Logo weiterlesen.de
COLLECTION BACCARA BAND 387

ELIZABETH BEVARLY

Workaholics küsst man nicht

Was für eine hinreißende Frau! Grant Dunbarton fühlt sich unwiderstehlich zu Clara hingezogen. Doch sie ist die Exgeliebte seines verstorbenen Bruders und lebt mit ihrem Sohn in Georgia. Grant dagegen ist Geschäftsführer des millionenschweren Familienunternehmens in New York. Kann ihre Liebe da jemals eine Chance haben?

JULES BENNETT

Sexy, unwiderstehlich – und verboten

Ryker Barrett begehrt Laney seit dem Tag, als ihre Eltern ihn in die Familie aufnahmen. Doch sie ist wie eine Schwester für ihn – und ihre großen Brüder würden es ihm nie verzeihen, wenn er sie verführt. Sie ist die einzige Frau, von der er wirklich die Finger lassen sollte. Wenn sie nur nicht so verdammt sexy wäre …

KATHIE DENOSKY

Heiße Küsse unterm Weihnachtsbaum

Seit Jahren macht er Heather das Leben schwer, aber plötzlich ist T.J. Malloy ihr Retter in der Not. Der Nachbar bringt sie und ihren kleinen Sohn am Weihnachtsabend auf seiner Ranch unter – mit so viel Herz hätte Heather bei dem raubeinigen Cowboy nicht gerechnet. Genauso wenig wie mit den Gefühlen, die er in ihr weckt …

IMAGE

Workaholics küsst man nicht

PROLOG

Clara Easton tupfte gerade eine letzte Beere aus Zuckerguss auf einen Weihnachts-Cupcake, als die Türglocke ihrer kleinen Konditorei Bread & Buttercream ging. Sie hoffte, es war das letzte Mal an diesem Tag. Nicht, dass sie nicht dankbar für jeden Kunden gewesen wäre, aber jetzt, unmittelbar nach Thanksgiving und knapp einen Monat vor Weihnachten, hatte die Konditorei Hochkonjunktur. Ganz abgesehen davon, dass sie Hank bei seiner Babysitterin abholen musste. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Herrje! In genau einer halben Stunde musste sie dort sein. Wo war der Tag nur geblieben?

Mit etwas Glück war es eine Kundin, die nur noch eine Kleinigkeit für das Wochenende brauchte. So nach dem Motto: Was auch immer Sie noch dahaben – ich nehme es. Aber es war keine Kundin, wie Tilly, die Verkäuferin, Clara hastig erklärte, als sie in die Backstube kam. Ein Mann wollte „Miss Easton“ sprechen. Ein Mann im Anzug. Mit einer Aktentasche.

Das war ziemlich erstaunlich, denn niemand auf Tybee Island an der Atlantikküste Georgias nannte sie je anders als Clara. Und nur wenige ihrer Kunden waren männlich. Schon gar nicht verkehrten hier irgendwelche Anzugtypen. Den Hauptumsatz verdankte die kleine Konditorei Müttern und Bräuten. Unter den Umständen war Clara einigermaßen neugierig. Sie eilte in den Laden, ohne zuerst ihre Schürze abzubinden. In letzter Sekunde schob sie sich ein paar widerspenstige schwarze Locken unter das weiße Tuch, das sie sich in Piratenmanier gebunden hatte, um ihr Haar zu bändigen.

Der Mann hätte mit seinem Aussehen gut zur Surfer-Szene der Insel gepasst, aber er kam eindeutig nicht von hier. Der Anzug war zu perfekt geschnitten, das Haar zu gestylt. Er wirkte völlig fehl am Platz in dem kleinen Café mit seinen weißen schmiedeeisernen Sitzmöbeln und den großen gerahmten Cupcake-Fotos.

„Hi“, begrüßte Clara ihn. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Miss Easton?“ Er sah sie fragend an.

„Clara“, korrigierte sie ihn automatisch. „Miss Easton“ klang nach einer alten Jungfer aus dem neunzehnten Jahrhundert, die eine Pension für junge Mädchen betrieb, die abends um neun Uhr zu Hause sein mussten, um ihren guten Ruf zu wahren.

„Miss Easton“, wiederholte der Mann. „Ich bin August Fiver von der Kanzlei Tarrant, Fiver und Twigg.“

Er reichte ihr eine Visitenkarte mit seinem Namen und einer Adresse in New York City. Er war der Senior der Kanzlei und zuständig für Erbschaftsangelegenheiten. Das alles half Clara nicht weiter. Sie kannte niemanden, der gestorben war. Ihre Familie bestand nur aus ihr und ihrem Sohn, und allen ihren Freunden ging es gut.

„Erbschaftsangelegenheiten?“

Er nickte. „Unsere Kanzlei wird beauftragt, wenn es darum geht, verschollene Erben für Nachlässe zu finden.“

Sie wusste nach wie vor nicht, was das alles mit ihr zu tun haben sollte. Was auch immer ihre Erzeuger ihr hinterlassen haben könnten, war entweder gestohlen oder ergaunert. Sie wollte weder mit diesen Menschen noch mit ihrem Erbe etwas zu tun haben.

Ihre Verwirrung schien offensichtlich. „Es geht um Ihren Sohn Henry“, erklärte August Fiver. „Ich bin hier im Auftrag seiner Großmutter väterlicherseits, Francesca Dunbarton.“ Seine Lippen verzogen sich zum Hauch eines Lächelns. „Die Dunbartons von der Park Avenue.“

Clara vergaß für einen Moment, den Mund zu schließen. Im Sommer vor vier Jahren hatte sie fast einen Monat mit Hanks Vater verbracht. Sie hatte ihn in der Konditorei kennengelernt, als sie hinter dem Tresen arbeitete. Brent war charmant, witzig und sexy gewesen. Er hatte den Blick eines Poeten, die Lippen eines Gottes und einen Körper, der jeder Statue eines römischen Museums zur Ehre gereicht hätte. Er wohnte in einem Zelt, spielte Gitarre und las ihr im Schein eines Feuers etwas vor. Eines Morgens war er einfach verschwunden. Weitergezogen zu irgendeinem neuen Ziel.

Clara war erstaunt, aber nicht am Boden zerstört gewesen. Sie hatte ihn nicht geliebt, und sie hatte Pläne für die Zukunft, in denen er keine Rolle spielte. Sie hatten bewusst keine Nachnamen getauscht, so sicher waren sie sich beide gewesen, dass ihre Beziehung nur auf Zeit war. Ein paar Wochen lang hatten sie ihren Spaß gehabt, aber wie alles Gute war es zu Ende gegangen.

Nicht ganz. Als Clara feststellte, dass sie schwanger war, fühlte sie sich verpflichtet, Brent zu kontaktieren und es ihn wissen zu lassen. Sie hatte immer noch seine Nummer in ihrem Handy gespeichert. Aber weder erhielt sie eine Reaktion auf ihre SMS noch auf die Nachrichten, die sie ihm auf die Mailbox sprach. Irgendwann war die Nummer abgemeldet gewesen.

Es war nicht leicht gewesen, das Kind allein aufzuziehen. Es war immer noch nicht leicht, aber Clara hatte es geschafft. Sie und Hank gegen den Rest der Welt. Und das sollte ihr nur recht sein.

„Ich wusste nicht, dass Brent Geld hatte“, sagte sie. „Er war nicht … Wir waren nicht … Der Sommer war …“ Sie gab den Versuch auf, etwas zu beschreiben, das unbeschreiblich war. „Es überrascht mich, dass er seiner Mutter von Hank erzählt hat. Es tut mir leid, dass Mrs. Dunbarton gestorben ist, ohne ihren Enkel kennengelernt zu haben.“

August Fiver räusperte sich. „Mrs. Dunbarton lebt, und es geht ihr gut. Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass der Erblasser Brent Dunbarton ist.“

Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Minuten verschlug es Clara die Sprache. Sie war wie benommen. Wusste nicht, wie sie zu der Nachricht stehen sollte. Es war alles schon so lange her.

„Da Ihr Sohn der alleinige Erbe ist, fällt der gesamte Besitz an ihn. Es ist keine unbeträchtliche Summe.“

Keine unbeträchtliche Summe? Was war darunter zu verstehen?

„Hundertzweiundvierzig Millionen“, sagte August Fiver vorsichtig.

Clara traute ihren Ohren nicht. Da musste sie etwas falsch verstanden haben. Hundertzweiundvierzig Millionen was? Legosteine? Spielfiguren?

„Dollar“, ergänzte Fiver. „Der Besitz von Mr. Dunbarton – also das Erbe Ihres Sohnes – beläuft sich auf hundertzweiundvierzig Millionen Dollar. Die Großmutter Ihres Sohnes freut sich darauf, Sie beide kennenzulernen. Das gilt auch für Brents Zwillingsbruder Grant. Ich habe den Auftrag, Sie und Henry so schnell wie möglich nach New York zu bringen. Können Sie morgen reisefertig sein?“

1. KAPITEL

Clara war noch nie weiter als bis Knoxville, Tennessee, gekommen. Was sie von New York City wusste, hatte sie aus dem Fernsehen oder aus dem Kino. Nichts davon hatte sie auf die Wolkenkratzer vorbereitet und auf den dichten Verkehr in den Straßenschluchten. Eine große Limousine holte sie, Hank und Gus – so sollte sie August Fiver nennen – vom Flughafen ab und brachte sie in die Park Avenue.

Am Ende hatte es vier Tage gedauert, bis sie Tybee Island verlassen konnten. Allein einen Tag brauchte sie, um alles für den Jungen zu packen. Dann hatte sie auch noch einige Aufträge für die Konditorei, die sie nicht einfach liegen lassen konnte – Torten für eine Geburtstagsfeier, für eine Babyparty und für eine Hochzeit. Außerdem musste sie Hank in der Vorschule abmelden und einen Arbeitsplan für das Bread & Buttercream erstellen, damit alles ohne sie weiterlaufen konnte. Glücklicherweise war die Woche nach Thanksgiving noch halbwegs ruhig, bevor dann die hektische Weihnachtszeit losging.

