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Columbus war ein Engländer

Stephen Fry

Columbus war ein Engländer

Geschichte einer Jugend

Aus dem Englischen
von Georg Deggerich

Impressum

Titel der Originalausgabe

Moab Is My Washpot

ISBN 978-3-8412-0457-8

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Mai 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Bei Aufbau Taschenbuch erstmals 2008 erschienen;

Aufbau Taschenbuch ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Moab Is My Washpot © 1997 by Stephen Fry

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z. B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Preuße & Hülpüsch Grafik Design

unter Verwendung eines Fotos von Bert Hülpüsch

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Reinkommen

1.

2.

3.

4.

Draufkommen

1.

2.

3.

4.

5.

6.

Wegkommen

1.

2.

Aufholen

Nachwort

Danksagung

Anmerkungen des Übersetzers

Leben heißt, mit den Kobolden in Herz und Seele
zu ringen. Schreiben heißt, über sich selbst
Gericht halten.

Henrik Ibsen

Die Interessen des Schriftstellers unterscheiden
sich stets von denen seiner Leser. Nur in seltenen
Glücksfällen stimmen sie überein.

W. H. Auden

Reinkommen

»Sieh, Marguerite ... England!« Schlußzeile
aus Das scharlachrote Siegel, 1934

1.

Irgendwie erinnere ich mich nur an mich und Bunce. Wir sind ganz allein im Zugabteil. Ich, acht Jahre und einen Monat alt, und dieses unbeschreibliche Häufchen Elend, das sich mit einem Schwall heißen Atems als Samuelanthonyfarlowebunce vorstellt.

Jetzt fällt mir wieder ein, warum wir allein waren. Meine Mutter hatte uns zeitig in Paddington Station abgesetzt. Mein zweites Semester. Im Zug nach Stroud war ein ganzer Waggon für uns reserviert. Gewöhnlich empfing meine Mutter, meinen Bruder und mich bei der Ankunft im Bahnhof eine große Schar wippender Kreissägen, die zum Abschied auf ein Meer unsäglicher Damenhüte herabnickten.

Da wir diesmal mit zu den ersten gehörten, hatte mein Bruder ein Abteil gefunden, in dem ein älterer Junge bereits zwischen seinen ausgebreiteten Süßigkeiten saß und darauf brannte, seine neuen Federmäppchen und Conkers-Schläger vorzuführen, während ich die beiden respektvoll allein gelassen hatte. Schließlich hatte ich gerade erst ein Semester hinter mir. Außerdem war ich mir nicht ganz sicher, wozu so ein Conkers-Schläger überhaupt gut war.

Im nächsten Abteil war ich dann auf diese winzige, zitternde Kreatur gestoßen, die offenbar vom Lande stammte.

Mein Bruder und ich hatten uns aus den benachbarten Fenstern gelehnt, um unsere Mutter unbesorgt nach Hause zu schicken. Wir waren in solchen Augenblicken auf grausame Weise zuvorkommend, indem wir den Abschied so gelassen wie möglich nahmen und ihr mit allen Mitteln zu signalisieren versuchten, wie wenig es uns ausmachte, für so lange Zeit von zu Hause fort zu sein. Insgeheim wußten wir, daß es ihr weitaus schwerer fiel als uns. Daheim erwarteten sie ein Säugling und ein Ehemann, der so sehr in seiner Arbeit aufging, daß sie ihn kaum zu Gesicht bekam, sowie die beständigen Alpträume von Ungewißheit, Zweifel und Schuld, die eine Mutter plagen, während wir auf uns selbst gestellt waren. Ich glaube, unser frühzeitiges Eintreffen beruhte auf der stillschweigenden Übereinkunft, die Sache hinter uns zu bringen, bevor all die anderen anrückten. Das laute Brimborium und der Kopfputz der anderen Mütter waren den besonderen Liebesbezeigungen im Hause Fry wenig förderlich: ein flüchtiger Händedruck und leises Kopfnicken, die für Zuneigung und ein tiefes, unausgesprochenes Verständnis standen. Abgesehen von einem leicht gequälten Lächeln und dem Biß auf die Unterlippe verließ Mummy den Bahnsteig immer äußerlich gefaßt, was die Hauptsache war.

Nachdem das also erledigt war, ließ ich mich in meinen Sitz fallen und widmete mich dem verheulten, bibbernden kleinen Wicht gegenüber. Er hatte sich einen Fensterplatz mit dem Rücken in Fahrtrichtung ausgesucht, als wolle er den Blick lieber nach Hause richten als dem grausig unbekannten Ziel entgegen.

»Du bist neu an der Schule, nicht?« sagte ich.

Ein tapferes Nicken und zwei scharlachrot anlaufende flauschige Hamsterbäckchen.

»Ich heiße Fry«, fügte ich hinzu. »Nebenan sitzt mein Bro.«

In die braunen Augen des kleinen Kerls trat eine plötzliche Panik, als befürchtete er, ich würde meinen Bro herüberholen. Vermutlich hatte er keinen Schimmer, was Bro bedeutete.

Ein Semester zuvor war es mir genauso ergangen.

Laut »Roger! Roger!« rufend war ich in der Pause zu meinem Bruder gerannt. »Hast du einen Brief von ...«

»Du sagst hier Bro zu mir, kapiert?«

Ich erklärte dem verstörten Winzling mir gegenüber den Sachverhalt. »Bro heißt einfach nur Bruder. Er ist Fry, R. M. Und ich bin Fry, S. J. Alles klar?«

Das flaumige Hamster-Küken-Eichhörnchen-Landei-Kerlchen nickte bestätigend. Es schluckte ein paarmal, als wolle es genügend Luft holen, um ohne Schluchzen zu sprechen.

»Ich hab im letzten Semester angefangen«, sagte ich, wobei eine riesige und gänzlich unerklärliche Woge der Selbstzufriedenheit mich von meinen Wollsocken mit Sockenhaltern bis zur blaubebänderten Kreissäge durchflutete. »Ist alles halb so schlimm, wirst schon sehen. Natürlich wirst du am Anfang noch etwas eingeschüchtert sein und Heimweh haben.«

Es wagte nicht, mich anzusehen, sondern nickte erneut und starrte geknickt auf seine schwarzglänzenden Cambridgeschuhe, die mir so zierlich vorkamen wie Babyschühchen.

»Alle weinen. Du brauchst dich deswegen nicht zu schämen.«

Genau in dem Moment platzte es aus ihm heraus, sein Name sei Samuelanthonyfarlowebunce, für seine Freunde Sam, aber niemals Sammy.

»Also werde ich Bunce zu dir sagen«, erklärte ich ihm. »Und du nennst mich Fry. Wenn mein Bruder dabei ist, sagst du Fry S. J., damit es keine Verwechslungen gibt. Aber auf keinen Fall der kleine Fry oder der jüngere Fry, ich hasse das. Hier hast du ein Taschentuch. Putz dir damit die Nase. Gleich kommen die anderen.«

»Die anderen?« Er zog seine Nase aus meinem vollgesabberten Taschentuch und blickte wie ein erschrockenes Rehkitz um sich, das beim Trinken an einem Wasserloch das Knacken eines Zweigs vernommen hat.

»Nur die Jungen, die mit uns fahren. In der Regel um die zwanzig. Siehst du das Schild da im Fenster? ›Reserviert für Stouts Hill School‹. Wir haben den ganzen Waggon für uns. Alle vier Abteile.«

»Was passiert, wenn wir ... wenn wir da sind?«

»Wenn wir wo sind?«

»Wenn wir im Bahnhof sind?«

»Ach so, da wartet ein Bus auf uns. Keine Angst, ich paß schon auf, daß du nicht verlorengehst. Wie alt bist du eigentlich?«

»Siebeneinhalb.«

Er sah wesentlich jünger aus. Kaum den Windeln entwachsen.

»Nur keine Angst«, wiederholte ich. »Ich paß auf dich auf. Kann gar nichts schiefgehen.«

Ich paß auf dich auf.

Welche Wonne, diese Worte auszusprechen, eine warme, feuchte See der Wonne. Gar nicht mal so übel. Ein kleines Haustier ganz für mich allein.

»Wir halten zusammen«, sagte ich. »Du wirst sehen, ist alles halb so schlimm.«

Fürsorgliche väterliche Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, während ich mir vorzustellen versuchte, welche Sorgen in seinem Innern rumorten. Dabei brauchte ich mich bloß meiner eigenen Ängste im Semester zuvor zu erinnern.

»Die Leute sind alle sehr nett. Das Auspacken erledigt die Wirtschafterin, du mußt nur dein Sportzeug runter in den Aufbewahrungsraum bringen. Dazu brauchst du allerdings deine Schülernummer, damit du den richtigen Haken findest. Ich bin eins-null-vier, die höchste Nummer, die je an der Schule vergeben wurde. Im letzten Semester hatten wir zwölf Abgänger, aber da nur acht oder neun Neue kommen, wird es die eins-null-fünf wohl nie geben. Ich gehöre zu den Ottern. Aber man wird dir schon rechtzeitig sagen, in welches Haus du kommst. Vor Hampton mußt du dich in acht nehmen, der verteilt tausend Nadelstiche und Pferdeküsse. Wenn Mr. Kemp Aufsicht hat, gibt’s Schinkenspalter. Mein Bro sagt, dieses Jahr ist Fußball an der Reihe. Ich hasse Fußball, aber es gibt ja noch Conkers, was echt klasse sein soll. Mein Bro sagt, bei Conkers spielen alle verrückt. Soll der absolute Heuler sein, meint mein Bro.«

Bunce faltete mein vollgeschnieftes Taschentuch zusammen und versuchte zu lächeln.

»In zwei Wochen«, sagte ich, mich an den Spruch meiner Mutter im letzten Semester erinnernd, »hüpfst du wie ein junges Fohlen auf der Weide und wirst dich nicht einmal mehr an das flaue Gefühl im Zug erinnern.«

Ich blickte aus dem Fenster und sah eine Reihe Kreissägen und Damenhüte vorbeigleiten.

»Oder stehst du nicht so auf grünes Gras und viel freien Auslauf?«

Jetzt brachte er sogar ein richtiges Lächeln und ein leises Glucksen zustande.

»Na denn los«, sagte ich. »Da rücken die nächsten an. Weißt du was, hier hast du mein ›Ranger‹. Beschäftige dich damit, wenn sie reinkommen, dann fällt keinem was auf.«

Er nahm es dankbar entgegen.

»Vielen Dank«, sagte er. »Du bist der netteste Junge, dem ich je begegnet bin.«

»Quatsch«, erwiderte ich, erglühend wie heiße Kohlen.

Draußen näherte sich eine Gruppe älterer Schüler mit den üblichen Sprüchen.

»Okay, Mum«, sagte einer.

»Sag bitte nicht ›okay‹, Liebling. Und vergiß diesmal nicht zu schreiben, ja?«

»Okay, Mum.«

Mein Bro und ich redeten unsere Eltern nie mit Mum und Dad an. Immer nur mit Mummy und Daddy, bis viele Jahre später Mutter und Vater offiziell genehmigt wurden. Und erst als wir schon fast erwachsen waren, gingen wir mit leicht gequälter Unbefangenheit zu Ma und Pa über. Im letzten Semester hatte ich im Kunstunterricht aufgezeigt und gefragt: »Mummy, kann ich noch ein Stück Zeichenkohle bekommen?« Die ganze Klasse hatte sich vor Lachen gekringelt.

Umgekehrt hatte ich in den Ferienwochen meine Mutter oft mit ›Sir‹ oder ›Wirtschafterin‹ angesprochen.

Bunce war ins Trigan Empire abgetaucht, aber ich wußte, daß auch er den Stimmen auf dem Gang lauschte, und sah, wie das selbstbewußte Palaver der anderen Jungen ihm angst machte. Er hielt den Comic so fest umklammert, daß der Umschlag an mehreren Stellen einriß.

