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COLLECTION BACCARA BAND 400

MAUREEN CHILD

Heißer als jede Rache

Millionär Wes Jackson erfährt: Er hat eine kleine Tochter! Fassungslos und wütend sucht er seine Ex-Geliebte auf. Doch heißer als sein Rachewunsch brennt plötzlich seine Lust, Belle sinnlich zu lieben …

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Von so viel Liebe nur geträumt?

Die Blitzhochzeit mit Karly war die beste Entscheidung, findet Blake. Sie sind so glücklich! Weshalb er aus allen Wolken fällt, als Karly plötzlich die Scheidung will. Er muss seine Ehefrau zurückgewinnen!

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Halt mich warm in kalten Nächten

Als Deacon mit der hübschen Quin einschneit, sieht er in ihr zuerst nur die Polizistin, die den Fall um ein ausgesetztes Baby untersucht. Doch dann bricht eine eiskalte Winternacht an, die alles ändert …

CANDACE SHAW

Sei treu und küss mich!

Millionär Preston Chase ist absolut verrückt nach der unkonventionellen Künstlerin Blythe. Wie kann er sie über-zeugen, dass sie füreinander geschaffen sind – egal, was die anderen sagen?

Heißer als jede Rache

1. KAPITEL

Wesley Jackson saß seit zwei Stunden mit den führenden Köpfen seiner Firma in Houston zusammen. Die Besprechung näherte sich zum Glück endlich dem Ende. Bald konnte Wesley die Stadt wieder verlassen. Er kam gerne ab und zu hierher, aber zu Hause in Royal konnte er einfach freier atmen.

Ganz gleich, wie erfolgreich er war – im Herzen blieb er immer ein Kleinstädter. Ein Kleinstädter aus Texas. Innerlich lächelnd betrachtete er seine Westernstiefel. Einiges ließ sich einfach nicht ablegen.

„Halte ich Sie von etwas Wichtigem ab?“, fragte er unvermittelt, als er bemerkte, dass Mike Stein, der jüngste Mitarbeiter seines PR-Teams, aus dem Fenster starrte.

Mike zuckte zusammen. Er war für gewöhnlich sehr engagiert, wirkte aber heute ein wenig abwesend. Gut nachvollziehbar. Es war der zweite Januar, und wahrscheinlich litten alle noch unter den Nachwehen diverser Silvesterpartys. Wes konnte dem Jungen eine kleine Pause zugestehen, aber die war jetzt vorbei.

„Was?“, fragte Mike erschrocken. „Nein, natürlich nicht. Sorry.“

Tony Danvers lachte, verbarg es aber gleich hinter einem Hüsteln.

Wes musterte seine drei Mitarbeiter. Mike war neu, aber sehr talentiert und ehrgeizig. Tony kannte sich in der Firma blind aus, und Donna Higgs hatte ihre Finger am Puls jeder Abteilung. Die drei standen genau für das, was er von seinen Angestellten erwartete: Engagement, Zielstrebigkeit und Resultate.

Da sie die anstehenden Themen abgehakt hatten, kam Wes jetzt zum wichtigsten Punkt seiner Agenda. „Die It’s-Me-Kollektion“, sagte er. „Gibt es da irgendwelche Probleme? Ist alles vorbereitet für den Start der Kampagne?“

Die neue Puppe sollte der ganz große Hit werden. Schon der Name sprach für sich: „It’s Me – Das bin ja ich!“ Natürlich gab es auch jetzt schon Puppen, die einem Kind ähnlich sahen. Aber Texas Toy Goods Inc. wollte die noch toppen. Jede It’s-Me-Puppe zeichneten eine ganze Reihe von besonderen Merkmalen aus, die individuell angepasst werden konnten und die Ähnlichkeit mit dem Kind weiter erhöhten. Diese Sonderanfertigungen sollten innerhalb kürzester Zeit nach dem individuellen Bestelleingang im Einzelhandel oder online lieferbar sein. Damit wollten sie alle anderen Verkaufszahlen der Spielwarenbranche in den Schatten stellen. Allein der Gedanke daran entlockte Wes ein Lächeln.

Ursprünglich hatte er vorgehabt, das Angebot bereits zum Weihnachtsgeschäft auf den Markt zu bringen, hatte sich dann aber dagegen entschieden. Er ging davon aus, dass im Februar der Reiz des Neuen der Weihnachtsgeschenke verflogen war und die Kinder etwas anderes brauchten.

Die It’s-Me-Puppe sollte ein derartiger Knüller werden, dass sie zum kommenden Weihnachtsfest auf keiner Wunschliste fehlte. Und jedes Kind, das bis dahin schon eine solche Puppe hatte, würde sich eine weitere wünschen. Vielleicht dann als Abbild der Freundin oder eines Geschwisterkindes.

Es gab unendlich viele Möglichkeiten.

Tony lehnte sich zurück und schlug ein Bein über das andere. „Alles läuft nach Plan, Boss. Wir haben Dutzende von Puppendesigns. Es gibt sie in jeder Hautfarbe und mit jeder Frisur, von der ich je gehört habe. Sogar ein paar, die mir neu waren.“

„Typisch Mann!“ Donna Higgs, die Leiterin der Marketingabteilung, schüttelte den Kopf.

Wes grinste. Seine Firma würde in aller Munde sein, sobald diese Puppen auf dem Markt waren. Donnas Abteilung bereitete eine Riesenkampagne vor, und die PR-Abteilung wollte die sozialen Medien überschwemmen. Eine Testgruppe von Kindern hatte die Puppe schon zur Siegerin gekürt. Das Unternehmen war seit zehn Jahren stetig gewachsen, aber mit diesem Produkt würde es einen Quantensprung im Umsatz machen – und Wesley vom Multimillionär zum Milliardär.

Mit seiner Firma hatte er mehr oder weniger bei null angefangen. Mit seinen Ideen, der kleinen Erbschaft seines Vaters und einer Portion Ehrgeiz schaffte er es, neuen Wind in eine alte Industrie zu bringen. Er war bekannt für seinen Innovationsgeist und seine Kreativität. Zusammen mit seinen nicht minder engagierten Mitarbeitern machte er TTG zu einer festen Größe im Spielwarenbereich. Diese neue Puppe würde sie noch etwas weiter an die Spitze bringen.

Jede Puppe war auf ihre Art ein Unikat und würde jedem Kind überall auf der Welt gefallen. Er hatte bereits Visionen von einem Vertriebsnetz in Europa. Bald würde Texas Toy Goods Inc. zu den ganz Großen der Branche gehören. Dabei hatte Wes die bevorstehende Übernahme noch gar nicht berücksichtigt, an der er seit zwei Jahren mit Teddy Bradford arbeitete, dem CEO von PlayCo.

„Also …“ Wes lenkte das Gespräch zurück aufs Thema. „Wenn Eltern in den Läden nicht genau das finden, was sie suchen, sind wir darauf eingerichtet, ihnen alle Sonderwünsche zu erfüllen?“

„Absolut.“ Tony stützte die Arme auf die Knie. „Jede Spielwarenabteilung hat einen speziellen Stand von uns. Dort werden die Kunden online mit uns verbunden und können alle Details angeben, die ihnen wichtig sind. Hat das Kind irgendeine Prothese, statten wir die Puppe entsprechend aus. Vom Rollstuhl bis zur Zahnspange – alles kein Problem. Jedes Kind soll das Gefühl haben, etwas Besonderes zu sein. Sonderanfertigungen dauern natürlich etwas länger …“

Wes runzelte die Stirn. „Wie viel länger?“

„Kaum der Rede wert.“ Donna kontrollierte etwas auf ihrem I-Pad und sah dann auf. „Ich weiß, die Produktion ist Tonys Bereich, aber wir im Marketing haben uns mit den Zeiten auch schon befasst, um sie entsprechend bewerben zu können. Da das Gros der Puppen bereits fertig ist, können wir die Sonderanfertigungen innerhalb weniger Tage liefern.“

„Das geht.“ Wes nickte. „Sie sollten dafür sorgen, dass alle vorbereitet sind. Ich möchte ein Team haben, das ausschließlich für dieses Projekt abgestellt ist.“

„Äh … Boss?“ Mike Stein hielt eine Hand hoch, ganz wie in der Schule. Aber er war noch jung und würde sich irgendwann an die etwas legerere Atmosphäre gewöhnen, die Wes in den Meetings bevorzugte.

„Ja?“

„Alle Anzeigen sind vorbereitet, und in den sozialen Medien können wir sofort eine Lawine lostreten.“

„Gut.“

Wes bemerkte, dass der junge Mann etwas nervös wirkte. Verdammt, seit wann waren Männer in den Zwanzigern für ihn eigentlich junge Männer? Seit wann war er so alt? Er unterdrückte den Gedanken sofort. Mit vierunddreißig war er wirklich noch nicht alt. Er hatte einfach viel zu tun. Die Leitung des Unternehmens beschäftigte ihn vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Sein Privatleben war ein Witz. Er konnte sich schon nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal mit einer Frau zusammen gewesen war. Aber das würde wieder kommen. Irgendwann. Im Moment forderte und verdiente die Firma seine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Natürlich war es nicht immer so gewesen. Es hatte eine Frau gegeben …

Wes unterbrach seinen Gedankengang. Das war vorbei. Er war damals nicht an einer festen Beziehung interessiert gewesen, während ihr Ehe und Kinder sehr wichtig waren. Er hatte es beendet und bedauerte dies nicht. Oder jedenfalls nur selten.

Es war nicht sehr klug gewesen, ein Verhältnis mit einer Mitarbeiterin anzufangen. Natürlich hatte es Klatsch gegeben und auch Verstimmungen unter einigen seiner Angestellten. Aber Wes hatte Belle einfach nicht widerstehen können. Das zwischen ihnen war etwas ganz Besonderes gewesen. Für eine Weile war Wes dafür bereit gewesen, das Getuschel der anderen zu ertragen.

Aber nun war es vorbei.

„Ich glaube, wir haben an alle nur möglichen Accessoires gedacht“, warf Donna ein und lenkte Wes’ Aufmerksamkeit wieder auf das Gespräch. „Wenn die Sonderaufträge kommen, können wir sie sofort umsetzen.“

„Das hört sich gut an. Und was ist, wenn wir etwas nicht haben?“, wollte Wes wissen.

„Dann besorgen wir es“, kam prompt Donnas Antwort. „Kein Problem, Boss. Es wird alles so glatt laufen, wie Sie es sich wünschen. Es wird der größte Hit auf dem Puppenmarkt seit den ‚Vegetable Patch Babys‘ in den 80ern.“

„Das wollte ich hören.“ Wes erhob sich. „Das ist alles für heute. Halten Sie mich auf dem Laufenden.“

Er sah den dreien nach und bat seine Assistentin Robin dann, ihm frischen Kaffee zu bringen. Er würde ihn brauchen, wenn er sich über die E-Mails hermachte. Es gab garantiert wieder irgendwelche Probleme mit den Zulieferern oder den Banken oder sonst jemandem. Statt sich gleich an den Schreibtisch zu setzen, begab Wes sich an das große Eckfenster.

Der Ausblick über Houston war vertraut und immer wieder beeindruckend. Die Glasfronten der Hochhäuser blitzten in der Sonne. Dicke weiße Wolken zogen über einen Himmel, der so blau war, dass es schon fast wehtat in den Augen.

Wenigstens zweimal die Woche kam er von Royal in die Stadt ins Büro. Die Mitarbeiter sollten seine Anwesenheit spüren. Sie wurden nachlässig, wenn sich der Boss nicht blicken ließ. Aber hätte er die Wahl, wäre ihm Royal allemal lieber als Houston.

In seiner Heimatstadt war weniger Verkehr, weniger Lärm, und im Royal Diner gab es die besten Burger von ganz Texas. Außerdem wurde er dort nicht an die Überstunden mit der Frau erinnert, die er aus seinen Gedanken verbannen wollte.

Überstunden, aus denen heiße Nächte geworden waren – die abrupt erkalteten, als sie die tödlichen drei Worte sagte: Ich liebe dich. Auch nach dieser langen Zeit noch machte es ihn wütend. Und trotz dieses Endes – oder vielleicht auch gerade deswegen – blieb diese eine Frau ihm in Erinnerung und war in Gedanken immer in seiner Nähe.

Alles lief gut, doch sie musste es ruinieren!

Aber trotz allem bedauerte er ihre heiße Affäre nicht. Was ihn jedoch irritierte, war die Tatsache, dass er noch fünf Jahre später regelmäßig an Belle denken musste, so als könne er einfach nicht loslassen.

Ein kurzes Klopfen an der Tür ließ ihn gedanklich innehalten. „Herein.“

Robin brachte ein Tablett mit Kaffee und Keksen.

Er lächelte. „Was würde ich nur ohne Sie tun?“

„Wahrscheinlich verhungern“, bemerkte sie trocken. Robin war in den Vierzigern, glücklich verheiratet und Mutter von vier Kindern. Sie liebte ihren Job und war sehr gut darin. Wenn Wes in Royal war, hielt sie ihn über alles auf dem Laufenden. Sollte sie je mit Kündigung drohen, dann war Wes bereit, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, damit sie blieb.

„Harry hat angerufen. Er ist im Moment in dem Meeting in New York. Er will sich melden, wenn es vorbei ist.“

Harry Baker war sein Stellvertreter. Er bereiste die großen Filialisten des Landes, um alles für die Präsentation der neuen Puppen-Kollektion vorzubereiten. „Das ist gut. Danke.“

Nachdem sie gegangen war, nippte Wes an seinem Kaffee und gönnte sich einen Keks, bevor er durch die Mails scrollte und die Spammails gleich löschte. Er überflog die Betreff-Zeilen, bis er las: „Ihr Geheimnis ist gelüftet.“

„Was soll das denn?“ Obwohl er befürchtete, dass es ein Virus war oder irgendeine Werbung, klickte er die Mail an und las sie. Ihn fröstelte. Der Keks schmeckte plötzlich wie trockenes Stroh, und er musste ihn mit Kaffee hinunterspülen.

Der Text der Mail lautete:

Kontrollieren Sie Ihren Twitter-Account. Ihr neuer Online-Name ist Unterhaltsverweigerer. Sie wollen das Gesicht eines neuen Spielzeuguniversums sein? Familienfreundlich? Wie verlogen!

Unterschrieben war die Mail mit ‚Maverick‘.

„Wer zum Teufel ist Maverick? Was soll das alles?“ Obwohl Wes ein ungutes Gefühl dabei hatte, öffnete er den Anhang. Ein Foto erschien auf dem Bildschirm.

Er fuhr auf. Die Beine seines Stuhls schrammten über den polierten Holzfußboden. Wes starrte wie hypnotisiert auf das Bild eines kleinen Mädchens, das zu ihm zurückzustarren schien. „Wer …?“

Sie war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, hatte seine Augen und dasselbe Lächeln. Als hätte ihn das noch nicht ausreichend überzeugt, konzentrierte er sich auf die Halskette der Kleinen. Bevor er sich von Belle getrennt hatte, hatte er ihr ein rotes Plastikherz an einer Kette aus künstlichen Perlen geschenkt. Es war ein Witz gewesen, bevor er ihr ein Paar Diamant-Ohrringe gegeben hatte.

Das kleine Mädchen auf dem Foto trug ebendiese Kette mit dem roten Herzen.

Panik und Zorn rangen in ihm. Er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen und konnte den Blick nicht von dem Mädchen wenden. „Wie kann ein Mann eine Tochter haben und nichts davon wissen?“, sagte er laut.

Eine Tochter? Er hatte ein Kind? Dem Foto nach zu urteilen, mochte die Kleine vier oder fünf Jahre alt sein. Wenn es kein altes Foto war, gab es nur eine Frau, die als Mutter infrage kam. Und wieder drehten sich alle Gedanken nur um sie.

Wie hatte das passieren können? Blödsinn. Natürlich wusste er, wie. Aber er wusste nicht, wieso es ihm niemand gesagt hatte. Wes rieb sich mit der Hand den Nacken. Sein Blick hing immer noch an dem Foto, bis er sich zwang, zu Twitter zu wechseln.

Jemand hatte seinen Account gehackt. Sein neuer Name war wie angekündigt Unterhaltsverweigerer. Wenn er diese Sache nicht schnell stoppte, würde es sich wie ein Lauffeuer im Netz verbreiten und konnte seinem Unternehmen schaden.

Wes tätigte einige Anrufe und übergab die Angelegenheit seinen IT-Leuten. Mehr konnte er im Moment nicht tun. #Unterhaltsverweigerer ging bereits durch die Twitterwelt. Jetzt gab es nur zwei Dinge für ihn: das Kind zu finden und seinen Ruf zu retten.

Wes drückte die Taste zu seiner Assistentin. „Robin“, sagte er knapp, „Mike aus der PR-Abteilung soll kommen. Sofort.“

Er wartete die Antwort nicht ab, sondern legte einfach auf, um sich wieder dem PC zuzuwenden und das Bild des kleinen Mädchens zu betrachten. Seine Tochter! Wie hieß sie? Wo lebte sie? Gedanken an die Frau, die die Mutter der Kleinen sein musste, schossen ihm durch den Kopf. Isabelle Gray. Sie war vor Jahren aus seinem Leben verschwunden. Wes schwor sich, der Sache auf den Grund zu gehen.

Während der nächsten Stunde beschäftigten sich die Spezialisten mit der Angelegenheit. Die Flut der Retweets ließ sich offensichtlich nicht stoppen. Wes bat Mike und sein Team, sich darum zu kümmern, während die IT-Leute versuchten, diesen geheimnisvollen Maverick zu orten, damit Wes sich direkt mit ihm auseinandersetzen konnte.

Von alledem einmal abgesehen, hatte Wes noch ein weiteres Problem, um das er sich kümmern musste. Seit zwei Jahren bemühte er sich um die Fusion mit PlayCo, einem der großen Namen der Spielwarenindustrie. Der CEO der Firma war ein sehr konservativer Mann, für den die Werte der Familie in Stein gemeißelt waren. Er war seit Ewigkeiten mit derselben Frau verheiratet, hatte mehrere Kinder und war der Inbegriff des guten Amerikaners.

Diese Maverick-Sache konnte den ganzen Deal ins Wanken bringen. Wes versuchte mehrfach, Teddy anzurufen, aber ohne Erfolg. Kein gutes Zeichen.

„Äh, Boss?“

„Ja?“ Wes fuhr herum und sah sich einer der jungen Frauen aus der PR-Abteilung gegenüber. Wie hieß sie doch gleich? Stacy? Tracy? „Was ist?“

„Teddy Bradford gibt gerade eine Pressekonferenz. Sie können sie live im Internet sehen.“

Er ging zum Tisch und nahm nur vage wahr, dass die anderen einen Halbkreis hinter ihm bildeten. Alle sahen wie gebannt zu, als Bradford vor ein Mikrofon trat. Sobald es ruhig geworden war, erklärte er: „Nach den verstörenden Enthüllungen in den sozialen Medien heute Nachmittag möchte ich alle Gespräche mit TTG über die angekündigte Fusion zunächst einmal auf Eis legen. Ich werde nochmals alle Optionen überdenken.“

Wes biss die Zähne zusammen. Es war klar, dass die Fusion erst mal gestorben war. Alle anderen schienen es ebenso zu sehen, denn es ging ein kollektives Raunen durch den Raum.

Doch Teddy war noch nicht fertig. Er wirkte sachlich. Fast traurig. Wes meinte jedoch, auch einen Funken Genugtuung in seinem Blick zu erkennen. Wahrscheinlich genoss er die Situation sogar. Nichts liebte der Mann mehr, als hoch auf seinem Ross der Selbstgerechtigkeit zu sitzen. Er hatte ihm nicht einmal eine Chance gegeben, etwas dazu zu sagen, und stattdessen gleich eine Pressekonferenz einberufen. Dieser Bastard!

„Hier bei PlayCo legen wir viel Wert auf die Familie“, fuhr Teddy fort. „Man könnte sogar sagen, es ist die Basis unserer Unternehmenskultur, und so wird es auch immer bleiben. Nach den Enthüllungen des Tages muss ich feststellen, dass Wes Jackson nicht der Mann ist, für den ich ihn gehalten habe. In den kommenden Tagen werde ich über einiges nachzudenken haben. So wie die Dinge im Moment stehen, müsste schon ein Wunder geschehen, um mich umdenken zu lassen.“ Fragen wurden ihm zugerufen, Kameras klickten.

„Das ist alles“, erklärte Teddy. „Falls Sie weitere Fragen haben, sollten Sie sie Wes Jackson stellen. Auf Wiedersehen.“ Er verließ das Podium und schob sich durch die Menge nach draußen.

Wes rieb sich die Augen. Er hatte stechende Kopfschmerzen.

Stacy oder Tracy oder wie auch immer schaltete den Ton des PCs aus. Schweigen machte sich breit.

Die Fusion war damit gestorben. Wes konzentrierte sich ganz auf diesen geschäftlichen Aspekt des Albtraums, weil er nicht genügend Informationen hatte, was das Persönliche betraf. Mit steigender Frustration sah er zu, wie sein PR-Team versuchte, irgendwie den Schaden zu begrenzen. Seine Assistentin war ständig mit Anrufen der Medien beschäftigt. Die Sache schien sich immer mehr auszuweiten. Nichts liebten die Menschen mehr als einen Skandal, und wer auch immer dieser Maverick war – er wusste es.

Zum ersten Mal im Leben fühlte Wes sich wirklich hilflos, und es gefiel ihm ganz und gar nicht. Nicht nur, dass sein Unternehmen leiden musste – irgendwo da draußen gab es ein Kind, von dem er nichts gewusst hatte. Wie hatte dieser Maverick das Mädchen gefunden? Steckte Isabelle dahinter? Oder war es jemand, der ihr nahestand? Ging es um Rache? Was auch immer der Anlass war, jemand versuchte ganz gezielt, ihm und seinem Unternehmen zu schaden. Aber wer? Und warum?

Im Geschäftsleben erfolgreich zu sein hieß zwangsläufig auch, sich Feinde zu machen. Bisher hätte Wes es nicht für möglich gehalten, dass einer seiner Geschäftspartner zu solchen Mitteln greifen würde. Und im Privatbereich? Gab es dort jemanden, der so etwas tun würde? Ihm kam nur eine einzige Person in den Sinn. Seine Exfreundin Cecelia Morgan.

Belle und sie kannten sich. Hatte Cecelia von dem Baby gewusst? Hatte sie diese Lawine losgetreten? War sie Maverick? Cecelia hatte nicht gut reagiert, als er sich von ihr getrennt hatte. Er wusste, dass sie rachsüchtig war. Aber falls sie dahintersteckte – wieso? Ihre Firma Up to the Moon verkaufte exklusive Sachen für Kinder. Sie standen nicht in direkter Konkurrenz, aber sie war in ihrem Unternehmen so engagiert wie Wes in seinem. Vielleicht hatte es deswegen zwischen ihnen nicht funktioniert.

Er wusste nicht, ob sie mit dieser Sache etwas zu tun hatte, aber es gab eine sichere Möglichkeit, das herauszufinden. Wes überließ das Büro seinen Leuten und fuhr nach Royal, um seine Ex zur Rede zu stellen und vielleicht ein paar Antworten zu bekommen. Die Fahrt war nicht dazu angetan, seine aufgestaute Wut zu besänftigen, da er immer wieder das Bild des kleinen Mädchens vor Augen hatte. Das Foto seiner Tochter!

Er brauchte Antworten. Die konnte er nur bei Belle bekommen. Sie zu finden war seine Hauptpriorität. Seine IT-Leute hatten im Moment nicht nur die Aufgabe, den Schaden für die Firma zu begrenzen, sondern auch, Isabelle Gray zu suchen. Und bis sie gefunden war, konnte er selbst etwas tun. So wie er Cecelia kannte, war sie zum Essen im Texas Cattleman’s Club, in dem legendären Klub nur für ausgewählte Mitglieder. Dorthin fuhr er.

Cecelia war mitten in einem Lunch-Meeting mit einigen ihrer Angestellten. Wes wusste, dass es die Gerüchteküche nur befeuern würde, wenn er dieses Meeting unterbrach, aber er konnte nicht warten. Der Klub war elitär und konservativ. Erst in den letzten Jahren hatte man begonnen, auch Frauen aufzunehmen – etliche von der alten Garde waren alles andere als glücklich darüber.

Während der Fahrt von Houston hierher war Wes immer wieder alle Aspekte dieses Albtraums durchgegangen. Ein Kind, von dem er nichts wusste. Eine geplatzte Fusion. Sein ruinierter Ruf. Und Ursache für das alles war vielleicht eine rachsüchtige Ex. Als er vor dem Speisesaal stand, war er bereit für die Schlacht.

„Mr. Jackson.“ Der Ober trat auf ihn zu. „Darf ich Sie an einen Tisch bringen? Sind Sie allein, oder erwarten Sie noch Gäste?“

„Weder noch, danke.“ Wes ignorierte den Mann nach einer knappen, höflichen Verbeugung. Der kalte Blick, den er Cecelia zuwarf, erregte ihre Aufmerksamkeit sogar vom anderen Ende des Saales aus. „Ich muss nur kurz mit Ms. Morgan sprechen.“

Sie runzelte fragend die Stirn, entschuldigte sich bei den anderen an ihrem Tisch und kam zu ihm. Sie war eine beeindruckende Frau, und aus rein männlicher Perspektive musste Wes sie bewundern, auch wenn er vor Zorn kochte. Ihr langes blondes Haar fiel in weichen Wellen über ihre Schultern. Die graugrünen Augen spiegelten Neugier wider. Sie war nicht sehr groß, aber ihre kurvige Figur und der Schmollmund hatten schon manchen Mann in Texas in die Knie gezwungen.

Sie lächelte ihn an und beugte sich vor, als wolle sie ihm einen Kuss auf die Wange hauchen. Wes wich spontan zurück. Er sah die Mischung aus Überraschung und Kränkung in ihrem Blick, sagte aber nur: „Wir müssen reden.“

Er nahm sie beim Arm und zog sie in eine ruhige Ecke, wo sie hoffentlich ungestört waren. Cecelia entzog ihm ihren Arm und zischte: „Was ist denn mit dir los?“

„Das weißt du doch selbst am besten“, knurrte er. „Diese E-Mail, die du mir geschickt hast …“

Verwirrt sah sie ihn an. „Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“

Er musterte sie einen Moment lang schweigend und versuchte zu ergründen, ob sie log oder nicht. Er konnte sich nicht sicher sein, konnte nur seinem Instinkt vertrauen. Sie machte nicht den Eindruck, als triumphiere sie über einen geglückten Coup.

„Also gut.“ Er zog sein Smartphone aus der Tasche, öffnete die E-Mails und gab sie ihr zu lesen.

„Maverick? Wer zum Teufel ist Maverick?“

Es wirkte so überzeugend, dass er ein wenig entspannte. Aber wenn nicht sie Maverick war, wer dann?

„Eine gute Frage. Diese Mail habe ich heute Morgen bekommen – zusammen mit dem Foto meiner Tochter, von deren Existenz ich bisher nichts gewusst habe.“ Er öffnete den Anhang und zeigte Cecelia das Foto des lächelnden kleinen Mädchens. Dabei ließ er Cecelia nicht aus den Augen und erkannte an ihrer Reaktion, dass sie mehr wusste, als sie zugab. Ihre Miene war leicht zu deuten: Die Existenz seiner Tochter war keine Überraschung für sie.

„Du wusstest von dem Mädchen.“ Es war keine Frage.

Cecelia atmete tief durch. „Ich wusste, dass sie schwanger war, als sie ging. Ich wusste nicht, dass sie ein Mädchen bekommen hat.“

„Sie?“

„Isabelle.“

Er schwankte leicht. Er hatte es gewusst. Die Halskette des kleinen Mädchens, das seine Augen hatte, ließ keinen Zweifel zu. Isabelle. Die Frau, mit der er fast ein Jahr zusammen gewesen war, war mit seiner Tochter schwanger gewesen und hatte es ihm nicht gesagt. Belle hatte die Stadt verlassen, aber Cecelia war hier in Royal geblieben. Hatte ihn immer wieder gesehen. Und nie hatte sie auch nur den Hauch einer Andeutung davon gemacht, dass er Vater war.

„Du hast es gewusst und kein Wort gesagt?“ Sein Ton war leise. Angespannt.

„Aus welchem Grund hätte ich etwas sagen sollen?“

„Aus welchem Grund? Mein Kind wäre Grund genug gewesen.“

„Ich bitte dich, Wes! Wie oft hast du gesagt, dass du keine Kinder willst oder überhaupt irgendetwas, das sich auch nur entfernt nach einer festen Verbindung anfühlt?“

„Das spielt keine Rolle.“

„Oh, doch, das tut es.“ Ihre Augen blitzten. „Sie war ziemlich sicher, dass du das Baby nicht wolltest, und ich konnte ihr nur zustimmen. Ich habe ihr einfach nur gesagt, was du so oft von dir gegeben hast: dass du weder an einer Ehe noch an einer Familie interessiert bist.“

Es tat weh, seine eigenen Worte wiederzuerkennen, aber noch schlimmer war die Tatsache, dass zwei Frauen, zu denen er eine Beziehung gehabt hatte, sich einig gewesen waren, ihm das Kind vorzuenthalten. Es stimmte, er hatte nie eine Frau oder Kinder geplant, aber das hieß doch nicht, dass er von einem Kind nicht wenigstens wissen wollte!

„Und dann?“ Er musterte sie grimmig. „Dann wartest du ein paar Jahre, findest diesen Maverick und erzählst es ihm? Hilfst ihm, mich im Internet fertig zu machen? Wozu? Rache?“

Sie sah ihn empört an. „Das würde ich nie tun, Wes“, sagte sie, so überzeugend, dass er ihr fast glaubte.

„Wirklich? Dein Ruf besagt etwas anderes.“

Sie wurde rot. „Glaub doch, was du willst – aber ich war es nicht.“

„Gut. Und wo ist Isabelle?“

„Ich weiß es nicht. Sie hat nur gesagt, dass sie nach Hause will. Irgendeine kleine Stadt in Colorado. Swan… irgendwas. Ich habe es vergessen. Wir haben keinen Kontakt mehr.“ Vorsichtig legte sie eine Hand auf seinen Arm. „Aber ich werde dir helfen, nach ihr zu suchen.“

„Du hast vor fünf Jahren schon genug geholfen“, sagte er eisig und sah an ihrem Blick, dass er sie damit sehr verletzt hatte.

Pech. Er hatte jetzt keine Zeit, sich mit ihren Gefühlen zu befassen. Gut, sie behauptete, unschuldig zu sein, aber es wäre naiv von ihm, ihr zu glauben. Als er hinauseilte, nahm er den Ober kaum wahr, der in der Nähe stand.

Wes hatte alle seine IT-Leute auf das Problem angesetzt, aber er wollte selbst auch etwas tun. Es war sicher nicht einfach, aber er würde Isabelle im Internet finden.

Und dann konnte sie sich warm anziehen!

Isabelle Graystone saß am Küchentisch und arbeitete mit Block und Stift, während ihre Tochter den üblichen Snack nach der Vorschule einnahm.

„Kann ich noch Kekse haben, Mommy?“ Carolines Finger tanzten, während sie sprach.

Isabelle betrachtete lächelnd die kleine Liebe ihres Lebens. Caroline war jetzt vier Jahre alt, niedlich, intelligent und neugierig. Nicht zu vergessen ihr Charme. Mit diesem Lächeln und dem scheuen Blick gelang es ihr immer wieder, ihren Willen durchzusetzen.

„Noch zwei Stück, mehr nicht.“ Isabelle bewegte ihre Hände in der Gebärdensprache.

Caroline strahlte und nahm sich die genehmigten Kekse. Ihre Füße stießen gegen die Beine des Küchenstuhls, während sie beide Hände um ihr Glas Milch legte und einen Schluck trank.

Isabelle betrachtete sie nachdenklich. Es war nicht leicht für ein Kind, anders als die anderen zu sein, aber Caroline hatte schon eine derart ausgeprägte Persönlichkeit, dass es ihr nichts ausmachte, ein Hörgerät zu tragen. Die Gebärdensprache hatte ihr ganz neue Möglichkeiten der Kommunikation eröffnet. Der Gehörverlust würde kontinuierlich fortschreiten, das wusste Isabelle. Irgendwann würde ihre Tochter vollkommen taub sein.

Deswegen war Isabelle entschlossen, alles zu tun, was in ihrer Macht stand, um das Leben ihrer Tochter so normal wie möglich zu machen. Vielleicht mussten sie später ein Implantat in Erwägung ziehen, das die Funktion der beschädigten Teile des Innenohrs übernahm, um die Audiosignale an das Gehirn zu übertragen. So weit war es noch nicht, aber Isabelle zog alle Möglichkeiten in Betracht. Es gab nichts, was sie nicht für Caroline tun würde.

„Nach dem Mittagessen muss ich in die Stadt fahren“, erklärte sie der Kleinen. „Ich muss mich mit ein paar Leuten treffen wegen der Spenden-Party, die ich plane. Willst du mitkommen oder lieber bei Edna bleiben?“

Caroline war so mit Essen beschäftigt, dass sie nur die Gebärdensprache benutzte. „Ich komme mit. Gehen wir auch Eis essen?“

Lachend schüttelte Isabelle den Kopf. „Wo lässt du das nur alles?“

Ein Schulterzucken und ein Lächeln waren die Antwort.

Es klingelte an der Tür.

„Ich gehe öffnen“, erklärte Isabelle. „Iss du inzwischen deine Kekse.“

Sie ging durch das Haus und hörte dabei das leise Klacken ihrer Absätze auf den polierten Holzfußböden. An den Wänden hingen Landschaftsbilder, und durch das Oberlicht über dem Korridor fiel das blasse Licht der Wintersonne herein. Es war ein elegantes, und trotz seiner Größe doch behagliches Haus. Die restaurierte alte Villa befand sich auf einem großen Grundstück am Stadtrand von Swan Hollow in Colorado.

Belle warf das lange blonde Haar nach hinten und öffnete die Tür mit einem freundlichen Lächeln – das allerdings augenblicklich erstarrte. In ihr schien sich alles zusammenzuziehen, während ihr Puls auf Hochdruck schaltete.

Wes Jackson. Der einzige Mann, von dem sie gedacht hatte, sie würde ihn nie wiedersehen. Der Mann, von dem sie noch immer jede Nacht träumte.

„Hallo, Belle.“ Sein Blick war kalt und distanziert. „Willst du mich nicht hereinbitten?“

2. KAPITEL

Isabelle spürte, wie ihr das Herz bis zum Halse klopfte. Ihn hereinbitten? Ihr war eher danach, einen Schritt zurückzuweichen und ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Nur schade, dass sie unfähig war, sich zu rühren. „Wes?“ Das war das einzige Wort, das sie mit Mühe über die Lippen brachte.

„Du erinnerst dich also noch an mich. Immerhin.“ Er trat näher.

Isabelle wich spontan einen Schritt zurück und verschwand wie zum Schutz hinter der halb geöffneten Tür. Panik stieg in ihr auf. So unerwartet es war, Wes Jackson auf ihrer Veranda zu sehen – irgendwie überraschte es sie nicht. Sie hatte immer erwartet, dass ihre Vergangenheit sie eines Tages einholen würde.

Es war fünf lange Jahre her, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Es erschien ihr fast wie gestern. Und auch wenn in seinem Blick der Zorn blitzte, spürte sie in ihrem tiefsten Innern heißes Verlangen. Was war nur los mit ihr? Hatte sie ihre Lektion nicht gelernt?

Isabelle hatte gern bei Texas Toys gearbeitet. Sie waren dort offen für neue Ideen, und Wes war ein Boss gewesen, wie ihn jeder gern hätte. Er ermutigte seine Mitarbeiter, Neues zu versuchen, und belohnte harte Arbeit. Isabelle und er hatten eng zusammengearbeitet. Als sie der Versuchung nachgegeben und sich auf eine Affäre mit ihm eingelassen hatte, war ihr bewusst, dass es kein gutes Ende nehmen würde. Verhältnisse zwischen Boss und Angestellter waren immer fatal.

Und je mehr Zeit sie mit ihm verbracht hatte, desto mehr Gefühle entwickelte sie für ihn – bis sie schließlich den Fehler beging, sich in ihn zu verlieben. Damit hatte alles geendet. Er sagte ihr ganz offen, er sei nur an einer Affäre interessiert. Es brach ihr das Herz. Als sie Texas verließ, hatte sie sich geschworen, nie zurückzukommen.

Nun schien es, als hätte sie keine Wahl. Texas war zu ihr gekommen.

„Wir müssen reden.“ Sein Ton war kühl.

„Nein, bestimmt nicht.“ Isabelle hatte nicht die Absicht, ihm auch nur einen Millimeter entgegenzukommen. Sie war sich nicht einmal sicher, wieso er überhaupt hier war. Falls er die ganze Wahrheit noch nicht kannte, wollte sie ihm nicht durch irgendwelche Informationen auf die Sprünge helfen. Es zählte nur eines: ihn so schnell wie möglich loszuwerden, bevor er Caroline sah.

„Damit kommst du nicht durch.“ Er legte seine Hände auf ihre Schultern und schob sie beiseite.

Die Bewegung traf sie so unvorbereitet, dass Isabelle nicht einmal einen Versuch machte, sich ihm zu widersetzen. Ehe sie ihn stoppen konnte, war er bereits im Haus. Und gerade als sie den Mund öffnete, um zu protestieren, streifte sein Arm ihre Brüste. Sie erschauerte. Es war nicht Angst, die in ihr aufstieg, auch keine Panik. Es war ganz unverkennbar Verlangen.

Dasselbe Verlangen, das sie vor Jahren verspürt hatte, sobald Wes in ihrer Nähe war. Es war fast vom ersten Moment ihres Kennenlernens an so gewesen. So etwas hatte sie nie zuvor verspürt – und auch nach ihm nicht mehr. Aber seit sie nach Swan Hollow zurückgekehrt war, hatte sie sich ohnehin nicht mehr für Männer interessiert.

Sie hielt es für klüger, auf Beziehungen zu verzichten. Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, ein neues Leben für sich und ihre Tochter aufzubauen. Isabelle hatte ihre Brüder und ihre Tochter, mehr brauchte sie nicht. Am allerwenigsten den Mann, der ihr Herz gestohlen hatte, um es dann mit Füßen zu treten.

„Ich glaube, ich habe eine Erklärung verdient“, sagte Wes nun angespannt.

„Verdient?“ Sie konnte den Unterton der Bitterkeit nicht unterdrücken. Dabei warf sie rasch einen Blick den Korridor hinunter zur Küche, wo Caroline war. „Wirklich? So willst du mir jetzt kommen?“

„Du hättest mir sagen sollen, dass wir eine Tochter haben.“

Das war ein Schock, obwohl sie es hätte wissen sollen. Wieso sonst sollte er gekommen sein? Aber wie hatte er es herausgefunden?

Er zog eine Braue in die Höhe. „Überrascht? Ja, das sehe ich. Immerhin hast du mir die Wahrheit fünf Jahre lang vorenthalten.“

Dem konnte sie kaum widersprechen. Andererseits … „Wes …“

Er hob abwehrend die Hand. „Erspar mir deine Entschuldigungen. Es gibt keine Entschuldigung dafür. Verdammt, Isabelle, ich hatte ein Recht, es zu erfahren.“

Das riss sie endlich aus ihrer Erstarrung. „Ein Recht? Hast du nicht mehr als deutlich gemacht, dass du kein Interesse an einem Kind hattest?“

Sie wollte ihn aus dem Korridor bekommen, wo Caroline ihn sehen könnte, daher ging sie an ihm vorbei ins Wohnzimmer. Es wurde sogar an diesem Wintertag von Sonnenlicht durchflutet. Die Wände waren hellgrün gehalten, dekoriert mit Gemälden von Wäldern, Sonnenuntergängen und dem Meer. Die halbhohen Regale, die an einer Wand entlangliefen, waren mit Büchern gefüllt. Der behagliche Eindruck wurde verstärkt durch einige Sessel und Sofas. Dazwischen standen Eichentische. Im blau gefliesten Kamin brannte ein Feuer.

Dieser Raum – nein, dieses ganze Haus – war ihr Zufluchtsort. Hier hatte sie für Caroline und sich ein Zuhause geschaffen. Sie liebte es. Wie konnte es also sein, dass sie sich in dem großen Wohnzimmer plötzlich beengt fühlte, nachdem Wes eingetreten war?

Er stand direkt hinter ihr, und sie hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Sie wollte, dass er ging. Sofort! Bevor Caroline hereinkommen konnte und Fragen stellte, die Isabelle nicht beantworten wollte. Sie fuhr zu ihm herum, um die Sache zu Ende zu bringen.

Seine blauen Augen waren immer noch so faszinierend wie früher. Auch wenn er wütend war, fühlte sie sich zu ihm hingezogen. Es war … irgendwie traurig. Das blonde Haar fiel ihm bis auf den Kragen herab und wirkte zerzaust. So als wäre er sich ungeduldig mit den Fingern hindurchgefahren. Er hatte die Lippen fest aufeinandergepresst. Das war seine gewohnte Miene. Die Miene des coolen, harten Geschäftsmanns, mit einer extrem niedrigen Toleranzschwelle für Lügen.

Aber sie hatte den Mann hinter dieser Maske kennengelernt. Zumindest hatte sie sich damals gesagt, dass der Mann, mit dem sie redete, lachte und schlief, der wahre Wes Jackson war. Wenn sie allein waren, entspannte er sich – allerdings gelang es ihr nie ganz, die Mauer zu durchbrechen, die er um sich errichtet hatte. Schon damals hatte sie geahnt, dass Wes sie immer irgendwie auf Distanz halten würde. Auch wenn es ihr das Herz gebrochen hatte, musste sie gehen. In ihrem eigenen Interesse und dem ihres ungeborenen Kindes.

„Das Gespräch darüber war doch rein hypothetisch“, fuhr er sie an. „Ich habe nie gesagt, ich würde ein Kind nicht wollen, das schon da ist!“

Für einen Moment verspürte Isabelle Schuldgefühle, unterdrückte sie aber gleich. Vor fünf Jahren hatte Wes ganz unmissverständlich gesagt, dass Ehe, Kinder und Liebe nichts für ihn waren. Sie war gegangen. War hierher nach Hause gekommen. Hatte ihr Baby allein bekommen, nur unterstützt von ihren drei älteren Brüdern. Hier war Caroline glücklich. Sie fühlte sich geliebt und geborgen. Wie sollte Isabelle bedauern, das Beste für ihr Kind getan zu haben?

Sie drückte die Schultern durch, hob das Kinn und sah Wes in die Augen. „Du wirst mir kein schlechtes Gewissen einreden können wegen einer Entscheidung, die ich im besten Interesse meiner Tochter gefällt habe.“

Unserer Tochter. Du hattest kein Recht, sie mir vorzuenthalten. Verdammt, Isabelle, du hast das Baby doch nicht allein gemacht!“

„Stimmt.“ Sie nickte. „Aber ich habe mich allein um sie gekümmert. Habe sie allein aufgezogen. Du kommst jetzt nicht in mein Leben gestürmt und gibst hier Befehle, Wes. Ich arbeite nicht mehr für dich, und dies ist mein Haus.“

Er kniff die Augen zusammen. „Du hast mich angelogen. Vor fünf Jahren hast du mich angelogen.“

„Ich habe nicht einmal mit dir gesprochen.“

„Ein Verschweigen kann auch eine Lüge sein.“

Er hatte recht, aber sie fragte sich trotzdem, warum er hier war. Wegen des Kindes, von dessen Existenz er gerade erfahren hatte, oder weil sie seinen Stolz verletzt hatte? Sie musterte ihn nachdenklich. „Du hast noch nicht einmal gefragt, wo sie ist oder wie es ihr geht. Oder wie sie heißt. Es geht hier gar nicht um sie, oder? Es geht nur um dich. Um dein Ego.“

„Sie heißt Caroline“, sagte er leise. „Was glaubst du, was man im Internet alles herausfinden kann? Du glaubst, es ginge um mein Ego? Du bist gegangen, mit meinem Kind. Und hast es mir nie gesagt.“

War da noch etwas anderes in seinem Ton außer Zorn? Hörte sie da auch Schmerz? Es war schwer zu sagen, weil Wes sich immer bemühte, seine Gefühle zu verbergen.

Sie warf erneut einen besorgten Blick zur Tür. Die Minuten verrannen, und es würde nicht mehr lange dauern, bis Caroline sie suchte. Edna, die Haushälterin, würde bald vom Einkaufen zurück sein. Isabelle wollte Wes aus dem Haus haben, um nicht irgendwelche Fragen über ihn beantworten zu müssen.

„Wie hast du uns gefunden?“, fragte sie abrupt.

Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und durch sein Haar. Ganz offensichtlich war er aufgewühlt. Isabelle hatte nicht geahnt, dass er zu einem solchen Zustand fähig war. Sie wusste nicht, ob sie sich darüber freuen oder Angst haben sollte.

„Hast du heute noch nicht die Schlagzeilen im Internet gesehen?“

„Nein.“ Sie spürte Beklemmung in sich aufsteigen. „Was ist passiert?“

„Jemand wusste von unserer Tochter. Und sie haben mich mit diesem Wissen schwer geschädigt.“

„Inwiefern?“ Sie warf einen Blick zu ihrem Laptop und erwog kurz, ihn hochzufahren, um sich auf den neuesten Stand zu bringen. Aber es war wohl am einfachsten, es sich direkt von Wes erzählen zu lassen.

„Gestern habe ich eine E-Mail von jemandem bekommen, der sich Maverick nennt. Er hat mir ein Foto meiner Tochter geschickt.“

„Woher wusstest du, dass sie es ist?“

Er bedachte sie mit einem kühlen Blick. „Sie hat die Kette mit dem Herz-Anhänger getragen, die ich dir einmal geschenkt habe.“

Isabelle seufzte leicht und schloss für einen Moment die Augen. „Sie liebt diese Kette.“

„Dir hat sie auch einmal gefallen, wie ich mich erinnere.“

Sie sah ihn an. „Mir hat vieles gefallen.“

Wes ging nicht weiter darauf ein. „Dieselbe Person, die mir das Foto geschickt hat, hat auch meinen Account bei Twitter gehackt und mir einen neuen Online-Namen gegeben. Sehr eingängig. Unterhaltsverweigerer.“

„Oh, Gott!“

„Ja, das trifft es wohl.“ Er schüttelte den Kopf. „Der neue Hashtag wurde so schnell verbreitet, dass meine IT-Leute es nicht mehr verhindern konnten. Es dauerte nicht lange, und die Presse meldete sich und wollte Informationen. Dann berief Teddy Bradford von PlayCo eine Pressekonferenz ein und erklärte, die Fusion unserer Firmen, die wir geplant hatten, sei erst einmal auf Eis gelegt. Offensichtlich bin ich ein so zwielichtiger Typ, dass seine Firma nicht mit mir in Zusammenhang gebracht werden möchte.“

„Oh, nein …“ Isabelles Gedanken rasten. Pressekonferenzen. Reporter. Wes Jackson stand immer in den Schlagzeilen. Nicht nur wegen seines Unternehmens, sondern weil er ein reicher, attraktiver Mann war. Jetzt würden die Reporter seine Vergangenheit durchkämmen. Sie würde Caroline finden. Sie würden über sie schreiben, würden Fotos machen und sie ins Licht der Öffentlichkeit zerren. Ein Albtraum!

„Und noch mehr Lügen …“ Wes hatte ihre Aufmerksamkeit wieder eingefangen. „Du bist nicht Isabelle Gray. Dein eigentlicher Name ist Graystone. Du kannst dir meine Überraschung vorstellen, als ich das herausgefunden habe. Und als ob das noch nicht genug wäre, fand ich heraus, dass deine Familie in allen möglichen Firmen die Finger im Spiel hat: Graystone Shipping. Graystone Hotels. Graystone-was-auch-immer. Du hast mir nicht gesagt, dass du reich bist und dass deine Familie überall mitmischt. Du hast mir nicht einmal deinen richtigen Namen genannt. Du hast gelogen“, setzte er trocken hinzu. „Darin scheinst du sehr gut zu sein.“

Trotz allem wurde sie rot. Gut, sie hatte gelogen. Es war notwendig gewesen, also würde sie sich nicht dafür entschuldigen.

„Wieso hast du verleugnet, wer du bist, als du bei mir gearbeitet hast?“

Isabelle musste nicht lange überlegen. „Ich wollte den Job bekommen, weil ich gut bin – nicht, weil ich eine Graystone bin.“

„Okay.“ Er räusperte sich. „Das kann ich akzeptieren.“

„Ich danke dir dafür.“ Ihr Ton triefte vor Ironie.

Er schien sie gar nicht gehört zu haben. „Du bist dabei geblieben, auch als du den Job schon hattest.“ Er kniff die Augen zusammen. „Und auch noch, als wir schon miteinander geschlafen haben.“

„Das betrifft nur meinen Namen.“ Sie schlang die Arme um sich. „Ich konnte dir nicht meinen richtigen Namen sagen, ohne zugeben zu müssen, dass ich gelogen hatte, um den Job zu bekommen.“

„Dann war es also eine ganze Kette von Lügen. Und es werden immer mehr.“

„Wieso bist du hier, Wes?“ Sie wusste, ihr lief die Zeit davon. Sie redeten bestimmt schon seit zehn Minuten miteinander. Caroline konnte jeden Augenblick hereinkommen.

„Das fragst du noch?“ Er sah sie erstaunt an. „Ich habe herausgefunden, dass ich eine Tochter habe. Ich möchte sie sehen.“

Verdammt. „Das ist keine gute Idee.“

„Ich habe mir gedacht, dass du das so siehst.“ Er lachte freudlos. „Nur gut, dass das nicht von dir abhängt.“

„Oh, doch, das tut es.“ Isabelle hob das Kinn. Ihr Zorn stand seinem in nichts mehr nach.

Merkwürdig, aber im Laufe der vergangenen Jahre hatte sie sich diese Situation im Geiste immer wieder ausgemalt. Wie sie damit umgehen würde, falls Wes herausfand, dass er ein Kind hatte. Sie hatte sich gefragt, ob es ihn überhaupt interessierte. Die Frage war jetzt beantwortet. Zumindest zum Teil. Es interessierte ihn.

„Ich glaube nicht, dass du darüber mit mir streiten willst, Belle.“ Er trat einen Schritt näher. „Sie ist doch meine Tochter, oder?“

Sie brauchte gar nicht erst zu versuchen, es zu leugnen. Sobald er Caroline sah, waren alle Zweifel ausgeräumt. Die Kleine war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. „Ja.“

„Danke, dass du wenigstens jetzt nicht lügst.“

„Wes …“

„Ich habe das Recht, sie kennenzulernen. So wie sie ein Recht hat, mich kennenzulernen.“ Er trat an den Kamin und sah in die Flammen. „Was weiß sie von mir? Was hast du ihr erzählt?“

„Ich habe gesagt, dass ihr Vater nicht bei uns sein kann, aber dass er sie liebt.“

Er schnaubte verächtlich. „Vielen Dank wenigstens dafür.“

„Das habe ich nicht dir zuliebe getan. Ich will nicht, dass meine Tochter glaubt, ihr Vater habe sie nicht gewollt.“

„Ich hätte sie gewollt – hätte ich von ihr gewusst.“

„Das lässt sich jetzt leicht sagen.“

„Ich nehme an, wir werden wohl nie erfahren, was gewesen wäre wenn … Aber ich möchte, dass es sich jetzt ändert, Belle. Ich gehe nirgendwohin. Ich gehöre jetzt dazu. Sie ist meine Tochter, und ich möchte ein Teil ihres Lebens sein.“

Isabelle war so befangen in der Anspannung des Augenblicks, dass sie gar nicht bemerkte, wie Caroline ins Zimmer kam und neben ihr stehen blieb. Ihr erster Impuls war, sich vor sie zu stellen, um sie vor dem Vater zu verstecken. Aber dafür war es zu spät.

Und Wes? Sein Blick fiel auf das kleine Mädchen, und seine Züge wurden weicher, Die Kälte wich aus seinem Blick, und für einen Moment glaubte Isabelle, einen Ausdruck fassungslosen Staunens an ihm zu beobachten. Natürlich sah er die Ähnlichkeit. Isabelle sah sie jedes Mal, wenn sie ihre Tochter ansah. Sie war ein kleines, weibliches Abbild von Wes Jackson.

„Hi.“ Sein Ton enthielt eine Wärme, die er bisher hatte vermissen lassen.

„Hi.“ Carolines Finger wirbelten durch die Luft. „Wer bist du?“

Ehe er etwas sagen konnte, mischte Isabelle sich ein. „Das ist Mr. Jackson, Süße. Er will gerade gehen.“

Er warf ihr einen kurzen, finsteren Blick zu, während Isabelle eine Hand beschützend auf die Schulter ihrer Tochter legte.

„Wir sind noch nicht fertig mit unserem Gespräch“, erklärte er frostig.

Liebevoll sah sie auf ihre Tochter herab. „Ich habe gehört, dass Edna gekommen ist. Geh doch und hilf ihr beim Auspacken. Dann kannst du nach oben gehen und spielen, während Mommy noch mit dem Mann spricht.“

„Und das Eis?“

„Später“, sagte Isabelle mit ihren Händen. Sie beobachtete, wie Caroline Wes zuwinkte und lächelte, bevor sie wieder in Richtung Küche verschwand.

Wes sah Isabelle fragend an. „Ist sie taub?“

„Sie leidet an einem fortschreitenden Verlust des Gehörs.“

„Und was bedeutet das genau? Für sie?“

„Das ist ein langes Thema, das wir auf ein andermal vertagen sollten.“ Isabelle war nicht in Stimmung, dieses Problem jetzt mit Wes zu erörtern.

Sie hätte es nicht für möglich gehalten, aber seine Miene wurde noch eisiger. „Gut. Lassen wir das für den Moment.“ Er senkte die Stimme. „Du hättest es mir sagen sollen. Dass es sie gibt. Und überhaupt alles.“

Erneut rollte eine Woge von Schuldgefühlen über sie hinweg, aber sie stemmte sich dagegen. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie es gewesen war, als sie herausfand, dass Caroline ihr Gehör verlor. Die Panik. Die Angst. Das Gefühl völliger Hilflosigkeit, das sie für Tage förmlich gelähmt hatte. Jetzt sah sie in Wes’ Augen dieselben Reaktionen, die sie durchlebt hatte. Er hatte sehr viele Informationen in sehr kurzer Zeit bekommen, und wäre sie an seiner Stelle gewesen, hätte sie wahrscheinlich nicht so kontrolliert reagiert. Aus irgendeinem Grund brachte sie das auf.

Isabelle war bereit, mit den Konsequenzen der Entscheidung zu leben, die sie vor Jahren getroffen hatte. Und auch wenn sie jetzt mit Wes fertig werden musste, war sie nach wie vor überzeugt, dass es richtig gewesen war, ihm nichts zu sagen. „Ich habe das getan, was ich für richtig gehalten habe, Wes. Gerade du solltest das doch verstehen.“

„Was soll das denn nun heißen?“

„Oh, bitte!“ Sie hasste es, dass sie Tränen in ihren Augen brennen spürte. „Du tust doch dein ganzes Leben lang nichts anderes. Du fällst deine Entscheidungen innerhalb von Sekunden. Vertraust ganz auf dein Bauchgefühl. Genau das habe ich auch getan, und ich habe nicht die Absicht, mich jetzt dafür zu entschuldigen.“

Er kam ihr so nah, dass sie die Wärme seines Körpers zu spüren meinte. Und seinen Duft. Sie sog ihn tief in sich ein. Genoss ihn. Dabei wusste sie: Sollte sie sich noch einmal auf diesen Weg einlassen, konnte nichts als Elend dabei herauskommen.

Außerdem war es nicht Leidenschaft, die sie in seinen Augen blitzen sah. Es war Zorn.

„Wir sind noch nicht fertig miteinander, Belle.“

Sie schluckte. Ihr Puls hatte zu rasen begonnen. Niemand außer Wes hatte sie je Belle genannt. Der Klang brachte Erinnerungen an lange Nächte auf Seidenlaken zurück, sie in seinen Armen. Wie konnte es sein, dass sie auch nach dieser langen Zeit noch Verlangen nach ihm verspürte? Und wieso ausgerechnet jetzt?

„Ich kann jetzt nicht darüber reden. Nicht mit Caroline in der Nähe. Ich möchte nicht, dass sie …“

„Sie soll nicht wissen, dass ihr Vater hier ist? Und dass er gern bei ihr sein möchte?“

„Das ist sehr viel verlangt von einem kleinen Mädchen, Wes. Ich habe nicht die Absicht, sie damit zu belasten, bevor wir nicht zu irgendeiner Übereinkunft gekommen sind.“

„Was für eine Übereinkunft?“ Sein Ton verriet Misstrauen.

„Wie schon gesagt: nicht hier.“ Sie atmete tief durch, um sich wieder zu fangen, aber es wollte ihr nicht gelingen. Wie sollte es auch, wenn sie in die Augen des Mannes sah, der sie seit Jahren in ihren Träumen verfolgte? „Sobald du wieder in Texas bist, kannst du mich anrufen, und wir reden über alles.“

„Ich kehre nicht nach Texas zurück. Noch nicht.“

„Was? Wieso?“ Sie war vollkommen verwirrt und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, geschweige denn formulieren.

„Ich habe mir eine Suite im Palace Hotel genommen. Ich fahre nicht eher wieder, als bis ich etwas Zeit mit meiner Tochter bekomme. Diese Übereinkunft, die du möchtest – wir werden sie hier diskutieren. Auge in Auge.“

Ihr Puls raste, und das Atmen fiel ihr schwer. Er schien zu ahnen, was in ihr vorging, denn er bedachte sie wieder mit diesem kühlen Lächeln. Isabelles Herz sank.

„Wann geht sie zu Bett?“

„Um acht. Wieso?“

„Um halb neun bin ich wieder hier.“ Er ging. An der Tür drehte er sich noch einmal zu ihr herum. „Richte dich auf ein längeres Gespräch ein, Belle. Ich bleibe hier. Ganz egal, wie lange es dauert. Ich will meine Tochter kennenlernen. Ich möchte alles nachholen, was ich vermisst habe. Und du kannst nichts dagegen tun.“

Die kleine Stadt Swan Hollow lag ungefähr dreißig Meilen südwestlich von Denver, Colorado. Der Unterschied zwischen den beiden Städten hätte nicht größer sein können. Swan Hollow war exklusiv. Touristen und Wintersportler strömten durch die Straßen und besuchten die Boutiquen, Antiquitätenläden und Kunstgalerien.

Wäre Wes hier zum Urlaub gewesen, hätte er das bunte Treiben vielleicht genossen. Unter den Umständen war er jedoch zu sehr in Gedanken versunken, um viel auf seine Umgebung zu achten. Wirklich erstaunlich, wie die ganze Welt eines Mannes innerhalb von nur achtundvierzig Stunden zusammenbrechen konnte.

Das Palace Hotel befand sich an einer Ecke der Main Street. Die Backsteinfassade mit dem grünspanbesetzten Kupfersims und den blitzenden Scheiben machte wirklich etwas her. In der Lobby lagen dunkelrote Teppiche auf dem glänzenden Holzfußboden. An den hellen Wänden hingen Bilder lokaler Maler, und im Kamin aus Naturstein prasselte ein wärmendes Feuer. Gedämpftes Stimmengewirr empfing ihn, im Hintergrund unterbrochen von der dezenten Glocke, die die Ankunft des Fahrstuhls verkündete.

Die ruhige Atmosphäre konnte seine innere Anspannung nicht lindern. Er mied jeglichen Augenkontakt mit den anderen Gästen und nahm den Fahrstuhl in die oberste Etage, wo sich seine Suite befand. Verdrossen warf er die Jacke ab und trat auf den Balkon hinaus in der Hoffnung, dass der kalte Wind ihn wieder zu Verstand brachte.

Der Januar in Colorado war eisig kalt. Überall lag tiefer Schnee, und die Äste der Kiefern bogen sich unter der weißen Last. Über den Wipfeln der Berge hingen graue Wolken.

Wes umklammerte das schmiedeeiserne Geländer. Die beißende Kälte ließ ihn zusammenfahren. Vielleicht brauchte er gerade das.

Er hatte eine Tochter. Die Kleine sah ihm so ähnlich, dass es keines weiteren Beweises bedurfte. Sein Kind. Sein kleines Mädchen.

Sein Magen verkrampfte sich, als ihm das Ungeheuerliche der Situation bewusst wurde. Dieses niedliche kleine Mädchen war seins. Und es war taub.

Er hätte davon wissen sollen.

Er hätte vielleicht irgendetwas tun können, um zu helfen. Und selbst wenn nicht – es war sein Recht, bei der Kleinen zu sein. Aber die Mutter seiner Tochter hatte es nicht für nötig befunden, ihn zu informieren.

So wütend er auf Isabelle war, es ließ sich nicht leugnen, dass er nicht nur Zorn empfand, wenn er in ihrer Nähe war. Sie sah noch besser aus als vor fünf Jahren. Sie hatte immer schon einen wunderbaren Körper gehabt, aber nun, nach der Geburt, schien sie weicher und rundlicher. Einfach unwiderstehlich.

Ihr Bild erschien ihm vor Augen, und er umklammerte das Geländer so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Dieses lange blonde Haar. Diese Augen, die irgendwo zwischen Blau und Grün changierten. Und diese Lippen, die noch einen Toten wieder zum Leben erweckt hätten. Fünf Jahre hatte er sie nicht gesehen, und sein Körper sehnte sich immer noch nach ihr.