Als sie jetzt aus dem Fenster sah, konnte sie ihren Augen kaum trauen. Die City war einfach … toll. Sie hasste es, einen so nichtssagenden Ausdruck für etwas derart Überwältigendes zu wählen, aber ihr fiel nichts Passenderes ein.

„Mama, das ist toll!“

Clara lächelte ihren Sohn an. „Toll“ war so ungefähr das einzige Adjektiv, das man hörte, wenn man einen Dreijährigen hatte. Vielleicht fiel ihr deswegen kein anderes Wort mehr ein.

Hank saß im Kindersitz zwischen seiner Mutter und Gus auf dem Rücksitz. Er beugte sich vor, um mehr von der vorübergleitenden Stadt zu sehen, die ihn ebenso zu faszinieren schien wie Clara. Er hatte ihre grünen Augen und das schwarze Haar geerbt, aber im Gesicht war er ein Abbild seines Vaters, dem er auch seiner ganzen Veranlagung nach ähnelte: Er war unglaublich neugierig, sehr entspannt und leicht zum Lachen zu bringen.

Clara war froh darüber, dass Hank in dieser Hinsicht anders war als sie. Sie war ein ernstes kleines Mädchen gewesen. Spiel und Spaß hatte es in ihrer Kindheit selten gegeben, und sie hatte früh gelernt, nicht zu viele Fragen zu stellen, weil es die Erwachsenen nervte. So war das Leben eines Mündels des Staates Georgia nun einmal, das von einer Pflegefamilie zum Kinderheim und weiter zur nächsten Familie wanderte. Daher war sie fest entschlossen, ihrem Sohn feste Wurzeln zu geben. Sie konnte nur hoffen, dass dieses Erbe nicht alles durcheinanderbrachte.

Der Wagen hielt vor einem Gebäude, das wohl ein Dutzend Stockwerke haben mochte. Die Fassade war mit goldenen Kränzen für die Weihnachtszeit geschmückt. Mit weißen Lichtern dekorierte Pflanzen säumten den Eingang, an dem ein rot livrierter Empfangsportier sie erwartete. So lebten also Menschen, wenn sie ein Firmenimperium beherrschten, das seit zweihundert Jahren in der Familie war. Gus hatte ihr erzählt, dass die Dunbartons ihre Wurzeln bis nach England zurückverfolgen konnten. Dort waren sie entfernt mit einem Herzog verwandt. Rein theoretisch konnte Hank also Anspruch auf den englischen Thron erheben – vorausgesetzt, die Pest kam und ließ mehrere tausend Menschen sterben, die in der Thronfolge noch vor ihm standen.

Die Lobby des Gebäudes war ebenso beeindruckend wie das Äußere. Alles polierter Marmor und glänzendes Mahagoni, weihnachtlich geschmückt mit Immergrün und roten Samtschleifen. Sie fuhren mit dem Fahrstuhl in die oberste Etage. Auch hier im Penthouse war alles mit Weihnachtssternen geschmückt. Clara legte einen Arm um Hanks Schultern und drückte ihn an sich. Gus schien ihre Anspannung zu bemerken. Er lächelte ihr beruhigend zu, während er die Klingel drückte. Clara musterte ihren Sohn ein letztes Mal, um sich zu vergewissern, dass er präsentabel war. Natürlich hatte sich ein Schuhband gelöst.

„Mr. Fiver“, hörte sie jemanden förmlich sagen.

Wahrscheinlich ein Butler, überlegte sie, während sie Hank eine Schleife band. Der Mann klang wie jemand, der gutes Geld dafür erhielt, cool und distanziert zu wirken.

„Mr. Dunbarton“, erwiderte Gus.

Oh. Wohl doch nicht der Butler, sondern Brents Bruder. Sie erinnerte sich nicht mehr genau an Brents Stimme, aber sie war sicher, dass sie nicht annähernd so ernst geklungen hatte.

Clara richtete sich auf, um ihren Gastgeber zu begrüßen, und … ihr stockte der Atem. Hanks Vater schien aus dem Grab wiederauferstanden und wirkte so ernst wie der Tod persönlich.

Oder doch nicht. Bei genauerem Hinsehen sah Clara wenig von Brent in den blauen Augen seines Bruders und dem kurz geschnittenen dunklen Haar. In Brents Augen hatte stets ein Lachen geblitzt, und sein Haar war lang genug gewesen, um im Wind des Ozeans zu fliegen. Die markanten Wangenknochen, das scharfe Kinn und die elegante Nase waren dieselben, aber in seinem Fall nicht vom Salz des Meeres und der Wärme der Sonne poliert. Und die Lippen … Oh, die Lippen. Brents Lippen waren stets zu einem amüsierten Lächeln verzogen gewesen, voll und schön – die Art von Lippen, die Frauen dahinschmelzen ließ. Diese Version hier war zusammengepresst und streng, eindeutig nicht zum Lächeln geneigt. Und wo Brent nichts außer T-Shirts und schlabberigen Shorts getragen hatte, trug sein Bruder eine elegante dunkelgraue Hose, ein weißes Hemd, eine rote Krawatte und dazu eine schwarze Weste.

Es war also nicht Brent, wiederauferstanden von den Toten. Sondern sein sehr lebendiger Zwillingsbruder. Das Spiegelbild eines Mannes, der für einen Monat im Sommer ihr Leben entspannt und glücklich gemacht hatte. Eines Mannes, der ihr das Geschenk eines Sohnes zurückgelassen hatte, welcher dafür sorgte, dass ihr dieses Glück erhalten blieb.

Das Spiegelbild eines Mannes, der ihm so gar nicht ähnlich war.

Sie war nicht so, wie er erwartet hatte.

Andererseits: Grant Dunbarton wusste selbst nicht, wie er sich die Mutter von Brents Sohn eigentlich vorgestellt hatte. Sein Bruder war völlig wahllos gewesen, was Frauen anbetraf. Und nicht nur bei Frauen – bei allem. Frauen, Autos, Kleidung. Freunde, Familie, Gesellschaft. Versprechen, Verpflichtung, Verantwortung. Was auch immer es war – es dauerte nur so lange, wie Brent sich dafür interessierte. Und das war selten mehr als ein paar Tage. Dann sprang sein Interesse auf anderes über. Er war der typische Peter Pan – der Junge, der nicht erwachsen werden wollte.

In einem Punkt musste Grant sich allerdings korrigieren. Brent war sich treu geblieben, wenn es um seine Frauen ging. Es waren alles richtige Schönheiten, und Clara Easton war keine Ausnahme. Sie hatte pechschwarze Locken sowie volle rote Lippen. Die Augen waren von einem hellen, faszinierenden Grün. Und sie war groß. Bestimmt an die einen Meter achtzig in den Stiefeln mit den hohen Absätzen.

Sie hätte wie eine Amazone wirken können, aber sie hatte einen Arm beschützend um ihren Sohn gelegt – auf eine Art, die verriet, dass sie sich unwohl fühlte. Grant fand das nicht überraschend. Ihre Eltern waren Kriminelle, sie war bei verschiedenen Pflegefamilien und in Heimen aufgewachsen. Es kam wohl eher selten vor, dass eine Frau mit diesem Background entdeckte, dass sie ein Kind von einem Mann aus den angesehensten Kreisen der Staaten hatte, vergleichbar dem englischen Adel.

Die Dunbartons der Park Avenue waren eine Familie, die im selben Atemzug genannt wurde mit den Hancocks, den Astors, den Vanderbilts und den Rockefellers. Grant bewunderte sie für ihren Versuch, selbstsicher zu wirken.

Und dann war da der Junge. Er würde ein Problem sein. Abgesehen von seinem Haar und der Augenfarbe – beides unverkennbar ein Erbe seiner Mutter – war er ein absolutes Spiegelbild seines Vaters, wie er in dem Alter gewesen war. Grant konnte nur hoffen, dass seine Mutter keinen Zusammenbruch hatte, wenn sie Henry Easton sah. Sie war am Boden zerstört gewesen, als sie die Nachricht vom Tode ihres Sohnes bekam – er war im Frühling an der Küste Sri Lankas ertrunken. Erst im vergangenen Monat hatte sie sich dazu aufraffen können, seine Sachen durchzugehen. Dabei war sie auf sein Testament gestoßen, von dessen Existenz niemand etwas geahnt hatte. Die Nachricht, dass er einen Sohn hatte, hatte sie erneut zusammenbrechen lassen.

Dieses Mal wurde die Trauer jedoch bald von Freude verdrängt. Es gab noch ein Andenken an Brent. In Georgia. Grant hatte befürchtet, dass sie einen Vaterschaftstest brauchen würden, um sicher sein zu können, dass seine Mutter sich keiner falschen Hoffnung hingab, aber die unverkennbare Ähnlichkeit des Jungen mit Brent – und damit auch mit Grant – machte ihn überflüssig.

„Ms. Easton.“ Er legte so viel Wärme wie möglich in seinen Ton, auch wenn Wärme nicht eben seine Stärke war. Brent hatte bei der Verteilung der Gene im Mutterleib alles abbekommen, was für Freundlichkeit und Umgänglichkeit sprach. Das war Grant nur recht, denn damit blieben ihm die Gene der Tüchtigkeit. Die brachten einen Menschen im Leben wesentlich weiter. „Es ist schön, Sie endlich kennenzulernen. Und dich auch“, setzte er, an Henry gewandt, hinzu.

„Ganz meinerseits, Mr. Dunbarton.“ Clara hatte eine tiefe, raue Stimme, die so bezaubernd war wie der Rest von ihr.

Sie hatte einen leichten südlichen Dialekteinschlag. Grant hätte erwartet, das unangenehm zu empfinden, aber stattdessen fand er es irgendwie … sexy.

Sie gab ihrem Sohn einen leichten Stoß. „Sag Hallo zu Mr. Dunbarton.“

„Hallo, Mr. Dunbarton“, wiederholte der Junge gehorsam.

