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Comisario Benitez und der Mord am Strand

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
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Über dieses Buch

Wenn Ermittlungen zur Familienangelegenheit werden – Comisario Benitezʼ persönlichster Fall

Aufregung im schicken Küstenort Marbella: ein Mord direkt am berühmten Strand! Und ausgerechnet der Neffe von Comisario Pablo Benitez scheint darin verwickelt zu sein. Während die Familie erwartet, dass der Ermittler das ein oder andere Detail übersieht, drängt die Chefin auf rasche Aufklärung des Falls. Steckt Eifersucht hinter der Tat, oder sind es schmutzige Geschäfte? Die Beweise deuten darauf hin, dass Benitezʼ Neffe tatsächlich schuldig sein könnte. Als dann den Fischern auch noch ein unschöner Fang ins Netz geht, ist es mit der Urlaubsstimmung an der Costa del Sol endgültig vorbei. Doch der liebenswerte Comisario mit Familiensinn gibt nicht so schnell auf …

Spannende Unterhaltung für alle Krimifans, Spanienreisende sowie Leser von Bianca Palma und Roberto Mistretta.

Über die Autorin

Inez Velazquez hat bereits viele erfolgreiche Krimis, Thriller und Romane unter den Pseudonymen Fran Ray und Manuela Martini geschrieben. Die Autorin lebte viele Jahre in Spanien und kennt die Schauplätze der Krimis um Pablo Benitez ebenso gut wie Land und Leute, was den Romanen eine besonders authentische, charmante Atmosphäre verleiht.

Homepage der Autorin: https://www.manuelamartini.de/.

A quien Dios no le da hijos, el diablo le da sobrinos

(Wem Gott keine Kinder gibt, dem gibt der Teufel Neffen)

Spanisches Sprichwort

1

Diese Sommer!

Im Winter, wenn der Himmel die Schleusen öffnet und eine Sintflut unser geliebtes Marbella zu ertränken droht; wenn es aus den Gullys sprudelt, Wasser durch die Wände dringt und alles im Haus klamm und muffig wird, trösten wir uns mit der Gewissheit, dass der nächste Sommer kommen wird. Und wenn er dann da ist, im Juli, August und September, stöhnen wir über die Hitze und flüchten an den Strand. Dort rösten wir in der Sonne, planschen im Meer, hocken mit unseren Kindern, Freunden und Verwandten an Klapptischen unter Sonnenschirmen, neben uns die Kühlbox mit Cervecas, Bocadillos und kalter Tortilla. Im Sommer sind wir ganz wir selbst: Südländer, die sämtliche Invasionen überlebt haben, denen bewusst ist: Alles geht vorüber – das Schlechte wie das Gute. Nach dem Sommer kommt der Winter, nach dem Regen kommt die Sonne. Es la vida! Und noch eines vergessen wir nie: Wir sind nichts ohne unsere Familie. Sie verwurzelt uns in dieser Welt. Sie gibt uns Halt und Orientierung, und unserem Leben erst einen Sinn. Allein sind wir verloren.

Wie jedes Jahr habe ich als Comisario in Marbella im August keinen Urlaub. Genau wie die Diebe und Verbrecher. Ich habe eine neue Kollegin, da mein armer Antonio nach seinem Motorradunfall immer noch im Krankenhaus liegt. Mein Padre hat sich wieder von seinem Sterbebett erhoben und kommandiert genauso weiter wie vorher, meine Mamá tut noch immer so als würde sie sich fügen und macht dann doch, was sie will, ich bin immer noch solo, meine Schwestern leben ihr Leben, aber mein Neffe hat endlich einen Job.

»Na, Pablo«, sagt mein Schwager Alfonso auf der Chiringuito-Terrasse zu mir. »Da hat sich dein Patenkind ja einen hübschen Arbeitsplatz ausgesucht! Strand, Meer – und qué vista!«

Wir schauen zwei jungen Frauen im Bikini zu, wie sie lachend dem weißen Schaum der seichten Wellen entsteigen, während sie mit anmutigen Bewegungen ihre langen Haare über der Schulter auswringen. Alfonso seufzt und nimmt einen großen Schluck Bier. Es ist August, und selbst jetzt um acht Uhr abends ist es so heiß, dass man kaum leben kann, geschweige denn arbeiten. Deshalb arbeitet kaum jemand. Außer meinem Patenkind. Und der Polizei. Und den Verbrechern natürlich.

»Jaime interessiert das nicht«, erwidere ich. »Der ist anders.«

»Wie?« Alfonso sieht mich entsetzt an. »Willst du sagen, er ist schwul?«

»Nein! Aber er nimmt die Arbeit sehr ernst. Schon als Kind war er so.«

Ich drehe mich zur Theke um, wo mein Neffe Jaime konzentriert Bier zapft, Flaschen auf ein Tablett stellt, einem Kellner Anweisungen gibt.

»Ach, das gibt sich noch«, sagt Alfonso und trinkt sein Glas aus. Seine Augen glänzen. Sein Ralph-Lauren-Poloshirt ist heute blau wie der Himmel morgens um acht, er hat den Kragen hochgestellt und mit der (gefälschten) Rolex am Handgelenk könnte er eher als Jachtbesitzer durchgehen denn als Automechaniker. (›Bei Mercedes‹, würde er jetzt hinzufügen.) »Hat auch sein Gutes.« Mein Schwager deutet auf seinen geschienten Arm. »Wenn ich schon nicht trainieren kann, kann ich wenigstens trinken. Ich hol mir noch ein Bierchen, soll ich dir eins mitbringen?«

»Du hast doch nur einen Arm«, wende ich ein.

»Für dich balanciere ich das Cervezita sogar auf dem Kopf!«

Er lacht, und ich sage: »Bueno. Auf dem Kopf oder in der Hand. Hauptsache kühl.«

Er will gerade losgehen, als mein anderer Schwager Miguel auf uns zusteuert. Sein bunt gemustertes Hemd spannt über seinem Bauch noch ein wenig mehr als sonst. Seine schwarzen Haare – färbt Maria Dolores sie ihm? – sind feucht von Gel. Die Koteletten trägt er länger, sodass er aussieht wie diese Reitertypen auf den Ferias. Die haben auch alle lange, breite Koteletten. Muss irgendeine Tradition sein.

