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COLLECTION BACCARA BAND 378

PHYLLIS BOURNE

Knallrot und kussecht!

Stiletto Cosmetics – schon der Name der neuen Kosmetikfirma fordert Cole heraus! Aber noch provokanter ist sein erstes Treffen mit der aufregenden Sage Matthews, Besitzerin des frechen Konkurrenzunternehmens. Denn plötzlich hat Cole größte Lust, seiner Feindin den knallroten Lippenstift wegzuküssen und ihre nackte, weiche Haut zu streicheln …

CHARLENE SANDS

Nur eine Hollywood-Affäre?

Ein Drink zu viel, ein Stromausfall in Los Angeles und ihre Angst vor der Dunkelheit sind schuld daran, dass Emma mit Hollywoodstar Dylan McKay im Bett landet – dem Bruder ihrer besten Freundin. Wie peinlich, am liebsten würde sie diesen lustvollen One-Night-Stand vergessen! Aber das geht nicht. Dringend muss sie dem Star seine neue Daddy-Rolle erklären …

KRISTI GOLD

Sinnliche Nächte mit dem Wüstensohn

„Ich darf sie nicht berühren. Ich darf sie nicht küssen. Ich muss sie beschützen. Nichts darf mich ablenken.“ Egal, wie beschwörend Scheich Ben Rassad sich das sagt – sein Hunger auf Liebe mit der bildschönen Jamie wird nicht weniger. Im Gegenteil! Und als sie ihn verführt, kapituliert er eine gefährliche Nacht lang …

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Knallrot und kussecht!

1. KAPITEL

„Was ist dir denn über die Leber gelaufen?“

Cole blickte von der Zeitung auf, in die er vertieft gewesen war. Sein Stiefvater stand im Türrahmen und sah ihn fragend an.

„Nein, warte, sag nichts. Lass mich raten“, sprach Victor Gray weiter, ehe Cole antworten konnte. „Stiletto Cosmetics.“

„Woher weißt du das?“ Cole faltete den Wirtschaftsteil der Zeitung zusammen und schob ihn angewidert von sich.

„Wenn du so missmutig guckst, hat es normalerweise etwas damit zu tun.“

Mit einem Ruck stand Cole auf und begann vor der Glasfront in seinem Büro auf und ab zu gehen. Durch die Fenster hatte man eine herrliche Aussicht auf die Skyline von Nashville. Schon bevor er in seine Heimatstadt zurückgekehrt war, hatte er gewusst, dass es nicht einfach werden würde, die heruntergewirtschaftete Kosmetikfirma seiner Familie wieder aufzubauen.

Espresso Cosmetics hatte sich das Image eingehandelt, Make-up für alte Damen herzustellen. Dazu kam, dass sich eine neue Kosmetikfirma in der Stadt niedergelassen hatte, die riesige Schlagzeilen machte und Espressos schwindenden Kundenstamm an sich riss.

„Die Presse schreibt sich die Finger wund mit Lobeshymnen für Stiletto − und uns rufen die Reporter nicht mal zurück“, murmelte Cole.

Victor blieb im Türrahmen stehen. „Die schlagen doch nur Kapital aus den fünfzehn Minuten Ruhm, die sie hatten, weil diese Sängerin sie im Fernsehen erwähnt hat. Das wird nicht lange anhalten.“

Aber Cole war sich da nicht so sicher. Stiletto hatte schon seit einiger Zeit im Internet für Aufregung gesorgt, bevor die Sängerin die Marke öffentlich angepriesen hatte. Cole sah aus dem Fenster. Auf dem Gebäude gegenüber stand eine riesige elektronische Reklametafel, auf der sich gerade ein Cheeseburger in grellen Farben vom grauen Januarhimmel abhob.

Ausdruckslos starrte er auf das Bild, während er daran dachte, wie Stiletto mit seinen Produkten immer mehr junge Frauen anzog. Espresso hingegen kämpfte verzweifelt um das Interesse genau dieser Kundinnen. Ein Artikel in der heutigen Zeitung hatte den Kampf der beiden Firmen um diese Zielgruppe beschrieben und darüber spekuliert, dass Stiletto als Gewinner hervorgehen würde.

„Hast du Lust, mit mir mittagessen zu gehen?“, unterbrach sein Stiefvater Coles Gedanken. „Seit ich auf der Reklametafel da draußen den leckeren Burger gesehen habe, läuft mir das Wasser im Mund zusammen.“

Der Burger sah gut aus, das musste Cole zugeben, und schmeckte wahrscheinlich um einiges besser als das Essen in den vornehmen Restaurants, in denen er zuletzt bei vielen Geschäftstreffen gewesen war.

„Ein anderes Mal, Vic. Ich habe keinen richtigen Appetit.“

„Verrätst du mir dann wenigstens, was los ist, oder willst du weiterhin nur die Stirn runzeln und schweigen?“, wollte der ältere Mann wissen.

„Hier steht etwas, das du lesen musst.“

Cole spürte, wie sein Stiefvater zögerte, ehe er das neu eingerichtete Büro betrat, das jetzt völlig anders aussah als zu der Zeit, in der Coles Mutter das Unternehmen geleitet hatte.

Seufzend schob er dem älteren Mann die Tageszeitung hin, schlug sie auf und zeigte auf den Artikel, dem er seine gegenwärtige schlechte Laune zu verdanken hatte.

Er beobachtete, wie Victor sich über die Zeitung beugte und eins der Fotos, die zum Artikel gehörten, ansah.

„Wow!“

„Genau“, erwiderte Cole ärgerlich. Doch dann entdeckte er ein Leuchten in den Augen seines Gegenübers.

„Jetzt sieh dir doch mal die langen Beine in diesem kurzen Rock und in den High Hells an. Ich verstehe nicht, wieso du dich über so was ärgerst. An der ist nichts auszusetzen. Was für ein Anblick!“, rief sein Stiefvater.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Cole das etwas kleinere der beiden Fotos an, das ihm bisher entgangen war. Das war also Stilettos Eigentümerin. Sein Blick glitt über die wilde Lockenmähne und das eher unfreundlich wirkende Gesicht der Frau. Sage Matthews sah genau so aus, wie Cole sie sich vorgestellt hatte – wie eine verwöhnte Nervensäge.

Er schob die Zeitung wieder seinem Stiefvater hin und deutete auf das größere der beiden Fotos. „Dieses Foto ist das Problem.“

„Die ältere Frau auf diesem Bild sieht irgendwie aus wie …“

„Ein Mann in Frauenkleidung“, beendete Cole den Satz seines Schwiegervaters. Auf dem Foto unter dem Artikel waren zwei Frauen abgebildet: eine jung, hübsch und modern, die andere älter, hässlich und altmodisch gekleidet. Es bestand kein Zweifel darüber, welche der beiden die Firma Espresso repräsentierte.

„Sie stempeln uns nicht nur als Marke für Senioren ab, sie stellen uns sogar durch eine der hässlichsten Frauen dar, die ich je gesehen habe!“

„Na, du hast ja gerade gesagt, er sei keine Frau“, entgegnete Victor schmunzelnd.

Eine Ader an Coles Schläfe zuckte und er spürte, wie die Wut in ihm hochstieg − nicht nur auf die Konkurrenz, sondern auch auf seinen Stiefvater. „Glaubst du das wirklich?“, fragte er in sarkastischem Ton. „Und woran hast du das gesehen? An der grauenhaften Perücke oder an dem verdammten Spitzbart?“

„Na ja, das ist nicht gerade ein Kinnbart, es sind nur ein paar Bartstoppeln.“

„Verteidigst du dieses Foto jetzt?“

Grinsend sah Victor seinen Stiefsohn an. „Tut mir leid, mein Junge, so war das nicht gemeint.“ Bei diesen Worten zog er eine Lesebrille aus seiner Hemdtasche und wandte seine Aufmerksamkeit dem Artikel zu.

„Okay, sie haben uns ein bisschen in den Dreck gezogen“, gab er ein paar Minuten später zu. „Lass dich von ihnen nicht ärgern. Das ist keine große Sache.“

„Keine große Sache?“ Cole schäumte jetzt vor Wut. Die Überschrift war rot und fett gedruckt: Nicht für Großmütter – Stiletto Cosmetics macht Espresso gewaltig Konkurrenz.

„Während Cole Sinclair verzweifelt versucht, die Firma seiner Familie, Espresso Cosmetics, vor dem Untergang zu retten, macht eine neue Kosmetikmarke riesige Schlagzeilen“, zitierte Cole einen Satz in dem Artikel.

Entschlossen nahm Victor seine Brille ab, faltete die Zeitung und schob sie sich unter den Arm. „Wir hatten gerade unsere erste erfolgreiche Kollektion seit beinahe einem Jahrzehnt. Und das haben wir dir zu verdanken.“

„Doch die Presse hat das mit keinem Wort erwähnt, obwohl unser PR-Team sich große Mühe gegeben hat“, widersprach Cole.

„Aber es war trotzdem ein großes Erfolgserlebnis für die Angestellten, die schon lange keines mehr hatten. Du solltest stolz auf dich sein, statt dir wegen eines blöden Artikels und eines albernen Fotos Gedanken zu machen.“

America Today erscheint landesweit. Dazu kommen noch die Online-Ausgaben hier und im Ausland.“

„Jetzt hör auf damit. Espresso feiert ein großes Comeback“, erklärte Victor.

„Ein Comeback? Träumst du?“ Ungläubig starrte Cole den älteren Mann an. „Davon sind wir meilenweit entfernt.“

„Unsere Weihnachtskollektion war ausverkauft. Das nenne ich einen guten Start in die richtige Richtung.“

Cole zuckte mit den Schultern. „Der Erfolg der Weihnachtskollektion war ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Er wünschte sich einfach nur, dass Espresso in der Kosmetikindustrie wieder etwas galt. Es war zu spät, um die harten Worte, die er seiner Mutter bei ihrem letzten Zusammentreffen an den Kopf geworfen hatte, zurückzunehmen. Er hoffte inständig, wenigstens ihr Vermächtnis noch retten zu können.

„Wir brauchen ein Wunder, um aus den roten Zahlen zu kommen und unser Alte-Damen-Image loszuwerden“, sagte Cole seufzend, gab etwas in seinen Computer ein und stand auf. „Ich wollte dir eigentlich später eine Kopie hiervon schicken, aber du kannst es dir auch jetzt ansehen.“

Victor nahm auf Coles Stuhl am Schreibtisch Platz und holte erneut seine Brille hervor.

