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COLLECTION BACCARA BAND 395

KAT CANTRELL

Verbotene Lust auf dich

Milliardär Jonas Kim muss schnell heiraten. Dann ist er nicht mehr frei für die Braut, die seine Familie für ihn ausgesucht hat! Eine Zweckehe mit seiner besten Freundin Viv scheint die perfekte Lösung. Ohne Romantik, ohne Versprechungen! Doch schon der Hochzeitskuss weckt heiße Leidenschaft in ihm. Hat Jonas die kühle Rechnung ohne sein Herz gemacht?

SHERI WHITE FEATHER

Leidenschaft und Lovesongs

Ist die frech! Die Journalistin Libby hört einfach nicht auf, Matt über seinen Vater, einen Countrystar, auszufragen. Aber etwas an Libby macht Matt wehrlos. Vielleicht ihre hellblonde Lockenmähne? Ihre sexy Figur? Ihr überschäumendes Temperament? Und obwohl er Libby vorsichtshalber wegschicken sollte, liegt sie plötzlich in seinen Armen …

SILVER JAMES

Nur eine prickelnde Nacht?

Kaden Waite wird erpresst: Er soll den Namen seines leibli-chen Vaters annehmen. Sagt er Ja, erbt er die Ranch, die ihm viel bedeutet. Sagt er Nein, verliert er, was er sich aufgebaut hat! Verzweifelt wendet er sich an seine gute Freundin Pippa, die ihn sanft tröstet. Doch aus einem Kuss wird eine eroti-sche Umarmung – mit ungeahnten Folgen …

Verbotene Lust auf dich

1. KAPITEL

Eigentlich hielt Jonas Kim sich für einen bescheidenen Menschen, aber nun war er selbst beeindruckt von seinem Plan, den intelligentesten Mann zu überlisten, den er kannte – seinen Großvater. Er hatte nämlich vor, nicht die nette Sun zu heiraten, die aus einer angesehenen koreanischen Familie stammte und die sein Großvater für ihn ausgesucht hatte, sondern Viviana Dawson. Auch sie war attraktiv. Doch darüber hinaus war sie seine Freundin. Und worauf er am meisten Wert legte: Er konnte darauf vertrauen, dass sie die Annullierung der Ehe nicht anfechten würde, wenn es so weit war.

Viv war einfach großartig. Nicht nur weil sie dieses ungewöhnliche Vorhaben unterstützte. Sie machte auch vorzügliche Cupcakes. Zu verlieren hatte er bei der Hochzeit wirklich nichts, aber auf den Junggesellenabschied hätte er gern verzichtet. Das war einfach nicht sein Ding.

Wenigstens waren keine Stripperinnen aufgetaucht – noch nicht.

Mit seinen beiden besten Freunden war er am Morgen nach Las Vegas geflogen, und obwohl Jonas sich in Sin City nicht auskannte, war ihm klar, wie leicht sich eine Hotelsuite in einen Tummelplatz für nackte Frauen verwandeln konnte. Kaum etwas hätte er mehr verabscheut. Außer vielleicht, Sun zu heiraten. Nicht nur weil man sie für ihn ausgesucht hatte, sondern auch weil er mit ihr nur unglücklich werden würde. Sollte sich doch jemand anderes mit ihr herumplagen. Er würde morgen Viv heiraten. Das war der größte Gefallen, den gute Freunde einander tun konnten.

„Willst du das wirklich durchziehen?“, fragte Warren und öffnete die Champagnerflasche mit einem lauten Plopp.

Ein weiterer Brauch, auf den Jonas gern verzichtet hätte, doch seine Freunde würden nur lachen und sagen, dass er sich doch endlich einmal entspannen sollte. Dabei wussten sie ganz genau, dass er in einer ultrakonservativen Familie aufgewachsen war. Sein Großvater hatte altmodische Ansichten darüber, wie sich ein Geschäftsführer zu verhalten hatte, und bisher hatte er Jonas diesen Job noch nicht übertragen. Außerdem konnte es nicht schaden, ein bisschen Anstand an den Tag zu legen.

„Was genau?“, fragte Jonas. „Den Junggesellenabschied zu feiern oder euch Schwachköpfe dazu einzuladen?“

Hendrix, der zweite der beiden Schwachköpfe, grinste und nahm das Glas Champagner, das Warren ihm reichte. „Eine Hochzeit ohne Junggesellenabschied ist jämmerlich.“

„Es ist ja gar keine richtige Hochzeit. Da hätte man doch wohl auf ein paar der üblichen Rituale verzichten können.“

Warren schüttelte den Kopf. „Es ist und bleibt eine richtige Hochzeit. Auch wenn du diese Frau nur heiratest, um der Hochzeit mit einer anderen zu entgehen. Deswegen frage ich ja noch mal nach. Bist du sicher, dass es die einzige Möglichkeit ist? Ich kapiere nicht, warum du deinem Großvater nicht einfach sagst: „Nein danke, ich verzichte! Lass dich doch nicht so von ihm herumkommandieren.“

Diese Diskussion führten sie jetzt schon seit zwei Wochen. Was die Firma der Kims betraf, hielt Jonas’ Großvater die Zügel immer noch fest in der Hand – zumindest in Korea. Wenn für Jonas auch nur die geringste Chance bestehen sollte, das Unternehmen von seinem Großvater zu übernehmen und das gesamte Geschäft nach North Carolina zu verlegen, musste er jeden Schritt sorgfältig abwägen. Eine Koreanerin aus einer einflussreichen Familie zu heiraten würde ihn nur enger an ein Land binden, das er nicht als seine Heimat betrachtete.

„Ich respektiere meinen Großvater“, beschwichtigte er Warren. „Und die lebenslange Freundschaft zwischen ihm und Suns Großvater auch. Ich kann Sun nicht bloßstellen. Das würde alles zerstören.“

Sun war von der Idee, Jonas zu heiraten, begeistert gewesen. Sie hatte nämlich eine heimliche, äußerst unangemessene Affäre, die sie nur zu gern mithilfe eines Ehemanns verschleiert hätte. Ihre Großväter sprachen bereits von einer Fusion der Unternehmen, sobald beide Familien durch die Heirat verbunden wären.

Jonas wollte dabei nicht mitmachen und löste das Problem lieber gleich auf seine Art. Wenn er schon verheiratet war, konnte niemand von ihm erwarten, dass er sich an die Vereinbarung seines Großvaters hielt. Nach der Fusion konnten Viv und er die Ehe annullieren lassen, und Jonas’ käme unbeschadet aus der Sache heraus.

Die Idee war brillant und Viv der tollste Mensch der Welt. Sie bewahrte ihn davor, bei diesem Fusions-Deal unter die Räder zu kommen. Morgen würden sie ein paar Worte aufsagen, ein paar Papiere unterschreiben und schwupp … schon lösten sich seine Probleme in Luft auf.

„Seid doch einfach froh, dass bei der Sache dieser Trip nach Vegas für euch rausspringt, und haltet die Klappe“, sagte Jonas und stieß mit Warren und Hendrix an.

Seit ihrem ersten Jahr an der Duke University waren sie eng befreundet. Damals wurden sie demselben Projekt zugeordnet. Jonas Kim, Hendrix Harris und Warren Garinger hatten sich auf Anhieb gut verstanden, auch mit Marcus Powell, dem Vierten im Bunde. In ihrer Jugend hatten sie so manches angestellt – was Jonas allerdings meistens als unbeteiligter Beobachter verfolgt hatte – und waren durch dick und dünn gegangen. Bis Marcus sich eines Tages Hals über Kopf in eine Cheerleaderin verliebte, die seine Liebe jedoch nicht erwiderte. Die Folgen beeinflussten die drei Überlebenden bis heute.

„Wie denn? Stripperinnen hast du uns ja verboten“, grummelte Hendrix und kippte seinen Champagner in einem Schluck hinunter. „Ich verstehe echt nicht, was du von einem Junggesellenabschied in Las Vegas hast, wenn du nicht mal alles genießt, was dir hier quasi zu Füßen liegt.“

Jonas verdrehte die Augen. „Als hättest du nicht auch in Raleigh genug Frauen, die auf Kommando vor dir die Hüllen fallen lassen.“

„Ja, aber den Anblick kenne ich ja schon“, gab Hendrix mit einem Augenzwinkern zurück. „Da draußen gibt es noch Tausende von Frauen, die ich gern mal oben ohne sehen würde. Zu Hause muss ich mich doch jetzt benehmen. Aber was in Vegas passiert, hat keine Auswirkungen auf Moms Wahlkampf.“

Hendrix’ Mom kandidierte für das Amt des Governors von North Carolina und hatte ihren Sohn auf einen Stapel Bibeln schwören lassen, dass er ihr die Chancen nicht verbauen würde. Dafür musste Hendrix sein Privatleben komplett umkrempeln. Sein verblüffendes Talent, mit leicht bekleideten Frauen fotografiert zu werden, war bisher unentdeckt geblieben. Allerdings hatte er sein Keuschheitsgelübde auch gerade erst abgelegt. Es boten sich also noch reichlich Möglichkeiten, in einen Skandal verwickelt zu werden.

Warren ließ sich auf dem Zweisitzer neben der Fensterfront fallen. Sechzig Stockwerke unter der Sky Suite, die sie im Aria gebucht hatten, flimmerten die Lichter von Las Vegas. „Könnten wir uns vielleicht mal aufs Wesentliche konzentrieren?“, schlug er vor und strich sich das gewellte braune Haar aus dem Gesicht.

„Und das wäre?“

Warren deutete mit seinem Glas auf Jonas. „Du heiratest. Trotz unseres Pakts.“

Der Pakt.

Nachdem die Cheerleaderin Marcus am Boden zerstört zurückgelassen hatte, war er immer mehr zum Schatten seiner selbst geworden, bis er sich schließlich entschlossen hatte, seinem Schmerz für immer ein Ende zu setzen. Nach seinem Tod hatten sich die drei Freunde geschworen, der Liebe niemals so eine zerstörerische Macht über sich zu geben.

Die Erinnerung daran ernüchterte sie auf einen Schlag.

„Du weißt, mir ist unser Pakt heilig“, sagte Jonas leicht verärgert. „Aber wir haben nie geschworen, den Rest unseres Lebens Single zu bleiben. Nur, dass eine Frau niemals solche Macht über uns haben darf. Die Liebe ist das Problem, nicht das Heiraten.“

Einmal im Jahr ließen die drei alles stehen und liegen und verbrachten einen Abend im Gedenken an ihren verstorbenen Freund: um ihm ihre Ehre zu erweisen und um den Pakt zu erneuern. Das schreckliche Ereignis hatte sie alle auf unterschiedliche Weise getroffen, doch ließ man Marcus’ Mutter einmal außer Acht, war der Selbstmord seines Zimmergenossen für Warren zweifellos am härtesten gewesen.

Nur aus diesem Grund ließ Jonas ihm die Kränkung durchgehen. Denn Jonas hatte sich immer an ihre Vereinbarung gehalten, was ihm allerdings leichtergefallen war, als er jemals zugegeben hätte. Erstens hielt er sich grundsätzlich an Versprechen. Und zweitens war er nie einer Frau begegnet, in die er sich auch nur ansatzweise hätte verlieben können. Für ihn bedeutete Liebe nichts als Kontrollverlust … schon bei der Vorstellung erschauderte er. Er hatte zu viel zu verlieren, als dass er es darauf hätte ankommen lassen.

Warren sah nicht gerade überzeugt aus. „Eine Hochzeit ist das Tor zur Liebe, mein Freund. Du kannst einer Frau keinen Ring an den Finger stecken und erwarten, dass sie nicht von dem ganzen romantischen Mist träumt.“

„Doch, kann ich“, erwiderte Jonas, während Hendrix Champagner nachfüllte. „Deswegen ist es ja auch so ein toller Plan. Viv weiß genau, wie es laufen wird. Wir haben ausführlich darüber geredet. Sie hat ihren Cupcake-Laden und keine Zeit für eine feste Beziehung, geschweige denn für einen Ehemann. Ich hätte sie nicht darum gebeten, wenn sie nicht so eine gute Freundin wäre.“

Eine Freundin, die keine weiter gehenden Absichten hatte. Einzig und allein deswegen erhielt Jonas die Freundschaft schon so lange aufrecht. Wenn auch nur die geringste Möglichkeit bestanden hätte, dass er Gefühle für sie entwickelte, hätte er die Verbindung zu ihr sofort gekappt. So hatte er es in der Vergangenheit immer gemacht, sobald er seine Selbstbeherrschung in Gefahr sah.

Die letzten Tropfen Champagner trank Hendrix direkt aus der Flasche. Nachdenklich kniff er seine klaren haselnussbraunen Augen zusammen, als er die leere Flasche auf einen der Beistelltische stellte. „Wenn sie eine so gute Freundin ist, warum haben wir sie dann noch nicht kennengelernt?“

„Ist das dein Ernst? Du wunderst dich, warum ich sie von dem Mann fernhalten will, der sogar eine Nonne herumkriegen könnte?“

Grinsend wies Hendrix mit dem Kopf auf Warren. „Bei Mr. Tugendhaft hier sollte das dann ja wohl kein Problem sein. Und trotzdem hat er sie noch nie zu Gesicht bekommen.“

Jonas zuckte mit den Schultern. „Morgen bei der Trauung werdet ihr sie ja kennenlernen.“

Das ließ sich nicht vermeiden. Aber wie sollte er diesen Dummköpfen von Freunden erklären, dass Viv etwas Besonderes war? Schon vom ersten Moment an war er von ihrem strahlenden Lächeln und ihrer Großzügigkeit fasziniert gewesen.

Die kleine Confiserie mit Namen Cupcaked befand sich in der Nähe seiner Firma und war ihm von einem seiner Verwaltungsangestellten wärmstens empfohlen worden. Also war er dort vorbeigegangen, um für seine Mitarbeiter ein kleines Dankeschön zu besorgen. Während er in der überraschend langen Schlange stand, kam eine hübsche Brünette aus dem hinteren Bereich. Sie hätte seine Aufmerksamkeit ohnehin erregt, doch als sie nach draußen ging und einem Kind, das sich fast eine Viertelstunde lang die Nase an der Scheibe platt gedrückt hatte, einen Cupcake schenkte, musste Jonas sie einfach ansprechen.

Seit fast einem Jahr ging er nun regelmäßig dort vorbei und holte sich einen von ihren unwiderstehlichen Zitronen-Cupcakes. Manchmal ließ Viv sich von ihm zu einem Kaffee einladen, irgendwohin, wo sie nicht zwischendurch aufspringen musste, um Leute zu bedienen. Und manchmal holte sie ihn sogar in der Firma ab, um mit ihm Mittagessen zu gehen.

Es war eine angenehme, ungezwungene Freundschaft, die er sehr zu schätzen wusste. Es bestand keinerlei Gefahr, dass sich mehr daraus entwickelte; schließlich war auch Viv überhaupt nicht daran interessiert. Sie schliefen nicht miteinander. Aber niemals würden seine Freunde diese Art von Freundschaft verstehen.

Doch das war ihm egal. Er war mit seiner Situation zufrieden. Viv tat ihm einen Gefallen, und im Gegenzug würde er für den Rest ihres Lebens ihr kostenloser Unternehmensberater sein. Immerhin hatte Jonas es geschafft, Kim Electronics in den amerikanischen Markt einzuführen, und im letzten Jahr einen Umsatz von 4,7 Milliarden Dollar erzielt. Im Hinblick auf ihre Bilanzen konnte ihr also nichts Besseres passieren. Und er nahm sich gern Zeit für sie.

Jonas brauchte nur ihre Unterschrift auf dem Heiratsdokument. Dann musste er sich ruhig verhalten, bis die von seinem Großvater geplante Fusion abgeschlossen war. Danach konnte Viv wieder Single sein, und er hätte die Gefahr noch einmal abgewendet.

Warrens Standpunkt, Frauen kämen bei einer Hochzeit auf romantische Gedanken, war absoluter Schwachsinn. Jonas machte sich keine Sorgen darum, den Pakt nicht einhalten zu können. Ebenso wie für seinen Großvater war Ehre auch für ihn der moralische Kompass. Liebe bedeutete einen Kontrollverlust, dem andere Männer erliegen mochten, aber nicht er. Niemals würde er seinen Freunden in den Rücken fallen oder die Erinnerung an ihren Freund beschmutzen.

Und dafür brauchte er nur eine Frau zu heiraten, die keinerlei romantische Gefühle für ihn hegte.

Viviana Dawson hatte sich ihre Hochzeit schon oft ausgemalt, aber mit einem solchen Chaos in ihrer Magengegend hatte sie nicht gerechnet. Es fühlte sich an wie ein Cocktail aus Aufregung und Panik.

Noch ein paar Minuten, dann würde sie Jonas heiraten, und das Was wäre, wenn? brachte sie schier um den Verstand.

Jonas Kim hatte ihr einen Antrag gemacht. Jonas! Der Mann, für den Viv ein Jahr lang jedes Date ausgeschlagen hatte. Denn wer wäre so perfekt wie er? Niemand.

Ach so, klar … er hatte die Hochzeit als Gefallen verpackt und die Bedingung gestellt, die Ehe so schnell wie möglich zu beenden. Trotzdem. Immerhin wäre sie für eine gewisse Zeit Mrs. Kim.

Wobei die Ehe nur von kurzer Dauer sein konnte, wenn er merkte, dass sie sich total in ihn verknallt hatte.

Das durfte einfach nicht passieren. Erstens würde es ihre Freundschaft zerstören. Und zweitens? Zweitens hatte sie gar nicht vor, eine feste Beziehung einzugehen. Jedenfalls nicht, bevor sie nicht genau wusste, was sie in ihrem bisherigen Liebesleben falsch gemacht hatte.

Ihre Schwestern glaubten, sie wäre zu anhänglich und würde klammern; sie fand es wichtig, in einer Beziehung verbindlich zu sein. Jedenfalls war es so, dass die Männer immer irgendwann Schluss machten.

Die kitschige Hochzeitskapelle glich nicht einmal annähernd dem Schauplatz aus ihrer Fantasie, doch sie hätte Jonas auch in einer Kläranlage geheiratet, wenn er sie darum gebeten hätte.

Ganz allein und nicht allzu glücklich darüber betrat sie die Kapelle. Mittlerweile hatte sie das Gefühl, sie hätte doch darauf bestehen sollen, dass eine ihrer Schwestern sie nach Las Vegas begleitete. Vielleicht als Trauzeugin.

Sie hätte wirklich jemanden gebrauchen können, der sie an die Hand nahm, aber das ging nun nicht mehr. Sie hatte keiner ihrer Schwestern etwas von der Hochzeit erzählt, nicht einmal Grace, der sie sonst alles anvertraut hatte. Bis Grace eine Familie gegründet und sich zurückgezogen hatte, ebenso wie ihre anderen beiden Schwestern.

Sie straffte die Schultern. Eine Scheinehe war genau das, was sie wollte. Mehr oder weniger jedenfalls. Natürlich wollte sie später eine richtige Ehe. Aber diese hier verschaffte ihr Zugang zum geheimnisvollen Club der Verheirateten, dem die anderen Dawson-Schwestern bereits angehörten. Außerdem brauchte Jonas sie. Sie hatte also nichts zu verlieren.

Die Atmosphäre in der Kapelle wirkte friedlich und viel weihevoller, als sie es von einem solchen Hochzeits-Drive-in erwartet hatte. Die Stille ließ sie erschauern, und ihre Haut fühlte sich klamm an. Vorher war all das nur in ihrer Vorstellung geschehen, aber jetzt wurde es Wirklichkeit. Konnte man innerhalb von zwei Minuten einen Nervenzusammenbruch erleiden und sich wieder erholen? Sie wollte nicht eine Sekunde ihrer Hochzeit verpassen. Aber vielleicht sollte sie sich doch besser kurz hinsetzen.

Als sie Jonas sah, war ihre Nervosität auf einmal wie weggeblasen. Er trug einen eleganten Anzug, der seinen athletischen Körper zur Geltung brachte. Sofort war sie umgeben von seiner Energie. Das war schon bei ihrer ersten Begegnung so gewesen, als er nicht etwa den süßen Köstlichkeiten im Schaufenster ihres Ladens Beachtung geschenkt hatte, sondern ganz allein ihr.

