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Colonia im Mittelalter

INHALTSVERZEICHNIS

  1. 1 Gottes eigenes Volk
  2. 2 Wunder im Winter
  3. 3 Das Hungerjahr
  4. 4 Der misslungene Mann
  5. 5 Die Jungfrauen
  6. 6 Die Reinen
  7. 7 Die Mauer
  8. 8 Die Sklaven
  9. 9 Not und Notdurft
  10. 10 Die Löwin
  11. 11 Der Sünder
  12. 12 Mörder und Verräter
  13. 13 Die Kinder
  14. 14 Das Rad
  15. 15 Das Turnier
  16. 16 Das Gelage
  17. 17 Kaiser und Ketzer
  18. 18 Flüssiges Gold
  19. 19 Der Zunftbruder
  20. 20 Der Schiedsrichter
  21. 21 Der Dom
  22. 22 Der falsche Kaiser
  23. 23 Die Schlacht
  24. Personenregister

1 GOTTES EIGENES VOLK

Das Unheil brach aus heiterem Himmel über das Viertel herein. Andreas, der Nagelschmied, erfuhr es als einer der Ersten, als er seinen alten Freund besuchen wollte: Ruben, den 27-jährigen Neffen des Rabbiners, der gerade dabei war, den Müll vor seinem Haus Unter Goldschmied wegzufegen. Ruben starrte ihn fassungslos an, als er die Hiobsnachricht erhielt.

Das Jahr 1095 lag genau 50 Jahre zurück, und obwohl die Menschen noch nicht vergessen hatten, welche Verbrechen die angeblich so christlichen Kreuzfahrer damals im Rheinland angerichtet hatten, so fühlten sich wenigstens die Juden in Köln inzwischen wieder einigermaßen sicher.

Sie waren in den letzten Jahrzehnten von überall her zusammengeströmt, um sich hier niederzulassen: aus Limburg und Lahnstein, aus Bonn und Basel, aus Roermond und Remagen. Ihre Häuser bauten sie mitten in der Kölner Altstadt, direkt neben dem Bürgerhaus, zwischen der Judengasse und der Straße Unter Goldschmied, zwischen Obenmarspforten und der Budengasse, durch die sie wiederum von den Häusern und Palästen des Erzbischofs und dem alten Dom getrennt waren.

Hier wohnt natürlich der Rabbiner, aber beispielsweise auch der Metzger, der die geschlachteten Lämmer und Rinder schächtet, denn schon Moses hatte gepredigt: »Esset das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sich noch das Leben des Tieres befindet!«

Moses hatte ferner geboten, während des sieben Tage dauernden Passah-Festes, wenn die Juden der Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft gedenken, auf alle gegorenen Speisen zu verzichten, weil sie unrein sind, und weil vor allem in ungesäuertem Brot der böse Trieb steckt. Folglich muss es im Viertel auch einen Bäcker geben, der dies berücksichtigt.

In der Mitte des Viertels steht natürlich die Synagoge, und direkt neben ihr befindet sich die Mikwe, das jüdische Badehaus, das allerdings nicht der körperlichen Reinigung dient, sondern hauptsächlich von den Frauen benutzt wird, die vor der Heirat, nach der Geburt eines Kindes und allmonatlich nach ihrer Menstruation im dortigen Quellwasser untertauchen, um wieder rein zu werden.

Für diejenigen Gemeindemitglieder, die sich nur waschen wollten, gab es ein anderes, ausschließlich Juden vorbehaltenes Haus, denn gemeinsam mit den christlichen Mitbürgern zu baden war streng verboten.

Gründe genug, ein Haus direkt im Viertel zu erwerben – nur: Vorgeschrieben war das für jüdische Bürger nicht. Gemeindemitgliedern, die sich lieber ein Haus in den umliegenden Gassen kaufen wollten, wurde vonseiten der Stadt kein Stein in den Weg gelegt; allenfalls vom Rabbiner, der streng darauf achtete, dass sich keine jüdische Familie weiter als tausend Schritte von der Synagoge entfernt niederließ. Einen längeren Weg nämlich durfte kein Strenggläubiger am Sabbat zurücklegen.

In einer Hinsicht allerdings drückte er beide Augen ganz fest zu: Wie alle Kölner Bürger hatten auch die Juden zur Verteidigung der Stadt beizutragen. Und wie alle Kölner hatten sie sich auf eigene Kosten Waffen zuzulegen, die im Normalfall daheim aufbewahrt wurden. Tauchte aber ein Feind vor den Toren auf, hatten sie ihren Teil der Stadtmauer zu verteidigen.

Mit Sondererlaubnis des Rabbiners selbst am Sabbat!

So unterschieden sich die Juden bis zu diesem Zeitpunkt kaum von ihren christlichen Nachbarn, weder was ihren Beruf anging noch ihre Kleidung noch ihre Sprache. Sie konnten zunächst jedes beliebige Handwerk ausüben und hießen beileibe nicht nur Abraham oder Isaak, Rebecca oder Ruth, sondern durchaus auch Gottlieb oder Arnold, Jutta oder Himmeltrud. Sie konnten – wenn sie denn wollten – auch zum Christentum übertreten.

Aber das war relativ selten.

Auch bei ihren Festen blieben sie lieber unter sich, am Sabbat natürlich, aber auch wenn eine Beschneidung anstand oder ein junges Paar heiratete. Nach der feierlichen Zeremonie zog sich das Brautpaar übrigens sofort zurück, um die Ehe zu vollziehen und dann mit den Hochzeitsgästen weiterzufeiern. Besonders ausgelassen wird das Purim gefeiert, ein Freudenfest, das an die Errettung des jüdischen Volkes vor den Persern erinnert. Da ist es nicht nur erlaubt, sich fürchterlich zu betrinken.

Es ist geradezu Pflicht.

Bei der Feier ruft man nämlich nicht nur »Verflucht sei Haman!« – das ist jener persische Würdenträger, der alle Juden ausrotten wollte –, sondern auch »Gesegnet sei Mordechai« – das ist der brave Jude, der damals zusammen mit seiner Tochter Ester die Katastrophe verhindert hat. Erst wenn man derart viel getrunken hat, dass man die beiden so unterschiedlichen Namen miteinander verwechselt, darf man das Gelage beenden.

Wenn man sich bis dahin nicht zu Tode gesoffen hat.

Neben Talmudschule, Hospital und Tanzsaal gab es natürlich auch einen Friedhof, der in Köln ebenso wie bei allen anderen jüdischen Gemeinden außerhalb der Mauern lag, und zwar an der Straße nach Bonn, auf dem sogenannten Judenbüchel. Auf ebendieser Straße war an jenem warmen Tag im August des Jahres 1146 ein Bote herangejagt, der dem Nagelschmied vom Pferderücken aus die Schreckensnachricht zugerufen hatte: Es wird einen neuen Kreuzzug ins Heilige Land geben!

Mit allem, was dazugehört!

Papst Eugen III. hatte im Jahr zuvor dazu aufgerufen, ein gewisser Bernhard von Clairvaux, der anscheinend sehr berühmt war, hatte ihn unterstützt, und Peter, der Abt des berühmten französischen Klosters Cluny, hatte dem französischen König geschrieben, es habe wenig Sinn, in die Ferne zu ziehen, um dort gegen die Heiden zu kämpfen, solange daheim noch die lästerlichen und lasterhaften Juden ungestraft Gott und die Sakramente schmähen dürften. Gott wolle zwar nicht, dass man sie töte, aber nur zuschauen, wie sie ihren unredlich ergaunerten Reichtum genießen, das könne ja wohl auch nicht der Wille des Allerhöchsten sein. Also solle man sich ihres Geldes bemächtigen und damit den Kreuzzug finanzieren, anstatt arme Christenmenschen zur Kasse zu bitten.

Nicht nur dem französischen König hatte der Brief gefallen. Ein Zisterziensermönch namens Rudolf war daraufhin aus seinem Kloster geflohen, nach Deutschland gewandert und warb dort für den bevorstehenden Kreuzzug, nicht ohne seine Zuhörer zu ermahnen, sie möchten doch bitte den Glauben zunächst in der Heimat verteidigen – gegen die Juden natürlich.

Wie alle Demagogen fand auch Rudolf rasch Anhänger, und nachdem er schon die Menschen in den umliegenden Ortschaften lange genug aufgehetzt hatte, befand er sich – wie der Bote weiter berichtete – mit seinen Scharen bereits kurz vor den Toren Kölns.

Andreas und Ruben trommelten an alle Türen im Viertel, und die ganze Gemeinde lief zusammen. Man ahnte, was jetzt geschehen konnte, und alle wehrfähigen Männer, die Waffen besaßen, besetzten die Zugangsstraßen zu ihrem Viertel, entschlossen, sich und ihre Familien bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen.

Auch Andreas lief nach Hause, um in der Streitzeuggasse und den benachbarten Straßen seine Freunde aufzufordern, den jüdischen Mitbürgern zu helfen. Noch einmal durfte nicht geschehen, was vor dem ersten Kreuzzug in vielen deutschen Städten geschehen war. Aber wer wusste schon, wozu ein aufgestachelter Mob in der Lage ist!

Zunächst schien es, als würden sich Rudolf und seine Horde ruhig verhalten. Ein Jude namens Simeon jedoch, den man den Frommen nannte und der gerade von einer Reise nach England zurückgekehrt war, wagte sich aus dem Viertel, um unten am Rhein ein Schiff zu besteigen, das ihn heim nach Trier bringen sollte.

Darauf hatte Rudolf nur gewartet. Man schnappte den frommen Mann und stellte ihn vor die Wahl: Taufe oder Tod. Da er sich weigerte, seinen Glauben zu verleugnen, hackte man ihm den Kopf ab und steckte ihn auf den Giebel eines Hauses.

In der jüdischen Gemeinde herrschte blankes Entsetzen. Ihre Vorsteher sprachen im erzbischöflichen Palast vor und baten um Schutz und um die würdige Bestattung ihres Märtyrers, aber schon kam die nächste Schreckensbotschaft: Rudolfs Männer hatten eine aus Speyer stammende Jüdin namens Minna ergriffen und wollten auch sie zwangstaufen. Als sie sich erbittert wehrte, schnitt man ihr die Ohren und beide Daumen ab.