„Das ist eine Umfrage unter Kunden, die in der Weihnachtszeit in verschiedenen Kaufhäusern Kosmetika gekauft haben“, erklärte Cole dem älteren Mann. Er lehnte sich über Victors Schulter und klickte mit der Maus. „Das hier sind nur ein paar der Kommentare, die Kundinnen abgegeben haben, als sie zu Espresso befragt wurden.“

„An ihren Verkaufstresen in den Kaufhäusern ist weniger los als in einer Leichenhalle“, las Victor, ehe er mit einer anderen Bemerkung fortfuhr: „Ich wusste gar nicht, dass es die überhaupt noch gibt.“

Mit dem Zeigefinger deutete Cole jetzt auf das, was eine zweiundzwanzigjährige Käuferin zum Thema Espresso zu sagen gehabt hatte. Diesmal las er den Text vor: „Ich bin nur hier, um für meine Großmutter ihren Lieblingslippenstift zu besorgen. Sonst würde ich niemals dieses Oma-Zeug kaufen. Ich bin ein Stiletto-Fan, durch und durch.“

Sein Stiefvater stieß einen tiefen Seufzer aus. „Deshalb bist du so sauer.“

Cole nickte. „Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass es zu spät ist, um die Meinung, die die Leute von uns haben, zu ändern. Unser Senioren-Image hat sich bei den Kunden schon zu tief eingeprägt.“

„Aber …“, versuchte Victor zu widersprechen, doch Cole hob die Hand.

„Lass mich ausreden. Wieso sollen wir uns weiter die Köpfe an einer Betonwand einschlagen? Stiletto gilt bereits als Marke für moderne, trendige Menschen und wird bei der jungen Zielgruppe, hinter der wir her sind, immer beliebter.“

„Worauf willst du hinaus, mein Junge?“

Cole lächelte. Wieso war er nicht schon früher darauf gekommen?

„Man nennt es die Akquirieren-um-zu-wachsen-Strategie. Die musste ich während meiner Zeit bei Force Cosmetics anwenden. Um es einfach auszudrücken: Wenn wir die Konkurrenz nicht schlagen können, müssen wir sie aufkaufen.“

Er hielt kurz inne, um Victor Gelegenheit zu geben, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen. Dann fuhr er fort: „Wir würden den Namen Stiletto und auch die Verpackungen beibehalten, gleichzeitig aber die Marke Espresso aufpolieren und ihr ein Image als Make-up für die klassische oder reifere Frau oder so was in der Art verpassen.“

„Aber wie willst du das anstellen?“ Victor sah seinen Stiefsohn skeptisch an. „Du hast doch gehört, was Doyle gesagt hat: Die Kosmetikabteilung schreibt rote Zahlen. Die Espresso-Day-Spas deiner Schwester haben uns eine Weile lang über Wasser gehalten, bis du zurückgekommen bist, um den Ruin abzuwenden.“

Cole verschränkte die Arme über der Brust. Während sich Espressos finanzielle Lage in seiner Abwesenheit dramatisch verschlechtert hatte, war sein Privatvermögen gewaltig angewachsen. „Mach dir keine Sorgen, ich kümmere mich darum. Ich werde Ms. Matthews ein Angebot machen, dem sie nicht widerstehen kann.“

Sage saß an ihrem Schreibtisch und hatte gerade ein Telefonat beendet, als ihre Assistentin Amelia mit einem rosafarbenen Zettel in der Hand ihr Büro betrat. Ein breites Grinsen betonte die Grübchen in ihren Wangen. „Gut, dass Sie endlich fertig sind.“

„Was gibt’s?“ Neugierig sah Sage ihre Assistentin an und stützte ihre Ellbogen auf dem Schreibtisch ab.

„Sie werden niemals erraten, wer für Sie angerufen hat!“ Die Neunzehnjährige trat vor Aufregung von einem Fuß auf den anderen. „Nicht in einer Million Jahren.“

„Na, dann lass mich nicht …“ Sage hielt mitten im Satz inne und blickte auf die Uhr. „Moment mal. Was tust du denn noch hier? Dein Unterricht beginnt in fünf Minuten.“

Amelia hatte mit siebzehn angefangen, ein paar Stunden pro Woche bei ihr zu arbeiten. Sage war begeistert von der Kleinen gewesen und hatte sie vor Kurzem zu ihrer Assistentin befördert − unter der Bedingung, dass Amelia nebenher College-Kurse besuchte.

„Zu Befehl, General! Aber zuerst muss ich Ihnen erzählen, wer angerufen hat, sonst explodiere ich.“

„Um Himmels willen, spuck’s schon aus, damit du endlich gehen kannst. Und wenn du mich schon General nennst, dann tu es wenigstens hinter meinem Rücken wie alle anderen hier.“

„Cole Sinclair“, platzte es aus Amelia heraus.

Sage las die Notiz, die Amelia ihr hinhielt, und grübelte, woher ihr der Name bekannt vorkam. Auf einmal fiel es ihr wieder ein. „Du meinst von Espresso Cosmetics?“ Die Firma seiner Familie war in einem Artikel über Stiletto, der vor ein paar Tagen in America Today erschienen war, kurz erwähnt worden.

„Hat er gesagt, was er will?“

„Nur, dass es wichtig sei“, erwiderte Sages Assistentin. „Was glauben Sie?“

Sage zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist er wegen des Artikels in America Today sauer. Espresso ist darin nicht gerade gut weggekommen.“

„Oder vielleicht …“ Amelia legte eine dramatische Pause ein. „Vielleicht hat er das Foto von Ihnen in der Zeitung gesehen und sich total in Sie verknallt. Und jetzt will er sich mit Ihnen verabreden. Stellen Sie sich das mal vor.“ Die junge Frau kreischte begeistert. „Ein großer, gut aussehender Firmeninhaber ist von Ihrem Foto völlig hingerissen, verliebt sich hoffnungslos in Sie und ist fest dazu entschlossen, Ihr Herz im Sturm zu erobern.“

Sage starrte in das verträumte Gesicht der jungen Frau und konnte es nicht glauben, was für einen Unsinn sie von sich gab. Wie konnte ein Mädchen, das so klug war, gleichzeitig so dumm sein? Einen Moment lang wartete sie ab und suchte nach diplomatischen Worten, denn sie wollte Amelia auf keinen Fall verletzen.

Aber ihr fiel nichts Diplomatisches ein.

„Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe“, brach es aus ihr hervor.

„Es könnte doch passieren.“

„Ja, und vielleicht kommt er in einer Ritterrüstung oder mit bloßem Oberkörper auf einem Schimmel in mein Büro geritten, genau wie in den blöden Liebesromanen, die du ständig liest.“

„An den Romanen ist nichts blöd! Und je mehr ich darüber nachdenke, desto eher bin ich der Meinung, dass ein Date genau das ist, was Sie brauchen. Dann würden Sie vielleicht etwas lockerer werden und die Leute hier würden unter Umständen aufhören, Sie hinter Ihrem Rücken General zu nennen.“

Sie konnten sie nennen, wie sie wollten. Das war Sage völlig egal, solange sie ihre Arbeit gut erledigten. „Du solltest deine Nase mehr in deine Schulbücher stecken als in diese Kitschromane.“

„Ich gehe sofort, aber zuerst muss ich Ihr Treffen mit Mr. Sinclair planen.“

Amelia zog das Telefon aus ihrer Hosentasche. „Er möchte Sie so bald wie möglich sprechen.“ Mit einem Eingabestift, den sie hinter ihrem Ohr hervorgezogen hatte, tippte sie jetzt auf das Display. „Ihr Terminplan ist bereits brechend voll, aber ich könnte ein paar Dinge verschieben, damit Sie sich heute noch oder gleich morgen früh mit ihm treffen können.“

Sage hob warnend den Zeigefinger. „Jetzt mal langsam. Ich habe mich noch nicht einmal entschieden, ob ich mich überhaupt mit ihm treffen werde.“

Entgeistert starrte die junge Frau sie an. „Das ist jetzt ein Witz, oder?“

„Du weißt besser als sonst irgendjemand, dass ich nur selten Witze mache.“

„Sind Sie denn gar nicht neugierig? Ich kann’s kaum erwarten zu erfahren, was er will.“

Sage musterte Amelia mit scharfem Blick. „Du wirst aber leider warten müssen, weil du jetzt zu deinem Unterricht gehst. Und zwar sofort.“

Murrend verließ das Mädchen das Büro.

Sage hatte keine Ahnung, weshalb Cole Sinclair bei ihr angerufen hatte. Aber im Gegensatz zu Amelia hing sie nicht irgendwelchen Fantasien nach, denn sie lebte in der realen Welt.

Und in dieser realen Welt wollten reiche Leute nur mit armen über Geschäfte sprechen, wenn sie etwas Wertvolles von ihnen wollten.

2. KAPITEL

Mit Geld ließ sich zwar kein Glück kaufen, doch Cole wusste, dass man ansonsten fast alles damit erreichen konnte.

Beschwingten Schrittes ging er zu Fuß zum Restaurant, in dem er sich mit Sage zum Mittagessen verabredet hatte. Er war sich sicher, dass er auf dem Rückweg der neue Inhaber von Stiletto Cosmetics sein würde.

Sage faszinierte Cole, denn sie hatte ihn eine Woche lang hingehalten − und das war er ganz und gar nicht gewohnt. Normalerweise schob ihn niemand aufs Abstellgleis. Wenn er mit dem Finger schnippte, kamen die Leute angerannt, insbesondere die Frauen.

Eine weitere Begleiterscheinung einer dicken Brieftasche.

Entweder hatte Ms. Matthew also die zahlreichen Artikel, die über ihn erschienen waren, nicht gelesen, oder sie war einer der wenigen Menschen, die sich von Geld nicht beeindrucken ließen.

Ein Schwall warmer Luft kam ihm entgegen, als er die Tür des Restaurants öffnete und die Gaststätte betrat. Sofort entdeckte er die Frau, die ihm den Rücken zuwandte und mit der Empfangsdame sprach.

Ihre wilde Frisur und ihre langen wohlgeformten Beine hätte Cole überall wiedererkannt. Sie trug einen kurzen roten Wollmantel und glänzende Lacklederstiefel mit hohen Absätzen.

„Mr. Sinclair ist noch nicht hier, aber ich nehme Ihnen gern den Mantel ab und führe Sie zu dem Tisch, den er in unserem privaten Esszimmer für Sie reserviert hat“, hörte Cole die Empfangsdame sagen, die ihn offensichtlich noch nicht gesehen hatte.

