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So süß ist die Versuchung

1. KAPITEL

„Sagen Sie, Mr Perry … Bryan … was halten Sie von Schokolade?“

Die samtige Stimme erwischte Bryan Perry, den stellvertretenden Direktor des Elevation Hotels in Crested Butte, unvorbereitet. Er machte es sich in seinem Büro hinter dem Schreibtisch bequem und streckte die Beine aus. Den Klang dieser Stimme wollte er auskosten, obwohl die Frau, der sie gehörte – eine gewisse Angela Krizova –, merkwürdige Fragen stellte. „Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht“, antwortete er.

„Dann haben Sie meine Schokolade noch nicht probiert.“

Die sexy Stimme machte Appetit auf mehr. Wer war diese Frau? „Kann ich die mal kosten?“, rutschte es ihm heraus. Glücklicherweise war Carl Phelps, der Manager des Hotels, nicht in Hörweite. Diesen kleinen Flirt hätte er vermutlich als weiteren Beweis dafür betrachtet, dass Bryan, der sich bisher als Nachtportier und Skilehrer durchgeschlagen hatte, für einen Posten im Management ungeeignet war.

„Aber gern“, sagte Angela. „Wir sollten uns ohnehin zusammensetzen.“

Bryans Herz schlug schneller. Noch nie hatte er sich von einer Frau angezogen gefühlt, nur weil sie eine schöne Stimme hatte, doch wer so sexy klang, musste einfach die Frau seiner Träume sein. „Aber ja“, sagte er und versuchte, selbst möglichst erotisch zu klingen.

„Ich muss mir den Saal ansehen. Und wir können die Dekoration für die Spendenparty besprechen.“

Richtig. Die Spendenaktion für das Laientheater! Sie war der eigentliche Grund für dieses Gespräch. Er setzte sich in seinem Stuhl auf und blätterte seinen Kalender durch. „Gute Idee. Wann passt es Ihnen?“ Angelas Stimme hatte in ihm bereits das Bild einer sinnlichen Blondine heraufbeschworen.

„Wie wäre es morgen Nachmittag? Da habe ich eine Vertretung für den Laden.“

„Für welchen Laden denn?“, fragte er. Diese Stimme …

„Das Chocolate Moose. In der Elk Avenue.“

Die Hauptstraße von Crested Butte war von bonbonfarbenen Häusern im viktorianischen Stil gesäumt. Bryan machte sich wenig aus Süßigkeiten, deshalb hatte er das Chocolate Moose noch nie betreten.

„Ich würde gern die Desserts liefern, deshalb habe ich Sie gefragt, was Sie von Schokolade halten“, fuhr Angela fort.

Eigentlich schrieb die Unternehmenspolitik vor, dass nur Essen aus der Hotelküche serviert werden durfte. Egal … was Phelps nicht wusste … „Kein Problem“, sagte Bryan.

„Großartig. Treffen wir uns morgen Nachmittag gegen drei im Hotel.“

„Ich freue mich.“ Noch immer lächelnd legte Bryan den Hörer auf.

„Lass während der Arbeitszeit bloß die Finger von den Dating-Hotlines, Kumpel!“

Bryan blickte auf und unterdrückte ein Stöhnen, als er seinen besten Freund in sein Büro schlendern sah. Zephyr war ein typischer Snowboarder, und mit seinen blonden Dreadlocks und in Cargopants hob er sich bedenklich von den blasslilafarbenen Wänden und den eleganten Kirschholzmöbeln ab. „Ich habe mit einer Kundin gesprochen“, sagte Bryan.

„Die muss ziemlich sexy sein, deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen.“ Zephyr setzte sich auf eine Ecke von Bryans Schreibtisch und schob einen Notizklotz beiseite, um sich Platz zu verschaffen. „Jeder Job hat wohl seine Vorteile, selbst dieser.“

„Ja, ein geregeltes Einkommen zum Beispiel.“

Zephyr schnaubte verächtlich. „Dafür bin ich nicht der Typ. Wo bleibt da das Abenteuer?“

„Du hast ja eine Freundin, die dich aushält.“ Zephyrs Freundin Trish führte einen gutgehenden Coffeeshop auf der Elk Avenue.

