etwa gegen die Fensterscheibe, damit die nicht wieder zerbricht, wie es schon einmal passiert ist. Allerdings hatte das seinen Großvater auch nicht sonderlich aufgeregt. Vielmehr hatte er seine Versicherung dazu gebracht, sie zu ersetzen, indem er die Halbstarken der Umgebung beschuldigte. Dabei hatte er Lucky verschwörerisch angegrinst und über die zugehaltene Sprechmuschel des Telefons geflüstert, dass das ja schließlich eigentlich keine Lüge wäre. »Dada!«, schreit Lucky wieder.

Portia, die Zeitungsausträgerin seines Großvaters, kommt aus dem etwas schäbigen Bistro-Café von nebenan; elfenhaft und mit kurzen Haaren ist sie der einträglichste Teil des chaotischen Geschäfts seines Großvaters. Manchmal kümmert sie sich an den Wochenenden sogar um den Laden, wenn er anderweitig bei den Rennen oder den Buchmachern engagiert ist, was eigentlich illegal ist. Lucky schnappt sich seinen Ball wieder und fragt sie lässig: »Hast du meinen Großvater gesehen?« Er ist mächtig in Portia verknallt, die fast ein Jahr älter ist als er und diese ganz besondere und natürliche Schönheit besitzt, wie sie gelegentlich von gemischtrassigen Eltern hervorgebracht wird, aber er glaubt, dass er seine jugendliche Schwärmerei einigermaßen erfolgreich verbergen kann.

Portia zuckt mit den Schultern, zündet sich eine Kippe an und hält Lucky das Päckchen hin. Als er den Kopf schüttelt, verstaut sie es wieder in ihrem Schulblazer. »Ich denk mal, der alte Penner hat einen Kater. Ich hab über eine halbe Stunde auf ihn gewartet. Jetzt hab ich keine Zeit mehr, die Zeitungen auszutragen.« Sie schreit zum Fenster hoch: »He, Zaki, beweg mal deinen faulen Hintern und lass uns rein!« Keine Bewegung des Vorhangs am Fenster, nichts. Sie und Lucky stehen da, vereint in unwilliger Zuneigung und Bewunderung für diesen Mann, der sie einfach nicht beachtet, der sich so wenig darum schert, was die Leute von ihm halten, dass er sich nicht einmal die Mühe macht, das Fenster aufzumachen, geschweige denn seinen Laden zu öffnen, bevor es ihm danach ist. Zaki ist auf niemanden angewiesen, und trotzdem verehren ihn alle und würden alles für ihn tun. In gewisser Weise ist er Luckys Held.

»Warum nennst du ihn eigentlich Dada?«, fragt Portia schließlich.

»Das heißt Großvater auf Bengalisch«, antwortet Lucky. »Ich hab ihn immer schon so genannt.« Portia nimmt diese Information kommentarlos hin, und als ihm das Schweigen unangenehm wird, fügt er etwas unbeholfen hinzu: »Ich schätze mal, das verwirrt manche Leute etwas. Es klingt ein bisschen zu sehr wie Dad, oder?« Das Schweigen kehrt zurück, genauso wenig verheißungsvoll wie zuvor.

»Ich glaub, ich mach mich jetzt mal besser auf zur Schule«, sagt sie endlich. Sie wartet, um Lucky die Gelegenheit zu geben, ihr seine Begleitung anzubieten, denn seine Schule ist nicht so weit von ihrer entfernt. Als das Angebot ausbleibt, lächelt sie, ein kleines Lächeln nur für sich selbst, da sie seine Zurückhaltung zu Recht mehr auf seine Schüchternheit als auf Unhöflichkeit zurückführt, wirft sich ihren langen Schal über die Schulter und schlendert davon. Lucky setzt sich mit dem Rücken gegen die Mauer auf den Bürgersteig und stellt sich vor, wie sein Großvater tief schlafend im Bett liegt, eine leere Flasche Jack Daniels und ein Gewinnlos vom Buchmacher auf dem Nachttisch und vielleicht eine schöne Frau neben sich im Bett. Er nimmt die Szene durch die Backsteine von Zakis Endreihenhaus auf und malt sich aus, wie sein Großvater die Augen aufmacht und ausnahmsweise ernsthaft und nicht respektlos zu ihm sagt: »Das ist deine Bestimmung, Lucky. Solange du daran denkst, kannst du den ganzen Mist vergessen, den sie dir in der Schule beibringen. Du bist nicht dazu bestimmt, einer von denen zu werden. Du wirst etwas ganz Besonderes machen. Und du wirst es gut machen, mein Sohn.«

Lucky steht auf, feuert versuchsweise noch ein paar Würfe gegen den Fensterrahmen, ruft »Dada!«, dann »Zaki!« und schließlich »Dada-Zaki!«, gibt endlich auf und steuert die Schule an, wobei er seinem Ball meisterhaft erst auf dem Bürgersteig und dann über den Rasen folgt.

Zaki stöhnt und dreht sich auf die andere Seite, als die Schläge gegen seinen Fensterrahmen endlich aufhören, schirmt seine Augen vor dem aufdringlichen Licht ab und langt zur anderen Hälfte des Betts … wo niemand ist. Ayesha, seine Gelegenheitsfreundin, muss schon in der Nacht gegangen sein. Zaki ist Anfang fünfzig und immer noch attraktiv, auch wenn sein Haar langsam grau wird. Sein ausschweifendes Leben hat noch keinen Tribut gefordert. Er hat noch nie mit vor Aufregung trockenem Mund vor einer Versammlung sprechen müssen, er hat nie dicht gedrängt in einer dampfenden und stinkenden U-Bahn während des Berufverkehrs stehen müssen, er hat noch nie einen grauen Anzug tragen oder sich gegenüber einem widerlichen Kunden oder Vorgesetzten auf die Zunge beißen müssen. Sein Herz hat nie vor Angst geschlagen, einen Termin zu verpassen, obwohl es gelegentlich vor Freude schlug, wenn sein Pferd über das letzte Hindernis kam oder wenn die Roulettekugel im Kreis kullerte und dann mit einem bulligen Klirren in das Fach mit seiner Zahl sprang. Laut murmelt Zaki vor sich hin: »Hartnäckiger kleiner Mistkerl …«, sagt er mit einem gewissen Stolz. Dann schläft er wieder ein.

