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Colours of Love: Drei Romane in einem Band

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Impressum
  4. Entfesselt
  5. Widmung
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  15. 10
  16. 11
  17. 12
  18. 13
  19. 14
  20. 15
  21. 16
  22. 17
  23. 18
  24. 19
  25. 20
  26. 21
  27. 22
  28. 23
  29. 24
  30. 25
  31. 26
  1. Entblößt
  2. Widmung
  3. 1
  4. 2
  5. 3
  6. 4
  7. 5
  8. 6
  9. 7
  10. 8
  11. 9
  12. 10
  13. 11
  14. 12
  15. 13
  16. 14
  17. 15
  18. 16
  19. 17
  20. 18
  21. 19
  22. 20
  23. 21
  24. 22
  25. 23
  26. 24
  27. 25
  28. 26
  1. Erlöst
  2. Widmung
  3. 1
  4. 2
  5. 3
  6. 4
  7. 5
  1. Leseprobe Daringham Hall – Das Erbe

Über die Autorin

Kathryn Taylor begann schon als Kind zu schreiben – ihre erste Geschichte veröffentlichte sie bereits mit elf. Von da an wusste sie, dass sie irgendwann als Schriftstellerin ihr Geld verdienen wollte. Nach einigen beruflichen Umwegen und einem privaten Happy End erfüllt sich mit der äußerst erfolgreichen COLOURS OF LOVE-Reihe nun ihr Traum.

1

Ich bin so furchtbar aufgeregt, dass mir die Hände zittern. Damit das niemand merkt, halte ich sie schon seit einer Weile verschlungen auf meinem Schoß oder spiele abwesend mit dem Verschluss des Sicherheitsgurtes, lasse ihn auf und zu schnappen. Wir sind gleich da. Jetzt dauert es nicht mehr lange. Endlich …

»Miss, Sie müssen den Gurt bitte geschlossen halten. Wir sind schon im Landeanflug.« Die aus dem Nichts aufgetauchte Stewardess, groß, blond, braungebrannt und wahnsinnig schlank, deutet auf das erleuchtete Zeichen auf der Konsole über unseren Köpfen. Hastig nicke ich und lasse das Metallteil wieder einrasten. Meine Entschuldigung nimmt sie nicht zur Kenntnis, sondern lächelt kurz meinen Sitznachbarn am Fenster an, der von seiner Zeitung aufgeblickt hat und sie – wie immer, wenn sie kommt – freundlich anstrahlt. Dann setzt sie ihre Inspektion fort und geht weiter.

Der Mann blickt ihr nach. Als er merkt, dass ich ihn dabei beobachte, runzelt er vorwurfsvoll die Stirn und sieht mich böse an, so als wäre es ein Vergehen, die Stewardess zu ärgern, bevor er sich wieder seiner Zeitung widmet. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass er mich seit dem Abflug in Chicago überhaupt richtig wahrgenommen hat.

Nicht, dass das schlimm wäre, ich will ihm nicht gefallen. Es ist nur irgendwie frustrierend, denn selbst wenn ich ihn attraktiv fände, dann hätte ich gegen die große Blondine mal wieder keine Chance, weil ich genau das Gegenteil bin – klein und blass. Blond bin ich zwar eigentlich auch, aber rotblond, mit Betonung auf rot. Es ist das einzig Auffällige an mir, aber da es jener Rotton ist, der gleichzeitig dafür sorgt, dass ich auch in der Sonne stets nur krebsrot anlaufe und niemals richtig braun werde, ist es eine Aufmerksamkeit, auf die ich verzichten könnte.

Meine Schwester Hope versucht immer, die positiven Seiten daran zu sehen, und findet, dass ich aussehe wie eine englische Rose. Aber vermutlich will sie mich nur trösten, weil sie selbst auch zu den goldblond-braungebrannten Schönheiten dieser Welt gehört, die auf Männer wie meinen Sitznachbarn eine wesentlich größere Wirkung haben.

Heimlich beobachte ich ihn aus den Augenwinkeln. Er sieht ganz gut aus, eigentlich. Dunkle Haare, gepflegt, gut sitzender Anzug. Das Jackett hat er schon beim Start ausgezogen, und wenn er die Arme hebt, dann riecht man den Schweiß unter seinem Aftershave. Aber lange muss ich das zum Glück nicht mehr aushalten, denn wir sind ja bald da.

Automatisch fangen meine Hände wieder an, mit der Gurtschnalle zu spielen. Den Mann am Fenster habe ich vergessen, stattdessen starre ich auf den blauen Stoff auf der Lehne vor mir, und wieder fängt mein Herz an, schneller zu schlagen, weil ich so aufgeregt bin.

Ich bin tatsächlich auf dem Weg nach England! So richtig fassen kann ich das immer noch nicht. Es ist mein erster Auslandsaufenthalt, na ja, mal abgesehen von einer Woche Urlaub in Kanada mit meiner Familie, als ich dreizehn war – aber die zählt nicht. Und diesmal sind es auch nicht nur ein paar Tage, sondern gleich drei Monate.

Ich seufze tief. Eigentlich bin ich sicher, dass es eine tolle Erfahrung werden wird, aber die Tatsache, wie weit weg ich jetzt von allem bin, was ich kenne, macht mir auch ein bisschen Angst. Das wird sich finden, Grace, beruhige ich mich. Bestimmt tut es das …

»Liebes, Sie haben doch gehört, was die Stewardess gesagt hat. Sie müssen angeschnallt bleiben.«

Die nette ältere Dame am Gang reißt mich aus meinen Gedanken, als sie mich anspricht. Freundlich tätschelt sie meine Hand, während ich hastig den Gurt wieder schließe. Sie sieht mich fragend an.

»So nervös sind Sie?«

Ich beiße mir auf die Unterlippe und nicke. Am liebsten würde ich ihr die ganze Geschichte über meine Reise und das, was mich an meinem Ziel erwartet, noch mal erzählen. Nur habe ich sie damit schon die letzten Stunden am Schlafen gehindert, deshalb schweige ich. Sie hat mir zwar versichert, dass sie in Flugzeugen ohnehin kein Auge zubekommt, aber vielleicht war das nur britische Höflichkeit und sie ist in Wirklichkeit furchtbar müde und hält mich für total überreizt.

Sie heißt Elizabeth Armstrong und kommt aus London. Gerade hat sie einen ihrer drei Söhne besucht, der in Chicago lebt, aber jetzt ist sie sehr froh, wieder nach Hause zu kommen. Ich weiß noch mehr über sie – alles eigentlich. Wie viele Enkel sie hat – drei und viel zu wenig, wie sie findet –, dass sie ungern fliegt – wer nicht? – und dass sie noch immer ihren Mann vermisst, der vor acht Jahren gestorben ist. Einfach so an einem Herzinfarkt. Er hieß Edward.

Flugzeuge sind eng und Transatlantikflüge lang, da bleibt es nicht aus, dass man sich gut kennenlernt – wenn man ein kommunikativer Typ ist und nicht so ein auf Blondinen fixierter Eigenbrötler wie der transpirierende Kerl am Fenster. Deshalb weiß Elizabeth Armstrong im Gegenzug auch alles über mich – dass ich Grace Lawson heiße, zweiundzwanzig bin, Wirtschaftswissenschaften an der Universität Chicago studiere und auf dem Weg nach London bin, weil ich das unglaubliche, grandiose, völlig unfassbare Glück hatte, den heiß begehrten Praktikumsplatz bei Huntington Ventures zu bekommen, auf den ich so gehofft hatte.

Ich weiß gar nicht, wie oft ich meiner geduldigen Sitznachbarin während des langen Fluges die Details der Firma heruntergebetet habe, die ich inzwischen alle auswendig kann. Dass es sie seit acht Jahren gibt und dass sie sich in der Zeit zu einem der erfolgreichsten Investmentunternehmen weltweit entwickelt hat. Und dass dieser Erfolg vor allem auf dem innovativen und sehr beeindruckenden Konzept des Firmengründers Jonathan Huntington beruht, Patente und frische Ideen aus Technik, Industrie und Handel mit den richtigen Geldgebern zusammenzubringen, sodass ertragreiche Produkte und Projekte daraus entstehen.

Auf den Mann, der hinter all dem steckt, bin ich, wenn ich ganz ehrlich sein soll, auch ziemlich gespannt: Jonathan Maxwell Henry Viscount Huntington, Mitglied des britischen Hochadels, extrem umtriebig, was die Erweiterung seiner Geschäfte angeht, und laut einschlägiger Boulevardblätter außerdem einer der begehrtesten Junggesellen Englands.

Ich habe Hope ein Bild von ihm gezeigt, das ich in einer Zeitschrift entdeckt habe, und sie fand, dass er zwar wirklich gut, aber auch total arrogant aussieht. Womit sie recht hat. Aber vielleicht ist das ja auch kein Wunder. Bei dem Erfolg, den er hat, wäre ich das vielleicht auch.

Ich erinnere mich noch gut an das Foto. Darauf war er mit zwei wunderschönen, glamourösen Frauen zu sehen, Models mit perfekten, nur spärlich bedeckten Körpern, die an seinem Arm hängen und ihn anhimmeln. Aber keine der beiden ist seine Freundin, wenn das stimmt, was in dem dazugehörigen Artikel stand, weil er nämlich keine hat. Und verheiratet ist er auch nicht, was mich ein bisschen wundert. Denn er sieht mit seinen dunklen Haaren und den auffällig blauen Augen wirklich unglaublich gut aus. Warum so ein attraktiver Mann wohl noch ungebunden ist?

Ich seufze wieder. Das ist nicht dein Problem, Grace, erinnere ich mich. Du wirst ihm vermutlich nicht mal begegnen. Schließlich leitet er das Unternehmen und wird kaum Zeit haben, jede Praktikantin persönlich zu begrüßen, selbst wenn sie weit gereist ist …

»Wird Sie denn eigentlich jemand am Flughafen abholen?« Elizabeth Armstrong klingt ehrlich besorgt.

Ich brauche einen Moment, um wieder in die Realität zurückzufinden.

»Nein. Ich werde mit der U-Bahn in die Stadt fahren – oder ein Taxi nehmen.« Letzteres wird, falls es nötig sein sollte, ein ziemlich großes Loch in mein Erspartes reißen. Es ist auch nur mein Plan B, falls das mit der U-Bahn total schiefgeht. Ich kann nur hoffen, dass ich mich schnell zurechtfinde, in der richtigen Linie lande und mein Ziel pünktlich erreiche. Sonst bleibt mir nur ein Taxi. Denn die Zeit ist knapp.

Der Flieger, in dem ich sitze, war die günstigste Verbindung von Chicago nach London, aber er soll planmäßig um acht Uhr, also in einer Viertelstunde, landen, und um zehn Uhr habe ich bereits einen Termin mit Annie French, einer Mitarbeiterin von Huntington Ventures, die mich am Empfang der Firma erwartet, um mir alles zu zeigen und mich in meine Tätigkeit einzuweisen. Und die Firma liegt in der City of London, genau im Zentrum der Stadt. Wenn man mit einrechnet, dass ich an der Gepäckausgabe noch auf meinen Koffer warten muss, dann wird das alles verdammt eng, und ich kann nur hoffen, dass die Londoner Rushhour in Wirklichkeit nicht ganz so chaotisch ist, wie man immer hört.

***

Am Ende haben wir fast zwanzig Minuten Verspätung, als wir in Heathrow landen, und es dauert noch mal eine halbe Ewigkeit, bis die Maschine endlich ihre Parkposition erreicht hat. Unruhig trommele ich mit den Fingern auf die Lehne, zähle die Minuten, die mir durch die Finger rinnen. Auch der Weg zur Gepäckausgabe ist weit, und natürlich sind unsere Koffer noch nicht da, als wir kommen. Das Rollband steht noch, während darüber die Anzeige mit unserer Flugnummer blinkt.

Siedend heiß fällt mir ein, dass ich die Zeit nutzen muss, um mich frisch zu machen und umzuziehen, deshalb laufe ich in die nächstgelegene Damentoilette und betrachte mich kritisch im Spiegel. Das habe ich während des Fluges auch mehrfach gemacht, und das Ergebnis ist immer noch das gleiche: soweit alles okay.

Schnell schlüpfe ich in eine der Kabinen, ziehe die Jeans aus, die ich bis jetzt anhatte, und tausche sie gegen den engen schwarzen Rock und eine Seidenstrumpfhose, die ich die ganze Zeit in meiner Handtasche hatte. Das Gleiche passiert mit dem grünen Poloshirt, das ich durch eine schwarze Bluse ersetze. Mein einziges farbliches Zugeständnis ist ein buntes Seidentuch, das zum Rotton meiner Haare passt. Schnell stopfe ich die alten Sachen zurück in meine Tasche, die so groß ist, dass vermutlich mein halber Kleiderschrank reingepasst hätte und die aus genau dem Grund meine treue Begleiterin ist, und trete zurück vor den Spiegel. Perfekt. Meine Mutter würde es zu dunkel finden – sie möchte immer, dass ich etwas »Freundliches« anziehe –, aber mir gefällt es so. Mit den roten Haaren bin ich schon bunt genug. Noch mehr auffallen muss ich definitiv nicht.

Apropos Rotschopf: meine Haare wellen sich nicht mehr ganz so perfekt über meine Schultern wie vor dem Abflug, aber mit ein bisschen Zurechtzupfen kriege ich das schnell wieder hin – es lebe der Schaumfestiger! Und auch mein Make-up, ohnehin nur dünn aufgetragen, lässt sich schnell auffrischen, ein bisschen Puder, Wimperntusche und Lipgloss – fertig.

Meine grünen Augen blicken mich müde an, die Nacht war kurz, und langsam merke ich es. Aber was soll’s, ich bin jung, und den Schlafmangel nehme ich gerne in Kauf für die zweihundert Dollar, die ich durch das billigere Flugticket gespart habe.

Neben mir im Spiegel taucht plötzlich Elizabeth Armstrong auf und löst die Frau ab, die bis eben neben mir gestanden hat. Erstaunt, aber erfreut blicke ich mich zu ihr um.

»Na, Liebes, noch ein paar letzte Schönheitskorrekturen? Dabei haben Sie das im Gegensatz zu mir doch noch gar nicht nötig.« Sie zwinkert mir zu, dann gähnt sie herzhaft und lässt sich kaltes Wasser über die Hände laufen.

Wusste ich es doch – sie ist müde, und ich bin schuld, weil ich sie nicht habe schlafen lassen. Trotzdem lächelt sie, während wir uns beide die Hände waschen, und ich muss es einfach erwidern.

Sie erinnert mich ein bisschen an meine Großmutter Rose zu Hause in Lester, Illinois – dem kleinen Städtchen, in dem ich aufgewachsen bin. Grandma sieht zwar ganz anders aus, sie hat ihr Leben lang draußen gearbeitet und ist mit der zarten Elizabeth in keiner Weise zu vergleichen, aber sie besitzt auch diesen verschmitzten Humor.

»Ich muss ja gut aussehen, wenn ich mich gleich vorstelle«, erkläre ich unnötigerweise. Denn meine Mitreisende wird sich das gedacht haben, nachdem ich ihr während der letzten Stunden gefühlte dreihundertsiebzig Mal erklärt habe, wie wichtig mir das Praktikum ist, das ich gleich antreten werde. Sie nickt nur.

»Vielleicht holt Sie ja doch noch jemand ab«, sagt sie und geht zu dem Trockenautomaten hinüber, um sich von dem Turbogebläse das Wasser von den Händen pusten zu lassen. Das Summen ist so laut, das ich fast das Klingeln meines Handys überhöre. Ich habe es schon beim Verlassen des Flugzeugs wieder angestellt – nur für den Fall, dass man mir von Huntington Ventures irgendwelche wichtigen Nachrichten hinterlassen hat. Aber damit habe ich meine Bedeutung für die Firma offensichtlich überschätzt, denn die Einzige, die mir eine SMS geschickt hat, ist meine Schwester. Und sie ist auch jetzt diejenige, die mich sprechen möchte, das erkenne ich auf dem Display. Hastig wische ich mir die Finger an meinem Rock ab und nehme den Anruf entgegen.

»Hey, Gracie! Bist du gut gelandet?«

Es tut so gut, Hopes vertraute Stimme zu hören, dass ich kurz schlucken muss.