„Nein danke“, lehnte Sage Matthews freundlich ab und blickte auf ihre Armbanduhr. „Wir sind in fünf Minuten verabredet. Wenn er bis dahin nicht hier ist, gehe ich.“

Cole räusperte sich und zog damit die Aufmerksamkeit der beiden Damen auf sich. „Ich bin hier“, mit diesen Worten sah er zunächst auf seine eigene Uhr und dann zu Ms. Matthews. „Vier Minuten zu früh.“

Ihre Blicke trafen sich, doch in ihrem Blick lag nicht die Spur von Unsicherheit. Stattdessen spiegelte sich in ihren schokoladenbraunen Augen Herausforderung wider. „Gut. Zeit ist Geld, Mr. Sinclair. Und meine ist kostbar.“

Cole zuckte innerlich zusammen. Diese Aussage hätte auch von ihm stammen können und er hätte sie genau so ausgesprochen − direkt und unverblümt. „Na, dann lassen Sie sie uns nicht verschwenden“, war alles, was er darauf erwiderte.

Ein paar Minuten später saßen sie in dem kleinen privaten Esszimmer, das er gern für Geschäftstreffen benutzte.

Auf dem Weg zu ihrem Tisch war Cole nicht entgangen, wie selbstsicher seine Begleitung zwischen den Tischen hindurchgegangen war, ganz so, als gehörte ihr das Restaurant. Auch die anerkennenden Blicke der Männer im Raum waren ihm aufgefallen.

Er musste zugeben, die Frau hatte etwas sehr Reizvolles an sich.

Aber er verfolgte eine Absicht mit diesem Mittagessen und würde sich auf keinen Fall von irgendetwas ablenken lassen. Nicht mal von den hübschen Beinen, die in dem Minikleid und den fantasieanregenden hochhackigen Lacklederstiefeln unglaublich gut zur Geltung kamen.

Ein Kellner brachte ihnen die Speisekarten und nahm ihre Getränkebestellung auf, ehe er wieder verschwand.

„Danke, dass Sie sich mit mir treffen, Ms. Matthews“, begann Cole das Gespräch. Er brauchte die Speisekarte gar nicht aufzuklappen, denn er wusste bereits, was darin stand. Die meisten vornehmen Restaurants boten dasselbe an. Eine klitzekleine Portion Fleisch oder Fisch auf irgendeinem Gemüsepüree mit zwei Salatblättern dazwischen. Die Gerichte sahen meistens so aus, als seien sie für irgendeine Kunstgalerie bestimmt und nicht zum Essen gedacht.

Cole hätte sich mit seinen Geschäftspartnern lieber bei einer anständigen Mahlzeit unterhalten, wie einem Burger, einem Clubsandwich oder einer Pizza.

Er betrachtete die Frau, die ihm gegenübersaß und die Speisekarte durchlas. Wieder überraschte ihr Verhalten ihn, denn die meisten Leute hätten das Schweigen mit irgendwelchem Small Talk ausgefüllt.

Sein Blick fiel auf ihre vollen Lippen, die sie, passend zu ihrem Kleid, in einem kräftigen Rotton geschminkt hatte.

Als sie aufblickte, fühlte er sich zwar ertappt, sah jedoch unverwandt auf ihren Mund. „Ich habe gerade den Farbton Ihres Lippenstiftes bewundert“, erklärte er in dem Bemühen, sie − und vor allem sich selbst − davon zu überzeugen, dass das Interesse an ihrem Mund rein berufliche Hintergründe hatte.

Ms. Matthews zog eine ihrer perfekt gewölbten Augenbrauen hoch. „Das ist einer von Stilettos Bestsellern. Die Farbe heißt ‚Kess‘.“

Cole leckte sich die Lippen, sein Mund war auf einmal völlig trocken. Das kann ich mir gut vorstellen, dass du das bist.

Hatte er das laut gesagt? Doch sie blieb ungerührt, und Cole atmete erleichtert auf.

Der Kellner kam mit ihren Getränken. Cole nutzte die Gelegenheit, während sie beide bestellten, sich selbst zur Vernunft zu ermahnen.

Konzentrier dich. Das ist ein Geschäftsessen und kein Date. Schnell griff er nach seinem Wasserglas und nahm einen großen Schluck. Nein, er würde sich nicht mehr von glänzenden hochhackigen Stiefeln oder roten Lippen ablenken lassen.

„Wie wär’s, wenn Sie mir jetzt erzählen, weshalb Sie sich mit mir treffen wollten, Mr. Sinclair?“

Cole schluckte. Trotz seiner guten Vorsätze war er mit seinen Gedanken schon wieder woanders gewesen.

„Wie bitte?“ Seine Worte waren ein raues Krächzen.

„Da wir festgestellt haben, dass wir beide nicht gern Zeit verschwenden, hatte ich angenommen, wir würden das höfliche Geplänkel überspringen und gleich zur Sache kommen.“

Wieder erlebte er ein merkwürdiges Déjà-vu. Wie oft hatte er genau dasselbe gesagt? Man konnte geradezu meinen, er säße einer weiblichen Version seiner selbst gegenüber.

„Ich möchte Stiletto kaufen“, mit diesen Worten lehnte er sich nach vorn und verschränkte die Arme auf dem Tisch.

Ihre Augen weiteten sich, doch sie erholte sich schnell von dem Schreck, lehnte sich ebenfalls nach vorn und verschränkte die Arme auf dem Tisch.

„Dann war dieses Treffen wirklich eine Zeitverschwendung für uns beide, Mr. Sinclair, denn meine Firma steht nicht zum Verkauf.“

Das denkst auch nur du, dachte Cole. „Nicht so hastig, Ms. Matthews“, entgegnete er. „Sie wissen schließlich noch nicht, was ich Ihnen anzubieten habe.“

„Das ist völlig unerheblich.“

„Oh, das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Na gut, schießen Sie los.“

Cole fühlte sich durch ihren leicht verhöhnenden Ton herausgefordert. Er konnte es kaum erwarten, den Ausdruck auf ihrem Gesicht zu sehen, wenn er ihren Erwartungen nicht nur entsprach, sondern diese auch noch übertraf.

Sie sahen einander in die Augen und keiner wandte den Blick ab. Cole war sich sicher, dass er das Restaurant mit dem, was er wollte, verlassen würde. Aus der Innentasche seiner Anzugjacke zog er nun ein zusammengefaltetes Stück Papier heraus und schob es ihr über die weiße Tischdecke zu.

Ihre Fingerspitzen streiften seine Hand, als sie es entgegennahm, was in Cole eine knisternde Spannung auslöste. Forschend sah er sie an. Hatte sie das auch gespürt? Zum ersten Mal, seit sie sich getroffen hatten, wandte sie als Erste den Blick ab.

Offensichtlich war auch ihr der spannungsgeladene Moment nicht entgangen.

Noch immer spürte er ein Kribbeln an der Hand, dort, wo sie ihn versehentlich berührt hatte. Cole beobachtete, wie sie die Schultern straffte und sich aufrichtete. Während sie das Blatt Papier entfaltete, fiel ihm auf, dass ihre Fingernägel auch rot lackiert waren.

Diesmal konnte Sage Matthews ihre Reaktion nicht verbergen. Das Papier fiel ihr aus der Hand auf den Tisch und ihr reizender roter Mund blieb offen stehen.

„Oh, mein Gott“, stotterte sie und starrte Cole an. „Das ist ein Witz, oder?“

„Ich mache niemals Witze, wenn es ums Geschäft geht, Ms. Matthews.“ Genugtuung breitete sich in ihm aus.

Cole hob das Blatt Papier vom Tisch auf und reichte es ihr erneut. Als der Kellner mit ihrem Essen kam, blickte Sage immer noch unverwandt auf das Angebot.

„Lassen Sie die Zahl einfach erst einmal auf sich wirken und genießen Sie das Essen.“ Cole gab sich alle Mühe, nicht selbstgefällig zu klingen. „Wir können darüber sprechen, wenn wir gegessen haben.“

Die Überraschung, die gerade noch in Sages Blick gelegen hatte, verwandelte sich augenblicklich in Desinteresse. Aber Cole hatte das schon oft erlebt und wusste genau, was ihr durch den Kopf ging.

„Soll mir recht sein“, antwortete Sage, faltete das Papier und legte es beiseite.

Cole konzentrierte sich auf das schön verzierte Stück Fisch, das auf dem Teller vor ihm lag. Als er nach seiner Gabel griff und kurz aufsah, fiel ihm auf, wie Sage stirnrunzelnd ihr Essen betrachtete, es aber nicht anrührte.

„Ist alles in Ordnung?“

Sage rümpfte die Nase und zum ersten Mal sah er, dass sie ein paar Sommersprossen hatte. „Wollen Sie die Wahrheit hören?“

„Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie nur ehrlich sein können“, erwiderte Cole lachend.

„Mir ist bewusst, dass Sie an solche sogenannten kulinarischen Erlebnisse gewöhnt sind. Aber ich bin ein einfaches Mädchen vom Land und ich hätte genauso gern ein Sandwich oder einen Burger gegessen.“

„Unglaublich“, murmelte Cole.

Abwehrend hob Sage die Hand. „Seien Sie jetzt bitte nicht beleidigt. Es ist mir persönlich einfach lieber.“ Sie nahm die Gabel in die Hand und stocherte vorsichtig in etwas herum, das wie pürierter Spinat aussah. „Sicher ist all das, was unter dieser raffinierten Garnitur steckt, sehr lecker.“

Cole warf den Kopf in den Nacken und lachte laut auf. Schade, dass das kein Date war, denn Sage Matthews war einfach zu gut, um wahr zu sein. Wenn er nicht aufpasste, würde er sich noch in sie vergucken, und zwar sehr. „Also erstens ist an Ihnen, soweit ich das sehen kann, nichts Einfaches. Zweitens haben Sie und ich genau denselben Geschmack, was das Essen angeht.“

„Wirklich?“ Ihr Blick erhellte sich und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Er nickte und sah sich um. „Dieses Restaurant ist derzeit der Hit und die Leute, mit denen ich Geschäfte mache, sind davon beeindruckt. Sie lieben die Exklusivität und das Essen.“ Cole zuckte mit den Schultern. „Was mich betrifft? Ich esse lieber einen Cheeseburger mit frittierten Zwiebelringen als so ein Zeug.“

„Das ist mein Lieblingsessen“, meldete sich Sage zu Wort. „Das habe ich einer elektronischen Reklametafel zu verdanken, an der ich täglich auf der Fahrt zur Arbeit vorbeikomme, und auf der Werbung für ein neues Burger-Restaurant gemacht wird. Seit einer Woche gehe ich da jeden Tag zum Mittag- und Abendessen hin.“

„Burger Tower?“

Sage nickte eifrig. „Haben Sie schon mal dort gegessen?“

„Bisher hatte ich noch keine Gelegenheit dazu, aber ich sehe dieselbe Werbetafel von meinem Bürofenster aus − und mir läuft beim Anblick des Burgers immer das Wasser im Mund zusammen.“

Mit verschwörerischer Miene lehnte sie sich über den Tisch und ihre Augen glänzten. „Ich verrate Ihnen etwas: Die machen süchtig.“

Normalerweise handelte Cole selten spontan, aber Sage Matthews hatte so etwas Erfrischendes an sich. Sie schien sich überhaupt nicht dafür zu interessieren, wie viel Geld er hatte. Am meisten beeindruckte ihn an ihr, dass sie ihre Meinung sagte und es ihr ganz egal zu sein schien, was er oder andere darüber dachten.

