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COLLECTION BACCARA BAND XX

ANN CHRISTOPHER

Weil ich dich will

Der weiße Bikini, die roten Lippen, der Traumkörper, den das Meer umspielt … Livias berühmtes Bild hat Millionen Männer verzaubert. Auch Hunter. Nun macht das Topmodel Urlaub auf seinem Weingut – und weckt lang vergessene Sehnsüchte in ihm: nach süßen Küssen, heißen Nächten, nach einem neuen Glück. Doch womit soll er eine Frau halten, die alles haben kann?

SHAWNA DELACORTE

Sinnliche Begegnung um Mitternacht

Kaum in ihrer Heimat zurück, trifft Cynthia den Mann, der ihr einst das Herz gebrochen hat: Shane Fortune. Und noch immer kann sie sich seinem Charme nicht entziehen. Da er seine Dämonen nun anscheinend besiegt hat, willigt sie sogar ein, vorerst in seiner Villa zu wohnen. Mit jedem Tag in seiner Nähe wächst jedoch die Gefahr, dass er ihr Geheimnis entdeckt …

DIXIE BROWNING

Unerhört reich, gefährlich sexy

Callies Rock rutscht langsam höher … und Hank wird es an diesem glühenden Augusttag noch heißer. Eigentlich wollte er eine Vernunftehe mit einer Society-Lady schließen, aber nun bringt ihn seine neue Sekretärin um den Verstand. Leider ist Callie tabu: zu jung, zu verletzlich – und gleichzeitig so bezaubernd, dass er ihr nicht wiederstehen kann …

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Weil ich dich will

1. KAPITEL

Livia Blake warf einen kritischen Blick auf den ordentlich gepackten kleinen Koffer auf ihrem Bett. Für die kurze Reise nach Napa Valley konnte sie auf Firlefanz verzichten. Sie musste keine wartenden Paparazzi beeindrucken, musste nicht zwanzig Taschen dabeihaben mit falschen Wimpern, Haarteilen, Stilettos und sexy Kleidchen, in denen sie die frisch gewachsten Beine zur Geltung bringen konnte.

Dieser Kurztrip war nur zum Vergnügen, hatte absolut nichts mit ihrem Job zu tun.

Ha!

Während der nächsten Tage durfte sie essen und trinken, was sie wollte, ohne an Anproben denken zu müssen oder kritische Bemerkungen zu ihrem üppigen Dekolleté zu fürchten, das sich weigerte, in das briefmarkengroße Oberteil eines Bikinis zu passen. Kein hüftschwingender Gang über den Catwalk. Kein aufgesetztes Bussi-Bussi mit irgendwelchen verrückten Designern, keine Partys mit Möchtegern-Promis oder gedopten Muskelpaketen, die versuchten, ihr an die Wäsche zu gehen.

Bis zum Shooting Ende des Monats in Mexiko hatte sie frei. Nicht das Topmodel Livia Blake fuhr zum Weingut der Chambers, sondern ganz einfach die Privatperson Livia Blake. Halleluja!

Die Frage war: Hatte sie an alles gedacht?

Zurück zu ihrer Liste.

Wanderstiefel? Mückenspray? Pullover für die kühlen Nächte in Nordkalifornien? Alles da. Auch eingepackt: ein dickes Buch über Wein. Schließlich wollte sie in dem Weinanbaugebiet nicht wie jemand dastehen, der von nichts eine Ahnung hatte. Ihre Joggingschuhe waren verstaut, denn auch wenn sie nach Herzenslust essen und trinken wollte, musste sie deswegen nicht gleich dreißig Pfund zunehmen. Und sie hatte die Biographie von Jackie Robinson eingepackt, dem legendären Spieler der Brooklyn Dodgers. Sie wollte das Buch endlich zu Ende lesen. Sie war ein großer Baseball-Fan.

Brauchte sie noch Socken? Und sollte sie vielleicht doch noch ein nettes Kleid einpacken, für den Fall der Fälle?

Irgendwo klingelte ihr Handy. Hastig suchte sie die Fernbedienung und stellte den Ton des Fernsehers ab – sie hatte nebenher im Hintergrund ihre Lieblingssendung The Dog Wrangler laufen lassen, in der es immer wieder interessante Tipps zum Umgang mit Hunden gab. Endlich konnte sie ihr Handy auf dem Nachttisch orten, verborgen unter einem Haufen von Schals, die sie nicht mitnehmen wollte. Die Nummer auf dem Display gehörte ihrer Freundin Rachel Wellesley. Wahrscheinlich wollte sie wissen, wann Livia eintraf.

„Hi! Wie sieht’s aus bei dir?“, meldete Livia sich.

Die Antwort fiel nicht ganz so munter aus. „Wir könnten ein Problem haben“, sagte Rachel zur Begrüßung.

„Ein Problem aus der Kategorie abgebrochener Fingernagel oder ein Problem mit der Reise?“

Während der langen Pause, die folgte, sah Livia all ihre Hoffnungen auf entspannte Spaziergänge und Weinproben entschwinden.

Rachel räusperte sich. „Wahrscheinlich mit der Reise.“

„Nun red schon, Rachel!“

„Wir können nicht kommen.“

„Was?“

„Noch nicht, aber …“

„Wieso nicht?“

„Wir möchten, dass du schon mal ohne uns fährst. Wir kommen dann dazu, sobald die Dreharbeiten zu Ende sind.“

„Aber das sollte doch heute sein!“

„Ich weiß. Aber was sollen wir machen? Und wie schon gesagt: Fahr du ohne uns vor. Du kannst ja schon mal anfangen.“

„Wie soll ich das denn machen? Der ganze Zweck dieser kleinen Reise besteht doch darin, dass du dir das Weingut der Familie deines Zukünftigen ansiehst, um zu entscheiden, ob die Hochzeit dort stattfinden soll oder nicht. Soll ich für dich auch schon mal Brautkleider anprobieren?“

„Da scheint aber jemand heute Morgen mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein.“

Verdrossen betrachtete Livia ihren Koffer und überlegte, welche Möglichkeiten sie hatte.

Die erste war, hierzubleiben und endlich die Wohnung streichen zu lassen.

Die zweite war, nach Napa zu fahren, das Leben zu genießen und darauf zu warten, dass ihre Freunde in einigen Tagen nachkamen.

Okay, die Entscheidung war getroffen.

„Also gut“, sagte sie ungnädig. „Ich fahre allein, aber ich sage dir ganz ehrlich, dass ich es nur ungern tue.“

„Kannst du mir noch einmal verzeihen?“

Livias Nein wurde von einem Lächeln abgemildert.

„Sieh es doch mal positiv“, riet Rachel mit dieser schier unerträglichen Zufriedenheit einer glücklich verlobten Frau, die sich jeden Abend auf einen oder zwei Orgasmen freuen konnte. „Vielleicht lernst du dort einen netten Mann kennen.“

Livia tastete nach ihren Socken auf dem Bett, während sie die Augen genervt Richtung Decke rollte. Einen netten Mann finden? Nette Männer waren so selten wie weiße Tiger auf dem Mond.

Napa Valley war einfach überwältigend.

Livia benutzte das Wort nicht oft, aber hier passte es. Die künstliche Glitzerwelt von Las Vegas war fantastisch und die chinesische Mauer beeindruckte auf eine archaische und zugleich majestätische Weise. Demgegenüber erschien Napa ruhig und friedlich, aber eben nicht minder überwältigend. Die sanften Hügel, die Bäume, die sich bereits herbstlich färbten, die unendlichen Reihen der Weinstöcke – das alles berührte sie zutiefst. Livia kam sich vor wie in ein vergangenes Jahrhundert zurückversetzt. Es hätte sie nicht überrascht, wenn die Zeiger ihrer Uhr hier langsamer gegangen wären als in New York oder L. A.

Das war eine Landschaft, die sie lieben konnte.

Sie parkte den Leihwagen hinter dem Haupthaus des Weinguts. Es war größer als erwartet und hatte mehrere Giebel und Schornsteine. Vor jedem Fenster hing ein Blumenkasten, der vor roten Blüten überquoll. In der Nähe waren einige Gästehäuser zu sehen, von denen wohl eins ihr gehörte. Und …

Moment – war das ein kleines Mädchen?

Richtig. Die Kleine hatte sich hinter einem Baum versteckt und sah vorsichtig zu ihr herüber. Sie mochte fünf oder sechs Jahre alt sein, trug ein weißes T-Shirt mit blauen Shorts und um ein Knie einen roten Verband. Das schwarze Haar war zu Zöpfen geflochten. Richtig süß!

„Hallo!“ Livia winkte ihr lächelnd zu. Sie war immer ein wenig unsicher, wenn es darum ging, fremde Kinder zu begrüßen, weil sie wusste, dass man sie alle anwies, nicht mit Fremden zu sprechen. Aber vielleicht wirkte sie ja nicht zu bedrohlich. „Hallo!“, rief sie noch einmal. „Ich bin …“

Das Mädchen verschwand. Livia versuchte, nicht gekränkt zu sein. Sie bückte sich, um den Koffer aus dem Wagen zu heben.

Da bewegte sich etwas hinter ihr und berührte sie am Po. Mit einem schrillen Schreckensschrei fuhr sie herum – und sah sich einem Riesenvieh gegenüber, das sie interessiert beschnüffelte.

Ein weiterer Schrei stieg in ihr auf. In wie viele Stücke würde das Tier sie wohl reißen, bevor Hilfe kam? Dann geschah etwas Merkwürdiges. Das Wesen wich ein paar Schritte zurück, legte den Kopf auf die Seite und betrachtete sie. Wohl nicht eben das Verhalten eines wilden Raubtiers, aber für Livia dennoch kein Grund, sich zu entspannen. Sie unterdrückte den Schrei, obwohl sie den Mund bereits weit geöffnet hatte.

Moment! Plötzlich wurde ihr bewusst, dass es sich bei dem Riesenvieh um nichts Bedrohlicheres handelte als um einen Hund. Der Kopf des Tieres ging ihr gut über die Taille, was erstaunlich war, denn mit einem Meter achtzig war sie schließlich nicht gerade klein. Der Hund hatte große braune Augen, Schlappohren und lange Beine. Das Fell war braun-schwarz gefleckt. Es musste eine Deutsche Dogge sein.

Würde er sie nun in Stücke reißen oder nicht?