»Schickes Hemd, Miguel«, sagt Alfonso im Weggehen.

Miguel ist solche Bemerkungen gewöhnt und lässt sich nicht so leicht provozieren. Meine Schwester Maria Dolores folgt ihrem Mann. Man könnte meinen, sie hätten sich abgesprochen, denn Maria Dolores trägt ein bunt bedrucktes Sommerkleid, in dem sie mich an einen dicken Bonbon denken lässt. Miguel bleibt neben mir stehen.

»Jaime hat den Job selbst an Land gezogen. Wenn die ihn schon an der Schule nicht haben wollen.« Kopfschüttelnd blickt er ins Glas. »Sechs Jahre hat er studiert …«

»Die haben nun mal keine Stellen«, berichtigt Maria Dolores. »Das liegt doch nicht an unserem Jaime!«

Offenbar war sie beim Friseur, denn ihre Löckchen sind noch ein bisschen kleiner und noch ein bisschen mehr geworden seit dem letzten Mal, als wir uns gesehen haben.

»Hab ich auch nicht gesagt, Maria«, gibt Miguel gereizt zurück. »Ich hab gesagt …«

»Ich weiß, was du gesagt hast.« Maria Dolores schüttelt den Kopf, ihr weiches Kinn wackelt, und ihr Busen in dem bunt bedruckten, hausbackenen Sommerkleid auch. »Aber im Leben geht’s halt nicht immer so, wie man sich’s vorstellt.«

Alfonso hat tatsächlich die Biere auf einem Tablett balanciert und hebt nun seinen geschienten Arm hoch. »Da hast du recht, liebe Schwägerin!«

»Teresa müsste jetzt hier sein«, sage ich. »Da könnte sie sich was abgucken für ihre Bar.«

Meine jüngste Schwester Teresa will eine Bar in Barcelona eröffnen. »Da kann ich ein bisschen was schwarz abrechnen«, hat sie neulich am Telefon gemeint. »Das Problem ist nur das Startkapital.«

Ein paar Tausend Euro hätte ich ihr geben können, aber sie lehnte ab. »Nein, Pablo, du verdienst dein Geld auch sauer. Ich muss einen Geschäftspartner finden. Darum geht’s. Um einen Geschäftspartner mit entsprechenden Verbindungen.«

»An was für Verbindungen denkst du?«, fragte ich sie und ahnte natürlich schon etwas.

»Pablito – stell dich doch nicht so dumm. Alkohollizenz, Gesundheitsbehörden, dieses ganze Bürokratische, das uns das Leben so schwer macht.«

Ich erinnerte sie an ihr Mehrwertsteuerproblem und an ihre Steuerschulden, und sie wechselte schnell das Thema.

»Ja, ja, unsere Teresa.« Maria Dolores schüttelt missbilligend den Kopf. »Das ist wieder so eine Idee von ihr. Nächsten Monat hat sie eine neue. Von uns kriegt sie jedenfalls keinen Centimo!«

»Hat sie euch denn gefragt?« Ich kann mir nicht vorstellen, dass Teresa das tun würde. Wenn sie schon von mir kein Geld annimmt, dann erst recht nicht von ihrer verhassten Schwester, die ja sowieso immer alles besser weiß und vorhergesehen hat.

»Das ist seine Chefin.« Miguel zeigt mit dem Glas in der Hand auf die blonde, dralle, mittelgroße Frau, der Jaime gerade etwas gesagt hat und die daraufhin in unsere Richtung sieht, uns zulächelt und dann mit resoluten Bewegungen auf uns zusteuert.

»Hast du sie schon kennengelernt?«, frage ich Miguel.

»Claro! Jaime hat uns gleich an seinem zweiten Tag hierher eingeladen.« Er spricht ein bisschen leiser. »Maria Dolores war ganz aufgeregt. Ich hab zu ihr gesagt, Maria Dolores, hab ich gesagt, unser Jaime ist sechsundzwanzig, du musst doch nicht gleich ›ne Betriebsbesichtigung machen.«

Ich nicke. Aber ich kenne meine älteste Schwester. Die muss immer die Kontrolle haben.

»Wie schön! Die ganze Familie von Jaime!« Die deutsche Wirtin schnauft. Kein Wunder bei der Hitze. Die ganze Frau macht den Eindruck von geballter Energie. Und ihr kurzes schwarzes Sommerkleid scheint kurz vorm Platzen zu sein.

Alle nicken, keiner sagt etwas. Immerhin lächeln sie. Da ich es gewöhnt bin, mit Ausländern zu kommunizieren, nehme ich das kurzentschlossen in die Hand.

»Zwei Tanten fehlen und seine Großeltern«, sage ich in unterhaltendem Ton. »Die sind oben auf der Finca. Marbella ist für sie so was wie ein … Jahresurlaub, den sie noch nie genommen haben.« Ich lächele, die anderen folgen meinem Beispiel.

»Verstehe«, sagt sie und mustert mich interessiert. »Sind Sie der Comisario?«

»Ja, der bin ich. Pablo Benitez.«

Mit einer zackigen Bewegung streckt sie mir die Hand entgegen. »Birgit. Birgit Bierwirt. Meine Freunde nennen mich Bibi.«

»Encantado. Ich habe noch ein paar Kollegen mitgebracht. Sie wollten unbedingt mitkommen.«

Raimundo, Paula, Pedro und Juan Carlos haben den äußersten Tisch unter dem Terrassendach belegt. Im Moment sehe ich dort allerdings nur Pedro und Juan Carlos.

»Ich fühle mich geehrt, die Polizei von Marbella hier zu haben«, sagt Birgit Bierwirt und zwinkert mir zu. »Kann ja nichts schaden, unter Polizeischutz zu stehen.«

Ich lache und meine Familie lacht auch.

»Und, wie macht er sich, unser Jaime?«, fragt Miguel nach einem großen Schluck Bier.