Natürlich war ihm völlig bewusst, dass er sie um ein Geschäftsessen gebeten hatte, aber er ertappte sich dabei, dass er sich wünschte, sie wiedersehen zu können.

„Sie können mich Cole nennen, denn sobald wir unser Geschäft abgeschlossen haben, möchte ich Sie in dieses Burger-Restaurant einladen, um unser beider Sucht zu befriedigen.“

Verwundert sah Sage ihn an. „Sie meinen ein Date?“

Sein gesunder Menschenverstand meldete sich sofort wieder. Dies war weder die richtige Zeit noch der richtige Ort dafür. Persönliche und berufliche Dinge miteinander zu vermischen, verstieß gegen die grundlegende Regel beim Geschäftemachen. Eine Regel, gegen die er noch nie verstoßen hatte. Bis heute.

Er hätte es besser wissen sollen.

Aber er konnte nicht anders, als ihr zu sagen, was ihn beschäftigte.

„Sie haben es doch sicher auch gemerkt. Ich bin mir nicht mal sicher, wie ich es nennen soll. Eine Art Vertrautheit?“ Er hatte Mühe, die richtigen Worte zu finden, um die ganzen Zufälle zu beschreiben. Er hoffte einfach nur, dass er nicht wie ein Vollidiot klang.

„Es ist beinahe so, als blickte ich in einen Spiegel“, sagte Sage mit leiser Stimme.

Cole atmete auf und nickte.

„Nicht körperlich natürlich“, fügte sie schnell hinzu. „Aber wir haben wohl wirklich ganz schön viel miteinander gemein.“

„Mehr als das …“ Auf keinen Fall wollte er Vermutungen äußern oder zu aufdringlich wirken.

Ihr Blick fiel auf seine Hand. „Ich habe es auch gespürt“, flüsterte Sage.

„Und genau das ist der Grund, weshalb ich Sie während eines Geschäftsessens um ein Date bitte. Ich würde Sie gern besser kennenlernen.“

Das Glänzen in ihren Augen verschwand. „So gern ich das auch täte, aber das wird wohl nicht passieren.“

„Weshalb nicht? Sind Sie mit jemand anderem zusammen?“ Natürlich, das musste es sein, dachte Cole. Sie trug zwar keinen Ring am Ringfinger, aber das hieß noch gar nichts.

„Nein, bin ich nicht. Um ehrlich zu sein, sind Sie der erste Mann seit Langem, der mein Interesse geweckt hat.“

„Was ist dann das Problem?“

„Oh, ich habe kein Problem“, meinte Sage. „Aber Sie werden eins haben, wenn ich Ihr Angebot, Stiletto aufzukaufen, ablehnen werde.“

„Sind Sie sich sicher, dass Sie das tun wollen?“

Seine Stimme war samtweich, und ihr tiefer melodischer Klang brachte Sage durcheinander. Auf keinen Fall konnte sie sich wie Amelia verhalten. Und trotzdem hatte sie einen Moment lang zugelassen, sich der albernen Vorstellung von unmittelbarer Anziehung und glücklicher Fügung hinzugeben.

Reiß dich zusammen. Es waren nur eine Berührung und ein paar Zufälle.

Einen Augenblick später hatte sie sich wieder im Griff. Sie musste Cole jetzt einfach ihren Standpunkt klarmachen, ehe er ihr noch ihre Firma und ihre Unterwäsche ausredete.

„Meine Entscheidung steht fest. Kein Verkauf.“

Cole zog die Augenbrauen hoch. „Die Zahl, die ich Ihnen genannt habe, ist lediglich eine Ausgangsbasis, an die ich gern eine Null anhänge.“

Sage schluckte, denn das Angebot war bereits mehr als großzügig und auf jeden Fall höher, als ihre Firma derzeit wert war.

Was in der hohen Summe nicht mit einkalkuliert war, waren die immateriellen Werte. Sage hatte keine Familie und hatte ihre wenigen Freunde und Beziehungen geopfert, um all ihre Zeit und Energie in ihr kleines Unternehmen stecken zu können.

Für einen Mann wie Cole Sinclair war Stiletto einfach ein Handelsobjekt, das sich leicht kaufen und verkaufen ließ, doch für Sage bedeutete die Firma alles.

Cole lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme und betrachtete Sage. „Denken Sie darüber nach. Es handelt sich hier um sehr viel Geld. Sie könnten sorglos in der Welt herumreisen.“

„Und wie hat das bei Ihnen funktioniert?“

Cole schwieg. Ein leichtes Muskelzucken seines Kiefers verriet Sage, dass ihm ihre Frage unangenehm war. „Sie haben doch die vergangenen paar Jahre auf Ihrem Segelboot verbracht, oder? Wo waren Sie noch unterwegs? Italien? Griechenland?“

„Beides.“

„Und statt Ihr idyllisches, unbekümmertes Leben weiter zu genießen, sind Sie jetzt wieder in Nashville und leiten Espresso.“ Sage lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme, ließ ihre Hände jedoch sofort wieder sinken, als sie merkte, dass ihre Haltung die von Cole widerspiegelte. „Und jetzt wollen Sie auch noch meine Firma.“

„Der einzige Grund, warum ich wieder hier bin, ist der, dass meine Familie mich braucht. Die Firma, in die meine Mutter ihr Herzblut gesteckt hat, benötigt meine Hilfe.“

„Dann verstehen Sie sicher, wieso ich Stiletto nicht verkaufen werde“, erwiderte Sage. „Ich habe Jahre damit verbracht, das Unternehmen aufzubauen. Jetzt, wo es endlich vielversprechend für die Firma aussieht, werde ich sie sicher nicht einfach an Sie abgeben.“

„Verkaufen Sie sie mir. Wir wissen beide, dass der Betrag das Dreifache von dem ist, was Ihre kleine Firma wirklich wert ist.“

Eine Frage brannte Sage auf der Zunge, seit sie die gigantische Summe zum ersten Mal auf dem Zettel gelesen hatte. „Wenn meine Firma so klein und belanglos ist, wieso wollen Sie dann so viel Geld dafür bezahlen?“

In diesem Moment kehrte der Kellner an den Tisch zurück. Auf ein fast unmerkliches Nicken von Cole hin räumte der Mann die Teller ab und verließ wieder diskret den Raum. Weder Cole noch Sage hatten mehr als einen Bissen von ihrem Essen genommen.

Sage erwiderte den unnachgiebigen Blick ihres Gegenübers. Schweigen erfüllte den Raum, und die Spannung zwischen ihnen war beinahe greifbar. Sage fragte sich, ob er ihr die Wahrheit sagen oder ihr irgendeinen Mist erzählen würde.

Irgendwie hoffte sie, er würde Letzteres tun, denn dann würde es leichter werden, ihn abzuweisen und jegliche Anziehung, die er auf sie ausübte, zu vergessen.

„Es ist kein Geheimnis in der Branche, dass wir ein Problem mit unserem Image haben. Der Artikel in America Today hat das ja auch hervorgehoben. Wenn wir Stiletto aufkaufen, bekäme Espresso dadurch sofort Zugang zu einer jüngeren Zielgruppe, die wir unbedingt brauchen.“

Eigentlich hätte Sage das nicht überraschen sollen. Bisher war das Verhalten dieses Mannes ihr gegenüber geradlinig gewesen. Seine ehrliche Antwort machte ihn für Sage noch sympathischer.

Obwohl sie sich innerlich dagegen wehrte, merkte sie, dass sie Cole Sinclair wirklich mochte. Allerdings nicht genug, um ihm ihre Firma zu verkaufen.

„Selbstverständlich verstehe ich Ihr Dilemma, doch Sie werden leider eine andere Lösung für Espressos Probleme finden müssen. Stiletto steht nicht zum Verkauf, egal, wie hoch das Angebot ist.“

„Das sagten Sie bereits.“ Ihre Aussage schien ihn zu verblüffen.

Doch Sage wusste, dass er nicht so leicht aufgeben würde, denn sie hätte es an seiner Stelle auch nicht getan.

„Seien Sie doch vernünftig. Das ist nicht nur eine einzigartige Gelegenheit für Sie, sondern auch für Ihre Firma. Ich bewundere es natürlich, was Sie für Stiletto mit so wenig Mitteln erreicht haben, glaube jedoch, dass Sie an die Obergrenze gestoßen sind. Auf keinen Fall werden Sie das Unternehmen weiterbringen.“

Und mir nichts, dir nichts mochte Sage ihn nicht mehr so gern.

„Aber Sie können das?“

„Ja“, antwortete er nur. Der Mangel an Arroganz in seinem Tonfall ärgerte sie mehr als seine Worte.

Sage schnaubte verächtlich. „Geld?“

„Geld zusammen mit zwei anderen Dingen, die Sie nicht haben – Infrastruktur und Erfahrung.“

Während er fortfuhr, hörte Sage ihm aufmerksam zu.

„Espresso hat vielleicht ein Image-Problem, aber es hat Vertriebskanäle. Wir haben Verkaufstresen in unzähligen Kaufhäusern und zudem die Espresso-Day-Spas.“

„Aber jetzt, da die Sängerin Crave meine Firma erwähnt hat, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich diese Dinge auch habe“, konterte Sage.

Cole lachte, als habe sie ihm einen Witz erzählt, und der tiefe, kräftige Klang seines Lachens löste dasselbe ungewollte Kribbeln in ihr aus wie seine Berührung. Gleichzeitig machte es sie noch wütender.