Grant bemühte sich um ein Lächeln. „Du brauchst mich nicht ‚Mr. Dunbarton‘ zu nennen. Ich bin …“

Er wollte Onkel Grant sagen, aber er brachte es nicht über die Lippen. Onkel waren leutselige, entspannte Wesen, die schreckliche Witze erzählten und Münzen hinter den Ohren hervorzauberten. Onkel trugen karierte Pullover und brachten ein Six-Pack Bier mit zum Thanksgiving-Essen. Onkel brachten ihren Neffen die Dinge bei, die sie von ihren Vätern nicht lernten – zum Beispiel, wo man am besten seine Playboy – Hefte versteckte. Nein, Grant war für die Rolle des Onkels nicht geeignet.

„Sag einfach Grant zu mir“, schloss er, um mit Blick auf Clara hinzuzusetzen: „Du auch. Wir sind ja jetzt Familie.“

„Danke … Grant.“ Ihr Unbehagen war spürbar. Die Art, wie sie seinen Namen sagte – mit diesem südlichen Akzent – war einfach heiß.

Sie sah ihren Sohn an. Aber Henry schwieg und schaute Grant nur mit den faszinierend grünen Augen seiner Mutter an.

„Kommt herein“, bat Grant alle drei.

August Fiver folgte seiner Einladung, aber Clara zögerte. Sie war sich eindeutig nicht sicher, was für einen Empfang sie zu erwarten hatte. Ihr Arm lag immer noch um die Schultern ihres Sohnes.

„Bitte.“ Grant versuchte es noch einmal. Er machte eine einladende Handbewegung. „Willkommen in New York!“

Clara schien immer noch nicht sicher, aber der unerschrockene Henry trat einen Schritt vor, ohne den Blick dabei von Grant zu lassen. Dann machte er einen zweiten, schon größeren Schritt. Dann einen dritten, mit dem er sich aus dem Griff seiner Mutter löste. Für einen Moment wirkte es so, als wolle sie ihn zurückhalten. Sie blieb stehen, wo sie stand.

„Meine Mutter freut sich darauf, euch kennenzulernen.“ Grant hoffte, dass die Erwähnung einer anderen Frau Clara entspannen ließ, aber das Gegenteil trat ein: Sie wirkte wie in Panik.

„Ist alles in Ordnung, Ms. Easton?“

Henry war Fiver inzwischen durch die Tür gefolgt. Alle drei sahen Clara erwartungsvoll an. Für einen Moment fürchtete Grant, sie könne sich ihren Sohn schnappen und die Flucht ergreifen, aber dann erwachte sie endlich aus ihrer Erstarrung und kam herein. Wieder war Grant beeindruckt von ihrem Versuch, selbstsicherer zu wirken, als sie war.

Es war wirklich merkwürdig, aber irgendwie hatte er das Gefühl, Clara Easton beschützen zu müssen. Wieso? Nach allem, was er erfahren hatte, war sie sehr wohl in der Lage, allein auf sich achtzugeben. Abgesehen davon kannte er sie ja kaum. Und er würde sie nach dieser ersten Begegnung auch nicht sehr viel besser kennenlernen.

Natürlich würden sich ihre Wege in Zukunft gelegentlich kreuzen, da seine Mutter den kleinen Henry bestimmt so oft wie möglich sehen wollte. Das schloss Clara natürlich mit ein. Aber Grant hatte weder Zeit noch Lust, Onkel Grant zu spielen – auch ohne den Titel des Onkels. Er und Brent mochten sich in ihrem Äußeren sehr ähnlich gewesen sein, aber in allem anderen waren sie doch sehr verschieden voneinander. Brent war immer der charmante, fröhliche Zwilling gewesen, während Grant eher nüchtern und zurückhaltend war. Brent schloss spontan Freundschaften, während Grants wenige Freunde ihn kaum wirklich kannten. Für Brent war das Leben eine einzige große Party gewesen, während es für Grant Arbeit war. Brent liebte die Welt. Grant …

Clara Easton ging an ihm vorbei. Ein Hauch von etwas Würzigem und Süßem streifte ihn. Er erkannte Zimt. Und Ingwer. Sie duftete nach Weihnachten. Nach dem Weihnachten seiner Kindheit. Das war die Zeit gewesen, bevor sein Vater starb. Die Zeit, als die Dunbartons noch glücklich gewesen waren. Heute unterschied sich der Weihnachtstag von allen anderen nur dadurch, dass er arbeitsfrei war.

Wow! Er hatte schon lange nicht mehr an das alte Weihnachten gedacht. Erinnerungen an diese Zeit schmerzten. Sie ließen ihn an einen Zustand denken, den er nie wieder erreichen würde. Damals war er einfach nur glücklich gewesen und die Zukunft voller Verheißungen …

Verheißungen, die nie eingetreten waren. Er erinnerte sich nur sehr ungern daran. Aus irgendeinem Grund hatte er heute nichts gegen Clara Easton und den Zimt-Ingwer-Duft, den sie mitbrachte, einzuwenden. Unwillkürlich wünschte er, wie sein Bruder zu sein: charmant und fröhlich. Ein Mensch, für den das Leben eine Party war und der jeden Menschen liebte.

Ein Mann, der Clara Easton keine Angst machte.

Während Clara Grant Dunbarton in das Innere des Penthouses folgte, sagte sie sich selbst, dass es absurd war, sich eingeschüchtert zu fühlen. Es war einfach nur ein Apartment. Ein großes, elegantes Apartment an einer der teuersten Straßen der Welt. Gefüllt mit Kunstgegenständen und Antiquitäten, deren Wert wahrscheinlich das jährliche Bruttoinlandseinkommen mancher kleiner Staaten überstieg.

Unwillkürlich verglich sie es mit ihrer Wohnung über der Konditorei. Ihre Möbel waren auch alt, aber nicht halb so wertvoll, und ihre Originalkunstwerke stammten aus der Hand eines Dreijährigen. Wenn man dann noch das Chaos dazurechnete, das von besagtem Dreijährigen ausging, der überall sein Spielzeug verstreute, war klar, wer die schönere Wohnung hatte. Sie konnte nur hoffen, dass Hank das nicht auch bemerkte. Nicht sehr wahrscheinlich, so wie er sich hier mit offenem Mund und großen Augen umsah.

„Seit wann lebt ihr schon hier?“, fragte sie Grant – weniger, weil es sie interessierte, sondern weil sie den Drang verspürte, das Schweigen irgendwie zu durchbrechen.

Grant verlangsamte den Schritt, bis sie neben ihm stand. Es war irgendwie absurd. Wenn sie nach oben schaute, sah sie sein Gesicht. Wenn sie nach unten schaute, sah sie es ebenfalls. Es war unglaublich, wie sehr er Brent ähnelte. Und auch unglaublich, welche Gefühle er in ihr auslöste. Gefühle, die hier nichts verloren hatten.

„Brent und ich sind hier aufgewachsen“, sagte er. „Die Wohnung ist schon seit drei Generationen im Besitz der Familie.“

„Wow!“ Clara war beeindruckt. „Ich bin in Macon aufgewachsen, aber seit dem College-Abschluss lebe ich auf Tybee Island.“

„Ich weiß.“ Er nickte. „Du hast die Carson High School mit einer fast perfekten Durchschnittsnote abgeschlossen und hast dann nach drei Jahren am College of Coastal Georgia deinen Abschluss in Business Administration gemacht. Nicht schlecht. Vor allem, wenn man bedenkt, dass du die ganze Zeit drei Jobs gleichzeitig gehabt hast.“

Clara sagte sich, sie sollte eigentlich nicht überrascht sein. Familien wie die Dunbartons öffneten sich nicht einfach so. „Wie ich sehe, hast du Erkundigungen eingezogen.“

Er nickte. „Ich bin sicher, das kannst du verstehen.“

Das konnte sie tatsächlich. Man tat alles, um seine Familie zu beschützen. Hätte August Fiver ihr nicht schon jede Menge Informationen über die Dunbartons geliefert, hätte sie auch zuerst einmal Informationen eingeholt, bevor sie sie mit ihrem Sohn zusammengebracht hätte.

Grant führte sie in einen kleineren Raum, der ganz in hellen Tönen gehalten war und dominiert wurde von dick gepolsterten Stühlen, einem verschnörkelten Tisch und Gemälden herrlicher Landschaften. Ein sehr femininer Raum.

Wie auf ein Stichwort hin trat in diesem Moment eine Frau ein. Das musste Grants Mutter sein. Francesca. Sie schien Mitte fünfzig zu sein und hatte kurzes, dunkles Haar, in dem sich die ersten Silberfäden zeigten. Ihre Augen waren so blau wie die ihrer Söhne. Sie war fast so groß wie Clara, aber schlanker. Sie trug fließende Haremshosen und eine Tunika in gedämpften Farben. An jedem Ohrläppchen blitzte ein kleiner Diamant, und Silberreifen schmückten ihre Handgelenke. Sie schenkte Clara ein warmes Lächeln, bevor ihr Blick auf Hank fiel. Spontan füllten sich ihre Augen mit Tränen.

Doch dann glitt ein Lächeln über ihre Züge, und sie ging mit ausgebreiteten Armen auf den Kleinen zu. Hank wich zurück und drückte sich so vehement gegen Clara, dass sie ins Stolpern geriet. Grant stützte sie spontan, indem er die Hände auf ihre Schultern legte. Für einen Moment gaukelte der Verstand ihr vor, es sei Brent, der sie hielt, und sie war kurz davor, sich umzudrehen und ihm dankbar einen Kuss auf die Lippen zu hauchen.

Falls das Unterbewusstsein sie auch weiterhin so täuschte, konnte es eine sehr lange, anstrengende Woche werden.

„Danke.“ Sie konnte nur hoffen, dass er ihr nicht anmerkte, wie sehr sie das alles berührte.

Als er sie nicht gleich losließ, drehte sie sich herum und sah ihn fragend an. Er ließ eine Hand herabsinken, nicht aber die zweite. Einen Moment lang sahen sie sich einfach nur an. Clara war überwältigt von seiner Ähnlichkeit mit Brent, und davon, welche unerwünschten Reaktionen diese Tatsache in ihrem Körper auslöste. Plötzlich lächelte Grant. Brents Lächeln.