Offensichtlich nicht. Er beschnüffelte sie schon wieder. Offensichtlich gefiel ihm ihr Parfum. Sie fasste Mut, streckte eine Hand aus und kraulte ihm die Ohren. Sie fühlten sich überraschend seidig an und es sah fast so aus, als grinse der Hund vor Dankbarkeit.

Eigentlich war er ganz süß. Und gar nicht so …

Ohne jede Vorwarnung begann der Hund plötzlich zu bellen, und jedes Bellen erschien ihr wie ein nach Trockenfutter stinkender Kanonenschlag direkt ins Gesicht.

Na großartig. Gerade noch waren sie beste Freunde gewesen und nun bellte er sie ohne Anlass einfach in Grund und Boden? Nicht mit ihr!

Endlich machten sich die zahllosen Folgen Dog Wrangler bezahlt, die sie im Laufe der Jahre gesehen hatte. Sie bog die Finger nach innen und ließ sie gegen seine Flanke schnellen. Zack! Einfach so.

Ihre Taktik ging auf. Glücklicherweise. Der erschreckte Hund verstummte abrupt. Und noch besser: Er jaulte auf, wich zurück und ließ sich auf den Bauch fallen. Dann legte er die Schnauze auf die Vorderpfoten und betrachtete sie mit neuem Respekt.

Grimmig stemmte sie die Arme in die Seiten.

So ist es recht! Nimm dich in Acht!

„Hey!“ Schritte näherten sich. „Was haben Sie mit meinem Hund gemacht?“

Was? War der Mann noch ganz bei Trost? Fast hätte dieses Riesenvieh sie in Stücke gerissen und nun wurde sie angefahren, weil sie ihm Benimm beigebracht hatte? So nicht!

„Entschuldigen Sie!“ Sie wandte sich um. „Vielleicht ist Ihnen noch nicht aufgefallen, dass dieser Riese hier eine Bedrohung für die Menschheit ist und … Oh.“

Was auch immer sie sonst noch hatte sagen wollen, verpuffte im Hier und Jetzt, als sie den Besitzer der Stimme vor sich sah. Er mochte ein Idiot sein, hatte aber den Körper und die Gesichtszüge eines Gottes.

Zuerst fiel ihr seine Größe auf. Er war noch größer als sie. Das war außerhalb der Basketball-Liga eine Seltenheit. Und er war kein Hänfling. Unter dem dunkelblauen Polohemd und der Kakihose zeichnete sich ein durchtrainierter muskulöser Körper mit flachem Bauch und schmalen Hüften ab. Offenbar verbrachte er seine Zeit im Fitnessstudio, wenn er nicht gerade dabei war, sich als Weltklasse-Idiot zu profilieren.

Er hatte einen sonnengebräunten Teint, war glatt rasiert, hatte kurzes schwarzes Haar und braune Augen. Sein vorwurfsvoller Blick wanderte zwischen ihr und dem Hund zu ihren Füßen hin und her. Sie hatte das ungute Gefühl, er bedauere, dass der Hund sie nicht zerfleischt hatte, und wolle es nun selbst tun.

Okay, Livia. Hör auf, ihn anzuschmachten, und bekomm dich in den Griff!

„Der Hund hier“, sie deutete auf das Tier, „gehört an eine Leine!“

Mr. Superman schien es für unnötig zu halten, viele Worte an sie zu verschwenden, denn er hielt die Hand hoch – und mit ihr eine schwarze Leine.

„Na super.“ Einerseits beruhigt, andererseits immer noch merkwürdig gereizt, hielt sie seinem durchdringenden Blick kühl stand. „Haben Sie auch die Absicht, sie irgendwann zu benutzen?“

„Falls Sie nichts dagegen haben.“

Seine trockene Höflichkeit rieb wie Schmirgelpapier über ihre Nervenenden. Sie trat beiseite. Hatte er Erfahrung mit Hunden?

Nein, eindeutig nicht. Vorsichtig beugte er sich herab, um die Leine an das Halsband zu klicken.

Der Hund hob den Kopf und zog die Lefzen zurück, bis ein scharfer weißer Schneidezahn zu sehen war. Dazu erklang unüberhörbar ein drohendes Knurren. Der Mann erstarrte mit ausgestrecktem Arm. Auch Livia erstarrte, obwohl der Hund sie gar nicht ansah. In Tierfilmen hatten Löwinnen schon weit weniger furchteinflößend geknurrt und trotzdem kurz darauf irgendein unglückliches Tier in Stücke gerissen.

Der Mann war rot angelaufen – sei es vor Angst oder vor Verlegenheit. Er warf einen Blick zu Livia hinüber, bevor er sich erneut sammelte. Dann fuhr er sich mit der Zungenspitze über die Lippen und versuchte eine andere Taktik.

„Ich habe hier einen Knochen für dich, du Monster, wenn du mich …“

Neuerliches Knurren. Der Hund legte die Ohren an und zeigte noch mehr Zähne.

Herrgott noch mal! Hatte der Mann denn noch nie The Dog Wrangler gesehen? Er machte aber auch alles falsch, und Livia hatte keine Lust, ihm noch länger dabei zuzusehen.

„Geben Sie her!“ Sie entriss ihm die Leine.

„Warten Sie …“

Der Hund wandte den Kopf in ihre Richtung und wollte wieder mit diesem Knurren beginnen, aber sie hatte genug. Sie flippte die Finger in seine Richtung und wies den Zeigefinger streng in sein Gesicht.

„Hey!“, warnte sie und hielt den Ton dabei ruhig und tief.

Der Hund ließ den Kopf sofort wieder auf seine Pfoten sinken – als habe er schon sein ganzes Leben lang darauf gewartet, dass jemand die Führerschaft über das Rudel übernahm. Livia nutzte die Gunst des Augenblicks und klickte die Leine fest. Schnell gab sie sie dem Mann zurück.

„So macht man das.“ Sie hatte nicht die Absicht, ihm zu gestehen, dass sie das zum ersten Mal gemacht hatte. „Kein Grund, sich bei mir zu bedanken.“

In ihm arbeitete es sichtlich. „Noch mal – was haben Sie mit dem Hund gemacht? Er gehorcht sonst niemandem.“

Ach so! Er beschuldigte sie gar nicht, dem Tier etwas angetan zu haben.

„Wissen Sie, ich habe nur versucht, ihm zu zeigen, wer der Herr ist.“

„Scheint Ihnen gelungen zu sein.“ Sein Ton war einen Hauch freundlicher geworden. „Danke.“

„Sie sollten sich die Sendung The Dog Wrangler ansehen.“

„Wenn Sie meinen.“

Himmel! Nicht nur der Hund musste an seiner Außenwirkung arbeiten, und zwar gründlich. Sie wandte sich wieder ihrem Wagen zu.

„Ich checke jetzt ein.“

„Lassen Sie mich das machen …“ Er griff nach dem Koffer. „Ich helfe gern.“

Sie musterte seine grimmige Miene. „Das sehe ich. Aber ich komme allein zurecht.“

Er stellte den Koffer auf den Boden und warf einen Blick in das Auto. Anschließend sah er sich um, als erwarte er einen weiteren Wagen.

„Wo ist der Rest?“ Er sah sie fragend an.

„Wovon?“

„Von Ihrem Gepäck? Von Ihrem Gefolge?“

Ach so! Jetzt verstand sie. Wie alle anderen Idioten weltweit ging er davon aus, dass sie wie eine Diva daherkommen musste, nur weil sie ein berühmtes Model war. Vielleicht hatte er auch alte Artikel aus der Regenbogenpresse in Erinnerung, aus Zeiten, als sie noch jung und dumm gewesen war. Wie auch immer. Er brauchte eindeutig ein bisschen Schulung in Manieren und in Kundenservice. Dafür war er bei ihr genau an der richtigen Adresse.

„Ich nehme an, Sie wissen, wer ich bin.“

An seiner Miene änderte sich nichts, aber die Art, wie sein Blick einmal an ihr herauf- und wieder hinunterglitt, ließ ihr einen unerwarteten Schauer über den Körper laufen.

„Jeder Mann, der einmal ein Heft für Bademode in der Hand gehabt hat, weiß, wer Sie sind.“

Und dabei sah er Livia auf eine Weise an, dass sie erstarrte. Plötzlich ging ihr Puls einen Tick schneller und ihr wurde bewusst: Dieser Mann bedeutete Probleme. Männer sahen sie an, das war keine große Sache. Aber bei ihm war es anders.

Er zog sie förmlich mit den Blicken aus – zuerst die kurzen Shorts und dann das dünne Top. Sie sah ihm an, wie er sie im Geiste verglich mit dem Cover auf der Sports Illustrated, als sie gerade neunzehn gewesen war: von der Sonne gebräunt, die Haut von Wassertropfen benetzt. Mit einem winzigen weißen Bikini-Höschen und einem gehäkelten Oberteil, das jeden Zentimeter ihres Körpers sehen ließ außer den Brustwarzen. Das Haar war ihr ins Gesicht geweht, die Hüften hatte sie zu einer Seite geschoben, Lippen und Schenkel leicht geöffnet, an einer Seite ihres Körpers klebte noch der Sand, während das blaue Wasser des Ozeans ihre Füße umspülte.

Sie war damals noch ein junges Ding gewesen, aber so schön wie nie in ihrem Leben – und so würde sie auch nie wieder aussehen. Dieser Mann hier, wer auch immer er sein mochte, erinnerte sich an das Bild. Er hatte das Titelblatt gesehen und dachte, er kenne sie, aber er wusste nichts von dem Menschen, der in diesem atemberaubenden Äußeren steckte.

Das war bei Männern eigentlich immer so. Sie war ihre vorschnellen Urteile gewohnt.

Was sie nicht gewohnt war, war die Hitze, die sein Blick in ihr aufsteigen ließ. Das Verlangen, das der Kerl in ihr weckte. Sie kam sich vor, als sei sie insgeheim magnetisiert worden und er sei der Nordpol.

Hör auf, Mädchen!

„Sie mögen meinen Namen kennen“, bemerkte sie spitz, „aber Sie kennen nicht mich. Ich brauche kein Gefolge, wie Sie das nennen, wenn mein Job es nicht nötig macht. Und ich habe nur einen Koffer dabei.“ Sie schnappte ihn sich, bevor der Mann ihr zuvorkommen konnte. „Und ich trage ihn selbst.“

Angespornt von ihrer verletzten Würde ging sie zum Haus hinüber, nachdem sie seinen überraschten Blick sehr wohl registriert hatte. Sie hatte mehrere Meter zwischen ihn und sich gebracht, als er die Sprache wiederfand.