„Vielleicht in zehn Jahren oder so“, räumte Cole ein. „Ich kann es jetzt sofort schaffen.“

Widerwillig musste Sage zugeben, dass er nicht unrecht hatte. Natürlich sprach sie das nicht aus, denn diese Genugtuung würde sie Cole niemals verschaffen.

„Wie Sie schon sagten, ich bin noch jung und habe alle Zeit der Welt.“ Sie ließ ihren Blick über den Zettel mit seinem Angebot schweifen, der immer noch vor ihr auf dem Tisch lag, und sah dann zu ihm auf. „Und außerdem braucht man mehr als nur eine dicke Brieftasche, um ein Unternehmen weiterzubringen.“

„Stimmt. Eine dicke Brieftasche und Erfahrung.“

„Erfahrung womit?“ Sage sah ihn herausfordernd an. „Vom Glück begünstigten Investitionen? Weltenbummeln?“

In seinem Blick spiegelte sich Ärger wider, doch genauso plötzlich, wie er in seinen Augen aufgetaucht war, war er auch wieder verschwunden und Cole musterte sie ausdruckslos. Der Mann hatte seine Emotionen im Griff.

„Ich bin an der Seite meiner Mutter in dieser Branche groß geworden“, erklärte er seufzend und sprach dabei langsam, als würde er ein unartiges Kind zurechtweisen. „Während meiner Auszeit von Espresso habe ich tatsächlich ziemlich raffiniert investiert, und die Investition hat sich sehr gelohnt. Das hat es mir ermöglicht, ein wenig in der Welt herumzureisen.“

Er hielt kurz inne, ehe er fortfuhr. „Allerdings habe ich sieben der neun Jahre, die ich weg war, damit verbracht, mich die Karriereleiter bei Force Cosmetics bis zum Vizepräsidenten der Akquisitionsabteilung hochzuarbeiten.“

Als sie das hörte, blieb Sage der Mund vor Staunen offen stehen.

Verdammt! Bei ihrer Suche im Internet nach Cole Sinclair hatte sie Dutzende Berichte entdeckt, doch in keinem hatte etwas von seiner Position bei Force gestanden − der Firma, die derzeit die Kosmetikbranche beherrschte.

„Die Artikel, die in der Presse über mich erscheinen, lassen diesen Teil meiner Biografie merkwürdigerweise meistens aus und beschäftigen sich lieber mit meinen Investitionen.“

Auch Sage kam das merkwürdig vor. Wieso hatte er für einen internationalen Giganten wie Force Cosmetics gearbeitet, wenn seine Mutter die Chefin von Espresso war? Doch sie sagte nichts, denn das ging sie schließlich nichts an.

„Unterschätzen Sie mich nicht. Ich habe einiges mehr zu bieten als nur Geld.“

„Das werde ich nicht vergessen.“ Sage gestand diese Runde des Rededuells zwischen ihnen innerlich Cole zu, trotzdem würde er deshalb nicht bekommen, was er wollte.

Cole lehnte sich zurück und ein charmantes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. In seinen Augen erkannte Sage jedoch eine unausgesprochene Herausforderung.

„Wenn ich Ihnen noch einen Rat geben darf: Lassen Sie nicht zu, dass Ihr Stolz Ihrem gesunden Menschenverstand im Weg steht.“ Wie auch sein Lächeln täuschte der tiefe melodiöse Bariton dieses Mannes über seine knallharten Worte hinweg. „Lassen Sie mich Stiletto übernehmen, denn Fakt ist: Ich kann Ihre Firma besser führen, als Sie das jemals könnten.“

Abrupt stand Sage auf. Seine herablassende Art und das Körnchen Wahrheit in seiner schonungslosen Aussage schmerzte, ganz so, als habe er sie mit Steinen beworfen.

„Dieses Treffen ist beendet“, erklärte sie, ehe sie hocherhobenen Hauptes auf die Tür des privaten Esszimmers zuging.

Sie hatte nicht vorgehabt, sich noch einmal umzudrehen, doch als sie seine Stimme hinter sich hörte, konnte sie nicht anders.

„Bedenken Sie bitte, dass ich, falls Sie mir Stiletto nicht verkaufen werden, meinen Alternativplan umsetzen werde. Einen Plan, der Ihnen vermutlich nicht gefallen wird.“

Sage blitzte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Sein Anblick, wie er da so am Tisch saß, so kühl und selbstbewusst, als stünde er über allem, machte sie unglaublich wütend. „Ich habe drei Worte für Sie und Ihre Oma-Make-up-Firma übrig, Mr. Sinclair: Legen Sie los.“

Immer noch lächelte er sie an. „Wenn das so ist, werde ich loslegen. Ich hoffe nur, dass Sie es verkraften werden.“

3. KAPITEL

Cole lief zügig zum Espresso-Gebäude zurück.

Legen Sie los!

Sages höhnische Bemerkung ging ihm nicht aus dem Kopf. Die Frau hatte sich nicht nur über seine völlig plausiblen Argumente hinweggesetzt, nein, sie hatte noch dazu sein extrem großzügiges Angebot abgelehnt. Das war für ihn wie ein Schlag ins Gesicht gewesen.

Wer rümpfte denn bei einer solchen Summe die Nase?

„Sage Matthews tut das“, murmelte er.

Wieder und wieder sah er Sage mit ihrer wilden Mähne, ihren hohen Lackstiefeln und ihrem roten Lippenstift vor sich, während er das Foyer des Espresso-Gebäudes betrat und in den Aufzug stieg.

Der Lift klingelte und die Türen öffneten sich kurze Zeit später im elften Stockwerk. Cole schob die Tür zum Vorraum der Vorstandsetage auf. Ein Stein fiel ihm vom Herzen, als er sah, dass die Tür zu Victors Büro geschlossen war, denn es grauste ihm davor, seinem Stiefvater von dem katastrophalen Treffen mit Sage zu berichten.

Oder davon, wie unprofessionell er sich verhalten hatte.

Cole schüttelte den Kopf. Wie hatte er sie nur um eine Verabredung bitten können? Es war völlig untypisch für ihn, so impulsiv zu handeln.

Allerdings hatte er sich auch noch nie so sehr mit einer Frau verbunden gefühlt. Sage Matthews hatte in einer Sache völlig recht gehabt: Was ihre Charaktereigenschaften und Vorlieben betraf, war es wirklich so, als würde er in einen Spiegel sehen.

„Sind diese Sorgenfalten auf Ihrer Stirn eintätowiert oder gelten die mir?“, unterbrach die raue Stimme der Sekretärin, die für ihn und seinen Stiefvater arbeitete, seine Gedanken.

Cole stöhnte innerlich auf und blieb an dem großen Schreibtisch stehen, der den Platz zwischen der Tür zu seinem und der zum Büro seines Stiefvaters einnahm. Er warf der silberhaarigen Sechzigjährigen einen Blick zu, bei dem alle anderen Angestellten von Espresso geflüchtet wären, doch Loretta Walker ließ sich davon nicht beeindrucken.

„Das ist mein ganz besonderes Gesicht nur für Sie. Für alle anderen lache ich.“

„Da habe ich aber Glück gehabt“, erwiderte die Sekretärin in ironischem Ton und hielt ihm dann ein paar geöffnete Umschläge hin. „Die hier müssen Sie sich ansehen. Um die anderen kümmere ich mich.“

„Sie können jederzeit in Rente gehen“, scherzte Cole, während er die Post durchging.

„Geht nicht, was würden Sie denn ohne mich machen?“

Dem konnte er nichts entgegenhalten. Seit beinahe drei Jahrzehnten saß Loretta bereits an diesem Schreibtisch und wusste immer genau, was zu tun war. Sie war klug und ließ sich von niemandem etwas gefallen.

Als Kind hatte Cole seine Mutter einmal gefragt, weshalb sie es zuließ, dass Loretta ihr so unverschämte Antworten gab. Seine Mutter hatte ihm erklärt, dass Loretta viel mehr sei als nur eine Sekretärin, denn sie sorgte dafür, dass alles im Büro rund lief. Dadurch konnte Coles Mutter sich ganz und gar auf die Führung des Betriebs konzentrieren.

„Doch was noch viel wichtiger ist: Loretta hat den Mut, ihre Meinung zu äußern, egal, welche Konsequenzen das hat“, hatte seine Mutter weiter ausgeführt. „Jeder sollte jemanden wie sie in seinem Leben haben.“

Damals hatte Cole seine Mutter für den weisesten Menschen gehalten, den er kannte. All ihre großen Entscheidungen waren gut gewesen − bis auf ihre letzte.

Er zwang sich, den Unmut zu verdrängen, und seine Gedanken wanderten zu der Frau zurück, die er heute Mittag kennengelernt hatte.

Sage Matthews hatte auch kein Problem damit gehabt, die Wahrheit zu sagen. Während ihres kurzen Treffens war er einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt gewesen. Wann hatte ihn jemand zum letzten Mal so fasziniert, genervt oder gefordert? Er musste zugeben, dass ihn das erregte.

„War das gerade eine nervöse Zuckung oder der Ansatz eines Lächelns?“

„Eine nervöse Zuckung“, antwortete Cole automatisch, obgleich er ganz genau wusste, dass die Erinnerung an Sage ein Lächeln auf seine Lippen gezaubert hatte.

Loretta knurrte. „Wenn Sie mit den ganzen Ticks fertig sind, können Sie mir vielleicht sagen, für wann ich Ihre Anwälte herbestellen soll, um über den Abschluss mit Stiletto zu sprechen.“

Coles Blick verfinsterte sich augenblicklich.

„Und?“, wollte Loretta wissen, als er nicht sofort antwortete.

„Es wird keinen Abschluss mit Stiletto geben“, gestand Cole. „Noch nicht.“

Das heisere Gelächter der Sekretärin erfüllte den Raum. „Sie hat Ihnen wohl die Hölle heißgemacht, was?“

Er würde das zwar nie offen zugeben, doch Sage Matthews hatte genau das getan.

„Schön, dass sie Ihnen einen Dämpfer verpasst hat“, fuhr Loretta fort, selbst als er sich abwandte, um in sein Büro zu gehen. „Wurde auch langsam Zeit, dass Sie mal Ihr Ebenbild finden.“

Cole schloss die Tür hinter sich, aber die Worte seiner Sekretärin hallten in ihm nach. Gut, sie hatten viel miteinander gemein, daran gab es nichts zu rütteln. Aber sein Ebenbild? Ms. Matthews hatte noch einen langen Weg vor sich, ehe sie ihm einen Dämpfer versetzen konnte.

