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Comisario Benitez und der Tote im Pool

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Tod durch Ertrinken an der Costa del Sol? Comisario Benitez ermittelt.

Marbella, Spanien: Ein toter Deutscher treibt im Pool seines Anwesens – ein Fall für Comisario Pablo Benitez. Doch der sitzt gerade mit seinen Schwestern am Sterbebett seines sturköpfigen Vaters. Nur widerwillig nimmt er die Ermittlungen auf. Als der Gerichtsmediziner Herzstillstand als Todesursache feststellt, wird die trauernde, sehr attraktive Witwe entlastet, und Benitez kann zu seinem sterbenden Vater zurückkehren. Doch Pablos Schwestern sind überzeugt, dass die Ehefrau nachgeholfen hat. Hat der Comisario etwas Wichtiges übersehen? Zähneknirschend macht er sich wieder an die Arbeit …

Ein atmosphärischer Spanien-Krimi mit viel Lokalkolorit – und Familie!

Über die Autorin

Inez Velazquez hat bereits viele erfolgreiche Krimis, Thriller und Romane unter den Pseudonymen Fran Ray und Manuela Martini geschrieben. Die Autorin lebte viele Jahre in Spanien und kennt die Schauplätze der Krimis um Pablo Benitez ebenso gut wie Land und Leute, was den Romanen eine besonders authentische, charmante Atmosphäre verleiht. Homepage der Autorin: https://www.manuelamartini.de/.

1

»Sieh dir diesen Kater an, Pablito«, flüstert Maria Dolores in die lastende Stille hinein und stößt mir ihren gepolsterten Ellbogen unsanft in die Rippen. Ich bin zwar schon dreiunddreißig, aber meine Schwester nennt mich immer noch Pablito.

Señorito, der schwarz-weiße Kater, thront majestätisch neben dem Kopf von unserem Padre auf dem dicken weißen Kissen und döst vor sich hin. Seit gestern ist er nicht mehr aus dem Haus gegangen.

»Würde mich nicht wundern, wenn er mit Padre zusammen in den Himmel geht.« Rasch bekreuzigt sie sich, bestimmt zum hundertsten Mal, seit ich hier sitze.

»Hast du eben in den Himmel gesagt?«, erwidere ich, wofür Maria Dolores mich mit einem missbilligenden Blick straft und dabei den Kopf mit den gold gefärbten Löckchen heftig schüttelt.

In dem kleinen Schlafzimmer, in das gerade einmal das Ehebett mit dem hohen geschnitzten Kopfteil, zwei Nachttische, eine Kommode unter dem Fenster, ein hoher Schrank mit den gleichen Schnitzereien wie am Bett und zwei Stühle hineinpassen, auf denen wir viel zu eng nebeneinandersitzen, ist die Luft schon um elf Uhr morgens so dick, dass ich kaum atmen kann. Wenn wenigstens die Vorhänge nicht zugezogen wären! So ist es nicht nur stickig hier drinnen, sondern auch noch so dunkel wie in einem Verließ. Aber das hat Maria Dolores so angeordnet, und sie duldet keine Widerworte. Schließlich ist sie die älteste von uns fünf Geschwistern.

Die Finca meiner Eltern Rosa und Pablo liegt in einem kleinen Dorf in den andalusischen Bergen, oberhalb von Marbella. Es ist Mitte Juni, und es ist schon morgens heiß. Sehr heiß. Draußen bellt manchmal Golfo, der junge Schäferhund, und hin und wieder hört man ein Auto auf der Landstraße vorbeifahren. Es ist Samstag, gleich halb zwölf.

Auf der Kommode qualmt eine Schale mit Weihrauch. Daneben und auf den beiden Nachttischen stehen Vasen mit Blumen. Gerade habe ich in der Küche ein Cruzcampo getrunken und zwei Bocadillos heruntergeschlungen, eins mit scharfer Chorizo und eins mit gereiftem Manchego. Jetzt wünschte ich mir, ich hätte sie nicht gegessen. Mühsam schlucke ich gegen den aufsteigenden Würgereiz an, als Maria Dolores an mir schnuppert.

»Gaultier«, sage ich.

Ich weiß, dass ich Geschmack habe. Sobald ich befördert werde, kaufe ich mir meine Hemden, Krawatten und Anzüge nicht mehr bei Zara, sondern bei Adolfo Dominguez und Massimo Dutti.

»Tonto! Du hast getrunken!«, sagt sie streng. Das beherrscht sie: Mit einem Satz kann sie eine ganze Lebenseinstellung vernichten.

Ich fühle mich bemüßigt, etwas richtigzustellen. »Wir haben im La Rambla das Spiel gegen die Holländer angeguckt, und Juan Carlos hat seinen Fünfunddreißigsten gefeiert.«

Konnte ich denn gestern Abend ahnen, als wir uns alle wegen der Niederlage betranken, dass unser Padre ausgerechnet heute vorhat zu sterben? Eins zu fünf verloren. Wir wollten doch wieder Weltmeister werden! Und dann hatte Juan Carlos dummerweise auch noch Geburtstag.

»Der Idiota, der dich am Dreikönigstag abgeholt hat, weil er …«

»Ja …«

»… weil er dir unbedingt sein Motorrad …?«

»Seine Harley …«, konkretisiere ich.

»Und das am Dreikönigstag!« Sie schüttelt empört den Kopf, sodass ihre Löckchen und ihr Doppelkinn um die Wette zittern.

Ja, ich weiß, die Heiligen Drei Könige sind unser höchster Weihnachtsfeiertag. Da kommt die ganze Familie zusammen.

»Du warst stundenlang weg, und wir haben mit dem Essen auf dich gewartet.« Sie bohrt mir ihren Zeigefinger in die Brust. »Desgraciado! Du hast genau gewusst, wie wütend Padre wird, wenn er mit dem Essen warten muss.«

Oh ja, das weiß ich. Als ich zurückkam, sind alle außer Mamá über mich hergefallen. Aber der Ausflug mit Juan Carlos war es wert gewesen. Wir sind die Serpentinen nach Ronda hinaufgeknattert, haben in einer Venta mit ein paar Motorradtypen ein paar Copas gehoben. Ein paar Chicas waren auch dabei – dänische Chicas mit langen blonden Haaren –, und Juan Carlos fing an, eine Runde nach der anderen auszugeben, und meinte, die Kurven dieser Frauen seien zehnmal besser als die nach Ronda. Am Ende musste ich ihn auf seinem Motorrad nach Hause fahren.