„Wie Mylady wünschen …“

Seine Ironie brachte das Fass zum Überlaufen. Sie sah rot. Dieser Idiot durfte nicht das letzte Wort haben.

Sie drehte sich zu ihm um. „Sie sind sehr unhöflich“, erwiderte sie eisig. „Ich werde mich bei den Besitzern über Sie beschweren.“

Fassungslos registrierte sie, dass ihre Drohung ihn nur zu amüsieren schien. „Tun Sie das“, bemerkte er. „Die haben auch schon Probleme mit mir gehabt. Vergessen Sie nicht, ihnen meinen Namen zu sagen: J. R.“

Es wäre eine solche Wohltat, ihm dieses Lächeln mit einem Schlag aus der Visage zu wischen und ihm klarzumachen, wie er sich gegenüber Frauen oder zahlenden Gästen zu verhalten hatte. Aber das hätte vorausgesetzt, dass sie sich bewegte – und das konnte sie nicht. Der Mann war so unglaublich sexy, so attraktiv, dass es ihr schier den Atem verschlug und ihr Herz kurz aussetzte. Das war ihr schon seit Jahren nicht mehr passiert, ganz gleich, ob sie es mit Sportlern, Schauspielern oder mit Rockstars zu tun gehabt hatte.

Die Belustigung verschwand und wich einem Ausdruck, der ihr Angst machte. Wirklich Angst.

Zeit für einen Abgang, Livia!

Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging zum Haus.

Der Hund sprang auf und folgte ihr.

2. KAPITEL

Was für ein Tag!

Hunter Chambers Junior hatte alle Scheiben seines Pick-ups heruntergedreht und genoss den Fahrtwind auf seinem überhitzten Gesicht und den schweißnassen Armen. Aber die Erfrischung hatte ihren Preis: Nun konnte er sich selbst riechen. Nicht unbedingt angenehm. Der frische Schweiß war dabei weniger das Problem als der nicht ganz so frische Geruch der Erde, die ihm an den Schuhen klebte. Keine preisverdächtige Kombination. Es roch, als habe er sich kilometerweit im Dreck gewälzt, statt nur zwischen den Weinstöcken entlangzugehen und ein paar Trauben Cabernet zu pflücken. Die Trauben waren fast reif, in ein paar Tagen konnte die Lese beginnen.

In einer Kurve der Serpentine bremste er. Dann schob er die Baseballkappe nach hinten und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. Herrje! Ein kurzer Blick in den Rückspiegel zeigte ihm, dass er jetzt eine braune Schmutzspur im Gesicht hatte.

Nicht schön.

Aber so, wie er es liebte.

Er arbeitete gern von morgens bis abends im Weinberg. Dann hatte er das Gefühl, wirklich etwas getan zu haben. Schweiß und Schmutz waren Zeichen, die er wie eine Ehrenauszeichnung trug. Man konnte nicht Wein anbauen und dabei geschniegelt und gestriegelt am Schreibtisch sitzen. Der heutige Tag war besonders hart gewesen und Hunter war sehr zufrieden mit sich.

Zumal es ihm gelungen war, etwas von dem Ärger loszuwerden, den ihm diese Frau am Morgen bereitet hatte.

Livia Blake – alias Miss Stress mit einem extragroßen S.

Da es ihn manche Schweißperle gekostet hatte, sie aus seinem Kopf zu bekommen, wollte er nun nicht schon wieder an sie denken. Unter gar keinen Umständen. Lieber wollte er an etwas anderes denken. An …

Ja, ans Duschen.

Das war das Erste, was er sich zu Hause gönnen wollte. Eine kalte Dusche. Und dann vielleicht eine schöne Flasche …

Verdammt!

Er musste voll in die Eisen gehen, um nicht hinter einer scharfen Kurve einen Radfahrer umzunieten, der am Straßenrand stand. Oder vielmehr auf der Straße. Genau dort, wo die Chance am größten war, von einem Wagen erfasst und in die Luft geschleudert zu werden – damit dann der nächste Truck ihn in ein schönes Asphalt-Tattoo verwandeln konnte!

Der Radfahrer ließ sein Gefährt fallen und sprang zur Seite. Natürlich viel zu spät. Und dann rief er auch noch empört: „Hey!“ So was Blödes. Als wäre er schuld! War das fair? Er hupte wütend und warf einen Blick in den Rückspiegel, um zu sehen, ob der Mensch Hilfe brauchte. Erst jetzt erkannte er, wer es war.

Verdammt!

Sie war es. Livia Blake. Miss Stress höchstpersönlich.

Eine merkwürdige Erregung ergriff Besitz von ihm – und das hatte nichts damit zu tun, dass er hier den guten Samariter spielte. Fahr weiter! drängte er sich, aber der verdammte Pick-up hatte schon wie von selbst den Rückwärtsgang eingelegt. Ein klügerer Mann hätte jemanden geschickt, ihr zu helfen, aber Hunter hatte sich ganz eindeutig von seinem Verstand verabschiedet, seit er diese Frau am Morgen das erste Mal gesehen hatte.

Er parkte den Wagen am Straßenrand, stieg aus und ging langsam zu ihr. Wie der letzte Spanner war er froh über seine Sonnenbrille, die es ihm erlaubte, sie unbemerkt zu mustern. Er dachte an seine Mutter und an seine kleine Tochter und schämte sich. Frauen waren keine Objekte. Sie sollten nicht angestarrt werden. In seinem tiefsten Inneren, im hintersten Winkel seiner Seele wusste er, dass er sich falsch benahm. Der Himmel würde ihn wahrscheinlich dafür bestrafen und Hunter hatte es verdient.

Trotzdem starrte er diese Frau an.

Das war das Merkwürdige. Natürlich hatte er Livia Blake schon gesehen. Sie gehörte zu den internationalen Topmodels. Sie präsentierte die Reizwäsche von Victoria’s Secret und hin und wieder war ihm einer der Kataloge dieses Labels in die Hand gefallen. Natürlich hatte er sie auch auf dem Titelblatt der Sports Illustrated gesehen und nach ihr gelechzt – wie alle anderen Männer auch.

Aber hier, jetzt …

Es war etwas völlig anderes, sie persönlich zu sehen, daran musste er sich erst noch gewöhnen. Zumal sie seine Erwartungen mehr als übertraf. Sie sah nicht nur atemberaubend aus, sie war auch noch intelligent, witzig und schlagfertig.

Gerade bückte sie sich, um das Fahrrad aufzuheben. Eine gute Gelegenheit, seinen Blick über ihre langen Beine aufwärts zu ihrem knackigen Hinterteil wandern zu lassen. Sie war keine zierliche Elfe, bei der man Angst haben musste, sie würde in Stücke brechen, wenn es im Bett etwas wilder wurde. Nein, dies war eine Amazone, die ihre Schenkel um ihn schlingen würde – oder vielmehr um irgendeinen Mann, natürlich nicht um ihn. Aber sicherlich würde sie so viel geben wie nehmen, bevor sie dann immer noch mehr fordern würde.

Es musste sein Glückstag sein, denn wie das Schicksal es wollte, hatte sie sich für ein kleines weißes Tanktop aus irgendeinem dehnbaren Material entschieden. Weiß! Das war jetzt in der Nachmittagssonne wirklich eine Augenweide. Das Top sah vielleicht gut aus in einer Ankleidekabine, aber sie war beim Fahrradfahren offensichtlich ins Schwitzen gekommen. Und wie jeder Mann der Welt wusste: Ein schweißnasser Körper in einem weißen Top bedeutete, dass so gut wie jede Einzelheit der Brüste zu sehen war.

Sie würde sterben vor Scham, wenn sie das wüsste, aber er konnte … ja, er konnte wirklich alles sehen. Runde Brüste, die eindeutig natürlich waren und nicht aus irgendeiner Schönheitsklinik kamen. Dunkle Brustwarzen. Und unter den Brüsten eine schmale Taille und kurvige Hüften. Keiner, der glaubte, Topmodels bestünden nur aus Haut und Knochen, hatte je dieses atemberaubende Geschöpf gesehen. Kein Wunder, dass man ihr Millionen dafür zahlte, dass sie einfach nur kam und in die Kamera lächelte.

Das Gesicht war noch schöner als ihr Körper, falls das überhaupt möglich war. Das Make-up war verschwunden – nicht, dass sie viel geschminkt gewesen wäre. Aber nun war es ersetzt worden von dem Schweißfilm einer gesunden Frau, die sich gut bewegt hatte. Das Haar hatte sie sich hochgesteckt. Einige Strähnen hatten sich gelöst und fielen ihr lockig in den Nacken. In den braunen Augen brannte ein Feuer und ihr Schmollmund lud zum Küssen ein.

Kurz: Sie sah aus wie eine Frau, die einen höchst befriedigenden Nachmittag im Bett verbracht hatte. Das war eindeutig kein Anblick, den er sich auf seine innere Festplatte brennen sollte, wenn er sie ignorieren wollte.

„Sie!“ Sie stellte das Fahrrad auf seinen Ständer und hängte ihren Fahrradhelm an den Lenker, bevor sie sich breitbeinig vor ihn stellte und die Hände in die Seiten stemmte. „Ich hätte es wissen sollen! Sie sind eine Gefahr für die Menschheit!“

Er stellte fest, dass sein Puls sich beschleunigte, wenn sie in der Nähe war. Seine Haut schien wärmer als sonst. Das bildete er sich nicht ein und es war auch nicht seine generelle Wertschätzung für eine schöne Frau. Nein, diese Frau hatte etwas an sich, das sein Herz schneller schlagen ließ.

„Ich fahre gern auf der Straße“, erklärte er trocken. „Dafür ist sie da. Nicht dafür, auf ihr herumzustehen und die Landschaft zu bewundern.“

„Ich habe nicht die Landschaft bewundert, Sie Genie. Ich habe einen Platten.“

Ja, das hatte er schon gesehen. Er beugte sich vor, um sich den Reifen anzusehen – vor allem aber, um ihr dadurch etwas näher zu sein. Nah genug, um ihre glatte Haut zu bewundern und ihren Duft einzuatmen.

Das war ein Fehler. Ein großer Fehler.

Trotzdem richtete er sich wieder auf und näherte sich ihr dabei noch ein wenig. Auf Kussabstand, falls er das im Sinn gehabt hätte. Nur das Rad trennte sie, aber im Zweifelsfall wären sie beide groß genug gewesen, sich darüberzulehnen.