»Ja, gerade eben. Jetzt warte ich auf meinen Koffer. Moment mal.«

Ich drücke das Handy gegen meine Brust und verabschiede mich von Elizabeth, die mir den Oberarm tätschelt und mir viel Glück wünscht, bevor sie einen Lippenstift aus ihrer Handtasche holt und sich vorbeugt, um ihn zu erneuern. Im Spiegel zwinkert sie mir noch einmal zu, und ich hebe die Hand, bevor ich die Tür aufstoße und mit dem Handy schon wieder am Ohr zurück in die Halle gehe. Die Koffer kommen gerade, und während ich auf meinen warte, der natürlich wieder zu den letzten gehört, die auf dem Band erscheinen, fasse ich Hope den Flug zusammen. Ich genieße es, mit ihr zu reden, sie ist ein Stück Normalität für mich, und das kann ich in meinem nervösen Zustand sehr gut gebrauchen.

»Und was jetzt?«, fragt sie, als ich gerade das schwarze Monstrum vom Band hebe, das ich mir von Mom geliehen habe, weil ich mit drei Taschen hätte reisen müssen, um genauso viel hineinzubekommen. Als der Koffer vor mir steht, schiebe ich den Griff hoch, danke meinem Schöpfer, dass er Rollen hat, auch wenn mir das Gewicht trotzdem fast den Arm auskugelt, und ziehe ihn entschlossen in Richtung Zoll.

»Jetzt muss ich mich beeilen, damit ich es noch rechtzeitig schaffe.«

»Hast du den schwarzen Rock und die schwarze Bluse an?«

»Ja, wieso?«

Hope kichert. »Weil ich das befürchtet habe.«

»Sieht das nicht aus?« Entsetzen erfasst mich. Hätte sie mir das nicht früher sagen können?

»Doch, aber es ist so typisch für dich, dass du versuchst, dich zu verstecken. Das hast du überhaupt nicht nötig, Gracie. Du bist total hübsch, und das wird den Engländern nicht entgehen, glaub mir. Und außerdem passt Schwarz doch gar nicht – das ist keine Frühlingsfarbe.«

Ich hätte ihr gern geglaubt. Wirklich. Aber Hope hat gut reden mit ihren Traummaßen. Wenn ich einen Meter fünfundsiebzig, blond und sportlich wäre, hey, dann würde ich vermutlich gar nichts tragen – oder sehr viel weniger als jetzt. Aber bei ihr schlagen eben die skandinavischen Wurzeln unserer Familie durch. Ich dagegen scheine von irgendeinem Urahn die wenigen irischen Gene abbekommen zu haben, die noch da waren, denn sonst ist keiner meiner Verwandten rothaarig, nicht mal mein Vater – jedenfalls soweit ich mich erinnern kann, denn es ist schon eine Ewigkeit her, dass ich ihn gesehen habe. Und ich bin auch die Einzige, die klein und kurvig ist. Nicht dick, das nicht, aber eben doch gerundet, wo diese beneidenswerten Frauen wie meine Schwester oder die Stewardess sportlich-straff sind.

»Schwarz macht schlank, okay?« Ich nestle meine Papiere aus der Tasche, die ich gleich vorzeigen muss. »Ich ruf dich wieder an.«

Plötzlich klingt Hopes Stimme besorgt. »Pass auf dich auf, ja, Gracie? Und versprich mir, dass du dich heute Abend meldest und mir alles erzählst – jedes Detail.«

Ich verspreche es ihr und lege mit einem selbstironischen Lächeln auf. Sie ist meine kleine Schwester – und führt sich auf wie meine Mutter. Aber vielleicht zu Recht. In vielerlei Hinsicht ist Hope die Erfahrenere von uns. Seufzend stecke ich das Handy weg. In England war sie allerdings noch nie. Das ist dann jetzt mal etwas, das ich ihr voraushabe.

Der Mann am Schalter guckt nur kurz in meinen Pass, und auch die Zollbeamten filzen mich nicht – ich sag’s ja, abgesehen von meinen Haaren bin ich total unauffällig, niemand achtet auf mich –, deshalb geht es schnell, und ich bin schon bald am Ausgang, durch den es hinaus ins Flughafengebäude geht.

Dahinter stehen so unerwartet viele Menschen, dass ich erschrocken stehenbleibe und ein Mann mich von hinten umläuft. Er sieht mich irritiert an, dann eilt er weiter. Danke schön. Keine Ursache. Du mich auch.

Leute strömen an mir vorbei, eilen auf winkende Verwandte oder Freunde zu. Schilder mit Namen darauf werden hochgehalten, Menschen finden sich, umarmen sich, werden im Empfang genommen. Auch Elizabeth läuft an mir vorbei auf einen jungen Mann zu, der sich sichtlich freut, sie zu sehen, und sie in die Arme schließt. Auf mich achtet sie nicht mehr.

Ich will mich nicht verloren fühlen, deshalb rücke ich entschlossen meine Handtasche zurecht und sammle mich. Es wird Zeit, ich muss weiter. Mit einem Ruck setze ich mich wieder in Bewegung, um nach einem Hinweis auf die U-Bahn zu suchen – nur um eine Sekunde später erneut stehenzubleiben, als mein Blick an einem Mann hängen bleibt, der aus der Menge heraussticht. Er steht lässig da, die Augen unverwandt auf den Ausgang gerichtet. Auf mich.

Mein Herz setzt aus, holpert aber sofort anschließend wieder los, als ich das Lächeln sehe, das um seine Lippen spielt. Fast unmerklich nickt er mir zu.

Jonathan Huntington.

Nein, das kann nicht sein. Ich blinzle, aber er steht noch da. Er ist es, ganz bestimmt, auch wenn er in natura noch viel attraktiver ist als auf dem Foto in der Zeitschrift.

Er löst die Arme, die er vor der Brust verschränkt hatte, seine Haltung wechselt von abwartend zu aktiv. Es kommt Bewegung in ihn, auch wenn er stehen bleibt. Er sieht mir entgegen. Er … erwartet mich.

Oh. Mein. Gott.

Meine Füße setzen sich von selbst in Bewegung. Wie im Traum bewege ich mich auf ihn zu.

2

»Hallo, Mr Huntington.« Ich stehe jetzt direkt vor ihm und strecke die Hand aus. »Ich bin Grace Lawson.«

Während ich auf ihn zugegangen bin, hat er mich nicht aus den Augen gelassen. Augen, deren Blau schon auf dem Foto faszinierend war. Aber in echt ist es … anders. Tief. Schillernd. Ich starre hin, sauge jedes Detail an ihm in mich auf.

Er ist groß, viel größer, als ich dachte, und ganz in Schwarz gekleidet, schwarze Hose, schwarzes Hemd, schwarzes Jackett. Wie ich. Nur dass er natürlich keinen bunten Schal trägt. Haha. Seine Haare sind auch schwarz und auf eine verwegene Art lang, sie fallen ihm in die Stirn und leicht über den Kragen. Im Gegensatz zu mir ist seine Haut gebräunt, was den Kontrast zu seinen strahlend blauen Augen noch krasser macht. Außerdem hat er sich heute offenbar nicht rasiert, denn es liegt ein dunkler Schatten auf seinen Wangen.

Das alles nehme ich in der Sekunde wahr, in der meine Hand zwischen uns in der Luft schwebt, ohne dass er sie ergreift. Mein Blick huscht zu seinem Mund. Das Lächeln, das vorher auf seinen Lippen gelegen hat, ist jetzt nicht mehr da, und der leere Ausdruck auf seinem Gesicht macht mich plötzlich unsicher. Er sieht mich an, als sei ihm völlig unverständlich, was ich von ihm will. Ich räuspere mich, lasse die Hand ausgestreckt.

»Freut mich, Sie kennenzulernen – Sir.« Ist er nicht adelig? Wie redet man so jemanden an? Verdammt. »Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich meine, ich hätte wirklich nicht damit gerechnet, dass Sie mich abholen. Aber ich … freu mich. Auf das Praktikum. Sehr sogar. Das ist für mich … wirklich … sehr …« Die letzten Worte stoße ich nur noch abgehackt aus, denn irgendetwas stimmt hier nicht.

»Jonathan?« Eine tiefe Stimme mit einem merkwürdigen Akzent, den ich nicht zuordnen kann, erklingt direkt hinter mir, und als ich erschrocken aufblicke, steht da ein Mann. Ein Japaner. Er ist nicht ganz so groß wie Jonathan Huntington, aber doch so groß, dass ich mich zwischen den beiden wie ein Zwerg fühle. Dahinter stehen noch zwei Männer, auch Japaner, aber kleiner, offenbar die Entourage des ersten. Und erst jetzt fällt mir auf, dass ein blonder Hüne und ein etwas kleinerer braunhaariger Mann, beide im Anzug, dichter hinter Jonathan Huntington getreten sind, so als wollten sie ihm im Zweifel zu Hilfe eilen. Und alle sehen mich auf die gleiche irritierte Weise an.

Oh Gott. Mir wird heiß und kalt, als ich begreife, was für einen unglaublich peinlichen Fehler ich da gemacht habe. Jonathan Huntington ist nicht hier, um die neue Praktikantin aus Chicago abzuholen. Er wartet auf den japanischen Geschäftsmann hinter mir, der durch einen grausamen Zufall genau zur gleichen Zeit angekommen ist. Ich habe mich gerade ganz fürchterlich blamiert. Fürchterlicher als fürchterlich. Grausam unverzeihlich fürchterlich.

Quälende Sekunden lang sagt niemand etwas, und ich winde mich innerlich. Vor Verzweiflung schließe ich die Augen und fühle fast gleichzeitig, wie sich eine Hand warm um meine schließt, die ich immer noch ausgestreckt habe.

Als ich die Augen wieder aufreiße, sieht Jonathan Huntington mich an. Es ist seine Hand, die meine hält. Fest. Angenehm. Beruhigend. Er lächelt, und ich sehe, dass an einem seiner Schneidezähne eine ganz kleine Ecke fehlt. Was seinem Lächeln etwas Jungenhaftes gibt, mit dem ich nicht gerechnet habe und das mir die Knie ganz weich macht. Oder vielleicht liegt es auch daran, dass mir das alles so unglaublich peinlich ist, dass meine Beine mich einfach nicht mehr tragen wollen.

»Miss Lawson, wie schön.« Er hat immer noch keine Ahnung, wer ich bin. Aber er rettet mich. Die Wärme seiner Hand breitet sich in meinem Körper aus.

Du musst dich entschuldigen und gehen, sagt eine Stimme in mir laut und deutlich, aber ich bin wie festgefroren, starre wie hypnotisiert in Jonathan Huntingtons Gesicht und kann immer noch nicht fassen, wie attraktiv er ist.

Dann lässt er meine Hand los, und ich komme wieder zu mir. Er deutet auf den großen Japaner, dessen Alter ich schwer schätzen kann.

»Darf ich Ihnen Yuuto Nagako vorstellen, einen Geschäftsfreund von mir, der eben aus Tokio angekommen ist.« Ich drehe mich um und nicke dem Mann zu, der mich auf eine merkwürdig durchdringende Art ansieht. Jonathan Huntington nennt auch die Namen der anderen vier, die schweigend den Kopf neigen, aber ich kann mir nur merken, dass der große Blonde mit Vornamen Steven heißt, die anderen habe ich sofort wieder vergessen. Mein Gehirn kann keinen vernünftigen Gedanken fassen.

»Und Sie sind unsere neue … Praktikantin, Miss Lawson?«, hakt Jonathan Huntington nach. Er sagt es irgendwie komisch, von oben herab, und etwas in seinem Tonfall weckt meinen Widerstand. Bestimmt total arrogant. Das waren die Worte meiner Schwester, als wir uns damals zusammen sein Foto angesehen haben. Offenbar hatte sie recht.

Andererseits sickert die Tatsache, dass er mich nicht bloßgestellt hat wegen meines schrecklichen Irrtums, langsam vollständig in mein Gehirn, und meine Dankbarkeit überwiegt alle anderen Empfindungen. Wenn das die feine englische Art ist, dann nehme ich eine gewisse Arroganz gerne in Kauf.

»Ich … ja. Aus … Chicago«, stammele ich, so als würde das erklären, wieso ich mich so unglaublich dämlich aufgeführt habe.

Der Japaner wird ungeduldig, man sieht es ihm an. Mein Gefühl sagt mir, dass ich bei ihm mit einem solchen Auftritt nicht so glimpflich davongekommen wäre – zumindest deute ich den Blick so, mit dem er mich immer noch fixiert.

Endlich scheint mein Gehirn aufzuwachen. Ich hatte Glück und muss mich vielleicht nicht für den Rest meines Lebens in Grund und Boden schämen, weil ich so naiv bin, dass es wehtut. Aber wenn ich noch lange hier herumstehe, dann ändert sich das vielleicht doch noch.

»Ich muss dann jetzt auch weiter. Zur U-Bahn. Weil ich ja gleich einen Termin habe.« Ich sehe Jonathan Huntington an, und die ganze Sache ist so absurd, dass ich mit den Schultern zucke und ein Lächeln nicht unterdrücken kann. »Bei Ihnen.«

Er hebt erstaunt die Augenbrauen. »Bei mir?«

»Äh, ja, nein, ich meinte – in Ihrer Firma. Sie wissen schon. Das Praktikum.« Schon wieder winde ich mich innerlich. Oh Gott, Grace, versuch lieber nicht, lustig zu sein. Nach diesem Auftritt wird er die Zusammenarbeit mit der Universität Chicago vermutlich aufkündigen, weil er für alle Zeit genug von den total beschränkten amerikanischen Studentinnen hat, die er dadurch ins Land holt. Ich sollte wirklich lieber gehen, bevor ich es noch schlimmer mache. »Also. Bis dann.«

Ich umklammere den Griff meines Koffers und ziehe ihn weiter. Die Männer treten sofort aufeinander zu und schließen die Lücke, so als hätten sie nur darauf gewartet, dass ich endlich gehe, und reden miteinander. Ich drehe mich noch mal ganz kurz um, aber als ich den Blick des Japaners auffange, der mit Jonathan Huntington spricht, wende ich sofort den Kopf und hoffe inständig, dass sie über irgendetwas Geschäftliches reden und nicht über mich.

Für einen Moment schließe ich die Augen, während das Gewicht des Koffers, den ich gekippt hinter mir her rolle, an meinem Arm reißt. Das war sie – meine Begegnung mit Jonathan Huntington. Hast du super gemacht, Grace, total super. Wenn ich ihm jetzt noch mal in der Firma begegne, dann kann ich nur hoffen, dass er sich mein Gesicht nicht gemerkt hat – oder ich verstecke mich lieber gleich drei Monate hinter irgendeinem Aktenschrank.

Eine Hand umschließt meinen Arm und zwingt mich, stehen zu bleiben. Erschrocken drehe ich mich um – und blicke wieder in die blauen Augen von Jonathan Huntington.

»Sie fahren mit uns, Miss Lawson«, erklärt er, erneut in diesem herablassenden Tonfall, der keinen Widerspruch duldet.

Wenn ich atmen könnte, dann könnte ich etwas darauf antworten. Hinter ihm steht Steven, der blonde Hüne, und bevor ich begreifen kann, was passiert, hat der sich meinen Koffer gegriffen und zieht ihn weg, zurück zu den japanischen Geschäftsleuten. Jonathan Huntington hält immer noch meinen Arm fest. Und endlich arbeitet mein Gehirn wieder.

»Hey!« Ich mache mich von ihm los. »Nein! Nicht!«, rufe ich dem Blonden hinterher, der sogar stehen bleibt. Doch Jonathan Huntington winkt ihn weiter. Dann spüre ich seine Hand im Rücken, die mich entschlossen vorwärtsschiebt.

»Mein Assistent will Ihnen nur mit dem Gepäck behilflich sein«, erklärt er und sieht mich schon wieder an, als wäre ich nicht ganz richtig im Kopf. Aber vielleicht bin ich das ja auch nicht.

»Ich kann nicht mit Ihnen fahren«, sage ich und bleibe stehen. Das ist doch nur logisch, das muss er doch einsehen. Er hat irgendetwas unglaublich Wichtiges mit diesem Japaner zu besprechen, jedenfalls gehe ich davon aus, denn sonst wäre der ja kaum extra aus Tokio gekommen, und dabei störe ich bloß. Außerdem – dieser Befehlston gefällt mir nicht. Und ich will auch nicht, dass mir jemand einfach mein Gepäck wegnimmt. »Bitte, könnten Sie dem Mann – könnten Sie Ihrem Assistenten sagen, dass er mir meinen Koffer wiedergeben soll? Ich muss wirklich zur U-Bahn, sonst komme ich zu spät.«

Seine Mundwinkel heben sich, weil ihn das offenbar amüsiert, und ich sehe wieder die kleine fehlende Zahnecke. Wieso ist das bei anderen ein Schönheitsfehler und bei ihm etwas, dass ich unglaublich attraktiv finde? Mein Atem stockt schon wieder.

