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Come into my world come into my heart

Come into my world -
come into my heart

Als die 17 jährige Stella mit ihren Eltern von Washington D.C.nach Louisiana an den Rand der Stadt Kenner zieht, bricht für sie eine Welt zusammen. Alles was sie liebt bleibt in Washington zurück. Auch ihr über alles geliebter Freund Danny. Nur schwer findet sie sich in ihrer neuen Umgebung zurecht und kapselt sich von allem ab. Einzig ihr neuer Nachbar Dylan Durban, der etwas älter als Stella ist, bringt ihr Herz manchmal ganz schön aus der Fassung. Da Stella aber nicht bereit ist, sich auf etwas neues einzulassen, verkriecht sie sich in die Welt der Bücher. Eines Tages findet sie ein Buch auf dem Dachboden ihres neuen Hauses in Kenner. Die Geschichte in dem Buch fasziniert sie so sehr, dass sie jede freie Minute mit lesen verbringt. Stella denkt sich in die Story rein und stellt nach und nach Parallelen darin zu ihrem eigenen Leben fest. Sie fühlt mit der Romanfigur Colin Tanner und wünscht sich dass es ihn wirklich gibt, da er anscheinend fast das gleiche erlebt wie sie selbst. Als Colin eines Tages tatsächlich bei ihr auftaucht und sie um Hilfe bittet, erfährt Stella erst welches geheimnisvolle Buch sie da gefunden hat und ihr Leben ist nicht mehr das selbe…..

Stella

„Stella, beeile dich. Dad sitzt schon im Taxi. Wir haben eine lange Reise vor uns. Der Flieger wartet nicht“ „Ich komme Mom.“ „Ich weiß wie du dich fühlst. Aber das Leben geht weiter. Du wirst das neue Haus lieben.“ „Sicher.“ Meine Mutter drängt mich. Ich will hier nicht weg. Nicht schon wieder. Diese ewige Umzieherei nervt mich einfach. Was zum Teufel soll ich in Louisiana auf dem Land? Warum muss mein Vater auch jede Versetzung akzeptieren? Er ist Bauingenieur und jagt jedem Auftrag, der gutes Geld einbringt, hinterher. Der Auftrag hier in Washington D.C.ist nach 5 Jahren beendet.Das Autobahnkreuz und das Shoppingcenter, welches darüber zu erreichen ist, sind fertig. Und meine Mutter arbeitet bei der Zeitung. Sie hat eine neue Stelle in Kenner. Außerhalb von dort, direkt am Fluss, befindet sich meine neue Heimat. In zwei Wochen fangen meine Eltern ihre neuen Jobs an. Daran ist nun nichts mehr zu ändern.Ich muss mit, ob ich nun will oder nicht. Mist.Was gibt es denn hier schon zu berichten? Krokodile am Mississippi oder hat jemand Wäsche von der Leine der Nachbarn geklaut? Mein Vater soll eine Brücke bauen, die über den Mississippi führen wird. Es ist echt scheiße. Ich will nicht weg. Die letzten 5 Jahre waren wir hier in Washington D.C. Davor in Seattle und davor…keine Ahnung.Washington ist toll. Und hier ist immer etwas los. Aber jetzt? In zwei Stunden beginnt schon wieder ein neues Leben für mich.Wie oft denn noch? Ich bin gerade erst 17 geworden und habe mich in Washington eingelebt. Ich dachte, dass hier mein Zuhause ist. Ich habe Freunde hier und lasse sie alle zurück: meinen Freund Danny, meine beste Freundin Christine, genannt Chris, und Blake, der neben uns wohnt. „Stella, nun komm doch endlich.“ „Jaaaa, verdammt. Lass mich doch wenigstens einen Moment Abschied nehmen.“ Ich stehe vor unserem Haus und sehe zur Wohnung hinauf. Am Fenster der Nachbarwohnung sehe ich Blake. Er winkt mir zu und ich glaube, dass auch er mit den Tränen kämpft.Wir waren immer zusammen unterwegs, wir 4: Danny, Blake, Chris und ich. Blake und Chris scheinen sich gerade anzunähern. Das Ende der Geschichte werde ich wohl nicht mehr erfahren. Ich schicke ein Zeichen zu Blake, dass wir bald telefonieren und er nickt mir mit erhobenem Daumen zu. Er war immer für mich da wenn es mir schlecht ging. Er ist wie mein Bruder. Einen echten Bruder habe ich leider nicht. Auch keine Schwester. Ich bin alleine. Mal wieder werde ich die Neue sein. Es ist erbärmlich.Ob ich meine Freunde jemals wieder sehe? Und Danny ist auch nicht da um mich zu verabschieden. Seine Eltern haben ihn mitgenommen. Sie sind im Urlaub, in Florida. Seit drei Tagen ist er schon weg. Und das ist das schlimmste überhaupt. Wenn er in drei Wochen zurück kommt, bin ich schon am anderen Ende der Staaten. Mein Herz ist schwer weil ich ihn liebe. Wir sind schon fast zwei Jahre fest zusammen.Ich dachte es würde für immer sein und nichts könnte uns trennen. Was wird aus uns werden? Er wird eine andere lieben. Und ich? Keine Ahnung.Was ich fühle scheint hier gerade niemanden zu interessieren.

„Stella!….“ Herrgott nochmal. Warum können die mich nicht einfach in Ruhe lassen? Ich sehe Danny vor mir. Wie er mich anlächelt, mich an sich drückt und ich denke an unseren letzten Kuss vor drei Tagen.Der letzte Kuss für immer und ewig. Danny füllt mein Herz aus und jetzt? Ich bin so einsam, so wütend auf meine Eltern und den Rest der Welt. Schon gestern hatte ich mich von Chris und den anderen aus meiner Schule verabschiedet. Es war der letzte Schultag vor den Ferien und sehr tränenreich. Chris hat gesagt, dass sie mich in den nächsten Ferien besuchen kommt, also erst im Herbst, und dass wir ewig Freunde bleiben. Blake auch. Ich sehe zu ihm hoch und drücke mir die verdammten Tränen weg.Verdammt, ich habe doch eh nur noch ein Jahr. Dann beende ich die Schule. Ich will vielleicht studieren. Danny und ich hatten schon alles geplant. Wir wollten zusammen an die Uni. Vielleicht nach Boston oder Seattle. Ich weiß nicht wie es weitergehen soll ohne ihn. Ich fühle mich leer. Keine Ahnung warum meine Eltern mich genau jetzt aus meiner gewohnten Umgebung reißen. Der Taxifahrer trommelt ungeduldig mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. Ich muss jetzt los, ob ich nun will oder nicht. Washington mach´s gut. Ich komme wieder wenn ich mein eigenes Leben leben kann. Also quetsche ich mich neben meine Mutter hinten in das Taxi. All unsere Sachen sind weg. Mein Vater hat fast alles verkauft. Das neue Haus steht schon da in vollem Glanz und total neu eingerichtet.Ich habe es noch nie gesehen. Meine Eltern hatten es im Frühjahr schon renoviert und mir vom Leben auf dem Land vor geschwärmt. Ätzend. Da habe ich von all dem hier noch nichts geahnt. Ich dachte es wäre eine Art Ferienhaus oder so. Da hätte ich ja auch nichts dagegen gehabt. Und jetzt das. In ein paar Stunden werde ich dort sein. In dieser verdammten Einöde am längsten Fluss Amerikas. Der Mississsippi. Viele Geschichten handeln davon wie schön es dort ist. Ist mir egal. Mein Leben ist Scheiße. Und meine Laune übertrifft alles an schlechtem Karma was geht. Ich starre aus dem Fenster und sehe mein altes Leben an mir vorbeiziehen. All die Straßen die ich in - und auswendig kannte werde ich heute wahrscheinlich zum letzten Mal sehen.Vorbei am Schulgebäude, an Dannys Haus. Meine Augen sammeln schon wieder Wasser.

„Ich weiß wie du dich fühlst Schatz. Glaube mir. Das vergeht mit der Zeit. Wirst sehen.“ „Ach ja? Wenn du das sagst Mom.“ Meine Stimme trieft vor Sarkasmus. Einen Scheiß weiß sie. Sie muss sich ja nicht von Dad trennen. Ich sage jetzt lieber nichts mehr und halte durch. Wir erreichen den Flughafen. Keine Ahnung, wie lange wir in der Luft sein werden. Ist mir auch egal. Von mir aus können sie das Flugzeug entführen oder abschießen.Mein Leben ist doch eh vorbei. Der Tower ragt vor uns in den Himmel. Das Taxi hält am Pan Am Abflugbereich an. „Es geht los. Kenner wir kommen“, höre ich meinen Vater sagen. Als ob es dort keinen Ingenieure gäbe. Witz. Wir betreten das Gebäude und ich will nur noch weg von hier. Ich denke an meine Freunde und vor allem an Danny während ich den Teddy fest umklammere, den er mir auf dem letzten Jahrmarkt geschossen hatte.Um den Hals trage ich seine Kette mit dem halben Herzen. Die andere Hälfte trägt er. Meine Mutter steht neben mir und legt mir den Arm um die Schultern. „Danny ist immer bei uns willkommen. Vielleicht gibt es ja noch eine Möglichkeit.“ „Klar Mom, wir sehen uns sicher jedes Wochenende“, knalle ich ihr böse an den Kopf. Ich könnte weg rennen. Ich hasse diese Scheiße hier. Da vibriert mein Handy in meiner Gesäßtasche. Eine Nachricht von Danny. Und schon wieder drücke ich die Tränen weg. Ich lese:

Hallo mein Schatz. Ich bin immer bei dir. Ich werde dich nie vergessen. Es tut mir leid, dass ich nicht bei dir bin um Abschied zu nehmen. Ich werde dich besuchen. Und ich werde dich immer lieben. Bitte gib uns nicht auf. Ich liebe dich. Für immer.

In Liebe Danny.

Danke Dad, grummele ich in mich hinein und schiebe mich weiter in der Schlange vor dem Schalter voran. „Ich wünsche ihnen eine guten Flug“, höre ich die Dame am Schalter noch sagen, bevor meine Gedanken wieder um meine Zukunft und um Danny kreisen.Wir suchen unseren Platz im Flieger und meine Laune sinkt von Minute zu Minute. Warum bin ich nicht schon volljährig? Dann wäre ich sicher nicht mitgekommen. Ich möchte bei Danny sein. Als wir endlich sitzen quasselt mein Vater unaufhörlich von seinen Plänen für die neue Brücke und meine Mutter freut sich auf das ruhige stressfreie Leben. Ich hingegen drücke mir die Kopfhörer meines Mp3 - Players ins Ohr und warte auf unsere Ankunft. Die Beats trommeln in mein Ohr und das lenkt mich etwas ab. Nur etwas.

Die Anschnallzeichen leuchten auf und ich spüre die Vibration des startenden Fliegers. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Das war´s. Ich starre ins Leere und meine Gedanken schweifen wieder ab. Ich denke an meine Freunde und an das was da noch kommt. Eine neue Schule, neue Mitschüler, schon wieder. Alles wieder auf Anfang. Wie oft habe ich das schon durchgemacht? Ich dachte Washington wäre das Ende des Weges gewesen und ich würde den Rest meines Lebens da verbringen. Da habe ich mich wohl geirrt. Aber eines Tages werde ich zurück kommen. Washington ist meine Heimat. Hier war ich am längsten von allen Städten in denen wir gelebt haben. Das eine Jahr werde ich schon schaffen. Danny und ich - wir beide gehören zusammen. Es ist doch nur ein Jahr. Ich starre aus dem Fenster und sehe eigentlich nichts. Die Welt zieht an mir vorbei. Stunden später setzen wir in New Orleans auf.

„Unser neues Leben beginnt genau jetzt. Ist es nicht wunderbar?“, schwärmt meine Mutter. „Fantastisch - echt“, schnauze ich. Warum sind alle so verdammt glücklich? Es ätzt mich so an. Ich will dieses neue Leben nicht. Mein altes war völlig ok.

Bis Kenner müssen wir noch eine Weile fahren. Mein Vater nimmt seinen Firmenwagen entgegen und stopft unser Gepäck hinein. Ein riesiger Geländewagen ist jetzt unser neues Auto. Na dann…Ich knalle mein Zeug auf den Rücksitz und versuche klar zu kommen. Scheiß drauf. Wir verlassen das Flughafengelände und steuern auf den Highway Richtung Kenner. Wir halten noch einmal kurz an um uns etwas zu trinken zu holen. Dann geht es weiter. Diese Reise dauert ewig. Ich bin so müde. Ich schreibe Danny, dass ich gut angekommen bin. Er soll sich keine Sorgen machen. Ich hoffe, dass er wenigstens schöne Ferien hat. Er antwortet nicht. Ich denke er ist zum Surfen gegangen. Mit seinem 2 Jahre älteren Bruder Chad. Die beiden lieben die Sonne und er hatte sich so auf die Reise nach Florida gefreut. Eigentlich sollte ich ja mit ihm fahren. Und dann kam mein Vater mit der Nachricht des Umzugs nach Louisiana um die Ecke. Shit. In der Ferne sehe ich alles Grün. Der Fluss schlängelt sich durch die Landschaft. Ich muss zugeben, dass es hier doch sehr hübsch ist. Trotzdem , ich will nach hause.

„Wir sind gleich da“, verkündet meine Mutter. Ich sage nichts und schaue störrisch aus dem Fenster. Ich will nichts davon sehen und hören. Ich schließe die Augen und drehe die Musik lauter. Ich knalle mir Metallsongs in die Ohren und denke an das letzte Rockkonzert zurück, wo ich mit Danny war. Letztes Jahr waren wir bei AC - DC. Bisher das geilste Konzert wo ich dabei war. All das werde ich nicht mehr mit ihm erleben.Zumindest nicht in nächster Zeit. Ich habe noch Hoffnung. Abrupt bleibt der Wagen stehen. Ich öffne die Augen und sehe ein großes weißes Haus. Es ist hübsch und sicher schon etwas älter.Meine Eltern haben es sehr schön hergerichtet.Weit und breit nur Grün um uns herum. Ich nehme die Ohrstöpsel heraus und steige aus dem Wagen. Vor der Terrasse sehe ich den Mississippi. Ich höre nur die Natur und sonst nichts. Das kann ja heiter werden.