„Sie und Ihr Rad sollten sich neben der Straße befinden, wenn Sie nicht angefahren werden wollen.“

„Genau dort wollten wir hin, als Sie und Ihr Monstertruck uns fast umgenietet hätten.“ Sie ließ ihren Blick leicht angeekelt über ihn gleiten. „Was haben Sie überhaupt gemacht?“

„Gearbeitet.“ Sie hatte ihre manikürten kleinen Hände sicher noch nie zu etwas anderem gehoben, als um den Ober um ein Glas Champagner zu bitten. „Das tun wir hier auf einem Weingut.“

Sie zog die Nase kraus. „Schon mal was von Duschen gehört?“

Er nahm die Sonnenbrille ab, damit sie sehen konnte, was er tat. Denn so wie sie ihn zuvor betrachtet hatte, so ließ nun er seinen Blick über sie gleiten, nur etwas langsamer, genießerischer. Sie wurde ein wenig rot, senkte das stolz emporgereckte Kinn aber keinen Millimeter.

„Ja. Sie auch?“

Sie bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick, bevor sie ihre kleine Tasche öffnete. „Jetzt lassen Sie mich bitte in Ruhe, damit ich den kaputten Reifen reparieren kann.“

Was? Sie? Den Reifen reparieren?

Verblüfft sah er zu, wie sie ein Reparaturset herausholte und tatsächlich zu wissen schien, was damit zu tun war. So viel also zu seinem Vorurteil, dass sie nichts als eine Partyschönheit war, die nur Stroh im Kopf hatte. Aber natürlich hatte schon ein Blick in ihre wachen Augen ihm verraten, dass die Frau mehr zu bieten hatte als eine attraktive Fassade.

Er musste ihr eine Chance geben.

Wenn sein Körper doch nur nicht immer auf alles, was sie tat und sagte, so heftig reagieren würde!

„Sie müssen über einen Nagel oder etwas Ähnliches gefahren sein“, bemerkte er unwirsch. „Kommen Sie, ich mache das für Sie.“

„Nein danke, ich komme allein zurecht.“

Ja, das sah er. Es war vielleicht kein guter Moment, sich darüber klar zu werden, dass er im Grunde seines Herzens noch ein Höhlenmensch war. Ein Macho. Aber er konnte einfach nicht zusehen, wie sie den Reifen flickte.

Er wollte das für sie machen. Eine irritierende Stimme in seinem Kopf trieb ihn an. Drängte ihn, ihr zu beweisen, dass er zwar kein Millionär aus Hollywood sein mochte mit einem schicken Auto und einem eigenen Flugzeug, dass er aber stark und fähig war. Er wollte ihr beweisen, dass sie sich auf ihn verlassen konnte, solange sie hier war.

Verrückt, nicht?

Es war krank. Er hockte sich neben das Rad und sah sie durch die Speichen an, während er seine Hand auf ihre legte. Die Berührung schickte einen Schauer über seinen Körper. Er redete sich ein, es liege nur daran, dass sein Körper nach den Anstrengungen des Tages abkühlte, aber er wusste selbst, dass das Unsinn war. Die Berührung ihrer Hände verwirrte ihn. Ebenso wie die Unruhe, die er in den Tiefen ihrer faszinierenden braunen Augen entdeckte.

„Entweder ich repariere den Reifen, oder ich fahre Sie zurück zur Verleihstation. Sie haben die Wahl, Livia.“ Ihre angespannte Miene erinnerte ihn an seine Manieren. „Bitte.“

„Ich bin keine verwöhnte Diva.“

Ihr Ton sagte alles. Sie war es leid, immer nur nach ihrem Aussehen eingeschätzt zu werden. War es leid, wie ein empfindliches Porzellanpüppchen behandelt zu werden, das bei der kleinsten Belastung in Stücke zerbrechen konnte. Sie war eine starke, fähige Frau, und sie wollte, dass er sie so sah. Dass er es anerkannte.

Ihr Stolz rührte ihn irgendwie.

„Ich weiß, dass Sie das nicht sind“, sagte er leise. „Und falls der Wagen einen Platten hat, dürfen Sie den Reifen für mich wechseln, okay?“

Damit hatte er sie erwischt. Sie konnte nicht anders, sie musste lachen. Und der Anblick dieses Lachens, das über ihr Gesicht glitt, war ebenso atemberaubend wie ein Sonnenuntergang am Meer oder die Strahlen der Sonne, die auf einen Regenbogen treffen. Er lachte mit ihr, brach aber mittendrin ab und konnte sie nur anstarren. Stumm flehte er darum, sie möge den Zauber lösen, den sie über ihn geworfen hatte.

„Sie sind einfach nur nett zu mir, weil Sie Angst haben, ich könnte dafür sorgen, dass man Sie auf die Straße setzt.“

Er versuchte, seine Stimme wiederzufinden. Wieso hatte er ihr eigentlich noch nicht gesagt, dass er einer der Chambers war, denen das Weingut gehörte? Und wieso hatte er ihr den Namen genannt, unter dem seine Familie ihn als Kind gerufen hatte, J. R. für Junior? Die Vorstellung, dass sie versuchen könnte, seine Eltern dazu zu bewegen, ihn zu feuern, ließ ihn grinsen.

Diese Frau war … einfach unglaublich.

„Können wir jetzt gehen?“

„Ja.“ Sie war ernst geworden, wahrscheinlich weil sie gesehen hatte, wie sehr sie ihn faszinierte, wie sehr er sie begehrte. Er war gut in vielen Dingen, aber es gelang ihm eindeutig nicht, seine Reaktionen auf sie zu verbergen. Die Berührung ihrer Hände schien wahre Hitzewellen auszulösen. Er würde noch die ganze Gegend hier in Brand setzen, wenn er nicht vorsichtig war.

„Kann ich meine Hand jetzt wiederhaben?“

„Ja, natürlich.“ Sein Verstand schickte den Befehl an seine Hand: Lass sie los! Aber es dauerte eine Weile, bis sie endlich gehorchte.

Ein wenig verlegen stand er da. Sie räusperte sich. Unmöglich, jetzt einander in die Augen zu sehen. Schließlich hievte er das Fahrrad auf die Ladefläche des Pick-ups, während sie den Helm und ihre Tasche aufnahm. Schweigend stiegen sie ein. Er warf den Motor an. Kein Blickkontakt. Sie schnallten sich an und starrten dabei jeder aus seinem Fenster.

Es spielte keine Rolle. Der Schaden war bereits angerichtet, die Luft zwischen ihnen vibrierte förmlich. Irgendwie erinnerte ihn der Zustand an die Lichtschwerter in den Star-Wars – Filmen.

Er legte den Gang ein und packte das Steuer. Seine Hände waren so feucht wie sein ganzer Körper, wenngleich aus einem völlig anderen Grund.

Fahr zu, Mann! Halt den Mund und fahr! Je eher sie wieder raus ist aus dem Wagen, desto besser. Sag bloß nicht noch einmal irgendetwas Blödes!

„Livia?“

Seine raue Stimme verriet alle möglichen Sehnsüchte, aber das schien sie nicht zu erreichen. Sie starrte aus dem Fenster und schwieg.

„Bekommen wir hier gerade ein Problem?“

„Nein“, sagte sie knapp.

Er erkannte die Lüge. Verkniff sich einen Kommentar und fuhr zurück zum Weingut.

Okay, Mädchen! sagte Livia sich. Okay. Das ist keine große Sache. Nur ein paar Meilen bis zum Gut und dort bist du in Sicherheit. Nicht, dass du hier in irgendeiner Gefahr wärest. Jedenfalls in keiner physischen Gefahr. Ignoriere diesen sexy Mann einfach. Du bist nicht nach Napa gekommen für eine Affäre oder irgendein romantisches Abenteuer. Sieh aus dem Fenster und denk darüber nach, was du zum Shooting in Mexiko einpacken musst.

Angestrengt dachte sie nach und ruinierte sich dabei wahrscheinlich noch die letzte intakte Gehirnzelle. Was brauchte sie? Mexiko war heiß. Also brauchte sie – was?

Ja, natürlich. Sonnencreme. Gut, ein guter Anfang. Sehr erfolgreich, dieser Versuch, den Typen neben ihr zu ignorieren.

Doch, sie konnte das. Sie brauchte Sonnencreme und dann …

„Ist Ihnen kalt?“ Er regulierte die Lüftung.

Verdammt, machte er das mit Absicht? War seine Stimme immer so samtig, dass sie unter ihre Haut kroch? Außer er knurrte sie gerade an. Und wieso war er plötzlich so rücksichtsvoll? Sie wusste doch ganz genau, dass er sie längst als ein Modepüppchen abgehakt hatte, das nur in die Kameras lächelte und dafür viel Geld bekam.

Wieso hatte sie in seiner Gegenwart das Gefühl, dass sich ihr ganzes Inneres verknotete?

Himmel, er war schmutzig wie ein Feldarbeiter. Schmutzig, unhöflich und arrogant. Was war daran so spannend? Okay, er trug eine Baseballkappe von den Indianapolis Clowns, er konnte also nicht ganz schlecht sein. Aber wieso fuhr sie auf ihn ab wie ein Schulmädchen auf den Star des Abschlussballs? Wieso wurde ihr beim Duft seiner Haut ganz anders?

Immerhin berührte er sie nicht mehr. Das war wenigstens etwas, wofür sie dankbar sein konnte.

„Nein, nein.“ Sie musste sich räuspern, bevor die Stimme ihr gehorchte. „Danke.“

Sie schwiegen. Er schien grundsätzlich nicht viel zu reden. Wenn sie also einfach den Mund hielt und ihn nicht irgendwie in ein Gespräch verwickelte, dann konnte dieser merkwürdige Zwischenfall bald Geschichte sein.

„Was genau machen Sie auf dem Weingut?“, hörte sie sich fragen. So viel also zu ihrem Plan, den Mund zu halten.

Er zögerte. Hielt den Blick auf die Straße gerichtet. „Ich züchte die Weinsorten. Und ich mache den Wein.“

Ihr ging ein Licht auf. Sie hatte doch gewusst, dass dieser Mann zu intelligent war, um Bewässerungsgräben auszuheben oder etwas in der Art, auch wenn er so aussah.