„Hey, ich leiste auch meinen Teil. Außerdem braucht Trish es, sich um jemanden zu kümmern“, sagte Zephyr.

Bryan grinste.

„Mal ehrlich, Alter, wie läuft’s?“ Zephyr schaute sich in dem Büro um. „Sieht alles ziemlich spießig aus hier.“

„Es ist nicht übel“, sagte Bryan. „Wenigstens war meine Ausbildung nicht vergeblich.“

„Trotzdem, du bist nicht der Typ fürs Management. Ist doch öde, immer nur zu arbeiten.“

„Moment mal, ich bin immer noch ich“, protestierte Bryan. „Nur mit besserer Kleidung.“ Er strich über das Revers seines maßgeschneiderten Anzugs.

„Die Klamotten sind besser, aber nicht der Style.“

„Bryan, haben Sie die Anrufe erledigt, um die ich Sie gebeten hatte?“

Bryan straffte die Schultern, als Carl Phelps das Büro betrat. Abschätzend blickte er Zephyr an. „Ist das ein Freund von Ihnen?“, fragte Phelps.

„Er wollte gerade gehen“, Bryan schob seinen Freund von der Ecke des Schreibtisches hinunter.

Die Hand ausgestreckt, ging Zephyr auf Carl zu. „Hi“, sagte er. „Ich bin auf der Suche nach einem neuen Drehort für meine Fernsehshow, Zephyrs Stunde. Schon mal davon gehört?“

Langsam schüttelte Carl den Kopf.

Zephyr wirbelte herum. „Dieser Laden hat einiges zu bieten. Ich könnte die Kameras im Foyer installieren und eine kleine Dokumentation drehen.“

Über Zephyrs Schulter hinweg blickte Carl seinen Assistenten fragend an. Meint er das ernst?

Bryan brachte ein Lächeln zustande und nickte.

Zephyr ergriff Carls Hand und schüttelte sie. „Wir reden später. Meine Leute melden sich bei Ihnen.“ Betont lässig schlenderte er aus dem Büro.

Bryan unterdrückte ein Grinsen und ließ sich auf seinen Stuhl sinken. Nichts brachte mehr Leben in die Bude als ein Besuch von Zephyr.

„Haben Sie die Anrufe erledigt?“, fragte Carl.

„Oh ja, Sir, natürlich.“ Bryan stellte den Notizblock wieder an seinen Platz. „Die Vertragsfirma wird am Montag jemanden herschicken, der das Fenster im Speisezimmer repariert, und morgen treffe ich Ms Krizova wegen der Aktion für das Laientheater.“ Was zweifellos der Höhepunkt des Tages werden würde … wenn nicht der ganzen Woche.

„Gut.“ Carl setzte sich auf den Stuhl gegenüber von Bryans Schreibtisch.

„Sie machen Ihre Sache gut.“ Er blickte zur Tür. „Hat Ihr Freund wirklich eine eigene Fernsehshow?“

„Ja. Es ist eine Mischung aus Talkshow und Lokalnachrichten, und er ist sehr erfolgreich damit.“ Das war das Besondere an Zephyr: Er sah aus wie ein Gammler, doch unter dem zottigen Haar steckte ein heller Kopf, und er hatte genug Temperament, um andere mitzureißen.

Bryan war zurückhaltender, und in letzter Zeit war er nicht mehr damit zufrieden gewesen, einfach in den Tag hineinzuleben. Er wollte etwas erreichen. Deshalb hatte er seine zerrissenen Jeans gegen Anzug und Krawatte getauscht und sich vorgenommen, endlich das Diplom als Hotelfachmann zu nutzen, das er sieben Jahre zuvor gemacht hatte. Am Tag nach der dritten Hochzeit, auf der er in diesem Jahr zu Gast gewesen war, war er morgens aufgewacht und hatte sich bereit gefühlt, erwachsen zu werden. Mit allem, was dazugehörte … einem festen Job, einer Familie und einem Haus.