Er schob seine Hände in die Hosentaschen und ging zum Fenster. Während er auf die grell blinkende Reklametafel gegenüber starrte, plante er seinen nächsten Schritt.

„Ich kann nicht glauben, dass Sie Cole Sinclair haben abblitzen lassen.“

Sage stand auf, stützte sich mit den Händen auf ihrem Schreibtisch ab und sah Amelia entgeistert an. Hatte die Kleine den Verstand verloren? „Hast du denn nicht gehört, was ich gerade gesagt habe? Der Mann hat damit gedroht, mir Stiletto wegzunehmen.“

„Na ja …“ Ihre Assistentin legte den Kopf zur Seite.

„Na ja was?“, fuhr Sage sie an. Sie war gespannt, was die junge Frau wohl zur Verteidigung von Coles unausstehlichem Verhalten vorzubringen hatte.

„Sie haben ihn ja schließlich dazu aufgefordert, loszulegen. Und so wie ich Sie kenne, war das wohl eher ein gebellter Befehl.“

„Ich?“ Wütend stemmte Sage die Fäuste in die Hüften. „Ich bin lediglich zu dem Mittagessen erschienen − wozu du mich mehr oder weniger gezwungen hast.“

„Jetzt mal langsam, General“, unterbrach Amelia sie. „Ich hatte nicht daran gedacht, dass Sie ihn provozieren würden.“

Sage ließ sich auf ihren Stuhl fallen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Er hat mich provoziert.“

„Sie sind aber nicht eine der wohlhabendsten Personen in der Stadt.“

„Hör mir auf mit Geld!“ Sage rollte verächtlich die Augen. „Er hat mir die Dollars hingeworfen, als seien wir in einem Striplokal.“

Amelia lachte, hielt dann aber plötzlich inne. Mit zusammengekniffenen Augen sah sie Sage an. „Wie viel genau hat er Ihnen denn für Stiletto angeboten?“

„Das geht dich überhaupt nichts an.“

„Ungefähr?“

Als Sage nicht antwortete, zuckte Amelia nur mit den Schultern. „Ist ja jetzt auch ganz egal. Sie haben abgelehnt.“

Sage dachte einen Moment lang nach. Es war unwahrscheinlich, dass Amelia den anderen im Büro etwas über die Summe sagen würde. Sie war zwar eine durchgeknallte Romantikerin, aber auf ihre Diskretion hatte sich Sage immer verlassen können.

„Sagen wir mal so: Es war sehr viel.“

„Und Sie haben es nicht angenommen?“

„Natürlich nicht. Stiletto ist nicht zu verkaufen“, erklärte Sage bestimmt. „Außerdem warst du nicht dabei. Er war herablassend und …“ Sie verstummte, als sie an seine wohlklingende Baritonstimme dachte. Tief, kräftig und melodisch. Unwillkürlich stellte sie sich vor, neben ihm im Bett zu liegen, nackt.

„Und was?“ Amelia zog abwartend die Augenbrauen hoch.

„Er war einfach so selbstgefällig“, stammelte Sage.

Ein träges Lächeln umspielte die Lippen der Assistentin. „Und was sonst noch?“

„Überheblich, unausstehlich, übertrieben selbstsicher …“ Wieder fiel ihr ein, wie sie beim Mittagessen auf ihn reagiert hatte, und sie fuhr automatisch über die Stelle an ihren Fingern, wo sie versehentlich seine Hand berührt hatte.

„Interessant.“ Die junge Frau sah sie aus großen Augen an, als habe Sage ihr soeben ein Geheimnis anvertraut, und aus dem Lächeln auf ihrem Gesicht wurde ein breites Grinsen. „Er klingt genauso wie jemand, den ich kenne.“

„Was grinst du denn so?“, schnauzte Sage die Assistentin an. „Hör auf damit.“

Doch stattdessen kniff Amelia die Augen zusammen und musterte sie von oben bis unten.

Sage rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. „Was ist denn los mit dir?“

Ihre Frage ignorierend betrachtete Amelia weiter ihre Chefin. „Wangen gerötet. Augen glasig. Sie leuchten förmlich“, stellte sie schließlich fest. „Und haben Sie gemerkt, wie Sie außer Atem waren und gestottert haben, als Sie über Mr. Sinclair gesprochen haben?“

Amelia nickte vielsagend und fuhr fort: „Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich das mal zu Ihnen sagen würde − aber Sie sehen aus wie die Heldin in einem meiner Liebesromane.“

Sage warf Amelia einen scharfen Blick zu, obwohl sie genau wusste, dass das bei der jungen Frau keine Wirkung zeigen würde. „Das ist beleidigend und unsinnig“, tadelte sie ihre Assistentin.

„Wenn Sie meinen.“ Amelias Stimme klang gleichgültig.

„Ja, das meine ich“, beharrte Sage und dachte dabei an seine arroganten letzten Worte, ehe sie das Restaurant verlassen hatte: „Wenn das so ist, werde ich loslegen. Ich hoffe nur, dass Sie es verkraften werden.“

Oh, sie würde ihm schon zeigen, dass er sich mit der falschen Frau angelegt hatte, und ihm sein süffisantes Lächeln austreiben.

Amelia stieß ein verträumtes Seufzen aus. „Ich glaube, Mr. Sinclair hat Sie ganz schön beeindruckt.“

„Er hat mich so sehr verärgert, dass ich nicht mal was gegessen habe.“ In diesem Moment begann Sages Magen zu knurren. Auf einmal hatte sie eine Idee.

Eigentlich war es eher ein Manöver, das so ungeheuerlich war, dass Cole Sinclair sie in Zukunft sicher nicht mehr unterschätzen würde. Aber das kannst du nicht tun. Das traust du dich gar nicht. Oh doch, genau das werde ich tun.

Ihre Assistentin wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum und Sage zuckte zusammen. „Sie haben überhaupt nicht mitbekommen, was ich gerade gesagt habe. Ich habe versucht, Ihnen klarzumachen …“ Amelia hielt inne und runzelte die Stirn. „Oh, oh, was geht denn in Ihrem Kopf vor?“

Entschlossen schlug Sage auf den Tisch und stand auf. „Ich möchte, dass du 50 zusätzliche Kosmetik-Blogger auf die Einladungsliste für die Veranstaltung am Valentinstag setzt“, ordnete sie in bestimmtem Ton an. „Wir werden das Event noch größer und aufwändiger gestalten.“

„Alles klar.“

Sage sah zu, wie Amelia eine Notiz machte, und fuhr dann fort: „Und dann schick bitte Joe Archer aus der Werbeabteilung zu mir.“

Doch Amelia schüttelte den Kopf. „Es scheint mir, als hätten Sie ihn bereits wütend gemacht. Ich finde, Sie sollten ihn wirklich nicht noch mehr provozieren.“

„Es ist mir ganz egal, was du denkst. Hol Joe Archer her. Ich habe einen Auftrag für ihn. Dieser Mr. Sinclair wird eine Lektion erteilt bekommen, die er nicht so schnell vergessen wird.“

Ihre Assistentin stieß ein laut hörbares Seufzen aus. „Okay, zu Befehl, General. Ich hoffe nur, dass Sie nicht die Schlacht der Kosmetikfirmen in Nashville beginnen.“

Und was wäre, wenn sie das täte? fragte sich Sage. Der Mann hatte ihr klar gemacht, dass er loslegen würde, und sie würde einfach nur die erste Salve abfeuern, denn ein guter Angriff war die beste Verteidigung.

Schade nur, dass sie Sinclairs Gesicht nicht sehen würde.

Eine Woche nach ihrem verheerenden Mittagessen geisterte das Bild von Sage Matthews noch immer in Coles Kopf herum. In seinen Gedanken sah er immer wieder ihre wohlgeformten Beine und ihre vollen Lippen, die im schönsten Rot, das er je gesehen hatte, geschminkt waren.

„Mr. Sinclair?“

Cole zuckte zusammen, als er seinen Namen hörte.

„Entschuldigen Sie, könnten Sie das bitte wiederholen?“ Um den Konferenztisch herum hatten sich die Abteilungsleiter von Espresso zu ihrem wöchentlichen Treffen versammelt. Victor starrte ihn fragend an, denn normalerweise war Cole stets bei der Sache, doch heute war er schon zum zweiten Mal in Gedanken woanders gewesen und dabei ertappt worden.

Loretta, die ihn schon die ganze Woche über damit aufgezogen hatte, dass Stiletto abgelehnt hatte, schenkte ihm ein süffisantes Lächeln.

Die Koordinatorin für Sonderveranstaltungen rückte ihre Brille zurecht. „So, wie es aussieht, haben wir bei unserer Styling-Veranstaltung am Valentinstag in den Kaufhäusern Konkurrenz bekommen, zumindest hier in Nashville“, wiederholte sie. „Stiletto Cosmetics hat für denselben Nachmittag auch eine Veranstaltung anberaumt.“

Die Frau nahm einen Schluck Wasser und fuhr dann fort: „Wir vermuten also, dass weniger Leute kommen werden, was auch bedeutet, dass wir landesweit deutlich weniger Aufsehen erregen werden, weil anzunehmen ist, dass die Blogger in den sozialen Medien hauptsächlich über Stiletto berichten werden.“

Während Cole seinen Mitarbeitern zuhörte, fragte er sich, ob Sage sich mit dieser Aktion vielleicht an ihm rächen wollte.

„Was ist das genau für eine Veranstaltung?“

„Es ist ein Treffen für Schönheitsgurus der sozialen Medien. Kleine Erfrischungen, Werbegeschenke, Sie wissen schon.“

„Wissen Sie zufällig, ob das in der vergangenen Woche organisiert wurde?“, wollte Cole wissen.

„Nein, ich glaube nicht. Soviel ich weiß, haben sie den Termin bereits vor einem Monat auf ihrer Website gepostet“, erklärte die Koordinatorin.

Cole nickte abwesend. Hör auf, so paranoid zu sein, ermahnte er sich selbst. Sage war zwar dreist, aber sicher nicht so unverschämt, sich mit ihm anzulegen. Oder vielleicht doch?

„Komisch, ich sehe mir gerade noch mal die Website an“, unterbrach Preston Tate seine Gedanken. „Es sieht so aus, als hätten sie die Veranstaltung vor knapp einer Woche erweitert und mehr Blogger und YouTube-Vlogger eingeladen.“

Er war also doch nicht ganz so paranoid. Wollte Sage sich mit ihm anlegen? Schnell verbannte er den Gedanken. Sie war einfach nur wütend gewesen, nichts weiter.