Angebrannter Toast und andere kleine Tragödien

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Delphine sitzt vor ihrer Frisierkommode und blickt enttäuscht in ihr ungeschminktes Gesicht, auf die ersten Anzeichen von Falten, die sie bis jetzt noch mit unerhört teuren Cremes, die sie im Monat mehr kosten als ihre Mitgliedschaft im Fitnessstudio, in Schach halten kann. Doch wenigstens benutzt sie die Cremes, was mehr ist, als man von ihrem Fitnessstudio behaupten kann. Sie mag ihr Gesicht ohne Make-up nicht, es sieht nicht nach ihr aus, als hätte eine verhuschte, altjüngferliche Tante ihren Platz eingenommen und sie in den Hintergrund gedrängt. Die einzige Zeit, in der sie sich mit blankem Gesicht schön gefunden hatte, war die, als Lucky noch sehr klein war und seine molligen, gelenklosen Händchen staunend gegen ihre Wangen drückte, sanft an ihrer Nase und den Augenbrauen zupfte und sich die Landschaft ihres Gesichts einprägte, als wäre sie ein verwunschenes Königreich, in dem er sich verirren könnte. Sorgfältig massiert sie sich die Creme bis unter die Kehle in die Haut ein und schminkt dann ihr Gesicht, betont die Augen, indem sie sie mit einem Lidstrich umrandet, und lässt ihre Lippen auf einen Schlag mit einem Konturenstift glatt und klar werden. Danach zieht sie ihren Designertrainingsanzug an, entschlossen, zum Fitnessstudio zu gehen. Wer auch immer gesagt hat, französische Frauen würden nicht fett, hatte ihre Großmutter väterlicherseits nicht gekannt, eine rotbackige Frau vom Land aus Les Landes, die im höheren Alter so klein und stämmig wurde, dass sie fast schon quadratisch war. Vielleicht wurden Pariserinnen nicht fett, doch sie wusste, dass ihre mit Getreide gefütterten les-landrischen Gene nur hinter den Kulissen lauerten, um ihren großen Auftritt zu haben, und deshalb musste sie sie zuweilen mit Workouts und Gewichten fertigmachen.

Mit zurückgesteckten Haaren und wieder vertrautem Gesicht bereitet sich Delphine Toast und frischen Orangensaft. Der Toast brennt an, während sie versucht, Splitter von der eiskalten Butter zu hacken, die sie, wie so oft, vergessen hatte, aus dem Kühlschrank zu nehmen. Sie schabt den Toast ab, probiert ihn und schmeißt das meiste weg. Der Geruch hängt noch in der Küche, zieht durch die Wohnung, doch sie sagt sich, dass sie das nicht stört – es ist doch nur angebrannter Toast. Sie zieht ihre Sportschuhe an, zufrieden mit sich, dass sie bereit ist, wenn nicht der Welt, so doch zumindest aber den beiden Straßen, durch die sie muss, um zu ihrem Fitnessstudio zu gelangen, gegenüberzutreten. Doch gerade als sie gehen will, fällt ihr ein, dass heute der Tag ist, an dem die Putzfrau wäscht, und dass sie die Betten noch nicht abgezogen hat. Sie mag es nicht, wenn die Putzfrau die Betten abzieht. Es ist ihr zu persönlich, wenn eine Fremde sieht, wo ihr Körper sich in die Matratze gedrückt hat, wo sich ihr Mann und Sohn strecken, seufzen und schnarchen, oder wenn sie die kleinen Male und Falten und, ja, manchmal sogar Flecken der Intimität entdeckt. Zügig zieht sie die beige, graubraune und cremefarbene Bettwäsche ab. (Beige, graubraun und cremefarben! Warum wurde alles in ihrem Haus, in ihrem Leben plötzlich beige, graubraun und cremefarben? So absurd neutral, so … »Irgendwie so minimal, Liebling.«) Sie häuft alles in den Wäschekorb und geht in Luckys Zimmer, um dort dasselbe zu machen. Ihr fällt seine mürrische Reaktion in der letzte Nacht ein, und sie fühlt sich ein wenig schuldig, als sie die Tür öffnet, ohne zu klopfen, obwohl sie weiß, dass er nicht da ist. Intimsphäre ist so wichtig für Teenager, erinnert sie sich, hier erschaffen sie ihre geheimen Welten.

Sie geht in das Zimmer und fängt an, den Bettbezug und das Laken abzuziehen, die mit Grashalmen bedruckt sind, sodass es aussieht, als würde man auf einer Wiese schlafen. Sie schaut sich um und wundert sich, dass Jinan immer sagt, er wisse nicht, was in Luckys Kopf vorginge. Lucky mag sein Herz nicht auf der Zunge tragen, doch er klebt es überall an seine Zimmerwände. Eine Wand ist Star Wars gewidmet, mit riesigen Postern von Leia und Darth Vader, präsentiert wie religiöse Symbole, und mit kleineren Bildern von diesem flauschigen, bärenartigen Wesen (Chew-irgendwie? Chewy?), von Yoda, Raumschiffen und anderem Zubehör. Es gibt kein Bild von Luke Skywalker, fällt ihr auf. Es ist, als ob die Hauptfigur nicht gebraucht würde – in seiner Welt ist Lucky selbst der Held. Die nächste Wand besteht nur aus Fußball: Helden und Schurken, Stürmer und Tormänner, ein riesiges Bild der Jungs von ’66 mit dem Pokal, ein paar Bilder von Spielen seiner eigenen Mannschaft. Seltsam, dass jemand, der Fußball so liebt wie Lucky, nicht Anhänger einer bestimmen Mannschaft ist. Er feiert jedes Spiel ohne Voreingenommenheit, bejubelt jedes Tor und jede sehenswerte Ballabwehr. Die beiden letzten Wände sind bedeckt mit touristischen Sehenswürdigkeiten und Szenen aus Bangladesch und Frankreich. Das wirkt ziemlich wehmütig, als wäre es überall besser als hier. Allerdings war es nicht so, als ob Jinan oder sie jemals voller Heimweh über ihre Länder sprächen. Jinan war in England aufgewachsen und brachte kaum einen Satz auf Bengalisch zustande, und als sie ein junges Mädchen war, konnte sie es kaum abwarten, aus Les Landes wegzukommen. Auf den Regalbrettern sieht sie gerahmte Bilder von Luckys Freunden und Teamkameraden, lässig die Arme um die Schultern gelegt, und eines von ihm mit seinem Großvater Zaki, doch keines von ihr selbst und Jinan. Aber was habe ich eigentlich erwartet?, denkt sie und zieht den Deckenbezug mit einer plötzlichen, gereizten Heftigkeit ab. Hab ich etwa geglaubt, ich könnte die Gefühle meines eigenen Sohnes steuern, so wie ich vorgegeben habe, meine eigenen Gefühle dirigieren zu können? Ich hab so getan, als würde ich mich mit jemandem begnügen, und ich war dumm genug zu glauben, niemand würde das bemerken, nicht einmal ich selbst. Tränen steigen ihr in die Augen, und sie schließt sie für einen Moment, ehe sie weitermacht.

Gerade hat Delphine alles in den Wäschekorb gelegt, als sie hört, wie sich der Schlüssel der Putzfrau im Schloss dreht, dann schellt die Türklingel, da Kasia merkt, dass noch jemand in der Wohnung ist. »Guten Morgen, Mrs Khalil«, trällert Kasia, als sie sich nach einer kurzen höflichen Wartezeit selbst hereinlässt. Delphine hat ihr schon hundertmal gesagt, sie solle sie beim Vornamen nennen, doch aus irgendeinem Grund ist es Kasia lieber, das nicht zu tun. Sie ist in ihrem Heimatland Polen Kindergärtnerin gewesen und hatte vorgehabt, in England umzuschulen. Sie ist nicht die beste Putzfrau, doch pünktlich und fröhlich, Qualitäten, die Delphine bewundert, da sie sie selbst nicht mehr besitzt.