Angesichts solcher Gräueltaten, und weil auch nicht sicher war, dass die Juden ihr Viertel auf Dauer würden verteidigen können, wandten sie sich um Hilfe an den Erzbischof, und der fürchtete inzwischen auch um ihr Leben. Und natürlich um die Steuern, die sie zahlten. Er wartete noch ab, bis sie im Herbst ihr Laubhüttenfest gefeiert hatten, und ließ sie dann von Kriegsknechten vorübergehend auf seine Festung Wolkenburg im Siebengebirge evakuieren. Gegen entsprechende Gebühr, versteht sich, und ihre Häuser im Viertel mussten sie ihm natürlich als Pfand hinterlassen.

Für den Fall, dass ihnen doch etwas zustoßen sollte.

Auf der Burg saßen die Juden allerdings fest, und als einmal zwei neugierige jüdische Knaben aus dem Dorf Königswinter zur Burg hochsteigen wollten, um die Neuankömmlinge zu sehen, wurden sie von Rudolfs Männern abgefangen und erschlagen. Ähnlich ging es anderen Juden, die sich auf die nahe Bacharach gelegene Burg Stahleck geflüchtet hatten. Auch ihnen wurde ihre Neugierde zum Verhängnis, denn als sie sich aus den Mauern der Burg wagten, wurden sie ebenfalls ermordet.

Und das gleiche Schicksal war einem Juden aus Worms beschert, der ebenfalls in den Weinbergen überfallen wurde. Es gelang ihm zwar, noch drei seiner Angreifer zu töten, aber dann erlag er schließlich doch der Übermacht.

***

Was war da am Rhein passiert? Wie kam es immer wieder zu derartigen Hassausbrüchen, obwohl doch Christen und Juden über tausend Jahre lang friedlich mit- und nebeneinander gelebt hatten? Schließlich waren Jesus und seine Apostel doch auch Juden gewesen.

Man muss weit ausholen und beispielsweise nachlesen, was die vier Evangelisten über die Leidensgeschichte Jesu schreiben. Wer legte da falsches Zeugnis gegen den Gottessohn ab? Wer schrie da »Ans Kreuz mit ihm«? Wer verhöhnte den sterbenden Christus? Die Juden etwa? Keineswegs. Es war das aufgehetzte Volk, der Pöbel, Abschaum, wie jener, der soeben mit Rudolf durch Köln streifte. Solange es Juden waren, die sich Christus anschlossen, um so zu Christen zu werden, war Jude kein Schimpfwort.

Dann aber entstand unter den Aposteln ein Streit, bei dem es um die Frage ging, ob ein Heide getauft werden dürfe, ohne sich vorher zum Judentum zu bekennen. Petrus war dagegen, Paulus dafür, und er, obwohl selber Jude, setzte sich schließlich durch. Nun wurden in rascher Folge immer mehr Nichtjuden zu Christen, sodass sie schon bald in der Überzahl waren und sich plötzlich daran erinnerten, dass es nicht Römer oder Griechen gewesen waren, die einst »Ans Kreuz mit ihm« geschrien hatten, sondern »die Juden«.

Die große Zahl der Juden, die nicht daran glaubten, dass Jesus der ersehnte Messias war, sondern den Mann aus Galiläa für einen Gotteslästerer hielten, stellte sich in den ersten frühchristlichen Jahrhunderten, als die Christen in den Untergrund flüchten mussten, auf die Seite der staatlichen Verfolgungsbehörden. Sie gaben den römischen Häschern manchen Tipp, wo man jene Volksfeinde finden konnte, die sich weigerten, den Göttern zu opfern.

Andererseits war es für die ersten christlichen Missionare sehr viel leichter, einen Heiden zu bekehren als einen Juden, und alsbald galten diese als verstockt und folglich verdammt. Pilatus, der Jesus nicht verurteilen wollte, hatte bekanntlich seine Hände in Unschuld gewaschen, während – laut Matthäus 27,25 – das ganze Volk geschrien habe: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!«

Es waren also aus der Sicht der frühen Kirchenväter nicht Einzelne, die da unten vor Pilatus gestanden haben, sondern das ganze Volk Israel hatte damals kollektiv die Schuld übernommen, und die Juden galten fortan in ihrer Gesamtheit als Mörder Christi. Sie sind deshalb auf alle Zeit verdammt, weil sie damals nicht nur den Menschen Jesus, sondern in ihm zugleich Gott ermordet haben.

»Die Juden«, lehrte der Patriarch von Konstantinopel, Johannes Chrysostomus (auf Griechisch »Goldmund«), im 4. Jahrhundert, »sind Hunde, Schweine und Böcke. Wer Christus liebt, muss die Juden hassen.« Und der Kirchenlehrer Augustinus predigte rund hundert Jahre später, die Juden seien vom Satan inspiriert, und ihre Verbrechen seien unsühnbar.

Aber auch die Juden, die nach der Eroberung Jerusalems durch die Römer (70 n. Chr.) im wahrsten Sinne des Wortes in aller Welt verstreut waren, taten einiges, um den Hass anderer auf sich zu ziehen. Sie waren zwar allerorts in der Minderheit, aber sie fühlten sich nach wie vor als das von Gott selbst auserwählte Volk und ließen das ihre nichtjüdischen Mitbürger spüren, indem sie sich bewusst abkapselten und sich freiwillig in ihre Viertel zurückzogen, wo sie demonstrativ unter sich blieben und jede Integration ablehnten.

Aber nicht nur das.

Der römische Kaiser Konstantin hatte 313 n. Chr. Religionsfreiheit verkündet, und 380 war das Christentum sogar zur Staatsreligion geworden. Damals kam auch Palästina und damit Jerusalem unter christliche Herrschaft. Juden und Christen lebten in der wieder aufgebauten Stadt halbwegs friedlich miteinander, bis von 610 n. Chr. an ein persisches Heer nacheinander Antiochia und Damaskus eroberte, in Palästina eindrang und alle Orte dem Erdboden gleichmachte.

Die Geburtskirche in Bethlehem wurde auf wunderbare Weise nur deshalb verschont, weil ein Mosaik über dem Portal die drei Weisen aus dem Morgenland darstellte – in persischen Gewändern!

Schließlich schloss das Heer Jerusalem ein, aber während der Patriarch Zacharias bereit war, die Stadt zu übergeben, leisteten die Christen erbittert Widerstand. Nach drei Wochen indes gelang es den Persern – offensichtlich mit Hilfe der jüdischen Einwohner –, in die Stadt einzudringen. Es kam zu einem entsetzlichen Massaker an den Christen, bei dem angeblich 60 000 Menschen abgeschlachtet wurden. Viele von den Persern, mehr noch, wie berichtet wird, von den Juden. Wer überlebte, wurde in die Sklaverei verkauft.

Die Rolle, die die Juden bei diesem Verbrechen spielten, wurde von den Christen nie vergessen, geschweige denn verziehen.

Trotzdem: Die zumeist sehr gebildeten Juden wurden in der merowingischen und karolingischen Zeit von den eher ungebildeten Herrschern als sprachgewandte Untertanen und vor allem wegen ihrer guten Beziehungen in ferne Länder sehr geschätzt.

Karl der Große beispielsweise schickte eine Gesandtschaft zu dem arabischen Kalifen Harun al-Raschid nach Bagdad. Sie bestand aus zwei fränkischen Edelleuten und dem Juden Isaak, der übrigens als Einziger zurückkehrte. Die beiden Franken waren auf dem Heimweg gestorben. Angeblich an einer Geschlechtskrankheit, aber das ist wohl Unfug. Isaak jedenfalls brachte die wertvollen Geschenke des Kalifen mit nach Hause, darunter einen weißen Elefanten mit dem schönen Namen Abulabaz.

Kaiser Otto II. zählte zu seinen engsten Ratgebern einen Mainzer Rabbiner, und ein Jude war es auch, der ihm 982 nach einer verlorenen Schlacht gegen die Sarazenen in Kalabrien das Leben rettete, indem er ihm sein Pferd überließ, auf dem der Kaiser entkam. Otto bedankte sich später dafür, indem er besagtem Kalonymos nicht nur ein stattliches Haus in Mainz schenkte, sondern auch die dortigen Bürgerrechte gewährte. Letztlich kennen wir einen gewissen Wezzelin, der vom jüdischen zum christlichen Glauben konvertierte und Geistlicher am Hofe Kaiser Heinrichs II. war.

Mit dem Aufblühen der Städte stieg die Nachfrage nach Bargeld, und das durften nur Juden verleihen. In der Bergpredigt hatte Jesus gesagt: »Tut Gutes und leiht, ohne etwas zurückzuerhoffen, und euer Lohn wird groß sein!« Das schließt Geldverleihen gegen Zinsen aus. Den Juden hingegen war es ausdrücklich gestattet – allerdings nur bei Fremden! Im 5. Buch Moses, dem Deuteronomium, heißt es wörtlich: »Von dem Ausländer darfst du Zinsen nehmen, von deinen Stammesgenossen nicht.«

Die weit gereisten und erfahrenen deutschen Kaufleute betrachteten das durchaus nicht als sittenwidrig. Sie unterhielten vollkommen normale Beziehungen zu den jüdischen Mitbürgern, von deren Geschäften auch sie profitierten. Es störte auch kaum jemanden, dass die Juden die von deutschen Rittern im Osten gefangenen Slawen als Sklaven in das damals noch maurische Spanien verkauften. Es waren ja lediglich Heiden.

Aber dann kam der erste Kreuzzug.

Angefangen hatte alles 1095 mit einer Ansprache von Papst Urban II. auf einer Synode in der französischen Stadt Clermont, bei der er – fälschlicherweise – behauptete, die Ungläubigen hätten Bethlehem und Jerusalem verwüstet und würden christlichen Pilgern den Zutritt zu den Heiligen Stätten verweigern. In einer flammenden Rede forderte er die Ritter des Abendlandes auf, das Kreuz zu nehmen und den Weg nach Jerusalem freizukämpfen.

Er versprach allen Teilnehmern an diesem Kreuzzug nicht nur die Vergebung aller ihrer bis dahin begangenen Sünden, sondern außerdem Ruhm, Ehre und – nicht zuletzt – reiche Beute.

Der deutsche Kaiser und der französische König hielten sich vornehm zurück, aber für den Adel bot sich hier anscheinend eine große Chance. Bevor jedoch die notwendigen Vorkehrungen getroffen werden konnten, betrat in Frankreich ein merkwürdiger Heiliger die Bühne, der als Peter der Einsiedler oder auch Peter der Eremit in die Geschichte einging. Er war klein und hässlich und glich auf verblüffende Weise dem Esel, den er ritt, aber das Volk verehrte ihn wie einen Heiligen und seinen Esel nicht minder. Man zupfte dem armen Vieh sogar die Haare aus und führte sie als Reliquien mit sich.