„Sie sind also Winzer und Önologe.“

Ihm fiel für einen Moment sprichwörtlich die Kinnlade herunter. Verblüfft sah er zu ihr herüber. „Ja, stimmt.“

In ihr rangen Ärger und Triumph. Er war also überrascht, dass sie ein wenig Ahnung hatte, ja? Hielt er sie für so dumm, dass sie sich nicht über ein Weingut informierte, bevor sie dorthin fuhr?

„Achten Sie bitte auf die Straße!“, fauchte sie ihn an. „Ich weiß nicht, wieso Ihnen so daran gelegen ist, mich mit diesem Ding umzubringen.“

Er sah wieder nach vorn. „Sorry, aber nur wenige Leute wissen, was ein Önologe ist.“

„Dann bin ich wohl eine Ausnahme, oder?“ Ihr Ton war eisig. Sie war noch nicht bereit, seine Entschuldigung anzunehmen.

„Das kann man wohl sagen“, bemerkte er trocken.

„Sie haben also studiert. Waren Sie an der Universität von Kalifornien? Ich weiß, dass sie einen Studiengang haben …“

„Nein.“ Um seine Mundwinkel zuckte es, als müsse er ein Lachen zurückhalten. „Ich war auf der Washington State University.“

„Und wie lange arbeiten Sie schon hier?“

Er überlegte. „Lange.“

„Gefällt es Ihnen?“

„Ja.“

„Stimmt es, dass die Trauben reif sind, wenn man sie drückt und der Saft ein kleines sternförmiges Muster macht?“

Er brauchte eine Weile, bis er die Sprache wiederfand. „Ja, stimmt.“

Gereizt sah sie ihn an. „Überschlagen Sie sich bloß nicht mit den Informationen über den Weinbau. Wir könnten sonst Gefahr laufen, eine Unterhaltung zu führen.“

„Ich bezweifle, dass ich irgendetwas sagen könnte, das Sie nicht schon wissen.“

„Sie sind ja wirklich ein großartiger Botschafter für Chambers Winery“, bemerkte sie spöttisch. „Ich kann es kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen und dem Gut auf allen Websites gerade mal einen einzigen Stern zu geben in meinen Empfehlungen.“

Sie hielten vor einem Stoppschild und er nutzte den Moment, zu ihr herüberzusehen. „Livia“, sagte er müde, „tun Sie, was Sie nicht lassen können.“

Pikiert verschränkte sie die Arme vor der Brust und sah aus dem Fenster. Hatte sie es nicht gleich gewusst? Sie hätte den Mund halten sollen. Warum war sie von diesem Kerl bloß so merkwürdig fasziniert? Sie waren wie Wasser und Öl. Eine Unterhaltung zwischen ihnen war unmöglich, ganz gleich, wie gut ihre Absichten sein mochten.

Glücklicherweise hatten sie ihr Ziel erreicht. Er fuhr direkt zu der Stelle, wo die Leihräder ausgegeben wurden.

„Vielen Dank fürs Bringen.“ Sie schnappte sich ihre Tasche. „Ich kann das Fahrrad selbst …“

„Hier.“ Etwas Weiches berührte ihren Arm. Verblüfft sah sie, dass er von irgendwoher ein sauberes dunkelblaues T-Shirt mit dem Logo von Chambers Winery hervorgezaubert hatte. „Ziehen Sie das an.“

„Das brauche ich nicht.“

„Ihnen ist kalt“, beharrte er.

Kalt? Sah er nicht ihr schweißgebadetes Gesicht? „Sind Sie verrückt?“, begann sie, aber dann warf er einen betonten Blick auf ihre Brust. Sie sah nach unten und es dämmerte ihr.

Oh, Gott! Alles – aber auch wirklich alles – war deutlich zu sehen. Genauso gut hätte sie sich nackt fotografieren und das Foto an die nächste Plakatwand pinnen können. Ihre Wangen brannten vor Scham, als sie ihm das T-Shirt aus der Hand riss und es sich überzog. Sie brauchte zwei Versuche, bis der rechte Arm endlich im Ärmel war.

„Das hätten Sie auch eher sagen können“, fauchte sie ihn an.

Er zuckte die Schultern. „Ich konnte dem Anblick nicht widerstehen.“

Wäre es zu vertreten, ihm jetzt die Augen auszukratzen? Jeder Richter würde ihr mildernde Umstände einräumen. Und warum um alles in der Welt fühlte sie sich trotz allem derart zu diesem Mann hingezogen?

„Ich verstehe Sie einfach nicht.“ Es war kein sehr kluges Eingeständnis, aber sie konnte es nicht zurückhalten. „Ich kann mich nicht entscheiden, ob Sie ein Vollidiot sind oder ein Mensch.“

Der Anflug seines Lächelns wich einem durchdringenden Blick, der Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen ließ.

„Spielt das eine Rolle?“

„Nein“, log sie. „Nicht die geringste.“

3. KAPITEL

Livia huschte auf Zehenspitzen durch den kleinen Eingangsbereich ihres Gästehauses und zog die Haustür gerade so weit auf, dass ein Strahl der Morgensonne hereinfiel. Durch den schmalen Spalt konnte sie erkennen, dass der schwere Nebel verschwunden war, seit sie vor einer Dreiviertelstunde aus einem totenähnlichen Schlaf erwacht war. Den hatte sie wohl dieser herrlichen Bergluft zu verdanken. Es sah aus, als würde es ein wunderbarer Tag werden.

Wuff!

Er war immer noch da!

Mit einem tiefen Seufzer fand sie sich in ihr Schicksal und gab ihr Versteckspiel auf. Sie zog die Tür nun ganz auf und betrat die Veranda. Das Hundemonster hatte es sich auf einem der Sessel bequem gemacht. Hatte er die ganze Nacht hier verbracht, um über sie zu wachen? Es sah ganz so aus. Auf jeden Fall war er schon da gewesen, als der Zimmerservice ihr das Frühstück gebracht hatte. Es war wohl ein Fehler gewesen, ihm das winzige Stück Banane zu geben, das sah sie jetzt ein. Das hatte ihn nur ermutigt. Außerdem hieß es beim Dog Wrangler ja immer, Hunde sollten nichts von dem bekommen, was die Menschen aßen. Nun hatte sie das Monster am Hals.

Geschah ihr nur recht.

Der Hund schien ihre Schwäche zu spüren. Er legte den riesigen Kopf auf die Seite und betrachtete sie mit seinen schokoladenbraunen Augen.

„Hallo, Süßer“, murmelte sie und kraulte ihm die Ohren. Begeistert wedelte er mit dem Schwanz. „Willst du noch mehr Banane? Leider habe ich nichts mehr. Absolut gar nichts.“

Der Hund schien geneigt, ihr zu verzeihen. Seine riesige Zunge fuhr schwungvoll über ihre Hand, bevor er vom Sessel sprang, deutlich bereit, ihr den ganzen Tag treulich auf den Fersen zu folgen.

Okay.

Erster Punkt auf ihrer Tagesordnung: Sie wollte sich über J. R. beschweren.

Das Haupthaus war schon voller Leben. Gäste wuselten um die Räder herum, die auf dem mit Kopfstein gepflasterten Hof aufgereiht waren. Das war wohl der Auftakt der Tagestour, von der sie im Prospekt gelesen hatte. Sie wollte sich für die Tour am nächsten Tag eintragen. Es musste traumhaft sein, an den Weinstöcken und dann am Fluss entlangzufahren. Die Tour endete mit einer Weinprobe. Das wollte sie sich wirklich nicht entgehen lassen.

Als sie um die muntere Gruppe herumging, schienen einige Gäste sie zu erkennen. Sie lächelten ihr zu, wollten aber erfreulicherweise weder ein Autogramm noch ein Foto. Unbehelligt erreichte sie mit ihrem vierbeinigen Schatten die große Lobby des Haupthauses.

Es war ein wunderschöner Raum – riesige Fenster, eine gewölbte Decke, in der Mitte ein großes offenes Feuer gegen die morgendliche Kühle. Ledersofas und Sessel luden zum Verweilen ein. Von der Kaffeebar in der Ecke durchströmte ein herrlicher Duft den ganzen Raum. Ein Duft, der den Wunsch weckte, nie wieder zu gehen. Niemals.

Eine zweite Tasse Kaffee war jetzt genau das Richtige.

Moment mal – war das wieder das kleine Mädchen, das da hinter dem Flügel versteckt zu ihr herübersah? Nur das Gesichtchen war zu sehen, während die großen Augen sie neugierig musterten.

Livia winkte ihr lächelnd zu.

Das Mädchen kicherte, schlug sich eine Hand vor den Mund und verschwand im Schatten.

Livia lachte. Diesmal hatte sie ihrer kleinen Stalkerin immerhin schon ein Kichern entlockt. Das war doch schon ein Fortschritt.

Sie nahm sich einen der blauen Kaffeebecher und machte sich ihren Morgenmix – ein Becher Milch mit gerade genügend Kaffee, um die Milch hellbraun zu färben. Und diesmal mit richtiger Vollmilch.

Livia seufzte genießerisch, als das Getränk ihre Geschmacksnerven umschmeichelte. Der Hund, offenbar ein reiner Opportunist, winselte hoffnungsvoll.

„Nichts für dich!“, beschied sie ihn energisch.

Er winselte noch einmal kläglich und legte dabei den Kopf auf die Seite.

„Okay“, murmelte sie und musterte suchend die Angestellten in den blauen T-Shirts. Es wurde Zeit für ihre Beschwerde. Oh, an der Rezeption stand die Frau, die sie auf dem Foto auf der Website des Weingutes gesehen hatte. „Entschuldigen Sie, sind Sie Mrs. Chambers?“

Die ältere Frau war dabei, etwas in den Computer einzugeben. Nun sah sie lächelnd auf. „Ja, das bin ich. Wenn es Ihnen hier gefällt und Sie den Urlaub Ihres Lebens haben, dürfen Sie sich bei mir bedanken. Falls Sie irgendwelche Probleme mit dem Essen oder dem Service haben, müssen Sie sich an meinen Mann wenden. Er ist grundsätzlich an allem schuld.“

Lachend reichte Livia ihr die Hand. „Ich bin Livia Blake, die Freundin von Rachel Wellesley. Sie haben hier ein fantastisches Haus.“

„Eine Freundin von Ethans Verlobter, dann gehören Sie ja quasi zur Familie. Es freut mich, Sie kennenzulernen.“ Mrs. Chambers hatte schon etwas angegrautes lockiges Haar und Lachfältchen um die Augen. Ihr fester Händedruck und das herzliche Lächeln gaben Livia das Gefühl, wie eine verlorene Nichte oder etwas in der Art empfangen zu werden. „Ihre Fotos werden Ihnen nicht gerecht.“

Livia errötete leicht. „Vielen Dank.“

„Wie ich sehe, haben Sie Willard schon kennengelernt.“

„Willard?“ Als der Hund seinen Namen hörte, sah er erwartungsvoll auf. „So heißt er also. Moment – Willard? So wie der richtige Name von Will Smith, dem Schauspieler?“

„Ich wasche meine Hände in Unschuld.“ Mrs. Chambers lachte leise. „Meine Enkelin hat ihm den Namen gegeben. Ich hoffe, er belästigt Sie nicht? Wir sind noch dabei, ihn zu erziehen. Er ist uns zugelaufen.“

In dem Moment rieb Willard seinen großen Kopf an Livias Bein und hinterließ eine feuchte Spur an ihren Cargopants. Was konnte sie anderes tun, als ihm das Fell zu kraulen?