»Hi, Kasia, ich bin auf dem Sprung«, sagt Delphine und schnappt sich schnell ihre Sonnenbrille vom Tischchen in der Diele, um ihre Augen zu verdecken. Sie ist dermaßen aufgelöst, dass ein einziges freundliches Wort von jemandem, von irgendjemandem, sogar von der pünktlichen Putzfrau, sie zu einem heulenden Häufchen Elend in der Diele verwandeln kann.

»Ist alles in Ordnung, Mrs Khalil?«, erkundigt sich Kasia besorgt und fragt sich, was wohl geschehen ist, das ihre sonst so höfliche Arbeitgeberin so verärgert hat und ihr Gesicht so ungewöhnlich blass und angespannt aussehen lässt.

Delphine bleibt einen Moment in der Tür stehen, seltsam berührt von der Freundlichkeit der relativ fremden Frau. Einen kleinen, zitternden Augenblick lang ist sie versucht, zu weinen und ihr alles anzuvertrauen, doch sie fängt sich schnell wieder. Verärgert wegen ihrer eigenen dummen Schwäche, blafft sie nur: »Um Himmels willen, Kasia, warum können Sie mich nicht Delphine nennen?« Dann greift sie nach einem Jackett und verlässt die Wohnung.

Sie geht nicht zum Fitnessstudio, sondern folgt stattdessen der Spur ihres Sohnes, die Straße entlang und an den schicken kleinen Boutiquen vorbei, wo man sie beim Namen kennt, und nimmt dann die U-Bahn bis Hammersmith.

Trenner

Zaki, endlich aufgestanden, hat das Mädchen, das in Orlas Café arbeitet, bestochen, die Zeitungen auszutragen, und sitzt jetzt selbst im Café mit einer Tasse Kaffee, der so dick wie Teer ist, und vor ebenso dicken Toastscheiben. Er sieht Delphine am Rand des Rasens zögern und dann entschlossen auf seinen Laden zugehen.

Er steht auf und winkt aus der Tür des Cafés. »Ja, hallo Della, was machst du denn hier?«

»Dasselbe könnte ich dich fragen«, antwortet Delphine kess, die sich bereits viel munterer fühlt. »Ich hab gedacht, du arbeitest nebenan?«

»Ich bin dabei zu erweitern«, erklärt Zaki mit gespieltem Ernst, während er zu seinem Plastikstuhl am Caféfenster zurückgeht. »Ich hab mir gedacht, ich fang erst mal mit dem Frühstück an. Ich bin noch in der Erkundungsphase.« Er deutet mit einer ausladenden Geste auf seinen Kaffee und den Toast.

»Diese Erkundungsphase sieht köstlich aus«, meint Delphine beim Anblick des beneidenswert goldenen und vollkommenen Toasts.

»Du kannst deinen eigenen bekommen, weißt du, ich teile mein Essen nicht.« Schon ruft er nach der molligen, blond gebleichten Besitzerin des Cafés: »Orla, noch eine Runde Toast für Della hier, und gib ihr einen Kaffee.«

»Koffeinfreien Milchkaffee bitte«, korrigiert Delphine, und als sie sieht, wie sich Zaki und Orla kichernd ansehen, korrigiert sie noch einmal: »Oder einen normalen Cappuccino?« Orla hebt ihre gezupften Augenbrauen und schüttelt erheitert den Kopf, und Delphine gibt mit einem Seufzer nach. »Also dann einfach nur Kaffee.«

»Du bist hier nicht in Kansas, Dorothy«, sagt Zaki. »Im Ernst, Della, bei Orla koffeinfreien Milchkaffee zu bestellen, zeugt praktisch schon von schlechten Manieren. Gleich bestellst du auch noch Parmaschinken, Parmesan und Rucola zum Toast.«

»Warum kannst du mich nicht einfach Delphine nennen«, fährt sie ihn an und verfällt schon zum zweiten Mal an diesem Tag in einen schroffen Tonfall. Ihr Ärger verflüchtigt sich allerdings, als sie die Tasse mit grobem Filterkaffee lächelnd von Orla entgegennimmt.

»Du weißt doch, warum, Della. Es klingt so sehr nach ›Delfin‹, und dann befürchte ich, dass du gleich schrille Quietschgeräusche von dir gibst und nach Fischen springst …«

»Dieser Witz wird auch nicht lustiger«, unterbricht ihn Delphine. »Warum kannst du dich nicht deinem Alter entsprechend benehmen?«

»Das übernimmt Jinan schon für mich, also bin ich so frei, mich so zu benehmen, wie es mir passt«, erwidert Zaki vergnügt. »Auf jeden Fall hast du meine Frage nicht beantwortet. Was macht das Mädchen so weit weg von Knightsbridge, und dann auch noch allein?«

»Ich war gerade in der Nähe«, behauptet Delphine leichthin und rührt in ihrem Kaffee. Zaki blickt sie mit nicht zu übersehendem Zweifel an, was sie zu einer weiteren Erklärung ausholen lässt: »Luckys Schule hat angefragt, ob Jinan oder ich nicht dem Verwaltungsrat beitreten wollen, also hab ich gesagt, ich schau mal vorbei.«

»Warum machst du dir überhaupt die Mühe, mich anzulügen, Della?«, fragt Zaki. »Es gibt keinen noch so kalten Tag in der Hölle, der dich dazu bringen könnte, so angezogen in Luckys Schule aufzukreuzen. Du siehst aus, als hättest du dich in deinem begehbaren Kleiderschrank rumgerollt und wärst dann gerade mit dem rausgekommen, was kleben geblieben ist.«

Delphine schaut an sich herab, auf ihren Designertrainingsanzug und die Ballerinas, alles unsinnig gekrönt von einem elegant geschnittenen Jackett mit Uniformknöpfen aus Messing, das sie ohne nachzudenken aus dem Schrank in der Diele gegriffen hatte, die Pilotensonnenbrille bereits aufgesetzt. »Mir war einfach nach Reden, glaube ich.«

»Oh, zum Teufel, Della, darüber rede ich nicht. Geh zu deinen Freundinnen, wenn du dich über deinen Mann beschweren willst, aber komm damit nicht zu mir. Das geht nicht, weißt du, das ist ausgesprochen …«, Zaki zögert und sucht nach einer Formulierung, die Delphine akzeptieren würde, »… gauche, bei deinem Schwiegervater über deinen Mann zu jammern.«

»Wohingegen es vollkommen in Ordnung ist, einem Exfreund etwas vorzujammern«, entgegnet Delphine, blickt ihm in die Augen und lässt ihren Metalllöffel mit einem blechernen Klirren auf die gelbe Resopalplatte des Tischs fallen.

Orla, fasziniert von dem Wortwechsel, den sie vorgibt, nicht zu belauschen, hat darüber fast Delphines Toast vergessen. Sie bringt ihn unverfroren herüber, verbrannt und dick mit Butter bestrichen. »Du kannst Zaki für den Toast die Schuld geben. Er hat mir mein Mädchen geklaut, um seine verflixten Zeitungen austragen zu lassen, und deshalb muss ich überall gleichzeitig sein.«

Delphine starrt auf den Toast, auf den sie sich so gefreut hat, verbrannter und noch weniger appetitlich als der, den sie sich vorhin selbst gemacht hatte, und obwohl sie es nicht will, fängt ihre Unterlippe an zu zittern. Plötzlich fühlt sie sich klein, schutzlos und unfähig, mit dem geringsten Missgeschick fertig zu werden.