Besagter Peter scharte einen unglaublich großen Haufen zumeist bettelarmer Menschen um sich, die er ins Heilige Land zu führen versprach, und als er in Köln eintraf, war deren Zahl auf geschätzte 15000 angewachsen. Mit denen zog er weiter nach Südosten, über den Balkan in die heutige Türkei, wo sein Heer – wenn man es denn so nennen will – alsbald von den feindlichen Seldschuken vernichtet wurde. Peter entkam, aber er spielt hier auch keine Rolle mehr.

Weitaus schlimmer waren die Massaker, die etliche seiner zunächst noch zurückgebliebenen Anhänger unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinden anrichteten. Der Schlimmste von ihnen war Emicho von Leiningen, ein Graf aus dem Wormser Land. An der Spitze einer Armee von rund 10 000 Männern, Frauen und Kindern zog er durch das Rheintal, um vor dem geplanten Zug ins Heilige Land zunächst einmal alle hier ansässigen Feinde Jesu – und damit meinte er natürlich die Juden – zu vernichten.

Aber Hass gegenüber den »Mördern Christi« war nicht das einzige Motiv, was viele Ritter antrieb, sich dem Pöbel anzuschließen oder sich gar an dessen Spitze zu stellen. Die Ausrüstung eines Ritters war außerordentlich teuer, die meisten Juden aber besaßen Vermögen, Bargeld, um genau zu sein. Und das boten viele von ihnen den Mörderbanden an, um sich so freizukaufen. Manchmal half es, oft indes wurde das Geld genommen und der Eigentümer trotzdem erschlagen, zumal wenn er sich nicht taufen lassen wollte.

Und es waren ja keineswegs die Adeligen allein, die bitter Geld brauchten. Da waren ja auch die kleinen Leute, unter ihnen viele Bauern, die – aus welchem Grund auch immer – Schulden bei Juden hatten machen müssen. Wie groß war für sie die Versuchung, sich dem umherziehenden Pöbel während eines Massakers anzuschließen, um aus den geplünderten Häusern im Getto die eigenen Schuldscheine zu stehlen und zu vernichten!

Die Erzbischöfe versuchten, die Juden zu retten. Der Mainzer zog Emicho sogar mit einem kleinen Heer entgegen, nachdem er die Juden aus ihrem Viertel evakuiert hatte. Trotzdem wurden noch elf Juden aufgestöbert und umgebracht. Der Erzbischof ließ daraufhin einige von Emichos Leuten festnehmen und ihnen die Hände abhacken.

Wenig später fielen die Verbrecher in Worms ein. Alle Juden, derer man habhaft werden konnte, wurden ermordet. Andere waren in den bischöflichen Palast geflüchtet, wo sie sich zu verteidigen suchten. Vergeblich. Gefangene Juden wurden vor die übliche Alternative gestellt: Taufe oder Tod. Einige Juden bekehrten sich zum Schein, um wenigstens ihre Toten bestatten zu können. Dann begingen sie Selbstmord. Insgesamt fanden ihrer 8000 den Tod.

Von Worms aus zogen Emichos Leute weiter nach Mainz. Der dortige Erzbischof und der Burggraf gewährten ihren jüdischen Untertanen Zuflucht in ihren Palästen, aber Kollaborateure aus der Stadt öffneten heimlich die Tore. 1100 Juden wurden ermordet.

Energischen Widerstand leistete der Kölner Erzbischof, sodass sich die Zahl der ermordeten Juden in Grenzen hielt. Aber andere Anhänger Emichos zogen weiter und verübten Massaker in Trier, Neuss, Wevelinghofen, Eller bei Düsseldorf und Xanten, ehe sie sich auf die Weiterreise begaben. Emicho allerdings ist nie im Heiligen Land angekommen. Er erlitt in einer Schlacht eine schwere Schlappe, entkam jedoch mit knapper Not und starb 1117 in seiner Heimat.

Während dieser schrecklichen Massaker haben viele Christen zu ihren jüdischen Mitbürgern gehalten, haben sie zum Teil mit der Waffe in der Hand verteidigt oder doch zumindest vor den umherstreifenden mörderischen Banden versteckt.

Später stellte Kaiser Friedrich Barbarossa die Juden sogar unter seinen besonderen Schutz. Nicht ohne Grund, denn die Juden mussten für solche Art Schutz viel Geld bezahlen. Und nicht nur das: Als Besitztum des jeweiligen Herrschers konnten sie gekauft, verliehen oder auch weiterverkauft werden, um etwaige Schulden zu tilgen. Juden, die zum Christentum konvertieren wollten, betrachtete Barbarossa eher skeptisch. Ein solcher Kandidat, verfügte er, sei einer dreitägigen Prüfung zu unterziehen, damit erkannt werden könne, ob er aus innerer Überzeugung die Taufe wünsche. Und für alle Fälle wurde festgesetzt: »Wer seinen angestammten Glauben aufgibt, verliert auch seinen angestammten Besitz!«

Auch sonst waren die Anordnungen des Kaisers sehr klar. Ein Gesetz von 1188 besagte: »Wer einen Juden anrührt und verwundet, dem wird eine Hand abgehauen; wer einen Juden umbringt, der wird selber umgebracht.«

Trotzdem: Offensichtlich von den wandernden Hasspredigern genährt, wuchs die Voreingenommenheit gegenüber der jüdischen Minderheit weiter an. Eines der schlimmsten Beispiele dafür war das scheußliche Verbrechen, dem im Jahre 1235 in einer Mühle vor den Toren Fuldas drei kleine Kinder – einige sprechen gar von fünf – zum Opfer gefallen sind. Es geschah am 25. Dezember. Der Müller und seine Frau hatten ihre Kinder alleine gelassen und wohnten dem Abendgottesdienst bei, als plötzlich draußen lautes Geschrei ertönte: »Die Mühle! Die Mühle brennt!«

Es gab nichts mehr zu löschen, als die ersten Männer am Brandort eintrafen. Aber wo waren die Kinder? Etwa ebenfalls verbrannt?

Man fand die toten Kinder schnell, aber nicht unter dem Brandschutt, sondern nackt und erstochen draußen im Hof. Es war offensichtlich, dass die kleinen Leichen regelrecht ausgeblutet waren, als hätte man Lämmer geschächtet, und da lag auch ein kleines mit Wachs getränktes Beutelchen, das anscheinend das Blut der Kinder hatte auffangen sollen. Wahrscheinlich hatten die Täter mehrere solcher Säckchen dabei, aber da nur wenig Blut in den kleinen Körpern war, hatte man das überflüssige Beutelchen weggeworfen.

Wer hatte dieses entsetzliche Verbrechen begangen?

Niemand konnte sich zunächst einen Reim darauf machen, es sei denn, die Täter gehörten zum fahrenden Volk, jenem Gesindel, das sich bekanntlich gerne an den abseitsgelegenen Mühlen herumtrieb. Oder war es vielleicht ein Medikus gewesen, der das Blut zur Herstellung von Wundermitteln brauchte? Niemand wusste es.

Plötzlich setzte in der Stadt ein merkwürdiges Murmeln ein, die Leute raunten sich abenteuerliche Vermutungen zu, bis die Wahrheit plötzlich festzustehen schien und sich ein allgemeines Geschrei erhob: »Die Juden sind es gewesen, diese gottverfluchten Juden! Diese Kinderschlächter! Bringt sie alle um!«

Der Pöbel stürmte die Gassen, in denen die Juden wohnten, und nur wenige von ihnen waren geistesgegenwärtig genug, nach hinten aus den Häusern zu flüchten. Alle anderen wurden ermordet. Das Stadtoberhaupt, der Abt, ließ sich viel Zeit, ehe er halbherzig der Mordorgie Einhalt gebot. Schließlich zahlten die Juden ihre Schutzsteuer nicht ihm, sondern dem Kaiser. Sollte der sich doch kümmern.

Und der wenigstens kümmerte sich tatsächlich. Zu dieser Zeit herrschte der Staufer Friedrich II., ein für seine Zeit außerordentlich aufgeklärter Mann, ein Multikulti zudem, wie wir heute sagen würden, für den alle Menschen gleich waren, ob nun Christen oder Sarazenen oder Juden. Hauptsache, sie gehorchten und zahlten Steuern.

Als dann eine Abordnung Fuldaer Bürger zu ihm in die Pfalz Hagenau kam, um die (inzwischen in Verwesung übergegangenen) Kinderleichen zu zeigen und die Juden des Mordes anzuklagen, veranlasste er etwas für ihn Bezeichnendes: Er berief eine Kommission, die aus christlichen und jüdischen Schriftgelehrten bestand und prüfen sollte, ob christliches Blut oder Blut überhaupt für irgendein jüdisches Ritual von Interesse sein könnte.

Das Ergebnis: Laut den Geboten im Alten Testament und dem Talmud, haben sich Juden vor der Befleckung mit jeglichem Blut zu hüten, mit Tierblut und erst recht mit menschlichem Blut. Eine solche Scheußlichkeit würden Juden ohnehin nicht begehen, da sie auch Christen gegenüber zutiefst menschliche Gefühle hegen würden.

Nun, das konnte man von vielen Christen nicht behaupten. Friedrich II. siegelte jedenfalls eine Urkunde, mit der nicht nur die Juden von Fulda von jeder Schuld freigesprochen wurden, sondern allen Predigern im Reich verboten wurde, derartige Beschuldigungen noch einmal gegen Juden zu erheben.

Aber der Kaiser war die meiste Zeit über weit weg, und das Verbot bewirkte wenig.

Verzweifelt wandten sich die Juden an den Papst, er möge sie gegen diese wahnsinnige Anklage in Schutz nehmen, sie würden Christenblut für ihre Rituale brauchen. Tatsächlich erklärte das Kirchenoberhaupt feierlich, dass es den Juden durch ihre eigenen Gesetze verboten sei, beim Passahfest mit Leichen oder Blut in Berührung zu kommen; dass man es ihnen fälschlicherweise dennoch unterstelle und sie deshalb verfolge, sodass es ihnen nun schlechter ergehe als ihren Vorfahren unter den Pharaonen in Ägypten.