»Tja, ja …« Maria Dolores faltet die Hände. »Und dann dieses Spiel! Miguel hat’s nach der Halbzeit nicht mehr mitansehen können. Hat draußen eine nach der anderen geraucht. Aber ich sollte weitergucken und musste es ihm dann kurz erzählen und seine schlechte Laune ertragen.« Sie schüttelt wieder den Kopf. »Ausgerechnet bei der WM muss Padre sterben. Wo er doch so gerne Fußball geschaut hat!«

»Ahhhh!«

Wir zucken zusammen und sehen Padre erschrocken an. Er hat einen dieser lauten Seufzer ausgestoßen. Das macht er regelmäßig, seit ich vor zwei Stunden hier oben auf der Finca angekommen bin. Jedes Mal fällt dann ein Blumenblatt von dem lila-weißen Strauß auf den Nachttisch neben ihm. Danach ist es wieder still.

Maria Dolores erhebt sich und beugt sich über ihn, hält ihr Ohr an seinen Mund. Meine älteste Schwester ist immer ein bisschen zu viel von allem. Ein bisschen zu laut. Ein bisschen zu dick. Ein bisschen zu übertrieben angezogen. Wie jetzt, mit der schwarzen Rüschenbluse und dem schwarzen Rock. Als wäre Padre schon tot. Sie und Miguel wohnen mit ihrem Sohn Jaime in Estepona, das sind vierzig Minuten mit dem Auto. Da muss sie wohl schon ein bisschen vorplanen.

»Diese Seufzer sind gruselig«, sage ich.

Sie lässt sich wieder auf ihren Stuhl fallen. »Unser Padre liegt im Sterben und du findest das gruselig, ts.«

Der Würgereiz wird stärker, und so bringe ich nur ein »Hm« heraus.

»Was ist denn?«, zischt sie mir missbilligend zu.

Ich deute auf die qualmende Schale auf der Kommode.

»Der Weihrauch …? Dios mío, Comisario Pablito! Was bist du nur für eine Memme!«

Ich habe dieses Wochenende frei. Eigentlich wollte Mamá ihre berühmte Paella machen. Juanita, ihr Mann Alfonso, Esperanza und ich wären wie jeden Samstag, an dem Esperanza und ich keinen Dienst haben, zum Essen gekommen. Esperanza ist Altenpflegerin und nach Maria Dolores und Juanita meine drittälteste Schwester.

Aber Mamá hat uns alle heute früh angerufen: »Euer Padre stirbt!«

Wir sind natürlich sofort gekommen. Das heißt, bis jetzt sind nur Maria Dolores und ich hier. Esperanza schafft es erst abends, und Juanita und Alfonso waren auf einer Hochzeit in Málaga eingeladen und haben dort übernachtet. Sie kommen sicher in den nächsten Stunden.

»Mir ist ein bisschen schwindlig.« Ich kremple die Ärmel meines blütenweißen Hemdes noch ein bisschen höher, als könnte das helfen.

Vielleicht sollte ich das Fenster öffnen. Die schlimmsten Gerüche kann ich ertragen – ich denke gerade an die drei Tage alte Leiche letzte Woche –, aber Weihrauch … Man könnte glatt glauben, du kommst aus der Hölle, Pablito, musste ich mir – natürlich – von Maria Dolores anhören. Auch jetzt mustert sie mich verächtlich.

»Dios mío, Pablito! Was machst du eigentlich, wenn du zu einem Tatort kommst, he? Jammerst du da auch so rum?« Sie äfft mich nach. »Der Weihrauch … Mir ist ein bisschen schwindlig …« Sie hebt die Brauen und reißt die Augen auf, die fast so groß sind wie die Tränensäcke darunter. »Es ist doch immer dasselbe mit euch Männern! Draußen plustert ihr euch auf, und zu Hause wimmert ihr rum!«

Wütend springe ich auf, und es gibt einen lauten Knall, als der Stuhl auf dem Fußboden landet. Señorito reagiert mit einem drohenden Fauchen, und die Blumen auf dem Nachttisch verlieren gleich drei Blätter auf einmal. Nur Padre zuckt noch nicht mal mit den Wimpern.

»Pass auf, was du sagst, Maria Dolores!«

»Setz dich wieder hin und sei ruhig!«, sagt sie unbeeindruckt, und als ahnte sie, was ich vorhabe, herrscht sie mich an: »Und untersteh dich, das Fenster aufzumachen! Es ist heiß genug hier drin!«

Gegen Maria Dolores bin ich noch nie angekommen. Zehn Jahre älter ist sie, und je nach Laune hat sie mich verzärtelt oder wie einen Sklaven herumkommandiert.

Unter dem strengen Blick von Maria Dolores und Señorito stelle ich den Stuhl wieder hin und setze mich. Meine Schwester schenkt mir ein zufriedenes Lächeln, und Señorito schließt wieder die Augen. Eine Weile sitzen wir tatsächlich friedlich und still nebeneinander. Die Welt scheint in Ordnung zu sein, alles ist an seinem Platz: die Kinder – zumindest das älteste und das jüngste – am Sterbebett ihres Vaters, der treue Kater bei seinem geliebten Herrchen und aus der Küche ertönt das Klappern von Töpfen. Das ist Mamá, die das Essen für die Überlebenden zubereitet.

Ich döse vor mich hin. Die letzte Woche hatte es in sich. Die Schießerei in Puerto Banús mit dem toten Bulgaren, der erhängte Bankdirektor, und dann noch dieser verwesende Leichnam in Costabella. Ein neunzigjähriger Deutscher mit Schränken voller Nazi-Relikten. Altersschwäche, hatten die Kollegen vermutet, bis herauskam, dass seine Witwe schon drei Ehemänner überlebte, und jedes Mal um ein paar Hunderttausend Euro reicher geworden ist.

Shakira zerreißt die Stille. »Estoy aquí quieréndote ahogándome …«

Mein Handy! Dankbar stehe ich auf und gehe hinaus.

Die Hitze draußen steht da wie eine Wand. Ich renne dagegen und bekomme augenblicklich tödliche Kopfschmerzen.

Ich versuche, auf dem Display den Namen zu erkennen, aber die Sonne ist zu grell, also drücke ich auf Annehmen.

»Pablo, qué tal?«

»Antonio?« Einen kurzen Augenblick lang überlege ich, ob ich vergessen habe, dass ich heute Dienst habe und nicht Antonio, denn der hatte gestern Abend auch schon Dienst und wurde daher nicht Zeuge dieser schändlichen Niederlage.

»Ich bin am Ende! Pablo!«

»Ja, ja, aber am Mittwoch machen wir die Chilenen fertig …«

»Das meine ich nicht! Adriana will mich verlassen! Sie packt! Puta!«

»Was telefonierst du dann mit mir? Beruhig sie! Oder pack ihre Sachen wieder aus und wirf den Koffer aus dem Fenster! Oder geh mit ihr essen, kauf ihr ein schönes Kleid, ich habe bei Massimo Dutti welche gesehen …«

»Ja … aber … La Jefa hat mich angerufen. Ich habe einen Fall. Ein Toter im Pool oben beim Marbella Hill Club. Qué estupidez!« Er senkt die Stimme. »Pablo, könntest du mal rüberfahren? Ist nur ’ne Pro-forma-Sache. Herzinfarkt wahrscheinlich. Aber du würdest mir … das Leben retten!«

»Antonio, mein Vater liegt im Sterben und …«

»Dein Vater liegt im Sterben?«, fällt er mir ins Wort. »Dios mío! Nein, nein, natürlich kannst du da nicht weg! Ich krieg’ das schon irgendwie geregelt. Tut mir leid für dich, Pablo. Sag Bescheid, ja, melde dich, ja, wenn …«

»Ja, mach ich.« Ich beende das Gespräch.

Mein Kopf droht zu platzen. Daran ist vor allem diese Mannschaft schuld! Weltmeister, Europameister, Herrscher über die Welt des Fußballs! Und dann so was. Juan Carlos hat gesagt: Das verkraften wir nur mit ein paar Copas, Leute. Brandy und Coke, Coke und Brandy, Brandy auf Eis und zum Schluss eine Coronita. Oder zwei.

Golfo springt von seinem Platz im Schatten des Traktors auf und kommt mit schleifender Kette zu mir. Ich kraule ihn hinter den Ohren.

»Was für ein Tag, Golfo!« Ich bringe ihn in den Schatten zurück, fülle seine Wasserschüssel auf und hocke mich zu ihm auf die umgedrehte Plastikkiste für die Orangen. In der glühenden Nachmittagssonne sehen die nach dem großen Waldbrand lichten Berge fast bläulich aus. »Hombre, ist das heiß …«

Hinter den Bergen, in Marbella, ist es sicher fünf Grad kühler, wie immer weht eine angenehme Brise vom Meer über den Strand, und an der Promenade rascheln die Palmen im Wind. Ein schönes Fleckchen Erde, dieses Marbella. Ob das die Fischer früher auch so geschätzt haben? Oder erst dieser Prinz, der in den Fünfzigern den Ort entdeckt und sich gleich die besten Grundstücke unter den Nagel gerissen und den Marbella Club eröffnet hat?

»Hombre, Golfo.« Der Hund hebt den Kopf und sieht mich mit diesem typischen Bitte-wieder-kraulen-Blick an. »Stell dir vor, du bist mit all den Schönen und Reichen am Nikki-Beach, schlürfst Champagner und Austern und lässt dir die Sonne auf den Pelz brennen.«

Golfo schnappt nach einer Fliege.

»Das würde dir gefallen, was? Mir auch!« Die Übelkeit meldet sich wieder, ich hätte nicht an Austern und Champagner denken sollen. Hinter der Mauer mit den Oleanderbäumen knattert ein Motorrad heran, Golfo spitzt die Ohren.

»Du passt gut auf. Ich sollte dich Comisario nennen.«

Ich kraule seinen Nacken mit dem dichten Fell, und er legt sich auf die Seite und schmatzt. Ja, ja, denke ich, so räkeln sich auch die Typen da unten auf ihren Liegestühlen in den angesagten Beach Clubs, im Schatten von La Concha, unserem Hausberg, vor einem glitzernden Meer mit Blick auf den Felsen von Gibraltar.

»Ich muss wieder rein, sonst denken die, ich drück mich.« Ich gebe Golfo einen Klapps und stehe auf.

Diesmal ist die Dunkelheit drinnen wie eine Wand. Ich laufe dagegen und werde augenblicklich blind. Vorsichtig taste ich mich vorwärts.

»Und?«, frage ich, als ich endlich wieder auf meinem Stuhl neben Maria Dolores sitze, die theatralisch aufseufzt.

»Miguel hätte uns beinahe umgebracht, er ist wie der Teufel gefahren … und jetzt« – Maria Dolores macht eine knappe Bewegung mit dem Doppelkinn zu unserem Padre – »… das kann ewig dauern.« Sie bekreuzigt sich wieder, küsst diesmal noch ihr Kreuz und murmelt: »Jésus Maria.«

Maria Dolores lässt ihren Blick durch den abgedunkelten Raum schweifen.

»Na ja«, sagt sie dann seufzend, »er hat es ja auch nicht leicht gehabt. Fünf Kinder! Was die kosten! Miguel und ich schaffen es ja kaum, Jaime durchzufüttern.« Der Arme hat auf Lehramt studiert, Mathe und Physik, findet aber keinen Job. Jetzt überlegt er, nach Deutschland zu gehen. »Zum Glück steht wenigstens unsere Ana auf eigenen Füßen.«

Der Job an der Kasse bei Mercadona mache sie zwar nicht glücklich, hat sie mir neulich gestanden, aber immerhin sei sie sozialversichert, kriege jeden Monat ein Gehalt, und müsse nicht zu Hause wohnen wie Jaime. Außerdem bekommt sie die abgelaufenen Lebensmittel billiger.

»Du machst es dir ganz schön einfach, Pablito. Keine Frau, keine Kinder …« Ihr Seufzer, noch lauter als der von Padre, hallt durchs Sterbezimmer.

2

Da fällt plötzlich ein Sonnenstrahl durch die sich öffnende Tür herein und lässt die dunklen Möbel mit den üppigen Schnitzereien erstrahlen.

Meine Zwillingsschwester! Meine Lieblingsschwester! Meine Zwillingsseele!

»Teresa!« Ich springe auf.

»Pablo!« Sie kommt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. »Pablito! Carino! Mein kleiner, süßer Lieblingsbruder!«

»Psst!«, macht Maria Dolores mit grimmigem Gesicht.

Ich umarme meine Schwester und drücke ihr ein paar Küsse auf die Wangen. Teresa ist anders. Nicht nur weil sie aus Andalusien ins abtrünnige Barcelona gezogen ist und mit dreiunddreißig immer noch wie ein Hippie aussieht – mit ihren wilden, dunklen Locken, dem langen bunten Sommerkleid, den Lederriemchen-Sandalen und den Halsketten und Armreifen – sondern auch, weil sie nicht an die katholische Kirche, sondern an Karma, Horoskope und eine geldfreie Welt glaubt.

Komm doch einfach mal drei Tage mit, Teresa, sagte ich zu ihr letztes Mal, als sie an Ostern zur Semana Santa hier war, dann wirst du sehen, dass du total danebenliegst. Das Einzige, was diese Welt bewegt, ist Geld. Guck dir die Porsches, Bugattis und Bentleys an oder diese Jachten in Puerto Banús. Überhaupt, was gäb’s denn schon ohne Geld? Oliven, Orangen, Esel?

Und freie Liebe?, hat sie mit einem frechen Augenzwinkern geantwortet.

»Guapo! Ich habe dir auch dein Lieblingshaargel mitgebracht!« Teresa streicht mir mit einer sanften Bewegung über die Haare und fügt mit einem spöttischen Unterton hinzu: »Damit deine schwarzen Locken noch unwiderstehlicher aussehen.«

»Dass du überhaupt gekommen bist!« Maria Dolores mustert Teresa missbilligend.

»Hola, Maria Dolores!« Teresa tut so, als hätte sie nichts gehört. Sie beugt sich hinunter, gibt ihrer Schwester zwei flüchtige Küsse auf die Wange. »Ich bin froh, dass ich so schnell einen Flug gekriegt habe. Aber dann hatte der Flieger Verspätung, und dieser Typ beim Autoverleih in Málaga hat Stunden gebraucht! Kein Wunder, wir haben ja rückläufigen Merkur.«

Ich frage lieber nicht, was das zu bedeuten hat, sonst würde sie mir einen Vortrag über astrologische Konstellationen und die Auswirkungen auf die Welt im Allgemeinen und mich im Besonderen halten.

So sage ich nur: »Ich wollte dich abholen.«

Sie macht eine wegwerfende Handbewegung. »So bin ich unabhängiger.«

»Miguel hätte dich auch holen können«, meint Maria Dolores beleidigt, »oder Juani und Alfonso. Aber wenn du unbedingt Geld zum Fenster rauswerfen willst, bitte schön.«

Teresa setzt ihr typisches Lächeln auf, mit dem sie sich lange Widerreden und Erklärungen erspart, und tritt ein Stück näher ans Bett.

»Wie geht’s ihm?«

Señorito fixiert sie mit seinem lauernden Katzenblick.

»Siehst du doch«, brummt unsere älteste Schwester. »Sein Herz macht in der Hitze nicht mehr mit. Doktor Ramirez wollte ihn ins Krankenhaus einweisen, aber du kennst ja Padres Meinung zu Krankenhäusern.«

»Ja, ja, wir kennen alle seine Meinung zu allem.« Teresa schüttelt ihre Lockenmähne. Wie eine Löwin, habe ich früher bewundernd gedacht, bis ich irgendwann herausfand, dass Löwinnen gar keine Mähne haben, sondern nur Löwen. Egal. Sie hat eine Löwenmähne.

Wir betrachten Padre, wie er so daliegt mit dem blassen Gesicht und den wenigen grauen Haarsträhnen.

»Erinnert ihr euch noch, früher hat er ganz dichte Haare gehabt.« Teresa beugt sich über unseren Padre und streicht ihm vorsichtig über den Kopf, als könnte er sie plötzlich beißen.

Señorito faucht leise.

Señorito mag Teresa nicht. Vielleicht liegt’s an ihrer Löwenmähne. Vielleicht sieht er in ihr eine Wildkatze, und sie weckt in ihm die Erinnerung an ein freies, ungebändigtes Leben.

»Er wirkt so klein.« Teresa legt den Kopf schief. »Findet ihr nicht? Guckt ihn euch doch mal an. War er immer schon so klein?«

Maria Dolores reckt ihren kurzen Hals, dann zuckt sie mit den Achseln. »Natürlich war er schon immer so klein. Kleiner als Miguel. Ein ganzes Stück kleiner.«

»Findet ihr es nicht merkwürdig, dass alle Tyrannen klein sind?«, erwidert Teresa. Warum sie dabei lächelt, ist mir nicht klar.

»Dir ist aber auch nichts heilig!«, fährt Maria Dolores sie an.

»Heilig? Ist Padre jetzt auf einmal heilig? Letzte Weihnachten habe ich was ganz anderes von dir gehört.«

»Ach ja, was hast du denn gehört?« Angriffslustig reckt Maria Dolores das Kinn vor. Das macht sie immer so, und Teresa stemmt – auch wie immer – die Hände in die Hüften.

Ich trete den Rückzug an und verlasse unter einem Vorwand den Raum. So geht das schon seit unserer Kindheit. Maria Dolores, die Älteste, gegen Teresa, die Jüngste. Ich habe natürlich zu meiner Zwillingsschwester gehalten, aber Maria Dolores hat mich nie ernst genommen.

»Ich habe wirklich vergessen, wie langsam hier alles bei euch geht! Wie haltet ihr das nur aus, in dieser Provinz?«, fragt Teresa gerade, als ich mit einem Stuhl aus dem Esszimmer wieder zurückkomme.

»Und ich frage mich, wie du das aushältst, mit diesen Katalanen da oben!«, gibt Maria Dolores spitz zurück.

Teresa zuckt nur die Schultern, sodass wir wenigstens jetzt um eine politische Diskussion herumkommen.

Eine kurze Zeit sitzen wir tatsächlich einträchtig nebeneinander an Padres Bett, bis Maria Dolores wieder anfängt: »Wie du da überhaupt leben kannst! Miguel hat gesagt …«

»Miguel!« Teresa verdreht die Augen. »Fängt das schon wieder an? Mein Miguel kann dies, mein Miguel kann das, mein Miguel hat aber gesagt … Lieber Gott, wenn dein Miguel so ein super Typ ist, dann frage ich mich, warum er immer noch diesen Hilfsjob bei der Versicherung hat!«

»Hilfsjob! Das nimmst du sofort zurück!« Maria Dolores ist auf einmal knallrot im Gesicht. »Miguel hat eine angesehene Position bei Mapfre! Idiota!«

»Psst«, versuche ich zu schlichten, denn ich weiß, wie so etwas ausgehen kann. Früher hat Maria Dolores Teresa an den Haaren gerissen, und Teresa hat sie im Gegenzug in die Hand gebissen.

»Hör mir doch mit Versicherungsangestellten auf! Weißt du, was neulich einer zu mir gesagt hat?« Teresa genießt es manchmal, Maria Dolores zu piesacken. »Weißt du, Teresa, hat er gesagt, ganz im Vertrauen, dieser Job ist das Allerletzte, wenn ich nicht ein bisschen an der Börse handeln würde, käm ich überhaupt nicht über die Runden.«

Jemand erscheint im Türrahmen.

»Mamá!« Ich springe auf, gehe zu ihr und nehme sie in die Arme.

»Ach, mein Pablito«, sagt sie leise, und ich drücke sie noch ein bisschen fester an mich.

Ich liebe meine Mamá, und meine Mamá liebt mich. Das ist einfach so. Und ich würde alles für sie tun.

Sie seufzt, als ich sie wieder loslasse. Wie klein und zerbrechlich sie ist, denke ich. Der schwarze Rock, die schwarze Bluse, die schwarzen Schuhe – wann hat sie angefangen, sich nur noch in Schwarz zu kleiden? Als ihr Vater gestorben ist? Nur schwarze Strümpfe trägt sie nicht, weil es viel zu heiß ist. Ihre grauen Haare hat sie ordentlich frisiert, zum Friseur geht sie regelmäßig, das hat sie sich nicht nehmen lassen, auch wenn Padre stets wegen des Geldes moserte. Teresa hat recht. Er war ein richtiger Tyrann. Ein geiziger Tyrann.

Habe ich war gesagt?

Mamá tupft sich mit einem Taschentuch über die Stirn, und ich führe sie zu meinem Platz zwischen Teresa und Maria Dolores. Ich hole noch einen Stuhl und quetsche ihn zwischen den von Teresa und die Tür.

Niemand sagt etwas. So wie früher, wenn Padre an den Tisch kam zum Essen. Frisch gewaschen nach der Feldarbeit, die Haare noch nass und nach Heno de Pravia duftend. Der Geruch meiner Kindheit, den ich mein ganzes Leben nie vergessen werde. Und wie er dann seinen Blick über uns wandern ließ. Oft blieb er an mir hängen, auch wenn ich nichts angestellt hatte. Ich versuchte alles, um diesem Blick zu entkommen. Ich sah weg, grinste, sah meine Mutter an, meine Schwestern, aber umsonst. Er zerrte mich vom Stuhl, stieß mich in die Vorratskammer und nahm das kurze Stück vom Gartenschlauch aus dem Regal. Ich musste die Hose herunterziehen, und dann hat er auf meinen nackten Hintern eingedroschen.

»Die Weiber verwöhnen dich viel zu sehr! Wie soll da ein richtiger Mann aus dir werden?«

Danach gab es Abendessen.

Ich habe ihn gehasst. Und ich hasse ihn immer noch. Hol dich doch der Teufel!, denke ich, und sofort habe ich ein schlechtes Gewissen.

»Ich muss mal raus«, flüstert Teresa und sieht mich entnervt an.

Ich gehe mit.

Die Hitze erschlägt uns. Aber das ist immer noch besser, als drinnen zu ersticken. Golfo kommt auf uns zu.

»Mein Gott!«, stöhnt Teresa. »Der Hund an der Kette … und das alles hier, wie hältst du das nur jeden Samstag aus?« Sie beugt sich hinunter und befreit den Schäferhund. Golfo leckt ihr die Hand und läuft und springt hin und her, glücklich über seine neue Freiheit.

»Ich komme ja nicht jeden Samstag«, antworte ich ein bisschen lahm. »Außerdem tue ich es wegen Mamá.«

Wir gehen ein paar Schritte zu den üppig blühenden roten und rosa Oleandersträuchern, die so hoch und so schwer sind, dass sie weit über den Zaun hängen. Sie sind Mamás ganzer Stolz, zusammen mit den lila blühenden Bougainvilleen, die man schon von Weitem sieht, wenn man die Straße heraufkommt, und unter denen man sich ein wenig ducken muss, wenn man durch die Holztür zwischen den gemauerten Pfosten eintritt.

Golfo springt ausgelassen vor uns her über den kleinen, betonierten Platz vor dem Haus mit dem alten abgedeckten Brunnen und der hohen Dattelpalme, deren alte Wedel längst mal abgesägt gehören. Grau und ausgetrocknet hängen sie am Stamm herunter. Padre ist in letzter Zeit noch geiziger geworden. Was seine Schwiegersöhne nicht reparieren können, bleibt einfach liegen. Außer der Pay-TV-Kanal für die WM, dafür hatte er Geld. Ich drücke mich meistens erfolgreich vor solchen Arbeiten, weil ich es ihm sowieso nie recht mache.