„Heiliger Strohsack“, rief plötzlich Victor und starrte aus dem Fenster. „Cole, komm schnell, das musst du dir ansehen!“

Sofort eilte Cole zu seinem Stiefvater und sah in die Richtung, in die der ältere Mann deutete.

„Was, zum Teufel …“ Cole starrte wie gebannt auf die elektronische Reklametafel. Nein, das konnte nicht möglich sein! Die Werbung für das Burger-Restaurant war verschwunden und stattdessen erhellte jetzt eine Reklame für Stiletto Cosmetics den grauen Winterhimmel.

Das Schlimmste aber war, dass auf der Leuchttafel derselbe Mann in Frauenkleidung abgebildet war wie auf dem Foto in der Zeitung. Wieder trug er dieselbe schiefe graue Perücke, allerdings steckte er diesmal in einem hässlichen Kleid mit Paisleymuster und war aufdringlich und viel zu stark geschminkt. Er stand neben einer schicken jungen Frau mit knallengen Lederhosen und hochhackigen Schuhen.

Zähneknirschend las Cole die Bildunterschrift, die im selben Rot wie Sages Lippenstift geschrieben und am unteren Bildrand zu lesen war: Stiletto – nicht für deine Oma!

Diese verdammte Frau wusste genau, dass er es sehen würde, weil er ihr erzählt hatte, dass er die Tafel von seinem Büro aus sehen konnte.

Legen Sie los!

Cole war zwar zutiefst verärgert, aber er musste zugeben, dass er vielleicht selbst eine ähnliche Aktion gestartet hätte, wenn die Anziehung, die Sage auf ihn ausübte, ihn nicht völlig aus dem Konzept gebracht hätte.

Er starrte weiter auf die Reklame, in der Espresso so offensichtlich verhöhnt wurde. Na, warte, dir werde ich es zeigen! Er würde seinen nächsten Schritt sorgfältig planen müssen.

„Die Sitzung ist vertagt“, erklärte Cole seinen Mitarbeitern, als er sich vom Fenster abwandte.

Ein boshaftes Lächeln umspielte seine Lippen, denn er hatte auf einmal einen brillanten Einfall. Es war an der Zeit, dass er dem Bären zeigte, was passierte, wenn man sich mit dem Tiger anlegte.

Sage verlangsamte ihr Tempo, als das kleine, schlichte Haus vor ihr auftauchte.

Sie hatte bereits die Veranda repariert, das Dach geflickt und die Fassade neu gestrichen, doch es musste noch viel mehr renoviert werden.

Mit dem Handrücken wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. Seit einiger Zeit ging sie bereits vor der Arbeit zum Joggen und genoss die halbe Stunde, die nur ihr gehörte.

Sie zog sich die Ohrenstöpsel ihres iPods aus den Ohren und sperrte die Haustür auf. Als sie an die Reklametafel dachte, die seit gestern die Stiletto-Werbung zeigte, kicherte sie hämisch. Cole Sinclair hatte sie mittlerweile sicher auch gesehen.

Oh, wie gern hätte sie Mäuschen gespielt, als er zum ersten Mal einen Blick darauf geworfen hatte!

Doch sie wusste auch, dass sie nun aufpassen musste, denn der Mann würde sicher versuchen, sich an ihr zu rächen. An seiner Stelle würde sie das auf jeden Fall tun.

„Hast du Smarties?“, fragte plötzlich eine helle Stimme, und ein kleiner Junge in einem Superman-Schlafanzug sprang hinter den Büschen hervor.

Wie jeden Morgen wartete Kenny, der Sohn ihrer Nachbarin, auf sie.

Sage machte den Reißverschluss ihrer Jacke auf und nahm eine kleine Packung Smarties heraus, die sie immer einsteckte, ehe sie zum Joggen ging.

Im selben Moment tauchte der Rotschopf ihrer Nachbarin Evie Hinton über der Hecke auf. Die Frau hielt zwei Tassen mit dampfendem Kaffee in der Hand, von der sie jetzt eine an Sage weiterreichte.

Die freundliche Geste ihrer Nachbarin machte jeden Morgen zu etwas ganz Besonderem. Sage liebte das tägliche Geplänkel mit Evie, ehe sie ins Büro fuhr.

„Oh, kannst du mir vielleicht in ein paar Wochen mit Kennys Geburtstagsparty helfen?“, wollte Evie wissen. „Kenneth ist unterwegs und die meisten anderen Eltern wollen ihre Kinder einfach nur abliefern, um ein wenig Zeit für sich zu haben.“

„Na klar, gern.“ Evie tat so viel für Sage, die nur selten eine Gelegenheit bekam, sich zu revanchieren. „Kommt Kenneth heute Abend wieder?“ Evies Mann war Lkw-Fahrer und war vor ein paar Tagen nach Miami gefahren.

„Erst morgen. Ich werde mich heute Abend um deinen Auftrag kümmern.“

Kurz nach ihrem Einzug hatte Sage entdeckt, dass sie neben einer talentierten Handwerkskünstlerin wohnte, und bei ihr eine Bestellung aufgegeben. Für die Veranstaltung am Valentinstag würde Evie die Tischdekorationen gestalten.

„Ich finde es so toll, dass du mich gebeten hast, das zu tun“, erklärte Evie, und ihre Augen strahlten.

Zusätzlich zur Tischdekoration hatte Evie ein Schokoladenbuffet vorgeschlagen und ihr ein paar selbstgemachte Pralinen in Form von Lippenstiften, Puderdosen und Stilettos gezeigt. Sage war begeistert gewesen und hatte sofort zugestimmt.

„Unsere Gäste werden deine Dekorationen und die Pralinen lieben.“ Bei diesen Worten trank Sage ihre Tasse leer.

„Komm doch noch auf eine zweite Tasse rein“, bot Evie ihr an.

Zu gern hätte sie zugestimmt. In den vergangenen paar Monaten waren sie Freundinnen geworden und sie fühlte sich im Haus der Hintons wohl.

Doch es war vermutlich keine gute Idee, ausgerechnet heute später ins Büro zu gehen, denn es würde sicher nicht lange dauern, bis Cole zum Gegenschlag ausholte.

„Danke, aber heute geht’s nicht.“ Sie reichte ihrer Nachbarin die leere Kaffeetasse. „Ich muss pünktlich im Büro sein.“

„Vermutlich eine gute Idee.“ Evie lächelte sie vielsagend an, ehe die beiden sich voneinander verabschiedeten.

Eine Stunde später saß Sage an ihrem Schreibtisch und ging die Liste der Personen durch, die sich für die Veranstaltung am Valentinstag angemeldet hatten.

Eigentlich war das eine Aufgabe, die eine andere Mitarbeiterin hätte übernehmen können, aber die Sache mit der Reklametafel machte sie nervös.

Alle waren aufgelistet, die in Sachen Make-up und Kosmetik Rang und Namen hatten, und Sage war ganz aufgeregt, als sie die vielen bekannten Namen las.

Als das Telefon klingelte, erschrak sie so sehr, dass sie beinahe vom Stuhl gefallen wäre. Sie war heute nicht nur nervös, sondern beinahe paranoid.

Das Telefon auf ihrem Schreibtisch verstummte, fing jedoch im nächsten Augenblick wieder an zu klingeln. Sage war die Einzige, die bereits im Büro war. Außer dem Wachmann, der hoffentlich im Eingangsbereich stand, war sie vermutlich sogar allein im ganzen Gebäude. Bis die ersten Mitarbeiter von Stiletto und die Angestellten der anderen Firmen, die im Haus untergebracht waren, eintrudelten, würde es sicher noch eine halbe Stunde dauern.

Sollte sie die Anrufe einfach ignorieren? Wenn es wichtig war, würden die Anrufer sicher eine Nachricht hinterlassen, und Amelia konnte sich später darum kümmern. Doch als sie das Wort „international“ auf der Anruferkennung aufleuchten sah, siegte ihre Neugier.

Eine männliche Stimme begrüßte sie auf Italienisch: „Buon giorno. Sage Matthews, per favore.“

„Am Apparat.“

„Signora Bertelli möchte Sie sprechen“, erwiderte der Mann mit starkem Akzent.

Was? Bertelli? Die italienische Designerin? Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Beruhige dich, das kann nicht sein. Signora Bertelli würde niemals hier anrufen. Vermutlich erlaubt sich jemand einen Scherz mit mir.

Aber als sich am anderen Ende der Leitung eine Frauenstimme meldete, bestand kein Zweifel mehr. Sage erkannte die markante Stimme sofort aus den zahlreichen Interviews und Dokumentarfilmen, die sie über die Designerin gesehen hatte.

„Ms. Matthews, hier spricht Marie Bertelli.“

Sages Hand begann zu zittern und ihr fiel beinahe der Telefonhörer aus der Hand. Seit sie denken konnte, hatte sie Marie Bertelli für ihr Talent und ihre Arbeit, insbesondere für ihren Geschäftssinn bewundert.

„Was kann ich für Sie tun, Mrs. Bertelli?“, fragte Sage. Egal, wie aufgeregt sie war, sie schaffte es immer, ihre Stimme gelassen klingen zu lassen.

„Ich habe vor ein paar Wochen in der internationalen Ausgabe von America Today einen Artikel über Sie und Ihre Firma gelesen, der mich fasziniert hat. Als meine Schwester kürzlich in den Staaten war, bat ich sie darum, mir eine Auswahl Ihrer Lippenstifte mitzubringen“, erklärte Bertelli, die seit einigen Jahren das berühmte Modehaus in Mailand leitete, das ihre Großeltern gegründet hatten.

„Die Lippenstifte sind großartig“, fuhr die Modeschöpferin weiter fort. „Besonders der dunkle lila Farbton gefällt mir sehr gut. Ich habe ihn neulich einen ganzen Tag lang getragen und zahlreiche Komplimente bekommen. Leider habe ich den Lippenstift im Auto vergessen und mir fällt jetzt der Name nicht ein.“

„One-Night-Stand“, half Sage ihr auf die Sprünge und beschloss, Amelia später damit zu beauftragen, eine ganze Schachtel mit Lippenstiften in diesem Farbton an das italienische Modehaus zu schicken.

„Richtig. Also, ich bin jetzt auf jeden Fall ein Stiletto-Fan. Aber ich rufe Sie noch aus einem anderen Grund an, denn ich möchte Sie zur Bertelli-Runway-Show einladen, die diesen Monat während der Modewoche in Mailand stattfindet.“

Am liebsten hätte Sage laut geschrien vor Freude und sie presste schnell die Lippen aufeinander, um sich zurückzuhalten. Sie atmete tief durch, ehe sie antwortete. „Danke, aber ich muss zuerst in meinem Terminkalender nachsehen“, erklärte sie, obwohl sie genau wusste, dass sie, wenn nötig, alles andere absagen würde, um nach Mailand zu fliegen.