Ihn schauderte, als ein Windstoß ihn mit eisiger Luft umgab. Langsam kehrte er in seine Suite zurück. Er brauchte jetzt nicht auch noch eine Erkältung. Wes schloss die Türen hinter sich und stellte den Kamin an.

Es war still. Zu still. Einen Moment lang starrte er in die künstlichen Flammen, bevor er sich auf die Couch fallen ließ und die Füße auf den stabilen Kaffeetisch legte. Er musste nachdenken, aber wie sollte er das, wenn die Reaktionen seines Körpers auf diese Frau ihn derart ablenkten? Auf eine Frau, die ihn von Anfang an nur belogen hatte.

Isabelle Gray. Wie war es ihr gelungen, unter einem falschen Namen in seiner Firma angestellt zu werden? Überprüfte denn die Personalabteilung die eingereichten Unterlagen nicht? Und sie war auch noch reich. Wieso hatte sie überhaupt für ihn arbeiten wollen?

Er verstand das alles nicht. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass ihm noch mehrere Stunden blieben, bis er zurückkehren und sich die Antworten holen konnte, die er brauchte. Was sollte er bis dahin machen?

Er zog das Smartphone aus der Tasche, das er während seines Besuchs bei Belle abgestellt hatte, um nicht gestört zu werden. Er scrollte durch die Liste entgangener Anrufe und meldete sich als Erstes bei seiner Assistentin.

„Hi, Boss“, begrüßte ihn Robin.

„Sie haben mich angerufen. Gibt es etwas Neues?“ Er erhob sich und trat an die Bar in der Ecke des Zimmers. Im Kühlschrank fand er eine vorbereitete Käseplatte und nahm sie sich zusammen mit einem Bier. Während er einen Schluck trank, hörte er Robin zu.

„Die IT-Leute sagen, sie sind nicht weitergekommen mit diesem Maverick. Weder wissen sie, wer er ist, noch, von wo die Mail gekommen ist.“

„Ich dachte, sie sind die Besten in ihrem Job“, knurrte er.

„Offen gestanden sind sie sehr beeindruckt von Maverick“, bekannte sie. „Er hat seine Spuren so gut verwischt, dass ihm nicht beizukommen ist. Sein Mail-Account ist geschlossen, sodass keine Möglichkeit besteht, ihn darüber zu finden.“

Perfekt. Er hatte seine eigenen Computer-Experten, und sie waren nicht in der Lage, den Mann zu finden, der für das ganze Fiasko verantwortlich war.

„Was noch?“ Er starrte in die Flammen.

„Etwas Gutes: Die IT-Leute sagen, der Twitter-Trend lässt nach. Offensichtlich sind Sie heute nur noch auf Platz Zehn statt wie gestern auf Platz Eins.“

„Super“, sagte er trocken. Jetzt musste nur irgendein Promi etwas Aufsehenerregendes tun, und dann interessierte sich niemand mehr für ihn.

„Die Lager haben alles für die Auslieferung der Puppen vorbereitet. Alles läuft genau nach Plan.“

„Gut.“ Er stellte das Bier ab und rieb sich die Augen, um den Schmerz zu vertreiben, der an seinen Schläfen pochte. „Haben Sie etwas von Harry gehört?“

„Er ist in Kontakt mit der PR-Abteilung und versucht gegenzusteuern.“

„Ich werde eine Weile in Colorado bleiben.“

„Wie lange?“

„Das weiß ich noch nicht.“ So lange wie er brauchte, um der Mutter seiner Tochter klarzumachen, dass jetzt alles anders wurde. „Sie können mich jederzeit auf dem Handy erreichen. Ich bin im Palace Hotel in Swan Hollow.“

„Swan Hollow?“, wiederholte sie verblüfft.

„Ja, ein merkwürdiger Name, aber nach allem, was ich bisher gesehen habe, eine nette kleine Stadt.“

„Gut zu wissen. Ich kann immer noch nicht glauben, dass Sie die Reservierungen selbst gemacht haben, statt es mir zu überlassen.“

„Ich hatte es eilig.“

„Gut, gut. Wenn die Entwürfe für die PR-Kampagne stehen, schicke ich sie Ihnen per Kurier ins Hotel. Falls Sie sonst noch etwas brauchen, lassen Sie es mich wissen, und ich kümmere mich darum.“

„Robin“, sagte er mit Nachdruck, „Sie sind der einzige Lichtblick in einer trüben Zeit.“

„Danke, Boss.“ Er hörte das Lächeln in ihrer Stimme. „Ich werde Sie daran erinnern, wenn es um die nächste Gehaltserhöhung geht.“

Ihm blieb noch einige Zeit, bis er zu Isabelle fahren konnte. Plötzlich hatte er eine Idee. Er schaltete den PC ein. Wenige Minuten später hatte er gefunden, was er suchte: ein Online-Video zum Erlernen der Gebärdensprache.

3. KAPITEL

Wes hätte zu Fuß zu Isabelles Haus gehen können, da es direkt am Stadtrand lag. Aber abends sanken die Temperaturen noch mehr, und er fürchtete, bis zu seiner Ankunft zum Eiszapfen erstarrt zu sein. Die Fahrt mit dem Wagen zu der eleganten alten Villa dauerte gerade einmal fünf Minuten. Die Scheinwerfer glitten über die Fassade, und er gönnte sich einen Moment, um sie zu betrachten.

Das große Haus war grün gestrichen. Die schwarzen Fensterläden hatten einen weißen Rand, wodurch das Haus wie aus einem Märchen wirkte. Umgeben von den schneebedeckten Kiefern war es ein zauberhafter Anblick. Auf der Veranda verhießen alte Kutschenlampen ein freundliches Willkommen.

Wes war sich jedoch ziemlich sicher, dass dieses Willkommen nicht ihm galt. Er stellte den Motor ab und gab sich einen Ruck. Das bevorstehende Gespräch war das Wichtigste seines Lebens. Er hatte ein Kind. Eine Tochter.

Allein der Gedanke daran ließ ihn nervös werden. Er kannte sie noch nicht einmal, und schon fühlte er sich mit ihr verbunden. In ihm tobte ein Chaos von Gefühlen, das er nicht genau zu deuten vermochte. Auf jeden Fall war Panik dabei. Wer konnte es ihm verdenken, war er doch plötzlich mitverantwortlich für dieses kleine menschliche Wesen.

Aber es war auch mehr da. Eine Art Staunen. Er hatte dazu beigetragen, einen neuen Menschen zu schaffen. Okay, er war sich dessen nicht bewusst gewesen, aber das Kind war nun auf der Welt. Durch ihn. Er lächelte ein wenig – sogar noch, als eine Woge neuer Beklemmungen ihn durchlief.

Bisher hatte er noch nie vor irgendetwas Angst gehabt, aber nun musste er doch zugeben, dass die Vorstellung, Vater zu sein, ziemlich beängstigend war. Was wusste er schon davon?

Seine Mutter war gestorben, als er gerade einmal sechs Monate alt gewesen war. Sein Vater, Henry Jackson, hatte ihn allein aufgezogen. Henry hatte seinen Job gut gemacht, aber er hatte seinen Sohn auch immer wieder wissen lassen, dass eine Frau im Leben eines Mannes der sichere Weg ins Elend war. Das Problem war nicht, die Frau zu haben – sondern sie zu verlieren.

„Wenn man einer Frau sein Herz schenkt, nimmt sie es mit, wenn sie geht“, sagte Henry, eines Abends.

„Liebe ist eine komplizierte Sache, Junge. Daran solltest du denken, wenn du jetzt anfängst, dich für die Frauen zu interessieren. Das Leben ist leichter, wenn man nicht immer fürchten muss, es würde einem der Boden unter den Füßen fortgezogen.“ Er sah seinem Sohn in die Augen. „Schütze dein Herz, Wes. Das ist alles, was ich damit sagen will.“

Wes hatte den Rat seines Vaters befolgt. Er liebte die Frauen. Alle Frauen. Aber er hielt sie immer auf Distanz. Sorgte dafür, dass sie der Mauer nicht zu nahe kamen, die er um sein Herz errichtet hatte. Während der Collegezeit konzentrierte er sich zusammen mit seinem Zimmergenossen ganz darauf, eine Geschäftsidee auszuweiten, die sich durch einen Zufall ergeben hatte.

Zusammen ersteigerten sie auf einer Auktion Hunderte winziger, aerodynamisch perfekter Spielzeugflugzeuge und verkauften sie mit einem kleinen Profit an gelangweilte College-Studenten. Innerhalb einer Woche segelten die Flugzeuge aus den Fenstern des Wohnheims, durch Vorlesungssäle und Treppenhäuser. Verblüfft registrierten Wes und sein Freund, wie schnell sie ihr einziges Produkt verkauft hatten. Sie investierten ihren Gewinn in neue Einkäufe. Bald waren sie die angesagte Adresse, wenn es um Spielzeuge und Dinge gegen Langeweile und geistige Erschöpfung ging.

Als sie das Studium abschlossen, hatte Wes seinen beruflichen Weg gefunden. Er zahlte seinen Freund aus und finanzierte ihm damit das Medizinstudium. Er selbst gründete Texas Toy Goods Inc. und machte die Firma groß.

Natürlich hatte es während der Zeit Frauen in seinem Leben gegeben, aber keine hatte irgendwelche Spuren hinterlassen. Außer Belle. Er hatte sich mit aller Kraft gegen diese Verbindung gesträubt. Er wollte keine Liebe. Er hatte gesehen, wie sehr sein Vater darunter gelitten hatte, bis er endlich starb und wieder bei der Frau war, die er mehr als zwanzig Jahre lang betrauert hatte. Wes hatte nicht die Absicht, sein Leben durch etwas so Flüchtiges wie die Liebe beeinflussen zu lassen.

Und nun saß er hier vor Belles Haus, in dem seine Tochter schlief. Das Leben, wie er es bisher gekannt hatte, war vorüber. Das neue Leben lag wie ein unbekanntes Land vor ihm. Er wollte anfangen, es zu erkunden.

Er verließ den Wagen und stellte den Kragen seiner schwarzen Lederjacke zum Schutz gegen die Kälte hoch, während er den vom Schnee freigeschaufelten Weg zur Veranda hinaufging. Merkwürdig, dass ihm plötzlich so wichtig war, was er bisher immer abgelehnt hatte. Aber letztlich blieb ihm ja immer noch die Möglichkeit, einfach zu verschwinden. Seine Tochter würde ihn nicht vermissen. Sie wusste ja nicht einmal, dass es ihn überhaupt gab.

Genau das war es wohl, was an ihm nagte: Seine Tochter hatte ihn angesehen, ohne zu wissen, wer er war. Er hätte nicht geglaubt, dass ihn das so treffen würde. Und was das Verschwinden anging – wäre das nicht feige? Wes Jackson mochte vieles sein, aber Feigheit hatte ihm bisher noch niemand vorwerfen können. Daran sollte sich auch jetzt nichts ändern.

Er betätigte den Türklopfer.

Eine Sekunde später stand Belle vor ihm in einer verblichenen Jeans und einem dunkelrosa T-Shirt. Ihre Füße waren nackt, die Nägel blutrot lackiert. Wieso er das so sexy fand, hätte er nicht zu sagen vermocht und wollte auch nicht darüber nachdenken.

„Schläft sie?“, fragte er statt einer Begrüßung.

„Sie ist im Bett“, sagte Belle. „Ob sie schon schläft, ist etwas anderes.“ Sie schloss die Tür hinter ihm. „Normalerweise ist sie noch eine Weile wach und spricht mit sich selbst oder mit Lizzie.“

Wes war gerade dabei, seine Jacke auszuziehen und hielt mitten in der Bewegung inne. „Wer ist Lizzie?“, fragte er verblüfft.

„Ihr Plüschhund.“

„Oh.“ Er hängte die Jacke an die Garderobe. Für einen Moment hatte er doch tatsächlich geglaubt, er sei vielleicht Vater von Zwillingen oder so. „Offen gestanden habe ich fast erwartet, dass du mir nicht aufmachst.“

„Ich habe es erwogen“, gab sie zu. „Ich habe sogar darüber nachgedacht, mir Caro zu schnappen und mit ihr nach Europa zu fliegen. Um einfach nicht da zu sein, wenn du hier auftauchst.“

An diese Möglichkeit hatte er noch gar nicht gedacht. Er hätte es tun sollen. Aus seinen Recherchen wusste er, dass Belle sehr wohl über die finanziellen Mittel verfügte, um einfach zu verschwinden, wenn ihr danach war. Dann hätte er Jahre darauf verwenden können, sie und ihre Tochter zu suchen. Hilfloser Zorn stieg in ihm auf, wurde aber gleich von der Tatsache besänftigt, dass sie nicht die Flucht ergriffen hatte. Sie war hier und bereit, ihm die Antworten zu geben, die er brauchte.

„Ich hätte dich gefunden.“

„Ich weiß.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Das war einer der Gründe, wieso ich es ja vorgezogen habe zu bleiben.“

„Was waren die anderen?“, fragte er neugierig.

Sie seufzte. „Ob du es glaubst oder nicht: Du stehst bei mir nicht an erster Stelle. Zu allererst kommt meine Tochter. Ich kann Caro nicht einfach aus ihrer gewohnten Umgebung reißen. Sie hat hier ihre Freunde. Ihre Onkel lieben sie. Außerdem ist dies mein Haus. Ich laufe nicht davon. Nicht einmal vor dir.“

Er sah Stolz und Entschlossenheit in ihrem Blick. Das konnte er nachvollziehen. Vielleicht nützte es ihm sogar. Ihr Stolz würde erfordern, dass sie ihm zuhörte, ob sie es nun wollte oder nicht. Und ihr Stolz würde auch dafür sorgen, dass sie seinen Wünschen nachkam – und sei es nur, um zu beweisen, dass sie keine Angst davor hatte, ihm einen Platz im Leben ihrer Tochter einzuräumen.

Belle war immer komplizierter gewesen als andere Frauen. Sie war smart, humorvoll und zielstrebig, dabei mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein ausgestattet. Auch wenn Wes sein Ziel letztlich erreichte, würde der Weg dahin steinig werden.

Für einen Moment meinte Wes, so etwas wie … Verletzlichkeit in ihrem Blick zu sehen. Er stählte sich dagegen, Mitleid für sie zu empfinden. Verdammt, sie hatte ihn um fünf Jahre gebracht. Er hatte ihre Schwangerschaft verpasst und auch die Geburt seiner Tochter. Hatte die ersten Jahre ihres Lebens verpasst. Wenn hier jemand Mitleid verdient hatte, dann doch wohl er.

Belle schien seine Gedanken erraten zu haben, denn der Eindruck der Verletzlichkeit verschwand sehr schnell. „Möchtest du einen Kaffee?“

„Ich möchte Antworten.“

„Bei einem Kaffee.“ Sie nickte. „Komm, wir setzen uns in die Küche.“

Er folgte ihr den Korridor hinunter und sah sich dabei um. Das Haus war wunderschön. Überall lagen bunte Teppiche auf den Eichenböden, sodass ihre Schritte kaum zu hören waren. Auch sein Haus in Royal war groß und luxuriös, aber bei ihm fehlte die Wärme, die er hier spürte. Stirnrunzelnd verdrängte er diesen Gedanken und konzentrierte sich auf den Moment.

„Nimmst du deinen Kaffee immer noch schwarz?“, fragte Isabelle, als sie in der Küche waren.

Er nickte. Es überraschte ihn, dass sie sich daran erinnerte. Am Fenster stand ein kleiner Tisch mit vier Stühlen. Sie bat ihn, dort Platz zu nehmen.

Er entschied sich für einen Platz, von dem aus er sie beobachten konnte. Er mochte noch so wütend sein – der Anblick einer Frau, die ihre Jeans derart gut tragen konnte, faszinierte ihn dennoch. Vielleicht war es der Texaner in ihm, aber eine Frau wie sie war einfach der Stoff zum Träumen. Andererseits: Er hatte diesen Traum bereits gehabt und hatte ihn gehen lassen. Es hatte also keinen Sinn, jetzt weiter darüber nachzudenken.

Er musterte sie genauer. Sie war nervös. Das war unverkennbar. „Wie lange lebst du schon hier?“, fragte er abrupt.

Sie erschrak sichtlich über seinen lauten Ton, fing sich aber gleich wieder. „In Swan Hollow? Ich bin hier aufgewachsen.“

Dank Internet wusste er das bereits. „In diesem Haus?“

Sie nahm einen Becher aus der Maschine und stellte den nächsten zurecht. „Nein, im Haus unserer Eltern wohnt jetzt mein Bruder Chance.“

„Du hast einen Bruder?“ Nachdem er herausgefunden hatte, wer sie war und wo sie lebte, hatte er sich nicht weiter mit ihrer Familie befasst.

„Ich habe sogar drei: Chance, Eli und Tyler. Ich warne dich jetzt schon: Du wirst sie wahrscheinlich sehr schnell kennenlernen, wenn sie herausfinden, dass du hier bist.“

Gut. Damit konnte er fertig werden. „Sie machen mir keine Angst.“

„Die drei leben ein Stück die Straße hinunter. Meine Eltern hatten hier ein Riesengrundstück. Nach ihrem Tod ist Chance in ihr Haus gezogen, und Eli und Tyler haben sich auf demselben Grundstück jeder ein eigenes Haus gebaut.“

„Wieso hast du das nicht auch gemacht? Wieso lebst du hier und nicht näher bei deiner Familie?“

„Im Sommer brauche ich gerade einmal fünf Minuten zu Fuß, um zu ihnen zu kommen. Ich bin also nicht aus der Welt.“ Sie brachte einen Teller mit selbst gebackenen Keksen zum Tisch. Als sie den Kaffee holte, erklärte sie: „Ich wollte näher an der Stadt sein. Wegen Caroline. Sie hat dort ihre Schule und die Freunde …“ Sie nahm ihm gegenüber Platz.

„Das Haus ist sehr groß nur für euch beide.“

„Das stimmt, aber ich habe es schon geliebt, als ich noch ein kleines Mädchen war. Damals bin ich immer daran vorbeigekommen und habe mich gefragt, wie es wohl von innen aussieht. Als es verkauft wurde, musste ich es einfach haben. Ich habe alles renovieren lassen und das Alte wieder zum Leben erweckt. Ich glaube, das Haus dankt es mir.“

Sie zuckte die Schultern. „Ich weiß, es klingt albern, aber … wie auch immer. Meine Haushälterin Edna und ihr Mann Marco, mein Gärtner, leben hinten im Gästehaus. Caro und ich haben dieses Haus also ganz für uns.“

Wes nippte an seinem Kaffee. „Hast du Caroline gesagt, wer ich bin?“, fragte er unvermittelt.

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Nein.“

„Gut.“

„Was?“ Sie sah ihn sichtlich überrascht an.

„Ich möchte, dass sie mich kennenlernt, bevor wir es ihr sagen.“

„Okay“, sagte Belle. „Das macht wohl Sinn.“

„Versteh mich nicht falsch. Das heißt nicht, dass ich meine Meinung ändern werde. Ich verschwinde nicht wieder. Caroline ist meine Tochter, Belle, und ich will, dass sie es irgendwann erfährt. Ich möchte ein Teil ihres Lebens sein, ob es dir nun gefällt oder nicht.“

„Ich verstehe. Aber du musst auch etwas verstehen, Wes. Ich werde nicht zulassen, dass Caroline verletzt wird.“

Es traf ihn wie eine Ohrfeige. War er denn ein Monster? „Ich habe nicht vor, das zu tun.“

„Nicht absichtlich, das weiß ich“, sagte sie rasch. „Aber sie ist ein kleines Mädchen. Sie ist noch sehr offen. Sie wird sich daran gewöhnen, dass du da bist. Wenn du dann wieder verschwindest, wird ihr das wehtun.“

Es war nichts Neues für ihn, Verantwortung zu übernehmen, aber jetzt stand er im Begriff, alle Regeln zu brechen, die bisher in seinem Leben gegolten hatten. Es war gefährlich, sein Herz an einen Menschen zu hängen, und er wusste es, aber Caroline war seine Tochter, und diese Tatsache war stärker als alles andere.

„Ich bin hier, weil ich hier sein will. Ich habe nicht die Absicht, sie nur einmal kurz zu sehen und dann gleich wieder zu verschwinden. Ja, ich muss nach Texas zurück, weil wir ein wichtiges neues Produkt auf den Markt bringen wollen, aber ich habe dennoch vor, ein fester Teil in Carolines Leben zu bleiben. Das Merkwürdige ist: Plötzlich muss ich mich verteidigen, während du doch diejenige bist, die einiges zu erklären hat.“

„Ich wollte deine Motive nicht infrage stellen“, sagte sie ruhig. „Ich möchte nur, dass du dir darüber klar bist, was hier passiert. Sobald Caroline ihr Herz verschenkt hat, ist es für immer. Du hast es in deiner Hand, und du könntest es zerbrechen, ohne das eigentlich zu wollen.“

„Du gehst immer noch davon aus, dass ich nur vorübergehend hier bin.“

„Nein, das tue ich nicht.“ Sie seufzte. „Mit dir zu diskutieren ist, als spräche man mit einem Baum. Es ist aussichtslos.“

Er nickte, auch wenn der Vergleich ihn ein wenig irritierte. War er wirklich so unbeweglich? „Dann haben wir uns ja verstanden.“

„Das haben wir.“

Er nippte noch einmal an dem Kaffee, den er eigentlich gar nicht wollte. „Dann erzähl doch mal.“

„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“

„Wie wäre es mit dem Anfang?“ Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn du aus einer derart vermögenden Familie kommst, wieso wolltest du dann bei mir arbeiten?“

„Du findest, reiche Menschen brauchen keinen Job?“ Sie musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. „Du hast ebenfalls Geld und arbeitest trotzdem. Sogar wenn du zu Hause in Royal bist, verbringst du das Gros deiner Zeit am Telefon für PR oder Marketing oder was auch immer. Und das ist okay?“

Er wand sich leicht, wollte sich aber nicht so schnell geschlagen geben. „Es ist meine Firma.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist nicht der einzige Grund. Du bist reich. Du könntest jemanden einstellen, der die Firma für dich leitet, und du weißt es. Aber dein Job macht dir Spaß. Und genauso war es auch bei mir.“

Die Wahrheit ließ sich schlecht leugnen. „Okay, du hast recht. Aber wieso hast du gelogen, um den Job zu bekommen? Wieso hast du dir einen falschen Namen zugelegt?“

„Weil ich es aus eigener Kraft schaffen wollte. Als Graystone waren immer alle Wege für mich geebnet. Meine Eltern haben meine Brüder und mich immer unterstützt, aber nun wollte ich es einmal ohne sie schaffen. Wollte mich beweisen, nehme ich an.“

„Vor wem?“

„Vor mir selbst.“

Das konnte er nachvollziehen und auch anerkennen. Zu viele Menschen in ihrer Position genossen die Macht ihres Namens, um zu bekommen, was sie wollten. Das erlebte er ja jeden Tag. Die Bewunderung, die er für sie empfand, ärgerte ihn. Er sträubte sich dagegen, etwas an ihr gut zu finden.

„Als du Texas verlassen hast, hast du es nicht für nötig befunden, mir zu sagen, dass du schwanger bist. Wieso nicht?“

„Das weißt du doch, Wes. Wir hatten diese Was-wäre-wenn-Diskussion ein paar Wochen, bevor ich herausfand, dass ich ein Kind erwarte. Erinnerst du dich?“

„Vage.“ Er wusste, dass sie an einem Abend über die Zukunft gesprochen hatte – darüber, wie jeder von ihnen sie sich vorstellte. Sie hatte von Kindern geredet. Von Familie.

„Du erinnerst dich sehr wohl“, sagte sie leise. „Wir waren im Bett und haben geredet. Du hast mir klipp und klar gesagt, ich solle mir keine Illusionen machen. Das zwischen uns sei nichts Festes.“

Er runzelte die Stirn, als die Erinnerung mehr und mehr zurückkehrte.

„Du hast gesagt, du wärst nicht an Heirat interessiert“, fuhr sie fort. „Du wolltest keine Kinder. Falls ich eine Familie wollte, sollte ich woanders danach suchen.“

Es war unangenehm, seine eigenen Worte wiederzuerkennen. Sie klangen so furchtbar kalt. Er erinnerte sich jetzt wieder, wie Belle an seiner Seite gelegen und Fantasien gesponnen hatte, von denen er nichts hatte hören wollen.

Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Nichts von dem, was sie gesagt hatte, ließ sich bestreiten. Er konnte auch nicht so tun, als hätte er es nicht so gemeint. Aber trotz allem hätte sie etwas sagen müssen. „Es ist also meine eigene Schuld, dass du nichts gesagt hast?“

„Nein, aber wieso sollte ich einem Mann von einer Schwangerschaft erzählen, der kein Interesse daran hatte, Vater zu sein? Ich wollte ein Kind, du nicht. So einfach ist das.“

„Das war für mich eine rein theoretische Diskussion. Du hast mir keine Wahl gelassen, als es um Caroline ging.“

„Es geht schon wieder los“, stöhnte sie. „Immer nur Vorwürfe! Ich sage etwas, du sagst etwas, aber nie reden wir wirklich miteinander. Deswegen kommen wir auch nie vom Fleck. Ganz toll!“

Sie hatte recht. Sich immer wieder mit den alten Wunden zu befassen, brachte ihn nicht weiter. Denn er wollte alles über sein kleines Mädchen wissen. „Gut. Ich höre dir zu. Erzähl mir von Caroline. Ist sie taub geboren?“

„Nein. Mit ihrem Gehör war alles in Ordnung bis in dem Jahr, als sie zwei wurde.“

Wes beobachtete ihr Mienenspiel im warmen Schein der Lampe und wartete darauf, dass sie weitersprach.

„Wir haben in dem Sommer viel Zeit am See verbracht, und irgendwann bekam sie dann eine Mittelohrentzündung.“ Gedankenverloren drehte sie den Kaffeebecher zwischen den Händen. „Es war ziemlich schlimm, aber sie war sehr tapfer und hat kaum geweint. Ich wusste nicht, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte, bis sie Fieber bekam.“ Sie seufzte. „Vielleicht, wenn ich eher mit ihr zum Arzt gegangen wäre …“ Sie schüttelte den Kopf.

Er spürte ihr Gefühl der Hilflosigkeit. Ihm selbst ging es ebenso, auch wenn die Geschichte, die sie erzählte, vor zwei Jahren passiert war. Er konnte sie nicht ändern. Konnte nicht die Zeit zurückdrehen, um dabei zu sein und zu helfen.

„Wie auch immer“, fuhr Belle schließlich fort. „Das Fieber stieg in einer Nacht plötzlich so an, dass ich in Panik geriet. Wir sind mit ihr in die Notaufnahme gefahren …“

„Wir?“ War sie mit jemandem zusammen? Ein Fremder war für sie und das Kind da gewesen?

Sie hob den Blick. „Mein Bruder Chance hat uns gefahren und ist mit uns dort geblieben. Die Ärzte haben ihr Antibiotika gegeben, und danach schien wieder alles in Ordnung.“

„Und dann?“

Belle schlang die Arme um sich, als wolle sie sich selbst trösten. „Als sie gesund wurde, litt sie an Hörverlust. Wir haben es nicht einmal gleich bemerkt. Erst im nächsten Sommer fiel mir auf, dass sie den Eismann nicht mehr gehört hat.“ Sie lächelte bedrückt. „Eine absurde Art, etwas so Wesentliches über das eigene Kind zu erfahren – aber sie strahlte sonst immer über das ganze Gesicht, wenn sie seine Glocke hörte.“

Belle räusperte sich. „Die Ärzte waren sich nicht sicher, was die Ursache war. Es könnte die Infektion selbst gewesen sein, das Wasser in ihren Ohren oder ein Nebeneffekt der Antibiotika. Niemand weiß es.“

„Es war nicht deine Schuld“, sagte er leise.

„Was?“

„Es klingt für mich so, als hättest du nichts anderes tun können. Also war es nicht deine Schuld.“

Entsetzt beobachtete er, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten.

„Hey, hey!“

„Tut mir leid.“ Sie wischte sich die Augen. „Es war einfach … unerwartet. Danke.“

Wes nickte. Er war froh, dass nicht mehr Tränen kamen. „Wird der Hörverlust noch größer werden?“

„Ja.“

Ein Wort nur, und doch wie ein Paukenschlag in seiner Unerbittlichkeit.

„Er schreitet fort. Im Moment kann sie noch etwas hören und mit Hilfsmitteln wohl auch noch ein paar weitere Jahre, aber irgendwann …“

„Was können wir tun?“

Sie hob die Brauen. „Es gibt kein Wir, Wes. Ich mache alles, was machbar ist. Caro trägt ein Hörgerät. Sie benutzt Gebärdensprache, um ihre kommunikativen Fähigkeiten zu trainieren und die Zeichensprache zu lernen, bevor sie ganz darauf angewiesen ist. Ein Cochlea-Implantat könnte auch infrage kommen.“

„Davon habe ich gelesen.“ In den vergangenen Stunden hatte er sich intensiv mit dem Thema befasst. „Diese elektronischen Geräte sollen ja phänomenal sein. Und sie wäre jetzt schon alt genug für einen solchen Schritt.“

„Ich weiß. Ich habe das alles mit ihrem Arzt diskutiert. Er hatte mir alle Informationen gegeben, die ich brauche, aber es ist nicht zwingend notwendig, die OP jetzt schon vorzunehmen. Ich muss darüber nachdenken und auch mit Caro darüber reden.“

„Meine Güte, sie ist erst vier“, entfuhr es ihm.

„Ich habe nur gesagt, dass ich mit ihr darüber sprechen möchte. Sie ist sehr klug. Und was für eine Entscheidung auch immer ich fälle: Sie muss letztlich damit leben.“ Sie erhob sich, um den Rest ihres Kaffees fortzugießen. „Sie sollte ein Mitspracherecht haben.“

„Im Ernst?“ Er folgte ihr. Er hatte den Kaffee sowieso nicht gewollt. „Du willst warten, wenn es ihr schon jetzt helfen könnte? Du willst eine Vierjährige über medizinische Schritte entscheiden lassen?“ Kopfschüttelnd griff er nach seinem Smartphone. „Ich kenne die besten Ärzte in Texas. Sie können mir sagen, wer hierfür der richtige Spezialist ist. In der nächsten Woche kann Caro einen Termin bei ihm haben. Spätestens.“

Sie entriss ihm das Smartphone und legte es auf den Tisch. „Was glaubst du, was du hier tust?“

„Ich tue das, wozu du zu vorsichtig bist“, konterte er knapp. „Ich kümmere mich darum, dass Caro die beste Behandlung bekommt.“

Sie stemmte die Arme in die Seiten und musterte ihn grimmig. „Du weißt seit zwei Tagen, dass es sie gibt, und schon glaubst du, du hättest ein Recht, dich hier einzumischen?“

Ihre blaugrünen Augen blitzten empört. Diesen Beschützerinstinkt hatte er einmal im Blick einer Schwarzbärin gesehen, auf die er im Wald gestoßen war. Ihm war sofort klar gewesen, dass es nicht klug wäre, den Anschein zu erwecken, er bedrohe ihre Jungen. Ebenso begriff er jetzt, dass sein Impuls, die Initiative an sich zu reißen, vielleicht nicht ganz richtig gewesen war.

„In Ordnung.“ Wes schlug den kühlen Ton der Vernunft an, der bei Meetings eigentlich immer funktionierte. „Wir können zuerst darüber reden …“

„Sehr großzügig!“, zischte sie. „Du hörst mir einfach nicht zu, Wes. Du hast hier nichts zu sagen! Der Familienname meiner Tochter ist Graystone, nicht Jackson. Ich treffe hier die Entscheidungen für sie.“

Er hatte Mühe, an sich zu halten. Aber was brachte es schon, wenn sie aufeinander losgingen? „Muss ich wirklich erst einen DNA-Test machen lassen, um zu beweisen, dass ich jetzt auch dazugehöre?“

In ihr arbeitete es sichtlich. Sie schien sich eine scharfe Bemerkung verkneifen zu müssen. „Nein. Nein, das ist nicht nötig“, erklärte sie schließlich unter sichtlicher Überwindung.

„Gut.“ Ihm fiel etwas ein. „Stehe ich als ihr Vater in der Geburtsurkunde?“

„Natürlich.“ Sie spülte ihren Becher aus. „Ich möchte, dass Caro weiß, wer du bist … Ich hätte mir nur gewünscht, selbst den Zeitpunkt bestimmen zu können, an dem das geschieht.“

„Hm, ja.“ Er lehnte sich gegen den Schrank. Der Zorn war so schnell verflogen wie gekommen. „Das konnte sich keiner von uns aussuchen.“

Das Problem Maverick kam ihm wieder in den Sinn. Er nahm sich vor, noch einmal im Büro anzurufen. Er musste herausfinden, ob es bei der Suche nach dem mysteriösen Unbekannten Fortschritte gab.

Als könnte sie Gedanken lesen, fing Belle just mit dem Thema an. „Wieso interessiert es eigentlich irgendjemanden, ob du ein Kind hast oder nicht? Wieso dieses Interesse bei Twitter?“ Sie klang so genervt, wie er sich fühlte. Irgendwie beruhigte ihn das ein wenig.

„Keine Ahnung.“ Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar. „Aber wir leben in einer Promi-Kultur. Die Leute interessieren sich eher für das, was irgendein Rockstar zu Abend isst, als dafür, welcher Politiker sie vertritt.“

Ihr Lachen überraschte ihn. „Das habe ich vermisst. Wer hätte es gedacht?“

„Was hast du vermisst?“ Der Anblick ihrer vollen Lippen reizte ihn.

„Deine bissigen Bemerkungen. Du kannst dich ganz kurz über etwas aufregen, und schon ist es vergessen und du bist wieder beim eigentlichen Thema. Die Leute um dich herum können dir selten so schnell folgen.“

„Ich mache keine bissigen Bemerkungen.“ Er war stolz darauf, in nahezu jeder Situation ruhig und kontrolliert zu bleiben.

„Doch, das tust du“, widersprach sie. „Ich habe dich ein paarmal richtig ausflippen sehen, aber zu deiner Ehrenrettung muss ich sagen, es kommt nur sehr selten vor.“

Er? Ausflippen? Er ging in Gedanken mögliche Szenen durch, die sie vielleicht gemeint haben könnte und fand einige. Seine Miene verdüsterte sich noch mehr.

„Du hast deine Antworten bekommen, Wes“, sagte sie leise. „Was willst du noch?“

„Ich habe einige Antworten bekommen“, korrigierte er sie. „Und was ich will, das habe ich dir bereits gesagt. Ich kann doch nicht meinem eigenen Kind den Rücken kehren.“

„Und was genau versprichst du dir davon, die Vaterrolle zu übernehmen?“

„Ich weiß es nicht“, gab er zu. „Ich weiß nur, dass ich hier sein muss. Dass ich ein Teil ihres Lebens sein möchte.“

Sie musterte ihn einen Moment lang nachdenklich, bevor sie nickte. „Okay. Probieren wir es aus. Aber du musst ein wenig zurückschrauben. Du bist hier derjenige, der versucht, sich in unser Leben einzufügen – nicht umgekehrt.“

Er hasste es, ihr schon wieder recht geben zu müssen. Und ganz besonders hasste er es, dass er keine Ahnung hatte, wie er einem Kind näherkommen sollte. Er, der sonst so selbstbewusst war. Am allerwenigsten gefiel ihm allerdings die Tatsache, dass er so nah bei Belle stand und ihren Duft einatmete. Vanille. Er stellte sich vor, wie es sein könnte, jetzt mit ihr auf seinem Schoß vor dem Feuer zu sitzen, seine Hände auf ihrem … Verdammt! So sollte es nicht laufen.

„Falls du damit nicht einverstanden bist“, sagte sie, als er wohl zu lange geschwiegen hatte, „solltest du gehen.“

Wes kniff die Augen zusammen und trat einen Schritt auf sie zu. Sie wich so schnell zurück, dass sie gegen die Arbeitsplatte stieß. Er beugte sich vor und genoss es, sie in die Enge getrieben zu haben. Sie konnte ihm nicht entkommen.

Er sah ihr in die Augen. „Ich bleibe, solange ich will, und du kannst nichts dagegen tun.“

Sie atmete tief durch. Etwas blitzte in ihren Augen auf. Zorn? Da konnte er nur sagen: Willkommen im Klub! Aber es war noch mehr. Etwas, das sehr viel intensiver war als Zorn.

„Du hast mich jahrelang angelogen, Belle. Jetzt kenne ich die Wahrheit, und ich bleibe, bis ich alles habe, was ich will.“

Sie drückte die Hände gegen seine Brust und stieß ihn von sich. Er erlaubte ihr, ihn einen Schritt zurück zu bewegen.

„Und was ist das, was du willst, Wes? Was erwartest du hier zu finden?“

„Was auch immer ich brauche.“

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