„So eine Show wäre gute Werbung für uns“, sagte Carl. „Was meinen Sie?“

Bryan dachte nach. „Ja, das stimmt. Das Hotel würde von der Präsentation profitieren. Wir würden als Teil des Ortes erscheinen und nicht wie eine Firmengruppe, die von außen eindringt.“ Das Elevation war neu in Crested Butte. Carl war nur wenige Wochen vor Bryan im Ort angekommen.

„Genau.“ Carl nickte. „Sie haben wirklich einen Riecher fürs Geschäft.“

„Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mir diese Chance geben“, sagte Bryan.

„Und ich verlasse mich darauf, dass die Spendenaktion reibungslos abläuft.“

„Selbstverständlich.“ Umso mehr, als Angela Krizova seine Kontaktperson war. Am Telefon hatte sie jung und sexy geklungen. Sie war eine erfolgreiche Unternehmerin – und vielleicht die ideale Frau für ihn.

„Lass mich raten. Du kannst dir keinen Urlaub leisten und hast dir deinen eigenen Strand gebaut?“

Angela Krizova blickte von der Arbeitsplatte hinter dem Verkaufstresen des Chocolate Moose auf und sah ihrer Freundin Tanya Bledso vom Mountain Theatre in die Augen. Angela rückte eine Seidenblume hinter ihrem Ohr zurecht und trocknete sich die Hände an der Schürze ab. Mit einem sexy Hüftschwung kam sie hinter dem Tresen hervor und begrüßte Tanya. „Wenn ich nicht ins Paradies fahren kann, hole ich es mir eben her“, sagte sie. „Gefällt es Dir?“

Tanya sah sich in dem Süßwarenladen um, der an eine Urlaubsinsel erinnerte. Seidenblumen und Stoffbahnen mit tropischen Mustern schmückten die vier Tische vorn im Laden. Der ausgestopfte Elchkopf an der hinteren Wand trug Sonnenbrille und eine Blütenkette.

„Es ist hübsch“, sagte Tanya schließlich. „Kann ich bis Juni hierbleiben?“

Angela lächelte und trat wieder hinter die Ladentheke. „Was darf ich Dir bringen? Wie wäre es mit einer Chocolate Colada und ein paar ofenfrischen Schoko-Ingwer-Waffeln?“

Tanya hatte sich an einen der Tische gesetzt. „Hört sich köstlich an. Und kalorienreich.“ Sie verzog das Gesicht. „Ich probiere mal.“

„Noch ein Grund, warum ich froh bin, keine Hauptrollen zu spielen“, sagte Angela, als sie Kokosmilch in einen Mixer goss. „Keinen stört es, wenn die Nebendarstellerin Größe vierundvierzig trägt.“ Wenn es ihr so wichtig wäre, dünn zu sein, hätte sie kein Geschäft eröffnet, in dem sie den ganzen Tag mit Zucker und Sahne hantieren musste.

„Du bist die beste Nebendarstellerin, die ich je hatte“, sagte Tanya.

„Könnten wir das nicht ins nächste Programmheft schreiben?“ Angela goss Ananassaft in den Mixer und gab eine Kugel Eis dazu. „Ehemaliger Hollywood-Star bescheinigt lokaler Schauspielerin Talent.“

„Ich war kein Star.“ Tanya sprach lauter, um den Lärm des Mixers zu übertönen. „Darum bin ich nach C. B. zurückgekommen. Annie und ich wären in L. A. beinahe verhungert.“

„Ich bin froh, dass ihr wieder da seid.“ Angela füllte das Getränk in ein Whiskyglas und fügte eine Kirsche und einen Trinkhalm hinzu. „Seitdem du aufgetaucht bist, ist das Theater wieder lebendig.“

„Daran bist du auch nicht unschuldig“, sagte Tanya. „Deine Idee mit der Schokoladenshow für die Spendenaktion war großartig.“ Sie nahm den Drink und saugte am Strohhalm. „Wow! Das muss unbedingt auf die Speisenkarte für die Party. Wie läuft es übrigens?“

„Heute habe ich mit dem Burschen vom Elevation Hotel gesprochen, der alles koordinieren soll.“ Beim Gedanken an den Flirt am Telefon musste Angela lächeln.