»Ach zum Teufel, dann nimm eben meinen«, sagt Zaki, tauscht brüsk die Teller aus und streut Zucker über die verbrannten Scheiben.

»Warum streust du Zucker drauf?«, fragt Delphine nun im Plauderton. Das ist ihre Art, Zaki dafür zu danken, dass er sie nicht in der Öffentlichkeit hat zusammenbrechen lassen.

»Das erinnert mich an die Parathas, die Jinans Mutter uns normalerweise zum Frühstück gemacht hat«, antwortet Zaki. »Nadya war keine große Köchin, und in der Regel waren ihre Toasts auch angebrannt, doch wir haben sie einfach mit Zucker bestreut, und sie haben gut geschmeckt.« Er macht eine Pause, dann fragt er: »Warum bist du wirklich hergekommen, Della?«

»Ich denke, weil du es schaffst, dass ich mich besser fühle«, sagt sie ernsthaft, überrascht davon, wie beharrlich er sich nach dem Grund für ihr Kommen erkundigt.

»Also, du schaffst es, dass ich mich schlechter fühle«, sagt er abrupt und denkt dabei an seinen bedauernswerten Dummkopf von Sohn, so erfolgreich in bedeutungslosen Angelegenheiten und so unfähig, wenn es wirklich darauf ankommt. Und er merkt es noch nicht einmal.

Delphine sagt nichts, nippt an ihrem klebrigen Kaffee und ist bemüht, keine Miene zu verziehen. Sie weiß, dass Zaki recht hat, dass es nicht angebracht ist, sich so sehr auf ihn zu stützen. Aber sein Vorschlag, darüber mit ihren Freundinnen zu reden, ist lachhaft. Die Mädels denken ja alle, sie hätte ein perfektes Leben. Sie ist schließlich diejenige, die sich losreißen konnte, die, die aus der ständigen Hetze ausgebrochen ist, diejenige, die den perfekten (jüngeren!) Ehemann hat, reich und anbetungswürdig, die, die den großartigen, talentierten Nachwuchs hat; die, die nichts anderes zu tun hat, als vom Balkon ihres stromlinienförmigen, von namhaften Designern eingerichteten Nests in Knightsbridge runterzugucken und sorglos durch die Nobelcafés und Schickimickiläden zu treiben, bis es Zeit ist, das perfekte Risotto für ihre Familie hinzuzaubern, dann vielleicht die Mädels bei Zuma zum Cocktail zu treffen, einen Vortrag in der Royal Geographical Society zu besuchen oder eine Weinprobe im Institut Français. Sie weiß, dass sie beneidet wird, und manchmal hat sie das Gefühl, dass dieser Neid alles ist, was sie hat. Ihn und ihre vertraulichen kleinen Treffen mit Zaki, der sie trotz allem, was zwischen ihnen vorgefallen ist, sich immer wieder besser fühlen ließ.

Zaki seufzt, und als er den aufrichtigen Ausdruck in Delphines fein gezeichnetem Gesicht sieht, spürt er, wie seine barsche Maske dahinschmilzt. »Magst du mit mir nach nebenan kommen, Della? Du kannst dich da durch die Klatschillustrierten arbeiten. Oder sogar durch die Hochglanzmagazine. Such dir was aus, solange du es dann nur wieder ins Regal stellst.« Er stürzt seinen Kaffee hinunter und fügt großzügig hinzu: »Wenn du willst, könnte ich sogar versuchen, dir einen Caffè Latte mit diesem glänzenden neumodischen Apparat zu machen, den du und Jinan mir letztes Jahr zu Weihnachten …«

Delphine lächelt und nickt dankbar. »Das ist eine Krups. Wir haben dieselbe. Wenn du willst, zeige ich dir, wie sie funktioniert.«

Zaki steht auf, um bei Orla zu bezahlen, und sieht sich nach Delphine um, die an ihrem Tisch auf ihn wartet. Mit einigem Bedauern denkt er daran, dass er auf seinen Besuch beim Buchmacher am späten Vormittag verzichten muss.

Die junge Waschfrau vom Bangshi

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Als Zaki Nadya zum ersten Mal sah, war sie sechzehn und wusch gerade mit ihrer Familie Wäsche im Bangshi-Fluss, dessen schlammiges Wasser sich auf ihrer Haut in glitzernde, taufeuchte Perlen verwandelte, die an ihren Armen herunterrollten bis an die Spitzen ihrer schlanken Finger. Sie lachte mit den Kindern, die ihr beim Einseifen und Schlagen der Wäsche halfen, und war über deren Ungeschicklichkeit eher amüsiert als davon gestört. Um sie zu unterhalten, sang sie bei der Arbeit kleine Lieder, und immer wieder machte sie eine Pause, um das jüngste Kind zu küssen, bis das kleine Mädchen, das noch wacklig auf den Beinen war, sich wand und kicherte und aus Spaß protestierte: »Na, Apa, na! Zu viel!« Zaki selbst war gerade achtzehn und stand wie gebannt da beim Anblick ihrer kalten, sauberen Arme, des fein geschnittenen Profils, das überging in das dichte, nach hinten genommene und zu einem verstrubbelten Knoten gebundene Haar, der Haut in der Farbe von Milchschokolade, die im Nacken mit der derben Saribluse aus Baumwolle verschmolz. Es war, als wäre er in einem Traum gelandet. Die Szene war so frisch und rein in ihrer Unschuld und den leuchtenden Farben, dass sie fast schon unwirklich schien. Beinahe erwartete er, wie im Trickfilm Tauben und hilfreiche Drosseln auf den Schultern des Mädchens landen zu sehen, die ihr unter fröhlichem Zwitschern beim Auswringen der Kleidungsstücke halfen, bevor sie zum Trocknen auf den Felsen ausgelegt wurden.

»Zakaria!«, rief sein Vater hinter ihm aus dem Auto. »Beeil dich. Verdammt, wie lange brauchst du denn, um zu pinkeln?«

Beschämt rief Zaki zurück: »Ich wasch mir nur noch die Hände, Baba«, und sah wegen der rüden Art, in der es auf ihn aufmerksam gemacht worden war, zerknirscht zu dem Mädchen hinüber. Dieses jedoch blickte nur über die Schulter nach hinten, lächelte, nickte dem jungen Unbekannten zu und wirkte überhaupt nicht peinlich berührt. Es schubste die Kinder an, dass auch sie freundlich nicken sollten.

»Asalaam alaikum«, grüßte er höflich, während er schnell zum Ufer ging, um seine Hände in das kühle Wasser zu tauchen. Von Nahem war es klarer, als er ursprünglich gedacht hatte. Die schlammige Färbung ergab sich nur durch den Widerschein des erdigen Flussbetts.

Die Waschfrau stieß die Kinder wieder an, die daraufhin im Chor gleichgültig sagten: »Mallaikhum asalaam«, und dann mit ihrem Spiel, die Wäsche zu waschen, weitermachten.