„Und? Was sagst du?“, will meine Mutter wissen. „Es ist hübsch.“ Mehr fällt mir nicht ein. Mein Vater steht schon an der Tür und schließt auf. Ich bleibe einfach stehen und versuche zu akzeptieren, dass mein altes Leben vorbei ist. Ich sehe in einigen Metern Entfernung ein baugleiches Haus. Oh, wir haben wenigstens Nachbarn. Wie schön.

„Stella, komm´ doch bitte rein. Du musst dir das ansehen.Oben ist dein Zimmer. Das mit dem kleinen Turm. Wird dir gefallen.“ „Klar“, nuschele ich in mich hinein. Ich folge meinen Eltern in das Haus. Ja es ist schön aber viel zu einsam und überhaupt…Ich stiere die Treppe an und beschließe doch, mir die Sache einmal genauer anzusehen. Eine Wahl habe ich doch eh nicht. Ich erreiche den oberen Flur. Meine Eltern poltern in der Küche herum und ich suche die Tür zu meinem neuen Reich. Die weiße Tür am Ende des Ganges wird es sein. Und schon stehe ich in meinem neuen Zimmer. Meine Eltern haben sich echt Mühe gegeben. Ein großes Himmelbett steht mitten im Zimmer. Meine Kisten mit meinen Büchern stehen schon da. Kleine weiße Kommoden stehen an den Wänden und der Knaller ist, dass das Zimmer eher achteckig als quadratisch ist. Die Höhe der Decke sagt mir, dass ich tatsächlich in diesem kleinen Turm hause. Ich lasse mich auf mein Bett fallen und starre die Decke an. Jetzt kann ich die Tränen nicht mehr aufhalten. Ich bin so einsam. Verdammte Scheiße. Es klopft an meiner Turmtür: „Stella? Darf ich rein kommen?“, fragt meine Mutter während sie die Tür schon öffnet. „Sicher Mom. Komm´ rein.“ „Alles OK bei dir?“ „Ja, schon in Ordnung. Das Zimmer ist sehr schön. Ich wünschte Chris und die anderen wären hier. Und Danny natürlich. Mom, er fehlt mir so.“ „Ich weiß Schatz. Aber es gibt sicher eine Lösung.“ „Und an was hast du da spontan gedacht? Er ist in Florida. Warum konnte Dad nicht einfach in Washington weiter arbeiten? Warum hier? Am Arsch der Welt?“ „Ach Stella. So schlimm kann es doch gar nicht sein.“ Doch, ist es wohl.“ Zärtlich streicht sie mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Danny kann wann immer er will her kommen. Und Chris und Blake. Wir haben genug Platz für all deine Freunde. Das Haus ist riesig. Du wirst dich schon noch daran gewöhnen. Am Anfang wird es noch ungewohnt sein. Aber wenn du dich hier erst auskennst und neue Leute triffst, wird es leichter. Alles wird gut. Wirst schon sehen.“ „Wenn du das sagst“, schmolle ich. Meine Mutter erhebt sich von meinem Bett. „Ist es ok für dich wenn ich kurz mit deinem Vater in die Stadt zum einkaufen fahre? Wir haben nämlich nichts zu essen hier. Und mir knurrt der Magen. Es dauert auch nicht lange.“ „Nein, alles ok. Ich werde meine Sachen auspacken und versuchen mich heimisch zu fühlen“, ätze ich sie an. Meine Mutter verlässt das Zimmer und ich schicke Chris ein Foto von diesem. Meine Eltern fahren vom Grundstück und ich bin alleine. Ich wandere durch das Haus. Es ist riesig. Keine Ahnung was meine Eltern mit diesem Haus wollen, wenn ich einmal von hier fort gehe. Es hat viele Zimmer, 6 oder 8 oder ach keine Ahnung. Alles neu gemacht. Es ist schön - das muss ich mir leider eingestehen. Echter Landcharme. Ich laufe durch die Räume ohne eigentlich etwas zu sehen. Meine Gedanken sind ganz woanders. Wieder in meinem Zimmer angekommen beginne ich meine Klamotten in den Schrank zu hängen.

Auf den Nachttisch stelle ich das Bild von Danny. Er lächelt mir direkt in mein Herz und ich beginne schon wieder zu flennen. Ich muss hier raus. Weg von ihm. Ich spähe den Flur entlang. Und dann entdecke ich etwas. Neben meinem Zimmer ist eine alte Holztür. Ich öffne sie und sehe eine steile Treppe vor mir, die hinauf zum Dachboden führt.Warum nicht?, denke ich und steige die Stufen hinauf. Oben gibt es noch eine Tür. Es ist eine abgeranzte schiefe Tür. Sieht unheimlich aus. Sie knarrt als ich sie öffne. Es ist sehr staubig hier oben und ich glaube meine Eltern fanden diesen Raum nicht so wichtig, denn hier wurde nichts renoviert. Ob sie ihn überhaupt bemerkt haben? Überall stehen alte Möbel herum, mit weißen Tüchern abgedeckt. Lauter altes Zeug. Vergilbte Tapete, ein Schaukelstuhl aus Korb und ein Spiegel mit goldenem verstaubten Rahmen. Ein dicker Riss zieht sich quer über die glatte Fläche. Alles ist voller Spinnweben. An den Wänden befinden sich Regale, voll gestopft mit Büchern. Sie sind total vollgestaubt. Aber es sind Bücher. Das finde ich Wunderbar. Hier liegt altes Spielzeug herum. Achtlos in die Ecken geworfen. Wer mag wohl hier gelebt haben? Ich male mir so einiges aus und sehe mich weiter um. Der Schaukelstuhl steht unter dem Dachfenster. Irgendwie mag ich diesen Raum, auch wenn er zur Zeit noch etwas gruselig aussieht. Das hier wird meine geheime Kammer. So viel steht fest. Ich mache es mir hier schön und flüchte mich hier hin wenn mir nach nichts der Sinn steht. Ein Paradies für mich ganz alleine. Das große Bücherregal zieht mich magisch an. Zaghaft streiche ich über die Buchrücken. Alles verstaubt und vergilbt. Die Bücher sind sicher schon sehr alt, außer einem. Es steht mitten drin und sieht beinahe neu aus. Vorsichtig ziehe ich das Exemplar aus dem Regal. Das Buchcover zeigt eine Paar. Ein blonder junger Mann mit umwerfenden blauen Augen umarmt eine hübsche dunkelhaarige junge Frau. Ich denke es handelt sich um eine Liebesgeschichte. Aber der Titel ist komisch.

< The Story >, steht auf dem Buch.Merkwürdiger Titel für eine Liebesgeschichte. Aber so wie das Cover gestaltet ist muss es eine sein. Natürlich. Schon denke ich wieder an Danny. Wir wollten zusammen bleiben. Für immer. Haha. Ich beschließe das Buch mit in mein Zimmer zu nehmen. Ich steige die Stufen hinab und schließe die Tür zur Dachkammer. Im Haus ist es ruhig. Meine Eltern kaufen sicher den halben Supermarkt leer. Ich lege mich bäuchlings auf mein Bett und beginne zu lesen:

Hi.Ich bin Colin. Colin Tanner. Mein Leben ist scheiße. Ich bin neu hier. Und meine Leben ändert sich wieder.

Da haben wir ja was gemeinsam, denke ich.

Ich bin am Ende der Welt ohne Familie, Freunde - alleine. Ich musste weg. Weg von zuhause. Sie wollen mich fangen und einsperren. Mein Leben in Chicago ist Geschichte. Es gibt keinen Weg zurück für mich. Ich bin auf mich alleine gestellt. „Amber, wo bist du? Geht es dir gut? Ich wollte das nicht. Ich liebe dich noch immer. Aber niemand glaubt mir. Du auch nicht - oder?“ Ich bin verrückt. Ich rede mit mir selbst weil ich niemanden mehr habe. Nur mich und meinen alten Vagabundenhund Hunter. Ich habe ihn unterwegs aufgelesen. Er ist mir gefolgt. Keine Ahnung warum aber ich mag den schmuddeligen Mischmasch. Ich habe ihn Hunter getauft. Passt irgendwie. Das Tier ist mein einziger Freund. Treu und loyal. Und er glaubt mir. Ich habe es nicht getan. Ich habe niemanden umgebracht. Man glaubt mir nicht. Nicht einmal meine Freundin Amber. Ich liebe sie aber ich kann nicht da bleiben. Die Beweise sprechen gegen mich. Ich bin abgehauen. Und nun lebe ich auf der Straße. Kein Weg zurück. Mein Weg war weit und bin schon ziemlich lange unterwegs. Für den Moment fühle ich mich sicher. Aber ich vermisse mein altes Leben. Ich hatte alles schon genau geplant. Mein Leben mit Amber. Ein schönes Leben auf der Sonnenseite. Und jetzt das. Verdammte Scheiße. Vor zwei Wochen bin ich in Florida angekommen. Ich bin in Fort Lauderdale untergetaucht. Weit weg von Chicago. Ich bin getrampt, vor meinem Leben davon gelaufen. Und ich habe Amber zurück gelassen.

Ich kann dich verstehen Junge. Vielleicht handelt es sich hier auch um eine Art Tagebuch. Keine Ahnung, mal sehen.

Ich habe kein Geld, keine Zukunft. Und ich will mit Amber mein Leben verbringen. Sie ist die Liebe meines Lebens. Ich hoffe, dass ich das für sie auch bin. Alles hat gepasst. Aber jetzt? Jetzt ist alles aus. Nichts passt mehr. Sie denkt ich hätte Jackson im Suff getötet. Dabei habe ich mich nur gewehrt. Jackson hat den ganzen Abend herum gestänkert. Er wollte mein Mädchen. Und ich wollte sie nicht hergeben. Da habe ich ihn geschubst und er ist böse gestürzt. „Nimm die Finger von ihr - Penner.“ „Reg´ dich ab Looser. Sie steht auf mich wie alle Mädels es tun“, hat er gesagt und mich dabei ausgelacht. Diese dämliche Drecksau. Da hab ich einfach rot gesehen und schon ging alles ganz schnell. Jackson lag am Boden. Er regte sich nicht aber er hatte noch Puls und Herzschlag. Er war nicht tot. Ich habe den Notarzt gerufen. Da lebte Jackson noch. Er ist im Krankenhaus gestorben. Aber nicht an den Verletzungen die ich ihm beigebracht habe. Man glaubt mir nicht. Zeugen haben gesehen was ich getan habe. Ich glaube dass Jackson an etwas anderem gestorben ist. Keine Ahnung. Wäre ich nicht ausgeflippt…..ach Mist. Nun sitze ich hier und mein Leben ist keines mehr. Wie komme ich jemals wieder heraus aus der Scheiße?

Das Buch scheint gut zu sein.Ich mache es mir bequem und lese weiter.

Seit vier Wochen bin ich unterwegs. Zuerst bin ich durch die Stadt gerannt. Ohne Ziel, ohne Geld. Nur mit einem kleinen Rucksack habe ich mich nachts aus dem Haus geschlichen. Keiner weiß wo ich bin. Nur mein bester Freund. Von irgendwo habe ich ihn angerufen und ihn gebeten den Mund zu halten. Ich vertraue ihm. Wir kennen uns schon ewig. Seit dem Sandkasten sozusagen. Mein Freund wird mich nicht verraten. Niemals. Irgendwann, wenn meine Weste wieder weiß ist, werde ich zurück kommen. Wir werden saufen und feiern bis wir nicht mehr können. Und ich werde Amber zurück bekommen. Es muss so sein. Ein Lächeln huscht über mein verdrecktes Gesicht wenn ich an sie denke. Sie hat so ein wunderbares Lächeln. Mein Herz hüpft jedes mal wenn ich sie sehe. Amber. Ich hoffe es geht Dir gut. Sie ist so weit weg. Sie ist da und ich? No Future. No Way. Ich bin getrampt. Bis zur Bahnlinie. Dann bin ich einfach auf den Zug gesprungen. Habe mich versteckt. Alles ist gut gegangen. Aber jetzt weiß ich nicht mehr weiter. An der Landesgrenze zu Florida habe ich Hunter gefunden. Er war genau so beschissen dran wie ich.Geschunden, halb verhungert lag er mitten auf dem Weg. Und am morgen als ich wieder da vorbei gekommen bin, lag er noch immer da. Ich gab ihm etwas von meinem spärlichen Proviant und trug ihn zum Fluss, damit er etwas trinken konnte. Armer Kerl. Seit dem begleitet er mich. Gut so. Jetzt haben wir uns. Wir kämpfen ums nackte Überleben. Wir liefen immer weiter nach Süden. Soweit uns unsere Füße getragen haben. Und jetzt bin ich hier. Ich habe mir ein Boot geklaut. Es schaukelte verlassen am Ufer herum. Niemand schien sich noch dafür zu interessieren. Da habe ich es gestohlen. Mittlerweile bin ich bis zu den Keys gekommen. Ich habe es ins Schilf geschoben, versteckt vor der Welt. Ich habe das Boot mit einer Plane bedeckt. Hier lebe ich. Hier schlafe ich. Ein altes Fischerboot, meine Wohnung ( ja ernsthaft - was ist nur aus mir und meiner glanzvollen Zukunft geworden?) Bin tief gesunken aber es muss reichen. Und für Hunter habe ich auch noch Platz. Er wärmt mich manchmal. Es ist zum Glück Sommer und ich kann die Nächte gut überstehen. Es ist schwer aber es funktioniert ganz gut bis jetzt.