„Wie heißt er denn?“

„Bryan Perry. Ich habe ihn noch nie gesehen.“ Diesen Namen würde sie so bald nicht vergessen. Sie freute sich darauf, ihn kennenzulernen. Ob der Mann dem Bild entsprach, das sie sich von ihm machte?

„Du musst öfter ausgehen“, sagte Tanya.

„Neben dem Laden und dem Theater bleibt mir kaum Zeit.“ Sie setzte sich Tanya gegenüber auf einen Stuhl und nahm sich eine Waffel. „Kennst du Bryan?“, fragte sie.

„Nur flüchtig.“ Tanya biss in einen Keks. „Typen wie ihn gibt es viele in der Stadt. Attraktiv, amüsant und völlig verantwortungslos.“

Okay. Er sah gut aus und war witzig, damit hatte sie gerechnet, aber leichtlebig? „So jemand ist für unsere Spendenparty verantwortlich? Das hört sich nicht gut an.“

„Es ist merkwürdig“, stimmte Tanya zu. „Ich wusste nicht einmal, dass er einen Job hat. Aber er ist nett.“

„Moment mal.“ Aufmerksam betrachtete Angela ihre Freundin. „Bist du etwa schon mit ihm ausgegangen?“

„Quatsch. Geschiedene Frauen mit Kindern interessieren solche Typen nicht. Aber für dich könnte die Spendenparty ein Anlass sein, ihn näher kennenzulernen.“

„Vielleicht.“ Doch mit jemandem am Telefon zu flirten, war etwas anderes, als sich auf eine richtige Beziehung einzulassen … etwas, was sie seit drei Jahren erfolgreich vermied.

„Willst du eigentlich keine Familie gründen?“ Tanya seufzte. „Für mich ist es ja nicht gut gelaufen. Okay, ich habe Annie. Aber sie ist auch das einzige Highlight in sieben Ehejahren gewesen.“

Angela hatte nichts gegen Liebe und Ehe … zumindest in Theaterstücken und Büchern. Doch im echten Leben blieb sie lieber allein, als sich von jemandem verletzen zu lassen, weil sie seiner Idee von Ms Right nicht entsprach.

Bryan hingegen konnte vermutlich jede haben, wenn er der Typ Mann war, den es in dieser Stadt so häufig gab. Das Einzige, was sie sich von dem Treffen erhoffen konnte, war ein lockerer Flirt. Und das musste genügen, bis sie einen Mann fand, auf den sie sich verlassen konnte und der für sie da war.

Für immer.

„Ms Krizova ist da.“

Bryan schreckte von der Spesenabrechnung hoch, die er gerade überprüfte. Er drückte auf den Knopf der Sprechanlage. „Ich komme gleich.“ Die Vorfreude auf dieses Treffen hatte ihn einen Morgen mit öden Meetings und noch langweiligerem Papierkram überstehen lassen. Er strich über seine Krawatte und verließ das Büro, um seinen Gast zu begrüßen.

Es war Frühling, und in dem Wintersportort herrschte noch Hochbetrieb. Das Foyer des Hotels war überfüllt. Bryan suchte den verwinkelten Raum nach Angela Krizova ab. Einige Mountainbiker, die ihre Helme unter dem Arm trugen, ein paar Männer und zwei Mütter mit kleinen Kindern kamen nicht infrage. Es blieben eine kräftige Brünette in weinrotem Kleid, schwarzen Lederstiefeln und schwarzem Gürtel, die an der Rezeption stand, und eine zierliche Blondine am Kamin.

Er ging auf die Blondine zu und erstarrte, als er hinter sich eine vertraute Stimme hörte. „Mr Perry?“

Als er sich umdrehte, blickte er der brünetten Frau ins Gesicht und lächelte, um das flaue Gefühl zu verbergen, das plötzlich in ihm aufstieg. Die Frau sah ganz anders aus, als er sie sich vorgestellt hatte. „Ich bin Angela Krizova“, sagte sie und reichte ihm die Hand.

Er erwiderte den Händedruck, und wieder beeindruckte ihn ihre wohlklingende Stimme. Angela Krizova hatte jadegrüne Augen und einen üppigen Mund. Tatsächlich war alles an ihr großzügig … allzu großzügig. Er schluckte hart. Sie war … nun … sie war vollschlank. Eindeutig nicht die Frau seiner Träume.

Sie zog die Hand zurück und lächelte amüsiert. „Haben Sie etwas anderes erwartet?“, fragte sie.

Er räusperte sich verlegen. „Verzeihung?“

„Ich habe gefragt, ob ich anders aussehe, als Sie erwartet haben. Keine Sorge, daran bin ich gewöhnt.“

Sie blickte sich im Foyer um. Bryan schloss die Augen und versuchte, seine Fassung wiederzugewinnen.

„Nett haben Sie es hier“, sagte sie mit samtiger Stimme.

Er bemerkte, dass sie ihn prüfend ansah und auf eine Antwort wartete.

„Ich zeige Ihnen die Räumlichkeiten“, erwiderte er ausweichend und führte sie durch das Foyer ins Restaurant, das in dunklem Holz und hellem Stein gehalten war.

„Das Lokal hat eine Sonnenterrasse mit Blick auf die Berge und mit einer Feuerstelle.“

Bryan entspannte sich. Diese Erklärungen beherrschte er im Schlaf. Er schämte sich ein wenig für seine anfängliche Reaktion auf Angela. Ja, sie war üppig, aber hässlich war sie nun wirklich nicht. Dick und glänzend fiel das dunkle Haar über ihre Schultern. Sie hatte ausdrucksvolle Augen und hohe Wangenknochen, und ihre ausladenden Kurven befanden sich genau an den richtigen Stellen. Eigentlich wirkte sie eher sinnlich als pummelig.

„Kann ich den Partyraum sehen?“, fragte sie jetzt.

„Natürlich.“ Er führte sie in den Saal und drückte auf einige Schalter, bis der Raum hell erleuchtet war. „Die Tische können beliebig zusammengestellt werden“, erklärte er ihr. „Das Podium dort hinten eignet sich gut für Livemusik.“

„Gibt es eine Garderobe?“

„Das lässt sich einrichten, kein Problem.“

„Perfekt.“

Nach dieser Wahnsinnsstimme würde sich jeder Mann umdrehen, der seine Sinne beisammen hatte … Bryan atmete tief ein und versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren, doch Angelas dezentes blumiges Parfum verwirrte ihn noch mehr. Begierde stieg in ihm auf. Reagierte er nur auf den ungewohnten Reiz ihrer üppigen Schönheit, oder spielte sich hier noch etwas anderes ab?

Angela drehte sich zu Bryan um. Auf ihren Wangen waren Grübchen zu sehen. „Ach, das hätte ich fast vergessen“, sagte sie und entnahm ihrer Handtasche eine kleine Schachtel aus Goldpapier.

„Was ist das?“, fragte er, als sie das Schmuckband löste, mit dem die Box verschlossen war.

„Ich habe Kostproben mitgebracht.“

„Kostproben?“

„Von meinen Pralinen.“ Sie nahm einen Trüffel und hielt ihn hoch, sodass Bryan ihn betrachten konnte. Der glänzende rosafarbene Lack auf ihren Fingernägeln bildete einen starken Kontrast zu der samtig dunklen Schokolade. „Himbeer-Zartbitter“, sagte sie und bot ihm die Praline an.

Er steckte sie in den Mund und wurde sofort von einer Harmonie aus bitterer dunkler Schokolade und der Süße von Himbeeren belohnt. „Köstlich“, murmelte er.

„Freut mich, dass Sie es mögen.“ Sie leckte eine Spur geschmolzener Schokolade von ihrem Zeigefinger. Die unschuldige Geste jagte einen Schauer der Erregung durch seinen Körper.