»Apnar naam ki?«, fragte er das Mädchen, aber es lächelte nur und schüttelte den Kopf. Es gehörte sich nicht, mit fremden jungen Männern zu sprechen, besonders nicht mit einem so anziehenden fremden jungen Mann, auch nicht mit seinem Baba als unfreiwilliger Anstandsdame am Straßenrand. Zakis Vater rief wieder nach ihm, und er wandte sich zum Gehen, doch er wollte nicht einfach so verschwinden, ohne dem Zauber des Augenblicks gerecht zu werden, ohne dem Mädchen ein kleines Zeichen zu geben, das es an ihn erinnern würde. Er hatte nichts, was er ihr dalassen konnte, außer seinem Namen, den er ihr in der Hoffnung gab, sie würde ihre kurze Begegnung in Erinnerung behalten. »Amar nam Zaki. Zaki Khalil.«

Er ging zum Wagen seines Vaters zurück und sah, wie sie sich umdrehte und beobachtete, wie er davongefahren wurde. Vorher hatte er gar nicht bemerkt, dass sie sichtlich schwanger war. Die sittsame Weite ihres Baumwollsaris hatte die Wölbung fast geheim gehalten. Seinem Vater war die Gruppe am Flussufer entgangen, da er sich beim Fahrer über die Hitze beklagt hatte. »Mensch, Zakaria, wieso hast du denn so lange gebraucht?«

»Warum die Eile, Baba?«, fragte Zaki. »Da war ein sehr schönes Mädchen am Fluss.«

»Mr Mujib wartet in Dhamrai auf uns, und er hat angekündigt, dass er ein gutes Geschäft für uns hat. Ich hab keine Lust, ihm zu sagen, wir seien zu spät, weil mein intellektueller Sohn plötzlich ein Auge auf Dorfschönheiten wirft«, sagte Zakis Vater gereizt. Er musterte seinen Sohn. Dieser trug Schlaghosen, die in der Taille zu eng waren, und ein Polyesterhemd mit Paisleymuster, das er wohl gekauft hatte, als er noch auf der Universität in Übersee war. Seine Haare brauchten eindeutig einen Schnitt, er sah aus wie ein gottverdammter Beatle. »Du hast keinen Sinn für das Geschäft, Sohn, aber bei Gott, das wirst du noch lernen.«

Zaki ignorierte ihn und beugte sich nach vorn zum Fahrer. »Sie sind doch von hier, Abdur, oder? Wissen Sie, wie das Mädchen heißt?«

Der alte Fahrer schaute Zaki missbilligend an. »Sie ist verheiratet. Und sie bekommt gerade ihr erstes Kind …« Sein Schweigen war vielsagend, und er weigerte sich, mehr zu sagen.

Zakis Vater sprach den Satz für ihn zu Ende: »… und aus welchem Grund willst du dann ihren Namen wissen?«

Den beiden zum Trotz fand Zaki später doch heraus, dass sie Nadya hieß, was »feucht vom Tau« bedeutet – der passende Name für ein Mädchen, das das Wäschewaschen erledigte.

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Als junger Mann hatte Zaki einen Traum. Er träumte, er hätte einen Studienplatz in Übersee gewonnen, aber nicht in Oxford oder Cambridge oder gar an einer der Eliteuniversitäten in den USA, sondern einen Studienplatz an der Sorbonne in Paris. Er träumte davon, einer der Intellektuellen vom linken Seine-Ufer zu sein, wie Sartre, und suchte seine eigene Simone de Beauvoir, seine Seelenverwandte, eine, mit der er ein ungehindertes Leben führen könnte, frei von irgendwelchen trivialen Sorgen und Sachzwängen. Stattdessen hatte er gerade sein erstes Jahr auf dem College verbracht, und sein Vater, wütend darüber, wie wenig sein Sohn zu lernen schien, bestand darauf, dass er seine Ferien damit verbringen sollte, in das Familiengeschäft eingeführt zu werden. Mr Khalil führte das Khalil-Kaufhaus in Dhaka, in dem Saris, Schals und traditionelle Messinggegenstände verkauft wurden, wie man sie auf dem Land benutzte. Er hatte den unwilligen Zaki mit auf die Einkaufstour zu Mr Mujibs Fabrik geschleppt. Zaki verachtete den Beruf seinen Vaters zwar nicht, doch er bewunderte ihn auch nicht. Er passte einfach zu seinem Vater, als hätte jemand dem neugeborenen Baby »Krämer« auf das Band geschrieben, das es ums Handgelenk trug, und das war das Etikett, bei dem er blieb.

Zakis Etikett, wenn er überhaupt eines hatte, war »Träumer«. Als hoffnungsloser Romantiker glaubte er, er hätte sich auf den ersten Blick in eine Dorfschönheit verliebt, die bereits in die Ehe verschachert und im zarten Alter geschwängert worden war, wahrscheinlich von einem Kerl, der sie jeden Morgen zum Frühstück verprügelte. Zaki glaubte, wenn irgendjemand sie retten könnte, dann wäre er es. Natürlich war das nur ein Traum, und niemand war überraschter als Zaki, als er selbst zu einer weiteren Einkaufstour nach Dhamrai fuhr und herausfand, dass der Fahrer seines Vaters gelogen hatte. Die junge Waschfrau war gar nicht verheiratet, sondern verwitwet, da ihr Mann in den Fluss gefallen und ertrunken war. Die weniger freundliche Version lautete allerdings, dass der Ehemann betrunken war, als er ins Wasser fiel, und seine Familie, die sonst niemanden finden konnte, dem sie die Schuld geben konnte, behauptete, Nadya hätte ihm zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zur Bestürzung ihrer Eltern war sie zu ihrer Familie zurückgekehrt, die damit eine gute Mitgift für ihre schwangere und nun nicht mehr zu verheiratende Tochter vergeudet hatte. Sie hofften jetzt, dass das Kind ein Junge würde, denn in dem Fall könnten sie die Familie des Ehemanns überreden, Nadya zurückzunehmen. Zaki hörte sich die Auskünfte der Dörfler interessiert an und fragte nach dem Weg zu Nadyas Elternhaus, denn er wollte ihnen ein Geschäft vorschlagen.

Zaki entwickelte ein noch nie da gewesenes Interesse am Kaufhaus seines Vaters und besonders an den Waren, die in der Fabrik in Dhamrai hergestellt wurden. Mr Khalil freute sich über den Sinneswandel seines Sohnes, doch Misstrauen stieg auf, als er sah, dass ein Teil der Ware feucht ankam. Zaki erklärte mit großen Augen und überzeugender Treuherzigkeit, dass einige der hoch rabattierten Schals von der Fabrik verunreinigt angeliefert worden wären und dass er daher eine Wäscherin am Ort engagiert hätte, sie für ihn zu reinigen. Diese wäre viel billiger als das, was man in Dhaka dafür hätte ausgeben müssen. Mr Khalil beglückwünschte seinen Sohn nur ungern zu seiner Initiative.