„Alles in Ordnung“, versicherte sie. „Ich habe mich schon an ihn gewöhnt.“

„Lassen Sie es mich wissen, falls er sich schlecht benimmt.“

„Wo wir gerade beim Thema sind – es gibt da jemand anderen, von dem man das sagen könnte.“

„Oh!“

„J. R. – einer Ihrer Angestellten?“

Mrs. Chambers sah sie verblüfft an. „J. R.?“

Livia hasste es, wie eine Petze dazustehen, aber es musste gesagt werden. „Er war sehr unhöflich, als ich gestern hier eintraf. Ich dachte, das sollten Sie wissen.“

„J. R.?“

„Ja, genau. Er sagte, Sie hätten schon früher Probleme mit ihm gehabt. Deswegen dachte ich … Ich meine, Sie haben hier so ein wunderschönes Anwesen, da werden Sie sicher wollen, dass Ihre Angestellten nett zu den Gästen sind. Vielleicht sprechen Sie einmal mit ihm.“

Plötzlich glomm ein Funke in Mrs. Chambers’ Augen auf, fast so, als wisse sie, dass Mr. Arrogant erstaunliche Gefühle in Livia geweckt hatte. Das passte. So ein Mann – nur Muskeln, Grübchen, Testosteron und schlechte Laune – bedeutete nichts als Ärger für die weiblichen Gäste. Das war Mrs. Chambers sicher bewusst.

„Natürlich. Ich werde mit J. R. sprechen und sehen, was da los war“, versicherte sie Livia. „Machen Sie sich deswegen keine Gedanken mehr.“

„Ich meine, ich will nicht, dass er entlassen wird oder so etwas“, bemerkte Livia rasch.

„Ich verstehe.“ Mrs. Chambers sah sie ernst an, aber irgendwie hatte Livia das Gefühl, dass ihre Miene auch eine Spur Belustigung enthielt. „Überlassen Sie ihn nur mir.“

„Nun ja …“ Livia zögerte. Irgendetwas verstand sie hier nicht so ganz. „Vielen Dank.“

„Machen Sie sich einen schönen Tag.“

„Das werde ich.“ Livia drehte sich um und machte ein paar Schritte, ohne ein bestimmtes Ziel im Sinn zu haben.

Okay. Nun war sie ihre Beschwerde also losgeworden und es war Zeit … Unglaublich! Sie musste überhaupt nichts tun. Absolut gar nichts.

Plötzlich kam sie sich frei vor wie ein Adler in der Luft. Es war ein so überwältigendes Gefühl, dass sie sich erst noch einmal in einen Sessel sinken ließ, um einen zweiten Kaffee zu genießen. Es war völlig ungewohnt, nicht alle drei Minuten auf die Uhr sehen zu müssen, weil sie zum Flughafen musste oder zu einem Shooting. Sie musste nicht ständig auf das Handy achten, um keinen dringenden Anruf ihrer Agentin, ihrer Managerin oder ihrer Assistentin zu verpassen. Endlich einmal konnte sie so faul sein, wie sie wollte.

Die Freude über diesen ungewohnten Zustand ließ sie wohlwollend auf den Hund herabsehen, der sich zu ihren Füßen ausgestreckt hatte. Er schien bereit, geduldig zu warten, bis sie ihren Kaffee getrunken hatte.

„Okay, du Riesenbiest, dann lass uns losgehen.“

Offensichtlich verstand er Englisch. Er riss das Maul auf und gähnte herzhaft, um sich dann in die Höhe zu stemmen und zum Hintereingang zu trotten. Sie folgte ihm. Es war ja einerlei, wo sie ihren Erkundungsgang begann.

Ein herrlicher Tag! Livia ging die Terrasse entlang, auf der unter grünen Schirmen die Tische des Restaurants aufgestellt waren. Das Ganze war eingefasst von Spalieren, an denen sich Glyzinien rankten. Von hier hatte man einen herrlichen Blick über die rollenden Hügel und die Weinstöcke.

Livia stützte ihre Ellenbogen auf die Steinmauer und genoss die frische Luft. Das war etwas ganz anderes als die Abgaswolken, die ständig über L. A. oder New York hingen. In der Ferne sah sie Arbeiter zwischen den Rebstöcken gehen. Wahrscheinlich prüften sie den Reifestand der Reben. Soweit sie wusste, stand die Lese kurz bevor.

Sie zückte ihre Kamera und machte ein paar Aufnahmen. Vielleicht sollte sie ein Reisetagebuch über das Napa Valley führen. Willard posierte bereitwillig für ein paar Fotos, dann schlenderten sie ziellos weiter.

Sollte es hier nicht irgendwo einen beheizten Pool geben? Und ein Spa? Ja, dort drüben. Hinter einem hohen schmiedeeisernen Zaun entdeckte sie einen tiefblauen natürlichen Pool – sogar mit einem Wasserfall. Gäste hatten es sich auf Liegestühlen unter Sonnenschirmen bequem gemacht, unterhielten sich und tranken Wein.

Livia machte noch ein paar Aufnahmen und seufzte. Könnte sie doch für immer in dieser friedlichen Atmosphäre verweilen!

„Keine Lust zu schwimmen?“

So viel zum Thema Entspannung. J. R.s tiefe Stimme dicht an ihrem Ohr hatte sie aufgeschreckt. Ihr Atem ging schneller, aber sie war fest entschlossen, den Kerl zu ignorieren, und konzentrierte sich wieder auf ihre Aufnahmen.

Eigentlich hätte er sehen müssen, dass ihr nichts Gescheites vor die Linse kam außer irgendwelchen Flipflops und leeren Saftgläsern. Aber er verstand den Wink mit dem Zaunpfahl nicht und blieb neben ihr stehen.

„Hallo, J. R.“, sagte sie schließlich, ohne ihn anzusehen. „Verfolgen Sie mich?“

„Offen gestanden hatte ich den Pool im Auge. Ich möchte es nicht verpassen, wenn Sie ins Wasser gehen. Haben Sie einen Bikini mitgebracht?“

Jetzt reichte es aber. Sie nahm die Kamera herunter und sah ihn empört an. Er trug wieder das Blau von Chambers Winery und eine Baseballkappe, aber er war frisch und sauber und verströmte einen Duft von Seife und Männlichkeit. Es war eine tödliche Kombination – seine Arroganz, seine Nähe und das Jungenhafte, das ihm anhing. Er hatte Grübchen, ausgerechnet! Ihr inneres Gleichgewicht geriet gefährlich ins Wanken. Und das machte sie sauer. Richtig sauer.

„Ich habe mich vorhin mit Mrs. Chambers über Sie unterhalten. Sie sollten schon mal Ihren Lebenslauf aktualisieren für die Jobsuche.“

Auch sein Lachen war sexy. „Vielen Dank für die Warnung. Sie sind also auch gern hinter der Kamera, was?“

„Ja. Nicht, dass Sie das etwas anginge.“

„Fotografieren Sie gut?“

„Natürlich.“ Sie hoffte, dass er keinen Blick auf ihre letzten Aufnahmen werfen wollte. „Müssen Sie nicht arbeiten? Sich irgendwo im Dreck wälzen?“

Er schnalzte mit der Zunge. „Wenn Sie nicht nett sind zu mir, Livia, dann kann ich Ihnen Ihr Geschenk nicht geben.“

„Danke, aber ich möchte kein Geschenk von Ihnen. Außer vielleicht das Geschenk eines schnellen Abgangs.“

„Wirklich?“ Sein Blick glitt langsam über sie. „Sind Sie sich da sicher?“

Ihr Mund war plötzlich so ausgedörrt, dass sie nicht sprechen konnte. Schlimm genug. Aber noch schlimmer war das Ziehen in ihrem Bauch und ein merkwürdiges Sehnen in ihrem ganzen Körper.

Der Moment schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie ihre Stimme endlich wiederfand. „Gegen Ihre Kappe von den Black Yankees hätte ich nichts einzuwenden.“

Erstaunt sah er sie an. „Sie kennen die Baseballteams?“

„Ich liebe Baseball. Im Moment lese ich gerade die Biographie von Jackie Robinson.“

„Oh …“

So viel also zu ihrem Ablenkungsmanöver. Das gemeinsame Interesse am Baseball schien sein Interesse an ihr nur noch zu verstärken. Sie spürte förmlich, dass es sich wie ein Kokon um sie legte.

Ihm schien dieser Zustand ebenso wenig zu behagen wie ihr. Die nächsten Worte musste er sich fast mit Gewalt abringen. „Sie sind wirklich immer für eine Überraschung gut.“

Sie schwieg. Zwischen ihnen schwangen so viele Emotionen, dass sie ihrer Stimme nicht traute.

Er erholte sich als Erster wieder und reichte ihr eine Schale, die er hinter dem Rücken gehalten hatte.

Sie war gefüllt mit den schönsten dunkelroten Trauben.

„Oh.“ Auf einmal kam sie sich völlig dekadent vor. Wie eine Kleopatra der Neuzeit, der man die Schätze des Landes kredenzte. „Vielen Dank.“

Sein Lächeln brachte wieder diese Grübchen hervor, aber sein Blick blieb so durchdringend wie zuvor. Wollte er sie verführen? Wusste er, dass sie ihm ein Diamantarmband um die Ohren geschlagen hätte, dass sie aber niemals einem Winzer seine Trauben abschlagen würde?

„Keine Ursache. Es ist Pinot Noir. Trinken Sie Pinot?“

„Ja. Sind sie reif?“

Sie mussten es sein. Sie spürte ihren Duft.