Auf der Fahrt nach Paddington nach dem Mittagessen hatte ich beim Gedanken an die Schule unendlich größere Furcht, Angst und Verzweiflung verspürt als im Semester zuvor. Roger hatte mich in den Sommerferien bereits vorgewarnt. Das Heimweh war im zweiten und dritten Semester viel schlimmer als im ersten. Insofern kam Bunce wie gerufen, da er mich von meinen eigenen trüben Gedanken ablenkte.

Die Tür zu unserem Abteil wurde polternd aufgerissen.

»O Gott, Frys Türkische Früchte. Und hat sich auch gleich dreist ans Fenster gesetzt.«

»Tag, Mason«, sagte ich.

»Na los, schieb rüber.«

Bunce sprang auf wie ein kavalierhafter Berufspendler, der einer schwerbepackten Frau seinen Platz anbietet. »Wenn du vielleicht ...?« begann er verschüchtert.

»Nein, ich will Frys Platz, falls er noch nicht reingefurzt hat.«

Damit war alles gelaufen. Ich spürte, wie mein Gesicht knallrot anlief, während ich aufstand, ein paar unverständliche Worte vor mich hin brummelte und mich ans andere Ende des Abteils setzte.

Fünf Minuten lang hatte ich darin schwelgen können, daß jemand zu mir aufblickte und mich bewunderte. Bunce hatte mich respektiert. Er hatte an mich geglaubt und mir vertraut. Jetzt würde der kleine Kerl mitbekommen, daß ich für den Rest der Schule Luft war. Ein nerviges Stück Dreck. Ich hockte auf meinem neuen Platz und gab mir Mühe, möglichst gelassen zu wirken, während ich meine blanken Knie anstarrte, auf denen die Schrammen und Kratzer eines Fahrradsturzes zu sehen waren. Gestern nachmittag noch war ich in der Gegend herumgefahren, hatte die Lerchen hoch über mir im weiten Himmel von Norfolk trällern gehört und die Rebhühner in den Stoppelfeldern beobachtet. Drei Wochen vorher war ich zu meinem achten Geburtstag im Gaumont-Kino in Norwich gewesen und hatte Das große Rennen um die Welt gesehen.

Mason machte es sich auf seinem frischeroberten Platz bequem, während er Bunce mit unverhohlener Neugier und leisem Widerwillen musterte, als gehöre er zu einer seltsamen Spezies, die er nie zuvor gesehen hatte und auch nie wieder zu Gesicht bekommen wollte.

»He, du«, sagte Mason und stieß ihn mit dem Fuß an. »Hast du auch einen Namen?«

Die Antwort kam wie eine Art Schock.

»Allerdings«, sagte Bunce, seine Stimme erhebend, »aber das geht dich einen Scheißdreck an.«

Mason war sichtlich baff. Er hatte nichts Unrechtes getan. Mir den Platz wegzunehmen und sich über meinen Gestank auszulassen, bedeutete keineswegs eine Beleidigung, sondern gehörte zu den selbstverständlichen Privilegien der Älteren. Sie ließen sich alles zurückzahlen. Als er selbst klein war, hatte man ihn wie einen Wurm behandelt, und jetzt war er an der Reihe, die unter ihm Stehenden wie Würmer zu behandeln. Er war zehn, um Himmels willen. Er durfte lange Hosen tragen. An der Prep School ist der Unterschied zwischen zehn und acht in etwa so groß wie der zwischen vierzig und zwanzig im späteren Leben.

»Ich setz mich da rüber«, sagte Bunce und deutete auf den Sitz neben mir. »Da ist die Luft besser.« Er ließ sich mit einem vernehmlichen Quietschen der Federn neben mich plumpsen und ruinierte dann alles, indem er laut losheulte.

Mason hatte keine Chance, auf diesen plötzlichen Gefühlsausbruch zu reagieren, da im gleichen Augenblick Kaloutsis in Begleitung seiner Eltern ins Abteil trat. Es war durchaus unüblich, daß die Familie mit in den Zug kam, aber Kaloutsis war Grieche und seine Eltern gänzlich unbedarft gegenüber den subtilen Regeln des englischen Protokolls.

»Was haben wir denn da für einen kleinen jungen Mann?« rief Mrs. Kaloutsis und beugte sich zu Bunce hinab. »Kümmert sich niemand um dich?«

»Vielen Dank«, schluchzte Bunce, »Fry S. J. kümmert sich gut um mich. Sehr gut sogar. Ausgesprochen zuvorkommend. Mir war etwas ins Auge geflogen, und da hat er mir sein Taschentuch gegeben.«

Die mit dem Zug anreisenden Jungen stammten zumeist aus Familien in Übersee oder hatten im Ausland stationierte Väter. Sie waren am Londoner Flughafen gelandet, wo sie von Onkeln, Tanten oder Paten in Empfang genommen und nach Paddington verfrachtet wurden. Die meisten anderen Jungen wurden von ihren Eltern im Wagen nach Stouts Hill kutschiert.

Im Verlauf der nächsten Viertelstunde füllten sich die reservierten Abteile mit braungebrannten Jugendlichen, die die Sommermonate in Ländern wie Nord-Rhodesien, Nigeria, Indien, Aden, den West Indies oder Ceylon verbracht hatten. Ein Junge namens Robert Dale, den ich mochte, saß mir und Bunce gegenüber und erzählte von Indien. Dales Vater war Herausgeber einer englischsprachigen Zeitung in Bombay, und wenn Dale sich weh tat, brüllte er jedesmal »Aiee!« Beim ersten Mal, als er mit seinem Zeh einen Bettpfosten im Schlafsaal gerammt hatte, war ich total verblüfft, daß es unterschiedliche Schmerzlaute gab. Bis dahin hatte ich geglaubt, überall auf der Welt riefe man »Autsch!« oder »Aua!« In meiner ersten Französischstunde hatte ich gleich einen hitzigen und unerquicklichen Wortwechsel vom Zaun gebrochen, als ich hörte, daß die Franzosen »Ah!« statt »Oh!« sagten.

»Und was sagen sie für ›Oh‹, Sir?«

»Sie sagen ›Ah‹.«

»Aber was sagen sie dann für ›Ah‹?«

»Spiel nicht den Blödmann, Fry.«

Für den Rest der Stunde hatte ich geschmollt.

Dale zog Schuhe und Socken aus und lehnte sich zurück. Er hatte makellos schöne Füße mit ebenmäßig geformten Zehen. Zu Beginn eines jeden Herbstsemesters gaben Jungen wie er, die ihre Ferien in Afrika, Asien oder den West Indies verbracht hatten, damit an, ohne ein Zeichen von Schmerz barfuß über die Kieswege zu rennen. Wenn gegen Ende des Semesters der Winter Einzug hielt, war die harte Hornhaut unter ihren Füßen verschwunden, und sie mußten genauso vorsichtig gehen wie wir.

Ein Schaffner steckte den Kopf ins Abteil und zählte eilig die Köpfe. Ohne irgendwen anzublicken, erklärte er, der letzte Junge, der seine Füße auf ein Polster ausgestreckt habe, sei in Didcot von der Polizei verhaftet worden und sitze noch heute bei Wasser und Brot im Gefängnis.

»Klingt immer noch besser als Schulfraß«, sagte Dale.

Der Schaffner quittierte unser Gekicher mit einem Grunzen und verschwand. Kreissägen segelten in die Gepäcknetze, Beine wurden auf den Sitzen ausgestreckt, und das Gespräch drehte sich um Fußball, wie man die Ferien verbracht hatte, wer Präfekt werden sollte und all den Kinderkram, den man aus edwardianischen Schulromanen kennt. Mason schien Bunces jähen Gefühlsausbruch völlig vergessen zu haben, während er sein Gegenüber mit Unterarmfürzen unterhielt.

Nach einem quietschenden, stoßartig den Magen verdrehenden Ruck, mit dem Züge auf unverschämt taktlose Weise menschliche Regungen nachahmen, begannen wir aus der großen Halle von Paddington zu rollen und gen Westen zu zockeln.

Die Stadt Stroud in Gloucestershire, unsterblich gemacht durch das Gedenken von und in Gedenken an Laurie Lee, produziert – oder produzierte einmal – nahezu den gesamten Filzbedarf Britanniens und der Dominions. Filz für die Türen des Hauspersonals, Filz für Billard-, Snooker- und Pooltische, Filz für Kartentische, Filz für Kasinos und Auktionssäle und Filztücher zum Abdecken von Singvogelkäfigen, um den Tierchen vorzugaukeln, es sei dunkle Nacht. Einige Meilen südlich von Stroud erhebt sich der Bury, ein mächtiger grüner Hügel, der den Eindruck erweckt, die Weber des Slad Valley hätten eine riesige Filzbahn über ihn ausgerollt, um weithin sichtbar für ihr Produkt zu werben. Am Fuße dieses samtweichen Hügels liegt das Dörfchen Uley und träumt selig vor sich hin, unbekümmert um Riesen-Milkshakes, Boxkämpfe im Pay-TV, Samstagslotto oder Seiten-Airbags. In Uley glaubt man nach wie vor an matritzengeschriebene Pfarrbriefe, Dividend Tea, Sorbet-Dips, Heinz’ Salat-Soße und zur Hälfte aus Holz gezimmerte Morris-Lastwagen. In Uley wachsen Lobelien und Alyssum an den Rasenkanten der Vorgärten und ranken an warmen Naturstein-Cottages empor, aus denen der dunkle Klang von Langwellensendern dringt. Der Dorfpub von Uley verströmt einen warmen Dunst, in dem sich der würzige Vanille-Duft von Pfeifentabak mit dem Malzgeruch von Usher’s Ales verbindet. Selbst die Dorfkirche von Uley besitzt ihren eigenen Geruch, eine Mischung aus Esso-Benzin, Mansion-Möbelpolitur und Gesangbüchern in einem Zustand dauerhaft konservierter Verwesung.

Eine halbe Meile entfernt thront auf einem Hügel Stouts Hill School, ein imposantes, aus gemeißelten Steinquadern erbautes Schloß mit unzähligen Türmen und Schießscharten, zu dessen Füßen sich ein libellenumschwärmter, karpfendurchfurchter und von leuchtenden Malven gesäumter See erstreckt. Ein steiler Weg windet sich von Stouts Hill zur Dursley Road ins Dorf hinab. Unterwegs trifft man überall auf Pferdescheiße, die in karamelfarbenen Klumpen von kastanienbraunen Stuten mit warmen Flanken fallen gelassen werden, geritten von kleinen Turnierreiterinnen, die puterrot anlaufen, sobald man ihnen in die Augen blickt.

Doch damit nicht genug.

In Uley lauern vollfinanzierte Daewoos hinter Carport-Einfahrten mit Fernbedienung, glänzen Satellitenschüsseln von den Dächern und imitieren kopalversiegelte und geschliffene Ulmenholzvertäfelungen aus dem Baumarkt Mulberry Lodge, Southfork oder El Adobe. Die Tafel vor dem Dorfpub wirbt in bunter Kreide für Happy Hour, Pool, Freibier für die ersten Gäste und Satelliten-TV auf der Videoleinwand. Der Gestank von schalem Bier und Doritos weht durch die Hauptstraße bis zur Kirche, wo entlang der Chormauer lasergedruckte Blätter im A4-Format flattern, auf denen für Auto-Flohmärkte und schmucke Altenwohnheime in Wales geworben wird. Übergewichtige Fettärsche in Russell-Athletic-Sweatshirts tauschen mit den Nachbarn Mehr-Spaß-am-Sex-Ratgeber auf CD-ROM, während ihre junge Brut im Nike-Dress Pyramiden aus Hamburger-Packungen auf der Terrasse auftürmt, um sie anschließend mit monströsen Wasser-Pump-Guns wegzufegen. Die kleinen Gören schmieren sich Rouge auf die Wangen und strekken einem weit die Zunge raus, wenn man sie anblickt. Die Schule in Stouts Hill ist mittlerweile geschlossen und in eine Ferienanlage auf Time-Sharing-Basis umfunktioniert worden.