Gegen Ende des Sommers verbrachte Zaki den letzten von vielen langen Nachmittagen am Ufer des Bangshi, während Nadya und ihre jüngeren Brüder und Schwestern die Schals wuschen, die er absichtlich auf dem Weg von Dhamrai verschmutzt hatte. Nadya war nun hochschwanger, musste ihm gegenüber nicht mehr so reserviert sein und akzeptierte fröhlich seine Anwesenheit. Sie redete mit ihm über ihr Baby und ihre weiteren Pläne. »Ich hoffe, es wird ein Mädchen«, sagte sie entschieden, »denn dann kann ich zu Hause bleiben und es mit dieser Bande hier großziehen.« Sie verzog das Gesicht, als sie den Rücken durchdrückte, und rieb mit den Handballen über den unteren Bereich ihres Rückgrats, bevor sie sich wieder ans Wasser hockte und ihre Arbeit fortsetzte. »Wenn es ein Junge ist, wollen sie, dass ich zu meinen Schwiegereltern zurückkehre, und dann verbringe ich dort den Rest meines Lebens als ihr unbezahltes Dienstmädchen. Wenn ich schon ein Dienstmädchen sein muss, gehe ich lieber mit dem Kind nach Dhaka und werde dort eines.«

»Hast du schon jemals daran gedacht, auch weiter als Dhaka zu gehen?«, fragte Zaki, der dasaß und die Beine ins Wasser baumeln ließ.

»Wohin, zum Beispiel? Vielleicht Chittagong? Ich würde schon gerne ans Meer gehen«, antwortete Nadya.

»Nein, weiter als Chittagong«, sagte Zaki.

»Weiter als Chittagong?« Nadya runzelte die Stirn. »Meinst du etwa Kalkutta?«

»Sogar weiter als Kalkutta. Mach weiter, rate, an was ich denke.«

»Du bist ein dummer Kerl, und das ist ein dummes Spiel«, sagte Nadya und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Wäsche zu.

»Ich weiß, dass ich ein dummer Kerl bin. Aber lass mich doch. Wenn du richtig rätst, bekommt Padma ein Geschenk von mir«, lockte Zaki sie schmeichelnd.

Nadya blickte zu ihrer jüngsten Schwester, die wie gewöhnlich ihren Brüdern hinterhertapste, die ihr gerade zeigten, wie man eine Mango schälen musste. Sie lächelte liebevoll, als Padma sich den Saft einer zerquetschten Mango durch die Schale in den Mund tröpfeln ließ. »Ist gut, ich rate«, sagte sie. »Was ist mit Delhi?« Zaki schüttelte den Kopf. »Bombay?« Er schüttelte den Kopf wieder, spritzte aber den Saum ihres Saris mit seinem Fuß nass. »Arré! Hör auf damit, ich denke nach.« Sie brach ab, zögerte kurz, bevor sie ihn frech ebenfalls nass spritzte, nur scheinbar zufällig, als sie einen Schal ins Wasser eintauchte. »Karatschi«, sagte sie entschieden.

»Falsch«, verkündete Zaki und spritzte zur Strafe zurück.

»Hör damit auf, du kleiner …« Nadya schaffte es gerade noch, das Schimpfwort nicht zu sagen. »Schau mal, du bringst mich mit deinen blöden Spielchen noch dazu, vor den Kindern zu fluchen. Was für eine Verschwendung von Geld für deinen armen Vater, wenn das alles ist, was sie dir an der großen Universität beibringen.«

»Welche große Universität?«, fragte Zaki unschuldig.

Nadya sah ihn ungehalten an, da er sich offensichtlich mit Absicht dumm stellte. »Allah verleihe mir Geduld mit dir. Deine große Universität in Paris natürlich.«

Zaki sprang auf. »Das ist es! Das ist es! Du hast den Preis gewonnen!« Er rannte zu ihr, um sie an den Händen hochzuziehen, doch sie stieß ihn weg, sodass er beinahe zappelnd ins Wasser geplumpst wäre.

»Paris, warum sollte ich daran denken, nach Paris zu gehen?«, fragte sie misstrauisch. »Und wo ist mein Geschenk für Padma?«

»Gleich hier«, sagte Zaki. Plötzlich nervös, zog er ein rechteckiges Kästchen aus seiner Tasche, machte es auf und zeigte Nadya einen wunderschönen Ring, besetzt mit einer Perle und einem winzigen Diamanten.

Nadya sah ihn an und begann langsam zu verstehen. »Na, Zaki, na! Zu viel!«, rief sie schockiert. Dann fügte sie in einem gedämpften Flüstern hinzu: »Das ist zu viel für ein so kleines Mädchen wie Padma.«

Mit trockenem Mund sagte Zaki schnell: »Ich hab ihn nicht wirklich für Padma besorgt. Ich hab gedacht, er würde wunderschön an ihrer ältesten Schwester aussehen. Ich hab gedacht, sie würde mir die Ehre geben, mich als Vater ihres Babys anzunehmen. Ich hab gedacht, sie kommt vielleicht mit mir nach Paris als meine Frau.«

Nadya schwieg einen Augenblick und wandte sich ab. Als sie ihn wieder ansah, standen ihre Augen voller Tränen. Dann langte sie herüber und schloss das Kästchen in seiner Hand. »Tu das weg, dummer Kerl«, sagte sie mit sehr klarer und fester Stimme. Zaki glaubte, er müsste heulen vor lauter Demütigung, weil ihn das Mädchen, das er anbetete, zurückgewiesen hatte, doch dann fügte sie hinzu: »Jetzt geh und frag meine Eltern, und um Gottes willen, mach es diesmal ordentlich, ohne dumme Scherze. Und biete meiner Mutter den Ring als Geschenk an …« Reuevoll schüttelte sie den Kopf und wischte sich die Tränen mit einem Zipfel ihres Sari weg, bevor sie Zaki einen spielerischen und liebevollen Schubs gab. »Geh schon«, sagte sie dann. »Ich weiß nicht, was sie dir im College beigebracht haben, aber sicherlich nicht, wie man einen Heiratsantrag macht.«

Zaki sah sie fassungslos schweigend an und stürmte los. Doch dann rannte er noch einmal zurück zu Nadya, fasste sie oben an ihren kalten sauberen Armen, küsste sie unerwartet und warm auf ihre vollendet geformten Lippen und raste dann auf das Dorf zu. »Hör sofort auf, diese Wäsche zu waschen«, rief er über die Schulter zurück. »Als dein zukünftiger Mann befehle ich dir, niemals wieder auch nur irgendetwas zu waschen.« Mit großen, jungenhaften Sätzen erreichte er das Dorf. »Sie hat Ja gesagt!«, rief er den verdatterten Dörflern zu. »Sie hat Ja gesagt!«

Unerwartete Hilfe durch Schluckauf

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Um kurz nach vier verlässt Lucky die Schule und bummelt über die Brücke, die den Fluss überquert, um wieder beim Laden seines Großvaters zu landen. Diesmal ist das Geschäft offen. Er geht hinein und entdeckt Portia, die hinter dem Ladentisch sitzt, ein Sandwich isst und in einer Hello! liest.

»Hallo?«, sagt er und fragt sich, ob sie den Witz versteht.

»Unheimlich lustig, ich kann’s gar nicht fassen«, erwidert sie scharf und schlägt die Beine wieder unter der Durchlassklappe der Ladentheke übereinander. »Irgendjemand hat das Heft schon mal gehabt – der Test ist schon gemacht.«

»Wo ist der Oberchef?«, fragt Lucky und macht die Tür vom Kühlschrank auf, um sich eine Cola zu nehmen, damit er etwas anderes hat, wohin er gucken kann als auf ihre großartigen Beine – nicht zu dünn und bestimmt nicht zu dick, dazu noch mit perfekt geformten Waden.