„Ich weiß gar nicht, wo ich den Kopf habe“, bemerkte er. „Ich hätte dir gleich den Mantel abnehmen sollen.“

Automatisch begann Clara, ihren Mantel aufzuknöpfen. Plötzlich hielt sie inne. Es fühlte sich nicht so an, als öffne sie den Mantel für einen Mann, der höflich darum gebeten hatte. Es war, als lege sie gleich alles ab, um Brent zu lieben.

Wow! Vielleicht sollten sie einfach so schnell wie möglich wieder abreisen. Vielleicht noch vor dem Essen.

Hastig wandte sie sich wieder ihren Knöpfen zu, bevor ihr Zögern offensichtlich wurde. Grants Ausdruck nach zu urteilen, war es ihm nicht entgangen. Unter dem Mantel trug sie ein kurzes schwarzes Kleid und eine rot-schwarz gepunktete Strumpfhose, die ihr ziemlich weihnachtlich erschienen war, als sie sie angezogen hatte. Aber jetzt, unter dem Eindruck der Eleganz der Wohnung, wirkte sie völlig fehl am Platz.

Hank und sie sollten wirklich gleich wieder abreisen.

Ihr Plan fiel in sich zusammen, als Francesca, die behutsam auf Abstand zu Hank geblieben war, glückstrahlend versicherte: „Es ist so schön, euch hier zu haben! Vielen Dank, dass ihr gekommen seid. Ich habe Timmerman gebeten, eure Sachen nach oben zu bringen.“ Da sie ihren Enkel offensichtlich nicht verschrecken wollte, wandte sie sich an seine Mutter. „Du musst Clara sein.“ Sie reichte ihr die Hand.

Clara ergriff sie automatisch. „Das mit Brent tut mir sehr leid, Mrs. Dunbarton. Er war ein wunderbarer Mensch.“

Francescas Lächeln verflog nur für einen Moment. „Ja, das war er. Und bitte, nenn mich Francesca.“ Sie drückte die Hände zusammen, während sie Hank ansah, als hätte sie Angst, nicht von ihm lassen zu können. „Und du musst Henry sein. Hallo, junger Mann.“

Hank schmiegte sich weiter an Clara, während er seine Großmutter vorsichtig beäugte. Schließlich sagte er höflich: „Hallo. Mein Name ist Henry, aber alle nennen mich Hank.“

Francesca strahlte. „Dann werde ich das auch tun. Und wie willst du mich nennen, Hank?“

Der Kleine sah Clara fragend an. Sie spürte, dass er nicht wusste, was er darauf sagen sollte. Vor der Reise nach New York hatten sie über den Tod seines Vaters gesprochen und auch über seine neu gefundene Großmutter und seinen Onkel, aber sie war sich nicht sicher, wie viel der Dreijährige davon wirklich verstanden hatte. Als er fragte, ob das bedeutete, dass er und Clara Feiertage wie Thanksgiving und Weihnachten mit seiner neuen Familie verbringen würden, und ob sie zu seinem Geburtstag nach Tybee Island kommen konnten – da begriff Clara, was für eine große Veränderung das alles für ihren Sohn bedeuten würde.

Und für sie auch. Mehr als drei Jahre lang waren sie nur zu zweit gewesen. Sie war davon ausgegangen, dass es noch viele Jahre so bleiben würde. Wenigstens bis Hank eine eigene Familie gründete. Clara hatte nicht erwartet, ihn schon so bald teilen zu müssen. Schon gar nicht mit Fremden.

Aber sie würden vielleicht nicht lange Fremde bleiben, da sie nun eine Familie waren. Zumindest Hanks Familie. Das war etwas, das Clara notgedrungen akzeptieren musste. Ihr Sohn hatte jetzt neben ihr noch eine weitere Familie, während sie nur ihn hatte.

Sie versuchte, nicht zu stottern, als sie sagte: „Hank, das ist deine Großmutter. Ihr beide müsst herausfinden, wie du sie nennen willst.“

Francesca hatte die Hände immer noch ineinander verschränkt, um Hank nicht zu bedrängen. Clara war dankbar dafür. Ein Kind brauchte mehr Zeit, sich an eine solche Situation zu gewöhnen, als ein Erwachsener.

„Weißt du, wie dein Vater und Onkel Grant ihre Großmutter genannt haben?“, fragte Francesca Hank.

Er schüttelte den Kopf „Nein, Ma’am. Wie?“

Francesca lächelte über das Nein, Ma’am. Clara nahm an, das sagte heute kaum noch ein Kind. Aber sie war mit Nein, Ma’amund Nein, Sir aufgewachsen – es war im Süden vielerorts noch üblich –, also hatte sie es so an Hank weitergegeben.

„Sie haben sie Grammy genannt“, sagte Francesca zu ihrem Enkel. „Was hältst du davon, wenn du mich auch Grammy nennst?“

Clara spürte, wie Hank sich entspannte. „Ja, ich glaube, ich könnte Grammy sagen – wenn das in Ordnung ist für dich.“

Francescas Augen wurden wieder feucht. „Ich fände es einfach toll.“

Clara lächelte. Die Frau wusste eindeutig noch, wie man mit einem Kind sprechen musste. Die Liebe einer Großmutter war bestimmt nicht weniger tief als die einer Mutter. Hank hätte es schlechter treffen können als mit Francesca Dunbarton als Großmutter.

„Möchtest du jetzt vielleicht das alte Zimmer von deinem Vater sehen?“, fragte Francesca. „Es sieht noch genauso aus wie damals, als er ungefähr in deinem Alter war.“

Hank sah Clara fragend an.

„Geh nur, Süßer“, sagte sie ermutigend. „Ich würde es mir auch gern ansehen.“ An Francesca gewandt, setzte sie hinzu: „Falls du nichts dagegen hast, wenn ich mitkomme.“

„Natürlich nicht. Vielleicht kommt ja auch dein Onkel Grant mit. Und Sie auch, Mr. Fiver – wenn Sie möchten.“

Clara drehte sich zu den beiden Männern herum und erwartete, dass sie irgendeinen Vorwand benutzen würden, um sich zurückziehen zu können. Überrascht bemerkte sie, dass Grant nicht seine Mutter, sondern sie ansah – so intensiv, dass sie das Gefühl hatte, er habe sie bereits eine ganze Weile angesehen. Ihr Herz machte einen unerklärlichen Satz. So, wie er sie ansah, hatte auch Brent sie angesehen, wenn er an … wenn er an Sex dachte. Und plötzlich gingen ihre Gedanken aus unerfindlichen Gründen in dieselbe Richtung.

Er ist aber nicht Brent, rief sie sich energisch in Erinnerung. Er mochte zwar wie Brent aussehen und wie Brent klingen oder sich wie Brent bewegen, aber Grant Dunbarton war nicht der sexy Charmeur, der einen Sommer lang mit ihr gelacht und gespielt hatte. Er war nicht der Mann, der ihr das größte Geschenk überhaupt gemacht hatte: ihren Sohn. So nett Grant vielleicht auch sein mochte, er konnte niemals sein Bruder sein. Da war sich Clara ganz sicher. Das machte ihn nicht zu einem schlechten, sondern nur zu einem anderen Menschen. Zu einem Mann, der keine Gedanken an Sex in ihr wecken sollte und würde.

„Danke, Mrs. Dunbarton“, sagte Gus und holte Clara damit jäh in die Wirklichkeit zurück. „Ich sollte wieder ins Büro fahren. Es sei denn, Clara braucht mich noch.“

Sie schüttelte den Kopf. Er war an diesem Morgen nur erschienen, um als Puffer zwischen ihr und den Dunbartons zu fungieren, falls das nötig gewesen wäre. „Das ist schon in Ordnung, Gus“, sagte sie. „Vielen Dank für alles, was Sie für uns getan haben.“

Er verabschiedete sich und sagte den Dunbartons, er würde den Weg hinaus allein finden. Clara erwartete, dass Grant nun auch gehen würde, aber er schien nicht die Absicht zu haben. Zumindest nicht, solange sie nicht mitkam.

Er ist nicht Brent, sagte sie sich noch einmal.

Nun musste sie nur noch ihren Körper davon überzeugen.

2. KAPITEL

Francesca ging mit Hank voraus. Clara spürte die Wärme von Grants Körper neben sich, spürte den leichten Duft, der von ihm ausging. Es war etwas herb Männliches. Nicht zu vergleichen mit Brents Duft, der eine Mischung aus Sonne, Wind und Meer gewesen war. Das herb Männliche war wesentlich attraktiver. Glücklicherweise bog Francesca bald in einen Korridor ein, der an einer Wendeltreppe endete.

„Gehen wir nach oben oder nach unten?“ Hank war fasziniert, weil er eine solche Treppe noch nicht gesehen hatte.

„Nach unten“, sagte sie. „Aber das kann ganz schön schwierig sein, manchmal schwindelt mir ein wenig. Hast du etwas dagegen, wenn ich deine Hand nehme, damit ich nicht falle?“

Hank gab seiner Großmutter die Hand und versprach, sie sicher hinunterzuführen.

Sie dankte ihm überschwänglich. „Ich sehe jetzt schon: Du wirst uns hier eine große Hilfe sein.“

Etwas an der Bemerkung und ihrem Ton ließen Clara aufmerken. Es klang ein wenig … besitzergreifend. So, als habe Francesca vor, Hank noch lange hierzubehalten. Clara rief sich zur Ordnung. Natürlich versuchte Francesca, eine Verbindung zu Hank aufzubauen. Und welche Großmutter hatte ihren Enkel nicht gern bei sich? Clara hatte durch Gus ausrichten lassen, dass Hank und sie nur eine Woche in New York bleiben würden. Alles war gut.