Wir gehen an dem Mäuerchen mit den unzähligen Töpfen vorbei, in denen Mamá Stechpalmen, Agaven, Geranien und andere Blumen gepflanzt hat – sie liebt es, Pflanzen und Kräuter zu ziehen –, bis Teresa stehen bleibt. Vor uns breitet sich der Orangenhain aus. Er reicht bis fast hinunter ins Tal zu der unbefestigten Straße, die weiter ins Dorf führt.

Wenn ich daran denke, was es für ein Theater war, bis unser Vater endlich dieses letzte Stück seinem Nachbarn, dem noch geizigeren Juan, abgekauft hatte. Keiner aus der Familie verstand, warum es unserem Vater so wichtig war, dass er mehr als fünfzehn Jahre nicht locker ließ. Auch nicht, warum Juan ums Verrecken nicht verkaufen wollte. Schließlich ist der alte Juan gestorben, und sein Sohn war froh über das Bargeld, das mein Vater ihm auf den Tisch geblättert hat.

Allerdings durfte keiner von uns wissen, wie viel er Juans Sohn bezahlt hat. Und wenn es einer gewagt hätte zu fragen, hätte er ganz bestimmt keine Antwort gekriegt.

Teresa zieht eine flache Metallschachtel aus ihrem gehäkelten Umhängetäschchen.

»Auch einen?« Sie deutet auf die fünf Joints, die da fein säuberlich nebeneinanderliegen wie Gewehrmunition.

Ich schüttele den Kopf. »Hast du die etwa ins Flugzeug geschmuggelt?«

»Was denkst du von mir! Nein, ich habe einen kurzen Stopp in Málaga gemacht.« Sie nimmt einen heraus und klappt das Schächtelchen wieder zu.

Wir setzen uns auf die niedrige Mauer, die ein wenig abschüssig verläuft und das Blumenbeet mit den Rosensträuchern einfasst. Vor uns erstrecken sich die in Reih und Glied gepflanzten Orangenbäume, die Früchte sind erst golfballgroß und grün und kaum zu erkennen zwischen all den Blättern.

Golfo legt sich hechelnd neben mich auf die staubige Erde.

»Dios mío, ich habe ganz vergessen, wie rückständig das alles hier ist.« Ihre Armreifen klimpern, als sie ihr Feuerzeug herausholt und den Joint anzündet.

»Und wie geht es dann ohne den alten Tyrannen weiter?« Sie inhaliert tief. »Was wird aus Mamá?«

»Juani sagt ja immer, Mamá soll unbedingt nach Marbella in ein modernes Apartment ziehen. Mit einer richtigen Heizung wegen ihrer Arthrose und …«

Teresa winkt ab. »Juani glaubt doch nicht im Ernst, dass Mamá hier wegzieht!« Gedankenverloren betrachtet sie den knisternden Joint in ihrer Hand. Die Sonnenstrahlen blitzen auf ihren Ringen mit den großen roten und orangefarbenen Steinen. »Modernes Apartment! Una tontería! In Wirklichkeit hat Juani bestimmt schon ausgerechnet, dass Mamá am besten zu ihnen zieht, damit sie und Alfonso ihre Rente kassieren können.«

»Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ganz schön gemein sein kannst?«

»Ja! Stell dir vor!«, sagt sie mit einem spöttischen Lächeln. »Und ich habe ihn letzte Woche umgehend entsorgt.«

Teresa und ihre Affären – ein Kapitel für sich.

»Und, wie läuft’s bei dir so?«

»Super!« Ich recke den Daumen nach oben. »In ein paar Jahren bin ich Polizeipräsident – wart’s ab!«

»Das feiern wir schon jetzt.« Teresa hält mir ihren Joint hin.

Ich nehme einen tiefen Zug. »Uff! Das haut ja einen Elefanten um!«

Sie lacht. »Du verträgst auch nichts mehr, Pablo!«

Ich blase den Rauch in den von der Hitze ausgebleichten Himmel. Oben auf der Telefonleitung fängt ein winziger Vogel an zu zirpen.

»Hast du nicht manchmal Heimweh nach dem hier?«

Teresa bläst den Rauch in kleinen Kringeln aus. »Du wirst alt, Pablito. Es fängt damit an, dass man die Vergangenheit verklärt.«

Bevor ich darüber nachdenken kann, öffnet sich das Schlafzimmerfenster, und Maria Dolores ruft schrill: »Pablo! Schnell, schnell, schnell!«

»Was ist denn?«

»Padre will dich sehen, Pablito! Sofort!«

»Mich? Warum mich?«, frage ich, und genau in diesem Augenblick fängt Shakira in meiner Hosentasche wieder an zu singen. »Estoy aquí …« Ich drücke sie weg und eile ins Schlafzimmer.

Señorito springt fauchend vom Kissen, als ich mich vorsichtig zu Padre hinunterbeuge. Der greift nach meiner Hand und zieht mich mit erstaunlicher Kraft zu sich herab.

»Versprich mir«, krächzt er zahnlos und klammert seine knochigen Finger um meine Hand, »dass du bald heiratest und viele Söhne zeugst.« Seine Hand zittert, so sehr strengt er sich an. »Los, versprich’s schon!«

Einem Sterbenden soll man nichts abschlagen, heißt es. »Ich verspreche es, Padre.«

Abrupt lässt er meine Hand los und sinkt wieder zurück in die Kissen.

Mamá bekreuzigt sich, Maria Dolores und Teresa recken den Hals.

»Ist er tot?«, flüstert Teresa.

Ich taste schnell nach seinem Puls.

Da fängt er plötzlich an zu schmatzen, wie vorhin Señorito, und dann ertönt ein gleichmäßiges, ruhiges Schnarchen.

»Was hat er dir gesagt?«, will Maria Dolores wissen.

»Das darf man doch nicht verraten«, wendet Teresa ein. »Das ist ein Vermächtnis!«

»Unsinn, er ist doch gar nicht gestorben!«, sagt Maria Dolores. »Jetzt sag schon, Pablito!«

In diesem Augenblick plärrt wieder mein Telefon. Diesmal singt Shakira: »Can’t remember to forget you …« Oh je. Hastig greife ich in die Hosentasche und gehe in den Garten.

La Jefa. Meine Chefin, Mercedes Delgado. Das verheißt nichts Gutes.