»Zu spät zu dem Termin mit mir?«, fragt er, und es klingt eindeutig spöttisch. Das gibt mir wieder Luft. Ich recke das Kinn.

»Nein. Zu spät zu dem Termin bei Ihrer Firma.« Sein Lächeln macht mich plötzlich wütend. Jetzt funktioniert meine Atmung wieder einwandfrei. »Ich denke nicht, dass es sinnvoll wäre, wenn ich Sie noch weiter störe. Sie haben einen wichtigen Termin, und ich würde mich sehr unwohl fühlen, wenn ich Ihnen nach dem Missverständnis eben noch weiter zur Last falle.« Mir fällt wieder ein, dass es eigentlich ziemlich nett von ihm war, mich nicht auflaufen zu lassen. »Danke übrigens.«

»Danke wofür?«

Oh nein. Grace, verdammt, denk doch einmal richtig nach, bevor du was sagst. »Sie wissen schon. Sie hätten gerade auch – nicht so freundlich sein können.«

»Und warum lehnen Sie dann ab, wenn ich Ihnen freundlich anbiete, Sie mitzunehmen?«

»Ich …« Will er mich verwirren? Wenn ja, dann ist ihm das ganz hervorragend gelungen. »Ich will doch nur nicht zu spät kommen«, sage ich fast verzweifelt.

»Dann begleiten Sie mich. Mit dem Wagen sind Sie schneller da als mit der U-Bahn.«

Ich sträube mich immer noch, auch wenn ich seiner großen, warmen Hand in meinem Rücken keinen echten Widerstand entgegenzusetzen habe und weiterlaufe. »Aber Ihr Freund, ich meine, Ihr Geschäftspartner. Sie haben sicher etwas zu besprechen.«

»Er hat nichts dagegen, dass Sie mitfahren, glauben Sie mir.« Die Art, wie er das sagt, irritiert mich. Er klingt sarkastisch, und es schwingt etwas in seiner Stimme mit, dass mir einen Schauer über den Rücken jagt. Aber ich bin viel zu durcheinander, um weiter darüber nachzudenken, denn in diesem Moment haben wir die anderen Männer wieder erreicht.

»Miss Lawson begleitet uns«, erklärt Jonathan Huntington, als wäre das nicht ohnehin offensichtlich, wenn er mich wieder anschleppt und sein riesiger Assistent meinen Koffer zieht. Er klingt zufrieden. Kein Wunder. Wahrscheinlich kriegt er immer, was er will.

Die Japaner nicken auf diese asiatische Art, ein bisschen abgehackt irgendwie, während mich Steven und der Braunhaarige nur mit neugierigem, aber sehr distanziertem Interesse betrachten, etwa so, wie man auf ein Unfallgeschehen sieht, an dem man vorbeifährt. Aber das bin ich ja wohl auch – ein unvorhergesehener Unfall.

Schweigend setzen wir uns alle in Bewegung.

Jonathan Huntington und der große Japaner gehen hinter mir, und ich habe das Gefühl, als könnte ich seine Blicke im Rücken fühlen. Die beiden unterhalten sich leise – auf Japanisch. Vielleicht ist es deshalb kein Problem, dass sie mich mitnehmen – ich verstehe ja sowieso nichts.

Für einen Moment werde ich unsicher. Bin ich eigentlich total wahnsinnig, dass ich überhaupt darüber nachgedacht habe, dieses Angebot nicht anzunehmen? Ich meine, Jonathan Huntington ist für die nächsten drei Monate mein Boss – und ich habe nichts Besseres zu tun, als mich ihm zuerst aufzudrängen und mich dann zu zieren, als würde er irgendetwas von mir wollen? Komm wieder auf den Teppich, Grace, ermahne ich mich. Du hattest gerade mehr Glück als Verstand. Mach endlich das Beste draus.

Im Auto – einer ziemlich langen Limousine mit zwei sich gegenüberliegenden, lederbezogenen Sitzbänken im hinteren Bereich – kommen meine Zweifel zurück, und ich bin wieder sicher, dass es ein großer Fehler war, nicht doch die U-Bahn zu nehmen.

Ich sitze in Fahrtrichtung, auf einer Bank mit Jonathan Huntington und dem braunhaarigen Mann, während sich der Ober-Japaner die gegenüberliegende mit einem seiner Assistenten teilt. Der andere hat sich vorn neben den riesigen Steven gesetzt, der den Wagen fährt. Der japanische Assistent, der hinten bei uns ist, balanciert seine Aktentasche auf dem Schoß, und der Braunhaarige telefoniert und schickt Textnachrichten mit seinem Handy, während er mit einem Ohr offenbar dem Gespräch der beiden Bosse lauscht. Jonathan Huntington und Yuuto Nagako – so heißt er, es ist mir wieder eingefallen – sitzen beide entspannt zurückgelehnt da und unterhalten sich, immer noch auf Japanisch. Ich habe keine Ahnung, wie alt der Japaner wohl sein mag, weil sein Gesicht so asiatisch glatt wirkt, aber da seine Schläfen schon ergraut sind, schätze ich ihn mindestens zehn Jahre älter als Jonathan.

Während er spricht, sieht dieser Yuuto Nagako mich immer wieder auf diese beunruhigende Weise an, die mir unangenehm ist, und manchmal habe ich fast den Eindruck, dass es in dem Gespräch um mich geht. Aber das ist genauso absurd wie diese ganze Situation.

Ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt so unwohl gefühlt habe. So völlig fehl am Platz. Ich war noch nie in so einem noblen Auto, und das allein hätte – zusammen mit dem total ungewohnten Linksverkehr – eigentlich schon gereicht, um mich zu überwältigen. Aber ich bin so damit beschäftigt, mich zwischen diesen großen, fremden Männern klein und unbedeutend zu fühlen, dass ich gar nicht dazu komme, meine Umgebung gebührend zu bewundern. Nur Jonathan Huntington ist mir vertraut, aber da das der Tatsache geschuldet ist, dass ich mit meiner Schwester über seinem Foto gesessen und es bestaunt habe, entspannt mich das nur sehr bedingt. Ich bin einfach total überfordert.

Am schlimmsten ist, dass ich so dicht neben ihm sitze, dass ich ihn riechen kann. Und im Gegensatz zu dem Mann im Flugzeug stößt er mich nicht ab. Nein, er riecht gut, nach irgendeinem sehr angenehmen Aftershave. So angenehm, dass ich mich dabei erwische, wie ich tief einatme, um noch mehr davon in die Nase zu bekommen. Vielleicht ist es auch gar kein Aftershave. Vielleicht riecht er so. Was es auch ist, es steigt mir definitiv zu Kopf. Und das ist gar nicht gut, denn dadurch bin ich nur noch mehr auf ihn konzentriert und kriege meine Nervosität noch schwerer in den Griff.

Unbehaglich klammere ich mich am Sitz fest und bete, dass wir bald da sind. Denn jedes Mal, wenn der große Wagen eine Kurve nimmt, werde ich gegen Jonathan Huntington gepresst. Jedenfalls würde ich das, wenn ich mich nicht mit aller Kraft dagegen anstemmen würde. Die Sitze sind extrem weich gepolstert und sollen eigentlich zwei Leuten üppig viel Platz bieten. Wir sitzen aber zu dritt auf dieser Bank, und die breite Kuhle im Sitz und die Gesetze der Schwerkraft lassen mich deshalb immer wieder gefährlich nah an ihn heranrutschen. Ich kann nichts tun. Völlig verkrampft sitze ich da und starre aus dem Fenster, in der Hoffnung, dass niemand merkt, dass ich da bin.

Bis Jonathan Huntington unvermittelt den Arm auf die Lehne hinter mir legt. Damit ist seine breite Schulter aus dem Weg, und ich habe mehr Platz. Aber sie war auch so etwas wie ein Stopper, die Stelle, an der unsere Körper sich maximal berührt haben, wenn ich mich mal nicht gut genug festhalten konnte. Jetzt ist da nichts mehr, und in der nächsten Rechtskurve, die der Wagen eine Sekunde später nimmt, rutsche ich gegen ihn. So richtig. Voller Körperkontakt. Seite an Seite sitzen wir auf einmal da, und weil ich mich beim Fallen instinktiv abstützen wollte, liegt meine Hand auch noch auf seiner Brust, und ich spüre, dass er den Arm um mich gelegt hat und meinen Oberarm festhält. Wahrscheinlich auch ein Reflex, um mich aufzufangen.

Für eine Sekunde bleibt die Welt stehen. Ich spüre die Wärme seines Körpers, aber auch, wie er sich unter meiner Hand versteift. Sein Blick gleitet von meinem Gesicht zu meinem Ausschnitt und wieder zurück. Ich sehe an mir hinunter und stelle fest, dass meine Bluse verrutscht ist und jetzt ziemlich viel von meinem Dekolleté preisgibt. Er lächelt nicht, als ich wieder zu ihm aufsehe, und seine Augen werden dunkler. Ich kann nicht atmen und starre ihn nur an. Meine Haut prickelt plötzlich überall dort, wo wir uns berühren, und ich fühle die Röte, die mir in die Wangen schießt.

Hastig drücke ich mich ab – von seiner Brust, aber anders geht es nicht – und schiebe mich zurück in die Ecke. Sein Arm gibt mich frei.

»Entschuldigung«, murmele ich und kann meine Bestürzung kaum verbergen. Ich muss hier wirklich dringend raus.

Er zieht den Arm von der Lehne zurück, und wir sitzen wieder so da wie vorher. Zum Glück unterhält sich der japanische Assistent gerade mit dem Braunhaarigen, es geht um irgendwelche Termine. Nur Yuuto Nagako beteiligt sich nicht an dem Gespräch, sondern fixiert mich genau, so wie er es eigentlich die ganze Zeit schon macht. Er sagt auf Japanisch etwas zu Jonathan Huntington, der sich daraufhin an mich wendet.

»Wie lange werden Sie bei uns bleiben, Miss Lawson?«

Die Tatsache, dass er plötzlich das Wort an mich richtet, macht mich noch nervöser, als ich sowieso schon bin. Er fragt das nämlich nicht so, als wolle er harmlosen Smalltalk betreiben, sondern irgendwie sachlich und distanziert. Als wäre das eine wichtige Information, die er für irgendetwas braucht.

»Drei Monate«, erwidere ich und befeuchte meine Lippen. Mein ganzer Mund ist furchtbar trocken.

»Und Sie kommen noch mal aus …?«

»Chicago.«

»Richtig. Das sagten Sie ja.«

Er hat den Kopf zur Seite gedreht und sieht mich mit einem Blick an, dem ich mich nicht entziehen kann. Wir sitzen immer noch definitiv zu dicht nebeneinander, auch wenn jetzt wieder nur unsere Schultern zusammenstoßen. Ich fühle, wie hart sein Arm unter dem Jackett ist, und ziehe mich ein Stück zurück. Seine Wärme spüre ich trotzdem noch, und sie scheint sich weiter auf mich zu übertragen.

»Dann studieren Sie bei Professor White?«

Ich nicke. Langsam erhole ich mich von dem Schock. Anscheinend will er doch nur ein bisschen Smalltalk machen. Ein unverfängliches Gespräch ist jedenfalls genau das, was ich jetzt brauche. »Kennen Sie ihn?«

»Nicht persönlich, nein. Aber mein Kompagnon, Alexander Norton, ist gut mit ihm befreundet. Der Kontakt ist über ihn gelaufen, soviel ich weiß.«

Davon hat Professor White nie etwas erwähnt, aber es erklärt, wieso eine englische Firma amerikanischen Wirtschaftsstudenten ein bezahltes Praktikum anbietet. Die Entlohnung ist nicht so gut, dass ich reich davon werde, aber ich kann mir davon immerhin für die Zeit meines Aufenthalts ein Apartment in London leisten.

»Was reizt Sie an der Wirtschaft, Miss Lawson?«

Die anderen Männer haben ihr Gespräch beendet, und es ist still im Wagen, als Jonathan Huntington mich das fragt. Alle sehen mich an, und plötzlich wäre es mir doch sehr viel lieber, wenn ich wieder Luft wäre. Aber dann runzele ich die Stirn, weil mein Gehirn erst jetzt den Unterton registriert, mit dem er mich das gefragt hat. Er klingt schon wieder leicht amüsiert. So als sei das ein Thema, das nicht für jemanden wie mich taugt, als wären die Wirtschaft und ich zwei unvereinbare Gegensätze. Okay, vielleicht habe ich mich bis jetzt nicht unbedingt als besonders intelligente Vertreterin meines Geschlechts präsentiert, aber das ist kein Grund, mich so von oben herab zu behandeln. Ich bin gut. Sonst hätte ich den Praktikumsplatz nicht bekommen. Darum musste man sich bewerben – und ich wurde ausgewählt.

»Ich gehe gerne mit Zahlen um«, sage ich betont lässig und lächle ganz leicht und möglichst souverän, so als wäre der wahre Grund viel zu komplex, um ihn jetzt und hier auszuführen. Was du kannst, kann ich auch, denke ich, und bin ganz zufrieden mit meiner Leistung. Bis er seine nächste Frage stellt.

»Und was reizt Sie an Huntington Ventures?«

Ich schlucke. Vor der Auswahlkommission an der Uni habe ich zu diesem Thema eloquent und überzeugend mehr als zehn Punkte nennen können, aber jetzt kann ich dem Firmengründer nur in diese viel zu blauen Augen starren und bringe kein Wort heraus.

Aber ich muss zum Glück auch nichts mehr sagen, denn wir sind da. Der Wagen hält vor dem Eingang eines modernen gläsernen Bürogebäudes. Es hat mindestens zehn Stockwerke und eine Front, die sich leicht nach außen wölbt. Die eine Seite ist gerade, während die andere leicht nach innen zuläuft, sodass sich eine sehr interessante, fast konische Form ergibt.

Ich sitze an der Straßenseite, wo in schneller Folge Autos vorbeirasen, deshalb warte ich, bis die Männer auf der anderen Seite ausgestiegen sind, und folge ihnen dann. Als ich aus dem Wagen klettere, reicht Jonathan Huntington mir die Hand, um mir zu helfen, und obwohl ich erst zögere, ergreife ich sie doch. Es wäre kindisch gewesen, seine Geste zu ignorieren, und ich habe mich für heute schon genug blamiert. Aber es ist definitiv nicht gut für meinen Herzrhythmus, wenn ich ihn berühre. Sobald ich auf dem Bürgersteig stehe, lasse ich ihn los.

Der blonde Hüne holt mein schwarzes Monstrum mit Rollen aus dem Kofferraum, aber anstatt mir den Koffer zu geben, zieht er ihn durch die Glastür ins Gebäude.

»Nach Ihnen.« Jonathan Huntington bedeutet mir vorzugehen, und auch die Japaner lassen mir den Vortritt ins Foyer. Es ist sehr groß und elegant, mit einem Empfangstresen aus edel verarbeitetem Holz und Glas, vor dem der blonde Chauffeur meinen Koffer abgestellt hat. Zwei junge Frauen stehen dort, eine vor dem Tresen, eine dahinter, und beide blicken uns interessiert entgegen.

Jonathan Huntington begrüßt sie und spricht kurz mit ihnen. Ich sehe verstohlen auf die Uhr. Halb elf. Verdammt.

Die junge Frau vor dem Tresen kommt auf mich zu. Sie ist ungefähr so alt wie ich und hat braune, kurze Haare, die unglaublich lässig, aber trotzdem sehr stylisch sind. Zu ihrem hellgrünen Cord-Kostüm trägt sie ein passendes Batik-Top und eine schlichte, aber auffällige Silberkette. Es ist ein ungewöhnliches Business-Outfit, aber es ist nicht übertrieben – und es passt irgendwie zu ihr.

»Hallo«, sagt sie. »Ich bin Annie French. Ich habe schon auf dich gewartet, Grace.«

Die vertraute Anrede überrascht mich, aber sie tut gut nach dem Horrortrip gerade. Endlich bin ich wieder mit jemandem zusammen, der mich nicht komplett überfordert.

»Ich bin zu spät«, sage ich unglücklich, während ich ihr die Hand schüttele.

»Nicht, wenn du mit dem Boss kommst«, erwidert sie und grinst mich an. Ich mag sie.

Bevor wir weiterreden können, steht Jonathan Huntington plötzlich wieder neben mir. Die anderen Männer warten beim Fahrstuhl und blicken zu uns herüber.

»Viel Erfolg bei Ihrem Praktikum, Miss Lawson«, sagt er. »Ich hoffe, es gefällt Ihnen bei uns.«

Ich schlucke. »Danke.«

»Schwarz steht Ihnen übrigens gut. Eine schöne Farbe.« Er sieht kurz an sich herunter. Seine blauen Augen funkeln, als er den Blick wieder hebt, und ein leichtes Lächeln spielt um seine Lippen, bei dem mir die Knie schon wieder weich werden.

Bevor ich etwas erwidern kann, hat er sich umgedreht und geht in Richtung Fahrstuhl. Ich starre ihm verunsichert nach und frage ich mich, ob ich mir wirklich wünschen soll, ihn noch mal wiederzusehen.

3

Als sich die Fahrstuhltür hinter allen sechs Männern schließt, sieht Annie French mich an.

»Wie hast du das denn geschafft?«, fragt sie und hebt eine Augenbraue.

»Was denn?« Ich bin in Gedanken noch so mit dem verwirrenden Jonathan Huntington beschäftigt, dass ich ihr gar nicht richtig zuhöre.

Annie stößt mich an und reißt mich zurück in die Wirklichkeit und zu ihr. »Na hör mal – du bist gerade mit dem Boss gekommen. Wie hast du das angestellt, sag schon.«

»Das war … Zufall. Wir sind uns am Flughafen begegnet, und da hat er mir angeboten, dass ich mit ihm und seinen Begleitern mitfahren kann.« Es klingt eigentlich ganz glaubwürdig. Aber Annie lässt sich nicht täuschen. Sie legt den Kopf schief.

»Und woher wusste er, wer du bist? Kennt ihr euch?«

Erwischt. Ich spüre, wie meine Wangen rot werden, und ziehe sie ein Stück zur Seite, weil ich nicht will, dass die Blondine vom Empfang das mitkriegt, die uns sehr interessiert im Auge behält.

»Nein. Ich … ich habe ihn angesprochen«, gestehe ich leise. »Das war ein Versehen. Ich dachte – er holt mich ab.«

Annie sieht mich erst total entgeistert an, dann lacht sie, so als wäre das der beste Witz, den sie seit Langem gehört hat. »Du dachtest, der Boss holt dich persönlich ab?«

»Ja, ich weiß«, stöhne ich und verdrehe die Augen. »Bohr nicht noch in der Wunde. Das ist mir auch so schon alles peinlich genug. Können wir bitte das Thema wechseln?«

»Gern.« Annie grinst noch immer breit. »Für den Moment jedenfalls.« Sie deutet auf meinen Koffer. »Den kannst du hier bei Caroline stehen lassen und später abholen. Jetzt zeige ich dir erst mal dein neues Wirkungsgebiet.« Ihr Lächeln ist so ansteckend und freundlich und ihre Art so entwaffnend offen, dass ich gar nicht anders kann, als sie zu mögen.

Wir lassen den Koffer bei der blonden Caroline am Empfang, die das Monstrum hinter ihre Theke schiebt und mir versichert, dass sie gut darauf aufpasst, während sie mich weiter interessiert mustert. Dann steigen wir ebenfalls in einen der beiden Fahrstühle, die direkt nebeneinander liegen. Er ist innen verspiegelt und wirkt wie alles hier großzügig und luxuriös. Ein Blick auf mein Spiegelbild verrät mir, dass ich unnatürlich blass bin – wahrscheinlich die Nachwirkungen des Schocks, ausgelöst durch die Begegnung mit Englands begehrtestem Junggesellen.

Noch während wir nach oben fahren, erklärt Annie mir, dass sie dreiundzwanzig ist und seit einem Jahr als Junior-Assistentin in der Investment-Abteilung von Huntington Ventures arbeitet.

»Es ist mein Einstieg in die Branche«, sagt sie. »Und ich hätte es sehr viel schlechter treffen können.«

Ich bin ein bisschen neidisch, dass sie, obwohl wir fast gleich alt sind, schon so viel weiter ist als ich. Lange dauert es bei mir zwar auch nicht mehr, bis ich mit dem Studium fertig bin, aber ob ich dann einen Job in einer genauso tollen Firma finde?

Aber ich beneide Annie nicht nur um die Stelle bei Huntington Ventures, sondern auch um ihre selbstbewusste, fröhliche Art, die Lockerheit, mit der sie alles angeht.

»Das hier ist die Abteilung, in der du arbeiten wirst«, erklärt sie mir, als wir im vierten Stock aussteigen und durch einen langen Flur gehen. Alles wirkt licht und großzügig. Glastüren führen in verschieden große Büros mit bodentiefen Fenstern, in denen Leute sitzen, die sehr beschäftigt aussehen. »Hier werden die neuen Projekte vorbereitet, in die Huntington Ventures einsteigt. Wir machen die Recherchen, prüfen die Marktchancen und führen alle nötigen Vorgespräche – und die Chefetage erledigt dann den Rest.«

Sie geht mit mir in jedes Büro und stellt mir die Mitarbeiter vor – aber es sind zu viele, um sie mir alle auf Anhieb zu merken. Nur einige Namen bleiben hängen: die Sekretärin, eine ältere, sehr freundliche Frau, heißt Veronica Hetchfield, der Abteilungsleiter, ein Mann um die Vierzig mit schütterem Haar, stellt sich mir als Clive Renshaw vor, und Shadrach Alani, ein jüngerer Kollege mit offensichtlich pakistanischen Wurzeln, den ich auf Ende zwanzig schätze, sitzt mit Annie in einem Büro. Es gibt noch mehr, mindestens ein Dutzend insgesamt, die ich sicher in den nächsten Tagen näher kennenlernen werde. Alle sind freundlich, aber Annie finde ich trotzdem am nettesten.

»Die anderen Abteilungen hier im Haus zeige ich dir bei Gelegenheit, wenn es dich interessiert.« Annie drückt mir auf dem Flur eine Mappe in die Hand. »Hier drin findest du alles Wissenswerte über unsere Firma.« Außerdem gibt sie mir noch eine Kopie mit einer komplizierten Zeichnung darauf. »Und das ist das Organigramm – damit du mal einen Überblick bekommst.«

Ich staune, während mein Blick über das weit verzweigte Netzwerk gleitet, die Puzzleteile, aus denen sich die Firma zusammensetzt. Vieles kenne ich schon durch meine eigenen Recherchen, aber einige Punkte sind mir völlig neu. Und als ich die Mappe durchblättere, in der auf Hochglanzpapier auch die weiteren Aktivitäten aufgeführt sind, wird mir klar, dass Huntington Ventures viel mehr ist als nur ein reines Investment-Unternehmen. Es ist ein Imperium, mit internationalen Verbindungen und breit gefächerten Einflussbereichen. Die Beteiligungen betreffen nicht nur Hochfinanz und Bauwesen, sondern fast alle Sparten der Industrie und des Handels, und es gibt auch Förderprogramme für kulturelle Projekte. Meine Hochachtung vor der Leistung von Jonathan Huntington wächst noch einmal ein gutes Stück.

Als ich wieder aufblicke, grinst Annie. »Beeindruckend, oder?«

Ich weiß, dass sie die Firma meint, aber ich kann nur an den Mann denken, der sie leitet, und nicke stumm.

Annie geht weiter und stößt dann die Tür zu einem Büroraum ganz am Ende des Ganges auf. Er hat ebenfalls eine verglaste Außenwand, ist allerdings sehr klein. Ein Schreibtisch steht vor der Fensterfront, und eine Wand ist komplett mit Aktenschränken belegt, sodass man nicht viel Platz hat, um sich darin zu bewegen.

»Der Praktikantenplatz«, verkündet Annie und grinst mich wieder auf ihre unverschämt offene Art an.

Ich seufze. Was hatte ich erwartet – einen roten Teppich? Und so schlecht ist das Büro auch eigentlich gar nicht, es liegt zwar ziemlich am Ende des Flurs, aber nicht weit entfernt von dem, in dem Annie sitzt, was mich ein bisschen beruhigt. Schließlich ist sie – noch – die Einzige, die ich hier kenne. Abgesehen von Jonathan Huntington, aber an den sollte ich lieber nicht mehr so viel denken.

»Und was genau werde ich hier tun?«, frage ich sie, während ich hinter den Schreibtisch trete, um meinen zukünftigen Arbeitsplatz etwas näher zu begutachten.

»Das, was alle Praktikanten tun – du kochst den Tee und den Kaffee.« Annie deutet auf die Tür auf der gegenüberliegenden Seite. »Das da ist nämlich die Küche – dann hast du es nicht so weit.«

Für einen Moment bin ich sprachlos. »Das ist nicht dein Ernst, oder?« Habe ich gesagt, dass ich sie mag? Ich habe mich getäuscht, ich finde alle Engländer merkwürdig.

Für einen Moment lehnt sie weiter mit neutralem Gesicht am Türrahmen, dann schafft sie es nicht mehr, ernst zu bleiben, und lacht auf. »Nein, natürlich nicht. Das da drüben ist zwar wirklich die Küche, und du kannst dir dort Tee und Kaffee kochen, wenn du das willst – wir sind hier mit allem ausgestattet. Aber ansonsten erwarten dich natürlich etwas anspruchsvollere Aufgaben.«

Erleichtert sehe ich sie an und muss auch lächeln. »Mit wem werde ich eigentlich zusammenarbeiten?«, frage ich.

Annie grinst. »Mit wem willst du denn gerne zusammenarbeiten?«

Aus irgendeinem Grund geht mein Magen schon wieder auf Talfahrt, weil der Einzige, der mir einfällt, Jonathan Huntington ist. Röte schießt mir in die Wangen, und Annie scheint zu ahnen, in welche Richtung meine Gedanken gehen. Ihr Grinsen wird noch frecher.

»Sorry, aber ich fürchte, in die Chefetage wirst du es nicht so schnell schaffen. Unser Boss hat dich vielleicht mit hierher genommen, aber normalerweise kümmert er sich nicht persönlich um die Praktikanten. Du wirst mit mir vorlieb nehmen müssen.«

»Natürlich – das ist mir auch viel lieber«, versichere ich ihr hastig.

»Hast du ihn wirklich einfach angesprochen?« Annie kann es offenbar immer noch nicht fassen.

Ich nicke und winde mich innerlich noch einmal, als sie mich an die peinliche Situation am Flughafen erinnert. »Aber mich mitzunehmen, war seine Idee. Ich wollte mit der U-Bahn fahren, als ich gemerkt habe, was für einen blöden Fehler ich gemacht habe.«

Annie runzelt die Stirn. »Er hat dir von sich aus angeboten, dich mitzunehmen?«

»Ja, wieso? Ist das so ungewöhnlich? Ich meine – wahrscheinlich wollte er nur nett sein.«

Annie schnaubt, so als wäre das ein völlig abwegiger Gedanke. »Jonathan Huntington – der nette Kerl von nebenan?«

Ich sehe mich genötigt, ihn zu verteidigen. Er hätte mich ja auch ignorieren oder einfach stehenlassen können.

»Ich fand ihn nett«, beharre ich.

Jetzt wird Annies Gesicht zum ersten Mal, seit wir uns getroffen haben, wirklich ernst.

»Ein gut gemeinter Rat, Grace: Fang lieber gar nicht erst an, da etwas hineinzuinterpretieren.«

Ich bin verwirrt. »Wie meinst du das?«

Mit einem leicht verzweifelten Ausdruck auf dem Gesicht sieht sie mich an. »Hör mal, wir sind hier alle nicht blind. Der Boss sieht verdammt gut aus, und du bist nicht die Erste, die strahlende Augen kriegt, wenn sie ihn anguckt. Die meisten himmeln ihn von weitem an, aber das ist sinnlos, glaub mir. Und die, die näher mit ihm zusammenarbeiten und die es besonders schlimm erwischt hat, sind irgendwann gegangen. Gerade letzten Monat erst eine Frau aus der Pressestelle, die wegen eines Projekts viel mit ihm zu tun hatte. Sie verlassen alle freiwillig die Firma, immer mit einem guten Grund, wegen eines anderen Jobs oder weil sie neue Herausforderungen suchen – aber wenn du mich fragst, sind sie nicht mehr da, weil sie nicht die Frau an Jonathan Huntingtons Seite werden konnten.« Sie sieht mich durchdringend an. »Merk dir das und lass die Finger von ihm. Du verschwendest nur deine Zeit.«

Als ob ich das nicht wüsste. Aber es macht mich auch neugierig.

»Wieso hat er denn nie Freundinnen? Ist er …?«

»Schwul?«, beendet Annie den Satz für mich, dann lacht sie. »Nein, ganz sicher nicht. Aber er ist auch kein Prinz, selbst wenn er einen Adelstitel erben wird. Deshalb hör auf mich und gib ihm nicht die Hauptrolle in deinem persönlichen Märchen. Er ist eine Nummer zu groß für dich.«

Ich seufze. Eigentlich sollte ich beleidigt sein, weil Annie mir so den Kopf zurechtrückt – wir kennen uns schließlich kaum. Außerdem ist es mir ziemlich peinlich, dass man mir die Tatsache, wie sehr mich die Begegnung mit Jonathan Huntington beeindruckt hat, so problemlos ansehen kann. Aber sie meint es nicht böse, das spüre ich – sie will mich wirklich warnen, um mich vor einer Enttäuschung zu bewahren. Und vielleicht sind diese offenen harten Worte genau das, was ich jetzt brauche, denn dass ich ein weiteres Opfer des großartigen Jonathan Huntington werden könnte, ist nicht ausgeschlossen.

»Keine Sorge, so naiv bin ich dann auch wieder nicht«, erkläre ich ihr, und mir gelingt ein schiefes Lächeln. Das stimmt zwar nicht, ich bin verdammt naiv, wenn es um Männer geht – aber das ist etwas, das ich jetzt wirklich nicht mit meiner neuen Kollegin diskutieren möchte. »Außerdem sehe ich Mr Huntington wahrscheinlich sowieso nicht mehr wieder. Oder kommt er oft hier vorbei?«

Ein Teil von mir hofft es, obwohl ich weiß, wie albern das ist – vor allem nach der Warnung, die ich gerade erhalten habe.

Annie schüttelt den Kopf. »Nein, eigentlich eher selten. Aber er nimmt sonst auch keine Praktikantinnen im Auto mit. Pass einfach auf, mehr sage ich gar nicht.« Der Unterton in ihrer Stimme ist todernst, und ich bin verunsichert. Befürchtet sie, dass Jonathan Huntington Interesse an mir haben könnte? Das ist vollkommen absurd. Und selbst wenn – wieso muss ich dann aufpassen?

Ich will gerade den Mund aufmachen und noch mal nachfragen, wie sie das gemeint hat, doch Annie deutet mit entschlossener Geste auf die Papiere, die auf dem Schreibtisch liegen. Offenbar ist das Thema für sie beendet.

»Deine erste Aufgabe habe ich dir schon hingelegt. Das sind Berichte zu Projekten, über die in nächster Zeit entschieden wird. Lies sie und mach dir ein Bild, dann kannst du an den weiteren Diskussionen teilnehmen. Und nimm das nicht auf die leichte Schulter, denn wir werden dich fragen, welches du für besonders erfolgversprechend hältst und warum.«

»Ist das ein Test?«, frage ich.

Sie lächelt jetzt wieder breit. »Ja, in gewisser Weise schon. Stört dich das?«

»Nein.«

»Gut, es ist nämlich in deinem eigenen Interesse. Wenn wir wissen, wie gut du bist, können wir dich besser einteilen.« Sie sieht auf die Uhr. »Kommst du jetzt erst mal zurecht?« Ich nicke. »Dann lasse ich dich allein. Wenn du Fragen hast, kannst du dich jederzeit an mich wenden. Du weißt ja, wo du mich findest.«

Als sie schon fast aus der Tür ist, halte ich sie noch einmal auf.

»Darf ich das Telefon nachher mal benutzen?«, frage ich und deute auf den Apparat auf meinem Schreibtisch. »Ich habe mir hier in der Nähe eine Wohnung gemietet und müsste den Vermieter anrufen, um zu erfahren, wann und wo ich mir den Schlüssel abholen kann.«

»Natürlich«, sagt Annie. »Wir wollen doch, dass du gut unterkommst.« Als sie die Tür schon fast geschlossen hat, steckt sie noch einmal den Kopf hindurch. »Ist übrigens schön, dass du da bist«, sagt sie, und es klingt so ehrlich, dass mir ganz warm ums Herz wird. Mit neuem Elan wende ich mich den Berichten zu, die ich studieren soll. Das wird ein toller Aufenthalt hier, ich spüre es. Was soll denn jetzt noch schiefgehen?

4

Als ich etwas später von den Papieren und den Notizen aufblicke, die ich mir gemacht habe, stelle ich erstaunt fest, dass es schon fast drei Uhr ist. Ich war so vertieft in die Berichte, dass ich auf die Zeit gar nicht geachtet habe.

Müde reibe ich mir die Augen. Jetzt merke ich den Schlafmangel wirklich, deshalb gehe ich in die Küche, um mir ein stärkendes Getränk zu holen. Annie hat nicht übertrieben, es ist ein sehr modern eingerichteter Raum mit allem Luxus, den man sich wünschen kann. Es gibt einen Teeautomaten und eine dieser sehr hochpreisigen Kaffeemaschinen, bei denen man die Sorten frei wählen kann. Ich überlege einen Moment und entscheide mich dann für einen Tee. Schließlich bin ich in England – also gewöhne ich mich besser schon mal dran.

Ich gehe mit dem Becher zu der Fensterfront und blicke hinaus auf die City of London. Das Gebäude, in dem Huntington Ventures untergebracht ist, gehört zu den Neubauten hier, doch direkt gegenüber steht eines der historischen Gebäude, für die das Zentrum der Stadt berühmt ist. Ich kann nicht sagen, ob es die Börse oder vielleicht die Bank of England ist, aber das werde ich alles noch herausfinden – schließlich ist noch genug Zeit, mir alles in Ruhe anzusehen. Es ist jetzt Anfang Mai, und erst Ende Juli geht mein Flieger zurück nach Chicago – also bleiben mir zwölf Wochen, um diese aufregende Stadt zu erkunden.

Mit einem Lächeln hebe ich den Blick zum Himmel, der jetzt nicht mehr wolkenverhangen ist, wie bei meiner Ankunft, sondern strahlend blau. Hier drinnen läuft die Klimaanlage, aber die Nachmittagssonne, die sich in den Fenstern des Gebäudes gegenüber spiegelt, lässt erahnen, dass es draußen angenehm warm sein muss.

Ich will mich gerade abwenden und zurück in mein Büro gehen, als mein Blick runter auf die Straße fällt, wo in diesem Moment ein langes schwarzes Auto hält. Ich erkenne die Limousine, in der ich heute schon gefahren bin, und mein Herz macht einen kleinen Hüpfer, als ich einen Augenblick später zwei Männer auf den Gehsteig direkt unter mir treten sehe. Ich erkenne Jonathan Huntington sofort, selbst auf die Entfernung, und der andere muss der Japaner sein, Yuuto Nagako. Sie reden, während sie einsteigen, und einen Augenblick später fährt die Limousine wieder an und fädelt sich in den Verkehr ein. Sie biegt um die Ecke und verschwindet aus meinem Blickfeld.

Da geht er hin, denke ich ein bisschen wehmütig. Jonathan Huntington – der Mann, von dem du die Finger lassen sollst. Ich schnaube leise und schüttele den Kopf. Als wenn er wollen würde, dass ich meine Finger auf ihn lege! Träum weiter, Grace. Oder besser – träum nicht weiter. Wach auf.

Schnell verlasse ich die Küche und gehe über den ruhigen Flur. Weiter vorn stehen zwei der Glastüren auf, aber es ist trotzdem still, überall wird gearbeitet. Obwohl ich mit dem fertig bin, was man mir aufgetragen hat, will ich niemanden stören, deshalb kehre ich in mein Büro zurück, setze mich an den Schreibtisch und suche entschlossen die Nummer des Vermieters heraus, den ich noch anrufen muss.

Die Wohnung, ein kleines Ein-Zimmer-Apartment, befindet sich in Whitechapel, einem Viertel, das gar nicht weit von der City of London entfernt ist, zentral und mit guter Anbindung an das U-Bahn-Netz. So jedenfalls stand es in der Beschreibung. Ich war unglaublich froh, als ich das Angebot im Internet entdeckte, und habe sofort zugeschlagen, denn auch der Preis stimmt. Nicht, dass ich irgendeine Ahnung habe, was das für eine Wohngegend ist und wie weit sie wirklich von meinem aktuellen Arbeitsplatz entfernt ist, aber auf der Karte wirkte es vergleichsweise nah, und die Fotos waren in Ordnung, die Zimmer sahen sauber und halbwegs gepflegt aus. Ich musste dreihundert Pfund Kaution, umgerechnet in Dollar, im Voraus auf das Konto des Vermieters zahlen, aber er hat mir versichert, dass ich die beim Auszug wiederbekomme, sofern nichts in der Wohnung beschädigt ist. Wir hatten einen regen Mailkontakt, und er wirkte sehr nett.

Die Nummer, unter der ich ihn erreichen kann, habe ich mir in meinem kleinen Notizbuch notiert, und tatsächlich hebt schon nach dem zweiten Klingeln jemand ab. Es ist eine Frau.

»Könnte ich mit Mr Scarlett sprechen, bitte?«, sage ich höflich. Für einen Moment herrscht Schweigen in der Leitung.

»Hier gibt es keinen Mr Scarlett. Sie sind falsch verbunden«, informiert mich die Frau.

»Aber …« Das kann doch nicht sein. »Hören Sie, ich bin Grace Lawson. Ich habe die kleine Apartmentwohnung in der Adler Street gemietet, und Mr Scarlett hat mir diese Nummer gegeben, damit ich ihn kontaktieren kann, wenn ich da bin. Ich bin heute aus Amerika angekommen, und ich muss wirklich mit ihm sprechen.«

»Herzchen, ich sagte doch schon, dass es hier keinen Mr Scarlett gibt. So gerne ich Ihnen helfen würde – Sie sind falsch verbunden.«

Das kann definitiv nicht sein. »Aber Sie wohnen in der Adler Street in Whitechapel?«, versuche ich es erneut.

»Ich wohne in Spitalfields«, sagt die Frau sichtlich genervt. »Und eine Adler Street kenne ich nicht.«

Spitalfields liegt direkt neben Whitechapel, das habe ich auf der Karte gesehen. Vielleicht habe ich ja auch nur die Stadtteile verwechselt. Oder der Name der Straße ist falsch.

»Gibt es bei Ihnen im Haus denn Apartmentwohnungen?« Es ist ein Strohhalm, an den ich mich klammere. Mit angehaltenem Atem warte ich.

»Doch, Apartments gibt es hier«, antwortet sie. »Aber die sind alle belegt, da ist nichts frei, soweit ich weiß.«

Die Luft entweicht aus meinen Lungen. Das war meine letzte Hoffnung. Als ich nicht sofort etwas erwidere, höre ich die Frau am anderen Ende der Leitung entnervt seufzen.

»Hören Sie, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen, okay?«

»Aber Mr Scarlett hat mir …«

»Tut mir wirklich leid für Sie, Herzchen. Einen schönen Tag noch.« Es klickt in der Leitung. Sie hat aufgelegt.

Wie erstarrt sitze ich mit dem Hörer in der Hand da. Übelkeit steigt in mir auf, und plötzlich ist mir kalt, als mir klar wird, was das alles bedeuten muss.

Der Mann, den ich für meinen Vermieter gehalten habe, ist offensichtlich ein Betrüger, der es lediglich auf die dreihundert Pfund Kaution abgesehen hatte. Die Wohnung existiert gar nicht – aber woher hätte ich das wissen sollen? Sie hat im Internet total echt gewirkt, bezahlbar und nah am Zentrum.

Ich schlage mir vor die Stirn. Das war vermutlich genau der Trick! Damit war das Angebot für mich interessant, und von Amerika aus hatte ich ja auch keine Chance, das wirklich nachzuprüfen. Ich war zufrieden mit der schriftlichen Bestätigung per Mail, die wohl nur das Papier wert ist, auf dem ich sie ausgedruckt habe. Verdammt!

Aber das ist gar nicht mein größtes Problem. Denn wenn die Wohnung nicht existiert, dann kann ich da auch nicht gleich mit meinem schwarzen Monstrum-Koffer einziehen. Ich habe kein Dach über dem Kopf und keine Ahnung, wie ich so schnell an eine ähnlich bezahlbare Unterkunft kommen soll. Ein Hotel geht natürlich oder eine Pension, aber das ist auf Dauer keine Lösung.

Heiße Tränen brennen mir in den Augen. Es ist nicht nur das verlorene Geld und die neue Suche, zu der ich jetzt gezwungen bin – ich fühle mich so schrecklich im Stich gelassen. Von London. Von meinem Traum von einer schönen Zeit hier. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt.

Ich wische mir mit dem Handrücken über die Augen und gehe schnell hinüber in Annies Büro. Zum Glück ist sie gerade allein, der Schreibtisch ihres Kollegen ist leer.

»Was ist los?«, fragt sie sofort besorgt, als ich mich schwer auf den freien Schreibtischstuhl fallen lasse.

Mit abgehackter Stimme berichte ich ihr, was mir passiert ist, und muss am Ende wieder gegen Tränen der Wut und Enttäuschung kämpfen.

»Das ist alles so unfair«, beklage ich mich.

»Und wie, sagst du, heißt der Kerl noch mal, der sich als dein Vermieter ausgegeben hat?«

»Will Scarlett«, erkläre ich ihr.

»Du weißt aber schon, dass das eine berühmte Figur aus der Robin Hood-Sage ist, oder?«

Verständnislos sehe ich sie an. »Nein«, gestehe ich, und komme mir dumm vor. An das Gefühl sollte ich mich wohl besser gewöhnen, denn es scheint so eine Art Dauerzustand zu werden. Um mich wenigstens etwas zu erklären, füge ich noch hinzu: »Ich … kenne mich mit Literatur nicht so aus.«

Auch das ist mir plötzlich peinlich. Aber ich hatte es ja auch Jonathan Huntington schon gesagt: ich gehe gern mit Zahlen um – nicht mit Buchstaben. Wenn mich an Kunst etwas reizt, dann nicht das geschriebene Wort, sondern Kunstwerke. Bilder, Skulpturen, etwas, das ich anfassen kann, etwas Konkretes.

Und selbst wenn ich belesener wäre, hätte mich dieser Zusammenhang vermutlich nicht misstrauisch gemacht. Ich wäre einfach davon ausgegangen, dass es Zufall ist. Ich meine, so etwas passiert doch, die Leute haben manchmal komische Namen.

Seufzend schüttele ich den Kopf. Andere sind eben nicht so leicht reinzulegen wie ich. Was vermutlich viel darüber aussagt, wie unglaublich naiv ich bin. Naiv und dumm. Und obdachlos.

»Scheiße.« Ich spreche es aus, bevor ich wirklich darüber nachgedacht habe, wie unpassend dieser Ausdruck ist. Aber er tut mir gut. Ein anderes Wort gibt es für meine Situation nämlich gerade nicht.

Trotzig sehe ich Annie an. Habe ich sie jetzt schockiert? Ihre Mundwinkel zucken.

»Ja«, sagt sie. »Schöne Scheiße.«

Fast gleichzeitig fangen wir an zu lachen.

»Vielleicht ist dein falscher Vermieter ja wirklich ein moderner Rächer der Armen. Dann kannst du dich zumindest mit dem Gedanken trösten, dass deine Kaution einem guten Zweck dienen wird.«

»Haha.« Ich lächle, doch dann werde ich wieder ernst. »Denkst du, es hat Sinn, zur Polizei zu gehen?«

Annie nickt. »Das werden wir auf jeden Fall machen, schaden kann es nicht«, sagt sie, und ich liebe sie für das »wir«. Heißt das, sie lässt mich damit nicht allein? »Aber damit haben wir dein Wohnungsproblem noch nicht gelöst.« Mit gerunzelter Stirn sieht sie mich an.

»Ich könnte erst mal in eine Pension gehen«, sage ich, aber ich merke selbst, wie kläglich meine Stimme klingt. Die Müdigkeit übermannt mich jetzt mit voller Wucht, und die Aussicht, erst noch langwierig nach einem passenden Zimmer suchen zu müssen, deprimiert mich mehr, als ich sagen kann. Schon wieder schimmern Tränen in meinen Augen, ich kann es nicht ändern.

»Nein.« Annie sieht jetzt sehr entschlossen aus. »Ich weiß was viel Besseres.« Mit einem breiten Grinsen lehnt sie die Arme auf den Schreibtisch und beugt sich zu mir vor. »Du kommst erst mal mit zu mir.«

»Ist das dein Ernst?« Das Angebot klingt so verlockend, dass ich es kaum glauben kann.

Sie nickt. »Ich wohne in Islington in einer WG mit zwei netten Jungs. Ein Zimmer haben wir im Moment frei, da kannst du auf jeden Fall heute Nacht schlafen. Und danach sehen wir weiter. Was meinst du?«

Was ich meine? Ich meine, dass ich der größte Glückspilz in ganz London bin und dass meine Welt plötzlich wieder in Ordnung ist und ich Annie French umarmen könnte.

»Du bist die Beste«, sage ich und als wir uns anlächeln, spüre ich, dass ich eine neue Freundin gefunden habe.

»Dann hätten wir das ja geklärt«, erwidert sie mit einem verschmitzten Lächeln. »Und jetzt wieder zurück zum Geschäft.« Sie sieht auf die Uhr. »Das Abteilungs-Meeting beginnt in zehn Minuten. Hast du die Berichte durchgelesen?«

Als ich ihr das bestätige, nickt sie zufrieden. Shadrach Alani, ihr Kollege, kommt zurück und nimmt sich einen Stapel Papiere von seinem Schreibtisch. Er lächelt mich an. »Kommt ihr dann?«

Zusammen verlassen wir das Büro, und ich bin wieder mit meinem Schicksal versöhnt.

5

Wir nehmen die Northern Line und sind nach zwanzig Minuten an der U-Bahn-Station mit dem schönen Namen »Angel«, wo wir aussteigen.

»Von hier aus müssen wir noch ein Stück zu Fuß«, erklärt mir Annie, und ich stöhne innerlich, denn der Koffer ist ein echter Hemmschuh. Ich wünschte, wir wären schon da.

Aber während wir gehen, vergesse ich das Gewicht, das ich hinter mir herziehe, und sehe mich fasziniert um. Islington ist ein wirklich hübsches Viertel. Eine geschlossene Front von zweistöckigen Häusern, einige modern, andere alt, aber liebevoll restauriert, zieht sich an der von Bäumen gesäumten Straße entlang, und es gibt alle möglichen kleinen Läden und Boutiquen mit ausgefallenen Auslagen: Vintage-Klamotten, Kunst, Möbel, Feinkost und Backwaren. Mir geht das Herz auf, als mir klar wird, dass dies das London ist, das ich unbedingt erobern will.

Annie sieht meinen begierigen Blick und lacht. »Lust, mit einer Londonerin bei nächster Gelegenheit ausgiebig shoppen zu gehen?«

Ich nicke begeistert. »Unbedingt.« Vielleicht habe ich ja doch eine Chance, hinter das Mode-Geheimnis meiner neuen Mitbewohnerin zu kommen.

Wir gehen noch ein Stück, dann biegt Annie nach links in eine kurze Straße ab, die in einer Sackgasse vor einer Mauer endet. Fast alle Häuser sehen hier identisch aus, sind zweigeschossig und aus braunem Backstein mit hübschen weißen Bogenfenstern. Es gibt nur wenige ganz weiße und ein einziges, das auch braun ist und drei Stockwerke hat. Davor bleibt Annie stehen.

»Hier ist es«, verkündet sie und deutet auf die ebenerdige Eingangstür. Sie stellt sich davor und drückt mehrfach auf die oberste Klingel, während ich vom Gehweg aus neugierig mein neues Heim betrachte. Meine Müdigkeit ist wie weggeblasen. Eigentlich ist es gar kein Unglück, dass es mit der Wohnung in Whitechapel nicht geklappt hat, denke ich. Das hier ist wahrscheinlich viel besser.

»Hast du keinen Schlüssel?«, frage ich Annie irritiert, als ich sehe, dass sie immer noch klingelt.

Sie grinst. »Doch, natürlich. Aber ich habe keine Lust, das Ding da die Treppe rauf zu tragen.« Sie deutet mit dem Kinn auf meinen Monstrum-Koffer.

»In welchem Stock wohnt ihr denn?«, frage ich entsetzt, als mir dämmert, dass ich mein Gepäck sehr wahrscheinlich nicht die Treppe raufziehen kann. Das wird hart.

»Ganz oben – aber wie gesagt, ich denke, der Service ist schon unterwegs.«

Tatsächlich wird in diesem Moment die Tür aufgerissen, und ein junger Mann steht in der Tür. Er hat hellbraune Haare und wirkt sportlich und durchtrainiert. Erschrocken sieht er Annie an.

»Was ist los? Hast du deinen Schlüssel vergessen?« Sein Akzent ist eindeutig amerikanisch, was ihn mir sofort sympathisch macht. Ein Landsmann, hurra.

Annie hält ihren dicken Schlüsselbund hoch und klimpert damit. »Nein, habe ich nicht.«

Der junge Mann hebt die Augenbrauen. »Und du konntest nicht aufschließen, weil …«

»… das gar keinen Zweck gehabt hätte. Wir brauchen dich nämlich. Das ist ein Notfall.« Sie dreht sich zu mir um und deutet mit nach oben gekehrter Handfläche auf mich. »Marcus, darf ich vorstellen, das ist Grace Lawson aus Chicago – Grace, das ist Marcus, der für zwei Gastsemester aus Maine in unser wunderschönes London gekommen ist. Grace ist die neue Praktikantin in unserer Firma und zurzeit leider obdachlos – lange Geschichte, erzählen wir dir nachher –, deshalb schläft sie heute Nacht bei uns, in dem freien Zimmer.«

Marcus scheint mich erst jetzt zu registrieren und sieht mich genauso neugierig an, wie ich gerade ihn gemustert habe. Dann fällt sein Blick auf den Koffer, der neben mir steht.

»Verstehe – Marcus, der Butler, ja?«, sagt er, aber er lächelt. Offenbar kann er Annie genauso wenig böse sein wie ich. Mit schwungvollen Schritten kommt der die Stufen vor der Haustür runter und streckt mir die Hand entgegen, als er mich erreicht. »Hi, Grace.«

»Hallo, Marcus.« Ich schüttele seine Hand, und staune wie fest sein Griff ist.

»Na, dann wollen wir dich mal einziehen.« Er grinst. »Wir Amerikaner müssen ja zusammenhalten.«

Annie verdreht hinter ihm die Augen, während er den Koffer hochwuchtet und die Stufen zur Haustür raufträgt. Er verschwindet damit im Haus.

»Das ist total nett von dir«, rufe ich ihm hinterher. »Vielen Dank.«

»Sieh es als Gefallen, den wir dir tun, Großer. Schließlich musst du trainieren«, stimmt Annie ein, und als ich sie verständnislos ansehe, erklärt sie: »Marcus ist Sportstudent und hat diesen Sommer noch einige Wettkämpfe vor sich – Leichtathletik.«

»Und da hilft Gewichtheben?«, frage ich skeptisch.

»Er macht das gern, glaub mir. Er ist echt hilfsbereit«, beruhigt sie mich, während wir die vielen Stufen hinauf ins Dachgeschoss klettern.

»Fragt sich wie lange noch, wenn du das so ausnutzt«, gebe ich zurück, denn ein bisschen unangenehm ist mir das Ganze trotzdem.

Marcus wartet schon vor der offenen Wohnungstür auf uns. Den Koffer hat er nicht mehr bei sich, wahrscheinlich steht der schon drinnen. Er atmet schwer, und mein schlechtes Gewissen wächst. Bestimmt hasst er mich jetzt schon. Kein guter Einstieg für meine Nacht in der WG.

»Danke«, wiederhole ich noch mal kleinlaut. »Das war wirklich super.«

»Keine Ursache.« Er lächelt und lässt uns in die Wohnung vorgehen. Der Flur, der hinter der Tür beginnt, ist lang, mit hohen Wänden und alten Holztüren, die überallhin abzweigen. An den Wänden hängen bunte Bilder und Plakate, und in den schmalen Regalen zwischen den Türen stehen Bücher, was es sehr gemütlich macht. Über einem Türrahmen ist ein orangenes Tuch befestigt, und es riecht in der ganzen Wohnung so gut nach einer Mischung aus asiatischen Gewürzen, dass ich sofort Heißhunger habe. Kein Wunder, schließlich habe ich den ganzen Tag noch nichts Vernünftiges gegessen, nur ein paar von den Keksen, die bei dem Meeting auf dem Tisch standen.

»Wie’s scheint, sind heute alle Männer in London nett zu dir«, flüstert mir Annie zu, während wir unsere Jacken auf den Garderobenständer hinter der Tür hängen, der so voll ist, dass er aussieht, als würde er jeden Moment zusammenbrechen. Scherzhaft stößt sie mich an, und als mir klar wird, dass sie damit auf unser Gespräch über Jonathan Huntington anspielt, werde ich wieder rot. Doch noch bevor ich etwas darauf erwidern kann, ist sie schon durch den Flur auf die Tür ganz am Ende zugelaufen. »Ich sehe mal nach, ob ich Ian beim Kochen helfen kann. Zeig du ihr das Zimmer, ja, Marcus?«

Etwas befangen stehe ich mit dem sportlichen Marcus im Flur. Er muss ungefähr so alt sein wie ich, vielleicht etwas älter, trägt ein weißes T-Shirt, unter dem sich ansehnliche Muskeln wölben, und eine enge Jeans. Sein Lächeln ist nett, und er ist attraktiv, das lässt sich nicht leugnen. Aber wenn ich mir aussuchen dürfte, welcher der Männer in London ab sofort besonders nett zu mir sein soll, dann würde meine Wahl immer noch auf Jonathan Huntington fallen …

»Okay, hier entlang«, sagt Marcus und reißt mich aus meinen Gedanken. Er führt mich ein Stück weiter zu der Tür neben der, über der das Tuch hängt, und stößt sie auf. Ich blicke an ihm vorbei in ein recht geräumiges Zimmer mit einem Bett, einem Schreibtisch vor den zwei Fenstern, einem Schrank und mehreren Bücherregalen, die jedoch leer sind. Es wirkt sehr sauber und ist offensichtlich unbewohnt. Mein Koffer steht einsam auf dem Teppich vor dem Bett. »Das wäre dann für heute dein Zimmer«, erklärt er, obwohl ich mir das schon gedacht habe.

Zögernd trete ich ein und sehe mich um. Es wirkt nackt und nicht so lebendig wie der Flur mit seinen Plakaten und Büchern, aber das ja auch kein Wunder. »Steht das Zimmer schon länger leer?«, frage ich.

»Seit einem knappen Monat«, antwortet Marcus. »Claire, die vorher hier gewohnt hat, ist zurück nach Edinburgh gezogen. Sie hat auch bei Huntington Ventures gearbeitet, in der Pressestelle. War eigentlich ein guter Job, aber sie hat was Neues gefunden. Kam ziemlich plötzlich. Die Miete für den Monat hat sie noch bezahlt, und wir sind einfach noch nicht dazu gekommen, uns um einen neuen Mitbewohner zu kümmern.«

Ich erschrecke bei der Neuigkeit. Dann war die Frau aus der Presseabteilung, von der Annie vorhin geredet hat, nicht nur eine Kollegin, sondern auch eine Freundin? Hat sie mich deshalb so eindringlich vor Jonathan Huntington gewarnt? Was weiß sie über ihn, was sie mir nicht sagt?

»Ist was?«, fragt Marcus. Er sieht besorgt aus, und ich lächle hastig, um mir nichts anmerken zu lassen.

»Nein, nein«, versichere ich ihm und gehe wieder zurück in den Flur.

Marcus deutet auf drei weitere Türen, ohne sie zu öffnen und mir die Zimmer dahinter zu zeigen. »Das da ist mein Reich, da vorne wohnt Ian, und da residiert unsere Chefin.« Er sagt es liebevoll, und man merkt, dass die beiden sich gut verstehen. »Und hier«, er öffnet die Tür neben meinem Zimmer, »ist das Bad.«

Es ist nicht besonders groß und müsste dringend mal renoviert werden, aber es gibt alles, was nötig ist und es ist sauber – eine Badewanne mit Hähnen zum Drehen, die sehr antiquiert aussehen, einem ziemlich verschlissenen Duschvorhang, ein Klo und diverse Schränke. Ein Teil davon ist offen und enthält ein ansehnliches Sammelsurium an Toilettenartikeln für Damen und Herren sowie mehrere Stapel mit Handtüchern in allen Farben, die offensichtlich aus dem Besitz verschiedener Leute zusammengewürfelt sind. Ein buntes Strandtuch, das noch nass ist, hängt über dem Wannenrand zum Trocknen. An der Wand gegenüber der Wanne hängt ein großes Bild, das einen Strand und das Meer im Sonnenuntergang zeigt.

»Und hier kommen wir in das Herzstück unseres Reiches, die Küche«, fährt Marcus fort und geht weiter bis zum Ende des Flures, der in einen großen hellen Raum mit einer Kochzeile führt. Es ist keine Designerküche, sie hat nicht mal eine richtige Arbeitsplatte, sondern besteht aus ein paar alten Schränken, einem auch definitiv schon älteren Herd, einem großen silbernen Kühlschrank, der sehr modern aussieht und zum Rest nicht recht passt, und einem Holztisch mit Stühlen und einer Bank vor dem Fenster.

Vor dem Herd steht Annie mit einem weiteren jungen Mann. Die beiden umarmen sich, und er flüstert ihr gerade etwas ins Ohr, was sie lachen lässt. Der Anblick verblüfft mich. Dass sie mit einem der »Jungs« aus der WG zusammen ist, hat Annie gar nicht erwähnt, aber man sieht ihren verliebten Blicken an, dass es so sein muss.

Als sie uns kommen sehen, trennen sich die beiden, und der junge Mann wendet sich mir lächelnd zu. Neugierig betrachte ich ihn genauer. Er ist kleiner als Marcus, aber er wirkt drahtig. Seine blonden Haare sind lang und hinter dem Kopf zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Über sein linkes Ohr ziehen sich diverse Piercings, und seine Arme sind da, wo das T-Shirt die Haut nicht verdeckt, tätowiert, genau wie ein Teil seines Halses.

»Hallo, ich bin Ian«, begrüßt er mich und wischt sich die Hand an einem Küchentuch ab, um sie mir danach entgegenzustrecken. Sein Händedruck ist fest. »Annie hat mir schon erzählt, dass du heute Nacht bei uns unterschlüpfst.« Er hat einen schottischen Akzent, den ich lustig finde. Er ist überhaupt ein echter Typ, unverwechselbar.

»Das riecht lecker«, sage ich und deute auf die Töpfe, in denen er rührt.

»Meine Spezialität: Curry à la Ian. Setz dich schon mal, es ist gleich fertig. Marcus, machst du den Wein auf? Die Flasche steht da drüben.«

Marcus beschäftigt sich mit seinem Auftrag und macht sich an der Rotweinflasche zu schaffen, die auf der Anrichte steht, und ich setze mich zu Annie, die auf der Bank am Küchentisch sitzt und in einer Zeitschrift blättert.

»Na, gefällt dir das Zimmer?«, erkundigt sie sich.

Ich nicke, bin jedoch schon wieder mit der Frage beschäftigt, die mich nicht loslässt. »Annie, warum hast du mir nicht gesagt, dass die Frau aus der Presseabteilung, von der du mir heute Morgen erzählt hast, deine Freundin war?«

Annie legt die Zeitung weg. »Weil sie das nicht war, deshalb. Wir haben hier zusammen gewohnt, und sie war nett, aber so richtig verstanden habe ich sie nie.«

»Weil sie sich in Jonathan Huntington verliebt hat?«

»Ja, auch.«

»Wie alt war sie?«

»Siebenundzwanzig. Eine Bekannte von Ian. Kam aus Edinburgh, wo sie jetzt wieder hin ist. Es war so ein toller Job, den sie hier hatte, eine echte Karrierechance. Und sie gibt ihn auf, weil …« Sie bricht ab.

»Weil was?«

»Weil sie diesen Kerl nicht kriegen kann. Weil er … ach, was weiß ich. Hör zu, sie hat niemanden gesagt, was da genau vorgefallen ist, aber eins weiß ich: es stimmt etwas nicht mit Jonathan Huntington. Also noch mal und ein für alle Mal: denk nicht mal dran!«

»Das tue ich doch gar nicht«, verteidige ich mich rasch.

»Und warum lässt du das Thema dann nicht endlich fallen?«

Sie hat recht. Aber es lässt mir einfach keine Ruhe.

»Denkst du, es hat was damit zu tun, dass er adelig ist?«

Jetzt muss Annie lachen. »Weil alle adligen Engländer ein bisschen überspannt sind? Grace, du hast zu viele Filme gesehen. Damit hat das nun wirklich nichts zu tun. Außerdem ist er noch gar nicht adelig. Er wird der nächste Earl of Lockwood, wenn sein Vater stirbt, der das im Moment noch ist und in all seiner Herrlichkeit auf Lockwood Manor residiert, einem Landsitz südlich von hier, an der Küste unten. Das erbt unser Boss dann alles, auch einen Sitz im House of Lords, aber er steigt erst wirklich in den Adel auf, wenn der alte Earl das Zeitliche segnet. Der Viscount ist nur ein Höflichkeitstitel für den ältesten Sohn, eigentlich ist Jonathan Huntington noch ein Bürgerlicher – und gehört wie du und ich zum gemeinen Volk. Vorläufig jedenfalls.«

»Das wusste ich nicht.« Entsetzt fällt mir das »Sir« wieder ein, mit dem ich ihn am Flughafen begrüßt habe. Mein Gott, habe ich mich lächerlich gemacht.

Annie grinst. »Das kannst du auch ruhig gleich wieder vergessen. Denn wenn du ihn mit Lord Huntington ansprichst – das könntest du, wenn du willst, korrekt wäre es – dann fängst du dir allerhöchstens einen bösen Blick ein. Er hat Anspruch darauf, so genannt zu werden, aber er legt keinen Wert darauf. Und jetzt will ich nicht mehr über Jonathan Huntington reden, okay? Unsere letzte Mitbewohnerin war schon fixiert auf ihn – fang du nicht auch noch an.« Sie stößt mich an und lächelt. »Genieß lieber Ians hervorragendes Essen. Er hat ein Tattoo-Studio ein Stück die Straße runter und so viel zu tun, dass er kaum zum Kochen kommt.«

Wir nehmen beide von Marcus ein Glas Wein entgegen, und als Ian kurz danach dampfende Teller mit herrlich duftendem Curry auf den Tisch stellt, schaffe ich es tatsächlich, den Mann, der mich heute so aus dem Gleichgewicht gebracht hat, für eine Weile aus meinen Gedanken zu verdrängen. Ich genieße die entspannte Atmosphäre in der Küche. Ian erzählt lustige Geschichten aus seinem Tattoo-Studio, und Marcus will natürlich genau wissen, wo ich herkomme. Ich finde es schön, nicht mehr ganz allein unter Engländern zu sein, und genieße seinen vertrauten Akzent. Und je öfter ich die Geschichte von meinem Vermieter erzählen muss – die anderen können sie gar nicht oft genug hören und amüsieren sich immer wieder darüber –, desto mehr kann ich selbst darüber lachen.

Irgendwann bin ich satt, ein bisschen angetrunken und so müde, dass ich kaum noch die Augen aufhalten kann. Ich rufe schnell Hope noch einmal an, der ich das ja versprochen hatte, und berichte ihr von meinem Missgeschick und dem glücklichen Ausgang, den es genommen hat. Dann verabschiede ich mich von den anderen, die noch in der Küche sitzen, und gehe schlafen. Als ich aus dem Bad komme, stelle ich fest, dass Annie mein Bett schon bezogen hat, und ich bin ihr so dankbar, dass ich sie noch viel lieber habe als sowieso schon. Ich habe nur noch die Kraft, mein Nachthemd aus dem Koffer zu ziehen, es überzustreifen und unter die Decke zu schlüpfen.

Eigentlich dachte ich, dass ich sofort einschlafen würde, aber obwohl mein Körper total erschöpft ist, arbeitet mein Kopf weiter, zeigt mir noch einmal die Bilder dieses aufregenden Tages. Und bleibt bei einem Bild immer wieder hängen. Verdammt! Annie hat recht, ich muss endlich aufhören, ständig an Jonathan Huntington zu denken. Ich werde ihn höchstens noch ein paar Mal von Weitem sehen. Er hat mit meinem Leben nichts zu tun. Also, vergiss ihn, Grace!

Er ist ein zukünftiger Earl, mit Sitz im House of Lords. Und auf einem Herrensitz aufgewachsen. Als wären der Reichtum und die Firma und all das noch nicht genug. Uns trennen Welten. Deshalb werde ich morgen endlich anfangen, vernünftig zu sein, nicht mehr an ihn denken und mich auf die Arbeit konzentrieren. Es ist mein letzter Gedanke, bevor der Schlaf mich übermannt.

6

»Ist das wirklich euer Ernst?« Ich starre Annie an, während die U-Bahn, die hier Tube heißt, über eine Weiche rast und wir durchgeschüttelt werden. Es ist halb acht Uhr morgens, und der Wagon ist voller Menschen, die alle wie wir in die City wollen, um pünktlich bei der Arbeit zu sein, deshalb müssen wir stehen und halten uns an den Stangen über uns fest.

»Hätte ich es sonst vorgeschlagen?« Annie grinst. »Als du schon im Bett warst, haben die Jungs und ich das besprochen, und wir waren alle dafür.« Sie zwinkert mir zu. »Vor allem Marcus. Ich glaube, bei dem hast du einen besonders bleibenden Eindruck hinterlassen.«

»Das ist so nett von euch.« Ich kann mein Glück immer noch nicht fassen: Ich darf in der WG bleiben, für die gesamte Dauer meines Praktikums! Das hat Annie mir eben angeboten, und ich könnte sie knutschen, so begeistert bin ich. Als ich heute Morgen wach wurde, habe ich nämlich mit Grauen an die Suche nach einer Bleibe gedacht, die mir noch bevorgestanden hätte. »Ich zahle euch natürlich ab sofort Miete«, erkläre ich entschlossen.

Annie winkt ab. »Das sehen wir dann. Du musst ja erst mal die dreihundert Pfund verkraften, die dir jetzt fehlen. Apropos: Wir können heute nach der Arbeit zur Polizei gehen und Anzeige erstatten, wenn du willst. Wer weiß, vielleicht kriegen sie den Kerl ja.«

»Ja, lass uns das machen«, erwidere ich, aber insgeheim bin ich gar nicht mehr traurig darüber, dass es mit der Wohnung in Whitechapel nicht geklappt hat. Die Alternative ist so viel besser! Ich muss nicht abends allein in einem einsamen Apartment sitzen, sondern kann die Zeit mit drei wirklich netten Menschen verbringen. Ich habe ein richtiges Zuhause in dieser fremden Stadt, und das ist ein tolles Gefühl. Das hätte auch alles ganz anders laufen können.

Von der Tube-Station »Moorgate« laufen wir zum Huntington-Gebäude am London Wall. Es ist wieder ein herrlicher Tag, der Himmel ist blau und wolkenlos und spiegelt meinen derzeitigen Gemütszustand. Im Lift auf dem Weg nach oben erklärt Annie mir, in welchen Stockwerken welche Abteilungen untergebracht sind.

»Und wo ist die Chefetage?« Die Frage rutscht mir raus, bevor ich darüber nachgedacht habe.

Sie hebt eine Augenbraue. »Fängst du schon wieder an.«

»Ich will es doch nur wissen«, verteidige ich mich, und Annie gibt nach. Sie deutet auf den obersten Knopf auf der Leiste. »Ganz oben. Von dort hat man einen fantastischen Blick über die City.«

Die Türen öffnen sich im vierten Stock, und wir gehen wieder den Abteilungsflur hinunter. Doch wir kommen nicht bis in unsere Büros, denn als wir am Sekretariat vorbeigehen, hält Veronica Hetchfield uns auf.

»Moment, Miss Lawson. Der Boss hat gerade angerufen. Er möchte Sie sprechen.«

Ich erstarre förmlich. Der Boss? Dann fällt mir ein, dass sie damit sicher den Abteilungsleiter meint.

»Danke«, sage ich und will mich wieder in Bewegung setzen, um zu Clive Renshaws Büro zu gehen. Doch sie hält mich zurück.

»Falsche Richtung. Das Büro von Mr Huntington ist oben.«

Ich muss so hart schlucken, dass es fast wehtut. »Mr Huntington?«, wiederhole ich heiser. »Sie meinen, Mr Huntington ist der Boss?«

Sie sieht mich mit hochgezogenen Brauen an. »Mr Huntington ist der Boss, genau«, wiederholt sie, und mir wird jetzt erst klar, was für eine dämliche Frage das war.

»Ich meine, dann ist er es, der mich sprechen möchte?«

»Das hat er gesagt, als er gerade anrief.« Sie macht eine ungeduldige Bewegung mit der Hand. »Also los, lassen Sie ihn nicht warten. So etwas hasst er.«

Annie, die immer noch neben mir steht, reißt die Augen auf, und auch Veronica scheint die Tatsache, dass ich schon am zweiten Tag in die Chefetage beordert werde, ungewöhnlich zu finden, denn sie mustert mich aufmerksam. Was mich nur noch nervöser macht.

»Tja, also dann.« Ich gebe Annie meine Handtasche und meinen dünnen Sommermantel, dann drehe ich mich wieder zum Fahrstuhl um, aus dem wir gerade ausgestiegen sind. Das Herz klopft mir bis zum Hals.

»Fahr ganz nach oben, da ist noch mal ein eigener Empfang. Die Sekretärin führt dich dann zu ihm«, ruft Annie mir noch hinterher, und ich nicke ihr mit einem unsicheren Lächeln über die Schulter zu, bevor ich mich in Bewegung setze.

Der Fahrstuhl kommt erschreckend schnell oben an, und als die Türen aufgehen, trete ich staunend in das Machtzentrum von Huntington Ventures. Wow. Der Vorraum ist riesig und die Außenwände sind wie überall im Gebäude aus raumhohem Glas, sodass man tatsächlich einen atemberaubenden Blick über die Stadt hat. Es ist still hier, weil der weiche Teppichboden alle Geräusche zu schlucken scheint. Auch meine, als ich darüber gehe, vorbei an zwei edlen Designer-Sesseln, die offenbar für wartende Besucher gedacht sind, und auf den dunklen Schreibtisch zuhalte, der in der Mitte zwischen vier Türen platziert ist. Diese sind allerdings nicht aus Glas wie unten und geben keinen Einblick in das, was dahinter liegt.

Eine attraktive schwarzhaarige Frau sieht auf, als ich komme, und lächelt mich an.

»Ah, Miss Lawson«, sagt sie, so als wäre ich schon hundert Mal hier gewesen, und steht auf. »Mr Huntington erwartet Sie schon.«

Sie kommt um den Schreibtisch herum und geht auf die Tür ganz rechts zu. Ihr saphirblaues Kostüm sieht teuer und sehr elegant aus, und ich bin mir plötzlich bewusst, dass ich mit ihr, was das modische Aussehen angeht, nicht mal annähernd mithalten kann. Die schwarzen Sachen von gestern habe ich gegen einen hellen Rock und eine blassgrüne Bluse getauscht. Ich musste nämlich an Hopes Worte denken, als ich heute Morgen vor meinem noch unausgepackten Koffer stand, und habe das rausgesucht, was ich am frühlingshaftesten fand.

Nervös streiche ich über den engen Rock und wünschte, ich hätte das nicht getan. Das Grün strahlt lange nicht so wie das Blau, das die Vorzimmerdame trägt, im Gegenteil. Jetzt finde ich es richtig langweilig. Hastig sehe ich an mir herunter und öffne einen weiteren Knopf meiner Bluse. Jetzt ist der Spitzenbesatz meines Unterhemdes zu sehen, und ich fühle mich zumindest ein bisschen attraktiver.

Die Frau öffnet die Tür und ruft in den Raum hinein, dass ich jetzt da bin. Mit einem Kopfnicken fordert sie mich auf, das Zimmer zu betreten, was ich zögernd tue. Sobald ich durch die Tür bin, geht diese hinter mir wieder zu, und ich bin allein – mit dem Boss.

Jonathan Huntington sitzt an seinem breiten, elegant geschwungenen Schreibtisch aus edel schimmerndem Holz am Ende des langen Raumes, der so groß ist wie der Konferenzraum unten, in dem wir gestern gesessen haben. Nein, größer, mit einer Sitzecke mit cognacfarbenen Ledercouchen rechts von mir und hellen Schränken an den Wänden, die zu der zeitlos-schlichten, aber sicher sehr teuren Einrichtung passen. Die Wand hinter dem Schreibtisch ist auch komplett aus Glas, dahinter erstreckt sich die grandiose Kulisse der City of London.

Was für ein Anblick, denke ich, und weiß nicht genau, was ich beeindruckender finde, die Stadt oder den Mann, der jetzt aufsteht und auf mich zukommt.

»Miss Lawson.« Seine Stimme ist tief und weich, und mir läuft ein kleiner Schauer über den Rücken, weil ich sie so angenehm finde. Mit wild klopfendem Herzen gehe ich ihm über den dicken Teppich entgegen. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was er von mir wollen könnte, und bin furchtbar unsicher.

Je näher wir uns kommen, desto besser erkenne ich seine Züge, das kantige Kinn, die hohen Wangenknochen, die vollen Lippen. Ich sehe seine blauen Augen, die in seinem gebräunten Gesicht besonders auffallen, und dieses leichte Lächeln, das mich gestern schon so nervös gemacht hat. Er trägt wieder schwarz, und sein Haar fällt ihm in die Stirn, aber heute ist er frisch rasiert.

Dann stehen wir voreinander, und ich rieche sein Aftershave, das noch immer die gleiche knieaufweichende Wirkung auf mich hat. Er streckt mir die Hand entgegen, die ich ergreife. Sein Händedruck ist warm und fest, aber er dauert nur eine Sekunde, dann lässt er mich wieder los und deutet auf den Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch, einen lederbezogenen Sessel, der zu seinem eigenen Schreibtischsessel passt.

»Setzen Sie sich doch.«

Zögernd lasse ich mich in den breiten Sitz sinken, während er um den Schreibtisch herumgeht und auch wieder Platz nimmt.

»Heute kein Schwarz?«, fragt er und deutet auf meine Kleidung.

»Äh … nein«, erwidere ich und ärgere mich erneut, dass ich auf Hope gehört habe. Aber woher hätte ich wissen sollen, dass mir der Mann, dem meine schwarzen Sachen gefallen, heute noch einmal begegnet?

Er lehnt sich zurück. »Wie war Ihr erster Tag bei uns, Miss Lawson? Sind Sie zufrieden?«

Ich starre ihn überrascht an. Er will wissen, wie es mir geht? Ist das irgendein Test?

»Ich … danke, es gefällt mir gut. Die Kollegen sind sehr nett, vor allem Annie … Annie French. Sie hat mir sehr geholfen.«

»Ja, ich habe davon gehört. Es hat Schwierigkeiten mit Ihrer Wohnung gegeben?«

Jetzt bin ich richtig verwirrt. Er weiß davon? Von wem? Clive Renshaw habe ich das nicht erzählt. Aber Veronica hat es mitbekommen, als wir gestern gingen. Hat Jonathan Huntington sie danach gefragt? Und wieso interessiert ihn das überhaupt?

»Ich bin leider auf einen Betrüger hereingefallen«, erkläre ich ihm, als mir klar wird, dass er auf eine Antwort wartet. »Der angebliche Vermieter hat die Kaution für ein Apartment kassiert, das es in Wirklichkeit nicht gibt. Aber ich konnte bei Miss French übernachten, ich war also nicht obdachlos.«

Er beugt sich vor. »Das wollen wir auch auf keinen Fall, dass eine unserer Praktikantinnen auf der Straße schlafen muss«, sagt er, und fast habe ich das Gefühl, dass seine Stimme mich streichelt. Nur mit Mühe kann ich mich auf seine Worte konzentrieren. Reiß dich zusammen, Grace!

Er spricht schon weiter. »Unsere Rechtsabteilung wird sich um die Angelegenheit kümmern. Wir werden umgehend Anzeige erstatten, und der Polizei wird es hoffentlich gelingen, diesen Kerl dingfest zu machen, damit Sie Ihr Geld zurückbekommen. Ich nehme an, es gibt Belege über die Überweisung, die Sie getätigt haben?«

»Nein … ich meine, ja, es gibt Unterlagen. Aber das ist wirklich nicht nötig, dass Sie da etwas unternehmen. Ich kann selbst zur Polizei gehen.« Allein der Gedanke, dass er mich gleich fragen könnte, wie mein angeblicher Vermieter heißt, treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Ich würde nämlich definitiv vor Scham sterben, wenn ich Jonathan Huntington auch noch gestehen muss, dass ich eine der berühmtesten englischen Sagen nicht wirklich kenne. Das ist so alles schon peinlich genug.

»Sie dürfen das in Anspruch nehmen. Ich bestehe darauf«, beharrt er. »Und eine Lösung für Ihr Wohnungsproblem habe ich auch schon gefunden. Sie können für die Dauer Ihres Praktikums in einem firmeneigenen Apartment hier ganz in der Nähe wohnen. Mein Chauffeur Steven, den Sie ja schon kennengelernt haben, bringt Sie nachher hin und zeigt Ihnen alles.«

Ich bin wie vor den Kopf gestoßen und starre ihn nur an, während ich versuche, mir eine Meinung zu bilden über das, was er mir da anbietet. Er hat mir eine Wohnung organisiert. Okay, nett. Wow. Sehr nett sogar. Aber er hätte mich ja auch mal fragen können, ob ich das möchte. Oder brauche. Irgendwie ärgert es mich, dass er das schon wieder einfach alles bestimmt. Als würden die Leute immer grundsätzlich tun, was er sagt. Tun sie wahrscheinlich auch, erinnere ich mich noch mal. Deshalb ist er ja so erfolgreich. Aber selbst wenn er mich beim letzten Mal überreden konnte, sein Angebot anzunehmen – diesmal steht mein Entschluss fest.

Ich lächle ihn an. »Das ist sehr freundlich, Mr Huntington, aber ich habe mein Wohnungsproblem schon selbst gelöst. In der WG von Miss French ist noch ein Zimmer frei, und sie hat mir heute Morgen angeboten, dass ich dort für die Dauer des Praktikums einziehen kann.«

Er runzelt die Stirn. »Ein WG-Zimmer ist mit der Wohnung, von der wir sprechen, nicht vergleichbar. Es ist eine Penthouse-Suite, die sonst Geschäftspartnern zur Verfügung steht, wenn sie in der Stadt sind.« Ganz offensichtlich ist es für ihn eindeutig, wofür ich mich daher entscheiden muss.

Aber so toll er aussieht und so interessant ich ihn finde – ich muss gar nichts. Und für nichts auf der Welt gebe ich mein WG-Zimmer in Islington wieder her.

»Das mag sein, und ich bin Ihnen auch sehr dankbar für das Angebot«, erkläre ich ihm. »Aber ich fühle mich in der WG von Miss French sehr wohl und möchte dort gerne bleiben.«

»Aha.« Er kann seine Überraschung – und seine Verärgerung – nur schlecht verbergen. »Nun, das ist Ihre Entscheidung.« Sein Tonfall macht unmissverständlich klar, was er persönlich davon hält, und für einen Moment überkommt mich wieder ein schlechtes Gewissen.

Inzwischen hält er mich wahrscheinlich für ziemlich verstockt, weil ich mir von ihm nicht helfen lassen mag. Aber ich will wirklich nicht irgendwo allein in einer Penthouse-Wohnung sitzen, wenn ich stattdessen mit Annie und ihren Freunden Spaß haben kann.

Er runzelt die Stirn, offenbar immer noch irritiert über meine Antwort, und um seinem kritischen Blick zu entgehen, starre ich auf seine Brust. Seine ziemlich breite Brust. Wie gestern trägt er auch heute keine Krawatte, und das eng anliegende Hemd steht am Kragen leicht auf. Wie gebannt bleibt mein Blick an der gebräunten Haut hängen, die dort hervorblitzt, und mein Mund wird plötzlich ganz trocken. Hastig hebe ich die Augen wieder und treffe auf seine.

»War das alles?«, frage ich und rutsche unruhig auf meinem Sessel hin und her. Es muss doch alles gewesen sein. Was könnte er sonst noch von mir wollen?

»Nein, das war noch nicht alles«, erklärt er entschieden, und ich sitze sofort wieder stocksteif da und warte.

Ich habe keine Ahnung, was jetzt kommt, aber dieser Besuch ist beinah qualvoll für mich. Warum hat er denn nicht endlich Erbarmen mit mir und lässt mich gehen? Ich meine – es hat sich ja nichts geändert. Er ist der Boss und ich bin ein Niemand, jemand der in seiner Firma ein paar Erfahrungen sammeln darf. Ich habe es vielleicht durch einen – peinlichen – Zufall geschafft, seine Aufmerksamkeit zu erregen, aber das wird nicht lange halten. Dafür ist der Graben zwischen uns einfach zu breit. Gleich ist es also schon wieder vorbei, und wenn ich ganz viel Glück habe, blamiere ich mich vorher nicht noch mal.

Erneut lehnt er sich auf diese extrem entspannte Art zurück, die so viel Selbstbewusstsein ausstrahlt. Das Haar ist ihm in die Stirn gefallen, und er schiebt es beiläufig mit der Hand zurück. Es ist keine eitle Geste, sondern etwas, das er gar nicht zu registrieren scheint, deshalb wirkt es sehr lässig. Wieder überlege ich, dass ich die Länge seiner Haare ziemlich schön finde. Nicht jedem steht das, aber ihm schon. Für einen Moment frage ich mich, wie sich seine Haare wohl anfühlen und ob sie so weich sind, wie sie aussehen, dann merke ich, dass er etwas sagt, und ich konzentriere mich wieder auf seine Worte.

»Clive hat mir berichtet, dass Sie bei Ihrem ersten Meeting gestern einen sehr guten Eindruck hinterlassen haben. Wie es scheint, sind Sie ausgesprochen engagiert und haben ein gutes Gefühl für die Projekte, auf die diese Abteilung von Huntington Ventures spezialisiert ist – übrigens eines der Herzstücke unseres Unternehmens, an dem mir und meinem Kompagnon besonders viel liegt.«

»Ich weiß … ich meine, nicht, dass ich einen guten Eindruck hinterlassen habe, das wusste ich nicht, aber dass Ihnen die Förderung von Innovationen am Herzen liegt. Das … gehört schließlich zu Ihrer Firmenphilosophie.«

Was rede ich denn da? Ich sag’s ja, ich muss hier raus, und zwar dringend.

Er lächelt, und ich bin wieder völlig gebannt. Wenn seine Zähne eine perfekte Reihe bilden würden, dann wäre Jonathan Huntington immer noch extrem attraktiv. Aber diese kleine abgeschlagene Ecke gibt seinem Lächeln etwas Einzigartiges, an dem ich mich gar nicht sattsehen kann. Es macht ihn echter irgendwie – und verletzlicher. Wie das wohl das passiert ist, frage ich mich.

»Sie sind gut informiert«, sagt er mit seiner dunklen Streichel-Stimme. »Und Sie dürfen sich freuen, Miss Lawson. Sie werden nämlich ab sofort für mich arbeiten.«

»Äh … ich dachte, das tue ich schon«, erwidere ich verwirrt.

Sein Lächeln vertieft sich. »Ich glaube, das habe ich falsch ausgedrückt. Natürlich arbeiten Sie schon für mich, aber Sie werden ab sofort mit mir arbeiten.«

Was? Mein Herz nimmt Fahrt auf. »Mit Ihnen? Ich verstehe nicht …«

»Ich gewähre Ihnen einen Einblick in die Führung dieses Unternehmens. Sie dürfen mich begleiten, als eine Art – Assistentin. Es wird zwar Ausnahmen geben, aber Sie werden bei den meisten Gesprächen, die ich führe, anwesend sein und können mich alles fragen, was Sie interessiert. An den Entscheidungsprozessen selbst sind Sie natürlich nicht beteiligt, aber ich bin durchaus gewillt, mir Ihre Meinung anzuhören, wenn Sie etwas zu sagen haben.«

Sein Tonfall ist nicht fragend, er bietet mir das nicht so an, dass ich eine Wahl habe – es ist eine Anordnung. Aber ich zögere trotzdem.

Ein Teil von mir – der ehrgeizige Teil – jubiliert. Jackpot, Grace. Du darfst Jonathan Huntington begleiten und ihm über die Schulter schauen, während er dieses Unternehmen leitet. Du bekommst Einblicke, von denen du nicht mal zu träumen gewagt hast. Das ist eine unglaubliche Chance.

Aber da ist auch noch eine andere, etwas leisere Stimme, die mich warnt. Vor dem Mann, in dessen Nähe ich Schwierigkeiten habe, klar zu denken. Und vor dem ich mich hüten soll, wenn es nach Annie geht. Will er mir wirklich nur eine Chance geben – oder hat er einen anderen Grund für dieses unglaubliche Angebot?

»Wieso bieten Sie mir das an?« Ich stelle die Frage, bevor ich richtig darüber nachgedacht habe. Sie drängt einfach aus mir heraus.

Er hebt die Augenbrauen, dann schnaubt er leicht und schüttelt lächelnd den Kopf. Offenbar findet er mich ziemlich amüsant.

»Möchten Sie lieber in der Investment-Abteilung bleiben?« Er sagt das schon wieder mit diesem Unterton, der mir deutlich zu verstehen gibt, dass ich offensichtlich nicht ganz richtig im Kopf bin. »Wenn Sie diese Chance nicht wahrnehmen wollen, dann …«

»Doch, natürlich will ich.« Es ist der ehrgeizige Teil von mir, der ihm das hastig versichert, bevor der andere eine Chance hat, richtig darüber nachzudenken. »Ich … wundere mich ja nur.«

»Worüber?«

Dieser Mann treibt mich noch in den Wahnsinn. Fast verzweifelt sehe ich ihn an, weil ich nicht weiß, ob ich mich traue, das zu fragen, was mir auf der Seele brennt.

»Machen Sie das öfter?« Diesmal ist es die warnende Stimme, die sich durchsetzt und die Frage stellt. Wenn er so etwas oft macht, dann bin ich nichts Besonderes. Aber wenn nicht – wieso dann ich?

Wieder sieht er mich auf diese halb amüsierte, halb verärgerte Weise an und schiebt sich das Haar aus der Stirn.

»Was, ob ich oft nette Angebote mache? Nein, tue ich nicht. Und ich kann es in Zukunft auch lassen. Denn Sie scheinen ein echtes Problem damit zu haben, Miss Lawson.«

»Nein, das haben Sie missverstanden, ich …« Ich hole tief Luft. Und selbst wenn, denke ich, und schlage Annies Warnungen und meine eigenen Bedenken in den Wind. Selbst wenn er ein anderes Motiv hat, was immer das sein mag – will ich wirklich auf die Möglichkeit verzichten, die er mir bietet? Ich meine, hallo? Jonathan Huntington will nett zu mir sein. Da sagt man doch nicht nein. »Ich bin begeistert. Wirklich. Ich möchte das sehr gerne machen.«

Er schweigt für einen Moment und fixiert mich nur mit seinen viel zu blauen Augen. Prüfend. So als würde er erwarten, dass ich meine Meinung vielleicht doch noch ändere.

»Also«, sagt er schließlich und steht auf. »Dann sollten wir darauf anstoßen.«

Er geht zu einem der Schränke hinüber, der in der Nähe der Ledercouch steht, und als er ihn öffnet, sehe ich, dass es eine Bar ist. Überrascht schaue ich auf die Uhr. Es ist erst halb neun. Er will doch jetzt nicht ernsthaft schon Alkohol trinken?

Kurz darauf dreht er sich um. »Kommen Sie«, fordert er mich auf. In den Händen hält er zwei hohe Gläser mit einer dunkelorangenen Flüssigkeit. Als ich bei ihm bin, reicht er mir eins davon. Skeptisch betrachte ich es.

»Was ist das?«

»Ein Fruchtcocktail.« Einer seiner Mundwinkel hebt sich spöttisch. Offenbar hat er meine Gedanken erraten. »Meine Tage sind lang, und ein paar Vitamine am Morgen können nicht schaden. So früh trinke ich für gewöhnlich noch keinen Alkohol.«

»Nein, natürlich nicht«, erwidere ich und stöhne innerlich, weil ich so leicht zu durchschauen bin.

Es klopft kurz an der Tür, und einen Augenblick später kommt die schöne Schwarzhaarige herein. »Mr Huntington, ich müsste Sie kurz sprechen.«

»Einen Moment«, sagt er zu mir und stellt sein Glas auf den Glastisch vor der Couch ab. »Ich bin gleich zurück.«

Unentschlossen stehe ich mit meinem Fruchtcocktail in der Hand da, als ich allein in dem großen Büro bin. Ich bin immer noch völlig überwältigt, aber plötzlich spüre ich auch eine kribbelnde Aufregung. Erst jetzt wird mir wirklich klar, was das alles für mich bedeutet. Was für eine Chance!

Ein oder zwei Minuten rühre ich mich nicht von der Stelle. Aber weil es nicht so aussieht, als würde er gleich zurückkommen, sehe ich mich zum ersten Mal richtig im Raum um – und bemerke eine Tür an der Wand, die mir vorher noch gar nicht aufgefallen war. Sie steht einen Spalt weit auf.

Neugierig umrunde ich die Couch und trete näher heran, aber der Spalt ist so schmal, dass ich nicht hindurch sehen kann. Deshalb schiebe ich die Tür vorsichtig noch ein Stück weiter auf, und dann, als ich sehe, was dahinter liegt, ganz. Es ist – ein Schlafzimmer. Mit einem breiten Bett mit einem Gitterkopfteil, auf dem eine hellbraune Tagesdecke liegt, und hohen Einbauschränken an den Wänden. Eine weitere Tür scheint in einen Waschraum oder ein kleines Bad zu führen. Hier ist die Außenwand auch verglast, aber es hängen Stoffblenden davor, die sich bei Bedarf schließen lassen.

Staunend betrachte ich das Zimmer. Dass er in seinem Büro auch übernachten kann, hätte ich nicht gedacht. Aber vielleicht arbeitet er ja oft lange. Oder … Der Gedanke, was er hier vielleicht sonst noch tut, treibt mir das Blut in die Wangen.

Plötzlich spüre ich einen Luftzug an meiner Wange und fahre herum. Jonathan Huntington steht dicht hinter mir und sieht mich an. Er hat sein Glas wieder in der Hand. Ich habe ihn nicht kommen hören.

»Oh, entschuldigen Sie«, stottere ich. »Ich wollte nicht neugierig sein, aber …«

»Aber Sie waren es«, beendet er den Satz für mich.

Für eine Sekunde glaube ich, dass ich jetzt alles ruiniert habe. Ich habe seine Privatsphäre verletzt, und jetzt ist er böse auf mich und wird sein Angebot zurücknehmen. Mit angehaltenem Atem warte ich auf die harten Worte, mit denen er mich sicher gleich zurechtweisen wird.

Doch er schenkt mir wieder eines dieser entwaffnend charmanten Lächeln. »Wenn es sehr spät wird, habe ich oft keine Lust mehr, noch bis nach Knightsbridge zu fahren. Dann schlafe ich hier«, erklärt er. »Aber«, er hebt die Hand, und ich glaube schon, dass er mich berühren will, doch er stützt sie hinter mir am Türrahmen auf, lehnt sich dagegen, »ich vermische niemals Dienstliches mit Privatem. Also keine Sorge.«

Ich starre ihn nur an, weil ich spüre, dass meine Stimme mir gerade nicht gehorcht, und frage mich, was er damit meint. Worüber soll ich mir Sorgen – oder keine Sorgen machen? Sicher nicht über das, was mir gerade durch den Kopf geht. Oder doch? Ich kann einfach nicht klar denken, wenn er direkt vor mir steht.

Sein Arm ist meinem Gesicht ganz nah, und ich fühle die Wärme, die von seinem Körper ausgeht. Wie von selbst wandert mein Blick von seinen Augen zu seinen Lippen, ganz kurz nur, doch bevor ich es verhindern kann, entschlüpft mir ein Seufzen. Sein Lächeln schwindet, und er wird ernst, sieht mich wieder so an wie im Auto, als ich gegen ihn gerutscht bin. Meine Brust hebt und senkt sich, und mein Puls rast, während ich in seinen blauen Augen versinke. Für eine kleine Ewigkeit oder auch nur ein paar Sekunden – ich weiß es nicht – stehen wir uns gegenüber. Dann lässt er den Arm sinken.

»Also«, er hebt sein Glas, »auf eine gute Zusammenarbeit – Grace.«

Ich erwache erschrocken aus meinem Trancezustand, als er mit seinem Glas gegen meins stößt.

»Ja. Auf eine gute Zusammenarbeit«, hauche ich und überlege, ob er damit meint, dass ich ihn jetzt auch beim Vornamen nennen soll. Ich probiere es aber lieber nicht aus, weil ich nicht schon wieder etwas falsch machen will.

Fasziniert sehe ich zu, wie sein Adamsapfel sich bewegt, während er trinkt. Dann wird mir klar, dass ich ihn anstarre, und ich setze hastig das Glas an die Lippen. Doch ich hebe es zu schnell, und als der süße Saft meinen Mund flutet, verschlucke ich mich und muss husten. Ich spüre, wie er mir auf den Rücken klopft, während ich versuche, wieder zu Atem zu kommen. Verdammt, Grace, kannst du denn nicht einmal nichts Peinliches tun, wenn Jonathan Huntington in der Nähe ist?

»Alles in Ordnung?«

Als ich den Kopf hebe, sehe ich das amüsierte Glitzern in seinen Augen. Ich verziehe das Gesicht und nicke.

»Ja, geht schon wieder.«

Er kehrt in den Raum zurück und stellt sein Glas auf dem Couchtisch ab.

»Am besten, Sie holen Ihre Sachen von unten und sagen Bescheid, dass Sie ab jetzt hier oben bei mir arbeiten werden. Alles Weitere besprechen wir dann gleich«, sagt er und geht wieder zu seinem Schreibtisch hinüber.

»Ja, dann … bis gleich«, sage ich und gehe in die entgegengesetzte Richtung, immer noch ein bisschen fassungslos. In der Tür drehe ich mich noch mal um. »Und – danke.«

Er steht hinter dem Schreibtisch und nickt nur. Von hier aus kann ich den Ausdruck in seinen Augen nicht erkennen. »Beeilen Sie sich. In einer Stunde haben wir den ersten Termin.«

Mit heißen Wangen und klopfendem Herzen gehe ich an der Schwarzhaarigen vorbei zurück zum Lift.

7

»Er hat was?« Annie starrt mich total fassungslos an. »Das ist nicht dein Ernst.«

Wir stehen in der Küche, weil ich mit ihr allein reden wollte, und ich habe ihr gerade die Neuigkeiten erzählt.

»Toll, oder?« Ich sage das hoffnungsvoll, denn im Fahrstuhl habe ich beschlossen, es als das zu nehmen, was es ist – eine einmalige Chance, die ganz sicher nicht wiederkommt. »Offenbar habe ich den Test bestanden, von dem du gestern gesprochen hast.«

Annie schüttelt den Kopf. »Das ist eine abteilungsinterne Sache, damit hat der Boss nichts zu tun.«

»Oh.« Ich hatte mir das so zurechtgelegt, weil es mir plausibel erschien. »Er hat gesagt, er hätte mit Mr Renshaw gesprochen und ich hätte gestern bei der Besprechung einen guten Eindruck hinterlassen, da dachte ich …«

Annie runzelt die Stirn. »Da stimmt was nicht, Grace.«

»Aber du hast doch selbst gesagt, ich soll da nicht so viel reininterpretieren«, rechtfertige ich mich. »Und mal ehrlich: hättest du so ein Angebot abgelehnt?«

Annie schürzt nachdenklich die Lippen. »Das ist es ja gerade. Das Angebot ist viel zu gut, um es abzulehnen.«

»Eben«, erwidere ich trotzig. Sie macht mich unsicher, und das ärgert mich. Als sie meinen säuerlichen Tonfall hört, blickt sie mich entschuldigend an.

»Grace, so was hat er noch nie gemacht. Wir haben hier ständig Praktikantinnen, aber noch nicht eine davon hatte direkten Kontakt zu ihm, ganz zu schweigen davon, dass sie quasi mit ihm zusammenarbeiten durfte. Das ist … komisch. Und außerdem …« Sie beendet ihren Satz nicht.

»Und außerdem was?«

Sie sieht mich fast flehend an. »Das ist einfach nicht gut. Nicht, wo du ihn sowieso schon so anhimmelst. Und leugne es nicht, das tust du, ich kann es dir ansehen. Um dich war es doch schon geschehen, als er dich vom Flughafen mit hierher genommen hat.«

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