Maria Dolores sagt so leise, dass nur ich es verstehe: »Siehst du doch, Miguel. Er schmeißt den ganzen Laden.«

»Ja, er ist ein großer Schatz!«, sagt Birgit zufrieden.

Maria Dolores nickt ernst.

»Schönes Chiringuito«, sagt Alfonso nach einem schweifenden Blick über die vielen Gäste auf der Terrasse. »Direkt am Strand.«

»Ich sag Ihnen lieber nicht, was mich das hier an Miete kostet.« Birgit Bierwirt stöhnt. »Aber so ist’s halt im Leben: Nichts gibt’s umsonst.« Tatkräftig stemmt sie die Arme in die Hüften. »Außer hier und heute: Was ist, wollt ihr nicht alle noch ein Bierchen? Zu essen gibt’s auch genug. Was ist mit Ihnen, Comisario? Oder gilt das als Bestechung?«

»Nein, nein. Ich bin ja privat hier. Als Onkel, sozusagen.«

Sie schnippt in Richtung Bar. Sofort eilt einer der beiden jungen Kellner mit einem Tablett voller von Jaime frisch gezapfter Biere herbei.

»Sagen Sie, Comisario …« Birgit Bierwirt schlägt einen vertraulicheren Ton an und drängt sich ein bisschen näher an mich. »Kann ich mich an Sie wenden, wenn ich mal … nun sagen wir … ein Problem habe?«

«Wenn es ein polizeiliches ist«, antworte ich vorsichtshalber. Wer weiß, woran sie denkt. »Um welches Problem geht es denn?«

Sie wirft einen kurzen Blick über die Schulter, als könnten wir bei dem Lärm von all den Gästen, die sich gut amüsieren, belauscht werden.

»Bibi!«, ruft da jemand von der Bar. Ein sonnengegerbter Typ mit Pferdeschwanz.

»Wir reden ein andermal«, sagt sie rasch. »Lassen Sie sich’s schmecken. Es gibt noch mehr davon. Und nehmt’s euch was zu essen!« Sie schenkt uns allen ein strahlendes Wirtinnenlächeln, und dann ist sie weg.

»Muy amable«, sagt Alfonso und sieht ihr nach, worauf Juanita, die gerade hinzukommt, Birgit Bierwirt einen argwöhnischen Blick nachschickt.

»Eine Diät würde der auch nicht schaden.« Sie nippt an einem Mojito, der bestimmt nicht ihr erster heute ist.

Übermütig gibt Alfonso seiner Frau einen Klapps auf den Hintern. »Es können ja nicht alle so schlank sein wie du, Conejito!«

Früher hat sie ihm in solchen Situationen einen Kuss gegeben, jetzt sagt sie ungerührt: »Espe ist übrigens auch da. Mit einem Kerl. Ich kann nicht glauben, dass das unsere Schwester ist. Der ist doch verheiratet, das seh ich mit einem Blick.«

Wir recken den Hals. Ich kann sie nicht sehen, ein neues Grüppchen ist angekommen und versperrt uns die Sicht auf die andere Seite der Terrasse.

»Na, du scheinst es ja zu wissen«, bemerkt Maria Dolores mit ihrem typischen tadelnden Unterton.

Juanita reagiert nicht, sondern lächelt einem jüngeren Mann im engen T-Shirt an der Bar zu.

Alfonso entgeht das nicht, und schon plustert er sich auf. Sein Bizeps schwillt und droht den Ärmel seines Ralph-Lauren-Poloshirts zu sprengen.

Beschwichtigend lege ich ihm die Hand auf die Schulter. »Es ist Jaimes Tag.« Miguel reicht ihm sogleich ein volles Glas Weißbier. Frisch gezapft. Und Juanita, die Raffinierte, gibt ihm einen Kuss auf die Wange und wechselt geschickt das Thema.

»Alfonso muss jeden Tag auf die Finca, die Orangenbäume bewässern. Und das mit seinem Arm! Und heute hat die Pumpe schon wieder nicht funktioniert. Das heißt, die haben kein Wasser, die Eltern. Und die Bäume auch nicht. Ich kann sie nicht verstehen. In einer Wohnung in Marbella hätten sie’s so bequem.«

Maria Dolores schüttelt den Kopf. »Du weißt genau, dass sie am Land hängen.«

»Was soll Mamá denn in Marbella!«, sage ich. »Und Padre erst!«

»Dios mío! Die Zeiten haben sich doch geändert. Wisst ihr, wie viel Padre letztes Jahr für ein Kilo Orangen von der Genossenschaft gekriegt hat?« Juanita saugt den letzten Rest Mojito aus dem Glas. »Ganze dreizehn Cent!«

»Ja, die nehmen’s von den Lebendigen«, sagt Maria Dolores. »Nicht wahr, Miguel, dir haben sie auch das Gehalt gekürzt, dabei bist du einer der besten bei der Versicherung! Ich muss mal nach meinem Jungen sehen.«

Maria Dolores wendet sich ab und Juanita verdreht die Augen. »Armer Miguel!«

Miguel zuckt die Schultern. »Sie vergöttert mich eben.«

»Du Glücklicher, du!« Mit elegantem Schwung hebt sie das Glas. »Salud, Pablo. Auf dass du auch mal die Richtige triffst! Ich sag mal unserer Espe Hallo.«

»Schaut sie euch an, meine Juani!« Alfonso sieht ihr kopfschüttelnd nach. »Seit Juli liegt sie am Strand. Es gibt nichts mehr zu essen wegen ihrer Bikinifigur. Sie cremt und enthaart sich den ganzen Tag und kauft sich neue Fummel. Sie hat nichts anderes mehr im Kopf als ihr Aussehen! Ich versteh die Frauen nicht.«

»Hat sie etwa eine Affäre?«, fragt Miguel leise.