Sie lächelte und fragte mit dieser unglaublichen Stimme: „Möchten Sie noch eine?“

Das halte ich nicht aus. „Können Sie mir eine hierlassen, damit ich sie später esse?“

„Natürlich.“ Sie überreichte ihm die Schachtel. „Wie lange arbeiten Sie schon hier?“

„Noch nicht sehr lange.“ Die Lästermäuler der Stadt hatten prophezeit, dass er nach höchstens drei Monaten das Handtuch werfen und zu seinem Partyleben zurückkehren würde. Die drei Monate waren vorüber, doch noch immer betrachteten sie seine neue Karriere als vorübergehenden Spaß, dessen er bald überdrüssig werden würde.

„Und was haben Sie vorher gemacht?“

„Verschiedenes“, sagte er ausweichend. Sieben Jahre zuvor war er nach Crested Butte gekommen, um einen Winter lang Snowboard zu fahren, bevor er in New York, Chicago oder Dallas im Hotelwesen arbeiten würde.

Doch dann hatte er die abgefahrenen Läden und noch flippigeren Leute auf der Hauptstraße des Ortes gesehen und war in eine Art Trance verfallen, aus der er erst vor Kurzem wieder erwacht war. „Und seit wann haben Sie Ihren Laden?“, fragte er, um das Thema zu wechseln.

„Seit drei Jahren. An meinem ersten Abend hier hatte ich Lust auf Schokolade und konnte nur einen alten Schokoriegel auftreiben. Da wusste ich, dass ich meine Aufgabe gefunden hatte … Stimmt etwas nicht?“

Verlegen bemerkte Bryan, dass er sie angestarrt hatte. Er wandte den Blick ab und erinnerte sich wieder an den Grund ihres Treffens. „Wie viele Gäste erwarten Sie?“

„Ungefähr hundertfünfzig. Der Eintritt beträgt fünfundfünfzig Dollar pro Kopf. Es wird Essen geben, eine Getränkebar, Musik und Tanz. Und natürlich Schokolade.“

„Natürlich.“ Er erwiderte ihr strahlendes Lächeln.

„Ich hoffe, Sie kommen auch?“, sagte sie. „Es werden viele Einheimische da sein.“ Sie verließen den Tanzsaal und gingen zum Empfangsbereich. „Waren Sie schon einmal in unserem Theater?“

Er verneinte. Bisher hatten Theaterkarten nicht in sein Budget gepasst.

„Wir proben gerade I hate Hamlet“, sagte sie. „Und wir suchen immer Freiwillige. Es ist eine gute Gelegenheit, um neue Leute kennenzulernen.“

„Vielleicht versuche ich es einmal.“

„Morgen Abend proben wir wieder im Mallardi Cabaret. Kommen Sie doch vorbei.“

An der Rezeption blieben sie stehen. „Danke für die Pralinen“, sagte er. „Es war nett mit Ihnen.“

„Danke, das Vergnügen war ganz auf meiner Seite.“ Sie gab ihm die Hand. Fasziniert blickte er ihr hinterher, als sie durch das Foyer zum Ausgang ging. Einige Gäste drehten sich nach ihr um. Zwar war sie nicht dünn, doch Angela hatte zweifellos Stil.

„Ms Krizova scheint zu viel von ihren eigenen Pralinen gegessen zu haben.“

Als er sich umdrehte, stand Rachel hinter ihm, die Empfangsdame. Sie war ungefähr in seinem Alter, schlank, immer modisch gekleidet und Stammgast in den Clubs von Crested Butte. Eigentlich unterhielt er sich gern mit ihr, doch die gehässige Bemerkung über Angela verstimmte ihn.

„Einige von uns treffen sich morgen Abend in der LoBar“, sagte sie. „Kommst du mit?“

Noch vor einer Stunde hätte er die Gelegenheit sofort beim Schopf ergriffen, nach der Begegnung mit Angela aber interessierte ihn die Einladung kaum. „Sorry, keine Zeit. Ich habe versprochen, bei der Theatergruppe vorbeizuschauen.“ Er räusperte sich. „Rein geschäftlich.“

„Zu schade“, sagte Rachel. „Mit mir würdest du dich besser amüsieren. Niemand in dieser Gruppe ist dein Typ.“

Sein Typ. Glaubte sie zu wissen, was sein Typ war? Verstohlen betrachtete er Rachel, ihre schlanke Figur und das strahlende Lächeln. Normalerweise ging er mit Frauen wie ihr aus. Sie war der Typ Frau, nach dem die Männer sich umdrehten. Wahrscheinlich hatte Angela ihre Pralinen mit Drogen versetzt, damit er seine Meinung änderte.