„Sagen Sie es mir.“

Als er eine Traube von der Rebe zupfte, fiel ihr Blick auf seine Hände. Er hatte lange Finger mit kurzen, sauberen Nägeln. Diese Hand hatte am Vortag ihre berührt. Hatte alle möglichen unerwünschten Gefühle geweckt. Die Hand bedeutete Gefahr.

Bestürzt sah sie zu, wie er die Traube zunächst abwischte und dann vorsichtig mit Daumen und Zeigefinger drückte. Wie konnte ein so großer Mann derart sanft sein? Die Traube öffnete sich sternförmig und ein Tropfen dunklen Saftes trat hervor und lief über seine Finger.

Sie sah zu ihm auf. Konnte kaum atmen. „Sie ist reif.“

„Wie schmeckt sie?“

Er hielt ihr die Traube an die Lippen und hielt dann inne. Es war, als hinge sein Leben davon ab, was sie jetzt tat. Sie öffnete die Lippen und nahm die Traube, wobei ihre Zunge seinen Daumen streifte.

Ihm stockte für einen Moment der Atem. „Und?“

Seine Haut war salzig und warm. Absolut köstlich. Aber ihn interessierte wohl eher ihre Meinung zum Geschmack der Traube. Sie drückte sie an ihren Gaumen und verteilte den Saft in ihrer Mundhöhle. „Ich weiß nicht …“

„Was spüren Sie?“, drängte er.

Sie suchte nach Worten. „Erdbeere vielleicht. Oder eher Himbeere? Mit einer zusätzlichen Note. Ein wenig würzig …“

Das gefiel ihm. In seinen Augenwinkeln bildeten sich kleine Fältchen. „Aus Ihnen wird noch eine Weltklasse-Winzerin, Livia“, murmelte er, bevor er ihr die Schale in die Hand drückte und ging.

Sie sah ihm nach. Gerne hätte sie ihn gebeten zu bleiben.

4. KAPITEL

Am nächsten Tag nahm Livia morgens an der Radtour teil und gönnte sich anschließend ein Mittagessen auf der Terrasse. Dann wollte sie ihre Erkundungen vom Vortag fortsetzen. Sie hatte die Kapelle noch nicht gefunden, die hier irgendwo sein musste. Und das war ja der eigentliche Anlass für ihren Besuch. Sie sollte sich die Kapelle ansehen und Rachel sagen, ob sie für ihre Hochzeit geeignet war. Nichts sprach dagegen, sich gleich einmal auf die Suche zu machen.

Bisher hatte sie J. R. noch nicht gesehen und sie war froh darüber.

Wirklich. Richtig froh.

„Komm, Willard.“ Den Blick noch auf ihrer Karte, schnippte sie mit den Fingern nach dem Hund, der sie am Morgen wieder auf ihrer Veranda und nach ihrer Radtour am Haus erwartet hatte.

Keine Reaktion.

„Willard?“ Sie sah sich um.

Nichts.

Hatte der Hund sie endlich aufgegeben? Aus unerklärlichen Gründen empörte sie der Gedanke. Sie ließ den Blick umherschweifen, konnte den Hund aber nirgends entdecken.

Okay, dann eben nicht. Sie konnte ihre Erkundungen auch ohne ihn machen.

Am Ende der Terrasse erlebte sie eine Überraschung. Hier hatte man Stufen in den Felsen geschlagen. Darüber plätscherte Wasser nach unten mit genau dem Geräusch, das man in L. A. für viel Geld als Entspannungs-CDs kaufen konnte. Das Ganze war von einer gepflegten Rasenfläche umgeben, gesäumt von Sträuchern und Blumen. Und am Ende des Rasens sah Livia die größte Hundehütte, die sie je gesehen hatte. Zumindest hielt sie es für eine Hundehütte. Eigentlich war es schon eher ein Haus.

Sie trat näher. Das rote Backsteinhaus hatte ein schwarzes Dach und eine weiße Veranda, die ganz um das Haus herumlief. Über dem Türbogen war ein riesiger Knochen ausgeschnitten. Ja, es sollte eindeutig eine Hundehütte sein.

„Bist du eine Prinzessin?“

Die Stimme eines unbekannten Kindes. War es das kleine Mädchen? Livia sah sich um, konnte das Kind aber nirgends entdecken. Sie kam sich beobachtet vor. „Äh … sprichst du mit mir?“

„Ja.“

„Wo bist du?“

„Hier.“

Die Stimme kam aus der Hundehütte. Livia spähte ins Dunkle und erkannte eine Bewegung und ein Augenpaar, das eindeutig nicht Willard gehörte.

Sie trat näher und hockte sich hin, um einen Blick in das Haus werfen zu können. Drinnen wurde eine Taschenlampe angeschaltet. Das Mädchen hielt sie sich unter das Kinn, damit der gruselige Effekt entstand, der in Horrorfilmen so gern verwendet wurde.

Weiter hinten in der Hütte lag Willard und kaute auf irgendetwas herum. Vor dem Mädchen war eine ganze Sammlung großer und kleiner Plastikdinosaurier ausgebreitet.

„Hi“, sagte Livia.

Das Mädchen betrachtete sie ernst, ohne die Taschenlampe herunterzunehmen. Dann sagte es mit einer tiefen Geisterstimme: „Du darfst die Drachenhöhle betreten, wenn du das geheime Passwort kennst.“

„Ah.“ Livia war sich nicht sicher, ob sie sich zu dem Hund legen wollte, ganz gleich, wie groß diese Hütte sein mochte. „Ich glaube nicht, dass ich das geheime Passwort kenne.“

„Rate doch mal.“

„Hm. Okay. Ist es bitte? Nein, das wäre ja zu einfach. Prinzessin? Pterodaktylus?“

„Nein.“

„Äh … Vielleicht Belle? Aurora? Schneewittchen? Mulan? Pocahontas?

Das Mädchen hatte Erbarmen. Offensichtlich fand sie, dass Livia sich genug Mühe gegeben hatte. „Das Passwort ist Tiana. Du darfst hereinkommen.“

Das hatte Livia befürchtet. „Weißt du was? Ich bleibe einfach hier draußen sitzen und …“

„Tritt ein!“, befahl das Mädchen mit der tiefen Geisterstimme.

Was blieb ihr anderes übrig, als sich auf alle viere zu begeben und in das Hundehaus zu kriechen? Sie konnte nur hoffen, dass keine Paparazzi in den Büschen lauerten. Sie sah die Fotos von ihrem Hintern schon in der Regenbogenpresse. Mit der fetten Unterschrift: Topmodel unterliegt im Kampf gegen die Zellulitis!

Zu ihrer Überraschung erwies das Haus sich im Innern als ziemlich geräumig. Es war schon fast eine Hundevilla. Willard schien sich zu freuen, sie wiederzusehen, und als sie im Schneidersitz Platz nahm, legte er den Kopf auf ihren Schoß.

Sie wandte sich an das Mädchen. „Wie heißt du denn?“

„Du darfst nur sprechen, wenn du das Licht der Erkenntnis hast.“

„Oh. Sorry.“ Livia nahm die Taschenlampe und hielt sie sich unter das Kinn, während sie eine ebenso tiefe Stimme anschlug wie das Kind. „Wie ist Euer Name, holde Jungfrau?“

Das Mädchen kicherte und ließ dabei einen halben neuen Zahn sehen, eine Zahnlücke und eine Reihe blitzender kleiner Milchzähne. Sie antwortete erst, als sie die Taschenlampe wieder in Händen hielt.

„Mein Name ist Kendra Chambers.“ Aha. Dann war sie wohl die Enkelin von Mrs. Chambers. Das Kind, dem Willard seinen Namen zu verdanken hatte. „Wie ist Euer Name? Und bist du …?“

„Seid Ihr“, verbesserte Livia sie.

„Seid Ihr eine Prinzessin?“

Erneut wurde die Taschenlampe getauscht. „Mein Name ist Livia Blake. Ich bin keine Prinzessin, edle Jungfrau, Gott sei’s geklagt. Meine Eltern waren weder König noch Königin.“

„Gott sei’s geklagt“, stimmte Kendra feierlich zu.

Sie starrten sich einen Moment lang schweigend an, bevor sie beide laut loslachten. Die Kleine war einfach süß mit den Grübchen, den dunklen Augen und den Zöpfen, die ihr bis auf die Schultern fielen.

„Was machst du denn hier drinnen?“ Livia war zu ihrer normalen Stimme zurückgekehrt und sprach nun auch, ohne im Besitz der Taschenlampe zu sein. „Weißt du nicht, dass das ein Hundehaus ist?“

„Willard hat nichts dagegen, es mit mir zu teilen.“

„Nein? Und wer passt auf dich auf, falls Willard beschließt, dich zu Mittag zu verspeisen? Wo ist deine Mommy?“

Oh! Das war eindeutig die falsche Frage gewesen. Das Lächeln verschwand. Plötzlich wirkte das kleine Mädchen traurig und verloren. „Mommy ist vor drei Jahren gestorben.“

„Oh, nein.“

„Als ich drei war.“

„Das tut mir so leid.“ Livia hielt Ablenkung für das Gebot der Stunde. „Wenn das vor drei Jahren war, wie alt bist du dann jetzt – sechzehn?“

„Nein!“

„Siebzehn?“

„Ich bin sechs. Sechs und drei Viertel.“

„Wow! Ich habe dich wirklich für einen Teenager gehalten.“ Lächelnd deutete Livia auf die Dinosauriersammlung. „Was ist das denn?“

Kendras kleines Gesicht leuchtete wieder auf und sie griff nach dem prähistorischen Wesen, das der Liebling aller Kinder war: einem T-Rex. „Das ist ein Tyrannosaurus rex. Rex heißt König, weil er der König der Dinosaurier war und meist alle anderen gefressen hat. Das hier ist ein Brachiosaurus. Er war richtig groß. Siehst du, wie lang sein Hals war? Aber er hat nur Pflanzen und so Zeug gefressen. Und dieser hier …“

Es folgte eine lange Aufzählung, aber Livia war zu vertieft in den Anblick des Kindes, um wirklich zuzuhören. Was für ein kleiner Engel, so klug und so stark, so witzig und aufgeweckt. Ein lange verborgener Mutterinstinkt drängte an die Oberfläche und bewegte Livia, ihre Finger leicht über Kendras Wange gleiten zu lassen. Was für ein wunderbares Kind.