Francesca blieb vor einer Tür stehen. Es war die erste geschlossene Tür, die Clara in diesem Penthouse gesehen hatte. Sie zögerte einen Moment, während sich ihre Finger um den Türgriff schlossen. Dann gab sie sich einen Ruck – und sie betraten ein Schlafzimmer, das wohl fünfmal so groß war wie Hanks zu Hause. Eine ganze Wand wurde von Regalen eingenommen – die eine Hälfte gefüllt mit Büchern, die andere voller Spielzeug. In einer Ecke des Zimmers war ein Sonnensystem aufgehängt. Die Planeten hingen so niedrig, dass ein Kind sie erreichen und in ihre Umlaufbahn schicken konnte. Auf der anderen Seite des Zimmers stand ein Hochbett, das durch eine Leiter zu erreichen war und gleichzeitig auch über eine Rutsche verfügte. Die Wände waren bedeckt mit Karten entlegener Gegenden und Fotos exotischer Tiere. Der Raum enthielt alles, was sich das Herz eines kleinen Jungen nur wünschen konnte – Bauklötze, Musikinstrumente, Spielekonsolen, ausgestopfte Tiere … Es war, als wären sie in einem Spielzeugladen, so grenzenlos schien die Auswahl.

Hank schien das auch so zu sehen. Er betrat den Raum nach Francesca, aber kaum hatte er sich ein wenig umgesehen, schoss er wie eine kleine Kugel an ihr vorbei und verschwand mehr oder weniger in einer großen Kiste mit Legosteinen. Es konnte Tage dauern, bis er daraus wieder hervorkommen würde.

Clara dachte an sein Zimmer zu Hause. Sie hatte sein Bett gebraucht gekauft und es selbst gestrichen. Seine Spielsachen befanden sich in einer Plastikkiste – nicht einmal die größte Größe –, und sie hatte ihm selbst ein paar Regale gebaut. Zu Hause hatte er genügend Schienen, um seinen Zug eine Acht fahren zu lassen – hier hätte er die Strecke der Transsibirischen Eisenbahn nachbauen können. Zu Hause hatte er genügend Tiere für Old MacDonald’s Farm. Hier reichte es für die Besiedlung der Erde nach der Sintflut.

Clara wagte nicht, sich Hanks Reaktion vorzustellen, wenn sie ihm sagen würde, sie müssten wieder nach Hause fahren.

Francesca kniete sich neben die Kiste mit den Legosteinen und begann, sie mit einer Freude zusammenzuklicken, die Hanks in nichts nachstand. Das hatte sie bestimmt auch schon mit Brent getan, als er in diesem Alter war. Clara tat das Herz weh, als sie die beiden beobachtete. Die Begegnung mit ihrem Enkel musste für Francesca gleichermaßen tröstlich wie herzzerreißend sein.

Clara spürte Grant mehr neben sich, als dass sie ihn sah. Er betrachtete die Szene wie sie. Was mochte in ihm vorgehen? Sie wusste nicht, wie es war, einen Bruder oder eine Schwester zu verlieren. In einigen ihrer Pflegefamilien hatte sie Brüder und Schwestern gehabt, manche von ihnen über mehrere Jahre, aber sie waren immer irgendwie auf Distanz zueinander geblieben. Niemand wusste, wann sie wieder auseinandergerissen werden würden, also war es am klügsten, keine zu enge Bindung aufzubauen. Jedes der Kinder kam mit seinen eigenen Erinnerungen, jedes ging mit seinen Erinnerungen. Und manchmal war das alles, was es mitnahm. Etwas wie das hier hatte es nie gegeben.

„Ich kann gar nicht glauben, dass ihr Brents Sachen alle aufbewahrt habt“, sagte sie.

Grant zuckte die Schultern. „Meine Mutter war immer sicher, dass Brent irgendwann wiederkommen würde. Dann sollte er nichts vermissen. Brent hat nie etwas weggeworfen. Zumindest nichts Materielles“, setzte er trocken hinzu.

Clara verstand, dass er sie nicht verletzen wollte. Brent hatte weggeworfen, was sie mit ihm geteilt hatte.

„Das ist in Ordnung“, sagte sie. „Brent und ich waren nie … Ich meine, zwischen uns war nichts, was …“ Sie setzte neu an und senkte dabei die Stimme, damit Francesca und Hank sie nicht hören konnten. „Keiner von uns hat etwas von Dauer erwartet. Wir fühlten uns ganz spontan zueinander hingezogen. Wir konnten stundenlang reden – über alles und nichts. Wir hatten das Gefühl, uns schon ewig zu kennen. Es war, als würden wir einfach alte Fäden wiederaufnehmen, verstehst du?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. So etwas ist mir noch nie passiert.“

„Oh. Nun ja … Aber so war es bei Brent und mir. Er war wirklich ein wunderbarer Mensch. Wir hatten ein paar Wochen lang viel Spaß miteinander, aber keiner von uns wollte mehr. Es hätte auch sein können, dass ich gegangen wäre, doch er ist mir zuvorgekommen.“

Sie musste daran denken, dass Brent fast in allem schneller gewesen war als sie. Beim Essen. Beim Laufen. Beim Sex. Ja, der Sex mit ihm war gut gewesen, aber er hatte sie nie wirklich … befriedigen können.

„Er war immer irgendwie auf dem Sprung“, sagte Grant. „Wie ein Perpetuum mobile. Sobald er morgens wach war, konnte nichts ihn mehr stoppen. Es gab so vieles, was er tun wollte. Jeden Tag. Und er wusste nie, wo anfangen, also legte er einfach los. So war es immer und überall.“

Ganz so überdreht war Brent nicht gewesen, als sie ihn kennenlernte, aber er war auch nie wirklich zufrieden gewesen – so als gäbe es immer irgendwo irgendetwas noch Besseres. Er hatte ihr erzählt, dass er mit achtzehn von zu Hause fortgegangen war, um die Küste Nordamerikas zu bereisen. Begonnen hatte er im Norden, in Alaska, dann fuhr er hinunter bis San Diego. Von dort nach Corpus Christi am Golf von Mexiko, und von dort war er auf seiner Tour gen Osten schließlich in Tybee Island gelandet. Er wollte weiter bis Neufundland und dann übersetzen nach Skandinavien, um der Küstenlinie Europas zu folgen. Anschließend stand Asien auf seinem Plan, dann Afrika und Südamerika.

„Er war immer noch rastlos, als ich ihn kennenlernte“, erzählte sie Grant. „Aber ich dachte, seine Unruhe wäre wie meine.“

Er musterte sie neugierig. „Wie meinst du das?“

„Ich dachte, er käme vielleicht aus einer ähnlichen Situation wie ich. Ich dachte, er würde nie lange an einem Ort bleiben, um nirgends Wurzeln zu schlagen. Es hätte ja sein können, dass sein Vater bei der Armee war und ständig versetzt wurde, oder dass seine Eltern Wanderarbeiter waren oder etwas in der Art.“

Grant war verblüfft. „Hat er dir nie etwas von seiner Vergangenheit erzählt? Von seiner Familie?“

„Keiner von uns hat diese Themen angeschnitten. Darüber waren wir unausgesprochen übereingekommen. Ich wusste, warum ich nicht über meine Vergangenheit reden wollte, und dachte, seine Gründe wären die gleichen.“

„Wegen der vielen Pflegefamilien und Heime.“ Grant nickte. „Das war bestimmt keine sehr glückliche Erfahrung für dich.“

Clara war nicht überrascht, dass seine Erkundigungen auch das zutage gefördert hatten. „Du hast deine Hausaufgaben wirklich gemacht“, bemerkte sie trocken.

Er zuckte nur die Schultern.

„Was hast du sonst noch herausgefunden?“, fragte sie.

Er wollte etwas sagen, zögerte aber. Irgendwie verriet sein Ausdruck, dass er sehr viel mehr wusste, als ihr lieb sein würde. Mit Sicherheit hatte er auch das Einzige herausgefunden, über das sie noch nie mit jemandem gesprochen hatte.

„Du weißt, wo ich geboren wurde, oder?“, fragte sie immer noch so leise, dass nur er sie verstehen konnte. „Und du kennst die Umstände, stimmt’s?“

Er nickte. „Ja, ich weiß es.“

Das hieß, er wusste, sie wurde im Gefängnis von Bibb geboren, als Tochter einer neunzehnjährigen Frau, die auf ihren Prozess wartete. Sie war angeklagt, zusammen mit Claras Vater an einem bewaffneten Raubüberfall teilgenommen zu haben. Er wusste vielleicht sogar …

„Weißt du, wer mir meinen Namen gegeben hat?“

Grant nickte erneut. „Einer der Wärter. Er nannte dich nach seiner Mutter, weil deine Mutter dir keinen Namen gegeben hatte.“ Wow! Sie hatte nicht geahnt, dass er so tief graben würde. Schließlich war nur wichtig, dass sie ihren Lebensunterhalt auf ehrliche Weise verdiente, dass sie halbwegs gebildet war und sie sich keiner kriminellen Vergehen schuldig gemacht hatte. Er hätte nicht bis zu ihrer … Es widerstrebte ihr, das Wort Familie zu benutzen. Die Menschen, die sie gezeugt hatten, mochten mit ihr verwandt sein, aber sie würden nie zu ihrer Familie gehören. Er hätte nicht auch über sie Erkundigungen einziehen müssen. Sie hatten nichts mit ihrem Leben zu tun.

„Ich weiß, dass niemand da war, der sich um dich hätte kümmern können, nachdem sie verurteilt worden waren“, setzte er leise hinzu.

Sie war dankbar dafür, dass er nicht weitersprach. All ihre verbliebenen Verwandten saßen in Haft, waren entweder drogenabhängig oder verschollen. Sie zweifelte nicht daran, dass er auch das wusste. Clara suchte nach Spuren der Verachtung in seiner Miene oder seinem Ton, konnte sie aber nicht entdecken. Er ging so nüchtern sachlich mit ihrer Herkunft um, wie sie es selbst tat. Das sollte sie ihm hoch anrechnen. Dennoch irritierte es sie – sehr sogar –, dass er so viel von ihr wusste.

Das war ein weiterer Punkt auf ihrer Liste der Merkwürdigkeiten, was Grant betraf. Ihr waren diese Details ihrer Herkunft bisher ziemlich egal gewesen. Sie hätte sogar mit Brent darüber gesprochen, wenn er danach gefragt hätte. Sie wusste, es war nicht ihre Schuld, dass ihre Eltern nicht zur Creme der Gesellschaft gehörten. Sie hatte nicht darum gebeten, geboren zu werden, und schon gar nicht unter solchen Umständen. Sie hatte ihr Bestes getan, trotzdem ihren Weg zu gehen, und hatte das Gefühl, ihre Sache gut gemacht zu haben.