Niemand dürfe sie misshandeln, berauben und zur Taufe zwingen. Und wörtlich heißt es in der besagten Bulle: »Wir verbieten hiermit jede ungerechte Beleidigung der Juden. Wo Ihr ungerechte Angriffe gegen sie wahrnehmt, so stellt sie ab und lasst nicht zu, dass sie gekränkt werden. Wer aber dennoch dergleichen tut, soll mit dem Kirchenbann belegt werden!«

Aber selbst das half wenig. Menschenopfer schienen den Menschen damals nicht so abwegig wie vielleicht uns. Menschenopfer sind so alt wie die Menschheit, und es gab sie in allen Kulturen. Selbst in der Bibel wird immer wieder davon berichtet, dass man (unter anderen) dem Gott Moloch unschuldige Kinder darbrachte. Auch unter israelischen Königen wurden zeitweilig durchaus Kinder geopfert. Man ließ sie – wie es im Alten Testament heißt – durchs Feuer gehen.

Auch Abraham sollte bekanntlich seinen Sohn Isaak opfern, aber schließlich gab sich Gott mit einem Widder zufrieden. Das war die Wende vom Menschen- zum Tieropfer. Zumindest Mönche kannten wohl die entsprechenden Passagen in der Bibel, und vielleicht entstanden deshalb in ihren Hinterköpfen die Schauergeschichten von den angeblichen Kindesopfern.

1329 hatte man des Kaisers Verbot und die päpstliche Bulle bereits wieder vergessen. In Genf gestand ein Jude – natürlich unter der Folter –, er habe fünf christliche Kinder gefangen und sie an andere Juden weitergegeben. Diese hätten die Kleinen dann getötet und teils zu Salbe, teils zu Speisen verarbeitet.

Er und andere jüdische Männer erklärten allerdings, um wenigstens ihre Familien zu schützen, dass bei diesen Ritualmorden niemals Frauen anwesend gewesen seien, da sie erfahrungsgemäß nicht schweigen könnten. Während sie selber zumeist gerädert und verbrannt wurden, beschloss man, die Frauen und die Kinder leben zu lassen.

Wenn sie sich denn taufen ließen.

Ebenso weit verbreitet wie Erzählungen über Ritualmorde war die unausrottbare Meinung, Juden würden Hostien schänden, indem sie sie mit Messern und Pfriemen durchbohrten, um so den Leib Christi erneut zu quälen. In Röttingen – im Taubertal gelegen – erklärte ein gewisser Mensch mit dem merkwürdigen Namen Rindfleisch, er sei vom Himmel berufen, Hostienschändungen zu rächen. Unter diesem Vorwand zog er mit einer Bande von Mördern durch die Lande und brachte selbst in so großen Städten wie Rothenburg, Würzburg und Nürnberg zahllose Juden um. Insgesamt wurden 146 Gemeinden ausgelöscht.

Dabei ist kaum ein Vorwurf unsinniger als die angebliche Hostienschändung. Etwas Heiliges zu schänden macht nur für denjenigen einen Sinn, der das Objekt auch tatsächlich für heilig hält und durch seine Entweihung Gott (vielleicht mit Hilfe des Satans) schmähen will. Warum aber jemand, der eine Hostie für nichts weiter hält als ein kleines Stück Brot, dieses mit großem Hokuspokus durchbohren soll – das ergibt keinerlei Sinn.

Aber wer fragte schon danach. Juden waren inzwischen stigmatisiert. Und um das auch noch zu unterstreichen, beschloss das Laterankonzil von 1215, dass sich Juden ab sofort durch eine besondere Kleidung von der anderen Bevölkerung unterscheiden mussten.

Damit waren die Juden endgültig gebrandmarkt in der Gesellschaft wie sonst nur Leprakranke, Henker und Huren. Vom spitzen Judenhut führt ein direkter Weg durch die Jahrhunderte zum Davidsstern im Dritten Reich, der die gleiche Diskriminierung bedeutete.

Im 14. Jahrhundert schließlich wütete in Europa die Pest. Für jedermann stand fest, dass vergiftetes Trinkwasser die Ursache für die tödliche Seuche war. Und wer hatte das Gift in die Brunnen geworfen? Natürlich die Juden. Niemand kam auf den doch eigentlich naheliegenden Gedanken, dass das Brunnenwasser deshalb verdorben war, weil man Jauchebecken und Abfallgruben häufig unmittelbar neben Brunnen anzulegen pflegte.

Der Vorwurf der Brunnenvergiftung war ebenso unsinnig wie der Hostienfrevel, denn auch die Juden mussten ihr Trinkwasser schließlich aus den städtischen Brunnen holen. Aber Logik war nicht gefragt. Die Juden hatten sich offensichtlich gegen die ganze Welt verschworen. Aus England wurden sie 1290 vollständig vertrieben. Dann auch aus Spanien, wo man erstmalig die Behauptung aufstellte, nicht die Religion sei das Verderbliche an ihnen, sondern ihre Rasse. Von der Reinheit des Blutes war zwar noch keine Rede, aber der Rassismus war bereits unübersehbar. 300 000 Juden wurden ab 1492 des Landes verwiesen.

Viele wanderten durch Frankreich und Deutschland nach Osten und ließen sich in Schlesien und Polen, Böhmen und Ungarn nieder. Bald gab es auch in Frankreich und Deutschland nur noch wenige Gemeinden. Lediglich in Italien, und vor allem in Rom, genossen die Juden unter dem Schutz der Päpste größere Freiheit.

Nach der Reformation änderte sich an der Haltung der Christen gegenüber den Juden nicht das Geringste. Anfangs hoffte zumindest Martin Luther noch, sie durch seine neue Lehre zum rechten Glauben bekehren zu können. Als er das jedoch als Utopie erkennen musste, schrieb er in seinem Traktat Von den Juden und ihren Lügen wörtlich: »Zweifelt nicht, in Christus Geliebte, dass Ihr nach dem Teufel keinen bittereren, gewalttätigeren Feind habt als den richtigen Juden … die Juden sind rechte Lügner und Bluthunde … sie sind giftige Schlangen, Meuchelmörder und Teufelskinder.«

2 WUNDER IM WINTER

Es ist bitterkalt an diesem Januartag des Jahres 1147, und im Säulengang, der die Stiftskirche Maria ad Gradus mit dem Dom verbindet, suchen die Menschen vergeblich Schutz vor dem eisigen Ostwind, der vom Rhein her feinen Schnee den Hang hoch bläst. Zu Hunderten sind sie gekommen, viele von ihnen schon den dritten Tag nacheinander, um dem hageren Mann in seinem grauen Gewand zu lauschen, der mit eindringlichen Worten auf sie einspricht.

Es sind Handwerker in schmutzigen Kitteln, Kriegsknechte im Lederwams, Kaufleute mit pelzbesetzten Mänteln, Bauern mit kleinen Kindern, Musikanten mit ihren Trommeln und Pfeifen – sie alle harren schon seit über einer Stunde in der beißenden Kälte aus.

Und verstehen kein einziges Wort.

Was weiter nicht wundert, denn der Mann, der sie so fasziniert, kommt aus Frankreich, aus Clairvaux, um genau zu sein. Ein Ort, den niemand hier kennt, nur dass der Mann ein Mönch ist, das sehen sie, ein Zisterzienser, den der Erzbischof eingeladen und gebeten hat, die Menschen zum Kreuzzug aufzurufen.

Wenn sich dein Vater auf die Schwelle legt, wenn dir deine Mutter die Brust zeigt, die dich genährt, so steige über deinen Vater hinweg, tritt deine Mutter mit Füßen und folge trockenen Auges dem Kreuzesbanner nach. Hier für Christus grausam zu sein ist die höchste Stufe der Seligkeit!

»Und die Juden?«, ruft jemand aus der Menge.

Der Mönch lässt sich von einem seiner Begleiter die Frage übersetzen und antwortet. Ernst und gestenreich. Die Juden darf man nicht antasten. Auch wenn sie Jesus ermordet haben. Sie werden kurz vor dem Jüngsten Gericht ihre Verblendung erkennen und sich zum Christentum bekennen. Wer sie jetzt ermordet, nimmt ihnen diese letzte Chance!

Seine Zuhörer jubeln ihm zu, obwohl niemand Französisch versteht; was soll’s: Die einheimischen Priester mit ihrem Latein verstehen die kleinen Leute ja auch nicht. Und niemand übersetzt ihnen, was da in dieser Bibel überhaupt steht. Bibel auf Deutsch ist verboten, aber die Mönche – Männer wie dieser hier sowieso –, die kennen die Geheimnisse Gottes, und er hat ihnen Gewalt gegeben über die Krankheiten und den Tod. Die Menschen fallen auf die Knie, falten die Hände und versuchen, den Saum seines Gewandes zu küssen. Er ist ein Heiliger. Er kann nicht nur gekommen sein, um zu predigen; er muss auch helfen.

Wie alle Heiligen wird auch er ja wohl heilen können!

Unter den Zuhörern befinden sich zwei Mönche. Sie halten sich etwas abseits. Es sind ebenfalls Zisterzienser, und sie sind aus dem nahe liegenden und erst vor Kurzem gegründeten Kloster Altenberg gekommen, um zu schauen, wie ihr berühmter und streitbarer Mitbruder Bernhard von Clairvaux in Köln zurechtkommt.

Thomas, der Jüngere von den beiden und in Köln geboren, ist froh, dass gerade Pierre, sein französischer Mitbruder, zu Gast in Altenberg weilt und ihm nun als Übersetzer äußerst willkommen ist. »Worüber redet er denn die ganze Zeit?«, fragt er Pierre.

Der zuckt die Achseln. »Über alles Mögliche. Erst über den Kreuzzug, dann über die Juden, und jetzt gerade prangert er die Verweltlichung der Kleriker an, die Eitelkeit der Stiftsherren und die Fleischeslust und Raffgier der Mönche.

»Hat er da Erfahrung?«, fragt Thomas lächelnd.

»Und ob!«, sagt Pierre. »Schon mal den Namen Abaelard gehört? Oder Heloise?«

»Nein, niemals.«

»Ein Riesenskandal in Frankreich.«

»Na dann – ich höre!«

»Dieser Abaelard war ein französischer Theologe, der als Professor unter anderem in Paris lehrte. Seine Studenten vergötterten ihn, denn er war witzig und zugleich aggressiv gegenüber allem Althergebrachten, und unser Bernhard hier hielt ihn sogar für einen Ketzer. Immerhin – sein Ruhm stieg jenem Abaelard wohl ein wenig zu Kopf, um es vorsichtig auszudrücken. Und er wurde leichtsinnig.«

»Inwiefern?«

»Er lernte einen Kanoniker kennen, dessen Nichte Heloise als besonders hübsch und attraktiv galt, und als der Kanoniker Abaelard ansprach, ob er sie nicht als Hauslehrer unterrichten wolle, sagte der sofort zu. Aber es blieb nicht beim Unterricht, und eines Tages ließ sich nicht mehr übersehen, dass Heloise schwanger war.