„Natürlich. Mein Sekretär wird sich bei Ihnen in ein paar Tagen melden. Ich hoffe sehr, dass Sie kommen können.“

Als Sage nach dem Gespräch das Telefon auf die Ladestation legte, hörte sie, wie die Haupteingangstür von Stiletto aufging.

„Amelia“, rief sie von ihrem Schreibtisch aus. Sage konnte es kaum erwarten, ihrer Assistentin von der Einladung zu berichten.

Doch als sie aufsah, erschien die Person, die sie am wenigsten erwartet hatte, im Türrahmen ihres Büros.

Cole Sinclair.

Sie war so baff, dass sie im ersten Moment keinen Ton herausbrachte und Cole nur mit offenem Mund anstarrte. Er sah heute völlig anders aus als neulich beim Mittagessen. Statt eines teuren Designer-Anzugs trug er legere Kleidung, die ihm unheimlich gut stand, und Sage spürte, dass ihre Hormone bei seinem Anblick verrücktspielten.

Er war so groß, dass er mit dem Kopf beinahe an den oberen Rand des Türrahmens stieß. Seine Jeans schmiegte sich an seine muskulösen Beine, und der Pulli, den er unter seiner offenen Lederjacke trug, schien aus feinem Kaschmir gemacht und weckte in Sage das Bedürfnis, sich an seine Brust zu kuscheln.

Sie spürte auf einmal, dass ihre Lippen ganz trocken waren. Verdammt, dieser Mann sah umwerfend gut aus.

„Nein, es ist nicht Amelia“, sagte er in ruhigem Ton. Seine melodische tiefe Stimme könnte sie in Trance versetzen. Ein kaum wahrnehmbares Leuchten in seinen Augen verriet ihr, dass er sich völlig darüber im Klaren war, was sein Auftritt in ihr auslöste.

„Was wollen Sie hier?“, begann Sage, wobei sie versuchte, ihrer Stimme einen einschüchternden Ton zu verleihen.

„Ihnen auch einen schönen guten Morgen.“ Lässig lehnte Cole sich an den Türrahmen.

„Wie sind Sie an dem Wachmann vorbeigekommen?“ Sages Blick verengte sich.

Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen. „Es hat mich zwei Donuts gekostet. Der Rest ist für Sie“, erklärte er und deutete mit einer Kopfbewegung auf eine grün-weiße Schachtel in seiner Hand.

„Sie sollten wissen, dass man mich nicht kaufen kann“, erwiderte sie.

„Aber die sind noch heiß.“ Ein verschmitztes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und Sage entdeckte zwei Grübchen in seinen Wangen, die ihr bisher nicht aufgefallen waren.

Ich bin auch heiß, und zwar Ihretwegen. Sage verschränkte die Beine unter dem Tisch und schwieg.

„Sind Sie sich sicher, dass ich Sie nicht in Versuchung führen kann?“

Ihr Magen knurrte bei dem herrlichen Duft, der aus der Schachtel drang. Seufzend gab sie sich geschlagen. „Na gut.“

Cole stieß sich vom Türrahmen ab und kam auf ihren Schreibtisch zu. Dieser Mann sprühte vor Selbstvertrauen und fühlte sich ganz eindeutig wohl in seiner Haut.

Als er vor ihr stand, holte er hinter seinem Rücken einen Strauß gelber Blumen hervor.

„Auch für Sie.“

Sage betrachtete den Strauß, der unheimlich schön war. Und wenn irgendjemand anderes ihn ihr mitgebracht hatte, hätte sie sich wirklich darüber gefreut. Doch sie wusste, dass Cole Sinclair etwas im Schilde führte, das ihren Plänen schaden würde.

Sie stand auf, nahm ihm die Blumen ab und zögerte kurz, ehe sie an ihnen schnupperte. „Hoffentlich ist kein Tollkraut dazwischen, Mr. Sinclair.“

„Sie können mich doch Cole nennen, wissen Sie noch?“

„Na gut, Cole.“ Sage betrachtete weiterhin den Blumenstrauß in ihrer Hand. „Ist da drin ein Abhörgerät versteckt, damit Sie die Gespräche in meinem Büro belauschen können?“

Er lachte. Oh, Gott, bei seinem Lachen wurde ihr ganz warm ums Herz. Als er sie aus seinen braunen Augen durchdringend ansah, spürte sie ein Kribbeln im Bauch. „Haben Sie irgendwas getan, das Sie dazu veranlasst, sich in meiner Anwesenheit so paranoid zu verhalten?“

„Sie haben die Reklametafel also gesehen“, brachte Sage das Offensichtliche ohne Umschweife zur Sprache.

Er nickte.

Sage ging um ihren Schreibtisch herum, durchquerte den Raum und holte im Vorzimmer ihres Büros Pappteller und eine Vase. Als sie in ihr Büro zurückkam, hatte Cole die Schachtel mit den Donuts geöffnet und auf ihren Schreibtisch gestellt.

Nachdem Sage ihm die Teller gereicht und die Blumen ins Wasser gestellt hatte, lehnte sie sich an den Schreibtisch. Cole hielt ihr einen Teller mit einem köstlich aussehenden, glänzenden Donut darauf hin.

„Ich hatte auch Kaffee mitgebracht, doch der Wachmann hat ihn als Teil der Bestechung beschlagnahmt.“

„Möchten Sie welchen?“, bot sie ihm an. „Es geht ganz schnell.“

„Nein danke. Ich bin Frühaufsteher und habe schon Kaffee getrunken. Außerdem war ich heute bereits beim Joggen.“

Nein, nicht schon wieder eine Gemeinsamkeit! Andererseits gingen viele Leute morgens joggen und tranken Kaffee, das hieß gar nichts.

„Aber ich nehme mir einen von denen.“ Bei diesen Worten nahm er einen Donut aus der Schachtel.

Schweigend standen sie beide nebeneinander an den Schreibtisch gelehnt und aßen ihre Donuts. Nach einer Weile unterbrach Sage die Stille. „Ich bin zwar nicht ganz überrascht, heute von Ihnen zu hören, aber das hier hatte ich nicht erwartet.“

„Ich weiß. Sie hatten eher gedacht, ich würde Sie überschäumend vor Wut anrufen oder hier aufkreuzen, um Ihnen den Kopf abzureißen.“

„Ja, so was in der Art.“

Cole nahm sich einen zweiten Donut und legte auch Sage noch einen auf den Teller. „Na ja, ich muss zugeben, dass das auch mein erster Gedanke war. Ich war stinksauer.“

„Das glaube ich Ihnen gern, doch jetzt scheinen Sie recht gelassen zu sein.“ Und zwar verdächtig gelassen, fügte Sage im Stillen hinzu.

„Man kann nicht denken, wenn man wütend ist.“ Cole nahm einen Biss von seinem Donut und kaute genüsslich. Seine Stimme klang ungezwungen und freundlich, aber Sage vernahm einen warnenden Unterton. Sei vorsichtig!

„Gehört das hier zu Ihrer Strategie?“, wollte Sage wissen und deutete dabei auf die Blumen und die halbleere Donut-Schachtel auf ihrem Schreibtisch.

„Die Blumen sind als Anerkennung dafür gedacht, dass die Sache mit der Reklametafel ein brillanter Zug von Ihnen war. Da habe ich Sie dummerweise unterschätzt“, erklärte er. „Sie haben sich damit an mir gerächt und gleichzeitig für Ihre Marke geworben.“

Diesmal war sie wirklich schockiert über seine Antwort und sie konnte nicht glauben, was er da gesagt hatte. Meinte er das ironisch?

Kaum ein Mann und auch nur wenige Frauen konnten eine Niederlage einstecken. Cole hatte das jedoch gerade ohne Vorbehalte getan. Alle Achtung!

Schade, dass er hinter ihrer Firma her war.

„Bravo“, lobte er sie und nickte bedächtig. „An Ihrer Stelle hätte ich möglicherweise dasselbe getan. Schließlich ist ein guter Angriff die beste Verteidigung.“

Sage zuckte zusammen. Genau dasselbe hatte sie gedacht, als sie die Idee mit der Reklametafel gehabt hatte. Langsam wurde es schwierig, ihre Gemeinsamkeiten als einfache Zufälle abzutun.

„Doch ich nehme nicht an, dass wir jetzt quitt sind, oder?“, wollte sie in nüchternem Ton wissen und stellte ihren Teller mit dem zweiten Donut auf den Tisch. Eins dieser süßen Dinger reichte.

Cole nahm den letzten Bissen seines zweiten Donuts, wischte sich den Mund ab und zerknüllte die Serviette, die er anschließend mit einem gezielten Wurf in den Mülleimer warf. „Noch lange nicht.“

Dann drehte er sich zu ihr um und beugte sich so weit zu ihr hinunter, dass ihre Gesichter nur noch wenig Zentimeter voneinander entfernt waren. „Außerdem haben Sie etwas, das ich will.“

Sage zitterte, als seine tiefe Stimme zu einem leisen, heiseren Flüstern wurde und sie seinen warmen, süß duftenden Atem im Gesicht spürte. „Jetzt will ich es sogar noch mehr“, raunte er ihr zu.

Sie schluckte und schloss die Augen, wobei sie verzweifelt versuchte, dem drängenden Bedürfnis zu widerstehen, ihn an sich zu ziehen. Ach, wäre sie doch nur mit verschränkten Beinen an ihrem Schreibtisch sitzengeblieben! Das, was dieser Mann in ihr auslöste, war unbeschreiblich.

Als sie die Augen wieder öffnete, ertappte sie ihn dabei, wie er ihre Lippen musterte.

„Halten Sie so Ihre Feinde in Schach?“ Sie hatte gehofft, ihre Stimme würde höhnisch klingen, doch stattdessen stieß sie die Frage atemlos keuchend aus.

„Sie sind nicht meine Feindin, Sage“, murmelte Cole. „Sie sind eine Herausforderung.“ Mit der Rückseite einer Hand strich er ihr leicht über die Wange. „Und ich liebe Herausforderungen.“

Wäre sie bei klarem Verstand gewesen, hätte sie ihm jetzt eine ganz coole Retourkutsche verpasst. Doch ihr Gehirn schien in diesem Moment überhaupt nicht zu funktionieren, und sie fühlte sich magisch von ihm angezogen.

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