Offensichtlich machte auch Grant ihr ihre Herkunft nicht zum Vorwurf, denn er fuhr im selben nüchternen Ton fort: „Du hast deine Kindheit in Pflegefamilien und Heimen verbracht. Als du mit achtzehn aus der Fürsorge entlassen wurdest, bist du nicht wie viele andere in Schwierigkeiten geraten, sondern hast dir drei Jobs gesucht und das College absolviert. Im vergangenen Jahr hast du die Konditorei gekauft, in der du gearbeitet hast, als der Besitzer sich zur Ruhe gesetzt hat. Du hast sie schon in der kurzen Zeit profitabler gemacht. Nicht viel, aber trotzdem ist das bemerkenswert. Vor allem in der momentanen Wirtschaftslage. Hut ab, Clara Easton!“

Sein Lob gab ihr das Gefühl, plötzlich selbst zur Creme der Gesellschaft zu gehören. Eine weitere Merkwürdigkeit. „Danke“, sagte sie.

Er hielt ihren Blick etwas länger als nötig fest und verstärkte das Chaos in ihrem Innern damit noch weiter. „Keine Ursache“, sagte er leise.

Ihre Blicke blieben noch einen Moment länger aneinander hängen. Clara wurde bewusst, wie lange es her war, seit sie ihr letztes Date gehabt hatte. Sie zwang sich, den Blick abzuwenden. Francesca saß inzwischen neben Hank auf dem Boden und hielt das Fundament einer abstrakten Skulptur fest, die er weiterbaute – zur Seite hin.

„Sieht nicht so aus, als würde er ein Ingenieur“, bemerkte Clara. „Die Konstruktion wirkt nicht sehr stabil.“

„Was glaubst du, was er wohl mal werden wird?“, fragte Grant.

„Keine Ahnung. Das, wonach ihm der Sinn steht.“

Als sie wieder zu Grant hinübersah, bemerkte sie in seinem Blick etwas, das ihr zuvor noch nicht aufgefallen war. Rein instinktiv spürte sie: Grant Dunbarton war nicht glücklich – trotz seines Reichtums und der Privilegien, die damit zusammenhingen.

In diesem Moment rief Hank nach ihr. „Mama! Grammy hat zu wenig Hände! Du musst ihr helfen!“

Francesca lächelte. „Hanks Phantasie ist viel zu groß für mich. Mein Enkelsohn ist offensichtlich etwas ganz Besonderes.“

Clara erwiderte ihr Lächeln. Hank hatte noch Mühe mit seiner Feinmotorik, aber sie wusste Francescas positive Voreingenommenheit zu schätzen. Sie sah Grant an. „Komm, du solltest auch mithelfen. So wie ich Hank kenne, wird dieses Gebilde noch viel größer.“

Zum ersten Mal, seit sie ihn kennengelernt hatte, wirkte Grant Dunbarton verschreckt. Er wich einen Schritt zurück, als wolle er die Flucht antreten, obwohl sie nichts weiter getan hatte, als ihn zum Spielen einzuladen.

„Ah, danke, lieber nicht“, stammelte er und trat einen weiteren Schritt zurück in Richtung Korridor. „Ich habe noch … einiges zu erledigen. Ein paar wichtige Dinge für die Arbeit.“

„Oh.“ Clara registrierte überrascht, wie schnell er die Fassung verloren hatte. Noch mehr verblüffte sie ihre eigene Enttäuschung darüber, dass er gehen wollte. „Okay, ich nehme an, dann sehen wir uns später… Ich meine, Hank und ich sehen dich dann später.“

Er nickte kurz und verließ das Zimmer. Clara setzte sich zu ihrem Sohn. Als sie noch einmal zur Tür sah, stand Grant immer noch dort und machte keinerlei Anstalten, sich um seine wichtigen Dinge zu kümmern. Er sah zu ihnen herüber, und in diesem Moment kam er ihr nicht wie ein mächtiger Manager vor, sondern eher wie ein kleiner Junge, der nicht mitspielen durfte.

Grant hatte sich nicht mehr wie ein Kind gefühlt seit er … Eigentlich hatte er sich nicht einmal als Kind als Kind gefühlt. Und schon gar nicht seit dem Tod seines Vaters kurz nach seinem zehnten Geburtstag. Aber als er Clara und ihren Sohn dort mit seiner Mutter spielen sah, kam er sich vor wie der Junge, den niemand in der Fußballmannschaft haben wollte oder der sein Schulbrot allein essen musste. Das war albern, denn er war gut gewesen im Sport und hatte in der Schule viele Freunde gehabt. Die Tatsache, dass der Sport ihn nicht wirklich interessiert hatte und dass er sich seinen Freunden nie wirklich nahe gefühlt hatte, spielte im Moment keine Rolle.

Warum fühlte er sich plötzlich so deprimiert? So als hätte Clara ihn zurückgewiesen. Sie hatte ihn doch eingeladen, mitzumachen. Er verstand sich selbst nicht mehr. Er sollte sich um seine Arbeit kümmern, statt hier in Gedanken einer Vergangenheit nachzuhängen, die eben das war: vergangen. Er hatte die Position des CEO von Dunbarton Industries übernommen, kaum dass die Tinte unter seinem Diplom trocken war. Und seither hatte er keine Pausen mehr gekannt. Der Tag heute, an dem er zu Hause geblieben war, um Clara und Hank zu begrüßen, war der erste Nicht-Feiertag seit Jahren, an dem er nicht im Büro war.

Er warf einen Blick auf die Uhr. Es war noch nicht einmal Mittag. Er hatte weniger als einen halben Tag verloren. Noch immer konnte er ins Büro fahren und dort mehr erledigt bekommen, als wenn er hier zu Hause versuchte, sich zu konzentrieren. Er war nur geblieben für den Fall, dass es irgendwelche Probleme gegeben hätte. Aber Clara erschien ihm als die perfekte Person, um einen Dunbarton aufzuziehen. Andererseits: Ihre Familie …

Grant war kein Snob, aber als er herausfand, dass sie in einem Gefängnis zur Welt gekommen war und dass ihre Eltern zurzeit wegen irgendwelcher Vergehen einsaßen … Also, das waren nicht eben Pluspunkte auf seiner Werteskala. Und es war nichts, was er mit dem Namen Dunbarton in Verbindung sehen wollte. Nicht, dass Hank den Namen Dunbarton trug. Zumindest noch nicht. Grant war sicher, dass seine Mutter das Thema irgendwann anschneiden würde. Und er war sicher, dass Clara nachgeben würde. Welche Mutter würde sich dagegen wehren, wenn ihr Sohn einen der angesehensten Namen des Landes tragen konnte?

Nachdem er Clara nun kennengelernt hatte, überraschte es ihn, dass er diese Dinge nicht mit ihr in Verbindung bringen wollte. Sie schien eine zu anständige Person, um aus einem solchen Milieu zu kommen. Wenn man ihre Herkunft bedachte, hatte sie wirklich etwas aus sich gemacht. Er kannte viele Menschen, die bessere Voraussetzungen hatten, und doch hatten sie nicht so viel geschafft wie sie.

Er blieb noch einen Moment in der Tür stehen und beobachtete die idyllische Szene. Nein, nicht die Szene – er beobachtete Clara. Sie lachte über etwas, das seine Mutter gesagt hatte, während sie ein wachsames Auge auf ihren Sohn hielt. Der beugte sich plötzlich zu ihr hinüber und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Grant konnte beim besten Willen nicht erkennen, warum. Die kleine Geste verblüffte ihn. Clara lachte nur. Es war offenbar nichts Ungewöhnliches. Die beiden Frauen gaben sich alle Mühe, aber irgendwann krachte das Gebilde, das Hank gebaut hatte, dann doch zu Boden. Spontan zog Clara ihren Sohn auf den Schoß und gab ihm einen lauten Kuss auf den Nacken. Er lachte und griff nach hinten, um sie an sich zu ziehen. Dann rannte er los, um etwas anderes auszuprobieren.

Die ganze liebevolle Szene hatte vielleicht gerade einmal zehn Sekunden gedauert und war in keiner Weise ungewöhnlich. Ungewöhnlich nur für Grant, der solche Bekundungen der Zuneigung nie mit seiner Mutter getauscht hatte, auch nicht vor dem Tod seines Vaters, der alles verändert hatte. Es war eine so spontane, unverstellte Zuneigung. Sie war so … so natürlich. Als bräuchten beide sie wie die Luft zum Atmen.

Der Gedanke ließ ihn schließlich den Korridor hinunter zu seinem Arbeitszimmer gehen. Für ihn war die Arbeit so wichtig wie die Luft zum Atmen. Aber vielleicht würde er heute doch nicht mehr ins Büro fahren. Vielleicht gab es noch irgendein Problem. Es war am besten, er blieb. Für alle Fälle.

Man konnte nie wissen, wann etwas Ungewöhnliches passierte.

3. KAPITEL

Und es passierte tatsächlich etwas Ungewöhnliches. Am zweiten Tag, den Clara und Hank in New York verbrachten, aßen die Dunbartons in ihrem großen Esszimmer zu Abend. Das an sich war vielleicht nichts Ungewöhnliches, denn vor dem Tod seines Vaters hatten sie immer dort gegessen, aber jetzt wurde das Zimmer nur bei besonderen Anlässen genutzt. Zu Weihnachten, Ostern und Thanksgiving. Und zu den wenigen Gelegenheiten, an denen Brent seine Suche nach den besten Stränden der Welt einmal für einen Abstecher zur Familie unterbrach.

Grant musste allerdings einräumen, dass die Ankunft eines neuen Familienmitglieds definitiv ein besonderer Anlass war. Davon abgesehen war es ein normaler Tag gewesen, jedenfalls für ihn. Er hatte gearbeitet, während seine Mutter Clara und Hank so viele Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigte, wie an einem Tag nur unterzubringen waren – die Freiheitsstatue, das Empire State Building und wer weiß was noch alles.