Abaelard wollte sie ihrer Ehre wegen sofort heiraten, allerdings seines geistlichen Standes wegen heimlich. Aber sie war strikt dagegen. Schließlich fühlte sie sich aufgrund ihrer Bildung zu Höherem berufen, und so schrieb sie ihm – der Brief gelangte an die Öffentlichkeit –, dass sie gar nicht daran denke, das Heimchen am Herd zu spielen. Wie könne sie sich weiterhin der Philosophie hingeben, wenn das Kindermädchen ständig seine läppischen Liedchen sänge; wer solle das Geschwätz des Personals und den Geruch der schmutzigen Windeln ertragen; reiche Leute vielleicht, deren Häuser und Paläste geräumig genug seien, aber sie als eher arme Person könne sich solches nicht leisten, und deshalb wolle sie ihn nicht heiraten, weder heimlich noch öffentlich!

Aber dann haben sie es doch getan, und da Abaelard fürchtete, der Kanoniker könne Heloise etwas antun, brachte er sie vorsichtshalber in ein Kloster. Der Onkel jedoch glaubte, Abaelard wolle sich auf diese Weise vor der Hochzeit drücken, und schickte ihm zwei Schergen auf den Hals, die ihm das, womit er gesündigt hatte, ganz einfach abschnitten.«

»Um Gottes willen«, sagt Thomas, »hat er das denn überlebt?«

»Erstaunlich gut, aber von da an lebte er gezwungenermaßen sehr viel keuscher. Und seine Heloise hat er tatsächlich geliebt. Bis zu seinem Tod vor ein paar Jahren.«

»Kein Wunder, dass unser Bernhard von unseren Mitbrüdern einen strengeren Lebenswandel verlangt und …«

Thomas bricht im Satz ab, weil ihn eine ärmlich gekleidete Frau am Ärmel zupft. »Bitte, Bruder«, stammelt sie und schiebt einen vielleicht fünfzehnjährigen verstört dreinblickenden Jungen auf ihn zu. »Bitte, ich komme nicht durch zu ihm. Er soll meinen Sohn heilen, der heilige Mann, mein Junge ist stumm. Er soll ihn heilen, bitte.«

»Was ist denn mit ihm geschehen? Ist er von Geburt stumm?«

Die Frau schüttelt den Kopf. »Nein, erst seit ein paar Jahren; ich war allein mit ihm, als sein Schwesterchen tot zur Welt kam. Er hat alles mit ansehen müssen, und seitdem spricht er nicht mehr. Bitte, helft uns.«

Pierre und Thomas nehmen die Frau mit ihrem Jungen in die Mitte und bahnen sich einen Weg durch die Menge, bis sie vor Bernhard stehen. Pierre flüstert ihm etwas ins Ohr; der Mönch legt seine Hand auf den Kopf des Jungen und macht ihm mit dem Daumen ein Kreuz auf die Stirn. Dann wendet er sich wieder der Menge zu.

Der Junge sieht seine Mutter an und sagt: »Mama, mir ist kalt.«

***

Stand es denn wirklich derart schlimm um die Moral des Klerus hierzulande, wie es der später heiliggesprochene Bernhard in seinen Predigten behauptete?

Beginnen wir mit den Bischöfen, die im Mittelalter in erster Linie weltliche Herrscher und zumeist mit großer Macht ausgestattet waren. Das hatte historische Gründe, denn zusammen mit dem Untergang des Römischen Reiches war auch die gesamte Verwaltung in den bis dahin besetzten Gebieten zusammengebrochen.

Im 5. Jahrhundert hatten Franken die einst blühenden Städte Mainz, Trier und Köln von den Römern erobert, aber die neuen Herrscher zeigten wenig Neigung, sich in den Ruinen niederzulassen, und schon gar nicht, eine funktionierende Verwaltung zu organisieren, alte Traditionen zu bewahren oder eine neue Zivilisation zu begründen.

Dieser Aufgabe widmeten sich zunächst die einzig verbliebenen Gebildeten, und das waren vor allem die Bischöfe und andere lese- und schreibkundige Kleriker. Die Bischöfe wurden so nahezu automatisch zu Herren der verwaisten Städte und später auch von herrschenden Geschlechtern der einzelnen Völker in ihrem Amt bestätigt.

Während die Herrscher selber ohne feste Residenz durch die Lande zogen, um sich ihren Untertanen im Sinne des Wortes leibhaftig zu zeigen und wichtige Entscheidungen vor Ort zu treffen, blieben die Bischöfe in den Städten, mehrten dort ihren Reichtum und ihre Macht und wurden so zu unverzichtbaren Vertrauten und Verbündeten der Kaiser.

Das sahen die Päpste mit der Zeit anders. Sie hatten nichts gegen die Macht eines Bischofs, nur: Wer so viel Macht besitzen durfte – das sollte Rom entscheiden und nicht ein Kaiser, mit dem man vielleicht gerade auf Kriegsfuß stand. Der Kaiser seinerseits, der auf den Heerbann eines jeden Bischofs dringend angewiesen war, wollte sich auf dessen Treue blind verlassen können und bestand verständlicherweise darauf, dass er alleine das Recht besaß, Bischöfe ein- oder auch abzusetzen.

Über diese Frage kam es zum Investiturstreit, den Heinrich IV. bekanntlich gegen Gregor VII. verlor. Stichwort Canossa. Es ging natürlich im weitesten Sinne darum, ob der Kaiser letztendlich dem Papst als dem Stellvertreter Christi auf Erden unterstellt war oder nicht. Aber das ist wiederum ein anderes Thema. Festgehalten werden soll hier lediglich, dass sich die Bischöfe so gut wie gar nicht um die Seelsorge kümmerten, sondern in sehr viel stärkerem Maße um die Politik; mal aufseiten des Kaisers, mal auf der des Papstes. Wie es halt besser passte. Armut, Demut und Keuschheit waren ihnen daher naturgemäß etwas weniger wichtig.

Was im Übrigen auch für viele Äbte zutraf.

Womit wir bei den Klöstern wären. In der Apostelgeschichte wird das Leben der frühchristlichen Gemeinde in Jerusalem so beschrieben: »Die Masse der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Niemand nannte einen Besitz sein Eigen, sondern sie hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften ihren Boden und ihre Güter und teilten den Erlös untereinander gemäß den Bedürfnissen eines jeden.«

Damals – so befand Johannes Cassianus zu Beginn des 5. Jahrhunderts – war die gesamte Kirche so, wie wir heute nur mehr jene wenigen sind, die man selbst in Klöstern kaum noch findet.

Die ersten Einsiedler zogen sich seit dem 3. Jahrhundert in die Einsamkeit zurück und unterwarfen sich einer strengen Askese, aber bald fanden sich Eremiten zu religiösen Gemeinschaften zusammen, die im Byzantinischen (Oströmischen) Reich nach der Regel des Basileus von Cäsarea lebten. In Westeuropa entstanden dagegen kleine Klöster, die von den jeweiligen Bischöfen kontrolliert wurden und noch keine einheitlichen Regeln kannten. Nur einen Abba, einen Vater, den hatten bereits alle, und der Abt sorgte für die notwendige Disziplin.

Dann trafen Mönche aus Irland und Schottland ein. Sie widmeten sich der Mission der Germanen, und ihre selbst auferlegte Askese bestand darin, heimatlos zu sein, ständig auf Wanderung und ohne Verbindung zur Familie, ja nicht einmal zum eigenen Kloster. Ihr bekanntester Vertreter war Columban, der zahlreiche Klöster gründete, darunter Bregenz und Luxeuil. Ein großer Erfolg war seinem Wirken allerdings nicht beschieden, denn die merowingischen Könige (und Königinnen!) führten alles andere als einen christlichen Lebenswandel und taten herzlich wenig, um den Glauben zu verbreiten.

Weitere Angelsachsen kamen, die sich jedoch im Gegensatz zu den unabhängigen Iren dem Papst unterordneten. Der wohl Bekannteste unter ihnen war Winfried, den wir als Bonifatius kennen, und der bei Geismar in der Nähe von Fritzlar die gewaltige Donareiche fällte, um den Germanen die Machtlosigkeit ihrer Gottheiten zu beweisen.

732 wurde der »Apostel der Deutschen« vom Papst zum Erzbischof erhoben und schwor seinerseits die fränkischen Bischöfe auf den Papst ein. Er gründete unter anderem das Kloster Fulda, damals noch mitten im Heidenland gelegen, und betrieb unermüdlich die Christianisierung der heidnischen Germanen, bis er – als Achtzigjähriger – bei einem letzten Bekehrungsakt in Friesland überfallen und erschlagen wurde.

Missionare wie Bonifatius gefielen den Päpsten, weil sie sich unterordneten. Die iro-schottischen Mönche hingegen fühlten sich allenfalls ihren Fürsten daheim zu Gehorsam verpflichtet, nicht aber Rom, und so wundert es uns nicht, dass der Papst sie, die er als Briten bezeichnete, geradezu mit Ungläubigen gleichstellte.

Gregor III. schrieb an die deutschen Bischöfe:

Den kirchlichen Dienst sowie den katholischen Glauben solltet ihr in würdiger Weise festhalten, indem ihr euch von ihm – gemeint ist Bonifatius – belehren lasst, so wie er kraft apostolischer Vollmacht von uns beauftragt worden ist. Und Brauch und Lehre des Heidentums, wie auch der sich hereindrängenden Briten und falschen irrgläubigen Priester sollt ihr ablehnen. Über allem das Schlimmste sind die Ränke falscher Brüder, die die Bosheit ungläubiger Heiden noch überbieten.

Christlich ging man gerade nicht miteinander um.

Immerhin einigte man sich auf eine Klosterregel, nach der nun alle Mönche zu leben hatten: die Regel des heiligen Benedikt. Keine Schrift – von der Bibel einmal abgesehen – war so verbreitet wie diese. Nun darf man aber nicht glauben, besagter Heiliger habe den Benediktinerorden gegründet. Er hat nur die Regeln für sein auf dem Montecassino gegründetes Klosters entwickelt, die später unter Ludwig dem Frommen, dem Sohn Karls des Großen, in allen Klöstern gelten sollten.

Mönche hatten von nun unverheiratet zu bleiben und keusch zu leben, Armut und Gehorsam zu geloben, sich sparsam und weitgehend vegetarisch zu ernähren und feste Zeiten für Gebet, Lesung und Schlaf einzuhalten.