»Er ist im selben Moment zum Buchmacher abgehauen, in dem ich zur Tür reingekommen bin. Dabei bin ich nur vorbeigekommen, um mein Geld abzuholen. Irgendwann zeig ich den beknackten Saftsack an, dass er Minderjährige hier in der Verantwortung lässt, das gibt’s doch nicht. Und das macht ein Pfund, bitte.« Sie legt ihr Sandwich zur Seite und steht übertrieben geschäftstüchtig auf.

»Familie zahlt nicht«, lügt Lucky, da er nicht viel Geld bei sich hat.

»Du bist nicht meine verdammte Familie«, antwortet Portia. Sie blickt Lucky an, schiebt ihr herunterhängendes Schulhalstuch hoch und murmelt: »Ach, vergiss es. Ist mir doch egal, ob dein Großvater Pleite macht.« Lucky schaut sie überrascht an. Bei dieser schroffen und missmutigen Bemerkung wird ihm plötzlich klar, dass es ihr ganz und gar nicht egal ist, im Gegenteil, es kümmert sie sehr. Ihre Rechtschaffenheit verunsichert ihn. Die unausgesprochene Schlussfolgerung, dass sie sich vielleicht sogar mehr um seinen Großvater kümmert als er, macht ihn verlegen. Schuldbewusst leert er die Taschen seines Blazers in seine Hand und sucht in dem schmuddeligen Häufchen von Kupfer und Silber, vermengt mit Schnipseln von Kaugummipapier und Flusen, so viel zusammen, bis er ein Pfund hat. Dann gibt er es ihr ganz lässig und ohne ein Wort.

»Danke«, sagt Portia gleichgültig und lässt das Geld in die Ladenkasse fallen, die ein altmodisches Kertsching von sich gibt. Aus irgendeinem Grund amüsiert dieses Geräusch Portia, und er sieht, wie sie ein Kichern unterdrückt. »Privater Scherz«, erklärt sie, während Lucky seinen gewohnten Sitz auf der anderen Seite des Ladentischs einnimmt. Kumpelhaft gibt sie ihm die Hello!, während sie sich selbst der letzten Seite des Independent widmet, um das Sudoku und das Schnellkreuzworträtsel zu lösen. Sie ist ein kluges Mädchen, denkt Lucky, während er sie nachdenklich auf dem Ende ihres Stifts kauen sieht. Sie versteht Zahlen und Worte, sie kann versteckte Bedeutungen und Sätze herauskitzeln, wo ich nur ein undurchschaubares Durcheinander sehe. Mal wieder fühlt er sich ihr unterlegen. Er schlägt die Hello! auf und sieht sich den Test an, den sie erwähnt hat. Er erkennt die Handschrift seiner Mutter. Also muss sie in dieser Woche hier vorbeigekommen sein. Wahrscheinlich hat sie einen ganz speziellen französischen Film in den Riverside-Studios angesehen, denn sonst gibt es wenig, was seine auf Hochglanz polierte Mutter in dieses unattraktive kulturelle Notstandsgebiet ziehen kann. Während er Portia von der Seite her ansieht, den zerkauten Stift und die elfenhaften Haare, die am Nacken zu Flaum werden, sucht er nach etwas, das er sagen kann.

»Das war meine Mutter, die den Test gemacht hat, obwohl sie sonst nicht so ein Testmensch ist«, bemerkt er viel ruhiger und sachlicher, als er sich fühlt.

Portia schaut sich den Test voller Interesse an. »Dann hat sie meistens eine Zwei. Eine Einkaufssüchtige, die eher einen Frauenabend veranstaltet als eine heiße Nacht mit einem Typ hat.«

»Igitt«, sagt Lucky und verzieht das Gesicht. »Sag nichts über meine Mutter und heiße Dates, das ist so … krass.«

Portia grinst vielsagend. »Ihr Jungs seid doch alle gleich. Ihr denkt alle, eure Mütter wären Jungfrauen. Natürlich hatte deine Mutter Dates, bevor sie deinen Vater getroffen hat.« Portia stockt und fügt dann verschmitzt hinzu: »Sie hat sich sogar mit Zaki getroffen, stimmt’s?«

»Woher weißt du das?«, fragt Lucky gequält. Natürlich kann er sich schon denken, woher sie das weiß, da Zaki diese Geschichte freimütig erzählt und dabei behauptet, er fände es ungeheuer lustig, dass er seine zukünftige Schwiegertochter zuerst gefunden und sie ohne jede Absicht seinem Sohn vorgestellt hätte. Dagegen ist es für Luckys Vater immer wieder äußerst peinlich, dass seine Frau ursprünglich mit seinem Vater zusammen gewesen ist. So etwas kommt in Seifenopern und Sitcoms vor, aber nicht im wirklichen Leben. Besonders nicht in einem Leben, das so genau geordnet und organisiert ist wie Jinans. Als sich Luckys Eltern zum ersten Mal begegnet sind, war Delphine Zakis Begleiterin bei Jinans Schulaufführung. Das nächste Mal trafen sie sich Jahre später bei einem geschäftlichen Termin an Delphines Arbeitsplatz, wo sie ihn jedoch gar nicht erkannte. Es ist komisch, denkt Lucky, dass Delphine und Zaki in gewisser Weise als Paar normaler wirken als Delphine und Jinan. Schließlich ist Zaki nur zwölf Jahre älter als sie, was den Gedanken nicht so abwegig macht. Ungewöhnlicher ist, dass sein Vater sechs Jahre jünger ist als seine Mutter, jung genug, dass sie seine Babysitterin hätte gewesen sein können. Lucky hat den Eindruck, dass die relative Jugendlichkeit ihres Mannes seine Mutter mehr in Verlegenheit bringt als die längst verflossene Beziehung mit ihrem späteren Schwiegervater. Vielleicht gibt sich sein Vater deshalb älter, als er ist.

Portia hat seine Frage nicht beachtet und sich wieder an ihr Sudoku gemacht. Ohne aufzusehen fährt sie fort, als hätte er nichts gesagt: »Mädchen sind da viel weniger schnulzig, wenn es um ihre Mütter geht. Wir nehmen sie so, wie sie sind.«

»Deine Mutter ist Deutsche, oder?«, fragt Lucky und überlegt, ob er es irgendwie vorwurfsvoll klingen lassen kann als Revanche für ihre Bemerkung über seine Mutter und Zaki. Er fängt an zu summen »Two World Wars and one World Cup …«, doch dann entscheidet er sich dagegen und bricht ab. Er blickt auf Portias über das Papier gebeugten Kopf, sieht, wie ihre dichten Wimpern ihre Wangen berühren, und fragt sich, ob sie mit längeren Haaren schöner oder weniger schön aussähe. Weniger, entscheidet er. Viele schöne Mädchen haben lange Haare, doch es gibt etwas an Portia, das sie unvergleichbar macht. Und das kurz geschnittene Haar verbirgt nichts. Ihre entblößten Ohren haben etwas sehr Verletzliches an sich.