Grant hatte das große Esszimmer immer lieber gemocht als das kleine neben der Küche, obwohl es so förmlich war. Oder vielleicht gerade deshalb. Die Wände waren in einem königlichen Goldton gehalten, passend zum langen Tisch und den übrigen Möbelstücken im Stile Louis-quatorze. Das Besondere war die Darstellung des Nachthimmels an der Decke. Das Sonnensystem war nur ein kleiner Teil in der Mitte, dazu kamen die Highlights der Milchstraße sowie andere Sternenkonstellationen und – nebel. Da und dort waren ein Komet oder ein Meteoritenschauer eingestreut. Als Kind war Grant gern hier gewesen. Er hatte sich auf den Teppich gelegt, die Sterne betrachtet und so getan, als ob …

Aber das spielte ja keine Rolle mehr. Es war nicht wichtig, was er sich als Kind hier alles vorgestellt hatte. Aber er liebte das Zimmer immer noch. Und in seinem tiefsten Innern verspürte er immer noch den Wunsch, zu den Sternen hinaufzusehen und so zu tun, als ob …

„Ganz schön cool, nicht?“, sagte er zu Hank, der ihm gegenüber saß und sich weit zurückbeugte, um die Decke von einem Ende zum anderen betrachten zu können.

„Toll“, sagte der kleine Junge fast andächtig ohne den Blick abzuwenden. „Schau mal, Mama, der Saturn.“ Er zeigte mit der einen Hand und tastete blind mit der anderen nach dem Arm seiner Mutter.

Clara sah gleichfalls nach oben. Grant versuchte, nicht ihren Hals anzustarren. Ebenso fatal für seinen Blutdruck war der V-Ausschnitt ihres Pullovers, der den Ansatz ihrer Brüste sehen ließ. Das Licht des Kronleuchters schien blaue Funken in ihrem schwarzen Haar aufblitzen zu lassen. Wie gern hätte er eine Locke um seinen Finger gewickelt, um zu sehen, ob ihr Haar so weich war, wie es aussah.

„Ja, das ist der Saturn“, bestätigte sie. „Kennst du auch den großen Planeten daneben?“

„Jupiter.“

„Sehr gut.“ Grant konnte seine Überraschung nicht verbergen. Außerdem war er mehr als dankbar dafür, dass etwas anderes als Clara seine Aufmerksamkeit beanspruchte. Etwas anderes als ihre helle Haut, als ihre unglaublichen Augen und ihre weichen Locken. „Du bist ja ein richtiger Astronom, Hank.“

„Er arbeitet daran“, bemerkte sie lächelnd. „Das sind bisher die beiden einzigen Planeten, die er kennt.“

Grants Mutter strahlte. „Ich habe doch den klügsten Enkelsohn des Universums. Nicht, dass es mich überraschen würde bei dem Vater.“ Hastig setzte sie mit einem Blick auf Clara hinzu: „Und bei der Mutter natürlich.“

Clara bedankte sich leicht verlegen. Grant sah, wie seine Mutter strahlte. Hank würde immer in allem der Beste bleiben – er war das einzige Enkelkind, das sie je haben würde. Er selbst hatte nicht die Absicht, Vater zu werden. Und auch kein Ehemann. Keine der beiden Rollen sagte ihm zu. Er war mit seinem Beruf verheiratet. Alles, was ihn interessierte, war der Erfolg.

„Die Erde kenne ich auch“, warf Hank ein, sichtlich gekränkt darüber, dass seine Mutter daran nicht gedacht hatte.

Clara lachte. „Du hast recht“, lobte sie ihn.

Grant konnte nicht glauben, dass ein Dreijähriger schon so viel wusste wie Hank. Andererseits: Als er selbst drei gewesen war, hatte er alles über Nautilus pompilius gewusst, einen Kopffüßer aus der Familie der Perlboote. Das Leben im Meer hatte ihn von Kindesbeinen an fasziniert, aber die Nautiliden hatten es ihm besonders angetan, nachdem er diese Tiere bei einem Besuch im New Yorker Aquarium kennengelernt hatte. Wenn ein Kind früh eine Leidenschaft für etwas entwickelte, konnte es auch im Alter von drei Jahren schon alle Informationen wie ein Schwamm aufsaugen. Was für ihn die Nautiliden gewesen waren, waren für Hank die Planeten.

„Hast du ein Teleskop?“, fragte Grant Clara.

Sie schüttelte den Kopf. „Falls es bei seinem Interesse bleibt, können wir uns vielleicht einmal eines kaufen. Er kann sein Taschengeld sparen und etwas dazu beisteuern. Im Moment reicht ein Fernglas.“

Hank nickte eifrig. Es schien ihm nichts auszumachen, dass er noch warten musste. Diese Fähigkeit, keine sofortige Erfüllung seiner Wünsche zu fordern, schien ein Zug, den er von seiner Mutter geerbt hatte. Brent hatte immer alles sofort erwartet.

Mit dem Erbe könnte Clara es sich leisten, ihm ein Teleskop zu kaufen, ganz gleich, ob es bei seinem Interesse blieb oder nicht. Aber sie würde es nicht tun. Grant hatte das Gefühl, dass sie dafür sorgen würde, dass Hank nicht in die gleiche Falle ging wie sein Vater und glaubte, nur weil er Geld hatte, brauchte er nicht mehr zu arbeiten oder sich anzustrengen. Damit stieg sie in Grants Achtung noch höher.

Es war, als hätte er seine Gedanken laut ausgesprochen, denn sie sah ihn an und lächelte. Vielleicht tat sie es auch, weil sie dankbar dafür war, dass er ihrem Sohn nicht gesagt hatte, er könne selbstverständlich das größte und schönste Teleskop haben. Sofort. Genau das hätte Brent getan.

Während Hank und Francesca sich über die anderen Planeten an der Decke unterhielten, wandte Grant sich an Clara.

„Brent hat sich auch für Astronomie interessiert, als er in Hanks Alter war“, erzählte er. „Deshalb hat meine Mutter die Decke so dekorieren lassen.“

„Das wusste ich schon“, bekannte Clara. „Ich meine, das mit der Astronomie, nicht mit diesem Zimmer. Er ist ein paarmal mit mir zum Observatorium nach Skidaway Island gefahren, um die Sterne zu betrachten. Ich war mit Hank auch dort. Dadurch wurde sein Interesse geweckt.“

Grant nickte. Natürlich hatte Brent sie zu einem romantischen Rendezvous eingeladen, um sie mit seinem Wissen über die Sterne zu beeindrucken. Und natürlich würde sie diese Erinnerungen bewahren und sie an ihren Sohn weitergeben.

„Hank ist jetzt in dem Alter, in dem ich angefangen habe, mich für das Backen zu interessieren“, sagte sie. „Meine damalige Pflegemutter hat viel gebacken, und sie ließ mich in der Küche helfen. Ich weiß noch, wie es mich erstaunt hat, dass man Sachen vermischen kann und als weiche Masse in den Ofen stellt, und dann kommt ein richtiger Kuchen heraus. Oder Kekse. Oder was auch immer. Es hat mir gefallen, wie gut alles aussah, wenn man es mit Zuckerguss bestrich. Oder aus dem Guss kleine Rosen oder Ähnliches formte. Es war wie ein kleines Kunstwerk. Ein Kunstwerk, das man später aufessen konnte.“

Die Erinnerungen ließen Claras Blick ganz verträumt werden, und ihre Wangen wurden rosig. Irgendwie weicher. Er beobachtete sie ganz fasziniert und war nicht darauf vorbereitet, dass sie den Spieß plötzlich umdrehte.

„Wofür hast du dich in dem Alter interessiert?“

Die Frage hing für einen Moment zwischen ihnen, während er nach Worten rang. Er wusste einfach nicht, was er sagen sollte. Zum einen lag es daran, dass er das bisher noch nie gefragt worden war. Zum anderen daran, dass er schon so lange nicht mehr an seine Kindheit gedacht hatte, dass er sich tatsächlich nicht erinnerte.

Was nicht ganz stimmte. Noch vor wenigen Minuten hatte Grant daran gedacht, wie sehr ihn als Kind die Nautiliden fasziniert hatten. Das war ihm total entfallen.

Dessen ungeachtet behauptete er: „Ich weiß es nicht. Für das Übliche, nehme ich an.“

Die Faszination seiner Kindheit lag lange zurück, und er hatte sich ihr auch nur sporadisch gewidmet. Obwohl: Als er in die erste Klasse kam, kannte er die lateinischen Namen der ganzen Nautilus-Familie. Das ging bestimmt über ein oberflächliches Interesse hinaus. Das war etwas anderes, weil …

Es war etwas anderes, das war alles.

„Nichts Besonderes“, setzte er hinzu.

Clara ließ nicht locker. „Komm schon“, drängte sie, „da muss doch irgendetwas gewesen sein. Alle Freunde von Hank haben irgendeine Leidenschaft. Brianna sammelt Muscheln. Tyler liebt Steine. Megan steht auf Feen. Es ist ganz erstaunlich, was für ein intensives Interesse ein Kind in dem Alter schon für etwas entwickeln kann.“

Aus irgendeinem Grund lag Grant daran, das Thema zu wechseln. Daher spielte er den Schwarzen Peter wieder ihr zu. „Das muss ja sehr befriedigend für dich sein, deine Leidenschaft aus Kindheitstagen jetzt in deiner Konditorei ausleben zu können.“

Einen Moment lang hatte er das Gefühl, Clara würde ihn mit seinem Ablenkungsmanöver nicht durchkommen lassen. Sie musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen und nagte dabei gedankenverloren an ihrer vollen Unterlippe. Er beobachtete es fasziniert. „Es macht Spaß“, sagte sie schließlich.

Das wollte er gern glauben. Ach, halt. Sie meinte die Arbeit in der Konditorei, nicht das Nagen an ihrer Unterlippe.

„Das Risiko ist allerdings“, fuhr sie fort, „dass das, was man einmal mit so viel Leidenschaft betrieben hat, etwas von seinem Zauber verliert. Ich meine, es macht immer noch Spaß, aber es ist nicht mehr dasselbe.“

Zauber. Spaß. Wann hatte er sich das letzte Mal mit jemandem unterhalten, der diese Worte gebrauchte? Und Clara Easton gebrauchte beide gleich in einem Atemzug.