»Pah!«, macht Alfonso, »das würde der nicht überleben!«

»Lass es lieber, Alfonso«, rate ich. »Solche Morde werden immer aufgeklärt. Immer.«

Er kratzt sich mit einem Finger unter dem Verband und verzieht dabei das Gesicht. »Ahhh … Mierda! Wenn ich nicht diesen blöden Unfall gehabt hätte, dann würde ich jetzt für den Ironman trainieren. Und Juani würde keinen anderen Kerlen hinterhersehen.« Ohne Vorwarnung nimmt er meine Hand und klatscht sie auf seinen Bauch. »Fass mal da an!«

»Wahnsinn«, sage ich mit unverhohlener Bewunderung für seinen brettharten Bauch.

»Soll ich euch verraten, wie’s geht?«

Miguel steht mit seinem Bierbauch unter dem bunten Hemd da und nickt wohlmeinend.

»Sechshundert Liegestützen …«, fängt Alfonso an.

Miguel verschluckt sich.

«Dreihundert Sit-ups … und noch eine Stunde Training mit Kettlebells.«

Neugierig hebt Miguel die Brauen. »Kettlebells – ist das ›ne neue Chica-Band?«

»Hab sie mir extra bestellt«, redet Alfonso weiter, »die kommen von den Russen. Vom russischen Militär.«

»Du hast dir russische Chicas bestellt?«

Ich hab den Eindruck, der einzige noch Nüchterne hier zu sein.

Miguel versetzt mir einen vertraulichen Rippenstoß. »Und, kann sie gut schießen, deine Neue?«

Ich sehe hinüber zu unserem Tisch. Paula sitzt jetzt auch da, wirkt aber ein bisschen verloren. »Ich hoffe mal. Bis jetzt hat sie noch nicht schießen müssen.«

»Na, wenigstens kommst du bei der nicht auf dumme Gedanken, Pablito!« Alfonso setzt sein Bierglas an die Lippen, dabei ist es längst leer.

Raimundo balanciert einen gehäuften Teller an mir vorbei. Eine gute Gelegenheit, ihm zu folgen und meine Schwager sich selbst zu überlassen. »Ich geh mal rüber zu meinen Leuten.«

An dem runden Tisch unter dem Dach sitzen sie jetzt alle: Juan Carlos, Eva, Pedro und meine neue Partnerin Paula. Ich nehme den freien Platz zwischen ihr und Pedro.

»Und, schmeckt’s, Raimundo?«, fragt Juan Carlos herausfordernd. Er trägt seine polarisierte Piloten-Ray-Ban, ein enges, blütenweißes, teures Hemd und eine graue Hose. Das Outfit ist wahrscheinlich aus irgendeinem Film. »Du darfst bestimmt öfter zum Buffet gehen«, meint er mit Blick auf den Berg Sauerkraut und den Haufen Würstchen. »Nicht, dass dir noch was runterfällt.«

»Ich hab meine Technik. Unten die leichten, oben die schweren Sachen.« Ächzend lässt sich Raimundo auf einem Stuhl nieder. »So kriegst du am meisten auf einen Teller.«

»Hübsches Chiringuito. Hat doch früher diesem Belgier gehört«, sagt Pedro. »Möchte nicht wissen, was die hierfür bezahlt.«

»Die Würstchen sind jedenfalls excelente«, sagt Juan Carlos. »Wie in Deutschland. Ich war mal in München auf dem Oktoberfest …«

»Die kommen aus München«, erklärt Pedro, »ich hab mich erkundigt.«

»Wirklich? Kostet bestimmt ein Vermögen, die hier runterzuschicken, oder?«

»Die wird schon die richtigen Leute kennen«, bemerkt Pedro und tunkt ein Würstchen in Senf.

»Das Geschenk für La Jefa ist heute immer noch nicht angekommen«, sagt Eva und dreht nervös ihr Cava-Glas in der Hand. Vor ihr steht kein Teller, und der Stoff ihres Kleids ist so zart wie Schmetterlingsflügel. Hat sie abgenommen? »Ich kann schon gar nicht mehr schlafen. Wenn das Geschenk nicht rechtzeitig kommt … es ist doch ihr fünfzigster!«

»Das liegt am August. Die Bestellung bleibt liegen bis September«, bemerkt Raimundo mit vollem Mund ohne aufzusehen. »Du hättest es halt früher bestellen müssen.«

»Was, gibst du jetzt mir die Schuld, Raimundo?« Wütend knallt Eva das Glas auf den Tisch. »Warum hast du dich nicht drum gekümmert? Du hast doch sowieso nichts zu tun! Und ich muss eh schon den ganzen Tag für sie rumrennen!«

»Eva … por favor!« Juan Carlos in seinem schicken weißen Hemd und der Sonnenbrille, die jetzt auf den Haaren ruht, will souverän schlichten, aber sie überhört ihn einfach.

»Also wirklich! Ich schufte und mache mir Gedanken, und jetzt kommt dieser Idiota …«

»Idiota?« Raimundo wischt sich den Mund ab. »Idiota?« Die kleinen Augen in dem teigigen Gesicht sprühen Funken. Raimundos Kinn zittert und überhaupt sieht er aus wie kurz vor der Explosion.

»Schluss jetzt!« Ich schlage mit der Hand auf den Tisch. »Das hier ist das Chiringuito von meinem Patenkind. Benehmt euch gefälligst!«

Die beiden sehen mich an und halten den Mund.

»Gut gesagt.« Juan Carlos lässt grinsend seine Brad-Pitt-Sonnenbrille wieder auf die Nase gleiten und klatscht in die Hände. »Und jetzt, Kinder, holt euch noch was zu essen.«

Ich bin sicher, das hat er auch aus einem Film.

»Na, schmeckt’s dir auch?«, frage ich Paula neben mir. Auf ihrem Teller ist nur noch ein Rest Kartoffelsalat.

»Ich stehe ja sonst auf Ensalada malagueña, aber der hier ist auch nicht schlecht.« Sie neigt sich ein wenig zu mir. »Du solltest übrigens mal ein Auge auf deinen Neffen haben.«

Ich sehe zur Bar, doch dort zapft jetzt einer der Kellner Bier. Ein wenig irritiert sehe ich mich nach Jaime um, kann ihn aber nirgendwo entdecken.