„Natürlich ist sie … die Theatergruppe überhaupt nichts für mich.“ Carl hatte ihn dazu ermutigt, Verbindungen zwischen dem Hotel und dem Ort zu pflegen, also würde er das tun.

„Es ist rein geschäftlich“, wiederholte er und zog sich in sein Büro zurück.

Angela ließ sich in der ersten Reihe des Mallardi Cabarets nieder und holte ihr Textbuch aus der Tasche. Die anderen Mitglieder des Ensembles waren ebenfalls versammelt, tranken Kaffee und plauderten.

Vor langer Zeit hatte sie davon geträumt, als Schauspielerin zu arbeiten. Doch die Aussicht auf den Kampf um die heißbegehrten Jobs in Los Angeles oder New York hatte sie davon überzeugt, dass es besser war, in der Nähe ihrer Heimatstadt zu bleiben. Ihr Geld verdiente sie nicht auf der Bühne, sondern in ihrem Laden, doch eigentlich drehte sich ihr Leben um die Theatergruppe.

Sie öffnete das Heft und las den Text für ihre Nebenrolle. Sie spielte Lillian Troy, die Agentin.

In diesem Moment ging Austin Davies an ihr vorbei, der Frauenschwarm des Ortes. Er spielte Andy, die männliche Hauptrolle. Sein Haar war perfekt gestylt, sein Kiefer markant, er trug Jeans und einen Fleecepulli. Austin war ein netter Bursche: eitel, aber nicht unfreundlich, etwas zu sehr von sich überzeugt, aber immerhin ein passabler Schauspieler.

Er lächelte Angela an, und sie nickte. Dann senkte sie den Kopf und gab vor, sich intensiv mit ihrem Text zu beschäftigen. Austin erinnerte sie an Troy Wakefield, den Hauptdarsteller der Laiengruppe in Broomfield, Colorado, zu der sie vor ihrem Umzug nach Crested Butte gehört hatte. Der Mann, mit dem sie fünfzehn Minuten lang verlobt gewesen war.

Okay, es waren eher vierzehn Tage gewesen. Aber was machte das für einen Unterschied? So oder so hatte sie ihm wenig bedeutet. Doch das war eine alte Geschichte.

Sie sah sich im Theater um und entdeckte Tanya hinter der Bühne. Das Kostüm für deren Rolle bestand aus einem glitzernden Cocktailkleid, das ihre perfekte Figur hervorragend zur Geltung brachte. Mit dem roten Haar, das Tanya in Wellen über die Schultern fiel, war sie der Inbegriff der glamourösen Femme fatale.

Angela dagegen würde einen altbackenen Tweedrock tragen, in dem sie dreißig Jahre älter aussah. Gern hätte sie wenigstens einmal das Glamourgirl gespielt, doch die Chance würde sie wohl nie bekommen.

„Okay, stellt euch auf eure Positionen“, rief Tanya den Darstellern zu. „Gehen wir die Szene mit der spiritistischen Sitzung noch einmal durch.“

Angela, Tanya und Austin versammelten sich auf der Bühne um einen Tisch, der unter einem weißen Tuch verschwunden war.

Plötzlich wurde die Tür des Theaters geöffnet, und der Verkehrslärm der Elk Avenue drang herein. Ein Mann in einem dunklen Mantel trat ein. „Oh, Verzeihung“, sagte er und zog seine Handschuhe aus. „Ich wollte nicht stören.“

„Bryan! Sie sind ja tatsächlich gekommen!“, rief Angela und versuchte gar nicht erst, ihre Freude zu verbergen. Bei seinem Anblick schlug ihr Herz schneller.

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