Was den Genuss von Wein angeht, schreibt Benedikt:

»Zwar lesen wir, Wein passe überhaupt nicht für Mönche, weil aber die Mönche heutzutage sich davon nicht überzeugen lassen, sollten wir uns wenigstens darauf einigen, nicht bis zum Übermaß zu trinken, sondern weniger, denn der Wein bringt selbst weise Männer zu Fall.«

Die Formulierung Ora et labora (bete und arbeite) stammt allerdings nicht vom heiligen Benedikt selbst, sondern wurde erst später erfunden.

Nun waren ja nicht alle jungen Männer und Frauen, die in ein Kloster strebten, so fromm und bereit zur Entsagung in jeglicher Hinsicht wie beispielsweise Benedikt oder Bonifatius. Einige bewarben sich, weil sie sich geistig weiterbilden wollten, andere, um sich künstlerisch zu verwirklichen.

Vor allem aber traten sehr viele zweitgeborene Söhne von Adeligen in ein Kloster ein, die keine Aussicht auf die Nachfolge ihres Vaters hatten, dafür aber ein schönes Erbe mitbrachten. Das Gleiche gilt für junge Damen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht zu verheiraten waren. Auch sie stifteten ihre Mitgift dem Kloster und hofften wie die jungen Männer, irgendwann einmal selber dessen Leitung zu übernehmen.

Und Äbtissinnen und Äbte waren häufig ebenso mächtig (und reich) wie ein Bischof.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass sehr viele junge Mönche und Nonnen aus Adelsfamilien kamen, brauchen wir uns nicht weiter zu wundern, dass die plötzliche Abwesenheit von jeder Art von Luxus für sie eine mehr als ernsthafte Prüfung dargestellt hat. Und nicht nur der Nachwuchs entstammte dem Adel. Natürlich auch die Äbte und Äbtissinnen. Die aber waren für die Disziplin verantwortlich.

Eigentlich.

Aber Benedikts Regel wurde mit der Zeit kaum noch beachtet, von Armut war schon bald keine Rede mehr und von Demut erst recht nicht. Gebet und Arbeit schienen weniger wichtig als das Streben nach Besitz und Macht. Kaiser und Papst buhlten gleichermaßen um die Gunst der großen Klöster. Irgendwann wurden Reformen notwendig, und die bedeutendste ging von der französischen Abtei Cluny in Burgund aus.

Im Jahr 909 hatte der Herzog von Aquitanien die Abtei unter dem Motto ecclesia semper reformanda (die Kirche ist immer reformbedürftig) gegründet, wobei in der Stiftungsurkunde ausdrücklich die absolute Unabhängigkeit von weltlicher oder geistlicher Herrschaft festgeschrieben wurde. Nur dem Papst sollte der jeweilige Abt unterstellt sein.

Das Arbeiten überließ man in Cluny nun weitgehend den Hörigen des Klosters, während die Mönche den ganzen Tag über und wohl auch große Teile der Nacht mit dem Chorgebet und frommer Lektüre beschäftigt waren. Der Kirchenlehrer Petrus Damianus klagte nach einem Besuch in der Abtei, die gottesdienstlichen Handlungen füllten den Tag derart aus, dass neben den notwendigen Verrichtungen den Mönchen kaum eine halbe Stunde zu »ehrbarer Unterhaltung« und zu notwendigen Besprechungen übrig bleibe.

Aber Schweigen war ohnehin gefordert.

Kein Wunder, dass bei der äußerst kurzen Nachtruhe so manchem Mitbruder während des Gottesdienstes die Augen zufielen. Ein Mönch musste deshalb ständig mit einer Laterne die Runde machen, und ein jeder musste ihm zunicken, um anzuzeigen, dass er kein Nickerchen machte. Wer dennoch einschlief, wurde unsanft geweckt und musste die Laterne nun selber umhertragen.

Die Reform, die von Cluny ausging, erschien so nachahmenswert, dass sich ihr in weiten Teilen Frankreichs, Spaniens, Englands, Italiens und der Schweiz bis zum Anfang des 12. Jahrhunderts an die 1400 Klöster anschlossen. Eine andere Reform ging unabhängig davon vom lothringischen Kloster Gorze aus und setzte sich rasch in den deutschen Klöstern durch, so beispielsweise in Prüm und Corvey, in Fulda und auf der Reichenau. Diese Klöster legten allerdings keinen so großen Wert auf Unabhängigkeit, sondern unterstellten sich dem für sie zuständigen Bischof und standen im Investiturstreit eher auf kaiserlicher denn auf päpstlicher Seite.

Wo Cluny Wert auf liturgischen Prunk legte, war oberstes Ziel in Gorze die strenge Askese – und das Schweigen. Dafür wurde sogar eine Zeichensprache entwickelt, damit die Brüder auch nicht ein einziges unnützes Wort benutzten:

Das Zeichen für Brot:

Mache mit den beiden Daumen und den beiden Zeigefingern einen Kreis, dann möchtest du ein rundes Brot. Für das Brot, das in Wasser gekocht wird und etwas besser als das tägliche Brot ist, mache zuerst das allgemeine Zeichen, dann lege die eine Handfläche auf den Rücken der anderen Hand und bewege die obere Hand im Kreise!

In Wasser gekochtes Brot war also besser als das tägliche! Wie mag dann das tägliche geschmeckt haben?

Aber nicht nur auf die Enthaltsamkeit bei Speisen wurde strengstens geachtet. Tabu war auch die Fleischeslust in jeglicher Form, und um andere im gemeinsamen Schlafsaal nicht in Versuchung zu führen, hatte ein jeder nach dem Wecken Folgendes zu beachten:

Sobald der Bruder das Zeichen zum Aufstehen vernommen hat, eile er, sich zu erheben. Ehe er jedoch die Decke abwirft, ziehe er – im Bett sitzend – sein Obergewand an und bedecke damit seine Beine, ehe er sich vor sein Bett stellt!

Ein dritter Schwerpunkt der Klosterreform war das deutsche Kloster Hirsau im Nordschwarzwald, das unter seinem Abt Wilhelm wie schon Cluny die weltliche Herrschaft abschüttelte, sich grundsätzlich nur dem Heiligen Vater unterstellte, andererseits aber gerne den Schutz des niederen Adels akzeptierte. Auch hier war »die Strenge mönchischer Zucht«, wie der neue Abt feststellen musste, »ein wenig erschlafft«. Aber das änderte sich schnell. Von Hirsau aus wurden über 150 deutsche Abteien reformiert, darunter Erfurt und Regensburg, Passau und Füssen.

Auch hier versuchte man mit nahezu peinlichen Vorschriften, die Mitbrüder vor den Sünden des Fleisches zu schützen:

Wenn einen Mönch mitten in der Nacht der Harndrang überfallen sollte, musste er den neben ihm schlafenden Mitbruder wecken, damit dieser ihn mit einer Laterne zur Latrine begleite, um ihn dort diskret zu überwachen. Es hätte ja sein können, dass besagter Mönch gar nicht von seiner Blase, sondern von seiner Fantasie geplagt worden war und den stillen Ort nur aufsuchen wollte, um sich dort Erleichterung anderer Art zu verschaffen.

Doch Reformen hin – Reformen her: Am Reichtum der großen Abteien änderte sich wenig, und das wurde vor aller Welt offenbar, als man in Cluny mit dem Bau eines neuen Gotteshauses begann. Wo bei der Klostergründung eine kleine Kapelle gestanden hatte, die durch eine größere romanische Kirche ersetzt worden war, entstand nun das zur damaligen Zeit größte Gotteshaus der Christenheit.

Das Gewölbe war im Innenraum 30 Meter hoch, das Mittelschiff an die 200 Meter lang, aber nur 10 Meter breit, sodass die Blicke der Gläubigen förmlich nach oben gesogen wurden. Gigantismus pur. Eine Demonstration von Macht und Reichtum. Ermöglicht durch das Geld reicher Adeliger, die sich damit die Fürbitten der berühmten Abtei erkauften, verwirklicht von eitlen Mönchen, die stolz darauf waren, wenigstens persönlich arm zu sein.

Was viele dachten, sprach einer in aller Deutlichkeit aus. Bernhard von Clairvaux. Er wetterte dagegen, dass Äbte regierten wie Burgherren und mit einem Gefolge von sechzig Berittenen einherkämen. Die Mönchskutten in Cluny seien aus ebenso kostbarem Stoff gefertigt wie die Gewänder von Edelleuten:

Geschickt wird Geld ausgegeben, damit es sich vervielfacht, es wird ausgegeben und gemehrt, denn Verschwendung schafft Reichtum. Durch das Betrachten von Schönem werden die Menschen eher zum Geben als zum Beten bewogen. Wo mehr Reichtümer vorgezeigt werden, wird auch williger gespendet. Vor goldbedeckten Reliquien laufen die Augen über, und die Börsen öffnen sich. Die Kirche strahlt in ihren Mauern, aber ihre Armen leiden Mangel. Ihre Steine kleidet sie in Gold, und ihre Kinder lässt sie nackt. Mit den Gaben der Bedürftigen wird den Augen der Reichen gedient. Die Neugierigen kommen, damit sie erfreut werden, während die Elenden Hunger leiden.

Womit wir bei den Zisterziensern wären, denn diesem Orden gehörte unser Bernhard an. Ein gewisser Robert von Moslem wollte damals durchaus keinen neuen Orden gründen. Er setzte sich gemeinsam mit zwanzig Mitbrüdern im burgundischen Citeaux (lateinisch Cistercium) das Ziel, wieder streng nach den inzwischen aufgeweichten Regeln des heiligen Benedikt zu leben. Mit immerhin schon siebzig Jahren errichtete er ein neues Kloster, in das auch Bernhard 1113 als Novize eintrat.

Die Zisterzienser – wie sie sich bald nach ihrem ersten Kloster Cîteaux nannten – lebten tatsächlich von ihrer Hände Arbeit; unter anderem bedienten sie sich bereits des Räderpfluges und führten die Dreifelderwirtschaft ein. Ihre Kirchen waren keine Prunkbauten, besaßen weder Kirchtürme noch Fenster aus buntem Glas, und Bernhard, der schon nach zwei Jahren Abt im neuen Kloster von Clairvaux wurde, sorgte dafür, dass es weder kunstvolle Fratzen noch Skulpturen gab, denn Derartiges würde die Mönche nur von ihrer Andacht abhalten, und da es für Laien ohnehin keinen Zutritt in die Klosterkirche gab, brauchte man auch die Erwartungen von neugierigen Laien nicht zu befriedigen.