„Welcher gefällt dir am besten?“, wollte Kendra wissen.

„Ich weiß nicht.“ Livia versuchte, zurück ins Spiel zu finden. Sie sah sich nach ihrem Lieblingsdino um. „Hast du einen von denen … mir fällt der Name nicht ein, aber sie haben so lange Krallen und jagen immer im Rudel.“

„Velociraptor?“

„Ja, genau.“

„Hier!“ Kendra strahlte vor Stolz und reichte Livia das kleine Modell. „Wusstest du, dass sie mit den Vögeln verwandt sind?“

„Nein, ich hatte keine Ahnung.“

„Es kann sein, dass sie sogar Federn gehabt haben.“

„Was du nicht sagst!“

Kendra nickte eifrig, während sie nach draußen krabbelte. Dann hielt sie Livia ihre kleine Hand hin, um ihr herauszuhelfen. „Ich zeige es dir! Es steht in dem Buch, das ich in meinem Zimmer habe. Da sind auch Zeichnungen, die du dir ansehen kannst.“

Gott sei Dank! Noch eine Minute im Schneidersitz und sie hätte sich nie wieder aufrichten können. Sie streckte die langen Glieder und hatte sich gerade zur Hälfte aus der Hundehütte herausgeschoben, als sie wieder die bekannte Männerstimme hörte.

„Was haben Sie mit meiner Tochter gemacht?“

Hunter starrte auf das Bild vor seinen Augen und wusste nicht, ob er träumte oder wach war. War er zu lange in der Sonne gewesen? Hatte er den Verstand verloren?

Soeben kam Livia Blake aus der Hundehütte gekrochen. Livia – die Frau, die zu einer Art Besessenheit für ihn geworden war. Daher hatte er sich gestern und heute bemüht, ihr aus dem Weg zu gehen. Livia, das Topmodel, das laut Forbes im Jahr vierzig Millionen machte. Eine intelligente und atemberaubende Schönheit, die so fantastisch und unwirklich war wie ein Einhorn am Ende des Regenbogens.

Livia. In der Hundehütte. Mit seiner Tochter und dem Hund.

Und das Merkwürdige war: Kendra sprach mit ihr. Kendra war vom Tod ihrer Mutter vor drei Jahren derart traumatisiert gewesen, dass sie zeitweise ihre Sprache verloren hatte. Inzwischen redete sie zwar wieder, aber nie mit Fremden.

Livia Blake hatte etwas bei seiner Tochter erreicht, was an ein Wunder grenzte.

„Was haben Sie mit meiner Tochter gemacht?“

Livia hatte ihre Kleidung in Ordnung gebracht. Jetzt kniff sie die Augen zusammen und maß Hunter mit einem mörderischen Blick. „Ich habe überhaupt nichts gemacht – genauso wenig wie vor ein paar Tagen mit Ihrem Hund. Wieso beschuldigen Sie mich immer, irgendetwas Falsches zu tun? Wir haben zusammen gespielt und uns dabei unterhalten. Sie hat mir ihre Dinosaurier gezeigt. Es ist absolut nichts passiert.“

Brillant, Chambers. Es ist dir wieder einmal gelungen, sie auf hundertachtzig zu bringen. Super! Verkauf diesen Charme doch in Flaschen – könnte ein Millionengeschäft werden. Eau de Vollidiot.

„Ich meinte nicht …“

„Sparen Sie sich Ihre Worte.“ Obwohl sie erkennbar wütend war, wandte sie sich lächelnd an Kendra. „Danke, dass du mich in die Drachenhöhle gelassen hast, Süße. Wir sehen uns dann später.“

„Nein!“ Kendra packte Livias Hand und sah ihren Vater dann mit der gesunden Empörung einer Sechsjährigen an. „Livia wird …“

„Miss Livia“, korrigierte er das Mädchen.

Kendra hüpfte von einem Bein auf das andere und verlegte sich jetzt aufs Bitten. „Miss Livia will sich mein Dinosaurierbuch ansehen, weil sie nicht glaubt, dass Dinosaurier mit Vögeln verwandt sind. Okay? Bitte! Bitte, bitte, bitte, Daddy!“

„Das ist schon okay“, sagte Livia zu ihr. „Wir machen es ein andermal …“

„Die Familie würde sich freuen, wenn Sie heute Abend zum Essen kämen.“

Für einen Moment vergaß Livia vor Erstaunen, den Mund zu schließen. Mit so etwas hatte sie am allerwenigsten gerechnet. Zu flirten war das eine. Das musste zu nichts führen, auch wenn sie sich beide zueinander hingezogen fühlten. Aber wenn sie Zeit miteinander verbrachten, was dann? Würde das nicht unweigerlich dazu führen, dass sie miteinander schliefen? Und der Himmel mochte wissen, was sich daraus dann ergab.

Es war eine schlechte Idee, das war auch Hunter klar. Sie kamen aus unterschiedlichen Welten. Es war fast so, als hätte ein Zebra ein U-Boot in die Karibik genommen und etwas mit einem Delphin angefangen. Aber was sollte er machen? Sein Interesse an dieser Frau leugnen, die gut mit Kindern und Hunden umgehen konnte, die Baseball liebte, eine Nase für Wein hatte und dabei unglaublich sexy war?

Nein.

Er würde es ewig bedauern, wenn er nicht zumindest versucht hätte, sie näher kennenzulernen.

Livia hatte sich immer noch nicht von ihrer Überraschung erholt. So nutzte er die Gunst des Augenblicks, Kendra ins Haus zu schicken. Er hatte keine Ahnung, was jetzt kommen würde, aber er wusste, dass es besser war, dabei mit Livia allein zu sein. „Geh schon rein, Dino-Mädchen. Grandma sucht dich.“

„Aber Miss Livia …“

„Ich finde heraus, ob sie Lust hat, mit uns zu essen. Du siehst sie dann später.“

Kendra fuhr zu Livia herum und drehte ihren ganzen Charme auf – schließlich war sie nicht auf den Kopf gefallen. „Kommst du zu uns zum Essen? Bitte!“

Es hatte seine Vorzüge, die süßeste Tochter der Welt zu haben – niemand konnte ihr etwas abschlagen. Das machte ihm gelegentlich das Leben schwer, aber im Moment fand er seine Tochter einfach nur göttlich. Zur Belohnung würde er ihr einen neuen Dino kaufen.

Livias Blick wanderte unsicher zwischen Vater und Tochter hin und her. Dann gab sie nach. „Ich komme gern zu euch zum Essen. Wir sehen uns dann später, okay?“

„Jippie!“ Kendra hüpfte den Weg hinunter zum Haus. „Bis nachher!“

„Bis nachher!“, rief sie ihr nach.

Zurück blieb ein spannungsgeladenes Schweigen.

Livia fand die Sprache als Erste wieder. „Sie sind Hunter Chambers!“ Vorwurfsvoll sah sie ihn an.

„Stimmt.“

„Wie wird aus Hunter J. R.? Ein Tippfehler auf der Geburtsurkunde?“

„Es steht für Junior. Mein Dad ist der Senior.“

„Ihrer Familie gehört das Gut.“

„Richtig.“

„Sie sind also kein Angestellter, den ich in Schwierigkeiten bringen konnte, als ich mich beschwert habe?“

„Nein.“

Ihre Lippen, die wie geschaffen waren zum Küssen, verzogen sich zu einem kleinen Schmollmund. „Sie haben sich auf meine Kosten amüsiert.“

„Habe ich.“ Dem wütenden Blitzen ihrer Augen nach zu urteilen, wäre es ihr durchaus zuzutrauen, ihm eine Ohrfeige zu verpassen. Es schien klüger, sein Lachen zu unterdrücken.

„Habe ich Sie in irgendeiner Weise gekränkt?“ Ihr Ton war scharf.

„Nein.“

„Sie hatten von Anfang an etwas gegen mich. Zuerst werfen Sie mir vor, ich hätte Ihrem Hund etwas angetan, dann beschuldigen Sie mich …“

Es kam noch eine ganze Menge in dieser Richtung, aber er hörte nicht mehr zu.

Sie fühlten sich zueinander hingezogen, er und Livia Blake. Sobald sie zusammen waren, flogen zwischen ihnen die Funken. Vielleicht wünschte sie, es wäre anders, aber er sah es in ihren leuchtenden Augen und den brennenden Wangen. Und er hatte es definitiv gespürt, als sie den Saft der Traube von seinem Daumen geleckt hatte.

„… und wir haben einfach nur da gesessen! Haben uns bei hellem Tageslicht Dinosaurier angesehen! Ist das jetzt schon ein Verbrechen? Was …“

Es war lange her, seit er das letzte Mal einen One-Night-Stand gehabt hatte, und noch länger, dass er von einer Frau derart fasziniert gewesen war.

„Es ist mir ganz einerlei, was Sie in der Regenbogenpresse über mich gelesen haben. Und ich will überhaupt nicht wissen …“

Sie war nichts für ihn. So eine Frau brauchte nur mit den Fingern zu schnippen und schon konnte sie jeden Mann haben, den sie wollte, sei es ein Adeliger oder ein Milliardär, ein Sportler oder ein US-Senator. Er machte sich etwas vor, wenn er sich als etwas anderes als einen Farmer sah. Er baute Wein an, hatte eines der besten Labels in Napa, aber dennoch war er nur ein Farmer. Morgen konnte irgendein Käfer die Wurzeln seiner Weinstöcke vernichten und er stand vor dem Nichts.

„Was ist mit der Regel: im Zweifel für den Angeklagten? Gilt das hier nicht? Habe ich Hörner auf dem Kopf? Ist es das?“

Und dennoch. Er mochte weder reich noch berühmt sein, aber er war kein schlechter Mann. Und sie war letztlich auch nur eine Frau. Er würde sie wirklich sehr gern besser kennenlernen. Die Entscheidung fiel. Er schaltete sich wieder in ihren Strom der Vorwürfe ein.

„Glauben Sie nicht, dass Sie mir eine Erklärung schulden?“

Er würde wetten, dass sie gleich wieder die Arme in die Hüften stemmte und – genau. So war es.

„Hallo! Ich rede mit Ihnen!“

„Tu mir einen Gefallen, Livia, und halt für einen Moment den Mund. Ich möchte dich küssen, okay?“

Als sie verblüfft die Lippen öffnete, ergriff er die Gelegenheit. Er nahm ihr Gesicht zwischen beide Hände und beugte sich zu ihr.

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