Er lächelte gern, und noch lieber lachte er, und so tauchte Jonas Kims wundervoll markantes Gesicht nicht selten in Vivs Träumen auf. Auch sein Körper konnte einen umhauen. Er war immer in Topform, da er mit seinen Freunden regelmäßig Racquetball spielte. Viv hatte Stunden damit verbracht, sich vorzustellen, wie er mit glänzendem, nacktem Oberkörper den Schläger schwang.

Seine dunklen ausdrucksstarken Augen leuchteten, als er sie entdeckte. Er durchquerte die kleine Halle und umarmte Viv. Wie von allein legten sich ihre Arme um seine Taille. Sie hatte keine Ahnung, warum. Schließlich war es das erste Mal, dass sie sich so nah kamen.

Er roch extrem gut.

Jetzt wäre wohl der passende Moment, die Sprache wiederzufinden. „Hey.“ Toll. Sie hatten schon die angeregtesten Gespräche geführt, hatten über die Kombination von Fisch und Rotwein gelästert, ausdiskutiert, warum es am Strand schöner war als in den Bergen, und sich über Shakespeare und die Simpsons unterhalten. Aber kaum lag sie in den Armen dieses Mannes, für den sie seit Monaten schwärmte, brachte sie kein Wort heraus.

Er trat einen Schritt zurück. Aber das half auch nicht. Außerdem war ihr jetzt kalt.

„Ich bin echt froh, dass du hier bist“, sagte er. Seine sanfte Stimme ließ ihre Nerven vibrieren. Obwohl er in North Carolina geboren war, sprach er kaum mit Akzent.

„Ohne Braut keine Hochzeit“, klärte sie ihn auf. Oh, was für ein Glück, sie konnte doch noch sprechen, wenn auch nur, um das Offensichtliche hinauszuposaunen. „Bin ich passend angezogen für eine Fake-Hochzeit?“

Er betrachtete sie eingehend. „Du siehst wunderschön aus. Und du hast dir sogar extra ein neues Kleid gekauft. Das gefällt mir.“

Das war der Grund, warum sie all die Idioten hatte abblitzen lassen, die mit Sprüchen wie „Krieg ich deine Nummer? Dann glasiere ich deine Cupcakes mit Guss“ bei ihr zu landen versuchten. Jonas achtete auf sie; ihm fiel sogar auf, wenn sie neue Kleidung trug. Das gelbe Kleid hatte sie ausgesucht, weil er irgendwann mal erwähnt hatte, dass er die Farbe mochte.

Deshalb fand sie es umso erstaunlicher, dass er noch nicht bemerkt hatte, wie sehr sie auf ihn abfuhr. Entweder konnte sie es einigermaßen gut verbergen – was sie kaum zu glauben wagte –, oder er wusste es längst und hatte es ihr zuliebe nicht angesprochen.

Ihr Puls raste plötzlich. Nein, er konnte es nicht wissen, sagte sie sich zum wiederholten Mal.

„Ich wollte gut aussehen“, sagte sie. Für dich. „Für die Fotos.“

Er lächelte. „Das ist dir gelungen. Darf ich dir Warren vorstellen?“

Jonas drehte sich um und legte automatisch den Arm um sie und hmm … das war schön. Sie benahmen sich jetzt schon wie ein Paar. Es fühlte sich alles so selbstverständlich an. Ob er es auch spürte?

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sich noch ein anderer Mann im Foyer befand. Sie hatte ihn überhaupt nicht bemerkt, obwohl er wie ein Magnet auf Frauen wirken musste, mit diesen Wangenknochen und dem exklusiven Haarschnitt. Sie reichte ihm die Hand. Jonas hatte ihr schon viel von Warren erzählt. „Schön, dich kennenzulernen. Jonas spricht in den höchsten Tönen von dir.“

„Das kann ich nur zurückgeben“, sagte Warren und warf Jonas einen vieldeutigen Blick zu. „Bestimmt hat er übertrieben.“

Wohl kaum. Auch ohne Jonas’ Hinweise hätte sie gewusst, wie gut die Firma seines Freundes lief. Das Logo des Energydrinks Flying Squirrel sah man schließlich überall.

Jonas winkte schmunzelnd ab. „Ganz wie du meinst. Wo steckt eigentlich Hendrix?“

„Keine Ahnung. Ich bin doch nicht sein Babysitter“, gab Warren achselzuckend zurück. Dann zog er sein Handy hervor. „Ich schicke ihm eine Nachricht. Er kommt bestimmt gleich.“

Jonas schien vergessen zu haben, dass er seinen Arm immer noch um Vivs Taille geschlungen hatte, und sie würde ihn ganz bestimmt nicht davon abbringen. Mit festem Griff geleitete er sie durch die geöffnete Flügeltür ins Innere der Kapelle. Nun ja, wenn diese fast schon intime Geste zu dem Hochzeitspaket dazugehörte, sagte sie nicht Nein.

„Ich werde nicht auf diesen Vollidioten warten“, rief Jonas über die Schulter zurück. „Hier stehen noch Tausende von Paaren Schlange, und ich will mich nicht noch mal hinten anstellen.“

Warren, immer noch mit seinem Handy beschäftigt, winkte und nickte.

„Tolle Freunde“, raunte Jonas ihr lächelnd zu, sein Gesicht dicht an ihrem. Trotz ihrer High Heels war er größer als sie, was ihr nie so deutlich aufgefallen war wie jetzt, wo er sie noch immer so eng umschlungen hielt, als wollte er sie nie wieder loslassen. „Heute ist ein wichtiger Tag in meinem Leben, und schau sie dir nur mal an.“

„Ich bin doch hier.“ Solange er sie brauchte.

Erst recht, wenn er vorhatte, sie von nun an öfter in seinen Armen zu halten. Seine warme Hand auf ihrer Taille wirkte seltsam beruhigend auf ihre Nerven. Stattdessen hatte sie nun Schmetterlinge im Bauch.

Puh, war das heiß hier drinnen. Sie widerstand dem Drang, sich Luft zuzufächeln. Bei seiner Berührung verspürte sie in bestimmten Teilen ihres Körpers eine überraschend starke Hitze.

Er lächelte noch breiter. „Ja, du bist hier. Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie dankbar ich dir bin? Du hast gerade den Platz der weltbesten Freundin eingenommen, und du bist die Einzige, die ihn auch wirklich verdient.“

Wie hart man doch manchmal auf dem Boden der Tatsachen landen konnte! Aber das war wohl notwendig. Hier ging es um einen Gefallen. Diese Hochzeit war kein Vorwand, um ihr näherzukommen.

Okay. Na schön. Dann waren sie eben nur gute Freunde, und das war vollkommen in Ordnung. Sie hatte nun einmal die Angewohnheit, sich Männern voll und ganz hinzugeben. Leider waren die Männer meistens nicht bereit, sich ebenso sehr auf sie einzulassen. Mark hatte es etwas länger mit ihr ausgehalten als Zachary, und sie dachte nicht gern daran zurück, wie schnell sie Gary und Judd verjagt hatte. Die traurige Bilanz ihrer Zwanziger war, dass sie ihre Beziehungen an einer Hand abzählen konnte.

Deshalb konnte ihr momentan nichts Besseres passieren als eine Zweckehe, von der sie bereits wusste, wie sie ausgehen würde. Es war, als würde man die letzte Seite eines Buches zuerst lesen. Eigentlich recht vielversprechend für jemanden, der lieber mit Blumen überrascht wurde als mit Gesprächen à la „Wir müssen reden“.

Keinerlei Druck. Kein Grund, sich an Jonas zu klammern und ihn damit in die Flucht zu schlagen. Sie konnte sich clever und unabhängig verhalten und mit dieser Ehe ihr Selbstvertrauen stärken. Jonas hatte sie bereits gefragt, ob sie zu ihm ins Penthouse an der Boylan Avenue ziehen wollte. Solange sie es nicht vermasselte und durchblicken ließ, wie sehr sie jede Faser dieses Mannes begehrte, war alles bestens.

Sie lächelte ihn an – ihren Freund, der bald ihr Mann sein würde. Sie waren Freunde mit gewissen Vorzügen, allerdings nicht im sexuellen Sinne. Das durfte sie nicht vergessen.

Eine Dame in einem giftgrünen Kostüm kam auf sie zu und stellte sicher, dass es sich bei ihnen um das glückliche Paar handelte, nur um gleich darauf den Ablauf der Trauung herunterzuleiern. Wäre es ihre richtige Hochzeit gewesen, wäre Viv vermutlich enttäuscht gewesen von so viel Nüchternheit.

Es dauerte keine Minute, da ertönte klassische Orgelmusik aus den Lautsprechern, und die Dame drückte Viv einen leicht verwelkten Brautstrauß in die Hand. Sie hielt ihn nah bei sich und fragte sich, ob sie ihn wohl behalten durfte. Schon eine einzige Blume würde ihr reichen. Sie könnte sie in einem Buch trocken pressen, zur Erinnerung an die Hochzeit mit diesem großartigen Mann, der sie immer so gut und respektvoll behandelte.

Vollkommen gelassen führte Jonas sie zum Altar. Klar. Warum hätte er auch nervös sein sollen? Schließlich war das hier seine Show, und er besaß ohnehin ein gesundes Selbstbewusstsein.

Am Altar stand sein Freund Warren neben einem älteren Herrn, der eine Bibel in der Hand hielt. Jonas und Viv blieben an der Stelle stehen, die ihnen die Frau vorher gezeigt hatte. Ermutigend lächelte Jonas Viv zu.

„Liebes Brautpaar“, hob der Mann an, doch prompt unterbrach ihn lautes Gepolter aus dem Hintergrund. Viv und Jonas drehten sich um und sahen, wie die Dame in dem grünen Kostüm sich gegen die Tür stemmte, während auf der anderen Seite jemand versuchte, in den Raum zu gelangen.

„Sir, die Trauung hat bereits begonnen“, rief sie vergeblich, doch der Mann, der Hendrix Harris sein musste, schob sich einfach an ihr vorbei und gesellte sich zu ihnen nach vorn.

Er sah genauso aus wie auf den vielen Fotos, die überall in den Medien kursierten – und das nicht nur, weil seine Mutter für das Amt des Governors kandidierte. Meistens war er mit irgendeiner Schönheit an seiner Seite abgebildet, mit der er irgendetwas Obszönes tat, zum Beispiel so wild herumzuknutschen, als würde niemand zusehen.

„Sorry“, murmelte er Jonas zu. Er hatte Ringe unter den Augen und sah aus, als hätte er in seinem teuren maßgeschneiderten Anzug geschlafen.

„Ich dachte mir schon, dass dir etwas einfallen würde, um meine Hochzeit unvergesslich zu machen“, sagte Jonas, ohne verärgert zu klingen. So war er eben. Viv wäre es sicher schwergefallen, so nachsichtig mit jemandem zu sein, der sich nicht einmal Mühe gab, pünktlich zu erscheinen.

Der Pfarrer begann noch einmal von vorn, und ein paar Minuten später legten sie das Ehegelübde ab. Alles nur Schein, sagte Viv sich immer wieder im Stillen, während sie gelobte, ihn zu lieben und zu ehren.

„Sie dürfen die Braut nun küssen“, sagte der Pfarrer so monoton, dass Viv einen Moment brauchte, bis sie begriff. Hatte er Jonas gerade dazu aufgefordert, sie zu küssen? Ihr Puls schnellte in die Höhe.

Darüber hatten sie vorher nicht gesprochen. Sie warf Jonas einen Blick zu und hob fragend die Brauen. Er zögerte.

„Das ist der Teil, wo du sie küssen musst, du Idiot“, flüsterte Hendrix mit einem anzüglichen Grinsen.

Das war ihre einzige Chance – das einzige Mal, dass es ihr gutes Recht war, diesen Mann zu küssen, und diese Gelegenheit würde sie nicht verstreichen lassen. Die anderen um sie herum schienen zu verschwinden, als sie die Hände an sein Revers legte. Er beugte sich vor, schob eine Hand unter ihr Kinn und hob sanft ihren Kopf. Sie spürte, wie seine Wärme sie durchströmte. Dann vergaß sie alles um sich herum, als sich ihre Lippen berührten.

Doch das reichte ihr nicht. Sie schmiegte sich an ihn, wollte mehr von ihm. Der Kuss wurde intensiver, seine Lippen passten sich ihren an – und, oh ja, genauso sollte es sein.

So fühlte es sich also an, Jonas Kim zu küssen. Es war, als würden ihre Gefühle explodieren, als strömten die Empfindungen, die sie so sicher unter Verschluss gehalten hatte, unaufhaltsam in ihre Körpermitte. Hitze breitete sich in ihr aus und ließ sie erahnen, wie überaus verlockend es sich anfühlen würde, wenn er nicht aufhörte.

Aber er hörte auf und trat so plötzlich zurück, dass sie beinahe das Gleichgewicht verlor. Er hielt sie an den Armen fest … obwohl er selbst etwas unsicher auf den Beinen wirkte. Sein Blick war rätselhaft. Etwas loderte darin, was sie nie zuvor gesehen hatte.

Der Kuss hatte sie beide merklich durcheinandergebracht. Was sagte man zu jemandem, den man gerade geküsst hatte und gern wieder küssen würde, auch wenn das nicht Teil der Abmachung war?

„Das war nett“, murmelte Jonas. „Danke.“

Nett war nicht gerade die Bezeichnung, die Viv gewählt hätte. Sie würden also so tun, als wäre nichts passiert.

Gut. Das war vermutlich genau richtig – es als Teil der Trauung anzusehen und mit der Trauung fortzufahren.

Doch sie spürte noch immer ein Kribbeln auf ihren Lippen. Wie konnte Jonas nur so dastehen und ihre Hand halten, als wäre nichts geschehen? Die Antwort darauf sollte sie sich gut einprägen, ab sofort. Vor allem, wenn sie mit ihm unter einem Dach leben wollte. Ihre Freundschaft – und diese Ehe – hätte sich erledigt, sobald er auch nur ahnte, wie erregt und aufgewühlt sie gerade war. Er hatte ja mehrfach betont, dass er ihr vertraute, weil sie Freunde waren, und dass er sie als Freundin brauchte.

„Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau“, sprach der Geistliche, nicht ahnend, dass sich unter Vivs Füßen gerade der Boden aufgetan hatte.

Jonas drehte sich um und führte sie den Gang entlang, dann unterschrieben sie das Heiratsdokument. Zum Schluss betraten sie dasselbe Foyer, in dem sie einige Minuten zuvor gestanden hatten. Dieses Mal allerdings waren sie Mann und Frau.

Ihre Unterschrift unter Jonas’ sauberer Schrift machte ihre Ehe offiziell, aber sie wusste ja, es war nichts weiter als ein Blatt Papier. Der Kuss allerdings … der hatte Vivs Welt in ihren Grundfesten erschüttert.

Wie konnte sie sich davon abhalten, ihm noch einen entlocken zu wollen?

„Alles klar“, sagte Hendrix strahlend. „Darauf sollten wir anstoßen. Die Runde geht auf mich.“

2. KAPITEL

Jonas hatte seine über fünfhundert Quadratmeter große Penthouse-Wohnung nie für klein gehalten. Bis heute. Überall lagen Sachen von Viviana Dawson. Äh, Kim. Viviana Kim. Bei der Straßenverkehrsbehörde hatte sie ihren Namen nun offiziell ändern lassen, und schon bald würde sie einen neuen Führerschein besitzen, der sie legal mit diesem Namen auswies, wie besprochen. Sein Ehrgefühl verbot ihm, ihre Beziehung zu leugnen. Deswegen war Viv nun in jeder Hinsicht Mrs. Kim.

Mit einer Ausnahme.

Ihm kam es surreal vor, dass sie verheiratet waren und er sie jedem als seine Frau vorstellen konnte.

Durch den Türbogen in der Küche beobachtete er sie beim Auspacken. Kartons über Kartons bedeckten jeden Zentimeter der Granitarbeitsflächen, und obwohl sie schon seit einer Stunde mit der Räumerei beschäftigt war, sah es aus, als wäre sie kaum vorangekommen.

Er sollte aufhören herumzuschleichen und ihr lieber helfen. Doch das hatte er bisher nicht getan, weil er mit der seltsamen Anspannung, die zwischen ihnen herrschte, nicht umgehen konnte.

Es lag nur an diesem Kuss.

Sie hatten die Büchse der Pandora geöffnet, und er wusste nicht, wie er sie wieder schließen sollte. Früher hatte er Viv ganz objektiv als schöne Frau wahrgenommen, in deren Gesellschaft er sich wohlfühlte. Nach der Trauung hatte sich das geändert. Er sah sie jetzt ganz anders, wie durch einen dünnen Schleier, den er nicht mehr loswurde. Aber das musste er. Sie war wegen eines Gefallens zu ihm gezogen. Das bedeutete nicht, dass er sie gegen den Küchenschrank drängen durfte, um ihre vollen Lippen zu kosten.

Er mochte sie. Fügte man aber eine bisher unentdeckte Zuneigung hinzu, erhielt man genau die Art von Frau, von der er sich beinahe ein Jahrzehnt bewusst ferngehalten hatte. Dann wäre sie eine von der Sorte, der er zu leicht verfallen konnte, bis seine Gefühle ihn überwältigten und er alles andere aufgab.

Er führte sich lächerlich auf. Wie alt war er eigentlich? Siebzehn? Er wurde doch wohl mit einem leisen Knistern zwischen zwei Freunden fertig, oder? Am besten ignorierte er es und ließ sich nicht anmerken, dass er ihr gegenüber noch etwas außer Freundschaft empfand, seitdem sie sich geküsst hatten.

Zusammenwohnen mussten sie eh nur so lange, bis er seinen Großvater überzeugt hatte, die Fusion durchzuziehen. Hatten die beiden Firmen den Vertrag erst einmal unterzeichnet, würde keine der beiden mehr einen Rückzieher machen, und er wäre wieder unabhängig. Da er bis dahin Vivs Miete übernahm, konnte sie anschließend wieder in ihr Apartment zurückziehen.

Lässig lehnte er sich an den unverputzten Ziegelpfeiler zwischen Wohnzimmer und Küche und verschränkte die Arme, als wäre zwischen ihnen alles in bester Ordnung. „Kann ich helfen?“

Viv zuckte zusammen und fuhr herum, die Augen weit aufgerissen. „Jetzt hast du mich aber erschreckt!“

Ihr nervöses Lachen jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Sie spürte die seltsame Anspannung zwischen ihnen also auch, reagierte nur anders darauf. Sie war schreckhaft und nervös, er war erregt und aufgewühlt. Darauf war er nicht vorbereitet gewesen. „Tut mir leid. Das wollte ich nicht. Wir haben wohl beide so lange allein gelebt, dass wir uns erst mal aneinander gewöhnen müssen.“

Sie nickte. „Ja, das sage ich mir auch immer wieder.“

War es so schlimm? Der verlorene Klang ihrer Stimme machte ihn stutzig. Sie sollte sich in seiner Gegenwart nicht unwohl fühlen. „Am besten gewöhnen wir uns aneinander, indem wir Zeit miteinander verbringen. Komm, ich helfe dir beim Einräumen …“ Er griff nach einer quadratischen Glasschüssel. „Ist die für Salat?“

„Für Auflauf.“ Sie grinste, und etwas von ihrer Nervosität schien von ihr abzufallen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass dich auch nur ansatzweise interessiert, wo ich meine Küchengeräte verstaue.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Das kommt darauf an, ob du sie für deine Cupcakes brauchst.“

Ihre Cupcakes waren nicht wie die in den harten Plastikschalen aus dem Supermarkt, die nach gesüßtem Mehl und fettiger Glasur schmeckten. Vivs Cupcakes mit Zitrone – eine Geschmacksrichtung, von der er nie gedacht hätte, dass er sie mochte – waren saftig und aromatisch, als hätte man Limonade in Kuchenform vor sich.

Das Handy in seiner Tasche kündigte eine neue Nachricht an, und da ein Vorgesetzter niemals schlief, gab er ihr die Glasschüssel und sah nach.

Sein Großvater. In Seoul war es gerade einmal sechs Uhr morgens. Jonas rief die Nachricht auf. Er wurde kreidebleich.

„Jonas? Was ist denn?“ Viv legte ihm die Hand auf den Unterarm, und er war dankbar für ein bisschen Trost, auch wenn der unerwünschte Gefühle in ihm auslöste.

„Es ist mein Großvater. Mein Dad hat ihm von unserer Hochzeit erzählt.“ Weil Jonas ihn darum gebeten hatte. Er hatte doch nur die von seinem Großvater arrangierte Ehe umgehen wollen. Und jetzt das …

„Oh nein. Er ist bestimmt sauer, oder?“ Viv biss sich sorgenvoll auf die Lippe und lenkte ihn damit kurz ab.

„Ganz im Gegenteil“, brachte Jonas krächzend hervor. „Er ist begeistert. Er kann es kaum abwarten, dich kennenzulernen, und hat sich gestern Abend direkt ins Flugzeug gesetzt. Er ist hier. In Raleigh. Und es kommt noch besser: Er hat meinen Dad überredet, ein Abendessen auszurichten, um dich in der Familie willkommen zu heißen. Dieses Wochenende.“

Wenn sein Großvater Wind davon bekam, dass mit dieser Ehe irgendetwas nicht stimmte, könnten sie mit dem Schauspiel sofort aufhören. Er hatte viel riskiert. Sie durften einfach nicht auffliegen.

Nicht eine Sekunde lang glaubte er, dass sein Großvater von der voreiligen Hochzeit begeistert war oder dass er als Geschäftsführer des größten koreanischen Konzerns freiwillig auf seine Vorstandssitzungen verzichtete, um siebentausend Meilen zu fliegen, nur, um die frischgebackene Ehefrau seines Enkels kennenzulernen.

Es musste etwas anderes dahinterstecken. Bestimmt war es ein Test. Oder er wollte mit eigenen Augen sehen, dass Jonas verheiratet war. Vielleicht witterte sein Großvater bereits die Wahrheit und wartete nur auf einen Fehltritt. Wenn sein Großvater ihn in die Enge trieb, würde Jonas sich moralisch verpflichtet fühlen, ihm reinen Wein über Viv einzuschenken.

Viv sah angemessen besorgt drein. „Dieses Wochenende? Wir haben also zwei Tage Zeit, um zu lernen, wie man sich als Ehepaar verhält?“

„Jetzt verstehst du, warum ich so ein Gesicht mache.“ Er wirbelte mit dem Zeigefinger vor seiner Nase herum, froh, dass sie den Ernst der Lage sofort begriffen hatte. „Viv, es tut mir leid. Das habe ich nicht kommen sehen.“

Allein die Unterbringung – wie sollte er seiner Mom klarmachen, dass sie getrennte Schlafzimmer brauchten, wenn sie doch quasi noch in den Flitterwochen waren? Er durfte nichts sagen. Es war ohnehin lächerlich, sich darüber Gedanken zu machen, wenn es eine ganze Liste von Dingen gab, die schiefgehen konnten. Darauf sollte er sich besser konzentrieren und Schadensbegrenzung betreiben.

„Hey.“

Jonas hob den Kopf. Viv verschränkte ihre Finger mit seinen, als hätte sie es schon unzählige Male getan – was nicht der Fall war. Sie sollte es besser lassen. Er mochte es viel zu sehr.

„Ich bin doch hier“, sagte sie, wie auch vor ihrer Trauung. „Ich werde nicht weglaufen. Was ich gesagt habe, sollte nicht bedeuten: ‚Heilige Scheiße, wie sollen wir das nur anstellen?‘, sondern ‚Aha, wir haben also zwei Tage Zeit, uns darauf einzustellen!‘. Und das werden wir.“

„Du kennst meinen Großvater nicht. Vermutlich ahnt er schon was. Das Abendessen dient nur dazu, die Wahrheit herauszufinden.“

„Und?“ Sie nahm es auf die leichte Schulter. „Lass ihn doch. Was soll er schon herausfinden? Dass wir ganz legal verheiratet sind?“

„Dass die Ehe nur auf dem Papier besteht.“

Um ihr das Problem vor Augen zu führen, hob er ihr Kinn, sodass sich ihre Blicke trafen. Ihr Mund war nur Zentimeter von seinem entfernt, als würden sie sich gleich küssen. Viel fehlte nicht. Viv erschreckte sich fürchterlich, taumelte einen Schritt zurück und stieß gegen die Küchenanrichte. Schnell versuchte sie es zu überspielen. In ihren Augen sah er … er konnte es nicht genau einordnen.

„Siehst du?“, fragte er. „Ich kann dich nicht mal anfassen, ohne dass bei dir die Alarmglocken schrillen. Wie sollen wir ein ganzes Wochenende überstehen?“

„Tut mir leid. Ich war nicht …“ Sie schluckte. „Ich war nicht darauf vorbereitet. Dann gibt es nur eine Lösung: Wir müssen üben.“

„Üben? Was denn?“ Doch schließlich begriff er.

„Uns anzufassen?“

„Und zu küssen.“ Sie atmete schwer, als wäre sie aus der Puste. „Du hast doch gesagt, wir gewöhnen uns am besten aneinander, indem wir was zusammen machen. Vielleicht sollten wir es auf die altmodische Art probieren. Führ mich aus.“

Sprachlos sah er sie an und wartete auf die Pointe, aber in ihren warmen braunen Augen sah er nichts als Ernsthaftigkeit. Bei dem Gedanken an ein Date zog sich sein Unterleib vor Vorfreude zusammen, was nicht schwer zu deuten war.

Er hatte ein Date mit seiner Frau. Nein, mit Viv. Und das einzige Ziel war, sie an seine Berührungen zu gewöhnen und hin und wieder zu küssen, damit es sich irgendwann ganz natürlich anfühlte.

Das war verrückt! Aber genial! Und nicht zu vergessen: unmöglich!

„Trägst du dann auch ein neues Kleid?“ Das hatte er eigentlich nicht sagen wollen. Ein Nein wäre vernünftiger gewesen, wo er doch bereits merkte, was für eine riesige Gefahr sie für ihn darstellte. Aber das Ja war die einzige Möglichkeit, seinen Plan glatt über die Bühne zu bringen.

Sie nickte, und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Nur eine Bedingung: keine Arbeit. Für keinen von uns. Das heißt, es gibt keine Cupcakes als Nachtisch.“

Seltsamerweise erschien ihm ein Date mit ihr, bei dem Küssen sogar erwünscht war, eine ausreichende Entschädigung für diese Einschränkung zu sein, obwohl der Verzicht auf Cupcakes schon ein recht großes Opfer war.

„Okay, abgemacht. Soll ich dich um acht abholen?“

Sie musste lachen. „Mein Schlafzimmer ist direkt neben deinem, du Dummerchen. Willst du vielleicht auch noch ein geheimes Klopfzeichen vereinbaren?“

„Mal sehen.“ Die Spannung zwischen ihnen lockerte sich allmählich, und es fühlte sich fast wieder wie früher an.

„Hast du einen Vorschlag?“

Sie klopfte kurz-kurz-Pause-kurz und sah ihn bedeutungsvoll an. „Das heißt: In fünf Minuten geht’s los – setz deinen Hintern in Bewegung.“

„Was so viel heißt wie: Du kannst es dir im Wohnzimmer vor dem Sportkanal gemütlich machen, weil ich sowieso noch zwanzig Minuten brauche.“

Sie warf ihre Haare zurück und grinste. „Du lernst schnell. Ich muss mich jetzt fertig machen, also musst du wohl weiter Kartons ausräumen.“

Obwohl er laut seufzte, als sie beschwingt die Küche verließ, machte es ihm nichts aus, die Aufgabe zu übernehmen. Eigentlich müsste sie mit einem Drink und einem Buch auf der Couch sitzen, während er alles so für sie herrichtete, wie sie es haben wollte. Doch sie hatte zunächst darauf bestanden, ihre Sachen selbst einzuräumen, um sich einen Überblick über seine Wohnung zu verschaffen. Ein Date schien Grund genug zu sein, diesen Ansatz wieder über den Haufen zu werfen.

Während er alles einräumte, drang das Geräusch fließenden Wassers gedämpft durch die Wände, und er stellte sich immer wieder Viv unter der Dusche vor. Die Bilder, die sich in seinem Kopf abspielten, waren nicht besonders hilfreich. Genau genommen hatte er keine Ahnung, was ihr „fertig machen“ alles beinhaltete. Aber wahrscheinlich schäumte sie sich nicht ein und verteilte bewusst langsam den Schaum über ihrem gesamten Körper, wie er es sich in Gedanken ausmalte.

Was war nur los mit ihm? So etwas stellte er sich doch sonst nie vor. Dafür interessierte er sich meistens auch zu wenig für die Frauen. Wann hatte er überhaupt zum letzten Mal ein Date gehabt? Er war wie Warren ein Workaholic. Die amerikanische Zweigstelle eines internationalen Unternehmens zu führen war nichts für Weicheier, und außerdem musste er sich erst noch beweisen. Das ließ ihm nicht viel Zeit für Dates, und der Pakt hatte bei ihm ohnehin höchste Priorität.

Natürlich schwafelten die Frauen, mit denen er ausging, immer davon, nichts Ernstes zu wollen und sich lieber alle Möglichkeiten offenzuhalten. Andersherum war Jonas genauso ehrlich, aber ihnen schien es egal zu sein, wenn er geradeheraus sagte, er würde sich niemals verlieben. Die meisten empfanden es als Herausforderung, und dann konnte es schnell unangenehm werden, vor allem, wenn sie herausfanden, dass er es wirklich ernst meinte. Er war ein Meister darin, sich herauszuwinden, bevor es zu weit ging. Bevor er zu weit ging.

Dementsprechend hatte er viele nicht geplante One-Night-Stands, und das wiederum bedeutete, dass er viele Nächte allein verbrachte. Der Gedanke, an irgendeinem normalen Dienstagabend einen Film mit Viv zu gucken oder morgens gemeinsam eine Tasse Kaffee vor der Arbeit zu trinken, gefiel ihm. Vermutlich war das der beste Nebeneffekt ihrer Ehe, und er hoffte, dass sie es genauso sah. Weiter sollten sie auch nicht gehen, denn es wäre schrecklich, sie als Freundin zu verlieren.

Um zwanzig vor acht stapelte er die leeren Kartons neben der Tür, damit er sie später zu den Papiercontainern in den Keller bringen konnte. Dann ging er in sein Zimmer, um sich für das Date umzuziehen.

Mit dem vereinbarten Klopfsignal machte er sich an Vivs Tür bemerkbar und musste grinsen, als er sich vorstellte, wie sie auf der anderen Seite absichtlich länger wartete, um sich wie vorher einen Spaß aus diesem neuen Ritual zu machen. Allerdings hielt sie sich nicht ans Drehbuch und öffnete die Tür fast augenblicklich.

Als sie im Türrahmen erschien, war sein Hirn auf einmal wie leer gefegt. Ihre erfrischende Schönheit wurde von den Farben ihres Kleides noch unterstrichen, und eine Hochsteckfrisur gab den Blick auf ihren Nacken frei. Sie sah so anders aus – er konnte nicht anders, als sie anzustarren. Von dem sanften Lächeln, das ihre Lippen umspielte, war er wie hypnotisiert.

„Ich fand es doof, dich warten zu lassen, wo ich doch schon fertig bin“, erklärte sie. „Ist es okay, wenn ich sage, dass ich ein bisschen aufgeregt bin?“

Er nickte, überrascht, dass seine Muskeln noch funktionierten.

„Ja, es zu sagen ist okay. Dass du dich so fühlst, ist nicht okay.“

„Ich kann nichts dagegen tun. Mein letztes Date war …“ Sie kaute auf ihrer Unterlippe. „Na, jedenfalls ist es schon eine Weile her.“

„Mir geht es genauso. Dann sind wir eben zusammen aufgeregt.“

Sie verdrehte die Augen. „Du bist doch gar nicht aufgeregt. Aber ist trotzdem lieb von dir, das zu sagen.“

Vielleicht war er nicht gerade aufgeregt, aber irgendetwas anderes. Ihn juckte es in den Händen, die nackte Haut ihrer Arme zu berühren. Ob sie so weich war, wie sie aussah? War nicht der eigentliche Zweck dieses Dates, sie zu berühren? Mit jeder Sekunde wurde das Verlangen stärker und unkontrollierbarer.

„Sollen wir nicht einfach jetzt schon mit dem Date anfangen?“, schlug sie vor. Als sie näher kam und der Lavendelduft ihrer Seife ihn einhüllte, schien der Flur vor ihrer Zimmertür mit einem Mal zu schrumpfen. Weitere Fantasiebilder von ihrem Körper unter der Dusche tauchten in seinem Kopf auf, und der Geruch, den er nun damit verband, verstärkte das Ziehen in seinem Unterleib. Vor allem aber war es eine Warnung, dass die Dinge langsam aus dem Ruder liefen. Er wusste nur nicht, was er dagegen tun sollte.

„Und womit fangen wir an?“, raunte er voller Begierde.

Es bestand kein Zweifel an ihren Absichten, als sie mit den Fingern über seine Wange strich. Ihre Berührung setzte seine Nerven unter Strom, und süchtig nach mehr schmiegte er sein Gesicht in ihre Handfläche.

„Mit dem Einzigen, worauf es ankommt“, flüsterte sie. „Damit du nicht mehr darüber nachdenkst, ob du mir näher kommen oder mir den Arm um die Hüfte legen sollst, und damit es keine große Sache mehr ist, mich zu küssen.“

Wenn das das Ziel war, versagte er gerade fürchterlich, denn für ihn war es eine große Sache. Eine riesengroße Sache. Und es wurde nicht besser, als sie sich zu ihm neigte, ohne zu bemerken, dass sie ihn mit ihrem geschmeidigen Körper berührte. Er verlor die Kontrolle.

Bevor er es sich anders überlegen konnte, zog er sie in seine Arme. Sie hob den Kopf, und als sich ihre Lippen trafen, verfielen sie in einen langen Kuss – in mehr als nur einen Kuss. Sie erforschten einander. Da ihnen diesmal niemand zusah, ließ Jonas sich ganz auf Viv ein. Die Leidenschaft, mit der sie ihn küsste, brachte ihn um den Verstand, und er erwiderte den Kuss ebenso leidenschaftlich.

Er stöhnte auf, als sie ihm mit den Fingern durchs Haar fuhr. Seine Haut brannte förmlich, wo sie sie berührte. Herausfordernd berührte sie seine Zunge mit ihrer, was ihn beinahe in die Knie zwang. Es kam unerwartet und erregte ihn. Sehnsüchtig begegnete er der süßen Verlockung ihrer Zunge. Der Kuss wurde immer leidenschaftlicher, und am Ende wusste Jonas nicht mehr, wo oben und unten war, wer von ihnen die Kontrolle übernommen hatte und wer die Begierde erwiderte.

Er bekam nicht genug, wollte noch mehr. Sanft, aber entschieden neigte er ihren Kopf nach hinten, damit seine Zunge weiter vordringen konnte und er mehr von Viv spürte.

Seine Hand glitt an ihrem Rücken hinab. Er zog Viv an sich, bis ihre Hüfte gegen seine Erektion presste. Es fühlte sich wahnsinnig gut an – und war das genaue Gegenteil von freundschaftlich.

Dieser Gedanke reichte aus, um sein Gehirn wieder in Gang zu setzen. Es hätte zwischen ihnen nicht so weit kommen dürfen. Schuld war nur dieses triebhafte Verlangen, das er nicht steuern konnte.

Er beendete den Kuss mit einer Entschlossenheit, die wie aus dem Nichts kam, und löste sich von Viv. Doch sie ließ nicht ab und wäre fast aus dem Gleichgewicht geraten, wie schon bei der Trauung. Auf ähnliche Weise hielt er sie, damit sie nicht fiel. Es war verwirrend, wie sehr sie sich in diesem Kuss zu verlieren schien – wie in einem Rausch.

„Tut mir leid“, brummte er. „Ich habe nicht nachgedacht.“

„Das war doch die Absicht“, sagte sie atemlos. „So können wir hoffen, dass dein Großvater uns für ein überglückliches Pärchen hält.“

Sie hatte recht, aber das war momentan das geringste Problem. Vivs Lippen waren vom Kuss geschwollen und himbeerfarben und doppelt so verführerisch wie sonst.

Er hatte sich zu sehr auf das Schauspiel eingelassen, und das war ihr gegenüber nicht fair. Auch seinem Körper gegenüber nicht, der auf einmal etwas viel Besseres gefunden hatte als ihre Cupcakes.

„Viv, ich glaube nicht, dass irgendjemand sich fragen würde, ob es zwischen uns funkt“, murmelte er.

Das eigentliche Problem war, dass er diesen Funken wieder ersticken musste, wenn es dafür nicht schon zu spät war. Das bestätigte auch der Blick aus ihren braunen Augen, in dem nun ein Feuer loderte. Ihr hatte der Kuss genauso gefallen wie ihm. Vielleicht wäre sie sogar einverstanden, noch einen Schritt weiterzugehen. Allerdings konnte er die Annullierung vergessen, wenn sie die Ehe vollzogen, und er wollte ihr nichts vormachen. Die Lage war aussichtslos.

„Vielleicht wäre es besser“, fing er an, „wenn hinter verschlossenen Türen alles rein platonisch bleiben würde. Für unsere Freundschaft, meine ich. Denkst du nicht?“

Er hatte sie geküsst und berührt, weil sie ihn dazu gebracht hatte. Jetzt machte er sich Sorgen, dass er es noch einmal tun würde, egal, ob er anderen Menschen etwas beweisen musste oder nicht. Sie sollten Grenzen setzen. Viv aus dem Weg zu gehen war schließlich keine Option.

Zum Glück nickte sie. „Was auch immer für dich das Beste ist, Jonas.“

Was sagte es über ihn aus, dass er mehr als nur ein bisschen enttäuscht darüber war, wie bereitwillig sie zugestimmt hatte?

3. KAPITEL

Viv summte, als sie das große Cupcake-Blech aus dem Ofen holte und die nächste Ladung mit Konfettizauber-Cupcakes hineinschob. Hinter der Schwingtür füllten Kunden den Verkaufsbereich, doch dank der Überwachungskamera hatte sie ein Auge auf alles. Die Kamera hatte sie einbauen lassen, als sie zum ersten Mal schwarze Zahlen schrieb.

Man konnte nicht vorsichtig genug sein, und außerdem schaute sie Camilla und Josie gern beim Umgang mit den Kunden zu, während sie selbst das Backen im hinteren Bereich übernahm. Sie hatte Glück mit den beiden Mädchen vom College, die in Teilzeit für sie arbeiteten. Beide lernten schnell, und schon bald würde sie ihnen auch die Buchhaltung und das Bestellsystem erklären. Vorläufig aber war sie froh, dass die beiden die Kasse übernahmen, damit sie sich auf die Herstellung der Cupcakes konzentrieren konnte.

Heute war es um ihre Konzentration allerdings nicht gut bestellt, denn ihre Gedanken schweiften immer wieder zu dem Mann ab, der sie am Abend zuvor so leidenschaftlich geküsst hatte.

Jonas hatte sich ganz auf sie und auf den Moment eingelassen. Es war richtiggehend impulsiv gewesen. Eins zu null für Viv, die mit dem Vorschlag, ein bisschen zu „üben“, in seinen Armen gelandet war. Hoffentlich fand er nie heraus, dass sie bei seiner Berührung jedes Mal zusammenzuckte, weil Hitzewellen durch ihren Unterleib jagten, ganz egal, wie sehr sie sich zu kontrollieren versuchte.

Den Kuss hatte selbstverständlich er beendet – zu Recht. Sie waren Freunde. Wäre er an mehr interessiert, hätte er längst den nächsten Schritt gemacht. Trotzdem sehnte sie sich nach einer Wiederholung.

Als drei chic gekleidete Frauen in ihren Laden rauschten, bildete sich ein Klumpen in ihrem Magen. Auf dem Bildschirm sah sie, wie ihre Schwestern sich der Theke näherten und Josie ansprachen, ohne auf die lange Schlange von Kunden zu achten. Wahrscheinlich fragten sie gerade freundlich nach ihr, obwohl sie ihnen schon unzählige Male gesagt hatte, dass dies kein Hobby war. Sie führte einen Laden und konnte nicht mal kurz auf einen Tee mit ihnen verschwinden. Das schienen die drei Hausfrauen, mit denen sie zwar das Elternhaus geteilt, sonst aber wenig gemein hatte, nicht zu begreifen.

Nur konnte sie dem Gespräch, für das sie jetzt höchstwahrscheinlich hier waren, nicht entfliehen. Letzten Endes war sie doch weich geworden und hatte ihre Mutter angerufen und ihr gestanden, dass sie geheiratet hatte, ohne irgendjemanden zur Hochzeit einzuladen. Natürlich hatte es keine fünf Minuten gedauert, bis diese Neuigkeiten bei ihren Schwestern angekommen war.

Nachdem sie ihre Hände vom Mehl befreit hatte, stellte Viv den Timer des Smartphones und ließ es in ihre Tasche gleiten. Die Cupcakes im Ofen wären eine nützliche Ausrede, um sich zurückzuziehen, wenn es ihr zu bunt wurde. Sie ging durch die Schwingtür und setzte ein Lächeln auf.

„Hallo, ihr Lieben“, rief sie und winkte. Sie durchquerte den Raum und umarmte erst Grace, dann Joy und zuletzt Hope. Fast alle Leute schauten zu ihnen herüber. Jede ihrer Schwestern war wunderschön, aber zusammen waren sie wirklich beeindruckend – so viel Stil und Eleganz.

Viv war ein später Unfall ihrer Eltern gewesen, aber sie hatten sich immer Mühe gegeben, es sie nicht spüren zu lassen. Dass sie nur drei Kinder geplant hatten, war jedoch offensichtlich, da ihnen keine vierte Tugend eingefallen war, nach der sie ihre jüngste Tochter hätten benennen können. Viv hatte ihre gesamte Kindheit und Jugend versucht, sich ihrer Familie anzupassen. Daran hatte sich nichts geändert.

Bis heute. Endlich hatte auch sie einen Ehemann und einen neuen Nachnamen. Dank Jonas und der Scheinehe war sie nun Mitglied des Clubs der Verheirateten, von dem sie bisher ausgeschlossen gewesen war – nur einer von vielen Gründen, warum sie zugestimmt hatte.

„Mom hat es uns erzählt“, flüsterte Hope in ihrer zurückhaltenden Art. Auf Anstand legte sie viel Wert, das musste man ihr lassen. Und dieses Mal wusste Viv es wirklich zu schätzen, denn die Kunden mussten nicht über ihr Liebesleben Bescheid wissen. „Sie ist traurig, dass du nach Vegas gefahren bist, ohne ein Sterbenswörtchen zu sagen.“

„Bist du glücklich?“, mischte Grace sich ein. Vor weniger als einem Jahr hatte sie die Liebe ihres Lebens geheiratet und sah noch immer alles durch die rosarote Brille. „Darauf kommt es doch an.“

„Mom meinte, du hast Jonas Kim geheiratet“, warf Joy ein, ehe Viv antworten konnte. Sie hätte auch nicht gewagt, die Schwestern zu unterbrechen, bevor nicht jede gesagt hatte, was sie sagen wollte. „Seine Familie wäre sicher bereit gewesen, diskret einen Betrag zur Feier beizusteuern. Du hättest die Hochzeit des Jahres haben können.“

Was für Joy das wohl größte Vergehen war, denn warum sollte man weniger Geld ausgeben, als man konnte, erst recht wenn es jemand anderem gehörte? Joys eigene Hochzeit hatte ihr vor fünf Jahren eine Fotostrecke in der Zeitschrift Bride eingebracht – ein Privileg, das seitdem keiner Braut in Raleigh mehr zuteilgeworden war.

Es war eine traumhafte Hochzeit und Joy eine bildhübsche Braut gewesen. Ihre drei Schwestern waren alle mit gut aussehenden, erfolgreichen Männern verheiratet, die sie wie Königinnen behandelten – was natürlich toll war, Sie selbst hatte mit Männern kein Glück gehabt. Aber jetzt würde sie alles in ihrer Macht Stehende tun, keinen Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass ihre Ehe perfekt war.

„Und dann ist er auch noch Koreaner“, fügte Hope hinzu, als wäre das für Viv etwas Neues. „Mom macht sich Sorgen darüber, wie ihr mit den kulturellen Differenzen zurechtkommt. Habt ihr darüber gesprochen?“

Jetzt waren sie zu weit gegangen, in vielerlei Hinsicht. „Jonas ist Amerikaner. Er ist im selben Krankenhaus geboren wie du. Ich bin mir also ziemlich sicher, dass die kulturellen Differenzen sehr gering sind. Und jetzt ist Schluss mit dem Verhör. Könntet ihr euch vielleicht einfach mal für mich freuen?“

Alle drei starrten sie mit offenem Mund an, sogar Grace. Viv schämte sich dafür, wie gut sie sich nach dieser Ansage fühlte. Selten bot sie ihren Schwestern die Stirn, selbst dann nicht, wenn sie so auf ihr herumtrampelten. Das lag hauptsächlich daran, dass sie sie lieb hatte. Aber jetzt war sie verheiratet, genau wie ihre Schwestern, und das hatten sie zu respektieren.

„Jonas macht mich wirklich glücklich“, fuhr sie fort und lächelte Grace an. „Und es gibt nichts, worum ihr euch Gedanken machen müsstet. Wir kennen uns seit über einem Jahr, und in letzter Zeit sind wir uns nähergekommen. Das ist schon alles.“

Obwohl es die reine Wahrheit war, glühten ihre Wangen bei der Erinnerung, wie nah sie sich gestern Abend gekommen waren.

Leise Zweifel schlichen sich in Hopes Ausdruck. Als Älteste nahm sie ihre Rolle als Beschützerin sehr ernst. „Was wir immer noch nicht verstehen: warum diese Geheimniskrämerei? Du hast seinen Namen bisher kaum erwähnt.“

„Natürlich wissen wir, wer er ist“, stellte Joy klar. „Ganz Raleigh ist froh, dass er eine internationale Firma hierher gebracht hat. Aber wir hatten ja keine Ahnung, dass er ein Auge auf dich geworfen hat.“

Viv wusste genau, was sie damit eigentlich sagen wollte. Sie trug keine neuntausend Dollar teuren Kostüme von Alexander McQueen und schmückte ihr Dekolleté bei einem Besuch in der Oper auch nicht mit einer unbezahlbaren Diamantkette. „Er kauft schon länger regelmäßig Cupcakes bei mir. Wir essen gemeinsam zu Mittag. So abwegig ist es auch wieder nicht.“

„Und jetzt hat er dich geheiratet!“ Grace klatschte in die Hände und strahlte. „Wie hat er den Antrag gemacht? Was hast du zur Hochzeit getragen? Uuuh, zeigst du uns Fotos?“

Da sein Antrag mit den Worten „Das klingt jetzt vielleicht verrückt, aber hör mir erst mal zu!“ begonnen hatte, vermied Viv das Thema und hielt ihren Schwestern die linke Hand hin, um sie mit dem riesigen Diamanten abzulenken. Dann griff sie nach ihrem Smartphone und öffnete die Aufnahmen von der Trauung, die Warren auf Jonas’ Bitte hin von ihnen gemacht hatte. Sie gaben ein unglaublich tolles Paar ab. Natürlich nur, weil sie den bestaussehenden Ehemann der Welt hatte, und sie selbst neben ihm nicht auffiel.

„Ist das da Hendrix Harris?“ Hope rümpfte die Nase, und die Missbilligung über den Mann, dessen Gesicht regelmäßig in lokalen Klatschzeitschriften auftauchte, war ihr deutlich anzusehen.

„Jonas und Hendrix sind befreundet“, beschwichtigte Viv, während sie noch weitere Fotos zeigte, auf denen der skandalträchtigste Mensch North Carolinas glücklicherweise nicht mehr zu sehen war.

Soweit sie wusste, hatte Hendrix sie bei der Trauung kaum zur Kenntnis genommen, und anschließend in der Cocktailbar schien er in Gedanken versunken zu sein. Er erschien ihr relativ harmlos.

„Sei bloß vorsichtig“, bat Hope sie eindringlich und strich eine unsichtbare Falte ihres Rocks glatt. „Du hast Jonas ziemlich schnell geheiratet, und wie es aussieht, hat er Kontakt zu ein paar unanständigen Leuten. Ich sage das, weil ich dich lieb habe. Du und Männer – das ist bislang nicht gerade eine Erfolgsgeschichte.“

Eigentlich hätte es sie nicht so sehr verletzen sollen. Es war schließlich die Wahrheit.

„Damit meint sie, dass du dazu neigst, Dinge übers Knie zu brechen, Viv“, korrigierte Grace und warf Hope einen vorwurfsvollen Blick zu, doch Viv wusste, dass ihre Schwester sie nur schützen wollte. Es linderte den Schmerz, den Hopes Kommentar hinterlassen hatte. Ein bisschen zumindest.

„Es ist doch kein Verbrechen, für jemanden zu brennen.“ Die Hände in die Hüften gestemmt, sah sie die drei an. Keine schien sich daran zu erinnern, wie es war, Single zu sein. „Nur zu eurer Information: Jonas und ich waren zuerst befreundet. Wir haben gemeinsame Interessen, und er gibt mir geschäftlichen Rat. Wir haben eine gute Grundlage für unsere Beziehung.“

„Oh.“ Hope dachte kurz nach. „Ich hätte nicht erwartet, dass du so pragmatisch darüber denkst. Ich bin beeindruckt, dass du einen Mann ohne romantische Vorstellungen geheiratet hast. Was für eine Erleichterung.“

Großartig. Jetzt hatte sie Hopes Zustimmung nur bekommen, weil sie die Wahrheit mit einer nüchternen Erklärung über die unromantischen Seiten ihrer Ehe verschleiert hatte. Ihr Herz zog sich zusammen. Das war genau das Gegenteil von dem, was sie wollte.

Bisher hatte sie ihre Gefühle gut unter Verschluss gehalten. Sie machte sich nur Sorgen, dass sie hinter verschlossenen Türen den Fake-Charakter ihrer Ehe vergessen könnte. Und wie ihr gerade unsanft vor Augen geführt worden war, neigte sie dazu, alles zu schnell zu ernst zu nehmen – was ihrer Erfahrung nach der beste Weg war, einen Mann in die Flucht zu schlagen.

Dieser Gedanke schmerzte am meisten. Sie wollte so gern jemanden ins Herz schließen, ihn wissen lassen, dass er ihr einfach alles bedeutete, und sie wollte, dass er auch so empfand. Das hatte nichts mit Ergebenheit zu tun, und sie klammerte auch nicht. So stellte sie sich wahre Liebe vor. Diesen Glauben wollte sie nicht aufgeben.

Sie musste nur noch einen Mann finden, der genauso dachte. Denn Jonas war es nicht.

Das Haus, in dem Jonas aufgewachsen war, lag am Stadtrand von Raleigh in einer vornehmen Wohngegend; es war gemütlich und schlicht. Jonas’ Vater, der seinen Namen zu Brian geändert hatte, als er seine amerikanische Frau geheiratet und die amerikanische Staatsangehörigkeit angenommen hatte, war nicht ins Familiengeschäft eingestiegen, sondern Professor an der Duke University geworden.

Das hatte eine Lücke im Unternehmen der Kims hinterlassen, die Jonas gern geschlossen hatte. Er und sein Großvater kamen gut miteinander aus, vermutlich, weil sie sich sehr ähnlich waren. Sie strebten beide nach Erfolg, waren von Natur aus professionell und besaßen ein Ehrgefühl, das bei Geschäftspartnern Vertrauen erweckte.

Obwohl sie beinahe jeden Tag elektronisch kommunizierten, hinderte der Zeitunterschied sie daran, öfter miteinander zu sprechen, und Besuche waren noch seltener. Das letzte Mal hatte Jonas seinen Großvater vor achtzehn Monaten bei einer Vorstandssitzung in Seoul gesehen.

„Bist du nervös?“ Jonas sah zu Viv hinüber, die ihre Hände im Schoß gefaltet hatte, als sie mit dem Auto in die Glenwood Avenue einbogen. Ihre Knöchel konnten kaum weißer werden.

„Oh nein. Das hast du bemerkt?“, jammerte sie. „Dabei versuche ich, ganz entspannt auszusehen.“

Er verbiss sich ein Grinsen. „Viv, meine Eltern sind auch nur Menschen. Ich verspreche dir, sie werden dich mögen.“

„Darüber mache ich mir gar keine Sorgen. Jeder mag mich, vor allem nachdem er meine Cupcakes probiert hat“, erklärte sie ihm großspurig.

Zu ihren Füßen stand eine mit Backpapier ausgeschlagene Schachtel, die sie wie ein Neugeborenes behandelte. Als er danach hatte greifen wollte, hatte sie ihm fast das Handgelenk gebrochen und ihm unmissverständlich klargemacht, dass die Cupcakes für ihre neue Familie bestimmt waren. Jonas sei aber herzlich willkommen, nächste Woche beim Cupcaked vorbeizuschauen und sich auszusuchen, was immer er auch haben wollte.

Irgendwie mochte er die gebieterische Viv. Natürlich auch die süße Viv, die verunsicherte Viv und die immer hilfsbereite Viv. Seitdem sie zusammengezogen waren, hatte er zahlreiche neue Facetten an ihr entdeckt, mehr, als er erwartet hatte.

„Worüber machst du dir dann Sorgen?“, fragte er.

„Das weißt du ganz genau.“ Ohne Vorwarnung ließ sie eine Hand über seinen Oberschenkel gleiten und übte leichten Druck aus. Ein Schauer jagte über sein Bein bis hinauf in seine Lenden. Fast hätte er sich gekrümmt vor Lust.

Nur seinen guten Reflexen hatte er es zu verdanken, dass der Mercedes auf der Straße blieb. Aber er konnte nicht verhindern, einen Fluch auszustoßen.

„Tut mir leid“, murmelte er.

„Siehst du, du bist genauso schlimm wie ich.“ Ihre Stimme hatte einen ironischen Unterton. „Wir haben so viel geübt, und trotzdem sind wir nervöser als vorher.“

Weil die Übung beendet worden war, bevor er sie hatte ausziehen können. Ihre ausschließlich zweckmäßige Ehe beinhaltete ironischerweise, dass seine Frau – zweckmäßigerweise – im Schlafzimmer nebenan lag. Oft konnte er durch die Wand hören, wie sie im Zimmer umherlief, und manchmal lag er nachts wach und lauschte auf die geringste Bewegung, die ihm verraten würde, dass sie ebenfalls wach lag. Währenddessen sehnte er sich nach einem weiteren Kuss – ohne Stoff zwischen ihnen. Dieses Verlangen war ihm so fremd, dass er nicht wusste, wie er damit umgehen sollte.

„Ich bin nicht nervös“, log er. „Ich bin nur …“

Sexuell frustriert.

Mit Viv war der Sog aus Lust und Leidenschaft verwirrend stark. Er entwickelte zu viele Gefühle, und Marcus’ Erfahrung erinnerte ihn wie eine große Neonleuchtreklame daran, diesen Weg besser nicht einzuschlagen.

„Vielleicht sollten wir uns nicht mehr anfassen“, schlug er vor.

Grundsätzlich wäre das eine gute Lösung, aber nicht, wenn man verheiratet war. Verheiratete Pärchen fassten sich nun einmal an.

„Oh. Klar.“ Sie nickte. „Wenn das keine Probleme verursacht.“

Natürlich würde es Probleme verursachen. „Hör doch mal auf, so anständig zu sein. Ich reiße dich aus deinem Alltag und biete dir keinerlei Entschädigung dafür an. Du solltest komplizierter und fordernder sein.“

Großartig! Jetzt hatte es sich angehört, als wäre Körperkontakt ein Schadenersatz. Er musste aus diesem Auto raus, jetzt, da ihm klar geworden war, wie einfach sie doch die Hand ausstrecken und sich zu seinem Schoß vortasten konnte.

Viv grinste und verschränkte die Arme. „Wenn das so ist … Ich fühle mich meiner Schmuckprivilegien deutlich beraubt, Mr. Kim. Als Ihre Frau sollte ich in Edelsteinen schwimmen, finden Sie nicht auch?“

„Ohne jeden Zweifel.“ Was war nur mit ihm los, dass die Art, wie sie Mr. Kim sagte, ihn antörnte? „Grober Fehler meinerseits. Den ich schleunigst korrigieren werde.“

Der vierzehnkarätige Diamant an ihrem Finger war die Leihgabe eines Juweliers, den Jonas kannte. Mit der saftigen Gebühr, die er dafür bezahlt hatte, hätte er ihr so viel protzigen Schmuck kaufen können, dass er sie damit hätte blenden können. Ganz egal! Wenn Viv Schmuck haben wollte, würde sie ihn bekommen.

Pünktlich kamen sie in der Straße seiner Eltern an, und er parkte auf der langen Auffahrt, die zum Haus führte. „Bist du bereit?“

Sie nickte. „Dieses ganze Gerede über Schmuck hat mir die Nervosität genommen. Danke.“

Immerhin einem von ihnen.

Seine Mutter öffnete die Tür, noch bevor sie die erste Stufe der steinernen Eingangstreppe erreicht hatten. Vermutlich hatte sie schon nach dem Auto Ausschau gehalten. Anstatt aber ihr einziges Kind sofort zu umarmen, ging sie direkt zu ihrer frischgebackenen Schwiegertochter.

„Du musst Viviana sein“, sagte seine Mutter aufgeregt und umarmte Viv mit einer Mischung aus Herzlichkeit und Dem Himmel sei Dank, ich habe endlich eine Tochter. „Es freut mich sehr, dich kennenzulernen.“

Viv reagierte souverän. „Hallo, Mrs. Kim. Es freut mich auch, Sie kennenzulernen. Bitte nennen Sie mich doch Viv.“

Man konnte Viv nur schwer aus der Fassung bringen, außer natürlich, wenn er sie berührte. Alles Üben hatte nichts gebracht, außer zwischen ihnen eine überraschend heftige sexuelle Spannung herzustellen, die sogar einem Unbeteiligten auffallen musste.

„Hi, Mom“, sagte er beiläufig, da sie bisher nicht einmal in seine Richtung gesehen hatte.

„Dein Großvater ist drinnen. Er würde gerne mit dir reden, während ich Viviana kennenlerne. Erzähl mir alles“, sagte sie zu ihrer Schwiegertochter, als sie die Schachtel mit den Cupcakes lächelnd entgegennahm. „Habt ihr schon über Kinder nachgedacht?“

Jonas konnte sich einen weiteren Fluch gerade noch verkneifen. „Mom, bitte. Wir sind gerade erst angekommen. Stell Viv nicht sofort so private Fragen.“

Viv und er hätten besser weniger Zeit aufs „Üben“ verschwendet, vielmehr hätten sie versuchen sollen, Antworten auf alle möglichen Fragen zu finden, die an diesem Wochenende auftauchen konnten.

Seine Mutter warf ihm einen warnenden Blick zu. „Enkel sind nicht privat. Die Hoffnung, irgendwann einmal welche zu bekommen, ist der einzige Grund, warum du noch herkommen darfst.“

Das brachte Viv zum Lachen, was wiederum seine Mutter freute. Hier gab es also nichts weiter für ihn zu tun. Resigniert hob er die Hände und machte sich daran, seinen Großvater zu suchen, um sich seinem eigenen Verhör zu stellen.

Der befand sich im Wohnzimmer und sprach mit seinem Sohn. Je älter Jonas’ Vater wurde, desto mehr ähnelte er Großvater, aber da hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

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