Na ja, vielleicht ist das alles gar nicht so schlimm. Irgendwo zwischen dampfender Gülle und kaltem Wasser liegt die lauwarme Wahrheit über das Dörfchen Uley, das sich, so gut es eben geht, mit der neuen Zeit zu arrangieren versucht. Es gab eine Zeit, da Mansion-Möbelpolitur, Dividend Tea und die wehmütige Erinnerungen weckenden Turnierreiterinnen als verderbliche Neuerungen abgelehnt wurden; und bestimmt werden einmal Bücher geschrieben, in denen mit der gleichen nostalgischen Wehmut auf CD-ROMs und Russell-Athletic-Sweatshirts zurückgeblickt wird.

Springen wir für einen Augenblick nach London. Ich besitze heute eine Wohnung in St. James’s, jenem vornehmen Clubviertel im Herzen Londons, das sich zwischen Piccadilly, Pall Mall, St. James’s Street und Lower Regent Street erstreckt. Ich nehme an, in St. James’s zu wohnen entspricht meinem persönlichen Image – beziehungsweise mehr noch dem Image, das die anderen von mir haben und das ich oft leichtfertig als mein persönliches Image übernehme. St. James’s ist seit jeher die ideale Umgebung für den britischen Junggesellen aus der Upper Class. Hier kann er in der Jermyn Street nach Hemden und Krawatten stöbern, bei Lock’s und Lobb’s nach Hüten und Schuhen, sich bei Fortnum’s mit Lebensmitteln und bei Hatchards und der London Library mit Lesestoff eindecken, sich im Brook’s, White’s, Boodle’s oder Buck’s unters Volk mischen oder (sollte wirklich einmal Not am Mann sein) den höchst eigenwillig benannten East India, Devonshire, Sports and Public School’s Club aufsuchen, wo es das beste Schul-Curry in ganz London gibt, inklusive Sultaninen und Bananenscheiben sowie lauwarmem Londoner Leitungswasser aus unverwüstlichen kleinen Duralex-Gläsern zum Nachspülen. Auch wenn ich alles andere als ein britischer Junggeselle der Upper Class bin, wohne ich seit nunmehr fünf Jahren in St. James’s, nachdem mir Islington, wo ich eigentlich hingehöre, verleidet worden war und ich mich westlich von Hyde Park Corner oder östlich des Strand nie wohl gefühlt habe.

Von meinem Fenster aus blicke ich auf die Uhr der von Christopher Wren erbauten großartigen St. James’s Church. Dahinter – auf der anderen Seite von Piccadilly – geht die Sackville Street in die Savile Row über, während zur Rechten Nashs einzigartiger Häuserbogen der Regent Street liegt. 1961 besuchten meine Eltern Sackville Street, wo sie jeden Hauseingang inspizierten, bis sie eine Messingtafel mit der Aufschrift entdeckten:

GABBITAS & THRING

SCHUL-AGENTUR

1977 ging ich selbst in die Sackville Street und suchte nach der Plakette, die nach wie vor verkündete:

GABBITAS & THRING

SCHUL-AGENTUR

Ich glaube nicht, daß irgendein Schriftsteller je zwei Geschäftspartner erfinden wird, deren Namen auf so kongeniale Weise zusammenpassen wie Gabbitas und Thring.

Und was, bitte schön, ist eine Schul-Agentur?

Na, na, jetzt aber nicht den Dummen spielen ... als wüßte nicht jeder ganz genau, worum’s geht.

Eine Schul-Agentur ist eine Art Partnervermittlung für Public Schools und Prep Schools. Sie leistet private Zuhälterdienste, indem sie unterbesetzten Schulen Personal vermittelt, arbeitslose Lehrer bei der Stellensuche unterstützt und Eltern, die nicht wissen, wohin sie ihren Nachwuchs schicken sollen, bei der Schulwahl berät. 1977 war die zweite Dienstleistung der Grund meines Besuchs, letztere der meiner Eltern im Jahr 1961.

Sie wollten für meinen Bruder Roger und mich die geeignete Prep School finden. Ich war damals vier, Roger fast sechs. Heutzutage, nach der Durchsetzung sozialer Gleichheit, der Abschaffung des Klassensystems und den großen Errungenschaften einer Nation, die mit sich selbst ins reine gekommen ist, ist es natürlich längst viel zu spät, sich um eine Schule zu kümmern, wenn der Nachwuchs bereits stolze vier oder fünf Jahre alt ist: Mittlerweile ist der Run auf die Privatschulen so groß, daß man sein Kind nicht erst nach der Geburt, sondern bereits in utero anmeldet, am besten vor der ersten Zellteilung.

Es mag Leser geben, die (mit einem gewissen Stolz) nur eine ungenaue Vorstellung davon haben, was die Begriffe ›Prep School‹ und ›Public School‹ überhaupt bedeuten.

Eine Prep School ist eine Einrichtung, die, wie der Name schon sagt, was durchaus ungewöhnlich für eine britische Institution ist, Kinder vorbereitet. Und zwar in diesem Fall vorbereitet auf den Eintritt in die Public School. Eine Public School ist, wie der Name nun ganz und gar nicht sagt, was eben durchaus typisch für eine britische Institution ist, ausschließlich privat. Public Schools sind dazu da, Schüler im Alter zwischen dreizehn und achtzehn Jahren moralisch zu unterweisen, zu formen und auszubilden. Prep Schools rekrutieren ihre Schüler irgendwo im Alter von acht, neun oder zehn Jahren und bereiten sie auf die Common Entrance Examination vor, eine Prüfung, die für sämtliche Public Schools verbindlich ist. Gleichwohl gelten für die einzelnen Public Schools unterschiedliche CE-Ergebnisse. Winchester etwa, wo man nur an den wirklichen Schlauköpfen interessiert ist, nimmt nur Schüler auf, deren CE-Resultate deutlich über siebzig Prozent liegen, während Malvern, Worksop und Monckton Combe sich unter Umständen bereits mit Ergebnissen knapp über oder auch unter fünfzig Prozent zufriedengeben. Das bedeutet zugleich, daß es keine Bestehensgrenze für das Common Entrance gibt. Public Schools entscheiden über die Aufnahme eines Schülers nach der Zahl der zu vergebenden Plätze, nach dem Selbstverständnis ihrer akademischen Reputation, nach den sportlichen, musikalischen oder künstlerischen Qualitäten des Bewerbers oder auch danach, ob es sich um den Nachwuchs eines Ehemaligen oder das Kind berühmter, reicher oder umworbener Eltern handelt.

Zu meiner Zeit, also in den frühen Sechzigern, waren alle Prep und Public Schools nahezu ausnahmslos reine Jungeninternate. Heute sind in vielen Schulen auch Mädchen zugelassen, manchmal nur in der Sixth Form, anderswo von der ersten Klasse an aufwärts. Andererseits scheuen sich viele Eltern, ihre Kinder so früh aus dem Haus zu geben, und ziehen es vor, sie als Externe oder Wochenschüler anzumelden. Die Direktoren sind jünger als früher und in den meisten Fällen auch verheiratet. Die Eltern verlangen mehr Mitspracherecht, erscheinen regelmäßig auf Klassenpflegschaftssitzungen und beschweren sich sehr viel unumwundener über Unterbringung, Disziplinfragen und das Curriculum. Heizung, Kost, Ausstattung, Lehrplan und Disziplin scheinen heutzutage weit weniger streng und spartanisch als noch vor zwanzig Jahren. Abgesehen von diesen Veränderungen aber ist das System selbst, soweit ich das feststellen konnte, noch weitgehend das alte.

Der Tradition folgend, schicken Väter ihre Zöglinge gewöhnlich auf die Prep School, die sie selbst besucht haben. Mein Vater war nun allerdings Chorknabe an St. Paul’s Cathedral gewesen und hatte die dortige Chorschule besucht. Daß mein Bruder und ich in seine Fußstapfen treten würden, war mehr als unwahrscheinlich. Die Gesangsversuche von Roger und Stephen Fry, selbst bevor Mutter Natur uns allerlei pubertäre Veränderungen aufzwang, konnte Zuhörer dazu bringen, sich mit spitzen Bleistiften in den Hals zu stechen, aus dem dritten Stock zu springen, sich die inneren Hörwerkzeuge herauszureißen, Strom an ihre Genitalien zu legen, eine Jim-Reeves-Platte aufzulegen, sich mit hysterischem Lachen vor den nächsten Bus zu werfen ... kurzum, alles und jedes zu unternehmen, um dieser Qual zu entkommen. Die Cathedral Choir School von St. Paul’s mit ihrer übertriebenen, unzeitgemäßen Wertschätzung von Melodik und Harmonie schied von vornherein aus. Also Gabbitas & Thring.

Der junge Mr. Thring – es könnte auch der alte Mr. Gabbitas gewesen sein – empfahl Stouts Hill Preparatory School, Uley, in der Nähe von Dursley, Glos. Irgend etwas an der Art meiner Mutter hatte ihnen signalisiert, daß nur ein herzlicher, warmer Ort in Frage kam, und in der Hinsicht war Stouts Hill schwerlich zu übertreffen: Herzlichkeit war geradezu ihr Markenzeichen. Die Schule strahlte eine beschützende familiäre Wärme aus, die selbst das sensibelste, an Mutters Rockschoß hängende Kind umfing. Einst von einem gewissen Robert Angus gegründet und geleitet, war sie in die sicheren Hände seiner vier Töchter Carol, Sue, Paddy und Jane übergegangen. Die vier Angus-Mädchen, erklärte der junge Mr. Gabbitas – und der alte Mr. Thring pflichtete ihm mit einem polternden Schlag auf den Schreibtisch bei –, seien überaus aufmerksam, charmant, engagiert, sanftmütig und nett. Alle Schüler lernten Reiten (Miss Jane war ganz vernarrt in Ponys und Pferde); auf dem See konnte man angeln, rudern und Schlittschuh laufen; in den weitläufigen Gehölzen und Wäldern herumtollen oder Nüsse und Brombeeren sammeln; in Slimbridge segeln und Vögel beobachten und überhaupt soviel rennen, hüpfen, Cricket, Rugby oder Fußball spielen, Latein und Griechisch lernen und sich auf die Common-Entrance-Prüfung vorbereiten, wie es sich begeisterte Eltern nur wünschen konnten. Die Mahlzeiten waren ausgewogen und nahrhaft, die Schuluniform schick und adrett und das Schulgeld so horrend hoch, daß die meisten Eltern hätten aufschreien mögen. Gabbitas und Thring machten kein Hehl daraus, daß sie Stouts Hill, Uley, Glos., nur einmütig empfehlen konnten. Nicht weniger angetan waren meine Eltern und Roger, nachdem sie der Schule einige Monate später einen Besuch abgestattet hatten.

Als mein Bruder dort anfing, lebten die Frys in Chesham, Buckinghamshire. Als ich ihm zum Sommersemester 1965 folgte, waren wir auf die andere Seite Englands nach Norfolk gezogen, zweihundert britische Meilen von Gloucestershire entfernt.

Wenn Leute heute hören, daß ich im Alter von sieben Jahren auf ein zweihundert Meilen entferntes Internat geschickt wurde, rümpfen sie oft verständnislos eine Augenbraue, grunzen verächtlich oder werfen verzweifelt die Hände in die Luft angesichts solch herzloser, grausamer und gewissenloser Eltern, die ihrem Kind in einem so zarten Alter derartiges antun konnten: Immer wieder fallen dann Wörter wie »Schoß« und »herausreißen« oder Phrasen wie »Wie kann man nur ...?« »In diesem Alter« und »Kein Wunder, daß die Briten so ...«

Solche Reaktionen zeugen von erheblicher Geistesarmut oder zumindest von wenig Einfühlungsvermögen, was mehr oder weniger auf dasselbe hinausläuft, wenngleich letzteres moralisch verwerflicher ist. All diejenigen, denen der Gedanke widerstrebt, Kinder in jungen Jahren (oder überhaupt) aus dem Haus zu geben, sehen nämlich gänzlich über gesellschaftliche Erwartungen und Gepflogenheiten hinweg. Die Frage nach dem Sinn oder Unsinn privater Internatsschulen ist wiederum ein ganz anderes Thema, über das ich so häufig meine Meinung wechsle wie meine Socken, den Bildschirmschutz auf meinem Computer oder meine Ansichten über Gott.