Heilige Scheiße. Der Typ ist ja echt beschissen dran, denke ich und blättere um. Draußen beginnt es schon zu dämmern. Meine Eltern müssten gleich zurück sein. Ich lege mich bequem hin und ziehe mir die Decke bis ans Kinn. Ich merke nicht wie die Zeit vergeht und kann mich voll in die Story rein denken.

Die Menschen sollen mich nicht finden. Ich kämpfe ums nackte Überleben. Und ich will Gerechtigkeit. Meine Unschuld beweisen. Aber wie? Amber ist noch in Chicago. Und mein Freund Ron passt auf sie auf. Nur er weiß wo ich bin. Ich habe nur die Sachen die ich am Leib trage. Mein kleines Bündel mit einigen Habseligkeiten habe ich am Bahnhof in einem Schließfach deponiert. Ich brauche Geld, einen Job. Und mir geht es schlecht. Ich bin gerade zwanzig geworden. Wenn man mich findet, wandere ich in den Knast. Meine Fingerabdrücke waren überall. Klar, ich war ja in der Bar. Um zu trinken. Weil ich Streit mit Amber hatte. Amber und Jackson. Ich hatte sie zusammen gesehen.

„Stella - wir sind zurück. Es gibt gleich Essen.“ Ich höre die Stimme meiner Mutter weit weg. Ich will nicht gestört werden. Colins Geschichte lässt mich nicht los.

„Ok Mom. Ich komme gleich.“ Widerwillig lege ich das Buch zur Seite. Meine eigenen Bücher muss ich auch noch auspacken. Halbherzig öffne ich die Kartons. Immer wieder schiele ich zu dem Buch das auf meinem Bett liegt. Ob es eine wahre Geschichte ist? Gibt oder gab es Colin wirklich? Die Autorin des Buches kenne ich nicht. Ich habe viele Bücher aber keines wurde von dieser Autorin verfasst. Isabell Flame. Keine Ahnung.

„Stella - Essen ist fertig.“ „Jaaaa“, knurre ich vor mich hin. Kann man mich denn nicht einfach in Ruhe lassen? Ich versuche gerade halbwegs klar zu kommen und denke an Colin. Er ist viel schlechter dran als ich. „Stella - nun komm doch endlich runter. Hast du denn überhaupt keinen Hunger?“ „Ja Mom.“ Hunger hab ich schon. Aber ich will weiter lesen. Nutzt nichts. Meine Mutter gibt nie auf. Ich stapfe die Treppe herab und finde meine Eltern schon am Tisch sitzend. „Was machst du da oben?“ „Ich packe aus. Habt ihr die Dachkammer noch nicht entdeckt?“ „Doch - aber wir hielten es für unwichtig. Das können wir ja immer noch machen. Warum?“ „Nur so. Ich habe mich da mal umgesehen und wundervolle Bücher entdeckt.“ „Oh.“ „Was denn für Bücher?“, fragt mein Vater. „Keine Ahnung. Aber ich werde sie lesen. Was soll ich hier auch machen?“ „Wenn du meinst Kind.“ Schweigend sitzen wir am Tisch und hängen unseren Gedanken nach. Ich muss wissen wie es mit Colin weiter geht. Schnell schaufele ich das Essen in mich hinein, denn ich will schnell in mein Zimmer zurück, um zu lesen. Da klingelt es an der Tür. „Oh - wer ist das denn? Ich kenne hier niemanden - du Peter?“ „Nein Marny. Ich sehe mal nach.“ Mein Vater steht auf und öffnet die Tür. „Hallo. Sie sind neu hier eingezogen? Ich bin Ken. Ken Durban, meine Frau Fran, und das sind Dylan und Darcy, unsere Kinder. Wir wohnen gleich neben ihnen und wollten sie nur herzlich willkommen heißen. Hier ist Brot und Salz. Das soll ihnen und ihrer Familie Glück im neuen Heim bringen.“ „Oh. Das ist aber nett. Wir sind die Freemans. Bitte möchten sie herein kommen? Meine Familie ist drinnen beim Essen.“ „Gerne Mr. Freeman“, höre ich den Nachbarn sagen. Oh man. Auch das noch. Smalltalk mit den Landeiern. Dazu habe ich keine Lust. Und schon steht mein Vater mit der ganzen Nachbarfamilie im Schlepptau in der Tür. Meine Mutter erhebt sich von ihrem Stuhl um den Nachbarn die Hand zu reichen. Ich sehe verstohlen von meinem Teller auf und starre die Leute heimlich an. Wow. Dieser Dylan ist schon eine Sahneschnitte. Er hat dunkles, kurz geschnittenes, verstrubbeltes Haar, das ihm in die Augen fällt. Seine Schwester sieht fast genau so aus. Aber ich denke sie ist in meinem Alter, während Dylan sicher schon knapp 20 ist.

„Stella. Bitte sei doch nicht so unhöflich.“ „Entschuldige Dad.“ Ich reiße mich von Dylans hübschem Gesicht los und reiche allen nach der Reihe die Hand. Dylan hält meine Hand etwas länger fest. Irgendwie wird mir gerade total warm. Die Männer verstehen sich sofort, meine Mutter erklärt gerade warum wir hier sind und ich kann mich nicht von Dylan losreißen.

„Dann kommst du zu mir auf die Schule“, sagt Darcy gerade. „Ähm, ja vermutlich.“ „Cool. Mein Bruder war auch da. Aber jetzt muss er sich einen Job suchen. Stimmts Dylan?“ „Ich glaube das will hier niemand wissen, Darcy.“

Warum muss er mich so ansehen? Seine Augen sind der Hammer. Wahnsinn. Dann fragt ihn Ken etwas und Dylan dreht sich von mir weg. Trotzdem muss ich ihn ansehen. Seine Lippen sind voll, seine Haut so braun und die Augen so blau. Und er ist groß. Ziemlich groß sogar. Ich frage mich was ich gerade hier mache. Ich spüre mein Handy in der Gesäßtasche. Ich muss jetzt hier weg. Danny anrufen.

„Bitte entschuldigen Sie mich. Ich muss kurz telefonieren.“ „Stella. Du kannst doch nicht….“ „Bin gleich wieder da.“ Ich muss hier weg. Dylan macht mich irgendwie nervös. Ich renne fast in mein Zimmer. Ich sehe auf die Uhr. Es ist schon spät. Danny wird jetzt sicher vom surfen zurück sein. Ich werde ihn anrufen. Unten höre ich Dylans Stimme. Sie ist dunkel und männlich. Er lacht über etwas das sein Vater gerade gesagt hat. Es tutet im Ohr. „Danny! Wie geht es dir?“ „Bin gerade zurück. Wir waren am Strand. Bist du gut angekommen? Du fehlst mir.“ „Frag mich mal.“ Ich erzähle ihm von meinem Tag und mein Herz zieht sich zusammen. „Ich liebe dich. Ich rufe dich morgen wieder an.“ Als Danny auflegt bleibe ich einfach auf meinem Bett liegen. Die Durbans sind noch immer da. Ich will jetzt nicht reden. Dieser Dylan bringt mich irgendwie aus dem Konzept. Neben mir liegt das Buch. Mit dem Cover nach oben, aufgeklappt, mit der Schrift nach unten. Ich habe das Gefühl dass es mich magisch anzieht. Das Bild des vermeintlichen Colin und seiner Freundin Amber ist schön. Und ich will seine Geschichte kennen. Irgendwie kommt er mir wie ein Leidensgenosse vor. Er ist einsam. So wie ich. Noch immer höre ich Stimmen aus dem Esszimmer.

„Stella?“ Ich verhalte mich ruhig. „Stella!“ „Marny - lass sie. Ich denke sie braucht Ruhe. Es ist viel für sie.“ Da hat mein Vater Recht. Lasst mich alle in Ruhe. Mein Leben und das von Colin sind einfach Scheiße. Ich nehme das Buch und verschwinde wieder in Colins Geschichte:

Jackson hatte seinen Arm um sie gelegt. Und ich habe es gesehen. Am Tag als ich von meiner Großmutter kam. Ich stand an der Ampel und sah Amber Arm in Arm mit ihm von meinem Auto aus. Da bin ich sauer geworden. Und am nächsten Tag habe ich Klartext gesprochen. Amber und ich gehören zusammen. Und Jackson ist ein arrogantes Arschloch gewesen. Teamchef der Footballmannschaft der Schule, Mitglied eines Boxclubs, steinreich. Und ich bin der Sohn eines Bürokaufmanns. Nicht reich. Aber ich liebe dieses Mädchen. Und ich wollte versuchen ihr alles zu geben. Doch anscheinend bin ich nicht genug. Und jetzt sitze ich hier und denke nach wie ich den nächsten Tag überlebe. Ich bin auf der Flucht, obwohl es keinen Grund dazu gibt.

Irgendwie fühle ich mit ihm. Es ist ja nur eine Geschichte. Aber sie fesselt mich.Unten machen sich die Nachbarn auf den Heimweg. Ich lege das Buch weg und stelle mich ans Fenster. Heimlich hinter der Gardine erhasche ich noch einen Blick auf Dylan. Oh man, sein Körper ist echt eine Sünde wert. Und überhaupt sieht er einfach…… fantastisch aus. Ich sehe wie er sich umdreht und direkt in mein Fenster starrt. Oh man - mein Herz schlägt schneller. Ich habe keine Ahnung was mit mir los ist. Schließlich bin ich heute erst hier angekommen. Und eben noch habe ich mit Danny telefoniert. Ich hoffe, dass unsere Liebe länger hält. Aber ich glaube es nicht. Mein Vater hat mir mein Leben versaut. Noch immer sehe ich mit klopfendem Herzen Dylan hinterher, der gerade durch unser Gartentor geht. Sein Haus befindet sich 20 Meter neben unserem. Und es sieht genau gleich aus. Seine Familie ist schon im Haus und Dylan schaut zu uns herüber. Ich denke ich werde jetzt zu Bett gehen. Meine Gedanken sind bei Danny. Da sollten sie zumindest sein. Ich liege im Bett und höre meine Eltern unten über die Durbans reden.

„Scheinen echt nette Leute zu sein“, sagt mein Vater. „Ja, und vor allem haben sie Kinder in Stellas Alter. Sie wird sicher bald neue Freunde finden. Die ersten paar Tage sind noch neu aber danach wird sie sich hier sicher wohl fühlen“, antwortet meine Mutter. Die Stimmen meiner Eltern entfernen sich immer weiter. Dann übermannt mich der Schlaf. Ich träume von…. Colin? Ähm…da stimmt doch was nicht mit mir. Ich wache erschrocken auf. Diese Person ist eine fiktive Person. Also sollte ich mich beruhigen. Ich schleiche zum Fenster. Im Nachbarhaus brennt noch Licht. Dann sehe ich einen nackten Oberkörper am Fenster entlang gehen. Dylan. Oh man. Sein Oberkörper bringt mich völlig durcheinander. Und diese schwarzen langen Linien, die sich über seine Brust ziehen. War mir vorhin nicht aufgefallen. Naja - da hatte er auch ein T-Shirt drüber. Nervös kaue ich auf meiner Unterlippe herum. Ich bin todmüde aber etwas hält mich vom schlafen ab. Der Typ im Nachbarhaus und dieses verflixte Buch. Es ist schon zwei Uhr nachts. Und ich wälze mich nervös umher. Drüben brennt noch immer Licht. Was treibt der denn so spät noch? Ich versuche der Versuchung zu unterliegen hinüber zu starren. Statt dessen nehme ich das Buch noch einmal an mich:

Hunter und ich haben die kalte Nacht überstanden. Es ist ziemlich windig heute. Die Sonne steht zwar schon sehr hoch aber mir ist noch immer kalt. „Na alter Junge - gut geschlafen?“ Hunter schaut mich an und ich kraule ihm sein verfilztes Köpfchen. „Lass uns schauen wo es was zu essen für uns gibt. Ich lasse dich nicht hängen.“ Hunter drückt sich fest an mich und ich bin froh nicht alleine zu sein. Ich gehe in die Stadt, besser gesagt ich schleiche mich an. Ich habe Hunger. Ich werde mir auf dem Markt etwas stehlen. Was soll ich denn machen? Hunter und ich, wir haben solchen Hunger. Drüben ist der alte Metzgerstand. Vielleicht kann ich was für den Hund bekommen. Super, der Metzger stellt den Müll raus. Sicher finde ich für Hunter einen Knochen. Wir hocken uns hinter einen Busch und warten den richtigen Moment ab. „Pssst. Hunter - pass´ auf. Ich hol dir was. Warte hier.“ Das Tier beobachtet mich genau und duckt sich. Er versteht mich wirklich. Ich schleiche mich in die Nähe der Mülltonnen. Hoffentlich bemerkt mich keiner. Ich kann echt keinen Ärger mehr gebrauchen. Davon habe ich wahrhaftig schon genug. Schon habe ich was für Hunter organisiert. Ein dicker Knochen und ein Stück Wurst. Ich eile zurück zu meinem einzigen Freund und bin froh, wenigstens etwas für ihn zu essen zu haben. Freundlich mit dem Schwanz wedelnd kommt er mir entgegen. Wir verschwinden in eine Ecke. Hinter dem Busch kann Hunter seine Mahlzeit genießen.

Oh man. Das ist doch Wahnsinn.Irgendwie glaube ich nicht, dass Colin böse ist. Sonst wäre ihm doch der Hund egal. Ich spüre wie sich meine Augen mit Wasser füllen wollen. Die beiden tun mir so leid. Ich ziehe meine Beine eng an meinen Körper und verschwinde wieder tief in Colins Geschichte.