Beunruhigt stehe ich auf und wandere um das Chiringuito herum. Vielleicht hat er zu viel getrunken und ihm ist schlecht. Ich entdecke ihn in einer Ecke, wo er mit einem Typen quatscht.

»Hola Jaime! Toller Laden«, sage ich.

Jaime erschrickt. »Oh, Pablo, ich hab dich gar nicht kommen sehen.« Er zieht die Nase hoch. »Das ist Rich, Bibis Freund.«

Rich zieht auch die Nase hoch. Jungs, denke ich, ihr habt euch doch gerade was reingezogen. Aber heute ist Jaimes Tag, und ich bin der Tío von Jaime und nicht der Comisario von Marbella.

»Rich wie Better Rich!«, spaßt der Typ mit dem Pferdeschwanz und lacht rau. Seine Handgelenke schmücken Silberspangen und bunte Bänder. So ganz jung ist er nicht mehr. Aber das ist Bibi ja auch nicht.

»Mein Onkel ist bei der Polizei, hab ich dir ja schon erzählt«, sagt Jaime.

»Kann nie schaden, wenn man einen Bullen in der Familie hat«, sagt Rich mit starkem, irgendwie deutsch klingendem Akzent. »Also, hat mich gefreut. Wenn Sie mal was brauchen, Comisario, wenden Sie sich vertrauensvoll an mich. Richard Blatter im bürgerlichen Leben. Aber Rich reicht.« Er lacht noch mal und geht dann, während ich mich frage, was er gemeint hat. Oder eher, ob er das, was ich glaube, dass er gemeint haben könnte, auch wirklich gemeint hat.

»Sag mal«, frage ich Jaime, als Better Rich im breiten Cowboygang um die Ecke gebogen ist, »was habt ihr euch gerade reingezogen?«

»Wie kommst du darauf?«, fragt er mit unschuldiger Mine.

»Pass auf dich auf, Neffe, sonst sitzt du ganz schnell in der Scheiße.«

»Tío, ich bin doch nicht mehr zehn!«

»Eben. Mit zehn können sie dich noch nicht ins Gefängnis stecken.« Ich lasse den Blick schweifen. »Viel Glück mit dem Job, und ruf mich an, wenn du Probleme hast, vale?« Ich klopfe ihm auf die Schulter und gehe zurück auf die Terrasse.

Paula lehnt an einem Pfosten und beobachtet mich. Ich tue so, als wäre nichts gewesen und setze mein charmantes Lächeln.

»Was für ein schönes Plätzchen, was?«

Die Sonne geht gerade unter. Auf dem Meer schwimmen die letzten bronzefarbenen Strahlen. Am Strand ist das Leben in vollem Gang. Man kommt von der Arbeit, trinkt ein Bierchen, oder einen Tinto de verano, erfrischt sich im Meer und legt sich in den warmen Sand. Eine leichte Brise weht, und die Musik vom Chiringuito vermischt sich mit Stimmen und anderer Musik.

»Sevilla wär jetzt ein Backofen, horrible!«, sage ich und denke an die Schulung vor ein paar Jahren. Nur in der dunklen Bar konnte man es abends aushalten.

Paula hat die Hände in die Taschen ihrer beigen Cargohose gesteckt. Ihre geblümte Sommerbluse wäre für sich genommen gar nicht so hässlich, aber zu den Cargoshorts und den Trekkingsandalen … Ich frage mich, ob sie wirklich keinen Geschmack hat oder ob ihr Modedinge schlicht egal sind.

Aber so weit sind wir noch nicht miteinander, nach zwei Wochen Zusammenarbeit. Und einen gefährlichen Fall, der zusammenschweißt, konnten wir auch noch nicht gemeinsam lösen. Ich weiß nur, dass sie keinen Alkohol trinkt, weil sie einmal «ein Erlebnis« hatte. Was das für eins war, hat sie nicht erzählt. Außerdem isst sie kein Fleisch, liebt aber Süßes.

»Sevilla hat andere Reize«, antwortet sie auf ihre trockene Art. Ich bin noch nicht dahintergekommen, ob es eine Form von Humor ist.

»Na, ihr Turteltauben?« Alfonso. Schon ziemlich beschickert.

»Das ist mein Schwager Alfonso«, stelle ich ihn schnell vor. »Meine Kollegin: Comisaria Paula Odriozola.«

»Encantado!«, kriegt er so einigermaßen hin und streckt ihr seinen geschienten Arm entgegen, merkt es und zieht ihn schnell zurück. »Unsere Familie will wissen, ob du unseren Pablito beschützen wirst und ob du gut schießen kannst.«

»Alfonso!«, fahre ich ihn an.

»Schon gut«, sagt Paula sachlich. »Du kannst der Familie ausrichten, dass ich in meinem Ausbildungsjahrgang die Beste beim Schießen war. Und ich hatte natürlich auch schon eine Reihe von erfolgreichen Liquidierungen.«

Alfonso ist für einen kurzen Moment sprachlos. Dann grinst er verlegen und wankt davon.

»Stimmt das?«, frage ich sie ein wenig irritiert.

»Was?«

»Das mit den Liquidierungen?«

»Seh ich so aus?«

»Äh ... ich weiß nicht ...« Vielleicht hat sie ja undercover gearbeitet, vielleicht sogar in einer Anti-Terror-Einheit, was weiß ich schon von ihr?

»Lassen wir das«, sagt sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Ich hab deine Familie beruhigt.«

»Ja, so ist sie eben, meine Familie«, entschuldige ich mich.

»Es gibt schlimmere Familien«, bemerkt sie.

Ich warte auf eine Erklärung, die aber ausbleibt, und so sage ich: »Ich hab übrigens mit Jaime gesprochen. Alles bestens.«

»Bueno.« Sie nimmt die Hände aus den Taschen. »Dann werd ich jetzt mal den deutschen Nachtisch testen.«

Warum will sie nichts Näheres wissen? Warum hat sie mir das mit Jaime überhaupt gesagt? Ich werde nicht schlau aus ihr und denke noch darüber nach, als ich meinen Namen höre.