»Benitez, ich weiß, Sie haben frei, aber wir haben einen Notfall«, sagt sie mit ihrer energischen, autoritären Stimme.

»Und ich dachte schon, Sie hätten eine Leiche.« Fast hätte ich losgeprustet. Scheiße, der Joint …

»Haben Sie was getrunken, Benitez?«

»Äh … nein.«

»Ich dachte schon … Aber ja, eine Leiche haben wir auch.«

»Schön.«

»Wie bitte?«

»Ich meine …«

»Moreno hatte einen Motorradunfall. Er ist gerade ins Krankenhaus eingeliefert …«

»Joder! Antonio? Ich habe doch gerade mit ihm …« Plötzlich fühle ich mich stocknüchtern. »Was ist passiert, ist es … schlimm?«

»Ja, aber Gott sei Dank nicht lebensgefährlich. Moreno ist allerdings erst mal aus dem Verkehr gezogen, im wahrsten Sinne des Wortes. Er war auf dem Weg zum Tatort. Ich weiß nicht, warum er mit dem Motorrad gefahren ist … wie auch immer. Sie übernehmen, Benitez.«

»Ja, aber … mein Vater …«

Sie redet einfach weiter: »Die Kollegen von der Policía Local sind schon dort. Urbanización la Capellanía, beim Marbella Hill Club, die genaue Adresse schicke ich Ihnen gleich. Und jetzt an die Arbeit, Benitez! Ach ja, und ich brauche so schnell wie möglich einen detaillierten Bericht. Ich bin heute Abend im Marbella Club zu einem Geburtstag eingeladen. Ich möchte nicht, dass man mir dort Fragen stellt, die mich als nicht informiert erscheinen lassen.« Klack.

La Jefa hat aufgelegt.

Antonio … Ich brauche einen Augenblick, bis ich begreife, was La Jefa mir da gerade gesagt hat.

Ich stecke den Kopf durch den Türspalt. »Ein Notfall! Ich komme so schnell wie möglich zurück.«

Ich umarme Mamá, stoße die Haustür auf, streichele Golfo und mache das Tor auf.

Draußen am Straßenrand parkt mein schwarzer Seat in der prallen Sonne. Und die Klimaanlage ist kaputt. Padre hätte längst eine Überdachung für die Autos bauen lassen können.

Ein geiziger Tyrann!

3

Ich steige ein, binde mir meine neue grüne Krawatte um, die ich mit dem hellgrauen Anzugjackett auf dem Beifahrersitz gelassen habe, setzte meine verspiegelte Ray-Ban auf, lasse die Fenster herunter und fahre los. Ich drehe Shakira laut auf, und mit jedem Meter, den ich mich von der Finca entferne, fühle ich mich freier.

Nach einem Kilometer erreiche ich den Ort. Samstags um zwölf herrscht hier Gedränge. Am Dorfbrunnen werden ganze Batterien von Plastikflaschen aufgefüllt, vor der Bar La Jaula sind schon alle Tische besetzt. Eine lange Schlange wartet vor dem Churros-Stand. Die knusprigen Teigkringel leiste ich mir hin und wieder auch mal. Sie schmecken am besten mit dickflüssiger Schokolade.

Ich muss bremsen, weil ein Hund über die Straße läuft. Paco von der Bäckerei winkt mir zu.

»Hombre, du wirst auch immer fetter!«, habe ich ihm letztes Mal zugerufen, aber da hat er nur gelacht.

Als wir zusammen zur Schule gingen, war er fast genauso dünn wie ich. Und ich war ziemlich dünn. Und Teresa auch. Die zwei Dünnen, hieß es immer, kein Wunder, die mussten sich im Mutterleib ja auch alles teilen.

Heute winke ich nur zurück. Von der Terrasse des La Morena sehen heute nur Touristen herunter. Sechs oder sieben Land Rover Defender mit dem Emblem des Tourveranstalters parken hintereinander auf der ohnehin schon sehr schmalen Straße. Eine Katze huscht zum überquellenden Müllcontainer, wo schon mindestens drei andere die Reste durchsuchen.

Oben auf der A-355 gebe ich Gas.

Heißer Fahrtwind weht herein, aber heißer Wind ist immer noch besser als stehende Hitze. Die Berge rechts und links flimmern, Shakira singt. Ich ignoriere das Sechzig-Schild und beschleunige auf Hundert.

Vor mir taucht das Meer zwischen den Bergen auf. Glitzernd und blau bis zum Horizont. Der Himmel ist ausgebleicht von einem ganzen Tag Sonne, und der Felsen von Gibraltar ist nur ein unwirklicher heller Punkt. Das Steuerparadies, gerade mal eine Autostunde von Marbella entfernt. Das wissen viele zu schätzen: die Russenmafia, die Chinesen, die Araber, die Afrikaner, die Bulgaren und Rumänen und superreiche Typen, die im Hintergrund die Strippen ziehen … Obwohl nicht alle deswegen hier sind. Die superreichen Araber, die im Geld schwimmen, können hier ungestörter als zu Hause Nightlife und Alkohol genießen. Die Stadt hat sich auf sie eingestellt, und als einer ihrer reichsten Prinzen abzog, hatten wir hier erst mal nicht nur leere Kassen, sondern auch eine echte Identitätskrise.

Die Läden verkamen, billige Shops schossen aus dem Boden, und als wäre das nicht schon genug, wurde hier auch noch aufgeräumt. Gleich scharenweise wanderten Bürgermeister, Anwälte und Polizeichefs wegen Korruption hinter Gitter.

Inzwischen wird fleißig am Image poliert – und dafür wird ordentlich Geld ausgegeben. Kultur soll her! Ausstellungen bitte! Und Tagungen! Eine Uni haben die ganz Cleveren gefordert – und bekommen.

Aber letztlich ist das bloß Fassade. Und dahinter geht’s so weiter wie vorher. Die Polizei hat genug zu tun.

Ich zische über das schwarze Asphaltband, das sich den Berg hinunterwindet.