Als ich sieben war, kannte ich kein Kind meines Alters, das nicht auf eine Internatsschule ging. Auch dies hat nichts mit der Frage zu tun, wie gut oder schlecht es ist, daß meine Freunde alle einem vergleichbaren sozialen Milieu entstammten. Wichtig ist allein, daß mein Vater ein Internat besucht hatte, meine Mutter ein Internat besucht hatte und alle meine Freunde Internate besuchten. So war das eben. Etwas anderes wäre mir nie in den Sinn gekommen. Ein siebenjähriger Junge stellt Gewohnheiten nicht in Frage: Sie gehören für ihn zum Lauf der Welt. Hätte man mich nicht von zu Hause weggegeben, hätte ich mich gefragt, was mit mir nicht stimmte. Ich hätte mich ungerecht behandelt und übergangen gefühlt. Auf eine Schule in der Nähe meines Elternhauses geschickt zu werden, hätte ich ganz gewiß nicht als ein Zeichen besonderer Liebe und Fürsorge aufgefaßt, ganz im Gegenteil. In den Ferien hätte ich mit meinen Freunden gespielt und mir ihre sämtlichen Internatsgeschichten anhören müssen und wäre mir auf grausame Weise ausgestoßen und aus unerfindlichen Gründen bestraft vorgekommen. Ich bin mir dessen so sicher, weil ich tatsächlich ein halbes Jahr an einer normalen Grundschule verbracht habe und es trotz aller Aufmerksamkeit und Freundlichkeit kaum erwarten konnte, meinem Bruder ins Internat zu folgen.

Hätten wir in der Londoner City gewohnt, wäre es vermutlich anders gewesen. So aber lebten wir in der geheimnisvollen Abgeschiedenheit von West Anglia, wo das nächste Geschäft zwanzig Fahrradminuten entfernt lag und das Haus des nächsten Freundes noch einige Meilen weiter. In Booton, Norfolk, klingelte nie jemand an der Haustür, um Stephen zum Spielen zu holen; keine coolen Freunde, die Zak, Barnaby oder Luke hießen, keine Parks, kein Kinoclub am Samstagvormittag, keine Eisdielen mit Milkshakes, keine Busse, keine vorbeifahrenden Eiswagen und keine Rollerskate-Bahnen. Wenn Freunde aus der Stadt mein Elternhaus sahen, schwärmten sie voller Neid und Bewunderung über soviel Natur vor der Haustür. Ich meinerseits schwärmte vor Neid, wenn ich in ein Reihenhaus am Stadtrand von London kam und dort Zimmer mit Teppichböden, Zentralheizung und Salons sah, die Wohnzimmer hießen und einen Fernseher hatten.

Wahr ist auch, daß die nur mühsam verheimlichte Sorge meiner Mutter zum Ende der Schulferien mir ein deutlicheres, klareres Zeugnis uneingeschränkter Liebe gab, als es den meisten Kindern in so frühen Jahren vergönnt ist. Ich kann nicht leugnen, meine Kindheit und anschließend meine Jugend gründlich vermasselt zu haben. Doch ich würde nie zulassen, als Grund dafür ein Gefühl von Betrug, Abgeschobensein oder verweigerter Liebe vorzuschieben.

Schließlich war und ist mein verehrter Bruder Roger alles andere als eine verkrachte Existenz, obwohl er als erster von zu Hause wegging und sich noch weitaus verlassener hätte vorkommen müssen, da er keinen älteren Bruder hatte, in dessen Fußstapfen er treten konnte. Meine entzückende Schwester Jo blieb daheim, wie es damals für Mädchen üblich war. Sie war als Teenager ebenfalls ziemlich von der Rolle, vermutlich aber gerade weil sie nicht auf ein Internat durfte. Die private Schulerziehung mag eine elitäre Abscheulichkeit darstellen, sie mag auf allerlei ungesunden und seltsamen Wegen verschrobene und lächerliche junge Menschen hervorbringen, sie mag die gesellschaftliche Entwicklung in diesem Land behindert haben, sie mag für alle möglichen Desaster und Verirrungen verantwortlich sein, aber sie hat mir nie das Gefühl vermittelt, mich von der Liebe und Fürsorge meiner Eltern abzuschneiden. Ich glaube mit einiger Sicherheit sagen zu können, meine Jugend wäre um keinen Deut anders verlaufen, hätte man mich auf eine Realschule, eine Gesamtschule oder ein Gymnasium geschickt. Egal ob Internat, Tagesschule oder daheim mit Gouvernanten und Privatlehrern, ich wäre genauso ein Fall für den Papierkorb geworden wie ein unerbetener Werbebrief von ›Reader’s Digest‹. Wo ich auch hingekommen wäre und was immer ich getan hätte, eine Jugend voller Sturm und Drang, Absturz und Schande wäre mir nicht erspart geblieben.

Aber das ist alles müßige Spekulation. Tatsache ist, daß mein Bruder nach Stouts Hill ging, meine Schwester geboren wurde und unsere Familie nach Norfolk zog.

Für mich war der Umzug damit verbunden, Chesham Prep verlassen zu müssen, wo ich den Vorschulunterricht besuchte. Chesham liegt genau zwischen der Endstation der Londoner Metropolitan Line und den Chilton Hills, so daß man sich des eigenen Status nie ganz gewiß ist: Lebt man in einem Dorf auf dem Land oder innerhalb der Metroland banlieu? Chesham Prep bestand aus vier Häusern, wobei Haus kein einzelnes Gebäude, sondern einen administrativen Verwaltungstrakt oder Gau bezeichnet. Mein Haus hieß Christopher Columbus, dessen blaues Abzeichen ich mit großem Stolz an der Brust trug. Viele Jahre wollte ich nicht wirklich glauben, daß Columbus Italiener war. Ganz damit abfinden kann ich mich bis heute nicht. Warum sollte eine Schule im Herzen Englands sich den Namen eines ausländischen Helden zulegen? Vielleicht waren sie sich seiner Herkunft selbst nicht so sicher. Schließlich galt es als ausgemacht, daß alle großen Entdeckungen aus England stammten – Eisenbahn, Demokratie, Fernsehen, Buchdruck, Düsenflugzeuge, Hovercrafts, das Telefon, Penizillin, Toiletten mit Wasserspülung und Australien -, also war es nur vernünftig, Christopher Columbus für einen Engländer zu halten. Die Jungen aus Francis Drake – oder hieß das andere Haus Nelson ... oder auch Walter Raleigh? Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern – trugen Abzeichen in leuchtendem Zinnober. Chesham Prep war eine koedukative Schule, und meine Freundin, das Objekt meiner sechsjährigen Zuneigung, hieß Amanda Brooke, an deren flauschigem anthrazitfarbenen Lambswool-Pullover das stolze Schlüsselblumengelb von Florence Nightingale prangte. An der Strickjacke ihrer Schwester Victoria flammte das Limonengrün von Gladys Aylward, Schutzpatronin der Klasse sechs. Victoria war Rogers Freundin, wodurch alles gewissermaßen in der Familie blieb.

Noch heute schmerzt die Erinnerung, daß ich elf Jahre später und mit ein paar Schulverweisen auf dem Buckel als Siebzehnjähriger, der gerade frisch von zu Hause ausgerissen war, nach Chesham zurückkehren und als Gast im Haus der Brooke-Mädchen die Diner’s Club Card ihres Vaters stehlen sollte, um damit eine wüste Vergnügungstour quer durchs Land zu starten, die im Gefängnis und in tiefer Schmach endete.

Eines Morgens stolperte ich auf dem Schulhof von Chesham Prep, knallte kopfüber auf den Boden und brach mir die Nase. Zu der Zeit war meine Nase ein süßer kleiner Knopf – wenn je etwas süß an mir gewesen sein sollte – und der Unfall, obwohl es Blut und Tränen gegeben hatte, ein alltägliches Ereignis im Leben eines kleinen Jungen. Mit den Jahren jedoch wurde meine Nase immer größer, bis mit vierzehn nicht mehr zu übersehen war, daß sie, genau wie ihr Besitzer, reichlich schief geraten war. Als Teenager und auch später noch sagte ich immer wieder: »Ich muß dieses verdammte Ding eines Tages richten lassen«, worauf mir stets ein lauter Chor entgegenschallte: »Aber nicht doch, Stephen ... sie sieht so vornehm aus.« Natürlich ist an einer verbogenen Nase nichts Vornehmes. Ein Schmiß mag vornehm sein, genau wie eine Kerbe am Kinn oder ein distinguiertes unmerkliches Hinken, aber eine krumme Nase ist einfach nur idiotisch und unansehnlich. Heute glaube ich, die Leute wollten nur nett zu mir sein und mir den Tiefschlag ersparen, nach einer Operation feststellen zu müssen, daß mein Gesicht auch mit einer ins Lot gebrachten Nase nicht zu retten war. Die traumatische Erfahrung, daß ein Stephen mit gerader Nase genauso unappetitlich aussah wie ein Stephen mit krummem Kolben, hätte mir womöglich den Rest gegeben.

Wir behalten unsere kleinen Makel, damit wir unsere größeren Defekte darauf abwälzen können. Ich muß häufig an meine krumme Nase denken, wenn ich mit einem Freund eine unserer vielen politischen Diskussionen führe. In seinen Augen ist die Existenz der Monarchie, der Aristokratie und des House of Lords gänzlich absurd, ungerecht und überholt. Dem ließe sich schwerlich widersprechen. Er ist jedoch davon überzeugt, alle drei müßten im Namen von Freiheit und sozialer Gerechtigkeit abgeschafft werden. Genau hier scheiden sich unsere Ansichten. Für mich sind Monarchie und Aristokratie Britanniens krumme Nase. Ausländer halten diesen antiquierten Unfug für vornehm, während wir ihn als lächerlich erachten und fest entschlossen sind, ihn eines Tages loszuwerden. Ich befürchte allerdings, daß, sobald wir uns beider entledigt haben, was mit Sicherheit geschehen wird, uns der psychische Schock ins Haus steht, entdecken zu müssen, daß wir nicht auch nur einen Deut mehr Freiheit oder soziale Gerechtigkeit erlangt haben als beispielsweise Länder wie Frankreich oder die Vereinigten Staaten. Wir werden bleiben, was wir heute schon sind, nämlich genauso frei wie jene beiden Länder. Im Augenblick sind wir vielleicht nicht ganz so frei (was immer frei heißen mag) oder so sozial gerecht (dito) wie die Beneluxstaaten oder Skandinavien, zufälligerweise alles Monarchien. Kosmetische Veränderungen an unserer Verfassung werden zweifellos schwere psychologische Schäden nach sich ziehen. Die Welt würde auf uns blicken und aufgeregt tuscheln und kichern, wie es immer der Fall ist, wenn jemand aus dem Bekanntenkreis beim Plastikchirurgen war. Wir würden den Verband abnehmen, der internationalen Gemeinschaft unsere neue, geradnasige Verfassung präsentieren und gespannt auf bewundernde Kommentare und kleine Entzückensschreie warten. Doch wie tief wird es uns verletzen, erleben zu müssen, wie die internationale Gemeinschaft nur müde gähnt und, weit davon entfernt, vom Glanz der Gerechtigkeit, Freiheit und Schönheit, in dem unser Land erstrahlt, geblendet zu sein, enttäuscht darüber die Nase rümpft, daß ihre Staatsoberhäupter statt üppiger Diners mit einer gekrönten Monarchin zukünftig in Präsident Hattersleys Residenz zum Lunch gebeten werden oder mit Lady Thatcher in irgendeinem umbenannten Palast des Volkes Tee nippen. Mit einem Mal hätte Britannien keinen absurden kleinen Makel, der für seine Verfehlungen, die natürlich einzig in der menschlichen Unvollkommenheit begründet liegen, herhalten könnte. Umgekehrt wären wir ein gutes Stück weiter, wenn wir uns nur den tatsächlichen Defekten widmeten; wenn wir uns eingestehen könnten, daß es der fehlende politische Wille ist, der das Ziel größerer sozialer Gerechtigkeit behindert, anstatt alles ein paar harmlosen Auswüchsen und schrulligen Eigenarten zuzuschreiben. Das Problem kosmetischer Operationen ist, daß man immer nur kosmetische Erfolge erzielt, die, wie uns das Beispiel reicher Amerikanerinnen lehrt, lächerlich, peinlich und abschrekkend sind. Aber natürlich bin ich ein Sentimentalist und als solcher dankbar für jede Ausrede, um für den Fortbestand der harmlosen Verschrobenheiten des Status quo zu streiten.