»Und das ist Jaimes Onkel, Pablo, Entschuldigung, Comisario Benitez!«, sagt Bibi Bierwirt, und die hoch aufgeschossene, magere Frau neben ihr lächelt mich an. Sie hat kunstvoll zerrupftes, platinblondes Haar und – wenn man genauer hinsieht – reichlich Falten. Ich schätze sie auf das Alter von Bibi und von meiner Vorgesetzten, Mercedes Delgado. Ihr weißes glitzerndes Kleidchen reicht ihr gerade mal bis zum Po-Ansatz. Darunter kommen endlos lange Beine zum Vorschein, die irgendwann in hochhackigen Schuhen enden.

»Encantada, Comisario.« Ihr sehniger, nackter Arm streckt sich mir entgegen. »Ingrid.«

»Encantado.« Ich lächele höflich.

»Ingrid ist Maklerin, Comisario«, sagt Bibi und schwenkt ihr Champagner-Glas.

»Genau. Wenn Sie mal was brauchen …« Der Blick aus Ingrids irgendwie unnatürlich blau glitzernden Augen gleitet an mir herunter und wieder herauf. »Was mich brennend interessieren würde«, raunt sie, »Ihre Pistole …«

»Tja … die wollen viele sehen«, raune ich zurück und mache mich aus dem Staub – und pralle beinahe mit meiner Schwester Esperanza zusammen.

»Hola, Pablito!« Espe gibt mir zwei Wangenküsse. Ihr Cava-Glas ist fast leer. Ihrer Stimmlage zufolge ist es nicht ihr erstes Glas.

»Ich bin nicht allein hier. Da drüben.« Verstohlen zeigt sie kurz zu dem Tisch, an dem ein einsamer Mann mit zwei Tellern sitzt. Er hat dichtes schwarzes Haar, das an den Schläfen ergraut ist. »Sieht er nicht gut aus?«, fragt sie stolz, immer noch mit gesenkter Stimme. »Jesús leitet die Wäscherei bei uns im Heim.« Wie ein junges Mädchen schlägt sie die Hand vor den Mund und kichert leise. »Er ist so witzig und leidenschaftlich.«

Der Mann hat sich zurückgelehnt und sieht abwesend auf sein halb volles Weinglas. Er macht den Eindruck eines müden Familienvaters.

»Er sieht vielleicht nicht so aus«, sagt Esperanza und fügt vertraulicher hinzu: »Aber stille Wasser sind ja bekanntlich tief …« Sie kichert wieder und schnappt sich ein volles Glas von dem Tablett, das an uns vorbeigetragen wird. »Ich muss. Er mag es nicht, wenn er zu lange allein gelassen wird.«

Mit einem Hüftschwung, den ich an ihr noch nie gesehen habe, geht sie zurück. Wie heißt er noch gleich? Egal. Hauptsache, unsere Espe ist glücklich und er tut ihr nicht weh.

Ich überlege, ob ich mir noch ein Bier hole, als Paula neben mir auftaucht.

»Ich pack’s dann mal, Pablo. Soll ich dich mitnehmen?«

»Nein, danke. Ich ruf mir später ein Taxi.«

»Wir haben morgen Frühdienst.«

»Und?«

»Einen unzuverlässigen Partner hatte ich schon mal.«

»Ich bin nicht unzuverlässig.«

»Ich hab auch nicht von dir gesprochen.«

»Du hast einen Vergleich …«

Paula rasselt mit den Autoschlüsseln. »Letztes Angebot.«

»Nein! Ich fahre Taxi.«

Sie dreht sich um und geht über den Strand zum Parkplatz hinter dem Chiringuito.

Wer bist du, Paula? Bist du wirklich so cool oder tust du nur so?

»Hola, Comisario!«, sagt da eine weiblich weiche Stimme hinter mir. Ich drehe mich um.

Ingrid funkelt mich mit ihren blauen Augen an. »Und, Comisario, amüsieren Sie sich?« Bevor ich irgendetwas antworten kann, hakt sie sich bei mir unter und säuselt: »Was mich ja brennend interessieren würde: Haben Sie schon mal jemanden erschossen?« Ihre Lippen kitzeln meine Ohren, dass mir ein Schauder über den Rücken läuft.

»Ingrid«, flüstere ich, »ich muss los, ich hab morgen Frühdienst. Amüsieren Sie sich weiter.«

Miguel prostet mir mit einem Glas Bier zu, als ich ihm beim Gehen zuwinke. Maria Dolores hilft ihrem Sohn und trägt einen Stapel gebrauchter Teller zur Theke, Juanita und Alfonso kann ich nirgendwo entdecken. Sie werden sich doch nicht irgendwo in den Dünen streiten? Jaime kommt mir aus dem Vorratsschuppen neben dem Toilettenanbau entgegen.

»Du gehst du schon?«

»Ich hab Frühdienst.«

»Bueno. Danke fürs Kommen!«

»Alles Gute, Jaime! Und halt die Ohren steif!«

Dann stapfe ich durch den Sand zu dem noch ziemlich vollen Strandparkplatz. Das Licht eines einzigen Scheinwerfers brennt sich in die Nacht und lässt die Karosserien blitzen. Von der Straße weiter oben streifen ab und zu Lichter vorbei, und das Rauschen der Autos vermischt sich mit dem der Wellen. Eine Bauplane bläht sich im sachten Wind. Was für einen schönen Blick hätte man von dort, wenn man morgens aufsteht und aus dem Fenster direkt auf den Strand und das Meer sieht. Ich wundere mich, dass es schon so lange als Bauruine dasteht.

Aus dem Chiringuito schallt die Musik. Ich drehe mich noch einmal zu ihm um, und erst jetzt fällt mir die blau-weiße Fahne auf dem Dach des dunkel gestrichenen Holzbaus auf. Das erleuchtete Schild über dem Eingang strahlt TABERNA BIBI ins Schwarz der Nacht.

Alfonso hat recht: Es ist ein wirklich schöner Arbeitsplatz.