»Sie ist eine verdammte Schlampe«, erwidert Portia schroff ohne Vorwarnung und nach einer, wie es scheint, langen Pause, als hätten die Worte in ihr erst langsam hochsteigen und dann einfach ausgespuckt werden müssen. Die plötzliche ungezügelte Wut in ihrer Stimme bewirkt, dass Lucky sie anstarrt. Vielleicht konnte sein Blick sogar als Vorwurf verstanden werden, als ob seine Teenagergöttin ihre verborgene Schwäche gezeigt hätte, indem sie nachtragend und unfreundlich war, doch Portia erwidert stur seinen Blick und hebt dabei das Kinn noch ein bisschen an.

Zaki kommt hereingeschlendert und sieht die beiden bei ihrem Blickduell. Vielleicht eine Art jugendliches Brunftritual?, denkt er. »Seid ihr beide verliebt, oder was?«, fragt er und amüsiert sich darüber, wie Lucky fast rot wird.

Portias Wut verpufft bei seinem Eintritt. »Kertsching?«, fragt sie geheimnisvoll.

»Kertsching«, bestätigt Zaki genauso geheimnisvoll.

»Ich hab’s mir schon gedacht, du siehst so zufrieden mit dir aus«, sagt sie mit einem vergnügten Grinsen. »Dann hast du auch meinen Lohn gewonnen?«

Er nickt und übergibt ihr mit einer schwungvollen Bewegung eine Handvoll knisternder Geldscheine. »Mein letzter Gaul hat’s gebracht. Sag deiner Mutter meinen Dank, Lucky. Wenn sie heute Morgen nicht hier aufgetaucht wäre, hätte ich alles durch einen schlechten Tipp im ersten Rennen verloren.« Zaki blickt auf seine Uhr. »Zu früh für ein Bier. Ich mach uns einen Cappuccino mit Schuss, zur Feier des Tages. Ich hab heute Morgen gelernt, wie man das Milchaufschäumdings benutzt.« Er schnappt Portia den Independent weg und schlendert auf die Treppe zu. »Scheiße, ich wollte doch das Sudoku …«, beschwert er sich bei ihr im Vorbeigehen.

»Für mich ohne Schuss«, ruft sie hinter ihm her, »ich krieg da Probleme.«

»Für mich einen Doppelten, Großvater«, ruft Lucky spontan, offensichtlich, um zu beeindrucken. Er sieht Portia an und hebt verlegen lächelnd die Schultern. »Ich hab sowieso immer Probleme«, erklärt er.

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Stunden später, sie waren schließlich von Zaki rausgeworfen worden, sitzen Lucky und Portia in Hammersmith auf einer Bank am Fluss, nachdem sie sich wohlüberlegt in einer der Kneipen versorgt haben. Aus irgendeinem Grund hatte Portia keine Lust, nach Hause zu gehen, und Lucky war einfach mit ihr gegangen, weil er schlicht vergessen hatte, sich zu verabschieden und einfach die andere Richtung einzuschlagen. Es war viel einfacher, sich von ihrem regelrechten Magnetismus mitziehen zu lassen. Er war nicht der Einzige, den sie anzog. Selbst mit kurzen Haaren und in Schuluniform wurde ihr bewundernd nachgepfiffen. Oder gerade deshalb. Portia ließen solche Aufmerksamkeiten allerdings kalt. »Verpisst euch, ihr Perversen«, hatte sie die vermeintlichen Verehrer angeblafft und dann gemurmelt: »Verdammt, ich hasse schmutzige alte Männer.« Dann hatte sie Lucky am Arm gezogen, damit er dichter neben ihr ging, als würde er sie beschützen. Lucky wusste, dass sie anders als die anderen Mädchen war, die sich beschwerten, die Jungs in ihrem Alter wären zu jung für sie, und sich stattdessen ältere Kerle aussuchten. Sie waren in einem Alter, in dem zwei oder drei Jahre mehr grenzenlose Erfahrung zu verleihen schienen. Portias leichte Berührung ließ Lucky durch den Blazer hindurch Gänsehaut bekommen. Er hatte die angeforderte Rolle mit Genuss übernommen und starrte nun jeden an, der es wagte, ein Auge auf Portia zu werfen, so als wäre er ein bulliger Leibwächter und kein sportlicher Junge, der nur ein bisschen groß für sein Alter war.

Am grauen Flussufer blickt Lucky Portia in dem immer schwächer werdenden Licht von der Seite an, während sie kunstvoll Rauch in den leichten Wind bläst und der Verkehr auf der Brücke funkelt. Es ist spät, und sicher wartet man zu Hause schon seit einiger Zeit auf sie. Lucky ist sich sicher, dass seine Eltern inzwischen bei Zaki angerufen haben. Er möchte Portia etwas Ernsthaftes sagen, nicht bloß fragen, was sie für das Wochenende plant oder ob sie schon einen gut besprochenen Film gesehen hat – die üblichen langweiligen Dinge, die er immer fragt, wenn Zaki nicht dabei ist. »Portia, warum …«, setzt er an, doch die Feierlichkeit des Augenblicks wird von einem irritierenden, leisen, knallenden Geräusch zerstört, das ihn auf der Stelle einhalten lässt, begleitet von einem Flattern in seinem Bauch. Das Geräusch ist zuerst so leise, dass er einen Moment braucht, um zu merken, dass es aus ihm kommt. Es ist ein verdammter Schluckauf, er kann ihn nicht stoppen, und der Schluckauf wird immer lauter und deutlicher.

Portia bricht in schallendes Gelächter aus, ein seltenes, melodisches Geräusch, das er im Dunstkreis seiner Erniedrigung nicht würdigen kann. »Du Schwächling – ein Cappuccino mit einem ordentlichen Schuss, und du hickst hier rum wie die betrunkene Nachbarschaft«, sagt sie liebevoll.

Lucky empfindet plötzlich mehr Hoffnung als Scham und versucht zwischen den Hicksern zu sagen: »Ich wollte nur wissen, warum du …« Ein weiterer Hickser unterbricht ihn, und Portia fängt erneut an zu lachen. »Oh verdammt, ich muss nach Hause«, murmelt er und stemmt sich von der Bank hoch.

»Nein, bleib noch einen Moment«, sagt Portia und zieht ihn wieder nach unten. »Bitte«, fügt sie einladend hinzu. »Tut mir leid, dass ich gelacht hab. Was hast du sagen wollen?« Sie klopft ihm auf die Hand. »Halt eine Minute lang die Luft an. Ich glaub, das hilft manchmal.«

Lucky hält die Luft an, ist aber sicher, dass es die Wärme ihrer Hand ist, die den Schluckauf besänftigt und verschwinden lässt. Plötzlich ist er dem Schluckauf dankbar. Ohne ihn hätte sie ihn nicht so sanft berührt und nicht so aufmerksam angesehen. »Ich wollte nichts Bestimmtes sagen, sondern nur fragen, warum du deine Mutter nicht magst.«

»Wer sagt denn, dass ich meine Mutter nicht mag?«, fragt Portia und runzelt ihre Stirn dabei so anbetungswürdig, dass Lucky die leichte Falte berühren möchte, die auf ihrer sonst glatten Stirn erschienen ist. »Ich mag die blöde Kuh. Ich hab nur gesagt, dass sie eine Schlampe ist.

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