Unten, am Einkaufscenter La Cañnada, drehe ich eine kurze Runde um den Kreisel, damit ich noch mehr Schwung bekomme, biege dann auf die Schnellstraße ein und nehme die Ausfahrt Nagüeles. Am Hang erstreckt sich die teure Wohngegend mit den Riesenvillen, dazwischen ein Gewirr aus krummen Straßen, die irgendwie immer im Kreis führen. Wie oft habe ich mich hier schon verfahren! Mit und ohne Navi.

Heute versuche ich es mit dem Navi.

»Biegen Sie links ab«, sagt die Frauenstimme. Antonio und ich haben sie Lola getauft. Antonio … mit dem Motorrad … nicht lebensgefährlich … Was heißt das? Querschnittsgelähmt ist auch nicht lebensgefährlich, oder?

»Fahren Sie geradeaus«, sagt Lola in ihrer typisch künstlichen Tonart.

Warum geben die diesen scheiß Navis nicht mal sexy Stimmen?, hat Antonio öfter gefragt. He, wie wär’s, wenn wir mal so ’ne App erfinden? Sexy Navi – oder gibt’s so was schon? Und dann haben wir geträumt, was wir mit den Millionen anfangen würden.

»In zweihundert Metern rechts abbiegen«, holt Lola mich aus meinen Gedanken zurück, und ich biege rechts ab in eine schmale Straße. Auf beiden Seiten wachsen üppige rote und violette Bougainvilleen über die erdfarben und rot gestrichenen Gartenmauern. Dichter noch als die von Mamá. BMWs und Porsches parken vor den Türen, und wer weiß, was noch alles in den Garagen steht.

»Biegen Sie rechts ab. Jetzt rechts.«

Ich biege rechts ab, aber ich fürchte, Lola hat sich vertan.

»Geradeaus«, sagt sie nach einer Denkpause. »Biegen Sie links ab. Links abbiegen.«

Aber das Schild zur Urbanización la Capellanía zeigt nach rechts.

»Jetzt links abbiegen. Links abbiegen.«

»Halt’s Maul, Lola!«

Ich biege rechts ab und fahre noch hundert Meter den Hügel hinauf.

In der Parkschleife stehen ein Streifenwagen und der Rettungswagen neben einem silberfarbenen Jaguar und einem weißen Mini. Die roten und blauen Lichter auf dem Dach blinken blass im Sonnenlicht.

»Sie haben Ihr Ziel erreicht«, sagt Lola.

»Du warst mir eine große Hilfe, Lola«, brumme ich und schalte den Motor ab.

Schweißgebadet steige ich aus. Doch in dem hellgrauen Sommeranzug und mit der verspiegelten Ray-Ban sehe ich auch verschwitzt noch ziemlich gut aus. Ich atme tief ein und richte mich zu meinen vollen ein Meter dreiundachtzig auf.

Ein Polizist in schwarzer Uniform kommt auf mich zu und salutiert. »Buenos días, Comisario!« Auf seiner Brusttasche steht ORTIZ.

»Was ist passiert?« Ich versuche, dieses lässige Kiffergrinsen zu unterdrücken, und lasse meinen verspiegelten Blick an ihm vorbei über die akkurat gestutzten Hecken, die dichten Oleanderbüsche und weiter zu der Villa wandern, die nach viel Geld und teurem Geschmack aussieht.

»Der Gärtner hat den Hausbesitzer im Pool gefunden«, sagt Ortiz. »Kurz darauf kam die Haushälterin und hat sofort den Notarzt angerufen. Dieser hat die Todesursache als ungeklärt attestiert, und deshalb ist Doktor Berrocal jetzt hier. Die Señora meint allerdings, es war das Herz.«

»So, meint die Señora das?« Ich kann nichts gegen das dämliche Grinsen tun, das ich auf meinem Gesicht spüre.

Ortiz sieht mich argwöhnisch an.

»Schon gut, Ortiz.« Ich klopfe ihm auf die Schulter. »Dann zeigen Sie mir doch mal die Leiche.«

»Doktor Joachim Wilke. Deutscher, einundsechzig. Hatte wohl schon öfter Herzprobleme«, sagt Ortiz beflissen und geht los.

»Einundsechzig? Mein Vater ist dreiundsiebzig und stirbt gerade an so was …« Habe ich das jetzt wirklich so gesagt?

»Oh«, macht Ortiz.

»Sieht so aus, als hätte er gestern seinen letzten Sonnenuntergang gesehen.«

»Äh … das tut mir sehr leid … ich …«

»Irgendwann erwischt es uns alle.« Irgendetwas in mir redet und redet, und ich weiß nicht, wie ich es stoppen kann.

»Doktor Berrocal ist am Pool«, sagt Ortiz schnell.

Herman Berrocal, der alte Hurenbock!, denke ich, aber ich kann mich gerade noch beherrschen und spreche es nicht laut aus. »Gut, dann bringen Sie mich erst mal zu ihm.«

Ortiz nickt. »Hier entlang, Comisario.«

Ich folge ihm an den perfekt gestutzten Büschen des Vorgartens vorbei, über eine Treppe, auf der kunstvoll verzierte Töpfe mit Stechpalmen, Agaven und blühenden Kakteen stehen, bis hinunter in den Garten mit einem riesigen Pool in Nierenform. Auf den Platten am Rand liegt ein offener schwarzer Plastiksack mit der Leiche drin, direkt neben einer nackten Statue. Griechisch, würde ich tippen, die haben so kleine … Schluss jetzt, Benitez! Wir haben es hier mit einem Todesfall zu tun!

Haushohe Palmen vom Nachbargrundstück beschatten den Pool, und jetzt entdecke ich auch den Gerichtsmediziner, der mir zuwinkt. Untersetzt und rundlich und gut aufgelegt wie immer.

»Eine hübsche Casita, was?« Herman Berrocal kommt auf mich zu und deutet auf die zweistöckige Villa mit der riesigen Terrasse.

»Hm.« Ich kann Herman auf seine Glatze sehen.

So klein wie er ist, so dick ist er auch. Schnaufend wischt er sich mit einem großen Taschentuch den Schweiß von Gesicht, Hals und Glatze.

»Und erst die Señora …«, raunt er mir zu.

Dafür habe ich jetzt wirklich keinen Sinn.

»Mein Vater liegt im Sterben«,

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