2

Ich bin ganz sicher, dass es ein Traum ist. Mitten in der Nacht werde ich aus dem Schlaf geklingelt, weil ein Spaziergänger mit seinem Hund eine Leiche gefunden hat. Einer meiner Albträume.

Also drehe ich mich wieder um. Das Klingeln kommt nicht von meinem Handy. Das singt nämlich. Skyfall bei unbekannten Nummern und Shakira bei allen bekannten. Ich habe mich daran gewöhnt und muss nie nachdenken, ob es mein Handy ist, das sich da meldet.

Als das Klingeln nicht aufhört, komme ich allmählich zu dem Schluss, dass es kein Traum ist, sondern dass es mein neuer Wecker sein muss. Frühdienst, fällt mir wieder ein. Mit einem Satz bin ich aus dem Bett. Den Triumpf, dass ich zum Frühdienst zu spät komme, gönne ich Paula nicht.

Fünfzehn Minuten später bin ich fix und fertig, geduscht, rasiert, und im schicken Sommeranzug. Die Jacke nehme ich nur pro forma mit. Auf meinem Balkonthermometer sind es jetzt, um sieben Uhr morgens, schon dreiundzwanzig Grad. Um die Mittagszeit werden wir dann bei mindestens 38 Grad im Schatten sein; da halte selbst ich es nicht mit Jackett aus. Davon abgesehen ist mein Hemd fast zu schön, um von einem Jackett zu sieben Achteln verdeckt zu werden: Ein grünes Hemd von Alfonso Dominguez aus dem Sommerschlussverkauf. Genauso wie der hellgraue Anzug. Die Schuhe waren billig, sehen aber teuer aus. Schnell noch mein Eau de Toilette von Paco Rabanne aufgesprüht, und vor den Spiegel im Flur zum allerletzten Check: Perfekt. Ich sollte mir vielleicht einen modischen Bart stehen lassen. Aber nicht im Sommer.

Mein Handy. Shakira. Wer ruft mich denn um diese Zeit an?

Auf dem Display leuchtet ODRIOZOLA. Ich kenne nämlich noch zwei Paulas. Ich bin doch nicht zu spät, oder?

»Guten Morgen, Pablo.« Ihre Stimme klingt nach Vitaminen und frisch gepresstem Orangensaft.

»Ich kann mich nicht erinnern, einen persönlichen Weckdienst bestellt zu haben«, murre ich. »Außerdem bin ich schon unterwegs.«

»Gut. Ich bin am Strand.«

»Machst du heute frei? Hast du gestern Abend nicht gesagt, wir hätten Frühdienst?«

»Haben wir auch. Deshalb solltest du schleunigst zur Taberna Bibi kommen.«

Mit Blaulicht rase ich die Ricardo Soriano hinunter, vorbei an der Quirón-Klinik, vorbei an den Autohäusern, vorbei an unserem Büro und vorbei an den Bronze-Schiffen. An der Tankstelle biege ich rechts ein, fahre die schmale Straße hinunter zum Strand. Dort, wo gestern die Gäste von der Taberna Bibi geparkt haben, stehen jetzt ein Streifenwagen, ein Krankenwagen, und der Ford Kombi von Dr. Berrocal. Ich parke Paulas Auto zu und eile zum Streifenpolizisten.

»Was ist hier los?«, will ich wissen.

»Ein Jogger und sein Hund …«, fängt der Kollege von der Streife an. Er muss nicht weitersprechen. Wichtiger ist, was das klassische Pärchen gefunden hat. Eine Wasserleiche? Einen über Bord gegangenen Fischer? Einen toten Junkie? Ertrunkene Flüchtlinge … oder … oder Jaime?

Wir gehen strammen Schrittes am Chiringuito vorbei direkt auf die Dünen links davon zu.

»… eine weibliche Leiche«, höre ich den Polizisten sagen.

Wir stapfen durch den tiefen Sand eine Düne hinauf. Möwen kreischen über uns. Der Sand dringt in meine Slipper, macht sie enger und enger, bis ich meine Zehen krümmen muss. Endlich oben angekommen blicken wir in die Senke dahinter. Dort stehen sie alle wie auf einem Gemälde: Gerichtsmediziner Herman Berrocal, Paula, die Sanitäter.

Und vor ihnen im Sand liegt ein Körper auf dem Bauch, die Beine ausgestreckt und ein wenig gespreizt.

Am liebsten würde ich die nächsten dreißig Minuten überspringen und mir den Anblick von Blut und wächserner Haut ersparen. Der Anblick der Leichen, der der oft Ermittlung vorausgeht, ist mir schon immer schwergefallen, und ich habe das Gefühl, dass es eher schlimmer wird. Aber ich werde mich hüten, das irgendjemandem zu sagen. Vor allem nicht Paula.

Die kurzen Haare und das kurze Kleid kommen mir bekannt vor.

»Das ist doch nicht …«

Mit wenigen großen Schritten bin ich die Düne hinuntergeschlittert. Ich bücke mich, suche Blut auf dem Sand oder an ihren Schultern.

»Erwürgt«, sagt Berrocal in seinem weißen Overall. »Und guten Morgen erst mal.«

Für solche Floskeln habe ich jetzt keine Nerven. Dort liegt die Fortsetzung meines Albtraums: Ich kenne die Leiche.

»Wann?«

»In den frühen Morgenstunden.« Berrocal streift die Handschuhe ab.

»Wo ist Jaime?«, frage ich in die Runde.

»Warum?«, will Paula wissen.

»Warum? Warum? Weil er mein Neffe ist!«, blaffe ich sie an.

»Was hat das denn mit dem Mord zu tun, dass er dein Neffe ist?«, blafft Paula zurück.

»Weil …« Ich habe Angst um ihn.

«Verdächtigst du ihn?«, fängt sie an.

»Dios mío! Nein! Warum sollte er seine Chefin erwürgen?«

Paula zieht die Augen zusammen und mustert mich unbeeindruckt. »Das müssten wir wohl herausfinden.«

»Aber er war’s doch gar nicht!«

»So? Und warum bist du dir da so sicher?«

»Dios mío, Paula! Genauso gut könnte, könnte … könnte Maria Dolores sie umgebracht haben oder …«

»Deine Schwester? Und welches Motiv hätte sie?«, fragt Paula, ohne eine Miene zu verziehen.