Hoppla, wir haben unsere Schäfchen ganz aus den Augen verloren, wie die Franzosen sagen. Also, ich besuchte Chesham Prep, war sechs Jahre alt, hatte eine florierende krumme Knolle im Gesicht und war gerade dabei, den Jungen vom Kap vorzustellen.

Meine Klassenlehrerin in Chesham Prep, Mrs. Edwards, teilte an alle Schüler Kalligraphiestifte aus, die wir mit einem Messer anspitzen durften. Sie selbst schrieb mit einem flachen Stück Kreide auf der Tafel, wobei Kalligraphieschrift ihr Thema, ihre Botschaft, ihre Mission und ihre Leidenschaft war. Bevor wir auch nur unseren Namen schreiben durften, mußten wir Seite um Seite in unseren Schmierheften üben, zuerst einfache Wellenlinien, auf und ab, auf und ab, auf und ab, dann die einzelnen Buchstaben des Alphabets und zum Schluß die verbundenen Buchstaben des Alphabets in der vorgegebenen Weise. Noch heute kaufe ich mir etwa jedes halbe Jahr im Schreibwarenladen ein Osmiroid-Kalligraphieset und übe, dick dünn, dick dünn, dick dünn. Ich ziehe Hilfslinien, zwischen die ich die Buchstaben des Alphabets setze, und dann schreibe ich meine alten Lieblingswörter von damals. Besonders begeistern konnte ich mich schon immer für die Art, wie man die Punkte auf die Buchstaben ›i‹ und ›j‹ setzt, nämlich –

i j

– so daß ich einen Riesenspaß an Wörtern wie

jiving – skiing – Hawaii – jiujitsu habe, am meisten aber an

Fiji – Fijian

Ein paar Tage kritzle ich vor mich hin, bis ich vergesse, die Kappe auf die Stifte zu stecken, so daß die Feder eintrocknet und die Spezialtinte zäh wie Gummi wird. Eine Woche später landet das ganze Set im Müll, und ich frage mich, wie ich überhaupt auf so eine Schnapsidee kommen konnte.

Gegen Ende des letzten Semesters in Mrs. Edwards’ Klasse stieß ein bildhübscher Blondschopf mit breitem Lächeln zu uns. Er stammte aus Kapstadt, und Mrs. Edwards war ganz vernarrt in ihn. Seine Kalligraphiebuchstaben waren so makellos wie sein Aussehen, was mich zwischen Ablehnung und Verzückung hin und her warf. Die Jungen, in die ich mich später verknallte, waren in der Regel gepflegt und wohlerzogen. Viel zu wohlerzogen für meinen Geschmack.

Jede Bewegung und Geste des Jungen aus Kapstadt (der möglicherweise Jonathan hieß, sofern der Name des Verlagshauses Jonathan Cape meinem Gedächtnis hier keinen Streich spielt) erinnerte mich an mein eigenes unbeholfenes Geschmiere. Meine Aufstriche waren plump und unproportioniert, seine elegant und tadellos; meine Finger waren ständig tintenverschmiert, während seine immer blitzsauber und perfekt manikürt waren. Seine vorgestülpten Lippen waren damals ganz und gar sinnlich, auch wenn sie heute vermutlich jenes merkwürdig wulstig-feuchte Aussehen haben, das für die Ex-Kolonisten der südlichen Hemisphäre genauso typisch ist wie rotblonde Wimpern und breite Hüften. Wahrscheinlich sieht er heute so aus wie Ernie Eis oder Kerry Packer. Schade.

Vielleicht setzte der Junge aus Kapstadt den Maßstab für alle meine späteren Liebesgeschichten. Seltsamer Gedanke. Bis zu diesem Moment habe ich nie an ihn gedacht. Ich hoffe nur, dieses Buch gerät nicht zu einer Art Regressionstherapie. Könnte ziemlich dröge für Sie werden. Mich würde allerdings interessieren, ob er immer noch so saubere Kalligraphiebuchstaben schreibt wie vor vierunddreißig Jahren.

Aus Sex machte ich mir damals selbstverständlich gar nichts. Pos und Piepmätze spielten in Chesham für alle Jungen über drei Jahre eine große Rolle und waren Anlaß für allerlei vergnügliche Spiele, denen man sich mit intensivem heimlichem Entzücken widmete. Mein Banknachbar in Mrs. Edwards’ Klasse hieß Timothy. Oft ließen wir hinten unsere Shorts und Unterhosen herunter, so daß wir unter unserem blanken Po die Holzbänke spürten. Für Mrs. Edwards sah vorne von ihrem Platz alles ganz normal aus. Ich empfand dies als wahnsinnig aufregend, sowohl den nackten Hintern als auch die Tatsache, daß niemand etwas merkte. Nicht etwa, daß ich dabei eine Erektion gehabt hätte, zumindest kann ich mich nicht an derartiges erinnern. Manchmal gingen Timothy und ich auch in den Wald, wo wir Rudies spielten. Rudies bestand darin, in einem möglichst hohen Bogen gegen einen Baumstamm zu pinkeln oder dem anderen beim Scheißen zuzusehen. Alles sehr geheimnisvoll. Ich kann nicht behaupten, an dieser Spielart des Sexuellen heute noch irgendeinen Gefallen zu finden, obwohl ich weiß, daß viele erlauchte Persönlichkeiten diese Vorstellung überaus anregend finden. Ständig hört man von Männern, die Prostituierte dafür bezahlen, ihren Darm auf einem Glastisch zu entleeren, unter dem der lechzende Freier liegt und sein Gesicht gegen den Exkrementenschwall preßt. Man mag das für eine typisch britische Spezialität halten, doch lehrt einen ein kurzer Ausflug in die derberen Seiten des Internet, daß die Amerikaner, wie bei allen Absonderlichkeiten, auch hier mit Leichtigkeit die goldene Palme davontragen. Ich habe schon lange nicht mehr unter der Adresse alt.binaries.tasteless nachgeschaut, aber dort draußen existiert fraglos eine gigantische Welt skatologischer Absonderlichkeiten. An zweiter Stelle stehen die Franzosen: Ich nehme an, jeder, der de Sades Die hundertzwanzig Tage von Sodom gelesen hat, wird sich noch gut an die Lektüre und die kühl-distanzierte Beschreibung der Art erinnern, in der der Bischof seinen Kaffee trinkt. Nicht zu vergessen auch jener französische Intellektuelle und Held des Strukturalismus, der sich in Schwulenbars gerne in eine Wanne legte und die übrigen Gäste über sich urinieren ließ. So enttäuschend es auch sein mag, wir Briten sind auf dem Gebiet der sexuellen Bizarrerien ganz gewiß nicht seltsamer als andere auch, wir glauben nur, es zu sein, was der eigentliche Grund für unsere Seltsamkeit ist. So wie die Liebe zum Geld die Wurzel allen Übels ist, so ist der Glaube an die Verderbtheit die Wurzel allen Elends.

Ich kann mich weiß Gott weder daran erinnern, wo der Wald lag, in dem wir unsere harmlosen Rudies veranstalteten, noch wer Timothy war. Er hieß natürlich auch nicht Timothy, und sollte er dieses Buch in die Hand bekommen, wird er unsere Eskapaden vermutlich längst vergessen haben, während er seiner Frau am Kamin daraus vorliest, wie zur Bestätigung, diesen widerlichen Schmierfink Stephen Fry schon damals richtig eingeschätzt zu haben.

An frühe ›Sex-Spiele‹, wie es in den Büchern von Kinsey und Hite immer heißt, an denen das andere Geschlecht beteiligt gewesen wäre, kann ich mich nicht erinnern. Ein Mädchen gestattete mir einmal einen Blick auf ihren Schlüpfer, und ich weiß noch, daß ich sowohl den Gummizug als auch die Farbe abstoßend fand. Ich glaube nicht, daß ich danach noch mehr sehen oder erfahren wollte. Ein Freund an der Uni antwortete auf die Frage, wann er gewußt habe, daß er schwul sei, er könne sich noch genau erinnern, wie er bei seiner Geburt noch einmal zurückgeblickt und gesagt habe: »Nein danke! In so was verirre ich mich kein zweites Mal ...« Ich benutze diesen Satz seither schamlos als meine eigene Erklärung, wann ich es denn gewußt habe.

Ich fand Mädchen großartig, außer wenn sie mich herumschubsten oder mit vornehm gespitzten Lippen sagten: »Ha! Das sag ich dem Lehrer.«

Abgesehen von meiner stümperhaften Kalligraphie, der leuchtenden Schönheit von Jonathan Cape und den gelegentlichen Rudies mit Timothy liegt meine Zeit als Sechsjähriger heute für mich unter einem undurchdringlichen Nebel. Ich weiß, daß ich mit drei flüssig lesen und mit vier schreiben konnte und daß ich mir nie meinen Stundenplan merken konnte.

Die Straße, in der wir in Chesham wohnten, hieß Stanley Avenue und hätte geradewegs aus einem Betjeman-Gedicht stammen können. An der Stelle von Sherwood House, unserer alten Adresse, befindet sich heute eine Stichstraße mit mehreren Privathäusern. Ich vermute daher, Sherwood House war ein recht stattlicher Bau, auch wenn ich mich nur noch an wenige Einzelheiten erinnere: an den überdachten Eingang aus bemaltem Glas etwa oder die Kabine, in der ein schwarzes Telefon auf einer Schiebekommode stand – auf der Wählscheibe waren neben den Ziffern auch die Buchstaben in Rot eingetragen, so daß man statt einer Vorwahl einfach PUTney 4234 oder CENtral 5656 wählte. Mit Begeisterung trommelte ich auf der schweren Bakelit-Gabel herum und lauschte auf das hohle, klickende Echo in der Leitung. Auch wenn bestimmte Gerüche in uns weit eher Erinnerungen heraufbeschwören als Laute, so wird jeder, der älter als fünfunddreißig ist, sich durch die alten Geräusche beim Wählen und Einhängen genauso umgehend in die Vergangenheit zurückversetzt fühlen wie durch das Klimpern von Half-Crowns oder das Floppen, mit dem früher bei einem Austin die Tanknadel hochschnellte.

Ich war ganz und gar fasziniert vom Telefon, allerdings nicht in der Art eines weiblichen Teenagers, der stundenlang, auf dem Bauch liegend, die Schenkel zusammengepreßt und die Knöchel in der Luft gekreuzt, an der Strippe hängt, sondern vielmehr gefesselt davon, wie es die Menschen veränderte. Wenn damals die Leitung unterbrochen wurde, trommelte man auf die Gabel und rief: »Vermittlung! Vermittlung!« Ältere Menschen machen das heute noch. Sie wissen nicht, daß es genauso zwecklos ist, wie nach dem Dienstpersonal zu läuten oder nach der Gepäckaufbewahrung zu fragen.

Sie wissen nicht, daß für unsere Zeit gilt ...