Ich erreiche den äußersten Stand des Marktes. Der Typ am Apfelsinentisch ist beschäftigt. Hunter kommt hervor und zeigt sich von seiner besten Seite. Er legt sich auf die Seite, genau vor die Füße einer jungen Frau und sieht niedlich aus. Sehr gut. Kluger Hund. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Die des Obstverkäufers auch. Meine Chance. In einem Leinenbeutel verstecke ich einige Äpfel und Bananen. Dann verschwinde ich wieder. Als ich außer Sichtweite bin kommt Hunter hinterher. „Du bist der Hammer“, sage ich zu Hunter und kraule ihm den zerzausten Kopf. Wir gehen zügig weiter, stadtauswärts. Ich brauche noch was zu trinken. Hinter der Kneipe stehen Bierkästen, die noch nicht in den Laden geräumt wurden. Ich lasse einfach zwei Flaschen Bier und eine alte Schüssel mitgehen. Dann suche ich das Weite. Ich krieche unter meine Plane in mein Wohnboot. „Hier alter Freund. Wasser für dich“, sage ich zu Hunter und fülle die alte Schüssel mit dem kühlen Nass. Es ist jämmerlich. Was ist aus mir geworden? Ich hatte so viel vor. Wollte irgendwas mit Computern machen. Das kann ich gut aber jetzt ist alles vorbei. Ich werde elend verrecken oder in einer Scheiß Zelle verrotten. Und ich werde alleine sein. Ich mache mir Sorgen um Amber. Ich kann sie nicht anrufen. Mein Handy ist weg. Ich habe es verloren als ich auf den Zug aufgesprungen bin. Ich muss mein Leben in den Griff kriegen. Meinen Eltern brauche ich nicht mehr unter die Augen zu treten. Sie denken ich bin ein Mörder. Man muss sich das mal vorstellen. Ich bin zwanzig Jahre alt und mein Leben ist schon im Arsch.

Es treibt mir jetzt doch die Tränen in die Augen. Ich kann Colin da voll verstehen. Ich schaffe es heute nicht mehr weiter zu lesen. Meine Augen werden schwer. Ich bin schon so lange auf den Beinen. Ich habe viel Zeit in den nächsten Tagen. Ich schalte die Nachttischlampe aus und drücke mich tief in mein Kissen. Im Nachbarhaus ist es jetzt auch dunkel. Mal sehen was der morgige Tag so bringt.

In der Küche lärmen meine Eltern herum. Oh man - es ist fast Mittag. Schöne Scheiße. Ich habe beschissen geschlafen. Trotzdem sollte ich mal runter gehen und mit meinen Eltern reden. Vielleicht sieht die Welt heute ja tatsächlich schon besser aus.

„Guten morgen Stella. Geht es dir heute besser?“ „Ja - entschuldigt wegen gestern. Ich wollte nicht unhöflich sein. Ich war einfach nur müde. War alles zu viel für einen Tag.“ „Das verstehen wir doch - nicht wahr Peter?“ „Sicher Schatz“, meint mein Vater und stiert wieder in seine Zeitung. Sein anstehendes Projekt wird groß darin erwähnt. Keine Ahnung wie lange der Bau dieser Brücke dauert und ob wir nun hier am Ende des Weges sind. Wer weiß ob wir nicht in zwei oder drei Jahren schon wieder umziehen. Mir egal. Da mache ich eh nicht mehr mit. Bis dahin habe ich sicher schon Danny geheiratet. Oder nicht? Ich stopfe schnell etwas Müsli in mich hinein. Dann will ich los. „Was hast du vor Kind?“ „Ich geh´ raus. Die Sonne scheint.“ „Aber bleib´ in der Nähe, hörst du?“ „Mom, ich bin nicht mehr 5 ok“ „Schon gut - viel Spaß“ „Hm.“ Es ist ein schöner Tag und ich denke ich sollte meine neue Heimat etwas erkunden. Das Buch nehme ich mit. Vielleicht kann ich mich ja in die Sonne unten an den Fluss setzen und Colins Geschichte weiter lesen. „Wo willst du denn hin Stella?“ Meine Mutter kommt mir hinterher. „Zum Flussufer. Ich versuche ein wenig die Gegend zu erkunden. Schließlich muss ich in drei Wochen zur Schule und ich habe noch immer keine Ahnung wie ich da hin kommen soll.“ „Darcy zeigt es dir sicher. Oder Dylan. Geh´ doch mal rüber zu ihnen.“ „Nein danke.“ „Aber Stella….“ „Bis später Mom.“ Ich trete aus dem Haus und schaue in die Ferne. Ich muss das erst alles auf mich wirken lassen. Ich kann hier nicht weg. Also sollte ich das Beste daraus machen. Ich habe eine Decke und ein Handtuch dabei. Und das Buch. Es wird ein schöner Tag. Ganz bestimmt. Ich erreiche bald darauf das Flussufer. Vögel tummeln sich hier herum. Das Wasser fließt ruhig und ein leiser Wind weht mir mein Haar ins Gesicht. Da hinten unter dem Baum werde ich es mir gemütlich machen. Ich breite meine Decke aus. Es ist warm heute.

Ich kann das Oberteil wohl ausziehen und es mir im Bikini bequem machen. Ich habe meinen Mp3- Player dabei. Und ich kann Dannys und meine Lieblingssongs hören, in Erinnerungen schwelgen. Die Sehnsucht nach ihm ist gerade sehr groß. Ich schließe meine Augen, lege mich auf meine Decke und lausche der Musik.< I´ll be there for you >, von Bon Jovi dringt in mein Ohr. Und ich sehe Danny vor mir. Ja, wir wollten immer füreinander da sein. In den Herbstferien könnte ich ihn wieder sehen. Das dauert ja noch ewig. Ich konzentriere mich auf das Lied und nehme nur ganz wage ein Platschen im Fluss wahr. Dann erreichen mich plötzlich eiskalte Wassertropfen. Mitten auf meinen Bauch. Erschrocken öffne ich die Augen. Dylan. Er steht grinsend neben meinem Liegeplatz und schüttelt sich wie ein Hund. Sofort rappele ich mich auf und starre ihn nur an. „Hey Stella. Du erinnerst dich noch? Ich bins Dylan, von nebenan.“ Er grinst mich frech an während das Wasser von seinem Körper abperlt. „Klar. Hallo Dylan. Was machst du hier?“ „Ich war schwimmen. Im Fluss. Und da habe ich dich hier gesehen. Und was machst du hier?“ „Ähm - nichts. Ich höre Musik und versuche mit meinem Leben klar zu kommen.“ „Aha.“ „Was aha?“ „Nur so. Lass mal hören.“ Er reißt mir die Kopfhörer aus der Hand und steckt sie in seine Ohren. „Bon Jovi. Hast einen guten Geschmack. Die mag ich auch.“ „Ach!“ „Ja tatsächlich. Coole Typen. Ich war mal in Chicago bei einem Konzert von ihnen. War echt cool.“ „Chicago? Wegen eines Konzerts? Alle Achtung. Ist doch ziemlich weit weg von hier.“ „Ja. Ich habe Familie dort. Meinen Onkel. Manchmal penne ich da für ein paar Tage.“ „Oh.“ „Und was liest du da?“ Er versucht mir das Buch aus der Hand zu nehmen, was ich aber zu verhindern weiß. Ganz schön frech dieser Kerl. „Hey - was soll das?“ „Nun zeig´ schon.“ „Nein“ „Wo hast du das überhaupt her? Hab ich noch nie gesehen.“ „Wie solltest du auch? Hab ich auf dem alten Dachboden in unserem Haus gefunden. Scheint gut zu sein.“ „Bei Euch - im Haus? Oh!“ „Warum?“ „Nur so. Hat ewig niemand mehr gewohnt. Das Haus stand lange leer. Ich dachte man nimmt seine Sachen mit wenn man umzieht.“

„Aha.“ Ich schweige lieber und starre ihn verstohlen an. Worüber soll ich mich auch mit ihm unterhalten? Ich kenne ihn doch gar nicht. Schweigend starren wir eine Weile aufs Wasser. Dann lege ich mich zurück und schließe die Augen. Die Sonne brennt. Superwetter. Herrlich. Und Dylan so nah bedeutet 10° mehr als sowieso schon. Plötzlich rennt er einfach los zum Flussufer. Ich vernehme ein Platschen und sehe in die Richtung aus der das Geräusch kam. „Komm´ doch auch rein. Es ist herrlich. Ich liebe den Mississippi.“ „Lieber nicht.“ „Feigling.“ „Hey Vorsicht.“ „Haha.“ Ich widme mich wieder meinem Buch, doch da steht er schon wieder neben der Decke und schaut mich an. „Was?“ „Ich lese auch manchmal. Aber nur im Winter. Jetzt bin ich lieber draußen. Bin ein Naturbursche weißt du?“ Oh ganz sicher bei diesem Körper. Heiliger Bimbam. „Darf ich mich zu dir setzen?“, höre ich seine Stimme von ganz weit hinten in meinem Kopf. Irgendwie bin ich gerade nicht bei der Sache. Ohne eine Antwort abzuwarten, sitzt er auch schon neben mir auf meiner Decke. Mein Herz rast schon wieder. Dieser Typ sieht aber auch gefährlich gut aus. Ein heißes Eisen, würde Chris jetzt verlauten lassen. Und mein Herz wird etwas schwerer wenn ich an meine beste Freundin denke. „Was ist los mit dir? Du bist ja so still. Bin ich dir etwa unangenehm?“ Er grinst schon wieder und ich stelle fest, dass er sehr schöne Zähne hat. „Nein, ist schon ok“, stammele ich. Dann schweige ich lieber wieder. Ich möchte nicht irgendwas doofes von mir geben. Dann schnappt sich Dylan doch noch mein Buch und beginnt darin zu lesen. „The Story? Hmmm. Worum geht es?“ „Ey. Hallo. Gib her.“ „Nein. Ich bin neugierig was dich so fesselt.“ „Ist sicher nicht dein Thema“, sage ich. „Oh - keine Ahnung. Ich bin für alles offen. Auch für Schnulzen.“ „Ich denke nicht, dass es eine Schnulze ist. Ich mag den Typen. Irgendwie ist er wie ich.“ „Warum?“ „Weil wir beide alles verloren haben was wir lieben. Wir sind einsam.“ „Oh, das glaube ich nicht. Ich bin doch da. Und ich glaube wir könnten eine Menge Spaß miteinander haben.“ Wie meint er das denn nun wieder? „Wir werden sehen.“ Ich muss jetzt meine schrägen Gedanken bezüglich des erwähnten Spaßes mit ihm aus meinem Kopf bekommen. Deshalb frage ich ihn über die Schule aus und rede über alles mögliche mit ihm. Er ist ein fröhlicher ulkiger Typ. Ich erfahre einiges aus seinem Leben, von seiner Familie und er erzählt mir etwas über Kenner. „Eigentlich ist es hier gar nicht so schlecht. O.K. - es ist nicht Washington aber man kann auch hier eine Menge coole Dinge tun.“ „Ich weiß nicht so recht was meine Eltern ausgerechnet hier her verschlagen hat. Nichts für Ungut. Nicht persönlich nehmen. Es ist nur….ach egal. Mein Vater hätte sicher auch woanders seine blöde Brücke bauen können.“ „Du wirst dich schon noch an das Landleben gewöhnen.“ Dylan lehnt sich zurück und hält sein Gesicht in die Sonne. Er hat schöne lange dichte Wimpern für einen Mann. Seine Augen sind leicht geschlossen und ich kann nicht damit aufhören ihn anzustarren. Jetzt kann ich die schwarzen Linien bestaunen, die sich von seiner rechten Brust abwärts bis in die gefährlichen Regionen ziehen. Ich sehe, dass es Flammen sind und ein schwarzer dunkler Reiter hindurch reitet. Ein düsteres Bild aber wunderschön.

„Ein herrlicher Tag, findest du nicht?“, sagt Dylan mit ganz verträumter Stimme. „Ja - da hast du Recht“, antworte ich schnell. Hoffentlich hat er mein Geglotze nicht bemerkt. „Bist du oft hier am Fluss?“, frage ich und versuche meine Nervosität zu überspielen. „Ja - im Sommer den ganzen Tag. Ich liebe die Sonne und die Natur. Es ist so friedlich hier. Und wie gefällt die dein neues Zuhause?“ Er blinzelt mich mit einem Auge von der Seite an und ich stelle fest, dass er nicht nur super aussieht, sondern auch noch extrem nett zu mir ist. Und wer hätte das gedacht; es gibt tatsächlich Muskelmänner, die auch noch klug sind. „Ich weiß es nicht. Bin ja kaum erst hier. Ich habe noch nicht so viel gesehen.“ „Das können wir ändern. Nur wenn du willst natürlich. Ich zeige dir gern wo hier was los ist und vieles mehr.“ Er grinst mich an und ich denke, dass er ganz ok ist. Trotzdem habe ich das Gefühl, Danny zu betrügen wenn ich hier so mit Dylan sitze. Deshalb werde ich jetzt besser gehen. „Tut mir leid Dylan. Ich muss los. Wir sehen uns sicher noch.“ Etwas enttäuscht erhebt er sich von meiner Decke und sagt: „Das ist aber schade. Wo wir uns doch gerade so nett unterhalten haben. Aber wenn es so ist wie es ist, sicher. Wir sehen uns.“ Dann springt er einfach in den Mississippi und lässt mich stehen. Ich raffe meine Klamotten zusammen und trete den Heimweg an. Ich denke an Dylan, an Danny und sogar an Colin. Bin ich noch normal?

„Da bist du ja. Ich habe dich mit Dylan am Fluss gesehen. Er scheint nett zu sein.“ Meine Mutter lächelt mich geheimnisvoll an. „Ja - er ist ganz ok. Wenigstens jemand in meinem Alter, mit dem ich mich mal unterhalten kann. Diese Einöde ist einfach….ach vergiss es.“ „Stella….“ Ich lasse meine Mutter einfach stehen und verschwinde in mein Zimmer. Das Buch lauert mich aus meiner Strandtasche an. „Ach Colin, du würdest mich verstehen“, sage ich zu mir und zu einer Romanfigur. Ich bin echt daneben gerade. Jetzt liege ich schon wieder hier und verschwinde in Colins erfundenem Leben.

Ich lese weiter:

Ich schäle meine geklauten Bananen und saufe mein Bier. Es geht mir scheiße. Hunter liegt eng an mich gedrückt. Sein Fell ist warm und sein gleichmäßiges Atmen beruhigt mich. Ich habe doch nur ihn. Ich wickele meine Jacke fest um mich und versuche etwas Schlaf zu finden. Mir muss unbedingt etwas einfallen. Wie soll ich bloß aus dieser Misere raus kommen? Es ist unbequem und kalt hier. Aber immerhin habe ich ein Dach über dem Kopf. Meine Glieder schmerzen und meine Gedanken driften ab zu jenem Tag an dem alles begann. Hunter schreckt hoch und lauscht. Da sind Schritte in der Nähe. Ich drücke den Hund an mich und rege mich nicht. Ich halte das Tier ganz fest und deute ihm leise zu sein. Alles aus. Ich bin tot. Die Schritte kommen näher und näher. Ich höre das Laden einer Waffe. Es knallt regelrecht in meinen Ohren. Oh man - ich habe Schiss. Das ist die Wahrheit. „Hey du. Ich weiß, dass du da bist. Ich habe gesehen wie du geklaut hast. Ich bin dir gefolgt. Komm da raus.“ Wer ist denn das? Ich war mir so sicher, dass uns niemand gesehen hat. Ruhig bleiben. Scheiße. Was soll ich nur tun? Mich ergeben? Mich ruhig verhalten? Wer ist da hinter mir her? Ich habe doch nichts böses getan. Ich habe nur Hunger und keine Kohle. „Komm da raus du Brut der Hölle. Mach schon. Ich warte. Ich werde dir dein Hirn raus pusten.“ Mein Herz hängt mir in den Schuhen. Warum ist mein Leben so kompliziert? Es nützt nichts. Ich bin doch sowieso geliefert. Wenigstens habe ich ein richtiges Bett im Knast. Ich krieche unter der Plane hervor. Hunter knurrt den Typen bedrohlich an. „Schon gut Junge. Der Herr macht nur seinen Job.“ Ich nehme Hunter an seinem Halsband und halte ihn zurück. Wenn das Tier den Typen auch noch beißt bin ich erst recht tot. „Mr.Es tut mir leid. Bitte entschuldigen sie. Ich werde es bezahlen. Bitte geben sie mir eine Chance.“ Ich komme jetzt ganz unter der Plane hervor. „Du schon wieder, Bürschchen. Ich habe dich schon öfter im Dorf gesehen. Wer bist du und warum bist du nicht bei deinen Eltern? „Weil ich keine mehr habe“, lüge ich. Ich will meine Eltern da nicht mit rein ziehen. „Hebe deine Hände. So dass ich sie sehen kann. Und jetzt komm näher.“ Die Flinte, die der Typ in der Hand hält, zeigt direkt auf meine Brust. Ich will nicht sterben wegen ein paar dummen Früchte. Hunter knurrt noch immer. „Bitte tun sie uns nichts. Mein Hund will mir nur helfen.“ „Diese elende Straßentöle. Treibt sich schon seit Wochen hier rum. Hat sicher Davids Hühner gerissen was?“ „Nein - ich…. Ich habe welche gestohlen“, lüge ich um Hunter zu retten. Er darf meinen Freund nicht töten. „So ist das also. Hab ich ja einen dicken Fisch gefangen.“ „Bitte. Ich werde es bezahlen, abarbeiten“, flehe ich. „Geben sie mir eine Chance Mister.“ Ich komme mir vor wie ein erbärmlicher Jammerlappen, aber ich habe Todesangst. Er wird mich töten und ich werde Amber nie wieder sehen. „Los geh voran. Lass die Hände oben. Ich werde sehen was ich für dich tun kann. Ich stolpere vor ihm her und denke nur an Amber. Was ist da passiert mit uns? Wir haben uns geliebt. Und ich liebe sie noch immer. Das kann nicht alles gewesen sein. Der Typ schubst mich vor sich her und sein Gewehr drückt mir brutal in die Schulterblätter. Hunter quetscht sich an mich. Wir erreichen den Stadtrand. Scheiße - das Büro des Sheriffs. Der Typ schubst mich zur Tür hinein. „Ich hab ihn gefunden, diesen kleinen Tagedieb. Was soll ich mit ihm machen?“ „Hinten in der Ecke ist noch eine Zelle frei. Er wird einige Tage hier bleiben. Ich werde mich schon um ihn kümmern Dalton.“ „Was? Warum?“ „Weil Verbrecher eingesperrt gehören. So einfach ist das. Und jetzt rein da.“ Unsanft schiebt mich der blöde Bulle in den kleine Käfig. Hunter muss draußen bleiben. Er bellt und jault Herz zerreißend. Schon lande ich unsanft auf dem Betonboden der Zelle. Schöne Scheiße. Das hätte ich auch in Chicago haben können. Langsam rappele ich mich wieder auf. „Wo ist mein Hund?“ „Tiere haben hier nichts zu suchen. Und jetzt halt´s Maul.“ „Hunter. Komm her mein Junge.“ „Nix da. Raus mit dir. Dreckiges Mistvieh.“ Der Typ schiebt den Hund hinaus. Das können die doch nicht machen. Ich höre das Tier vor dem Gitterfenster winseln. Sie dürfen ihm nichts antun. Ich werfe mich auf die unbequeme Pritsche und starre an die Decke. Mein Leben ist so verkorkst.

Oh man. Die Geschichte ist echt …traurig. Ach könnte ich ihm nur helfen. Ich weiß, dass er kein schlechter Mensch ist. Stella - es ist nur ein Buch. Ich muss mich selbst in den Hintern treten. Wie kann ich mich nur so in einer Geschichte verlieren während ein Haus weiter der geilste Typ im Ort wohnt und wo ich noch immer an Danny hänge. Oder tue ich das etwa nicht? Mir fällt auf, dass er sich nie bei mir meldet. ICH rufe ihn immer an. Er schreibt mir nicht mehr. Naja - er hat halt Spaß im Urlaub. Wenn die Schule wieder beginnt, werden wir sicher jeden Abend telefonieren. Ich habe Hunger. Als ich in der Küche ankomme liegt da nur ein Zettel. Meine Eltern sind mal wieder unterwegs. Meine Mutter braucht ein Auto. Und das wollen sie heute kaufen. Die Redaktion, in der sie bald anfängt, liegt etwas außerhalb von Kenner. Und da kommt sie mit dem Bus nicht hin. Also bleibe ich wieder alleine in dieser verdammten Bude. Ich nehme mir einen Joghurt und einen Apfel mit in mein Zimmer und lese weiter:

„Wie heißt du Junge? Woher kommst du?“ „Colin. Colin Tanner. Ich komme aus Chicago. Warum wollen sie das wissen?“ „Weil ich gerne informiert bin, wer in meinen Zellen haust. Also - was ist dein Problem Junge? Bist du abgehauen oder was?“ „Ja.“ „Wie alt bist du Junge.“ „Zwanzig. Und nennen sie mich nicht immer Junge. Mann.“ „Hey hey, nicht so bissig kleiner. Hier herrscht Ordnung und wir sind es gewohnt unsere Waren zu bezahlen. In Chicago läuft das wohl anders was?“ „Ich werde es bezahlen. Ich brauche aber einen Job. Wenn ich hier fest sitze wird nichts daraus, mir einen zu suchen.“ „Das sehe ich genau so. Weißt du - irgendwie glaube ich dir.“ „Schön. Und was jetzt?“ „Ich kann dir eventuell was auf dem Bau verschaffen. Im Knast wird die Außenmauer erneuert. Und falls du doch auf dunkle Gedanken kommen solltest, bist du gleich an der richtigen Adresse. Wie ist das?“ „Ich bin dort als Arbeiter, richtig?“ „Ja Junge. Deine Chance - die EINZIGE. Weil ich glaube, dass du ein guter Kerl bist.“ „Ok. Bin dabei. Aber darf ich sie um einen kleinen Gefallen bitten?“ „Was hast du vor Junge?“ „Mein Hund. Hunter. Können sie ihn zu mir bringen?“ Der Typ kratzt sich am Kinn und guckt mich blöde an. „Nun ja, eigentlich….“ „Es ist doch nur ein Hund. Bitte. Ich mach auch alles was sie verlangen.“ „Ok. Aber die Sache mit dem Job steht!“ „Ja Sir. Und….danke.“ „Schon gut. Dann hole ich dich morgen früh ab. Wir können um zehn vor Ort sein. Mit 5 Dollar die Stunde wirst du zwar nicht reich aber es reicht deine Schulden auf dem Markt zu bezahlen. Danach wirst du das gestohlene Boot abarbeiten. Haben wir uns verstanden?“ „Klar Sir.“ Er lässt Hunter in die Zelle und es geht mir etwas besser.

Was? Mit 5 Dollar soll er auskommen? Ich würde dir Geld leihen. Du könntest hier bleiben. Ich würde dir helfen. Ich glaube an dich Colin. „Mit wem redest du Stella?“ „Was? Ich …nein ist nur das Fernsehen.“ „Ich dachte Dylan sei bei dir. Entschuldige.“ „Kein Problem Mom.“ Was zum Teufel ist nur mit mir los? Ich rede mit einer Figur aus einem Buch. Oh man. Dieses Nest nagt echt an meinem Verstand.

Ich schließe meine Augen. Ich brauche Hilfe. Gedanken verloren streichele ich über Hunters verfilztes Fell. Wie lange soll das noch so weiter gehen? Es muss für mich doch wieder hell werden da draußen. Ich rechne mir aus wie lange ich schuften muss um alles zu begleichen. Ich denke ich werde eine Weile hier fest sitzen. Aber ich werde es machen. Was bleibt mir übrig? Vielleicht kehre ich auch nach Chicago zurück. Vielleicht kann ich mit Amber reden. Ich hoffe sie liebt mich noch immer so wie ich sie liebe.

„Sie muss. Ich würde es tun“, schluchze ich. „Was würdest du tun?“ Ich zucke zusammen. Was war das denn für eine Stimme? Als ich meinen Kopf vom Buch hebe sehe ich…. „Dylan? Wie kommst du denn hier her?“ „Deine Mutter hat mich herein gelassen. Sie meinte du brauchst mal jemanden zum reden. Und wie ich das sehe, stimmt das wohl.“ Er grinst mich amüsiert an, während sich mein Gesicht rosa färbt. Habe ich gerade tatsächlich mit einem Buch gesprochen? „Ich, ach nichts. Ich habe …ich meine. Vergiss es ok?“ „Klar. Wollen wir zusammen etwas unternehmen oder möchtest du lieber wieder in dein Buch kriechen?“ „Ich…naja. Ich meine… Was möchtest du denn machen?“ „Keine Ahnung. Dich auf andere Gedanken bringen vielleicht.“ „Und wie wäre da der Plan?“ „Nun es gibt so eine Erfindung, die sich Kino nennt oder eine andere nennt sich Eisdiele - was auch immer. Das gibt es sogar hier auf dem Land. Wer hätte das gedacht?“ Dylan grinst mich frech an. „Nun? Hast du Lust?“ Warum nicht? - denke ich. Hab doch eh nichts besseres zu tun. „Ok. Gerne“, stammele ich. Zögerlich nehme ich Dylans Hand, die er mir hin hält. Mein Herz ist schon wieder nach unten unterwegs. „Ist es weit von hier? „Nein - ca.15 Minuten mit dem Auto.“ „Hast du denn eins?“ „Was? Ein Auto? Logo. Mein guter alter Jeep wird uns ans Ziel bringen.“ „Okay“, bringe ich hervor. „Viel Spaß euch beiden“, ruft meine Mutter aus der Küche. Verdammt. Muss sie denn alles mitkriegen? „Haben wir. Ciao Mum.“ Wir steigen in Dylans knallgelben Wrangler Jeep. „Wo fahren wir hin?“ „Ins Zentrum. Uns fällt da sicher was ein. Bock auf Kino?“ „Was läuft denn?“ „Keine Ahnung. Lass uns einfach mal schauen ok?“ „Klar.“ Schweigend fahren wir eine Weile in der Gegend herum. Immer wieder ertappe ich mich dabei wie ich Dylan verstohlen von der Seite anschaue. Er ist wirklich sehr hübsch. „Was schaust du mich so an?“ Mist. Ich spüre wie mir das Blut nach oben schießt und drehe mich zum Fenster um. Dylan kichert amüsiert. Ich denke er weiß genau welche Wirkung er auf das weibliche Geschlecht hat. Wir erreichen das Kino und studieren die Plakate. „Aktion? Komödie - was magst du?“ „Was du magst.“ „Echt jetzt? Du magst Männerfilme?“ „Was ist denn ein Männerfilm? Hauptsache es ist spannend. Maze Runner fände ich gut.“ „Ok. Ein Mädchen das nicht in der letzten Reihe bei einem Liebesfilm schmusen und weinen will. Respekt.“ „Dylan!“ „Was denn? Ist doch so.“ „Wenn du das sagst.“ „Na komm´. Trau` dich. Ich bin ganz brav.“ „Wehe nicht….“ „Uuuhhh“. „Blödmann.“ „Danke. Warte kurz.“

Dylan stellt sich an der Kasse an und ich male mir die nächsten Stunden im Kopf aus. Vielleicht ist es hier in Kenner doch nicht so schlecht. Kurze Zeit später kommt Dylan zu mir zurück und greift nach meiner Hand. Wir betreten Hand in Hand den Kinosaal.

Und ich stelle fest, dass ich es angenehm finde, obwohl mir das Herz bis zur Kinnlade schlägt. „Alles ok bei dir?“, erkundigt sich Dylan. „Klar.“ Noch nie war ich bisher in der Stadt. Schließlich bin ich ja auch erst einen Tag hier. Dylan zieht mich hinter sich her. Ich spüre die Blicke der Mädchen in meinem Rücken. Es geht mir nicht gut. Dylan scheint der begehrteste Typ des Ortes zu sein. War ja klar. Sicher malen sich die Mädchen gerade wer weiß was aus, was zwischen ihm und mir ist. „Wer sind die alle und warum glotzen sie mich an als sei ich ein Tier im Zoo?“ „Ach, das sind Chelsea und ihre Cheerleaderinnen. Chelsea steht auf mich - ich aber nicht auf sie. Ich finde, dass Frauen nicht nur eine hübsche Fassade brauchen, sondern ein wenig Hirn ist schon nicht verkehrt. Leider hat man diesen Baustein bei Chelsea vergessen. Also steh´ über den Dingen ok? Du bist heute meine Begleitung. So ist es jetzt eben. Damit muss sie klar kommen.“

Er grinst mich an und mein Herz kullert in meiner Brust hin und her. Er ist schon süß - keine Frage. Wir suchen uns einen Platz in der letzten Reihe - ja echt jetzt. Der Film beginnt und ich spüre noch immer die Blicke von Chelsea und ihren Freundinnen von der Seite. Ich glaube ich habe was von - „Wer ist die Schlampe?“ - gehört. Ich starre auf die Leinwand und sehe wie Thomas mit der Box hoch kommt. Dylan rückt näher an mich heran. „Alles ok?“, flüstert er mir zu. „Bis auf diese blöden Kommentare der Hupfdohlen in der Ecke da hinten - ja.“ Ich konzentriere mich weiter auf den Film - also ich versuche es. Ich fühle mich nicht wohl aber ich werde einen Scheiß tun, sie weiter zu ermutigen, auf meinem Selbstwertgefühl herum zu trampeln. Also kuschele ich mich betont an Dylan und lausche den bedrohlichen Geräuschen der Griewer. Dylan scheint das nicht zu stören. Und mich eigentlich auch nicht. Wir sehen den Film und ich fühle mich zum ersten mal richtig wohl, seit ich in Louisiana angekommen bin. Ab und zu schweifen meine Gedanken zu Danny. Noch immer habe ich nichts von ihm gehört. Vielleicht sucht er ja schon nach einer neuen Liebe oder er sitzt auch gerade mit einem netten Mädchen in Florida in einem Kino.

„War echt cool. Der Film, meine ich.“ „Oh, nur der Film?“, grinst mich Dylan an. „Natürlich nicht. Es war ein schöner Abend mit dir. Danke. Hat mir echt gut getan.“ „Wusste ich es doch. Ich hole dich schon noch raus aus deinem Schneckenhaus. Wir sollten uns nochmal treffen. Nur wenn du magst natürlich.“ „Gerne.“ Hand in Hand schlendern wir zum Ausgang des Kinos. „Hey Schlampe, lass deine verdammten Griffel von Dylan. Klar so weit?“ Hä? Meint diese Stimme etwa mich? Ok, dann spiele ich mit. „Was? Mit wem sprichst du gerade Miss Piggi?“ „Pass´ auf was du sagst, Rotschopf.“ „Uuuuhh. Ich mach mir gleich in die Hose. Hau jetzt lieber ab. Du versperrst mir die Sicht auf diesen süßen Typen hier neben mir.“ Oh, habe ich das gerade echt gesagt? Mist. „Hau ab Chelsea. Du machst mich echt krank“, schaltet sich jetzt Dylan ein. „Seit wann stehst du auf rothaarige?“ „Seit Gott diese schönen Wesen nicht nur mit rotem Haar, sondern auch mit Hirn versorgt hat. Jetzt geh´ mir aus dem Sichtfeld.“ „Wir sehen uns noch. Ist ja nicht zu fassen.“ Ich sehe Chelsea davon stapfen. Dylans Hand hält meine noch immer ganz fest. „Wow! Der hast du es aber gegeben“, raunt er mir ins Ohr. „Oh - manchmal kann ich einfach nicht anders. Ich bin eine Zicke oder?“ „Vielleicht - aber das gefällt mir. Eine Frau mit Charakter.“ „Echt jetzt?“ „Klar. Lass uns verschwinden. Ich kann diese blöde Visage mit den drei Kilo Make up nicht mehr ertragen.“ „Uuuuhh, böse böse.“ Er drückt meine Hand und wir stiefeln erhobenen Hauptes an Chelsea und ihrer Gang vorbei. Ich höre noch leise Flüche ihrerseits, was mich aber nicht sonderlich belastet. „Und was machen wir jetzt?“, frage ich. „Was immer du magst. Mir würde da eine Menge einfallen.“ „Schon klar.“ „Na dann los.“ Wir steuern auf Dylans Wagen zu und steigen ein. Er fährt los und ich frage mich was er vorhat. „Dort drüben ist das Ice Corner. Lust auf einen Megabecher? Das Eis ist fantastisch. Das beste in ganz Kenner. Der Inhaber Pablo Rosini kommt aus Rimini. Der hat´s echt drauf.“ Was soll ich sagen? Ich will noch nicht nachhause. Der Abend ist echt schön und ich komme auf andere Gedanken. „Ok - da bin ich gespannt.“ „Cool.“ Wir erreichen die Eisdiele und suchen uns eine gemütliche Nische. Dylan bestellt einen Riesenbecher für uns und ich bin froh nicht alleine zu sein. Er erzählt mir so einiges was hier so passiert. Wer mit wem und warum oder nicht. Lustiges aus der Schule und von seiner Familie. Ich erzähle ihm von Washington, von Chis und Danny. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich Dylan schon ewig kennen würde. Ich kann ihn echt gut leiden. Zu gut? Oh Gott. Nein ich will Danny. Denke ich. Aber noch immer habe ich nichts von ihm gehört. „Hallo? Bist du noch da?“ Dylan wedelt mit seiner Hand vor meinem Gesicht herum. „Ja. Entschuldige Dylan. Ich war in Gedanken.“ „Das habe ich gemerkt. Ich denke wir sollten langsam verschwinden.“ „Ja - das denke ich auch.“ Dann bringt Dylan mich sofort zurück nach hause. Ich habe es versaut - ganz bestimmt. So wie ich drauf bin, wird Dylan sich sicher nicht noch einmal mit mir treffen wollen. Wir erreichen unsere Einfahrt. „Ich werde dann mal lieber gehen. Ich möchte keinen Ärger mit deinen Eltern oder so haben.“ „Ach Blödsinn. Die mögen dich. Bis bald. Und danke noch mal für alles. War echt ein schöner Abend. Gute Nacht Dylan.“ „Kein Ding. Bis bald Stella.“ Dylan drückt mir einen leichten Kuss auf die Wange. Dann geht er rüber in sein Wohnhaus. Mir ist etwas seltsam zumute. Der Abend mit ihm hat mir gut gefallen. Vielleicht kann ich ja irgendwann doch glücklich hier leben. Meine Eltern liegen schon längst im Bett. Ich will sie nicht wecken und schleiche mich in mein Zimmer. Auf dem Nachttisch liegt Colins Leben und ich kann nicht anders. Ich muss wissen was passiert:

Ich liege hier in meiner Zelle und versuche meine Gedanken zu ordnen. Ich werde tun was man von mir verlangt. Aber ich glaube ich brauche Hilfe, den richtigen Weg zu finden. Ich bin nicht böse. Ich bin nicht schlecht. Ich habe aus Liebe gehandelt.

Ich verstehe dich. Colin - ich wünschte ich könnte dir helfen – echt.

Der Bulle hockt da vor seinem Schreibtisch und liest die Sportnachrichten. Ich muss Ruhe finden. Und einen Weg. Hinaus aus dieser Situation. Ich will ein besserer Mensch werden. Und ich will meine Liebe zurück. Wenn meine Weste wieder weiß ist werde ich heim kehren. Zurück zu ihr. Amber wird mir vergeben. Ich habe es schon längst getan. Sie und Jackson. Das wäre nie gut gegangen. Dieser Angeber. Geldsack. Und dabei kommt die Kohle doch von seinem Dad. Der Inhaber des größten Luxusautohauses in ganz Chicago. Ich mochte Jackson nicht besonders,aber getötet hätte ich nie. Er hätte ihr was bieten können. Und ich kann das nicht. Ich bin ein Niemand. Und unschuldig. Warum glaubt mir denn niemand? Ich bedauere zutiefst was passiert ist. Aber es bringt Jackson nicht zurück. Und es tut mir leid. Ich hätte mich unter Kontrolle haben müssen. Und meine Flucht war wohl auch nicht die beste Idee. Mir ist aber nichts anderes eingefallen als zu verschwinden. Was die Liebe mit den Menschen macht kann man nicht erklären.

Das stimmt mein Freund. Liebt mich Danny noch? Habe ich mich schon von ihm getrennt, bevor ich hierher kam? Und was macht mein Herz mit mir wenn ich Dylan sehe oder in deinem Leben verschwinde. Ich glaube, ich könnte mich sogar in dich verlieben, Colin. Bist ein guter Typ - glaube ich.

Draußen ist es stockdunkel und ich starre noch immer die Decke an. Ich sehe Amber vor mir und das Ende unseres gemeinsamen Weges scheint gekommen. Ron wird auf sie achten. Er ist mein Freund. Und ich vertraue ihm. Bald wird Jackson zu Grabe getragen. Sobald die Gerichtsmediziner seinen Leichnam freigeben. Und ich bin hier - werde nicht da sein, um seinen Eltern beizustehen. Sie würden mir ja doch kein Wort glauben. Für sie bin ich ein Mörder, werde gesucht. Keine Ahnung was sie mit mir machen wenn sie mich kriegen. Ich will es nicht wissen. Mein Leben geht den Bach runter. Morgen beginnt der Höllentrip im Knast. Aber da muss ich durch. Es ist eine Chance. Die EINZIGE. Und die will ich nutzen. Ich muss das regeln. Ich will mein Leben zurück. „Du verstehst mich Junge“, sage ich zu Hunter. Ich bin echt froh, dass der Bulle ihn zu mir gelassen hat. Der Hund gibt mir Trost und das Gefühl jemandem etwas zu bedeuten. Ob Amber auch an mich denkt? Wo sie wohl gerade ist? Ich werde mir ein Handy besorgen. Sobald ich all die Scheiße bezahlt habe. Dann rufe ich sie an. Ich will nicht solange warten. Ich brauche sie. Dieser beschissene Streit. So sinnlos. So unnötig. Mein Herz schmerzt. Ich vermisse sie. Und meine Mom. Mein Zuhause. Meine Freunde, das Hockeyteam und die Wochenenden mit den Jungs.

Ich vertraue Danny - aber was bringt mir das? Ich werde ihn wahrscheinlich nie mehr sehen. So wie Colin. Ich glaube nicht, dass Amber und er wieder zueinander finden. Zu viel ist passiert. Danny, du fehlst mir so. Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen. Er beantwortet meine Nachrichten nicht mehr. Chris auch nicht. Sie haben mich schon vergessen. Dabei bin ich doch kaum erst weg. Noch nicht einmal eine Woche. Erbärmlich ist das. Und ich glaube auch nicht, dass er mich tatsächlich besuchen wird. Er meldet sich einfach nicht. Und ich habe es aufgegeben, ihm zu schreiben. Wir haben vieles gemeinsam - Colin und ich. Ich habe das Gefühl, dass wir Seelenverwandte sind.

„Sir - darf ich mal telefonieren?“ „Um diese Zeit? Junge, was führst du im Schilde?“ „Nichts. Ich will nur meine Freundin sprechen. Will wissen ob es ihr gut geht. Haben sie eine Frau?“ „Nein, nicht mehr. Die Weiber verarschen einen doch nur alle. Das merkst du wenn du einmal älter bist. Aber bitte. Einem Telefonat ist nichts entgegen zu setzen. Hier.“ „Danke.“ Er reicht mir das Telefon und ich wähle Ambers Nummer. Es klingelt ewig. „Amber? Hier ist Colin. Ich wollte mal wissen wie es dir geht?“-----„Was heißt das? Los sag was. Ich höre es doch an deiner Stimme, dass da was nicht so ist wie es sein sollte.“----- „Ron und Du? Aber ich bin doch erst vier Wochen weg. Ich bin im Gefängnis. Ron sollte auf dich aufpassen bis ich zurück bin. Ich….“------ „Das kann doch nicht sein. Wir lieben uns doch noch oder nicht?“ Ich kann es nicht hören. Amber und mein bester Freund. Die beiden Menschen, denen ich am meisten vertraue, haben mich hintergangen. „Amber, bitte leg nicht auf. Ich komme zu dir zurück. Amber!“ „Sieht nicht gut aus, was Junge? Ich habe es dir ja gesagt. Diese Weiber sind es nicht wert.“ Scheiße. Der Bulle hat Recht. Mein Leben geht noch mehr den Bach herunter.

Oh nein. Ich bin den Tränen nahe. Es berührt mich als wäre es echt. Ich verschwinde in Colins erfundenem Leben und bin völlig fertig. Es könnte meine eigene Geschichte sein. Nein - Danny würde mir das nie antun. Wir gehören zusammen. Nichts konnte uns aufhalten. Mein Telefon klingelt.

„Hallo!“ „Stella. Danny hier.“ „Danny. Hast dich ja ewig nicht gemeldet. Was geht bei dir?“ „Ich ….es ist…naja. Chad und ich waren viel draußen. Und es ist etwas passiert.“ „Klingt nicht gut“ „Ja. Wie geht es dir Stella?“ „Ich komme klar.“ Ich erzähle ihm von unserem Haus. Von der Umgebung und von Darcy. Von Dylan erzähle ich lieber nichts. Warum eigentlich? „Geht es dir gut? Seid ihr noch in Florida?“ „Wir fliegen morgen Abend zurück.“ „Kommst du mich bald besuchen? Du fehlst mir.“ „Hör´ zu Stella.

Ich liebe dich. Das habe ich immer getan.“ „Was heißt das?“ „Ich meine - sind wir realistisch. Worauf sollen wir warten? Wir sind meilenweit voneinander entfernt. Du fehlst mir auch. Keine Frage. Aber wie sieht unsere Zukunft aus? Gibt es überhaupt eine? Ich meine eine gemeinsame Zukunft. Unsere Pläne. Was wird aus unseren Plänen?“ „Wie meinst du das?“ „Ich denke, wir sollten …naja es ist nicht einfach. Und es hat ja nichts mit dir zu tun. Ich….“ „Danny? Was?“ „Ich…“ „Dannyyyyy - sag´ es mir. Ist es vorbei? Ich dachte wir wollten ewig zusammen bleiben. Ich dachte, es ist für immer. Ich dachte…“ „Stella… Das wäre ja auch so. Aber ich kann nicht von 52 Wochen eines Jahres 50 davon auf dich warten. Ich … Es tut mir leid.“ „Wer ist sie?“ „Das spielt keine Rolle.“ „Danny, ich bin noch keine Woche weg. Du bist noch nicht einmal zuhause. Die Sache wird dir auch nichts bringen.“ „Doch. Ich kann es dir nicht sagen.“ „Danny. Bitte.“ „Willst du wirklich damit leben?“ „Ich schaffe das. Sag´ es mir.“ „Nun es ist so. Chris und Blake haben sich gezofft. Deshalb ist Chris mir nach gereist. Wir haben geredet. Und dann ist es irgendwie passiert. Ich kann es nicht….“ „Chris?“ Ich entdecke erneut Parallelen in Colins Leben und meinem. Hallo? In einem Buch taucht mein Leben auf? Das kann doch nicht sein. „Danny - das ist….Ich kann dafür keine Worte finden. Und Chris? Ich dachte….Ach egal was ich dachte. Werdet glücklich zusammen. Ich hätte nie gedacht, dass du mich durch meine beste Freundin ersetzt. Es ist einfach nur…armselig.“ „Es tut mir Leid Stella. Aber ich habe dich immer geliebt. Und eigentlich tue ich das noch immer.“ „Mach´s gut Danny.“ Ich lege einfach auf. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Am liebsten würde ich verschwinden. Oder mich bei Colin ausheulen. Er würde mich verstehen. Es ist lächerlich wie sehr ich in dem Buch fest hänge. Aber es ist ….unheimlich. Betrübt setze ich mich auf mein Bett. Ich muss meine Gefühle und Gedanken sortieren. Es ist schon nach Mitternacht. Bei Dylan brennt noch Licht. Es war so ein schöner Abend gewesen. Ich krabbele unter meine Decke. Tausend Gedanken jagen mir durch den Kopf. Chris und Danny, Ron und Amber, Dylan und ich? Was ist was? Mir dröhnt der Kopf. Irgendwie schlafe ich ein. Ich wache auf. Die Sonne strahlt mir ins Gesicht. Sofort fällt mir wieder das Gespräch mit Danny ein. Wie konnte er das nur tun? Und Chris. Wir waren wie Schwestern. Nie hätte ich gedacht, dass sie mich so hintergehen könnte. Schon wieder treten mir die Tränen in die Augen. Auf dem Nachbargrundstück sind schon alle wach. Ich höre die fröhlichen Stimmen der Menschen von nebenan. Sie halten alle zusammen. Sie sind perfekt. Ich sehe zum Fenster hinaus und denke, dass ich nie mehr glücklich werde. Dylan rast über die Wiese und dribbelt den Basketball. Ken folgt ihm. „Hierher Dad. Spiel´ mich an“, schreit Darcy. „Mom, fang.“ Dylan rast auf seine Mutter zu. Eine tolle Familie. Ich sehe wie Dylan den Ball in den Korb befördert und jubelnd die Faust in den Himmel reckt. „Yes. 21 zu 17. Dad, ihr seid raus.“ Dylan lacht und sein Vater haut ihm freundschaftlich auf die Schultern. „Ok Junge. Ganz mein Sohn was?“ „Klar. Mom? Wann gibt es Frühstück?“ „Fast fertig. War ein schönes Spiel.“ „Für die Liga reicht es aber noch nicht“, lacht Dylan. Er zieht sein Shirt aus und streicht sich das schweißnasse Haar aus der Stirn. Oh man, was für ein Anblick. Dann verschwinden die Durbans hinter dem Haus. Ich bin wieder alleine mit meinen trüben Gedanken. Meine Eltern sind schon wach. Mein Vater muss in die Firma. Bald geht es los. Keine Ahnung wie lange wir hier fest hängen. Ist ja auch egal. Mein Leben ist doch sowieso ein Scherbenhaufen. Vielleicht ist es besser wenn ich Danny einfach aus meinen Gedanken verbanne. Ich würde es nicht ertragen ihn zu sehen. Nie wieder will ich ihn sehen oder hören. Und Chris? Ich habe niemanden mehr. „Stella? Bist du wach?“ Wo holt meine Mutter nur ihre Energie her? Und die Durbans - mein Gott, es ist 9 Uhr morgens. Ich werde mal runter gehen. Der Tag kann nur besser werden. Ich schleppe mich in die Küche und fühle mich echt beschissen. Meine Mutter summt fröhlich vor sich hin. Dad ist schon weg. „Alles ok bei dir?“, fragt meine Mutter. Ich kann ihr nichts von dem Telefonat mit Danny erzählen.Ich will nicht darüber reden. Es wird schon irgendwie gehen. Ich schaffe das schon. „Ja, alles gut“, murmele ich und starre meinen Kaffee an. Meine Mutter hat echt beschissen gute Laune. Sie erzählt mir von ihrem bevorstehenden Tag aber ich höre ihr kaum zu. Meine Gedanken sind ganz woanders. Draußen sind die Durbans. Alle so fröhlich. Ich beschließe auch raus zugehen. Ich könnte weiter lesen. Und das mache ich dann auch. Ich lege mich auf unsere Terrasse und verschwinde in Colins Geschichte und ignoriere die Realität die ich nicht haben will.

Draußen wird es immer dunkler. Ich sitze noch immer hier in meiner Zelle und denke über das Gespräch mit Amber nach. Was hat Jackson was ich nicht habe außer Geld? Und warum hat mich mein bester Freund verraten. Er hat mir mein Mädchen genommen. Ich dachte sie sei bei ihm sicher. Ich wollte zu ihr zurück. Ich werde es schaffen. Meine Unschuld beweisen. Aber ich brauche Hilfe. Jemand muss mir helfen. Alleine schaffe ich das nicht. Der Bulle ist noch immer da. Hat wohl Angst ich würde verschwinden. Ich werde auf jeden Fall irgendwann verschwinden und mir Hilfe holen. Ich bin so furchtbar müde. Es ist kalt hier und mein Magen ist leer. Ich habe nur etwas Obst gegessen. Und dann kam dieser Typ um die Ecke. Mein Magen brummt so laut, dass man ihn bis nach Chicago hören kann.„Hier nimm. Das Brot hab ich noch übrig. Schließlich sollst du morgen mit deiner Arbeit im Knast beginnen. Und da brauchst du was auf den Rippen.“ „Danke Sir. Ich werde sie nicht enttäuschen. Danke.“ „Passt schon Junge.“ Ich verschlinge das Brot des Bullen fast ohne zu kauen. Für Hunter pflücke ich die Wurst runter. Dann hauen wir uns unter das dünne Laken und fallen in einen tiefen unruhigen Schlaf.

„Hey Stella. Schön dich mal wieder zu sehen.“ Da kommt Dylan. Er winkt über den Zaun zu mir herüber. „Oh Dylan. Alles ok…..?“ „Klar, bei mir immer. Wo hast du gesteckt? Schon wieder im Buch verschwunden? Bist eben doch ein totaler Bücherwurm was?“ „Ja das stimmt.“ Unsicher sehe ich ihn an. Und er grinst nur. Wir reden eine Weile und ich merke, dass mir seine Gesellschaft gefällt. Irgendwie hatte ich gehofft ihn wieder zusehen. Er bringt mich auf andere Gedanken. „Du kannst doch nicht ständig nur lesen. Es ist ein schöner Tag. Und es sind noch Ferien. Komm doch auch rüber. Bei uns ist immer was los.“ „Nein danke.“ Ich will nicht reden. Er schaut mich an und grinst noch immer. „Nun komm´ schon alter Bücherwurm. Irgendwas bedrückt dich. Das kann ich an deinen Augen sehen. Du brauchst mal eine Ablenkung. Darcy ist auch da und einige unserer Freunde. Lass´ uns zusammen am Fluss rum hängen.“ Er hat so einen Dackelblick. Und der wirkt Wunder. Also gehe ich mit ihm. Er hat Recht. Etwas Ablenkung könnte ich wirklich gebrauchen. Kurze Zeit später stehen wir im Garten der Nachbarn. Ich war bisher noch nie hier. Sie haben ein größeres Grundstück als wir mit freiem Blick zum Flussufer. Und einen Pool haben sie auch noch. Alle Achtung. „Hallo Stella. Schön dass du uns auch einmal besuchst“, sagt Ken und kommt auf mich zu. „Hallo Mr. Durban. Schön haben sie es hier.“ „Ja - der Garten ist Frans Hobby. Bloß keine Blumen pflücken - sonst killt sie uns“, lacht Ken. Ich mag diese Leute. Dann steht Dylan plötzlich neben mir. „Die anderen sind schon vor gegangen. Sie machen ein Picknick am Fluss. Lass uns rüber gehen. Und bitte lass das Buch daheim.“ „Ok, aber nur weil du so nett gefragt hast.“ „Also los. Auf einen wunderbaren Tag mit wunderbaren Menschen. Du wirst sie mögen. Coole Leute.“ Ich hake mich bei ihm ein und wir schlendern zum Fluss hinunter. Übermütiges Gelächter schallt mir entgegen. Es duftet nach gegrillten Steaks und Wurst. Dylans Freunde sitzen gemütlich im Kreis und albern herum. Wir machen uns bekannt und es kommt mir vor als kenne ich diese Leute schon ewig. Irgendwie kommt es mir vor als gehöre ich schon zu ihnen. Ein schönes Gefühl. Es gelingt mir tatsächlich, den Tag zu genießen. Dylans Clique ist echt nett. Da wäre Josh, ein schlacksiger Typ mit Brille und Cap. Er hat nur Unsinn im Kopf. Ich mag ihn. Annette, eine Studentin aus Schweden, Karl aus Deutschland und der farbige Bruce. Darcy, Nelly und Pam gehören auch dazu. Die Mädels sind ganz locker und reden nicht nur über schminken und Partys. Ganz anders als in Washington. Ich beginne mich wohl zu fühlen. Wir reden viel und die Jungs toben im Fluss herum. Es ist ein toller Tag und wir kommen erst bei Anbruch der Dunkelheit zurück nachhause. „Soll ich dich noch begleiten?“ „Nein - ich bin schon ein großes Mädchen. Gute Nacht Dylan. Bis bald mal wieder.“ „Ja - das hoffe ich. Gute Nacht Stella.“ Dylan winkt mir noch einmal kurz zu und verschwindet in seinem Haus.

Erschöpft aber glücklich falle ich ins Bett. Der Tag war schön. Und ich habe keinen einzigen Gedanken an Danny oder Chris verschwendet. Und auch nicht an Colin. Ich bin so müde. Heute lese ich nicht mehr weiter. Aber morgen.Schon bald übermannt mich der Schlaf. Ich träume wirres Zeug. Zuviel ist passiert in den letzten Tagen. Ich denke an Danny und alles. Das sollte ich nicht. Er ist es nicht wert. Ich schrecke hoch und kann kaum klar denken. Er hat mir so weh getan: „Scheißkerl“, brülle ich und werfe sein Bild an die Wand. Über die Wiese dringt ein heller Lichtschein zu mir herüber. Ich gehe zum Fenster und sehe Dylan auf dem Dach seines Hauses sitzen. Er sitzt einfach da, starrt in die Sterne und raucht. Der Mond bescheint seinen schönen Körper. Ja - er ist wirklich perfekt. Und er ist nett. Er ist mein Nachbar - sonst nichts. Wirklich? Keine Ahnung. Ich reiße mich von diesem Anblick los und tapse zurück in mein warmes Bett. Ich bin so müde. Meine Kraft ist alle. Und meine Tränen auch. Im Haus ist es still. Meine Eltern bekommen von alle dem hier nichts mit. Sie sind glücklich hier. Vielleicht werde ich es ja auch noch. Ich krabbele zurück unter die Decke und warte auf den Schlaf, der auch bald über mich kommt. Ich sehe Colin vor mir. Nur er versteht mich. Ich klammere mich an den Gedanken, dass es ihn gibt. Ich weiß , dass es nicht so ist. Ich habe Angst, mich auf Dylan einzulassen. Denn ER IST REAl. Ich will Danny vergessen. Ich muss, aber ich kann es nicht. Zulange waren wir ein Paar. Es tut so weh. Das Dunkel der Nacht kommt näher. Unruhige Träume lassen mich im Bett hin und her rollen. Ich höre Colin nach Hilfe rufen. Und ich bitte IHN um Hilfe.

„Du bist Stella oder?“ „Was? Ja. Colin. Ich kenne dich. Warum bist du hier?“ „Weil ich leide - wie du. Kannst du mir helfen?“ „Ich weiß nicht. Es ist…seltsam.“ „Ich schaffe das nicht alleine. Du verstehst mich Stella.“ „Ja. Das tue ich. Aber wie…..“ Ich merke einen Luftzug in meinem Zimmer. Jemand ist bei mir. Ich will und muss jetzt die Augen öffnen. Aber es geht nicht. Dann höre ich ein Klappern an meinem Fenster. Ich wache auf. Mein Fenster ist offen. Ein Einbrecher? Ich gehe zum Fenster. Bei Dylan ist alles dunkel. Er ist nicht mehr auf dem Dach. Kein Wunder. Es ist vier Uhr nachts. War er hier? Quatsch. Mein Zimmer liegt im ersten Stock. Mein Turm, meine Festung, die mich vor allem beschützt. Ich spähe in den Nachthimmel hinaus und schließe dann das Fenster.Seltsam. Es war nur ein Traum, und zwar ein sehr lebhafter. Obwohl ich immer noch müde bin, finde ich nicht mehr in den Schlaf zurück. Am Boden liegt noch immer Dannys Foto. Daneben sein Teddy. Ich will nichts mehr von ihm sehen. Er muss raus. Raus aus meinem Kopf, raus aus meinem Herzen, aus meinem Leben. Schon wieder stehe ich am Fenster und sehe zu Dylan herüber. In den letzten Tagen haben wir viel geredet. Wir sind gute Freunde geworden. Bald geht die Schule los. Ich habe Angst vor dem was kommt. Das alles habe ich schon so oft mitgemacht. Der Augenblick an dem ich die Klasse betreten werde. Alle werden mich blöde anstarren, über mich tuscheln. Ich muss vor die Klasse treten, mich vorstellen, mein Leben ausplaudern, mir Respekt verdienen. Und das Schlimmste wird sein, dass ich Chelsea und die anderen wieder sehen werde. Dylan wird nicht da sein um mir zu helfen. Meine Gedanken kreisen hin und her. Dann schlafe ich endlich wieder ein. Die Nacht bleibt ruhig und traumlos. Ganz hinten in meinem Kopf höre ich etwas. Es klingt wie eine Gitarre. Ich zwinge mich die Augen zu öffnen. Die Sonne steht schon hoch am Himmel und streichelt mein Gesicht. Tatsächlich, Gitarrenklänge dringen durch die Luft. Mein Fenster ist schon wieder offen. Ich weiß nicht mehr ob ich es geschlossen hatte oder nicht. Ich rappele mich auf und tippele zum offenen Fenster. Es ist 10 Uhr früh. Draußen ist es ruhig und friedlich. Ich starre zum Dach der Nachbarn und sehe Dylan. Was macht er denn ständig auf dem Dach? Und jetzt weiß ich auch wer da Gitarre spielt. Dylan. Mit nacktem Oberkörper sitzt er da, nur in Jeans, barfuß, ein Bein über das andere gelegt, die Gitarre auf seinem Schoß. Die Sonne lässt sein schwarzes Haar glänzen. Ich glaube, dass seine Augen geschlossen sind. Oh man. Er sieht verdammt heiß aus wie er da so sitzt. Ich kann meine Augen nicht von ihm abwenden. Der Duft von frischem Kaffee zieht unter der Tür hindurch und rettet mich aus meiner Starre. Ich schnappe mir meinen Morgenmantel, löse schweren Herzens meinen Blick von Dylan und tapse in die Küche. Meine Mutter hat wie immer Superlaune. „Hallo Stella. Gut geschlafen?“ „Ja. Hast du auch Dylan gehört?“ „Dylan? Nein. Warum? Was ist mit ihm?“ „Er hockt auf dem Dach und spielt Gitarre. Komischer Typ.“ „Oh!“ Meine Mutter schaut mich viel sagend an, schweigt aber. Ich löffele mein Müsli aus und trete auf die Terrasse. Dylan spielt noch immer. Niemand sonst scheint im Haus der Durbans zu sein. Ich ertappe mich wie ich schon wieder zu Dylan herauf starre. Die Gitarre verstummt. Ich höre ein Poltern auf dem Dach nebenan. Ein Fenster wird hoch geschoben. Schade. Dylan geht rein. Ich denke ich werde auch in mein Zimmer gehen. Was verpasse ich schon? Die Probleme sind noch da. Danny tut noch immer weh. Ich drehe mich gerade zum Hauseingang um als ich höre wie jemand auf dem Rasen nebenan landet.

„Hey Bücherwurm“, höre ich eine vertraute Stimme. Erschrocken drehe ich mich um und sehe in Dylans wunderschöne Augen. „Dylan. Hi. Bist du etwa gerade von eurem Dach gesprungen?“ „Ja, ist der kürzeste Weg. Sonst hätte ich dich sicher verpasst. Stehst schon eine ganze Weile hier was?“ Mist. Das unauffällig sein muss ich wohl noch üben. Verlegen zwirbele ich in meinen Haaren herum. „Das eben war wunderschön. Woher kannst du so gut Gitarre spielen?“ „UUUhhh - du hast mir zugehört? Naja das war doch nichts. Nur so - für mich.“

„Ja. Das klang echt schön. Bin noch nie so nett geweckt worden.“ „Tut mir leid. Manchmal vergesse ich, dass das Haus nun nicht mehr leer steht. Ich wollte dich nicht wecken. Aber jetzt wo du schonmal da bist - hast du heute schon was vor?“ Ich sehe wie er sich verlegen am Kinn kratzt. „Noch nicht. Warum?“ „Ich dachte, da ich dich einfach mit meinem Geklimper aus dem Bett geholt habe, wäre da vielleicht eine Entschuldigung fällig. Wie wäre es mit einem Frühstück in der Stadt? Dann kann ich dir auch gleich den Schulweg zeigen.“ Was soll ich sagen? Wenn man in diese Augen schaut, ist man nicht mehr fähig abzulehnen. „Ok. - Gib mir 10 Minuten.“ „Yes. Perfekt.“ Dylan reckt siegessicher seine Faust in die Luft. Lächelnd trotte ich ins Haus. Mein Nachbar ist verrückt. Eine kurze Zeit später stehe ich neben Dylan in unserem Garten. Er hat noch immer kein Oberteil angezogen. „Ich habe mein Shirt und Schuhe im Wagen“, sagt er als er meinen fragenden Blick auf seinen Oberkörper registriert. Ich merke wie ich mich schon wieder rosa färbe. Dylan geht zum Glück vor mir her und bemerkt es nicht. Er öffnet seinen Wagen und lässt mich auf der Beifahrerseite einsteigen. Während Dylan den Wagen umrundet sehe ich wie er sich sein Shirt über den Kopf zieht. Ein schöner Anblick. Verlegen sehe ich auf meine Füße. Irgendwie bin ich nervös. Dieser Typ ist…wow.

„Ok - bin gesellschaftsfähig. Kann los gehen.“ „Bin bereit.“ Oh man. „Wo fahren wir hin?“ „Zu Pete. Er macht den besten Kaffee hier und seine Donuts sind göttlich. Die Schule ist direkt gegenüber. Du kannst also in der Pause rüber um dir was zu holen. Fast alle frühstücken dort.“ „Cool.“ Wenn nur nicht Chelsea und ihr Gefolge immer da sind. Während der Fahrt reden wir nicht viel. Ich weiß auch gar nicht was ich sagen soll. Dylan schaltet das Radio ein und ich beobachte wie er den Takt der Songs auf dem Lenkrad mit trommelt. Er hat schöne schlanke Hände. Und überhaupt…. „Da wären wir“, sagt Dylan und hält vor einem gemütlichen Cafe´ an. Drinnen ist schon eine Menge los und wir müssen einige Minuten warten bis die Kellnerin einen Tisch für uns hergerichtet hat. Wir bestellen uns ein üppiges Frühstück und Dylan erzählt mir Anekdoten aus seiner Zeit als Schüler im Gebäude gegenüber, welches ich bald als DIE NEUE betreten werde. „Es ist garnicht so schlimm da. Die Lehrer sind cool.“ „Werde ich dann ja sehen. Die Donuts sind übrigens genial.“ „Sag´ ich doch….“ Wir bleiben fast zwei Stunden hier. Es ist Samstag. Die Woche ist so schnell vergangen. Dylan bringt mich zurück zu meinem Haus. „Wir sehen uns Nachbarin. Bis dann.“ „Bis dann Dylan. Danke.“ „Kein Ding.“ Dylan sprintet über die Wiese, klettert den Baum hoch und hangelt sich aufs Dach. Schon steht er vor seinem Fenster, winkt mir noch einmal zu und verschwindet im Haus. Verrückter Typ. Den Rest des Tages verbringe ich in meinem Turm. Noch immer stehen meine Kartons unbeachtet im Zimmer herum. Ich denke ich werde sie jetzt endlich auspacken. Ich bin schon einige Tage hier. Alles wegen Dylan und Danny und Colin und…. ach ja. Ich muss wissen wie es ihm ergangen ist. Das Buch liegt noch immer auf meinem Nachttisch. Mein Vorhaben, die Kartons zu leeren löst sich in Luft auf. Das Buch ist so verlockend:

Ich träume von Jackson, sehe seinen leblosen Körper auf dem Boden der Kneipe. Ich sehe Ambers weit aufgerissene Augen. Sie schreit mich an. „Bist du bescheuert? Du hast ihn umgebracht. Ich dachte ich kenne dich. Colin. Um Himmels Willen. Was hast du getan.“ „Amber, es tut mir leid. Er soll dich nicht haben. Du gehörst zu mir. Er ist nicht tot.“ „Colin - hau´ ab. Ich kenne dich nicht. Was bist du für ein Typ?“ „Amber, warte….“ Sie rennt einfach weg. Weg von mir. Weg von Jackson. Ron folgt ihr und ich rufe den Notarzt. Er lebt. Die Menschen in der Kneipe kommen näher. Sie sehen mich an wie ein tödliches Insekt. Ihre Gesichter werden zu Fratzen. Sie sehen mich an und rufen Mörder, Mörder, Mörder. Sie kommen näher, greifen nach mir. Ich spüre etwas nasses in meinem Gesicht und schrecke hoch. Schlagartig fällt mir ein wo ich bin. „Hunter, scheiße.“ Die feuchte Nase des Hundes stubst mich noch immer an. „Alles ok Junge?“ „Was? Ja. Ich.. oh man.“ „Du solltest dich etwas ausruhen. Morgen wird was verlangt.“ „Ja - ich weiß. Tut mir leid.“ „Ist es wegen der Braut?“ Das geht ihn gar nichts an. „Hey, ich sag dir was. Kein Weib dieser Welt ist es wert, dass du so fertig bist. Glaub´ mir.“ „Sicher“, knurre ich und wickele mir die Decke um die kalten Schultern.

Oh man. Wir drehen durch. Colin und ich. Ich weiß nicht wie spät es ist. Ich muss irgendwie eingeschlafen sein. Ich habe keine Ahnung warum das Buch wieder auf dem Nachttisch liegt. Ich muss mich echt zusammen reißen. Ein Blick zur Uhr sagt mir, dass es schon wieder fast Abend ist. Was ist bloß mit mir los? Ich starre den Tisch in meinem Zimmer an. Briefe. Da liegen Briefe. Meine Mutter muss sie dahin gelegt haben während ich schlief. „Ok. Dann sehen wir uns das mal an.“ Ich schleppe mich zum Tisch und drehe die Briefe um. Danny hat mir geschrieben. Na toll. Der andere Brief ist von Chris. Ich will es nicht wissen. Aber irgendwie muss ich es doch. „Ach - scheiß drauf“, murmele ich und reiße den Umschlag auf.

„Liebe Stella. Als erstes möchte ich dir sagen, das ich dich noch immer liebe.“ Klar. Verräter. „Ich kann nicht in Worte fassen was ich fühle. Du fehlst mir und niemand kann dich ersetzen. Trotzdem müssen wir realistisch sein. Chris war da in meiner schweren Stunde und ich habe ihr zugehört als sie mich brauchte. Ich weiß es ist nicht leicht für dich. Für mich auch nicht. Ich wäre wirklich gerne bei Dir. Und ich dachte auch genau wie du, dass es für immer wäre. Ein gemeinsames Leben mit dir hätte so wunderbar werden können. Meine Gefühle für dich haben sich nicht geändert und doch ist es jetzt Chris, die bei mir ist. Sie ist ein wunderbares Mädchen. Aber das weißt du ja. Und Blake - naja. Was soll ich sagen. Er geht weg aus Washington. Nach Boston. Deshalb haben Chris und er sich gestritten. Die beiden hätten wunderbar zusammen gepasst. So wie wir. Stella - bitte glaube mir, dass es mir nicht leicht fällt, dir diesen Brief zu schreiben. Ich finde es aber einfacher zu schreiben als zu telefonieren. Ich weiß, dass du um uns weinst und ich will das am Telefon nicht hören. Vielleicht können wir ja Freunde sein. Chris und ich werden nach Miami gehen. Die Zeit dort, als ich im Urlaub war, war einfach wunderbar. Ich liebe dieses Fleckchen Erde. Es tut mir leid – wirklich. Ich habe dich geliebt. Noch immer denke ich jeden Tag an dich und unsere schöne Zeit die wir hatten.

„Du denkst an mich während du Chris in den Armen hälst? Scheißkerl. Ich dachte ich kenne dich.“ Die ganze Scheiße kommt mir doch irgendwie bekannt vor. Ich lese den Brief nicht weiter. Nein - ich werde ihn zerreißen. Mein altes Leben wegwerfen. Mit einer energischen Bewegung befördere ich Dannys Brief in den Papierkorb. Mal sehen was Chris zu sagen hat. Meine beste Freundin - Verräterin.

„Liebe Stella. Tut mir leid wie es gekommen ist. Ich kann es nicht erklären und es auch nicht ungeschehen machen. Danny hat mir gesagt, dass er dir alles am Telefon erzählt hat. Ich wollte nicht, dass das passiert. Glaube mir, es wäre mir anders lieber gewesen. Aber Blake wollte nicht mit mir gehen. Nach Seattle. Nein er geht nach Boston. Wir hatten Streit und ich wollte mit jemandem reden. Du warst nicht mehr da. Meine Eltern und die Mädels auch nicht. Also bin ich zu Danny nach Florida.

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