Und dann war da noch der Kölner Bruno, der nach seinem Studium die Domschule in Reims leitete. Er sollte dort Erzbischof werden, aber ein anderer kaufte ihm das Amt vor der Nase weg, und dieser brutale Akt der Simonie trug sicherlich maßgeblich dazu bei, dass Bruno den Verlockungen, die hohe Ämter damals häufig boten, für immer widerstand und sich in die Einsamkeit zurückzog.

Zusammen mit sechs Begleitern ließ er sich in der »Cartusia« genannten Wildnis in der Nähe von Grenoble nieder, wo er kein Kloster im eigentlichen Sinne baute, sondern sechs kleine Hütten, die um eine Kapelle gruppiert waren. Die Regeln, nach denen die Einsiedler, die sich bald Kartäuser nannten, zu leben gelobten, waren noch weitaus strenger als die der Zisterzienser.

Sie lebten die meiste Zeit allein in ihrer Hütte, kamen nur selten zum gemeinsamen Gebet in ihre Kirche, aßen auch nur einmal in der Woche zusammen, und das Wichtigste neben Einsamkeit und Gebet war das Schweigen. Und die Armut natürlich. Selbst das Holz, mit dem sie ihre bescheidenen Hütten heizten, musste jeder selber im Wald sammeln. Wenn sie starben, legte man sie auf ein Brett; ein Sarg wäre zu großer Luxus, und in das Kreuz auf ihrem Grab wurde nicht einmal ihr Name eingeritzt.

So stellte sich auch Bernhard von Clairvaux das gottgefällige Leben vor, und er war des Lobes voll, als einer seiner Freunde, Norbert von Xanten, der auch mit den Zisterziensern sympathisierte, Anfang des 12. Jahrhunderts in der Nähe der französischen Stadt Laon den Orden der Prämonstratenser gründete. Sie lebten zwar auch nach strengen Gesetzen, suchten jedoch nicht die Einsamkeit, sondern betätigten sich als Seelsorger in den Pfarreien und als Missionare in den neuen Ostgebieten des Reiches.

Aber selbst diese Orden, die doch nun überhaupt keinen Wert auf weltlichen Besitz legten, wurden – gerade weil man ihnen so sehr vertraute – von furchtsamen kleinen Sündern und wohlhabenden Übeltätern, die sich so die Vergebung ihrer Schandtaten erhofften, mit Spenden und Schenkungen überhäuft. Wie sonst hätten die Zisterzienser beispielsweise diesen herrlichen Altenberger Dom im Bergischen Land östlich von Köln bauen können. Vom Sitz der Kartäuser, der Grande Chartreuse bei Grenoble, ganz zu schweigen.

Und wieder forderten jetzt fromme junge Männer die Rückkehr zur Armut. Aber davon später.

3 DAS HUNGERJAHR

Es waren noch genau acht Äpfel, die auf dem langen Brett im obersten Regal lagen. Der dürftige Rest einer ohnehin mageren Ernte vom vorigen Herbst. Auf einem weiteren Brett, das auf vier dünnen und sehr hohen Holzstempeln ruhte, damit keine Mäuse an ihnen hochlaufen konnten, standen zwei kleine Säckchen mit Hafer. Das waren ihre letzten Vorräte. Was sie sonst noch zum Überleben brauchten, mussten sie sich anderweitig besorgen.

Wenn sie es denn bis zur nächsten Ernte schaffen wollten. Und das war weiß Gott lange hin. Gerade einmal hatte man das Osterfest begangen, und noch immer waren die Felder mit vereisten Schneeresten bedeckt. An Pflügen war nicht zu denken und an eine Aussaat erst recht nicht.

Der Bauer war weder ein Höriger noch ein Leibeigener. Er war halbfrei. Sein Hof und das Land, das er bewirtschaftete, gehörten dem Benediktinerkloster St. Pantaleon, das in Sichtweite auf einem kleinen Hügel vor den alten Mauern der Stadt lag. Es war allerdings eine milde Herrschaft, die sich mit einem symbolischen Zins von fünf Hühnern im Jahr begnügte, doch selbst diese Abgabe hatte Abt Wolbero ihm angesichts der großen Hungersnot erlassen, und das Federvieh war längst im Kochtopf seiner Frau gelandet.

Es kostete ihn jeden Tag mehr Kraft, der Versuchung zu widerstehen, sich an der eisernen Reserve zu vergreifen, aber bislang hatte er es geschafft, obwohl er bereits zum Skelett abgemagert war und nahezu jeden Morgen dagegen ankämpfte, einfach liegen zu bleiben und zu sterben.

Wenn da nicht seine Frau und sein Sohn gewesen wären.

Er verrammelte den Zugang zu dem überdachten Erdloch mit großer Sorgfalt. Acht Äpfel und eine Handvoll Hafer waren im Augenblick wertvoller als eine goldene Kette. Den Hofhund gab es nicht mehr. Ein Hund galt in diesen Tagen als Festbraten. Sie hatten ihn zu Weihnachten geschlachtet.

Christian ging die wenigen Schritte zum Haus hinüber, das sich fensterlos unter dem dicken Strohdach duckte. Seine Frau Katharina – oder Tring, wie sie gerufen wurde – war einmal mehr schwanger, obwohl sie schon auf die vierzig zuging. Sie schlief noch, eng an ein Schaf gekuschelt.

Er wusste nicht mehr so genau, wie oft sie in den rund zwanzig Jahren ihrer Ehe schwanger geworden war. Einige Fehlgeburten hatte sie wohl erlitten, auch einige Kinder geboren, aber die meisten waren gestorben, bevor sie laufen konnten. Auch das Kind, das sie in wenigen Wochen zur Welt bringen würde, dürfte die ersten Tage nicht überleben. Katharina wird es wohl kaum stillen können – und dann?

Einzig Ulrich, der Erstgeborene, hatte seine Kindheit überlebt. Er war jetzt neunzehn Jahre alt, aber noch immer kränklich. Seit ihn der Mönch damals von seiner Stummheit geheilt hatte, konnte er wieder sprechen; nicht so richtig, aber doch einigermaßen verständlich. Es reichte so eben.

Christian weckte ihn, indem er ihn mit dem Fuß anstieß. Sie mussten in den Wald und nach Essbarem suchen. Und nach Holz, obwohl kaum noch welches herumlag. Äste absägen durfte man nicht. Man tat es dennoch, hin und wieder, aber dann musste man Wachen aufstellen, denn eine Säge war weit zu hören, und die Kriegsknechte der Abtei Brauweiler, zu der der Wald gehörte, verstanden keinen Spaß. Sie hatten schon manchem Holzdieb die Hand abgeschlagen.

Doch Holz wurde dringend gebraucht. Aus der Rinde konnte man eine Suppe kochen, mit Holzscheiten unterhielt man das Feuer unter dem Kessel, und mit dem Sägemehl ließ sich der Haferbrei verlängern. Sofern man noch Hafer besaß. Um aber die frostige Luft im Haus auch nur ein wenig aufzuwärmen, war Holz mittlerweile zu kostbar geworden. Man schlief zwischen den Tieren und so nahe wie möglich beieinander. Außerdem behielt man sämtliche Kleider an. Wochenlang.

Natürlich stanken sie, aber wer mit Schafen unter einem Dach schlief, stank ohnehin.

Eine halbe Stunde später streifte er mit Ulrich durch den Wald, der sich fast über die ganze Ebene zwischen der Stadt und der Abtei Brauweiler erstreckte. Hier lag der Schnee noch höher, aber wer sich einigermaßen auskannte, wusste auch um die windgeschützten Stellen, wo es keine Verwehungen gegeben hatte und man inzwischen das rötliche Laub der Buchenblätter durchschimmern sah. Laub war fast so wertvoll wie die Zweige der Brombeerbüsche, die sie vorsichtig abrissen, aufwickelten und in die Säcke stopften. Notfalls musste man sie zum Feuermachen benutzen.

Obwohl sie keine richtige Hitze abgaben.

Das feuchtfaulige Laub der Buchen würden sie mit viel Geduld Blatt für Blatt auf eine Leine fädeln, um es in dem kalten Haus überhaupt trocken zu bekommen. Auch Laub schmeckte zwar irgendwie, und bestimmt nicht schlechter als Sägemehl, doch man benutzte es auch als Streu für die Tiere. Aber über dem Laubsammeln durfte man nicht die Suche nach Eicheln und Kastanien vergessen, und wenn man ein paar noch essbare fand, war der Tag beinahe gerettet.

Natürlich versuchten sie auch, Tiere zu fangen, aber richtig Jagd auf sie zu machen, vor allem auf diese wilden Schweine, die einem den Acker verwüsteten, würde den Hals kosten. Heimlich kleine Fallgruben anzulegen fiel den strengen Aufsehern dagegen nicht auf, aber für Schweine waren sie viel zu klein, und nur selten fand man ein Kaninchen in der Grube oder ein unvorsichtiges Eichhörnchen. Man konnte auch versuchen, Leimruten auszulegen, aber das war naturgemäß nur im Sommer sinnvoll, wenn die Singvögel zurück waren. Raben und Elster dagegen würden sich leicht losreißen, und für ein paar Meisen lohnte die Mühe nicht.

Christian wusste nicht, wie lange sie noch durchhalten konnten. Das vergangene Jahr war eine einzige Katastrophe gewesen. Es hatte mit überaus starken Regenfällen begonnen, die selbst kleine Bäche zu reißenden Flüssen werden ließen. Das Wasser hatte die Felder überflutet, und das letzte Gemüse im Garten war verfault. Die Saat konnte im versumpften Acker nicht rechtzeitig eingebracht werden, weshalb die Ernte entsprechend mager ausgefallen war.

Auch in den Weingärten des Stiftes waren die Trauben nach dem kühlen und verregneten Sommer klein geblieben und ziemlich sauer. Aber selbst saure Trauben – dachte Christian – sind noch nahrhaft. Ob die Herren Benediktiner in ihrer Abtei auch Hunger litten? Wohl kaum. Da drüben gab es schließlich Scheunen, in denen die Mönche Lebensmittel lange lagern und in Zeiten wie diesen zu überhöhten Preisen auf den Markt bringen konnten. Irgendwoher musste das Geld ja kommen, das sie anscheinend im Übermaß besaßen. Soeben waren sie dabei, ihre Kirche zu vergrößern.

Ob das dem lieben Gott wirklich gefiel? Ein neues Haus, während die Menschen auf den Straßen verhungerten?