»Hör sofort auf, meine Familie zu beleidigen!«, fahre ich sie an. »Jaime hat genauso wenig ein Motiv wie seine Mutter oder … oder du, Paula!«

So. Das hat sie jetzt davon.

Unsere Blicke begegnen sich, und ich schaue sie so lange an, bis sie wegsieht. Eins zu null für mich.

Ein Schwarm Möwen fliegt über uns hinweg und lautes Motorengeräusch kommt näher. Der Bagger, der den Strand schön macht.

»Ich tippe auf Eifersucht.« Berrocal im weißen Overall klappt seinen Koffer zu. »Erwürgt im Affekt. Hatte ich schon öfter. Die Leidenschaft des spanischen ...«

»Das wird sich noch herausstellen«, fällt ihm Paula ins Wort. Sie trägt dieselbe beige Cargohose wie gestern Abend, nur hat sie heute die Verlängerung angezippt. Darüber trägt sie ein gleichfarbiges Kurzarmhemd mit vielen Taschen. Sie sieht aus wie auf einer Safari. Fehlt nur noch der Tropenhelm.

»Señorita, ich bin seit fast dreißig Jahren dabei«, sagt Berrocal herablassend.

»Genau das ist oft das Problem«, kontert Paula genauso herablassend mit den Händen in den Taschen. »Und nennen Sie mich nicht Señorita.«

Berrocals Mundwinkel zucken, und er sagt zu mir: »Du kannst mich in zwei Stunden anrufen. Dann weiß ich mehr.«

Er nimmt seine Tasche und stapft in seinem eng gewordenen Overall hinter den Sanitätern her, die auf einer Bahre – und in einen Plastiksack gepackt – die tote Birgit Bierwirt davontragen.

Ich habe das Gefühl, etwas erklären zu müssen. »Berrocal ist halt einer von der alten Garde, als Frauen bei der Polizei nur Kaffee kochten.«

»Die Frauen haben auch Berichte getippt, ihren Chefs bei Ermittlungen auf die Sprünge geholfen – und für sie bei der Ehefrau gelogen«, sagt Paula ungerührt.

»Bueno ...«, sage ich schnell, »jaja, so einer ist er. Aber sonst ein netter Kerl.«

Das Meer ist so spiegelglatt, dass es ölig wirkt, eine dünne Dunstschicht schwebt darüber. Kaum einen halben Kilometer weiter draußen schaukeln Fischerboote. Die reinste Idylle. Fast. Denn am Strand fährt ein Bulldozer auf und ab, um den angeschwemmten Schmutz und Abfall wegzuräumen und die Fußspuren und Abdrücke zu glätten, damit der Sand für die Badegäste aussieht, als wären sie die ersten Menschen auf einem einsamen Eiland.

Das Baggerdröhnen kommt näher und übertönt das Kreischen der Möwen, die vor ihm fliehen.

Paula nimmt aus der Brusttasche eine Sonnenbrille, die vielleicht irgendwann mal modern war. »War ein kurzer Traum vom Chiringuito.«

Ich weiß nicht, ob sie damit die Bierwirt meint oder Jaime. »Knöpfen wir uns erst mal ihren Freund Rich vor und fahren dann in ihre Wohnung.«

»Rich?«, fragt Paula.

»Ihren Freund«, erkläre ich. »Richard Blatter.«

»Gut, aber vergessen wir nicht deinen Neffen.« Sie schiebt sich einen Kaugummi in den Mund, steckt das Papier in eine ihrer vielen Hosentaschen und tut dabei so als wäre ihre Bemerkung das Belangloseste der Welt. Dabei weiß ich genau, was sie meint, und kann meine aufkommende Wut nur wenig unterdrücken.

»Glaubst du, ich mache meine Arbeit nicht korrekt?«

Sie betrachtet mich eingehend und kaut auf ihrem Kaugummi herum.

»Gut«, sage ich. »Dann können wir ja endlich anfangen. Wo ist ihre Wohnung?«

»In einer Urbanización in Elviria. Ich muss übrigens mit dir mitfahren. Vorhin bin ich in den Streifenwagen mitreingesprungen.«

»Aber nur wenn du deinen Kaugummi nicht unter meinen Sitz klebst …«

»Er ist frisch. Er klebt noch nicht gut genug«, sagt sie und geht voraus.

»Du bist wie meine Schwester Teresa!«, rufe ich ihr nach. »Die muss auch immer das letzte Wort haben.«

Paula dreht sich um. Sie hat ihre Sonnenbrille auf die Nase geschoben und sieht mich an. Ich warte auf einen neuen Kommentar, aber diesmal kommt nichts.

Wir gehen durch die Dünen zum Parkplatz. Dort setze ich mich auf einen Holzpfosten, um meine Schuhe auszuleeren. Kaugummikauend, die Arme in die Hüften gestemmt, sieht sie mir dabei zu. Paula in ihren Outdoorsandalen.

»Warum ziehst du dich eigentlich so an wie die eitlen Gecken aus dem Modemagazin?«, fragt sie, als ich den Sand aus dem Schuh rieseln lasse.

»Warum ziehst du dich immer so an wie eine Geschmacklose und ... äh ... Farbenblinde? », kontere ich.

Sie sieht an ihrem beigen Safari-Look hinunter. »Farbenblind? Die Farben sind dieselben und die Schuhe sind praktisch.«

»Ist das alles, wonach du deine Garderobe aussuchst?« Mit einem Stofftaschentuch reibe ich den Staub vom Leder. »Nach denselben Farben und ob was praktisch ist?«

»Wonach soll ich sie denn sonst aussuchen?«

»Schaust du dir denn nie Modemagazine an und denkst dir: So will ich auch aussehen?«

»Nein.«

»Siehst du nie was im Schaufenster und denkst: Das würde ich mir gefallen?«

»Nein … eigentlich nicht«, sagt sie auf einmal etwas nachdenklich.

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