DA IST NIEMAND MEHR

Sie wissen nicht, daß die Bibel inzwischen der Telefonansagedienst ist und das Fegefeuer bedeutet, vom heiligen Petrus in eine geschlossene signaltongesteuerte Endlosschleife geschickt zu werden, um darin zu den Klängen von Vivaldis Frühling in alle Ewigkeit zu schmoren.

Das simple Wörtchen »Hallo« kam erst als Begrüßungsformel in Umlauf, als die amerikanischen Telefongesellschaften nach einem neuen Wort suchten, mit dem Telefongespräche auf freundliche, unaufdringliche und neutrale Weise eröffnet werden konnten, genau wie die BBC in den dreißiger Jahren eine Debatte darüber anzettelte, wie die Leute vor dem Fernseher zu bezeichnen waren. Das Radio hatte Hörer, sollte man also beim Fernseher von Sehern sprechen? Wie bekannt, einigte man sich schließlich auf Zuschauer. Im Falle des Telefons wollte man die Leute davon abbringen, »Wer da?«, »Grüß Gott« oder auch »Tagchen« zu sagen. »Guten Morgen« und »Guten Tag« klangen zu sehr danach, als wolle man gleich wieder auflegen, und waren in einem Land mit vier verschiedenen Zeitzonen auch wenig praktisch. Vor 1890 brachte man mit »Hallo!« lediglich Überraschung oder Interesse zum Ausdruck, wobei immer ein Unterton von Anmache mitschwang. Um die Jahrhundertwende tauchte »Hallo Girls« dann in unzähligen Liedern und Zeitungsartikeln auf, um alsbald in der Alltagssprache als einschmeichelnd saloppe, unkomplizierte Anredefloskel zu gelten.

Etwa zur Zeit meines siebten Geburtstags hatte ich damit begonnen, Fakten statt Schmetterlinge, Briefmarken oder Fußballbilder zu sammeln, und mein Lieblingsfakt über das Telefon war ein Ausspruch von Alexander Graham Bell, der kurz nach der Erfindung des Telefons den entzückenden Satz gesagt haben soll: »Ich glaube nicht, die Möglichkeiten dieser Erfindung zu hoch zu veranschlagen, wenn ich Ihnen sage, daß es meiner festen Überzeugung nach dereinst in jeder größeren amerikanischen Stadt ein Telefon geben wird.«

In jenen Tagen ging mein Vater noch jeden Morgen zur Arbeit aus dem Haus, so daß ich das Telefon mit meiner Mutter und Chesham, seinen Lorbeerhecken und Sträuchern, dem Klappern der Atco-Mäher in der Nachbarschaft und einer Vorstadtidylle assoziiere, an deren Stelle bald darauf in Norfolk gespenstische Dachböden, ländliche Einsamkeit und die permanente Anwesenheit meines Vaters traten. In meiner Erinnerung ist Sherwood House der Ort, an dem William aus Just William lebte, wo Raffles und Bunny auftauchten, um eine neureiche Dame um ihre Perlen zu erleichtern, oder wo Tante Julia aus den Ukridge-Stories von Wodehouse ihre Wimbledon-Festung besaß. Bei Sherlock Holmes sind es das Haus des Baumeisters aus Norwood und die geheimnisvolle Pondicherry Lodge. Offen gesagt fällt es mir sogar leichter, die Erinnerung an Sherwood House wachzurufen, indem ich irgendeins dieser Bücher aufschlage und mich der Flut der Bilder ergebe, als daß ich mich hinsetze und krampfhaft die Vergangenheit heraufzubeschwören versuche.

Meine Mutter gab gelegentlich Englischkurse für ausländische Studenten und Geschichtsunterricht an Colleges und Schulen in der Umgebung, doch in meiner Erinnerung sitzt sie im Eßzimmer an einer Schreibmaschine, während ich mich zu ihren Füßen auf dem Boden lümmle, in ein Gasfeuer starre und im Radio Mrs. Dale’s Diary, Twenty Questions oder den Archers lausche. Oder ich höre ihre Stimme, die höher und lauter, aber auch langsamer und zusammenhangloser redete, wenn das Telefon geklingelt hatte und sie zu der Kabine im Flur geeilt war. Ich schwöre, es ist keine fünf Jahre her, als ich sie zuletzt mit ihrer liebenswürdigen Klar-und-deutlich-für-Ausländer-Stimme in die Muschel sprechen hörte:

»Wenn Sie in einer Telefonzelle sind, drücken Sie bitte Knopf B ...«

Dabei müssen die Knöpfe A und B aus öffentlichen Telefonzellen seit mindestens zwanzig Jahren verschwunden sein.

Für mich ist dies das Bild meiner Kindheit. Ganz für mich die wohlige Wärme genießend, die das Gasfeuer, meine hochschwangere Mutter und ihr Ferguson-Radio verbreiten. Wenn ihr danach war, gesellte sich unsere siamesische Katze dazu, aber in meiner Erinnerung sind wir zwei allein. Manchmal erheben wir uns, meine Mutter streckt sich, die Hände auf die Hüften gestemmt, sucht nach Kopftuch und Regenmantel, und wir brechen zu einem Spaziergang auf. Wir schauen beim Friseur vorbei, dem Gemischtwarenladen, der Post und zuletzt bei Quell’s, wo ich geräuschvoll einen Himbeer-Milchshake mit dem Strohhalm schlürfe, während meine Mutter mit selig geschlossenen Augen ein Melonen- oder Tomaten-Sorbet löffelt. Auf dem Rückweg füttern wir die Enten im Park mit hartem Brot. Die ganze Zeit über erzählt sie mir von allen möglichen Dingen. Was bestimmte Wörter bedeuten. Warum Autos Nummernschilder haben. Wie sie Daddy kennengelernt hat. Warum sie demnächst ins Krankenhaus muß, wenn das Baby kommt. Und sie erfindet immer neue Geschichten mit dem Koala-Bären Bananas. Eins seiner Abenteuer handelt davon, daß Bananas nach England reist, um Weihnachten bei seinen Verwandten in Whipsnade zu verbringen. Der arme Kerl muß fürchterlich frieren, da er angenommen hatte, in Buckinghamshire herrsche im Dezember brüllende Hitze, und deshalb nur Shorts, Badehose und Sandalen eingepackt hat. Wie alle Kinder muß ich über die Dummheit anderer lachen, die keine Ahnung von Dingen haben, die wir selbst erst kurz zuvor gelernt haben.

Seitdem geht es im Leben ständig bergab. Oder wäre bergauf treffender?

Sobald wir in die Stanley Avenue einbiegen, veranstalten wir ein Wettrennen bis zum Haus, das meine Mutter, hochschwanger, wie sie ist, jedesmal fast gewinnt. In ihrer Schulzeit war sie ein großes Sportas und hat sogar in der englischen Hockeyauswahl der Mädchen im Tor gestanden.

In Chesham gab es Au-pair-Mädchen, die gewöhnlich aus Deutschland oder Skandinavien stammten, es gab Mrs. Worrell, die den Boden schrubbte, es gab Roger und am Abend den furchtgebietenden Anblick meines Vaters. Doch das einzige Bild in meiner Erinnerung ist das meiner Mutter an der Schreibmaschine (einmal sagte sie laut fuck, nicht daran denkend, daß ich unter ihrem Stuhl saß) und mir, wie ich in die blauen und orangefarbenen Flammen starre.

An einem Morgen, an dem ich aus vorgetäuschtem oder tatsächlichem Unwohlsein zu Hause geblieben war, kam meine Mutter zu mir ans Bett, die Hände erschöpft in die Hüften gestemmt, und sagte, sie müsse jetzt ins Krankenhaus. Roger hatte sich einige Mühe gegeben, mir zu erklären, wo die Babys herkommen. Dabei mußte einer von uns oder auch alle beide einiges durcheinandergeworfen haben, zumindest war in meinem Kopf die Vorstellung hängengeblieben, mein Vater sei eine Art Gärtner, der ein Samenkorn in den Bauchnabel meiner Mutter steckt und dann mit seinem Pipi bewässert. Eine zugegeben seltsame Vorstellung, die aber Marsbewohnern auch nicht abwegiger erscheinen dürfte als die platte Wahrheit.

Das Resultat all dessen war die kleine Joanna. Ihren zweiten Vornamen Roselle hatte sie von meiner Großmutter aus Wien, der Mutter meiner Mutter. Mit Feuereifer half ich mit, mein neues Schwesterchen zu füttern und anzuziehen, in der glühenden Hoffnung, als erster von ihr angelächelt zu werden.

Ich war nun offiziell ein mittleres Kind.

Eine Woche später zogen wir von Chesham nach Norfolk.

2.

Es ist Januar 1965. Roger ist mittlerweile acht und verbringt sein zweites Semester in Stouts Hill. Mich hält man für ein paar Monate zu jung. Erst im Sommer soll ich ihm folgen und bis dahin die anglikanische Grundschule in Cawston, eine Meile von unserem neuen Heim in Booton entfernt, besuchen.

Rektor der Cawston Primary School war John Kett, ein Nachfahr jenes Kett, der Kett’s Rebellion anführte und seine letzten Tage an die Mauern von Norwich Castle geschmiedet verbrachte. Sein Abkömmling im zwanzigsten Jahrhundert ist ein liebenswerter Mensch, der Bücher über den Norfolk-Dialekt schreibt und von allen in der Umgebung geschätzt und geachtet wird. Ob er wie sein rauhbeiniger Vorfahr an die Unabhängigkeit des Ostens glaubt, vermag ich nicht zu sagen, aber sollte der gegenwärtige Trend der Anerkennung alter Erbschaftsfolgen bis in die Zeit der englischen Königtümer zurückgehen, wäre er fraglos der legitime Anwärter auf den Königsthron von Anglia – mit Delia Smith als Gemahlin.

»Ich brauche einen Freiwilligen«, sagte Mrs. Meddlar eines Morgens.

Meine Hand schoß in die Höhe. »Hier, Miss, ich, Miss! Bitte, Miss!«

»Sehr schön, Stephen Fry.« Miss Meddlar nannte mich stets bei meinem vollen Namen. Es gehört zu den unauslöschlichen Erinnerungen an meine Grundschulzeit, immer als Stephen Fry angesprochen zu werden. Ich nehme an, Miss Meddlar betrachtete Vornamen als zu zwanglos und Nachnamen als zu kühl und steif für eine anständige christliche Dorfschule. »Bring das bitte in Mr. Ketts Klasse, Stephen Fry.«

»Das« war ein Blatt mit Prüfungsergebnissen. Rechtschreibung und Addition. Ich hatte mir einen einzigen dummen Fehler in der Rechtschreibung geleistet und »many« mit zwei »n« geschrieben. Alle anderen hatten den gleichen Fehler gemacht, aber zusätzlich auch noch ein »e« eingebaut, so daß Miss Meddlar mir für das richtige »a« zumindest einen halben Punkt gegeben hatte. Als ich das Blatt von ihr überreicht bekam, sah ich, daß ich die Liste mit neunzehneinhalb von zwanzig möglichen Punkten anführte.

Ich lief über den Flur zur Klasse von Mr. Kett. Gerade als ich an die Tür klopfen wollte, ertönte drinnen lautes Gelächter.

Kein Mensch, weder das warzigste Mütterchen in Arles noch der verrunzeltste, gebückteste Kosak oder der ehrwürdigste, pferdeschwänzigste Mandarin in China, ja nicht einmal Methusalem höchstpersönlich wird einem je älter vorkommen als die Schüler höherer Klassen. Es ist das gleiche Gefühl wie beim Betrachten alter viktorianischer Fotos von Sportlerteams. Man mag mittlerweile längst älter sein als die Abgebildeten, sie sind einem stets um eine Welt voraus, haben die dickeren Schnurrbärte und sind weitaus trinkfester. Nie wird man sich so elegant in Positur setzen oder soviel Reife ausstrahlen können wie sie. Nie und nimmer.

Das Lachen in Mr. Ketts Klasse stammte von Neun- und Zehnjährigen, deren Alter ich dennoch nie erreichen werde und mit deren Reife und Klassenvorsprung ich nie werde wetteifern können. Zugleich schien ihr Lachen eine geheime Komplizenschaft mit Mr. Kett auszudrücken, eine Verschworenheit der Älteren, die meine Knie butterweich werden ließ. Ich zog meine Hand im letzten Moment zurück und floh in den Umkleideraum.

Atemlos setzte ich mich auf eine Bank neben den Spinden und starrte trübselig auf Miss Meddlars Papier. Es ging einfach nicht. Ich konnte unmöglich die Klasse der Älteren betreten.

Ich wußte genau, was passieren würde, denn ich hatte die Szene bis ins letzte Detail in meinem Kopf durchgespielt, so daß es mir vorkam, als wäre ich tatsächlich in der Klasse gewesen, wie wenn jemand auf dem Sprungturm plötzlich Schiß bekommt und im Magen das flaue Gefühl eines Sprungs verspürt, der einzig in seinem Kopf stattgefunden hat.

Ich zitterte bei der Vorstellung, wie die Sache laufen würde.

Ich würde an die Tür klopfen.

»Herein«, würde Mr. Kett sagen.

Ich würde die Tür öffnen und mit zitternden Knien und gesenktem Blick vor der Klasse stehen.

»Sieh an. Stephen Fry. Was kann ich für dich tun, junger Mann?«

Die Schüler würden zu lachen beginnen, auf eine herablassende, fast schon gehässige Art. Was hat dieser Knirps, diese Fliege, dieses Nichts hier bei den Großen verloren, wo wir uns gerade mit Mr. Kett auf höchst geistvolle Art über einen ungemein geistreichen Witz amüsieren? Wie der schon aussieht ... total verknitterte Shorts und ... mein Gott ... trägt der etwa SartRite-Sandalen? Heiliger Bimbam ...

Daß mein Name ganz oben auf der Liste stand, würde alles nur noch schlimmer machen.

»Alle Achtung, Master Fry. Neunzehneinhalb von zwanzig Punkten! Ganz schön clever, wie?«

Jetzt wären leise Spottrufe und ein gedämpftes, gemeines Lachen zu hören. Rechtschreibung! Addition! Zum Wegschreien.

Nicht auszuhalten. Undenkbar. Ich konnte da nicht rein.

Ich wollte weglaufen. Nicht nach Hause. Einfach nur fort von hier. Immer nur laufen und laufen und laufen. Doch selbst davor hatte ich zuviel Schiß. Verdammt. Verdammt und zugenäht. Da hatte ich mir schön was eingebrockt. Und alles nur, weil ich so folgsam gewesen war. Weil ich am höchsten aufgezeigt und so flehentlich »Hier, Miss, ich, Miss! Bitte, Miss!« gequäkt hatte.

Wie ungerecht, die ganze Welt war ungerecht. Da hockte Stephen Fry im Umkleideraum einer Dorfschule in Norfolk und wünschte sich, jemand ganz anderes zu sein und in einem anderen Land, zu einer anderen Zeit und in einer anderen Welt zu leben.

Ich blickte auf Miss Meddlars Blatt hinab. Mein Name am oberen Rand verschmolz in einem salzigen Rinnsal mit dem von Darren Wright darunter. Darren Wright hatte vierzehn von zwanzig Punkten. Vierzehn war ein viel vernünftigeres Ergebnis. Damit mußte man sich nicht schämen. Warum hatte ich nicht die vierzehn Punkte?

Ich zerknüllte das Blatt und steckte es in einen Gummistiefel. Er gehörte Mary Hench, wie in Druckschrift auf einem Streifen Tesaplast auf der Innenseite zu lesen war. Mary Hench war meine Freundin und würde mich hoffentlich nicht verraten, wenn sie das Knäuel entdeckte.

Ich stand auf und wischte mir die Nase. Was für ein Schlamassel.

Während der nächsten zehn Jahre, des längsten Jahrzehnts meines Lebens, fand ich mich viele, viele Male allein in Umkleideräumen wieder. Mein damaliger Besuch war harmlos und kindlich naiv, während die späteren voller Durchtriebenheit und Heimtücke steckten. Bis heute erzittert mein Herz beim Betreten öffentlicher Umkleideräume unter den wuchtigen Hammerschlägen der Schuld. Unzählige Male noch sollte der Wunsch wiederkehren, nicht mehr Stephen Fry, sondern jemand ganz anderes zu sein, in einem anderen Land und zu einer anderen Zeit.

Kaum hatte ich jene Ur-Umkleide, jenen prägenden Prototypen aller zukünftigen Umkleideräume verlassen und war zitternd auf meinen Platz in Miss Meddlars Klasse zurückgekehrt, als es zur Pause klingelte.

Wie immer gesellte ich mich zu Mary Hench und den anderen Mädchen an den Rand des Schulhofs, wo das Himmel-und-Hölle-Feld aufgemalt war. Mary Hench gehörte zu den größten Mädchen der Klasse, hatte sanfte braune Augen und ein süßes Lispeln. Unsere Lieblingsbeschäftigung bestand darin, Tennisbälle gegen die Schulmauer zu werfen und uns über die idiotischen Jungen auszulassen, während wir ihnen beim Fußballspiel oder ihren Raufereien mitten auf dem Schulhof zusahen. Saublöd, sagte Mary Hench immer. Bei ihr waren alle Jungen saublöd. Manchmal war auch ich saublöd, aber meistens nur blöd, was eine Spur besser war. Marys Freundin hieß Mabel Tucker, meine Banknachbarin in Miss Meddlars Klasse. Mabel Tucker trug eine Kassengestellbrille und wurde von mir nur Table Mucker genannt, was sie auf den Tod haßte. Wenn ich im Unterricht einen fahren ließ, brüllte sie es sofort laut in die Klasse, was ich wiederum ganz und gar unsportlich fand.

»Entschuldigung, Miss. Stephen Fry hat gefurzt.«

Zimtzicke. Blöde Kuh. Man durfte heimlich und begeistert kichern oder sich den Pullover über die Nase ziehen, aber einen Erwachsenen auf den Vorfall aufmerksam zu machen war so ziemlich das allerletzte. Außerdem war ich mir gar nicht sicher, ob die Erwachsenen überhaupt wußten, was ein Furz war.

Kurz vor Ende der Pause erblickte ich aus den Augenwinkeln, wie Miss Meddlar über den Schulhof spähte. Ich versuchte mich hinter Mary Hench, die größer als ich war, zu verstecken, doch sie sagte nur, ich solle mich nicht so saublöd anstellen, und schubste mich weg.

»Stephen Fry«, rief Miss Meddlar.

»Ja, Miss?«

»Mr. Kett sagt, du hättest kein Blatt bei ihm abgegeben.«

Jungen und Mädchen drängelten sich an mir vorbei zurück in die Klassen.

»Nein, Miss. Stimmt, Miss. Er war nicht in seiner Klasse. Wahrscheinlich war er kurz weggegangen. Ich habe das Blatt auf seinen Schreibtisch gelegt«, log ich im Ton gänzlicher Unbekümmertheit.

»Aha, ich verstehe.« Miss Meddlar machte einen leicht verunsicherten Eindruck, schien mir aber zu glauben.

»Wenn’s weiter nichts ist«, signalisierte ich mit hochgezogener Augenbraue und trottete von dannen.

Beim Mittagessen kam Mr. Kett an meinen Tisch und setzte sich mir gegenüber. Ich fühlte mich von tausend glühenden Augen durchbohrt.

»Also denn, junger Mann. Ich soll heute morgen nicht in meiner Klasse gewesen sein? Dabei habe ich den Raum nicht eine Minute verlassen.«

»Äh, ich habe geklopft, Sir, aber Sie haben nichts gesagt.«

»Du hast geklopft?«

»Ja, Sir. Und als ich von drinnen nichts hörte, bin ich wieder gegangen.«

»Miss Meddlar sagt, du hättest ihr versichert, das Blatt mit den Prüfungsergebnissen auf meinen Schreibtisch gelegt zu haben.«

»Ah, nein, Sir. Als Sie auf mein Klopfen nicht antworteten, bin ich wieder gegangen.«

»Ich verstehe.«

Es entstand eine kurze Pause, in der ich von einem heißen Prickeln durchflutet auf meinen Teller starrte.

»Nun gut. Wenn du mir dann jetzt das Blatt geben könntest ...«

»Sir?«

»Ich nehme es jetzt mit.«

»Oh. Ich habe es verloren, Sir.«

»Verloren?«

»Ja, Sir. In der Pause.«

Ratlosigkeit breitete sich auf Mr. Ketts Gesicht aus.

Präg dir diese ratlose Miene gut ein, Stephen Fry. Sie wird dir noch oft genug begegnen.

Narziß kann sich nur dann begehrenswert finden, wenn er sich über eine glatte, stille und unbewegte Wasserfläche beugt. Wer in aufgewühltes Wasser blickt, sieht sein Antlitz verfinstert und verzerrt. Und genau das war Mr. Ketts Gesicht, ein von dunkler Unruhe aufgewühltes Wasser. Belogen zu werden, war eine Sache, nur geschah es in diesem Fall auf so kaltschnäuzige Art und ohne erkennbaren Grund.

Ich kann seine Verwirrtheit nur allzugut verstehen. Drohend steigt sie in diesem Moment wieder vor mir auf, und der Aufruhr in seinen Augen spiegelt ein in der Tat häßliches Antlitz.

Hier hatte er einen hellen Jungen vor sich, einen außerordentlich hellen sogar. Er wohnte in einem prachtvollen Haus am Ende der Straße: Seine Eltern, auch wenn sie neu in Norfolk waren, schienen nette Leute zu sein – man war sogar geneigt, sie als ausgesprochen nett zu bezeichnen. Der Junge besuchte diese kleine Schule nur bis zum Sommer, bevor man ihn an eine auswärtige Prep School schickte. Kett war ein Mann seines Dorfes und folglich ein Mann von Welt. Ihm waren oft genug begabte Kinder untergekommen und oft genug auch Kinder aus Familien der oberen Mittelschicht. Dieser Junge verfügte offenbar über hinreichend Anstand, Takt und Benehmen, und doch besaß er die Unverfrorenheit, einem, ohne zu erröten oder zu stottern, eiskalt ins Gesicht zu lügen.

Okay, vielleicht trage ich ein bißchen zu dick auf.

Die Chancen stehen schlecht, daß John Kett sich überhaupt an jenen Tag erinnert. Ich weiß sogar, daß er es nicht tut.

Also gut, ich übertreibe. Ich lege mir den Zwischenfall so zurecht, wie ich ihn gerne haben möchte.

Wie alle Lehrer übersah und verzieh John Kett den Kindern unter seiner Obhut die unzähligen offenbarenden Momente, in denen sie sich wie kleine Bestien gebärdeten. Jeden Morgen grüßt er Männer und Frauen, inzwischen selbst Eltern, von denen er noch gut weiß, wie sie vor Jahren wie die Kesselflicker aufeinander losgegangen sind, sich in die Hose gemacht haben, andere schikaniert haben oder selbst schikaniert wurden, beim Anblick einer Spinne oder bei fernem Donnergrollen vor Schreck laut aufgeschrien oder Marienkäfer gequält haben. Gewiß, eine dreiste Lüge wiegt schwerer, als wenn man sich wie ein wildes Tier aufführt oder sich vor Angst in die Hose scheißt, aber diese Lüge war und ist allein mein Problem, nicht das von John Kett.

Die Geschichte mit den Testergebnissen in Mary Henchs Gummistiefeln ist nur deshalb ein so einschneidendes Erlebnis für mich, weil sie sich unauslöschlich in meinem Kopf eingebrannt hat. Anders gesagt, sie ist bedeutsam, weil ich ihr diese Bedeutsamkeit zuschreibe, und allein das zählt. Ich vermute, sie markiert für mich den Anfang dessen, was in der Folge zu einem immer wiederkehrenden Muster einsamer Lügen und öffentlicher Bloßstellungen wurde. Die Tugend dieser besonderen Lüge war, daß sie um ihrer selbst willen geschah und keinem Zweck diente, während ihre Verwerflichkeit in ihrer vorsätzlichen und gekonnten Ausführung bestand. Als Kett sich zum Verhör an meinen Tisch setzte, war ich nervös – trockener Mund, Herzrasen, feuchte Hände –, aber in dem Augenblick, als ich zu sprechen begann, gewann ich nicht nur meine Selbstsicherheit zurück, sondern spürte, wie ich absolut ruhig und ganz und gar ich selbst wurde. Gerade so, als hätte ich den eigentlichen Zweck meines Daseins entdeckt. Andere zu täuschen und hinters Licht zu führen: Nicht nur ohne Scham, sondern aus echtem, tiefempfundenem Stolz heraus zu lügen. Mein großes Problem war, daß es sich um einen ganz persönlichen Stolz handelte. Kein Stolz, mit dem ich mich vor den anderen auf dem Schulhof brüsten konnte, sondern ein geheimer Stolz, an dem ich mich wie der Geizkragen am Geld oder der Perverse an pornografischen Darstellungen weidete. So sehr ich in den Stunden vor meiner Bloßstellung auch vor Angst schwitzte, im Augenblick der Gegenüberstellung offenbarte sich mein eigentliches Wesen: Innerlich war ich aufgekratzt, elektrisiert und glücklich, während ich nach außen hin völlig ruhig und gelassen blieb und in Sekundenbruchteilen reagierte. Der Akt des Lügens versetzte mich in einen Zustand, wie ihn Sportler kennen, wenn sie plötzlich zur Höchstform auflaufen, wenn ihr Timing einem natürlichen Rhythmus folgt und das Geräusch von Schlagholz, Racket, Schläger oder Queue wie eine süße Melodie klingt: ein Zustand, in dem sie gleichzeitig entspannt und voller Konzentration sind.

Fast möchte ich behaupten, der Moment, als sich elf Jahre später die Handschellen der Polizei um meine Gelenke schlossen, war einer der glücklichsten meines Lebens.

Manche mögen hier unweigerlich Parallelen zur Schauspielkunst sehen. Wenn auf der Bühne alles glatt läuft, überkommt einen ebenso das Gefühl einer perfekten Beherrschung von Zeit, Rhythmus, Bewegung und Timing. Zudem, so mag man annehmen, ist auch alle Schauspielkunst Lüge, aus der reinen, beglückenden Freude am Schein. Nur ist dem nicht so, zumindest nicht in meinen Augen. Auf der Bühne zu stehen bedeutet, die Wahrheit zu sagen, aus dem reinen, quälenden Bedürfnis nach Wahrheit.

Die Leute glauben immer, Schauspieler seien die geborenen Lügner. Der Gedanke erscheint logisch, genau wie man geneigt sein könnte, einem Maler ein besonderes Talent zum Fälschen von anderer Leute Unterschriften zuzuschreiben. Mir persönlich erscheint das eine so falsch wie das andere.

Oft genug habe ich von meinen Eltern und Lehrern zu hören bekommen:

»Schlimm ist nicht, was du getan hast, sondern daß du gelogen hast.«

»Warum hast du gelogen?«

»Man hat den Eindruck, als wolltest du überführt werden.«

»Versuch das nicht noch einmal, Fry. Du bist ein miserabler Lügner.«

Keineswegs, habe ich jedesmal im stillen gedacht. Ich bin ein brillanter Lügner. Und zwar so brillant, daß ich es selbst dann versuche, wenn nicht die geringste Chance besteht, damit durchzukommen. Eben darin besteht die Kunst der Lüge um ihrer selbst willen, und nicht, um irgendein albernes Ziel zu erreichen. Das ist das wahre Lügen.

Nur keine Angst, das alles führt uns über kurz oder lang zurück zu Samuel Anthony Farlowe Bunce.

Zuvor aber will ich noch erzählen, wie John Kett mich tatsächlich in Erinnerung behalten hat. Es gehört zu den Begleiterscheinungen leidlicher Berühmtheit, daß diejenigen, die einen früher unterrichtet haben, häufig gebeten werden, sich über ihren einstigen Schützling zu äußern, entweder in Form von Zeitungsartikeln oder aber in öffentlichen Ansprachen.

Vor einigen Jahren wurde ich von John Ketts Nachfolger gebeten, das Schulfest von Cawston bzw. die Große Sommer-Kirmes, wie der offizielle Name lautet, zu eröffnen.

Jeder, der vor zwanzig oder dreißig Jahren auf dem Land groß geworden ist, kennt diese Art von Veranstaltungen, die mein Vater mit selbstironischem, schenkelklatschendem Humor als Maskenball im Hühnerstall bezeichnete.

Früher gab es auf Dorffesten in East Anglia noch das Putzlappenschleudern, das inzwischen leider der vermeintlich weltläufigeren Variante des Stiefelweitwurfs gewichen ist. Beim Wettkegeln konnte man ein Schwein gewinnen – damals wußten die Leute auf dem Land noch, wie man ein Schwein mästet, während der heutige Durchschnittsbürger Norfolks beim Anblick eines solchen Tiers vermutlich schreiend Reißaus nehmen und eine Klage anstrengen würde. Außerdem konnte man den Pfarrer oder Vikar mit einem nassen Schwamm bewerfen (im allgemeinen zogen die Dörfer in Norfolk den Pfarrer einem Vikar vor – wobei der Unterschied meines Wissens darin besteht oder bestand, daß ein Vikar vom Bischof entsandt wird, während ein Pfarrer vom jeweiligen Landeigentümer bestimmt wird). Daneben gab es Getränkebuden, Getreidebottiche mit echter Weizenkleie, einen Stand, bei dem man für einen Penny das Gewicht eines Schafbocks bestimmen konnte, Kokosnußwerfen und Traktorfahrten für einen Sixpence.

Wenn mein Bruder, meine Schwester und ich großes Glück hatten, war auf Dorffesten auch Harry Woodcock zugegen, der bei uns im Ort ein Uhren- und Schmuckgeschäft betrieb, in dessen Schaufenster ein Schild mit der Aufschrift hing:

HARRY WOODCOCK

»Der Mann, den alle kennen«

Woodcock zog mit einer Fahrradfelge, die er auf ein Holzbrett montiert hatte, von Dorffest zu Dorffest. An der Nabe des Rads war wie der Minutenzeiger einer Uhr ein Pfeil befestigt, der das jeweilige Gewinnfeld anzeigte. Nicky Campbell macht in etwa das gleiche im britischen Fernsehen, und in Amerika läuft Merv Griffins Original, The Wheel of Fortune, seit Jahrzehnten auf ABC. Gegen Harry Woodcock hätten diese Profis allerdings ziemlich alt ausgesehen. Er trug stets einen extravaganten Filzhut auf dem Kopf und schwadronierte ohne Punkt und Komma wie ein Marktschreier aus Cockney. Sein East-End-Bravado mit Norfolk-Akzent war schier umwerfend.

Auf einem dieser Samstagnachmittagsfeste kam meine Schwester zu mir, als ich gerade die Zahl der Pfefferminzbonbons in einem riesigen Glas zu schätzen versuchte, das der Erzdiakon im Garten des Pfarrhauses strahlend durch die Menge trug.

»Rate mal, wer hier ist?«

»Du meinst ...?«

»Genau. Der Mann, den alle kennen.«

Und schon rannten wir los.

»Guten Tag, junger Mann!« dröhnte Der Mann, den alle kennen, und tippte sich an den Hut, wie er es wohl tausendmal am Tag machte. »Und da ist ja auch die kleine Miss Fry.«

»Guten Tag, Mr. Mann, den alle kennen«, antworteten wir im Chor, wobei wir uns alle Mühe geben mußten, nicht lauthals loszuprusten. Wir zahlten einen Shilling und bekamen jeder ein Gewinnlos in die Hand gedrückt. Diese bestanden aus geschliffenen Holzscheiben, auf deren Vorder- und Rückseite eine Zahl zwischen Null und Zwanzig aufgemalt war. Nach jedem Durchgang mußten die Lostafeln, begleitet von einem Antippen des Huts, zurück in den Korb geworfen werden. Der Mann, den alle kennen, hatte sich große Mühe beim Bemalen der Brettchen gegeben und jede Zahl mit kleinen Schnörkeln versehen. Ich konnte mir genau vorstellen, wie er damals – die Tafeln waren inzwischen einige Jahrzehnte alt – mit vorgestreckter Zunge, die auch beim Betrachten defekter Uhren in Erscheinung trat, laut schnaubend ein Brettchen nach dem anderen ruiniert hatte, aus lauter Übereifer, sie möglichst geschmackvoll und dekorativ zu gestalten. Meine Schwester, die immer schon geschickt im Umgang mit Pinseln und Stiften war, hätte die zwanzig Zahlen in zwanzig Sekunden hingezaubert und jede zu einem kleinen Meisterwerk gemacht. Der Mann, den alle kennen, offenbarte im Hinblick auf seine Selbstachtung wie seine Lostafeln eine bedauernswerte Grobschlächtigkeit.

Erst recht aber, was seine Art zu reden betraf.

»Versuchen Sie Ihr Glück, meine Herrschaften. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Fortuna schlägt heute nachmittag wieder die seltsamsten Kapriolen. Diese Dame ist eine Nummer für sich, darauf können Sie wetten. Zwanzig Glückslose und zwanzig Glückszahlen, alle aus purem Gold, oder ich will nicht Raquel Welsh heißen. Ohne Einsatz keinen Gewinn, so wahr ich der Mann, den alle kennen, bin. Da haben wir ja schon den nächsten Herrn: noch zwei Mitspieler, und das Glücksrad dreht sich wieder. Machen Sie ruhig einen Shilling locker, Sir – vielleicht bringen Sie einen Preis mit nach Hause, und Ihre Frau streunt nicht mehr soviel fremden Männern hinterher. Meinen ehrerbietigsten Dank, auch wenn Sie ihn nicht verdient haben. Welch bezaubernde Dame erblicken meine staunenden Augen da? Oh, Pardon, der Herr Pfarrer, hoppla, nein, es ist tatsächlich eine junge Dame. Nur zu, mein Augenstern, ich lasse Sie nicht fort, bevor Sie mir nicht einen Shilling für ein Los oder den dicksten Schmatzer Ihres Lebens gegeben haben. Scheibenkleister, sie nimmt den Shilling. Der Kuß wäre mir lieber gewesen. Meine Damen und Herren ... Der Mann, den alle kennen, wirft das Glücksrad an. Die Welt ...« – und hier legte er theatralisch einen Finger vor den Mund – »die Welt ... hält den Atem an.«

Prompt hielt die Welt den Atem an, und das Glücksrad wirbelte herum.

Nun, mittlerweile hält die Welt schon lange nicht mehr den Atem an. Sie hat uns einen mächtigen Windstoß ins Gesicht geblasen und uns Hüpfburgen und zusammenklappbare Aluminiumstände beschert, an denen maschinell geprägte Lose aus rosa Billigpapier verkauft werden, die man aufreißt und achtlos wegwirft, wenn man nicht zu den glücklichen Gewinnern eines riesengroßen blauen Acrylbären gehört. Die Attraktionen, vor denen wir uns heute drängeln, sind eine Probefahrt im brandneuen Vauxhall 4x4 Frontera (mit Dank an die Jack Claywood Vauxhall Ltd.), Ballerspiele in virtuellen Arenen oder Stände, an denen die RAM-Leistung des neuen Compaq PC, von der Firma PC Explosion in Norwich freundlicherweise zur Verfügung gestellt, geschätzt werden kann.

Augenblick mal, Mary Hench flüstert mir zu, ich solle nicht so saublöd daherlabern. Nun ja, beim Gedanken ans Landleben fällt mir oft nichts Besseres ein.

W

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