Christian hatte genau wie die anderen Kleinbauern ringsum außer seinem Erdloch keine Scheune und lebte wie alle anderen von der Hand in den Mund. Wobei sie mit ihren Familien wenigstens ein Dach über dem Kopf hatten. Das fahrende Volk dagegen, die Gaukler und die Handwerksburschen, die Studenten und die Dirnen – sie lebten von kleinen Diebstählen und vom Betteln. Aber in Zeiten wie diesen behielten die Leute das wenige, was sie noch hatten, für sich, und gerade Fremden gegenüber reagierten sie noch misstrauischer als in Zeiten, wo es sich halbwegs angenehm leben ließ.

Es liefen auch böse Gerüchte um. Menschen sind auf kleineren Straßen überfallen worden, und man hat sie buchstäblich abgeschlachtet; nicht um sie zu berauben, sondern weil sich die Täter in ihrer Verzweiflung mit dem Verzehr von Menschenfleisch vor dem Verhungern retten wollten. Man muss zwar nicht alles glauben, was die Leute so erzählen, aber Christian konnte sich inzwischen sehr gut vorstellen, dass der Hunger Menschen sogar zu derartigen Verbrechen treiben konnte.

Er selber besaß immerhin zwei Schafe und die Kuh Frieda, die jeden Tag ein wenig Milch gab, obwohl sie nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen schien. Was Wunder. Die Weiden lagen selbst jetzt – im April – nach wie vor unter einer Schneedecke, und die paar Handvoll Gras, die Christian und Ulrich hin und wieder mit viel Mühe unter der Schneedecke fanden und abzupften, machten sie natürlich nicht satt. Dann musste auch Frieda sich mit getrocknetem Laub begnügen.

Oder mit ein paar dornigen Zweigen von einem Brombeerbusch.

Bald würde ja der Mai kommen. Dann werden sie Frieda mit in den Wald nehmen, und dann muss sie sich selber suchen, was ihr schmeckt – oder zumindest ihren Hunger stillt. Brennnesseln vielleicht oder Farn, Wegerich und vielleicht auch ein paar Disteln. Solange sie noch ein bisschen Milch gibt, wird sie jedenfalls nicht geschlachtet.

Christian wird mit Ulrich versuchen, wie man das wenige Getreide, das noch aufzutreiben ist, verlängern kann. Außer mit Sägemehl. Man kann, das wusste er schon von seinem Großvater, auch getrocknete Bohnen und Erbsen mahlen und in den Brei mischen, zudem zerstampfte Kerne von Kirschen und Pflaumen, aber auch – und das war nun wirklich aus der puren Not geboren – fein gemahlene Knochen von geschlachteten oder auf andere Weise verendeten Tieren.

Ein wandernder Medikus hatte im vergangenen Jahr, als noch niemand etwas von der jetzigen Hungersnot ahnte, auf einem Markt in der Stadt ein Rezept gegen Magenschmerzen angepriesen, das aber auch sättigende Wirkung habe und das Hungergefühl vertreibe: Tonerde oder einfach fein gemahlene Ziegel. Klingt zwar schlimm, aber warum eigentlich nicht? Vielleicht sollte man’s doch einmal versuchen.

Bevor man endgültig verhungert.

***

Eine Hungersnot, wie sie das dramatische Jahr 1150 und der nachfolgende nicht enden wollende Winter verursachten, können wir heute kaum noch nachvollziehen. Mitmenschen, die vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geboren sind, erinnern sich vielleicht noch an den Hunger, den viele Menschen in den ersten Nachkriegsjahren gelitten haben, und dennoch war es selbst damals nicht so, dass die Menschen gezwungen waren, buchstäblich alles hinunterzuwürgen, um irgendwie zu überleben.

Im Mittelalter verhungerten nach Missernten immer wieder Tausende von Menschen. Auch vor und nach diesem Winter, den Christian und seine kleine Familie zu Skeletten abgemagert überlebten, verzeichneten die Chroniken ähnliche Katastrophen.

Über die Jahre von 1032 bis 1034 schreibt der Mönch Radolphus Glaber aus dem burgundischen Kloster Cluny: »Unaufhörliche Regenfälle hatten die Erde derart aufgeweicht, dass man drei Jahre lang keine Furchen ziehen konnte, die das Saatgut hätten aufnehmen können. Zur Erntezeit gedieh auf den Äckern lediglich Unkraut oder die gefährliche Tollgerste. Wurde irgendwo Essbares angeboten, dann lediglich zu Wucherpreisen. Nachdem die Menschen alle Wildtiere, die sie fangen konnten, und alle Vögel verzehrt hatten, begannen sie schließlich damit, Aas zu verzehren.

In ihrer Verzweiflung verschlangen die Menschen sogar Fleisch von ihresgleichen. Reisende wurden überfallen und ermordet. Man schlug ihnen die Glieder ab und röstete sie über dem Feuer. Ähnliches widerfuhr auch Menschen, die sich in andere Orte flüchten wollten, um dort nach Nahrung zu suchen. Sie wurden von ihren Wirtsleuten im Schlaf erwürgt und dann verschlungen. Kinder wurden mit Eiern in abgelegene Häuser gelockt und erlitten dort das gleiche Schicksal. Ja, man grub sogar die Leichen Verstorbener aus, um mit ihnen den Hunger zu stillen.«

Wie groß die Not zuweilen war, beweist die Tatsache, dass nicht einmal Kannibalismus tabu war, und die Erinnerung daran begegnet uns noch in dem Grimmschen Märchen »Die Kinder in Hungersnot« vom Anfang des 19. Jahrhunderts, in dem es heißt:

Es war einmal eine Frau mit ihren beiden Töchtern in eine solche Armut geraten, dass sie nicht einmal mehr ein Stückchen Brot in den Mund zu stecken hatten. Wie nun der Hunger bei ihnen so groß ward, dass die Mutter ganz außer sich und in Verzweiflung geriet, sprach sie zu der älteren Tochter: »Ich muss dich töten, damit ich etwas zu essen habe.« Die Tochter sagte: »Ach, liebe Mutter, schont meiner. Ich will ausgehen und schauen, dass ich etwas zu essen bekomme, ohne zu betteln.« Da ging sie aus, kam wieder und hatte ein Stückchen Brot mitgebracht. Das aßen sie miteinander, aber es war zu wenig, um ihren Hunger zu stillen.

Deshalb sprach die Mutter zu ihrer anderen Tochter: »So musst du dran!« Sie antwortete aber: »Ach, liebe Mutter, schont meiner. Ich will gehen und unbemerkt etwas zu essen besorgen.« Da ging sie hin und kam mit zwei Stückchen Brot wieder, aber auch das war zu wenig, um ihren Hunger zu stillen.

Darum sprach die Mutter nach einigen Stunden zu ihnen: »Ihr müsst nun doch sterben, denn sonst müssen wir allesamt verschmachten.« Daraufhin antworteten sie: »Liebe Mutter, wir wollen uns niederlegen und schlafen und nicht eher wieder aufstehen, als bis der Jüngste Tag kommt.« Da legten sie sich hin und schliefen einen tiefen Schlaf, aus dem sie niemand erwecken konnte. Die Mutter aber ist weggekommen, und weiß kein Mensch, wo sie geblieben ist.

In tiefer Verzweiflung war also alles denkbar. Nicht nur Kannibalismus, sondern sogar die Verspeisung der eigenen Kinder. Nicht umsonst lautete eine Redensart aus jener Zeit: »Hungersnot geht über alle andere Not!«

Hungersnöte waren – das glaubte man felsenfest – ein Strafgericht Gottes, und deshalb gab es auch keinen Heiligen, zu dem man hätte beten können, auf dass er derartige Katastrophen verhindere. Es gab Schutzheilige, die für ganze Berufsgruppen zuständig waren, Heilige, an die man sich bei gewissen Krankheiten wandte, und andere mit Spezialaufgaben wie der heilige Michael beispielsweise, der für das ganze Reich der Deutschen zuständig war.

Aber einen Heiligen, der Wetterunbilden abwandte? Er hätte sich ja dem Allerhöchsten in den Weg stellen müssen, und darum beteten die Bauern direkt zum Herrn, baten um Vergebung ihrer Missetaten und ließen Vieh und Felder segnen, wenn sie denn einen Priester fanden, der sich dazu herabließ. Benediktiner – alle aus adeligen Familien stammend – sahen ihre Aufgaben eher auf anderen Gebieten; die Bettelorden existierten noch nicht, Pfarrer im heutigen Sinne auch nicht, und die paar armseligen Leutpriester – na ja.

Wenn überhaupt einmal einer von ihnen bei einem armen Bauern vorbeischaute, ließ er sich für seine Dienste bezahlen oder zumindest beköstigen. Fragte sich nur, wovon.

Selbst in Jahren, in denen das Wetter sowohl die Aussaat im Frühjahr als auch die Ernte im Herbst begünstigte, blieben die Erträge einigermaßen bescheiden; besonders bei den kleineren Bauern, und das waren ja die weitaus meisten.

Wenn jedoch – was ja keineswegs selbstverständlich war – Überschuss erwirtschaftet wurde, musste man dafür Abnehmer finden, was wiederum einen Markt voraussetzte, der ja auch nicht allerorten abgehalten wurde.

Von dem bisschen Geld, das man dort verdienen konnte, mussten die Bauern dann noch ihre Pacht oder andere Abgaben entrichten. Für hin und wieder notwendige Anschaffungen blieb so gut wie nichts übrig.

Dafür gab es schließlich den Winter, der genutzt wurde, um nach Möglichkeit alles das herzustellen, was man heutzutage wie selbstverständlich im Baumarkt kaufen würde. Einen Schmied allerdings sollte man schon kennen, der im Tauschhandel gegen Getreide, Gemüse, Eier oder Hühner die notwendigen Eisenwaren lieferte, damit der Bauer den Pflug mit neuen Scharen versehen konnte, der Messer oder Spitzhacke herstellen oder auch das Haus und – so vorhanden – den Stall reparieren konnte. Wo eben möglich, wurde jedoch auf das teure Eisen verzichtet. Schüsseln, Teller, Löffel und selbst Spaten wurden in Eigenarbeit aus Holz geschnitzt.

Die Frauen waren zunächst einmal für den Haushalt zuständig. Das klingt zwar einigermaßen harmlos, aber es gibt heute kaum noch jemanden, der weiß, was es bedeutet, alle im Haus anfallenden Arbeiten ohne fließendes Wasser und Elektroherd, ohne Waschmaschine und Kühlschrank zu bewältigen. Unsere Großmütter haben es vielleicht noch erlebt, aber noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es die Regel und im Mittelalter erst recht.

Zusätzlich musste die Hausfrau das Vieh füttern, die ...

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