„Versteh mich nicht falsch“, sagte sie hastig. „Ich liebe meine Arbeit. Es ist nur … Manchmal sehe ich mir all die Sachen in der Küche an und all die Torten im Laden, und wenn ich dann nach der Arbeit mit Hank nach oben gehe, frage ich mich … Ist das schon alles gewesen? Ich habe diesen wunderbaren Sohn. Wir haben ein Dach über dem Kopf und Essen im Kühlschrank. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit etwas, das mir immer Spaß gemacht hat, und doch … manchmal …“

„Manchmal ist es nicht genug“, sagte Grant im selben Moment wie sie.

Ihr Blick spiegelte ihre Überraschung darüber, dass er ihren Gedanken genau erkannt hatte. Sie nickte. „Genau. Du verstehst mich also.“

Er wollte es leugnen. War sie verrückt? Er war ein Dunbarton. Er hatte liebevolle Eltern. Einen Bruder, der ihm, wenn alles normal verlaufen wäre, ein lebenslanger Freund gewesen wäre. Viel Geld. Die besten Spielsachen. Die besten Schulen. Nicht zu vergessen alle Möglichkeiten, die das Leben ihm nur bieten konnte. Und doch … Manchmal …

„Ja, ich verstehe das“, sagte er.

„Also machst du auch etwas, das du liebst.“

Verdammt, sie hatte ihm den Ball wieder zugespielt. Seine Antwort kam ganz automatisch. „Natürlich liebe ich meine Arbeit. Es ist das Unternehmen unserer Familie. Die Dunbartons lieben es seit Generationen. Wieso sollte ich es nicht lieben?“

Erst im Nachhinein begriff er, wie defensiv er klang. Clara empfand es offensichtlich auch so, denn ihr verträumter Ausdruck verschwand. Er suchte nach den richtigen Worten, um diesen Ausdruck zurückzuholen, da er ihm wirklich gefallen hatte. Leider wollte ihm nichts einfallen. Andere Worte – Worte, die er nicht laut sagen konnte – schossen ihm durch den Sinn. Entzückend. Sinnlich. Bezaubernd. Worte, die er sonst nie benutzte, die ihm aber alle im Zusammenhang mit Clara einfielen. Und noch mehr …

Glücklicherweise erschien in diesem Moment die Köchin, Mrs. Bentley, mit dem ersten Gang. Clara lobte das Gericht und bedankte sich für ihre Mühe. Grant wollte darauf hinweisen, es sei keine Mühe, denn es war Mrs. Bentleys Job und sie wurde gut dafür bezahlt. Er unterließ es jedoch. Verstand nicht, warum er plötzlich in so gereizter Stimmung war. Aber das Thema Leidenschaften aus der Kindheit war damit beendet, und dafür wollte er dankbar sein.

Wenn er jetzt seine anderen Gedanken auch noch so leicht verdrängen könnte …

Clara war noch nie so glücklich über den Anblick eines Salats gewesen – aber die Köchin der Dunbartons hätte auch einen lebenden Skorpion bringen können, und sie hätte nichts dagegen gehabt. Alles war ihr recht, was den Blickkontakt mit Grant durchbrechen konnte. Noch nie hatte ein Mensch so unglücklich auf sie gewirkt wie er, als er von seiner Arbeit sprach.

Und er konnte sich nicht daran erinnern, was er als Kind am liebsten gehabt hatte. Wer vergaß so etwas? Jeder hatte als Kind irgendeine Leidenschaft gehabt. Etwas, das er lieber mochte als anderes. Jeder träumte davon, was er einmal werden wollte. Für sie war es das Backen gewesen. Für Hank war es im Moment die Astronomie. Brent hatte davon geträumt, Astronaut zu werden. Jedes Kind hatte seinen Traum. Jedes Kind außer Grant Dunbarton.

Aber wenn eine Familie bereits seit Generationen ein Unternehmen betrieb so wie die Dunbartons, wurde wohl automatisch vorausgesetzt, dass die Kinder dieses Unternehmen fortsetzten. Brent hatte sich dem verweigert. Er hatte nicht für Dunbarton Industries gearbeitet, sondern war im wahrsten Sinne ein Playboy gewesen. Für ihn war das Leben nur ein Spiel. Weiter konnte man sich von den Anforderungen, die an einen CEO gestellt wurden, nicht entfernen. Francesca erschien Clara nicht als die Art Mutter, die darauf bestehen würde, dass ihr Sohn sich im Interesse der Familie an die Tradition hielt. Wenn Grant also die Rolle des CEO für Dunbarton Industries übernommen hatte, dann musste er es aus freien Stücken getan haben.

Auch wenn es nicht danach geklungen hatte.

Der Moment war vorüber. Das war auch aus einem anderen Grund gut, denn es hielt Clara davon ab, sich zu fragen, was die Dunbartons vielleicht für Vorstellungen von Hanks Zukunft hatten. Er war so sehr ein Dunbarton wie Grant oder Francesca. Also gehörte auch er in diese Familientradition. Sie konnte nur hoffen, dass sie in der Hinsicht keine Erwartungen an ihn stellten. In seinen Adern mochte dasselbe Blut fließen wie in ihren, aber er gehörte dennoch nicht zu ihren Kreisen. Und würde es nie, denn niemals würde sie ihn aus seiner gewohnten Umgebung in Georgia reißen und mit ihm in New York leben.

Auch in Georgia würde sie ihn so weit wie möglich von dieser Welt abschirmen. Sie hatte nichts gegen reiche Menschen – zumindest nicht gegen die, die für ihren Reichtum arbeiteten und ihren Angestellten ein anständiges Gehalt zahlten. Aber die Welt, in der sie lebten, war nicht die reale Welt.

Sie wollte, dass Hank ein richtiges Leben hatte. Eines, zu dem harte Arbeit genauso gehörte wie Spaß, Disziplin wie Belohnung. Er sollte Mühen und Herzschmerz kennenlernen, weil er nur dann die Phasen von Ruhe und Glück genießen konnte. Ein Mensch konnte das Glück nicht würdigen, wenn er das Unglück nicht kennengelernt hatte. Er würde kein Glück empfinden, wenn ihm alles auf dem Silbertablett gereicht wurde.

Vielleicht war das Grants Problem, überlegte sie und warf einen verstohlenen Blick zu ihm hinüber. Vielleicht wusste er gar nicht, was er eigentlich wollte, weil er immer alles gehabt hatte. Wobei Letzteres nicht ganz stimmte. Er hatte seinen Vater verloren, als er noch ein Kind war, und sein Zwillingsbruder war vor nicht mal einem Jahr gestorben. Manchmal ist es nicht genug. Sie hatte das Gefühl, dass dahinter mehr steckte als der Verlust dieser beiden Menschen.

Clara gab sich einen Ruck. Sie musste endlich aufhören, sich mit ihm zu beschäftigen. Ob Grant Dunbarton unglücklich war oder unerfüllt, ging sie nichts an. Zum wiederholten Mal rief sie sich in Erinnerung, dass ihre Lebenswege sich nur gelegentlich kreuzen würden.

Warum konnte sie nicht einfach aufhören, sich seinetwegen Gedanken zu machen?

4. KAPITEL

Achtung vor der Lady aus der Park Avenue mit der Kreditkarte in Platin! Clara stieß am Ende ihres dritten Tages in New York einen stummen Seufzer aus. Sie war vollkommen erledigt. Francesca Dunbarton war wie ein unaufhaltsamer Wirbelwind, wenn es darum ging, Geld auszugeben.

Während Clara neben dem schlafenden Hank in Brents ehemaligem Schlafzimmer lag, hatte sie Mühe, selbst nicht einzuschlafen. Francesca war mit Hank und ihr aber auch in jedem Laden gewesen, der das Herz eines Dreijährigen höherschlagen lassen konnte. Sie fand, Hank sollte nicht schlechter gestellt sein als die anderen Kinder der Park Avenue.

Anschließend bestand sie darauf, noch zum Kindertee im Russian Tea Room zu gehen. Das würde Hank bestimmt gefallen. Sie hatten ja so viel aufzuholen.

Hank war auf der Rückfahrt im Taxi eingeschlafen und noch nicht wieder zu sich gekommen. Er hatte nicht mitbekommen, wie Clara ihn nach oben getragen und auf sein Bett gelegt hatte, und auch nicht, wie der Empfangsportier all die Taschen mit den Sachen hereinbrachte, die seine Großmutter für ihn gekauft hatte.

Nun lag Clara neben Hank. Sie hatte den Ellenbogen auf die Matratze gestützt und betrachtete das gleichmäßige Heben und Senken der Brust ihres kleinen Sohnes. Ihre Lider drohten herabzufallen. Bis sie metallisches Klirren hörte und Schritte auf dem Korridor. Grant war nach Hause gekommen. Er erschien in schwarzem Anzug, weißem Hemd und Krawatte in der Tür – der Managementuniform, in der er sich bewegte. Clara fühlte sich in ihren olivefarbenen Cargo-Pants und dem hellen Sweater – von den Socken ganz zu schweigen – absolut fehl am Platze.

Als er sie sah, hob Grant eine Hand zum Gruß und wollte etwas sagen, bis er den schlafenden Hank bemerkte. Clara manövrierte sich vorsichtig aus dem Bett, um den Kleinen nicht zu wecken, und huschte auf Zehenspitzen zur Tür.

„Du hättest nicht aufzustehen brauchen“, sagte Grant statt einer Begrüßung.

„Das ist schon in Ordnung. Ich war kurz davor, selbst einzuschlafen.“

„Gönn dir ein paar Minuten. Bis zum Abendessen sind es noch ein paar Stunden hin.“

Sie schüttelte den Kopf. „Wenn ich mich jetzt hinlege, kann ich heute Nacht nicht schlafen. Ich habe sowieso schon genügend Schlafprobleme. Habe sie schon immer gehabt.“

Zu oft hatte sie früher ein Zimmer mit anderen Kindern teilen müssen, und das war nicht eben dazu angetan, ruhig und entspannt zu schlafen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Collection Baccara Band 387" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen