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Colours of Love: Zwei Romane in einem Band

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Impressum
  4. Verloren
  5. Widmung
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  1. Verführt
  2. Widmung
  3. 1
  4. 2
  5. 3
  6. 4
  7. 5
  8. 6
  9. 7
  10. 8
  11. 9
  12. 10
  13. 11
  14. 12
  15. 13
  16. 14
  17. 15
  18. 16
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  21. 19
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  23. 21
  24. 22
  25. 23
  26. 24
  1. Leseprobe Daringham Hall – Das Erbe

Über die Autorin

Kathryn Taylor begann schon als Kind zu schreiben – ihre erste Geschichte veröffentlichte sie bereits mit elf. Von da an wusste sie, dass sie irgendwann als Schriftstellerin ihr Geld verdienen wollte. Nach einigen beruflichen Umwegen und einem privaten Happy End erfüllt sich mit der äußerst erfolgreichen COLOURS OF LOVE-Reihe ihr Traum.

1

Ich schwebe. Und obwohl ich weiß, dass ich diesen Zustand dringend ändern muss, kann ich nicht. Noch nicht. Erst muss sich mein Herz wieder beruhigen, das beängstigend schnell schlägt. Aber ich dachte ja vor einer Sekunde noch, dass ich mir beim Sturz von der Treppe den Hals brechen werde.

Atmen wäre auch gut, tief durchatmen, weil mir nichts passiert ist. Geht nur gerade leider nicht. Ich scheine aus irgendeinem Grund vergessen zu haben, wie man seinen Brustkorb mit Luft füllt. Eigentlich kann ich nichts anderes tun, als den Mann anzustarren, der mit gerunzelter Stirn auf mich herunterblickt.

Das Licht der Abendsonne, die durch das Fenster hereinscheint, lässt seine dunkelblonden Haare golden schimmern, und das passt absolut perfekt zu seinen ungewöhnlichen Augen, die in einem warmen Bernstein-Ton leuchten. Und dieses Gesicht … wie gemeißelt, ehrlich. Hohe Wangenknochen, gerade Nase, geschwungene Lippen. Wie eine von diesen Männerstatuen aus Marmor, von denen es hier in Rom so viele gibt. Okay, seine Haare sind vielleicht ein bisschen zu lang, fallen ihm in die Stirn. Aber trotzdem … so wahnsinnig gut sieht doch in Wirklichkeit niemand aus. Was mich kurz befürchten lässt, dass ich vielleicht doch gefallen bin und längst im Koma liege.

»Tutto a posto?«, fragt der Mann mit tiefer, sehr realer Stimme und wendet leicht den Kopf, um an mir herunterzusehen – vermutlich um sich selbst davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung ist mit mir. Und als er das tut, bemerke ich eine Narbe seitlich an seinem Hals. Sie ist gezackt und hell und beginnt tief, kurz über dem Schlüsselbein. Sehen, wie weit sie sich über seine Brust zieht, kann ich nicht, weil sie im offenen Kragen seines weißen Hemdes verschwindet, aber die entsprechende Wunde ist keine Kleinigkeit gewesen. Irgendwas muss ihn da mal übel erwischt haben. Die Narbe entstellt ihn allerdings nicht. Sie macht ihn eigentlich nur – echter.

Er ist ja auch echt, Sophie, erinnere ich mich, und schlucke, als das Gefühl, das mir der Schock kurzfristig geraubt hat, mit einem Schlag in meinen Körper zurückkehrt. Plötzlich spüre ich deutlich die großen Hände des Mannes im Rücken, die mich halten, und merke zum ersten Mal, dass ich meine eigenen Hände aus Reflex in den Ärmel und das Revers seines beigefarbenen Anzugsakkos gekrallt habe.

Und erst jetzt, mit einigen Sekunden Verzögerung, wird mir wirklich klar, was passiert ist und wie leichtsinnig es von mir war, mich auf der Treppe auf Zehenspitzen zu stellen, ohne mich festzuhalten. Ich wollte mir das Bild genauer ansehen, das an der Wand hängt, doch als ich dann noch einen kleinen Schritt nach vorne gemacht habe, bin ich auf den Stoff meines langen Kleides getreten, umgeknickt und gefallen. Und jetzt liege ich in den Armen dieses Mannes, der hinter mir die Treppe raufgegangen ist und mich zum Glück aufgefangen hat, bevor irgendetwas Schlimmes passieren konnte. In den Armen dieses fremden Mannes, dem ich verstörend nah bin und der mir problemlos tief in mein Dekolletee blicken kann. Was mich endlich wieder zu Atem kommen lässt.

»Ja, alles in Ordnung«, murmele ich und versuche, mit brennenden Wangen zurück auf die Füße zu kommen. Er hilft mir dabei, doch als ich stehe, hält er mich weiter an den Oberarmen fest, so als würde er mir nicht zutrauen, dass ich das auch alleine kann. Eine korrekte Einschätzung, leider, denn ich fühle mich ganz schön zittrig. Neben uns gehen weitere Gäste die Treppe nach oben, wo der Empfang bestimmt schon in vollem Gange ist, und sehen mich und ihn neugierig an.

Na super, Sophie, denke ich, frustriert darüber, dass dieser wichtige Abend gleich mit so einem peinlichen Ausrutscher anfängt. Ich kann gar nicht sagen, was mich mehr aus der Bahn geworfen hat – der Sturz an sich oder die Tatsache, dass ich überhaupt gefallen bin. So was passiert mir sonst nie. Ich bin nicht tollpatschig und ich gehöre auch nicht zu diesen Frauen, die Männern gerne hilflos in die Arme sinken – ganz sicher nicht. Das lag nur an dem Kleid, dessen dünne Träger ich unglücklich wieder zurechtrücke, weil sie verrutscht sind.

Es ist eigentlich ein Traum – rot und lang und aus weich fallendem Chiffon. Deshalb konnte ich nicht widerstehen, als ich es heute Morgen in der Nähe der Via Nazionale in einer Boutique entdeckt habe. Zu Hause in London hätte ich so ein Modell wahrscheinlich nicht gekauft. Da trage ich zu solchen geschäftlichen Terminen eher schlichte, elegante Etuikleider oder Kostüme, von denen ich auch welche mithabe. Aber hier in Rom kamen mir die alle so langweilig vor. Und außerdem war es auf einen wirklich erschwinglichen Preis heruntergesetzt, und ich fand, dass das Rot sehr gut zu meinen dunklen Haaren passt, deshalb musste ich es einfach haben. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sich der ungewohnt lange Rock als eine so üble Stolperfalle erweisen würde.

»Sie können mich jetzt loslassen«, sage ich einen Hauch zu ungehalten zu dem Mann, der mich interessiert betrachtet, und schiebe schnell ein freundlicheres »Danke« hinterher. Er kann schließlich nichts dafür, dass ich mich über meine eigene Ungeschicklichkeit ärgere. Außerdem schulde ich ihm wirklich was. Ich hätte mir übel wehtun können bei dem Sturz, den seine schnelle Reaktion verhindert hat.

Erst dann fällt mir auf, dass ich das alles auf Englisch gesagt habe und er mich vielleicht gar nicht verstanden hat. Auch wenn er nicht aussieht wie der typische Italiener, sagt mein Gefühl mir, dass er einer ist – seine Aussprache klang gerade nämlich ziemlich authentisch. Doch als ich ansetzen will, den Satz – zur Sicherheit – noch einmal in der Landessprache zu wiederholen, lächelt er, was ein extrem attraktives Grübchen auf seiner rechten Wange erscheinen und mich schon wieder starren lässt.

»Auf Ihre Verantwortung«, sagt er in lupenreinem Englisch – so viel dazu – und nimmt die Hände von meinen Armen. Dann bückt er sich und hebt meine Clutchbag auf, die auf den Stufen liegt. Er reicht sie mir und beugt sich leicht vor, und jetzt, wo ich wieder atme, nehme ich den Duft seines Aftershaves wahr, das herb ist und sehr angenehm und mir ein bisschen zu Kopf steigt. »Passen Sie nur auf«, fügt er hinzu und sein ohnehin schon sehr charmantes Lächeln vertieft sich. »Kunst ist etwas Wunderbares, aber Ihr Leben sollten Sie dafür nicht riskieren.«

Er flirtet mit mir, das ist ziemlich eindeutig, und ich bin anfälliger dafür als sonst, wahrscheinlich weil mir der Schock noch so in den Gliedern sitzt. Deshalb bin ich froh, dass er von sich aus einen Schritt zurücktritt und nach oben zu dem Bild an der Wand sieht, das ich gerade so intensiv betrachtet habe. Offenbar will er sich davon überzeugen, was es war, das meinen Fast-Sturz verursacht hat. Als ich seinem Blick folge, spüre ich, wie mich erneut Aufregung erfasst.

Das Bild ist eins von vielen Kunstwerken – Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen –, die die Eingangshalle schmücken. Jedes einzelne lässt mein Herz höher schlagen, aber das da oben hat es mir ganz besonders angetan. Wenn es das ist, was ich vermute, dann hat sich der weite Weg von London nach Rom schon gelohnt.

»Ich schätze, das verstehen Sie nicht, aber Kunst ist mein Leben«, erkläre ich dem Mann lächelnd, ohne den Blick von dem Bild zu wenden. »Und für einen Joseph Severn muss man schon mal was riskieren.«

Ganz sicher bin ich natürlich nicht, dafür müsste ich das Gemälde genauer in Augenschein nehmen. Aber ich könnte schwören, dass es von dem englischen Maler stammt, an den man sich vor allem deshalb erinnert, weil er der beste Freund von John Keats war, einem der bedeutendsten Dichter der englischen Romantik – und meinem Lieblingsdichter. Niemals hätte ich erwartet, hier, in dieser Villa in Rom, ein Bild von Severn zu finden, aber es steigert meine Vorfreude auf das, was ich vielleicht noch entdecken werde.

Oh, hoffentlich klappt es, denke ich und schicke schnell ein Stoßgebet zum Himmel, dass unser Auktionshaus den Zuschlag erhält und wir die Kunstwerke aus diesem Haus versteigern dürfen. Nicht, dass es uns schlecht ginge, das nicht. Aber wir erholen uns gerade von einem schwierigen finanziellen Engpass und können einen neuen, attraktiven Auftrag sehr gut gebrauchen. Die Lage auf dem Kunstmarkt ist derzeit generell angespannt, und ohne interessante Angebote, die Bieter anlocken, funktioniert es nun mal nicht. Außerdem könnten wir unsere Kontakte nach Italien dadurch endlich entscheidend auszubauen – eine Gelegenheit, auf die ich schon lange warte. Auf internationaler Ebene müssen wir nämlich unbedingt aktiver werden, damit uns die Konkurrenz auf Dauer nicht übertrumpft. Nur wie soll das gehen, wenn Dad und ich nie länger als ein paar Tage von zu Hause weg sein können?

Hastig beiße ich mir auf die Lippe und zwinge meine Gedanken in andere Bahnen. Weil ich weiß, dass es ungerecht ist, und weil ich Selbstmitleid hasse. Die Dinge sind nun mal, wie sie sind, und es hilft nichts, darüber zu jammern.

Mit einem leisen Seufzen wende ich mich wieder dem Mann zu, der auf meine Bemerkung noch nichts gesagt hat. Er betrachtet wieder mich, und der Ausdruck in seinen Augen ist anders. Sein Interesse, das vorher trotz seines strahlenden Lächelns eher beiläufig war, ist jetzt echt, das spüre ich – und mein Herz klopft ein kleines bisschen schneller, als unsere Blicke sich begegnen. Es würde helfen, wenn ich ihn nicht so attraktiv fände. Aber zum Glück habe ich jahrelange Übung darin, mir nicht anmerken zu lassen, wie es tatsächlich in mir aussieht, deshalb kann ich das hoffentlich verbergen.

»Sie kennen sich mit Kunst aus?« Es ist eher eine Feststellung als eine Frage.

»Eine Grundvoraussetzung für meinen Beruf, ja«, bestätige ich ihm.

Im ersten Moment überrascht das viele. Offenbar trauen sie einer Fünfundzwanzigjährigen auf diesem Gebiet nicht unbedingt viel Wissen zu. Aber wenn man wie ich zwischen Gemälden und Skulpturen aller Art aufgewachsen ist und das Familieneinkommen davon abhängt, diese richtig zu bewerten und einzuschätzen, dann lernt man das schnell. Wo andere Kinder über Ausmalbüchern saßen, hat mein Vater mir die Pinselführung von van Gogh erklärt, und ich konnte die Unterschiede zwischen Impressionisten und Expressionisten aufzählen, bevor ich lesen konnte. Die Kunst hat also schon immer mein Leben bestimmt. Und wenn es nach mir geht, dann bleibt das auch so.

Aber dann erkenne ich, dass der Mann gar nicht überrascht guckt. Eher grimmig. Sein eben noch herausforderndes Lächeln ist jedenfalls verschwunden. Stattdessen ist die Stirnfalte von eben wieder zu sehen, steiler als zuvor, was mich irritiert.

»Was machen Sie denn beruflich?«, will er wissen.

Ich registriere erst jetzt, wie groß er ist. Er überragt mich ein Stück, dabei steht er eine Stufe unter mir, und unter seinem feinen hellen Anzug und dem offenen weißen Hemd, das er trägt, hat er breite Schultern und eine Figur, die durchtrainiert wirkt. Deshalb konnte er mich wahrscheinlich auch so problemlos auffangen. Ich schlucke. Beeindruckendes Gesamtpaket, wirklich. Wenn er mich mit diesen ungewöhnlichen Bernstein-Augen nur nicht die ganze Zeit so intensiv fixieren würde …

Reiß dich zusammen, Sophie, ermahne ich mich. Seit wann lässt du dich von einem Mann so aus dem Konzept bringen? Ich räuspere mich, um endlich auf die Frage zu antworten und mich ihm vorzustellen.

»Ich führe zusammen mit meinem Vater ein Auktionshaus in London. Ich bin …«

»Sophie Conroy«, beendet der Mann den Satz für mich, als ich gerade die Hand ausstrecken will, um ihn zu begrüßen.

Es ist wieder eine Feststellung. Und es klingt wie ein Vorwurf.

2

Ich lasse meine Hand wieder sinken, sehe ihn verwirrt an.

»Kennen wir uns?« Hektisch überprüft mein Gehirn jeden Winkel meiner Erinnerung. Kann ich diesem Mann schon mal irgendwo begegnet sein – und weiß es nicht mehr? Nein. Unmöglich. Ich hätte ihn nicht vergessen, ganz sicher nicht.

Er schüttelt den Kopf, was mich ziemlich erleichtert. Dement bin ich also noch nicht. Doch dann setzt meine Verwirrung sofort wieder ein. Wenn er mir noch nie begegnet ist, wieso sieht er dann so aus, als bereue er zutiefst, ausgerechnet mich vor einem Treppensturz bewahrt zu haben?

Ich will ihn das fragen und ich will auch noch mehr wissen, zum Beispiel, wer er eigentlich ist, doch ich komme nicht mehr dazu, weil wir unterbrochen werden.

»Matteo?«

Die Stimme kommt von oben, und als wir beide aufblicken, steht eine dunkelhaarige Frau am Treppenabsatz. Sie sieht sehr gut aus und trägt zu ihrem smaragdgrünen Abendkleid teuren Brillantschmuck, gehört also offenbar zu den betuchteren Gästen.

»Da bist du ja endlich«, ruft sie dem Mann auf Italienisch zu – ich verstehe diese Sprache besser, als ich sie spreche – und lächelt mich entschuldigend an. »Kommst du?«

Der Mann – Matteo heißt er also – hat es plötzlich sehr eilig.

»Entschuldigen Sie mich.« Er knurrt es fast und wirft mir noch einen letzten langen Blick zu, den ich überhaupt nicht deuten kann. Dann eilt er die Treppe rauf, nimmt die Stufen dabei so schwungvoll, dass er wenige Augenblicke später bei der Frau im grünen Kleid ist. Er begrüßt sie mit einer festen Umarmung, nicht mit den sonst hier üblichen Wangenküssen, und sie strahlt ihn an, offenbar überglücklich, ihn zu sehen.

Sie ist älter als er – ich schätze ihn auf Anfang, sie eher auf Ende dreißig –, und ich frage mich unwillkürlich, ob die beiden wohl ein Paar sind. Müssen sie eigentlich, sie wirken jedenfalls sehr vertraut miteinander.

Die Frau blickt noch einmal neugierig nach unten zu mir und sagt etwas, wahrscheinlich erkundigt sie sich, wer ich bin. Doch der Mann winkt nur unwillig ab, ohne noch mal zu mir herunterzusehen, so als könnte ich unwichtiger gar nicht sein. Dann hakt er die Frau unter und zieht sie weiter, weg von der Treppe. Weg von mir.

Krass, denke ich, als die beiden aus meinem Blickfeld verschwunden sind. Der Kerl hat eigentlich kaum noch etwas gesagt, seit er erraten hat, wer ich bin. Trotzdem war die Botschaft eindeutig: Er will nichts mit mir zu tun haben. Und kein Wort der Erklärung, kein Wort darüber, wer er ist, nichts. Das war schon mehr als unhöflich. Und es erschüttert mich, obwohl ich es nicht will. Was um Himmels willen kann ich ihm denn nur getan haben?

Erst, als die nächsten Gäste an mir vorbeikommen – auf dem Weg nach oben, wie alle anderen –, wird mir klar, dass ich immer noch auf der Treppe stehe und dem Mann und der Frau hinterherstarre. Verärgert über mich selbst raffe ich meinen Rock und gehe – vorsichtiger diesmal und ohne Zwischenstopps – weiter die Treppe hinauf.

Dieser Abend ist wichtig, auch wenn er mit einem kleinen Fehltritt angefangen hat, und ich werde mir von diesem Mann nicht den Wind aus den Segeln nehmen lassen. Keine Ahnung, was er für ein Problem hat – das muss mich nicht interessieren. Deshalb tue ich genau das, was ich getan hätte, wenn ich nicht gestürzt wäre: Ich nehme auch noch die übrigen Bilder in Augenschein, die im Treppenhaus hängen, versuche mich darauf zu konzentrieren, aus welcher Epoche sie stammen. Doch die Euphorie von vorhin will sich jetzt nicht mehr einstellen. Stattdessen erwische ich mich dabei, wie meine Gedanken immer wieder zurückwandern zu dem mysteriösen Matteo und seiner plötzlichen Feindseligkeit.

Weil ich das einfach nicht verstehe. Wir hatten im Auktionshaus seit längerer Zeit mit niemandem Ärger. Im Gegenteil. Unser Ruf ist ausgezeichnet, was wichtig ist in unserem Geschäft, deshalb kann es damit nicht zusammenhängen. Bleibt also nur, dass es an mir liegt. Doch was kann ich ihm getan haben, wenn wir uns – wie er selbst zugegeben hat – bis gerade nicht mal kannten? Ich bin sicher nicht der überschwängliche Typ, eher etwas reserviert, aber als unfreundlich würde mich wohl niemand bezeichnen. Was kann ihn also so gegen mich aufgebracht haben? Oder vielleicht interpretiere ich da auch etwas hinein. Vielleicht fand er mich ja einfach nur unattraktiv und langweilig und ist deshalb schnell geflüchtet?

Energisch verdränge ich das schale Gefühl, das dieser Gedanke in mir hinterlässt, und münze es in Zorn um. Schließlich brauche ich den Fehler nicht bei mir zu suchen, wenn dieser Kerl sich nicht benehmen kann. Und da ich sprunghafte Menschen ohnehin nicht leiden kann, ganz egal, wie attraktiv sie sein mögen, sollte ich wirklich lieber zusehen, dass ich …

Überrascht bleibe ich oben am Treppenabsatz stehen und vergesse für einen Moment meinen Sturz und alles, was danach passiert ist. Die beiden Räume, die sich vor mir öffnen – zwei ineinander übergehende große Salons, geschmackvoll mit Antiquitäten eingerichtet und wieder mit zahlreichen Gemälden und Kunstgegenständen dekoriert – sind nämlich voller Menschen. Dass es so viele Gäste sein würden, hatte ich nicht erwartet. Es hieß, es wäre nur ein kleiner Empfang, und ich dachte, ich würde genug Gelegenheit haben, den Gastgeber in Ruhe zu sprechen. Aber wird Giacomo di Chessa überhaupt Zeit für mich haben, wenn er sich auch um so viele andere kümmern muss?

Andererseits ist es natürlich ein Vorteil, wenn die Mitglieder der römischen Kunstszene sehr zahlreich seiner Einladung gefolgt sind. Als ehemaliger Dekan des Kunsthistorischen Instituts an der Universität Rom wird er viele Experten und potentielle Käufer kennen – und wenn ich Glück habe, dann kann ich hier eine Menge neuer Kontakte knüpfen. Allerdings nicht allein, deshalb lasse ich den Blick suchend über die Menge gleiten.

Eigentlich hatte ich gehofft, dass Andrew mich schon erwartet. Er ist der Einzige, den ich hier kenne, und ich brauche ihn dringend, denn er hat mir versprochen, mich den wichtigen Leuten vorzustellen – allen voran unserem Gastgeber.

Von Andrew ist jedoch nichts zu sehen. Dafür entdecke ich erneut meinen abweisenden Retter. Er steht zusammen mit seiner Begleiterin vor einem der Fenster im hinteren Teil des Raumes bei einigen anderen Leuten und unterhält sich.

Ich könnte mir einreden, dass er mir nur auffällt, weil ich gerade erst mit ihm zusammengetroffen bin. Aber das wäre gelogen. Ich hätte ihn sicher auch so bemerkt, schon weil er durch seine Größe und die dunkelblonden Haare aus der Menge heraussticht. Er ist einfach kein Typ, den man übersehen kann – und ich wette, das weiß er. Deshalb lächelt er schon wieder dieses lässig-entspannte Lächeln. Das er für mich nicht mehr übrig hatte, sobald er wusste, wer ich bin …

»Sophie!«

Die erfreute Stimme, die meinen Namen ruft, lässt mich herumfahren. Ein Mann um die Sechzig mit schulterlangen, graumelierten Haaren kommt auf mich zu. Er trägt zu seinem unauffälligen grauen Anzug wie immer einen sehr auffälligen Schal – heute einen aus dunkelroter Seide – und seine hellblauen Augen leuchten freundlich.

»Andrew!«

Ich bin unglaublich froh, ihn zu sehen, und erwidere erleichtert sein breites Lächeln, das sofort jeden meiner trüben Gedanken verfliegen lässt. So geht es mir oft in seiner Gegenwart, und nicht nur mir – Andrew Abbott ist neben seinem unbestrittenen Kunstverstand bekannt für seinen Humor und sein einnehmendes Wesen. Deshalb hat er einen wirklich großen Freundeskreis, zu dem mein Vater schon gehört, seit die beiden vor über dreißig Jahren gemeinsam in Oxford Kunstgeschichte studiert haben.

Andrews Begrüßung fällt – für einen Briten – sehr überschwänglich aus, denn er küsst mich herzlich auf beide Wangen. Wahrscheinlich lebt er einfach schon zu lange in diesem Land und hat sich die körperbetonte Art der Italiener angewöhnt.

»Du siehst bezaubernd aus«, sagt er dann und blickt bewundernd an mir herunter. »Tolles Kleid.«

»Danke.« Sein Kompliment lässt mich strahlen, denn es nimmt mir zumindest einen Teil meiner Verunsicherung. Nicht, dass ich sonst immer auf Bewunderung aus wäre. Im Gegenteil. Obwohl ich weiß, dass ich mit meiner zierlichen Figur, meinen blaugrauen Augen und den langen schwarzen Haaren, die ich heute ausnahmsweise mal offen trage, ganz passabel aussehe, machen mich Bemerkungen über mein Äußeres meist eher verlegen. Vielleicht weil in meinem Leben so viele andere Dinge wichtiger sind als ich und meine Wirkung. Aber diesmal freut mich das Lob, sehr sogar, und ohne es zu wollen, gleitet mein Blick zurück zu dem großen dunkelblonden Mann, der für meinen verunsicherten Zustand verantwortlich ist.

Da, wo er vorhin stand, ist er jedoch nicht mehr, und ich kann ihn auch nirgends entdecken, was mich ein bisschen enttäuscht. Ich hätte mich gerne erkundigt, wer er eigentlich ist.

Andrew, der das bestimmt gewusst hätte, hakt sich bei mir ein. »Okay, beginnen wir mit der Vorstellungsrunde – versprochen ist versprochen«, sagt er, und während wir durch die Menge gehen, muss ich daran denken, dass er einer der ganz wenigen Menschen ist, die nach diesem Grundsatz leben. Was Andrew Abbott verspricht, das hält er auch, und diese Verlässlichkeit schätze ich sehr an ihm.

Früher, als er noch in England wohnte, war er oft bei uns. Ich war damals noch klein und mochte seine Besuche, weil er mir stets mitbrachte, was ich mir beim Mal zuvor von ihm gewünscht hatte. Es waren nur Kleinigkeiten – ein Armband, eine Zopfspange oder eine bestimmte Sorte Schokolade –, aber er hatte versprochen, dran zu denken, und hat es nie vergessen, nicht ein einziges Mal.

Deshalb habe ich mich immer an ihn erinnert, auch als er längst in Italien war und wir ihn kaum noch persönlich zu Gesicht bekamen. Aber er hielt trotzdem den Kontakt zu meinem Dad und war sofort bereit, uns zu helfen, als er erfuhr, dass wir unsere Geschäftstätigkeiten in Italien ausweiten wollen. Seitdem lässt er seine Beziehungen spielen, wenn ich selbst nicht weiterkomme, und wie es aussieht, stehen wir jetzt tatsächlich vor einem echten Durchbruch – wofür ich ihm dankbarer nicht sein könnte.

»Und, wie ist das Hotel?«, will er wissen, während wir uns langsam einen Weg durch die Gruppen von Leuten bahnen, die zusammenstehen, Wein und Champagner trinken und reden. »Ist es bei den Binis immer noch so nett und gemütlich, wie ich es in Erinnerung habe?«

»Oh ja«, versichere ich ihm. »Signora Bini ist die Beste, sie liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, und ihr Mann kocht so gut, dass ich wahrscheinlich nur noch heute in dieses Kleid passen werde. Ich wünschte bloß, du hättest mir diesen Tipp schon früher gegeben.«

»Du hast nicht gefragt«, sagt er grinsend, und ich muss mir eingestehen, dass das stimmt. Es erschien mir bei meinen bisherigen Besuchen einfach immer günstig und praktisch, in diesen größeren Hotels etwas außerhalb des Stadtzentrums zu wohnen. Dabei ist das kleine, familiär geführte Hotel »Fortuna«, das Andrew mir empfohlen hat und das mitten in der historischen Altstadt im aufstrebenden Monti-Viertel liegt, erstaunlicherweise gar nicht teurer. Dafür könnte der Unterschied zwischen den eher anonymen modernen Bettenburgen und dem liebevoll und sehr individuell eingerichteten »Fortuna« größer nicht sein. So nett mitten in der Stadt zu wohnen, versüßt mir definitiv meinen Aufenthalt, und ich habe beschlossen, die Zeit hier in vollen Zügen zu genießen. Es könnte nämlich ein sehr kurzes Vergnügen werden – falls Giacomo di Chessa sich entscheidet, dem »Conroy’s« die Versteigerung seiner Sammlung nicht anzuvertrauen. Dann fliege ich morgen schon zurück nach Hause. Bei dem Gedanken seufze ich tief.

»Keine Sorge, Giacomo wird dich lieben«, versichert mir Andrew, der zu ahnen scheint, was mich bewegt, und schiebt mich weiter zielstrebig durch die Menge.

»Ich weiß nicht.« Skeptisch zucke ich mit den Schultern. »Wieso bist du dir da eigentlich so sicher?«

»Weil ich ihn kenne. Und weil er mir vertraut.« Er zwinkert mir zu. »Sei einfach du selbst, Sophie, dann kann gar nichts schiefgehen, glaub mir.«

Ich bin immer noch nicht überzeugt und sein kryptischer Hinweis hilft mir nicht weiter. »Wie bin ich denn?«

Er bleibt stehen, offenbar überrascht ihn meine Frage. Als er sieht, dass ich sie ernst meine, legt er den Kopf ein bisschen schief und denkt nach. »Du bist das netteste Mädchen, das ich kenne. Immer freundlich und unglaublich tüchtig. Und klug und ehrlich – alles Eigenschaften, die eine Kunsthändlerin unbedingt mitbringen sollte.«

»Aha.« Skeptisch runzle ich die Stirn. Ich weiß, dass das ein Kompliment war, aber ein paar aufregendere Adjektive als »nett« und »tüchtig« wären mir irgendwie lieber gewesen. »Und was sind meine Fehler?« Vielleicht sind ja wenigstens die ein bisschen spannend.

»Du hast keine«, versichert er mir, charmant wie immer. »Oder doch – manchmal bist du ein bisschen zu ernst«, schränkt er dann ein und streicht mir über den Arm. »Aber das ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, wie früh du schon Verantwortung übernehmen musstest.«

Unwillkürlich sehe ich das blasse Gesicht meiner Mutter vor mir, die Augen, die blicklos sind, nach innen gekehrt und dann wieder fast fiebrig funkeln. Die hilflose Traurigkeit, die dabei in mir aufsteigt, unterdrücke ich jedoch hastig wieder. Aber es stimmt, denke ich. Ich bin wohl ernster als die meisten. Ernst und nett. Na toll.

Während ich noch darüber nachdenke, warum mich seine Einschätzung so stört, redet Andrew, dem meine gedrückte Stimmung total entgeht, schon weiter.

»Auf jeden Fall liebst du die Kunst genauso leidenschaftlich wie Giacomo«, erklärt er mir strahlend. »Das spürt er, ganz sicher – und das wird er zu schätzen wissen. Ganz einfach dürfte dieser Auftrag nämlich nicht werden.«

Das Letzte sagt er beiläufig und nimmt dabei dem Kellner, der gerade an uns vorbeigeht, zwei Gläser mit Champagner vom Tablett. Eins davon reicht er mir.

»Wie meinst du das – nicht ganz einfach?«, hake ich nach.

Als Antwort nimmt Andrew einen Schluck aus seinem Glas und setzt sich dann wieder in Bewegung. Ich folge ihm und halte ihn am Ärmel fest, zwinge ihn stehen zu bleiben.

»Andrew?«

Er lächelt und legt den Arm um mich, aber nur, um mich mit der Hand, die er in meinen Rücken legt, sanft weiterzuschieben. »Lernt euch erst mal kennen, Sophie. Der Rest wird sich dann schon finden.«

Mir bleibt keine Zeit mehr, länger über seine Worte nachzudenken, denn Andrew führt mich sehr zielstrebig weiter auf ein zierliches Chippendale-Sofa an der Wand zu, das Platz für zwei Personen bietet. Auf der rechten Seite sitzt eine alte Frau in einem wunderschönen, weit geschnittenen Seidenkleid, dessen buntes Muster mir irgendwie bekannt vorkommt.

Die Tatsache, dass sie dort allein sitzt, irritiert Andrew sichtlich, denn er runzelt die Stirn.

»Er war gerade noch hier«, erklärt er mir entschuldigend und sieht sich um. Dann wendet er sich an die Frau. »Valentina, carissima, dov’è Giacomo?«

Die Frau – sie sieht trotz ihrer vielen Falten wirklich gut aus und muss früher mal eine echte Schönheit gewesen sein – lächelt.

»Er kommt gleich zurück«, informiert sie Andrew auf Italienisch, dann betrachtet sie mich neugierig – eine Aufforderung, der er sofort nachkommt.

»Valentina, darf ich vorstellen, das ist Sophie Conroy aus England«, sagt er, diesmal auf Englisch. »Und das ist Valentina Bertani, eine gute Freundin von Giacomo.«

»Freut mich sehr.« Die alte Dame hat jetzt ebenfalls ins Englische gewechselt, das ihr trotz ihres starken Akzents offensichtlich geläufig ist. Sie streckt mir die Hand entgegen, die ich auch ergreife, doch meine Antwort kommt verzögert, weil ich noch damit beschäftigt bin, meine Eindrücke zu sortieren. Den Namen kenne ich. Und das Muster auf dem Stoff …

»Bertani? Haben Sie etwas zu tun mit den Bertanis, die …«

»… die hübschen Schuhe und Taschen machen?« Die Frau, die offenbar mit der Frage gerechnet hat, lacht erfreut. »Oh ja. Das Unternehmen gehört unserer Familie und wird heute von zwei meiner Enkel geleitet. Kennen Sie unsere Produkte?«

»Natürlich! Die Sachen sind wunderschön«, versichere ich ihr sofort und fast entrüstet. Wer kennt den italienischen Design-Konzern schließlich nicht, dessen Logo eine stilisierte Möwe ist und der – im Luxussegment – weit mehr produziert als nur Schuhe und Taschen. Der Name Bertani steht auch für exklusive Designermöbel und gemusterte Stoffe, die seit einiger Zeit zudem das Herzstück einer eigenen Modekollektion bilden. Das Muster auf dem Kleid der Frau ist typisch für das Label, deswegen kam mir das auch so bekannt vor – neben der Kunst habe ich nämlich auch ein Faible für Design. Und auf diesem Gebiet spielt Bertani definitiv in der ersten Liga, weshalb ich ehrlich fasziniert bin, jemanden aus dem Unternehmen kennenzulernen.

Für Signora Bertani scheint das Gespräch über ihre Firma jedoch abgehakt, denn ihr Interesse gilt jetzt mir.

»Und was tun Sie hier in Rom, meine Liebe?«

Es ist keine Höflichkeitsfloskel, sie will das wirklich wissen, denn ihre grünen Augen funkeln aufmerksam, was ich sehr sympathisch finde. Und sie wirkt auch noch erstaunlich fit für ihr Alter, das ich auf achtzig schätze.

»Ich bin Kunsthändlerin«, erkläre ich ihr bereitwillig und will noch mehr sagen. Doch bevor ich das tun kann, stößt Valentina einen kleinen Schrei aus.

»Oh ja, natürlich – Sophie Conroy«, sagt sie und schüttelt den Kopf, sichtlich verärgert über sich selbst. »Sie kommen von diesem englischen Auktionshaus und sollen Giacomo helfen, seine Sammlung zu verkleinern, nicht wahr? Er hat es uns erzählt – ich hatte es nur vergessen. Verzeihen Sie, ich werde alt.« Sie lächelt entschuldigend und deutet dann auf den freien Platz neben sich. »Bitte, setzen Sie sich doch einen Moment zu mir.«

Etwas unsicher blicke ich mich zu Andrew um, doch der ist mittlerweile in eine angeregte Diskussion mit einem anderen Mann vertieft. Deshalb folge ich der Aufforderung und nehme auf dem zierlichen Sofa Platz.

»Ich freue mich so, Sie kennenzulernen«, versichert mir Valentina Bertani und tätschelt meine Hand. »Nach allem, was Andrew uns von Ihnen erzählt hat, war ich nämlich schon sehr neugierig auf Sie.«

Ein bisschen verlegen drehe ich das Champagner-Glas in meiner Hand. »Ich hoffe, es war nur Gutes.«

Sie nickt vehement. »Absolut. Er hat Sie in den höchsten Tönen gelobt, und so etwas tut er nur, wenn er von jemandem sehr überzeugt ist. Deshalb bin ich ganz sicher, dass Sie das mit Giacomos Bildern ganz hervorragend machen werden.«

»Noch haben wir den Auftrag nicht bekommen«, widerspreche ich ihr, doch sie winkt ab, so als wäre das lediglich eine Formsache. Dann beugt sie sich ein bisschen vor, sodass nur ich sie hören kann.

»Sie wissen, warum Giacomo die Bilder verkaufen will?«

Ich nicke, denn das war tatsächlich das Erste, was Andrew mir über unseren potentiellen neuen Auftraggeber erzählt hat: dass Giacomo di Chessas Frau vor gut einem Jahr verstorben ist und er jetzt, kurz nach seiner Pensionierung, Rom verlassen und zu seiner Tochter ziehen will, die mit ihrer Familie in England wohnt.

Mit einem Seufzen lehnt Valentina Bertani sich zurück.

»Er braucht diesen Neuanfang, wissen Sie. Francescas Tod hat ihn sehr mitgenommen. Es wird leichter für ihn sein, wenn er bei Anna und seinen Enkeln lebt anstatt hier zwischen all den Erinnerungen. Deshalb bin ich so froh, dass er sich entschieden hat, es zu wagen und dieses Haus und alles, was darin ist, zu verkaufen. Aber er hadert noch damit. Und außerdem …« Sie zögert, beendet ihren Satz nicht. »Ach, nichts. Auf jeden Fall ist es gut, wenn Sie ihn bei der Abwicklung unterstützen.«

»Das tue ich gern«, versichere ich ihr und blicke zu den Bildern hoch, die über uns die Wände schmücken und unter denen ich wieder einige ungewöhnliche Raritäten entdecke. »Ich kann verstehen, dass es Signore di Chessa schwerfällt, sich von diesen schönen Werken zu trennen. Seine Sammlung scheint wirklich etwas Besonderes zu sein.«

Signora Bertani folgt lächelnd meinem Blick. »Ja, das ist sie. Die Prachtstücke haben Sie bestimmt schon entdeckt, nicht wahr?«

Ich schüttele den Kopf und ärgere mich wieder darüber, dass ich nach dem Vorfall auf der Treppe so viele Gedanken an den mysteriösen Matteo verschwendet habe. Ich hätte meine Konzentration wirklich für andere Dinge gebraucht.

»Ich bin leider noch nicht dazu gekommen, mir alles genauer anzusehen.« Entschuldigend zucke ich mit den Schultern. »Ein Gemälde im Treppenhaus ist mir allerdings schon aufgefallen, das ich besonders interessant fand. Ich glaube, es ist von Joseph Severn …«

»Das ist es in der Tat«, sagt ein Mann mit schlohweißen Haaren, der plötzlich vor dem Sofa steht. Er ist klein und ziemlich hager, hat eingefallene Wangen und sehr viele Falten. Seine Augen blicken freundlich, aber auch ein bisschen müde, und es liegt eine Traurigkeit in seinem Blick, die selbst sein Lächeln nicht überdecken kann.

Schon eine Sekunde bevor Valentina »Giacomo!«, ruft, begreife ich, dass unser Gastgeber zurückgekehrt ist, und springe sofort von dem kleinen Sofa auf. Schließlich war das sein Platz.

»Vielen Dank«, sagt er, als ich zur Seite trete, und lässt sich, sichtlich dankbar, nicht mehr stehen zu müssen, wieder zurück auf die Polster sinken. Er sieht älter aus, als er ist, denke ich bestürzt. Ich weiß, dass er erst Mitte sechzig sein kann, da er gerade pensioniert wurde, doch schätzen würde ich ihn auf Mitte siebzig. Sein angeschlagener Zustand ist ihm sichtlich unangenehm. »Entschuldigen Sie, ich bin im Moment leider ein bisschen schwach auf den Beinen, ich hoffe, das gibt sich bald wieder«, sagt er zerknirscht.

Andrew, der Giacomo di Chessas Rückkehr auch bemerkt hat, verabschiedet sich schnell von dem Mann, mit dem er die ganze Zeit über im Gespräch war, und stellt sich wieder zu uns.

»Giacomo, darf ich vorstellen – das ist Sophie Conroy, von der ich Ihnen schon so viel erzählt habe«, sagt er und deutet auf mich.

Ich schlucke kurz, weil ich weiß, dass viel davon abhängt, wie ich mich in den nächsten Minuten schlage.

»Freut mich sehr, Signore di Chessa«, sage ich und strecke ihm lächelnd die Hand hin.

»Ah, die junge Dame aus London.« Für jemanden, der so fragil wirkt, ist sein Händedruck erstaunlich fest, und auch sein Blick ist jetzt sehr viel wacher und ganz auf mich konzentriert. Er mustert mich einen langen Augenblick, und ich fange gerade an, nervös zu werden, als ein breites Lächeln auf seinem Gesicht erscheint.

»Sie verstehen wirklich etwas von Kunst, wenn Ihnen das Severn-Bild sofort aufgefallen ist. Für eine so schnelle Zuordnung braucht es ein gutes Auge.« Sein Kompliment freut mich, und ich will etwas erwidern, doch er kommt mir zuvor. »Allerdings muss ich Sie enttäuschen, falls Sie daran Interesse hatten. Das Gemälde gehört nicht mehr zu den Dingen, die ich versteigern lassen will«, fügt er bedauernd hinzu.

Verdutzt sehe ich ihn an. »Warum nicht?«

»Weil Giacomo es mir gerade verkauft hat«, sagt eine dunkle Stimme und lässt mich erschrocken herumfahren.

3

Der große dunkelblonde Mann steht hinter mir, ziemlich dicht sogar, und sieht mit seinen schönen Bernsteinaugen auf mich herunter, was mein Herz kurz aus dem Tritt kommen lässt.

»Oh«, stoße ich hervor, weil ich so überrascht bin, fange mich dann aber sofort wieder. »Wie … schade.«

Die Gedanken in meinem Kopf fallen hektisch übereinander und lassen mir keine Zeit, sie zu ordnen. Er sieht so verdammt gut aus! Vergiss das, Sophie, sofort! Wieso spricht er plötzlich doch mit mir – ich dachte, ich wäre seine persönliche Persona non grata? Wer ist er überhaupt und ist es Zufall, dass er ausgerechnet das Bild gekauft hat, über das wir vorhin auf der Treppe gesprochen haben? Und wieso lächeln ihn alle außer mir an, wenn er sich einfach in unser Gespräch einmischt? Bin ich wirklich die Einzige, die ihn nicht kennt?

»Matteo!«, ruft Valentina Bertani erfreut, doch sie wirkt plötzlich nervös, blickt ein bisschen hektisch zwischen dem Mann und mir hin und her. »Das ist Sophie Conroy – Andrew hat sie Giacomo für die Versteigerung empfohlen, erinnerst du dich?«

Okay, denke ich. Damit wäre dann zumindest das Rätsel gelöst, woher Bernstein-Auge meinen Namen kannte. Wenn ich hier schon Thema war, dann hat er einfach eins und eins zusammengezählt, als er hörte, dass ich für ein Auktionshaus in London arbeite.

»Und das ist mein Enkel, Matteo Bertani«, fährt die alte Dame – für einen Augenblick sichtlich stolz – mit ihrer Vorstellung fort.

Er ist ein Bertani, denke ich erstaunt und runzele die Stirn, weil gleichzeitig irgendwo in meinem Unterbewusstsein Alarmglocken klingeln, laut sogar. Aber ich schaffe es einfach nicht, die Erinnerung festzuhalten, die bei der Nennung seines Namens kurz aufgeflackert ist.

»Wir kennen uns schon, Nonna«, informiert Matteo Bertani seine Großmutter, wieder in diesem akzentfreien Englisch, und reißt mich aus meinen Gedanken. Als ich ihn irritiert ansehe, wird sein Lächeln eine Spur süffisanter, und fast sofort sehe ich wieder das Bild vor mir, wie ich auf der Treppe in seinen Armen lag, spüre, wie mein Magen auf Talfahrt geht, während unsere Blicke sich treffen. Aber nur für eine Sekunde oder so, dann wende ich den Kopf ab.

Dieser Kerl mag mich auf der Treppe zurück ins Gleichgewicht gebracht haben, aber für meinen Seelenfrieden bewirkt er seitdem eher das Gegenteil. So etwas kommt bei mir ziemlich selten vor – und gebrauchen kann ich das gerade überhaupt nicht.

»Du kennst Signore Bertani? Davon hast du mir ja gar nichts erzählt!«, mischt sich Andrew ein, der offenbar findet, dass ich ihm diese Information keinesfalls hätte vorenthalten dürfen.

»Wir sind uns nur ganz kurz begegnet, vorhin am Eingang. Aber er hatte es eilig, deshalb blieb für eine richtige Vorstellung keine Zeit.« Ich schicke ein paar wütende Blicke in Richtung Mr. Perfect. Wir kennen uns schon – pah! Er hatte es ja nicht mal nötig, mir seinen Namen zu nennen, bevor er weg war.

Ein schlechtes Gewissen scheint Matteo Bertani deswegen nicht zu haben. Meine Bemerkung amüsiert ihn eher, denn sein unverschämt attraktives Lächeln vertieft sich noch.

»Das holen wir ja jetzt nach«, erklärt er und hält mir die Hand hin, so dass mir gar nichts anderes übrig bleibt als sie zu ergreifen. »Willkommen in Rom, Miss Conroy.«

Die Berührung unserer Hände und die Tatsache, dass er mich plötzlich so charmant anstrahlt, werfen mich schon ziemlich aus der Bahn, doch das wird noch viel schlimmer, als er sich vorbeugt und mir die in Italien üblichen Küsse auf die Wangen gibt. Davon habe ich seit meiner Ankunft gestern wirklich schon einige bekommen, aber bei ihm fällt mir auf, dass seine Wange sich warm anfühlt an meiner und sein After-Shave immer noch ziemlich aufregend duftet. Deshalb bin ich froh, als er wieder einen Schritt zurückmacht und meine Hand loslässt.

»Danke«, sage ich kühl.

Ich meine, was glaubt er denn? Dass ich sofort zu seinem Fan mutiere, nur weil er mich gerade mal wieder nett anlächelt? So funktioniert das vielleicht bei anderen Frauen, aber ganz sicher nicht bei mir. Im Gegenteil. Wenn ich eins hasse, dann Menschen, die sprunghaft ihr Verhalten ändern.

Valentina Bertani scheint die Tatsache, dass ihr Enkel so freundlich zu mir ist, jedoch zu beruhigen, sie lächelt jetzt ganz entspannt, und auch die anderen sind sichtlich zufrieden, vor allem Andrew, dem ich ansehen kann, wie er innerlich ein Häkchen auf seiner Liste macht.

Insgeheim stöhne ich auf, ohne mein etwas mühsames Lächeln zu unterbrechen. War ja klar, dass Matteo Bertani zu denen gehört, die er mir vorstellen wollte – als Mitglied des Bertani-Clans ist er ein potentieller Käufer und damit natürlich ein wichtiger Kontakt. Also sollte ich nett zu ihm sein – und wie es aussieht, jetzt gleich, denn offenbar wird von mir erwartet, dass ich Konversation mit ihm betreibe. Andrew hat nämlich zu meinem Entsetzen auf Italienisch ein Gespräch mit Valentina und Giacomo begonnen. Es geht um den Mann, mit dem er gesprochen hat, bevor er wieder zu uns kam, und das scheint gerade wichtiger zu sein als alles andere, denn die beiden anderen lauschen ihm aufmerksam und achten gar nicht mehr auf mich und Matteo Bertani.

Na super, denke ich ein bisschen verzweifelt. Lasst mich ruhig alle allein mit Signore Ich-rede-nicht-mit-Frauen-diesich-mit-Kunst-auskennen. Dessen Fluchtreflex ist allerdings vollkommen abgeklungen, denn er bleibt, wo er ist, und macht mich mit diesen durchdringenden Bernstein-Augen lieber weiter nervös.

Smalltalk, Sophie, erinnere ich mich. Frag ihn irgendetwas. Das fällt dir doch sonst nicht schwer. Aber sonst sind meine Gesprächspartner ja auch berechenbarer als dieser, bei dem man offensichtlich nie weiß, was einen als Nächstes erwartet.

Ich räuspere mich. »Wie ich hörte, leiten Sie den Design-Konzern Ihrer Familie. Das ist sicher eine sehr interessante Aufgabe.«

Selbst in meinen Ohren klingt diese Bemerkung gezwungen, aber ich lächele tapfer weiter. Etwas anderes bleibt mir ja auch nicht übrig.

»Das ist es bestimmt«, antwortet Matteo Bertani. »Aber ich fürchte, Sie sind falsch informiert. Die Firma führen meine beiden älteren Brüder.«

Als er sieht, wie überrascht ich über diese Antwort bin, hebt er amüsiert einen Mundwinkel – wodurch wieder dieses sexy Grübchen auf seiner Wange erscheint, das ich aus gegebenem Anlass zu ignorieren versuche.

»Und Sie?«, hake ich nach.

Ich hasse es, dass er mir irgendwie immer einen Schritt voraus ist – und dass er mich so rumraten lässt. Aber ihm macht das Spaß, so viel steht fest.

Er zuckt mit seinen breiten Schultern. »Ich habe mich sehr intensiv mit dem beschäftigt, was mir schon immer besonders am Herzen lag: der Kunst und ihrer geschichtlichen Entwicklung«, sagt er, und wieder drängt etwas an die Oberfläche meines Gedächtnisses.

Kunstgeschichte. Matteo Bertani. Denk nach, Sophie.

Und dann – viel zu spät – macht es endlich klick in meinem heute so unzuverlässigen Gehirn, und ich erinnere mich plötzlich an einige Artikel, die ich in Vorbereitung auf meine Reise über die römische Kunstszene gelesen habe. Und an die Schwärmereien meiner Freundin Sarah, die vor gut zwei Jahren mal für eine Weile in Rom studiert hat. Oh mein Gott!

»Sie sind das?«

Matteo Bertani – natürlich! Er war in den Artikeln mehrfach zitiert – als international anerkannter Experte für italienische und englische Kunstgeschichte. Der junge Professore mit den schönen Augen und den ungewöhnlichen Thesen zur Malerei, den Sarah damals so toll fand, das Enfant terrible des Kunsthistorischen Instituts der La Sapienza. Und zudem, wie ich jetzt weiß, Mitglied einer der reichsten Familien Italiens.

Verdammt.

Wichtiger Kontakt ist gar kein Ausdruck. Er ist wahrscheinlich eher so was wie der Jackpot. Und er lächelt mich so selbstzufrieden an, dass ich ihm wirklich gerne in sein bestimmt unglaublich durchtrainiertes Sixpack boxen möchte.

»Dann kennen wir uns also doch?« Spöttisch hebt er die Brauen.

»Nein, aber ich … äh … habe von Ihnen gehört«, stottere ich. Noch etwas, das ich sonst nie tue. Hastig räuspere ich mich. »Sie arbeiten an der La Sapienza, nicht wahr?« Eine ganz normal gestellte Frage – geht doch, Sophie.

»Ich habe dort einen Lehrauftrag, ja«, bestätigt er mir.

Was wiederum eher ein bisschen zu bescheiden klingt. Laut Sarah war und ist er nämlich der Star-Dozent der Uni, und zahlreiche, vor allem weibliche Studenten belegen angeblich Kunstgeschichte nur seinetwegen. Dabei muss er sicher nicht arbeiten, er ist ein Bertani und damit auf jeden Fall reich. So reich, dass er sich mal eben ein Gemälde kaufen kann, für das man mehr als ein paar Pfund hinlegen muss. Was mich zurück zu einer anderen Frage bringt, die ich vor lauter Schreck darüber, dass er plötzlich doch mit mir sprechen wollte, ganz verdrängt hatte.

»Warum haben Sie eigentlich das Severn-Gemälde gekauft?«

Das kommt mir – ganz abgesehen davon, dass ich ziemlich enttäuscht darüber bin, dass ich jetzt keine Gelegenheit mehr haben werde, es genauer zu studieren –, doch ein bisschen komisch vor. Schließlich war es das Bild, unter dem wir uns vorhin »begegnet« sind. Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass beides zusammenhängt, und dieser Verdacht scheint sich zu bestätigen, denn er zögert mit der Antwort, hebt zuerst das Glas mit Champagner, das er in der Hand hält, und trinkt einen Schluck. Als er es wieder absetzt, lächelt er weit weniger strahlend, und der Ausdruck in seinen Augen wird wieder reserviert, fast schon kühl.

»Das sollte ich Ihnen lieber nicht sagen.« Sein Blick wandert zu seiner Großmutter hinüber, die sich immer noch mit Giacomo und Andrew unterhält, so als müsse er kurz überprüfen, ob sie ihn hört.

Jetzt bin ich es, die die Brauen hebt. »Ach, und wieso nicht?«

»Weil Ihnen die Antwort nicht gefallen wird«, erklärt er mir, und in seinen Bernstein-Augen liegt jetzt ganz klar eine Herausforderung.

»Lassen wir es darauf ankommen.«

Er glaubt doch nicht ernsthaft, dass ich das auf sich beruhen lasse? Ich will wissen, was sein Problem ist. Denn auch, wenn er plötzlich seinen Charme spielen lässt, hat er ja offenbar eins mit mir. Und ich wette, dieser spontane Kauf kam nicht von ungefähr. »Es hatte etwas damit zu tun, dass ich es mir angesehen habe, als wir uns vorhin in der Eingangshalle begegnet sind, nicht wahr?«

Er schweigt einen langen Moment.

»Sagen wir es so: Ihr taxierender Blick hat mich daran erinnert, dass hier bald alles unter den Hammer kommt. Und da mir das Severn-Bild sehr am Herzen liegt, habe ich es mir lieber gesichert, bevor Sie damit anfangen, Giacomos Sammlung zu zerschlagen.«

Ich umklammere mein Glas und starre ihn an, erschrocken über den Zorn, der in seiner Stimme mitschwingt. Aber er redet schon weiter, ist noch gar nicht fertig.

»Nehmen Sie es nicht persönlich, Miss Conroy. Es geht nicht gegen Sie. Aber ich gehöre nun mal nicht zu denen, die es für eine gute Idee halten, dass Giacomo Rom verlassen will. Deshalb vielleicht eine Warnung: Mit meiner Hilfe bei dieser Auktionsgeschichte brauchen Sie nicht zu rechnen, und sollte ich eine Möglichkeit sehen, die ganze Sache zu verhindern, werde ich sie ohne zu Zögern ergreifen.«

In seinen Bernstein-Augen brennt jetzt ein Feuer, aber das in meinen Augen kann da sicher locker mithalten. Was glaubt dieser Kerl eigentlich?

»Oh, ich nehme das aber persönlich, Signore Bertani. Weil ich nun mal zu denen gehöre, die mit unhöflichen Menschen nichts anfangen können«, erkläre ich ihm mit einem süßlichen Lächeln, das meine Wut auf ihn nur schlecht verbirgt. »Soviel ich weiß, ist es Signore di Chessas ausdrücklicher Wunsch, seine Sammlung zu verkleinern, und da die Kunstwerke ihm gehören und dies ein freies Land ist, kann er damit tun, was immer er will. Dafür braucht er Ihr Einverständnis nicht. Und was unser Auktionshaus angeht: Das ›Conroy’s‹ gehört zu den renommiertesten seiner Art. Vor uns muss man nichts ›in Sicherheit bringen, und wenn bei uns etwas ›unter den Hammer‹ kommt, dann geht alles mit rechten Dingen zu. Wir arbeiten immer im Sinne unserer Kunden und erzielen bei den Versteigerungen die besten Preise für die uns anvertrauten Werke.« Ich muss kurz Luft holen. »Und im Übrigen habe ich das Bild nicht taxiert, es hat mich einfach interessiert, weil ich Joseph Severn zufällig auch sehr schätze«, füge ich noch hinzu, mittlerweile richtig in Rage.

Matteo Bertani hebt – überhaupt nicht beeindruckt – einen Mundwinkel, und sein schiefes Lächeln hat etwas Herablassendes, was mich noch zorniger macht, als ich ohnehin schon bin.

»Ich habe Ihnen gesagt, dass Ihnen die Antwort nicht gefallen wird«, erinnert er mich. »Außerdem hat Giacomo auch ohne Sie einen guten Preis für das Bild erzielt, glauben Sie mir.«

»Das ist schön für Signore di Chessa. Wenn Sie jetzt allerdings jedes Werk kaufen wollen, das ich mir heute noch ansehe, könnte das ein teurer Abend für Sie werden – ich habe nämlich vor, hier alles sehr gründlich zu taxieren. Ach ja, und vielleicht noch eine Warnung, damit Ihr Ego keinen Schaden nimmt: Tun Sie, was immer Sie müssen, aber sollte das ›Conroy’s‹ diesen Auftrag erhalten, kommen wir ganz sicher auch ohne Ihre Hilfe aus.«

Ich zwinge mich, die Hände wieder locker zu lassen, die ich zu Fäusten geballt hatte, und halte Matteo Bertanis Blick stand, in dem für einen Moment Erstaunen steht – zumindest bilde ich mir das ein. Dann grinst er plötzlich, und zum ersten Mal am heutigen Abend habe ich das Gefühl, dass es keine Routine ist, sondern echt.

»Touché, Miss Conroy. Aber wie ich schon sagte …«

»Du streitest dich doch nicht mit Miss Conroy, oder? Matteo?«, erkundigt sich Valentina Bertani bei ihrem Enkel und lässt uns beide fast schuldbewusst auseinanderfahren. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich mich quasi vor ihm aufgebaut habe und uns dadurch nur noch wenige Zentimeter trennten.

Als ich mich umblicke, sehe ich, dass die drei ihr Gespräch unterbrochen haben und uns aufmerksam beobachten – Valentina und Giacomo di Chessa besorgt, Andrew dagegen mit neugierigem Interesse.

»Nein, wir unterhalten uns nur, Nonna«, versichert ihr Matteo Bertani, ohne mit der Wimper zu zucken, und lächelt wieder dieses extrem charmante, strahlende Lächeln. Offenbar will er sie nicht aufregen, denn sie wirkt auf einmal ein bisschen blass.

Wieso hat sie das überhaupt gefragt, wundere ich mich. Es klang fast so, als hätte sie einen Streit zwischen uns erwartet, und auch ihren Blick von vorhin deute ich jetzt als Sorge, wie ihr Enkel und ich wohl aufeinander reagieren werden. Wahrscheinlich kennt sie seine Einstellung und hatte schon befürchtet, dass es Stress zwischen uns geben könnte.

Erst dann merke ich, dass plötzlich alle Augen auf mich gerichtet sind, gespannt darauf, ob ich die Aussage meines Gesprächspartners bestätige. Und da brauche ich tatsächlich nicht lange zu überlegen. Dieser Abend ist bis jetzt überhaupt nicht so gelaufen, wie ich ihn mir ausgemalt hatte, und ich muss mich auf gar keinen Fall auch noch dabei erwischen lassen, wie ich mich öffentlich mit einem sehr einflussreichen Mitglied der römischen Kunstszene zanke.

»Wir haben über das Severn-Bild gesprochen«, bestätige ich deshalb und bemühe mich um ein halbwegs glaubwürdiges Lächeln. »Und … über die Vorzüge des Auktionswesens«, füge ich dann noch hinzu, weil ich mir diesen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen kann, und werfe Matteo Bertani einen schnellen Blick zu.

Giacomo di Chessa entgeht das nicht, denn er lächelt auf einmal breit.

»Hört, hört. Also, wenn Sie sogar Matteo davon überzeugen können, dass eine Auktion genau das Richtige ist, dann sollte wir wohl schleunigst ins Geschäft kommen, Miss Conroy.«

Diese Bemerkung schmeckt Matteo Bertani ganz und gar nicht, denn sein eben noch so charmantes Lächeln verliert deutlich an Strahlkraft.

»Ich habe nicht gesagt, dass …«, will er widersprechen, wird jedoch von Valentina Bertani unterbrochen, die sich unvermittelt erhebt.

»Ich möchte jetzt etwas essen«, verkündet sie resolut, als sie – ein bisschen wacklig – steht, und sieht ihren Enkel an. »Begleitest du mich bitte zum Büffet, Matteo?«

Er lässt die Hand sinken, die er erhoben hatte, um das, was wir jetzt nicht mehr hören werden, mit einer Geste zu unterstreichen.

»Natürlich.« Mit zwei großen Schritten ist er bei seiner Großmutter und hält ihr den Arm hin, damit sie sich bei ihm einhaken kann.

»Wir sehen uns noch«, sagt die alte Dame im Gehen, und ich überlege, ob das wohl auch für mich und Matteo Bertani gilt, der mir über die Schulter einen letzten Blick zuwirft.

Wünschen sollte ich mir das wohl lieber nicht, denn immer, wenn er auftaucht, bringt er mich völlig durcheinander. Und vielleicht sollte ich ihm auch nicht so hinterherstarren, damit er das nicht errät. Deshalb wende ich rasch den Kopf ab – und sehe in Giacomo di Chessas immer noch lächelndes Gesicht.

»Setzen Sie sich zu mir, Miss Conroy«, fordert er mich auf und klopft auf den Platz, den Valentina Bertani frei gemacht hat. »Wir haben noch eine Menge zu besprechen, und ich denke, jetzt wäre eine gute Gelegenheit dazu.«

Andrew versteht den Wink und verabschiedet sich, nachdem er mir noch einmal kurz zugezwinkert hat, ebenfalls in Richtung Büffet, sodass wir einen Augenblick später allein sind.

Ein bisschen befangen lächle ich den alten Herrn an, der so viele Jahre lang die Geschicke des Kunsthistorischen Instituts an der La Sapienza geleitet hat, nicht sicher, wie ich das Gespräch beginnen soll, das wahrscheinlich darüber entscheidet, ob meine Reise nach Rom ein Erfolg wird oder nicht. Ich bin einfach noch zu beschäftigt mit dem, was gerade passiert ist, aber das scheint meinem potentiellen neuen Auftraggeber ähnlich zu gehen.

»Sie haben sich mit Matteo gestritten, nicht wahr?« Sein Blick sagt mir, dass er es ohnehin weiß, deshalb zucke ich hilflos mit den Schultern.

»Er ist …« Ich kann das gar nicht in Worte fassen, deshalb stoße ich seufzend die Luft wieder aus.

»Unmöglich?«, beendet Giacomo di Chessa den Satz für mich, und ich nicke heftig, weil es das ziemlich genau trifft. An dem nachsichtigen Lächeln meines Gegenübers erkenne ich jedoch, dass er das nicht so schlimm findet wie ich.

»Er will nicht, dass Sie Rom verlassen?« Ich formuliere es als Frage, weil ich das alles immer noch nicht verstehe.

»Nein.« Giacomo di Chessa schüttelt den Kopf. »Er ist gegen alles, was mit meinem Umzug zusammenhängt – auch und vor allem dagegen, dass ich meine Sammlung zu großen Teilen aufgeben will.«

»Es ist aber nicht seine Entscheidung, sondern Ihre«, entgegne ich, wieder ein bisschen empört, doch der alte Mann zuckt nur mit den Schultern.

»Sicher. Aber so einfach ist das nicht, Miss Conroy. Mir fällt es schwer zu gehen, das muss ich gestehen. Und das liegt auch daran, dass ich weiß, dass es Matteo so viel ausmacht.«

Erstaunt sehe ich ihn an. Ich war bis jetzt so geblendet vor Wut über die anmaßenden und wirklich unverschämten Aussagen von Matteo Bertani, dass ich mir über die Zusammenhänge und die Gründe, warum er mich und meinen Job so ablehnt, noch gar keine Gedanken gemacht habe.

»Dann stehen Sie beide sich nahe?«, erkundige ich mich.

Giacomo di Chessas Lächeln wird ein bisschen wehmütig.

»Das kann man so sagen. Ich kenne die Bertanis schon seit einer Ewigkeit, wir waren lange Nachbarn, wissen Sie – die Villa nebenan gehört der Familie. Und gerade Matteo und mich verbindet trotz unseres großen Altersunterschieds sehr viel. Es ist ein Verdienst, auf den ich besonders stolz bin, dass ich den Jungen für die Kunstgeschichte interessieren konnte, und über die Jahre war ich stets sein Förderer, durfte mich damit schmücken, dieses Ausnahmetalent entdeckt zu haben. Aber unsere Verbindung geht über das Berufliche weit hinaus. Matteo ist wie ein Sohn für mich. Und wenn es nach ihm ginge, dann soll sich weder an diesem Haus noch an der Tatsache, dass ich darin lebe, etwas ändern.«

Ich runzle die Stirn, weil das plötzlich alles einen Sinn zu ergeben scheint. »Und deshalb reagiert er wütend auf alle, die Ihnen dabei helfen, Ihren Umzug voranzutreiben?«

Er seufzt. »Ich fürchte, so ist es.«

Das macht Matteo Bertanis Verhalten nicht besser, aber es erklärt zumindest einiges. Dann hat er nicht gelogen – es ging nicht um mich als Person. Wahrscheinlich hat er nicht mal was gegen Kunstauktionen im Allgemeinen – was ja auch schwierig wäre, wenn man bedenkt, dass er Kunsthistoriker ist. Nur diese eine ist ihm ein Dorn im Auge, und ich habe seinen Frust darüber abbekommen, den er sonst offenbar nirgendwo lassen kann. Dass ich das jetzt weiß, tröstet mich allerdings nur mäßig, noch überwiegt die Wut in mir alles andere, und das entgeht Giacomo di Chessa nicht.

»Ich sage Ihnen das nur, damit Sie ihn besser verstehen«, erklärt er mir. »Matteo kann sehr impulsiv sein und hält sich grundsätzlich nicht gerne an Regeln. Er hat kein Problem damit, anzuecken, und das macht den Umgang mit ihm nicht immer einfach. Aber er ist ein wirklich guter Freund. Der beste, den man sich wünschen kann. Was ihn natürlich nicht entschuldigt, falls er unhöflich zu Ihnen war …«

»Nein, nein, keine Sorge«, versichere ich ihm hastig, weil ich ihn – jetzt, wo ich weiß, wie eng die Verbindung zwischen ihm und Matteo Bertani ist – nicht aufregen will. »So schlimm war es nicht, wirklich.«

Schlimm war eigentlich nur, dass ich mich so habe provozieren und aus der Fassung bringen lassen. So kenne ich mich gar nicht, und das darf auch auf keinen Fall noch mal vorkommen.

»Außerdem … weiß ich mich zu wehren«, füge ich noch hinzu und lächle überzeugter, als ich es tatsächlich bin.

Giacomo di Chessa mustert mich einen langen Augenblick.

»Das glaube ich Ihnen sogar«, sagt er, und in seinen Augen blitzt etwas auf, das ich nicht richtig deuten kann. Dann lehnt er sich auf dem Sofa zurück. »Also gut. Dann lassen Sie uns jetzt über das Geschäft reden, das wir vielleicht miteinander abschließen werden, Miss Conroy.«

4

Andrew hatte recht, denke ich eine Stunde später, als ich mit einem Teller in der Hand vor dem Büffet im hinteren der beiden Salons stehe und überlege, mit welchen der angebotenen Fingerfood-Köstlichkeiten ich ihn füllen soll. Das Gespräch mit Giacomo die Chessa war tatsächlich sehr nett, und jetzt hoffe ich noch mehr, dass wir den Auftrag bekommen.

Ich kann mir wirklich gut vorstellen, mit ihm zusammenzuarbeiten, vielleicht, weil er mich in vielerlei Hinsicht an meinen Vater erinnert. Die beiden sehen sich zwar überhaupt nicht ähnlich – Dad ist ein großer Mann mit immer noch vollen, schwarzen Haaren, deren Farbe ich von ihm geerbt habe, und rein äußerlich nicht zu vergleichen mit dem schmächtigen, kränklich wirkenden Italiener. Aber sie haben beide diese Traurigkeit im Blick – auch wenn der Grund bei meinem Vater ein anderer ist –, und das macht mir Giacomo di Chessa einfach sehr sympathisch. Ich bin fast sicher, dass wir gut miteinander auskommen würden – und es ist mir ein Rätsel, wieso Andrew glaubt, dass dieser Auftrag in irgendeiner Weise schwierig sein könnte.

Ich hatte leider immer noch keine Gelegenheit, ihn zu fragen, wie er diese kryptische Bemerkung über unseren Gastgeber eigentlich gemeint hat. Andrew hat sich zwar sehr große Mühe gegeben, mich wirklich möglichst vielen Leuten vorzustellen, aber er wird ständig in irgendwelche Gespräche verwickelt. Das ist eben der Preis, wenn man so viele kennt, und es ist auch der Grund, warum ich jetzt allein am Büffet stehe.

Auf ihn warten konnte ich nicht mehr. Zuletzt hatte ich heute Mittag etwas zu essen, ein schnelles Sandwich in einem dieser Touristen-Cafés, als ich das Kleid kaufen war, deshalb habe ich jetzt richtig Hunger und bin froh, dass die Auswahl so riesig ist: Bruschetta mit Tomaten, gefüllte Zucchiniblüten, Garnelen-Spieße, Involtini mit Aubergine und Parmaschinken, Hackbällchen, runde Pesto-Parmesan-Toasts – der kleine Teller füllt sich zusehends, und ich kann einfach nicht aufhören. Zum Glück gehöre ich zu den Menschen, die viel essen können, ohne gleich zuzunehmen, etwas, das ich immer als Segen empfunden habe und das ich – nicht nur heute – gerne ausnutze.

»Probieren Sie unbedingt auch die römischen Reiskroketten – das ist eine Spezialität der Köchin des Hauses«, spricht mich der Mann, der neben mir steht, plötzlich an und lächelt über mein überraschtes Gesicht. »Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken.«

»Das … haben Sie nicht«, versichere ich ihm hastig. »Ich war nur in Gedanken.«

Neugierig betrachte ich ihn näher. Er ist mittelgroß für einen Mann – ich schätze ihn auf knapp einen Meter achtzig – und hat dunkelbraunes, leicht lockiges Haar, das sehr gepflegt aussieht, genau wie der Mann selbst in seinem tadellos sitzenden dunklen Anzug. Er muss in den Vierzigern sein und sieht ziemlich gut aus. Na ja, nicht im Verhältnis zu Matteo Bertani, aber so ein Vergleich ist vermutlich auch ungerecht.

»Vielen Dank für den Tipp«, füge ich hinzu und nehme mir eine der Reiskroketten, die er mir empfohlen hat. Er mustert mich immer noch von der Seite, das merke ich.

»Sie sind Sophie Conroy, nicht wahr?«, erkundigt er sich, und mir wird plötzlich klar, dass er mich nur angesprochen hat, um mich kennenzulernen.

»Richtig.« Ich lächle ein bisschen schief. »Ich nehme an, Andrew Abbott hat mich erwähnt?« Wäre nur nett gewesen, wenn Andrew mich im Gegenzug auch so umfassend informiert hätte, wem ich hier begegnen könnte. Hätte mir vielleicht einige Peinlichkeiten erspart, wenn der Wissensvorsprung der anderen nicht immer so groß wäre.

»Vorhin, ja«, räumt der Mann ein. »Und geschwärmt trifft es eher.« Er schenkt mir ein sympathisches, vielleicht ein kleines bisschen zu eifriges Lächeln. Aber es macht mich nicht nervös, was ich sehr angenehm finde, deshalb erwidere ich es gern.

Wir schweigen einen Moment, und ich überlege, ob ich ihn wohl nach seinem Namen fragen muss, aber dann fällt ihm zum Glück selbst ein, dass unsere Bekanntschaft bisher sehr einseitig ist.

»Oh, verzeihen Sie, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Lorenzo Santarelli und ich bin Kunsthändler. Allerdings besitze ich kein Auktionshaus wie Sie, sondern eine große Galerie hier in Rom.«

Ein Galerist, denke ich, und erkundige mich interessiert nach dem Standort seiner Galerie – in Tiburtino, ganz in der Nähe der Universität, wie er mir stolz erzählt – und nach der Kunst, die er dort zeigt. Wie sich herausstellt, ist es eine bunte Mischung mit Schwerpunkt auf jungen, noch unbekannten Künstlern, meist aus Rom und Umgebung, aber auch aus anderen Teilen Italiens und Europas.

»Ich sehe mich gerne als Mäzen und weniger als Händler, der auf seine Profitmarge achten muss«, erklärt er, und als ich ihn gerade selbstgefällig finden will, fügt er hinzu: »Entschuldigen Sie, das klang sicher schrecklich arrogant. Ich befinde mich in der glücklichen Situation, nicht von meinen Erträgen leben zu müssen, deshalb ist so etwas natürlich leicht gesagt.«

Er lächelt ein bisschen reumütig, aber irgendwie werde ich gleichzeitig das Gefühl nicht los, dass er das alles sagt, um mich zu beeindrucken: Ich soll wissen, dass er vermögend ist. Dass er es nötig hat, das so zu betonen, schmälert meinen guten Eindruck von ihm ganz schön. Andererseits setzt er sein Geld für die Förderung junger Talente ein, was eine sehr gute Sache ist. An ihm ist nichts auszusetzen, Sophie, beruhige ich das komische Gefühl, das kurz in mir aufgestiegen ist. Du siehst nur Gespenster, weil du heute Abend schon eine unangenehme Begegnung mit einem Mann hinter dir hast.

»Es ist schön, wenn Sie sich das leisten können«, erwidere ich deshalb freundlich-neutral. »Und außerdem sicher eine gute Investition. Der Trend geht auch bei uns im Auktionsgeschäft ganz klar in Richtung moderne Kunst.« Was ihn für mich zu einem weiteren interessanten Kontakt macht. »Außerdem stelle ich es mir spannend vor, so viele neue Arbeiten zu sichten«, füge ich noch hinzu.

»Das ist es auch.« Er greift in seine Hemdtasche und holt eine Visitenkarte heraus, die er mir hinhält. »Wenn Sie länger in Rom sind, dann besuchen Sie mich doch mal in der Galerie. Ich würde Ihnen gerne zeigen, was wir ausstellen.« Er räuspert sich. »Miss Conroy?«

»Oh, ja, natürlich – vielen Dank!«, sage ich mit einem entschuldigenden Lächeln und nehme die Karte. Ich war nur kurz abgelenkt, weil Matteo Bertani gerade den hinteren Salon betreten hat – ich sag’s ja, der Mann ist einfach nicht zu übersehen.

»Sie können sich jederzeit melden, wenn Sie Zeit haben«, versichert mir Lorenzo Santarelli noch mal und blickt sich um, weil er offenbar merkt, dass meine Aufmerksamkeit nicht ihm gehört.

»Das mache ich.« Ich stelle meinen immer noch ziemlich vollen Teller – ich bin während des Gesprächs nur wenig zum Essen gekommen – kurz auf dem Büffettisch ab und öffne meine Clutchbag, um die Karte einzustecken. Dabei berühren meine Finger mein Smartphone, und mir fällt ein, dass ich jetzt schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr nachgesehen habe, ob Nachrichten eingegangen sind. Wahrscheinlich habe ich längst unzählige SMS von meinem Vater. Wenn er mit Mum allein ist, gibt es gerade in der ersten Zeit häufig Probleme.

Sofort plagen mich Gewissensbisse, und obwohl ich weiß, dass es unhöflich ist, hole ich kurz das Handy heraus und aktiviere es. Eine neue Nachricht, zeigt es mir an. Mein Herz schlägt schneller, beruhigt sich jedoch wieder, als ich nach zwei kurzen Klicks sehe, dass nicht mein Vater sie geschickt hat, sondern Nigel. Ich ahne, was in seiner SMS steht – er wird erneut wissen wollen, ob ich gut angekommen bin, weil ich auf seine letzte Nachricht heute Morgen noch gar nicht reagiert habe. Aber jetzt habe ich keine Zeit für eine Antwort, deshalb lasse ich das Handy zurück in meine Tasche gleiten.

Als ich wieder aufblicke, das entschuldigende Lächeln schon auf den Lippen, halte ich erschrocken inne, weil Matteo Bertani in diesem Moment neben Lorenzo Santarelli tritt.

»Signore Bertani«, begrüßt ihn mein Büffetnachbar und die beiden Männer nicken sich zu. Viel mehr haben sie, wie ich erstaunt feststelle, jedoch nicht füreinander übrig. Freundschaft und auch höfliche Bekanntschaft sehen definitiv anders aus.

»Miss Conroy, dürfte ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?«, bittet mich Matteo Bertani.

Überrascht starre ich in sein schönes Gesicht und versuche, darin zu lesen. Ich will eigentlich nicht wieder mit ihm allein sein, weil er mich so unangenehm nervös macht. Aber es war eine höflich gestellte Frage, und als höfliche Britin bleibt mir da nur eine Antwort.

»Natürlich. Entschuldigen Sie uns bitte für einen Moment?« Das Letzte war an Lorenzo Santarelli gerichtet, der immer noch lächelt. Jetzt sieht es allerdings sehr gezwungen aus.

»Lassen Sie sich ruhig Zeit, ich muss ohnehin weiter. War sehr nett, Sie kennenzulernen, Miss Conroy.«

»Ebenfalls«, antworte ich und sehe ihm kurz nach, als er sich umwendet und geht. Dann hole ich tief Luft und blicke zu Matteo Bertani auf.

Der betrachtet jedoch gar nicht mich, sondern meinen beladenen Teller, den ich wieder in die Hand genommen habe. Dass er so voll ist, ist mir plötzlich peinlich. Hastig deute ich auf die Stehtische mit den weißen Hussen, die in der Nähe des Büffets aufgestellt sind, um den Leuten Gelegenheit zum Essen zu geben. Einer davon ist noch frei, und ich möchte ihn gerne nutzen, damit ich nicht auch noch den Teller balancieren muss, wenn ich sowieso schon nervös bin.

»Wollen wir da rübergehen?«, frage ich und bin stolz darauf, wie ruhig meine Stimme klingt. Dann gehe ich einfach, ohne seine Antwort abzuwarten. Er folgt mir, sieht jedoch, als wir einen Augenblick später am Tisch stehen, immer noch mit einem amüsierten Lächeln auf meinen Teller.

»Ich habe seit heute Vormittag nichts mehr gegessen«, erkläre ich ihm und ärgere mich dann darüber. Das war unnötig, schließlich bin ich ihm keine Rechenschaft schuldig.

»Oh, bitte, greifen Sie nur zu. Ich finde es sehr erfrischend, einer Frau zu begegnen, die einen gesunden Appetit hat.«

So, wie er es sagt, klingt es eigentlich ganz positiv, aber mein Hirn sucht sofort nach dem negativen Unterton. Soll das heißen, ich bin verfressen? Bestimmt heißt es das. Ich rühre den Teller jedenfalls nicht an. Das ist doch jetzt auch gar nicht wichtig. Essen kann ich schließlich noch, wenn ich das Gespräch mit ihm hinter mir habe.

Ich stelle mich besonders gerade hin – ein Reflex vermutlich, um mich gegen die Wirkung zu stemmen, die er auf mich hat – und begegne äußerlich ruhig seinem Blick.

»Sie wollten mich sprechen?«

»Ja, das wollte ich«, sagt er mit seiner dunklen Stimme. »Aber vielleicht sollte ich Sie zuerst warnen.«

Misstrauisch mustere ich ihn. »Wovor? Davor, nur ja die Finger von Signore di Chessas Kunstwerken zu lassen?«

Ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen, weil ich immer noch an unserem Gespräch vorhin zu knabbern habe, und Matteo Bertanis Lächeln wird ein bisschen reumütig. Zumindest wirkt es so, aber da kann ich mich auch täuschen. Bei diesem Mann weiß man nie.

»Nein, vor Lorenzo Santarelli«, sagt er. »Sie können das nicht wissen, aber er ist in der römischen Kunstszene sehr umstritten. Manche schätzen ihn, aber es gibt mindestens genauso viele, die nichts von ihm halten.«

Es ist nicht schwer zu erraten, zu welcher Gruppe er gehört. Trotzdem bin ich erstaunt, nicht nur über die Information an sich, sondern auch über die Tatsache, dass er sich bemüßigt fühlt, mich zu warnen. Und neugierig bin ich auch. »Was hat er denn gemacht?«

Matteo Bertanis Gesichtsausdruck wird verächtlich.

»Nichts. Jedenfalls nichts, was man ihm offiziell vorwerfen könnte. Er ist einfach ein Blender. Ein vermögender Mann, der sich langweilt und sich deshalb eine Galerie gekauft hat, in der er Mutter Teresa der Kunst spielt.«

»Ein ganz schön vernichtendes Urteil«, sage ich, jetzt nicht mehr erstaunt darüber, warum die beiden Männer so ein unterkühltes Verhältnis zueinander haben. »Ich nehme an, Signore Santarelli weiß, dass Sie so über ihn denken?«

Matteo Bertani zuckt mit den Schultern. »Ich gehöre nicht zu den Menschen, die mit ihrer Meinung aus bloßer Höflichkeit hinter dem Berg halten. Und in diesem Fall ist eine Warnung angebracht. Sie haben schließlich einen Ruf zu verlieren, Miss Conroy.«

Die letzte Bemerkung lässt meinen Zorn wieder aufwallen. »Ich wusste gar nicht, dass Sie sich um meinen Ruf sorgen. War es nicht eher so, dass ich bei Ihnen sowieso schon unten durch bin, weil ich den falschen Beruf habe und Kunst verschachere?«

»Jeder hat eine zweite Chance verdient«, erklärt er mir und lächelt wieder dieses unwiderstehlich strahlend-charmante Lächeln. Wenn er das an der Uni auch so durchzieht, dann kann ich gut verstehen, warum die Studentenzahlen im Fach Kunstgeschichte in die Höhe schnellen.

Aber ich werde diesem Charme ganz sicher nicht erliegen – weil diese Bemerkung ziemlich dreist von ihm ist. Schließlich habe ich nichts getan, für das ich eine zweite Chance bräuchte. Er bräuchte eine von mir – aber die gebe ich ihm sicherheitshalber lieber nicht, verziehe die Lippen stattdessen zu einem hoffentlich herablassenden Lächeln.

»Wie nett von Ihnen. Aber wo wir gerade von zweiten Chancen reden – ist das, was Sie Signore Santarelli vorwerfen, denn wirklich so schlimm? Wenn ich das richtig sehe, dann machen Sie es doch ganz ähnlich wie er und investieren Ihr Vermögen in die Kunst. Oder nicht?«

Diese Sichtweise gefällt ihm ganz und gar nicht, denn sein Gesicht verfinstert sich sofort und die gerade noch so strahlenden Augen funkeln verärgert. Gut. Viel besser als dieses Killer-Lächeln, dem wahrscheinlich keine Frau auf der Welt auf Dauer standhalten kann.

»Das kann man schwerlich vergleichen«, erklärt er mir. »Ich hätte auch Kunstgeschichte studiert, wenn meine Familie keinen Cent besäße. Und ich kann ein Meisterwerk erkennen, wenn ich eines sehe – er nicht. Deshalb stellen bei ihm auch nur blutige Anfänger aus, die noch auf den Durchbruch warten. Die meisten übrigens – zu Recht – vergebens.«

Das mag alles stimmen. Trotzdem habe ich das Bedürfnis, Lorenzo Santarelli zu verteidigen. Oder vielleicht ist es auch so etwas wie ein Automatismus, gegen den ich nichts tun kann – ich muss Matteo Bertani einfach widersprechen. Das ist reiner Selbstschutz, weil er diese heftige körperliche Wirkung auf mich hat. Da kann ich es mir definitiv nicht auch noch leisten, mein Denken seinem anzupassen.

»Was spricht dagegen, jungen Künstlern eine Chance zu geben? Und außerdem können manche mit alten Meistern eben nichts anfangen und lieben eher die moderne Kunst. Daran ist doch nichts auszusetzen.«

Der Ausdruck in Matteo Bertanis Augen wechselt wieder, von verärgert zu belustigt. Einfach so, was mich ein bisschen verzweifeln lässt. Dieser Mann ist eine verdammte Achterbahn.

»Dass Sie so streitbar sind, sieht man Ihnen auf den ersten Blick gar nicht an«, sagt er, und ich kann mich nicht entscheiden, ob das ein Kompliment war oder noch eine versteckte Beleidigung.

Im Übrigen stimmt es auch nicht, normalerweise bin ich die Friedfertigkeit in Person, und es dauert lange, bis man mich aus der Reserve lockt. Die Tatsache, dass dieser Mann dafür immer nur einen kurzen Moment braucht, verwirrt mich deswegen ziemlich.

»Ich streite mich nicht mit Ihnen«, sage ich möglichst würdevoll und recke das Kinn. »Ich sehe das nur ein bisschen … anders.«

An seinem Lächeln ändert meine Bemerkung nichts, und ich hasse ihn dafür, dass er mich schon wieder so aus dem Konzept bringt.

»Weshalb wollten Sie mich denn nun sprechen?«, hake ich nach, um die Begegnung mit ihm abzukürzen.

Er beugt sich vor und stützt sich mit den Unterarmen auf dem Tisch ab, wodurch wir auf einmal auf Augenhöhe sind. »Können Sie sich das nicht denken?«

Nein, denke ich, während ich in seine Bernstein-Augen blicke. Keine Ahnung. Ich bin sonst ziemlich gut darin, Leute richtig einzuschätzen – aber bei Matteo Bertani funktioniert das leider gar nicht.

»Verraten Sie es mir.«

»Nun, ich möchte unseren kleinen ›Fehlstart‹ wieder gutmachen«, sagt er. »Wie es aussieht, werden wir in der nächsten Zeit viel miteinander zu tun haben, deshalb denke ich, dass wir uns näher kennenlernen sollten. Bei einem Essen, zum Beispiel?«

Sein Lächeln ist extrem einnehmend, aber noch halte ich stand.

»Wir werden in nächster Zeit viel miteinander zu tun haben?«, erwidere ich. »Noch hat unser Auktionshaus den Auftrag von Signore di Chessa doch gar nicht bekommen.«

Dieses Argument lässt er nicht gelten. »Ich denke, wir wissen beide, dass Sie ihn kriegen werden.«

Ich runzle die Stirn, nicht sicher, was ich darauf sagen soll. Nach allem, was ich über seine enge Verbindung zu Giacomo di Chessa erfahren habe, wäre es vielleicht wirklich eine gute Idee, mein Verhältnis zu ihm ein bisschen zu verbessern. Andererseits weiß ich nicht, ob mir das, was er da vorbringt, als Entschuldigung reicht. Genauso wenig wie ich weiß, ob ich es mir leisten kann, diesen Mann näher kennenzulernen. Es ist jetzt schon schwierig genug, mich durch das Chaos an Gefühlen zu arbeiten, das er in mir auslöst.

Um noch ein bisschen Zeit zu gewinnen, nehme ich mir ein gefülltes Involtini vom Teller und schiebe es mir in den Mund. Ein großer Fehler, wie ich sofort feststelle. Das Fleisch ist zwar dünn und gerollt, aber insgesamt viel sperriger, als ich dachte, sodass ich viel kauen muss, was vermutlich wenig damenhaft aussieht. Peinlich berührt halte ich mir die Hand vor den Mund und wende mich aus lauter Verzweiflung ab, um das nächstliegende Kunstwerk an der Wand zu betrachten – ein Gemälde, das die Heilige Familie zeigt.

Sofort springt der professionelle Teil meines Gehirns an und analysiert es. Italien, wahrscheinlich 16. Jahrhundert. Vom Motiv und der Art der Darstellung her könnte es von Raffael sein, dem berühmten Renaissance-Maler. Das wäre ja …

»Schönes Bild, nicht wahr?« Matteo Bertani hat mein Interesse offensichtlich bemerkt.

Ich schlucke hastig den Bissen herunter, was gar nicht so leicht ist.

»Gehört das auch Ihnen?«, frage ich mit einem ironischen Unterton in der Stimme, als ich wieder sprechen kann.

Er lacht. »Nein. Und den Severn habe ich wirklich aus sentimentalen Gründen gekauft, nicht, um ihn Ihnen wegzuschnappen«, sagt er, und verwirrt mich noch weiter, weil ich langsam überhaupt nicht mehr weiß, was ich glauben soll.

»Aus sentimentalen Gründen?«

»Ich bin ein großer Verehrer von John Keats«, gesteht er, und wenn ich den Mund noch voll gehabt hätte, dann hätte ich mich jetzt wohl verschluckt.

»Wirklich? Ich auch!« Ich sage das, bevor ich darüber nachgedacht habe, und bereue es sofort, denn sein Grinsen wird breiter.

»Dann sind wir, wie es aussieht, wohl tatsächlich mal einer Meinung.«

Ich habe ehrlich keine Ahnung, wieso er plötzlich auf diesen Flirt-Modus geschaltet hat, aber das greift ernsthaft alle meine Schutzmechanismen an. Deshalb versuche ich zu ignorieren, dass mir unter seinem Blick ganz heiß wird, und deute auf das Bild.

»Ist das von Raffael?«

Er schüttelt den Kopf. »Nein. Es stammt zwar aus seiner Schule, ist aber nicht von ihm.« Er hebt eine Augenbraue. »Sehen Sie das denn nicht?«

Noch einmal werfe ich einen prüfenden Blick auf das Bild, dann wird mir klar, dass er mich nur aufziehen will.

»So etwas kann man nicht auf den ersten Blick feststellen«, erkläre ich kühl.

In seinen Augen liegt ein merkwürdiger Ausdruck, eine Mischung aus Genugtuung und – Bewunderung? »Mein Reden. Oft sind die Dinge auf den zweiten Blick anders, als sie zuerst scheinen.«

Misstrauisch blicke ich ihn an. Warum sucht er auf einmal meine Nähe und redet die ganze Zeit von zweiten Chancen, wo ich doch vorher so ein rotes Tuch für ihn war?

Das hat sicher etwas mit der Auktion zu tun, die er so gerne verhindern möchte, überlege ich. Deshalb will er auch plötzlich mit mir essen gehen. Wahrscheinlich glaubt er, dass er mich besser im Griff hat, wenn er mit mir flirtet. Denn dass er sich einfach so plötzlich für mich interessiert, kann ich mir nicht vorstellen. Dafür bin ich definitiv zu … normal. Ich meine, jemand wie Matteo Bertani muss doch nicht mit jemandem wie mir flirten – er kann so ziemlich jede haben, schätze ich, und es gibt in diesen Räumen weitaus attraktivere Frauen als mich. Wenn er es also tut, dann muss er Hintergedanken haben.

Aber ich will nicht herausfinden, welche das sind, und ich habe auch endgültig genug von seinem sprunghaften Verhalten, das ich so wenig deuten kann.

»Das mag sein«, erwidere ich und lege so viel Verachtung in meinen Blick, wie ich kann. »Aber wissen Sie was, Signore Bertani: Ich denke, ich kann selbst feststellen, wie etwas ist – und wie nicht. Und ich werde nicht mit Ihnen essen gehen.«

Aus der Ruhe bringt ihn meine Ablehnung nicht. Im Gegenteil – sein Lächeln wirkt immer noch so selbstsicher, dass ich schreien könnte.

»Doch, das werden Sie«, versichert er mir, und das finde ich so unfassbar arrogant, dass ich beschließe, es zu ignorieren.

»Entschuldigen Sie mich, ich muss zurück zu Andrew.«

Ich nehme meinen Teller – zum Glück denke ich daran, sonst hätte ich noch mal zurückgehen müssen, und das hätte meinen dramatischen Abgang gründlich ruiniert –, nicke ihm kurz zu und lasse ihn stehen. Die Hoffnung, dass es halbwegs würdevoll aussieht, habe ich zwar, aber letztlich bleibt es, was es ist: eine Flucht.

Meine Wangen glühen und für einen atemlosen Moment glaube ich, dass er mir folgt. Doch als ich mich an der Schwelle zum ersten Salon noch mal umdrehe – ich kann einfach nicht anders und bin stolz auf mich, dass ich es überhaupt so weit geschafft habe –, ist er schon wieder im Gespräch – mit zwei jüngeren Frauen, die bewundernd zu ihm aufblicken. Die eine von ihnen legt gerade den Kopf in den Nacken und lacht sichtlich begeistert über eine seiner Bemerkungen, während die andere ihn verliebt anstrahlt, was kein Wunder ist, denn er schenkt beiden wieder dieses charmante Lächeln, dem man sich so extrem schlecht entziehen kann.

Sofort bringe ich die kleine Stimme in mir zum Schweigen, die enttäuscht darüber ist, dass er offenbar schon Ersatz für mich gefunden hat. Dabei sollte ich froh darüber sein, die drei Begegnungen mit ihm heute Abend waren schließlich alle mittlere Katastrophen.

Dieser Mann überfordert mich einfach, in jeder Hinsicht. Und außerdem ist er ziemlich sicher vergeben, erinnere ich mich plötzlich. Die Frau in dem smaragdgrünen Kleid habe ich seit unserer Begegnung auf der Treppe nicht mehr gesehen, aber sie wird sich nicht in Luft aufgelöst haben. Und selbst wenn Matteo Bertani frei wäre – falls wir den Auftrag bekommen, bin ich höchstens ein paar Tage in Rom. Kein Grund also, sich zu viele Gedanken zu machen über einen Mann, den ich danach nicht wiedersehe …

»Sophie!« Ich fahre herum, als mich jemand anspricht.

Es ist Andrew. »Das sieht ja lecker aus. Ich bin noch gar nicht zum Essen gekommen. Darf ich?«

Ich halte ihm den Teller hin, und er stibitzt sich eine Zucchini-Blüte, isst sie genüsslich. Die hätte ich vorhin auch besser genommen, denke ich zerknirscht und probiere ebenfalls davon, weil ich merke, wie der Hunger zurückkehrt, den ich vor Schreck ganz verdrängt hatte.

»Ihr habt den Auftrag übrigens!«, verkündet Andrew mir strahlend, sobald er mit Kauen fertig ist.

»Wirklich?« Ich kann es gar nicht fassen. »Signore di Chessa hat das so schnell entschieden?«

Andrew nimmt sich ein Hackbällchen. »Ich habe dir doch gesagt, wie gut ihr zusammenpasst. Du sollst morgen früh noch mal wiederkommen, um die Details mit ihm zu besprechen, und dann kann es direkt losgehen.«

»Oh, wie wunderbar!« Ich freue mich wirklich, doch dann fällt mir wieder etwas ein. »Sag mal – was genau hast du vorhin eigentlich gemeint? Wieso könnte dieser Auftrag schwierig sein?«

Andrew seufzt tief. »Schwierig vielleicht nicht. Du wirst nur viel Geduld brauchen.«

Irritiert sehe ich ihn an. »Inwiefern?«

Er zuckt mit den Schultern. »Giacomo will diese Auktion, aber er hat noch nicht entschieden, von welchen Kunstwerken er sich tatsächlich trennen kann. Da wird sicher noch Überzeugungsarbeit nötig sein. Und dann ist da noch …« Er zögert, spricht nicht weiter.

»Das Problem mit Matteo Bertani?«, beende ich den Satz für ihn und merke an seinem Gesichtsausdruck, dass ich den Kern getroffen habe.

»Genau.« Andrew seufzt. »Er versucht Giacomo davon zu überzeugen, die ganze Sache abzublasen. Ich denke nicht, dass er Erfolg damit haben wird, aber es fördert auch nicht unbedingt Giacomos Entschlossenheit. Was in der Summe wohl bedeutet …« Wieder bricht er den Satz ab.

»Was?«, frage ich ungeduldig. »Was bedeutet es?«

»Dass du nicht sofort wieder nach London zurückkannst«, erwidert er. »Du wirst dich auf einen längeren Aufenthalt in Rom einstellen müssen, Sophie – ich fürchte, das bedeutet es.«

5

»Mach dir keine Sorgen, Sophie. Du kannst ruhig noch bleiben.« Die Stimme meines Vaters hat keinen versteckten Unterton, sondern klingt ehrlich überzeugt. Aber ich kenne die Situation zu Hause gut genug, um zu wissen, dass ich mir doch Sorgen machen muss.

»Ich kann den Auftrag immer noch ablehnen – noch ist es dafür nicht zu spät«, versichere ich ihm erneut. »So lange kann ich unmöglich weg sein. Das geht nicht.«

»Aber du arbeitest doch schon seit Monaten darauf hin, dass wir in Italien Fuß fassen! Es ist ein wichtiger Schritt für uns, da waren wir uns einig. Und lukrativ ist es auch, wenn die Sammlung so erstklassig ist, wie du sagst. Das musst du machen. Und … vielleicht kannst du es ja ein bisschen beschleunigen?« In seiner Frage schwingt jetzt Hoffnung mit.

Ich trete mit dem Handy am Ohr auf den kleinen Balkon hinaus, der an mein Zimmer angrenzt. Der Himmel über Rom ist strahlend blau und wolkenlos, wie er es schon in den vergangenen Tagen war, und ich schließe die Augen und strecke mein Gesicht der Sonne entgegen, genieße die Wärme auf der Haut. Aber das macht mein schlechtes Gewissen meinem Vater gegenüber, der jetzt in London allein mit allem fertig werden muss, nur schlimmer, deshalb öffne ich sie wieder und sehe nach unten auf die Straße.

»Nein, beschleunigen kann ich es nicht, Dad. Das hatte ich zuerst gehofft, aber Andrew hatte recht. Es wird dauern, bis ich alles gesichtet habe – viel länger, als wir dachten.« Mit einem Seufzen lasse ich mich auf den filigranen, weiß lackierten Eisenstuhl sinken, der auf dem Balkon steht, und denke an meinen Auftraggeber.

Giacomo – ich darf ihn jetzt beim Vornamen nennen – hat darauf bestanden, bei der Katalogisierung seiner Sammlung dabei zu sein, um zu entscheiden, von was er sich wirklich trennen kann und von was nicht. Da er jedoch aufgrund seines allgemein geschwächten Gesundheitszustands – er leidet unter Anämie – im Moment viel ruhen muss, kann ich immer nur ein paar Stunden, meist an den Vormittagen, damit verbringen, die Sachen mit ihm zu sichten. Und in dieser kurzen Zeit kommen wir nie besonders weit, weil er mir zu jedem einzelnen Stück erzählt, wie und wo er es gefunden hat und was er für Erinnerungen damit verbindet.

Das ist grundsätzlich wichtig – je genauer und lückenloser man die Geschichte eines Kunstwerkes nachvollziehen kann, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es sich um eine Fälschung handelt. Aber es hält natürlich auf, deshalb müsste ich Giacomo bitten, das alles ein bisschen abzukürzen. Das bringe ich jedoch nicht übers Herz, weil ich spüre, dass er mir davon berichten muss. Es ist seine Form des Abschieds.

Und außerdem höre ich diese Geschichten sehr gern. Sie handeln fast alle von seiner Frau, die mit ihm die Sammlung aufgebaut hat. Die liebevolle Art, wie er von ihr erzählt, rührt mich sehr. Die beiden müssen eine wirklich glückliche Ehe geführt haben, und deshalb verstehe ich Giacomos Zerrissenheit. Er möchte zu seiner Tochter ziehen und er weiß, dass er dafür einen Teil seines bisherigen Lebens zurücklassen muss. Aber es macht ihn traurig, deshalb ist sein Reflex bei fast jedem Werk, das wir betrachten, im ersten Moment, dass er es behalten will.

»Das kann ich nicht verkaufen«, sagt er dann zu mir und sieht mich auf diese verzweifelte Weise an, die mir manchmal das Herz zerreißt. Anschließend, wenn er mit seinem Bericht darüber, wie das Bild zu ihm kam, fertig ist, geht es fast immer wieder, und er lässt es mich katalogisieren und für den Transport nach England vorbereiten. Aber wenn es in diesem Tempo weitergeht, ist ein Ende nicht abzusehen. Dann wird es noch eine Weile dauern, ehe alle Wände und Vitrinen in der Villa leer sind, zumal er – wie er mir heute erst erzählt hat – außerdem eine rund zweihundert Blatt umfassende Sammlung mit Zeichnungen besitzt.

Und genau deswegen habe ich plötzlich Bedenken. Eigentlich sollte ich nur ein paar Tage in Rom bleiben, doch die sind jetzt um, und es ist noch überhaupt nicht klar, wann ich wieder in London sein werde. Es kann, wenn das alles so weitergeht, tatsächlich noch Wochen in Anspruch nehmen, und das ist ein Problem. Andererseits haben wir auch eins, wenn ich den Auftrag jetzt aufgebe. Und dieser Meinung scheint mein Vater immer noch zu sein.

»Dann nicht, Sophie. Dann bleibst du eben noch. Das ist in Ordnung.«

»Aber wie soll denn das gehen?« Sonst ist es schon schwierig, wenn ich eine Woche nicht da bin – aber das haben wir bis jetzt immer irgendwie hingekriegt. So eine langfristige Abwesenheit ist in unserer Planung jedoch nicht vorgesehen.

Dad scheint hingegen fest entschlossen.

»Es wird gehen«, versichert er mir noch mal. »Nigel hat mir eine Aushilfe besorgt, einen Studenten, Simon Boswell. Er hat heute angefangen und macht sich sehr gut. Er wird mir zusammen mit Albert und Mrs Davis bei der Contemporary-Auktion am Wochenende helfen.« Er seufzt. »Er kann dich natürlich nicht ersetzen, aber ein paar Hände mehr helfen schon. Wenn Simon sich bewährt, frage ich ihn, ob er noch ein bisschen bleiben kann, und falls das immer noch nicht reicht, dann findet Nigel sicher jemanden, der zusätzlich einspringen kann.«

Nigel, denke ich erschrocken, weil mir plötzlich siedend heiß einfällt, dass ich ihn noch anrufen muss. Ich hatte versprochen mich zu melden, und er wartet sicher schon drauf. Dann kann ich mich auch gleich bedanken dafür, dass er sich erneut so für mich und meinen Vater einsetzt.

»Und was ist mit Mum?«, frage ich vorsichtig. Denn das ist das eigentliche Problem, nicht die Arbeit.

»Unverändert.« Dad seufzt tief, und ich spüre hilflosen Zorn in mir aufsteigen – auf diese Situation, auf die ich keinen Einfluss habe und der ich dennoch mein ganzes Leben unterordnen muss. Aber ich unterdrücke dieses unnütze Gefühl genauso schnell, wie es gekommen ist. Mum ist krank, sie kann nichts dafür, dass es so schwierig ist mit ihr, und ich liebe sie, könnte sie trotz allem niemals im Stich lassen. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie unsere Kräfte so bindet, aber es ist einfach manchmal schwer zu ertragen.

»Nimmt sie wenigstens ihre Medikamente?«

»Nein, die verweigert sie immer noch.« Er klingt niedergeschlagen. »Du weißt doch, wie es im Moment ist.«

Ja, das weiß ich. Nur, dass es nicht nur im Moment so ist, sondern eigentlich schon mein ganzes Leben lang.

Meine Mutter ist krank. Bipolare Störung nennt man das in der Fachsprache. Darunter leidet sie schon, seit ich denken kann. Bis das diagnostiziert wurde, hielten viele sie einfach für schwierig oder launisch, und manchmal, wenn sie, wie im Moment, Phasen hat, in denen sie sich nichts sagen lassen will und sämtliche Therapien verweigert, empfinde ich sie auch heute noch so. Dabei weiß ich, dass das alles zu ihrem Krankheitsbild gehört, dass sich bei ihr manische Phasen, in denen sie voller Tatendrang – und leider auch unbelehrbar – ist, mit tiefen Depressionen abwechseln.

Es gab Jahre, in denen es besser war, aber in letzter Zeit hat sich ihr Zustand wieder verschlimmert. Die depressiven Phasen haben sich ausgeweitet, aber dann kann man fast besser mit ihr umgehen, weil das leichter behandelbar ist. In den Zeiten, in denen sie manisch ist, so wie im Moment, geht eigentlich gar nichts, da müssen wir stets auf der Hut sein und aufpassen, dass sie keine Dummheiten macht, irgendetwas Verrücktes oder total Unüberlegtes tut. Man kann sie wirklich kaum aus den Augen lassen, und wir kümmern uns mit unserer Haushälterin Jane abwechselnd um sie, genau wie in ihren depressiven Phasen, wo man sie auch nicht allein lassen darf.

»Aber die gute Nachricht ist: Sie hat zugestimmt, es mal mit diesem Dr. Jenkins zu versuchen, den Nigel uns empfohlen hat, erinnerst du dich?«, fährt Dad fort und ich höre an seinem Tonfall, dass er sich damit selbst aufmuntern will. »Vielleicht kann der ihr ja helfen.«

»Ja, vielleicht.« Ich bezweifle das – Mum hat es in der letzten Zeit bei keinem Therapeuten länger als zwei Sitzungen ausgehalten, und Dad weiß das auch.

Er räuspert sich. »Auf jeden Fall bekommen wir das hier irgendwie hin, Schatz. Du kannst bleiben, solange es nötig ist. Im Grunde passt es sogar ganz gut, du musst mir nämlich noch einen Gefallen tun.«

Ich lächelte unwillkürlich, als mir klar wird, dass das wohl auch ein Grund für seine Entschlossenheit ist, mir den Aufenthalt in Rom zu ermöglichen.

»Welchen denn?«, frage ich neugierig. Es muss etwas Wichtiges sein, wenn er freiwillig so viel dafür auf sich nimmt.

»Erinnerst du dich an Mr Ratcliff?«

Ich muss einen Moment nachdenken, aber dann sehe ich den kleinen, gedrungenen Mann mit der Halbglatze wieder vor mir, den ich auf einer Vernissage im East End kennengelernt habe, zu der Nigel mich mitgenommen hat. »Natürlich. Der Anwalt der Lindenburghs. Er hatte einen Termin bei dir, oder?«

»Genau. Gestern. Und das war ein sehr erfreulicher Besuch, muss ich sagen. Ratcliff hat mir nämlich einige Stücke aus der Sammlung der Lindenburghs angeboten, unter anderem einen Enzo di Montagna.«

»Wow. Großartig.« Das sind wirklich tolle Neuigkeiten. Die Familie Lindenburgh, exzentrische Amerikaner von der Ostküste mit einem großen Vermögen und einer noch größeren Leidenschaft für alte Meister, soll nämlich über die Jahre eine beträchtliche Anzahl Gemälde zusammengetragen haben. Und Werke von Enzo di Montagna, einem Renaissance-Maler und Zeitgenossen von Raffael und Leonardo da Vinci, haben auf Auktionen in der Vergangenheit ausgesprochen gute Preise erzielt. Man könnte die ganze Versteigerung an diesem Bild aufhängen, denn dafür würde sich sicher auch die Presse interessieren.

Mein Vater seufzt. »Ja, das ist wirklich großartig. Leider fehlt ausgerechnet zu dem Enzo-Bild eine Expertise, die die Echtheit belegt. Die forensischen Untersuchungen sind natürlich längst gemacht, es stammt zweifellos aus dem 16. Jahrhundert, aber es gibt keinen endgültigen Beleg, dass es wirklich von Enzo gemalt wurde und keine zeitgenössische Kopie ist. Die Lindenburghs sind zwar vertrauenswürdige Geschäftspartner, aber du weißt ja, wie es ist. Nach den Kunstskandalen in der letzten Zeit würde ich gerne auf Nummer sicher gehen, bevor wir das Bild anbieten.«

»Und was kann ich da tun?«

»Kannst du dir das denn nicht denken, Sophie?« Ich höre meinen Vater am anderen Ende der Leitung schmunzeln, weil er meine Leitung offenbar zu lang findet. »Nein, das kannst du wahrscheinlich nicht – wie auch?«, lenkt er dann ein. »Es ist immer so viel zu tun, da kannst du ja gar nicht jede Entwicklung im Auge behalten.«

»Wovon sprichst du, Dad?«, frage ich irritiert.

»Na, davon, dass der Mann, der inzwischen als der absolute Enzo-Experte, in Rom lebt. Du bist ihm sogar schon begegnet. Jedenfalls hast du erwähnt, dass du ihn auf dem Empfang bei Signore di Chessa getroffen hast.«

Ich spüre ein Kribbeln im Magen und umfasse das Smartphone ein bisschen fester. Abgesehen von Andrew und Giacomo habe ich Dad nämlich nur von einem anderen Gast erzählt. »Matteo Bertani?«

»Genau. Wenn er uns eine Expertise zu dem Bild anfertigt, dann sind wir aus dem Schneider, Sophie. Sein Wort gilt, was diesen Maler angeht. Dann wären wir über jeden Zweifel erhaben. Geh hin und frag ihn, ob er nach London kommt und das Gemälde untersucht, ja? Gegen eine angemessene Entschädigung, versteht sich.«

»Nach London?«, frage ich überrascht. Normalerweise wird in solchen Fällen das Bild zum Experten geschickt und nicht umgekehrt – es sei denn, das ist aus Transportgründen unmöglich.

»Das ist noch so eine Sache«, erklärt mir Dad. »Leider erstreckt sich die Exzentrik der Lindenburghs auch auf die Art ihrer Versicherungspolicen. Das Gemälde ist auf dem Weg nach England, darf das Land aber bis zum Verkauf nicht mehr verlassen. Bertani muss also herkommen und es sich ansehen. Du kannst ihn zumindest fragen, Sophie. Du kennst ihn doch.«

Entnervt stoße ich die Luft wieder aus, die ich angehalten hatte. »Ich kenne ihn nicht, Dad. Ich habe ihn nur ein einziges Mal zufällig getroffen. Und ich habe dir doch erzählt …«

»Dass er unmöglich war, ja. Aber es ist schließlich nichts Persönliches, Schatz, sondern eine rein geschäftliche Anfrage. Das Bild war sehr lange in Privatbesitz und ist deshalb kaum dokumentiert. Es könnte also gut sein, dass er Interesse daran hat, es sich genauer anzusehen.«

»Das geht nicht«, versuche ich noch mal zu protestieren. »Nicht ausgerechnet Matteo Bertani.«

Mein Stolz weigert sich, das auch nur in Erwägung zu ziehen. Für mich ist der attraktive Kunstprofessor seit dem Empfang nämlich so etwas wie mein Gegenspieler. Ich bin ihm danach nicht mehr persönlich begegnet, aber ich weiß, dass er Giacomo oft besucht. Keine Ahnung, was die beiden Männer dann besprechen, aber ich wette, es geht sehr häufig um Giacomos Umzugspläne. Was die ganze Sache nicht beschleunigt. Und außerdem habe ich ihn beim letzten Mal abblitzen lassen – und jetzt soll ich wieder hingehen und ausgerechnet ihn um einen Gefallen bitten?

»Gibt es denn niemand anderen, den wir fragen können? Er kann doch nicht der einzige Experte sein.«

»Er ist nicht der einzige, nein – aber er ist der Beste. Und du bist gerade in Rom und kannst ihn fragen.« Als ich nichts sage, wird seine Stimme drängender. »Komm schon, Sophie. Ich biete nicht gerne ein Bild an, dessen Herkunft nicht hundertprozentig geklärt ist.«

Ich zögere. Lange. Doch mein Vater weiß sehr gut, dass der Ruf unseres Hauses ein schlagendes Argument ist, dem ich mich nicht entziehen kann. Dann muss ich eben in den sauren Apfel beißen.

»Also gut, ich frage ihn.«

»Großartig.« Dad ist hörbar zufrieden, offenbar entschädigt ihn diese Zustimmung für die zusätzliche Arbeit, die ich ihm durch meine Abwesenheit mache. »Du meldest dich, wenn du mehr weißt, ja? Ich muss jetzt los, Jane zu Hause ablösen.«

Als wir uns verabschiedet und aufgelegt haben, stehe ich auf und stütze mich auf die Balkonbrüstung, blicke wieder hinunter auf die Via delle Quattro Fontane, an der das Hotel »Fortuna« liegt. Von hier ist es nicht weit bis zur Via Nazionale, einer der Hauptstraßen im Zentrum. Der Verkehr fließt jetzt, am Nachmittag, zäh durch die enge, zugeparkte Straße, und das Hupen und Brummen der Motoren hallt von den hohen Häuserfassaden wider bis zu mir in den vierten Stock hinauf.

Laut ist es allerdings zu fast jeder Tageszeit – lauter als in London. Zumindest kommt es mir so vor. Ruhiger wird es nicht mal nachts, auch dann pulsiert das Leben in Rom, aber das stört mich nicht. Im Gegenteil. Genau das ist es, was ich an dieser Stadt so liebe. Es ist, als wäre man in einem ganz anderen, viel lebendigeren Kosmos.

Einem Kosmos, in dem ich noch länger bleiben darf – eine unerwartete Freude. Wenn da nicht die Tatsache wäre, dass ich Matteo Bertani nun doch noch einmal begegnen muss. Ich atme tief durch.

Dass ausgerechnet er der absolute Fachmann für Enzo di Montagna ist und uns gerade jetzt ein Bild von diesem Maler angeboten wird, dem die Expertise fehlt, ist ein ziemlicher Tiefschlag. Hätte es nicht der nette Lorenzo Santarelli sein können? Oder irgendjemand sonst?

Wenn ich mich wenigstens nicht so mit ihm angelegt hätte, dann wäre es vielleicht leichter. Aber so wird das ein echter Gang nach Canossa, und ich stöhne bei dem Gedanken, wie er wohl reagieren wird.

Das Läuten des hauseigenen Telefons auf dem Nachtisch neben dem Bett lässt mich zurück in das hübsch eingerichtete Zimmer treten. Die weiß lackierten Möbel und die helle Tapete mit dem zarten Blütenmuster geben dem Raum etwas Frisches, sehr Individuelles, und lassen vergessen, dass er nicht besonders groß ist. Aber er bietet mit dem angrenzenden winzig kleinen, aber genauso entzückend ausgestatteten Bad alles, was ich für meinen Aufenthalt brauche.

»Ja?«, frage ich und setze mich auf das weiche, breite Bett. Wie ich schon geahnt habe, ist es meine Wirtin.

»Signore Abbott jetzt ist da für Sie, Signorina Conroy«, informiert mich Daniela Bini in ihrem gebrochenen Englisch. Ich habe ihr schon mehrfach gesagt, dass sie ruhig Italienisch sprechen kann, aber offenbar hält sie das für unhöflich und bleibt bei meiner Muttersprache. »Er in der Hof und wartet.«

Andrew ist pünktlich. Wir waren um vier Uhr verabredet, und jetzt ist es genau vier. Aber so ist er – jemand, auf den man sich verlassen kann.

»Vielen Dank, ich bin gleich unten.«

Ich werfe in dem kleinen Bad noch einen prüfenden Blick in den Spiegel, zupfe den Rock des bunt gemusterten Sommerkleides zurecht und lege noch etwas Lipgloss auf. Dann mache ich mich auf den Weg nach unten.

An der Rezeption erwartet mich Signora Bini bereits mit einem strahlenden Lächeln. Ich schätze sie auf Ende Vierzig. Sie ist groß und schlank, hat kurze schwarze Haare und ist immer sehr schick gekleidet, entspricht also eigentlich gar nicht dem Klischee der italienischen »Mama«. Dennoch ist sie eine, denn sie kümmert sich immer um alles. Sie ist mit ihrer herzlichen Ausstrahlung die gute Seele des »Fortuna«, und ihre dunklen Augen blicken hinter ihrer schmalen Hornbrille stets fröhlich und hilfsbereit.

»Signorina Conroy, kommen Sie, prego.« Sie tritt hinter dem Rezeptionstresen hervor und geht voraus durch eine weitere Tür.

Dabei bräuchte ich ihre Führung gar nicht. Ich bin inzwischen schon eine Woche im »Fortuna«, und den Weg in den Innenhof mit dem hübschen weißen Springbrunnen in der Mitte finde ich nun wirklich auch allein. Den Hof muss ich nämlich jeden Morgen und jeden Abend durchqueren, weil der Speisesaal des Hotels am anderen Ende liegt.

Neben dem runden Marmorspringbrunnen – eine von zwei hohen weißen Säulen flankierte Kaskade mit drei Schalen, die nach unten breiter werden – sorgen auch mehrere Schatten spendende Bäume, darunter eine riesige Palme, für eine frische, kühle Atmosphäre im Hof. Vor dem Speisesaal stehen in einer üppig mit Jasmin bewachsenen Ecke Tische und Stühle unter Sonnenschirmen. Dort kann man auch außerhalb der Essenszeiten etwas trinken, und dort wartet Andrew – heute in einem hellen Anzug mit nussbraunem Schal – auf mich.

»Ciao, bella mia!«, ruft er grinsend und erhebt sich, um mich auf beide Wangen zu küssen. Dann deutet er auf den Stuhl neben sich und bestellt bei der freudig nickenden Daniela Bini zwei Tassen Tee. Nicht alle britischen Gepflogenheiten hat er sich also abgewöhnt, denke ich schmunzelnd.

Ich setze mich neben ihn. »Schön, dass du Zeit für mich hast.«

»Für dich immer, das weißt du doch!« Seine hellblauen Augen funkeln neugierig. »Wie läuft es denn mit Giacomo?«

Er lächelt entspannt, aber im Licht der Sonne erkenne ich die tief eingegrabenen Falten auf seinem Gesicht – eindeutig Spuren seines in der Vergangenheit recht wilden Lebenswandels. So verlässlich Andrew ist, wenn es um das Pflegen von Freundschaften geht, so unstet ist er mit Beziehungen, und wenn man seinen Erzählungen glauben darf, dann gab es ein, zwei sehr turbulente Jahrzehnte in seinem Leben. In dieser Zeit sind auch seine drei Ehen allesamt gescheitert. Er wäre nicht gemacht für eine Partnerschaft, sagt er immer, aber unzufrieden darüber wirkt er nicht, im Gegenteil. Er ist für mich eher jemand, der sich nach einer ruhelosen Phase endlich gefunden hat und sein Leben jetzt in vollen Zügen genießt.

»Hervorragend, aber langsam«, antworte ich ihm. »Wir arbeiten uns im Schneckentempo voran, genauso wie du es vorhergesagt hast.«

Andrew verzieht schuldbewusst den Mund, obwohl er ja gar nichts dafürkann. »Das tut mir wirklich leid. Aber es lohnt sich doch zu warten, oder nicht?«

»Oh ja«, versichere ich ihm. »Die Auktion wird Aufsehen erregen, so viel steht fest. Er hat einen Van Eyk, Andrew. Und einen William Turner – wobei er bei dem noch nicht weiß, ob er sich davon wirklich trennen ...

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